Das 20. Jahrhundert: die nationale Befreiung – ein starkes Glied in der imperialistischen Kette

II. 1919-1945: HINTER DER "NATIONALEN BEFREIUNG" - DIE IMPERIALISTISCHEN MANÖVER

Der 1. Weltkrieg bedeutete das Ende der aufsteigenden Phase des Kapitalismus. Gleichzeitig begann damit der Abstieg in den Sumpf des Kampfes der Nationalstaaten um die Aufteilung eines im Wesentlichen gesättigten Weltmarktes. Einst ein Instrument zur Verbreitung der kapitalistischen Verhältnisse und der Entwicklung der Produktivkräfte, haben sich die nationalen Befreiungskämpfe und die Bildung neuer Nationen nun zu einem Teil des Räderwerks, der Verkettung der allgemeinen imperialistischen Spannungen zwischen den verschiedenen kapitalistischen Lagern entwickelt. Schon vor dem 1. Weltkrieg, während der Kriege auf dem Balkan, die Serbien, Montenegro, Albanien die Unabhängigkeit gebracht hatten, hatte Rosa Luxemburg festgestellt, dass diese neuen Nationen ein ebenso imperialistisches Verhalten zeigten wie die alten Mächte und dass sie Teil dieser blutigen Spirale waren, die zum allgemeinen Krieg führte: „Serbien ist allerdings formal im nationalen Verteidigungskrieg. Aber die Tendenzen seiner Monarchie und seiner herrschenden Klasse gehen, wie die Bestrebungen der herrschenden Klassen in allen heutigen Staaten, auf Expansion, unbekümmert um nationale Grenzen, und bekommen dadurch aggressiven Charakter. So geht auch die Tendenz Serbiens nach der Adriaküste, wo es mit Italien einen echt imperialistischen Wettstreit auf dem Rücken der Albaner auszufechten hat (...) Die Hauptsache ist jedoch dies: Hinter dem serbischen Nationalismus steht der russische Imperialismus" (R. Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie, Kapitel 7, Ges. Werke Bd. 4, S. 141)

Nach dem Ende des 1. Weltkriegs, der durch die revolutionären Kämpfe der Arbeiterklasse gestoppt worden war, stand die Welt vor zwei entgegengesetzten Perspektiven: die Ausdehnung der Weltrevolution oder das Überleben des Kapitalismus, der im Morast der Krise und Kriege versank. Die Niederschlagung der weltweiten Welle von Kämpfen brachte auch die Verschärfung der Spannungen zwischen dem Siegerblock, Großbritannien und Frankreich, und dem Verlierer Deutschland mit sich. All das wurde noch verschärft durch die Ausdehnung des Einflusses der USA, die eine Bedrohung für alle anderen darstellte.

Vor diesem weltweiten geschichtlichen Hintergrund - und nicht aus dem Blickwinkel eines einzelnen Landes - muss man die „nationale Befreiung" betrachten.

„Vom marxistischen Standpunkt aus ist es unsinnig, vom Imperialismus zu sprechen und dabei nur die Lage eines Landes zu sehen, während doch die kapitalistischen Länder aufs engste miteinander verknüpft sind. Und jetzt, während des Krieges, ist diese Verknüpfung noch unvergleichlich stärker. Die ganze Menschheit ist zu einem einzigen blutigen Knäuel verschlungen, und ein isoliertes Sichherauswinden ist nicht möglich. Wenn es auch mehr und weniger entwickelte Länder gibt, so hat doch der gegenwärtige Krieg sie alle derart miteinander verkettet, dass die Herauslösung eines einzelnen Landes unmöglich und unsinnig erscheint"

Dank dieser Herangehensweise können wir begreifen, wie die nationale Befreiung zum Schlachtruf der imperialistischen Politik aller Staaten wurde. Die direkten Sieger des 1. Weltkrieges, Großbritannien und Frankreich, haben sich darauf gestützt, um die Zerstückelung der besiegten Länder zu rechtfertigen (das österreichisch-ungarische, das osmanische und das Zarenreich) und einen Ring um die Oktoberrevolution in Russland zu legen. Die USA haben dieses Prinzip zu einer universellen Doktrin, zum Prinzip des Völkerbundes erhoben, um einerseits gegen die proletarische Revolution anzukämpfen und andererseits die Kolonialreiche Großbritanniens und Frankreichs zu destabilisieren, die damals die Haupthürde bei der imperialistischen Ausdehnung der USA darstellten. Und Deutschland hatte von Beginn der 20er Jahre an die Forderung nach der „nationalen Unabhängigkeit" gegen den Versailler Vertrag mit dem Hintergedanken verkündet, so zur Wiedereroberung seiner imperialistischen Position zu gelangen. Das „gerechte und fortschrittliche" Prinzip der „nationalen Befreiung" Deutschlands, das von der KPD und der Komintern ab ihrem 2. Kongress 1923 vertreten wurde, stellten die Nazis als ein „Recht Deutschlands auf Lebensraum" dar. Das Italien Mussolinis betrachtete sich ebenfalls als eine proletarische Nation (1) und forderte seine „natürlichen Rechte" in Afrika und auf dem Balkan ein.

(Lenin, 7. Gesamtrussische Konferenz der SDAPR(B), Mai 1917, Referat zur politischen Lage).

Der Versailler Vertrag

Anfang der 20er Jahre haben die Siegermächte versucht, eine „neue Weltordnung" aufzubauen, die ihren Interessen entsprach.

Hauptinstrument zu diesem Zweck war der Versailler Vertrag von 1919, der offiziell auf dem „demokratischen Frieden und dem Selbstbestimmungsrecht der Völker" fußte und der einer ganzen Reihe von Nationen in Ost- und Mitteleuropa die Unabhängigkeit brachte: Finnland, das Baltikum, die Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Polen.

Die Unabhängigkeit dieser Nationen entsprach zwei Zielen des französischen und britischen Imperialismus: Einerseits sollte damit der proletarischen Revolution entgegengetreten werden und andererseits wollte man damit einen Ring von freundlich gesinnten Nationen um den besiegten deutschen Imperialismus legen, um dessen Ausdehnung in diese Region zu versperren; denn Mittel- und Osteuropa waren aus strategischen, wirtschaftlichen und anderen Gründen das „natürliche Einflussgebiet" des deutschen Imperialismus.

