40 Jahre nach der Gründung der IKS:

Welche Bilanz, welche Perspektiven für unsere Aktivitäten?

„Der Marxismus ist eine revolutionäre Weltanschauung, die stets nach neuen Erkenntnissen ringen muss, die nichts so verabscheut wie das Erstarren in einmal gültigen Formen, die am besten im geistigen Waffengeklirr der Selbstkritik und im geschichtlichen Blitz und Donner ihre lebendige Kraft bewährt“ (Rosa Luxemburg, Antikritik, Ges. Werke, Bd. 5, S.523)

Die IKS hielt im letzten Frühjahr ihren 21. Kongress ab. Er fiel zeitlich zusammen mit der 40-jährigen Existenz unserer Organisation. Aus diesem Grund entschieden wir uns, diesem Kongress einen außerordentlichen Charakter zu geben mit dem zentralen Anliegen, die Grundlagen zu schaffen für eine kritische Bilanz unserer Analysen und Aktivitäten über diese vier Jahrzehnte. Die Arbeit des Kongresses sollte daher ein möglichst klares Licht auf unsere Stärken und Schwächen werfen und feststellen, was in unseren Analysen gültig ist und wo wir uns geirrt haben. Dies mit dem Ziel, uns zu stärken und unsere Schwächen zu überwinden.

Diese kritische Bilanz reiht sich ein in die Kontinuität einer Herangehensweise, die der Marxismus in der Geschichte der Arbeiterbewegung immer gehabt hat. So waren Marx und Engels durch ihre historische und selbstkritische Methode fähig zu erkennen, dass sich gewisse Abschnitte des Kommunistischen Manifestes als falsch oder durch die geschichtliche Erfahrung überholt herausstellten. Es ist diese Fähigkeit, die eigenen Fehler zu kritisieren, welche es den Marxisten ermöglichte, theoretische Schritte zu machen und weiterhin ihren Beitrag zur revolutionären Perspektive der Arbeiterklasse zu leisten. In derselben Weise, wie Marx die Lehren aus der Erfahrung der Pariser Kommune und ihrer Niederlage ziehen konnte, war die Italienische Linke[1] fähig, die tiefe Niederlage des Weltproletariates Ende der 1920er Jahre zu erkennen und eine „Bilanz“[2] der revolutionären Welle von 1917-23 und der programmatischen Positionen der Dritten Internationale zu ziehen. Diese kritische Bilanz ermöglichte es ihr trotz ihren Schwächen, unschätzbare theoretische Schritte nach vorne zu machen, einerseits auf der Ebene der Analyse der konterrevolutionären Epoche, andererseits auf der Ebene der Organisationsfrage, und so die Rolle einer Fraktion in einer degenerierenden proletarischen Partei als Brücke zu einer zukünftigen Partei zu verstehen, wenn jene ins Lager der Bourgeoisie übergegangen ist.

Dieser außergewöhnliche Kongress der IKS fand im Kontext unserer letzten internen Krise statt, welche vor einem Jahr eine internationale Außerordentliche Konferenz erfordert hatte.[3] Alle Delegationen hatten diesen Kongress mit größter Ernsthaftigkeit vorbereitet und nahmen an den Debatten teil – dies mit klarem Verständnis des Ziels und der Notwendigkeit für alle Generationen von Mitgliedern, diese kritische Bilanz von 40 Jahren IKS zu ziehen. Für alle Genossen (und namentlich für die jüngeren), welche nicht schon seit der Gründung Mitglieder der IKS sind, waren dieser Kongress und seine Vorbereitungstexte ein Moment, um die gesamte Erfahrung der IKS kennenzulernen, indem sie aktiv an der Arbeit des Kongresses durch ihre Stellungnahme in den Debatten teilnahmen.

Die kritische Bilanz unserer Analysen der internationalen Situation

Die Gründung der IKS war ein Resultat des Endes der Konterrevolution und der historischen Wiederaufnahme des Klassenkampfes, welche sich vor allem in der Bewegung vom Mai 68 in Frankreich ausdrückte. Die IKS ist die einzige Organisation der Kommunistischen Linken, welche diese Ereignisse im Rahmen des neuen Ausbruchs der permanenten Krise des Kapitalismus analysierte. Am Ende der „30 Glorreichen Jahre“ nach dem Zweiten Weltkrieg und durch die Aufrüstungsspirale des Kalten Krieges stellte sich von neuem die Alternative „Weltkrieg oder Entfaltung des proletarischen Klassenkampfes“. Der Mai 68 und die Welle von Arbeiterkämpfen, die sich weltweit entwickelten, eröffneten einen neuen historischen Kurs: Nach 40 Jahren Konterrevolution erhob sich das Proletariat von neuem und war nicht bereit, sich unter dem Motto der nationalen Verteidigung für einen dritten Weltkrieg mobilisieren zu lassen.

Der Kongress unterstrich, dass das Auftauchen einer neuen internationalen und internationalistischen Organisation den Rahmen unserer Analyse über den neuen historischen Kurs bestätigt hatte. Mit diesem Konzept gerüstet (sowie auch mit der Analyse, dass der Kapitalismus mit dem Ersten Weltkrieg in seine historische dekadente Phase eingetreten war), hat die IKS seit ihrer Gründung die drei Aspekte der internationalen Situation – die Entwicklung der ökonomischen Krise, des Klassenkampfes und der imperialistischen Konflikte – analysiert, um nicht dem Empirismus zu verfallen, sondern umgekehrt ständig eine Orientierung für ihre Aktivitäten zu erarbeiten. Dennoch versuchte der Kongress so klar wie möglich, die Fehler, die von uns in unseren Analysen begangen wurden, zu erkennen und damit den Rahmen der Analyse zu verbessern.

Auf der Grundlage des Berichts über die Entwicklung des Klassenkampfes seit 1968 unterstrich der Kongress, dass die größte Schwäche der IKS seit ihrer Entstehung in einem Phänomen bestand, das wir Immediatismus nannten, d.h. eine politische Herangehensweise, die durch Ungeduld gekennzeichnet ist, die unmittelbaren Ereignisse zum Maßstab nimmt und die umfassende geschichtliche Perspektive, in der sich diese Ereignisse zutragen, aus den Augen verliert. Auch wenn wir richtigerweise erkannt hatten, dass die Wiederaufnahme des Klassenkampfes Ende der 1960er Jahre einen neuen historischen Kurs eröffnete, so war die Bezeichnung dieses Kurses als „Kurs zur Revolution“ ein Fehler, den wir bald korrigieren mussten, um fortan die Bezeichnung „Kurs zu Klassenkonfrontationen“ zu verwenden. Doch auch diese bessere Bezeichnung ließ aufgrund einer gewissen Offenheit Raum für eine schematische Sichtweise, wonach sich der Klassenkampf linear entwickle und die dazu führte, dass viele GenossInnen in unserer Organisation davor zurück schreckten, die Schwierigkeiten, Niederlagen und Zeiten des Rückflusses des proletarischen Klassenkampfes anzuerkennen.

Die Unfähigkeit der Bourgeoisie, die Arbeiterklasse der zentralen Länder für einen dritten Weltkrieg zu mobilisieren, bedeutete nicht, dass die Wellen von internationalen Klassenkämpfen, die bis 1989 stattfanden, sich in mechanischer und unausweichlicher Weise bis zur Eröffnung einer revolutionären Periode fortsetzen würden. Der Kongress erkannte, dass die IKS das Gewicht des Bruchs der historischen Kontinuität mit der alten Arbeiterbewegung unterschätzt hatte, sowie auch das ideologische Gewicht von 40 Jahren Konterrevolution innerhalb der Arbeiterklasse, welches sich nicht nur in einem Misstrauen gegenüber kommunistischen Organisationen ausdrückt, sondern auch in einer Ablehnung derselben.

Der Kongress unterstrich auch eine andere Schwäche der IKS in ihren Analysen des Kräfteverhältnisses zwischen den gesellschaftlichen Klassen: die Tendenz, das Proletariat andauernd, in jedem Kampf „in der Offensive“ zu sehen, auch wenn diese Kämpfe nur Verteidigungskämpfe seiner unmittelbaren ökonomischen Interessen blieben (so umfangreich und bedeutend sie oft waren) und keine politische Dimension erlangten.

