Dekadenz des Kapitalismus (II)

Welche wissenschaftlicheMethode benötigen wir, um die gegenwärtige gesellschaftliche Ordnung und dieBedingungen und Mittel ihrer Aufhebung zu verstehen?

 

Aufstieg und Fall früherer Produktionsweisen

In diesem Artikel setzen wir die in der letztenAusgabe der Internationalen Revue(Nr. 43) begonnene Untersuchung  derwissenschaftlichen und historischen Methode fort, die Marx, Engels und ihreNachfolger entwickelten.

„In breiten Umrissen können asiatische,antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressiveEpochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden.“[1]

Die Interpretation dieser kurzen Passage,die im Grunde die gesamte geschriebene Geschichte der Menschheit überspannt,würde Bücher füllen. Für unsere Zwecke reicht es aus, auf zwei Aspekte zublicken: die allgemeine Frage des historischen Fortschritts und dieCharakteristiken des Aufstiegs und der Dekadenz von gesellschaftlichenFormationen vor dem Kapitalismus.

Gibtes Fortschritt?

Wir haben angemerkt[2],dass eine der Auswirkungen der Katastrophen des 20. Jahrhunderts eineallgemeine Skepsis gegenüber der Fortschrittsidee ist, einem Begriff, der im19. Jahrhundert weitaus selbstverständlicher war. Diese Skepsis hat einige„radikale“ Seelen zum Schluss verleitet, dass die marxistische Vision deshistorischen Fortschritts an sich nur eine dieser Ideologien des 19.Jahrhunderts sei, die als Vorwand für die kapitalistische Ausbeutung gedienthätten. Auch wenn sie sich dabei oftmals als etwas Neues präsentieren, wärmendiese Kritiker lediglich die abgedroschenen Argumente Bakunins und derAnarchisten auf, die postulierten, dass die Revolution zu jeder Zeit möglichsei, und die die Marxisten beschuldigten, ganz gewöhnliche Reformisten zu sein,weil jene argumentierten, dass die Epoche der Revolution noch nicht angebrochensei, was für die Arbeiterklasse bedeutete, sich langfristig zur Verteidigungihrer Lebensbedingungen innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung zuorganisieren. Die Anti-Progressiven beginnen gelegentlich mit einer„marxistischen“ Kritik an der Auffassung, dass der Kapitalismus heute dekadentist, indem sie behaupten, dass sich im Leben des Kapitals seit den Tagen, alsMarx darüber schrieb, wenig geändert habe, ausser vielleicht auf der reinquantitativen Ebene – grössere Ökonomie, grössere Krisen, grössere Kriege. Dochdie konsequenteren unter ihnen entledigen sich schnell der ganzen Last deshistorischen Materialismus und bestehen darauf, dass der Kommunismus auch inallen früheren Epochen der Geschichte hätte entstehen können. In der Tat sinddie Konsequentesten unter ihnen jene „Ursprünglichen“, die argumentieren, dasses seit dem Aufkommen der Zivilisation und faktisch seit der Entdeckung derLandwirtschaft, die jene ermöglicht hatte, überhaupt keinen Fortschritt in derGeschichte gegeben habe: Alles, was folgte, wird als Fehlentwicklungbetrachtet; sie gehen davon aus, dass die glücklichste Epoche im menschlichenLeben die Stufe der Jäger und Sammler gewesen sei. Solche Strömungen könnenlogischerweise nur sehnsüchtig dem endgültigen Zusammenbruch der Zivilisationund der Auslöschung eines grossen Teils der Menschheit entgegenfiebern, so dasseine Rückkehr zum Jagen und Sammeln für die wenigen Überlebenden einst wiederpraktikabel werden könnte.

Marx dagegen rückte keinen Millimeter vonder Idee ab, dass nur der Kapitalismus den Weg für die Überwindung dergesellschaftlichen Antagonismen und für die Schaffung einer Gesellschaft ebnenkönne, die es der Menschheit ermöglicht, sich in ihrer ganzen Fülle zuentwickeln. Wie er im Vorwort fortfährt: „Die bürgerlichenProduktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form desgesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn vonindividuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichenLebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die imSchoss der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfteschaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus.“

Der Kapitalismus schuf erstmals dieVorbedingungen für eine kommunistische Weltgesellschaft: durch die Vereinigungdes gesamten Globus in sein Produktionssystem; durch die Revolutionierung derProduktionsmittel bis zu dem Punkt, wo letztlich eine Gesellschaft desÜberflusses möglich ist; dadurch, dass eine Klasse in die Welt gesetzt wurde,deren eigene Emanzipation allein durch die Emanzipation der gesamten Menschheitgeschehen kann – das Proletariat, die erste ausgebeutete Klasse in der Geschichte,die in sich die Saat einer neuen Gesellschaft trägt. Für Marx war es undenkbar,dass die Menschheit diese Stufe in der Geschichte einfach überspringen könnteund eine dauerhafte, globale kommunistische Gesellschaft in den Epochen desDespotismus, der Sklaverei oder der Leibeigenschaft in die Welt hätte setzenkönnen.

Doch der Kapitalismus erschien nicht ausdem Nichts: Die Produktionsweisen vor dem Kapitalismus hatten umgekehrt den Wegfür ihn geebnet, und in diesem Sinn hatte die gesamte Entwicklung dieserantagonistischen, d.h. in Klassen geteilten Gesellschaftssysteme einefortschrittliche Bewegung in der menschlichen Geschichte repräsentiert, diezuletzt in die materielle Möglichkeit einer klassenlosen Weltgemeinschaft mündet. Es gibt also keine Grundlage,um das Erbe von Marx für sich zu beanspruchen und gleichzeitig denFortschrittsbegriff als bürgerlich abzulehnen.

Tatsächlich gibt es eine bürgerlicheVersion des Fortschritts und, im Gegensatz dazu, eine marxistische.

Während die Bourgeoisie dazu neigte, diegesamte Geschichte als etwas zu betrachten, das unaufhaltsam zum Triumph desdemokratischen Kapitalismus führt, als einen nach oben gerichteten, linearenFortschritt, bei dem alle vorherigen Gesellschaften in allen Belangen dergegenwärtigen Ordnung der Dinge unterlegen waren, geht der Marxismus vomdialektischen Charakter der historischen Bewegung aus. In der Tat bedeutet dereigentliche Begriff des Aufstiegs und Niedergangs von Produktionsweisen, dasses neben Fortschritten auch Rückschläge im historischen Prozess gibt. ImAnti-Dühring lenkt Engels, als er auf Fourier und seine Antizipation deshistorischen Materialismus zu sprechen kommt, die Aufmerksamkeit auf dieVerknüpfung zwischen der dialektischen Sichtweise der Geschichte und dem Begriffdes Aufstiegs und Niedergangs: „Am grossartigsten aber erscheint Fourier inseiner Auffassung der Geschichte der Gesellschaft (…) Fourier, wie man sieht,handhabt die Dialektik mit derselben Meisterschaft wie sein Zeitgenosse Hegel.Mit gleicher Dialektik hebt er hervor, gegenüber dem Gerede von derunbegrenzten menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, dass jede geschichtlichePhase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast hat, und wendetdiese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der gesamten Menschheit an.“[3]

Was Engels hier sagt, ist, dass demProzess der historischen Evolution nichts Automatisches anhaftet. Wie derProzess der natürlichen Evolution ist die „menschlicheVervollkommnungsfähigkeit“ nicht im Voraus programmiert. Wie wir sehen werden,kann es, analog zu den Dinosauriern, tatsächlich gesellschaftliche Sackgassengeben – Gesellschaften, die nicht nur niedergehen, sondern vollkommenverschwinden und nichts Neues aus ihrer Mitte in die Welt setzen.