Selbst der ausgekochteste Machiavellist (*) hätte keine instabileren Staaten in die Welt setzen können. Diese o.g. Staatsgebilde waren von Anfang an gewalttätigen Konflikten im Innern ausgesetzt und samt und sonders der Vorherrschaft der überlegenen Mächte unterworfen, um deren kriegerischen Zwecken zu dienen. Die Tschechoslowakei umfasste zwei historisch miteinander rivalisierende Nationalitäten, die Tschechen und Slowaken, und eine größere deutsche Minderheit im Sudetenland. In den baltischen Staaten lebten größere polnische, russische und deutsche Minderheiten. In Rumänien waren es ungarische, in Bulgarien türkische Minderheiten. Und in Polen wiederum Deutsche. Aber das Meisterstück war zweifelsohne Jugoslawien (heute wieder eine traurige Aktualität angesichts der schrecklichen Blutbäder). Die „neue Nation" umfasste sechs Nationalitäten auf den unterschiedlichsten wirtschaftlichen Entwicklungsstufen (angefangen vom wirtschaftlich hohen Niveau Sloweniens bis zum halb-feudalen Montenegro). Auch befanden sich die wirtschaftlich am stärksten entwickelten Regionen jeweils in Grenzgebieten: Slowenien liegt Österreich gegenüber, die Woiwodina, in Serbien gelegen, ist eine Verlängerung der ungarischen Ebene, Mazedonien ist durch die Ausläufer der Karpaten vom Rest der Republik abgetrennt, aber geographisch mit Griechenland und Bulgarien verbunden. Zudem berufen sich die verschiedenen Nationalitäten auf drei verschiedene Religionen, die sich in der Geschichte wiederholt feindlich gegenübergestanden haben: die Gruppe der Katholiken, der Orthodoxen und der Moslems. In den Siedlungsgebieten jeder dieser „Nationalitäten" waren auch jeweils Minderheiten aus den benachbarten Nationalitäten und - schlimmer noch - aus den Nachbarstaaten ansässig: die albanischen und ungarischen Minderheiten in Serbien, italienische und serbische Minderheiten in Kroatien, serbische, muslimische und kroatische Minderheiten in Bosnien-Herzegowina.

„Die neuen bürgerlichen Kleinstaaten sind nur Nebenprodukte des Imperialismus. Der Imperialismus schuf sich als zeitweilige Stütze eine Kette kleinerer Nationalstaaten, die offen unterdrückt oder offiziell protegiert werden, in Wirklichkeit aber Vasallen sind: Österreich, Ungarn, Polen, Südslawien, Böhmen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Armenien, Georgien und andere. Er herrscht über sie mit Hilfe der Banken, Eisenbahnen, der Kohlenmonopole und verdammt sie zu unerträglichen wirtschaftlichen und nationalen Schwierigkeiten, endlosen Konflikten und blutigen Zusammenstößen"

Die neuen Nationen offenbarten von Anfang an ein eindeutig imperialistisches Gebaren, wie die Komintern aufzeigte. „Die künstlich zersplitterten Kleinstaaten, die wirtschaftlich in ihren Grenzen ersticken, zerfleischen sich und führen Krieg um Häfen, Provinzen, wichtige Städtchen. Sie suchen die Protektion der größeren Staaten, deren Gegensätze von Tag zu Tag immer mehr wachsen" (ebenda).

So machte Polen seine imperialistischen Ansprüche gegenüber der Ukraine deutlich, als es einen Krieg gegen die proletarische Bastion in Russland 1920 anzettelte. Auch übte es Druck auf Litauen aus und rief zur Verteidigung der polnischen Minderheit in diesem Land auf. Um Deutschland Paroli zu bieten, verbündete es sich mit Frankreich und unterwarf sich bei der Verfolgung der eigenen imperialistischen Interessen dem westlichen Rivalen Deutschlands.

Das „befreite" Polen erlebte schließlich die schreckliche Diktatur Pilsudskis. Diese Tendenz, sich schnell der Formalitäten der „parlamentarischen Demokratie", die sich in den meisten neuen Ländern entwickelt hatte, zu entledigen (mit Ausnahme Finnlands und der Tschechoslowakei), widersprach der Illusion, die die niedergehende Komintern gehegt hatte, der zu Folge die „nationale Befreiung" von „mehr Demokratie" begleitet werden sollte. Die weltweiten imperialistischen Rahmenbedingungen, ihre eigenen imperialistischen Bestrebungen, die chronische Wirtschaftskrise und ihre von Anfang an herrschende Instabilität haben dazu geführt, dass diese neuen Nationen in der sehr extremen und karikaturhaften Form der Militärdiktaturen die allgemeine Tendenz des dekadenten Kapitalismus zum Staatskapitalismus zum Ausdruck brachten.

Die 30er Jahre haben die imperialistischen Spannungen zum Glühen gebracht. Es wurde offenkundig, dass der Versailler Vertrag kein „Instrument des demokratischen Friedens" war, sondern nur neues Öl auf die imperialistischen Feuer goss. Der wiederauferstandene deutsche Imperialismus führte einen offenen Kampf gegen die „Versailler Ordnung" und versuchte, Ost- und Mitteleuropa zu unterwerfen. Seine ideologische Hauptwaffe war die der „nationalen Befreiung". Er berief sich auf das „Recht der nationalen Minderheiten", um sich mit den Sudeten in der Tschechoslowakei zu verbünden; er unterstützte die nationale Befreiung Kroatiens, um die Serben in die Schranken zu weisen und im Mittelmeerraum Fuß zu fassen. In Österreich wurde die „Einheit mit Deutschland" betont, und dem Baltikum bot der deutsche Imperialismus „Schutz gegen Russland" an.

Die „Versailler Ordnung" zerfiel sehr schnell. Der Vorwand, die neuen Staaten seien eine Garantie des „Friedens und der Stabilität", auf den Kautsky und die Sozialdemokraten so sehr bestanden hatten, als sie den Versailler Vertrag unterstützten, wurde vollständig widerlegt. Vom weltweiten imperialistischen Strudel erfasst, hatten diese Länder keine andere Wahl, als mitzumachen und somit zu dessen Zuspitzung beizutragen.

(Manifest des 2. Kongresses der Kommunistischen Internationale zur internationalen Lage und zu den Aufgaben der kommunistischen Parteien, 6.8.1920).

China: Die Massaker an der Arbeiterklasse ließen den imperialistischen Gegensätzen freien Lauf

Neben Mittel- und Osteuropa sollte China einer der Hauptbrennpunkte der weltweiten imperialistischen Spannungen werden. 1911 hatte die chinesische Bourgeoisie einen verspäteten und halbherzigen Versuch unternommen, eine demokratische Revolution durchzuführen - ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt war. Der Zusammenbruch des Kaiserreiches leitete vielmehr die allgemeine Auflösung und den Zerfall des Landes in eine Vielzahl von Regionen ein, die von Warlords beherrscht wurden, welche ständig zusammenstießen und deren blutige Konfrontationen wiederum von Großbritannien, Japan, den USA und der Sowjetunion manipuliert wurden. Diese Länder befanden sich in einer heftigen Auseinandersetzung um die Vorherrschaft über die strategischen Stellungen, die das Riesenreich China bot.