Die Arbeit des Kongresses erlaubte es uns zu verstehen, dass den Schwierigkeiten bei der Analyse der Entwicklung des Klassenkampfes eine falsche Vision der kapitalistischen Produktionsweise zugrunde liegt, die die Tendenz hatte, die Tatsache aus dem Auge zu verlieren, dass das Kapital zuallererst ein soziales Verhältnis ist. Dies bedeutet, dass die Bourgeoisie den Aspekt des Klassenkampfes in ihrer Wirtschaftspolitik und bei den Angriffen gegen die Arbeiterklasse berücksichtigen muss. Der Kongress hob ebenfalls ein mangelhaftes Verständnis in der IKS hinsichtlich der Theorie von Rosa Luxemburg als Erklärung für die Dekadenz des Kapitalismus hervor. Nach Rosa Luxemburg ist der Kapitalismus für die Fortsetzung seiner Akkumulation darauf angewiesen, Absatzmärkte in außerkapitalistischen Bereichen zu finden. Das fortschreitende Verschwinden dieser Bereiche verurteilt den Kapitalismus zu wachsenden Erschütterungen. Unsere Plattform bezieht sich auf diese Analyse (auch wenn eine Minderheit unserer GenossInnen sich auf eine andere Analyse stützt: die des tendenziellen Falls der Profitrate). Das mangelhafte Verständnis der Analyse von Rosa Luxemburg (die im Buch Die Akkumulation des Kapitals zu finden ist) drückte sich in einer „katastrophistischen“ Sichtweise aus, in einer apokalyptischen Vorstellung des Zusammenbruchs der Weltwirtschaft. Der Kongress stellte fest, dass die IKS seit ihrer Gründung den Entwicklungsrhythmus der Wirtschaftskrise immer wieder überschätzte. Aber in den letzten Jahren und vor allem bei der Staatsschuldenkrise waren unsere Analysen vom Grundgedanken getragen, der Kapitalismus könne von sich aus zusammenbrechen, weil die Bourgeoise sich in einer „Sackgasse“ befinde und alle Linderungsmittel ausgeschöpft habe, welche es ihr erlaubt hatten, das Überleben ihres Systems künstlich zu verlängern.

Diese „katastrophistische“ Sichtweise gründet zu einem guten Teil auf einem Mangel an Verständnis unserer Analyse des Staatskapitalismus, auf einer Unterschätzung der eigentlich schon seit langem erkannten Fähigkeiten der Bourgeoisie, aus der Krise der 1930er Jahre ihre Lehren zu ziehen und den Niedergang ihres Systems mit allen möglichen Manipulationen, Tricks mit dem Wertgesetz, mit einer ständigen Staatsintervention in die Wirtschaft zu begleiten. Sie gründet ebenfalls auf einem beschränkten und schematischen Verständnis der ökonomischen Theorie von Rosa Luxemburg und der falschen Idee, der Kapitalismus habe seit 1914 oder seit den 1960er Jahren all seine Fähigkeiten zur Expansion verloren. In Wahrheit liegt, wie Rosa Luxemburg hervorhob, die wirkliche Katastrophe des Kapitalismus in der Tatsache, dass er die Menschheit in einen Niedergang führt, einen langen Todeskampf, in dem die Gesellschaft in eine immer schlimmere Barbarei stürzt.

Dieser Fehler, der darin besteht, jegliche Möglichkeit zur Expansion des Kapitalismus in seiner Niedergangsphase zu negieren, erklärt die Schwierigkeiten der IKS, den Aufstieg und die rasante industrielle Entwicklung Chinas (und anderer peripherer Länder) nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zu verstehen. Auch wenn diese industrielle Entwicklung in keiner Weise unsere Analyse der Dekadenz des Kapitalismus in Frage stellt[4], so hat sich die Vision, nach der in der Phase der Dekadenz keinerlei Entwicklung in den Ländern der Dritten Welt stattfinden könne, nicht bestätigt. Dieser Fehler hinderte uns daran, wie der Kongress unterstrichen hat, zu verstehen, dass der Bankrott des alten autarken Modells der stalinistischen Länder neue, bisher eingefrorene Sphären für die kapitalistischen Investitionen eröffnete[5] (inklusive die Integration einer enormen Masse von Arbeitern in die Lohnsklaverei, welche zuvor außerhalb von direkt kapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen gelebt hatten und nun einer brutalen Überausbeutung unterworfen werden).

Bezüglich der imperialistischen Spannungen hob der Kongress hervor, dass die IKS im Allgemeinen, sowohl was die Epoche des Kalten Krieges zwischen den rivalisierenden Blöcken als auch was die Situation nach dem Zusammenbruch des stalinistischen Ostblocks und der UdSSR anbelangt, eine sehr solide Analyse entwickeln konnte. Unsere Analyse des Militarismus, des Zerfalls des Kapitalismus und der Krise der osteuropäischen Länder erlaubte es uns, die Probleme, welche zum Zusammenbruch des Ostblocks führen sollten, zu erkennen. Die IKS war auch die erste Organisation, welche das Verschwinden der beiden Blöcke – der eine dirigiert durch die UdSSR und der andere durch die USA – voraussah wie auch den Niedergang der Hegemonie der USA und die Entwicklung einer Tendenz zum „Jeder gegen Jeden“ auf der imperialistischen Bühne, nachdem die militärischen Blöcke verschwunden waren.[6]

Wenn die IKS fähig war, die Dynamik der imperialistischen Spannungen zu begreifen, dann deshalb, weil sie den spektakulären Zusammenbruch des Ostblocks und der stalinistischen Regime als hauptsächlichen Ausdruck des Eintritts des Kapitalismus in seine letzte Phase der Dekadenz analysieren konnte: den Zerfall. Der Rahmen dieser Analyse war der letzte Beitrag, den der Genosse MC[7] der IKS vermachte, damit diese sich einer historischen Situation hat stellen können, welche neu und besonders schwerwiegend gewesen ist. Seit mehr als 20 Jahren bestätigen der Aufstieg des religiösen Fanatismus und Fundamentalismus, die Ausbreitung des Terrorismus und des Nihilismus, die Entfesselung der Barbarei in den bewaffneten Konflikten, das Wiederaufkommen von Pogromen (und im Allgemeinen der Mentalität, nach Sündenböcken zu suchen) diese Analyse aufs Vollste.

Auch wenn die IKS verstanden hat, wie die herrschende Klasse den Zusammenbruch des Ostblocks, diesen Ausdruck des Zerfalls ihres eigenen Systems, hat verwenden können, um Kampagnen gegen die Arbeiterklasse über die „Niederlage des Kommunismus“ zu entfesseln, so haben wir dennoch deren Auswirkungen auf das Bewusstsein der Arbeiterklasse und auf die Entwicklung ihrer Klassenkämpfe massiv unterschätzt.

Wir haben die Tatsache unterschätzt, wie stark die vergiftende Atmosphäre des sozialen Zerfalls (wie auch die De-Industrialisierung und die Politik der Auslagerung in gewissen zentralen Ländern) zu einer Untergrabung des Selbstvertrauens und der Solidarität in der Arbeiterklasse beiträgt und den Verlust der Klassenidentität verstärkt. Wegen dieser Unterschätzung der Schwierigkeiten in der neuen Periode, die durch den Zusammenbruch des Ostblocks eröffnet wurde, hat die IKS eine Tendenz zur Illusion gehabt, die Zuspitzung der ökonomischen Krise und der Angriffe gegen die Arbeiterklasse würden zwangsläufig und mechanisch „Kampfwellen“ hervorrufen, welche sich mit den gleichen Charakteristiken und in ähnlicher Weise wie in den 1970er und 80er Jahren entwickeln. Insbesondere haben wir, auch wenn wir zu Recht die Bewegung gegen das CPE-Gesetz in Frankreich und der Indignados in Spanien begrüßt haben, die enormen Schwierigkeiten unterschätzt, mit der die junge Generation heute konfrontiert ist, um eine Perspektive in ihren Kämpfen zu entwickeln (vor allem das Gewicht der demokratischen Illusionen, die Angst vor und die Ablehnung des Wortes „Kommunismus“ und die Tatsache, dass diese Generation nicht von der lebendigen Übermittlung der Erfahrungen der Arbeiter, die heute pensioniert sind und an den Kämpfen in den 1970er und 80er Jahren teilgenommen haben, profitieren kann). Diese Schwierigkeiten betreffen nicht nur die Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit, sondern auch die jungen Elemente, die heute auf der Suche sind und sich politisch betätigen wollen.