Darüber hinaus hat der Fortschritt, wenner denn stattfindet, einen zutiefst widersprüchlichen Charakter. DieVernichtung der handwerklichen Produktion, in welcher der Produzent noch in derLage war, sowohl im Produktionsprozess als auch durch das EndproduktBefriedigung zu erlangen, und ihre Ersetzung durch das Fabriksystem mit seinergeisttötenden Routine ist ein klarer Fall dafür. Doch Engels erklärt diesüberzeugend, wenn er den Übergang vom Urkommunismus zur Klassengesellschaftbeschreibt. In Ursprung der Familie, desPrivateigentums und des Staates kommt Engels, nachdemer sowohl die immensen Stärken als auch die ihm innewohnenden Einschränkungendes Stammeslebens aufgezeigt hat, zu folgenden Schlussfolgerungen darüber, wieman die Ankunft der Zivilisation betrachten sollte:

„Die Macht der naturwüchsigen Gemeinwesenmusste gebrochen werden – sie wurde gebrochen. Aber sie wurde gebrochen durchEinflüsse, die uns von vornherein als eine Degradation erscheinen, als einSündenfall von der einfachen sittlichen Höhe der alten Gentilgesellschaft. Essind die niedrigsten Interessen – gemeine Habgier, brutale Genusssucht,schmutziger Geiz, eigensüchtiger Raub am Gemeinbesitz –, die die neuezivilisierte, die Klassengesellschaft einweihen; es sind die schmählichstenMittel – Diebstahl, Vergewaltigung, Hinterlist, Verrat, die die alteGentilgesellschaft unterhöhlen und zu Fall bringen. Und die neue Gesellschaftselbst, während der ganzen dritthalbtausend Jahre ihres Bestehns, ist nie etwasandres gewesen als die Entwicklung der kleinen Minderzahl auf Kosten derausgebeuteten und unterdrückten grossen Mehrzahl, und sie ist dies jetzt mehrals je zuvor.“ (MEW, Bd. 21, S. 97)

Diese dialektische Betrachtungsweiserichtet sich auch auf die künftige kommunistische Gesellschaft, die in Marx‘schöner Passage in Ökonomische und Philosophische Manuskripte 1844 als „alswirkliche Aneignung des menschlichenWesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewusst undinnerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr desMenschen für sich als eines gesellschaftlichen,d.h. menschlichen Menschen“ beschrieben wird. Auf dieselbe Weise wird derkünftige Kommunismus als Wiedergeburt des Kommunismus der Vergangenheit aufhöherer Ebene betrachtet. So beschliesst Engels sein Buch über die Ursprüngedes Staates mit einem eloquenten Satz des Anthropologen Lewis Morgan, der einenKommunismus vorwegnimmt, der „eine Wiederbelebung – aber in höherer Form – derFreiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der alten Gentes“ sein wird.[4]

Doch angesichts all dieserQualifizierungen wird aus dem Vorwort ersichtlich, dass derFortschrittsbegriff, der Begriff der „fortschrittlichen Epochen“ für dasmarxistische Denken fundamental ist. In der grandiosen Vision des Marxismus,die mit dem Auftreten der Menschheit beginnt und den Bogen spannt vomErscheinen der Klassengesellschaft, über die Entwicklung des Kapitalismus biszum grossen Sprung ins Reich der Freiheit, das in der Zukunft auf uns wartet,ist „die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen (…), sondernals ein Komplex von Prozessen, worin die scheinbar stabilen Dinge nicht minderwie ihre Gedankenabbilder in unserm Kopf, die Begriffe, eine ununterbrocheneVeränderung des Werdens und Vergehens durchmachen, in der bei aller scheinbarenZufälligkeit und trotz aller momentanen Rückläufigkeit schliesslich einefortschreitende Entwicklung sich durchsetzt“[5]Aus der damaligen Distanz betrachtet, wird ersichtlich, dass es einen realenEntwicklungsprozess gibt: auf der Ebene der Fähigkeit der Menschheit, auf dieNatur durch die Entwicklung von immer raffinierteren Werkzeugen einzuwirken;auf der Ebene des subjektiven Verständnisses des Menschen von sich selbst undder Welt um ihn herum und somit auf der Ebene der Fähigkeit des Menschen, seineschlummernden Kräfte freizulassen und ein Leben in Übereinstimmung mit seinentiefsten Bedürfnissen zu führen.

 

Die Aufeinanderfolge der Produktionsweisen

VomUrkommunismus zur Klassengesellschaft

Als Marx einen „breiten Umriss“ derprinzipiellen Produktionsweisen schuf, die sich gegenseitig beerbten, solltedies keinesfalls erschöpfend sein. So erwähnte er lediglich „antagonistische“Gesellschaftsformen, d.h. die Hauptformen der Klassengesellschaft, und äussertesich nicht über die vielfältigen Formen nicht-ausbeutender Gesellschaften, dieihnen vorausgingen. Das Studium der vorkapitalistischen Gesellschaftsformenbefand sich zu Marx´ Tagen noch in den Kinderschuhen, so dass es schlicht undeinfach unmöglich war, eine umfassende Liste aller bisher existierenden Gesellschaftenzu erstellen. In der Tat bleibt diese Aufgabe selbst beim gegenwärtigen Standder historischen Kenntnisse äusserst schwer zu vervollständigen. In der langenPeriode zwischen der Auflösung der ursprünglichen urkommunistischengesellschaftlichen Verhältnisse, die ihre klarste Form unter den nomadischenJägern des Paläolithikums fand, und den vollständig ausgebildetenKlassengesellschaften, die den Anfang der historischen Zivilisationen bildeten,gab es zahllose vermittelnde Übergangsformen wie auch Formen, die schlicht ineiner historischen Sackgasse endeten und über die unsere Kenntnisse sehrbeschränkt bleiben.[6]

Die Nicht-Einbeziehung derurkommunistischen Vor-Klassengesellschaften im Vorwort bedeutet überhauptnicht, dass Marx es als nicht wichtig erachtete, sie zu untersuchen, imGegenteil. Von Anbeginn an erkannten die Begründer derhistorisch-materialistischen Methode, dass die menschliche Geschichte nicht mitdem Privateigentum beginnt, sondern mit dem Gemeineigentum: „Die erste Form desEigentums ist das Stammeseigentum. Es entspricht der unterentwickelten Stufeder Produktion, auf der ein Volk von Jagd und Fischfang, von Viehzucht oderhöchstens vom Ackerbau sich nährt. Es setzt in diesem letzteren Falle einegrosse Masse unbebauter Ländereien voraus. Die Teilung der Arbeit ist aufdieser Stufe noch sehr wenig entwickelt und beschränkt sich auf eine weitereAusdehnung der in der Familie gegebenen naturwüchsigen Teilung der Arbeit.“[7]

Als diese Einsichten durch spätereForschungen – besonders durch das Werk von Lewis Henry Morgan über dieIndianerstämme Nordamerikas – bestätigt wurden, war Marx äusserst begeistertund verwendete einen grossen Teil seiner späten Jahre dafür, sich in dasProblem der urgesellschaftlichen Verhältnisse zu vertiefen, besonders imZusammenhang mit den Fragen, die ihm die revolutionäre Bewegung in Russlandstellte (siehe das Kapitel „Past and future communism“ in unserem BuchCommunism is not a nice idea but a material necessity). Nach Ansicht von Marx,Engels und auch von Rosa Luxemburg, die sehr ausgiebig darüber in ihrerEinführung in die Nationalökonomie (1907) schrieb, war die Entdeckung, dass dieursprünglichen Formen der menschlichen Beziehungen nicht auf Egoismus undKonkurrenz basierten, sondern auf Solidarität und Kooperation, und dass selbstJahrhunderte nach der Ankunft der Klassengesellschaft es noch immer ein tiefesund fortdauerndes Band zu den gemeinschaftlichen Gesellschaftsformen gab,insbesondere unter den unterdrückten und ausgebeuteten Klassen,  eine deutliche Bestätigung derkommunistischen Weltanschauung und eine mächtige Waffe gegen dieMystifikationen der Bourgeoisie, für die die Gier nach Macht und Eigentumtypisch für die menschliche Natur ist.

