GORTER, DIE KOMMUNISTISCHE LINKE UND DIE GRÜNDUNG DER KOMMUNISTISCHEN ARBEITERINTERNATIONALE (KAI)

5.
KAPITEL

GORTER,
DIE KOMMUNISTISCHE LINKE UND DIE GRÜNDUNG DER KOMMUNI­STISCHEN
ARBEITERINTERNATIONALE (KAI)

<<>>EIN GESCHEITERTES UNTERFANGEN (1921-1927)

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Die Anerkennung
der KAPD als „sympathisierende Par­tei“
der 3. Internationale, die einen ständigen Vertreter bei der Exekutive
hatte (1), erschien im Januar 1921 als ein Sieg der Oppositionspolitik, die von
Gorter und Pan­nekoek betrieben worden war. Eine Arbeitsgemeinschaft zwischen
der Komintern und den Linkskommunisten war möglich geworden. Dies schien
zumindest aus den Aussa­gen Sinowjews hervorzugehen, der im Namen des Exeku­tivkomitees
schrieb: „Der Kern der KAPD umfasst wirklich revolutionäre Arbeiter. Diese
Partei hat in der letzten Zeit einen großen Schritt hin zum Kommunismus
gemacht, als sie Laufenberg, Wolffheim und Otto Rühle ausschloss. Die KAPD kritisiert
unsere deutschen Genossen. Auch das ist noch kein Unglück. Die KPD ist gewiss
nicht fehlerfrei: wir brauchen nur an ihre Haltung während des Kapp-Putsches
und während des letzten Aufstandes der Berliner Elektriker zu erinnern...“
(Brief des Zentralkomitees der KI vom 15.01.1921, in Die Aktion, Nr. 13-14, Ap.
1921).

Die
Arbeitsgemeinschaft zwischen Linkskommunisten und der Komintern war nur von
kurzer Dauer. Sie überlebte die Märzaktion 1921 in Mitteldeutschland nicht. Das
in­ternationale Umfeld wurde immer ungünstiger, nicht nur mit dem deutlichen
Rückfluss der Weltrevolution, sondern vor allem infolge der von russischen
Staat betriebenen Politik. Die Außenpolitik dieses Staates, die Ereignisse um
Kronstadt und schließlich die Politik der Komintern in Deutschland waren alles
wichtige Elemente bei dem end­gültigen Bruch, der auf dem 3. Kongress der
Komintern vollzogen wurde. Dem voraus ging der Ausschluss der Minderheit der
KPN vor dem 3. Kongress; im Sept. 1921 folgte dann der der KAPD, der das Ende
einer internatio­nalen Opposition innerhalb der Komintern einläutete. Von da an
übernahm die holländische kommunistische Linke die Führung der internationalen
Opposition außerhalb der Internationale. Aufgrund der Initiative Gorters aber
nicht Pannekoeks wurde eine Kommunistische Ar­beiterinternationale (KAI) gegründet,
die ein aussichtslo­ses Abenteuer war. Diese sollte den Niedergang der
Linkskommunisten in den Niederlanden, aber auch in Deutschland beschleunigen,
bevor Ende der 20er Jahre die Gruppe der Internationalistischen Kommunisten
(GIK) entstand.

Während das
Zentrum der holländischen Linke sich nach Deutschland hin verlagert hatte und
selbst nach Großbritannien und Bulgarien, wurden die Niederlande zum theo­retischen
und politischen Zentrum der internationalen linkskommunistischen Bewegung.

1)
DER RÜCKFLUSS DER WELTREVOLUTION

Die NEP (Neue
Ökonomische Politik), die nach dem März 1921 in Russland in der Wirtschaft praktiziert wurde, war
durch den russischen Staat durch eine wahre NEP im diplomatischen Bereich
eingeleitet worden. Die­ser versuchte, alte Allianzen mit verschiedenen Staaten
der kapitalistischen Welt wieder aufzubauen. Durch die Vermittlung des in
Deutschland im Gefängnis in Russland sitzenden Radeks wurden Kontakte schon im
Herbst 1919 mit der Reichswehr und den Liberalen aufgenommen, aber auch mit dem
Millionär Rathenau, mit dem Ziel, die Möglichkeit militärischer und
wirtschaftlicher Allianzen zwischen Deutschland und Russland zu erörtern. Schon
vom Oktober 1919 an meinte Radek offen:
Die Möglich­keit eines Friedens zwischen kapitalistischen und
proletari­schen Staaten ist keine Utopie
“ (2). Faktisch entstand solch ein
Bündnis im Jahre 1920, das sich gegen den Versailler Vertrag und die Alliierten
richtete, während des russisch-polnischen Krieges. Deutschland gab eine
Neutralitätser­klärung ab, die den Transport von Munition der Alliierten nach
Polen durch deutsches Territorium untersagte. Mit den alliierten Ländern
versuchte Russland Handelsbezie­hungen herzustellen, und diese wurden auch
aufgebaut. Ein Handelsabschluss wurde zwischen Großbritannien und Russland am
16. März 1921 während der Ereignisse in Kronstadt unterzeichnet. Ein Modus
vivendi zwischen der kapitalistischen Welt und dem Sowjetstaat, der zuvor von
Pannekoek heftig verworfen worden war, wurde langsam zu einer Wirklichkeit. Der
Vertrag von Rapallo 1922 sollte dies untermauern. Aber der am meisten
besorgniserre­gende Faktor war die schrittweise Unterwerfung der Komintern unter
die nationalen Ziele des russischen Staates. Dieser sorgte dafür, dass seine
eigenen Interessen denen der revolutionären Interessen der Internationale
vorangestellt wurden. Die Türkei ist ein klares Beispiel für diesen
Widerspruch. Schon von 1919 an waren in Berlin auch durch die Vermittlung
Radeks zwischen der russi­schen Regierung und dem türkischen Nationalistenführer
Enver, der später am Kongress von Baku teilnehmen sollte, Kontakte hergestellt
worden. Freundschaftliche Be­ziehungen wurden mit Mustapha Kemal von 1920 an
auf­gebaut, die zu einem Abschluss mit der Türkei am 16. März 1921 führten.
Mustapha Kemal war nicht nur der Verantwortliche für die Niederschlagung der
Bauernbe­wegung, welche von der Komintern unterstützt worden war, sondern er
ließ die ganze Führung - die in Deutsch­land durch die Spartakisten politisch
gebildet worden war und jedem Nationalismus feindlich gegenüberstand - der
kommunistischen Partei der Türkei umbringen. Dieses Massaker tat den guten
Beziehungen zwischen dem russi­schen Staat und der Türkei keinen Abbruch. Zum
ersten Mal wurde deutlich, dass Regierungen, die gute diplomati­sche
Beziehungen mit Russland unterhielten, ungestraft revolutionäre Militanten,
Mitglieder der Kommunisti­schen Internationale ermorden oder außerhalb des
Geset­zes stellen konnten, ohne dadurch die Gunst des russi­schen Staates zu
verlieren, dessen Politik ja eigentlich der der Komintern hätte unterworfen
werden müssen. Diese Ereignisse, die sich im Januar 1921 abspielten, waren die
direkte Folge der Politik der Komintern, die vom 2. Kon­gress unterstützt worden
war, der Unterstützung der sog. Befreiungsbewegungen.