Die Isolation und der vernachlässigbare Einfluss der IKS (wie aller historischer Gruppen der Kommunistischen Linken) innerhalb der Arbeiterklasse seit vier Jahrzehnten und insbesondere seit 1989 zeigen, dass die Perspektive einer weltweiten proletarischen Revolution noch in weiter Ferne liegt. Dass die Arbeiterklasse 40 Jahre später den Kapitalismus noch nicht überwunden hat, hätte sich die IKS bei ihrer Gründung nicht vorstellen können. All dies belegt aber nicht den Irrtum des Marxismus und die Ewigkeit des kapitalistischen Systems. Der Hauptfehler, den wir begangen haben, liegt in der Unterschätzung der Langsamkeit, mit der sich die Wirtschaftskrise seit ihrem Beginn am Ende der Wiederaufbauperiode nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte, sowie in der Unterschätzung der Fähigkeiten der herrschenden Klasse, den historischen Niedergang ihrer kapitalistischen Produktionsweise zu begleiten und zu bremsen.

Der Kongress hat ebenfalls gezeigt, wie unsere letzte interne Krise (und die Lehren, die wir daraus gezogen haben) es der IKS erlaubt hat, damit zu beginnen, sich eine fundamentale Errungenschaft der Arbeiterklasse wieder anzueignen, welche schon von Engels beleuchtet wurde: Der Kampf des Proletariats enthält drei Dimensionen. Eine ökonomische, eine politische und eine theoretische Dimension. Es ist diese theoretische Dimension, welche das Proletariat in seinen zukünftigen Kämpfen entwickeln muss, um seine Identität als revolutionäre Klasse wiederzufinden, um dem Gewicht des sozialen Zerfalls etwas entgegenstemmen zu können und um seine eigene Perspektive der gesellschaftlichen Umwälzung voran zu stellen. Wie Rosa Luxemburg es ausdrückte, ist die proletarische Revolution allem voran eine breite „kulturelle Bewegung“, denn die kommunistische Gesellschaft hat nicht nur das Ziel der Befriedigung der vitalen materiellen, sondern auch der sozialen, intellektuellen und moralischen Bedürfnisse der Menschheit. Indem wir uns dieser Lücke in unserem Verständnis des Kampfes der Arbeiterklasse bewusst geworden sind (die sich durch eine „ökonomistische“ und vulgärmaterialistische Tendenz ausdrückte), haben wir nicht nur das Wesen unserer letzten internen Krise begreifen, sondern auch verstehen können, dass diese „moralische und intellektuelle“ Krise, die wir schon anlässlich unserer Außerordentlichen Konferenz 2014 untersucht haben[8], in Wirklichkeit schon seit 30 Jahren existiert. Dies, weil die IKS an einem Mangel an Reflexion und vertieften Diskussionen über die Wurzeln all ihrer organisatorischen Schwierigkeiten gelitten hat, mit welchen sie seit ihrer Gründung und speziell seit Ende der 1980er Jahre konfrontiert gewesen ist.

Die Rolle der IKS: „einer der Fraktion ähnelnde Rolle“

Um eine kritische Bilanz über 40 Jahre IKS ziehen zu können, hat der Kongress nicht nur eine Diskussion über einen allgemeinen Aktivitätsbericht in den Mittelpunkt gerückt, sondern auch über einen Bericht zur „fraktionsähnlichen“ Rolle der IKS diskutiert.

Unsere Organisation hat nie den Anspruch gehabt, eine Partei zu sein (und noch weniger die Weltpartei der Arbeiterklasse).

Unsere Gründungstexte hoben hervor: „Die Anstrengung unserer Strömung, sich als Umgruppierungspol um Klassenpositionen zu konstituieren, reiht sich in einen Prozess ein, der in Richtung der Formierung der Partei im Moment der intensiven und generalisierten Kämpfe geht. Wir gehen nicht davon aus, eine ‚Partei‘ zu sein.“ (Internationale Revue Nr. 1 (engl./franz./span. Ausgabe) „Bilanz der internationalen Gründungskonferenz der IKS“). Die IKS muss noch immer eine Arbeit leisten, die zahlreiche Ähnlichkeiten zur Fraktion aufweist, auch wenn sie keine Fraktion ist.

Die IKS ist nach einem organischen Bruch mit den früheren kommunistischen Organisationen entstanden und nicht aus einer bereits existierenden Organisation herausgewachsen. Wir haben daher keinerlei organische Kontinuität mit einer bestimmten Gruppe oder Partei. Der einzige Genosse (MC), welcher aus einer Fraktion der Arbeiterbewegung der 3. Internationale kam, konnte nicht die Kontinuität einer Gruppe repräsentieren, er war schlicht die einzige „lebende Verbindung“ mit der früheren Arbeiterbewegung. Weil die IKS nicht einer degenerierten Partei entsprang, welche die proletarischen Prinzipien verraten hatte und ins Lager des Kapitals gewechselt war, wurde sie nicht im Kontext des Kampfes gegen eine solche Degeneration gegründet. Die Hauptaufgabe der IKS ist, wegen des organischen Bruchs und wegen der Tiefe der 40-jährigen Konterrevolution, zuallererst einmal die Wiederaneignung der Positionen der Gruppen der Kommunistischen Linken, die uns vorangegangen sind.

Die IKS musste sich „von Null an“ auf einer internationalen Ebene gründen und entwickeln. Diese neue internationale Organisation musste „an Ort und Stelle“ alles lernen, unter neuen historischen Bedingungen und dies mit einer ersten Generation von jungen unerfahrenen Militanten, welche aus der Studentenbewegung des Mai 68 kamen und stark vom Gewicht des Kleinbürgertums, der Ungeduld, der Atmosphäre des „Konflikts zwischen den Generationen“ und der Angst vor dem Stalinismus, die sich von Beginn weg in einem Misstrauen gegen die Zentralisierung ausdrückte, geprägt waren.

Seit ihrer Gründung hat sich die IKS die Erfahrungen der Organisationen der vergangenen Arbeiterbewegung angeeignet (vor allem des Bundes der Kommunisten, der Ersten Internationale, von BILAN und der Französischen Kommunistischen Linken), um sich Statuten und Prinzipien der Funktionsweise zu geben, die integraler Bestandteil der Plattform sind. Doch anders als die Organisationen der Vergangenheit verstand sich die IKS nie als eine föderalistische Organisation, die aus einer Summe von nationalen Sektionen besteht, von welchen jede ihre lokalen Besonderheiten aufweist. Als von Anbeginn internationale und zentralisierte Organisation gegründet, verstand sich die IKS als einheitlicher internationaler Körper. Ihre Prinzipien der Zentralisierung waren der Garant für die Einheit der Organisation.

„Während es für BILAN und die GCF – aufgrund der Bedingungen der Konterrevolution – unmöglich war, zu wachsen und eine Organisation in mehreren Ländern aufzubauen, hat sich die IKS zum Ziel gesetzt, eine internationale Organisation auf soliden Positionen aufzubauen (…) Als Ausdruck des neuen historischen Kurses, offen in Richtung Klassenkonfrontationen (…), war die IKS seit Beginn international zentralisiert, während die anderen Organisationen der Kommunistischen Linken der Vergangenheit immer auf ein oder zwei Länder beschränkt waren.“ (Bericht für den 21. Kongress über die Rolle der IKS als Fraktion)

Trotz dieser Unterschiede zu BILAN und der GCF unterstrich der Kongress, dass die Rolle der IKS ähnlich einer Fraktion ist: eine Brücke zu bilden zwischen der Vergangenheit (nach einer Periode des Bruchs) und der Zukunft. „Die IKS definiert sich selber nicht als eine Partei, nicht als eine Mini-Partei, sondern in gewissem Sinne als eine Fraktion.“ (ebenda) Die IKS soll ein Bezugspunkt sein, ein Pol für die internationale Umgruppierung und für die Weitergabe der Erfahrungen der früheren Arbeiterbewegung. Sie muss sich auch davor hüten, dogmatische Wege einzuschlagen, indem sie, wenn immer nötig, Kritik an falschen oder überholten Positionen übt, um weiter zu kommen und den Marxismus lebendig zu halten.

