Fraktion und Partei - Polemik mit Battaglia Communista

   

 

Polemik mit Battaglia Comunista

 

 

Das Verhältnis Fraktion – Partei in der marxistischen Tradition

 

 

(erschienen in International Review Nr. 59 (1989), 61 (1990), 64 (1991), 65 (1991).

 

 

 

I. Teil: Die Italienische Linke, 1922-1937

 

 

- Die Kritiken ‚Battaglia Comunistas‘ gegenüber der Italienischen Fraktion im Ausland

 

 

- Die Bedingungen für die Umwandlung der Fraktion zur Partei

 

- Die Debatte von 1935: Fatalismus oder Voluntarismus

 

- Die Debatte von 1935-37: Hin zum imperialistischen Krieg oder hin zum Aufschwung des Klassenkampfes

 

 

- Die historische Scheidungslinie der Jahre 1935-37

 

 

- Der Spanienkrieg: Teilnahme oder revolutionärer Defätismus?

 

 

II. Die Internationale Kommunistische Linke 1937-52

 

Das Verhältnis Fraktion – Partei in der marxistischen Tradition – von Marx bis Lenin, 1848-1917

 

 

I. Von Marx bis zur II. Internationale

 

 

- Marx, der Bund der Kommunisten, die I. Internationale und die Lehren der Konterrevolution

 

- Die Dialektik Fraktion – Partei wird deutlich in der historischen Entwicklung der Arbeiterbewegung

 

- Das Problem der Fraktion in der II. Internationale

 

 

II. Von Marx zu Lenin, 1848 - 1917

 

-  Lenin und die Bolschewiki

 

- “Ohne die Fraktionen wäre Lenin selbst ein Bücherwurm geblieben“

 

- Von der Bolschewistischen Fraktion der SDAPR zur Kommunistischen Partei Russlands

 

 

 

Anhang: OCTOBRE , Februar 1938

 

 

DAS LEBEN DER FRAKTIONEN DER INTERNATIONALEN KOMMUNISTISCHEN LINKEN

 

 

DIE ITALIENISCHE FRAKTION

 

DIE BELGISCHE FRAKTION

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DAS VERHÄLTNIS FRAKTION - PARTEI IN DER MARXISTISCHEN TRADITION

 

I. Teil: Die Italienische Linke, 1922-1937

 

 

DIE KRITIKEN "BATTAGLIA COMUNISTAS" GEGENÜBER DER ITALIENISCHEN FRAKTION IM AUSLAND

 

Zunächst versuchen wir ohne irgendwelche Verzerrungen die Positionen Battaglia Comunistas systematisch darzustellen, mit denen wir uns polemisch auseinandersetzen wollen. In dem Artikel "Fraktion-Partei in der Erfahrung der Italienischen Linken" wird die These entwickelt, derzufolge die in Pantin in einem Pariser Vorort 1928 von im Exil lebenden Genossen  gegründete Fraktion die trotzkistische Auffassung von der Gründung neuer Parteien verworfen hätte, weil die alten Parteien der Kommunistischen Internationale noch nicht offiziell vom Opportunismus zur Konterrevolution übergewechselt wären. "Was soviel hieß wie... wenn die kommunistischen Parteien trotz der Ansteckung durch den Opportunismus noch nicht vollständig in den Dienst des Klassenfeindes eingetreten wären, könnte man noch nicht den Aufbau neuer Parteien auf die Tagesordnung setzen". Dies stimmt vollkommen, obgleich dies - wie wir später sehen werden - nur eine der notwendigen Bedingungen für die Umwandlung der Fraktion in Partei war. Davon abgesehen kann es nützlich sein, daran zu erinnern, daß die Genossen, die 1928 die Fraktion gründeten, sich schon 1927 von einer aktivistischen Minderheit hatten trennen müssen, die die KPs als Konterrevolutionäre betrachtete ("Raus aus der Moskauer Internationale" hieß ihr Ruf). Diese hatten zudem die Illusion,  daß die Krise von 1929 eine unmittelbare Vorstufe zur Revolution sei, und sie übernahmen die Position der deutschen Linke, die 1924 eine nur kurzlebige 'neue' "Kommunistische Arbeiterinternationale" gegründet hatten.

 

 

Bei der Darstellung der Geschichte schreibt Battaglia, daß die Fraktion "... vor allem eine Rolle der Analyse, der Erziehung, der Vorbereitung der Kader hat, daß sie die größtmögliche Klarheit über die Phase entwickelt, in der sie handelt, um zu dem Zeitpunkt als Partei aufgebaut zu werden, wenn die Zusammenstöße zwischen den Klassen den Opportunismus beiseite fegen" (Bericht für den Kongreß von 1935). Battaglia fährt fort: "Bis dahin schien die Frage einigermaßen klar umrissen zu sein. Das Problem Fraktion-Partei wurde 'programmatisch' gelöst aufgrund der Tatsache, daß die Fraktion von dem Entartungsprozeß abhing, welcher sich in der Partei vollzog, (...) und nicht dank einer abstrakten theoretischen Position, die diesen besonderen Organisationstyp der Revolutionäre zu einer unabänderlichen politischen Organisationsform erhoben hätte, der für alle Zeiträume der Geschichte mit einer Stagnation des Klassenkampfes gültig wäre. (...) Die Idee, daß man die Möglichkeit der Umwandlung der Fraktion in eine Partei nur unter 'objektiv günstigen' Bedingungen ins Auge faßt, d.h. wenn es einen Aufschwung der Klassenkämpfe gibt, fußte auf der Ausgangsidee, daß nur in solch einer Lage oder bei den damit verbundenen Stürmen sich in bei den Ereignissen selber der endgültige Verrat der kommunistischen Parteien  herausstellen würde"

 

 

Die KPs wurden 1935 offiziell als Verräter bezeichnet, als Stalin und die französische KP (denen alle anderen folgten) die von der bürgerlichen französischen Regierung beschlossenen Wiederaufrüstungsbeschlüsse unterstützte, angeblich "um die Demokratie zu verteidigen". Gegenüber diesem offiziellen Überwechseln zu den Fronten des Klassenfeinds rief die Fraktion dazu auf: "Raus aus den kommunistischen Parteien, die zu Instrumenten der Konterrevolution geworden sind". Weiterhin versammelte sie sich auf einem Kongreß, um gegenüber diesen Ereignissen als Organisation zu reagieren. In dem Artikel schreibt  Battaglia dazu: "Nach dem Schema der vergangenen Jahre hätte die Fraktion ihre Aufgabe ausgehend von diesen Ereignissen erfüllen und zum Aufbau einer neuen Partei übergehen sollen. Aber obgleich dies die Perspektive blieb, gab es bei der Umsetzung in die Praxis einige Tendenzen innerhalb der Fraktion, die danach strebten, das Problem eher auf die lange Bank zu schieben, als es in seinen praktischen Aspekten zu lösen.

 

 

In dem Bericht von Jacobs, von dem ausgehend sich die Debatte hätte entwickeln sollen, zog man nicht die Schlußfolgerung aus dem Verrat des Zentrismus und dem Slogan der Fraktion, aus den kommunistischen Parteien auszutreten, daß sie sich in "eine Partei umwandeln solle, auch stellte dies keine proletarische Lösung gegenüber dem Verrat des Zentrismus dar, denn diese Lösung konnte nur durch die zukünftigen Ereignisse gegeben werden und auf die sich die Fraktion heute vorbereitet" (...)

 

 

Für den Berichterstatter konnte die Antwort auf das Problem der Krise der Arbeiterbewegung nicht in dem Bemühen bestehen, die zerstreuten Reihen der Revolution zusammenzuschweißen, um der Arbeiterklasse wieder ihr unabdingbares politisches Organ zurückzugeben, nämlich die Partei (...) sondern die Orientierung auszugeben "Raus aus den KPs", ohne irgendwelche weitere Ausrichtung anzubieten", da es "keine unmittelbare Lösung für das Problem gibt, das der Verrat aufwirft" (...)

 

 

Während die durch den Zentrismus hervorgerufenen Auswirkungen letztendlich die Klasse politisch entwaffneten, sie in die Hände des Kapitalismus trieben, sie reaktionslos machten (...), bestand gleichzeitig die einzige Möglichkeit irgendeines Widerstandes gegen die Versuche des Imperialismus, seine eigenen Widersprüche durch den Krieg zu lösen, in dem Aufbau von neuen Parteien (...), so daß die Alternative Krieg oder Revolution nicht nur ein Slogan blieb, dem man zufrieden zustimmen kann.

 

 

 

Die Thesen Jacobs riefen auf dem Kongreß der Fraktion eine starke Opposition hervor, die entgegengesetzte Auffassungen (...) über die abwartende Haltung des Berichterstatters hatte. Aber für Gatto (...) war es wichtig, das Verhältnis Fraktion-Partei nicht auf der Grundlage mechanischer Formen, sondern auf der Grundlage genauer Aufgaben zu klären, die die neue Situation aufgeworfen hatte;

 

'wir stimmen mit der Tatsache überein, daß man nicht unmittelbar zur Gründung der Partei übergehen darf, aber es kann andererseits wiederum Situationen geben, die es zwingend machen, diese Gründung durchzuführen. Die Dramatisierung des Berichterstatters kann zu einer Art Fatalismus führen".

 

Diese Sorge war durchaus angebracht, denn die Fraktion blieb in einer Abwartehaltung bis zum Tage ihrer Auflösung im Jahre 1945".

 

 

Battaglia behauptet weiterhin, daß die Fraktion durch diese Divergenz gelähmt blieb und schreibt dazu "die Strömung, welche für die Partei eintrat, verharrte jedoch in der absurdesten Inaktivität, und dies stimmte mit den Positionen überein, welche auf dem Kongreß zum Vorschein gekommen waren, während es in der 'abwartenden' Strömung und insbesondere bei ihrem angesehensten Mitglied, Vercesi, an Zögerungen und Kursänderungen auch nicht mangelte".

 

 

Die politischen Schlußfolgerungen Battaglias zu diesem Punkt sind unvermeidbar: "zu behaupten, daß die Partei nur im Zusammenhang mit einer revolutionären Situation entstehen kann, in der die Frage der Macht auf der Tagesordnung steht, während die Partei in konterrevolutionären Phasen verschwinden 'muß' oder ihren Platz den Fraktionen überläßt", bedeutet, "der Klasse in den härtesten und schwierigsten Zeiten einen politischen Mindestbezugspunkt vorzuenthalten, mit der Konsequenz, daß man durch die Ereignisse einfach überrollte würde".

 

 

                  O  O  O

 

 

Wir haben also ausführlich uns auf Zitate aus Battaglia stützend die Position Battaglias wiedergegeben, damit die Genossen, die kein Italienisch können, diese Position kennen. Um zusammenzufassen: Battaglia behauptet, daß

 

a) die Fraktion seit ihrer Gründung bis zum Kongreß von 1935 in Wirklichkeit die Umwandlung zur Partei des Wiederaufschwungs des Klassenkampfes verteidigte,

 

b) die Minderheit selber, die 1935 die Gründung der Partei forderte, blieb politisch kohärent, aber in den darauf folgenden Jahren verharrte sie praktisch in einem absoluten Stillstand (d.h. während der Jahre der Fabrikbesetzungen in Frankreich und des spanischen Krieges),

 

c) die Fraktionen (die 'als nicht sehr genau definierte, sich aufeinanderfolgende Organismen' aufgefaßt werden) sind nicht dazu in der Lage, der Arbeiterklasse in den konterrevolutionären Zeiten ein Mindestmaß an politischen Bezugspunkten anzubieten.

 

Dies sind drei Entstellungen der Geschichte der Arbeiterbewegung. Sehen wir uns an warum.

 

 

DIE BEDINGUNGEN FÜR DIE UMWANDLUNG DER FRAKTION ZUR PARTEI

 

Battaglia behauptet, daß die Verbindung zwischen der Umwandlung in eine Partei und das Wiedererstarken des Klassenkampfes ein neues Element sei, das 1935 eingeführt worden sei und von dem man seit der Fraktion von 1928 an keine Spur finde. Aber wenn man auf die Geschichte zurückgreift, warum sollte man bei 1928 stehen bleiben? Man müßte schon besser bis auf 1922 zurückgreifen, d.h. auf die berühmten Thesen von Rom (die von dem 2. Kongreß der KP Italiens verabschiedet wurden), und die den Grundlagentext der Italienischen Linken darstellen:

 

"Unter dem Einfluß neuer Situationen und den Anregungen zum Handeln aufgrund der Ereignisse innerhalb der Arbeitermassen findet die Rückkehr zur Organisation einer wahren Klassenpartei in der Gestalt einer Trennung eines Teils der Partei statt, die durch die Debatten über das Programm, die Kritik der ungünstigen Erfahrungen im Kampf, und die Herausbildung innerhalb der Partei einer Schule und einer Organisation mit ihrer Hierarchie (Fraktion) diese Kontinuität in dem Leben einer Einheitsorganisation herstellt, welche im Besitz eines Bewußtseins ist und über eine Disziplin verfügt, aus der die neue Partei hervorgehen wird".

 

 

Wie man sieht, sind selber die Grundlagentexte der Linke sehr deutlich hinsichtlich der Tatsache, daß die Umwandlung der Fraktion in eine Partei nur möglich ist "unter dem Einfluß neuer Situationen und der Anregung zum Handeln innerhalb der Arbeitermassen aufgrund der Ereignisse".

 

 

Aber was sagte die Fraktion und was steht in ihrem Grundlagentext zu dieser Frage "Hin zur 2 3/4 Internationale", der 1933 veröffentlicht wurde, und den Battaglia als den viel mehr "dialektischen" betrachtet als die Position von 1935:

 

"Die Umwandlung der Fraktion in Partei wird durch zwei Elemente bedingt, die eng miteinander verbunden sind:

 

1) Die Fraktion arbeitet neue politische Positionen heraus, die dazu in der Lage sind, einen soliden Rahmen für die Kämpfe des Proletariats für die Revolution in der neuen, fortgeschritteneren Phase zu liefern. (...)

 

2) Die Umkehrung der Klassenverhältnisse des gegenwärtigen Systems (...) mit dem Ausbruch revolutionärer Bewegungen, die es der Fraktion ermöglichen werden, die Führung der Kämpfe im Hinblick auf den Aufstand zu übernehmen". (Bilan Nr. 1).

 

 

Wie man sieht, deckt sich diese Position genau mit der von 1922, und sie änderte sich auch nicht in den nachfolgenden Texten. Man kann in dem "Bericht über die Lage in Italien" aus dem August 1935 lesen:

 

"Unsere Fraktion kann sich in eine Partei umwandeln, wenn sie richtig die Entwicklung des Proletariats zum Ausdruck bringt, das wieder auf die revolutionäre Bühne zurückkehrt und das gegenwärtige Kräfteverhältnis zwischen den Klassen zerstört. Während wir wie immer auf der Grundlage der gewerkschaftlichen Organisationen die einzige Position vertreten, welche den Massenkampf ermöglicht, muß unsere Fraktion die Rolle erfüllen, die ihr zukommt: Herausbildung der Kader in Italien sowie in der Emigration. Die Phase der Umwandlung in eine Partei wird die gleiche Phase der Erschütterung des Kapitalismus sein".

 

 

Zu diesem Punkt wollen wir den Satz aufgreifen, den Battaglia aus dem Kongreßbericht von 1935 zitiert, wo es schreibt: "die Frage schien ziemlich klar gestellt". In diesem Satz steht wörtlich geschrieben, daß die Umwandlung der Fraktion in eine Partei möglich ist in den "Augenblicken, in denen die Konfrontation zwischen den Klassen den Opportunismus beiseitefegt". D.h. in einer Phase des Wiederaufschwungs der Klassenbewegung. In der Tat schien die Frage ziemlich deutlich in diesem Satz umrissen. Darüberhinaus muß man einige Zeilen weiterlesen, um jegliche Zweifel zu beheben:

 

"Die Klasse findet sich in der Partei zu dem Zeitpunkt wider, wenn die geschichtlichen Bedingungen die Klassenverhältnisse aus dem Gleichgewicht bringen und dann wird die Bestätigung der Existenz der Partei zur Bestätigung der Handlungsfähigkeit der Klasse".

 

 

Deutlicher als das geht es nicht. Wie Bordiga oft  meinte, man muß lesen können! Das Problem besteht darin, wenn man die Geschichte mit der eigenen verzerrenden Betrachtungsweise einer vorher schon festgelegten These neu schreiben will, muß man das Gegenteil von dem sagen, was geschrieben steht.

 

 

Aber am verblüffendsten ist es, daß die Genossen von Battaglia bei  ihrem Versuch, sicheren Boden unter den Füßen zu kriegen, unfähig werden das zu lesen, was sie selber anläßlich dieses Kongresses der Fraktion im Jahre 1935 geschrieben haben:

 

 

"Man muß hier daran erinnern, daß die Italienische Linke den Titel "Linksfraktion der KPI" durch "Italienische Fraktion der Internationalen Kommunistischen Linke" auf einem Kongreß im Jahre 1935 ersetzte. Dazu war sie gezwungen gewesen, weil im Gegensatz zu ihren Vorhersagen der offene Verrat der opportunistischen KPs gegenüber der Arbeiterklasse nicht  den Ausbruch des 2. Weltkriegs abwartete(...). Die Änderung der Bezeichnung stellte eine Stellungnahme gegenüber dieser 'Kehrtwendung' der offiziellen KPs dar, gleichzeitig ermöglichten es die objektiven Bedingungen immer noch nicht, zur Bildung neuer Parteien voranzuschreiten."

 

 

Wie gewöhnlich haben wir uns nicht auf den einen oder anderen beiläufig geäußerten Satz von dem einen oder anderen Mitglied Battaglias gestützt, sondern wir haben das politische Vorwort zitiert, in dem die IKP (Battaglia) im Mai 1946 den Militanten in den anderen Ländern ihre programmatische Plattform vorstellte, die kurz zuvor auf der Konferenz von Turin verabschiedet worden war. Dieses gleiche Grundsatzdokument, das den historischen Faden zwischen der KP Italiens aus dem Kongreß von Livorno von 1921 bis hin zur Fraktion im Ausland und der IKP von 1943 aufzeigen sollte, brachte deutlich zum Ausdruck, daß einer der Schlüsselpunkte bei der Abgrenzung gegenüber dem Trotzkismus darin bestand, daß:

 

"die objektiv erforderlichen Bedingungen, damit die kommunistische Bewegung zu einer Partei wird, die die Massen tatsächlich beeinflußt, und auf die Trotzki entweder keine Rücksicht nahm, oder wo seine falsche Analyse der Perspektiven ihn glauben ließ, daß diese Bedingungen erfüllt seien. Einerseits ging sie davon aus (wobei sie sich auf die Erfahrung der Fraktion der Bolschewiki stützte), daß der Weg der Bildung der Partei im wesentlichen ein Weg sei, bei dem der Klassenkampf unter revolutionären Bedingungen stattfand, und bei dem die Proletarier sich um ein marxistisches Programm zusammenschlössen, das gegen den Opportunismus ausgerichtet sei und bis zum damaligen Zeitpunkt von einer Minderheit vertreten wurde."

 

 

Man kann sehen, daß sich die IKP selber in ihren offiziellen Texten von 1946 keinen Deut von der Position zur Frage der Fraktion entfernte. Im Übrigen berief sie sich auch offiziell auf deren politische Positionen. Dagegen entfernt sich Battaglia von diesen Positionen und bringt es fertig, 4 verschiedene Positionen in einer Diskussion zu vertreten. Das Zusammenwirken zwischen Widererstarken des Klassenkampfes und Wiederaufbau der Partei wird von BC bezeichnet als:

 

a) eine rein 'hypothetische' Angelegenheit zwischen 1927-35,

 

b) fatalistisch und in groben Zügen mechanistisch, wenn es um die Einschätzung der Fraktion zwischen 1935-45 geht,

 

c) ganz richtig, so sagen es zumindest die Texte, wenn es um die IKP von 1946 geht,

 

d) wiederum eine "anti-dialektische und liquidatorische Auffassung"; so steht es in der von Battaglia 1952 verabschiedeten Plattform, auf die wir in einem 2. Artikel näher eingehen werden.

 

Aber lassen wir all die Schwankungen Battaglias beiseite, und kehren wir zum Kongreß von 1935 zurück.

 

 

DIE DEBATTE VON 1935: FATALISMUS ODER VOLUNTARISMUS

 

Von dem was oben geschrieben steht, wird deutlich, daß nicht die Mehrheit des Kongresses neue Positionen eingeführt hat, sondern die Minderheit die alten Positionen infrage gestellt hat, indem sie sich auf Formulierungen der politischen Gegner der Fraktion stützte. So bezeichnete Gatto einen Bericht als "fatalistisch", der auf die Beschuldigungen des Fatalismus einging, welche gegen die Fraktion von denjenigen erhoben wurden, die die Fraktionsarbeit nicht durchführen wollten , weil sie der Illusion verfallen waren, man könne jetzt "die Massen mobilisieren". Die Trotzkisten standen dabei an erster Stelle. Piero unterstrich: "unsere Orientierung muß sich ändern, wir müssen unsere Presse für die Arbeiter mehr zugänglich machen", indem man mit diesen angeblichen 'oppositionellen Arbeitern' konkurrierte, die ja die Spezialisten waren, um "sich an die Massen anzuklammern", indem sie systematisch deren Illusionen unterstützten.  Tulio zog die scheinbar logischen Konsequenzen aus diesem Standpunkt: "falls wir behaupten, wenn es keine Klassenpartei gibt, fehlt die Führung, wollen wir damit sagen, daß diese unabdingbar ist selbst in den Zeiträumen der Depression". Dabei vergaß er, daß Bilan schon auf Trotzki geantwortet hatte:

 

"Von der Idee ausgehend, die Revolution ist ohne kommunistische Partei unmöglich, zieht man die simplistische Schlußfolgerung, daß man heute schon die neue Partei aufbauen müsse. Es ist, als ob man von der Prämisse ausgehend, daß man ohne Aufstand nicht mehr die grundlegendsten Forderungen der Arbeiter unterstützen könne, die Notwendigkeit ableitete, jetzt unmittelbar den Aufstand auszulösen" (Bilan Nr. 1).

 

 

In Wirklichkeit versucht Battaglia, die Debatte als eine Konfrontation zwischen denjenigen darzustellen, die die Partei wollen (welche zur Zeit der revolutionären Zusammenstöße schon sehr erfahren sein werde) und denen, die sie im letzten Augenblick improvisieren wollen. Die Mehrheit des Kongresses, die  mit der lächerlichen Alternative konfrontiert wurde: "aber ist es notwendig zu warten, daß die revolutionären Ereignisse auftauchen, um zur Gründung der neuen Partei überzugehen, oder umgekehrt, wäre es nicht besser, daß die Ereignisse erst dann auftreten, wenn auch die Partei vorhanden ist?" hatte darauf schon ein- für allemal geantwortet, "Wenn sich aus unserer Sicht das Problem auf eine Frage des Willens begrenzen ließe, wären wir alle einverstanden, und es gäbe niemanden, der sich bemühen würde, darüber zu diskutieren".