a)
DIE KRONSTÄDTER EREIGNISSE (MÄRZ 1921)

Mehr als der
Bereich der Außenpolitik sollten die Kron­städter Ereignisse den Graben
aufzeigen, der sich zwi­schen dem russischen Staat und dem Proletariat aufgetan
hatte. Im Februar 1921 waren Streiks in Petrograd ausge­brochen, das zuvor das
Zentrum der russischen Revolu­tion gewesen war. Sie waren sowohl gegen die
Lebens­mittelrationierung gerichtet, als auch gegen die Wirt­schafts- und Gesellschaftspolitik
des Staates und der Bol­schewistischen Partei. Trotz der Beschuldigungen, dass
die Streiks von Menschewiki, Sozialrevolutionären oder Anar­chisten - die
meisten von ihnen befanden sich im Gefäng­nis -
„geschürt“ worden waren, trug die Bewegung einen spontanen und
organisationslosen, ja führerlosen Cha­rakter. Sie hatte sich auf alle großen
Fabriken ausgedehnt, auch auf Putilov, die Hauptbastion der Revolution 1917.
Demgegenüber reagierten Sinowjew und die Bolschewiki Petrograds mit repressiven
Maßnahmen. Die Demonstra­tionen wurden durch die Kadetten gewaltsam aufgelöst,
Aussperrung der streikenden Arbeiter, Entzug der Le­bensmittelmarken für die
Streikenden, Verhängung des Kriegsrechtes, umfangreiche Verhaftungen,
sofortiges Erschießen bei Bildung von Versammlungen, Überwachung der Arbeiter
in den Fabriken durch bewaffnete Truppen der Bolschewiki (4). Diese Maßnahmen
führten aber zu einem Ausbruch der Unzufriedenheit der Arbeiter, die sich seit
Monaten angehäuft hatte, und zu deren Politisie­rung. Die politischen
Forderungen: Abschaffung des Kriegsrechtes, Befreiung aller Gefangenen, Versamm­lungs-,
Presse- und Redefreiheit für die Arbeiter, freie Wahlen für die Fabrikkomitees,
für die Räte, all diese Forderungen waren gegen „die Diktatur der Partei und
die Tscheka“ gerichtet und bewiesen den Widerspruch zwi­schen Proletariat und
Staat, ein Staat, mit dem sich mitt­lerweile die Bolschewiki verbunden fühlten,
weil sie sich mit ihm identifizierten. Sie stellten einen Aufruf zur Ar­beiterdemokratie
und zur Wiederbelebung der Arbeiter­räte dar, die zuvor vom Staat und der
bolschewistischen Partei aufgesaugt worden waren.

Als sie von den
Ereignissen erfuhren, schickten die Ma­trosen und Arbeiter Kronstadts
Delegationen zu den Fa­briken in Petrograd. Danach griffen die Matrosen und
Arbeiter Kronstadts die Forderungen der Arbeiter Petro­grads auf und
erweiterten sie: Neuwahl der Arbeiterräte in geheimer Wahlabstimmung,
Organisation außerhalb der bolschewistischen Partei einer Konferenz der Arbei­ter,
Soldaten und Matrosen der Provinz, Presse- und Or­ganisationsfreiheit für die
Anarchisten und Linkssoziali­sten. Die Ankunft Kalinins und Kuzmins in
Kronstadt, die eine provozierende Haltung einnahmen, überstürzte alles. Es
wurde ein provisorisches revolutionäres Komitee (PRK) gegründet, das die ganze
Bevölkerung der Insel repräsentierte, all das zu einem Zeitpunkt, als die Arbei­ter
Petrograds unter den Folgen des Terrors die Arbeit wieder aufnahmen.

Die gewaltsamen
Zusammenstösse zwischen den Bolsche­wiki, den Matrosen und den Arbeitern
Kronstadts wurden unvermeidbar. Diese wurden als „weiße Garden“, als
Konterrevolutionäre bezeichnet, die im Dienste der „französischen Kapitalisten“
standen (1), ihre Familien wurden als Geiseln genommen, ihnen selbst wurde ge­droht,
wie Wildenten abgeschossen zu werden. Trotzki, den die Aufständischen den
Junker, den Bluthund Trotzki nannten (2), gab am 7. März den Befehl zur
Niederschla­gung Kronstadts, wodurch viele Matrosen und Arbeiter abgeschlachtet
wurden. „Ich gebe jetzt den Befehl zur Vor­bereitung der Niederschlagung der
Revolte. Die Aufständi­schen werden erschossen werden“ (
3). Mit dem
Schlachtruf „Siegen oder sterben“ kämpften die Matrosen und Arbei­ter, die alle
bewaffnet waren, mit einer Energie der Ver­zweifelten. Die Regierung hatte
Tausende von Soldaten mobilisiert, von denen ein großer Teil aus Zentralasien
kam, und die damit der offiziellen Propaganda leichter zugänglich waren. Auch
Mitglieder der Bolschewistischen Partei, darunter auch der Arbeiteropposition
(4) schlossen sich ihnen an. Hinter ihnen standen die Tschekisten, die viele
Deserteure erschossen, oder auf die Truppenteile schossen, die sich den
Aufständischen in Kronstadt ange­schlossen hatte. Die Truppen Tukatschewskis
(5) schlugen den Aufstand nieder. Tausende von Matrosen und Arbei­ter wurden
erschossen, die überlebenden ins Gefängnis gesteckt oder in Lager, wo sie
starben (6).