Die Wiederaneignung der Positionen der Kommunistischen Linken innerhalb der IKS fand relativ zügig statt, auch wenn von Beginn an von einer großen Heterogenität gezeichnet. „Wiederaneignung hieß nicht, dass wir ein für allemal zur Klarheit und Wahrheit gelangt wären und dass unsere Plattform ‚unveränderlich‘ geworden wäre (…) Die IKS hat ihre Plattform zu Beginn der 1980er Jahre nach einer intensiven Debatte abgeändert“ (ebenda). Auf der Grundlage dieser Wiederaneignung konnte die IKS theoretische Vertiefungen bezüglich der Analyse der internationalen Situation machen (zum Beispiel nach der Niederlage des Massenstreiks in Polen 1980 die Kritik der Theorie Lenins über das „schwächste Glied“[9] und die Analyse des Zerfalls als letzte Phase in der Dekadenz des Kapitalismus, welche den Zusammenbruch der UdSSR ankündigte[10]).                             

Die IKS übernahm von Anbeginn die Haltung von BILAN und der GCF, welche während ihrer gesamten Existenz auf einer internationalen Debatte beharrten (dies sogar unter den Bedingungen der Repression, des Faschismus und des Krieges), um zur Klärung von Positionen unter den Gruppen zu gelangen, welche sich an den Polemiken über politische Grundsatzpositionen beteiligten. Unmittelbar nach der Gründung der IKS im Januar 1975 hatten wir diese Methode wieder aufgenommen, indem wir zahlreiche öffentliche Debatten und Polemiken vorantrieben. Dies nicht mit dem Ziel einer frühzeitigen Umgruppierung, sondern vor allem um den Klärungsprozess zu fördern.

Seit dem Beginn ihrer Existenz hat die IKS immer das Konzept der Existenz eines „politischen proletarischen Milieus“ vertreten, welches durch Prinzipien definiert ist, und versucht, eine dynamische Rolle im Klärungsprozess innerhalb dieses Milieus zu spielen.

Das Vermächtnis der Italienischen Kommunistischen Linken ist vom Anfang bis zum Ende vom Kampf zur Verteidigung der Prinzipien der Arbeiterbewegung und des Marxismus geprägt. Dies ist auch für die IKS für die ganze Zeit ihrer Existenz ein ständiges Anliegen gewesen, das sich in kontroversen öffentlichen Debatten ausdrückt sowie in den politischen Kämpfen, die wir besonders in Situationen der Krise innerhalb der Organisation haben führen müssen.

BILAN und die GCF waren überzeugt, dass ihre Rolle als Fraktion auch in der „Bildung von Kadern“ besteht. Auch wenn dieses Konzept von „Kadern“ sehr fragwürdig ist und Verwirrungen hervorrufen kann, so war das grundsätzliche Anliegen dahinter vollkommen richtig: Es ging darum, eine zukünftige Generation von Militanten auszubilden, an die man die historischen Erfahrungen weiterreicht, damit sie den Stab weitertragen und die Arbeit der vorangegangenen Generation weiterführen.

Die Fraktionen der Vergangenheit sind nicht allein wegen des Gewichts der Konterrevolution verschwunden. Ihre falschen Analysen der historischen Situation haben ebenfalls zu ihrem Verschwinden beigetragen. Die GCF ist nach ihrer Analyse über einen unmittelbaren und unvermeidlichen dritten Weltkrieg – welche sich als falsch herausstellte – verschwunden. Die IKS ist die internationale Organisation mit der längsten Lebensdauer in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Und es gibt sie immer noch, 40 Jahre nach ihrer Gründung. Wir sind von unseren verschiedenen Krisen nicht weggefegt worden. Trotz des Verlusts von zahlreichen Militanten hat es die IKS geschafft, die Mehrheit ihrer Gründungs-Sektionen zu behalten und neue aufzubauen, was uns erlaubt, mit unserer Presse in verschiedenen Sprachen, Ländern und Kontinenten präsent zu sein.

Doch der Kongress hat klar hervorgehoben, dass die IKS seit ihrer Gründung unter der Last der historischen Bedingungen leidet. Aufgrund der schlechten historischen Bedingungen gibt es in unserer Organisation eine „verlorene Generation“ nach 1968 und eine „fehlende Generation“ (dies wegen des langen Einflusses der antikommunistischen Kampagnen nach dem Zusammenbruch des stalinistischen Ostblocks). Diese Situation stellt ein Handicap dar bei der Konsolidierung der Organisation im Hinblick auf ihre langfristige Tätigkeit. Unsere Schwierigkeiten haben sich seit Ende der 1980er Jahre durch das Gewicht des Zerfalls, welches die gesamte Gesellschaft und auch die Arbeiterklasse mit ihren revolutionären Organisationen belastet, noch zugespitzt.

So wie BILAN und die GCF fähig waren, den Kampf „gegen den Strom“ zu führen, muss die IKS heute, um ihre Rolle als Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft zu spielen, denselben Kampfgeist entwickeln, im Wissen darum, dass wir ebenfalls „gegen den Strom“ schwimmen, isoliert und abgeschnitten von der Arbeiterklasse (wie die anderen Organisationen der Kommunistischen Linken). Auch wenn wir uns nicht mehr in einer Phase der Konterrevolution befinden, so verstärkt die historische Situation seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und aufgrund der großen Schwierigkeiten des Proletariats, seine revolutionäre Klassenidentität und Perspektive wiederzufinden, diese Isolation. Dazu kommen all die Kampagnen der herrschenden Klasse gegen die Kommunistische Linke. „Die Brücke, die wir heute bilden müssen, führt über die ‚verlorene Generation‘  nach 1968 und die Wüste des Zerfalls hinweg in Richtung der zukünftigen Generationen.“ (ebenda)

Die Debatten auf dem Kongress unterstrichen, dass die IKS im Verlauf der Zeit (und vor allem seit dem Tod unseres Genossen MC) größtenteils vergessen hat, wie sie die Arbeit der Fraktionen der Kommunistischen Linken fortführen muss. Dies drückte sich in einer Unterschätzung unserer Hauptaufgabe, der theoretischen Vertiefung, aus [11](die wir nicht einigen „Spezialisten“ überlassen dürfen) sowie in der Unterschätzung des Aufbaus der Organisation durch die Bildung neuer Militanter mit der Weitergabe der Kultur der Theorie. Der Kongress hat festgestellt, dass die IKS in den letzten 25 Jahren an der Aufgabe, die Methode der Fraktion an die neuen Genossen weiterzureichen, gescheitert ist. Anstatt sie mit der Methode des langfristigen Aufbaus einer zentralisierten Organisation vertraut zu machen, neigten wir dazu, ihnen das Bild der IKS als einer „Mini-Partei“[12] zu vermitteln, deren Hauptaufgabe die Intervention in den unmittelbaren Kämpfen der Arbeiterklasse sei.

Zurzeit der Gründung der IKS lastete eine enorme Verantwortung auf den Schultern von MC, dem einzigen Genossen, welcher der jungen Generation die marxistische Methode beim Aufbau der Organisation und bei der unnachgiebigen Verteidigung ihrer Prinzipien übermitteln konnte. Es gibt heute in der Organisation viel mehr erfahrene Militante (die schon seit der Gründung der IKS dabei sind), doch es existiert eine permanente Gefahr eines „historischen Bruchs“ angesichts unserer Schwierigkeiten, diese Arbeit der Weitergabe zu leisten.

Tatsächlich waren die Bedingungen, die zurzeit der Gründung der IKS herrschten, ein enormes Handicap für den langfristigen Aufbau der Organisation. Die stalinistische Konterrevolution war die längste und tiefste in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Nie zuvor seit der Zeit des Bundes der Kommunisten gab es eine Diskontinuität, einen organischen Bruch zwischen den Generationen der Militanten. Es gab immer einen lebendigen Faden zwischen den Organisationen, und die Weitergabe der Erfahrung lastete nie auf den Schultern einer einzigen Person. Die IKS ist die einzige Organisation, die mit einer solchen Situation konfrontiert ist. Der organische Bruch, welcher mehrere Jahrzehnte dauerte, war enorm schwer zu überwinden, und er wurde noch durch den Widerstand der jungen Generation des Mai 68 verstärkt, von der älteren Generation zu „lernen“. Der Einfluss der Ideologien des revoltierenden Kleinbürgertums und des aufbegehrenden studentischen Milieus, das stark vom „Generationenkonflikt“ geprägt war (aufgrund der Tatsache, dass es genau die ältere Generation war, die am schlimmsten unter der Konterrevolution gelitten hat), verstärkte das Gewicht des historischen Bruchs mit den lebendigen Erfahrungen der früheren Arbeiterbewegung noch zusätzlich.

Der Tod von MC zu Beginn der Zerfallsperiode des Kapitalismus erschwerte die Überwindung der angeborenen Schwächen der IKS nur noch weiter.