In Engels‘ Ursprung der Familie, desPrivateigentums und des Staates, in Marx‘ Ethnologischen Exzerpten undLuxemburgs Einführung in die Nationalökonomie gibt es einen hohen Respekt vordem Mut, der Moral und der künstlerischen Kreativität der „wilden“ und„barbarischen“ Völker. Aber es gibt keine Idealisierung dieser Gesellschaften.Der Kommunismus, der in den frühesten Formen der menschlichen Gesellschaftpraktiziert wurde, wurde nicht durch die Idee der Gleichheit inspiriert,sondern durch die bittere Notwendigkeit erzeugt. Er war die einzig mögliche Formder gesellschaftlichen Organisation unter Bedingungen, wo die menschlichenProduktionskapazitäten noch nicht ein ausreichendes gesellschaftlichesMehrprodukt herstellen konnten, um eine privilegierte Elite, eine herrschendeKlasse zu ernähren.

Urkommunistische Verhältnisse tratenaller Wahrscheinlichkeit nach mit der Entwicklung der Menschheit auf, einerSpezies, deren Fähigkeit, ihre Umwelt umzuwandeln, um ihre materiellenBedürfnisse zu befriedigen, sie von allen anderen Bewohnern des Tierreichsunterschied. Diese Fähigkeiten erlaubten es den menschlichen Wesen, zurvorherrschenden Spezies auf dem Planeten zu werden. Doch wenn wir das, was wirüber die archaischste Form des Urkommunismus wissen und über die AboriginesAustraliens herausgefunden haben, verallgemeinern können, kommen wir zurErkenntnis, dass die Aneignungsformen des gesellschaftlichen Produkts, dievöllig kollektiv waren[8],auch die Entwicklung der individuellen Produktivität zurückhielten, mit demResultat, dass die Produktivkräfte im Grunde über Jahrtausende hinwegunverändert blieben. In jedem Fall machten wechselnde materielle undökologische Bedingungen, wie das Wachstum der Bevölkerung, den extremenKollektivismus der ersten Formen menschlicher Gesellschaft ab einem bestimmtenPunkt immer unhaltbarer, zu einem Hindernis der Weiterentwicklung vonProduktionstechniken (wie das Hirtentum und die Landwirtschaft), die grössereBevölkerungen oder Bevölkerungen, die nun unter veränderten materiellen undUmweltbedingungen lebten, hätten ernähren können.[9]

Wie Marx bemerkte: „Die Geschichte desVerfalls der Urgemeinschaften (…) ist noch zu schreiben. Bisher hat man dazunur magere Skizzen geliefert. Aber auf jeden Fall ist die Forschung weit genugvorgeschritten, um zu bestätigen (…) dass die Ursachen ihres Verfalls von denökonomischen Gegebenheiten herrühren, die sie hinderten, eine gewisse Stufe derEntwicklung zu überschreiten“.[10]Das Ableben des Urkommunismus und der Aufstieg der Klassenteilungen tut denallgemeinen Regeln, die im Vorwort umrissen wurden, keinen Abbruch: DieVerhältnisse, die die menschlichen Wesen schufen, um ihre Bedürfnisse zubefriedigen, waren immer weniger in der Lage, ihre ursprüngliche Funktion zuerfüllen, und stürzten daher in eine fundamentale Krise, mit der Folge, dassdie Gemeinwesen, die sie stützten, entweder verschwanden oder die altenVerhältnisse durch neue ersetzten wurden, die besser in der Lage waren, dieProduktivität der menschlichen Arbeit weiterzuentwickeln. Wir haben bereitsgesehen, dass Engels darauf bestand, dass an einem bestimmten historischenMoment die „Macht dieser naturwüchsigen Gemeinwesen (…) gebrochen werden(musste) – sie wurde gebrochen.“ Warum? „Der Stamm blieb die Grenze für denMenschen, sowohl dem Stammesfremden als auch sich selbst gegenüber: Der Stamm,die Gens und ihre Einrichtungen waren heilig und unantastbar, waren eine vonNatur gegebne höhere Macht, der der einzelne in Fühlen, Denken und Tununbedingt untertan blieb. So imposant die Leute dieser Epoche uns erscheinen,so sehr sind sie ununterschieden einer vom andern, sie hängen noch, wie Marxsagt, an der Nabelschnur des naturwüchsigen Gemeinwesens.“[11]

Im Licht anthropologischer Hinweise magman die Behauptung von Engels anfechten, dass es den Menschen in denStammesgesellschaften völlig an Individualität gefehlt hatte. Doch die Einsichtin diesen Zeilen bleibt gültig: dass in einer Reihe von Schlüsselmomenten undSchlüsselregionen die alten Methoden und Verhältnisse der Gemeinwirtschaft zueiner Fessel der Weiterentwicklung wurden und, so widersprüchlich es erscheinenmag, der allmähliche Anstieg von individuellem Eigentum, Klassenausbeutung undeine neue Phase in der Selbstentfremdung des Menschen zu Faktoren derWeiterentwicklung wurden.

Die„asiatische“ Produktionsweise

Der Begriff „asiatische Produktionsweise“ist kontrovers. Engels versäumte es unglücklicherweise, das Konzept in seinzukunftsweisendes Werk über den Aufstieg der Klassengesellschaft, Ursprung derFamilie, des Privateigentum und des Staates, einzubinden, obwohl das Werk vonMarx bereits zahllose Bezüge dazu enthielt. Später wurde Engels‘ Versäumnis vonden Stalinisten verschlimmert, die im Grunde genommen das gesamte Konzeptächteten und eine sehr mechanistische und lineare Sichtweise der Geschichtevorstellten, nach der überall die Phasen des Urkommunismus, der Sklaverei, desFeudalismus und des Kapitalismus durchschritten würden. Dieses Schema hattebesondere Vorteile für die stalinistische Bürokratie: Einerseits befähigte essie, lange nachdem die bürgerliche Revolution von der Tagesordnung derWeltgeschichte verschwunden war, den Aufstieg einer fortschrittlichenBourgeoisie in Ländern wie Indien und China auszumachen, nachdem diese einmal„feudal“ getauft worden waren; andererseits erlaubte es ihnen, eine peinlicheKritik an ihrer eigenen Form des Staatsdespotismus zu vermeiden, da im Konzeptdes asiatischen Despotismus der Staat, und nicht eine Klasse von individuellenEigentümern, direkt die Ausbeutung der Arbeitskraft sicherstellt: DieParallelen zum stalinistischen Staatskapitalismus sind unübersehbar.

Doch seriösere Forscher, wie PerryAnderson in einem Anhang zu seinem Buch Lineagesof the Absolutist State, argumentieren, dass Marx‘Charakterisierung Indiens und anderer zeitgenössischer Gesellschaften alsFormen einer eindeutig „asiatischen Produktionsweise“ auf fehlerhaftenInformationen fusste und dass das Konzept in jedem Fall so allgemein gehaltenwurde, dass es an jeglicher präzisen Deutung mangelte.

Sicherlich ist das Attribut „asiatisch“irreführend. In einem grösseren oder kleineren Umfang nahmen alle frühen Formender Klassengesellschaft die Formen an, die von Marx unter diesem Titelanalysiert wurden, ob bei den Sumerern, in Ägypten, Indien, China oder inweiter entfernten Regionen wie Mittel- und Südamerika, Afrika und demPazifikraum. Sie gründete sich auf die Dorfgemeinschaft, einem Erbe der Epochevor dem Erscheinen des Staates. Die Staatsmacht, oft personifiziert durch einePriesterkaste, basierte auf dem Mehrprodukt, das den Dorfgemeinschaften in Formvon Tributen oder, im Fall grosser Bauprojekte (Bewässerung, Tempelbau, etc.)mit Zwangsarbeit (der„Fronarbeit“) entzogen wurde. Es mag bereits Sklaverei existiert haben, abersie war nicht die vorherrschende Form der Arbeit. Wir würden sagen, dass dieseGesellschaften, auch wenn sie untereinander viele bedeutende Unterschiedeaufwiesen, sich in einer Hinsicht glichen, die bei der Klassifizierung einer„antagonistischen“ Produktionsweise am wichtigsten ist: in der Hinsicht dergesellschaftlichen Verhältnisse, durch die das Mehrprodukt aus derausgebeuteten Klasse extrahiert wird.

Wenn wir uns der Untersuchung des Phänomensder Dekadenz in diesen Gesellschaftsformen zuwenden, so stellen wir fest, dasses wie bei den „primitiven“ Gesellschaften insofern eine Reihe von besonderenKennzeichen gibt, als diese Gesellschaften eine aussergewöhnliche Stabilitätoffenbarten und selten, wenn überhaupt, sich zu neuen Produktionsweisen„hinentwickelten“, ohne von aussen unter Schlägen dazu getrieben worden zusein. Es wäre jedoch ein Fehler, die asiatische Gesellschaft als etwas zubetrachten, das sich in der Geschichte nicht bewährt hätte. Es gibt himmelweiteUnterschiede zwischen den ersten despotischen Formen, die auf Hawaii oder inSüdamerika entstanden waren und die ihren ursprünglichen Stammeswurzeln vielnäher standen, und den gigantischen Reichen, die sich in Indien oder China ausbreitetenund die hochentwickelte kulturelle Formen in die Welt setzten.

Dennoch bleibt das zugrundeliegendeMerkmal die Zentralität der Dorfgemeinschaft, die den Schlüssel zur„unveränderlichen“ Natur dieser Gesellschaften liefert.

„Jene uraltertümlichen, kleinen indischenGemeinwesen z.B., die zum Teil noch fortexistieren, beruhn aufgemeinschaftlichem Besitz des Grund und Bodens, auf unmittelbarer Verbindungvon Agrikultur und Handwerk und auf einer festen Teilung der Arbeit, die beiAnlage neuer Gemeinwesen als gegebner Plan und Grundriss dient. Sie bilden sichselbst genügende Produktionsganze, deren Produktionsgebiet von 100 bis aufeinige 1.000 Acreswechselt. Die Hauptmasse der Produkte wird für den unmittelbaren Selbstbedarfder Gemeinde produziert, nicht als Ware, und die Produktion selbst ist daherunabhängig von der durch Warenaustausch vermittelten Teilung der Arbeit imgrossen und ganzen der indischen Gesellschaft. Nur der Überschuss der Produkteverwandelt sich in Ware, zum Teil selbst wieder erst in der Hand des Staats,dem ein bestimmtes Quantum seit undenklichen Zeiten als Naturalrente zufliesst(…) Der einfache produktive Organismus dieser selbstgenügenden Gemeinwesen, diesich beständig in derselben Form reproduzieren und, wenn zufällig zerstört, andemselben Ort, mit demselben Namen, wieder aufbauen, liefert den Schlüssel zumGeheimnis der Unveränderlichkeit asiatischer Gesellschaften, so auffallendkontrastiert durch die beständige Auflösung und Neubildung asiatischer Staatenund rastlosen Dynastenwechsel. Die Struktur der ökonomischen Grundelemente derGesellschaft bleibt von den Stürmen der politischen Wolkenregion unberührt.“[12]

In dieser Produktionsweise waren dieBarrieren für die Weiterentwicklung der Warenproduktion weitaus höher als imantiken Rom oder im Feudalismus, und dies ist sicherlich der Grund, warum inRegionen, wo sie vorherrschte, der Kapitalismus nicht als Auswuchs des altenSystems erschien, sondern als fremder Eindringling. Es ist gleichermassenbemerkenswert, dass die einzige „östliche“ Gesellschaft, die zu einem gewissenUmfang ihren eigenen unabhängigen Kapitalismus entwickelte, Japan war, wo einFeudalsystem bereits am Platz war.

Somit erschien in dieserGesellschaftsform der Konflikt zwischen den Produktionsverhältnissen und derEvolution der Produktivkräfte oft eher als Stagnation denn als Niedergang, dadie fundamentalen gesellschaftlichen Strukturen stets blieben, während dieDynastien aufstiegen und niedergingen, indem sie sich selbst in unablässigeninneren Konflikten verzehrten und die Gesellschaft unter dem Gewicht riesiger,unproduktiver, „pharaonischer“ Staatsprojekte erdrückten; und wenn keine neuenProduktionsverhältnisse entstanden, lösten die Niedergangsperioden in dieserProduktionsweise im Grunde genommen keine Epochen der sozialen Revolution aus.Dies stimmt völlig mit der allgemeinen Methode von Marx überein, derkeinesfalls einen gradlinigen oder vorbestimmten Pfad der Evolution allerGesellschaftsformationen postulierte und sicherlich die Möglichkeit ins Augefasste, dass Gesellschaften in eine Sackgasse geraten können, in der keineweitere Evolution möglich ist. Wir sollten auch in Erinnerung rufen, dasseinige der isolierteren Ausdrücke dieser Produktionsweise vollkommenkollabierten, oft weil sie die Grenzen des Wachstums in einer besondersempfindlichen ökologischen Umwelt erreicht hatten. Dies scheint bei derMaya-Kultur der Fall gewesen zu sein, die ihre eigene landwirtschaftlicheGrundlage durch eine exzessive Abholzung der Wälder zerstört hatte. In diesemFall gab es sogar eine bewusste „Rückbildung“ auf Kosten eines grossen Teilsder Bevölkerung, der den Städten den Rücken kehrte und zum Jagen und Sammelnzurückkehrte, obwohl das Gedächtnis an die alte Maya-Zeitrechnung und an dieTraditionen unverdrossen hochgehalten wurde. Andere Kulturen, wie jene auf derOsterinsel, scheinen völlig verschwunden zu sein, aller Wahrscheinlichkeit nachdurch unlösbare Klassenkonflikte, Gewalt und Hunger.

Sklavereiund Feudalismus

Marx und Engels stritten niemals ab, dassihre Kenntnisse über die ursprünglichen und asiatischenGesellschaftsformationen aufgrund des Stands des zeitgenössischen Wissensäusserst beschränkt waren. Sie standen auf viel festerem Boden, wenn sie überdie „antike“ Gesellschaft (d.h. die Sklavengesellschaften Griechenlands undRoms) und über den europäischen Feudalismus schrieben. In der Tat spielte dasStudium dieser Gesellschaften eine bedeutende Rolle in der Erarbeitung ihrerGeschichtstheorie, da sie sehr deutliche Beispiele für den dynamischen Prozesslieferten, durch welchen eine Produktionsweise der anderen folgte. Dies waroffensichtlich in Marx‘ frühen Schriften (Diedeutsche Ideologie), in denen er den Aufstieg desFeudalismus unter den Bedingungen des niedergehenden Roms aufspürt.

„Die dritte Form ist das feudale oderständische Eigentum. Wenn das Altertum von der Stadt und ihrem kleinen Gebietausging, so ging das Mittelalter vom Lande aus. Die vorgefundene dünne, übereine grosse Bodenfläche zersplitterte Bevölkerung, die durch die Erobererkeinen grossen Zuwachs erhielt, bedingte diesen veränderten Ausgangspunkt. ImGegensatz zu Griechenland und Rom beginnt die feudale Entwicklung daher aufeinem viel ausgedehnteren, durch die römischen Eroberungen und die anfangsdamit verknüpfte Ausbreitung der Agrikultur vorbereiteten Terrain. Die letztenJahrhunderte des verfallenden römischen Reichs und die Eroberung durch dieBarbaren selbst zerstörten eine Masse von Produktivkräften; der Ackerbau wargesunken, die Industrie aus Mangel an Absatz verfallen, der Handeleingeschlafen oder gewaltsam unterbrochen, die ländliche und städtischeBevölkerung hatte abgenommen. Diese vorgefundenen Verhältnisse und die dadurchbedingte Weise der Organisation der Eroberung entwickelten unter dem Einflusseder germanischen Heerverfassung das feudale Eigentum. Es beruht, wie das Stamm-und Gemeineigentum, wieder auf einem Gemeinwesen, dem aber nicht wie demantiken die Sklaven, sondern die leibeignen kleinen Bauern als unmittelbarproduzierende Klasse gegenüberstehen.“ (MEW, Band 3, S. 24)

Der eigentliche Begriff „Dekadenz“ rufthäufig Bilder vom späten römischen Imperium hervor – von Orgien undmachttrunkenen Herrschern, von Gladiatorenkämpfen, denen eine riesige,blutdürstende Menge zuschaut. Solche Bilder tendieren sicherlich dazu, sich aufdie „Überbau“-Elemente der römischen Gesellschaft zu konzentrieren, aber siespiegeln eine Realität wider, die sich auch in den Fundamenten desSklavensystems abspielte; und so fühlten sich Revolutionäre wie Engels und RosaLuxemburg berechtigt, auf den Niedergang Roms als eine Art böses Omen dafür zuverweisen, was der Menschheit bevorsteht, wenn es dem Proletariat nichtgelingt, den Kapitalismus zu überwinden: „Untergang jeglicher Kultur, wie imalten Rom, Entvölkerung, Verödung, Degeneration, ein grosser Friedhof“[13].

Die antike Sklavengesellschaft war eineweitaus dynamischere Gesellschaftsformation als die asiatischeProduktionsweise, auch wenn Letztere ihren eigenen Beitrag zum Aufstieg derantiken griechischen Kultur und somit zur sklavischen Produktionsweise imAllgemeinen leistete (Ägypten insbesondere war als ehrwürdige Quelle derWeisheit angesehen). Diese Dynamik rührte zu einem grossen Teil aus derTatsache her, dass, wie ein zeitgenössisches Sprichwort sagte, „alles in Romkäuflich ist“: Die Warenform war bis zu dem Punkt fortgeschritten, wo die altenAgrargemeinschaften immer mehr zu einer schönen Erinnerung an ein verlorenesGoldenes Zeitalter wurden und Massen von Menschen selbst zu Waren gewordenwaren, die auf den Sklavenmärkten ge- und verkauft wurden. Auch wenn grosseWirtschaftsgebiete verblieben, wo die produktive Arbeit noch von Kleinbauernoder Handwerkern ausgeübt wurde, übernahm die Sklavenproduktion immer mehr eineSchlüsselrolle in den zentralen Brennpunkten der antiken Ökonomie – auf dengrossen Landgütern, bei öffentlichen Arbeiten und in den Bergwerken. Diesegrosse „Erfindung“ der antiken Welt war für eine beträchtliche Zeit eineeindrucksvolle Entwicklungsform, die es den freien Bürgern erlaubte, sich inmächtigen Armeen zu organisieren, die durch die Eroberung neuer Ländereien fürdas Imperium für frischen Nachschub an Sklaven sorgten. Doch aus dem gleichenGrund kam irgendwann der Punkt, wo die Sklaverei sich in eine eindeutige Fesselder Weiterentwicklung verwandelte. Ihr innewohnender unproduktiver Charakterlag in der Tatsache begründet, dass sie dem Produzenten absolut keinen Anreizbot, das Beste seiner Produktionskapazitäten zu geben; ebenso wenig bot sie demSklavenhalter einen Anreiz, in die Entwicklung besserer Produktionstechniken zuinvestieren, da die Versorgung mit frischen Sklaven stets die billigere Optionwar. Daher die ausserordentliche Kluft zwischen denphilosophisch-wissenschaftlichen Fortschritten, die von einer Klasse vonDenkern erzielt wurden, deren Musse erst auf der Grundlage der Sklavenarbeitmöglich war, und der äusserst beschränkten praktischen Anwendung dertheoretischen oder technischen Fortschritte, die erzielt worden waren. Dies warzum Beispiel der Fall bei der Wassermühle, die solch eine wichtige Rolle beider Entwicklung der feudalen Landwirtschaft spielen sollte. Sie wurdeeigentlich in Palästina zur ersten Jahrhundertwende n. Chr. erfunden, doch fandsie keine allgemeine Verbreitung im Imperium. An einem bestimmten Punkt machtedaher die Unfähigkeit der sklavischen Produktionsweise, die Produktivität derArbeit radikal zu steigern, es in zunehmendem Masse unmöglich, die riesigenArmeen, die erforderlich waren, um sie zu erhöhen, aufrechtzuerhalten. Rom überdehntesich selbst, gefangen im unlösbaren Widerspruch, der sich in all den bekanntenAuswüchsen seines Niedergangs ausdrückte. In Passages from Antiquity toFeudalism zählt der Historiker Perry Anderson einige ökonomische, politischeund militärische Ausdrücke der Verstopfung der Produktivkräfte der römischenGesellschaft durch die Sklavenverhältnisse im frühen 3. Jahrhundert auf: „AbMitte des Jahrhunderts gab es einen völligen Zusammenbruch desSilbermünzsystems, während am Ende des Jahrhunderts die Getreidepreise auf das200fache ihrer Standes in den früheren Principiaten hochschossen. Diepolitische Stabilität degenerierte so schnell wie die monetäre Stabilität. Inden chaotischen fünfzig Jahren von 235 bis 284 gab es nicht weniger als zwanzigKaiser, von denen achtzehn ein gewaltsames Ende fanden, einer im Auslandgefangen war und ein weiterer Opfer der Pest wurde – alle Schicksale Ausdrückeihrer Zeit. Bürgerkriege und Usurpationen waren im Grunde ununterbrochen an derTagesordnung, von Maxismus Thrax bis zu Diocletian. Sie wurden nochverschlimmert durch eine vernichtende Serie von fremden, tief ins Landvorstossenden Invasionen und Angriffen auf die Grenzen (…) Politischer Aufruhrzuhause und fremde Invasionen brachten bald aufeinanderfolgende Epidemien mitsich, die die Völker des Imperiums, die ohnehin durch die Kriegszerstörungdezimiert waren, noch weiter schwächten und reduzierten. Ländereien verödeten,und es entwickelten sich Engpässe bei der Versorgung mit Agrarprodukten. Mitder Abwertung der Währung löste sich das Steuersystem auf, und Steuerbeiträgeverwandelten sich zurück in Beiträge in Naturalien. Der Städtebau kam zu einemabrupten Ende, wie überall im Imperium archäologisch attestiert wurde: ineinigen Regionen schrumpften und schwanden die urbanen Zentren.“[14]

Anderson zeigt ausserdem, wie dierömische Staatsmacht in ihrer Reaktion auf diese tiefe Krise in Gestalt einerreorganisierten und ausgeweiteten Armee ungeheuer anschwoll und eine gewisseStabilisierung der Gesellschaft erreichte, die etwa hundert Jahre andauernsollte. Doch da „das Anschwellen des Staates von einer Schrumpfung derWirtschaft begleitet wurde“[15],ebnete diese Wiederbelebung bloss den Weg zur „Endkrise der Antike“, wie er esnennt, indem sie die Notwendigkeit erzwang, die Sklavenverhältnisseabzuschaffen. Ein gleichermassen wichtiger Faktor im Dahinscheiden dersklavischen Produktionsweise war die Häufung von Aufständen von Sklaven undanderen ausgebeuteten und unterdrückten Klassen im gesamten Imperium des 5.Jahrhunderts (wie die so genannten „Bacuadae-Aufstände“), die auf vielbreiterer Basis stattfanden als der Spartacus-Aufstand im ersten Jahrhundert –auch wenn letzterer wegen seiner unglaublichen Kühnheit und der tiefenSehnsucht nach einer besseren Welt, die ihn inspirierte, berechtigterweise inunserer Erinnerung verblieben ist.

Die Dekadenz Roms entsprach somit präziseder Formel von Marx und nahm einen unübersehbar katastrophalen Charakter an.Trotz jüngster Bemühungen seitens bürgerlicher Historiker, sie als einenallmählichen und unmerklichen Prozess darzustellen, manifestierte sich dieDekadenz als eine verheerende Unterproduktionskrise, in der die Gesellschaftimmer weniger in der Lage war, die grundlegenden, lebensnotwendigen Dingeherzustellen – eine wahrhafte Regression der Produktivkräfte, bei der zahlloseKenntnisse und Techniken im Endeffekt verschütt gingen und für Jahrhunderteverschollen blieben. Sie verlief durchaus nicht gradlinig – wie wir bemerkthaben, folgte der grossen Krise des 3. Jahrhunderts eine relative Wiederbelebung,die bis zur letzten Welle barbarischer Invasionen andauerte –, aber sie warunerbittlich.