Das Programm der
Aufständischen von Kronstadt war nicht ausreichend klar, um die
Unterstützung der Links­kommunisten zu
gewinnen. Es verwarf sicher jegliche Be­jahung einer Nationalversammlung und
einer Rückkehr in die Vergangenheit. Sie wünschten einfach auf konfuse Weise
eine Diktatur der Räte, ohne irgendeine Partei, und keine Diktatur, die von nur
einer Partei ausgeübt wurde. Diese Idee der Diktatur der Klasse, die der
Parteidiktatur gegenübergestellt wurde, wurde jedoch Ende des Jahres 1920 von
den holländischen und deutschen Linkskommu­nisten, insbesondere von der KAPD, entwickelt.
Aber der Aufruf zu einer „3. Revolution“ seitens der Kronstädter blieb sehr unklar
und eröffnete keine Perspektive. Auch die Auffassung, derzufolge man den Bauern
auf ihrem Boden eine vollständige Handlungsfreiheit einräumen müsste, ohne „die
Lohnarbeit zu benutzen“ (1) - konnte nur auf die Ablehnung Gorters und der KAPD
stoßen. Diese verwarfen jede Konzession an die Bauernschaft, die sie mit den
Kulaken gleichstellten. Anfänglich unterstützte die KAPD die offizielle Version
eines Komplottes gegen Sowjetrussland. Unter dem Vorwand, dass französische
Boote sich in Reval befanden, um den Aufstand in Russ­land zu unterstützen (was
falsch war), behauptete die KAPD:

"Die
russischen konterrevolutionären Emigranten, die nach Russland zurückkehren, und
der Graf Wangel bereiten sich in Ungarn auf eine militärische Unterstützung
vor“ (2).

Die Handlungen
der Aufständischen wurden als konterre­volutionär und antikommunistisch
verurteilt. „Die genauen Kenntnisse der Bedingungen in Russland ermöglichten
es den Konterrevolutionären, einen Aufstand auszulösen, der in seiner ersten
Phase wie eine 3. Revolution erschien. Im Laufe des Kampfes trat jedoch durch
die Forderung nach einer Nationalversammlung deutlich das Wesen dieses Auf­standes
hervor, dass er nämlich gegen den Kommunismus gerichtet ist“. Aber das Organ
der KAPD wies auf den Hintergrund hin: Hunger und „die Unzufriedenheit mit der
Diktatur der Partei und der sowjetischen Bürokratie“. (3)

Erst nachdem die Delegierten der KAPD aus
Moskau und insbesondere Arthur Goldstein (4), der die Partei bei
Exekutivkomitee der Komintern vertrat, einen detaillier­ten Bericht gegeben
hatten, änderte sich die Haltung der Linkskommunisten. Goldstein gab eine
genauere Ein­schätzung der Bedeutung Kronstadts aus der Sicht der
Arbeiterklasse:

"Die
Gegensätze zwischen Proletariat und Sowjetregierung traten dann noch schärfer
hervor bei dem Ausbruch der Le­bensmittelunruhen in Moskau und Petersburg, bei
denen die Sowjetregierung sehr scharfe Maßregeln, die auch nicht an­ders sind
als in einem kapitalistischen Staate, und ich möchte sagen, dass auch der
Kronstädter Aufstand als ein Symptom anzusprechen ist für den Gegensatz
zwischen Proletariat und Sowjetregierung. Die Geschichte über den Kronstädter
Aufstand ist heute noch nicht abgeschlossen, und wir wollen heute noch kein
endgültiges Urteil darüber abgeben. Aber sicher ist heute soviel, dass beim
Kronstädter Aufstand nicht nur ausländisches Kapital als Faktor gegen die
Sowjetregierung auftrat, sondern dass große Teile des russischen Proletariats
innerlich auf Seiten der Kronstädter Aufständischen sich befanden“ (Goldstein
auf dem „Außerordentlichen Parteitag der KAPD, vom 11.-14.9.1921 in Berlin, aus
Protokoll S. 58-59).

Diese Haltung der
KAPD war viel klarer und fundierter als die, welche Gorter bezogen hatte.
Gorter war auf dem 3. Kongress der Komintern (6) von Radek und Sinowjew
beschuldigt worden, Kronstadt unterstützt zu haben. Wäh­rend er betonte, dass
das russische Proletariat sich gegen die kommunistische Partei erhoben hatte,
und dass es bes­ser sei, „eine Diktatur der Klasse anstatt eine Diktatur der
Partei zu haben“,
fand Gorter die von den Bolschewiki ge­genüber Kronstadt
ergriffenen Maßnahmen, als „notwendig“. Mittels dieser Maßnahmen war die Konter­revolution
niedergeschlagen worden, und Gorter ging da­von aus, dass die Linkskommunisten
auch in Westeuropa zu solchen Maßnahmen gezwungen sein konnten, wo ein Teil des
Proletariats sich auch noch konterrevolutionärer verhalten würde.

"Bei
euch konntet ihr, als ein Teil des Proletariats sich gegen euch in Kronstadt
und Petersburg erhob, die Gegenrevolu­tion noch unterdrücken. Weil sie bei euch
schwach ist. Bei uns aber würde sie, wenn ein Teil des Proletariats sich gegen
uns erhöbe, siegen. Denn die Gegenrevolution ist bei uns sehr mächtig“ (H.
Gorter, „Die Klassenkampf-Organisation des Proletariats“, ebenda S. 245).

