Der 17. Kongress der IKS: Eine internationale Verstärkung des proletarischen Lagers

Ende Mai hat
die IKS ihren 17. Internationalen Kongress abgehalten. Da die revolutionären
Organisationen nicht um ihrer selbst willen existieren, sondern ein Ausdruck des Proletariats sind
und gleichzeitig als aktive Faktoren im Leben der Arbeiterklasse wirken, ist es
ihre Aufgabe, an die gesamte Klasse über die Arbeit dieses besonderen
Augenblickes zu berichten, den solch ein Kongress darstellt. Diesem Ziel dient
dieser Artikel, welcher die Resolution über die internationale Situation
ergänzt, welche auf dem Kongress angenommen wurde und in dieser Nummer der
Internationalen Revue ebenfalls veröffentlicht ist.

Alle Kongresse
der IKS sind natürlich wichtige Momente im Leben unserer Organisation. Dennoch
muss gesagt werden, dass dieser Kongress noch bedeutender war als die
vorhergegangenen, da er einen bedeutenden Schritt in der mehr als 30jährigen
Geschichte der IKS darstellt.[1]

Die
Anwesenheit anderer Gruppen des proletarischen Milieus

Dies wird hauptsächlich anhand der Präsenz
von Delegationen dreier Gruppen des internationalen proletarischen Lagers auf unserem Kongress deutlich: OPOP[2] aus
Brasilien, SPA[3]
aus Südkorea, EKS[4]
aus der Türkei. Eine andere Gruppe, Internasyonalismo von den Philippinen, war
ebenfalls zu unserem Kongress eingeladen worden. Aber trotz ihrer
Entschlossenheit, eine Delegation zu unserem Kongress zu entsenden, war es
ihnen nicht möglich gewesen zu kommen. Doch hat diese Gruppe dem Kongress eine
Grußbotschaft und Stellungnahmen zu den Hauptberichten übermittelt, die wir der
Gruppe geschickt hatten.

Die Beteiligung
mehrerer Gruppen an einem Kongress der IKS ist nichts Neues. Bereits in der
Vergangenheit, in ihrer Gründungsphase, hatte die IKS Delegationen anderer
Gruppen an unseren Kongressen willkommen geheißen. So beteiligten sich an
unserem Gründungskongress im Januar 1975 die Revolutionary Workers Group aus
den USA, Pour une Intervention Communiste aus Frankreich und Revolutionary
Perspectives aus Großbritannien. Auch auf unserem 2. Kongress (1977) war eine
Delegation des Partito Comunista Internazionalista (Battaglia Comunista) anwesend. Zu unserem
3. Kongress (1979) kamen Delegationen der Communist Workers Organisation
(Großbritannien), des Nucleo Comunista Internazionalista und von Il Leninista (Italien) sowie ein
einzelner Genosse aus Skandinavien. Später konnten wir aber diese Praxis leider
aus von uns unabhängigen Gründen nicht fortsetzen: Einige Gruppen verschwanden,
andere Gruppen entwickelten sich hin zu linksextremen Positionen (wie der NCI)
oder schlugen einen sektiererischen Kurs ein (CWO und Battaglia Comunista).
Letztere waren für die Sabotage der Internationalen Konferenzen der Gruppen der
Kommunistischen Linken verantwortlich, die Ende der 1970er Jahre stattgefunden
hatten[5].
So war mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, ehe die IKS wieder andere
Gruppen auf ihrem Kongress begrüßen konnte. Als solches war also schon die
Beteiligung von vier Gruppen[6]
auf unserem 17. Kongress ein wichtiges Ereignis.

Die
Bedeutung des 17. Kongresses

Die Bedeutung dieses Kongresses geht weit
über die Tatsache hinaus, dass wir in der Lage waren, diese Praxis wieder
aufzunehmen, die ein Kennzeichen der IKS seit ihren Anfängen darstellte. Noch
bedeutsamer ist die Existenz und Haltung dieser Gruppen. Sie sind Teil einer
historischen Entwicklung, die wir schon auf unserem letzten Kongress
folgendermaßen umrissen hatten: „Das Hauptanliegen des Kongresses war sowohl die Wiederbelebung des
Kampfes der Arbeiterklasse als auch die damit einhergehende Verantwortung
unserer Organisation, besonders hinsichtlich der Entwicklung einer neuen
Generation von suchenden Menschen, die sich in Richtung einer revolutionären
politischen Perspektive bewegen."
(http://en.internationalism.org/ir/122_16congres).

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und
der stalinistischen Regimes 1989 hat die „ohrenbetäubende Kampagne der
Bourgeoisie über das
Scheitern des Kommunismus, den endgültigen Sieg des liberalen und demokratischen
Kapitalismus‘, das
Ende des Klassenkampfes, ja das Ende der Arbeiterklasse
selbst (...) dem Proletariat auf der Ebene des Bewusstseins und der
Kampfbereitschaft einen herben Rückschlag versetzt. Dieser Rückschlag war
tiefgreifend und dauerte über zehn Jahre. Er hat eine ganze Generation von
Arbeitern geprägt und Ratlosigkeit, ja selbst Demoralisierung ausgelöst (...)
Erst im Laufe des Jahres 2003 begann sich das Proletariat vor allem durch die
großen Mobilisierungen in Frankreich und Österreich gegen die Angriffe auf die
Altersrenten wieder von den Rückschlägen nach 1989 zu erholen. Seither hat sich
die Tendenz zur Wiederaufnahme von Klassenkämpfen und zur Entwicklung des
Bewusstseins bestätigt. Arbeiterkämpfe haben in den zentralen Ländern
stattgefunden, und zwar auch in den wichtigsten wie den USA (Boeing und
öffentlicher Verkehr in New York 2005), Deutschland (Daimler und Opel 2004,
Klinikärzte im Frühjahr 2006, Deutsche Telekom im Frühjahr 2007),
Großbritannien (Londoner Flughafen im August 2005, öffentlicher Dienst im
Frühjahr 2006), Frankreich (Studenten und Schüler gegen den CPE im Frühjahr
2006), aber auch in einer ganzen Reihe von peripheren Ländern wie Dubai
(Bauarbeiter im Frühjahr 2006), Bangladesh (Textilarbeiter im Frühjahr 2006),
Ägypten (Textil- und Transportarbeiter im Frühjahr 2007)."
(„Resolution über die internationale Lage",
vom 17. Kongress angenommen)

„Heute geht wie 1968 (anlässlich des
historischen Wiederaufflammens der Arbeiterkämpfe, die der vier Jahrzehnte
währenden Konterrevolution ein Ende bereitet haben) der Anstieg der
Klassenkämpfe mit einem vertieften Nachdenken einher, bei dem das Auftauchen neuer
Leute, die sich den Positionen der Kommunistischen Linken zuwenden, nur die
Spitze des Eisbergs darstellt." (ebenda)

Deshalb war die Präsenz
mehrerer Gruppen des proletarischen Milieus auf unserem Kongress und ihre sehr
offene Haltung in den Diskussionen (die sich deutlich abhebt von der
sektiererischen Haltung der „alten" Gruppen der Kommunistischen Linken)
keineswegs ein Zufall: Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der neuen
Entwicklungsetappe im Kampf der Weltarbeiterklasse gegen den Kapitalismus.