Der Zusammenbruch des römischen Systemswar die Vorbedingung für das Aufkommen neuer Produktionsverhältnisse, als eineHauptschicht der Grundbesitzer den revolutionären Schritt unternahm, dieSklavenarbeit zugunsten des Fronsystems zu eliminieren – dem Vorläufer derfeudalistischen Leibeigenschaft, in welcher der Produzent, der direkt gezwungenwar, für die Grundbesitzerklasse zu arbeiten, auch ein eigenes Stückchen Landzum Kultivieren erhielt. Die zweite Ingredienz des Feudalismus, die von Marx ineiner Passage in Die deutsche Ideologie erwähnt wird, war das barbarische,„germanische“ Element, das die aufkommende Hierarchie einer Kriegeraristokratiemit den Überbleibseln des Gemeineigentums, das von der Bauernschaft hartnäckigaufrechterhalten worden war, kombinierte. Es folgte eine langeÜbergangsperiode, in der die Sklavenverhältnisse noch nicht vollständigverschwunden waren und das Feudalsystem sich nur allmählich durchsetzte, wobeies seinen wirklichen Aufstieg erst in den ersten Jahrhunderten des neuenJahrtausends erlebte. Auch wenn auf vielen Gebieten (Urbanisierung, relativeUnabhängigkeit des künstlerischen und philosophischen Denkens von der Religion,Medizin, etc.) der Aufstieg der feudalen Gesellschaft, wie wir angemerkt haben,einen markanten Rückschritt im Vergleich zu den Errungenschaften der Antikedarstellte, ist dennoch festzustellen, dass die neuen Gesellschaftsverhältnissesowohl dem Herrn als auch dem Leibeigenen ein direktes Interesse an steigendenErträgen ihrer Landanteile vermittelten und die allgemeine Verbreitung vonwichtigen technischen Fortschritten in der Landwirtschaft gestatteten: deneisernen Pflug und das eiserne Geschirr, das den Einsatz von Zugtierenerlaubte, die Wassermühle, das Drei-Felder-System der Wechselbewirtschaftung,etc. Die neue Produktionsweise ermöglichte so die Wiederbelebung der Städte undein neues Aufblühen der Kultur, was sich am anschaulichsten in den grossenKathedralen und Universitäten ausdrückte, die im 12. und 13. Jahrhundertentstanden.

Doch wie das Sklavensystem vor ihm begannauch der Feudalismus seine „äusseren“ Grenzen zu erreichen.

„... innerhalb der nächsten hundert Jahre(im 13. Jahrhundert) erfasste eine massive, allgemeine Krise den gesamtenKontinent (…) Die grösste Determinante dieser allgemeinen Krise warwahrscheinlich (…) die bis zum Äussersten gehende ‚Inanspruchnnahme‘ derReproduktionsmechanismen des Systems. Insbesondere ist es allem Anschein nachklar, dass der Basismotor der ländlichen Urbarmachung, der die gesamte feudaleÖkonomie drei Jahrhunderte lang angetrieben hatte, im Grunde die objektivenGrenzen sowohl des Terrains als auch der gesellschaftlichen Strukturenüberdehnt hatte. Während die Bevölkerung weiter anwuchs, fielen die Erträge aufden marginalen Ländereien, die noch für die Umwandlung auf dem damalsherrschenden technischen Niveau zur Verfügung standen; fruchtbarer Bodenverödete wegen hastiger oder falscher Bewirtschaftung. Die letzten Reservenzuletzt urbar gemachten Landes waren üblicherweise von schlechter Qualität,nasse oder dünne Erde, deren Bewirtschaftung schwieriger war und auf dieminderwertige Getreidearten wie Hafer ausgesät wurden. Die ältesten Ländereienunter dem Pflug waren ihrerseits zumeist steinalt, ihre Erträge sanken wegender Überholtheit ihrer Kultivierung.“[16]

Als die Ausweitung der feudalenAgrarökonomie gegen diese Grenzen stiess, folgten katastrophale Konsequenzenfür das gesellschaftliche Leben: Ernteausfälle, Hungersnöte, Zusammenbruch derKornpreise kombiniert mit in die Höhe schnellenden Preisen von Gütern, die inden urbanen Zentren hergestellt wurden:

„Dieser widersprüchliche Prozess betrafden Adel drastisch, denn seine Lebensweise war noch abhängiger von den in denStädten produzierten Luxusgütern geworden (…) während die Erträge aus seinenLandgütern und aus den Abgaben der Leibeigenen fortschreitend zurückgingen. DieFolge war eine Schrumpfung der Einnahmen aus dem Grossgrundbesitz, wasseinerseits eine nie dagewesene Welle von Kriegen auslöste, als die Ritterüberall versuchten, ihre Vermögen durch Plünderungen zurückzugewinnen. InDeutschland und Italien bewirkte dieses Trachten nach Beute in einer Zeit derNot das Phänomen des unorganisierten und archaischen Räubertums einzelnerEdelleute (…) In Frankreich stürzte vor allem der ‚Hundertjährige‘ Krieg – einemörderische Kombination aus Bürgerkrieg zwischen den Capetisten und denburgundischen Herrschaftshäusern sowie einem internationalen Kampf zwischenEngland und Frankreich, unter Einbeziehung der flämischen und iberischen Mächte– das reichste Land Europas in eine Unordnung und Misere ohne Parallele. InEngland bestand der Epilog zur finalen Niederlage in Frankreich in adligem Banditentumwährend den Rosenkriegen (…) Um dieses Panorama der Entvölkerung zuvervollständigen, wurde diese strukturelle Krise durch eine zusätzlicheKatastrophe über die Massen hinaus verschärft – die Invasion des SchwarzenTodes aus Asien 1348.“[17]

Die Pest, die bis zu einem Drittel dereuropäischen Bevölkerung auslöschte, beschleunigte das Hinscheiden derLeibeigenschaft. Sie brachte einen chronischen Mangel an Arbeitskräften auf demLand mit sich und zwang den Adel, von den traditionellen feudalenArbeitsabgaben auf die Zahlung von Löhnen überzuwechseln; doch gleichzeitigversuchte der Adel, die Uhr anzuhalten, indem er drakonische Restriktionen aufdie Löhne und auf die freie Bewegung von Arbeitskräften erzwang, eineeuropaweite Tendenz, die in klassischer Art in den Statutes of Labourerskodifiziert wurde, welche unmittelbar nach dem Schwarzen Tod in Englanddekretiert wurden. Ein weiteres Resultat dieser adligen Reaktion war dieProvozierung weit verbreiteter Klassenkämpfe, die erneut am bekanntestenGestalt annahmen im riesigen Bauernaufstand in England 1381. Doch überall inEuropa gab es vergleichbare Erhebungen in dieser Periode (die französische„Jacquerie“, Arbeiterrevolten in Flandern, die Rebellion der Ciompi in Florenzund so weiter).