Aus der Sicht des japanischen Imperialismus war China ein Schlüssel zur Herrschaft über den gesamten Fernen Osten. Deshalb unterstützte er die Unabhängigkeit der Mandschurei, die eine der am meisten industrialisierten Regionen Chinas und ein Schlüsselland für die Kontrolle Sibiriens, der Mongolei und der Mitte Chinas war. Nachdem es sich zwischen 1924 und 1928 die Dienste Tschang Tso-Lings, eines alten Banditen, der zum Marschall und schließlich zum Vizekönig der Mandschurei befördert worden war, zunutze gemacht hatte, entledigte sich Japan bald darauf dieses Vizekönigs durch ein Attentat, um 1931 in die Mandschurei einzumarschieren und sie zu besetzen. Die Mandschurei sollte in einen souveränen Staat und gar in ein „Reich" umgewandelt werden, an dessen Spitze Pu-Yi, der letzte Nachfolger der mandschurischen Dynastie, gesetzt wurde.

Der japanische Expansionskurs stieß mit dem des stalinistischen Russland zusammen, für das China ebenfalls ein „natürliches Expansionsgebiet" war. Um seine Interessen geltend zu machen, schreckte Stalin nicht vor dem offenen Verrat an der chinesischen Arbeiterklasse zurück und dokumentierte somit den unversöhnlichen Gegensatz zwischen nationaler Befreiung und proletarischer Revolution und gleichzeitig das Bündnis zwischen „nationaler Befreiungsbewegung" und Imperialismus.

„In China, wo sich ein revolutionärer proletarischer Kampf entwickelte, suchte das stalinistische Russland Bündnisse mit der Kuomintang Tschiang Kai-Tscheks und zwang die junge kommunistische Partei Chinas zum Verzicht auf die organisatorische Selbständigkeit, zwang sie zum Beitritt zur Kuomintang und zur Verkündung der ‚Front der vier Klassen’ (...) Ungeachtet dessen rief die verzweifelte wirtschaftliche Lage den Aufstand der Arbeiter von Schanghai hervor. Sie eroberten die Macht sowohl gegen die Imperialisten als auch gegen die Kuomintang. Die aufständischen Arbeiter, die von den einfachen Mitgliedern der chinesischen kommunistischen Partei organisiert wurden, beschlossen, der Befreiungsarmee Tschiang Kai-Tscheks, die von Stalin unterstützt wurde, entgegenzutreten. Dies veranlasste die Kader der Internationalen zu dem schändlichen Aufruf an die Arbeiter, sich wieder den Befehlen Tschiang Kai-Tscheks zu unterwerfen, was schwerwiegende Konsequenzen haben sollte"

Dieser Zusammenstoß verschiedener imperialistischer Interessen, bei denen die Manöver des britischen und amerikanischen Imperialismus ebenfalls eine Rolle spielten, löste einen über 30 Jahre langen Krieg aus, der Tod, Verderben und Verwüstung brachte und dessen Hauptopfer wie immer die chinesischen Arbeiter und Bauern waren.

Der Äthiopienkrieg: Ein entscheidender Schritt zum 2. Weltkrieg

Italien, das Libyen und später Somalia besetzte, versuchte auch, in Äthiopien einzudringen. Damit bedrohte es neben Ägypten und die Vorherrschaft des britischen Imperialismus im Mittelmeerraum, in Afrika und seine Verbindungswege nach Indien.

Der Krieg in Äthiopien war neben dem Krieg in Spanien von 1936 (2) ein entscheidender Schritt zur Auslösung des 2. Weltkriegs. Ein wichtiger Aspekt dieses Massakers war die gewaltige Propaganda und die Mobilisierung der Bevölkerung, die von beiden Lagern ideologisch unter Trommelfeuer genommen wurde, insbesondere aber vom „demokratischen Lager", von Frankreich und Großbritannien. Gerade weil diese beiden Staaten an der „Unabhängigkeit" Äthiopiens interessiert waren, pochten sie auf dessen nationaler Befreiung, während der italienische Imperialismus das „humanitäre" Wesen seiner Mission hervorhob, um die Invasion zu rechtfertigen, indem er einwandte, der Negus (*) habe entgegen seinem Versprechen die Sklaverei nicht abgeschafft.

Der Krieg in Äthiopien bewies, dass die „nationale Befreiung" nur ein ideologisches Mäntelchen für den imperialistischen Krieg und der Auftakt zu einer Orgie des Nationalismus und des Chauvinismus war, welche von den beiden imperialistischen Lagern inszeniert wurde und zur Mobilisierung für den 2. Weltkrieg führte. Wie Rosa Luxemburg meinte: „Die nationale Phrase (...) fungiert nur noch als notdürftiger Deckmantel imperialistischer Bestrebungen und als Kampfschrei imperialistischer Rivalitäten, als einziges und letztes ideologisches Mittel, womit die Volksmassen für ihre Rolle des Kanonenfutters in den imperialistischen Kriegen eingefangen werden können" (ebenda, S. 138).

(Internacionalismo, Nr. 1, Demokratischer Frieden, bewaffneter Kampf und Marxismus).

1945-1989: Die nationale Befreiung – ein Instrument der imperialistischen Blöcke

Nach dem Sieg der Alliierten im 2. Weltkrieg kam es zu einer qualitativen Zuspitzung der Tendenzen des dekadenten Kapitalismus zum Militarismus und zur permanenten Kriegswirtschaft. Der Siegerblock spaltete sich in zwei rivalisierende imperialistische Blöcke um die USA und die UdSSR auf, die ihre jeweiligen Einflussbereiche mit militärischen Bündnissen - der NATO und dem Warschauer Pakt - abgrenzten. Dabei wurden die jeweiligen Mitgliedsländer der Bündnisse der Kontrolle einer Vielzahl von Organisationen „wirtschaftlicher Zusammenarbeit", „währungspolitischer Absprachen" usw. unterworfen. Gleichzeitig gab es eine wahnwitzige Entwicklung der atomaren Waffensysteme, deren militärische Schlagkraft schon Anfang der 60er Jahre in der Lage gewesen wäre, die ganze Welt zu vernichten.

„Unter diesen Umständen war das Gerede von der ‚nationalen Befreiung’ eine makabere Farce: Die nationale Unabhängigkeit ist konkret unmöglich, in der gegenwärtigen kapitalistischen Welt nicht zu verwirklichen. Die großen imperialistischen Blöcke bestimmen das Leben des gesamten Kapitalismus. Kein Land kann aus einem imperialistischen Block austreten, ohne sofort in die Hände des anderen zu fallen (...) Es ist offensichtlich, dass die ‚nationalen Befreiungsbewegungen’ nicht alle von Truman und Stalin wie Bauern auf dem Schachbrett hin- und her geschoben werden. Aber das Ergebnis bleibt immer das gleiche. Wenn Ho Tschi-Minh als ein Ausdruck der Armut in Vietnam seine Macht errichten will, ist er von dem imperialistischen Konkurrenzkampf abhängig und muss sich auf die Seite des einen oder anderen imperialistischen Lagers schlagen, auch wenn seine Leute mit dem Mut der Verzweiflung kämpfen..."