Der Verlust der Sektion in der Türkei zu Beginn des Jahres 2015 war der klarste Ausdruck unseres Fehlers, diese Genossen zu früh und übereilt integriert zu haben, bevor sie wirklich die Statuten und Organisationsprinzipien der IKS verstanden hatten (und obwohl sie eine stark lokalistische und föderalistische Tendenz vertraten, welche die Organisation als Sammelsurium von „nationalen“ Sektionen sieht und nicht als einen einheitlichen zentralisierten Körper auf internationaler Ebene).

Der Kongress unterstrich ebenfalls, dass das Gewicht des Zirkelgeistes (und von clan-ähnlichen Dynamiken)[13], die ebenfalls angeborene Schwächen der IKS sind, es immer wieder erschwert hat, die fraktionsähnliche Arbeit der Aneignung und Weitergabe der Erfahrungen der Vergangenheit an neue Genossen zu verrichten.

Die historischen Bedingungen, unter denen die IKS existiert hat, haben sich seit ihrer Gründung verändert. Während der ersten Jahre unserer Existenz konnten wir in einer Arbeiterklasse intervenieren, die sich auf dem Weg zu bedeutenden Kämpfen befand. Heute, nach 25 Jahren Stagnation im Klassenkampf auf internationaler Ebene, muss sich die IKS einer Aufgabe widmen, die der damaligen von BILAN nahe kommt: die Gründe für das Scheitern der Arbeiterklasse, fast ein halbes Jahrhundert nach der historischen Wiederaufnahme des Klassenkampfes Ende der 1960er Jahre die revolutionäre Perspektive wiederzufinden, zu verstehen.

„Die Tatsache, dass wir fast allein dastehen bei der Untersuchung der gewaltigen Probleme, kann die Resultate beeinflussen, jedoch nicht die Notwendigkeit in Frage stellen, diese Aufgabe zu lösen.“ (BILAN Nr. 22, September 1935, „Resolutionsentwurf über die Probleme der internationalen Beziehungen“)

„Diese Arbeit soll sich nicht auf die Probleme beschränken, die wir heute lösen müssen, um unsere Taktik zu bestimmen, sondern auch auf die Probleme beziehen, die sich morgen der Diktatur des Proletariats stellen.“ (INTERNATIONALISME Nr. 1, Januar 1945, „Resolution über die politischen Aufgaben“)

Die Notwendigkeit einer moralischen und kulturellen „Wiedergeburt“

Die Debatten über die kritische Bilanz von 40 Jahren IKS haben uns gezwungen, der Gefahr der Sklerose und der Degeneration ins Auge zu schauen, welche schon immer die revolutionären Organisationen gedroht hat. Keine revolutionäre Organisation war immun gegenüber dieser Gefahr. Die SPD wurde bis zur totalen Aufgabe jeglicher Grundlagen des Marxismus vom Opportunismus zerfressen, dies vor allem weil sie jede theoretische Arbeit zugunsten der unmittelbaren Aufgaben beiseiteschob, um über die Vergrößerung ihrer Wahlerfolge einen Einfluss auf die Arbeiterklasse zu erlangen. Doch der Degenerationsprozess der SPD hatte schon viel früher als zum Zeitpunkt der Aufgabe der theoretischen Arbeit begonnen. Er begann mit der fortschreitenden Zerstörung der Solidarität unter den Militanten. Nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes (1878-90) in Deutschland und der Legalisierung der SPD, die nun im Parlament einzog, war die Solidarität zwischen den Genossen nicht mehr eine zwingende Notwendigkeit, da sie nicht mehr der Repression und den Regeln der Untergrundarbeit unterworfen waren. Diese Zerstörung der Solidarität (gefördert durch die „komfortablen“ Bedingungen der bürgerlichen Demokratie) öffnete den Weg zu einer zunehmenden moralischen Verwahrlosung der SPD, welche damals die führende Partei der Arbeiterbewegung war; dies drückte sich beispielsweise darin aus, dass die widerlichsten Gerüchte über die prinzipientreuste Vertreterin des linken Flügels, Rosa Luxemburg, verbreitet wurden.[14] Es ist das Zusammenspiel dieser Faktoren (und nicht allein der Opportunismus und der Reformismus), welches den Weg zu einem langen internen Degenerationsprozess und zum Scheitern der SPD 1914 eröffnete.[15] Lange Zeit ging die IKS die Frage der moralischen Prinzipien nur auf einer empirisch, praktischen Weise an (vor allem während der Organisationskrise 1981, bei der wir zum ersten Mal mit kriminellen Verhaltensweisen konfrontiert waren, als die „Chénier-Tendenz“ uns Material entwendete). Dass die IKS diese Frage nie von einer theoretischen Seite her aufgriff, hat damit zu tun, dass es bei der Gründung unserer Organisation eine ablehnende Haltung und sogar eine gewisse „Phobie“ gegen den Begriff der „Moral“ gab. Die junge Generation, die dem Mai 68 entsprang, wollte (im Gegensatz zu MC) nicht, dass das Wort „Moral“ in den Stauten der IKS vorkommt (auch wenn die Idee einer proletarischen Moral in den Statuten der GCF vertreten war). Die Abneigung gegen die „Moral“ war Ausdruck des Einflusses der studentischen kleinbürgerlichen Ideologie und Verhaltensweise der damaligen Zeit.

Erst als in der Organisationskrise von 2001 es erneut zu kriminellen Verhaltensweisen von Seiten der Ex-Mitglieder gekommen war, die später die IFIKS gründeten, hat die IKS die Notwendigkeit einer theoretischen Wiederaneignung des marxistischen Erbes zur Frage der Moral verstanden. Es dauerte vier Jahrzehnte, bis wir die Notwendigkeit begriffen, diese Lücke zu schließen. Und nun, aufgrund unserer letzten Organisationskrise, hat in der IKS ein Denkprozess begonnen, um endlich zu verstehen, was Rosa Luxemburg meinte, als sie schrieb: „Die Partei des Proletariats ist das moralische Bewusstsein der Revolution“.

Die Arbeiterbewegung insgesamt hat diese Frage unterschätzt. Die Debatte zurzeit der Zweiten Internationale (vor allem über das Buch von Karl Kautsky „Ethik und materialistische Geschichtsauffassung“, 1906) wurde nie genügend entwickelt, und der moralische Verlust war bestimmendes Element ihrer Degeneration. Auch wenn die Gruppen der Kommunistischen Linken den Mut besaßen, die moralischen proletarischen Prinzipien praktisch zu vertreten, so theoretisierten weder BILAN noch die GCF diese Frage in ausreichendem Maße. Die Schwierigkeiten der IKS auf dieser Ebene müssen also im Lichte des Unvermögens der revolutionären Bewegung des 20. Jahrhunderts gesehen werden.

Heute ist das Risiko einer moralischen Degeneration der revolutionären Organisationen durch die Ausdehnung des Zerfalls und der Barbarei der kapitalistischen Gesellschaft  größer  geworden. Diese Frage betrifft nicht nur die IKS, sondern auch die anderen Gruppen der Kommunistischen Linken.

Nach unserer letzten außerordentlichen Konferenz 2014, welche die moralische Dimension der Organisationskrise der IKS erkannte, setzt sich der Kongress nun zum Ziel, auch über die intellektuelle Dimension nachzudenken. In ihrer ganzen Existenz hat die IKS immer wieder ihre Schwierigkeiten auf der Ebene der Vertiefung theoretischer Fragen unterstrichen. Das Abhandenkommen des Verständnisses der Rolle, welche die IKS zu spielen hat, der Immediatismus in unseren Analysen, die aktivistischen und arbeitertümlerischen Tendenzen in unseren Interventionen, die Geringschätzung der theoretischen Arbeit und der Suche nach der Wahrheit haben den schlüpfrigen Boden für diese Organisationskrise gebildet.