Wie beim Niedergang des alten Rom fandendie anschwellenden Widersprüche des Feudalsystems auf der ökonomischen Ebenesomit auch ihren Niederschlag auf der Ebene der Politik (Kriege,gesellschaftliche Revolten) und im Verhältnis zwischen Mensch und Natur; undall diese Elemente beschleunigten und vertieften umgekehrt die allgemeineKrise. Wie in Rom war der allgemeine Niedergang des Feudalismus das Resultateiner Unterproduktionskrise, der Unfähigkeit der alten gesellschaftlichenVerhältnisse, die Befriedigung fundamentaler Bedürfnisse des täglichen Lebenszu ermöglichen. Es ist wichtig anzumerken, dass, obwohl das langsame Aufkommender Warenbeziehungen in den Städten als auflösender Faktor der feudalen Bandewirkte und durch die Auswirkungen der allgemeinen Krise (Kriege, Hungersnöte,Pest) weiter beschleunigt wurde, die neuen gesellschaftlichen Verhältnissenicht richtig Fahrt aufnehmen konnten, ehe das alte System nicht in einenZustand der Selbst-Schrumpfung eingetreten war, welche in einem rapiden Niedergangder Produktivkräfte mündete:

„Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen,die sich aus der Untersuchung des grossen Zusammenbruchs des europäischenFeudalismus ergeben, ist, dass sich – im Gegensatz zum unter Marxistenweitgehend verbreiteten Glauben – die charakteristische ‚Gestalt‘ einer Krisein einer Produktionsweise nicht daran festmacht, dass kräftige (ökonomische)Produktivkräfte rückschrittliche (gesellschaftliche) Produktionsverhältnissedurchbrechen und umgehend eine höhere Produktivität und Gesellschaft auf ihrenRuinen etablieren. Im Gegenteil, die Produktivkräfte neigen typischerweisedazu, in den herrschenden Produktionsverhältnissen steckenzubleiben undzurückzuweichen; letztere müssen erst radikal geändert und neu geordnet werden,ehe neue Produktivkräfte geschaffen und zu einer weltweiten neuenProduktionsweise kombiniert werden können. Mit anderen Worten, dieProduktionsverhältnisse ändern sich in einer Übergangsperiode in der Regel nochvor den Produktivkräften, und nicht umgekehrt.“[18]Wie beim Niedergang Roms war auch hier eine Periode des Rückschritts dieVoraussetzung für das Aufblühen einer neuen Produktionsweise.

Ebenfalls analog der Periode derrömischen Dekadenz suchte die herrschende Klasse ihr wankendes System durchimmer willkürlichere Mittel zu beschützen. Die Einführung von Gesetzen zurbrutalen Kontrolle der Mobilität der Arbeit und zur Eindämmung der Landflucht,der Versuch, die zentrifugalen Tendenzen der Aristokratie durch dieZentralisierung der monarchistischen Macht zu bremsen, der Gebrauch derInquisition, um eine rigide ideologische Kontrolle über alle Ausdrückehäretischen und dissidenten Denkens zu erzwingen, die Verfälschung desMünzsystems, um das Problem der königlichen Verschuldung zu „lösen“ – all  diese Tendenzen stellten den Versuch einessterbenden Systems dar, sein endgültiges Aushauchen hinauszuzögern, dochverhindern konnten sie es nicht. In der Tat verwandelten sich die Mittel, diezum Schutz des alten Systems verwendet wurden, zu einem grossen Teil in Brückenköpfedes neuen Systems: Dies war zum Beispiel der Fall bei den zentralisierendenMonarchien der Tudor in England, die weitgehend die notwendigen Bedingungen fürdas Auftreten des modernen kapitalistischen Nationalstaates schufen.

Noch deutlicher als die Dekadenz Roms wardie Epoche des feudalen Niedergangs auch eine Epoche der sozialen Revolution indem Sinn, dass eine authentische neue und revolutionäre Klasse aus ihrenEingeweiden heraustrat, eine Klasse mit einer Weltanschauung, die die altenIdeologien und Institutionen in Frage stellte, und mit einer Wirtschaftsweise,für deren Expansion die feudalen Verhältnisse ein unerträgliches Hinderniswaren. Die bürgerliche Revolution machte ihren ersten triumphalen Schritt aufder Bühne der Geschichte im England der 1640er Jahre, auch wenn esanschliessend über anderthalb Jahrhunderte dauerte, bis sie in den 1790er Jahreden nächsten und noch spektakuläreren Sieg in Frankreich errang. Dieser langeZeitrahmen war möglich, weil die bürgerliche Revolution nur die politischeKrönung eines langen Prozesses der wirtschaftlichen und gesellschaftlichenEntwicklung innerhalb des Gehäuses des alten Systems war und weil sieverschiedenen Rhythmen in den verschiedenen Nationen folgte.

DieTransformation ideologischer Formen

„In der Betrachtung solcher Umwälzungenmuss man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlichtreu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungenund den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oderphilosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen diesesKonflikts bewusst werden und ihn ausfechten.“[19]

Alle Klassengesellschaften werden voneiner Kombination von offener Repression und ideologischer Kontrolleaufrechterhalten, die die herrschende Klasse durch ihre zahllosen Institutionenausübt: Familie, Religion, Erziehung und so weiter. Ideologien sind niemalseine rein passive Reflexion auf ökonomischer Basis, sondern enthalten ihreeigene Dynamik, die in bestimmten Momenten die zugrundeliegendengesellschaftlichen Verhältnisse aktiv beeinflussen können. Bei derUntermauerung der materialistischen Konzeption der Geschichte war Marxgezwungen, zwischen den „materiellen, naturwissenschaftlich treu zukonstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen“ und den„juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen,kurz, ideologischen Formen“ zu unterscheiden, da die vorherrschende Annäherungan die Geschichte bisher Letzteres zugunsten des Erstgenannten betont hatte.

Wenn man die ideologischen Umwandlungenanalysiert, die in einer Epoche der sozialen Revolution stattfinden, ist eswichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass diese, obwohl sie letztendlich von denökonomischen Produktionsbedingungen bestimmt werden, nicht auf starre undmechanische Weise vonstatten gehen, nicht zuletzt weil solch eine Periode nieeine reine Epoche des Abstiegs und Absterbens ist, sondern sich durch einenwachsenden Zusammenprall zwischen widersprüchlichen gesellschaftlichen Kräftenauszeichnet. Es ist bezeichnend für solche Perioden, dass die alte herrschendeIdeologie, die immer weniger einer sich ändernden gesellschaftlichen Realitätentspricht, dazu tendiert zu zerfallen und den Weg für neue Weltanschauungenfreimacht, die dazu dienen können, die gesellschaftlichen Klassen, die sich deralten Ordnung widersetzen, zu inspirieren und zu mobilisieren. ImZerfallsprozess unterliegen die alten Ideologien – Religionen, Philosophien,Künste – häufig dem Pessimismus, Nihilismus und einer obsessiven Beschäftigungmit dem Tod, während die Ideologien von im Aufstieg befindlichen oderrebellischen Klassen viel häufiger optimistisch, lebensbejahend sind und vollerHoffnungen der Morgendämmerung einer radikal anderen Welt entgegensehen.

Um ein Beispiel zu nehmen: In derdynamischen Periode des Sklavensystems neigte die Philosophie in den damaligenGrenzen dazu, die Bemühungen der Menschheit auszudrücken, sich „selbst zuerkennen“, um Sokrates‘ unsterblichen Satz zu übernehmen – die wirklicheDynamik von Natur und Gesellschaft durch das rationale Denken zu verstehen,ohne die Vermittlung eines Gottes. In der Abstiegsperiode des Sklavensystemstendierte die Philosophie dazu, sich in die Rechtfertigung der Verzweiflungoder Irrationalität zurückzuziehen, wie im Neoplatonismus und seinenVerbindungen zu zahllosen Mysterienkulten, die im späten Imperium aufblühten.