Diese seltsame
Auffassung seitens eines Militanten, der eine Klassendiktatur in Gestalt der
Arbeiterräte befür­wortete - eine Forderung, die zum Teil in Kronstadt erho­ben
worden war -, hat vor allem ihre Wurzeln in der Ein­führung der NEP am 15.
März, dem Tag, als Kronstadt gestürmt wurde. Wie es Riasanow richtig
unterstrich, handelte es sich um ein wahres Brest-Litovsk für die Bau­ern. Die
den Bauern zugestandene Freiheit, über den Überschuss zu verfügen, die
Handelsfreiheit, all dies be­deutete ein Zurückweichen gegenüber den
kleinbürgerli­chen Kräften. Während diese Politik der Konzessionen aus Lenins
Sicht ein vorübergehender Rückzug war, kün­dete dies dennoch die berühmt gewordene,
von Bukarin an die Kulaken gerichtete Losung an „Bereichert Euch“. Es ist
symptomatisch, dass diese Maßnahmen mehr als die Repression jeden
Aufstandsversuch der Soldaten zugun­sten der Meuternden in Kronstadt
entschärften.

Im Gegensatz zur
KAPD, die enge Beziehungen mit den Linkskommunisten Russlands geknüpft hatte
und besser informiert war (1), meinte Gorter, dass Kronstadt und die NEP den
Triumph einer bäuerlichen Konterrevolution darstellten. Aus seiner Sicht war
eine „kleine Aktion einer Gruppe von Bauern - man behauptete dass die
Mannschaf­ten der Kriegsschiffe zum größten Teil aus Bauernsöhnen
zusammengesetzt waren, um den Kommunismus niederzu­werfen
“. Die
Bolschewistische Partei erschien aus seiner Sicht als die Partei der Bauernschaft,
und „das Proletariat stand im Dienste der Bauernschaft“. Aber alle Linkskom­munisten,
Gorter, Pannekoek und die KAPD stimmten darin überein, um den
konterrevolutionäre Inhalt der wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen zu
verurtei­len. Vom April 1921 an verurteilte die KAPD durch ihre Delegierten in
Moskau die „gegenwärtigen Formen, die sich stark auf eine Art
Staatskapitalismus hinentwickeln“.
Ande­rerseits war nach dem 10. Kongress
der Russischen Partei, auf dem die Arbeiteropposition als organisierte Fraktion
wie jede Fraktion im allgemeinen, verboten worden war, die Arbeiterdemokratie
in der Bolschewistischen Partei gestorben.

"Nach
dem letzten Kongress der Russischen Sowjetrepublik kann es keine Zweifel mehr
daran geben, dass es in Russland keine Klassendiktatur, sondern eine
Parteidiktatur gibt
“ (3). Diese Position Gorters, die
von der KAPD geteilt wurde, kündete den Bruch mit der Komintern an. Die
russische Frage und damit auch die weitere Entwicklung der Komintern rückte in
den Vordergrund der Auseinander­setzungen der deutschen und holländischen
kommunisti­schen Linke. Von nun an sollte sich der Ausgang der rus­sischen
Revolution und die weitere Entwicklung der Komintern in Deutschland abspielen.

b)
DIE MÄRZAKTION 1921

Obgleich sie auf
Mitteldeutschland beschränkt blieb, stellte die Märzaktion eine schwere
Niederlage der Re­volution in Deutschland dar.

Diese Aktion fand
auf dem Hintergrund einer allgemei­nen Passivität des deutschen Proletariats
und einer Reihe von Niederlagen statt. Der sozialdemokratische Innenmi­nister
Severing, der 1920 im Ruhrgebiet durch seine Ta­lente als „Befrieder“ berühmt
geworden war, als er die Reichswehr einsetzte, hatte beschlossen, Mitteldeutsch­land
zu „befrieden“, wo die Arbeiter noch ihre Waffen be­halten hatten. Am 18. März,
dem Tag, als Kronstadt fiel, ließ die Sozialdemokratie Mitteldeutschland
militärisch besetzen. Diese Gegend war eine der stärksten Bastionen der beiden
rivalisierenden Parteien VKPD und KAPD. Trotz der Spaltung der sächsischen Tendenz
um Rühle gab es eine sehr starke, der KAPD nahe stehende AAU in den Leuna-Werken, von denen 2.000 von
den 20.000 Ar­beitern den AAU angehörten. Anderseits waren Leute wie Max Hölz
und Karl Plättner Mitglieder der KAPD - ob­gleich auf eher informelle Weise
(4). Aufgrund ihrer Ent­eignungsaktionen waren sie in Mitteldeutschland sehr be­liebt. Sie waren in dieser Gegend die
militärischen Orga­nisatoren der Partei.

Als sich auf
diesem Hintergrund das deutsche Proletariat in der Defensive befand, fing das
Exekutivkomitee der Komintern - oder ein Teil desselben- an, die Theorie „die Revolution forcieren“ zu entwickeln. Männer wie Bela Kun
wurden nach Deutschland geschickt, um die VKPD zur Offensive zu drängen, auch
mittels bewaffneter Aktio­nen. In Windeseile hatte die Komintern die
opportunisti­sche Taktik des „offenen Briefs“ an die Gewerkschaften durch eine
„Einheitsfront“-Taktik eingetauscht, die ihrer­seits abenteuerlich,
putschistisch war.

Der von der VKPD
verbreitete Aufruf zur Bewaffnung der Arbeiter und zum Generalstreik im Bezirk
Halle, wo es die Leuna-Werke gab, stieß auf ein geringes Echo. Ge­genüber
dieser Passivität schlug Eberlein - der frühere Delegierte der KAPD auf dem
ersten Kongress der Komintern - vor, falsche Attentate gegen die VKPD zu
verüben, um die Empörung der Massen zu provozieren. Mit Unterstützung des
Exekutivkomitees trat er für den bewaffneten Aufstand um jeden Preis in
Mitteldeutsch­land ein (1).