Unsere wiederkehrende Unterschätzung der theoretischen Arbeit (und vor allem der Organisationsfragen) hat ihre Wurzeln in den Ursprüngen der IKS: in dem Einfluss der studentischen Revolte mit ihrer akademistischen Komponente (kleinbürgerlicher Natur), der sich eine aktivistische und arbeitertümlerische Tendenz (linksbürgerlicher Färbung) entgegenstemmte, welche anti-akademistisch und misstrauisch gegenüber der Theorie war. All dies fand in einer Atmosphäre des kindischen Protests gegen jegliche „Autorität“ (in der IKS vom „alten“ MC verkörpert) statt. Gegen Ende der 1980er Jahre wurde diese Unterschätzung der theoretischen Arbeit der Organisation nur noch verstärkt durch die destruktive Stimmung des gesellschaftlichen Zerfalls, welche das rationale Denken zugunsten des Glaubens und aufklärungsfeindlicher Vorurteile zerstört, wobei die „Klatschkultur“ die Kultur der Theorie verdrängt.[16] Der Verlust unserer Errungenschaften (und die Gefahr der Sklerose, die damit einhergeht) ist eine direkte Konsequenz aus diesem Mangel an einer wirklichen Kultur der Theorie. Angesichts des Drucks der bürgerlichen Ideologie können die Errungenschaften der IKS (sei es auf der programmatischen Ebene, bei unseren Analysen oder in den Organisationsfragen) nur aufrechterhalten werden, wenn sie ständig durch die Reflexion und die theoretische Debatte bereichert werden.

Der Kongress hob hervor, dass die IKS immer noch von ihrer „Jugendsünde“ gezeichnet ist, dem Immediatismus, der uns wiederholt den historischen Rahmen, in den sich langfristig die Funktion der Organisation einreiht, hat vergessen lassen. Die IKS wurde durch die Umgruppierung junger Genossen gebildet, die sich zum Zeitpunkt einer spektakulären Wiederaufnahme des Klassenkampfes (Mai 68) politisiert hatten. Viele von ihnen hatten die Illusion, dass die Revolution bereits im Gange sei. Die ungeduldigsten und am meisten auf den Moment fixierten von ihnen ließen sich demoralisieren und legten ihr militantes Engagement beiseite. Doch diese Schwäche blieb auch unter denen bestehen, die in der IKS blieben. Der Immediatismus hat uns weiter geprägt und sich bei zahlreichen Gelegenheiten ausgedrückt. Der Kongress begriff, dass diese Schwäche tödlich sein kann, denn gepaart mit dem Verlust von Errungenschaften und einem Misstrauen gegenüber der Theorie führt sie unmittelbar in den Opportunismus, auf einen Weg, welcher die Organisationsgrundlagen immer weiter untergräbt.

Der Kongress rief in Erinnerung, dass der Opportunismus (und seine Variante, der Zentrismus), der durch die permanente Infiltration der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ideologie in die revolutionären Organisationen entsteht, eine andauernde Wachsamkeit und einen konsequenten Kampf dagegen erfordert. Auch wenn die revolutionäre Organisation ein „Fremdkörper“ ist und in einem unversöhnlichen Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft steht, so entsteht und existiert sie inmitten der Klassengesellschaft und ist daher dauernd durch die Infiltration von Ideologien und Verhaltensweisen, die der Arbeiterklasse fremd sind, gefährdet. Dies greift die Errungenschaften des Marxismus und der Arbeiterbewegung an. Während ihrer 40-jährigen Existenz musste die IKS ständig ihre Prinzipien verteidigen und in schwierigen Debatten all diese Ideologien in ihren Reihen bekämpfen, welche sich unter anderem in linksbürgerlichen, modernistischen, anarcho-libertären und rätistischen Abweichungen ausdrückten.

Der Kongress widmete sich ebenfalls den Schwierigkeiten der IKS, eine andere große Geburtsschwäche zu überwinden: den Zirkelgeist und seinen zerstörerischsten Ausdruck, den Clangeist.[17] Dieser Zirkelgeist ist, wie es die gesamte Geschichte der IKS gezeigt hat, eines der gefährlichsten Gifte für die Organisation. Dies aus verschiedenen Gründen. Er beinhaltet die Umwandlung der revolutionären Organisation in einen simplen Zusammenschluss von Freunden, was ihre politische Natur als Produkt und Instrument des Kampfes der Arbeiterklasse entstellt. Durch die Personalisierung von politischen Fragen untergräbt er die Debattenkultur und die Klärung von Meinungsverschiedenheiten, die schlüssige und rationale Konfrontation von Argumenten. Die Bildung von Clans oder Freundeskreisen, die sich der Organisation oder einzelnen Teilen widersetzen, zerstört die kollektive Arbeit, die Solidarität und die Einheit der Organisation. Weil er durch irrationale Gefühle, Machtbeziehungen und  persönliche Abneigungen genährt ist, widersetzt sich der Zirkelgeist der Denkarbeit und der Kultur der Theorie zugunsten von Klatsch, Geschichten hinter den Kulissen „unter Freunden“ und Verleumdungen, welche direkt die Moral der Organisation untergraben.

Die IKS ist es trotz aller Kämpfe, die wir gegen den Zirkelgeist in den 40 Jahren unserer Existenz geführt haben, nicht gelungen, ihn zu überwinden. Die Weiterexistenz dieses Gifts erklärt sich aus der Zeit der Entstehung der IKS, die aus Zirkeln gebildet wurde, in einer „familiären“ Atmosphäre, wo die Beziehungen (persönliche Sympathien oder Antipathien) wichtiger waren als die notwendige Solidarität zwischen Militanten, die für dasselbe Ziel kämpfen und sich um dasselbe Programm scharen. Das Gewicht des sozialen Zerfalls und die Tendenz hin zum „Jeder für sich“ haben diese Gründungsschwäche noch verstärkt. Und vor allem hat es der Mangel an theoretischen Diskussionen und Vertiefungen über Organisationsfragen der Organisation im Ganzen nicht erlaubt, diese „Kinderkrankheit“ der IKS und der Arbeiterbewegung zu überwinden. Der Kongress hob hervor (indem er sich dabei auf die Feststellung Lenins bezog, die dieser schon 1904 in seinem Werk „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ machte), dass der Zirkelgeist im Wesentlichen durch den Druck der kleinbürgerlichen Ideologie portiert wird.

Um all diese Schwierigkeiten anzupacken und angesichts der ernsten Umstände der heutigen Zeit hob der Kongress hervor, dass die Organisation einen starken Kampfgeist gegen den Einfluss der herrschenden Ideologie und gegen das Gewicht des sozialen Zerfalls entfalten muss. Dies bedeutet einen permanenten Kampf gegen den Routinismus, die Oberflächlichkeit, die intellektuelle Faulheit, den Schematismus und erfordert einen kritischen Geist, um mit Klarheit die eigenen Fehler und theoretischen Unzulänglichkeiten zu erkennen.

In dem Maße, wie „das sozialistische Bewusstsein der revolutionären Aktion der Arbeiterklasse vorausgeht und sie bedingt“ (INTERNATIONALISME Nr. 38, „Über das Wesen und die Funktion der politischen Partei des Proletariats“), ist die Entwicklung des Marxismus die zentrale Aufgabe aller revolutionären Organisationen. Der Kongress legte als prioritäre Orientierung für die IKS die Verstärkung der kollektiven Vertiefungsarbeit, der Reflexion fest, damit wir uns die marxistische Kultur der Theorie in unseren internen Debatten wieder aneignen.

Bereits 1903 bedauerte Rosa Luxemburg die mangelhafte Vertiefung der marxistischen Theorie: „Allein, von einem mehr oder weniger ausgearbeiteten Lehrgebäude kann bei Marx nur auf ökonomischem Gebiete die Rede sein. Dagegen, was das Wertvollste seiner Lehre betrifft: die materialistisch-dialektische Geschichtsauffassung, so stellt sie nur eine Forschungsmethode dar, ein paar leitende geniale Gedanken, die den Ausblick in eine ganz neue Welt gestatten (…) Und doch – auch auf diesem Gebiete liegt, ausgenommen einige wenige Leistungen, das Erbe Marxens brach, unbenutzt liegt die herrliche Waffe, und die Theorie selbst des geschichtlichen Materialismus ist heute genauso unausgearbeitet und schematisch, wie sie aus der Hand ihrer Schöpfer gekommen ist. (…) Es ist nichts als eine Illusion, zu denken, die aufstrebende Arbeiterklasse könne durch den Inhalt ihres Klassenkampfes aus freien Stücken auf theoretischem Gebiete ins unermeßliche schöpferisch wirken.“ (Stillstand und Fortschritt im Marxismus, 1903)

Die IKS ist heute in einer Übergangsphase. Dank der kritischen Bilanz, die sie begonnen hat, ihrer Fähigkeit, die eigenen Schwächen zu untersuchen und die Fehler zu erkennen, ist sie dabei, ihre bisherige Sichtweise über die militante Aktivität, über die Beziehungen zwischen den Genossen und das Verhältnis zwischen den Genossen und der Organisation mittels der Richtschnur der moralischen und intellektuellen Dimension im Kampf der Arbeiterklasse einer radikalen Kritik zu unterziehen. Wir müssen im Grunde eine „kulturelle Revolution“ durchmachen, um fähig zu werden zu „lernen“ und um unsere Verantwortung wahrnehmen zu können. Dies ist ein langer und schwieriger Prozess, aber lebenswichtig für die Zukunft.