In dieser historischen Periode waren die regionalen Kriege, die systematisch als „nationale Befreiungsbewegungen" dargestellt wurden, jeweils nur ein Moment in der blutigen Konkurrenz zwischen den beiden imperialistischen Blöcken.

(Internationalisme, Nr. 21, S. 25, Mai 1947, „Das Selbstbestimmungsrecht der Völker").

Die Entkolonialisierung

Die Welle „nationaler Unabhängigkeitskämpfe" in Afrika, Asien, Ozeanien usw. zwischen 1945-1960 war Teil eines langen Kampfes des amerikanischen Imperialismus für die Verdrängung der alten Kolonialmächte aus ihren angestammten Positionen. Sie richtete sich insbesondere gegen den direkten Hauptrivalen der USA, der über die größten wirtschaftlichen Reichtümer, die besten strategischen Positionen in seinen Besitztümern und die größte Seemacht verfügte: der britische Imperialismus.

Gleichzeitig waren die alten Kolonialreiche zu einer Bürde für die Metropolen selbst geworden. Mit der Sättigung des Weltmarktes und der Verschärfung der Konkurrenz auf Weltebene, mit den immer höheren Kosten für die Unterhaltung der Armeen und der Kolonialverwaltungen hörten die Kolonien auf, eine Quelle der Bereicherung zu sein. Mit jedem weiteren Tag ihrer Existenz wurden sie zu einem immer größeren Ballast.

Sicher taten die lokalen Bourgeoisien alles, um den alten Kolonialmächten die Macht abzujagen; und ihre Organisierung in Guerillabewegungen oder in Parteien des „zivilen Ungehorsams", die alle unter der Fahne „nationaler Bündnisse" marschierten (Bündnisse, welche selbstverständlich die Unterwerfung des jeweiligen Proletariats unter die Interessen der „nationalen Befreiung" erforderten), hat in diesem Prozess eine gewisse Rolle gespielt. Aber diese war hauptsächlich zweitrangig und hing stets von den Zielen des amerikanischen Blocks oder den Versuchen des russischen Blocks ab, den Prozess der Entkolonialisierung zu nutzen, um strategische Positionen außerhalb seiner eurasischen Einflusszone zu beziehen.

Die Entkolonialisierung des britischen Empires hat dies verdeutlicht. „Der britische Rückzug aus Indien und Palästina war ein spektakulärer Schritt bei der Auflösung des Empires, und das ‚Fiasko’ des Suez-Kanals von 1956 hat all die Illusionen zerschmettert, dass Großbritannien noch eine Weltmacht ersten Ranges sei" (International Review, Nr. 17, „Großbritannien seit dem 2. Weltkrieg").

Die neuen, entkolonialisierten Staaten waren mit weit schlimmeren Belastungen zur Welt gekommen als jene Staaten, welche der Versailler Vertrag von 1919 hervorgebracht hatte. Vollkommen willkürlich gezogene Grenzen, ethnische, religiöse und andere Spaltungen, landwirtschaftliche Monokulturen oder Ökonomien, die sich nur auf die Ausbeutung eines Rohstoffes stützen, schwache oder gar nicht existierende lokale Bourgeoisien, schlecht vorbereitete technische und administrative „Eliten", die von den alten Kolonialmächten abhängig waren – all dies war zur Regel geworden. Ein Beispiel dieser katastrophalen Verhältnisse liefert Indien. In diesem Staat fand 1947 ein schrecklicher Krieg zwischen Moslems und Hindus statt, der zur Loslösung Pakistans führte, wo sich die große Mehrheit der Moslems zusammenfand. Seitdem haben beide Staaten, Indien und Pakistan, viele zerstörerische Kriege gegeneinander geführt. Und heute haben die imperialistischen Spannungen zwischen diesen beiden Staaten gar weltweit destabilisierende Auswirkungen. Diese beiden Länder, in denen der Lebensstandard der Bevölkerung zu den niedrigsten auf der Erde zählt, haben enorme Mittel in die Rüstung gesteckt, um in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen. 1971 hat Indien im Rahmen dieser ständigen imperialistischen Konfrontation die „nationale Befreiung" des östlichen Pakistans, Bangladesh, unterstützt. Dieser Krieg kostete Hunderttausenden von Menschen das Leben und hat einen neue „unabhängige" Nation in die Welt gesetzt, in der es nichts anderes als Staatsstreichs, Massaker, Diktaturen gibt, während die Bevölkerung an Hunger stirbt und durch schreckliche Überschwemmungen dezimiert wird.

Die israelisch-arabischen Kriege

Seit mehr als 40 Jahren ist der Nahe Osten aufgrund seiner riesigen Ölreserven und seiner zentralen strategischen Stellung ein imperialistischer Spannungsherd mit weltweiten Auswirkungen. Obwohl er sich vor dem 1. Weltkrieg noch in den Händen des niedergehenden osmanischen Reiches befand, war er zur Beute der expansionistischen Bestrebungen Deutschlands, Russlands, Frankreichs und Großbritanniens geworden. Nach dem 1. Weltkrieg konnte der britische Imperialismus diesen Teil der Erde einheimsen, wobei allerdings einige Krümel für den französischen Imperialismus (Syrien und Libanon) abfielen.

Damals begannen die lokalen Bourgeoisien, zur Unabhängigkeit zu drängen. Aber Ausschlag gebend für die Machtverhältnisse in dieser Region blieben die Machenschaften des britischen Imperialismus, der, anstatt die Spannungen und vorhandenen Rivalitäten abzuschwächen, diese im Gegenteil noch anheizte und eskalieren ließ. „Wie wir wissen, hat der englische Imperialismus durch die Unterstützung der Latifundien und der arabischen Bourgeoisie, die an seiner Seite in den Weltkrieg treten sollten, die Bildung eines arabischen Nationalstaates verheißen. Die arabische Revolte war in der Tat von entscheidender Bedeutung beim Zusammenbruch der deutsch-türkischen Front im Nahen Osten" (Bilan, Nr. 32, „Der arabisch-jüdische Konflikt in Palästina", Juni-Juli 1936). Als „Belohnung" schuf Großbritannien eine Reihe von „unabhängigen" Staaten - den Irak, Transjordanien, Jemen -, die sich alle gegenüberstanden und deren wirtschaftliche Einheit über keinen Zusammenhalt verfügte und durch eine Vielzahl von ethnischen und religiösen Spaltungen geschwächt war. Eine clevere und typische Manipulation des britischen Imperialismus, der, indem er für die ständige Spaltung und für dauernde Konflikte innerhalb dieser Region sorgte, alle Kontrahenten seinen Interessen unterwarf. Doch gab er sich damit nicht zufrieden, denn er „zögerte nicht, für die Verteidigung seiner eigenen Interessen die jüdischen Zionisten mit ins Spiel zu bringen, indem er ihnen versprach, dass Palästina ihnen sowohl auf Verwaltungs- als auch auf kolonialer Ebene wieder zurückgegeben werden würde" (ebenda).

