18. Kongress der IKS: Auf dem Weg zur Umgruppierung der internationalistischen Kräfte

Ende Mai dieses Jahres hat die IKS ihren 18. internationalen Kongressabgehalten. Wie wir es bis jetzt immer getan haben, und in der Tradition derArbeiterbewegung vermitteln wir den Lesern und Leserinnen unserer Presse diewichtigsten Resultate dieses Kongresses, da diese Lehren nicht eine interneAngelegenheit unserer Organisation sind, sondern die ganze Arbeiterklassebetreffen, von der wir ein Bestandteil sind. 

In der Aktivitätenresolution der IKS, die durch den Kongressangenommen wurde, schrieben wir:

„Die Beschleunigung der historischen Lage, wie sie in derGeschichte der Arbeiterbewegung noch nie vorgekommen ist, ist durch dasZusammentreffen der beiden folgenden Dimensionen gekennzeichnet:

-   dieAusweitung der ernsthaftesten offenen Wirtschaftskrise in der Geschichte desKapitalismus, verbunden mit der Zuspitzung der imperialistischen Spannungen undseit 2003 einem langsamen, aber sich ausweitenden Voranschreiten der Reifung inder Arbeiterklasse, sowohl in der Tiefe als auch in der Breite;

-   unddie Entfaltung einer internationalistischen Milieus, die vor allem in denLändern der Peripherie des Kapitalismus spürbar ist.

Diese Beschleunigung erhöht noch die politische Verantwortungder IKS, stellte noch höhere Anforderungen an sie hinsichtlich dertheoretischen/politischen Analyse und der Intervention im Klassenkampf undgegenüber den Leuten, die auf der Suche sind (...)".

Die Bilanz, die wir nach dem 18. internationalen Kongressunserer Organisation ziehen können, misst sich also an ihrer Fähigkeit, dieserVerantwortung gerecht zu werden.

Für eine wirkliche und ernsthafte kommunistische Organisationist es immer heikel, lauthals zu verkünden, dass diese oder jene Aktion einErfolg gewesen sei. Dies aus verschiedenen Gründen.

Zunächst einmal deshalb, weil sich die Frage, ob eineOrganisation, die für die kommunistische Revolution kämpft, ihrer Verantwortunggewachsen ist, nicht kurzfristig beurteilen lässt, sondern nur auf lange Sicht,denn obwohl eine solche Organisation ständig in der geschichtlichen Realitätder Gegenwart verankert ist, besteht ihre Rolle meistens nicht darin, dieseunmittelbare Realität zu beeinflussen, mindestens nicht im grossen Stil,sondern die zukünftigen Ereignisse vorzubereiten.

Zweitens aber auch deshalb, weil bei den Mitgliedern einerkommunistischen Organisation immer die Gefahr besteht, die „Dinge zubeschönigen", überaus nachlässig zu sein gegenüber den Schwächen einesKollektivs, für dessen Existenz sie sich hingeben, ihre ganze Energie einsetzenund das sie dauernd gegen Angriffe verteidigen müssen, die von den offenen undversteckten Verteidigern der kapitalistischen Gesellschaft gegen es geführtwerden. Die Geschichte zeigt uns, dass es immer wieder überzeugte und dem Zieldes Kommunismus treue Militante gegeben hat, die aus „Parteipatriotismus" blindwaren, die Schwächen, das Entgleisen, ja den Verrat ihrer Organisation zuerkennen. Auch heute gibt es unter den Leuten, die eine kommunistischePerspektive verteidigen, solche, die meinen, dass ihre Gruppe, deren Mitgliederman oft an den Fingern einer Hand zählen kann, die einzige „InternationaleKommunistische Partei" sei, der sich eines Tages die proletarischen Massenanschliessen würden, solche, die keine Kritik hören und keine Debatte führenund meinen, alle anderen Gruppen des proletarischen Milieus seienFälscher.  

Im Bewusstsein dieser Gefahr, sich Illusionen zu machen, undmit der nötigen Vorsicht, die sich daraus ergibt, scheuen wir uns nicht zubehaupten, dass der 18. Kongress der IKS sich auf der Höhe der Anforderungenbefand, wie sie weiter oben erwähnt worden sind, und dass er dieVoraussetzungen geschaffen hat, damit wir unsere Aktivitäten auf diesem Wegfortsetzen können.

Wir können hier nicht über alle Faktoren, die diese Behauptungstützen, Rechenschaft ablegen. Wir heben hier nur die wichtigsten hervor:

-   dieTatsache, dass der Kongress mit der Ratifizierung der Integration zweier neuerterritorialer Sektionen der IKS eröffnet werden konnte, nämlich der Sektionenauf den Philippinen und in der Türkei;

-   dieAnwesenheit von vier Gruppen des proletarischen Milieus;

-   diePolitik der Öffnung unserer Organisation gegenüber aussen, welche namentlichdurch diese Teilnahme anderer Gruppen veranschaulicht wird;

-   derWille unserer Organisation, sich mit möglichst grosser Klarheit mit denSchwierigkeiten und Schwächen zu beschäftigen, die wir überwinden müssen;

-   diebrüderliche und begeisterte Stimmung, von der die Arbeiten des Kongressesgetragen waren. 

DieAufnahme von zwei neuen territorialen Sektionen

Unsere Presse hat bereits darüber berichtet, dass auf denPhilippinen und in der Türkei zwei neue Sektionen der IKS entstanden sind (derKongress war zuständig dafür, die Integrationen, die das Zentralorgan unsererOrganisation im Januar 2009 beschlossen hat, zu bestätigen).[1]Wie wir bei dieser Gelegenheit festgehalten hatten: „Die Integration dieserbeiden neuen Sektionen in unsere Organisation erweitert somit beträchtlich diegeographische Ausdehnung der IKS." Wir hoben auch die beiden folgendenTatsachen bezüglich dieser Integrationen hervor:

-   Sieberuhten nicht auf einer Hauruck-„Rekrutierung" (welche Mode ist bei denTrotzkisten und leider auch bei gewissen Gruppen des proletarischen Lagers),sondern waren das Ergebnis, wie dies bei der IKS üblich ist, einer Arbeit mitVertiefungsdiskussionen während mehrerer Jahre mit den Genossen von EKS in derTürkei und Internasyonalismo auf den Philippinen, eines Prozesses, über den wirin unserer Presse Zeugnis ablegten;

-   sie widerlegten den Vorwurf des„Eurozentrismus", der oft gegen unsere Organisationen erhoben wird.

Die Aufnahme von zwei neuen Sektionen ist nicht etwasAlltägliches für unsere Organisation. Die letzte Integration geht ins Jahr 1995zurück, als die Schweizer Sektion aufgenommen wurde. Das heisst, dass dieAnkunft dieser beiden neuen Sektionen (die auf die Bildung eines Kerns inBrasilien 2007 folgte) von der Gesamtheit der Mitglieder als ein sehr wichtigesund positives Ereignis empfunden wurde. Sie bestätigt einerseits die Analyse,die unsere Organisation seit einigen Jahren über das neue, in der gegenwärtigenhistorischen Situation angelegte Potential zur Entwicklung desKlassenbewusstseins macht, andererseits die Gültigkeit der Politik, die wirgegenüber den Gruppen und Einzelpersonen führen, die sich den revolutionärenPositionen zuwenden. Dies gilt umso mehr, als am Kongress Delegationen von vierGruppen des internationalistischen Milieus anwesend waren. 

DieAnwesenheit von internationalistischen Gruppen

In der Bilanz, die wir über denvorangegangenen Kongress der IKS zogen, unterstrichen wir, wie wichtig die(nach Jahrzehnten wieder erstmalige) Anwesenheit von vier Gruppen desinternationalistischen Milieus war, die aus Brasilien, Südkorea, denPhilippinen und der Türkei kamen. Dieses Mal waren wieder vier Gruppen diesesMilieus anwesend. Doch war dies nicht Ausdruck eines Stillstandes, denn zweider Gruppen, die am letzten Kongress als Gäste dabei waren, sind seither Sektionender IKS geworden, und wir haben das Vergnügen gehabt, zwei neue Gruppen zuempfangen: eine zweite Gruppe aus Korea und eine Gruppe aus Zentralamerika(Nicaragua und Costa Rica), die LECO (Liga por la emancipación de la claseobrera), die auch schon am „Treffen von internationalistischen Kommunisten"[2] teilgenommen hatte, das in diesem Frühjahr inLateinamerika auf Anregung der IKS und der OPOP stattgefunden hatte, derinternationalistischen Gruppe in Brasilien, mit der unsere Organisation schonseit mehreren Jahren brüderliche und sehr positive Beziehungen unterhält. DieseGruppe nahm erneut am Kongress teil. Noch weitere Gruppen, die an jenem Treffenin Lateinamerika teilgenommen hatten, waren ebenfalls zum Kongress eingeladenworden, konnten aber keine Delegation schicken, da Europa sich je länger jemehr in eine Festung gegenüber Personen verwandelt, die nicht zum sehr kleinenund geschlossenen Kreis der „reichen Länder" gehören.

Die Anwesenheit von Gruppen desinternationalistischen Milieus war ein sehr wichtiger Faktor für den Erfolg desKongresses und insbesondere auch für die Stimmung bei den Diskussionen. DieseGenossen gingen mit den Mitgliedern unserer Organisation sehr herzlich um,warfen Fragen auf, insbesondere zur Wirtschaftskrise und zum Klassenkampf, diefür uns und unsere internen Debatten ungewohnt waren und somit die Reflexion inder ganzen Organisation nur anregen konnten.

Schliesslich stellte die Teilnahme dieserGenossen ein zusätzliches Element bei der Politik der Öffnung dar, die sich dieIKS seit einigen Jahren als Ziel vorgenommen hat - einer Öffnung gegenüber denanderen proletarischen Gruppen, aber auch gegenüber Leuten, die sichkommunistischen Positionen annähern. Eine Öffnung auch unserer Sorgen undReflexionen, namentlich hinsichtlich der Forschung und der Entdeckungen aufwissenschaftlichem Gebiet[3], die sich konkretisiert hat in der Einladung einesMitgliedes der Wissenschaftszunft zu einer Sitzung des Kongresses.

DieEinladung eines Wissenschafters

Um auf unsere Weise das „Darwin-Jahr" zu begehen und einer inunserer Organisation stattfindenden Entwicklung des Interesses fürwissenschaftliche Fragen Rechnung zu tragen, fragten wird einen Forscher, dersich auf das Thema der Entstehung der Sprache spezialisiert hat (und Autoreinen Werks mit dem Titel Aux origines du langageist), ob er auf dem Kongress eine Einführung in seine Arbeiten mache, dienatürlich auf der Darwinschen Methode beruhen. Die neuen Ideen Jean-LouisDessalles'[4]auf dem Gebiet der Sprache, zu ihrer Rolle bei der Entwicklung dergesellschaftlichen Beziehungen und der Solidarität in der Gattung Mensch,stehen in Zusammenhang mit den Ideen und Diskussionen, die in unsererOrganisation zu Themen wie Ethik oder Debattenkultur geführt werden. Auf dieEinführung dieses Forschers folgte eine Debatte, die wir gezwungen waren,vorzeitig zu einem Ende zu bringen (da wir unter dem Druck der Tagesordnungstanden), die aber ohne weiteres noch Stunden hätte dauern können - so starkwar die Leidenschaft, in welche sich die meisten Teilnehmer und Teilnehmerinnendes Kongresses durch die aufgeworfenen Fragen versetzen liessen.

Wir möchten hier Jean-Louis Dessalles noch einmal für dieseTeilnahme danken, der - obwohl keineswegs einig mit unseren politischen Ideen -sehr herzlich und unter Hingabe eines Teils seiner Zeit dazu beigetragen hat,die Reflexion in unserer Organisation zu bereichern. Wir möchten ebenfalls diefreundliche und angenehme Art seiner Antworten hervorheben, die er auf dieFragen und Einwände der IKS-Mitglieder gab. 

Die amKongress geführten Diskussionen

Die Arbeit des Kongresses drehte sich um die klassischenPunkte einer solchen Tagung:

-   dieAnalyse der internationalen Lage;

-   dieTätigkeiten und das Leben unserer Organisation.

Die Resolution zur internationalen Lage ist eine ArtZusammenfassung der Diskussionen am Kongress über die Einschätzung deraktuellen Weltlage. Sie kann natürlich nicht auf alle Aspekte eingehen, die inden Diskussionen aufgeworfen wurden (nicht einmal all diejenigen, die in den Berichtenim Vorfeld des Kongresses auftauchten). Sie verfolgt die folgenden dreiHauptziele:

-   diewirklichen Ursachen und Konsequenzen der gegenwärtigen und bisher absoluteinzigartigen Wirtschaftskrise des kapitalistischen Systems zu begreifenangesichts aller Verschleierungen, welche die Verteidiger des Systemsunablässig kolportieren;

-   dieAuswirkungen der Machtergreifung in den USA durch den Demokraten Barack Obamaauf die imperialistischen Auseinandersetzungen zu verstehen, der angekündigtwurde als einer, der etwas Neues zu diesen Konflikten zu sagen habe undHoffnung auf eine Abschwächung derselben wecken soll;

-   die Perspektiven für den Klassenkampfvorzuschlagen, insbesondere unter den neuen Bedingungen der brutalen Angriffe,die das Proletariat aufgrund der Gewalt der Wirtschaftskrise zu erleidenbegonnen hat.

Was den ersten Aspekt betrifft, das Verständnis derKonsequenzen der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus, so gilt es vor allemfolgende Aspekte zu unterstreichen:

„(...) die gegenwärtige Krise (ist) die schlimmste seit dergrossen Depression, welche 1929 einsetzte. (...) So ist die Finanzkrise nicht dieWurzel der gegenwärtigen Rezession. Im Gegenteil, die Finanzkrise verdeutlichtnur die Tatsache, dass die Flucht in die Verschuldung, die die Überwindung derÜberproduktion ermöglicht hatte, nicht endlos lange fortgesetzt werden kann.(...) Auch wenn das kapitalistische System nicht wie ein Kartenhauszusammenstürzen wird (...), bleibt die Perspektive die eines immer stärkerenVersinkens in der historischen Sackgasse und der Vorbereitung von nochgrösseren Erschütterungen als jene, die wir heute erleben."

Selbstverständlich hat der Kongress nicht alle Fragenabschliessend beantworten können, die die gegenwärtige Krise des Kapitalismusaufwirft. Dies einerseits deshalb, weil jeder Tag neue Erscheinungen der Krisebringt, die die Revolutionäre zwingen, die Entwicklung der Lage ständig undaufmerksam zu verfolgen und die Diskussion auf der Grundlage der neuen Elementefortzusetzen. Andererseits aber auch deshalb, weil unsere Organisation beieiner ganzen Anzahl von Gesichtspunkten in der Analyse der Krise desKapitalismus nicht homogen ist. Dies ist unseres Erachtens keineswegs einZeichen der Schwäche der IKS. Vielmehr haben sich die auf marxistischer Grundlagegeführten Debatten über die Frage der Krisen des kapitalistischen Systems durchdie ganze Geschichte der Arbeiterbewegung hindurchgezogen. Die IKS hat auchschon damit begonnen, gewisse Aspekte ihrer internen Debatten über diese Fragezu veröffentlichen[5], dadiese Diskussionen nicht „Privateigentum" unserer Organisation sind, sondernder Arbeiterklasse insgesamt gehören. Und sie ist fest entschlossen, diesen Wegweiter zu verfolgen. So verlangt denn auch die Resolution über die Perspektiveder Aktivitäten unserer Organisation, die der Kongress verabschiedete,ausdrücklich, dass sich die Debatten bei weiteren Fragen der Analyse dergegenwärtigen Krise entwickelt, damit die IKS so gut wie möglich gewappnet ist,um klare Antworten auf die Fragen zu geben, die die Krise der Arbeiterklasseund denjenigen Leuten stellt, die entschlossen sind, sich in den Kampf für eineÜberwindung des Kapitalismus einzureihen.

Betreffend die „neue Tatsache", die durch Wahl Obamasgeschaffen wurde, nimmt die Resolution, wie folgt, Stellung:

„Somit ist die Perspektive, vor der die Welt nach der Wahl vonObama zum Präsidenten der grössten Weltmacht steht, nicht grundsätzlichverschieden von der Lage, die bis heute vorgeherrscht hat: Fortsetzung derKonfrontationen zwischen erst- und zweitrangigen Imperialisten, Fortdauer derKriegsbarbarei mit immer tragischeren Folgen für die direkt betroffeneBevölkerung (Hungersnöte, Epidemie, Flüchtlingsströme)."

Schliesslich versucht die Resolution hinsichtlich derPerspektive des Klassenkampfes die Auswirkungen der brutalen Verschlimmerungder kapitalistischen Krise einzuschätzen, wie dies auch die Genossen amKongress getan haben:

„Die gegenwärtige Zuspitzung der Krise des Kapitalismus bildetein wichtiges Element in der Entwicklung der Kämpfe der Arbeiterklasse. (...)Damit reifen die Bedingungen für eine mögliche Entfaltung der Einsicht in denReihen des Proletariates, dass der Kapitalismus überwunden werden muss. Doch esgenügt nicht, wenn die Arbeiterklasse feststellt, dass der Kapitalismus ineiner Sackgasse steckt und einer anderen Gesellschaft Platz machen sollte,damit sie in die Lage versetzt wird, sich eine revolutionäre Perspektive zugeben. Es braucht auch die Überzeugung, dass eine solche Perspektive möglichist und dass die Arbeiterklasse die Kraft hat, sie umzusetzen. (...) Damit dasBewusstsein über die Möglichkeit der kommunistischen Revolution in derArbeiterklasse wirklich an Boden gewinnen kann, muss diese Vertrauen in ihreeigenen Kräfte gewinnen, und dies geschieht in massenhaften Kämpfen. Dergewaltige Angriff, der schon jetzt auf Weltebene gegen sie geführt wird, müssteeine objektive Grundlage für solche Kämpfe darstellen. Doch die wichtigsteForm, in der diese Angriffe stattfinden - Massenentlassungen -, läuft der Entwicklungsolcher Kämpfe zunächst zuwider. (...) Selbst wenn es also in der nächsten Zeitkeine bedeutende Antwort der Arbeiterklasse auf die Angriffe gibt, dürfen wirnicht denken, dass sie aufgehört habe, für die Verteidigung ihrer Interessen zukämpfen. Erst in einer zweiten Phase (...) werden sich Arbeiterkämpfe ingrösserem Ausmass entwickeln können." 

DieDiskussion über die Aktivitäten und das Leben der IKS

Ein Bericht wurde vorgestellt, der dazu bestimmt war, diewichtigsten gegenwärtig vertretenen Positionen in den laufendenVertiefungsdiskussionen in der IKS zusammenzufassen. Ein wichtiger Teil dieserDiskussionen war in den vorangegangenen zwei Jahren der Wirtschaftsfragegewidmet. Auf die Divergenzen, die sich dabei entwickelten, haben wir schonweiter oben im vorliegenden Artikel hingewiesen.