Die Verteidigung der Organisation angesichts der Angriffe gegen die IKS

Während ihrer gesamten Existenz musste die IKS permanente Kämpfe zur Verteidigung ihrer Prinzipien, gegen den ideologischen Druck der bürgerlichen Gesellschaft, gegen anti-proletarisches Verhalten und gegen Manöver von gewissenlosen Abenteurern führen. Die Verteidigung der Organisation ist eine politische Verantwortung und eine moralische Pflicht. Die revolutionäre Organisation gehört nicht ihren Militanten, sondern dem Proletariat insgesamt. Sie ist Ausdruck seines historischen Kampfes, Waffe seines Kampfes zur Entwicklung des eigenen Bewusstseins im Hinblick auf die revolutionäre Umwandlung der Gesellschaft.

Der Kongress legte den Finger auf die Tatsache, dass die IKS ein „Fremdkörper“ in der Gesellschaft ist, in Widerspruch und Feindschaft zum Kapitalismus. Genau aus diesem Grunde interessiert sich die herrschende Klasse seit unserer Gründung für unsere Aktivitäten. Dies ist keine Paranoia und keine „Verschwörungstheorie“. Die Revolutionäre dürfen nicht die Naivität der Ignoranten gegenüber der Geschichte der Arbeiterbewegung haben und noch weniger dem demokratischen Gesülze der Bourgeoisie (mit ihrer „Meinungsfreiheit“) auf den Leim gehen. Wenn die IKS heute nicht der direkten Repression der kapitalistischen Staates unterworfen ist, dann deshalb, weil unsere Ideen nur von einer sehr kleinen Minderheit der Klasse vertreten werden und für die herrschende Klasse keine unmittelbare Gefahr darstellen. Wie BILAN und die GCF schwimmen wir „gegen den Strom“. Doch auch wenn die IKS heute keinen direkten oder unmittelbaren Einfluss innerhalb der Arbeiterklasse hat, so streuen wir mit der Präsenz unserer Ideen die Saat für die Zukunft. Aus diesem Grunde ist die herrschende Klasse am Verschwinden der IKS interessiert, welche die einzige international zentralisierte Organisation der Kommunistischen Linken ist und Sektionen in verschiedenen Ländern und Kontinenten hat.

Genau dies zieht auch den Hass deklassierter Elemente[18] auf sich, welche immer auf der Suche nach „Anzeichen“ unseres Verschwindens sind. Die herrschende Klasse kann nur frohlocken, wenn ein ganzes Schwadron von Individuen, die behaupten mit der Kommunistischen Linken etwas zu tun zu haben, rund um die IKS agieren (auf Blogs, Foren, Internetseiten, Facebook und anderen sozialen Medien), um Klatsch und Lügen gegen die IKS zu verbreiten und stets aufs Neue widerliche Attacken mit übelsten polizeiähnlichen Methoden gegen einzelne unserer Genossen zu führen.

Der Kongress hat hervorgehoben, dass die Zunahme der Angriffe dieses parasitären Milieus[19] gegen die IKS, welches die militante Arbeit der Gruppen der Kommunistischen Linken entstellen und austilgen will, Ausdruck der verfaulenden bürgerlichen Gesellschaft ist.

Der Kongress hat versucht, die ganze Dimension, welche der Parasitismus seit Beginn der Zerfallsphase des Kapitalismus erreicht hat, zu erfassen. Heute ist das Ziel des parasitären Milieus – bewusst oder nicht –, Unruhe zu stiften, vor allem aber die Kräfte, die sich potenziell rund um die historischen Organisationen der Kommunistischen Linken politisieren, zu lähmen. Es versucht, einen „Sperrgürtel“, einen „cordon sanitaire“ rund um unsere Organisation zu errichten (v.a. mit der Behauptung, das Gespenst des Stalinismus gehe in der IKS um), und will so junge Leute, die auf der politischen Suche sind, von der IKS abschrecken. Diese Sabotagearbeit ergänzt die antikommunistischen Kampagnen, welche die herrschende Klasse seit dem Zusammenbruch des Ostblocks entfesselt hat. Der Parasitismus ist im dekadenten Kapitalismus der engste Verbündete der herrschenden Klasse gegen die revolutionäre Perspektive der Arbeiterklasse.

Weil die Arbeiterklasse enorme Schwierigkeiten hat, ihre Identität als revolutionäre Klasse wiederzufinden und an die eigene Vergangenheit anzuknüpfen, spielen die Lügen, die Angriffe und die üble Mentalität der Leute, die behaupten, etwas mit der Kommunistischen Linken zu tun zu haben, und die IKS verunglimpfen, nichts anderes als das Spiel der herrschenden Klasse, um deren Interessen zu verteidigen. Wenn wir von Verteidigung der Organisation sprechen, so verteidigen wir keineswegs „unsere Kapelle“. Der IKS geht es um die Verteidigung der marxistischen Prinzipien, der revolutionären Klasse und der Kommunistischen Linken, welche Gefahr laufen, durch die Ideologie des „no future“, welche der Parasitismus in sich trägt, verschlungen zu werden.

Die Verstärkung der öffentlichen und unnachgiebigen Verteidigung der Organisation ist eine Orientierung des Kongresses. Die IKS ist sich voll bewusst, dass diese Orientierung im Moment nicht verstanden wird, zuweilen als Mangel an „fair play“ kritisiert wird und deshalb zu einer stärkeren Isolierung der Organisation führen kann. Doch noch schlimmer wäre es, den zerstörerischen Parasitismus gewähren zu lassen, ohne darauf zu reagieren. Der Kongress hob hervor, dass die IKS auch auf dieser Ebene „gegen den Strom schwimmen“ muss, so wie sie den Mut besitzt, eine unerbittliche Kritik ihrer Fehler und Schwächen auf diesem Kongress zu vollziehen und diese auch zu publizieren.

„Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung. (…) Aber wir sind nicht verloren, und wir werden siegen, wenn wir zu lernen nicht verlernt haben. Und sollte die heutige Führerin des Proletariats, die Sozialdemokratie, nicht zu lernen verstehen, dann wird sie untergehen, „um den Menschen Platz zu machen, die einer neuen Welt gewachsen sind.“ (Rosa Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie („Junius-Broschüre“, 1916)

IKS, Frühjahr 2015

[1]               Siehe dazu unser Buch „Die Italienische Kommunistische Linke, Ein Beitrag zur Geschichte der revolutionären Bewegung 1926-45“

[2]               BILAN (Bilanz auf Französisch) war der Name der wichtigsten theoretischen Zeitschrift der Italienischen Kommunistischen Linken (im französischen Exil).

[3]               Siehe dazu den Artikel „Außerordentliche internationale Konferenz der IKS: Die Nachrichten über unser Ableben sind stark übertrieben“, Internationale Revue Nr. 52

[4]               Siehe dazu insbesondere unseren Artikel „Gründe, Widersprüche und Grenzen des Wachstums in Asien“ (http://de.internationalism.org/grenzen_des_wachstums_asien).

[5]               Diese Analyse ist nun Gegenstand einer Diskussion und Vertiefung in der IKS.