Nachdem die Juden im Mittelalter aus vielen Ländern vertrieben worden waren, kehrte sich im 19. Jahrhundert der Prozess um: Sowohl die oberen Schichten, das jüdische Bürgertum, als auch das jüdische Proletariat wurden in die Nationen integriert, in denen sie lebten. Ihre Integration und die relative Überwindung der rassischen und religiösen Unterschiede spiegelten die Dynamik in der Entwicklung der kapitalistischen Nationen während ihrer fortschrittlichen Epoche wider. Erst gegen Ende des Jahrhunderts, mit dem zunehmenden Versiegen der Dynamik der Ausdehnung des Kapitalismus, verbreiteten die jüdischen Teile der Bourgeoisie die Ideologie des Zionismus (Schaffung eines Staates im „gelobten Land"). Die Gründung des Staates Israel war nicht nur das Ergebnis der Machenschaften des amerikanischen Imperialismus mit dem Ziel der Schwächung des britischen Imperialismus in diesem Gebiet, sondern es war auch ein Versuch, dem russischen Einfluss in dieser Region entgegenzutreten. Damit wurde auch der reaktionäre Charakter der Gründung von neuen Nationen deutlich. Hier handelte es sich nicht mehr um die dynamische Integration und Vereinigung der Bevölkerung wie im 19. Jahrhundert, sondern um ihre Aufspaltung und Isolierung in ethnische Gruppen, um sie als ein Mittel zum Ausschluss anderer Ethnien, hier der arabischen, zu benutzen.

Seit seiner Entstehung gleicht der israelische Staat einer riesigen Kaserne, seine Armee befindet sich in einem permanenten Alarmzustand und setzt die Kolonisierung von Wüstengebieten als militärische Waffe ein. Die Siedler der okkupierten Gebiete werden von der Armee unterstützt und erhalten eine militärische Ausbildung. Tatsächlich ist der israelische Staat ein wirtschaftlich ruinöses Unternehmen, das von gewaltigen Krediten der USA am Leben gehalten wird und auf der drakonischen Ausbeutung sowohl der jüdischen als auch der palästinensischen Arbeiter beruht. (3).

Die amerikanische Unterstützung für Israel hat zu einer größeren Instabilität der arabischen Staaten geführt, wodurch sich die großen inneren und äußeren Widersprüche zuspitzten. Die arabischen Staaten selbst wurden so in ein Bündnis mit dem russischen Imperialismus getrieben. Von Anfang an haben sie die „arabische Sache" und das „nationale Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser", das zum Lieblingsthema der Propaganda des russischen Blocks avancierte, auf ihre ideologische Fahne geschrieben. Doch in Wahrheit ging es ihnen überhaupt nicht um die Sache der Palästinenser. Diese wurden in großen Flüchtlingslagern in Ägypten, Syrien usw. zusammengepfercht, mussten unter schrecklichen Bedingungen leben und wurden als billige Arbeitskräfte in Kuwait, Saudi-Arabien, Ägypten, Libanon, Syrien, Jordanien usw. eingesetzt, wie auch im Staate Israel selbst. Die PLO, die 1963 als „nationale Befreiungsbewegung" gegründet worden war, war von Anfang an eine Gangsterbande, die die palästinensischen Arbeiter beraubt, indem sie sie zwingt, einen Teil ihrer miserablen Löhne als Steuern an die PLO abzuführen. In Israel, im Libanon und anderswo ist die PLO ein ganz ordinärer Lieferant palästinensischer Arbeitskräfte, aus denen sie bis zur Hälfte der Löhne herauspresst und für ihre eigenen Zwecke einbehält. Ihre Disziplinierungsmethoden in den Flüchtlingslagern und den palästinensischen Siedlungen stehen denen der israelischen Armee und Polizei in nichts nach.

Es sei daran erinnert, dass schließlich die schlimmsten Massaker von den sog. arabischen „Bruderregierungen" begangen wurden: im Libanon, Syrien, Ägypten und in Jordanien, wo „Freund" Hussein im September 1979 brutal palästinensische Flüchtlingslager bombardieren ließ, wobei Tausende von Menschen ums Leben kamen.

Man muss sich die Politik des Imperialismus als den systematischen Versuch der Spaltung in ethnische, religiöse und andere Gruppen insbesondere in den rückständigsten Gebieten der Erde vergegenwärtigen. Sowohl die großen als auch die kleinen imperialistischen Länder betreiben diese Spaltung. „Dass die jüdische und arabische Bevölkerung Palästinas als Bauern auf dem Schachbrett der imperialistischen Kriege dienen, daran darf heute niemand zweifeln. Wir dürfen auch nicht darüber erstaunt sein, dass Drahtzieher diese nationalen, reaktionären und anachronistischen Gefühle und Vorurteile ausnutzen und diese gerade durch die Verfolgungen verstärkt werden, unter denen die Massen leiden. Mit genau diesen Mitteln wurde ein lokaler Brandherd angefacht: der Krieg in Palästina, wo die jüdische und arabische Bevölkerung sich immer heftiger und gewaltsamer bekämpft und bekriegt" („Über die besonderen Fälle", Internationalisme, Nr. 35, Juni 1948, Organ der Gauche Communiste de France).

Mit Hilfe dieser Machenschaften schwang sich der Imperialismus zum Marionettenspieler auf: Er hetzte die beiden Bevölkerungsteile gegeneinander auf, radikalisierte sie, sabotierte Lösungen, denn die historische Krise des Systems bietet keinen Platz für ihre Integration. Und wenn unter gewissen Umständen eine „Autonomie" gewährt wurde, dann bewirkte diese eine weitere Verschärfung der Widersprüche und noch chaotischere Verhältnisse auf den imperialistischen Spannungsfeldern.

Die Kriege im Nahen Osten wurden beileibe nicht mit dem Ziel der Herstellung der „nationalen Rechte" und der „Befreiung des arabischen Volkes" geführt. Wie 1948 dienten sie zur Verdrängung des britischen Imperialismus aus diesem Gebiet. Die Kriege von 1967, 1973 und 1982 ermöglichten die Offensive des amerikanischen Imperialismus gegen den wachsenden Einfluss des russischen Imperialismus, der mehr oder weniger stabile Bündnisse mit Syrien, Ägypten und dem Irak geschlossen hatte.