Ein weiterer Teil unserer Diskussionen betraf die Frage des menschlichenWesens, der menschlichen Natur,die auch zu einer leidenschaftlichen Debatte führte, die von zahlreichen undwertvollen Beiträgen gespiesen wurde. Diese Debatte ist noch lange nichtabgeschlossen, zeigt aber eine allgemeine Übereinstimmung mit denOrientierungstexten, die wir in der InternationalenRevue veröffentlicht haben, nämlich DasVertrauen und die Solidarität im Kampf des Proletariats(Nr. 31 und 32), Marxismus und Ethik(Nr. 39 und 40) oder Die Debattenkultur: eine Waffe desKlassenkampfs (Nr. 41), wobei es noch zahlreicheFragezeichen oder Vorbehalte beim einen oder anderen Aspekt gibt. Sobald dieseMeinungsunterschiede genügend herausgearbeitet sind, um ausserhalbveröffentlicht zu werden, wird die IKS in der Tradition der Arbeiterbewegungdiesen Schritt vollziehen. Es bleibt an dieser Stelle anzumerken, dass einGenosse der belgisch-holländischen Sektion kürzlich tiefe Unstimmigkeiten mitden drei zuvor zitierten Texten zum Ausdruck gebracht hat („kürzlich", bezogenauf die doch teilweise schon weit zurückliegende Erstveröffentlichung derTexte), wobei er diese als unmarxistisch betrachtet und die Organisationinzwischen verlassen hat. 

Was die Diskussionen über die Aktivitäten und das Leben derIKS betrifft, zog der Kongress für die massgebende Zeit eine positive Bilanz,wenn auch Schwächen blieben, die es zu überwinden gilt:

„Die Bilanz der Aktivitäten der letzten zwei Jahre zeigt die politischeVitalität der IKS, ihre Fähigkeit, mit der geschichtlichen Situation inTuchfühlung zu sein, sich zu öffnen, eine aktive Rolle bei der Entwicklung desKlassenbewusstseins zu spielen, ihren Willen, sich für Initiativen einergemeinsamen Arbeit mit anderen revolutionären Kräften zu engagieren. (...) Aufder Ebene des internen Organisationslebens ist die Bilanz der Tätigkeiten auchpositiv trotz wirklicher Schwächen, die insbesondere auf der Ebene desOrganisationsgewebes und in geringerem Ausmass bei der Zentralisierung weiterbestehen" (Aktivitätenresolution der IKS).

Der Kongress widmete einen Teil derDiskussionen der Aufgabe, die organisatorischen Schwächen zu untersuchen, diees bei uns gibt. Diese sind nicht eine „Besonderheit" der IKS, sondern vielmehrdas Los aller Organisationen der Arbeiterbewegung, die ständig dem Gewicht derherrschenden bürgerlichen Ideologie unterworfen sind. Die wirkliche Stärkedieser Organisationen, die namentlich bei den Bolschewiki zum Ausdruck kam,bestand jeweils darin, in der Lage zu sein, die Schwächen mit möglichst grosserKlarheit anzupacken, um sie zu bekämpfen. Von diesem Geist waren die Debattenam Kongress über diese Frage beseelt.

Einer der diskutierten Punkte betraf dieSchwächen, von denen unsere Sektion in Belgien-Holland betroffen war, aus dereine kleine Zahl von Mitgliedern kürzlich austrat, und zwar in der Folge vonAnschuldigungen, die der Genosse M. erhob. Seit einiger Zeit beschuldigtedieser unsere Organisation und insbesondere die ständige Kommission ihresZentralorgans, sich von der Debattenkultur abzuwenden, über die dervorangegangene Kongress lange diskutiert[6] und die der Kongress als unabdingbar für die Fähigkeitrevolutionärer Organisationen erachtet hatte, ihre Verantwortung wahrzunehmen.Der Genosse M., der eine Minderheitsposition bei der Analyse derWirtschaftskrise vertrat, fühlte sich als Opfer einer „Ächtung" (Ostrazismus)und fand, dass seine Positionen absichtlich „diskreditiert" worden seien, damitdie IKS nicht darüber diskutieren könne. Mit diesen Anschuldigungenkonfrontiert, beschloss das Zentralorgan der IKS, dass eine besondereKommission gebildet werden sollte, deren drei Mitglieder der Genosse M. selberbestimmte und die nach monatelanger Arbeit mit Anhörungen und der Untersuchungvon Hunderten von Seiten von Dokumenten zum Schluss gelangte, dass dieAnschuldigungen nicht berechtigt waren. Der Kongress konnte nur bedauern, dassder Genosse M. und ein Teil der weiteren Genossen, die ihm folgten, nicht dieBekanntgabe der Schlussfolgerungen dieser Kommission abwarteten, bevor sieentschieden, die IKS zu verlassen.