 

 

Der Kongreß stand nicht vor einem Problem des Willens, sondern des Voluntarismus, wie es die nachfolgenden Jahre gezeigt haben.

 

 

DIE DEBATTE VON 1935-37:

 

HIN ZUM IMPERIALISTISCHEN KRIEG ODER HIN ZUM AUFSCHWUNG DES KLASSENKAMPFES

 

Indem die Debatte von 1935 als ein Zusammenprall zwischen denjenigen dargestellt wird, die eine Partei unabhängig von den objektiven Bedingungen wollten, und denjenigen, die in eine "Abwartehaltung" auf die objektiven Bedingungen flüchteten, vergißt Battaglia, was das Vorwort von 1946 deutlich hervorgehoben hatte. D.h. "die Gründer  der Partei" unterschätzen nicht  oder lassen nicht nur außer Acht die objektiven Bedingungen, aber sie sind auch notwendigerweise dazu gezwungen "das Vorhandensein solcher Bedingungen auf der Grundlage einer falschen Analyse der Perspektiven zuzugeben". Um diese Frage ging es bei der Diskussion 1935, was Battaglia überhaupt nicht zu verstehen scheint. Die aktivistische Minderheit beschränkte sich nicht darauf zu sagen, daß "sie nicht nur mit der Parteigründung ausschließlich in einer Phase des wiedererstarkenden Klassenkampfes" nicht einverstanden ist, sondern sie war gezwungen, eine falsche Analyse der Perspektiven aufzustellen, woraus sie folgerte, daß es zwar noch keine wirkliche Erstarkung des Arbeiterkampfes gab, aber es gäbe immerhin schon die ersten ankündigenden Bewegungen, deren Führung man übernehmen müsse usw.. Auf dem Kongreß wurde diese Diskussion über die Analyse der Fraktion über den Kurs hin zum imperialistischen Krieg nicht offen von der Minderheit ausgedehnt, die sich wahrscheinlich noch nicht darüber bewußt war, wohin sie ihre Manie, Parteien zu gründen, notwendigerweise führen würde. Diese Zweideutigkeit ist eine Erklärung dafür, daß neben den Aktivisten, die zum Großteil aus der aufgelösten "Réveil communiste" (Kommunistisches Erwachen) stammten, Genossen wie Tullio und Gatto Mammone standen, die sich von dieser Minderheit trennten, sobald die wirkliche Frage in den Diskussionen deutlich wurde. Aber während die Minderheit noch nicht das volle Ausmaß der Divergenzen in Erscheinung treten ließ (der Bericht Jacobs wurde einstimmig verabschiedet), sahen die klarsten Elemente der Mehrheit schon deren ganze Tragweite voraus:

 

"Es ist einfach, diese Tendenz zu erkennen, wenn man die Position der Genossen hinsichtlich der neulich stattgefundenen Klassenkonflikte untersucht, als diese nämlich die Meinung vertraten, daß die Fraktion gleichzeitig in der gegenwärtigen Phase des Zerfalls der Arbeiterklasse eine Führungsrolle in dieser Bewegung übernehmen könnte, wodurch das wirkliche Kräfteverhältnis vollkommen außer Acht gelassen wurde".(Pieri)

 

 

"Wie die Diskussion gezeigt hat, konnte man glauben, daß wir in den gegenwärtigen Ereignissen der Hoffnungslosigkeit (Brest-Toulon) eingreifen könnten, um deren Führung zu übernehmen (...). Zu glauben, daß die Fraktion hoffnungslose proletarische Bewegungen führen könnte, heißt ihre Intervention in den Kämpfen von morgen untergraben" (Jacobs).

 

 

In den nachfolgenden Monaten gab es eine zunehmende Polarisierung zwischen den beiden Tendenzen. So prangerte Bianco in seinem Artikel "Ein wenig Klarheit bitte" (Bilan, Nr. 28, Jan. 1936) die Tatsache an, daß Mitglieder der Minderheit nunmehr offen erklärten, daß sie den Bericht Jacobs verwarfen, den sie gerade zuvor unterstützt hatten, und er griff insbesondere "den Genossen Tito an, der weitschweifig von der 'Änderung der Linie' spricht und  behauptet, man dürfe sich nicht darauf beschränken, anwesend zu sein, sondern "man müsse die Führung der Bewegung des kommunistischen Wiedererstarkens übernehmen": im Hinblick auf die Gründung eines internationalen Organismus solle man jede "Hürde als Vorbedingung" und "Prinzipienskrupel" aufgeben .  

 

 

Die endgültigen Zusammenschlüsse traten von diesem Zeitpunkt an auf (obgleich Vercesi in der gleichen Nummer von Bilan deren Konsequenzen herunterzuspielen versuchte). Schon in der vorherigen Nummer der italienischen Zeitung, Prometeo, hatte sich Gatto von der Minderheit abgegrenzt und behauptet, "die Fraktion wird in der Hitze der Ereignisse als Partei auftreten" und nicht bevor die Arbeiterklasse "ihren Befreiungskampf" ausgelöst hat.

 

 

Aber um das Ausmaß der Irrtümer zu begreifen, den die Minderheit begehen sollte, muß man die Sache mit etwas Abstand betrachten und das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen in diesen entscheidenden Jahren untersuchen und mit der Analyse vergleichen, die die verschiedenen Gruppen der Linke hatten. Die Italienische Linke faßte die Periode als konterrevolutionär auf, wobei sie sich auf die harte Wirklichkeit stützte: 1932, politische Niederwerfung des Widerstands gegen den Stalinismus, mit dem Ausschluß der Italienischen Linken aus der Linksopposition sowie auch dem Ausschluß anderer Kräfte, die sich nicht den jeweiligen Kehrtwendungen Trotzkis anschließen wollten; 1933 Niederschlagung des Proletariats in Deutschland, 1934 Niederschlagung des Proletariats in Asturien (Spanien), 1935 Niederschlagung des Proletariats in Österreich, das Proletariat in Frankreich stellt sich hinter die Trikolore, d.h. unter das Banner der französischen Bourgeoisie. Gegenüber diesem wahnsinnigen Kurs hin zu einem weltweiten Massaker schloß Trotzki die Augen, um die Moral der Truppen nicht zu verletzen. Aus seiner Sicht war bis 1933 die verfaulte deutsche KP immer noch der "Schlüssel der Weltrevolution", und während die deutsche KP 1933 gegenüber den Nazis zusammenbrach, hieß dies für ihn, daß der Weg frei sei für die Gründung einer neuen Partei, und damit auch die Gründung einer neuen Internationale, und wenn die vom Stalinismus kontrollierten Mitglieder sich nicht daran beteiligten, dann könnte man eben den linken Flügel der Sozialdemokratie daran beteiligen, denn "diese entwickelte sich hin zum Kommunismus" usw... Die opportunistischen Manöver Trotzkis riefen Spaltungen innerhalb der Gruppen des linken Flügels hervor, die ihm nicht folgen wollten (Ligue des Communistes Internationalistes in Belgien, Union Communiste in Frankreich, Revolutionary Workers League in den USA usw.). Bis 1936 schienen solche Gruppen zwischen der Schärfe und Klarheit der Italienischen Linke und den akrobatischen Wendungen Trotzkis hin- und herzuschwanken. Der Test von 1936 bewies, daß ihre Solidarität mit dem Trotzkismus viel stärker war als ihre Divergenzen. 1936 stellte in Wirklichkeit das letzte verzweifelte Aufbäumen der europäischen Arbeiterklasse dar: zwischen Mai und Juli fanden in Frankreich viele Fabrikbesetzungen statt, es gab in Belgien eine Kampfeswelle, in Spanien traten die Arbeiter in Barcelona dem Staatsstreich Francos entgegen, woraufhin sich eine Woche lang in Katalonien die Macht in den Händen hielten. Aber es handelte sich um das letzte Aufbäumen. Innerhalb weniger Wochen schaffte es der Kapitalismus nicht nur, die Reaktionen einzugrenzen, sondern sie vollständig zu verzerren, sie auf den Kopf zu stellen, indem sie zu Bündnissen für die Verteidigung der Demokratie wurden. Trotzki wollte diese Einverleibung nicht zur Kenntnis nehmen, er behauptete gar "in Frankreich habe die Revolution begonnen" und trieb die Arbeiter in Spanien dazu an, als Kanonenfutter bei den antifaschistischen Milizen zur Verteidigung der Republik mitzuwirken. Alle Abspaltungen der Linken, von der LCI bis zu UC, von der RWL bis zu einem Großteil der Rätekommunisten ließen sich dafür gewinnen, handelte es sich doch um einen "bewaffneten Kampf gegen den Faschismus". Die Minderheit selber der Italienischen Fraktion unterstützte in Wirklichkeit die Positionen Trotzkis, als sie behauptete, daß die Situation "objektiv revolutionär" bleibt, und daß in den von den Milizen kontrollierten Zonen die Vergesellschaftung "unter den Augen der Regierungen in Madrid und Barcelona" (Bilan, Nr. 36, Dokumente der Minderheit) vollzogen würden. Der bürgerliche Staat überlebte jedoch und verstärkte seine Kontrolle über die Arbeiter. Aber aus der Sicht der Minderheit handelte es sich nur um eine "Fassade", "eine leere Formel", die Arbeiter seien  "Gefangene der Situation", weil das spanische Proletariat durch seine Unterstützung der bürgerlichen Republik nicht den Staat unterstützte, sondern die Zerstörung des Staats durch die Arbeiterklasse. Sich auf diese Analyse berufend schlossen sich viele ihre Mitglieder den antifaschistischen Regierungs-Milizen in Spanien an. Aus der Sicht Battaglia bedeutete diese Kehrtwendung um 360 Grad "kohärent zu bleiben mit sich selbst bei diesem kompletten Immobilismus". Welch seltsame Auffassung von der Kohärenz des Immobilismus.

 

 

In Wirklichkeit hatte die Minderheit den Untersuchungsrahmen der Fraktion aufgegeben, um vollständig die dialektischen akrobatischen Kehrtwendungen Trotzkis zu unterstützen, gegen den sich die Fraktion schon anläßlich des Massakers an den Bergarbeitern Asturiens durch die demokratische Republik 1934 gewandt hatte:

 

"Das schreckliche Massaker der letzten Tage in Spanien müßte diesem gewagten Spiel ein Ende setzen, demzufolge die Republik sicherlich eine "Eroberung der Arbeiter" sei, die es zu verteidigen gelte, aber eben nur "unter bestimmten Bedingungen", aber nur weil sie nicht das sei, was sie wirklich ist, oder unter der Bedingung, daß sie das werde, was sie werden könne, oder weil sie im Gegensatz zu dem, was sie tatsächlich ist und worauf sie abzielt, in Wirklichkeit zu einem Organ der Herrschaft der Arbeiterklasse werden könne" (Bilan, Nr. 12, Okt. 1934).

 

 

DIE HISTORISCHE SCHEIDUNGSLINE DER JAHRE 1935-37

 

Nur die Mehrheit der Italienischen Fraktion (und eine Minderheit der Rätekommunisten) vertrat die defätistische Position Lenins gegenüber dem imperialistischen Krieg in Spanien. Aber nur die Fraktion zog all die Lehren aus dieser geschichtlichen Wende, indem sie zur Auffassung kam, daß es nirgendwo mehr rückständige Gebiete gab, in denen auch nur vorübergehend für die Demokratie gekämpft werden könnte, oder für die nationale Befreiung. Sie stellte jede Form der antifaschistischen Partisanenmilizen als bürgerliche Instrumente des imperialistischen Krieges dar. Dies war eine unabdingbare politische Position, um in diesem imperialistischen Massaker internationalistisch zu bleiben, das mit dem 2. Weltkrieg ausbrechen sollte, und um damit auch über die Voraussetzungen zu verfügen, um zur Neugründung der zukünftigen kommunistischen Weltpartei beizutragen. Die Positionen der Fraktion seit 1935 (chinesisch-japanischer Krieg, italienisch-abessinischer Krieg) bis 1937 (Spanienkrieg) stellen somit die historische Trennungslinie dar, wodurch die Italienische Linke zur Internationalistischen kommunistischen Linke wurde, und die revolutionären Kräfte von diesem Zeitpunkt an auswählte und um sich sammelte.

 

 

Und wenn wir von einer Auswahl sprechen, meinen wir die Auswahl in der Wirklichkeit selber und nicht in den engmaschigen theoretischen Schemata in den Köpfen der Menschen. Dem Scheitern der Ligue des Communistes in Belgien folgte das Auftauchen einer Minderheit, die sich als Belgische Fraktion der Kommunistischen Linke bezeichnete. Dem Scheitern der Union Communiste in Frankreich folgte der Austritt einiger Militanten, die der Italienischen Fraktion angehörten, und die inmitten des imperialistischen Krieges in Frankreich die Französische Fraktion der Kommunistischen Linke schufen. Dem Scheitern der Revolutionary Workers League in den USA und der Liga Comunista in Mexiko folgte der Bruch einer Gruppe von mexikanischen und Immigrantenmilitanten, die eine Gruppe der Marxistischen Arbeiter auf der Grundlage der Internationalen Kommunistischen Linke bildeten. Heute noch besitzen nur diejenigen, die sich in absoluter Kontinuität mit diesen Prinzipienpositionen begreifen und keinen "dritten Weg" suchen, die richtigen Voraussetzungen, um zur Neugründung der Klassenpartei beizutragen.

 

 

Die IKS beruft sich vollständig auf diese programmatische Abgrenzung. Aber was ist die Position Battaglias?

 

 

"Die Ereignisse der spanischen Revolution haben die starken und schwachen Punkte unserer eigenen Tendenz aufgedeckt: die Mehrheit Bilans scheint sich an einer Formel festzuklammern, die theoretisch einwandfrei erscheint, die jedoch den Mangel besitzt, eine simplistische Abstraktion zu sein; die Minderheit scheint von der Sorge besessen zu sein, auf jeden Fall den Weg des Partizipationismus  zu beschreiten, der nicht ratsam zu sein scheint, um die Fallen des bürgerlichen Jakobinismus zu vermeiden, selbst wenn man auf den Barrikaden steht.

 

Da es die objektive Möglichkeit gab, hätten unsere Genossen von Bilan das Problem stellen sollen, nämlich das gleiche Problem, das später unsere Partei gegenüber der Partisanenbewegung aufwerfen mußte, indem sie die Arbeiter aufrief, die sich daran beteiligten, nicht in die Falle der Strategie des imperialistischen Krieges zu laufen".

 

Dieses Zitat aus einem Artikel  in einer Sondernummer von Prometeo, welcher  1958 der Fraktion gewidmet wurde, ist kein Zufall, sondern wurde seitdem mehrfach als richtig unterstrichen, sogar neulich noch (1). Wie man sieht, entscheidet sich Battaglia für einen dritten Weg, der den Abstraktionen der Mehrheit genauso entfernt ist wie von der Arbeit der Linken. Aber handelt es sich wirklich um einen dritten Weg oder um eine eindeutige Wiederaufnahme der Positionen der Minderheit?

 

 

DER SPANIENKRIEG: "TEILNAHME" ODER "REVOLUTIONÄRER DEFÄTISMUS"?

 

Welcher Vorwurf wird gegen die Mehrheit erhoben? Gegenüber den Ereignissen nicht gehandelt zu haben, sich damit zufrieden gegeben zu haben, in der Theorie Recht zu haben, ohne sich jedoch die Mühe zu machen, in den Ereignissen zu intervenieren, um eine richtige Orientierung unter den spanischen Arbeitern zu verteidigen? Diese Beschuldigung stützt sich Wort für Wort auf die Vorwürfe, die damals von der Minderheit, den Trotzkisten, den Anarchisten, den Anhängern des POUM u.a. gemacht wurden: "den spanischen Arbeitern zu sagen, diese Gefahr bedroht euch, und nicht selbst zu intervenieren, um diese Gefahr zu bekämpfen, ist ein Ausdruck des mangelnden Verständnis und des Dilettantismus" (Bilan, Nr. 35, Texte der Minderheit). Nachdem wir festgestellt haben, daß die Anschuldigungen die gleichen sind, muß man sagen, daß es sich eigentlich um beschämende Lügen handelt. Die Mehrheit ist sofort an die Seite des spanischen Proletariats an der Klassenfront und nicht in die Kriegsgräben getreten. Wenn man den Unterschied zur Minderheit hervorheben will, kann man sehen, daß diese Ende 1936 Spanien verlassen hat, während die Mehrheit dort ihre politischen Aktivitäten bis Mai 1937 fortsetzte, als ihr letzter Repräsentant, Tullio, nach Frankreich zurückkehrte, um der Fraktion und den Arbeitern der ganzen Welt mitzuteilen, daß die antifaschistische Republik in Barcelona streikende Arbeiter direkt massakriert hatte.

 

 

Sicher war das Vorgehen der Mehrheit eine diskretere als die der Minderheitsgenossen, die für ihre Kommuniques die Presse der Regierungspartei POUM (Parti Ouvrier D'Unification Marxiste) zur Verfügung hatten, und die an der Front von Aragon zu Generälen wurden, wie ihr Sprecher Condiari. Mitchell, Tullio, Candali - Repräsentanten der Mehrheit - handelten dagegen mit größter Diskretion, weil sie ständig mit dem Risiko zu tun hatten, von den stalinistischen Truppen, die nach ihnen suchten, verhaftet oder vom POUM oder den Anarchisten denunziert zu werden, die sie mehr oder weniger für faschistische Spione hielten. Unter diesen furchtbaren Umständen kämpften diese Genossen weiter, um zumindest einige Genossen dieser Spirale des imperialistischen Krieges zu entreißen, wobei sie nicht nur auf Risiken stießen, sondern auch auf die Feindseligkeit und die Verachtung der Militanten, mit denen sie diskutierten. Selbst die klarsten Elemente wie der Anarchist Berneri (der später von den Stalinisten umgebracht wurde) waren von der Ideologie so stark verunsichert und verwirrt, daß sie sich zu Fürsprechern der Ausdehnung des Regimes der Kriegswirtschaft machen ließen - und damit der Militarisierung der Klasse -, das in den größeren Fabriken eingeführt wurde. Sie waren überhaupt nicht dazu in der Lage zu sehen, wo es eine Klassengrenze gab, und brachten solchen Unsinn zustande wie "die Trotzkisten, Bordigisten, Stalinisten sind sich nur über taktische Auffassungen uneinig"(Klassenkrieg, Oktober 1936). Obgleich ihnen alle Türen vor der Nase zugeschlagen wurden, versuchten sie sich weiterhin Gehör zu verschaffen: nachdem sie z.B. zum xten Mal eine ergebnislose Diskussion mit der POUM gehabt hatten, warteten die stalinistischen "Killer" auf sie, und nur mit Glück konnten sie deren Attentaten entkommen.

 

 

Nebenbei sei nur gesagt, daß die Minderheit, die 1935 herausschrie, die Partei sollte vorher für die Klassenzusammenstöße bereitstehen, damit theoretisiert, in Spanien finde  eine Revolution statt, und diese werde siegen, ohne daß überhaupt eine Partei damals anwesend war. Die Mehrheit dagegen faßte die Partei als das Zentrum ihrer Analyse auf und erklärte, daß zum damaligen Zeitpunkt keine Revolution stattfinden könnte, weil es damals keine Partei gab und daß es nicht mal die geringste Tendenz zum Auftauchen von kleinen Kernen zu verzeichnen gab, die in diese Richtung zeigten - ungeachtet der intensiven Propaganda, die die Fraktion über diese Notwendigkeit betrieb. Nicht in der Reihen der Mehrheit befanden sich diejenigen, die die Bedeutung der Partei und der Fraktion untertrieben. Gegenüber dem Scheitern der Minderheit, die am Ende die Illusion hatte, die Klassenpartei innerhalb des POUM zu finden, d.h. einer Regierungspartei, kann man erst jetzt die Richtigkeit der Warnungen seitens der Mehrheit verstehen, die sie auf dem Kongreß von 1935 gegen die Gefahr aussprach, daß man "die Prinzipien selber der Fraktion auf den Kopf" stellt.

 

 

Aus der Sicht Battaglias hat sich die Minderheit schuldig gemacht, einen "Partizipationismus (Beteiligung) betrieben zu haben, der nicht immer vorsichtig genug gewesen sei, um die bürgerlichen Fallen zu vermeiden". Was soll solch eine vage Formulierung eigentlich heißen? Der Unterschied zwischen der Mehrheit und der Minderheit besteht gerade darin, daß die Mehrheit interveniert hat, um zumindest eine zahlenmäßig beschränkte Avantgarde zu überzeugen, den imperialistischen Krieg nicht zu unterstützen, während die Minderheit interveniert hat, um sich an diesem Krieg zu beteiligen, indem sie freiwillig in die Regierungsmilizen eintraten. Sicher besäße Battaglia einen außerordentlichen Vorteil, wenn sie ein Mittel zur Teilnahme am imperialistischen Krieg kennen würden, das so "vorsichtig" sei, und nicht gleichzeitig das Spiel der Bourgeoisie betreiben  würde... Was heißt es, daß die Mehrheit sich so hätte verhalten sollen, wie es später die IKP "gegenüber der Partisanenbewegung getan" hat? Das heißt vielleicht, daß sie Aufrufe hätte verfassen sollen zur "Einheitsfront" gegen die Stalinisten, Sozialisten, Anarchisten und Parteien des POUM, wie es die IKP 1944 gemacht hat, als sie die Einheitsfront den Agitationskomitees der italienischen KP, der PSI, PRI und den Anarcho-Syndikalisten vorschlug? Battaglia meint vielleicht, nachdem "die objektiven Bedingungen vorhanden sind", hätten solche "konkreten" Vorschläge es der Fraktion ermöglicht, überall die Partei - die an allen Orten fehlte, aus ihrem Zauberhut zu ziehen. Hoffen wir, daß Battaglia keine weiteren Trümpfe in der Tasche hat, andere Wunderheilmittel, um eine objektiv konterrevolutionäre Situation genau in ihr Gegenteil zu verkehren, was ja durchaus eine mögliche Vorgehensweise ist, "aber unter bestimmten Bedingungen" und vor allem "in dem Maße, wo sie nicht das ist, was sie ist", und nur dann, wenn "sie das wird, was sie werden kann" (Bilan, Nr. 12).

 

 

Das Problem liegt woanders. Battaglia entfernt sich von der Fraktion, auf das es sich aber beruft, zumindest bei zwei wesentlichen Punkten: die Bedingungen für die Gründung neuer Parteien und die Haltung in einer global konterrevolutionären Periode bei der Konfrontation mit den Formen einer proletarischen Fassade wie z.B. die antifaschistischen Milizen. Im nächsten Artikel, der sich mit der Zeit zwischen 1937-52 befaßt, werden wir sehen, welche Unklarheiten bei der Gründung der IKP 1943 stellenweise auftraten und auch welche Zweideutigkeiten es in ihrer Haltung gegenüber den Partisanen gab.