Aus all diesen Kriegen sind die arabischen Staaten geschwächt hervorgegangen, während sich der jüdische Staat militärisch verstärken konnte. Aber der wahre Sieger war stets das amerikanische Kapital.

Der Koreakrieg (1950-53)

Auch in diesem Krieg im Fernen Osten ging es den Amerikanern darum, die russische Ausdehnung einzudämmen. Ein Ziel, das auch erreicht wurde.

Das russische Lager dagegen berief sich bei seinen Absichten auf die „nationale Befreiungsbewegung": „Die stalinistische Propaganda versucht besonders die Tatsache hervorzuheben, dass die ‚Demokratien’ für die nationale Befreiung und für das ‚nationale Selbstbestimmungsrecht’ der Völker gekämpft haben. Die außergewöhnliche Korruption innerhalb der führenden Clique in Südkorea, die ‚japanischen’ Polizeimethoden, die Unfähigkeit der ‚Feudalherren’, die Agrarfrage zu lösen, lieferten ihr sicherlich ausreichende Munition. Und Kim Ir-Sen trat als neuer Garibaldi auf" (Internationalisme, Nr. 45, S. 23, „Der Koreakrieg", 1950).

Ein anderes Element, das durch den Koreakrieg zu Tage trat, war die Bildung von zwei Nationalstaaten ein und derselben Nationalität: Nord- und Südkorea, Ost- und Westdeutschland, Nord- und Südvietnam. Vom Standpunkt der historischen Entwicklung des Kapitalismus aus ist dieses Phänomen ein vollständiger Irrsinn, der die blutige und ruinöse Farce der nationalen Befreiungen noch mehr verdeutlicht. Die Existenz dieser Staaten war keineswegs ein „natürliches Phänomen" bestimmter Nationen, sondern das Ergebnis der imperialistischen Auseinandersetzung zwischen zwei Blöcken. In den meisten Fällen konnten diese Nationen nur mittels einer barbarischen Repression am Leben gehalten werden. Ihr künstlicher und kontraproduktiver Charakter wurde schließlich vor dem Hintergrund des historischen Zusammenbruchs des Stalinismus am Schicksal der ehemaligen DDR deutlich.

Vietnam

Der nationale „Befreiungskrieg" Vietnams, der in den 20er Jahren begann, pendelte stets zwischen den beiden imperialistischen Lagern hin und her. Während des 2. Weltkriegs wurde Ho Tschi-Minh von den Amerikanern und Engländern mit Waffen beliefert, da er im Kampf gegen den japanischen Imperialismus nützlich war. Nach dem 2. Weltkrieg unterstützten die Amerikaner und Engländer Frankreich als Kolonialmacht in Indochina, weil die vietnamesischen Führer auf die Seite Russlands übergewechselt waren. Aber selbst unter diesen Umständen gelangten beide Seiten 1946 zu einem Kompromiss, denn in der Zwischenzeit war eine Reihe von Arbeiterrevolten in Vietnam ausgebrochen. Um sie niederzuschlagen, ging man gemeinsam vor: „... die vietnamesische Bourgeoisie braucht letztendlich doch die französischen Truppen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten und ihre Interessen zu verteidigen" (Internationalisme, Nr. 13 „Die nationale und koloniale Frage", Sept. 1946).

Ab 1952-53, nach der Niederlage im Koreakrieg, wandte sich der russische Imperialismus entschlossen Vietnam zu. 20 Jahre lang bekämpfte der Vietcong zunächst Frankreich, dann die USA. All das vollzog sich in einem brutalen Krieg, in dem beide Lager unvorstellbare Gräueltaten verübten. Zurück blieb ein Land, das heute, 16 Jahre nach der Befreiung, noch immer nicht wiederaufgebaut, sondern noch tiefer in der wirtschaftlichen Katastrophe versunken ist. Der absurde und abartige Charakter dieses Krieges wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Vietnam nur „befreit" und „vereint" werden konnte, weil die USA in der Zwischenzeit einen neuen Verbündeten für ihren imperialistischen Block gewonnen hatten, nämlich das stalinistische China. Das kleine Vietnam war somit für ihre imperialistischen Absichten zweitrangig geworden.

Jedoch muss man an dieser Stelle unterstreichen, dass auch das neue „antiimperialistische" Vietnam bereits 1945 als eine imperialistische Regionalmacht in ganz Indochina wirkte. Nach der „Befreiung" Südvietnams unterwarf es Laos und Kambodscha unter dem Vorwand, Kambodscha von den „Roten Khmer" zu befreien, die damals mit China verbunden waren, das wiederum auf der Seite des amerikanischen Blocks stand. Es fiel in diese Länder ein und errichtete dort ein Besatzungsregime. Der Vietnamkrieg hat besonders in den 60er Jahren die Stalinisten, Trotzkisten und andere bürgerliche Gruppierungen mit „liberalem Anstrich" dazu veranlasst, die Auffassung zu vertreten, dass diese Barbarei ein Faktor sei, der zur Wiederbelebung des Proletariats in den Industrieländern führen werde. Auf groteske Art und Weise wiederholten die Trotzkisten die Fehler der Kommunistischen Internationale in der nationalen und kolonialen Frage, indem sie „zum Bündnis der Arbeiterkämpfe in den Metropolen mit den nationalen Befreiungskämpfen in der 3. Welt" aufriefen.

Eines der „Argumente", das dabei verwendet wurde, war der Hinweis auf die Vielzahl von Demonstrationen in den USA und Europa. Dies sei ein Zeichen des historischen Erwachens der Arbeiterkämpfe seit 1968. Tatsächlich aber war die Unterstützung der „nationalen Befreiungsbewegungen" und der „sozialistischen Länder", die besonders unter den Studenten weit verbreitet war, nichts als eine Mystifikation und wirkte vor allem bremsend auf das Wiedererstarken des Klassenkampfes.

Kuba

Während der 60er Jahre war Kuba ein Schlüsselelement in der ganzen „anti-imperialistischen" Propaganda. Jeder politisierte Student hatte in seinem Zimmer Poster des „Guerillahelden" Che Guevara hängen. Heute zeigt die katastrophale Lage in Kuba (massive Flüchtlingswelle, unvorstellbarer Gütermangel, selbst Brot fehlt) die Unmöglichkeit einer „nationalen Unabhängigkeit". Anfangs hegten die Guerillas der Sierra Maestra keine besondere Sympathie für die Russen. Doch ihr Anspruch, ein Mindestmaß an „Selbständigkeit" gegenüber den USA zu erlangen, trieb sie unaufhaltsam in die Arme des russischen Imperialismus.