Während
der Diskussionen auf dem Kongress wurde diese Tendenz nicht zuletzt durch
Schilderungen aus verschiedenen Ländern immer wieder unterstrichen
- von
Belgien bis Indien, von den Ländern des Zentrums bis zu den Ländern der
Peripherie. Dies wird sowohl in den wieder erstarkenden Arbeiterkämpfen als
auch im Denkprozess unter den Suchenden einer politischen Debatte verdeutlicht,
die sich auf die Positionen der Kommunistischen Linken zu bewegen - eine
Tendenz, die sich einerseits in der Integration neuer Genossen in unsere
Organisation (einschließlich in Ländern, wo bis dato lange keine neuen
Integrationen stattgefunden hatten), andererseits in der Bildung eines Kerns
der IKS in Brasilien zeigt. Dies ist für uns ein wichtiges Ereignis, da es die
Präsenz unserer Organisation im größten Land Südamerikas, mit den gewaltigsten
Industriekonzentrationen dieses Teils der Erde und auch weltweit,
konkretisiert. Die Entstehung des Kerns in Brasilien ist das Resultat einer
engagierten punktuellen Arbeit der IKS in den letzten 15 Jahren, welche sich in
letzter Zeit intensivierte. Es entstanden Kontakte mit verschiedenen Gruppen
und Einzelpersonen, vor allem OPOP, von der eine Delegation an unserem 17.
Kongress teilnahm, aber auch mit einer Gruppe aus Sao Paulo, welche sich unter
dem Einfluss linkskommunistischer Positionen gegründet hatte und mit der wir
regelmäßige politische Kontakte aufgenommen haben, so zum Beispiel eine
gemeinsam abgehaltene öffentlichen Diskussionsveranstaltung. Die Zusammenarbeit
mit diesen Gruppen steht in keinem Widerspruch zu unserem Willen die
spezifische organisatorische Präsenz der IKS in Brasilien zu verstärken. Ganz
im Gegenteil wird unsere dauernde Präsenz in diesem Land auch die
Zusammenarbeit unserer Organisationen verstärken, vor allem auch deshalb, weil
zwischen unserem Kern und der OPOP schon eine lange gemeinsame Geschichte
besteht, die von Vertrauen und Respekt geprägt ist.

Die Diskussionen auf dem Kongress

In
Anbetracht der besonderen Bedingungen, unter denen der Kongress tagte, stand
die Behandlung der Arbeiterkämpfe als erster Punkt auf der Tagesordnung. An
zweiter Stelle untersuchten wir die nun auftauchenden neuen revolutionären
Kräfte. Wir können in diesem kurzen Artikel nicht im Detail auf die
stattgefundenen Diskussionen eingehen: Die ebenfalls in dieser Internationalen
Revue veröffentliche Resolution zur internationalen Situation liefert eine
Synthese ihrer Hauptelemente. Was wir hier allerdings betonen wollen, sind die
neuen und spezifischen Merkmale der gegenwärtigen Entwicklung im Klassenkampf.
Es wurde insbesondere auf Faktoren hingewiesen, die alle dazu führen werden,
die Arbeiterkämpfe zu politisieren: Erstens das Ausmaß der kapitalistischen Krise,
zweitens die Massivität der Angriffe gegen die Arbeiterklasse, drittens die
dramatische Zuspitzung der militärischen Barbarei und viertens die wachsende
Bedrohung durch die Umweltkatastrophe. Die Lage unterscheidet sich insofern ein
wenig von der Situation nach dem historischen Wiedererstarken des
Arbeiterkampfes nach 1968, als der Spielraum, über den der Kapitalismus damals
noch verfügte, es diesem ermöglicht hatte, die Illusion aufrechtzuerhalten,
dass „die Zukunft etwas Besseres bringen" werde. Heute sind solche Illusionen
nicht mehr möglich: Die neuen Arbeitergenerationen, aber auch die älteren,
werden sich immer bewusster, dass die Lage in der Zukunft sich nur noch
verschlechtern wird. Auch wenn diese Perspektive zunächst demoralisierend und
demobilisierend wirken kann, werden die immer heftiger werdenden Angriffe die
Arbeiter dazu veranlassen, sich bewusst zu werden, dass die heutigen Kämpfe
eine Vorbereitung sind für die viel größeren Klassenkämpfe gegen ein
todgeweihtes System.
Bereits jetzt machen sich die Kämpfe, die wir seit 2003
erlebt haben: „...immer mehr die Frage der Solidarität zu eigen.
Dies ist eine Frage von höchster Wichtigkeit, da die Solidarität das wirksamste
Heilmittel
gegen das für den gesellschaftlichen Zerfall typische
Jeder-für-sich
darstellt und vor allem weil sie den Kern der Fähigkeit des Weltproletariats
ausmacht, nicht nur die gegenwärtigen Kämpfe zu entwickeln, sondern auch den
Kapitalismus zu überwinden."
(ebenda)

Obgleich der Kongress
sich hauptsächlich mit dem Klassenkampf befasst hat, wurden auch andere Aspekte
der internationalen Situation behandelt. So ist der Kongress näher auf die
Entwicklung der Wirtschaftskrise eingegangen, insbesondere auf das gegenwärtige
Wachstum von „Schwellenländern" wie Indien oder China, deren Entwicklung im
scheinbaren Widerspruch zu den Analysen über den endgültigen Bankrott der
kapitalistischen Produktionsweise steht, wie sie von unserer Organisation und
den Marxisten allgemein vertreten wird. Auf der Grundlage eines sehr
detaillierten Berichtes und einer vertieften Diskussion kam der Kongress zu der
Schlussfolgerung, dass die „außergewöhnlichen Wachstumsraten, die gegenwärtig
Länder wie Indien und insbesondere China kennen, (...) in keinster Weise einen
Beweis für einen
frischen Wind‘ in der
Weltwirtschaft darstellen. Selbst wenn sie zu einem beträchtlichen Teil zum
erhöhten Wachstum derselben im Laufe der letzten Zeit beigetragen haben.
Paradoxerweise ist die Ursache für dieses außergewöhnliche Wachstum einmal mehr
die Krise des Kapitalismus (...) Somit sind das
chinesische Wunderund das einiger anderer Länder der Dritten Welt alles andere
als ein
frischer Wind der kapitalistischen Wirtschaft,
sondern eine weitere Manifestation des niedergehenden Kapitalismus (...) So wie
das
Wunder der zweistelligen Wachstumsraten
der asiatischen
Tiger und Drachen 1997 ein schmerzhaftes
Ende fand, wird das heutige
chinesische Wunder, auch wenn es andere Ursachen hat
und über wesentlich gewichtigere Trümpfe verfügt, früher oder später mit der
harschen Realität der historischen Sackgasse der kapitalistischen
Produktionsweise konfrontiert werden."
(ebenda)