 

 

Indem wir uns mit dieser tragischen Periode der Arbeiterbewegung befassen, wollen wir ebenso aufzeigen, wie falsch die Behauptung Battaglias ist, das einem Organ wie der Fraktion jede Fähigkeit abspricht, der "Klasse eine Mindestmaß an politischer Orientierung in den härtesten Zeiten anzubieten". (2)

 

Beyle

 

(erschienen in International Review, Nr. 59, 4. Quartal 1989)

 

 

(1) In dem Artikel "Die IKS und der historische Kurs", BC, Nr. 3, 1987, geht Battaglia soweit zu behaupten "Die Fraktion...schätzte in den 30er Jahren die Perspektive des Krieges als etwas Absolutes ein", was sie dazu verleitet habe "politische Fehler zu begehen", wie "den Ausschluß jeder Möglichkeit einer revolutionären Intervention in Spanien, bevor die Arbeiter überhaupt besiegt worden waren".

 

(2) Diese Angriffe gegen die Fraktion, auf die sich Battaglia beruft, sind umso bedeutsamer als sie zu einem Moment stattfinden, wo verschiedene bordigistische Gruppen die Fraktion wiederentdecken, nachdem Bordiga solch ein langes Schweigen aufrecht hielt (siehe die Artikel in "Il Comunista" aus Mailand, und die Wiederveröffentlichung des "Il Partito Comunista" aus Florenz, das Manifest der Fraktion über den Spanienkrieg). Tauschen etwa Battaglia und die Bordigisten ihre Rollen?

 

 

 

 

II. DIE INTERNATIONALE KOMMUNISTISCHE LINKE  1937-52

 

 

In dem ersten Teil dieses Artikels haben wir aufgezeigt, wie in den entscheidenden Jahren von 1935-37 die Fraktion der Italienischen Linken im Ausland in der Lage war, den roten Faden der marxistischen Kontinuität auch ungeachtet einer schrecklichen politischen Isolierung gegenüber den anderen linken Strömungen aufrechtzuerhalten, insbesondere der trotzkistischen Strömung (2), die im demokratischen Antifaschismus versanken. Diese dramatische historische Abgrenzung hat die politischen und programmatischen Grundlagen gelegt, auf die sich heute noch die Kräfte der Internationalen Kommunistischen Linken stützen. Wir haben ebenfalls aufgezeigt, daß aus der Sicht der Genossen von Battaglia Comunista all dies nur bis zu einem bestimmten Punkt wertvoll war, da aus ihrer Sicht 1935 die zentrale Frage darin bestand, daß man gegenüber dem Wechsel der alten Parteien zur Konterrevolution reagieren müsse, indem die Fraktion in eine neue kommunistische Partei umgewandelt werden müsse. Diese Position, die 1935 durch eine aktivistische Minderheit verteidigt wurde (welche im darauf folgenden Jahr mit der Kommunistischen Linke brach, um den 'antifaschistischen' Krieg in Spanien zu unterstützen) wurde durch die Mehrheit der Fraktion verworfen, die den Positionen der Linken treu blieb, und die die Umwandlung der Fraktion zur Partei von dem Wiederaufschwung des Klassenkampfes abhängig machte. Den Genossen von Battaglia zufolge hätte die 'abwartende' Mehrheit, die 1935 diese Haltung vertreten hätte, diese Meinung 1936 korrigiert, um sich 1937 wieder darauf zu stützen, mit verheerenden Auswirkungen versteht sich.

 

 

Insbesondere ihr berühmtester Sprecher, Vercesi, meinte, "um die Kontroverse zwischen dem abwartenden Bianco und Pero-Tito (Parteianhänger)  zu entscheiden, hätte dieser mehr auf der Seite der letztgenannten gestanden: "Obgleich wir in dieser jetzigen Situation noch keinen Einfluß auf die Massen haben und haben können, stehen wir in der jetzigen Situation vor der Notwendigkeit, nicht mehr als eine Fraktion einer Partei zu handeln, die verraten hat, sondern als eine Miniaturpartei" (Bilan, Nr. 28). In der Praxis scheint sich Vercesi mehr einer dialektischeren Auffassung zu nähern, derzufolge man gegenüber dem Verrat der zentristischen Parteien mit der Gründung neuer Parteien reagieren sollte, nicht um einfach nach Gutdünken die Massen hin zur Eroberung der Macht zu leiten,..., sondern um die Kontinuität der Klasse darzustellen, die unterbrochen worden, und um die politische Leere zu füllen, die entstanden war. Somit sollte die Klasse diesen unabdingbaren politischen Bezugspunkt haben - selbst in den Phasen des Rückflusses, der eingetreten war, obgleich dieser wiederum noch in der Anfangsphase steckte- ,um schrittweise mit dem Verlauf der Ereignisse zu wachsen, anstatt auf sie zu warten, wie man auf den Messias warten kann. Aber 1937 machten sie einen Rückschritt, indem  in dem "Bericht zur Internationalen Situation" die Fraktion als der einzig mögliche politische Ausdruck vorgeschlagen wurde, wodurch implizit irgendeine Umwandlung verworfen wurde... Abgesehen von der persönlichen Rückentwicklung Vercesis wurde die Fraktion mit dem Ausbruch des Kriegs fast handlungsunfähig. Alle Publikationen wurden eingestellt (interne Bulletins, Prometeo, Bilan und Octobre), die Kontakte zwischen den französischen und belgischen Sektionen entweder unterbrochen oder abgebrochen. 1945 löste sich die Fraktion auf, ohne in der Praxis eines der wichtigsten Probleme gelöst zu haben, daß 1928 ihre Gründung herbeigeführt hatte. Die Partei entstand dennoch Ende 1942 unter den Anregungen der Genossen, die in Italien geblieben waren (Partito Comunista Internazionalista), und der sich nach dem Ende des Krieges viele Mitglieder der aufgelösten Fraktion anschlossen (1).

 

 

Wie gewöhnlich schreiben die Genossen von BC unsere Geschichte auf ihre Art. Zunächst war Vercesi nicht der Sprecher der 'abwartenden' Mehrheit (wie sie von BC genannt wird), sondern der Initiator des Versuches eines wenn auch nicht klaren Kompromisses zwischen den beiden Positionen am Ende des Kongresses 1935. Anfang 1936 griff Vercesi noch auf einen Ausdruck zurück, der in der Tat all die Zweideutigkeiten enthält, die von der Mehrheit bekämpft wurden, und der oben erwähnt wird. Das genaue Zitat spricht von der Notwendigkeit "nicht mehr als Teil einer Partei, die verraten hat, sondern - wenn man es so sagen kann - als eine Miniaturpartei" zu handeln. Aber selbst in der Konditionalform, die die Genossen von BC einfach listigerweise weggelassen haben, bleibt diese Formulierung absolut zweideutig, denn sie stellt die Fraktion als eine Partei dar, die wenig Mitglieder hätte, während es sich um eine Organisationsform handelt, die typisch ist für die Phasen eines Klassenkampfes, in der die Existenz einer Partei, ob groß oder klein, nicht möglich ist. Die wirklichen Sprecher der Mehrheit protestierten zu Recht gegen diese widersprüchlichen Formulierungen, die diese heimliche Idee verbreiteten, derzufolge man sich auf die Aktivität einer Partei hin hätte orientieren können, obgleich die Bedingungen dafür überhaupt nicht vorhanden waren. Es ist kein Zufall, daß der Artikel Biancos in BILAN Nr. 28, der den Auffassungen Vercesis entgegentritt, unter der Überschrift erschien "Ein wenig Klarheit bitte". Die Klarheit über die Tatsache, daß es unter diesen Bedingungen nur eine Fraktion geben konnte, wurde in der Tat hergestellt, aber nicht im Jahre 1937, wie es der Artikel von BC behauptet. Es war die Minderheit, die die Angelegenheit geklärt hat, als sie nämlich gegenüber den Ereignissen in Spanien für klare Verhältnisse sorgte, indem sie im Antifaschismus versank und in der Praxis verdeutlichte, wohin die Reden von der Notwendigkeit eines "Bruchs mit dem Abwarten" führten. Mit dieser Klärung konfrontiert faßte Vercesi wieder Fuß und gab vorübergehend (leider nur für eine kurze Dauer) das Gerede von "neuen Phasen" auf. Indem sie fest an ihren Positionen in der entscheidenden Zeit von Juli 1936 bis Mai 1937  festhielt zurzeit des Massakers an den Arbeitern von Barcelona), war die Fraktion dazu in der Lage, die Grundlagen für die gegenwärtige Internationale Kommunistische Linke zu legen. Gleichwohl war der Preis dafür eine vollständige Isolierung gegenüber dem politischen Milieu, das voll in die Fangnetze der Demokratie geraten war. Dieser furchtbare Druck mußte notwendigerweise seine Spuren auch innerhalb der Italienischen Fraktion und in der neuen Belgischen Fraktion  hinterlassen. Einige Genossen fingen an, mit der Idee zu spielen, da der Krieg sich näherte, käme auch der Zeitpunkt eines Widerstands der Arbeiterklasse und um auf diese zukünftigen Reaktionen vorbereitet zu sein, müßte man sofort eine "andere" Aktivität entfalten. Gegen Ende 1937 fing Vercesi an, die Theorie zu vertreten, daß es anstelle eines Weltkrieges eine Reihe von 'lokalen Kriegen' geben werde, deren Wesen darin bestünde, vor allem präventive Massaker gegen eine Bedrohung zu sein, die irgendwie von den Arbeitern ausgehen werde. Um auf diese Erschütterungen vorbereitet zu sein, müsse "man mehr machen", und so tauchte in einer anderen Form die Theorie auf, daß die Fraktion wie eine Miniaturpartei handeln müsse. Damit die Partei eine "Aktivität" habe, fing die Fraktion im Sept. 1937 ein absurdes Unterfangen an: Geld für die Opfer des Spanienkriegs zu sammeln, um in Konkurrenz  mit der "Massenarbeit" der sozialdemokratisch-stalinistischen Organismen wie der "Roten Hilfe" zu treten, wobei man sich aber auf 'deren Terrain' herabgeben mußte. Während BILAN Nr. 38 im Dez. 1936 das Projekt aus dem Jahre 1933 eines Internationalen Informationsbüro wiederveröffentlichte und dabei bitter feststellte, daß es noch keine Möglichkeit gebe, diesen Minimalvorschlag zu akzeptieren, erklärte Vercesi im Sept. 1937 in BILAN Nr. 43, daß ein einfaches Informationsbüro nunmehr "überholt sei und man nun in eine andere Arbeitsphase treten müsse" - die Gründung des Internationalen Büros der Fraktion der Linken. Als solche war die Forderung, ein Koordinationsorgan zwischen den beiden vorhandenen Fraktionen zu gründen, vollkommen richtig. Das Problem lag darin, daß dieses Büro nicht die Klärung und Bildung der Kader koordinieren sollte, die ja die einzig mögliche Arbeit der Fraktion unter jenen Bedingungen war, sondern mehr aufgefaßt wurde als ein Organ, das sofort bei einer Verstärkung des Klassenkampfes bereit stehen sollte, um die "Gründung neuer Parteien und einer neuen Internationale" zu koordinieren. Indem man das Pferd von hinten aufzäumte, wurde im Jan. 1938 die Veröffentlichung von BILAN eingestellt und ersetzt durch eine Zeitschrift, mit deren Namen OCTOBRE man sich auf die erwarteten revolutionären Umwälzungen einzustellen versuchte,  die allerdings nirgendwo auftraten. Es waren zudem Ausgaben in französisch, englisch und deutsch vorgesehen. Das Ergebnis dieses Wahnsinns, als 'eine Miniaturpartei' handeln zu wollen, war vorhersehbar: die Revue, die in drei Sprachen veröffentlicht werden sollte, kam nicht mal regelmäßig auf französisch heraus, das Büro hörte praktisch auf zu existieren und die Austritte nahmen unter den total verwirrten Mitgliedern zu.

 

 

Mit dem Ausbruch des Kriegs im Aug. 1939 erreichte die Verwirrung ihren Höhepunkt, was zudem alles noch erschwert wurde durch die geheime Arbeit, den Mord an einigen der besten Mitglieder und der Verhaftung vieler anderer. So war die Fraktion in Wirklichkeit total desorganisiert. Dazu trug noch die Haltung Vercesis bei, der bis zu dem Zeitpunkt behauptet hatte, die Arbeit der Fraktion nütze überhaupt nichts, sondern man brauche eine Mini-Partei, und der mit dem Ausbruch des Kriegs die Theorie entwickelte, daß infolge des Nichtreagierens des Proletariats dieses "gesellschaftlich nicht mehr existiere und unter diesen Umständen die Fraktionsarbeit überhaupt nichts mehr nütze".

 

 

Wie man sieht, taucht die Infragestellung der Fraktion als Organ der revolutionären Aktivität in den historisch ungünstigen Phasen immer wieder auf. Aus all dem versucht Battaglia die Schlußfolgerung zu ziehen, daß diejenigen, die während des Kriegs eine Fraktionsarbeit betrieben haben, damit nichts bewirkt haben. Aber diejenigen, die während des Krieges nichts bewirkt haben - wie Vercesi- waren gerade jene, die die Arbeit als Fraktion nicht machen wollten. Im Gegensatz zu dem, was Battaglia meint, stellte die Fraktion nicht alle Aktivitäten ein, sondern sie reorganisierte sich schon von Anfang 1940 an - aufgrund der Initiative der Sektion in Marseille, die an der Spitze der Opposition zu Vercesi stand -, hielt geheime Jahrestreffen ab, stellte Sektionen in Lyon, Toulouse und Paris auf, knüpfte wieder Kontakt zu den Genossen in Belgien. Trotz unvorstellbarer materieller Schwierigkeiten fingen sie wieder mit einer regelmäßigen Publikationsarbeit an, das als Werkzeug der Bildung von Kadern und zur Verbreitung von Orientierungstexten der Exekutivkommission diente, die wiederum als Grundlagen für die Diskussion mit anderen Gruppen dienten, mit denen man Kontakt aufgenommen hatte. Diese geheime Arbeit zwischen 1942-44 ermöglichte die Gründung einer neuen Fraktion, der französischen, und die Annäherung der Positionen der Italienischen Linken durch einen Großteil deutscher und österreichischer Kommunisten, die mit dem Trotzkismus gebrochen hatten, welcher ja zu dem Zeitpunkt schon ins Lager der Konterrevolution übergewechselt war.

 

 

Man versteht nicht wirklich, wie  unter diesen äußerst schwierigen Bedingungen dies all von den Genossen geschafft wurde, die aus der Sicht Battaglias in 'sicherer Ecke' hocken blieben und sich in ihre "Theoretisierungen" flüchteten und auf 'messianische Weise' warteten, bis die Massen dazu fähig würden, sie als die richtige Führung anzuerkennen.

 

 

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Hier kommen wir auf einen der Kernaspekte der Frage zu sprechen. Battaglia stellt die Fraktion als ein Organ dar (besser würde man sagen ein Kulturzirkel), das sich in den Zeiten, in denen die Arbeiterklasse nicht in der Offensive ist, auf theoretische Studien beschränkt, da eine Intervention in der Klasse zu nichts führe. Aus unserer Sicht ist dagegen die Fraktion das Organ, das die Kontinuität der kommunistischen Intervention in der Klasse aufrechthält, selbst in den dunkelsten Phasen der Geschichte, in denen diese Intervention kein unmittelbares Echo findet. Und die ganze Geschichte der Fraktionen der Kommunistischen Linken beweist dies. Neben der theoretischen Revue BILAN veröffentlichte die Italienische Fraktion eine Zeitung auf Italienisch PROMETEO, die in Frankreich mehr verbreitet war als die Zeitung der französischen Trotzkisten, die Meister des Aktivismus waren. Die Mitglieder der Fraktion waren so gut bekannt für ihr Engagement in der Klasse, daß die nationalen Gewerkschaftsführungen brutal eingreifen mußten, um die Genossen aus den Basisstrukturen zu schmeißen, in denen sie wirkten und die sie verteidigten. Diese Genossen verbreiteten die Presse, obgleich sie von der Polizei und den nationalistischen Gewerkschaften verfolgt wurden. Selbst nachdem sie blutig Prügel bezogen hatten, kehrten sie zurück, um Flugblätter zu verteilen. Dabei hatten sie oft Pistolen gut sichtbar bei sich, um keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit zu lassen, eher vor Ort umgebracht zu werden, als auf ihre Intervention in der Klasse zu verzichten. Ein Arbeiter wie Piccino, der von den Stalinisten beim Verkauf der Presse festgehalten und der französischen Polizei übergeben wurde, wurde derart verprügelt, daß er sein ganzes Leben lang teilgelähmt blieb; aber trotzdem kehrte er zurück, um die Presse zu verkaufen. In einem Brief vom April 1929 forderte Togliatti die Hilfe des Repressionsapparates Stalins an, um gegen den "bordigistischen Mist" vorzugehen, wobei er eingestehen mußte, daß deren Aufopferung ihm dort Probleme bereitete, wo es italienische Arbeiter gab. Diese Einschätzung durch den Klassenfeind  war durchaus eine zutreffende Anerkenntnis des Einflusses der Genossen.

 

 

Man muß schon sehr mutig sein, wenn man diejenigen Militanten als Theoretiker in Pantoffeln darstellt, die in den KZs umgebracht wurden, beim geheimen Überqueren der Grenze nach Belgien bei der Aufrechterhaltung des Kontakts mit den dortigen Genossen in die Hände der Gestapo  fielen, die von der Polizei gejagt wurden und sich dennoch an illegalen Streiks beteiligten, denen  an den Fabriktoren von den stalinistischen 'Killern' aufgelauert wurde, und die sich oft nur durch einen Sprung über Mauern vor diesen 'Killern' retten konnten. Battaglia schreibt, daß die Genossen im Ausland für die Umwandlung des imperialistischen Kriegs in einen Bürgerkrieg hätten kämpfen  sollen, und daß "die Lehren Lenins ... von ihnen hätten höher angesehen werden müssen", insbesondere bei "Genossen, die in der leninistischen Tradition aufgewachsen waren". Aber was anderes als das haben die Genossen der italienischen und französischen Fraktion gemacht, als sie Aufrufe zum revolutionären Defätismus, die in französisch und deutsch verfaßt waren, bis gar in den deutschen Militärzügen verteilten, und als sie inmitten der patriotischen Orgie der "Befreiung" in Paris ihr Leben riskierten und die Arbeiter dazu aufriefen, aus den Partisanenverbänden auszutreten?

 

 

Wie man sieht, ist es eine völlige Verzerrung zu behaupten, "die einzige Möglichkeit, irgendeine Opposition gegenüber den Versuchen des Imperialismus, seine Widersprüche im Krieg zu lösen, habe in der Gründung neuer Parteien bestanden". Wenn der imperialistische Krieg nicht in einen Bürgerkrieg umgewandelt wurde, dann liegt das nicht am dem Fehlen 'irgendeiner Opposition' seitens der Fraktionen, sondern an der Tatsache, daß es der Weltkapitalismus geschafft hatte, die ersten Bestrebungen in diese Richtung zunächst in Italien, dann in Deutschland zu zerschlagen, wodurch so jede revolutionäre Perspektive zerschmettert wurde. Hätte sich die Fraktion jedoch in eine Partei umgewandelt, hätte deren Anwesenheit den Lauf der Dinge geändert, so behauptet Battaglia. Aber in welche Richtung hätten sich die Dinge geändert?

 

 

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Um darauf zu antworten, muß man die Aktion der Internationalistischen Kommunistischen Partei, die Ende 1942 von Genossen um Onorato Damen in Italien gegründet wurde, untersuchen. Im Unterschied zu der Fraktion, die jede Verbindung zur KP Italiens 1928 abbrach, blieb dieser Genosse bis Mitte der 30er Jahre in der KP, wobei er gar 1933 noch den Gefangenenaufstand der Parteimitglieder im Gefängnis von Civitavecchia anführte. Battaglia Comunista (Damen war einer seiner Führer bis zu seinem Tod) äußerte sich zynisch über den Aufruf der Fraktion auf ihrem Kongreß von 1935, aus den Parteien auszutreten, die zur Konterrevolution übergewechselt waren. BC fragt sich in dem zitierten Artikel, wenn es keine Umwandlung zur Partei hätte geben können, weil die Massen zu dem Zeitpunkt taub gegenüber den Aufrufen der Fraktion blieben, ja an wen zum Teufel hätte sich dieser Aufruf denn richten können? "Man kann nicht umhin sich zu fragen, ob dieser Aufruf nicht mit einer letzten Hoffnung gemacht wurde, daß die Arbeiter ihn doch nicht zur Kenntnis nehmen würden, damit keine Probleme entstünden und das abstrakte Schema des Berichterstatters nicht durcheinander gebracht würde". Die Ironie Battaglias ist hier wirklich sehr fehl am Platze: dieser Aufruf richtete sich an Genossen, die wie Damen noch in den Reihen der KP mitwirkten und die Hoffnung hatten, dort Klassenpositionen verteidigen zu können, und der somit an O. Damen selber gerichtet war, wenn nicht die Stalinisten dem Problem nicht schon zuvorgekommen wären, als sie ihn Ende 1934 ausschlossen. Oder glaubt etwa Battaglia, daß BILAN diesen Aufruf nicht hätte verfassen und sich an die Genossen wenden sollen, damit diese aus den Parteien austreten, die zur Bourgeoisie übergewechselt waren und sich der Fraktion anschlossen, weil nur dort der Kampf um die Neugründung der Klassenpartei fortgesetzt wurde?

 

 

Battaglia behauptet, 1935 sei es für jeden Marxisten eindeutig gewesen, daß der endgültige Austritt aus der KP Italiens automatisch die Gründung der neuen Partei bedeutete. Aber wenn dies so offensichtlich war, warum hat dann Damen diese Partei nicht 1935 gegründet? Warum hat er eine geduldige Geheimarbeit betrieben mit dem Ziel, neue Kader auszuwählen und zu bilden, genau wie die Fraktion es im Ausland tat? Wenn es stimmt, daß nur die Gründung neuer Parteien die "Möglichkeit eröffnete, irgendeine Opposition (gegen den Krieg) zu organisieren", warum wurde dann diese Partei nicht zumindest 1939 gegründet, als der Krieg ausbrach, denn man wartete ja bis 1942 ab, d.h. dreieinhalb Jahre nach Beginn der imperialistischen Massaker. Der Analyse BCs zufolge müßten diese 7 Jahre Verspätung als ein Wahnsinn oder ein Verrat angesehen werden. Unseren Analyse zufolge ist das die beste Verdeutlichung, wie falsch die These ist, derzufolge für die Gründung einer neuen Partei es hinreichend sei, daß die alte Verrat begangen habe.