Tatsächlich stand Fidel Castro an der Spitze einer nationalistischen Fraktion, die sich auf den „wissenschaftlichen Sozialismus" berief, dabei eine Reihe von „Genossen" ausschaltete, die alle in Miami landeten, d.h. auf Seiten der Amerikaner, so dass Kuba keine andere Wahl hatte, als sich an den russischen Block zu wenden. Dieser ließ sich seine „Hilfe" dadurch vergelten, dass sich Kuba als imperialistischer Hilfssheriff in Äthiopien zur Unterstützung des dortigen pro-russischen Regimes, im Südjemen und vor allem in Angola zur Verfügung stellte, wo ca. 60.000 kubanische Soldaten stationiert waren. Diese imperialistische Rolle als Lieferant von Kanonenfutter für die afrikanischen Kriege hat vielen kubanischen Arbeitern in Uniform das Leben gekostet, abgesehen von den afrikanischen Toten, die auf dem Schlachtfeld der „Befreiung" zu beklagen waren. Und diese Rolle hat neben den Maßnahmen des amerikanischen Blocks gegen Kuba wesentlich zum furchtbaren Elend beigetragen, dem das Proletariat und die restliche Bevölkerung in Kuba unterworfen ist.

Die 80er Jahre: die „Kämpfe der Freiheit"

Auch nachdem er dem russischen Block eine Position nach der anderen im Nahen Osten, in Afrika und Asien abspenstig gemacht hatte, setzte der US-Block seine Einkreisungsoffensive gegen die UdSSR fort. Als Reaktion darauf kam es zum Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan 1979, auf den die USA mit der Unterstützung eines Bündnisses von sieben Guerillabewegungen reagierten. Sie statteten diese „Freiheitskämpfer" mit den modernsten Waffen aus, mit deren Hilfe diese schließlich die russischen Truppen in einen Verschleißkrieg zogen. Dies führte zu einer Verschärfung der sozialen Lage innerhalb der UdSSR und schließlich zu ihrem spektakulären Zusammenbruch 1989.

Sinnbild dieser bedeutenden Verstärkung des amerikanischen Blocks war die Tatsache, dass dieser dem russischen Block die Fahne der „nationalen Befreiung" entreißen konnte, die Letzterer während der letzten 30 Jahre lang nahezu monopolisiert hatte.

Wie wir in diesem Artikel versucht haben aufzuzeigen, war die „nationale Befreiung" eine Waffe, die die verschiedenen imperialistischen Mächte ganz nach ihrem Geschmack einsetzen konnten. Das faschistische Lager hat sich genauso wie das „demokratische" Lager in allen möglichen Varianten darauf berufen. Doch seit den 50er Jahren hatte sich allein der russische Block erfolgreich als „fortschrittlich" und „anti-imperialistisch" präsentieren können, indem er seine wahren Absichten mit dem ideologischen Schleier des „realen Sozialismus" verhüllte, der angeblich im krassen Gegensatz zum Imperialismus stünde. Schließlich stellte er die „nationale Befreiung" unverfroren als den direkten Übergang zum Sozialismus dar, als hätten die „Thesen zur nationalen und kolonialen Frage" der Komintern aus dem Jahre 1920 trotz ihrer Fehler nicht deutlich darauf bestanden: „Notwendig ist ein entschlossener Kampf gegen den Versuch, der nicht wirklich kommunistischen revolutionären Freiheitsbewegung in den zurückgebliebenen Ländern ein kommunistisches Mäntelchen umzuhängen" („Thesen zur kolonialen und nationalen Frage", Punkt 11, 2. Kongress der Komintern, März 1920).

All dem wurde aber in den 80er Jahren der Schleier weggezogen. Aufgrund der Entwicklung der Kämpfe und des Bewusstseins der Arbeiter kam es nach den unzähligen Drehungen und Wendungen der imperialistischen Taktik Russlands zu großen Verschleißerscheinungen dieser Mystifikation. Das Beispiel Äthiopiens mag hier exemplarisch aufgeführt werden. Bis 1974 gehörte das Lager um den Negus der westlichen Seite an, während Russland die „Nationale Befreiungsfront von Eritrea" unterstützte, die sich unvermittelt als „sozialistisch" ausgab. Nach dem Sturz des Negus, der von Moskau-orientierten „nationalistischen" Militärs ersetzt wurde, kam es zu einer Umkehrung der Verhältnisse: Während Äthiopien zu einer„marxistisch-leninistischen sozialistischen Republik" wurde, verwandelte sich die eritreische Befreiungsfront von heute auf morgen in einen „Agenten des Imperialismus", der sich auf die Seite der USA schlug.

Nach 1989: Die „nationale Befreiung" als Speerspitze des Chaos

Die Ereignisse von 1989, der Zusammenbruch der Regimes des Ostblocks und der Sturz der stalinistischen Regierungen führten zur Auflösung der bis dahin geltenden imperialistischen Weltordnung, welche die Welt in zwei große feindliche Blöcke gespalten hatte. Im Anschluss daran kam es zu einer wahren Explosion nationalistischer Konflikte.

Die marxistische Analyse dieser neuen Lage, in welcher der Prozess des Zerfalls des Kapitalismus (4) im Vordergrund steht, bestätigt die Positionen der Kommunistischen Linken gegenüber der „nationalen Befreiung".

Was den ersten Aspekt der Frage angeht - die nationalistische Explosion -, so kann man sehen, wie im Strudel des Zusammenbruchs des Stalinismus eine blutige, von Massakern und Pogromen begleitete Spirale ethnischer Konflikte entstand. Dieses Phänomen ist jedoch nicht auf die alten stalinistischen Regime beschränkt. In der Mehrheit der afrikanischen Länder haben alte Stammesfehden und ethnische Konflikte im Zerfallsprozess der letzten Jahre deutlich an Auftrieb gewonnen und zu zahllosen Massakern und Kriegen geführt. Auch in Indien gibt es eine Reihe von nationalistischen, religiösen und ethnischen Spannungen, die Tausende von Opfern verursacht haben.

„So schienen die absurden ethnischen Konflikte, in denen die Bevölkerung sich gegenseitig abschlachtete, weil man nicht die gleiche Religion hatte oder die gleiche Sprache sprach und weil sie die verschiedenen ethnischen Traditionen fortsetzten, seit Jahrzehnten auf die Länder der ‚3.Welt’ wie Afrika, Indien oder den Mittleren Osten beschränkt zu sein. Jetzt aber gibt es solche absurden Kämpfe in Jugoslawien, nur wenige Hundert Kilometer von den Industriezentren Norditaliens oder Österreichs entfernt.