Es muss betont werden,
dass der Kongress bezüglich der ökonomischen Krise die Diskussionen
widerspiegelte, welche wir momentan in unserer Organisation führen: Wie
analysiert man die Mechanismen, welche es dem Kapitalismus erlaubten, nach dem
Zweiten Weltkrieg spektakuläre Wachstumsraten zu erzielen? Die verschiedenen
Analysen, die gegenwärtig in der IKS vertreten werden (welche aber alle gemeinsam
die vom IBRP und „bordigistsichen" Gruppen vertretene Idee verwerfen, dass der
Krieg eine „momentane Lösung" der kapitalistischen Widersprüche darstelle),
richten sich darauf aus, die aktuelle Dynamik der Wirtschaft verschiedener „neu
aufgetauchter" Länder wie allen voran China zu verstehen. Weil sich der
Kongress spezifisch dieses Phänomens angenommen hat, konnten sich auch die in
unserer Organisation darüber existierenden Divergenzen am Kongress ausdrücken.
Wie wir das immer in der Vergangenheit getan haben, werden wir in der
Internationalen Revue Dokumente veröffentlichen, welche diese Debatte
zusammenfassen, sobald sie einen gewissen Reifegrad erreicht hat.

Schließlich waren an
unserem Kongress die Folgen der Sackgasse der kapitalistischen Gesellschaft für
die Bourgeoisie und der daraus resultierende Sturz in den Zerfall Gegenstand
zweier Diskussionen: Eine befasste sich mit den Konsequenzen dieser Lage in den
jeweiligen Ländern, die andere mit der Entwicklung der imperialistischen
Gegensätze zwischen den Staaten. Diese zwei Aspekte sind miteinender verknüpft,
vor allem weil die Streitigkeiten innerhalb der nationalen Bourgeoisien auch
unterschiedliche Haltungen gegenüber den imperialistischen Konflikten
hervorbringen können (über die Allianzen zwischen den Staaten, die Modalitäten
beim Einsatz der militärischen Mittel, usw.). Zum ersten Punkt hat der Kongress
hervorgehoben, dass alle Debatten über „weniger Staat" nichts anderes sind als
Maskeraden der permanenten Verstärkung des Staates in der Gesellschaft, in dem
Sinne als dieses Organ die einzige Garantie dafür ist, dass die Gesellschaft
nicht dem „Jeder-für-sich" unterworfen wird, welches die Zerfallsphase des
Kapitalismus charakterisiert. Es wurde vor allem die stattfindende Verstärkung
der polizeilichen Funktion des Staates unterstrichen, so auch in den
„demokratischen" Ländern wie Großbritannien und den USA. Die Verstärkung des
Polizeiapparates findet offiziell unter dem Banner der Bedrohung durch den
Terrorismus statt (ein Phänomen das auch mit dem Zerfall in Verbindung steht,
welches aber den stärksten Bourgeoisien selbst nicht fremd ist) und erlaubt der
herrschenden Klasse, sich auf die zukünftigen Konfrontationen mit der
Arbeiterklasse vorzubereiten. Zum Punkt der imperialistischen Konflikte verwies
der Kongress auf das Scheitern der Politik der stärksten Bourgeoisie der Welt,
nämlich der amerikanischen, vor allem bei ihrem Abenteuer im Irak. Diese
Tatsache offenbart die allgemeine Sackgasse des Kapitalismus: „Tatsächlich aber
war der Regierungsantritt der Bande um Cheney, Rumsfeld und Konsorten nicht einfach eine gigantische
Fehlkalkulation‘ der US-Bourgeoisie.
Einerseits hat dies erheblich zur Verschlechterung der Situation der USA auf
imperialistischer Ebene beigetragen. Andererseits ist die Einsetzung dieser
Regierungsmannschaft an sich schon ein Ausdruck der wachsenden Schwierigkeiten
der USA, ihre Führungsrolle durchzusetzen. Darüber hinaus ist dies ein Ausdruck
des
Jeder-für-sich in den internationalen Beziehungen,
wodurch sich die Zerfallsphase auszeichnet."
(ebenda)

Ganz allgemein hat der
Kongress unterstrichen, dass das „militärische Chaos, das sich über die Erde
ausbreitet und ganze Gebiete in ein höllisches Inferno stürzt - vor allem im
Nahen und Mittleren Osten und in Afrika
- (...) weder der einzige Ausdruck der historischen Sackgasse
des Kapitalismus noch die größte Bedrohung für die Gattung Mensch (ist). Heute
wird immer deutlicher, dass die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems
durch die bisherige Funktionsweise auch die Zerstörung der Umwelt, die den
Aufstieg der Menschheit erst ermöglichte, mit sich bringt".
(ebenda)

Aus diesem Teil der
Diskussionen wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass die
„von Engels Ende des 19.
Jahrhunderts formulierte Alternative ‚Sozialismus oder Barbarei‘ im Laufe des
20. Jahrhunderts zu einer schrecklichen Realität geworden ist. Was uns das 21.
Jahrhundert in Aussicht stellt, ist wahrhaft
Sozialismus oder Zerstörung der Menschheit. Und das ist die Herausforderung,
vor der die einzige Klasse in der Gesellschaft steht, die den Kapitalismus
überwinden kann - die Arbeiterklasse."
(ebenda)

Die Verantwortung der Revolutionäre

Diese Perspektive
verdeutlicht umso mehr die entscheidende Bedeutung der gegenwärtigen Kämpfe,
die die Arbeiterklasse überall auf der Welt austrägt. Sie unterstreicht ebenso
die grundlegende Rolle der revolutionären Organisationen, insbesondere der IKS,
bei der Intervention in den Kämpfen, damit sich ein Bewusstsein darüber
entwickelt, was heute weltweit auf dem Spiel steht.