 

 

Die Internationalistische KP wurde Ende 1942 gegründet, weil es  zu dem Zeitpunkt eine starke Tendenz zum  Aufschwung des Klassenkampfes gegen den Faschismus und den imperialistischen Krieg gegeben hatte; eine Tendenz, die innerhalb weniger Monate zu den Streiks im März 1943 und zum Bestreben der italienischen Bourgeoisie nach einem Separatfrieden führte. Obgleich es die Weltbourgeoisie schaffte, diese Reaktion der Arbeiterklasse in Italien schnell einzudämmen und in Sackgassen zu leiten, bleibt es eine Tatsache, daß nur auf der Grundlage dieser Reaktion der Klasse die Genossen in Italien die Zeit für gekommen hielten, die  Partei zu gründen. Es ist kein Zufall, daß die Genossen im Ausland - übrigens völlig unabhängig von einander -  die gleiche Einschätzung hatten, sobald diese von den Streiks im März 1943 erfuhren: die Augustkonferenz des gleichen Jahres erklärte, "eine Phase der Rückkehr der Fraktion nach Italien und ihre Umwandlung in eine Partei" sei eröffnet. Jedoch erwies sich diese organisierte Rückkehr als unmöglich, zum Teil aufgrund der praktisch unlösbaren  materiellen Schwierigkeiten (es sei daran erinnert, daß die Internationalistische KP, die in Italien gegründet wurde, erst 1945 ihre Existenz im Ausland bekannt machen konnte), die noch durch die Ermordung und Verhaftung vieler Genossen verschärft wurden.

 

 

Aber die grundlegende Schwäche war politischer Art: die Minderheit der Italienischen Fraktion, die hinter Vercesi stand und ein großer Teil der Belgischen Fraktion sprachen den Streiks des Jahres 1943 jeden Klassencharakter ab und sprachen sich gegen jede organisierte Aktivität aus, da sie 'voluntaristisch' sei. Die Konferenz des Jahres 1944 verurteilte die Positionen der Tendenz Vercesi, und Anfang 1945 wurde Vercesi aus der Fraktion ausgeschlossen, weil er an dem Komitee der antifaschistischen Koalition in Brüssel teilgenommen hatte. Diese lange Auseinandersetzung hatte aber die Energien der Fraktion und ihre Fähigkeit, nach Italien zurückzukehren, geschwächt. Dagegen kehrten viele Mitglieder individuell nach Italien zurück, und sobald sie in Italien eintrafen, erfuhren sie von der Existenz der Partei, und sie traten jeweils individuell in sie ein. Diese Politik sollte ziemlich hart von einem Teil der Fraktion kritisiert werden, insbesondere von der Fraktion, die sich in Frankreich gebildet hatte, und die in zunehmendem Maße eine geheime Arbeit gegen den Krieg entwickelte und das mangelnde Entschlußvermögen der Italienischen Fraktion, um eine organisierte Rückkehr nach Italien durchzusetzen. Deshalb schlug im Frühjahr 1945 wie eine Bombe die Nachricht ein, daß es seit Jahren in Italien eine Partei gebe, die 'schon Tausende von Mitgliedern' habe und in der Genossen wie Damen und Bordiga mitwirkten. Die Mehrheit der Fraktion wurde enthusiastisch und entschloß in einer eiligst einberufenen Konferenz im Mai 1945, die eigene Fraktion aufzulösen und daß ihre Mitglieder dieser Partei beitreten sollten, ohne jedoch ihre programmatischen Positionen überhaupt zu kennen. Da die Fraktion in Frankreich die Minderheit unterstützte, welche sich gegen diesen politischen Selbstmord stellte, brach die Mehrheit der Konferenz jeden organisatorischen Kontakt mit der französischen Gruppe ab, wobei der Vorwand in den Vordergrund geschoben wurde, daß die französischen Genossen den revolutionären Defätismus mit deutschen und österreichischen Internationalisten betrieben hätten, die nicht den Fraktionen der Kommunistischen Linke angehörten.

 

 

Die Entscheidung der Selbstauflösung hatte sehr schwerwiegende Konsequenzen für die spätere Entwicklung der Kommunistischen Linken. Die Fraktion kannte die grundlegenden politischen Lehren, die von den wenigen kommunistischen Kräften zwischen 1935-37 gezogen worden waren, und sie hatte die historische Aufgabe, die Grundlagen für die neue Partei zu garantieren, damit diese sich auf die Grundlage dieser Lehren stützen könne, und die in dem vorherigen Artikel folgendermaßen zusammengefaßt wurden:

 

 

1) die Partei wird durch individuellen Beitritt zu den programmatischen Positionen der Linken gebildet, die zuvor von den Fraktionen ausgearbeitet wurden, und die jeden Beitritt von Gruppen von Genossen unmöglich machen, die auf halbem Weg zwischen der Linken und dem Trotzkismus stehen,

 

 

2) die Garantie des revolutionären Defätismus der Partei wird die frontale Denunzierung jeder Form der 'Partisanenmilizen' sein, die dazu dienen, die Arbeiter für den Krieg zu gewinnen, wie z.B. die spanischen 'Arbeitermilizen' es 1936 taten. Da es keine organisierte Rückkehr der Fraktion gab und es 1945 gar zu ihrer Auflösung kam, konnte die Fraktion diese Funktion nicht erfüllen, und wir müssen nun untersuchen, ob die in Italien gegründete Partei dazu in der Lage war, sich dennoch auf diesen Grundlagen zu bilden. Wir wollen dabei nicht sehen, welche Einschätzung wir zu dieser Partei insbesondere haben, sondern wir wollen dabei überprüfen, ob die Arbeit einer Fraktion eine unabdingbare Vorbedingung für die Bildung der Klassenpartei ist oder nicht.

 

 

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Gehen wir systematisch vor, indem wir uns mit den politischen Positionen und mit den Methoden des Eintritts der Mitglieder befassen. Der I. Kongreß der Internationalistischen KP (28. Dez. 1945 - 1.1.1946), der nach der Integration der Militanten der Fraktion in die Partei stattfand, erklärte, die Internationalistische KP sei 1942 gegründet worden "auf der Grundlage dieser genauen politischen Tradition" (2), den die Fraktion im Ausland seit 1927 dargestellt habe. Die ersten Kerne bezogen sich auf "eine Plattform, die aus einem kurzen Dokument bestand, in dem die Direktiven festgelegt waren, welche die Partei zu verfolgen habe, und die sie im wesentlichen noch heute verfolgt". Es ist schwierig zu wissen, bis zu welchem Punkt dieses Dokument den Positionen der Fraktion entsprach, ganz einfach weil Battaglia - soviel wir wissen - nie Wert darauf gelegt hat, es zu veröffentlichen (obgleich es 'kurz' war), und in der Broschüre Battaglias von 1974 über die Plattformen der Internationalistischen KP wird gar nicht mal dessen Existenz erwähnt. Welch seltsames Schicksal für die Gründungsplattform der Partei... Wir müssen uns deshalb auf die Plattform beziehen, die von Bordiga 1945 verfaßt und vom I. Kongreß Anfang 1946 verabschiedet wurde.

 

 

Ohne in eine detaillierte Untersuchung einzutreten, ist klar, daß dieser Text die Möglichkeit der Beteiligung an Wahlen einräumt (diese Position war von den Linken seit der Zeit der 'Abstentionistischen Fraktion' der PSI verteidigt worden), und daß als Grundsatzprinzipien der Partei die "Grundlagentexte der Moskauer Internationale" genommen wurden (wobei damit die Kritiken verworfen wurden, die die Fraktion von 1927 an gemacht hatte). Auch gibt es keine Bloßstellung der nationalen Befreiungskämpfe (eine Position, die die Linke seit 1935 eingenommen hatte), und als krönender Abschluß eine "historische Tatsache von erstrangiger Bedeutung", der Eintritt der Arbeiter in die bewaffneten Partisanenbanden. Die Plattform muß ebenso in vielen anderen Fragen verworfen werden (bei der Gewerkschaftsfrage insbesondere), aber wir haben uns nur auf die Punkte beschränkt, bei denen die Plattform außerhalb der Klassengrenzen steht, die zuvor schon durch die programmatische Arbeit der Kommunistischen Linken gezogen worden waren.

 

 

Die Methode der Mitgliedergewinnung der Partei steht im Einklang mit diesem ideologischen Sammelsurium. Ja dieses ideologische Mischmasch ist zwangsläufig das Ergebnis der praktizierten Methode der Mitgliedergewinnung, die auf der Eingliederung von Gruppen von Genossen beruht, welche die verschiedensten, gar entgegengesetzte Positionen vertraten. So gab es zum Schluß im Zentralkomitee die ersten Genossen von 1942, die Führer der Fraktion, die 1944 Vercesi ausgeschlossen hatten und Vercesi selber, der zur gleichen Zeit aufgenommen worden war wie die 1936 aus der Fraktion ausgeschlossenen Mitglieder infolge ihrer Beteiligung am antifaschistischen Krieg in Spanien. Es wurden Gruppen aufgenommen wie die "Fraktion der linken Kommunisten und Sozialisten" des Südens, die 1944 noch daran glaubten, es sei möglich, die stalinistische Partei "wieder aufzurichten" und auch die sozialistische Partei (!), und die, nachdem sie 1945 aufgelöst worden war, sich direkt der Partei anschlossen. Ihr Haupttheoretiker und Verfasser der Plattform von 1945, Amedeo Bordiga, selber war kein eingeschriebenes Mitglied (es scheint, daß er erst 1949 offiziell beigetreten ist).

 

 

Bei der 2. Frage, die in der Zeit zwischen 1935-37 geklärt worden war, die der Gefahr durch die Partisanenmilizen, ging die Entartung der Internationalistischen KP einher mit ihrer zahlenmäßigen Erweiterung auf Kosten der Prinzipien. 1943 ergriff die Internationalistische KP eine mutige Position, als sie unzweideutig die imperialistische Rolle der Partisanenbewegung denunzierte. 1944 machte man aber schon Konzessionen gegenüber den Illusionen des 'demokratischen' Krieges:

 

"Die kommunistischen Elemente glauben ernsthaft an die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Nazifaschismus und meinen, sobald dieses Hindernis umgeworfen sei, können sie zum Sturm auf die Macht ansetzen, indem der Kapitalismus besiegt wird" (Prometeo, Nr. 15, August 1944).

 

 

1945 wurde der Kreis mit der Teilnahme ganzer Föderationen (wie der Turins) an dem patriotischen Aufstand vom 25. April und der Verabschiedung einer Plattform geschlossen, die die Partisanenbewegung als eine "Tendenz lokaler proletarischer Gruppen auffaßte, sich zu organisieren und zu bewaffnen, um die Kontrolle über die örtlichen Verhältnisse zu gewinnen und zu behalten", wobei nur bedauert wurde, daß diese Bewegungen "keine ausreichende politische Orientierung" (!) haben. Es handelt sich um die gleiche Position, die 1936 von der Minderheit gegenüber dem Spanienkrieg vertreten wurde, und aufgrund derer sie damals aus der Kommunistischen Linke ausgeschlossen worden war.

 

 

Soweit ist klar, daß die von der Internationalistischen KP vertretenen globalen Positionen hinter dem Klärungsniveau der Fraktion und den Grundlagen zurückhängen, die für die Gründung der neuen Partei als unantastbar galten. Die Genossen Battaglias jedoch betrachten die "Ende 1942 gegründete Partei" als das Höchstmaß an Klarheit, das zum damaligen Zeitpunkt existierte. Wie können sie diese Behauptung mit dem Vorhandensein dieser Verwirrungen und Zweideutigkeiten vereinbaren? Ganz einfach: indem sie leugnen, daß es sich um Verwirrungen der Partei handelte, und indem sie einfach den Anhängern Bordigas zugeordnet werden, die 1952 aus der Partei austraten, um das "Kommunistisches Programm" zu gründen. Wir haben darauf schon in der Internationalen Revue geantwortet: "mit anderen Worten: sie und wir haben bei der Gründung der Partei mitgewirkt; die Guten, das waren wir, die Schlechten, das waren sie. Indem man dies so schildert, bleibt die Tatsache nicht zu leugnen, daß es diese "Schlechten" gab, und ein grundlegendes und einheitliches Element zur Zeit der Gründung der Partei darstellten und an denen  NIEMAND etwas auszusetzen hatte."

 

 

Jetzt wollen wir zeigen, daß dies Schwächen der Partei in ihrer Gesamtheit waren und nicht die eines Teils  der Partei. BC hat immer geleugnet, daß die Türen der Partei jedem offenstanden, der die Absicht hatte, ihr beizutreten. Aber BC selber behauptet an anderer Stelle, daß die Mitgliedschaft Vercesis, der aus dem Komitee der antifaschistischen Koalition übergewechselt war, durch die Tatsache erklärt werden kann, daß er "meinte der Partei angehören zu müssen" (3). Aber was ist denn diese Partei, ein Golfclub (obwohl man selbst in diesen Clubs von den anderen Mitgliedern akzeptiert werden muß, bevor man aufgenommen wird)? Auch muß man sich daran erinnern, daß Vercesi "meinte", direkt dem Zentralkomitee der Internationalistischen KP "angehören zu müssen", womit er einer der Hauptführer wurde. BC sagt, daß Vercesi im ZK gewesen sei, aber die Partei sei nicht dafür verantwortlich gewesen, was er tat oder sagte:

 

 

"Die von dem Genossen Perrone (Vercesi) in der Turiner Konferenz (1946) geäußerten Positionen ... waren die freien Äußerungen einer ganz persönlichen Erfahrung und mit einer fantasierenden politischen Perspektive, und es ist nicht statthaft, sich darauf zu beziehen, um Kritiken an der Gründung der Internationalistischen KP vorzubringen" (4).

 

 

Gut gesagt. Aber trotzdem schade, wenn man den Bericht der ersten nationalen Konferenz der Internationalistischen KP liest und dort  auf der Seite 13 geschrieben steht, daß diese "freien fantasierenden Meinungsäußerungen"  nichts anderes waren als der Bericht der "Partei und die internationalen Probleme", den das Zentralkomitee auf dieser Konferenz vorlegte, deren offizieller Berichterstatter Vercesi war. Aber die Überraschungen hören da nicht auf, denn auf S. 16 ergreift Damen am Ende des Berichtes von Vercesi selbst das Wort und meint, bis dahin "gebe es eigentlich keine Divergenzen, sondern nur besondere Sensibilisierungen, die eine organische Klärung der Probleme ermöglichen".  Wenn Damen meinte, der Bericht Vercesis sei eine politische Fantasie, warum leugnete er dann, daß es Divergenzen gab? Vielleicht weil die prinzipienlose Allianz mit Vercesi damals nützlich war?

 

 

Aber halten wir uns nicht länger damit auf und gehen direkt zur Plattform über, die von Bordiga 1945 geschrieben wurde. Battaglia hat sie 1974 gleichzeitig mit einem Projekt eines Programms wiederveröffentlicht, das 1944 von Genossen um O. Damen verbreitet wurde. In der Einleitung dazu steht, daß das Projekt von 1944 viel klarer ist als die Plattform von 1945. In der Tat stimmt dies bei einigen Punkten (z.B. Bilanz der russischen Revolution), aber bei vielen anderen Punkten ist das Abgleiten VIEL STÄRKER als in dem Dokument von 1945. Insbesondere bei dem Punkt der Taktik wird gesagt, "unsere Partei, die den Einfluß anderer Massenparteien nicht unterschätzt, ist der Verteidiger der 'Einheitsfront'". Wenn man jedoch zum Bericht der Turiner Konferenz zurückkehrt, findet man dort den Bericht Leccis (Tullio), der die Bilanz der Arbeit der Fraktion im Ausland zieht und auch ihrer Abgrenzung gegenüber dem Trotzkismus: "diese Abgrenzung setzte an erster Stelle die Verwerfung der Taktik der Einheitsfront der Blockparteien voraus" (S. 8). Auf der Konferenz von 1946 jedoch wurden einige Schlüsselpunkte des Projekts als unvereinbar mit den Positionen der Kommunistischen Linke betrachtet. Aber kommen wir darauf zu sprechen, was in der 1974er Einleitung zur Plattform von 1945 steht:

 

"1945 erhielt das ZK ein Projekt einer politischen Plattform des Genossen Bordiga, der - wir betonen es - nicht Mitglied der Partei war. Das Dokument, dessen Annahme ultimativ gefordert wurde, wird als unvereinbar mit den festen Stellungnahmen der Partei angesehen, die diese gegenüber den wichtigsten Problemen verfaßte, und trotz der eingebrachten Veränderungen wird das Dokument noch immer als ein Beitrag zur Debatte und nicht als faktische Plattform aufgefaßt ... Das ZK konnte das Dokument nur als einen ganz persönlichen Beitrag zur Debatte des zukünftigen Kongresses auffassen, der bis 1948 hinausgeschoben, ganz andere Positionen zutage brachte (siehe Bericht des Kongresses von Florenz)" (1).

 

 

Das ist die Schilderung der Tatsachen, wie sie Battaglia 1974 darstellte. Um zu sehen, ob sie der Wirklichkeit entsprechen, müssen wir zur Konferenz von 1946 zurückkehren, die sich 'zur ultimativen Aufforderung der Annahme' der von Bordiga vorgelegten Plattform hätte äußern müssen. Auf der S. 17 des Berichtes liest man: "Da am Ende der Debatte keine wesentliche Divergenz aufgetreten war, wurde die 'Plattform der Partei' verabschiedet und man verwies auf die Diskussion auf dem nächsten Kongreß über das "Schema des Programms" und auf andere, in der Vorbereitung befindliche Dokumente". Wie man sieht, ist genau das Gegenteil passiert von dem, was BC heute erzählt: auf der Konferenz von 1946 haben die Genossen Battaglias selber einstimmig für die Annahme der von Bordiga verfaßten Plattform gestimmt, und die ja zur offiziellen Grundlage des Beitritts zur Partei seit diesem Zeitpunkt geworden ist (und die als solche nach Außen veröffentlicht wurde). Die französischen Delegierten selber stimmten auf der Konferenz der Plattform zu (S. 6) und die Resolution zur Gründung eines Internationalen Büros der Kommunistischen Linke fängt mit den Worten an: "Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Plattform der Internationalistischen KP das einzige Dokument ist, welches eine marxistische Antwort auf die Probleme liefert, die mit der Niederlage der russischen Revolution und dem 2. Weltkrieg entstanden sind, geht das Zentralkomitee davon aus, daß auf deren Grundlage und auf der Erbschaft der Italienischen Linken das Internationale Büro der Kommunistischen Linken gegründet werden kann und muß".

 

Abschließend wollen wir sagen, daß es in der Tat ein Dokument gab, das als ein einfacher Beitrag zur Debatte verfaßt und dessen Besprechung auf den nächsten Kongreß vertagt wurde, aber das war nicht die Plattform Bordigas...sondern das "Schema des Programms", das von der Gruppe um Damen 1944 verfaßt worden war, und das Battaglia heute als die tatsächliche Plattform der Internationalistischen KP der 40er Jahre darzustellen versucht.

 

 

Es fehlen einem die Worte, um die totalen Verfälschungen der Geschichte der Internationalistischen KP zu verurteilen, die von den Genossen Battaglias nunmehr jahrelang begangen wird. Es handelt sich um den gleichen Stil der stalinistischen Verfälschungen, die die Geschichte der bolschewistischen Partei nach ihrem Gutdünken neu schreiben, indem die Namen der erschossenen Genossen Lenins verschwinden, oder indem Trotzki die von Stalin begangenen Fehler angehängt werden. Damit die Sachen irgendwie als richtig dargestellt werden, hat Battaglia aus der Geschichte seiner Partei die eigene Plattform weggestrichen und in anderen Dokumenten wurde nicht gezögert, den "Vätern der IKS", nämlich die Kommunistische Linke Frankreichs, die Meinungsänderungen Vercesis zuzuschreiben, mit dem ja gerade SEINE Väter 1945 eine opportunistische Allianz geschlossen hatten, indem er in das ZK der Partei aufgenommen wurde. Wir sind uns bewußt, daß es sich um ein hartes Urteil handelt, aber wir stützen uns auf die offiziellen Dokumente der Internationalistischen KP, den Bericht über die Konferenz vom Jan. 1946, die Battaglia sehr wohl zu verheimlichen sucht, während der Bericht vom Kongreß des Jahres 1948 veröffentlicht wurde, weil zu jenem Zeitpunkt die Allianz mit Vercesi aufgekündigt worden war. Wir unterbreiten unsere Schlußfolgerungen und Einschätzungen dem kritischen Urteilsvermögen allen Genossen des internationalen Milieus der Kommunistischen Linke. Wenn die Dokumente, die wir zitiert haben, nicht existieren, soll Battaglia das sagen und beweisen. Sollte das Gegenteil der Fall sein, wissen wir einmal mehr, woher die Verfälschungen kommen.

 

 

            o o o                                              

 

 

Ein Problem muß jedenfalls noch geklärt werden: wie ist es möglich, daß wertvolle Genossen wie Onorato Damen, Genossen, die die Flamme des Internationalismus in den härtesten Zeiten unserer Klasse aufrechterhalten haben, sich auf solch ein Niveau der Verfälschung dieser Periode ihrer Geschichte haben herabsacken lassen? Wie ist es möglich, daß die Genossen von Kommunistisches Programme (das sich 1952 von Battaglia Comunista trennte), dazu kamen, aus ihrer Geschichte die Zeit zwischen 1926  und 1952 ganz einfach verschwinden zu lassen? Ausgehend von all dem, was in diesem Artikel erwähnt wurde, ist die Antwort eindeutig: weder die einen noch die anderen waren während der entscheidenden Jahre des 2. Weltkriegs dazu in der Lage, die grundlegende historische Kontinuität der Fraktion der Linken, die die einzig mögliche Grundlage für die zukünftige Partei ist, aufrechtzuerhalten. Man kann ihnen sicherlich nicht vorwerfen, 1943 geglaubt zu haben, daß die Bedingungen des Wiedererstehens der Partei reif gewesen seien, wenn man berücksichtigt, daß selbst die Fraktionen im Ausland diese Illusion teilten, wobei sie sich auf den Anfang einer proletarischen Antwort gegen den Krieg, die mit den Streiks in Italien 1943 begann, stützten. Aber im Jan. 1946, als der Kongreß von Turin stattfand, war es klar, daß der Kapitalismus es geschafft hatte, jede proletarische Reaktion zu zerschlagen und sie zugunsten des imperialistischen Krieges durch die Eingliederung in Partisanenbanden auszunutzen. In dieser Lage war es notwendig zu begreifen, daß die unabdingbaren Bedingungen für die Bildung der Partei überhaupt nicht vorhanden waren und man hätte seine Kräfte für die Arbeit einer Fraktion verwenden sollen, d.h. eine Arbeit der Bilanz und der Bildung von Kadern auf der Grundlage dieser Bilanz. Weder die einen noch der anderen waren dazu fähig, diesen Weg konsequent zu begehen und dies liefert die Erklärung für ihre nachfolgenden Kehrtwendungen. Die Tendenz um Damen fing an, die Bildung der Partei zu theoretisieren, daß zur Bildung der Partei keine Erstärkung des Klassenkampfes notwendig sei, wodurch die eigene Erfahrung von 1943 dementiert wurde. Die Tendenz um Vercesi (die der Bordigas nahe stand) fing an, einen Zickzackkurs zu fahren zwischen dem, was noch nicht die Partei, aber auch nicht mehr die Fraktion sei (die alte 'Miniaturpartei' von 1936 wurde 1948 in "erweiterte Fraktion" umgetauft), womit auf die späteren Wortspiele von Programme Communiste der 'historischen/formellen Partei' vorgegriffen wurde. Nur die Kommunistische Linke Frankreichs (Internationalisme), auf die sich die IKS heute beruft, war dazu in der Lage, offen die Fehler zu erkennen, die begangen worden waren, als man 1943 geglaubt hatte, die Bindungen für die Umwandlung der Fraktion zur Partei seien vorhanden gewesen, und die sich der Arbeit der historischen Bilanz widmeten, die das damalige Erfordernis der Zeit war. So begrenzt und beschränkt diese Arbeit auch war, diese Bilanz bleibt die unabdingbare Grundlage, von der man heute ausgehen muß, um die Partei von morgen zu gründen.