Diese Tendenz kann jedoch nicht aufeinseitige Art begriffen werden: In Perioden der Dekadenz waren die altenReligionen und Philosophien ebenfalls mit dem Aufstieg neuer revolutionärerKlassen oder mit der Rebellion der Ausgebeuteten konfrontiert, und dieseKonfrontationen nahmen im Allgemeinen ebenfalls religiöse Formen an. So begannim antiken Rom die christliche Religion, auch wenn sie sicherlich von denöstlichen Mysterienkulten beeinflusst war, als eine Protestbewegung derEigentumslosen gegen die vorherrschende Ordnung und schuf später, als eineetablierte Macht mit eigenen Rechten, einen Rahmen für die Bewahrung vieler kulturellerErrungenschaften der Antike. Diese Dialektik zwischen der alten Ordnung und derneuen war eine Form der ideologischen Umwandlungen auch während des Niedergangsdes Feudalismus. Einerseits:

„Die Periode der Stagnation erlebte denAufstieg des Mystizismus in all seinen Formen. Die intellektuelle Form mit der‚Abhandlung über die Kunst des Sterbens‘ und vor allem die ‚Nachahmung vonJesus Christus‘. Die emotionale Form mit den grossen Ausdrücken dervolkstümlichen Pietät, die durch den Einfluss der unkontrollierbaren Elementeder Bettelorden verschärft wurden: die ‚Flagellanten‘, die das Land bewandertenund auf  den Plätzen der Städte ihreKörper mit der Peitsche geisselten, wobei sie auf die menschlichen Gefühleabzielten und die Christen zur Reue aufforderten. Diese Manifestationen riefenBilder von oft zweifelhaftem Geschmack hervor, wie die Fontänen von Blut, dieden Heiland symbolisieren. Sehr schnell taumelte die Bewegung in die Hysterie,und die geistliche Hierarchie musste gegen die Unruhestifter eingreifen, um zuvermeiden, dass deren Predigten zu einem weiteren Wachstum in der Zahl derVagabunden führten (…) Makabre Künste breiteten sich aus (…) der heilige Text,der von den nachdenklicheren Köpfen am meisten bevorzugt wurde, war die Apokalypse.“[20]

Andererseits stand dem Ableben desFeudalismus auch der Aufstieg der Bourgeoisie und ihrer Weltsicht gegenüber,die ihren Ausdruck in der grossartigen Blüte von Kunst und Wissenschaft in derRenaissance fand. Und selbst mystische und chiliastische Bewegungen wie dieWiedertäufer waren, wie Engels hervorhob, oft eng mit den kommunistischenBestrebungen der ausgebeuteten Klassen verknüpft. Solche Bewegungen konntennoch keine historisch lebensfähige Alternative zum alten System der Ausbeutungaufstellen, und ihre Träume vom Tausendjährigen Reich waren oftmals auf eineprimitive Vergangenheit fixiert statt auf eine fortgeschrittenere Zukunft, dochspielten sie nichtsdestotrotz eine Schlüsselrolle in jenem Prozess, der dieZerstörung der verfallenden mittelalterlichen Hierarchie nach sich zog.

In einer dekadenten Epoche ist derallgemeine kulturelle Niedergang niemals absolut: In der Kunst zum Beispielkann die Stagnation der alten Schulen durch neue Formen kompensiert werden, dievor allem einen humanen Protest gegen eine wachsende inhumane Ordnung zumAusdruck bringen. Dasselbe kann zur Moral gesagt werden. Die Moral, dieletztlich ein Ausdruck des sozialen Wesens der Menschheit ist, wird inDekadenzperioden, die wiederum Ausdrücke des Zusammenbruchs dergesellschaftlichen Verhältnisse sind, mit ihrem Zusammenbruch, im Kollapsgrundlegender menschlicher Bande und mit dem Triumph der anti-sozialenTriebkräfte enden. Die Perversion und Prostitution des sexuellen Verlangens,das vermehrte Auftreten von absolut sinnlosen Tötungen, Diebstählen undBetrügereien sowie vor allem die Abschaffung jeglicher moralischen Regeln inder Kriegsführung sind an der Tagesordnung. Doch auch dies sollte nicht aufstarre und mechanische Weise betrachtet werden, in dem Sinn etwa, dass Periodendes Aufstiegs von höheren menschlichen Verhaltensweisen und Perioden desNiedergangs von einem plötzlichen Sturz in die Niedertracht und Verdorbenheitgekennzeichnet seien. Die Untergrabung und Erschütterung der alten moralischenGewissheiten können sich gleichermassen im Aufstieg eines neuenAusbeutungssystems ausdrücken, gegenüber dem die alte Ordnung sichvergleichsweise milde ausnimmt, wie im KommunistischenManifest mit Bezug auf den Aufstieg desKapitalismus bemerkt wurde:

„Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaftgekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnissezerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinennatürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Bandzwischen Mensch und Mensch übriggelassen, als das nackte Interesse, als diegefühllose ‚bare Zahlung‘. Sie hat die heiligen Schauer der frommenSchwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spiessbürgerlichen Wehmut indem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönlicheWürde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieftenund wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt.“

Und dennoch war das Verständnis vonHegels „List der Vernunft“ derart präsent im Denken von Marx und Engels, dasssie imstande waren anzuerkennen, dass dieser moralische „Niedergang“, dieUmwandlung der Welt in Waren tatsächlich eine fortschrittliche Kraft war, diedie statische feudale Ordnung wegzuspülen half und den Weg für eineauthentische menschliche Moral ebnete, die vor ihr liegt.

Gerrard

 


[1] Marx, Zur Kritik der PolitischenÖkonomie, Vorwort, MEW, Bd. 13, S. 9.

 

[2] Vgl. den ersten Teil dieses Artikels.

 

[3] Engels, Anti-Dühring, Teil 3, „Sozialismus“, Kap. I, „Geschichtliches“, MEW, Bd. 20, S. 242f.

 

[4]MEW Bd. 21, S.173, bzw. Morgan, AncientSociety.

 

[5] Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgangder deutschen Philosophie

 

[6] Zum Beispiel die sesshaften und bereits sehr hierarchischenJägergesellschaften, die in der Lage waren, beträchtliche Vorräte anzulegen,die vielen halbkommunistischen Formen der Landwirtschaft, die „Stammesreiche“,die von halbbarbarischen Hirtenvölkern wie den Hunnen und den Mongolen gebildetwurden, etc.

 

[7]Die deutsche Ideologie, 1847

 

[8] Als die traditionelle Lebensweise noch in Kraft war, behielten unterden australischen Stämmen die Jäger, die Beute gemacht hatten, nichts für sichselbst, sondern händigten ihren Fang sofort der Gemeinschaft aus, die dieGestalt bestimmter komplexer Blutsverwandtschaftsstrukturen hatte. Laut desWerkes des Anthropologen Alain Testart, LeCommunisme Primitif, 1985, kann der BegriffUrkommunismus nur auf die Australier angewendet werden, die er als die letztenÜberbleibsel gesellschaftlicher Beziehungen betrachtet, die in derpaläolithischen Periode wahrscheinlich allgemein geherrscht haben. Dies stehtzur Debatte. Sicherlich gibt es selbst unter den nomadischenJäger-Sammler-Völkern grosse Unterschiede in der Art, wie das gesellschaftlicheProdukt verteilt wird, auch wenn alle von ihnen der Aufrechterhaltung derGemeinschaft Priorität einräumten. Wie Chris Knight in seinem Buch BloodRelations, Menstruation and the Origins of Culture,1991, hervorhob, ist das, was er das „Recht auf den eigenen Fang“ (own-killrule)“ nennt (d.h. vorgeschriebene Grenzen für denAnteil des Jägers an seinem Fang), äusserst weit verbreitet unter denJägervölkern.

 

[9] Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Auflösung derurgesellschaftlichen Verhältnisse kein einmaliges Ereignis war, sondern inverschiedenen Rhythmen in verschiedenen Teilen der Erde erfolgte; es war einProzess, der sich über Jahrtausende erstreckte und dessen letzte tragischeKapitel erst jetzt in den abgelegensten Gebieten der Erde wie dem Amazonas undBorneo aufgeschlagen werden.

 

[10] Erster Entwurf des Briefes an Vera Sassulitsch, 1881.

 

[11] Engels, Vom Ursprung der Familie, desPrivateigentums und des Staates. MEW, Band 21, S. 97.

 

[12]Das Kapital, Band 1, 12. Kapitel, 4. Teilung der Arbeit innerhalb der Manufakturund Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft.

 

[13] Luxemburg, Junius-Broschüre.

 

[14] Perry Anderson, Passages from Antiquity toFeudalism, Verso Edition, 1978, S. 83 f., eigene Übersetzung.

 

[15] Ebenda, S. 92.

 

[16] Anderson, a.a.O. S. 197, eigene Übersetzung.

 

[17] Ebenda, S. 200 f.

 

[18] Ebenda, S. 204.

 

[19]  Marx, Zur Kritik der PolitischenÖkonomie, Vorwort. MEW, Band 13, S. 9.

 

[20]J. Favier, From Marco Polo to Christopher Columbus, S. 152 f., eigene Übersetzung.