In dieser Hinsicht zog
der Kongress eine sehr positive Bilanz unserer Intervention in den
Klassenkämpfen und gegenüber den entscheidenden Fragen, vor denen die Bewegung
steht. Besonders begrüßt wurde die Fähigkeit der IKS, sich international zu
mobilisieren (Artikel in unserer Presse, auf unserer Webseite, öffentliche
Diskussionsveranstaltungen usw.), damit die Lehren aus einer der Hauptepisoden
des Klassenkampfes gezogen werden
- dem Kampf der studentischen Jugend gegen den CPE im Frühjahr
2006 in Frankreich. Wir haben dabei festgestellt, dass es damals einen
spektakulären Anstieg der Zugriffe auf unsere Internetseite gab, was belegt,
dass die Revolutionäre nicht nur die Verantwortung, sondern auch die
Möglichkeit haben, dem Blackout entgegenzutreten, das die bürgerlichen Medien
systematisch gegenüber den Arbeiterkämpfen praktizieren.

Der Kongress hat ebenfalls eine sehr
positive Bilanz über unsere Arbeit gegenüber Gruppen und Einzelpersonen
gezogen, welche sich für die Verteidigung oder Annäherung an
linkskommunistische Positionen einsetzen. In letzter Zeit, wie schon zu Beginn
dieses Artikels erwähnt, sind bemerkenswert viele neue Genossen in die IKS
eingetreten, ein Resultat von all den Diskussionen, die wir mit ihnen geführt
hatten (es war aber schon immer die Praxis unserer Organisation, nicht
„Rekrutierungen zu jedem Preis" zu machen, wie dies bei linken Gruppen der Fall
ist). Die IKS hat sich auch aktiv an verschiedenen Internet-Foren beteiligt, in
denen Klassenpositionen vertreten werden können, vor allem in englischer
Sprache, der wichtigsten auf Weltebene. Dies hat zahlreichen Leuten ermöglicht,
unsere Positionen und Diskussionsmethoden besser kennen zu lernen und damit ein
gewisses Misstrauen zu überwinden, welches von kleinsten parasitären Kapellen
geschürt wird, deren Ziel nicht die Förderung des Klassenbewusstseins in der
Arbeiterklasse ist, sondern die Aussaat von Misstrauen gegenüber Organisation,
welche genau diese wichtige Aufgabe übernehmen. Aber der positivste Aspekt
dieser Arbeit ist zweifellos die Verstärkung des Kontaktes zu anderen
Organisationen, welche revolutionäre Positionen vertreten, und dies wurde durch
die Präsenz von vier Gruppen auf unserem 17. Kongress konkretisiert. Dahinter
stand eine große Anstrengung der IKS, vor allem durch die Entsendung von
zahlreichen Delegationen in verschiedene Länder (unter anderen nach Brasilien,
Südkorea, Türkei und den Philippinen).

Die zunehmende Verantwortung, die auf der
IKS lastet, sei es in der Intervention in den Klassenkämpfen, sei es in den
Diskussionen mit Gruppen und Einzelpersonen, welche sich auf einem
Klassenterrain befinden, erfordert auch eine Verstärkung unseres
Organisationsgewebes. Dies war zu Beginn des Jahres 2000 durch eine Krise
ernsthaft angegriffen worden, welche unmittelbar nach unseren 14. Kongress
ausgebrochen war und ein Jahr später eine außerordentliche Konferenz sowie eine
vertiefte Reflexion bis zum 15. Kongress im Jahr 2003 erforderte[7]. Wie
dieser Kongress feststellte und dann auch der 16. Kongress bestätigte, hat die
IKS zum großen Teil ihre organisatorischen Schwächen überwunden, welche die
Wurzeln dieser Krise darstellten. Eines der wichtigsten Elemente in der
Fähigkeit der IKS, ihre organisatorischen Schwierigkeiten zu überwinden, liegt
in der genauen und vertieften Untersuchung der Schwierigkeiten. Dazu hat sich
die IKS im Laufe des Jahres 2001 eine spezielle Kommission gegeben, welche
unabhängig vom Zentralorgan ist und durch den Kongress zur Ausführung dieser
spezifischen Arbeit ernannt wurde. Diese
Kommission hat sich in ihrem Mandat, neben den großen Forschritten, welche die
Organisation als ganze machte, auch um weiter bestehende Narben der
Vergangenheit in einzelnen Sektionen gekümmert. Dies alles ist ein Beweis
dafür, dass der Aufbau eines soliden Organisationsgewebes nie zu Ende ist,
sondern dass es einer immerwährenden Anstrengung seitens der ganzen
Organisation und ihrer Mitglieder bedarf. Aufgrund dieser Notwendigkeit und der
wichtigen Rolle, welche diese Kommission in den vergangenen Jahren spielte, hat
der Kongress beschlossen, sie als ein permanentes Organ vorzusehen und in die
Statuten der IKS aufzunehmen. Dies ist keineswegs eine „Erfindung" unserer
Organisation, sondern knüpft an eine Tradition innerhalb der politischen
Organisationen der Arbeiterklasse an. Selbst die Sozialdemokratische Partei
Deutschlands, die Referenz innerhalb der 2. Internationale, verfügte über eine
„Kontrollkommission" mit denselben Aufgaben.

Eines der wichtigsten Elemente, das uns
erlaubte, die Krise zu überwinden und daraus gestärkt hervorzugehen, war die
Fähigkeit zu einem tiefen Nachdenken über die Gründe und Auswirkungen der
organisatorischen Schwächen, und dies unter Berücksichtigung der historischen
und theoretischen Dimension. Ein Nachdenken, das sich im Wesentlichen um
verschiedene Orientierungstexte drehte, von denen lange Auszüge in der
Internationalen Revue veröffentlicht wurden[8]. Dieses Anliegen vor
Augen, hat der Kongress sich ausführlich mit einem Orientierungstext zur
Debattenkultur befasst, der einige Monate zuvor in der IKS zur Diskussion
gestellt wurde (und nächstens in der Internationalen Revue veröffentlicht
wird). Diese Frage betrifft nicht nur das interne Leben der Organisation. Die
Intervention der Revolutionäre beinhaltet, dass Letztere dazu fähig sind, die
angemessensten und tiefgreifendsten Analysen der Lage zu erstellen und diese
Analyse so wirksam wie möglich in der Arbeiterklasse zu vertreten, um bei der
Weiterentwicklung des Bewusstseins mitzuhelfen. Dies setzt voraus, dass sie
diese Analysen so genau als möglich diskutieren, sie innerhalb der
Arbeiterklasse als Ganzes und gegenüber interessierten Leuten vertreten, sowie
auf deren Sorgen und Fragen eingehen können. In dem Masse, wie die IKS in ihren
eigenen Reihen und der ganzen Klasse mit einer neuen Generation von Militanten
oder nahe stehenden Menschen, welche sich für die Überwindung des Kapitalismus
einsetzen, konfrontiert ist, gehört es zu ihrer Aufgabe, sich voll und ganz
dafür einzusetzen, dass dieser Generation eine der wichtigsten Erfahrungen der
Arbeiterbewegung, die mit der kritischen Methode des Marxismus unzertrennlich
ist, näher gebracht wird: die Debattenkultur.

Die Debattenkultur

Die Einleitung und Diskussion
zu dieser Frage ging davon aus, dass bei allen Abspaltungen in der Geschichte
der IKS der Monolithismus eine bestimmende Rolle spielte. Wenn Divergenzen
auftauchten, sagten Genossen, dass wir nicht mehr zusammenarbeiten könnten, die
IKS eine bürgerliche Organisation geworden sei oder sich auf dem Weg dazu
befinde, auch wenn nach Ansicht der Mehrheit solche Divergenzen in einer nicht
monolithischen Organisation vorhanden sein konnten. Die IKS hat von der
italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken gelernt, wie auch bei der
Existenz von Meinungsunterschieden bezüglich prinzipieller Fragen die genauste
gemeinsame Klärung vor einer organisatorischen Spaltung kommt. In diesem Sinne
waren die Abspaltungen mehrheitlich Ausdruck eines Mangels an Debattenkultur
und einer monolithischen Auffassung. Doch die Probleme waren natürlich nicht
gelöst durch den Austritt einzelner Genossen. Sie waren vielmehr Ausdruck einer
generellen Schwierigkeit der IKS in dieser Frage, weil es in unseren Reihen
Konfusionen gab, die ein Abgleiten in den Monolithismus ermöglichten und eine
Tendenz zur Negierung statt Förderung der Debatte aufwiesen. Diese Probleme
hielten an, doch soll man das Ausmaß dieser Probleme nicht übertreiben. Es
waren Konfusionen und Ausrutscher, die punktuell stattfanden. Doch die
Geschichte, diejenige der IKS sowie die der gesamten Arbeiterbewegung, hat uns
gezeigt, dass aus kleinen Ausrutschern und Konfusionen große und gefährliche
Abgleitungen werden können, wenn man die Wurzeln der Probleme nicht versteht.

In der Geschichte der
Kommunistischen Linken gibt es Strömungen, welche den Monolithismus verteidigen
und theoretisieren. Die „bordigistische" Strömung ist eine Karikatur davon. Die
IKS ist im Gegensatz dazu Erbin der Tradition der Italienischen Fraktion und
der Französischen Kommunistischen Linken, welche die entschlossensten Gegner
des Monotlithismus waren und in einer gradlinigen Art die Debattenkultur
pflegten. Die IKS wurde auf diesem Verständnis gegründet, das auch in ihren
Stauten verankert ist. Aus all diesen Gründen wird klar, dass sich trotz
Problemen bei der praktischen Umsetzung kein Genosse der IKS in allgemeiner
Hinsicht gegen die Entfaltung einer Debattenkultur wenden würde. Dennoch ist es
wichtig, das Bestehen gewisser Schwierigkeiten zu anerkennen. Eine dieser
Schwächen ist der Hang, jede Diskussion als eine Auseinandersetzung zwischen
Marxismus und Opportunismus, zwischen Bolschewismus und Menschewismus oder gar
zwischen Proletariat und Bourgeoisie zu betrachten. Eine solche Angehensweise
würde nur dann Sinn machen, wenn wir die Auffassung der Invarianz des
kommunistischen Programms hätten. Hier bleibt der Bordigismus wenigsten
konsequent: Die Invarianz und der Monolithismus, auf die sich diese Strömung
bezieht, gehen Hand in Hand. Es gilt aber zu begreifen, dass der Marxismus kein
Dogma und die Wahrheit relativ ist, und diese nicht erstarrt sind, sondern einen Prozess darstellen, weil wir
aufgrund der Realität, welche sich andauernd verändert, nie aufhören zu lernen.
Aufgrund all dessen sind der Drang zur Vertiefung und selbst Irrtümer normale
Etappen auf dem Weg zur Schärfung des Klassenbewusstseins. Entscheidend sind
der kollektive Impuls und der Wille zu einer aktiven Teilnahme an der
Vertiefung.

Es ist wichtig zu
bemerken, dass der Hang überall und in jeder Debatte den Opportunismus (also
eine Tendenz hin zu bürgerlichen Positionen) sehen zu wollen, zu einer
Banalisierung der opportunistischen Gefahr führen kann. Damit stellt man jede
Debatte auf dasselbe Niveau. Die Erfahrung zeigt uns, wie in den raren
Diskussionen, in denen die Prinzipien in Frage gestellt wurden, oft die
Schwierigkeit herrschte, dies zu sehen: Ist alles opportunistisch, so ist
schlussendlich gar nichts mehr opportunistisch.

Ein anderes Resultat
einer solchen Haltung, in jeder Diskussion den Opportunismus und die
bürgerliche Ideologie erkennen zu wollen, ist die Hemmung der Debatte. Die
Genossen haben so nicht mehr „das Recht", Unklarheiten zu haben, diese
auszusprechen oder Irrtümer zu begehen, weil man sie sofort als Verräter
betrachtet und sie sich selbst so vorkommen. Gewisse Debatten beinhalten
tatsächlich eine Konfrontation zwischen bürgerlichen und proletarischen
Positionen. Dies ist Ausdruck einer Krise und Degenerationsgefahr. Doch im
Leben der Arbeiterklasse ist dies nicht die generelle Regel. Wenn man alle
Debatten auf diese Ebene stellt, endet man schlussendlich in der Idee, dass die
Debatte an sich Ausdruck einer Krise ist.