Diese Bewegungen weisen allesamt eine noch größere Absurdität auf. Heute, wo sich in der Weltwirtschaft eine noch nie da gewesene weltweite Verflechtung entwickelt hat, wo die Herrschenden der fortgeschrittenen Länder erfolglos versuchen, einen größeren Rahmen als den der Nation aufzubauen - Beispiel EU -, um ihre Wirtschaft zu verwalten, ist der Zerfall und das Auseinanderbrechen der aus dem 2. Weltkrieg hervorgegangenen Staaten in eine Reihe von kleinen Staaten ein reiner Widersinn - selbst vom Standpunkt der Kapitalisten aus.

Und die Lage der Bevölkerung in diesen Teilen der Welt wird sich nicht verbessern, sondern im Gegenteil noch verschlechtern: wachsendes wirtschaftliches Chaos, Unterwerfung unter chauvinistische und fremdenfeindliche Demagogen, gewaltsame Austragung von Konflikten und Pogromen zwischen Bevölkerungsgruppen, die bislang friedlich zusammengelebt hatten, und vor allem eine tragische Spaltung zwischen den verschiedenen Teilen der Arbeiterklasse. Noch mehr Armut wird es geben, noch mehr Unterdrückung, Terror, Zerstörung der Klassensolidarität zwischen den Arbeitern gegenüber ihren Ausbeutern: Das ist es, was heute Nationalismus bedeutet"

Diese nationalistische Explosion ist die Folge, ja die Zuspitzung der Widersprüche der Politik des Imperialismus während der letzten 70 Jahre bis zur äußersten Konsequenz. Die zerstörerischen und chaotischen Tendenzen der „nationalen Befreiung", die vom „Antiimperialismus" und der „wirtschaftlichen Entwicklung" überdeckt wurden und die von der Kommunistischen Linken immer wieder entblößt wurden, tauchen heute in ihrer ganzen Brutalität und Abscheulichkeit auf und sind in ihrem Ausmaß weit schlimmer als die pessimistischsten Vorhersagen. Die „nationale Befreiung" in der Zerfallsphase des Kapitalismus ist die faule Frucht des abartigen, zerstörerischen Werkes des Imperialismus. „Die Phase des Zerfalls erscheint als das Ergebnis der Anhäufung all der Charakteristiken eines total im Sterben liegenden Gesellschaftssystems. Die Phase des Zerfalls ist nach einem dreiviertel Jahrhundert des Todeskampfes der Gipfel einer von der Geschichte zum Sterben verurteilten Produktionsweise. Nicht nur bleiben das imperialistische Wesen aller Staaten, die Drohung eines neuen Weltkriegs, die Absorption der Gesellschaft durch einen Monsterstaat, die ständige Krise der kapitalistischen Wirtschaft in der Phase des Zerfalls fortbestehen, all diese Merkmale treten in der Phase des Zerfalls gebündelt und in ihrer konzentriertesten Form auf" (aus Internationale Revue, „Der Zerfall: letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus", 1991, S. 11).

Die Kleinstaaten, welche aus dem Zerfall der ehemaligen UdSSR oder Jugoslawiens hervorgingen, verhielten sich vom ersten Tag ihres Bestehens an durch und durch imperialistisch. Die Russische Föderation des „Helden der Demokratie" Jelzin bedroht jetzt schon ihre Nachbarn und unterdrückt die Unabhängigkeitsbestrebungen der autonomen Tschetschenen. Litauen unterdrückt seine polnische Minderheit, Moldawien seine russische Minderheit, Aserbeidschan stößt offen mit Armenien zusammen. Das gewaltige ehemalige sowjetische Reich hat 16 imperialistische (Klein-)Staaten hervorgebracht, die sich alle in gegenseitigen Konflikten an die Kehle gehen und gegenüber denen das langsame Abschlachten in Jugoslawien noch als harmlos erscheint, besteht doch möglicherweise die Gefahr, dass dabei die auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion verstreuten Atomwaffen zum Einsatz kommen. Die Großmächte nutzen in Anbetracht des bestehenden Chaos diese nationalistischen Spannungen und alle anderen Unabhängigkeitsbestrebungen der neuen Kleinstaaten zu ihren Gunsten aus. Diese kann nur noch katastrophalere und chaotischere Konsequenzen haben.

Mehr als je zuvor muss das Proletariat erkennen, dass die „nationale Befreiung" und die „nationale Unabhängigkeit" als politischer Schlachtruf ein 100%iger Bestandteil der reaktionären Ordnung und ein Zerstörungsmittel des dekadenten Kapitalismus ist. Gegen diese mörderische, zerstörerische Politik muss es seine eigene Politik entwickeln, den Internationalismus, den Kampf für die Weltrevolution.

Adalen, 18.11.1991

(1) Diese Auffassung wurde später von dem "Marxisten-Leninisten" Mao Tse-tung aufgegriffen.

(2) Wir wollen hier nicht den Spanienkrieg untersuchen, da wir in unserer Internationalen Revue (engl., franz., span. Ausgabe) wie auch in einer Broschüre auf Spanisch dazu ausführlich Stellung bezogen haben. Die antifaschistischen und nationalistischen Mystifizierungen, die überall gegen das Proletariat eingesetzt wurden, haben die Wirklichkeit verdeckt: Der Spanienkrieg war neben dem Äthiopienkrieg eine Schlüsselphase bei der Herbeiführung des 2. Weltkriegs.

(3) „Die letzten Ereignisse haben uns einen neuen Staat beschert: Israel. Wir wollen hier in diesem Artikel nicht näher auf das Problem der Juden eingehen (...) Die Zukunft des ‚jüdischen Volkes’ besteht nicht darin, seine Selbständigkeit und sein nationales Recht wiederherzustellen, sondern in der Abschaffung aller Grenzen und im Überbordwerfen aller Begriffe der Selbständigkeit und aller Ansprüche auf einen Staat. Auch wenn die blutigen Verfolgungen der Juden während der letzten Jahre und des letzten Krieges noch so tragisch waren, waren sie jedoch keine Besonderheit, sondern ein Ausdruck der Barbarei der dekadenten Gesellschaft und dafür, dass diese in ihrem Todeskampf liegt und die Gesellschaft nicht in der Lage ist, ihre Lösung, den Sozialismus, durchzusetzen." (Internationalisme, Nr. 35, Juni 1948).

(4) Siehe dazu den Artikel in der Internationalen Revue Nr. 13, „Der Zerfall des Kapitalismus".

(*) Machiavellismus: zielstrebige, hemmungslose, manipulierende, Intrigen-spinnende Machtpolitik.

(*) Negus: "König" von Abessinien

(„Kommunistische Revolution oder Zerstörung der Menschheit", Manifest des 9. Kongresses der IKS, Sommer 1991).

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Erbe der kommunistischen Linke: