Der 20. Kongress der IKS

Kürzlich hat die IKS ihren 20. Kongress abgehalten. Der Kongress einer kommunistischen Organisation ist einer der wichtigsten Momente ihrer Aktivitäten und ihres Lebens. Er ist der Ort, wo die ganze Organisation (mittels Delegationen, die von jeder Sektion bestimmt werden) eine Bilanz über ihre Tätigkeit zieht, eine in die Tiefe gehende Analyse der internationalen Lage erstellt, Perspektiven erarbeitet und ein Zentralorgan wählt, das dafür verantwortlich ist, dass die Entscheide der Kongresses umgesetzt werden.

Da wir von der Notwendigkeit einer Debatte und einer Zusammenarbeit zwischen Organisationen überzeugt sind, die für die Überwindung des kapitalistischen Systems kämpfen, haben wir drei Gruppen eingeladen – zwei von Korea und OPOP von Brasilien, die schon früher an internationalen Kongressen teilgenommen haben. Weil die Arbeit eines Kongresses einer kommunistischen Organisation keine „interne“ Angelegenheit ist, sondern die gesamte Arbeiterklasse etwas angeht, informieren wir unsere Leser_innen über die wesentlichen Fragen, die an diesem Kongress diskutiert worden sind.

Dieser Kongress ist vor dem Hintergrund einer Zuspitzung der Spannungen in Asien, einer Fortsetzung des Krieges in Syrien, einer Vertiefung der Wirtschaftskrise und einer komplizierten Lage des Klassenkampfes abgehalten worden, die gekennzeichnet ist durch eine schwache Entwicklung der „klassischen“ Arbeiterkämpfe gegen die wirtschaftlichen Angriffe der Bourgeoisie, aber auch durch das weltweite Auftauchen von sozialen Bewegungen, von denen die bedeutsamsten Beispiele diejenigen der „Indignados“ in Spanien und „Occupy Wall Street“ in den USA sind.

Die Analyse der Weltlage:

Eine Herausforderung, die eine bedeutende theoretische Anstrengung erfordert

Die Resolution zur internationalen Lage, die am 20. Kongress der IKS angenommen wurde und welche die aus der Diskussion herausgekommenen Analysen zusammenfasst, wird in der vorliegenden Ausgabe der Internationalen Revue ebenfalls veröffentlicht. Es ist deshalb nicht nötig, hier im Detail auf sie einzugehen.

Diese Resolution ruft den geschichtlichen Rahmen in Erinnerung, in welchem wir die gegenwärtige Lage der Gesellschaft verstehen, den Rahmen der Dekadenz der kapitalistischen Produktionsweise, des Niedergangs, der mit dem Ersten Weltkrieg begonnen hat, und der letzten Phase in dieser Dekadenz, den die IKS seit Mitte der 1980er Jahre als Phase des Zerfalls, des Verfaulens am lebendigen Leib, analysiert. Dieser Zerfall zeigt sich insbesondere an der Form, welche die imperialistischen Konflikte heute annehmen, von denen die Lage in Syrien ein tragisches Beispiel ist (wie dies dem Bericht über diese Frage entnommen werden kann, den wir ebenfalls in dieser Nummer veröffentlichen), aber auch in der katastrophalen Umweltzerstörung, welche die Bourgeoisie trotz all ihrer lauten Erklärungen und Kampagnen völlig unfähig ist zu verhindern oder auch nur zu bremsen.

Der Kongress hat keine besondere Diskussion über die imperialistischen Konflikte geführt - einerseits aus Zeitmangel, andererseits aber auch, weil die Vorbereitungsdiskussionen gezeigt haben, dass wir uns in dieser Frage weitgehend einig sind. Doch hat der Kongress eine Einführung der koreanischen Gruppe Sanoshin über die imperialistischen Spannungen im Fernen Osten zur Kenntnis genommen, die wir als Anhang auf unserer englischsprachigen Webseite veröffentlichen.

Über die Wirtschaftskrise

Die Resolution unterstreicht die Sackgasse, in der sich die Bourgeoisie heute befindet; diese ist unfähig, die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise zu überwinden, was eine schlagende Bestätigung der marxistischen Analyse ist. Einer Analyse, die alle „Experten“, ob sie sich auf den „Neoliberalismus“ berufen oder ihn verwerfen, mit der Verachtung der Unwissenden geringschätzen und vor allem bekämpfen, weil sie eben den historischen Bankrott dieser Produktionsweise und die Notwendigkeit voraussieht, sie durch eine Gesellschaft zu ersetzen, in welcher der Markt, der Profit und die Lohnarbeit ins Museum der Geschichte gestellt werden, wo die Menschheit von den blinden Gesetzen befreit wird, die sie in die Barbarei hinab ziehen, um endlich nach dem Grundsatz zu leben: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“

Was die gegenwärtige Lage der Krise des Kapitalismus betrifft, hat sich der Kongress klar dahingehend geäußert, dass die „Finanzkrise“ weder der Ursprung der Widersprüche ist, in denen die Weltwirtschaft versinkt, noch dass sie ihre Wurzeln in der „Finanzialisierung der Oekonomie“ und der Jagd nach kurzfristigen und spekulativen Profiten habe: es „ist (…) die Überproduktion, welche die Quelle der „Finanzialisierung“ darstellt, und es ist das zunehmende Risiko, in die Produktion zu investieren - weil der Weltmarkt zunehmend gesättigt ist -, welche das Geld immer mehr in die Spekulation treibt. All die „linken“ Wirtschaftstheorien, die zur „Zügelung des internationalen Kapitals“ aufrufen, um die Krise zu überwinden, sind nichts als naive Träume, da sie die wirklichen Gründe des Aufblähens des Finanzsektors außer Acht lassen“ (Resolution zur internationalen Lage, Punkt 10). Gleichzeitig hat der Kongress festgehalten, dass „die “Sub-prime-Krise“ 2007, die Finanzpanik 2008 und die Rezession 2009 (…) einen neuen wichtigen Schritt des Kapitalismus in seine unumkehrbare Krise“ darstellten (a.a.O. Punkt 11).

Der Kongress hat aber auch festgestellt, dass wir uns in unserer Organisation in verschiedenen Fragen nicht einig sind und dass die Diskussion insbesondere über die folgenden Themen weitergeführt werden soll.

Stellte die Krise von 2007 einen qualitativen Bruch dar, der ein neues Kapitel eröffnete, in welchem die Wirtschaft schnell und unmittelbar zusammenbricht? Worin besteht die Bedeutung der qualitativ neuen Etappe, die durch die Ereignisse von 2007 eingeläutet worden ist? In einem allgemeineren Sinn, müssen wir uns auf welche Krisenentwicklung gefasst machen: eine plötzlichen Zusammenbruch oder einen „langsamen“ Niedergang, der durch die kapitalistischen Staaten begleitet wird? Welche Staaten werden zuerst abtauchen, welche zuletzt? Hat die herrschende Klasse einen Spielraum, und welche Fehler will sie vermeiden? Oder in einem allgemeineren Sinn: Wenn die Bourgeoisie die Perspektiven der Krise analysiert, kann sie dabei die Möglichkeit von Reaktionen der Arbeiterklasse ignorieren? Welche Kriterien zieht die herrschende Klasse in Betracht, wenn sie in den verschiedenen Ländern Sparprogramme beschließt? Sind wir in einer Situation, in der alle herrschenden Klassen die Arbeiterklasse angreifen kann, wie es in Griechenland geschah? Ist in den alten Industrieländern der Zentren eine Kopie der Angriffe gleichen Ausmaßes (Lohnsenkungen von bis zu 40% usw.) zu erwarten? Worin besteht der Unterschied zwischen der Krise von 1929 und der heutigen? Welches ist der Grad der Verarmung in den großen Industrieländern?

Die Organisation hat daran erinnert, dass sie sehr schnell nach 1989 das Bewusstsein über die Bedeutung der Ereignisse erlangt und vorausgesehen hat, welche grundlegenden Veränderungen der Zusammenbruch des Ostblocks und der so genannten „sozialistischen“ Länder auf imperialistischer Ebene und im Klassenkampf bewirkt hat[i]. Doch auf der Ebene der wirtschaftlichen Auswirkungen haben wir die großen Veränderungen, die in der Zwischenzeit eingetreten sind, nicht vorausgesehen. Was bedeutete die Aufgabe einer gewissen Autarkie und Abschottungspolitik gegenüber dem Weltmarkt durch China und Indien für die Weltwirtschaft?

Wie wir dies schon mit der in der Organisation vor einigen Jahren geführten Debatte über die Mechanismen, die den Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg bewirkt haben, getan haben[ii], werden wir unsere Leser_innen auch über die wesentlichen Teile der aktuellen Debatte in Kenntnis setzen, sobald die Diskussion einen genügenden Klarheitsgrad erreicht hat.

Über den Klassenkampf

Der Bericht an den Kongress über den Klassenkampf hat eine Bilanz über die letzten zwei Jahre (seit dem Arabischen Frühling, den Bewegungen des Indignados, von Occupy, den Kämpfen in Asien, etc.) und die Schwierigkeiten der Klasse gezogen, auf die immer größeren Angriffe der Kapitalisten in Europa und den USA zu antworten. Die Diskussionen am Kongress drehten sich hauptsächlich um die folgenden Fragen: Wie sind die Schwierigkeiten der Arbeiterklasse zu erklären, „angemessen“ auf die wachsenden Angriffe zu reagieren? Wieso gibt es in den alten industrialisierten Zentren noch keine Entwicklung hin zu einer revolutionären Situation? Welche Politik verfolgt die herrschende Klasse, um Massenkämpfe in den alten industrialisierten Zentren zu verhindern? Welches sind die Voraussetzungen für den Massenstreik?

Welche Rolle spielt die Arbeiterklasse in Asien – insbesondere in China – für das weltweite Kräfteverhältnis zwischen den Klassen? Was können wir von der Klasse erwarten? Hat sich das Zentrum der Weltwirtschaft und des Weltproletariats nach China verlagert? Wie sind die Veränderungen in der Zusammensetzung der Weltarbeiterklasse einzuschätzen? Die Diskussion ist auf unsere Position zum schwachen Glied zurückgekommen, die wir zu Beginn der 1980er Jahre gegen Lenins These erarbeitet haben, wonach die Kette der kapitalistischen Herrschaft am „schwächsten Glied“[iii], das heißt in den schwach entwickelten Ländern reißen werde.

Auch wenn die Diskussionen keine Meinungsverschiedenheiten über den vorgestellten Bericht (der im Abschnitt zum Klassenkampf der Resolution zur internationalen Lage zusammengefasst ist) zu Tage gefördert haben, sind wir zum Schluss gelangt, dass die Organisation die Reflexion über diese Frage fortsetzen muss, insbesondere indem wir das Thema diskutieren: „Mit welcher Methode muss man die Analyse des Klassenkampfes in der gegenwärtigen geschichtlichen Phase angehen?“

Das Leben und die Aktivitäten der Organisation

Die Diskussionen über das Leben der Organisation, über die Bilanz und die Perspektiven der Aktivitäten und des Funktionierens nahmen einen großen Teil des 20. Kongresses ein. Dies ist Ausdruck der Tatsache, dass Organisationsfragen nicht „technische“ Fragen sind, sondern einen politischen Charakter mit eigenem Stellenwert haben und größtmöglicher Aufmerksamkeit bedürfen. Wenn wir die Geschichte der drei Internationalen betrachten, welche von der Arbeiterklasse hervorgebracht wurden, so sehen wir, wie der marxistische Flügel diese Fragen immer wieder resolut ins Zentrum rückte. Folgende Beispiele sind nur einige von vielen:

- Der Kampf von Marx und dem Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation gegenüber der Allianz von Bakunin, vor allem auf dem Haager Kongress von 1872.

- Der Kampf Lenins und der Bolschewiki gegen die kleinbürgerlichen und opportunistischen Auffassungen der Menschewiki auf dem 2. Kongress der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Jahre 1903.

- Der Kampf der Linken Fraktion der Kommunistischen Partei Italiens gegen die Degeneration der Komintern, und ihre Vorbereitungen zur politischen und programmatischen Bildung einer neuen proletarischen Partei, wenn die Bedingungen es erlauben.

Die geschichtliche Erfahrung der Arbeiterbewegung hat gezeigt, dass spezifische politische Organisationen, welche die revolutionäre Perspektive innerhalb der Arbeiterklasse verteidigen, unabdingbar sind, wenn die Arbeiterklasse den Kapitalismus überwinden und eine kommunistische Gesellschaft aufbauen will. Doch proletarische politische Organisationen können nicht einfach proklamiert werde: Sie müssen aufgebaut werden. Während das Ziel die Überwindung des kapitalistischen Systems ist und die kommunistische Gesellschaft nur realisiert werden kann, wenn die Macht der Bourgeoisie gebrochen und der Kapitalismus überwunden ist, muss eine revolutionäre Organisation innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft aufgebaut werden. Deshalb ist der Aufbau der Organisation dem Druck und den Mechanismen der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Ideologie ausgesetzt. Der Prozess des Organisationsaufbaus findet nicht in einem luftleeren Raum statt. Revolutionäre Organisationen sind immer Fremdkörper innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, welche die kapitalistische Gesellschaft ständig zu zerstören versucht. Eine revolutionäre Organisation muss sich deshalb dauernd gegen eine ganze Reihe von Angriffen der bürgerlichen Gesellschaft zur Wehr setzten.

Dass sie der Repression ausgesetzt ist, ist bekannt. Die herrschende Klasse schreckte, wenn immer sie es für notwendig befand, nie davor zurück, die Polizei oder das Militär gegen die Revolutionäre einzusetzen. Die Mehrzahl der Organisationen in der Vergangenheit bestanden für lange Zeit unter den Bedingungen der Repression: Sie wurden „Gesetzlose“, und viele Mitglieder wurden ins Exil getrieben. Doch diese Art der Repression konnte sie nur selten brechen, ganz im Gegenteil, es stärkte sogar oft ihre Entschlossenheit und verstärkte den Kampf gegen demokratische Illusionen. So zum Beispiel im Fall der SPD in Deutschland, die während der Sozialistengesetze von 1878-1890 dem Gift der Demokratie und des Parlamentarismus viel besser widerstehen konnte als während der Periode der Legalität. Dies war auch bei der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands der Fall (und insbesondere bei ihrer bolschewistischen Fraktion), die während praktisch der ganzen Zeit ihrer Existenz illegal war.

Die revolutionäre Organisation muss auch der Zerstörung von innen entgegentreten – dem Eindringen von Spionen, Informanten, Abenteurern, usw., die oft mehr Schaden anrichten als die offene Repression.

Doch sie hat vor allem dem Druck der herrschenden Ideologie zu widerstehen, vor allem dem Demokratismus und dem sogenannten „gesunden Menschenverstand“, der speziell von Marx ins Visier genommen worden war. Sie muss gegen all die „Werte“ und „Prinzipien“ der kapitalistischen Gesellschaft ankämpfen. Die Geschichte der Arbeiterbewegung hat uns durch das Geschwür des Opportunismus in der Zweiten und Dritten Internationale gelehrt, dass die Hauptgefahr für revolutionäre Organisationen darin besteht, das Eindringen der „Werte“ und Gewohnheiten der bürgerlichen Gesellschaft nicht abwehren zu können.

Aus diesen Gründen kann eine revolutionäre Organisation nicht wie die kapitalistische Gesellschaft funktionieren, sie muss in einer assoziierten Weise arbeiten.

Die kapitalistische Gesellschaft funktioniert mit Konkurrenz, Entfremdung, dem gegenseitigen sich „Messen“, mit dem Aufstellen von Normen, mit einer maximalen Effizienz. Eine kommunistische Organisation erfordert die Zusammenarbeit und die Überwindung des Konkurrenzgedankens. Sie kann nur funktionieren, wenn ihre Mitglieder sich nicht wie Schafe einer Herde verhalten, keine Nachtrabpolitik praktizieren und nicht blind akzeptieren, was die Zentralorgane oder einzelne Genossen sagen. Die Suche nach der Wahrheit und Klarheit muss die Aktivitäten der Organisation ständig beseelen. Unabhängiges Denken, die Fähigkeit zum Nachdenken und zur Infragestellung sind lebenswichtig. Dies heißt, dass wir uns nicht hinter dem Kollektiv verstecken können, sondern dass wir unsere individuelle Verantwortung wahrnehmen müssen, indem wir unseren Standpunkt formulieren und die Klärung vorantreiben. Der Konformismus ist ein großes Hindernis in unserem Kampf für den Kommunismus.

In der kapitalistischen Gesellschaft ist man schnell ausgeschlossen, wenn man die Normen nicht erfüllt, wird zum schwarzen Schaf, welches für alles die Schuld trägt. Eine revolutionäre Organisation muss eine Funktionsweise entwickeln, durch die alle mit ihren verschiedenen individuellen Persönlichkeiten in ein Ganzes integriert werden können, d.h. die Kunst lernen, die Reichhaltigkeit unserer Verschiedenheit als Beiträge zum Ganzen zusammen zu führen. Dies beinhaltet einen Kampf gegen persönlichen Stolz und andere Sichtweisen, die mit dem Wettbewerb verknüpft sind. Es bedeutet die Anerkennung des Beitrags von allen Militanten. Gleichzeitig muss eine Organisation Regeln und Prinzipien aufstellen, welche im Einklang mit unserer Ethik sind. All das muss entwickelt werden und ist ein Kampf für sich. Während die Ethik der kapitalistischen Gesellschaft keine Skrupel kennt, sollte das Ziel des Kampfes der Arbeiterklasse in Übereinstimmung mit den Mitteln des Kampfes stehen.

Der Aufbau und die Funktionsweise einer Organisation enthalten eine theoretische und eine moralische Dimension, welche beide eine konstante und bewusste Anstrengung erfordern. Jegliche Trägheit und schwankende Haltung, jede Schwächung der Anstrengungen und der Aufmerksamkeit bei einer Dimension eröffnet die Schwächung der anderen. Diese zwei Dimensionen sind untrennbar miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Je weniger theoretische Anstrengungen die Organisation betreibt, desto schneller und widerstandsloser kann ein moralischer Rückschritt Einzug halten, und gleichzeitig schwächt der Verlust unseres moralischen Kompasses unweigerlich unsere theoretischen Fähigkeiten. Am Wendepunkt zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert zeigte Rosa Luxemburg auf, wie sich das opportunistische Abgleiten der deutschen Sozialdemokratie Hand in Hand mit ihrem moralischen und theoretischen Verfall entwickelte.

Einer der grundlegendsten Aspekte im Leben einer kommunistischen Organisation ist der Internationalismus, nicht nur auf der Ebene ihrer Prinzipien, sondern auch auf der Ebene der Konzeption, die sie bezüglich ihres Lebens und Funktionierens hat.

Das Ziel – eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, welche für die Bedürfnisse der Menschheit produziert – kann nur auf internationaler Ebene erreicht werden und erfordert die Vereinigung des Proletariats über alle Grenzen hinweg. Aus diesem Grunde war der Internationalismus das Leitmotiv der Arbeiterklasse seit ihrer Entstehung. Revolutionäre Organisationen müssen eine Vorhut sein bei der Entwicklung einer internationalistischen Haltung und gegen „lokalistische“ Auffassungen kämpfen.

Schon von Beginn weg hat das Proletariat versucht, sich international zu organisieren (der Bund der Kommunisten 1847-1852 war die erste internationale Organisation), die IKS ist die erste Organisation, die international zentralisiert ist und in der alle Sektionen dieselben Positionen vertreten. Unsere Sektionen sind in internationale Debatten in unserer Organisation integriert, wo alle Mitglieder – über die Kontinente hinweg – an den Erfahrungen der gesamten Organisation teilhaben können. Dies bedeutet, dass wir lernen müssen, Mitglieder mit verschiedenstem Hintergrund zusammenzubringen und Debatten zu führen trotz all der verschiedenen Sprachen – was ein sehr inspirierender Prozess ist –, in denen die Klärung und Vertiefung unserer Positionen bereichert wird durch Genoss_innen aus der ganzen Welt.

Schlussendlich ist es für eine revolutionäre Organisation lebenswichtig, ein klares Verständnis ihrer Rolle im Kampf der Emanzipation der Arbeiterklasse zu haben. Die IKS hat schon oft darauf hingewiesen, dass die Funktion der revolutionären Organisation heute nicht die der „Organsierung der Klasse“ oder deren Kämpfe ist (wie es während der ersten Zeit der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert noch der Fall sein konnte). Die Hauptaufgabe ergibt sich, wie schon im Kommunistischen Manifest 1848 beschrieben, aus der Tatsache, dass die Kommunisten „(…) vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ haben. In diesem Sinne ist die ständige und wesentliche Aufgabe der Organisation die Entwicklung der politischen Positionen, und um dies zu tun, darf sie nicht vollkommen absorbiert sein durch ihre Aufgabe der Intervention innerhalb der Arbeiterklasse. Sie muss fähig sein, einen Schritt zurück zu machen, um den allgemeinen Überblick zu bewahren. Sie sollte ständig Fragen vertiefen, die sich für die Klasse als Ganzes stellen, und diese Fragen aus einer historischen Perspektive angehen. Sie darf sich daher nicht lediglich auf die Analyse der Weltlage beschränken. Die Arbeit muss breiter sein, theoretische Fragen aufgreifen, Oberflächlichkeit und Verzerrungen durch die bürgerlichen Gesellschaft und Ideologie vermeiden. All dies ist ein dauernder Kampf mit einer langfristigen Sichtweise, die viel mehr Aspekte beinhaltet als diejenigen, die sich für die Klasse in diesem oder jenem Moment des Kampfes stellen.

Da die proletarischen Revolution nicht einfach ein Kampf um „Messer- und Gabelfragen“ ist, wie Rosa Luxemburg hervorhob, sondern die erste Revolution in der Geschichte der Menschheit darstellt, bei der alle Ketten der Ausbeutung und Unterdrückung gesprengt werden, erfordert dieser Kampf eine breite kulturelle Veränderung. Eine revolutionäre Organisation beschäftigt sich nicht nur mit Fragen der politischen Ökonomie oder dem Klassenkampf im engeren Sinne. Sie muss ihre eigene Vision zu den wichtigsten Fragen, vor denen die Menschheit steht, entwickeln, ihre Sichtweise immer neu erweitern und offen und bereit sein, neue Fragen anzugehen. Die theoretische Anstrengung, die Suche nach der Wahrheit, der Wille zur Klärung muss unsere tägliche Passion werden.

Gleichzeitig können wir unsere Rolle nur erfüllen, wenn die alte Generation von Mitgliedern ihre Erfahrungen und Lehren an die neue weitergibt. Wenn die alte Generation keine „Schatztruhe“ an Erfahrungen und Lehren an die neue Generation weitergeben kann, hat sie ihre Aufgabe nicht erfüllt. Der Aufbau einer Organisation beinhaltet die Kunst, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen, um so die Zukunft vorzubereiten.

Die Aufgabe des Aufbaus einer revolutionären Organisation ist enorm komplex und erfordert einen ständigen Kampf. In der Vergangenheit führte unsere Organisation schon wichtige Auseinandersetzungen zur Verteidigung unserer Prinzipien. Doch die Erfahrung hat auch gezeigt, dass diese Auseinandersetzungen ungenügend waren und erneut aufgenommen werden müssen. Dies vor allem angesichts von Schwierigkeiten und Schwächen, die seit der Gründung unserer Organisation bestehen und aus den historischen Umständen herrühren, in denen wir leben:

„Es gibt nicht einen alleinigen Grund für die verschiedenen Schwächen der Organisation. Sie sind das Resultat verschiedener Faktoren, welche, auch wenn sie miteinander verknüpft sind, einzeln erkannt werden müssen:

- Das Gewicht unserer Wurzeln im historischen Wiedererwachen des Weltproletariats Ende der 1960er Jahre, und vor allem die Auswirkungen des historischen Bruchs.

- Das Gewicht des Zerfalls des Kapitalismus, das sich ab Mitte der 1980er Jahre auswirkte.

- Der Druck der „unsichtbaren Hand des Marktes“, der Verdinglichung, deren Auswirkungen auf die Gesellschaft sich mit dem Weiterbestehen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse immer mehr verstärken.

Die verschiedenen Schwächen, die wir feststellen, auch wenn sie sich gegenseitig beeinflussen, rühren in letzter Instanz aus diesen drei genannten Faktoren oder aus deren Kombination her:

- Die Unterschätzung der theoretischen Vertiefung, vor allem der Fragen der Organisation, hat ihre Wurzeln in unseren Ursprüngen: dem Einfluss der Studentenrevolten mit ihren kleinbürgerlichen und akademistischen Komponenten, denen sich eine Tendenz entgegenstellte, die den Anti-Akademismus mit dem Widerstand gegen die Theorie vermischte, einer Stimmung der Ablehnung jeglicher Autorität [der älteren Organisationsmitglieder], die viele junge Mitglieder der Organisation erfasste. Später wurde diese Unterschätzung der Theorie genährt durch die allgemeine Atmosphäre der Zerstörung des Denkens, die charakteristisch ist für die Periode des Zerfalls, und durch die wachsende Übernahme des altbekannten „gesunden Menschenverstandes“, ein Zeichen des schleichenden Eindringens der Verdinglichung in unsere Reihen. (…)

- Der Verlust von Errungenschaften ist eine direkte Konsequenz der Unterschätzung der theoretischen Vertiefung: die Errungenschaften der Organisation, seien es programmatische, analytische oder organisatorische Fragen, können unter dem andauernden Druck der bürgerlichen Ideologie nur erhalten bleiben, wenn sie immer wieder durch eine theoretische Reflexion genährt werden. Ein Denken, das nicht vorwärts schreitet und stattdessen durch die Wiederholung stereotyper Formulierungen geprägt ist, bleibt nicht nur stehen, sondern macht unweigerlich Rückschritte. Die in der Vergangenheit oft festgestellte Oberflächlichkeit im Begreifen unserer Positionen führt unabdingbar zum Verlust unserer Errungenschaften. (…)

- Der Immediatismus ist eine Kinderkrankheit einer Organisation, welche von jungen Genoss_innen gegründet wurde, die sich zu einer Zeit der spektakulären Rückkehr des Klassenkampfes politisiert hatten. Viele dachten, die Revolution warte an der nächsten Ecke. Die Ungeduldigsten blieben nicht lange dabei, waren letztendlich demoralisiert und kehrten dem Kampf den Rücken. Doch diese Schwäche bestand auch bei denen weiter, die blieben: Sie begann die Organisation zu durchdringen und drückte sich bei verschiedensten Gelegenheiten aus. Der Immediatismus ist eine Schwäche, die fatal sein kann, denn, kombiniert mit dem Verlust von Errungenschaften, führt er unweigerlich zum Opportunismus, einer Haltung, welche die Fundamente der Organisation immer wieder angegriffen hat. (…)

- Der Routinismus ist einer der deutlichsten Ausdrücke des Gewichts der Entfremdung, der verdinglichten Beziehungen, welche die kapitalistische Gesellschaft beherrschen und die dazu tendieren, die Organisation in eine Maschine und die Mitglieder in Roboter zu verwandeln. Der Routinismus wird ganz offensichtlich durch den Mangel an theoretischer Reflexion verstärkt, was dazu führt, dass die Gründe der Existenz der Organisation vergessen gehen.

- Die Sklerose resultiert zu großen Teilen aus dem Routinismus, doch sie wird ebenfalls genährt durch den Verlust von Errungenschaften und die theoretische Verarmung. Aus diesem Grund ist sie lediglich die Kehrseite des Opportunismus. Auch wenn die Sklerose nicht wie der Opportunismus zum Verrat führt (beide können allerdings Hand in Hand gehen), so führt die sklerotische Lähmung gegenüber der Verantwortung als Organisation dazu, dass diese aufhört, ein aktiver Faktor bei der Entwicklung des Klassenbewusstsein zu spielen.

Der Zirkelgeist ist, wie die Geschichte der IKS und der gesamten Arbeiterbewegung zeigt, eines der gefährlichsten Gifte für die Organisation. Er beinhaltet nicht nur die Tendenz, ein Instrument des proletarischen Kampfes in einen simplen „Haufen von Freunden“ zu verwandeln, sondern begünstigt auch die Personalisierung politischer Fragen, was die Debattenkultur untergräbt. Der Zirkelgeist bedeutet auch die Zerstörung der kollektiven Arbeit und der Einheit der Organisation, dies vor allem in Form der Clan-Ideologie. Der Zirkelgeist ist ebenfalls verantwortlich für die Jagd nach Sündenböcken, was die moralische Gesundheit der Organisation untergräbt. Er ist einer der schlimmsten Feinde der Kultur der Theorie, indem er vertieftes und rationales Denken zugunsten von Verleumdungen und Klatsch zerstört. Er ist ein gängiges Vehikel des Opportunismus, der Vorstufe des Verrats.” (Aktivitätenresolution des Kongresses, Punkt 4)

Für den Kampf gegen die Schwächen und Gefahren, die auf die revolutionäre Organisation lauern, gibt es keine Zauberformel, und wir müssen auf verschiedenen Ebenen eine Anstrengung leisten. Ein Punkt, der vom Kongress unterstrichen wurde, ist die Notwendigkeit, den Routinismus und Konformismus zu bekämpfen, denn die Organisation ist kein anonymer, uniformer Körper, sondern eine Assoziation verschiedener Mitglieder, die alle ihren spezifischen Beitrag an die gemeinsame Arbeit leisten können.

„Zum Aufbau einer wirklichen internationalen Assoziation kommunistischer Militanter, wo jeder seinen Baustein zum kollektiven Bauwerk beiträgt, muss die Organisation die reaktionäre Utopie des „Modellmilitanten“, des „Standardmilitanten“ oder des unverletzlichen und unfehlbaren Supermilitanten zurückweisen. Militante sind weder Roboter noch Übermenschen, sondern schlicht Menschen mit verschiedenen Persönlichkeiten, Vergangenheiten und sozio-kulturellen Wurzeln. Nur durch ein besseres Verständnis der menschlichen Charaktere und der Unterschiede, die unserer Spezies eigen sind, kann ein Vertrauen und eine Solidarität zwischen den Militanten aufgebaut und gefestigt werden. Alle Mitglieder haben die Fähigkeit, ihren besonderen Beitrag an die Organisation zu leisten. Und es ist auch ihre individuelle Verantwortung, dies zu tun. Es ist vor allem die Verantwortung jedes Mitglieds, seine Position in den Debatten zu äußern, vor allem wenn man nicht einverstanden ist oder Fragen hat. Ohne dies kann die Organisation ihre Debattenkultur und die theoretische Vertiefung nicht weiter entwickeln.“ (Aktivitätenresolution, Punkt 9).

Der Kongress unterstrich im Besonderen die Notwendigkeit, die theoretische Vertiefung mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit an die Hand zu nehmen.

„Die erste Herausforderung für die Organisation ist es, sich der bestehenden Gefahren bewusst zu werden. Wir können diese Gefahren nicht mit „Feuerwehrübungen“ im letzten Moment überwinden. Wir müssen alle unsere Probleme mit einer theoretischen und historischen Haltung angehen und Pragmatismus und Oberflächlichkeit beiseite lassen. Das bedeutet eine langfristige Sichtweise zu entwickeln, und nicht einem empirischen „Funktionieren von heute auf morgen“ zu verfallen. Das theoretische Studium und der politische Kampf müssen ins Zentrum des Organisationslebens zurückkehren, und dies nicht nur im Hinblick auf die unmittelbaren Interventionen in der Klasse, sondern um die tiefgehenden Fragen des Marxismus zu verfolgen, welche in den letzten zehn Jahren in unseren Orientierungen beschrieben, aber von der Organisation nicht umgesetzt wurden. Das bedeutet, sich die notwendige Zeit zu geben für die Vertiefung und den Kampf gegen den Konformismus in unseren Reihen. Die Organisation muss das kritische Infrage-stellen, das Formulieren von Zweifeln und die Anstrengungen zur Vertiefung fördern. Wir sollten nicht vergessen, dass die „Kritik keine Leidenschaft des Kopfs [ist], sie ist der Kopf der Leidenschaft“, und dass, „auch die Theorie zur materiellen Gewalt [wird], sobald sie die Massen ergreift“ (Marx). Der Kampf für den Kommunismus beinhaltet nicht nur eine ökonomische und politische Dimension, sondern auch, und vor allem, eine theoretische Dimension (geistig und moralisch). Durch die Entwicklung der „Kultur der Theorie“, das heißt durch die permanente Fähigkeit, alle Aktivitäten der Organisation in einen theoretischen Rahmen zu stellen, können wir die Debattenkultur in unseren Reihen entwickeln und vertiefen und uns so die dialektische Methode des Marxismus besser aneignen. Ohne die Entwicklung der „Kultur der Theorie“ wird die IKS nicht fähig sein, ihren Kompass auf eine lange Zeit auszurichten, um eine Orientierung zu haben oder sich unvorhergesehenen Situation zu stellen und den Marxismus zu entwickeln und zu bereichern, welcher kein invariantes und unantastbares Dogma, sondern eine lebendige Theorie ist, die in die Zukunft weist.

Diese „Kultur der Theorie“ ist keine Angelegenheit des Bildungsgrades der Mitglieder. Sie beinhaltet die Entwicklung eines rationalen, rigorosen und kohärenten Denkens, das unabdingbar ist für die Fähigkeit, Argumente zu entwickeln, das Bewusstsein der Mitglieder zu erweitern und die marxistische Methode in unseren Reihen zu konsolidieren.

Diese Arbeit der theoretischen Reflexion darf den Beitrag der Wissenschaft (vor allem von Geisteswissenschaften wie der Psychologie und Anthropologie) und die Geschichte der menschlichen Spezies und deren Zivilisationsentwicklung nicht ignorieren. Aus diesem Grund hatte die Diskussion zum Thema „Marxismus und Wissenschaft“ auf dem Kongress höchste Bedeutung. Die Fortschritte, die wird dort machten, müssen im Denken und Leben der Organisation verstärkt präsent sein.

Die Einladung von Wissenschaftlern

Die IKS interessiert sich nicht erst seit kurzem für die Wissenschaften. Wir berichteten in den Artikeln über unseren letzten Kongress von der Einladung an Wissenschaftler, die einen Beitrag zum Nachdenken in der ganzen Organisation leisteten, indem sie ihre Gedanken über ihre Forschungsgebiete präsentierten. An diesen Kongress luden wir die britischen Anthropologen Camilla Power und Chris Knight ein, die schon an früheren Kongressen teilgenommen hatten. Wir möchten uns bei ihnen herzlich für ihre Teilnahme bedanken. Diese zwei Wissenschaftler machten eine gemeinsame Präsentation zur Frage der Gewalt in der Urgeschichte, in Gesellschaften, welche noch nicht in Klassen geteilt waren. Kommunisten haben ein fundamentales Interesse an dieser Frage. Der Marxismus hat viele Untersuchungen zur Frage der Gewalt gemacht. Engels widmete einen wichtigen Teil seines Werkes Anti-Dühring der Rolle der Gewalt in der Geschichte. Heute, fast hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, nach einem ganzen Jahrhundert der wohl schrecklichsten Gewalt in der Geschichte der Menschheit, wo die Gewalt im gesellschaftlichen Leben allgegenwärtig ist, ist es wichtig, dass diejenigen, die für eine Gesellschaft kämpfen, welche den Kapitalismus und seine Kriege und die Unterdrückung hinter sich lässt, sich Fragen zur Rolle der Gewalt in den verschiedenen Gesellschaften stellen. Im Besonderen angesichts der bürgerlichen Ideologie, welche die heutige Gewalt der „Natur des Menschen“ zuschreibt und deren Regeln das „Jeder für sich“ und die Dominanz der Starken über die Schwachen sind, besteht die Notwendigkeit, die Rolle von Gesellschaften zu untersuchen, die nicht in Klassen gespalten waren, wie im Urkommunismus.

Wir können hier nicht auf die reichhaltige Präsentation von Camilla Power und Chris Knight eingehen (wir werden sie auf unserer Website veröffentlichen). Doch wir wollen zumindest hervorheben, dass diese beiden Wissenschaftler gegen die Theorien von Steven Pinker[iv] argumentierten, welcher behauptet, dass dank der „Zivilisation“ und dem Einfluss des Staates die Gewalt eingedämmt wurde. Camilla Power und Chris Knight zeigten auf, dass in Jäger- und Sammlergesellschaften ein viel tieferes Niveau an Gewalt herrschte als in späteren Gesellschaftsformationen.

Die Diskussion, welche auf die Präsentation von Camilla Power und Chris Knight folgte, war - wie am vorherigen Kongress - sehr lebhaft. Sie zeigte einmal mehr, wie der Beitrag der Wissenschaften das revolutionäre Denken bereichern kann, eine Idee, welche schon Marx und Engels vor hundertfünfzig Jahren formuliert haben.

Schlussfolgerung

Der 20. Kongress der IKS zeigte durch die Schwierigkeiten, vor denen die Arbeiterklasse in ihrem Kampf um die Emanzipation steht, aber ebenso durch die Schwierigkeiten, mit denen die revolutionäre Organisation konfrontiert ist, um ihre spezifische Rolle in diesem Kampf wahrzunehmen, auf, wie lange und beschwerlich der Weg vor uns ist. Doch all das soll uns nicht entmutigen. Die vom Kongress angenommene Resolution formulierte es folgendermaßen:

„Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist langwierig und schwierig. Sie erfordert Geduld, die Lenin als eine der größten Qualitäten der Bolschewiki bezeichnete. Wir müssen angesichts unserer Probleme der Resignation entgegentreten. Sie sind unvermeidbar und wir sollten sie nicht als gegeben betrachten, sondern im Gegenteil als eine Ermutigung, unseren Kampf aufrecht zu erhalten und zu verstärken. Revolutionäre, und dies ist einer ihrer wesentlichen Charakterzüge, sind nicht Leute, die den Komfort oder den Weg des geringsten Widerstandes suchen. Sie sind Kämpfer, deren Ziel es ist, einen entscheidenden Beitrag zu leisten zur größten und schwierigsten Aufgabe, welche die Menschheit sich je gestellt hat. Diese Aufgabe ist aber auch die tollste, denn sie bedeutet die Befreiung der Menschheit von Ausbeutung und Unterdrückung, der Beginn ihrer „wirklichen Geschichte“.“ (Punkt 16)

November 2013

[i] Vgl. Internationale Revue 12, 1990: „Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks - Destabilisierung und Chaos“ und Internationale Revue 13, 1991: „Orientierungstext zu Militarismus und Zerfall“.

[ii] Vgl. Interne Debatte der IKS: Die Gründe für das „Wirtschaftswunder“ nach dem Zweiten Weltkrieg in Internationale Revue Nr. 42, 43, 44, 45 und 46.

[iii] Vgl. Das Proletariat in Westeuropa im Zentrum der Generalisierung des Klassenkampfes in International Review Nr. 31 (engl./frz./span. Ausgabe).