Die KAPD
ihrerseits verfiel auch dem Abenteurertum. Während die Arbeiter in Mitteldeutschland
und auch die der Chemiewerke von Leuna noch zögerten, einen be­waffneten Kampf
gegen die sozialdemokratische Partei zu führen, rief sie zum Aufstand auf.
Erregte Aufrufe an die Arbeiter in Deutschland wurden veröffentlicht: „Setzt
Euch in Bewegung, ob mit Messern oder Gewehren, mit Euren Zähnen oder mit Euren
Fäusten; unser Schicksal steht auf dem Spiel“. Da sie nicht das Manöver des Put­sches
der VKPD erkannt hatte, glaubte die KAPD, dass „die Massen der VKPD reagieren,
indem sie ihren Losun­gen folgen. Sie haben ihre Führer dazu gezwungen“ (2).
Auch gründete die KAPD ein Kampfkomitee mit der VKPD, um die Aktionen mit ihr
sowohl hinsichtlich der Streiks als auch auf „militärischer Ebene“ zu
koordinieren.

Aber in
Anbetracht der Regierungsoffensive wurde der von der KAPD und VKPD verkündete
Aufruf in Deutschland insgesamt kaum befolgt.

In ganz
Deutschland reagierten ungefähr 300.000 Arbei­ter. In Berlin beteiligten sich
sehr wenige am Streik, trotz der Versuche, mit Überraschungsaktionen die
Fabriken zu besetzen und die Arbeiter daran zu hindern, zur Arbeit zu gehen.
Die gemeinsamen Demonstrationen der beiden rivalisierenden Parteien KAPD und
VKPD brachten nur etwa 4.000 Teilnehmer auf die Beine. Meistens blieben die
Arbeiter sehr misstrauisch, wenn nicht gar feindlich ge­genüber solchen
Aktionen. Trotz des sehr großen kämpfe­rischen Verhaltens bei den Märzaktionen
war die KAPD insbesondere in Mitteldeutschland gespalten. Einerseits versuchten
zwei Führer der KAPD - Franz Jung und Fritz Rasch - die von der Zentrale vor
Ort geschickt worden waren, Streiks und bewaffnete Aktionen mit der VKPD zu
koordinieren. Auf der anderen Seite organisierte Max Hölz, der aus Berlin
gekommen war, in Mitteldeutschland ohne irgendeine Verbindung mit der KAPD, seine
Kom­mandoaktionen, die eine Guerilla gegen die Polizei im Bergarbeiterbezirk
Eislebens betrieb. Das Gleiche gilt für Karl Plättner und eine Reihe anderer
anonymen Führer der KAPD, die ihre eigenen Milizen aufstellten, obgleich dies
auf weniger spektakuläre Weise als bei Max Hölz ge­schah. Solche Aktionen
wurden übrigens von den Arbei­tern der riesigen Leuna-Werke verworfen, von
denen mindestens die Hälfte mit der AAU und der KAPD sym­pathisierten. Die
Führer der KAPD und der AAU in Leuna, Peter Utzelmann (3) und Max Prenzlow, die
zum Streik aufgerufen und ein gemeinsames Aktionskomitee mit der VKPD gegründet
hatten, was zur Bildung von 17 bewaffneten Hundertschaften geführt hatte,
verwarfen je­den bewaffneten Kampf mit der Polizei. In Anbetracht des ungünstigen
Kräfteverhältnisses wäre jeder Zusammen­stoss ein sinnloses und kriminelles
Verbrechen. Sie wussten nicht, dass sich Max Hölz mit seinen Truppen nur einige
Kilometer weiter entfernt befand und Jung und Rasch vor Ort waren. Am 28. März
befahlen sie einem großen Teil der Aufständischen, den Rückzug anzutreten, um
das Massaker zu vermeiden. Sie verließen die Fabrik. Am darauf folgenden Tag
wurde die Fabrik von der Polizei bombardiert, die 34 Arbeiter tötete und 1.500
gefangen nahm. Die Wut bei den Mitgliedern der KAPD in Leuna war groß, die
nicht mit ihrer Partei und der Taktik Max Hölzens übereinstimmten (5). Max
Hölz, der mit seinen Partisanen - 2.000 an der Zahl - umzingelt war, musste
nach einem 10 Tage dauernden Kampf am ersten April aufgeben. Am 31. März gab
die VKPD den bewaffneten Kampf auf. Das war das Ende der Märzaktionen, die zu
einer Niederlage geführt hatten.

Die Bilanz der
Märzaktion war verheerend: ca. 100 Ar­beiter getötet, Tausende verhaftet,
Tausende mit Zucht­haus bestraft. Hölz, Plättner, Utzelmann wurden auch ins
Zuchthaus gesteckt. Die Konsequenzen für die VKPD wa­ren noch schlimmer als für
die KAPD. Die Mitgliederzahl bei der VKPD sank von 350.000 auf 150.000
innerhalb we­niger Wochen. Aber die Mitgliederzahl der KAPD blieb stabil: von
38.000 im April 1920 zum Zeitpunkt ihrer Gründung stieg sie gar auf 41.000 im
Sept. 1921; dies sind Zahlen, die auf ihrem außergewöhnlichen Kongress bekannt
gegeben wurden. Aus der Sicht vieler Arbeiter blieb die KAPD die Partei Max
Hölzens, der im Gefängnis im­mer noch eine große Popularität genoss, die
genauso groß war wie die Demoralisierung in den Reihen der Arbeiter selbst. Der
individualistische Aktivismus eines Max Hölz war das direkte Gegenstück der
kollektiven Passivität der Arbeitermassen. Die von der KAPD auf Max Hölz ge­richtete
Aufmerksamkeit dauerte jedoch nicht lange. Hölz verließ im Nov. 1921 die KAPD,
um in die VKPD einzu­treten (1).

Mehr noch als die
Kronstädter Ereignisse sollte die Mär­zaktion die Spaltung innerhalb der KAPD
beschleunigen, und auch die zwischen den Linkskommunisten in Holland auf der
einen und der VKPD und der Komintern auf der anderen Seite. Die KAPD begann
eine lebhafte Polemik - unterstützt von Gorter - gegen die Haltung der VKPD und
der Komintern während der Märzaktion von 1921. Eine teilweise von Gorter
verfasste Broschüre (2) wurde eigens zu diesem Zweck veröffentlicht: „Der Weg
des Dr. Levi - der Weg der VKPD“. Levi hatte in einer Broschüre mit dem Titel
„Gegen den Putschismus“ die Haltung der Exekutive der Komintern und der Führung
der VKPD während der Märzaktion infrage gestellt. Aus Levis Sicht handelte es
sich um den „größten bakunistischen Putsch in der Geschichte“. Weil er seine
Partei und die Komintern kritisiert und ohne Absprache seine Broschüre veröffent­licht
hatte, war Levi aus der Partei ausgeschlossen wor­den. Aber viele teilten seine
Kritik innerhalb der VKPD, insbesondere der rechte Flügel um Clara Zetkin und
schließlich auch Lenin in der Komintern. Aus Gorters Sicht wie auch aus Sicht
der KAPD war die Broschüre Levis umso gefährlicher, da die Grundlage der Kritik
am Putschismus zutraf. Diese Kritik konnte nur zur alten so­zialdemokratischen
Taktik, pazifistisch und parlamenta­risch vorzugehen, zurückkehren, indem sie
sich nicht nur gegen die Führung der VKPD und der Komintern rich­tete, sondern
- und das war der wirkliche Hintergrund
des Problems - gegen jede Aufstandsbewegung der Klasse zum Zwecke ihrer
Verteidigung, auch wenn sie nur von einer Minderheit durchgeführt wurde. Levi
gab jede grundlegende Solidarität mit den revolutionären Minderheit des
Proletariats auf, die zur Zielscheibe der Offensive des Kapitalismus geworden
waren. Sein Weg konnte ihn nur zurück in die Arme der Sozialdemokratie führen
(3).

Die Broschüre der
KAPD und Gorters war keine Selbst­kritik der Handlungen der Partei während der
Märzaktio­nen. Diese Kritik ist eigentlich nie verfasst worden (4). Es handelte
sich um eine Verteidigung der Minderheitsbewe­gung der Arbeiter
Mitteldeutschlands, die in die Defensive gedrängt worden waren. Die KAPD
bewies, dass diese Bewegung eine Verteidigungsbewegung war, und dass es sich
nicht um eine offensive Taktik, so wie sie von der Komintern und der Führung
der VKPD befürwortet wor­den war, handelte. Der gemeinsame Aufruf der beiden
Parteien zum Streik diente „ausschließlich der Verteidigung und der
Solidarität gegenüber einem konterrevolutionären Angriff
“ (ebenda, S. 5).

Gorter und die
KAPD stellten die Führung der VKPD und Levi auf eine Ebene. Es handelte um die
„Dummheit der VKPD, die Dummheit des Exekutivkomitees Moskaus, die größte
Dummheit der 3. Internationale“. Der Putschismus der VKPD, unterstrich zu Recht
Gorter, konnte nur das Gegenstück der parlamentarischen Politik Levis und der Komintern
sein. „Die beiden Methoden widersprechen sich nicht. Sie wachsen
notwendigerweise auf dem Boden des Opportunismus
“ (S. 11) (5).

Die Broschüre der
KAPD und Gorters litt unter einer Reihe von Interpretationsschwächen. Sie
überschätzte stark das Ausmaß der Märzaktionen und den historischen Kurs. Auf
widersprüchliche Weise behauptete sie, dass die Märzaktion einerseits eine
defensive gewesen sei, andererseits sei sie der „erste bewusste Angriff der
revolutionären Proletarier Deutschlands gegen die Staatsmacht der Bourgeoisie
gewesen
“ (S. 21). Während Rühle ziemlich klar erkannte, dass „die
Revolution in Deutschland für eine lange Zeit verloren sei“,
meinten Gorter
und die KAPD, dass es noch einen Kurs hin zur Revolution gäbe. „Die deutschen
Arbeiter haben endlich ihre Passivität hinter sich gelassen, die so lange die
deutsche Revolution in ihrem Griff gehalten hatte“
(ebenda, S. 22). Dies
war eine naive Schlussfolgerung, denn in der gleichen Broschüre wird mit
Bitterkeit festgestellt, dass „selbst die großen Arbeitermassen
Mitteldeutschlands neutral blieben, wenn sie nicht gar feindlich gegenüber der
kämpfenden Avantgarde eingestellt waren
“ (ebenda, S. 24). Schließlich hatte
die Märzaktion nur einen „pädagogischen Effekt für das Klassenbewusstsein“
gehabt. „Der offene Kampf gegen den bürgerlichen kapitalistischen Staat
deckt das wahre Gesicht der Demokratie auf
“ (ebenda, S. 25). Aber sollte
das deutsche Proletariat wirklich die Märzereignisse 1921 abgewartet haben, um
seit 1919 dieses „wahre Gesicht der Demokratie“ zu entdecken? Auf diese Frage
gab es keine Antwort.

Gorter und die
KAPD verstanden nicht, dass der revolu­tionäre Kurs in Deutschland und in der
ganzen Welt dabei war zu kippen. Sie merkten dies erst viel zu spät (2). 1921
setzten sie auf die Weltwirtschaftskrise, während der Ka­pitalismus anfing,
sich bis 1928 unter den Auswirkungen des Wiederaufbaus zu stabilisieren, was in
Deutschland nur auf den Zeitraum zwischen 1924-28 zutraf. Die Welt­krise sollte
fast automatisch einen revolutionären Sieg er­möglichen: „Die Weltkrise,
welche 2 Jahre lang durch die Beendigung des Krieges eingegrenzt worden war,
fängt jetzt erst richtig an. Sie wird schrecklich sein und kann und wird uns
unseren Sieg ermöglichen“
(ebenda, S. 19). Diese Ver­wechslung zwischen
historischer Krise des Kapitalismus (Dekadenz), die sich über einen ganzen
Zeitraum hin entfaltet, und der offenen Krise, liefert die Erklärung für das
Abenteuer der Bildung einer kommunistischen Ar­beiterinternationale, die ein
Mittel zur Beschleunigung des tatsächlichen Kurses der Geschichte sein sollte.