Ein anderes Problem,
welches mehr in der Praxis als in theoretisierter Version besteht, ist das
Verhalten, in einer Debatte die Anderen so schnell wie möglich von der
richtigen Position überzeugen zu wollen. Diese Angehensweise führt zur
Ungeduld, der Haltung, die Diskussion monopolisieren und in gewisser Weise den
„Gegner ausschalten" zu wollen. Diese Haltung führt nur zu Schwierigkeiten,
wirklich zu verstehen, was die Anderen sagen. Es ist sicher richtig, dass es
sonst im Leben, in einer vom Individualismus und der Konkurrenz geprägten
Gesellschaft, schwer ist zu lernen, den Anderen zuzuhören. Aber verschlossene
Ohren führen zu einer Abwendung von der Welt, genau zum Gegenteil einer
revolutionären Haltung. In diesem Sinne ist es wichtig zu verstehen, dass das
Wichtigste in einer Debatte ihr Platz ist, dass sie sich entwickeln kann, dass
es eine breitest mögliche Beteiligung daran gibt und eine wirkliche Klärung
daraus hervorgeht. Zu guter Letzt trägt auch das kollektive Leben der
Arbeiterklasse, wenn es sich entwickeln kann, zur Klärung bei. Der Wille zu
einer politischen Klärung wohnt dem Proletariat in seinem Charakter inne; es
ist sein Klasseninteresse. Die Arbeiterklasse braucht die Wahrheit, und nicht
Verfälschungen. Deshalb, so schrieb Rosa Luxemburg, ist und bleibt die
revolutionärste Tat, immer das zu sagen, was ist. Verwirrungen sind nicht die
Regel oder dominierend in der IKS, doch sie existieren, können gefährlich
werden und müssen überwunden werden. Besonders muss gelernt werden, die
Debatten nicht zu dramatisieren. Die meisten Diskussionen in unserer
Organisation sind nicht Konfrontationen zwischen bürgerlichen und
proletarischen Positionen. Es sind Diskussionen, bei denen wir auf der Basis
von gemeinsamen Positionen und einem gemeinsamen Ziel eine Vertiefung anstreben
und Verwirrungen überwinden wollen.

Die Entwicklung einer
wirklichen Debattenkultur in den revolutionären Organisationen ist eines der
Hauptanzeichen ihrer Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse, ihrer Fähigkeit,
lebendig und offen zu bleiben, und auf die Bedürfnisse der Klasse reagieren zu
können. Dies gilt gleichermaßen für die Arbeiterklasse insgesamt, da sie durch
ihre eigenen Diskussionen, insbesondere in ihren Vollversammlungen, in der Lage
ist, die Lehren aus ihren Erfahrungen zu ziehen und ihr Bewusstsein
voranzutreiben. Das Sektierertum und die Verweigerung der Debatte, die heute
leider das Merkmal einiger Organisationen des proletarischen Lagers sind,
stellen keineswegs einen Beweis für ihre „Unnachgiebigkeit" gegenüber der
bürgerlichen Ideologie oder gegenüber bestehenden Konfusionen dar. Im
Gegenteil, es handelt sich dabei um einen Ausdruck ihrer Angst, ihre eigenen
Positionen zu vertreten, und es ist letzten Endes der Beweis einer mangelnden
Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Positionen.

Die Interventionen der eingeladenen
Gruppen

Diese Debattenkultur hat
unseren ganzen Kongress geprägt. Sie äußerte sich besonders in der Tatsache,
dass die eingeladenen Gruppen ihre Erfahrungen und Überlegungen weitergaben.

Die Delegation aus Korea
unterstrich dies, als einer ihrer Delegierten sagte, dass er „sehr beeindruckt
sei von dem solidarischen Geist, dem
kameradschaftlichen Verhältnis untereinander, was im Gegensatz zu seiner bisherigen Erfahrung steht, um was
er uns beneidet".

Ein anderer Genosse
dieser Delegation gab seine Überzeugung weiter, dass „die Diskussion über die
Debattenkultur für die Entwicklung ihrer eigenen Aktivitäten fruchtbar und es
wichtig ist, dass sich die IKS nicht als „einzige Gruppe auf der Welt"
betrachtet".

Die Delegation der OPOP
hat „mit größter Brüderlichkeit einen Gruß an den Kongress" vermittelt und ihre
„Zufriedenheit darüber, an einem so wichtigen Ereignis teilnehmen zu können",
ausgedrückt. Für die Delegation sei „dieser Kongress nicht lediglich ein
wichtiges Ereignis für die IKS, sondern für die Arbeiterklasse als Ganzes. Wir
lernen viel mit der IKS. Wir haben in den vergangenen drei Jahren viel gelernt
durch den Kontakt, den wir hatten, und die Debatten, die wir zusammen in
Brasilien geführt haben. Wir haben schon am vorangegangenen Kongress
teilgenommen (derjenige der französischen Sektion der IKS im Jahr 2006) und
haben dort die Gewissenhaftigkeit festgestellt, mit der die IKS die Debatte
führt, ihre Offenheit für die Debatte, dass sie keine Angst vor einer Debatte
hat und auch nicht davor, andere Positionen mit ihren eigenen zu konfrontieren.
Ganz im Gegenteil, ihre Haltung ist es, die Debatte voranzutreiben, und wir
wollen der IKS dafür danken, dass wir diese Haltung kennen gelernt haben. Wir
begrüßen ebenfalls die Art, mit der die IKS die Frage der neuen Generationen
angeht, heute und in der Zukunft. Wir lernen vom Erbe, auf das sich die IKS
bezieht und das uns von der Arbeiterbewegung seit ihrer Existenz übertragen
wird." Gleichzeitig tat die Delegation ihre Überzeugung kund, dass „auch die
IKS von der OPOP gelernt habe", vor allem als eine IKS-Delegation in Brasilien
an der Seite der OPOP an einer Intervention in einer Arbeitervollversammlung
teilnahm, welche von den Gewerkschaften dominiert war.

Auch
der Delegierte der EKS unterstrich die Wichtigkeit der Debatte bei der Entwicklung
der revolutionären Positionen innerhalb der Arbeiterklasse, besonders für die
neuen Generationen: „Ich möchte damit beginnen, die Wichtigkeit der Debatte für
die neue Generation zu unterstreichen. Wir haben in unserer Gruppe junge Leute
und wir haben uns durch die Debatte politisiert. Wir haben wirklich viel in den
Debatten gelernt, vor allem in denen mit jungen Leuten, mit denen wir in
Kontakt stehen (...) Ich denke, dass in der Zukunft für die junge Generation die
Debatte ein wichtiger Aspekt der politischen Entwicklung sein wird. Wir haben
einen Genossen getroffen, der aus einem sehr armen Arbeiterquartier von
Istanbul stammt und der älter ist als wir. Er sagte uns, dass in dem Quartier,
aus dem er komme, die Arbeiter immer diskutieren wollen. Aber die Linken, die
in den Arbeiterquartieren politische Arbeit betreiben, versuchen immer schnell
die Debatte abzuwürgen, um „praktische Sachen" zu machen, so wie man es von
ihnen erwarten kann. Ich denke die proletarische Kultur, in der man jetzt hier
diskutiert und die ich auf diesem Kongress erleben konnte ist eine Verneinung
der linken Diskussionsmethode, welche nur ein Konkurrenzkampf darstellt. Ich
möchte einige Bemerkungen machen über die Diskussionen unter den
internationalistischen Gruppen. Zuerst denke ich, müssen solche Diskussionen so
konstruktiv und brüderlich wie möglich sein und wir müssen immer dazu Sorge
tragen, dass diese Debatten eine kollektive Anstrengung sind, um zu einer
politischen Klärung unter den Revolutionären zu kommen. Dies ist keinesfalls
ein Wettkampf oder etwas, das Feindschaften oder Rivalitäten hervorbringen
darf. So etwas wäre die komplette Verneinung der kollektiven Anstrengung, zu
neuen Schlussfolgerungen zu kommen, um sich damit der Wahrheit anzunähern. Es
ist auch wichtig, dass die Debatte unter den internationalistischen Gruppen so
regelmäßig wie möglich stattfindet, weil dies viel zur Klärung beiträgt für
alle, die international beteiligt sind. Ich denke es ist für die Debatte auch
notwendig, offen zu sein gegenüber allen interessierten proletarischen
Elementen. Gleichfalls gehe ich davon aus, dass die Debatten für die
interessierten revolutionären Elemente
zugänglich sind. Eine Debatte begrenzt sich nicht auf diejenigen, die direkt
beteiligt sind. Die Debatte selbst, das was diskutiert wird, ist eine große
Hilfe für denjenigen, der es lediglich liest. Ich erinnere mich, wie ich noch
vor einiger Zeit Angst vor Diskussionen hatte, aber viel lesen wollte. Debatten
und ihre Resultate zu lesen hilft enorm viel und deshalb ist es sehr wichtig,
die geführten Debatten den Interessierten zugänglich zu machen. Das ist ein
Mittel, um sich wirkungsvoll theoretisch und politisch weiterzuentwickeln."

Diese offenherzigen
Redebeiträge der Delegierten der eingeladenen Gruppen haben nichts mit
Schmeichelei gegenüber der IKS zu tun. So haben die Genossen aus Südkorea auch
Kritiken an der Arbeit des Kongresses formuliert, vor allem, dass nicht mehr
auf die Erfahrung unserer Intervention in der Bewegung gegen den CPE in
Frankreich eingegangen wurde und dass die ökonomische Analyse der Situation in
China nicht stärker auf die soziale Lage und die Kämpfe der Arbeiterklasse in
diesem Land einging. Alle Delegierten der IKS brachten diesen Kritiken eine
große Aufmerksamkeit entgegen, weil sie unserer Organisation erlauben, auf die
Sorgen und Erwartungen der anderen Gruppen des proletarischen Lagers
einzugehen, und unsere Anstrengung stimulieren, eine so wichtige Situation wie
diejenige in China besser zu analysieren. Die Beiträge und Analysen, welche die
anderen Gruppen liefern können (vor allem auch aus Ostasien), sind sehr wichtig
für unsere eigene Arbeit.

Während des Kongresses
selbst, waren die Beiträge der Delegationen wichtig für unser Verständnis der
internationalen Situation. Dies vor allem, weil sie uns ein genaues Bild von
der Situation in den Ländern gaben, in denen sie leben. Wir können im Rahmen
dieses Artikels die Beiträge der Delegationen nicht ausführlich wiedergeben,
sie werden in anderen Artikeln unserer Presse Platz finden. Wir geben uns hier
damit zufrieden, die wichtigsten Eckpunkte kurz zu erwähnen. Bezüglich des
Klassenkampfes hat der Delegierte der EKS darauf bestanden, dass nach der
Niederlage der massiven Kämpfe von 1989 heute, angesichts der dramatischen
wirtschaftlichen Lage für die Arbeiter in der Türkei, eine Wiederaufnahme von
Arbeiterkämpfen und eine Welle von Streiks mit Fabrikbesetzungen stattfindet.
In dieser Situation begnügen sich die Gewerkschaften nicht damit, die Kämpfe so
wie gewöhnlich zu sabotieren, sondern sie versuchen auch den Nationalismus
unter den Arbeitern zu schüren, indem sie eine Kampagne um die „säkulare
Türkei" führen. Die Delegation der OPOP hat aufgezeigt, wie durch die
Verbindung zwischen den Gewerkschaften und der gegenwärtigen Regierung (Präsident
Lula war der führende Gewerkschaftsboss des Landes gewesen) in Brasilien nun
eine Tendenz zu Kämpfen außerhalb des Rahmens der offiziellen Gewerkschaften
existiert, eine „Rebellion der Basis", so wie es in der Bewegung unter den
Bankangestellten 2003 der Fall gewesen war. Die neuen ökonomischen Angriffe,
welche die Regierung Lula vorbereitet, werden die Arbeiterklasse dazu stoßen,
sich weiterhin zu Wehr zu setzen, auch wenn die Gewerkschaften eine
„kritischere" Haltung gegenüber Lula vorspielen.

Ein anderer wichtiger
Beitrag der Delegationen von OPOP und EKS auf dem Kongress betraf die
imperialistische Politik Brasiliens und der Türkei. OPOP schilderte wichtige
Elemente zu einem besseren Verständnis der Positionierung dieses Landes, das
sich einerseits als getreuer Verbündeter der amerikanischen
„Weltpolizist-Politik" gibt (vor allem durch die militärische Präsenz in Timor
und Haiti, wo es das Kommando über die fremden Truppen führt) und gleichzeitig
aber seine eigene Diplomatie mit bilateralen Abkommen entwickelt, vor allem mit
Russland (von dem es Flugzeuge kauft) und mit Indien und China (deren
Industrieprodukte eine Konkurrenz für die brasilianische Produktion sind).
Brasilien entwickelt überdies eine starke regionale imperialistische Macht, bei
der es seine Bedingungen gegenüber Ländern wie Bolivien oder Paraguay
durchzusetzen beginnt. Der Genosse der EKS hatte einen sehr interessanten
Beitrag über das Leben der türkischen Bourgeoise (so über den Konflikt zwischen
dem „islamistischen" und dem „laizistischen" Sektor) und deren imperialistische
Ambitionen gemacht. Wir können auch diesen Beitrag in diesem Artikel leider
nicht ausführlich beschreiben. Die Hauptidee wollen wir aber weitergeben: Das
Risiko, dass in einem Nachbargebiet eines der gewalttätigsten imperialistischen
Konflikte, im Irak, die türkische Bourgeoise auch in eine dramatische
militärische Spirale eintritt und damit die Arbeiterklasse noch mehr den Preis
für die kapitalistischen Widersprüche bezahlen muss.