 

 

In den nächsten Artikeln werden wir den Beitrag untersuchen, den diese Bilanz bei dem Prozeß der Umgruppierung der Revolutionäre darstellt, der heute weltweit stattfindet. 

 

Beyle

 

(erschienen in Internationale Revue Nr. 61, 2. Quartal 1990)

 

 

(1) Internationale Revue, Nr. 59, 4/1989, engl. Ausgabe

 

(2) Siehe die Broschüre "Die Kommunistische Linke Italiens, 1917-52", und die Beilage zu den Beziehungen zwischen der Italienischen Linke und der Internationalen Linksopposition, die von der IKS veröffentlicht wurde.

 

(3) "Frazione-Partito nell'esperienza della Sinistra Italiana", Prometeo, Nr. 2, März 1979

 

(4) Bericht der I. nationalen Konferenz der Internationalistischen Kommunistischen Partei Italiens", Veröffentlichung der Internationalen Kommunistischen Linke, 1946

 

(5) Brief BC an die IKS, in Internationale Revue, Nr. 8, Dez. 1976, engl. Ausgabe

 

(6) Prometeo, Nr. 18, alte Serie, 1972

 

(7) Dokumente der Italienischen Linke, Nr. 1, Ed. Prometeo, Jan. 1974

 

(8) Battaglia Comunista, Nr. 3, Feb. 1983, der Artikel wurde in der Internationale Revue Nr. 34, 3/1983 (engl. Ausgabe) der IKS mit unserer Antwort veröffentlicht.

 

 

 

 

DAS VERHÄLTNIS FRAKTION - PARTEI IN DER MARXISTISCHEN TRADITION

 

VON MARX BIS LENIN, 1848-1917

 

I. Von Marx bis zur II. Internationale

 

 

 

Nachdem sie das Wirken der Linksfraktion der Kommunistischen Partei Italiens in den Jahren zwischen 1935-45 kritisiert haben, schließen die Genossen von Battaglia Comunista den Artikel, den wir schon früher zitiert haben, mit einer Verwerfung des Konzeptes der Fraktion im Allgemeinen ab:

 

"Welchen Sinn hat es, den Begriff der Partei ausschließlich mit dem Begriff der Macht zu verbinden oder der Möglichkeit, die Massen zu führen, indem dem politischen Organ des Klassenkampfes jede Existenzmöglichkeit außerhalb der revolutionären Phasen abgestritten  wird, und indem nie deutlich definierten Organismen oder irgendwelchen Ersatzkörpern die Aufgabe zugeordnet wird, die Interessen der Klasse in den konterrevolutionären Phasen zu verteidigen....

 

Zu behaupten, daß die Partei nur in revolutionären Situationen entstehen kann, in denen die Frage der Macht auf der Tagesordnung steht, während in den konterrevolutionären Phasen die Partei verschwinden "muß" oder ihren Platz Fraktionen überläßt, bedeutet nicht  nur, der Klasse in den schwierigsten und gefährlichsten Momenten einen politischen Bezugspunkt vorzuenthalten, wodurch das politische Handeln der Bourgeoisie erleichtert wird, sondern  auch bewußt eine Leere entstehen zu lassen, die nur schwer innerhalb von 24 Stunden zu füllen ist...

 

Man darf solche Thesen nicht unterstützen, die die geschichtliche Erfahrung auf den Kopf stellen, und indem der bolschewistischen Partei selber die Rolle der "Fraktion" der russischen Sozialdemokratie bis 1917 zugeordnet wird (Thesen, die von der IKS in der Internationalen Revue Nr. 3 vertreten werden)"...

 

 

Rußland war das einzige europäische Land, welches trotz viel ungünstigerer Bedingungen als in anderen Ländern am 1. Weltkrieg von 1914-1918 teilnahm, und wo eine proletarische Revolution entstand. Dies war erst möglich, weil dort eine Partei vorhanden war, die als solche mindestens seit 1912 aktiv war. Von Anfang an hat sich der Bolschewismus nicht darauf beschränkt, auf politischer Ebene dem Opportunismus der Menschewiki entgegenzutreten, die theoretischen Grundlagen der Prinzipien der Revolution auszuarbeiten, Kader zu bilden und neue zu gewinnen, sondern er hat auch die ersten Beziehungen zwischen der Klasse und der Partei geknüpft, die zu einem späteren Zeitpunkt, nämlich in der Hitze der sich zuspitzenden Situation zu echten Verbindungsgliedern zwischen der Spontanität der Klasse und dem taktischen und strategischen  Programm der Partei wurden...

 

1902 schon hatte Lenin die taktischen und organisatorischen Grundlagen geschaffen, auf der man die Alternative gegenüber dem Opportunismus der russischen Sozialdemokratie, die Alternative der Partei, hatte bauen müssen, es sei denn man würde "Was tun?" als die 10 Gebote des guten Fraktionsanhängers darstellen" (1).

 

 

 

Um die Auffassung BC zusammenzufassen,

 

1) man weiß nicht, woher diese Theorie kommt, derzufolge in den konterrevolutionären Phasen die Fraktionen die Aufgabe der Partei übernehmen sollten,

 

2) diese Fraktionen sind "nie wirklich gut definierte Organismen" und damit unfähig, dem Proletariat eine politische Orientierung anzubieten,

 

3) wenn die russische Revolution stattgefunden hat, dann deshalb, weil Lenin seit 1902 die Grundlagen der bolschewistischen Partei und nicht der bolschewistischen Fraktion, wie es die IKS behauptet, gelegt hat.

 

Drei Behauptungen, drei Risse in der theoretisch-politischen Kohärenz Battaglias, und ein Versuch, der Geschichte der Arbeiterbewegung umzuschreiben. Sehen wir weshalb.

 

 

MARX, DER BUND DER KOMMUNISTEN, DIE I. INTERNATIONNALE UND DIE LEHREN DER KONTERREVOLUTION

 

 

"Ich bemerke d'abord, daß, nachdem der "Bund" auf meinen Antrag im Nov. 1852 aufgelöst wurde, ich nie mehr irgendeiner geheimen oder öffentlichen Gesellschaft angehört habe oder angehöre; daß also die Partei in diesem ganz ephemeren Sinne für mich seit 8 Jahren zu existieren aufgehört hat... Ich ward dann noch wiederholt, wenn nicht namentlich, so doch verständlich, bitter angegriffen wegen dieser "Tatenlosigkeit".... Aber von "Partei" in dem Sinne deines Briefes weiß ich nichts seit 1852... Der "Bund", wie die Société des Saisons zu Paris, wie 100 andere Gesellschaften, war nur eine Episode in der Geschichte der Partei, die aus dem Boden der modernen Gesellschaft sich überall naturwüchsig bildet...

 

Ich habe ferne das Mißverständnis zu beseitigen gesucht, als ob ich unter "Partei" einen seit 8 Jahren verstorbenen "Bund" oder eine seit 12 Jahren aufgelöste Zeitungsredaktion verstehe. Unter Partei verstand ich die Partei im großen historischen Sinne" (Marx an Freiligrath, 29.2.1860, MEW Bd 30, S. 489).

 

 

Wie man sieht, ist diese Theorie, derzufolge die proletarischen Parteien in den konterrevolutionären Phasen 'verschwinden', kein Beitrag der Genossen BILANs aus den 30er Jahren dieses Jahrhunderts, sondern eine feste Überzeugung Marxens seit der Mitte des letzten Jahrhunderts. Als er dem früheren Mitglied des Bundes der Kommunisten, Ferdinand Freiligrath, der ihn dazu aufforderte, die Führung der 'Partei' wieder zu übernehmen, antwortete, unterstrich Marx, daß diese Partei sich 8 Jahre zuvor aufgelöst hatte, nämlich am Ende der revolutionären Welle von 1848, genauso wie sich zuvor die Gesellschaft der Pariser Saisonarbeiter und anderer Organisationen aufgelöst hatte, nachdem die Welle von Kämpfen, die sie hervorgebracht hatten und deren Ergebnis sie waren, abgeebbt waren. Es steht fest, daß Marx diese zutiefst materialistische Haltung immer gegenüber den aktivistischen Vorurteilen derjenigen gehabt hat, die die Tiefe und das ganze Ausmaß der Niederlage nicht wahrhaben wollten und sofort 'wieder wie früher anfangen' wollten. Als Marx 1850 behauptete, daß der weltweite wirtschaftliche Aufschwung jede revolutionäre Perspektive in Europa in weite Ferne rückte, stellte sich die Mehrheit des Bundes (die Fraktion um Willich-Schapper) dieser Einschätzung entgegen, und warf ihm vor, er meinte, "man solle sich hinlegen und schlafen". Nur eine Minderheit unterstützte seine Ansichten - selbst nach der förmlichen Auflösung der Bundes im Jahre 1852 -man müsse sich der schwierigen Aufgabe widmen, 'die Lehren aus der Niederlage zu ziehen', indem man die Ursachen zu erhellen und die theoretischen Instrumente zu schaffen versuchte, die der Arbeiterklasse in den darauffolgenden Kampfeswellen nützlich sein würden. Es ist wichtig zu unterstreichen, daß die Genossen, die den Bund der Kommunisten um jeden Preis aufrechterhalten wollten, zunächst gezwungen waren, ihre politischen Positionen über Bord zu werfen, indem sie Intrigen spannen, künstliche Bündnissen mit den Demokraten eingingen und sich später selbst auflösten, ohne auch nur irgend etwas anderes zu hinterlassen als das aktivistische Geschwafel über die Aufrechterhaltung der Partei. Dagegen sollte die geduldige Arbeit der Klärung und der Bildung der Revolutionäre, die von der Fraktion um Marx geleistet wurde, ihre "Früchte mit dem Wiedererstarken der Arbeiterbewegung" bringen: die wenigen marxistischen Revolutionäre standen selbstverständlich an der Spitze der verschiedenen Sektionen der Internationalen Arbeiterassoziation, als diese I. Internationale 1864 gegründet wurde (indem sie sich spontan in der modernen Gesellschaft entfaltete), als es ein internationales Wiedererstarken der Arbeiterbewegung gab. Marx änderte nicht seine Position, als die Niederlage der Pariser Kommune 1871 die Tür öffnete für einen neuen Zeitraum des Rückflusses der Arbeiterbewegung. Unter diesen Umständen verstanden Marx und Engels sehr schnell, daß die Tage der I. Internationale gezählt waren, und auf dem Kongreß von Den Haag im Jahre 1872 brachten sie den Antrag zur Übersiedlung des Generalrates nach New York ein, was der Auflösung der Organisation gleichkam: "Nach meiner Ansicht von den europäischen Verhältnissen ist es durchaus nützlich, die formelle Organisation der Internationale einstweilen in den Hintergrund treten zu lassen... Die Ereignisse und die unvermeidliche Entwicklung und Verwicklung der Dinge werden von selbst für Auferstehung der Internationalen in verbesserter Form sorgen. Einsweilen genügt es, die Verbindung mit den Tüchtigsten in den verschiedenen Ländern nicht ganz aus den Händen schlüpfen zu lassen". (Marx an Sorge, 27.9.1873, MEW 33, S. 606).

 

 

Erneut war es für Marx und Engels klar, daß es in einer konterrevolutionären Zeit absolut unnütz ist, eine Fassade einer Partei künstlich am Leben zu erhalten, während es dagegen wesentlich ist, daß die gemeinsamen Aktivitäten dieser Fraktion fähiger Militanten in der Lage bleibt, der Demoralisierung zu widerstehen, und um das zukünftige Widererstarken des Klassenkampfes noch besser vorzubereiten.

 

Um die Genossen BCs zu trösten, die der Möglichkeit mit Schrecken entgegensehen, daß jemand 'entscheiden' könne, die Partei 'müsse' in einer bestimmten Phase verschwinden, muß man hervorheben, daß Marx und Engels niemals daran gedacht haben, solche 'Entscheidungen' zu treffen. Zu 'entscheiden', die Partei aufzulösen, ist ein reiner Willensakt, genauso wenn man versuchen würde, sie künstlich am Leben zu erhalten. Marx hat den Bund der Kommunisten 1850 nicht auf autoritäre Weise aufgelöst, genauso wenig 1872 die I. Internationale. Er hat nur erklärt, daß die Revolutionäre sich auf den anstehenden Zerfall, das Auseinanderbrechen der Partei vorbereiten müssen, um sich darauf einzustellen, daß man selbst nach der Auflösung dieser Parteien den roten Faden der kommunistischen Aktivität aufrechthält. Und wenn die Auflösung dieser Organe nachher tatsächlich stattgefunden hat, war dies der Ansicht Marxens nach auf die Kraft der Verhältnisse, auf die Lage selber zurückzuführen, und nicht auf die Befehle von Marx.

 

 

DIE DIALEKTIK FRAKTION - PARTEI WIRD DEUTLICH IN DER HISTORISCHEN ENTWICKLUNG DER ARBEITERBEWEGUNG

 

Nachdem wir jetzt gesehen haben, daß die 'seltsame' Theorie des Verschwindens der proletarischen Parteien in den konterrevolutionären Zeiträumen von Marx entwickelt wurde, müssen wir uns mit den Organen befassen, die in diesen Zeiten die Kontinuität der revolutionären Aktivitäten sicherstellen, d.h. die Fraktionen. Battaglia zufolge handelt es sich um "nie gut definierte Organismen". Es stimmt sicherlich, daß Marx nie ein umfassendes Werk der Propaganda (in dem Stile wie "Lohnarbeit und Kapital") über die Funktion des Netzes von Genossen geschrieben hat, die nach der Auflösung des Bundes der Kommunisten und der I. Internationale mit ihm zusammenblieben. Aber das heißt nicht, daß aus Marxens Sicht diese Arbeit des Bilanz Ziehens nicht wichtig war. Dies ist darauf zurückzuführen, daß der Begriff der Fraktion der Klassenpartei seinem Wesen zufolge mit dem Begriff der Partei selber verbunden ist. Die Definition dieses Körpers geht einher mit dem historischen Prozeß, der beim Bund der Kommunisten anfängt und sich bis zur Kommunistischen Internationale hinzieht, die "sich zur historischen Aufgabe gestellt hat, die Revolution weltweit zu verwirklichen" (2).

 

 

Im Laufe der geschichtlichen Erfahrung der Klasse haben die Umrisse dieser Avantgardepartei deutlicher Gestalt angenommen, und gleichzeitig wurde die Erfahrung für die Definition der Arbeit der marxistischen Fraktion angehäuft, die als eine Reaktion gegenüber den opportunistischen Abweichungen der Partei entstand. Nur als der Kapitalismus in seine Endphase eintrat und die Notwendigkeit und Möglichkeit der kommunistischen Revolution schließlich auf der Tagesordnung standen, konnte sich die Klassenpartei in ihrer endgültigen Form entwickeln, wodurch sie erst in die Lage versetzt wurde, wahre Fraktionen als eine Reaktion gegen den opportunistischen Kurs und die Entartung hervorzubringen. Die Italienische Linke hatte diese Lehre aus den 30er Jahren gezogen:

 

"Das Problem der Fraktion - wie wir sie auffassen - d.h. als ein Moment des Wiederaufbaus der Klassenpartei wurde und konnte innerhalb der I. und II. Internationale nicht richtig begriffen werden. Diejenigen, die sich damals Fraktion nannten oder allgemeiner "rechter" oder "linker Flügel", oder "unnachgiebige Strömung, oder schließlich "revolutionärer oder reformistischer Flügel" waren meistens mit Ausnahme der Bolschewiki vor oder während Kongresse zufällige Zusammenschlüsse. Dabei verfolgten sie jeweils das Ziel, bestimmte Tagesordnungspunkte in den Vordergrund zu stellen, ohne dabei irgendeine  organisatorische Kontinuität aufzubauen. All das geschah zu einer Zeit, als das Problem der Machtergreifung nicht auf der Tagesordnung stand und es keine Klassenpartei geben konnte (3). Der Zusammenbruch der II. Internationale während des Ausbruch des I. Weltkriegs war kein plötzlicher Verrat, sondern der Abschluß einer ganzen Entwicklung. Die genaue Auffassung der Aufgaben einer Fraktion ist abhängig von  einer genauen Vorstellung von der Klassenpartei" (4).

 

 

Der Prozeß des Reifens und der Definition der Auffassung von der Fraktion hat seine Wurzeln (aber nicht seinen Abschluß) in diesem ersten Kreis von Genossen, die die Auflösung des Bundes der Kommunisten überlebt hatten. Da es immer unabdingbar ist zu begreifen, von wo wir ausgegangen sind und wohin wir gehen, wollen wir die Aktivität dieser ersten "Fraktion" etwas näher untersuchen.

 

 

Bestimmte Sätze des Briefes an Freiligrath oder andere isoliert betrachtete Zitate der Privatkorrespondenz zwischen Marx und Engels sind oft für den Versuch verwendet worden, aufzuzeigen, daß diese Genossen sich ins Privatleben zurückgezogen hätten, um sich mit ihren theoretischen Studien zu beschäftigen, und die sie dann später den lesehungrigen und lerneifrigen Massen zur Verfügung gestellt hätten. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus.

 

 

Engels meinte dazu: "Die Hauptsache für den Moment ist: die Möglichkeit, unsere Sachen zum Druck zu bringen; entweder in einer Vierteljahresschrift, wo wir direkt attackieren und uns den Personen gegenüber unsere Position sichern; oder in dicken Büchern, wo wir dasselbe tun, ohne nötig zu haben, irgendeine dieser Spinnern auch nur zu erwähnen. Mir ist beides recht; auf die Dauer und bei der zunehmenden Reaktion scheint mir die Möglichkeit für ersteres abzunehmen und letzteres mehr und mehr unsere Ressource zu werden, worauf wir uns werfen müssen" (Engels an Marx, 13.2.1851, MEW Bd 27, S. 191). Marx äußerte sich dazu: “Ich erklärte, wir könnten direkt an keinem Blatt mitarbeiten, überhaupt an keinem Parteiblatt, das wir nicht selbst redigierten. Zu letzterem Schritt aber fehlten alle Bedingungen in diesem Augenblick". (Marx an Engels, 18. Mai 1859, MEW Bd 29, S. 435)

 

 

Dies heißt überhaupt nicht Rückzug  ins Privatleben und ist etwas anderes als 'eifrig Studien zu betreiben', um nachher die militanten Aktivitäten wiederaufzunehmen.  Das Wesentliche für Marx und Engels, für das sie sich voll einsetzten, war die bestmögliche regelmäßige Veröffentlichung einer revolutionären Presse zur öffentlichen Verteidigung und Vertiefung der Perspektive des Kommunismus und der Kritik der kapitalistischen Gesellschaft. Sie verwarfen nicht diese organisierte und geregelte Aktivität, sondern den trügerischen Schritt der Zusammenarbeit mit verwirrten und aktivistischen Elementen, die ihre Arbeit vollkommen zerstört hätten. Wenn sie einen so streng organisierten Arbeitsrahmen nicht haben aufrechthalten können, dann nicht, weil sie es nicht versucht hätten, sondern weil die objektiv notwendigen Bedingungen für die Durchsetzung eines solchen Zieles nicht vorhanden waren. Und diese Bedingungen waren nicht vorhanden, weil die Entwicklung der Arbeiterbewegung noch in ihren Kinderschuhen steckte, und in den Rückflußphasen war selbst die Existenz einer kleinen organisierten revolutionären Gruppe unmöglich. Wir möchten nochmal wiederholen: niemand entscheidet, die Partei 'müsse' verschwinden, die Fraktion 'müsse' auf ein informelles Netz von Genossen beschränkt bleiben. Die objektiven Bedingungen der Klassengegensätze entscheiden darüber. Die Genossen können nur Entscheidungen treffen, wenn sie diese Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen, oder im Gegenteil, wenn sie die Augen davor verschließen und sich und anderen etwas vormachen, wodurch vom Organ der Klasse, der Partei, nur der Name und nichts anderes übrig bliebe. In Wirklichkeit waren diejenigen, die nicht mit in der Luft hängenden Zentralkomitees scherzen, die die Rolle der 'Partei' in den konterrevolutionären Phasen ausfüllten: die kleine informelle Gruppe von Genossen, die sich um Marx organisierte, und die allesamt so beständig und kollektiv arbeiteten, daß sie im revolutionären Milieu unter dem Begriff "Marxens Partei" bekannt wurden. Marx mußte gar in einem Brief an Freiligrath unterstreichen, daß diese Partei nicht existierte. Marx hob hervor, wenn er von der Aktivität der Partei spreche, meine er dies 'in einem weitesten historischen Sinne' als die 'Aktivität der Partei', die die politische Kontinuität zwischen den Parteien sicherstellt. Die Gruppen von Genossen, die diese Kontinuität nach der Auflösung des Bundes der Kommunisten und der I. Internationale hergestellt haben, können aufgrund ihres informellen Organisationsgrades in jeder Hinsicht als Fraktionen aufgefaßt werden, weil es sich nicht um neue revolutionäre Gruppierungen handelte, sondern um wirkliche Fraktionen der alten Parteien. Die 'Partei Marxens' der Jahre 1853-1863 war nichts anderes als die "Fraktion Marxens" der Jahre 1850-52 innerhalb des Bundes. Die "fähigsten Genossen der verschiedenen Länder" während der Zeit zwischen der Auflösung der I. Internationale bis hin zur Geburt der II. Internationale (1889) waren nichts anderes als die alte marxistische 'autoritäre' Fraktion innerhalb der I. Internationale. Unabhängig von der Art und Weise, wie die Fraktionen definiert wurden und wie diese sich den Umständen gemäß organisierten, stellten sie somit die historische Kontinuität zwischen den verschiedenen Phasen der Geschichte der Partei dar.

 

 

DAS PROBLEM DER FRAKTION IN DER II. INTERNATIONALE

 

Die Behauptung, daß Lenin als Chef der bolschewistischen Fraktion der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands etwas mit einer Fraktion zu tun gehabt hätte, ruft bei Battaglia Verachtung hervor, denn BC zufolge war Lenin der Mann der Partei und nichts anderes. BC zufolge konnte die Revolution in Rußland siegreich sein, weil es eine bolschewistische Partei - und nicht irgendeine 'kaum definierte' Fraktion - gab.

 

 

Bevor wir auf diese weitere Geschichtsfälschung Battaglias zu sprechen kommen, muß man den historischen Rahmen in Erinnerung rufen, innerhalb dessen die Aktionen der Bolschewiki und der sozialistischen Linke im Allgemeinen innerhalb der II. Internationale entfaltet wurden. Diese war in einer für die Revolutionäre schwierigen Zeit gegründet worden: einerseits ging in Europa der Prozeß zu Ende, bei dem die Arbeiterklasse selbständig an den bürgerlichen demokratischen Revolutionen (die nunmehr 'von oben' zum Abschluß gebracht wurden, siehe Bismarck in Deutschland) teilnehmen konnte; andererseits waren die Bedingungen, die proletarische Revolution schon auf die Tagesordnung zu setzen, noch nicht vorhanden, da der Kapitalismus noch in der letzten und stürmischsten Phase seiner wirtschaftlichen Entwicklung steckte. Unter diesen Umständen meinten Marx (und Engels nach dessen Tod), daß das Vorhandensein eines starken opportunistischen Flügels in den sozialdemokratischen Parteien eine 'unvermeidbare Tatsache' war. Deshalb empfahlen sie den marxistischen Gruppierungen, vorschnelle Spaltungen zu vermeiden, um sich auf die unnachgiebige politische Verteidigung der Klassenpositionen innerhalb der Partei zu konzentrieren, wobei man auf den Ausbruch einer revolutionären Krise warten müßte, die 'automatisch' zur Spaltung und zum Entstehen wirklicher marxistischer Parteien (6) führen werde.

 

 

Die Revolutionäre müssen die entschlossensten Verteidiger der Einheit der Partei sein, wobei sie manchmal vorübergehend auf die Bildung organisatorisch klar umrissener Strömungen verzichten müssen, um  der Gefahr von Ausschlüssen und damit des Absterbens zu einer Sekte zuvorzukommen, die von der wirklichen Bewegung der Klasse losgelöst gewesen wäre. Unter den damaligen Umständen war dies die einzig angemessene Vorgehensweise, und tatsächlich erzielte sie mehr als nur einen Erfolg (Annahme des marxistischen Erfurter Programms 1881). Weil aber die Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs und des sozialen Friedens jahrzehntelang andauerte, und die Existenz des opportunistischen Flügels damit 'unvermeidbar' mehr an Boden gewann und sich dieser in der Mehrheit der Partei niederließ, stieß die Partei auf große Schwierigkeiten, sich in einer vorrevolutionären Situation von diesem Einfluß zu lösen.  Anfang des Jahrhunderts standen die Marxisten langsam vor der Notwendigkeit, daß sie gegenüber dieser Entwicklung einschreiten mußten, wobei sie von der 'zerstreuten' Verteidigung des Marxismus zu einer mehr koordinierten Vorgehensweise innerhalb der Partei übergehen mußten. Dabei handelte es sich jedoch um einen sehr schwierigen Übergang, denn der Mythos der Einheit über alles war bis tief in die Grundmauern der Partei selber eingedrungen, und die Führungen der Partei warteten jedes Mal mit diesem Argument auf, um die Radikalen als die Spalter der Einheit der Partei darzustellen.

 

 

1909 wurde der Versuch von Genossen der holländischen Linke, sich als Tendenz um ein Organ, DE TRIBUNE, zusammenzuschließen, im Keim erstickt, indem Genossen gruppenweise ausgeschlossen wurden, wodurch sie vorübergehend eine Minipartei bilden mußten, und wobei es nicht lange dauerte, bis diese die Schwächen der alten, ursprünglichen Partei wieder neu aufleben ließ (7).

 

 

Wie die von BILAN Nr. 24 erwähnten Zitate zeigen, waren die russischen Bolschewiki die einzige Ausnahme, die sich in eine eigenständige Fraktion der SDAPR von 1904 an organisierten. Man könnte überrascht sein, daß die ersten, die sich in Bewegung setzten, diese hinterherhinkenden Russen waren, aber die Erklärung für ihre Avantgarderolle findet sich gerade in den besonderen Bedingungen des russischen Reiches (das damals von Sibirien bis nach Polen reichte). In diesem riesigen Gebiet und in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts stand diese bürgerliche demokratische Revolution, die in Europa schon längst abgeschlossen war, noch auf der Tagesordnung. Auch hatte die verspätete Entwicklung der russischen Bourgeoisie sie daran gehindert, eine Vorreiterrolle in der demokratischen Revolution zu spielen, gleichzeitig verhinderte das vollkommen rückständige Wesen des russischen Zarismus die Verwirklichung der Revolution 'von oben', so wie sie unter Bismarck in Deutschland vollzogen worden war. Dem russischen Proletariat sollte die letzte historische Möglichkeit nicht vergönnt sein, sich selbsttätig an einer bürgerlichen Revolution zu beteiligen.

 

 

Aber wie erwähnt hatte Engels schon das Heraufziehen einer revolutionären Krise vorausgesehen, die die organisatorische Spaltung zwischen Marxisten und Opportunisten auf die Tagesordnung setzen würde. Das Heranreifen einer revolutionären Situation im Zarenreich hat die Voraussagungen Engels vollauf bestätigt. Das Zusammenwirken in einer Organisation zwischen marxistischen Revolutionären und den Opportunisten, die zu Kompromissen mit den Demokraten und gar mit den Reaktionären neigten, wurde unmöglich. In Polen hatten die Revolutionäre, die von Rosa Luxemburg geführt wurden, das Problem schon 1894 gelöst, als sie eine neue Partei gründeten, die Sozialdemokratie des Königreichs Polen (SDKP), die im Gegensatz stand zur alten sozialistischen Partei, der PPS (Polnische Sozialistische Partei), welche zutiefst vom Nationalismus durchdrungen war. So hatte Rosa Luxemburg schnell ausreichend Spielraum, aber sie hatte nie die Möglichkeit, die Erfahrung eines Fraktionskampfes zu erleben, um eine Partei zu verteidigen, die vom Entartungsprozeß bedroht ist. Deshalb hat sie es nie geschafft, eine Fraktionsarbeit zu betreiben, und damit hat sie auch nie wirklich die Auffassung einer Fraktionsarbeit verstanden. Diese Schwäche wurde teuer während des heldenhaften Kampfes der Spartakisten gegen die Entartung der deutschen SPD bezahlt, und sie war zum Teil mit ein Grund für die fatale Verspätung bei der Bildung einer neuen kommunistischen Partei in Deutschland im Jahre 1918.

 

 

Der Kampf, den Lenin mehr als 10 Jahre lang führte, fand dagegen im Innern einer Partei statt, und so konnte er die politische Auffassung von einer Linksfraktion entwickeln und ausarbeiten, wodurch die Grundlagen für die III. Internationale gelegt wurden.

 

     Beyle

 

 

(1) "Fraktion und Partei in der Erfahrung der Italienischen Linke",in Prometeo, Nr. 2,März 1979,

 

(2) "Hin zur 2 3/4 Internationale?" in BILAN; Nr. 1, Nov. 1933

 

(3) Es konnte keine voll entwickelte Klassenpartei geben. Der Bund der Kommunisten und die I. Internationale waren beide Klassenparteien, die der Entwicklung der Bewegung der Arbeiterklasse voll entsprachen. (Hinweis der IKS).

 

(4) "Das Problem der Fraktion in der II. Internationale", in BILAN, Nr. 24,1935.

 

(5) Marx verstand darunter eine wirklich sozialistische Zeitung. Die unterschiedslose Verwendung des Wortes 'Partei' zeigt klar, daß man noch in den Kinderschuhen steckte bei der historischen Definition der Struktur und der Funktion der Klassenpartei.

 

(6) siehe dazu die Korrespondenz von Marx und Engels mit den Führern der deutschen Partei,

 

(7) Während des I. Weltkriegs schwankte die Führung der holländischen Sozialdemokratie zwischen einer Politik der zweideutigen Unterstützung des englisch-amerikanischen Imperialismus. Die internationalistischen Schriften der linken Parteimitglieder wie Gorter wurden einer Zensur unterworfen; siehe dazu "Die holländische Linke", Artikelsammlung der IKS.

 

 

 

 

III. Von Marx zu Lenin, 1848 - 1917

 

     Lenin und die Bolschewiki

 

 

Durch die gegenwärtige Beschleunigung der Geschichte, in der die kapitalistische Gesellschaft voll in den Sumpf ihres Zerfalls geraten ist, wird die Frage der proletarischen Revolution als einzige Lösung der Barbarei,  die von dem durch die Krise erschütterten Kapitalismus hervorgerufen wird, immer dringender. Die Geschichte hat bewiesen, daß eine solche Revolution nur dann erfolgreich sein kann, wenn die Arbeiterklasse es schafft, sich selbständig (in Arbeiterräten) gegenüber den anderen Klassen zu organisieren und das Avantgardeorgan hervorzubringen, das sie zu ihrem Sieg führt: die Klassenpartei. Jedoch besteht heute diese Klassenpartei nicht, und viele legen  entmutigt die Hände in den Schoß, weil in Anbetracht der gigantischen Aufgaben, die uns  bevorstehen, die Aktivitäten gegenwärtig existierender kleiner revolutionärer Gruppen  als sinnlos und hoffnungslos erscheinen. Innerhalb des revolutionären Lagers selber reagiert die Mehrheit der Gruppen in Anbetracht der Abwesenheit der Partei immer nur wiederkäuend, indem sie auf die allmächtige Partei verweisen, die da sein müsse, und sie setzen alle Hoffnung darauf, daß allein durch das Bestehen der Partei  alle Probleme der Klasse gelöst würden... Der individuelle Rückzug und das große Sprücheklopfen sind zwei klassische Arten, vor dem Kampf um die Partei zu flüchten. Denn dieser Kampf findet jetzt schon, heute, statt. Er stellt eine Kontinuität mit den Aktivitäten der Linksfraktionen  dar, die sich in den 20er Jahren aus der niedergehenden Kommunistischen Internationale herausgelöst hatten.

 

 

In den ersten beiden Teilen dieser Artikel haben wir die Aktivitäten der Kommunistischen Linke Italiens untersucht, die sich in den 30er und 40er Jahren als Fraktion organisiert hatte, sowie die überstürzte Gründung der Internationalistischen Kommunistischen Partei, die vollkommen künstlich durch Genossen von Battaglia Comunista 1952 erfolgte. (1).

 

In diesem 3. Teil haben wir zunächst gezeigt (2), daß die Arbeitsmethode der Fraktion in den ungünstigen Perioden, in denen die Existenz einer Klassenpartei nicht möglich war, die einzige Art der politischen Arbeit war, die ja auch von Marx selber angewandt wurde. In diesem Teil wollen wir aufzeigen, daß solch eine marxistische Arbeitsmethode für die Partei möglich war aufgrund des Wirkens der bolschewistischen Fraktion der SDAPR (Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands). Gegenüber all denjenigen, die Lobesreden halten auf die "stahlharte" Partei Lenins, und die nur Ironie übrig haben gegenüber den "kleinen Grüppchen der Fraktionen der Linken", wiederholen wir, daß die "Geschichte der Fraktionen die Geschichte Lenins" (3) ist, und daß man nur auf der Grundlage der von ihr geleisteten Arbeit die zukünftige kommunistische Weltpartei aufbauen kann.

 

 

 

"OHNE DIE FRAKTIONEN WÄRE LENIN SELBER EIN BÜCHERWURM GEBLIEBEN"

 

 

Mit den Zitaten, welche wir im letzten Artikel gebracht haben, haben wir aufgezeigt, wie Battaglia Comunista (BC) keine Gelegenheit verpaßt, um über sich über die Tatsache ironisch zu äußern, daß Lenins "Was tun?" aus dem Jahre 1902 das ständige Handbuch des perfekten Fraktionisten sei, und so läßt BC keine Gelegenheit aus, um unaufhörlich zu zeigen, daß sie all dieses Geredes um die Fraktion überdrüssig seien (4). Aber wenn die Genossen aufhörten, nur mit dem Begriff der Partei herum schmeißen und anfingen, die Geschichte der Partei nüchterner zu untersuchen, würden sie feststellen, daß Lenins "Was tun" kaum von einer bolschewistischen Fraktion sprechen konnte, weil sie sich erst in Genf im Juni ... 1904 gebildet hat (das Treffen der "22") (5). Von diesem Zeitpunkt an haben die Bolschewiki den Begriff der Fraktion und ihr Verhältnis zur gesamten Partei aufgegriffen und entwickelt. Dieser Begriff wurde dann in seiner endgültigen Form präzisiert in der Erfahrung der Revolution von 1905 und insbesondere in der Reaktion auf deren Niederlage (6):

 

 

"Eine Fraktion ist eine Organisation innerhalb der Partei, die nicht durch den Ort der Arbeit, nicht durch die Sprache oder durch andere objektive Bedingungen, sondern durch die besondere Plattform der Auffassungen in Parteifragen zusammengehalten wird."

 

("Über die neue Fraktion der Versöhnler oder die Tugendhaften", 18/31. Okt. 1911, Bd 17, S. 253).

 

 

"In der bolschewistischen Fraktion zeichnen sich Strömungen ab, die dem Bolschewismus in seiner ganz bestimmten taktischen Physiognomie zuwiderlaufen... Die Fraktion ist aber nicht die Partei. In der Partei ist eine Fraktion eine Gruppe von Gleichgesinnten, die sich gebildet hat, um vor allem in einer bestimmten Richtung in der Partei in möglichst reiner Form ihre Auffassungen durchzusetzen. Dazu bedarf es wirklich gleicher Gesinnung. Diesen Unterschied in den Forderungen, die wir an die Einheit der Partei und an die Einheit der Fraktion stellen, muß jeder begreifen, der hinsichtlich der wirklichen Lage der Dinge, hinsichtlich der inneren Reibungen in der bolschewistischen Fraktion ein klares Bild erlangen will." (Beratung der erweiterten Redaktion des "Proleteari", 8-17(21-30) Juli 1909, Bd 15, S. 432).

 

 

"Doch als Fraktion, d.h. als Bund von Gleichgesinnten in der Partei, können wir ohne Einheitlichkeit in den Grundfragen nicht weiterarbeiten. Abspaltung von einer Fraktion ist etwas anderes als Abspaltung von der Partei. Diejenigen, die sich von unserer Fraktion abgespalten haben, verlieren keineswegs die Möglichkeit, in der Partei zu arbeiten".(Die Liquidierung des Liquidatorentums, Proletari Nr. 46, 11 (24) Juli 1909, Bd 15.

 

 

Die Fraktion ist also eine Organisation innerhalb der Partei, die durch eine Plattform genau definiert ist, und die um Einfluß innerhalb der Partei kämpft, und die das Endziel verfolgt, daß ihre Prinzipien "in der reinst möglichen Form" innerhalb der Partei siegen, d.h. ohne irgendwelche Vermittlung oder nicht vorhandene Homogenität. Während dieser Zeit wirkt die Fraktion in der Partei mit den Fraktionen, die andere Plattformen verteidigen, so daß die praktische Erfahrung und die öffentliche politische Debatte es der gesamten Partei ermöglichen, sich darüber im klaren zu werden, welche Plattform am korrektesten ist. Diese Koexistenz ist unter der Bedingung möglich, daß es innerhalb der Partei keinen Platz gibt für diejenigen, die sich schon für einen Austritt aus der Partei entschieden haben. Denn wenn diese weiter in der Partei, innerhalb der Organisation selber bleiben, wird die Organisation auch von Zerstörung bedroht. Dies war die Rolle der "liquidatorischen" (zerstörerischen) Strömung in Rußland, die für die Auflösung der illegalen Partei und ihre Unterwerfung unter die zaristische "Legalität" eintrat. Die grundsätzliche Divergenz zwischen den Bolschewiki und den anderen Fraktionen bestand gerade darin, daß während die einen die "Liquidatoren" im allgemeinen verurteilten, betrachteten sie sie weiterhin als Mitglieder der Partei. Die Bolschewiki meinten, es müsse einen Platz in der sozialistischen Partei für alle Meinungen geben, mit Ausnahme derjenigen, die antisozialistisch  solche Auffassungen vertreten:

 

"Falsch und verlogen ist am Versöhnlertum die Grundlage - das Bestreben, die Einheit der Partei des Proletariats auf dem Bündnis aller, darunter auch der anti-sozialdemokratischen, nicht-proletarischen Fraktionen aufzubauen, falsch und verlogen ist seine prinzipienlose "Vereinigungs"-Projektemacherei, die zur Aufschneiderei führt; falsch sind die Phrasen gegen die "Fraktionen" (wobei in der Tat eine neue Fraktion gebildet wird).

 

(Über die neue Fraktion..., ebenda, Bd. 17, S. 258).

 

 

Es ist interessant festzustellen, daß diese Zeilen Lenins gegen Trotzki gerichtet waren, der in der SDAPR der Hauptgegner der organisierten Existenz der Fraktionen war, welche er als unnütz und als für die Partei schädlich betrachtete. Trotzki verstand überhaupt nicht die Notwendigkeit einer Fraktionsarbeit. Dies sollte katastrophale Konsequenzen während und nach dem Niedergang der russischen Revolution haben.

 

 

"Man muß feststellen, daß Trotzki - bei allen Fragen hinsichtlich der Revolution von 1905 wie auch während der ihr nachfolgenden Zeit - im allgemeinen auf der Seite der Bolschewiki hinsichtlich der Prinzipienfragen stand, aber bei allen Organisationsfragen schlug er sich auf die Seite der Menschewiki.

 

Sein mangelndes Begreifen der Rolle der Partei, ihres Konzeptes während dieser Zeit war ausschlaggebend für seine Position "gegen die Fraktionen" zugunsten der Einheit um jeden Preis.

 

Seine jämmerliche gegenwärtige Position - die ihn in die Arme der Sozialdemokratie treibt - beweist, daß Trotzki in dieser Hinsicht nichts aus den Ereignissen gelernt hat".  (11)

 

 

Natürlich wurde Lenin sowohl in der Bewegung in Rußland als auch international aufgrund seiner sektiererischen und spalterischen "Verrücktheit" angegriffen, während gleichzeitig einhellig das "Ende der Fraktionen" gefordert wurde. Lenin wollte eigentlich als erster selber das Ende der Fraktionen, weil er wußte, daß die Existenz von Fraktionen ein Symptom der Krise in der Partei war. Aber er wußte auch, daß der offene, praktische Kampf der Fraktion das einzige wirksame Mittel gegen die Krankheit der Partei war, weil nur aus der öffentlichen  Konfrontation der Plattformen die Klarheit über den einzuschlagenden Weg hervorgehen würde.

 

 

"Jede Fraktion ist davon überzeugt, daß ihre Plattform und Politik der beste Weg zur Beseitigung der Fraktion sei, denn niemand hält das Bestehen von Fraktionen für ein Ideal. Der Unterschied besteht darin, daß Fraktionen mit einer klaren, konsequenten, in sich geschlossenen Plattform ihre Plattform geradeheraus verteidigen, während sich prinzipienlose Fraktionen hinter billigem Geschrei über ihre Tugendhaftigkeit, ihre fraktionelle Ungebundenheit verstecken" ("Über neue Fraktionen der Versöhnler oder der Tugendhaften", ebenda, Bd. 17, S. 254).

 

 

Eine der Hauptlügen, die der Stalinismus hervorgebracht hat, ist die der Existenz einer monolithischen bolschewistischen Tradition, in der es keinen Platz gegeben habe für viel Gerede und die Debatten nur Intellektuellen gedient hätten. Diese Lüge wird ja auch gerade von den Menschewisten als Vorwurf erhoben, als sie gegenüber den Bolschewiki sagten, die "Debatten sind verschlossen". Natürlich stimmt es, daß die Debatte zwischen den Menschewiki und den Versöhnlern "frei" war, während die unter den Bolschewiki "einem Zwang" unterworfen war. Aber das stimmt nur insofern, als die erstgenannten sich frei fühlten, über alles zu diskutieren, wenn es ihnen jeweils in den Sinn kam, und zu schweigen, wenn sie jeweils Divergenzen zu verheimlichen hatten. Für die Bolschewiki dagegen waren die Debatten nicht "frei", sondern eine Pflicht, und sie waren jeweils umso mehr geboten, wenn Divergenzen innerhalb der Fraktion auftauchten. Diese Divergenzen mußten nämlich öffentlich ausdiskutiert werden, um überwunden, oder auf die Spitze getrieben zu werden, der dann eine organisatorische Abtrennung folgte, die auf klaren Motiven fußte.

 

 

"Zu diesem Zweck eröffneten wir im "Proletari" die Diskussion über diese Fragen. Wir brachten alles, was uns zuging, und übernahmen alles, was diesbezüglich von den Bolschewiki in Rußland geschrieben wurde. Nicht einen einzigen Diskussionsartikel haben wir bisher abgelehnt, und so werden wir auch in Zukunft verfahren. Leider haben die Genossen Otsowisten und die mit ihnen sympathisierenden Genossen bisher unserer Zeitung wenig Material zugesandt und überhaupt eine offene und vollständige Darlegung ihres prinzipiellen Glaubensbekenntnisses auf den Seiten der Presse gescheut, und dafür Gespräche "unter sich" vorgezogen. Wir fordern alle Genossen, Otsowisten wie orthodoxe Bolschewisten auf, ihre Anschauungen in den Spalten des "Proletari" darzulegen. Wenn erforderlich, werden wir die uns zugegangenen Materialien auch in einer besonderen Broschüre herausgeben. Ideologische Klarheit und Prinzipienfestigkeit, das brauchen wir, besonders in der gegenwärtig schwierigen Situation... Unsere Fraktion darf den inneren ideologischen Kampf, wenn er einmal notwendig geworden ist, nicht fürchten. Sie wird dadurch noch mehr erstarken" (Zu den nächsten Aufgaben, 12./25. Juli 1909, Bd 15, S. 358).

 

 

Solch ein Bericht deckt den großen Beitrag Lenins zur historischen Beschreibung des Wesens und der Funktion der Fraktion auf - ungeachtet all der Ironie Battaglias über die "10 Gebote eines guten Fraktionisten". Nur nebenbei wollen wir festhalten, daß BC in einem Satz von der Alternative zur Partei von 1902 an spricht und in einem anderen behauptet, die Partei habe als solche "mindestens von 1912 an" gehandelt. Und was hat dann Lenin von 1902 - 1912 getan - da er ja keine Fraktionsarbeit geleistet hat? Hat er makrobiologische Kochkunst betrieben? In Wirklichkeit will BC behaupten, daß die Bolschewiki sich nicht darauf beschränkt hätten, theoretische Arbeit zu leisten und Kader auszubilden, sondern daß sie auch eine Arbeit in Richtung der Massen betrieben, und daß sie deshalb auch keine Fraktion sein konnten. In Wirklichkeit ist also aus BCs Sicht die Entscheidung, als Fraktion zu wirken, eine Flucht vor dem Klassenkampf, eine Weigerung, sich die Hände mit der Massenarbeit zu beschmutzen, was bewirkt daß man sich auf eine "Politik stützt, die von einem großen Bekehrungseifer geprägt ist und auf Propaganda beschränkt, und sich auf die Untersuchung der sog. Hintergrundfragen eingrenzt, wodurch die Aufgaben der Partei auf die Aufgaben einer Fraktion, wenn nicht gar einer Sekte eingeschränkt werden". (14).

 

 

"Das Spiel ist gelaufen": auf der einen Seite steht Lenin, der an die Massen denkt, und der somit nur die Partei sein kann, auf der anderen Seite wiederum gibt es in den 30er Jahren die Italienische Linke im Ausland, die als Fraktion wirkt und nur ein Kreis von Studenten und kleinen Professoren sein kann. Wir haben schon von den wirklichen Aktivitäten Lenins gesprochen; schauen wir uns jetzt an, worin die wirklichen Aktivitäten der Italienischen Linken bestanden.

 

 

"Man könnte meinen, daß die Aufgaben der Fraktion rein didaktischer Art seien. Aber solch eine Kritik kann von den Marxisten mit den gleichen Argumenten gegenüber all denjenigen verworfen  werden, die trügerischerweise den Kampf des Proletariats für die Revolution und die Umwandlung der Welt auf die gleiche Ebene setzen wie Wahlkämpfe.

 

 

Es stimmt vollkommen, daß die besondere Rolle der Fraktion gerade in einer erzieherischen Rolle der Kader durch die Aufarbeitung der Erfahrung besteht, und dies durch die gewissenhafte Auseinandersetzung mit der Bedeutung dieser Ereignisse erfolgen muß. Aber es trifft auch zu, daß diese hauptsächlich ideologische Arbeit auch die Bewegung der Massen berücksichtigen und jeweils politische Lösungen für den Erfolg dieser Massenbewegungen anbieten muß. Ohne die Arbeit der Fraktionen wäre Lenin selber ein Bücherwurm geblieben und kein revolutionärer Chef geworden.

 

 

Die Fraktionen sind also der einzige historische Ort, an dem die Arbeiterklasse ihre Aufgabe für die Organisierung als Klasse fortführen kann. Von 1928 bis heute hat der Genosse Trotzki diese Arbeit des Aufbaus der Fraktionen vollkommen vernachlässigt, und deshalb hat er nicht zur Verwirklichung der Bedingungen zum Entstehen einer neuen Massenbewegung beigetragen" (15).

 

 

Wie man sieht ist die Ironie Battaglias über die Fraktion als eine vor den Massen flüchtende Sekte ganz fehl am Platz. BILAN hatte die gleiche Sorge wie die Bolschewiki, nämlich "dazu beizutragen, die Entwicklung für die Bedingungen einer Massenbewegung zu erfüllen". Die Tatsache, daß die quantitative Dimension der Verbindungen zu den Massen, den die Bolschewiki in den Jahren um 1910 und die Italienische Linke in den 30er Jahren hatten, ganz anders war, hängt sicher nicht von den persönlichen Tendenzen des einen oder anderen ab, sondern von den objektiven Bedingungen des Klassenkampfes, die ganz unterschiedlich waren. Die bolschewistische Fraktion war nicht zusammengesetzt aus einer Gruppe von Genossen, die den Tod einer Partei überlebt hatten. Sondern sie waren eine Gruppe von Genossen,  die in einer Zeit der Konterrevolution und der tiefsten Niederlage des Proletariats lebten. Es handelte sich um einen (oft in der Mehrheit befindlichen) Teil einer proletarischen Massenpartei (wie alle Parteien der 2. Internationale), die in einer unmittelbar vorrevolutionären Phase (1904) gegründet worden waren, und die sich während einer gewaltigen revolutionären Welle entfaltet hatte, welche zwei Jahre lang (1905-6) das gesamte russische Reich vom Ural bis hin zu Polen erschütterte. Wenn man quantitative Vergleiche zwischen den Aktionen der Fraktion der Italienischen Linken und denen der Bolschewiki anstellen will, muß man sich auf eine Zeit beziehen, die geschichtlich relativ vergleichbar ist, d.h. den revolutionären Jahren zwischen 1917-21. Während jener Jahre entfaltete sich die "Abstentionistische Kommunistische Fraktion" (linke Fraktion der PSI) so, daß sie zur Zeit der Gründung der Italienischen Kommunistischen Partei ein Drittel der Mitglieder der alten sozialistischen Massenpartei und die Gesamtheit des Jugendverbandes umfaßte. Die Genossen, die dazu in der Lage gewesen waren, diesen Prozeß zu steuern, wirkten 10 Jahre später in der Fraktion der Linken im Ausland mit, obgleich ihre Anzahl damals auf ein gutes Dutzend Kader zusammengeschmolzen war. Was hatte sich geändert? Hatten die Genossen nicht mehr den Willen, eine Massenbewegung zu führen? Natürlich nicht!

 

 

"Seitdem wir bestehen, war es uns nicht möglich eine Massenbewegung zu führen. Wir müssen uns klar vor Augen halten, daß dies nicht von unserem Willen abhing, von unserer Unfähigkeit, oder aufgrund der Tatsache, daß wir eine Fraktion gewesen wären, sondern dies ist zurückzuführen auf eine Situation, deren Opfer wir waren, genauso wie die revolutionäre Arbeiterklasse der ganzen Welt selber das Opfer dieser Verhältnisse ist" (BILAN, Nr. 28, 1935).

 

 

Was sich geändert hatte, waren also die objektiven Bedingungen des Klassenkampfes, der  von einer vorrevolutionären Phase - welche die Umwandlung der Fraktion zur Partei auf die Tagesordnung stellte - zu einer konterrevolutionären Phase übergewechselt war, welche die Fraktion zwang, gegen den Strom zu schwimmen. Durch ihre Arbeit trug sie zur Entfaltung neuer Situationen bei, die die erneute Umwandlung zur Partei auf die Tagesordnung stellen würden.

 

 

VON DER BOLSCHEWISTISCHEN FRAKTION DER SDAPR ZUR KOMMUNISTISCHEN PARTEI RUSSLANDS

 

 

Wenn man die Positionen Battaglias kritisiert, kommt man immer auf den entscheidenden Punkt, d.h. auf die Bedingungen für das Entstehen der Partei zu sprechen. Wir haben gesehen, wie BC gerne Lenin von der beleidigenden Bezeichnung "guter Fraktionist", die er ja schon von 1902 trug,  weißwaschen möchte. Weil sie Konzessionen machen wollen, sind die Genossen von BC bereit, ein Lippenbekenntnis abzulegen und zu sagen, daß die Bolschewistische Partei nur von 1912 existiert habe, unter der Voraussetzung, daß sie eindeutig vor der revolutionären Phase bestanden habe, die im Februar 1917 anbrach. Sie wollen auf jeden Fall vermeiden zuzugeben, daß der Kampf der bolschewistischen Fraktion der SDAPR 1917 in der Umwandlung zur Kommunistischen Partei Rußlands (Bolschewisten) mündete, weil dies bedeutete einzugestehen, daß "die Umwandlung der Fraktion der Partei bedingt wird ... durch das Auftauchen von revolutionären Bewegungen, die es der Fraktion ermöglichen würden, die Führung der Kämpfe um den Aufstand zu übernehmen" (BILAN, Nr. 1, 1933). Man muß also klären, ob diese Umwandlung 1912 - fünf Jahre vor der Revolution - stattgefunden hat oder nicht.

 

 

 

Was war 1912 passiert? In Prag hatte es eine Konferenz der territorialen Organisationen der SDAPR gegeben, welche in Rußland tätig waren. Und diese Konferenz hatte eine Neuorganisierung der Partei ermöglicht, welche nach der Niederlage der Revolution von 1905 zerstört worden war. Auch war ein neues Zentralkomitee gewählt worden, welche das zuvor aufgelöste ersetzte. Die Konferenz und das neue Zentralkomitee waren von den Bolschewiki beherrscht worden, während die anderen Tendenzen der SDAPR  sich nicht an der "spalterischen" Initiative Lenins beteiligten.

 

Auf den ersten Blick scheint Battaglia recht zu haben: eine Konferenz der Bolschewiki hat die Initiative zum Wiederaufbau der Partei ergriffen, unabhängig von den anderen Fraktionen. Also von jenem Moment an handelten die Bolschewiki als Partei, ohne auf den Anbruch einer vorrevolutionären Phase zu warten. Aber wenn wir uns das ganze etwas näher betrachten, kann man sehen, daß das alles etwas anders war. Die Geburt einer revolutionären Fraktion innerhalb der alten Partei fand statt als Reaktion gegen  die Krankheiten der Partei, gegen ihre Unfähigkeit, ausreichende Antworten auf die neuen historischen Notwendigkeit zu liefern, auf die Löcher, die offen gebliebenen Fragen  in ihrem Programm. Die Umwandlung der Fraktion zur Partei heißt nicht, daß man ganz einfach zum vorherigen "Status Quo" zurückkehrt, zur alten, von den Opportunisten leergefegten Partei. Das heißt Bildung einer neuen Partei, die auf dem neuen Programm fußte, die die vorherigen Unklarheiten eliminiert hatte, wobei man sich auf die "reinsten" Prinzipien der revolutionären Fraktion stützte. Andernfalls wäre man zum Ausgangspunkt zurückgekehrt, von wo aus sich die gleiche opportunistische Abweichung entfaltet hätte, die jetzt verjagt worden war. Und soll Lenin 1912 die Fraktion zur Partei auf der Grundlage eines "neuen Programms" umgewandelt haben? Selbst im Schlaf hätte er nicht solch eine Idee gehabt. Erstens bringt die Resolution, die von der Konferenz abgestimmt wurde, die Wichtigkeit der Arbeit zum Ausdruck, die für den "Zusammenschluß aller Parteiorganisationen Rußlands ohne Unterschied der Fraktionen sowie für den Wiederaufbau unserer Partei" (16)geleistet wurde. Es handelte sich also keineswegs um eine rein bolschewistische Konferenz, zumal ihre Organisierung zum Großteil dem territorialen Komitee in Kiew übertragen worden war, das von den Menschewisten beherrscht wurde, und es war gerade ein Menschewik, der der Mandatsprüfungskomission vorstand (17). Von einer Änderung des alten Programms war nichtmal die Rede, und die getroffenen Entscheidungen bestanden einfach in der Anwendung der Resolutionen, welche die Liquidatoren verurteilten. Es handelte sich dabei um Resolutionen, die 1908 und 1910 von den "Repräsentanten aller Fraktionen" verabschiedet worden waren.

 

Die Konferenz setzte sich also nicht nur aus "Mitgliedern der Partei zusammen, unabhängig von ihrer Fraktionszugehörigkeit", sondern sie stützte sich auch auf eine Resolution, die von "den Repräsentanten aller Fraktionen" unterstützt wurde. Es liegt auf der Hand, daß es sich nicht um die Gründung einer neuen bolschewistischen Partei handelte, sondern um die einfache Neuorganisierung der alten sozialdemokratischen Partei. Es lohnt sich hervorzuheben, daß solch eine Umorganisierung nur als möglich angesehen wurde, weil "die Arbeiterbewegung wieder auf dem aufsteigenden Pfad" sei (18) nach den Jahren der Reaktion von 1908-1910. Wie man sieht, dachte Lenin überhaupt nicht an die Gründung einer neuen Partei vor den revolutionären Schlachten, sondern er hatte nicht mal die Illusion der Neuorganisierung dieser alten Partei, wenn es keine neue Phase des Klassenkampfes geben würde. Die Genossen von Battaglia - und nicht nur sie - sind so sehr von dem Wort Partei hypnotisiert, daß sie nicht mehr in der Lage sind, die Tatsache mit klarem Kopf zu untersuchen, wobei sie als eine entscheidende Wende das bezeichnen, was in Wirklichkeit eine wichtige Etappe bei dem Prozeß der Abgrenzung vom Opportunismus war. Die Wahl eines Zentralkomitees 1912 auf einer Konferenz, in der die Bolschewiki die vorherrschende Gruppe waren, kann nicht als Beweis für das Ende der Fraktionsphase und als den Anfang der Phase der Partei aufgefaßt werden. Ganz einfach schon allein, weil es in London 1905 eine ausschließlich von Bolschewiki besuchte Konferenz gegeben hatte, die sich als den 3. Kongreß der Partei bezeichnet hatte, und die ein Zentralkomitee gewählt hatte, welches ausschließlich aus Bolschewiki bestand und die Menschewiki als außerhalb der Partei stehend auffaßte. Aber im darauffolgenden Jahr wurde sich Lenin des Fehlers bewußt, der begangen worden war, und auf dem Kongreß von 1906 hatte sich die Partei wieder zusammengeschlossen, wobei die beiden Fraktionen als Fraktionen ein- und derselben Partei auftraten. So schätzte Lenin zwischen 1912-14 die Situation auch so ein, daß die Phase des Kampfes der Fraktion jetzt dabei sei vorüberzugehen und daß die Stunde der endgültigen Herauskristallisierung geschlagen habe. Aus einem eng russischen Standpunkt aus konnte dies vielleicht zutreffen, aber aus einem internationalen Standpunkt aus war dies sicherlich eine vorreife, verfrühte Einschätzung:

 

"Diese Fraktionsarbeit Lenins fand nur innerhalb der russischen Partei statt, ohne zu versuchen, diese auf internationaler Ebene auszudehnen. Man muß nur seine verschiedenen Interventionen auf den verschiedenen Kongressen lesen, um sich davon zu überzeugen, und man kann sehen, daß diese Arbeit außerhalb der russischen Kreise vollkommen unbekannt blieb". (19).

 

 

Praktisch fand dann die endgültige Herauskristallisierung zwischen 1914 und 1917 gegenüber der doppelten Herausforderung des Krieges und der Revolution statt, die unter den Sozialisten eine klare Abgrenzung zwischen Sozialpatrioten und Internationalisten bewirkte. Lenin war sich dessen voll bewußt - und genauso wie er 1906 für die Wiedervereinigung der Partei gekämpft hatte - trat er im Februar 1915 dafür ein, als er der Gruppe Trotzkis "Nashe slovo" antwortete: "Wir sind voll mit euch einverstanden, daß die Sammlung aller wirklichen sozial-demokratischen Internationalisten eine der dringendsten Aufgeben der jetzigen Zeit ist..." (20).

 

Das Problem war, daß aus Lenins Sicht die Vereinigung der Internationalisten in einer wirklich kommunistischen Partei nur unter der Bedingung möglich war, daß man diejenigen, die nicht wirklich konsequent internationalistisch waren, beiseite drängt und herausschmeißt, während Trotzki - wie gewohnt - das Unversöhnliche "versöhnen" wollte. Denn er wollte die Einheit der internationalistischen Partei "auf der Union all der Fraktionen" bauen, wobei diejenigen eingeschlossen wären, die nicht bereit wären, mit den Feinden des Internationalismus zu brechen. Drei Jahre lang hat Lenin unaufhörlich gegen diese Illusionen gekämpft, als er seinem Fraktionskampf um die Klarheit von dem zuvor ausschließlich russischen Rahmen auf eine internationale Ebene übertrug, den der "Zimmerwälder Linken" (21). Dieser große internationale Kampf war der Gipfel und der Abschluß der Fraktionsarbeit der Bolschewiki, die bei Ausbruch der Revolution in Rußland gut vorbereitet dastanden. Dank dieser Kampftradition und aufgrund der Entwicklung einer revolutionären Situation konnte Lenin unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Rußland die Vereinigung der Bolschewiki mit den anderen konsequenten Internationalisten auf der Grundlage eines neuen Programms vorschlagen. Der neue Name sollte "Kommunistische Partei" sein, wodurch der alte Begriff "Sozialdemokratie" ersetzt wurde. Dadurch kam es zum letzten Ausscheidungsprozeß bei den rechten Bolschewiki (Voitinski, Goldenberg), die zu den Menschewiki überwechselten, während das Zentrum der "alten Bolschewiki" (Sinowjew, Kamenew) sich Lenin entgegenstellte unter Berufung auf das alte Programm, auf das sich die Konferenz von 1912 gestützt hatte. Lenin wurde beschuldigt, der "Totengräber des ganzen bolschewistischen Kampfes" zu sein. Darauf erwiderte er, daß der ganze Kampf der Bolschewiki nur eine Vorbereitung für den Aufbau einer wirklich kommunistischen Partei gewesen sei: "Schaffen wir eine proletarische kommunistische Partei; Elemente einer solchen Partei haben die besten Anhänger des Bolschewismus bereits aufgebaut.“ (22) Hier kam der lange Kampf der bolschewistischen Fraktion zum Abschluß, hier kam es zur wirklichen Umwandlung zur Partei. Wir sagen wirklichen, weil von einem formalen Standpunkt aus der Name Kommunistische Partei erst im März 1918 eingeführt wurde, während die endgültige Fassung des neuen Programms erst im März 1919 angenommen wurde. Aber der grundsätzliche Übergang fand im April 1917 statt (8. Gesamtrussische Konferenz der Bolschewiki). Man darf nicht vergessen, was eine Partei von einer Fraktion unterscheidet, ist ihre Fähigkeit, direkt den Lauf der Ereignisse zu beeinflussen. Die Partei ist tatsächlich "ein Programm, aber auch ein Willen zur Handlung" (Bordiga), unter der Voraussetzung natürlich, daß dieser Willen auch in objektiv günstigen Voraussetzungen für die Entwicklung einer Klassenpartei zum Ausdruck kommen kann. Im Februar 1917  waren die Bolschewiki nur einige Tausend, und sie hatten keine führende Rolle bei dem spontanen Aufstand gespielt, der die revolutionäre Periode eröffnete. Ende April waren sie schon mehr als 60.000 und waren als einzige wirkliche Opposition gegen die bürgerliche provisorische Regierung anerkannt. Mit der Zustimmung zu den Aprilthesen und der Notwendigkeit eines neuen Programms wurde die Fraktion zur Partei, und sie öffnete die Tür zum "roten Oktober".

 

 

Im nächsten Artikel dieser Serie werden wir untersuchen, wie die besonderen und geschichtlich neuen Bedingungen des Niedergangs der russischen Revolution das Auftauchen einer Linksfraktion verhindert haben, um in der entartenden bolschewistischen Partei den Kampf Lenins innerhalb der sozialdemokratischen Partei wieder aufzunehmen. Die Unfähigkeit der russischen Opposition, eine Fraktion zu bilden, legte die Grundlage für das historische Scheitern der trotzkistischen internationalistischen Opposition, während die Italienische Linke - sich auf die Arbeitsmethode Marxens und Lenins stützend - von 1937 an in der Lage war, eine Internationale Kommunistische Linke zu bilden (23). Wir werden ebenfalls sehen, wie die Aufgabe dieser Arbeitsmethode von den Genossen, die die Internationalistische Kommunistische Partei 1943 gegründet haben, die Ursache ist für die Unfähigkeit, als revolutionärer Umgruppierungspol zwischen den Organisationen zu wirken (Battaglia Comunista und Programma Comunista), die aus dieser Partei hervorgingen.

 

Beyle.

 

(aus Internationale Revue, Nr. 65, englisch, französisch, spanische Ausgabe, 2. Quartal 1991).

 

 

(1) Die ersten Teile dieser Artikelserie wurden in der International Review Nr. 59/61 (engl., franz., spann. Ausgabe) veröffentlicht. Weiteres Vertiefungsmaterial in "La Gauche Communiste d'Italie, 1927-52 (erhältlich auch auf Englisch), sowie "Rapports entre fraction de gauche du PC d'Italie et l'Opposition de Gauche Internationale 1929-1933".

 

(2) Siehe 3. Teil "Von Marx bis Lenin, 1848-1917, I. Lenin und die Bolschewiki",

 

(3) Intervention Bordigas auf dem 6. erweiterten Exekutivkomitee der Komintern 1926.

 

(4) "1902 schon hatte Lenin die taktischen und organisatorischen Grundlagen geschaffen, auf der die Alternative zum Opportunismus der russischen Sozialdemokratie, die Parteialternative aufgebaut wurde; es sei denn man möchte "Was tun?" als die 10 Gebote des guten Fraktionisten darstellen" ("Fraktion und Partei in der Erfahrung der Italienischen Linken", in Prometeo Nr. 2, März 1979).

 

(5) Die (mehrheitlichen) Bolschewiki auf dem Kongreß von 1903 der SDAPR waren das Ergebnis der vorübergehenden Allianz zwischen Lenin und Plekanov. Die Fraktion von 1904 nannte sich Bolschewistisch, um sich auf die Positionen zu berufen, die von der Mehrheit des Kongresses von 1903 vertreten wurde.

 

(6) Es ist aufschlußreich, daß die vollständige Theoretisierung des Konzeptes der Fraktion durch Lenin erst in den Jahren der furchtbaren Reaktion nach der Revolution von 1905 stattfand. Erst die Aktivität der Fraktion machte es möglich, den ungünstigen Zeiten zu widerstehen.

 

(7) "Über die neue Fraktion der Versöhnler oder die Tugendhaften", Sozialdemokrat Nr. 24, 18(31) Okt. 1911, Lenin, Ges. Werke, Bd. 17,

 

(8) "Beratung der erweiterten Redaktion des "Proletari", 8-17(21-30) Juli 1909, Bd 15, S. 432).

 

(9) "Die Liquidierung des Liquidatorentums", Proletari Nr. 46, 11 (24) Juli 1909, Bd 15).

 

(10) Ebenda, siehe Fußnote 7

 

(11) "Das Problem der Fraktionen in der 2. Internationale", in BILAN Nr. 24, 1935.

 

(12) Ebenda, Fußnote 7

 

(13) ("Zu den nächsten Aufgaben", 12/25. Juli 1909, Bd 15, S. 358).

 

(14) Politische Plattform der Internationalistischen KP (BC) von 1952. In einer neulich stattgefundenen Aktualisierung im Jahre 1982 ist dieser Absatz unverändert übernommen worden.

 

(15) "Hin zur 2 3/4 Internationale" in BILAN Nr. 1, 1933, Auszüge sind im "Bulletin d'Etude et de Discussion de Révolution Internationale", Nr. 6, April 1974.

 

(16) (6. Konferenz der SDAPR in Prag, 6-17 (18-30) Jan. 1912, Resolution der Konferenz, "Über die Organisationskommission Rußlands, die mit dem Aufruf zur Konferenz befaßt ist", Bd 17.

 

(17) "Die Situation in der SDAPR und die unmittelbaren Aufgaben der Partei", 16.Juli 1912, Gazeta Robotnicza, Nr. 15-16, Bd 18,  "Es war gerade der Delegierte dieser Organisation (aus Kiew), der der Vorsitzende der Mandatskommission auf der Konferenz wurde".

 

(18) Aus den Resolutionen der Konferenz. Lenin kam 1915 nochmal auf dieses Thema zu sprechen: "Die Jahre 1912-14 standen im Zeichen des Beginns eines neuen grandiosen revolutionären Aufschwungs in Rußland. Wir wurden aufs neue Zeugen einer gewaltigen Streikbewegung, wie sie die Welt noch  nicht gesehen hatte. Am revolutionären Massenstreik nahmen im Jahre 1913 nach den minimalsten Berechnungen anderthalb Millionen teil, im Jahre 1914 überstieg die Zahl schon 2 Mio. und näherte sich dem Stand von 1905" (Sozialismus und Krieg, "Die Arbeiterklasse und der Krieg", MEW Bd 21, S. 321, Sommer 1915).

 

(19) "Das Problem der Fraktionen in der 2. Internationale", BILAN, Nr. 24, 1935

 

(20) "Brief des ZK der SDAPR an die Reaktion des Nashe Slovo", 10 (23) März 1915, Bd. 21

 

(21) Für ein umfassenderes Verständnis der Rolle der Bolschewiki bei der Zimmerwalder Konferenz siehe "International Review" Nr. 57.

 

(22) "Zur Doppelmacht", Prawda, Nr. 28, 9.April 1917, Bd. 24.

 

(23) Siehe die beiden ersten Teile dieser Artikelserie zur Geschichte der Italienischen Fraktion in den 30er Jahren.

 

 

 

 

Octobre 1938

 

 

DAS LEBEN DER FRAKTIONEN DER INTERNATIONALEN KOMMUNISTISCHEN LINKEN

 

 

DIE ITALIENISCHE FRAKTION

 

Sie wurde offiziell 1928 auf der Konferenz von Pantin(*) gegründet, als die Kommunistische Internationale nach unzähligen Ausschlüssen von internationalistischen Kommunisten in allen Ländern zu den Beschlüssen des VI. Kongresses gelangt war, auf dem die Unvereinbarkeit zwischen der Zugehörigkeit zur Komintern und der Verteidigung der revolutionären Positionen erklärt wurde.

 

Aber in Wirklichkeit bildete sich die Italienische Fraktion während des Bürgerkriegs heraus, der in Italien eine sehr bittere Form annahm und in einem erbarmungslosen Kampf gegen den Zentrismus stattfand. Gegen Ende des Krieges von 1914-18 entstand inmitten der Italienischen Sozialistischen Partei, die von den Opportunisten der bekannten Richtung "Weder den Krieg unterstützen noch ihn sabotieren" (die an der Zimmerwalder Konferenz teilnahmen) angeführt wurde, die "abstentionistische" (der Enthaltung) Strömung  mit Bordiga an ihrer Spitze und dem Verband Neapels, der "Il Soviet" veröffentlichte. Unter dem Schlagwort des parlamentarischen Abstentionismus entstand die erste marxistische Fraktion, die sich mit der russischen Revolution solidarisch erklärte. Dies geschah nicht nur in Worten, sondern durch die Ausarbeitung kommunistischer Positionen, die sie zu den ersten Befürwortern einer Spaltung mit den Verrätern werden ließen und zu den Hauptinitiatoren der Gründung der Italienischen Kommunistischen Partei. Man weiß, daß Lenin in seiner Schrift "Die Kinderkrankheit des Kommunismus" den Marxisten Italiens einen schlechten Dienst erwiesen hat, als er sie auf der Grundlage von nur bruchstückhaften und unvollständigen Informationen einschätzte und nur ihre parlamentarische abstentionistische Haltung berücksichtigte und gleichzeitig die Opportunisten des "Ordine Nuovo" aus Turin anerkannte. Damals war der Abstentionismus, der ein Aspekt der Unterscheidung zwischen Kommunisten und der an den Staat gebundenen Sozialisten war, keine Prinzipienposition, sondern eher eine ähnliche Position wie die, welche die Bolschewiki während des Boykotts der Duma kurze Zeit nach dem revolutionären Ansturm der russischen Arbeiter 1906 eingenommen hatten. Es war übrigens die Linke um Bordiga, die unter anderen Bedingungen 1934 während des Aufstiegs der Faschisten die Beteiligung an den Wahlen unterstützte.

 

 

Im Jan. 1921 gründete die Abstentionistische Fraktion nach ihrer von der Sozialistischen Partei (von Serrati angeführt) vollzogenen Trennung in Livorno die Kommunistische Partei. Die Lage in Italien war schon vorentschieden worden durch den Verrat der Sozialisten, die die gewaltige Bewegung der Fabrikbesetzungen zerschlagen hatten und durch die Entfesselung der blutigen Angriffe des Faschismus, welche mit der Repression des kapitalistischen Staates in die gleiche Richtung schlug. Sozialisten und Maximalisten entwaffneten die italienischen Arbeiter, während der Faschismus und die staatlichen Kräfte zur physischen Auslöschung und zur Zerstörung der Arbeiterorganisationen übergingen.

 

 

Ein Jahr später verabschiedete die KP, welche die besten Energien des italienischen Proletariats zusammenbündelte, auf ihrem 2. Kongreß die "Thesen von Rom", die auf synthetisierende Weise die Prinzipien zusammenfaßten, welche der Arbeiterklasse in Italien ihre erste Klassenpartei gaben. Das organische Wesen der Partei, ihr Verhältnis zur Klasse, zu den anderen Organisationen, ihre Taktik in den Kriegsphasen und Revolutionen wird in diesen Thesen aufgeführt, von denen der Zentrismus vorgab, sie 1923 in Italien zu übernehmen, um sie dann wieder, sobald er es ungestraft tun konnte, mit Hilfe der Komintern über Bord zu werfen. Es ist zu bemerken, daß diese Thesen, die den von Lenin zwischen 1903 und 1917 eingeschlagenen historischen Weg fortsetzen, auf den Widerstand der Komintern stießen, die sie jedoch zur Zeit Lenins nie offen verwarf. Damals zwang die Komintern in Deutschland die Spartakisten den entgegengesetzten Weg zu beschreiten, als sie zum Zusammenschluß mit der USPD gedrängt wurden.

 

 

Auf dem III. und IV. Kongreß der Komintern trat die von der Linken angeführte Italienische Partei den Richtlinien entgegen, welche 1923 zur Niederlage in Deutschland führen sollten. Es handelte sich um Richtlinien, die zudem noch von Lenin und Trotzki unterstützt worden waren. Auf die ausdrückliche Bitte Lenins hin traten Bordiga und die Linke nicht von der Parteiführung zurück, welche die Mehrheit auf den Kongressen innehatte, weil es für Marxisten nicht möglich war, die Probleme der Revolution in einem Land zu lösen, während sie international in der Minderheit waren.

 

 

Nach der Niederlage von 1923 verwarf die Linke auf dem V. Kongreß den Handel, den ihr Sinowjew vorgeschlagen hatte. Danach sollte sie die Führung der Partei behalten, im Gegenzug wiederum hätte sie die in Rußland gegen Trotzki geführte Kampagne unterstützen sollen. In vielen Fragen gab es Meinungsverschiedenheiten mit Trotzki, aber er stellte dennoch eine internationalistische Reaktion gegen den Zentrismus dar, und das war Grund genug für eine vollständige Solidarität mit ihm. Deshalb trat die Linke von allen verantwortlichen Posten zurück, obwohl sie in der Partei die Mehrheit besaß, und begann den ideologischen Kampf, welcher durch die Bildung einer Strömung zur Gründung einer linkskommunistischen Fraktion führte. Die marxistische Strömung, die sich mit Bordiga in Italien den Abenteuern des Zentrismus (z.B. Rückzug auf den Aventino 1924) entgegenstellte und auf internationaler Ebene gegen den "Sozialismus in einem Lande", gegen die Bolschewisierung, das englisch-russische Komitee ankämpfte, erarbeitete 1926 ein programmatisches Dokument, welches auf einem Kongreß der KPI vorgestellt wurde. Dieses Dokument wurde unter dem Namen der "Plattform der Linken" bekannt.

 

 

Die (von den Zentristen verworfenen) "Thesen von Rom" und die Plattform waren die Grundlagendokumente für die Bildung der Italienischen Fraktion in Pantin. Diese gab ein Organ PROMETEO auf Italienisch heraus, das weiterhin noch heute erscheint.

 

 

Als 1930 die Internationale Linksopposition - von dem in der Türkei befindlichen Trotzki angeführt - gegründet wurde, wirkte die Italienische Fraktion dabei mit, indem sie deren Grundsatztext unterstützte. Trotzki begrüßte die Plattform von 1926 als eines der besten Dokumente der Opposition, was ihn nicht daran hinderte, eine Reihe von Manövern und Intrigen anzuzetteln, um zu versuchen, die Fraktion seiner Politik zu unterwerfen.

 

 

Von Jan. 1933 an hatte die tiefgreifende Krise der Internationalen Linksopposition die Divergenzen zwischen der Fraktion und Trotzki noch verstärkt, wobei Trotzki bürokratische Methoden benutzte, um Gruppen zu bilden, zu spalten, sie aufzulösen, die internationale Führung zu verlagern und die Fraktion anzugreifen, welche sich weigerte, an diesem Treiben  mitzuwirken. Dadurch versuchte Trotzki, die Gründung von kommunistischen Organisationen in den verschiedenen Ländern zu verhindern. Der Gegensatz zwischen der Gefolgschaft gegenüber den ersten 4 Kongressen der Komintern, der Bibel der Trotzkisten, und der marxistischen Analyse der Ereignisse nach dem Krieg, welche den internationalen Sieg des Zentrismus mit sich brachten, spiegelte sich nicht nur in der unterschiedlichen Ausrichtung zwischen der "Politik der Wiederaufrichtung der Parteien" und der Gründung der Fraktionen (welche in den Reihen der Partei wirken und der einzige Kanal marxistischen Denkens sind) wider, sondern auch in einem anderen Gegensatz: dem Gegensatz zwischen den "demokratischen Losungen", die Trotzki zum Befürworter des imperialistischen Krieges in Spanien und China werden ließen, und den Klassenpositionen, die aus dem Proletariat und seinen proletarischen Positionen die einzigen Losungen ableiteten, welche in der Nachkriegssituation angebracht waren.

 

Ende 1932, vor Hitlers Machtübernahme, wurde die Trennung durch den Ausschluß der Fraktion vollzogen, ein Ausschluß, der von Trotzki (Gurow) angezettelt wurde, der auch gleichzeitig einen Sieg in Deutschland selbst mit Thälmann für möglich hielt.

 

 

1935 beschloß der Kongreß der Italienischen Fraktion (der nach dem offenen Verrat des Zentrismus tagte, welcher nach dem endgültigen Tod der Komintern und dem Eintritt Rußlands in den Völkerbund folgte) die Umwandlung derselben von einer Fraktion der Italienischen Kommunistischen Partei zu einer Fraktion der Partei, welche in den zukünftigen revolutionären Ausbrüchen gegründet werden würde. Diese Umwandlung vollzog sich zur Zeit der Anzettelung des Krieges in Abessinien durch den italienischen Imperialismus, und der Kongreß befaßte sich hauptsächlich mit den Fragen der Umwandlung der Fraktion zur Partei, die der Verrat des Zentrismus und die Eröffnung der Phase imperialistischer Kriege zu einer unbedingten Notwendigkeit machten. Eine Strömung trat auf, welche den wirklichen Prozeß des Klassenkampfes (der die Bedingungen für die Gründung der Partei vorantrieb) durch eine bloße Anstrengung des Willens zu ersetzen suchte, der wiederum den Opportunismus und eine Revision des Kommunistischen Programms verlangte. Die Hauptführer dieser Ordnung stellten im Laufe des Spanischen Krieges die Minderheit dar, die diesen imperialistischen Krieg unterstützten und auf die andere Seite der Barrikaden überwechselten. Die Italienische Fraktion beschloß Ende 1932 eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Bund der Internationalen Kommunisten Belgiens dies geschah auf der Grundlage eines Zusammenfließens der Kritik der Positionen der (trotzkistischen) Internationalen Opposition, eine Kritik, welche die zentralen Fragen der Arbeiterbewegung, die des Staats und der Partei mit einschloß.

 

Die Ereignisse in Spanien sollten eine Krise (innerhalb der Fraktion) hervorrufen und in ihrem Verhältnis zum Belgischen Bund, innerhalb dessen übrigens eine marxistische Strömung entstand, die mit der in der Fraktion vorherrschenden zusammenfloß.

 

Der Ausschluß der Minderheit, der eine Flucht vor der Diskussion darstellte,  leitete den Bruch mit dem Bund ein, wo sich eine Spaltung  als richtig herausgestellt hatte (siehe die Resolution der Exekutiv-Kommission, Bilan Nr. 42).

 

Neben ihrer Zusammenarbeit mit dem belgischen Bund gab die Fraktion ab Nov. 1933 eine theoretische Revue heraus, um die Arbeit der internationalen Klärung aufzunehmen, welche die am meisten fortgeschrittenen Gruppen, die mit Trotzki gebrochen hatten, dazu drängte, die Bildung von linken Fraktionen voranzutreiben. Damals stießen all ihre Bemühungen zur Gründung einer Internationalen mit der Passivität und der Verwirrung der bestehenden Gruppen zusammen, und nur der Bund schien bereit zu sein, eine ernsthafte internationale Diskussion aufzunehmen.

 

 

Mit dem Spanienkrieg brachen alle die Divergenzen mit dem Bund und anderen Gruppen durch einen Bruch dieser Gruppen hervor, der zum  Absinken dieser Gruppen der 'Linkskommunisten' in den Sumpf der kapitalistischen Ideologien führte. Eine neue Phase hielt ihren Einzug, die der Bildung von Linksfraktionen gegen alle bestehenden Gruppen auf der Grundlage von programmatischen Positionen, die von der Fraktion in Zusammenarbeit mit der Minderheit des belgischen Bundes zu der Frage des Staats und der Partei gebildet worden waren. Diese Bemühungen fanden ihren Abschluß in der Gründung des Büros der Fraktion der Linken und der Umbenennung Bilans in Oktober.

 

Gegenwärtig gibt die Italienische Fraktion PROMETEO und IL SEME, als italienischsprachiges Diskussionsorgan heraus und das als theoretisches Vorbereitungsinstrument für den Kongreß der Fraktion dienen soll. In einer nächsten chronologischen Abhandlung werden wir über die Divergenzen, die innerhalb der Fraktion bestehen, schreiben, über die umstrittenen Fragen, und die in PROMETEO und IL SEME zum Ausdruck gebracht werden.

 

 

DIE BELGISCHE FRAKTION

 

Die nationale Konferenz des Bundes der Internationalistischen Kommunisten Belgiens beschloß am 21. Feb. 1937 die Unvereinbarkeit der Mitgliedschaft in ihrer Organisation der Mitglieder, die sich mit der vor Jahren in dessen Bulletin veröffentlichten Resolution solidarisieren. Es handelte sich um den Gegensatz zwischen den Befürwortern des imperialistischen Krieg in Spanien und der Internationale, die sich auf Klassenpositionen beruft. Eine Minderheit, die gesamte Gruppe in Brüssel - abgesehen von 3 Genossen mit Hennaut unter ihnen - trat also aus dem Bund aus.

 

Am 15. April erschien ihr erstes monatliches Bulletin mit den Grundsatztexten hinsichtlich der Gründung der belgischen Fraktion der Internationalen Kommunistischen Linken. Sie stammt nicht, wie Hennaut es gerne darstellen möchte, aus der Italienischen Fraktion, sondern ist das Ergebnis eines langen Prozesses, in dessen Verlauf es dem Proletariat in Belgien zum ersten Mal gelang, die Grundlagen für den Aufbau einer wahren Klassenpartei zu legen.

 

 

Wir wissen, daß die Belgische Kommunistische Partei von der sozialistischen Jugend gegründet wurde, aber dem Aufruf der russischen Revolution folgend die P.O.B. (*) verließ. Ihrer Gründung gingen keine gesellschaftlichen Umwälzungen in Belgien vor, denn die Bourgeoisie konnte mit Hilfe der Kompromisse von Lophem mittels "sozialer Reformen" die proletarische Welle eindämmen, die auf die Organisationen der P.O.B. zufluteten. Sehr schnell war der junge kommunistische Kern in einem Zusammenschluß erdrückt worden, der durch die Internationale mit der Gruppe der sozialistischen Linken um Jacquemotte aufgezwungen worden war. Trotzdem wechselte 1928 die Mehrheit der Partei zur Opposition über und nach der Spaltung von Antwerpen standen hinter ihr all die Avantgarde-Militanten der belgischen Arbeiterbewegung. Die Opposition kämpfte unter den schwierigsten Bedingungen gegen all die Probleme an, vor denen die Marxisten zu jenem Zeitpunkt standen. Der Fehler großer gesellschaftlicher Bewegungen, der allgemeine Eindruck des Stagnierens spielte eine wichtige Rolle bei der Entmutigung, die schnell in ihren Reihen Einzug hielt. Sollten sie als Fraktion oder als Partei handeln? Diese Probleme wurden in den Reihen der Opposition diskutiert - ohne jedoch eine Lösung dafür zu finden, obgleich es auf der Hand lag, daß nur ein Wirken als eine Fraktion, ein Teil der Partei (selbst wenn man daraus ausgeschlossen worden war) es ermöglichen sollte, die Probleme anzugehen, die den zentristischen Niedergang kennzeichneten und Positionen zu erarbeiten, die zum Zeitpunkt des Verrats des Zentrismus es erlaubten, sich auf die Gründung neuer Parteien hinzubewegen. Trotzki veröffentlichte von seinem Exil aus seine Positionen hierzu (Wiederaufrichtung der Partei anstatt Linksfraktionen) und ohne eine internationale Diskussion abzuwarten, ohne die unvermeidbaren Schwierigkeiten der belgischen Opposition zu verstehen, rief er anläßlich der Ost-China-Frage (diese Eisenbahnlinie, die Stalin schließlich China verkaufte) eine Spaltung hervor, die die belgische Opposition endgültig zum Auseinanderbrechen führte. Sie spaltete sich  in 2 Teile, von denen einer (die Föderation Charlerois) die offizielle trotzkistische Gruppe schuf, welche sich der P.O.B. anschloss, nur um später wieder mit Mitgliedern der Linken auszutreten und die Revolutionäre Sozialistische Partei zu gründen. Der andere Teil gründete später den Bund der Internationalen Kommunisten Belgiens, der bis 1932 vor sich hinschlummerte. Zu dem Zeitpunkt, als die trotzkistische Gruppe entartete und aus ihren Reihen die internationalen Elemente ausschloß, mit der italienischen Linke brach, blieb der Bund als der einzige überlebende Kern der Klasse bestehen. Obgleich sie der reaktionären Idee der 'Wiederaufrichtung' der Partei die verwirrte Idee der 'neuen Parteien' entgegenstellte, gab sie dennoch zu, daß die historischen Bedingungen, die ideologischen Grundlagen zu ihrer Gründung nicht vorhanden waren. Andererseits vertrat der Bund zu den  Fragen "Demokratie und Faschismus" in seiner Prinzipienerklärung eine zufriendenstellende Position (obgleich er sie heute wieder verworfen hat, um die spanischen Republikaner zu unterstützen), und genauso wenig gab er sich mit den Ergebnissen der ersten 4 Kongresse der Komintern zufrieden.

 

Seine Zusammenarbeit mit der italienischen Fraktion, die eine Erweiterung seiner Arbeitsgrundlagen schuf, das Auftauchen neuer, abwartender, suchender Elemente oder Leute, die aus der trotzkistischen Gruppe ausgeschieden waren, entfalteten eine Diskussionsatmosphäre, in der die wesentlichen Fragen der kommunistischen Bewegung aufgegriffen wurden - sowohl auf internationaler Ebene wie auch spezifisch in Belgien. Im Verlauf dieser Diskussionen, die sich mit der Entwicklung der russischen Revolution und der neuen internationalen Situation und der Lage in Belgien befaßten, tauchten Divergenzen auf und bündelten sich langsam in der Polarisierung zwischen zwei Strömungen, die jedoch noch eine gemeinsame Arbeitsgrundlage hatten. Bei der Frage Rußlands, dem Problem des Kriegs (Krieg in Abessinien), der Demokratie (Volksabstimmung im Saarland), den Wahlen, der sozialistischen Linken und schließlich bei der Parteifrage und dem Prozeß ihrer Gründung in Belgien traten Divergenzen auf, die in dem "Bulletin" des Bundes und den Heften (Cahiers) z.T. in Bilan veröffentlicht wurden.

 

 

Am Abschluß dieser Entwicklung stellten die Ereignisse in Spanien diese beiden Strömungen vor die Notwendigkeit, ihren Divergenzen einen politischen Ausdruck zu verleihen, eine prinzipielle Opposition trat in Erscheinung. Zum Problem des Staats und der Partei entstanden zwei entgegengesetzte Positionen, von denen eine zum imperialistischen Krieg und die andere zum Kampf für die proletarische Revolution führte. Die Spaltung war unvermeidbar und sie fand statt.

 

 

Sicher intervenierte die italienische Fraktion aktiv bei der Entwicklung der Strömung, die später die belgische Fraktion gründen sollte, aber das geschah eher als beschleunigendes Element einer Klassentendenz, die sich immer mehr behauptete und als internationale Hilfe des italienischen Proletariats gegenüber dem belgischen Proletariat, das in den Strudel der Unterstützung des imperialistischen Krieges geraten war.

 

 

Während also aus formeller Sicht das historische Band der Verbindung zwischen der belgischen Fraktion und dem ersten kommunistischen Kern, welcher die Partei gründete, nicht besteht, gibt es dieses doch, wenn man die geschichtliche Entwicklung des belgischen Proletariats betrachtet, denn die gegenwärtige Fraktion ist nur das Ergebnis der Bemühungen, die das Proletariat in allen Ländern seit 1917 unternommen hat - die Schaffung der Grundlagen der Klassenpartei.

 

Die belgische Fraktion hat in der ersten Nummer von "Communisme" (ihrer Monatszeitschrift) eine Prinzipienerklärung veröffentlicht, die ihr Grundsatztext ist und als Ausgangspunkt für die Erstellung ihrer Plattform dient. Diese Erklärung stützt sich auf die gleichen Prinzipien wie die der italienischen Fraktion. In ihrem Bekenntnis hat sie schon eine Reihe von Resolutionen zu den zentralen Fragen der gegenwärtigen Lage veröffentlicht, und in ihren Reihen wird die Diskussion über eine Gesamtheit von Problemen fortgesetzt, die wir in einer nächsten Nummer veröffentlichen werden.

 

 

(aus OCTOBRE, Februar 1938, wiederveröffentlicht in "La Gauche Communiste d'Italie", Beitrag zu einer Geschichte der revolutionären Bewegung, IKS, Dez.1981)

 

 

(*) Pantin, ein Vorort von Paris

 

(*) Zentristen = damit meinten sie die Stalinisten

 

(*) P.O.B. Parti Ouvrier Belge, Belgische Arbeiterpartei