Tatsächlich konnte der Kongress insbesondere in der Diskussionüber die internen Debatten feststellen, dass es heute in unserer Organisationeine echte Sorge für die Entfaltung ihrer Debattenkultur gibt. Und es warennicht nur die Mitglieder der IKS, die dies feststellten: Die Delegierten dereingeladenen Organisationen zogen die gleichen Schlussfolgerungen aus denArbeiten des Kongresses:

„Die Debattenkultur der IKS, der Genossen der IKS ist sehreindrücklich. Wenn ich nach Korea zurückkehre, werde ich meine Erfahrungenmeinen Genossen dort weitergeben." (eine der Gruppen aus Korea)

„Er (der Kongress) ist eine gute Gelegenheit, um meinePositionen zu klären; in vielen Diskussionen habe ich eine wirklicheDebattenkultur vorgefunden. Ich denke, dass ich viel tun muss, um dieBeziehungen zwischen (meiner Gruppe) und der IKS zu verstärken und ich habe dieAbsicht, dies zu tun. Ich hoffe, dass wir eines Tages zusammen arbeiten könnenfür eine kommunistische Gesellschaft." (die andere Gruppe aus Korea)[7]

Die IKS pflegt die Debattenkultur nicht einfach alle zweiJahre einmal aus Anlass ihres internationalen Kongresses, sie ist auchständiger Teil der Beziehung zwischen beispielsweise der Gruppe OPOP und uns,wie eine Intervention der Delegation von OPOP in der Diskussion über dieWirtschaftskrise bezeugte. Diese Beziehung sei fähig sich zu vertiefen trotzder Divergenzen in verschiedenen Fragen, wie namentlich der Analyse der Wirtschaftskrise:„Ich möchte im Namen von OPOP die Wichtigkeit dieses Kongresses unterstreichen.Für OPOP ist die IKS eine Schwesterorganisation, so wie die Partei von Leninund diejenige von Rosa Luxemburg Geschwister waren. Das heisst, dass es beiihnen, trotz Divergenzen über eine ganze Reihe von Gesichtspunkten, Meinungenund auch theoretischen Auffassungen, eine programmatische Einheit gab, was dieNotwendigkeit eines revolutionären Umsturzes der bürgerlichen Ordnung und derErrichtung einer Diktatur des Proletariats betrifft, der sofortigen Enteignungder Bourgeoisie und des Kapitals."

Die andere Schwierigkeit, die die Aktivitätenresolutionhervorhebt, betrifft die Frage der Zentralisierung. Nicht zuletzt mit derAbsicht, diese Schwierigkeiten zu überwinden, stellte der Kongress auch eineDiskussion über einen allgemeineren Text zur Zentralisierung auf dieTagesordnung. Diese Diskussion war nicht nur nützlich, um die kommunistischeAuffassung über dieses Thema bei der alten Garde aufzufrischen und zu präzisieren,sondern erwies sich auch als überaus wichtig für die neuen Genossen undGenossinnen und die neuen Sektionen, die kürzlich in die IKS aufgenommenwurden.

In der Tat war ein Wesenszug des 18. Kongresses der IKS dieTeilnahme einer beträchtlichen Anzahl „neuer Köpfe", was alle „Alten" mit einergewissen Überraschung feststellten, wobei bei den Neuen die junge Generationbesonders vertreten war. 

DieBegeisterung für die Zukunft

Dass die Jugend an diesem Kongress sostark auftrat, machte einen wichtigen Teil der Dynamik und der Begeisterung inseinem Verlauf aus. Ganz anders als die bürgerlichen Medien betreibt die IKSkeinen „Kult der Jugend"; doch die Ankunft einer neuen Generation vonMitgliedern in unserer Organisation ist höchst bedeutungsvoll für die Perspektiveder proletarischen Revolution. Einerseits stellt sie - wie bei einem Eisberg -den „sichtbaren Teil" eines tiefer greifenden Prozesses der Bewusstseinsreifungin der Arbeiterklasse dar. Andererseits schafft sie die Bedingungen für dieAblösung der kommunistischen Kräfte. Wie es die Resolution über dieinternationale Lage, die auf dem Kongress verabschiedet wurde, formuliert: „DerWeg ist lang und schwierig, aber das soll die Revolutionäre nicht entmutigen,soll sie nicht in ihren Bemühungen um den proletarischen Kampf lähmen. Ganz imGegenteil!" Auch wenn die „alten" Mitglieder der IKS ihre ganze Überzeugung undihr Engagement beibehalten, so wird es doch an dieser neuen Generation liegen,einen entscheidenden Beitrag zu den zukünftigen revolutionären Kämpfen desProletariats zu leisten. Und schon heute zeugen mehrere Qualitäten der neuenGeneration, die als solche von ihren am Kongress anwesenden Vertretern aucherkannt wurden, von der Fähigkeit, diese Verantwortung zu übernehmen: derbrüderliche Geist, der Wille zum Zusammentreffen, zur gemeinsamen Offenlegungder Fallen, die uns die Bourgeoisie stellt, das Verantwortungsgefühl. Dies kamunter anderem zum Ausdruck in der Intervention des jungen Delegierten von LECOzum internationalistischen Treffen, das im letzten Frühjahr in Lateinamerikastattfand: „Die Debatte, die wir zu entwickeln beginnen, führt Gruppen undIndividuen zusammen, die auf proletarischer Grundlage eine Einheit suchen,benötigt Räume der internationalistischen Debatte und braucht diesen Kontaktmit den Delegierten der Kommunistischen Linken. Die Radikalisierung der Jugendund der Minderheiten in Lateinamerika, in Asien, werden es ermöglichen, dassdieser Bezugspol von noch mehr Gruppen erkannt wird, die sowohl an Mitgliederwie auch politisch wachsen werden. Das gibt uns die Mittel für dieIntervention, für den Kampf gegen die linksbürgerliche Ideologie, den„Sozialismus des 21. Jahrhunderts", den Sandinismus etc. Die gemeinsamePosition des Lateinamerikanischen Treffens ist schon ein proletarischesWerkzeug. Ich begrüsse die Interventionen der Genossen, die einen wirklichenInternationalismus ausdrücken, eine Sorge für diesen politischen undzahlenmässigen Fortschritt der Kommunistischen Linken auf Weltebene."

IKS 12. Juli 2009

 


[1] Vgl. Ein Willkommensgruss an die neuenSektionen der IKS in der Türkei und den Philippinen inWeltrevolution Nr. 153 und aufder Webseite.

 

[2] Vgl. zu diesem Treffen unseren Artikel Stellungnahmeeines Treffens kommunistischer Internationalisten in Lateinamerika in Weltrevolution Nr. 154 und auf unserer Webseite.

 

[3] Wie dies schon in verschiedenen Artikeln zum Ausdruck gekommen ist,die wir neulich zu Darwin und zum Darwinismus veröffentlicht haben.

 

[4] Wer sich ein Bild über diese Reflexionen machen will, kann dieWebseite Jean-Louis Dessalles' besuchen: http://perso.telecom-paristech.fr/~jld

 

[5] Vgl. insbesondere in dieser Revue den Artikel Interne Debatte in derIKS (III): Die Ursachen für dieAufschwungperiode nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

[6] Vgl. dazu Der 17. Kongress der IKS: Eineinternationale Verstärkung des proletarischen Lagersin Internationale Revue Nr. 40 und unseren Orientierungstext DieDebattenkultur: Eine Waffe des Klassenkampfes in InternationaleRevue Nr. 41.

 

[7] Dieser Eindruck über die Qualität der am Kongress gepflegtenDebattenkultur wurde auch durch den von uns eingeladenen Wissenschafterhervorgehoben. Er schickte uns die folgende Nachricht: „Danke noch für dieausgezeichnete Interaktion, die ich mit der Marx-Gemeinde haben konnte. Ich habewirklich einen sehr guten Augenblick erlebt."