Die Beiträge der
Delegationen der eingeladenen Gruppen haben zusammen mit denjenigen der
Sektionen der IKS Wertvollstes zur Arbeit des Kongresses und seinem Nachdenken
über alle Fragen beigetragen und ihm erlaubt „die internationale Situation zu
synthetisieren", wie es die Delegation der SPA aus Südkorea ausdrückte. Wie
schon zu Beginn dieses Artikels erwähnt: Eines der Hauptelemente für den Erfolg
dieses Kongresses und den Enthusiasmus, der von allen Delegationen zum
Abschluss des Kongresses zum Ausdruck gebracht wurde, bestand gerade in der
Teilnahme der eingeladenen Gruppen.

Kurz hintereinander
fanden zwei internationale Treffen statt: der G8-Gipfel und der Kongress der
IKS. Natürlich unterscheiden sich die beiden Treffen hinsichtlich des
Einflusses und der unmittelbaren Wirkung, aber es ist wichtig, den großen
Gegensatz hinsichtlich des Umfeldes, der Ziele und der Funktionsweise zu
unterstreichen. Das eine war ein Treffen hinter Stacheldraht, mit einem
unerhörten Aufgebot an Polizei und polizeilicher Repression, bei dem die
Deklarationen über die „Ernsthaftigkeit der Debatte", zum „Frieden" und zur „Zukunft der Menschheit" nur eine
Verschleierung waren, um die Widersprüche zwischen den kapitalistischen Staaten
zu verhüllen, neue Kriege vorzubereiten und ein System zu bewahren, das der Menschheit
nichts mehr anzubieten hat. Das andere war ein Treffen von Revolutionären aus
15 Ländern, die gegen alle Verschleierungen und den schönen Schein kämpften und
die sich in wahrhaft solidarischen Debatten engagierten, um zur einzigen
Perspektive beizutragen, welche die Menschheit retten kann: dem vereinten und
internationalen Kampf der Arbeiterklasse mit dem Ziel, den Kapitalismus zu
stürzen und den Kommunismus zu etablieren.

Wir wissen dass der Weg
dorthin noch lang und schwierig sein wird. Doch die IKS ist überzeugt, dass ihr
17. Kongress ein wichtiger Schritt dabei war.

IKS, Juni 2007


[1] Zur
Geschichte der IKS siehe unseren Artikel 30 Jahre IKS: Von der Vergangenheit
für die Zukunft lernen, Internationale Revue Nr. 37.

[2] OPOP: Oposição Operária - Arbeiteropposition. Die Gruppe besteht in
mehreren Städten Brasiliens; sie wurde Anfang der 1990er Jahre gegründet. Dabei
beteiligten sich insbesondere Leute, die mit der CUT (Gewerkschaftsverband) und
der Arbeiterpartei (PT) Lulas (gegenwärtig Präsident Brasiliens) gebrochen
haben, um proletarische Positionen zu übernehmen - insbesondere in der Frage
des Internationalismus, aber auch der Gewerkschaften (Anprangerung dieser
Organe als Instrumente der herrschenden Klasse) und des Parlamentarismus
(Anprangerung der „demokratischen" Maskerade). Die Gruppe interveniert aktiv in
Arbeiterkämpfen (insbesondere im Bankensektor). Die IKS führt seit Jahren
solidarische Diskussionen mit dieser Gruppe. Wir haben auch mehrere gemeinsame
öffentliche Diskussionsveranstaltungen mit ihnen in Brasilien abgehalten (siehe
dazu insbesondere „ICC Public Meetings in Brazil: A strengthening of
revolutionary positions in Latin America", in: World Revolution Nr. 292,
http://en.internationalism.org/wr/292_brazil_forums.html). Eine Delegation von
OPOP beteiligte sich bereits im Frühjahr 2006 am 17. Kongress unserer Sektion
in Frankreich (siehe dazu unseren Artikel in Révolution Internationale).

[3] SPA: Socialist Political Alliance. Die Gruppe hat sich zur
Aufgabe gesetzt, die Positionen des Linkskommunismus in Korea bekannt zu machen
(insbesondere durch Übersetzungen bestimmter Grundlagentexte des
Linkskommunismus) und Diskussionen unter Gruppen und Individuen über diese
Positionen in Korea anzuregen. Im Oktober 2006 organisierte die SPA eine
internationale Konferenz, an der sich die IKS, die seit mehr als einem Jahr mit
dieser Gruppe im Austausch steht, beteiligte (siehe unseren Artikel „Rapport
über die Konferenz in Korea, Oktober 2006"in Internationale Revue Nr. 129
(engl., franz., span.). Es sollte angemerkt werden, dass die Teilnehmer dieser
Konferenz, die unmittelbar nach den nordkoreanischen Nuklearversuchen
stattfand, eine „Internationalistische Erklärung aus Korea angesichts der
Kriegsgefahr" verabschiedete (siehe Weltrevolution Nr. 139)

[4] EKS: Enternasyonalist Komünist Sol
(Internationale Kommunistische Linke), eine Gruppe, die jüngst in der Türkei
gegründet wurde und sich entschlossen auf linkskommunistische Positionen
stützt. Wir haben mehrere ihrer Stellungnahmen auf unserer Website
veröffentlicht: http://en.internationalism.org/wr/295_eks_basicpositions,
http://en.internationalism.org/node/1772.

[5] Das hatte 1999 die IKS jedoch nicht daran
gehindert, das Internationale Büro für die Revolutionäre Partei (IBRP) zu ihrem
13. Kongress einzuladen. Wir meinten, dass die Tragweite der imperialistischen
Spannungen mitten in Europa (damals wurde Serbien von NATO-Flugzeugen
bombardiert) es verlangte, dass die revolutionären Gruppen ihre Streitigkeiten
beiseite schieben, um an einem Ort zusammenzukommen, damit man gemeinsam die
Folgen dieses Konfliktes untersucht und ggf. eine gemeinsame Erklärung
verabschiedet. Leider hatte das IBRP diese Einladung ausgeschlagen.

[6] Da Internasyonalismo politisch präsent war, auch wenn ihre
Delegation nicht physisch anwesend sein konnte.

[7] siehe Ausserordentliche Konferenz der IKS: Der Kampf
für die Verteidigung der organisatorischen Prinzipien,
in: Internationale
Revue
Nr. 30
und 15. Kongress der IKS: Die Organisation gegenüber den Herausforderungen
der Zeit verstärken
, in: International Review Nr.114 (engl., franz.,
span. Ausgabe).

[8] Siehe das Vertrauen und die Solidarität im Kampf des
Proletariats, in: Internationale Revue Nr. 31 und 32, sowie Marxismus und
Ethik, in Internationale Revue Nr. 39 und 40.

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Theoretische Fragen: 

Erbe der kommunistischen Linke: