Der 17. Kongress der IKS: Eine internationale Verstärkung des proletarischen Lagers

Ende Mai hat die IKS ihren 17. Internationalen Kongress abgehalten. Da die revolutionären Organisationen nicht um ihrer selbst willen existieren, sondern ein Ausdruck des Proletariats sind und gleichzeitig als aktive Faktoren im Leben der Arbeiterklasse wirken, ist es ihre Aufgabe, an die gesamte Klasse über die Arbeit dieses besonderen Augenblickes zu berichten, den solch ein Kongress darstellt. Diesem Ziel dient dieser Artikel, welcher die Resolution über die internationale Situation ergänzt, welche auf dem Kongress angenommen wurde und in dieser Nummer der Internationalen Revue ebenfalls veröffentlicht ist.

Alle Kongresse der IKS sind natürlich wichtige Momente im Leben unserer Organisation. Dennoch muss gesagt werden, dass dieser Kongress noch bedeutender war als die vorhergegangenen, da er einen bedeutenden Schritt in der mehr als 30jährigen Geschichte der IKS darstellt.[1]

Die Anwesenheit anderer Gruppen des proletarischen Milieus

Dies wird hauptsächlich anhand der Präsenz von Delegationen dreier Gruppen des internationalen proletarischen Lagers auf unserem Kongress deutlich: OPOP[2] aus Brasilien, SPA[3] aus Südkorea, EKS[4] aus der Türkei. Eine andere Gruppe, Internasyonalismo von den Philippinen, war ebenfalls zu unserem Kongress eingeladen worden. Aber trotz ihrer Entschlossenheit, eine Delegation zu unserem Kongress zu entsenden, war es ihnen nicht möglich gewesen zu kommen. Doch hat diese Gruppe dem Kongress eine Grußbotschaft und Stellungnahmen zu den Hauptberichten übermittelt, die wir der Gruppe geschickt hatten.

Die Beteiligung mehrerer Gruppen an einem Kongress der IKS ist nichts Neues. Bereits in der Vergangenheit, in ihrer Gründungsphase, hatte die IKS Delegationen anderer Gruppen an unseren Kongressen willkommen geheißen. So beteiligten sich an unserem Gründungskongress im Januar 1975 die Revolutionary Workers Group aus den USA, Pour une Intervention Communiste aus Frankreich und Revolutionary Perspectives aus Großbritannien. Auch auf unserem 2. Kongress (1977) war eine Delegation des Partito Comunista Internazionalista (Battaglia Comunista) anwesend. Zu unserem 3. Kongress (1979) kamen Delegationen der Communist Workers Organisation (Großbritannien), des Nucleo Comunista Internazionalista und von Il Leninista (Italien) sowie ein einzelner Genosse aus Skandinavien. Später konnten wir aber diese Praxis leider aus von uns unabhängigen Gründen nicht fortsetzen: Einige Gruppen verschwanden, andere Gruppen entwickelten sich hin zu linksextremen Positionen (wie der NCI) oder schlugen einen sektiererischen Kurs ein (CWO und Battaglia Comunista). Letztere waren für die Sabotage der Internationalen Konferenzen der Gruppen der Kommunistischen Linken verantwortlich, die Ende der 1970er Jahre stattgefunden hatten[5]. So war mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, ehe die IKS wieder andere Gruppen auf ihrem Kongress begrüßen konnte. Als solches war also schon die Beteiligung von vier Gruppen[6] auf unserem 17. Kongress ein wichtiges Ereignis.

Die Bedeutung des 17. Kongresses

Die Bedeutung dieses Kongresses geht weit über die Tatsache hinaus, dass wir in der Lage waren, diese Praxis wieder aufzunehmen, die ein Kennzeichen der IKS seit ihren Anfängen darstellte. Noch bedeutsamer ist die Existenz und Haltung dieser Gruppen. Sie sind Teil einer historischen Entwicklung, die wir schon auf unserem letzten Kongress folgendermaßen umrissen hatten: „Das Hauptanliegen des Kongresses war sowohl die Wiederbelebung des Kampfes der Arbeiterklasse als auch die damit einhergehende Verantwortung unserer Organisation, besonders hinsichtlich der Entwicklung einer neuen Generation von suchenden Menschen, die sich in Richtung einer revolutionären politischen Perspektive bewegen." (http://en.internationalism.org/ir/122_16congres).

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der stalinistischen Regimes 1989 hat die „ohrenbetäubende Kampagne der Bourgeoisie über das Scheitern des Kommunismus, den endgültigen Sieg des liberalen und demokratischen Kapitalismus‘, das Ende des Klassenkampfes, ja das Ende der Arbeiterklasse selbst (...) dem Proletariat auf der Ebene des Bewusstseins und der Kampfbereitschaft einen herben Rückschlag versetzt. Dieser Rückschlag war tiefgreifend und dauerte über zehn Jahre. Er hat eine ganze Generation von Arbeitern geprägt und Ratlosigkeit, ja selbst Demoralisierung ausgelöst (...) Erst im Laufe des Jahres 2003 begann sich das Proletariat vor allem durch die großen Mobilisierungen in Frankreich und Österreich gegen die Angriffe auf die Altersrenten wieder von den Rückschlägen nach 1989 zu erholen. Seither hat sich die Tendenz zur Wiederaufnahme von Klassenkämpfen und zur Entwicklung des Bewusstseins bestätigt. Arbeiterkämpfe haben in den zentralen Ländern stattgefunden, und zwar auch in den wichtigsten wie den USA (Boeing und öffentlicher Verkehr in New York 2005), Deutschland (Daimler und Opel 2004, Klinikärzte im Frühjahr 2006, Deutsche Telekom im Frühjahr 2007), Großbritannien (Londoner Flughafen im August 2005, öffentlicher Dienst im Frühjahr 2006), Frankreich (Studenten und Schüler gegen den CPE im Frühjahr 2006), aber auch in einer ganzen Reihe von peripheren Ländern wie Dubai (Bauarbeiter im Frühjahr 2006), Bangladesh (Textilarbeiter im Frühjahr 2006), Ägypten (Textil- und Transportarbeiter im Frühjahr 2007)." („Resolution über die internationale Lage", vom 17. Kongress angenommen)

„Heute geht wie 1968 (anlässlich des historischen Wiederaufflammens der Arbeiterkämpfe, die der vier Jahrzehnte währenden Konterrevolution ein Ende bereitet haben) der Anstieg der Klassenkämpfe mit einem vertieften Nachdenken einher, bei dem das Auftauchen neuer Leute, die sich den Positionen der Kommunistischen Linken zuwenden, nur die Spitze des Eisbergs darstellt." (ebenda)

Deshalb war die Präsenz mehrerer Gruppen des proletarischen Milieus auf unserem Kongress und ihre sehr offene Haltung in den Diskussionen (die sich deutlich abhebt von der sektiererischen Haltung der „alten" Gruppen der Kommunistischen Linken) keineswegs ein Zufall: Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der neuen Entwicklungsetappe im Kampf der Weltarbeiterklasse gegen den Kapitalismus.

Während der Diskussionen auf dem Kongress wurde diese Tendenz nicht zuletzt durch Schilderungen aus verschiedenen Ländern immer wieder unterstrichen - von Belgien bis Indien, von den Ländern des Zentrums bis zu den Ländern der Peripherie. Dies wird sowohl in den wieder erstarkenden Arbeiterkämpfen als auch im Denkprozess unter den Suchenden einer politischen Debatte verdeutlicht, die sich auf die Positionen der Kommunistischen Linken zu bewegen - eine Tendenz, die sich einerseits in der Integration neuer Genossen in unsere Organisation (einschließlich in Ländern, wo bis dato lange keine neuen Integrationen stattgefunden hatten), andererseits in der Bildung eines Kerns der IKS in Brasilien zeigt. Dies ist für uns ein wichtiges Ereignis, da es die Präsenz unserer Organisation im größten Land Südamerikas, mit den gewaltigsten Industriekonzentrationen dieses Teils der Erde und auch weltweit, konkretisiert. Die Entstehung des Kerns in Brasilien ist das Resultat einer engagierten punktuellen Arbeit der IKS in den letzten 15 Jahren, welche sich in letzter Zeit intensivierte. Es entstanden Kontakte mit verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen, vor allem OPOP, von der eine Delegation an unserem 17. Kongress teilnahm, aber auch mit einer Gruppe aus Sao Paulo, welche sich unter dem Einfluss linkskommunistischer Positionen gegründet hatte und mit der wir regelmäßige politische Kontakte aufgenommen haben, so zum Beispiel eine gemeinsam abgehaltene öffentlichen Diskussionsveranstaltung. Die Zusammenarbeit mit diesen Gruppen steht in keinem Widerspruch zu unserem Willen die spezifische organisatorische Präsenz der IKS in Brasilien zu verstärken. Ganz im Gegenteil wird unsere dauernde Präsenz in diesem Land auch die Zusammenarbeit unserer Organisationen verstärken, vor allem auch deshalb, weil zwischen unserem Kern und der OPOP schon eine lange gemeinsame Geschichte besteht, die von Vertrauen und Respekt geprägt ist.

Die Diskussionen auf dem Kongress

In Anbetracht der besonderen Bedingungen, unter denen der Kongress tagte, stand die Behandlung der Arbeiterkämpfe als erster Punkt auf der Tagesordnung. An zweiter Stelle untersuchten wir die nun auftauchenden neuen revolutionären Kräfte. Wir können in diesem kurzen Artikel nicht im Detail auf die stattgefundenen Diskussionen eingehen: Die ebenfalls in dieser Internationalen Revue veröffentliche Resolution zur internationalen Situation liefert eine Synthese ihrer Hauptelemente. Was wir hier allerdings betonen wollen, sind die neuen und spezifischen Merkmale der gegenwärtigen Entwicklung im Klassenkampf. Es wurde insbesondere auf Faktoren hingewiesen, die alle dazu führen werden, die Arbeiterkämpfe zu politisieren: Erstens das Ausmaß der kapitalistischen Krise, zweitens die Massivität der Angriffe gegen die Arbeiterklasse, drittens die dramatische Zuspitzung der militärischen Barbarei und viertens die wachsende Bedrohung durch die Umweltkatastrophe. Die Lage unterscheidet sich insofern ein wenig von der Situation nach dem historischen Wiedererstarken des Arbeiterkampfes nach 1968, als der Spielraum, über den der Kapitalismus damals noch verfügte, es diesem ermöglicht hatte, die Illusion aufrechtzuerhalten, dass „die Zukunft etwas Besseres bringen" werde. Heute sind solche Illusionen nicht mehr möglich: Die neuen Arbeitergenerationen, aber auch die älteren, werden sich immer bewusster, dass die Lage in der Zukunft sich nur noch verschlechtern wird. Auch wenn diese Perspektive zunächst demoralisierend und demobilisierend wirken kann, werden die immer heftiger werdenden Angriffe die Arbeiter dazu veranlassen, sich bewusst zu werden, dass die heutigen Kämpfe eine Vorbereitung sind für die viel größeren Klassenkämpfe gegen ein todgeweihtes System. Bereits jetzt machen sich die Kämpfe, die wir seit 2003 erlebt haben: „...immer mehr die Frage der Solidarität zu eigen. Dies ist eine Frage von höchster Wichtigkeit, da die Solidarität das wirksamste Heilmittel gegen das für den gesellschaftlichen Zerfall typische Jeder-für-sich darstellt und vor allem weil sie den Kern der Fähigkeit des Weltproletariats ausmacht, nicht nur die gegenwärtigen Kämpfe zu entwickeln, sondern auch den Kapitalismus zu überwinden." (ebenda)

Obgleich der Kongress sich hauptsächlich mit dem Klassenkampf befasst hat, wurden auch andere Aspekte der internationalen Situation behandelt. So ist der Kongress näher auf die Entwicklung der Wirtschaftskrise eingegangen, insbesondere auf das gegenwärtige Wachstum von „Schwellenländern" wie Indien oder China, deren Entwicklung im scheinbaren Widerspruch zu den Analysen über den endgültigen Bankrott der kapitalistischen Produktionsweise steht, wie sie von unserer Organisation und den Marxisten allgemein vertreten wird. Auf der Grundlage eines sehr detaillierten Berichtes und einer vertieften Diskussion kam der Kongress zu der Schlussfolgerung, dass die „außergewöhnlichen Wachstumsraten, die gegenwärtig Länder wie Indien und insbesondere China kennen, (...) in keinster Weise einen Beweis für einen frischen Wind‘ in der Weltwirtschaft darstellen. Selbst wenn sie zu einem beträchtlichen Teil zum erhöhten Wachstum derselben im Laufe der letzten Zeit beigetragen haben. Paradoxerweise ist die Ursache für dieses außergewöhnliche Wachstum einmal mehr die Krise des Kapitalismus (...) Somit sind das chinesische Wunderund das einiger anderer Länder der Dritten Welt alles andere als ein frischer Wind der kapitalistischen Wirtschaft, sondern eine weitere Manifestation des niedergehenden Kapitalismus (...) So wie das Wunder der zweistelligen Wachstumsraten der asiatischen Tiger und Drachen 1997 ein schmerzhaftes Ende fand, wird das heutige chinesische Wunder, auch wenn es andere Ursachen hat und über wesentlich gewichtigere Trümpfe verfügt, früher oder später mit der harschen Realität der historischen Sackgasse der kapitalistischen Produktionsweise konfrontiert werden." (ebenda)

Es muss betont werden, dass der Kongress bezüglich der ökonomischen Krise die Diskussionen widerspiegelte, welche wir momentan in unserer Organisation führen: Wie analysiert man die Mechanismen, welche es dem Kapitalismus erlaubten, nach dem Zweiten Weltkrieg spektakuläre Wachstumsraten zu erzielen? Die verschiedenen Analysen, die gegenwärtig in der IKS vertreten werden (welche aber alle gemeinsam die vom IBRP und „bordigistsichen" Gruppen vertretene Idee verwerfen, dass der Krieg eine „momentane Lösung" der kapitalistischen Widersprüche darstelle), richten sich darauf aus, die aktuelle Dynamik der Wirtschaft verschiedener „neu aufgetauchter" Länder wie allen voran China zu verstehen. Weil sich der Kongress spezifisch dieses Phänomens angenommen hat, konnten sich auch die in unserer Organisation darüber existierenden Divergenzen am Kongress ausdrücken. Wie wir das immer in der Vergangenheit getan haben, werden wir in der Internationalen Revue Dokumente veröffentlichen, welche diese Debatte zusammenfassen, sobald sie einen gewissen Reifegrad erreicht hat.

Schließlich waren an unserem Kongress die Folgen der Sackgasse der kapitalistischen Gesellschaft für die Bourgeoisie und der daraus resultierende Sturz in den Zerfall Gegenstand zweier Diskussionen: Eine befasste sich mit den Konsequenzen dieser Lage in den jeweiligen Ländern, die andere mit der Entwicklung der imperialistischen Gegensätze zwischen den Staaten. Diese zwei Aspekte sind miteinender verknüpft, vor allem weil die Streitigkeiten innerhalb der nationalen Bourgeoisien auch unterschiedliche Haltungen gegenüber den imperialistischen Konflikten hervorbringen können (über die Allianzen zwischen den Staaten, die Modalitäten beim Einsatz der militärischen Mittel, usw.). Zum ersten Punkt hat der Kongress hervorgehoben, dass alle Debatten über „weniger Staat" nichts anderes sind als Maskeraden der permanenten Verstärkung des Staates in der Gesellschaft, in dem Sinne als dieses Organ die einzige Garantie dafür ist, dass die Gesellschaft nicht dem „Jeder-für-sich" unterworfen wird, welches die Zerfallsphase des Kapitalismus charakterisiert. Es wurde vor allem die stattfindende Verstärkung der polizeilichen Funktion des Staates unterstrichen, so auch in den „demokratischen" Ländern wie Großbritannien und den USA. Die Verstärkung des Polizeiapparates findet offiziell unter dem Banner der Bedrohung durch den Terrorismus statt (ein Phänomen das auch mit dem Zerfall in Verbindung steht, welches aber den stärksten Bourgeoisien selbst nicht fremd ist) und erlaubt der herrschenden Klasse, sich auf die zukünftigen Konfrontationen mit der Arbeiterklasse vorzubereiten. Zum Punkt der imperialistischen Konflikte verwies der Kongress auf das Scheitern der Politik der stärksten Bourgeoisie der Welt, nämlich der amerikanischen, vor allem bei ihrem Abenteuer im Irak. Diese Tatsache offenbart die allgemeine Sackgasse des Kapitalismus: „Tatsächlich aber war der Regierungsantritt der Bande um Cheney, Rumsfeld und Konsorten nicht einfach eine gigantische Fehlkalkulation‘ der US-Bourgeoisie. Einerseits hat dies erheblich zur Verschlechterung der Situation der USA auf imperialistischer Ebene beigetragen. Andererseits ist die Einsetzung dieser Regierungsmannschaft an sich schon ein Ausdruck der wachsenden Schwierigkeiten der USA, ihre Führungsrolle durchzusetzen. Darüber hinaus ist dies ein Ausdruck des Jeder-für-sich in den internationalen Beziehungen, wodurch sich die Zerfallsphase auszeichnet." (ebenda)

Ganz allgemein hat der Kongress unterstrichen, dass das „militärische Chaos, das sich über die Erde ausbreitet und ganze Gebiete in ein höllisches Inferno stürzt - vor allem im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika - (...) weder der einzige Ausdruck der historischen Sackgasse des Kapitalismus noch die größte Bedrohung für die Gattung Mensch (ist). Heute wird immer deutlicher, dass die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems durch die bisherige Funktionsweise auch die Zerstörung der Umwelt, die den Aufstieg der Menschheit erst ermöglichte, mit sich bringt". (ebenda)

Aus diesem Teil der Diskussionen wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass die „von Engels Ende des 19. Jahrhunderts formulierte Alternative ‚Sozialismus oder Barbarei‘ im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer schrecklichen Realität geworden ist. Was uns das 21. Jahrhundert in Aussicht stellt, ist wahrhaft Sozialismus oder Zerstörung der Menschheit. Und das ist die Herausforderung, vor der die einzige Klasse in der Gesellschaft steht, die den Kapitalismus überwinden kann - die Arbeiterklasse." (ebenda)

Die Verantwortung der Revolutionäre

Diese Perspektive verdeutlicht umso mehr die entscheidende Bedeutung der gegenwärtigen Kämpfe, die die Arbeiterklasse überall auf der Welt austrägt. Sie unterstreicht ebenso die grundlegende Rolle der revolutionären Organisationen, insbesondere der IKS, bei der Intervention in den Kämpfen, damit sich ein Bewusstsein darüber entwickelt, was heute weltweit auf dem Spiel steht.

In dieser Hinsicht zog der Kongress eine sehr positive Bilanz unserer Intervention in den Klassenkämpfen und gegenüber den entscheidenden Fragen, vor denen die Bewegung steht. Besonders begrüßt wurde die Fähigkeit der IKS, sich international zu mobilisieren (Artikel in unserer Presse, auf unserer Webseite, öffentliche Diskussionsveranstaltungen usw.), damit die Lehren aus einer der Hauptepisoden des Klassenkampfes gezogen werden - dem Kampf der studentischen Jugend gegen den CPE im Frühjahr 2006 in Frankreich. Wir haben dabei festgestellt, dass es damals einen spektakulären Anstieg der Zugriffe auf unsere Internetseite gab, was belegt, dass die Revolutionäre nicht nur die Verantwortung, sondern auch die Möglichkeit haben, dem Blackout entgegenzutreten, das die bürgerlichen Medien systematisch gegenüber den Arbeiterkämpfen praktizieren.

Der Kongress hat ebenfalls eine sehr positive Bilanz über unsere Arbeit gegenüber Gruppen und Einzelpersonen gezogen, welche sich für die Verteidigung oder Annäherung an linkskommunistische Positionen einsetzen. In letzter Zeit, wie schon zu Beginn dieses Artikels erwähnt, sind bemerkenswert viele neue Genossen in die IKS eingetreten, ein Resultat von all den Diskussionen, die wir mit ihnen geführt hatten (es war aber schon immer die Praxis unserer Organisation, nicht „Rekrutierungen zu jedem Preis" zu machen, wie dies bei linken Gruppen der Fall ist). Die IKS hat sich auch aktiv an verschiedenen Internet-Foren beteiligt, in denen Klassenpositionen vertreten werden können, vor allem in englischer Sprache, der wichtigsten auf Weltebene. Dies hat zahlreichen Leuten ermöglicht, unsere Positionen und Diskussionsmethoden besser kennen zu lernen und damit ein gewisses Misstrauen zu überwinden, welches von kleinsten parasitären Kapellen geschürt wird, deren Ziel nicht die Förderung des Klassenbewusstseins in der Arbeiterklasse ist, sondern die Aussaat von Misstrauen gegenüber Organisation, welche genau diese wichtige Aufgabe übernehmen. Aber der positivste Aspekt dieser Arbeit ist zweifellos die Verstärkung des Kontaktes zu anderen Organisationen, welche revolutionäre Positionen vertreten, und dies wurde durch die Präsenz von vier Gruppen auf unserem 17. Kongress konkretisiert. Dahinter stand eine große Anstrengung der IKS, vor allem durch die Entsendung von zahlreichen Delegationen in verschiedene Länder (unter anderen nach Brasilien, Südkorea, Türkei und den Philippinen).

Die zunehmende Verantwortung, die auf der IKS lastet, sei es in der Intervention in den Klassenkämpfen, sei es in den Diskussionen mit Gruppen und Einzelpersonen, welche sich auf einem Klassenterrain befinden, erfordert auch eine Verstärkung unseres Organisationsgewebes. Dies war zu Beginn des Jahres 2000 durch eine Krise ernsthaft angegriffen worden, welche unmittelbar nach unseren 14. Kongress ausgebrochen war und ein Jahr später eine außerordentliche Konferenz sowie eine vertiefte Reflexion bis zum 15. Kongress im Jahr 2003 erforderte[7]. Wie dieser Kongress feststellte und dann auch der 16. Kongress bestätigte, hat die IKS zum großen Teil ihre organisatorischen Schwächen überwunden, welche die Wurzeln dieser Krise darstellten. Eines der wichtigsten Elemente in der Fähigkeit der IKS, ihre organisatorischen Schwierigkeiten zu überwinden, liegt in der genauen und vertieften Untersuchung der Schwierigkeiten. Dazu hat sich die IKS im Laufe des Jahres 2001 eine spezielle Kommission gegeben, welche unabhängig vom Zentralorgan ist und durch den Kongress zur Ausführung dieser spezifischen Arbeit ernannt wurde. Diese Kommission hat sich in ihrem Mandat, neben den großen Forschritten, welche die Organisation als ganze machte, auch um weiter bestehende Narben der Vergangenheit in einzelnen Sektionen gekümmert. Dies alles ist ein Beweis dafür, dass der Aufbau eines soliden Organisationsgewebes nie zu Ende ist, sondern dass es einer immerwährenden Anstrengung seitens der ganzen Organisation und ihrer Mitglieder bedarf. Aufgrund dieser Notwendigkeit und der wichtigen Rolle, welche diese Kommission in den vergangenen Jahren spielte, hat der Kongress beschlossen, sie als ein permanentes Organ vorzusehen und in die Statuten der IKS aufzunehmen. Dies ist keineswegs eine „Erfindung" unserer Organisation, sondern knüpft an eine Tradition innerhalb der politischen Organisationen der Arbeiterklasse an. Selbst die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die Referenz innerhalb der 2. Internationale, verfügte über eine „Kontrollkommission" mit denselben Aufgaben.

Eines der wichtigsten Elemente, das uns erlaubte, die Krise zu überwinden und daraus gestärkt hervorzugehen, war die Fähigkeit zu einem tiefen Nachdenken über die Gründe und Auswirkungen der organisatorischen Schwächen, und dies unter Berücksichtigung der historischen und theoretischen Dimension. Ein Nachdenken, das sich im Wesentlichen um verschiedene Orientierungstexte drehte, von denen lange Auszüge in der Internationalen Revue veröffentlicht wurden[8]. Dieses Anliegen vor Augen, hat der Kongress sich ausführlich mit einem Orientierungstext zur Debattenkultur befasst, der einige Monate zuvor in der IKS zur Diskussion gestellt wurde (und nächstens in der Internationalen Revue veröffentlicht wird). Diese Frage betrifft nicht nur das interne Leben der Organisation. Die Intervention der Revolutionäre beinhaltet, dass Letztere dazu fähig sind, die angemessensten und tiefgreifendsten Analysen der Lage zu erstellen und diese Analyse so wirksam wie möglich in der Arbeiterklasse zu vertreten, um bei der Weiterentwicklung des Bewusstseins mitzuhelfen. Dies setzt voraus, dass sie diese Analysen so genau als möglich diskutieren, sie innerhalb der Arbeiterklasse als Ganzes und gegenüber interessierten Leuten vertreten, sowie auf deren Sorgen und Fragen eingehen können. In dem Masse, wie die IKS in ihren eigenen Reihen und der ganzen Klasse mit einer neuen Generation von Militanten oder nahe stehenden Menschen, welche sich für die Überwindung des Kapitalismus einsetzen, konfrontiert ist, gehört es zu ihrer Aufgabe, sich voll und ganz dafür einzusetzen, dass dieser Generation eine der wichtigsten Erfahrungen der Arbeiterbewegung, die mit der kritischen Methode des Marxismus unzertrennlich ist, näher gebracht wird: die Debattenkultur.

Die Debattenkultur

Die Einleitung und Diskussion zu dieser Frage ging davon aus, dass bei allen Abspaltungen in der Geschichte der IKS der Monolithismus eine bestimmende Rolle spielte. Wenn Divergenzen auftauchten, sagten Genossen, dass wir nicht mehr zusammenarbeiten könnten, die IKS eine bürgerliche Organisation geworden sei oder sich auf dem Weg dazu befinde, auch wenn nach Ansicht der Mehrheit solche Divergenzen in einer nicht monolithischen Organisation vorhanden sein konnten. Die IKS hat von der italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken gelernt, wie auch bei der Existenz von Meinungsunterschieden bezüglich prinzipieller Fragen die genauste gemeinsame Klärung vor einer organisatorischen Spaltung kommt. In diesem Sinne waren die Abspaltungen mehrheitlich Ausdruck eines Mangels an Debattenkultur und einer monolithischen Auffassung. Doch die Probleme waren natürlich nicht gelöst durch den Austritt einzelner Genossen. Sie waren vielmehr Ausdruck einer generellen Schwierigkeit der IKS in dieser Frage, weil es in unseren Reihen Konfusionen gab, die ein Abgleiten in den Monolithismus ermöglichten und eine Tendenz zur Negierung statt Förderung der Debatte aufwiesen. Diese Probleme hielten an, doch soll man das Ausmaß dieser Probleme nicht übertreiben. Es waren Konfusionen und Ausrutscher, die punktuell stattfanden. Doch die Geschichte, diejenige der IKS sowie die der gesamten Arbeiterbewegung, hat uns gezeigt, dass aus kleinen Ausrutschern und Konfusionen große und gefährliche Abgleitungen werden können, wenn man die Wurzeln der Probleme nicht versteht.

In der Geschichte der Kommunistischen Linken gibt es Strömungen, welche den Monolithismus verteidigen und theoretisieren. Die „bordigistische" Strömung ist eine Karikatur davon. Die IKS ist im Gegensatz dazu Erbin der Tradition der Italienischen Fraktion und der Französischen Kommunistischen Linken, welche die entschlossensten Gegner des Monotlithismus waren und in einer gradlinigen Art die Debattenkultur pflegten. Die IKS wurde auf diesem Verständnis gegründet, das auch in ihren Stauten verankert ist. Aus all diesen Gründen wird klar, dass sich trotz Problemen bei der praktischen Umsetzung kein Genosse der IKS in allgemeiner Hinsicht gegen die Entfaltung einer Debattenkultur wenden würde. Dennoch ist es wichtig, das Bestehen gewisser Schwierigkeiten zu anerkennen. Eine dieser Schwächen ist der Hang, jede Diskussion als eine Auseinandersetzung zwischen Marxismus und Opportunismus, zwischen Bolschewismus und Menschewismus oder gar zwischen Proletariat und Bourgeoisie zu betrachten. Eine solche Angehensweise würde nur dann Sinn machen, wenn wir die Auffassung der Invarianz des kommunistischen Programms hätten. Hier bleibt der Bordigismus wenigsten konsequent: Die Invarianz und der Monolithismus, auf die sich diese Strömung bezieht, gehen Hand in Hand. Es gilt aber zu begreifen, dass der Marxismus kein Dogma und die Wahrheit relativ ist, und diese nicht erstarrt sind, sondern einen Prozess darstellen, weil wir aufgrund der Realität, welche sich andauernd verändert, nie aufhören zu lernen. Aufgrund all dessen sind der Drang zur Vertiefung und selbst Irrtümer normale Etappen auf dem Weg zur Schärfung des Klassenbewusstseins. Entscheidend sind der kollektive Impuls und der Wille zu einer aktiven Teilnahme an der Vertiefung.

Es ist wichtig zu bemerken, dass der Hang überall und in jeder Debatte den Opportunismus (also eine Tendenz hin zu bürgerlichen Positionen) sehen zu wollen, zu einer Banalisierung der opportunistischen Gefahr führen kann. Damit stellt man jede Debatte auf dasselbe Niveau. Die Erfahrung zeigt uns, wie in den raren Diskussionen, in denen die Prinzipien in Frage gestellt wurden, oft die Schwierigkeit herrschte, dies zu sehen: Ist alles opportunistisch, so ist schlussendlich gar nichts mehr opportunistisch.

Ein anderes Resultat einer solchen Haltung, in jeder Diskussion den Opportunismus und die bürgerliche Ideologie erkennen zu wollen, ist die Hemmung der Debatte. Die Genossen haben so nicht mehr „das Recht", Unklarheiten zu haben, diese auszusprechen oder Irrtümer zu begehen, weil man sie sofort als Verräter betrachtet und sie sich selbst so vorkommen. Gewisse Debatten beinhalten tatsächlich eine Konfrontation zwischen bürgerlichen und proletarischen Positionen. Dies ist Ausdruck einer Krise und Degenerationsgefahr. Doch im Leben der Arbeiterklasse ist dies nicht die generelle Regel. Wenn man alle Debatten auf diese Ebene stellt, endet man schlussendlich in der Idee, dass die Debatte an sich Ausdruck einer Krise ist.

Ein anderes Problem, welches mehr in der Praxis als in theoretisierter Version besteht, ist das Verhalten, in einer Debatte die Anderen so schnell wie möglich von der richtigen Position überzeugen zu wollen. Diese Angehensweise führt zur Ungeduld, der Haltung, die Diskussion monopolisieren und in gewisser Weise den „Gegner ausschalten" zu wollen. Diese Haltung führt nur zu Schwierigkeiten, wirklich zu verstehen, was die Anderen sagen. Es ist sicher richtig, dass es sonst im Leben, in einer vom Individualismus und der Konkurrenz geprägten Gesellschaft, schwer ist zu lernen, den Anderen zuzuhören. Aber verschlossene Ohren führen zu einer Abwendung von der Welt, genau zum Gegenteil einer revolutionären Haltung. In diesem Sinne ist es wichtig zu verstehen, dass das Wichtigste in einer Debatte ihr Platz ist, dass sie sich entwickeln kann, dass es eine breitest mögliche Beteiligung daran gibt und eine wirkliche Klärung daraus hervorgeht. Zu guter Letzt trägt auch das kollektive Leben der Arbeiterklasse, wenn es sich entwickeln kann, zur Klärung bei. Der Wille zu einer politischen Klärung wohnt dem Proletariat in seinem Charakter inne; es ist sein Klasseninteresse. Die Arbeiterklasse braucht die Wahrheit, und nicht Verfälschungen. Deshalb, so schrieb Rosa Luxemburg, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das zu sagen, was ist. Verwirrungen sind nicht die Regel oder dominierend in der IKS, doch sie existieren, können gefährlich werden und müssen überwunden werden. Besonders muss gelernt werden, die Debatten nicht zu dramatisieren. Die meisten Diskussionen in unserer Organisation sind nicht Konfrontationen zwischen bürgerlichen und proletarischen Positionen. Es sind Diskussionen, bei denen wir auf der Basis von gemeinsamen Positionen und einem gemeinsamen Ziel eine Vertiefung anstreben und Verwirrungen überwinden wollen.

Die Entwicklung einer wirklichen Debattenkultur in den revolutionären Organisationen ist eines der Hauptanzeichen ihrer Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse, ihrer Fähigkeit, lebendig und offen zu bleiben, und auf die Bedürfnisse der Klasse reagieren zu können. Dies gilt gleichermaßen für die Arbeiterklasse insgesamt, da sie durch ihre eigenen Diskussionen, insbesondere in ihren Vollversammlungen, in der Lage ist, die Lehren aus ihren Erfahrungen zu ziehen und ihr Bewusstsein voranzutreiben. Das Sektierertum und die Verweigerung der Debatte, die heute leider das Merkmal einiger Organisationen des proletarischen Lagers sind, stellen keineswegs einen Beweis für ihre „Unnachgiebigkeit" gegenüber der bürgerlichen Ideologie oder gegenüber bestehenden Konfusionen dar. Im Gegenteil, es handelt sich dabei um einen Ausdruck ihrer Angst, ihre eigenen Positionen zu vertreten, und es ist letzten Endes der Beweis einer mangelnden Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Positionen.

Die Interventionen der eingeladenen Gruppen

Diese Debattenkultur hat unseren ganzen Kongress geprägt. Sie äußerte sich besonders in der Tatsache, dass die eingeladenen Gruppen ihre Erfahrungen und Überlegungen weitergaben.

Die Delegation aus Korea unterstrich dies, als einer ihrer Delegierten sagte, dass er „sehr beeindruckt sei von dem solidarischen Geist, dem kameradschaftlichen Verhältnis untereinander, was im Gegensatz zu seiner bisherigen Erfahrung steht, um was er uns beneidet".

Ein anderer Genosse dieser Delegation gab seine Überzeugung weiter, dass „die Diskussion über die Debattenkultur für die Entwicklung ihrer eigenen Aktivitäten fruchtbar und es wichtig ist, dass sich die IKS nicht als „einzige Gruppe auf der Welt" betrachtet".

Die Delegation der OPOP hat „mit größter Brüderlichkeit einen Gruß an den Kongress" vermittelt und ihre „Zufriedenheit darüber, an einem so wichtigen Ereignis teilnehmen zu können", ausgedrückt. Für die Delegation sei „dieser Kongress nicht lediglich ein wichtiges Ereignis für die IKS, sondern für die Arbeiterklasse als Ganzes. Wir lernen viel mit der IKS. Wir haben in den vergangenen drei Jahren viel gelernt durch den Kontakt, den wir hatten, und die Debatten, die wir zusammen in Brasilien geführt haben. Wir haben schon am vorangegangenen Kongress teilgenommen (derjenige der französischen Sektion der IKS im Jahr 2006) und haben dort die Gewissenhaftigkeit festgestellt, mit der die IKS die Debatte führt, ihre Offenheit für die Debatte, dass sie keine Angst vor einer Debatte hat und auch nicht davor, andere Positionen mit ihren eigenen zu konfrontieren. Ganz im Gegenteil, ihre Haltung ist es, die Debatte voranzutreiben, und wir wollen der IKS dafür danken, dass wir diese Haltung kennen gelernt haben. Wir begrüßen ebenfalls die Art, mit der die IKS die Frage der neuen Generationen angeht, heute und in der Zukunft. Wir lernen vom Erbe, auf das sich die IKS bezieht und das uns von der Arbeiterbewegung seit ihrer Existenz übertragen wird." Gleichzeitig tat die Delegation ihre Überzeugung kund, dass „auch die IKS von der OPOP gelernt habe", vor allem als eine IKS-Delegation in Brasilien an der Seite der OPOP an einer Intervention in einer Arbeitervollversammlung teilnahm, welche von den Gewerkschaften dominiert war.

Auch der Delegierte der EKS unterstrich die Wichtigkeit der Debatte bei der Entwicklung der revolutionären Positionen innerhalb der Arbeiterklasse, besonders für die neuen Generationen: „Ich möchte damit beginnen, die Wichtigkeit der Debatte für die neue Generation zu unterstreichen. Wir haben in unserer Gruppe junge Leute und wir haben uns durch die Debatte politisiert. Wir haben wirklich viel in den Debatten gelernt, vor allem in denen mit jungen Leuten, mit denen wir in Kontakt stehen (...) Ich denke, dass in der Zukunft für die junge Generation die Debatte ein wichtiger Aspekt der politischen Entwicklung sein wird. Wir haben einen Genossen getroffen, der aus einem sehr armen Arbeiterquartier von Istanbul stammt und der älter ist als wir. Er sagte uns, dass in dem Quartier, aus dem er komme, die Arbeiter immer diskutieren wollen. Aber die Linken, die in den Arbeiterquartieren politische Arbeit betreiben, versuchen immer schnell die Debatte abzuwürgen, um „praktische Sachen" zu machen, so wie man es von ihnen erwarten kann. Ich denke die proletarische Kultur, in der man jetzt hier diskutiert und die ich auf diesem Kongress erleben konnte ist eine Verneinung der linken Diskussionsmethode, welche nur ein Konkurrenzkampf darstellt. Ich möchte einige Bemerkungen machen über die Diskussionen unter den internationalistischen Gruppen. Zuerst denke ich, müssen solche Diskussionen so konstruktiv und brüderlich wie möglich sein und wir müssen immer dazu Sorge tragen, dass diese Debatten eine kollektive Anstrengung sind, um zu einer politischen Klärung unter den Revolutionären zu kommen. Dies ist keinesfalls ein Wettkampf oder etwas, das Feindschaften oder Rivalitäten hervorbringen darf. So etwas wäre die komplette Verneinung der kollektiven Anstrengung, zu neuen Schlussfolgerungen zu kommen, um sich damit der Wahrheit anzunähern. Es ist auch wichtig, dass die Debatte unter den internationalistischen Gruppen so regelmäßig wie möglich stattfindet, weil dies viel zur Klärung beiträgt für alle, die international beteiligt sind. Ich denke es ist für die Debatte auch notwendig, offen zu sein gegenüber allen interessierten proletarischen Elementen. Gleichfalls gehe ich davon aus, dass die Debatten für die interessierten revolutionären Elemente zugänglich sind. Eine Debatte begrenzt sich nicht auf diejenigen, die direkt beteiligt sind. Die Debatte selbst, das was diskutiert wird, ist eine große Hilfe für denjenigen, der es lediglich liest. Ich erinnere mich, wie ich noch vor einiger Zeit Angst vor Diskussionen hatte, aber viel lesen wollte. Debatten und ihre Resultate zu lesen hilft enorm viel und deshalb ist es sehr wichtig, die geführten Debatten den Interessierten zugänglich zu machen. Das ist ein Mittel, um sich wirkungsvoll theoretisch und politisch weiterzuentwickeln."

Diese offenherzigen Redebeiträge der Delegierten der eingeladenen Gruppen haben nichts mit Schmeichelei gegenüber der IKS zu tun. So haben die Genossen aus Südkorea auch Kritiken an der Arbeit des Kongresses formuliert, vor allem, dass nicht mehr auf die Erfahrung unserer Intervention in der Bewegung gegen den CPE in Frankreich eingegangen wurde und dass die ökonomische Analyse der Situation in China nicht stärker auf die soziale Lage und die Kämpfe der Arbeiterklasse in diesem Land einging. Alle Delegierten der IKS brachten diesen Kritiken eine große Aufmerksamkeit entgegen, weil sie unserer Organisation erlauben, auf die Sorgen und Erwartungen der anderen Gruppen des proletarischen Lagers einzugehen, und unsere Anstrengung stimulieren, eine so wichtige Situation wie diejenige in China besser zu analysieren. Die Beiträge und Analysen, welche die anderen Gruppen liefern können (vor allem auch aus Ostasien), sind sehr wichtig für unsere eigene Arbeit.

Während des Kongresses selbst, waren die Beiträge der Delegationen wichtig für unser Verständnis der internationalen Situation. Dies vor allem, weil sie uns ein genaues Bild von der Situation in den Ländern gaben, in denen sie leben. Wir können im Rahmen dieses Artikels die Beiträge der Delegationen nicht ausführlich wiedergeben, sie werden in anderen Artikeln unserer Presse Platz finden. Wir geben uns hier damit zufrieden, die wichtigsten Eckpunkte kurz zu erwähnen. Bezüglich des Klassenkampfes hat der Delegierte der EKS darauf bestanden, dass nach der Niederlage der massiven Kämpfe von 1989 heute, angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Lage für die Arbeiter in der Türkei, eine Wiederaufnahme von Arbeiterkämpfen und eine Welle von Streiks mit Fabrikbesetzungen stattfindet. In dieser Situation begnügen sich die Gewerkschaften nicht damit, die Kämpfe so wie gewöhnlich zu sabotieren, sondern sie versuchen auch den Nationalismus unter den Arbeitern zu schüren, indem sie eine Kampagne um die „säkulare Türkei" führen. Die Delegation der OPOP hat aufgezeigt, wie durch die Verbindung zwischen den Gewerkschaften und der gegenwärtigen Regierung (Präsident Lula war der führende Gewerkschaftsboss des Landes gewesen) in Brasilien nun eine Tendenz zu Kämpfen außerhalb des Rahmens der offiziellen Gewerkschaften existiert, eine „Rebellion der Basis", so wie es in der Bewegung unter den Bankangestellten 2003 der Fall gewesen war. Die neuen ökonomischen Angriffe, welche die Regierung Lula vorbereitet, werden die Arbeiterklasse dazu stoßen, sich weiterhin zu Wehr zu setzen, auch wenn die Gewerkschaften eine „kritischere" Haltung gegenüber Lula vorspielen.

Ein anderer wichtiger Beitrag der Delegationen von OPOP und EKS auf dem Kongress betraf die imperialistische Politik Brasiliens und der Türkei. OPOP schilderte wichtige Elemente zu einem besseren Verständnis der Positionierung dieses Landes, das sich einerseits als getreuer Verbündeter der amerikanischen „Weltpolizist-Politik" gibt (vor allem durch die militärische Präsenz in Timor und Haiti, wo es das Kommando über die fremden Truppen führt) und gleichzeitig aber seine eigene Diplomatie mit bilateralen Abkommen entwickelt, vor allem mit Russland (von dem es Flugzeuge kauft) und mit Indien und China (deren Industrieprodukte eine Konkurrenz für die brasilianische Produktion sind). Brasilien entwickelt überdies eine starke regionale imperialistische Macht, bei der es seine Bedingungen gegenüber Ländern wie Bolivien oder Paraguay durchzusetzen beginnt. Der Genosse der EKS hatte einen sehr interessanten Beitrag über das Leben der türkischen Bourgeoise (so über den Konflikt zwischen dem „islamistischen" und dem „laizistischen" Sektor) und deren imperialistische Ambitionen gemacht. Wir können auch diesen Beitrag in diesem Artikel leider nicht ausführlich beschreiben. Die Hauptidee wollen wir aber weitergeben: Das Risiko, dass in einem Nachbargebiet eines der gewalttätigsten imperialistischen Konflikte, im Irak, die türkische Bourgeoise auch in eine dramatische militärische Spirale eintritt und damit die Arbeiterklasse noch mehr den Preis für die kapitalistischen Widersprüche bezahlen muss.

Die Beiträge der Delegationen der eingeladenen Gruppen haben zusammen mit denjenigen der Sektionen der IKS Wertvollstes zur Arbeit des Kongresses und seinem Nachdenken über alle Fragen beigetragen und ihm erlaubt „die internationale Situation zu synthetisieren", wie es die Delegation der SPA aus Südkorea ausdrückte. Wie schon zu Beginn dieses Artikels erwähnt: Eines der Hauptelemente für den Erfolg dieses Kongresses und den Enthusiasmus, der von allen Delegationen zum Abschluss des Kongresses zum Ausdruck gebracht wurde, bestand gerade in der Teilnahme der eingeladenen Gruppen.

Kurz hintereinander fanden zwei internationale Treffen statt: der G8-Gipfel und der Kongress der IKS. Natürlich unterscheiden sich die beiden Treffen hinsichtlich des Einflusses und der unmittelbaren Wirkung, aber es ist wichtig, den großen Gegensatz hinsichtlich des Umfeldes, der Ziele und der Funktionsweise zu unterstreichen. Das eine war ein Treffen hinter Stacheldraht, mit einem unerhörten Aufgebot an Polizei und polizeilicher Repression, bei dem die Deklarationen über die „Ernsthaftigkeit der Debatte", zum „Frieden" und zur „Zukunft der Menschheit" nur eine Verschleierung waren, um die Widersprüche zwischen den kapitalistischen Staaten zu verhüllen, neue Kriege vorzubereiten und ein System zu bewahren, das der Menschheit nichts mehr anzubieten hat. Das andere war ein Treffen von Revolutionären aus 15 Ländern, die gegen alle Verschleierungen und den schönen Schein kämpften und die sich in wahrhaft solidarischen Debatten engagierten, um zur einzigen Perspektive beizutragen, welche die Menschheit retten kann: dem vereinten und internationalen Kampf der Arbeiterklasse mit dem Ziel, den Kapitalismus zu stürzen und den Kommunismus zu etablieren.

Wir wissen dass der Weg dorthin noch lang und schwierig sein wird. Doch die IKS ist überzeugt, dass ihr 17. Kongress ein wichtiger Schritt dabei war.

IKS, Juni 2007


[1] Zur Geschichte der IKS siehe unseren Artikel 30 Jahre IKS: Von der Vergangenheit für die Zukunft lernen, Internationale Revue Nr. 37.

[2] OPOP: Oposição Operária - Arbeiteropposition. Die Gruppe besteht in mehreren Städten Brasiliens; sie wurde Anfang der 1990er Jahre gegründet. Dabei beteiligten sich insbesondere Leute, die mit der CUT (Gewerkschaftsverband) und der Arbeiterpartei (PT) Lulas (gegenwärtig Präsident Brasiliens) gebrochen haben, um proletarische Positionen zu übernehmen - insbesondere in der Frage des Internationalismus, aber auch der Gewerkschaften (Anprangerung dieser Organe als Instrumente der herrschenden Klasse) und des Parlamentarismus (Anprangerung der „demokratischen" Maskerade). Die Gruppe interveniert aktiv in Arbeiterkämpfen (insbesondere im Bankensektor). Die IKS führt seit Jahren solidarische Diskussionen mit dieser Gruppe. Wir haben auch mehrere gemeinsame öffentliche Diskussionsveranstaltungen mit ihnen in Brasilien abgehalten (siehe dazu insbesondere „ICC Public Meetings in Brazil: A strengthening of revolutionary positions in Latin America", in: World Revolution Nr. 292, http://en.internationalism.org/wr/292_brazil_forums.html). Eine Delegation von OPOP beteiligte sich bereits im Frühjahr 2006 am 17. Kongress unserer Sektion in Frankreich (siehe dazu unseren Artikel in Révolution Internationale).

[3] SPA: Socialist Political Alliance. Die Gruppe hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Positionen des Linkskommunismus in Korea bekannt zu machen (insbesondere durch Übersetzungen bestimmter Grundlagentexte des Linkskommunismus) und Diskussionen unter Gruppen und Individuen über diese Positionen in Korea anzuregen. Im Oktober 2006 organisierte die SPA eine internationale Konferenz, an der sich die IKS, die seit mehr als einem Jahr mit dieser Gruppe im Austausch steht, beteiligte (siehe unseren Artikel „Rapport über die Konferenz in Korea, Oktober 2006"in Internationale Revue Nr. 129 (engl., franz., span.). Es sollte angemerkt werden, dass die Teilnehmer dieser Konferenz, die unmittelbar nach den nordkoreanischen Nuklearversuchen stattfand, eine „Internationalistische Erklärung aus Korea angesichts der Kriegsgefahr" verabschiedete (siehe Weltrevolution Nr. 139)

[4] EKS: Enternasyonalist Komünist Sol (Internationale Kommunistische Linke), eine Gruppe, die jüngst in der Türkei gegründet wurde und sich entschlossen auf linkskommunistische Positionen stützt. Wir haben mehrere ihrer Stellungnahmen auf unserer Website veröffentlicht: http://en.internationalism.org/wr/295_eks_basicpositions, http://en.internationalism.org/node/1772.

[5] Das hatte 1999 die IKS jedoch nicht daran gehindert, das Internationale Büro für die Revolutionäre Partei (IBRP) zu ihrem 13. Kongress einzuladen. Wir meinten, dass die Tragweite der imperialistischen Spannungen mitten in Europa (damals wurde Serbien von NATO-Flugzeugen bombardiert) es verlangte, dass die revolutionären Gruppen ihre Streitigkeiten beiseite schieben, um an einem Ort zusammenzukommen, damit man gemeinsam die Folgen dieses Konfliktes untersucht und ggf. eine gemeinsame Erklärung verabschiedet. Leider hatte das IBRP diese Einladung ausgeschlagen.

[6] Da Internasyonalismo politisch präsent war, auch wenn ihre Delegation nicht physisch anwesend sein konnte.

[7] siehe Ausserordentliche Konferenz der IKS: Der Kampf für die Verteidigung der organisatorischen Prinzipien, in: Internationale Revue Nr. 30 und 15. Kongress der IKS: Die Organisation gegenüber den Herausforderungen der Zeit verstärken, in: International Review Nr.114 (engl., franz., span. Ausgabe).

[8] Siehe das Vertrauen und die Solidarität im Kampf des Proletariats, in: Internationale Revue Nr. 31 und 32, sowie Marxismus und Ethik, in Internationale Revue Nr. 39 und 40.