[6]               Siehe dazu: „Triumpf des Jeder gegen Jeden und die Krise der US-Führungsrolle“, Internationale Revue Nr. 18

[7]               MC (Marc Chirik) war ein Mitglied der Kommunistischen Linken, er kam 1907 in Kischniew (Bessarabien) zur Welt und starb 1990 in Paris. Sein Vater war Rabbiner und sein älterer Bruder Sekretär der bolschewistischen Partei der Stadt. An seiner Seite beteiligte sich Marc an der Revolutionen im Februar und im Oktober 1917. 1919 emigrierte die ganze Familie, auf der Flucht vor antijüdischen Pogromen der rumänischen weißen Armeen nach Palästina, wo Marc als kaum Dreizehnjähriger Mitglied der Kommunistischen Partei Palästinas wurde, die sein Bruder und seine ebenfalls älteren Schwestern gegründet hatten. Sehr schnell regte sich sein Widerspruch gegen die Position der Kommunistischen Internationale zur Unterstützung der nationalen Befreiungskämpfe, was ihm einen ersten Ausschluss aus der Partei 1923 einbrachte. Als 1924 ein Teil der Geschwister nach Russland zurückkehrte, gingen Marc und einer seiner Brüder nach Frankreich. Marc trat dem PCF bei, in dem er sehr schnell den Kampf gegen seine Degenerierung aufnahm und von dem er im Februar 1928 ausgeschlossen wurde. Er wurde dann für eine Zeit lang Mitglied der internationalen Linksopposition um Trotzki, wo er den Kampf gegen ihr opportunistischen Abgleiten führte und sich im November 1933 zusammen mit Gaston Davoust (Chazé) an der Gründung der Union Communiste beteiligte, die die Internationale herausgab. Zur Zeit des Krieges in Spanien, nahm diese Gruppe eine zwiespältige Position gegenüber der Frage des Antifaschismus ein. Nachdem MC einen Kampf gegen diese Position geführt hatte, schloss er sich Anfang 1938 der Italienischen Fraktion der Kommunistischen Linken an, mit der er in Kontakt gestanden hatte und die eine vollkommen proletarische und internationalistische Position in dieser Frage verteidigte. Kurze Zeit später nahm er einen neuen Kampf auf, diesmal gegen die Analysen Vercesis, der eine maßgebend aktive Rolle in der Gruppe spielte und davon ausging, dass die verschiedenen militärischen Konflikte der damaligen Zeit nicht eine Vorbereitung auf einen neuen Weltkrieg waren, sondern darauf abzielten, das Proletariat zu schlagen, um es davon abzuhalten, sich in eine neue Revolution zu stürzen. Aus diesem Grund führte der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 zu einer Auflösung in der Kommunistischen Linken. Vercesi stellte eine Theorie des politischen Rückzugs während der Phase des Kriegs auf, während Marc in Südfrankreich die Mitglieder der Fraktion sammelte, die sich weigerten, Vercesi in den Rückzug zu folgen. Unter den schlimmsten Bedingungen setzten Marc und ein kleiner Kern von Militanten die Arbeit, die die Italienische Fraktion seit 1928 geleistet hatte, fort, doch als sie 1945 von der Gründung des Partito comunista internazionalista in Italien vernahmen, der sich auf die Italienische Kommunistische Linke berief, beschlossen sie die Auflösung der Fraktion und den individuellen Beitritt zur neuen Partei. Marc war mit diesem Beschluss nicht einverstanden, der jeder Orientierung zuwider lief, welche die Italienische Fraktion bis dahin ausgezeichnet hatte, und schloss sich der Französischen Fraktion der Kommunistischen Linken an (deren Positionen er schon beeinflusst hatte), die kurz darauf zur Kommunistischen Linken Frankreichs wurde (Gauche communiste de France – GCF).

                Diese Gruppe gab in der Folge 46 Nummern der Zeitschrift Internationalisme heraus und setzte damit die theoretische Reflexion der vorherigen Fraktion fort, insbesondere indem sie sich von den Beiträgen der deutsch-holländischen Kommunistischen Linken beeinflussen ließ. 1952 schätzte die GCF die Lage so ein, dass die Menschheit auf einen neuen Weltkrieg zusteuerte, in dem Europa erneut das Hauptschlachtfeld würde, was zur Vernichtung der ohnehin verschwindend kleinen verbleibenden revolutionären Kräfte hätte führen können, so dass sie sich dazu entschloss, dass verschiedene ihrer Mitglieder sich auf andere Kontinente verteilen sollten – und Marc zog nach Venezuela. Dies war einer der gewichtigsten Fehler, den die GCF und MC beging und der zur Folge hatte, dass die Organisation formell verschwand. Doch ab 1964 sammelte Marc eine gewisse Anzahl sehr junger Leute um sich, mit denen er die Gruppe Internacionalismo gründete. Im Mai 1968, als Marc vom Ausbruch des massenhaften Streiks vernahm, begab er sich zurück in dieses Land, um mit seinen alten Genossen wieder in Kontakt zu treten, und er spielte in der Folge (zusammen mit einem Gefährten, der Mitglied von Internacionalismo in Venezuela gewesen war) eine Schlüsselrolle bei der Gründung der Gruppe Révolution Internationale, die wiederum die internationale Umgruppierung vorantrieb, aus der im Januar 1975 die Internationale Kommunistische Strömung hervorging. Bis zu seinem letzten Atemzug im Dezember 1990 spielte Marc Chirik im Leben der IKS eine wesentliche Rolle, insbesondere bei der Weitervermittlung der organisatorischen Errungenschaften der vergangenen Erfahrung der Arbeiterbewegung und ihrer theoretischen Fortschritte. Für weitere Informationen zum Leben von MC siehe unsere Artikel in der International Review (engl./franz./span. Ausgabe) Nr. 65 und 66 (http://en.internationalism.org/ir/065/marc-01 und http://en.internationalism.org/ir/066/marc-02)

[8]               Vgl. unseren Artikel über diese außerordentliche Konferenz in Internationale Revue Nr. 52.

[9]               gl. unsere in der Internationalen Revue veröffentlichten Dokumente: „Historische Bedingungen der Generalisierung des Klassenkampfes“ in Revue Nr. 7; „Das Proletariat Westeuropas im Zentrum der Generalisierung der Klassenkämpfe“ in der Broschüre Nation oder Klasse; „Debatte: zur Kritik der Theorie des ‚schwächsten Glieds‘“ in International Review Nr. 37 (engl./franz./span. Ausgabe).

[10]             Vgl. in der Internationalen Revue Nr. 13 „Der Zerfall: letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus“ (http://de.internationalism.org/Zerfall/13).

[11]             Vgl. in der Internationalen Revue Nr. 13 „Der Zerfall: letzte Phase der Dekadenz des Kapitalismus“ (http://de.internationalism.org/Zerfall/13).

[12]             Dieser Begriff der „Mini-Partei“ enthält die Idee, dass eine kleine revolutionäre Organisation selbst in Zeiten, in denen die Arbeiterklasse keine bedeutenden Kämpfe führe, einen grundsätzlich gleichartigen Einfluss (wenn auch in kleinerem Maßstab) ausüben könne wie eine Partei im vollen Wortsinn.

[13]             Das bedeutet keineswegs, dass diese Vertiefung in revolutionären Zeiten oder anlässlich wichtiger Bewegungen der Arbeiterklasse nebensächlich würde, wenn die Organisation einen entscheidenden Einfluss auf den Gang der Kämpfe ausüben kann. So hat beispielsweise Lenin sein wichtigstes theoretisches Werk Staat und Revolution während der revolutionären Ereignisse von 1917 geschrieben. Oder Marx veröffentliche Das Kapital 1867, während er ab 1863 voll bei der IAA engagiert war.

[14]             Dieser Begriff der „Mini-Partei“ enthält die Idee, dass eine kleine revolutionäre Organisation selbst in Zeiten, in denen die Arbeiterklasse keine bedeutenden Kämpfe führe, einen grundsätzlich gleichartigen Einfluss (wenn auch in kleinerem Maßstab) ausüben könne wie eine Partei im vollen Wortsinn.

[15]             Vgl. zu dieser Frage insbesondere unseren Text „Dokumente aus dem Organisationsleben: Die Frage der Funktionsweise in der IKS“ in Internationale Revue Nr. 30, besonders Punkt 3.1.e, „Die Beziehungen zwischen den Militanten“ (http://de.internationalism.org/doku).

[16]             Diese hinterhältigen Kampagnen gegen Rosa Luxemburg leisteten ihren Beitrag zur Vorbereitung ihrer Ermordung auf Geheiß der von der SPD angeführten Regierung während der blutigen Woche in Berlin im Januar 1919 und allgemeiner zum Pogrom gegen die Spartakisten, zu dem dieselbe Regierung aufrief.

[17]             Siehe dazu den Orientierungstext 1993: „Die Frage der Funktionsweise der Organisation in der IKS“, Internationale Revue, Nr. 30

[18]             Vgl. unseren Text „Aufbau der revolutionären Organisation – Thesen über den Parasitismus“ in Internationale Revue Nr. 22, insbesondere These 20 (http://de.internationalism.org/ir/22_parasitismus).

[19]             Siehe: „Thesen über den politischen Parasitismus“, Internationale Revue Nr. 22, letzte Fußnote