Auf ihrem 2.
Kongress äußerte sich die Komintern durch eine Stellungnahme Trotzkis (3) viel
klarer als Gorter, wobei sie die Idee verfolgte, die Taktik der
„Einheitsfronten“ und des Parlamentarismus fortzusetzen:

"Die
Lage wird für uns immer günstiger, aber auch immer komplexer. Wir werden den
Sieg nicht automatisch erringen. Der Boden ist von unserem Feind vermint
worden, und der Feind ist stark; er sieht sehr wohl unsere Schwächen, er weiß,
welche Manöver er kaltblütig durchführen muss... Je größer die Gefahr ist,
desto mehr schmeißt eine Klasse ihre ganzen Kräfte genauso wie jeder Einzelne
in den Kampf zur Selbstbehauptung“. Und Trotzki schlussfolgerte: „1919 sagten
wir „Es ist alles eine Sache von ein paar Monaten. Heute sagen wir, es ist
vielleicht eine Frage von Jahren“.

Praktisch war die
kommunistische Strömung der deut­schen und holländischen Linken innerhalb der
Komintern vollständig isoliert, bevor sie auf einem Kongress der In­ternationale
(dem 3.) zum letzten Mal ihre Stimme erhe­ben konnte. Innerhalb der
Internationale hatte es schließlich kaum Reaktionen gegen die Politik des
russischen Staates und die Taktik der Komintern gegeben. Und die Haltung Clara
Zetkins, die den Standpunkt Levis vertrat, wurde von Lenin vor dem Kongress
unterstützt. Aber für die Holländer wie für die Deutschen kam es darauf an, bis
zum Ende für die Rettung der russischen Revolution und die Weltrevolution zu
kämpfen, indem die 3. Internatio­nale aus den Händen des russischen Staates
gerissen wer­den sollte: „

Wir
müssen mit allen Mitteln durch Handeln
versuchen, dass Russland eine Arbeitermacht bleibt. Aber wir müssen uns
trotzdem das Ziel setzen, dass die 3. Internationale sich politisch und
organisatorisch vom politischen System des russischen Staates löst, um die
Bedingungen der Revolution in Westeuropa zu berücksichtigen. Die nächste Etappe
auf dem Weg zu diesem Ziel scheint uns der Aufbau einer poli­tischen Kraft in
Westeuropa zu sein, die im engeren Kontakt mit Moskau es ermöglicht, eine
ständige Unabhängigkeit in allen politischen und taktischen Fragen hinsichtlich
Westeu­ropas zu gewinnen“ (KAZ, 1. Mai 1921).

Dieser
Vorschlag, der 1926 von Bordiga aufgegriffen wurde, ließ jedoch die Frage der
Kontrolle der Politik des russischen Staates und der bolschewistischen Partei
durch die 3. Internationale ungeklärt. Dieser Vorschlag erschien wie ein
frommer Wunsch, der auch von Pannekoek geteilt wurde. Aus seiner Sicht war mit
der „Märzaktion die gei­stige Führung der westeuropäischen Revolution von
Russland auf Westeuropa selber übergegangen“. Für die Arbeiter Europas sollte
das russische Proletariat und „vor allem seine Führer einfache Kampfgefährten
und ein Verbündeter sein“ (1).

Obgleich sie zur
Isolierung verurteilt waren und als Anar­chisten und linke Sozialrevolutionäre
von den russischen Führern der Komintern bezeichnet wurden, beabsichtig­ten die
Linkskommunisten damals noch nicht die Grün­dung einer Internationale und noch
weniger die Errich­tung eines Bundes der Unzufriedenen. Die deutsch-hol­ländische Strömung verwarf jedes Bündnis oder eine
Front mit anarchistischen Elementen, selbst wenn sie aus der Komintern
ausgeschlossen werden sollte. In einer Antwort an den Anarchisten Erich Mühsam,
der eine Zeitlang Mitglied der VKPD gewesen war, bevor er aus dieser ausgeschlossen
wurde, und der im Anschluss daran eine „Front aller Ausgeschlossenen“ errichten
wollte, brachte Pannekoek im Namen der Linken ein kategori­sches Nein zum
Ausdruck. Selbst als sie vom 3. Kongress ausgeschlossen worden waren, blieben
die deutsche und holländische Linken solidarisch mit den Bolschewiki: „Sie
wollen einen Bund aller von Moskau ausgeschlossenen re­volutionären Gruppen
bilden. Wir wollen das nicht, weil ein solcher Bund von selbst eine Spitze
gegen Moskau bekom­men würde. Wir fühlen uns, trotzdem der Moskauer Kongress
unsere Richtung ausschloss, völlig solidarisch mit den russi­schen Bolschewiki...
Wir bleiben daher solidarisch, nicht nur mit dem russischen Proletariat,
sondern auch mit seinen bolschewistischen Führern, trotzdem wir ihr Auftreten
inner­halb des internationalen Kommunismus aufs schärfste kriti­sieren müssen.
(Die Aktion, Nr. 11-12, 19.03.1921).

Die Antwort
Pannekoeks war schon eine gewisse War­nung. Nach Kronstadt und der Märzaktion stand
der Aus­schluss der Linkskommunisten aus der Komintern vor der Tür. Die
holländische Linke sollte dies als erste zu spüren bekommen.

2.
DER AUSSCHLUSS DER KOMMUNISTISCHEN LINKE

a)
DIE LINKE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI HOLLANDS

Nachdem Wijnkoop
die Thesen des 2. Kongresses der Komintern unterstützt hatte, wurden die
Angriffe gegen die Opposition der KPN seitens der Führung um Wijn­koop immer
heftiger. Obgleich die Opposition sich um ihr Organ „De Roode Vaan“
zusammengeschlossen hatte, blieb sie isoliert. Nur ein Drittel der Mitglieder
der Partei sympathisierte mit ihr, aber sie hatte ein großes Echo un­ter den
Arbeitern der KPN. Die Sektionen in den Indu­striestädten wie Enschede und
Zwolle standen auf ihrer Seite. Intellektuelle wie Pannekoek selber und vor
allem Roland-Holst - immer zum Zentrismus geneigt - zögerten sehr, den Kampf
auf der Seite Luteraans und Gorters zu führen. Pannekoek fiel es leichter, sich
aus der Ferne an der Seite der KAPD gegen den Opportunismus der Komintern zu
engagieren, als den praktischen Kampf ge­gen
diesen gleichen Opportunismus
innerhalb seiner ei­genen Partei zu führen (3).

Nach dem 2.
Kongress der Komintern hatte die Opposition keinen Zweifel daran, dass
Wijnkoop, den sie den hollän­dischen Levi nannten, durch „völlig despotische
und per­sönliche Methoden sich anschickte, die Oppositionsströ­mung
auszuschließen
(4)“. Sie konnte auf keinen Fall mit der Unterstützung der
anarchistischen, syndikalistischen NAS rechnen, die Hand in Hand mit der KPN
arbeitete. Wie für die KAPD und Pannekoek stand es außer Frage, eine
Oppositionsfront mit den revolutionären Syndikali­sten zu bilden, die die
Politik Moskaus kritisierten. Deut­lich stellte „De Roode Vaan“ die NAS und
Wijnkoop auf die gleiche Ebene: „Von einigen Ausnahmen abgesehen be­gehen
die Syndikalisten in allen Ländern einen Verrat. Sie sind Gegner des Rätesystems,
der Diktatur. Sie treten ein für einen zerstörerischen Pazifismus im Bereich
der Innen- und Außenpolitik“ (5)
. Die Zusammenarbeit mit der sozialde­mokratischen
Gewerkschaft Troelstras, der NVV, kün­digte einen Zusammenschluss mit dieser
an, was ein weite­rer Grund war dafür, dass die Opposition die NAS be­kämpfte.

Die Ankündigung
eines Zusammenschlusses zwischen der NAS und NVV sollte die Opposition jedoch
einige Zeit verschonen. Auf dem Oktoberkongress der KPN im Jahre 1920 hatte die
Führung der Partei eine Resolution vorge­schlagen, die die Auflösung der NAS in
der NVV gemäß den Richtlinien des 2. Kongresses der Komintern beab­sichtigte.
Aber nicht nur in der NAS, sondern auch in der KPN regte sich dagegen großer
Widerstand. Die große Mehrheit sprach sich gegen die Gewerkschaftspolitik
Moskaus aus und auch gegen van Ravesteyn, der dessen entschlossenster Anhänger war. Wijnkoop tat
so, als ob er die Beschlüsse des 2. Kongresses anwenden wollte, aber in
Wirklichkeit unterstützte er all jene, die aus unterschiedli­chen Gründen die
russische Politik kritisierten. Deshalb ließ er es auch zu, dass ein Artikel
Luteraans gegen die Politik der Komintern veröffentlicht wurde, was ganz un­gewöhnlich
war, denn er verfügte über eine absolute und despotische Kontrolle über „De
Tribune“. Luteraan hob den „Hauptfehler der 3. Internationale hervor, der darin
besteht, alle Länder der Linie Russlands zu unterwerfen“ (1). Sowohl von der
Mehrheit als auch von der Opposition angegriffen, wurde die Resolution als
„verfrüht“ vom Kon­gress erklärt und auf den nächsten Kongress verschoben.

Diese von
Wijnkoop verfolgte Taktik der Opposition war jedoch nur von kurzer Dauer.
Weniger Monate später verfügte er im April 1921 die Auflösung der Sektion in
Enschede. Diese hatte einen Antrag verfasst, in dem gefordert wurde, dass die
beiden Strömungen der Partei auf dem im Juni des Jahres stattfindenden 3.
Kongress der Komintern vertreten sein sollten. Die Opposition forderte nur,
dass die elementarsten Regeln der Arbeiterdemokra­tie angewandt werden sollten.
Durch die Auflösung der Sektion in Enschede und ihre Ersetzung durch eine neue,
„löste“ die Führung um Wijnkoop den Antrag der Sektion auf ihre Art. Diese
Angelegenheit war der Beginn einer wahren Hexenjagd gegen all diejenigen, die
sich mit der aufgelösten Sektion von Enschede solidarisierten. Lu­teraan wurde
im Mai 1921 aus der KPN ausgeschlossen. Aber Wijnkoop begnügte sich nicht
damit. Er zögerte nicht vor Verleumdungen gegen einen Genossen aus En­schede,
G. J. Geers (2), der mit 40 anderen Mitgliedern der Sektion ausgeschlossen
wurde. Ihm wurde vorgewor­fen, ein deutscher Spion zu sein, obgleich er sich
zum ent­sprechenden Zeitpunkt in Spanien befand. Aber seine ein­zige „Schuld“
bestand darin, dass er einer der Hauptre­dakteure der „Roode Vaan“ war. Alle,
die sich mit Lu­teraan und Geers solidarisierten, wurden ausgeschlossen. Dies
geschah auch mit den Genossen aus Zwolle im Juni. Man muss beachten, dass all
diese Ausschlüsse gegen die Statuten verstießen, da sie nicht von einem
Kongress der Partei, sondern von den Führungsgremien der KPN be­schlossen
worden waren. Alle Anträge der Ausgeschlosse­nen, ihren Ausschluss bis zum
nächsten Kongress der KPN aufzuheben, welcher im November stattfinden sollte,
wur­den verworfen. Die letzte Handlung Wijnkoops gegen die Opposition bestand
darin, die Nieuwe Tijd aus den Hän­den der Opposition zu reißen. Es gelang ihm
nicht, denn die Mehrheit der Redaktion, die die alte marxistische Zeitung in
ihren Händen hielt, weigerte sich. Sie wollte auch nicht die Führung Roland
Holst anvertrauen, der die Opposition auf eine sentimentale Art und Weise unter­stützte,
der aber aufgrund seiner ihm typischen Schwäche der Mehrheit folgte (3).
Schließlich erschien die letzte Nummer im Dez. 1921. In der Zwischenzeit hatte
Panne­koek die KPN verlassen, obgleich er bei der Redaktion der Nieuwe Tijd
weiter mitarbeitete, ohne gleichzeitig je­doch in die KAPN eingetreten zu sein,
die mittlerweile gegründet worden war.

Nach all dieser
Welle von Ausschlüssen, deren letzter der der Sektion in Deventer war - eine
Ironie der Geschichte, denn Deventer war das glorreiche Symbol der tribunisti­schen
Strömung, denn sie wurde hier zu Grabe getragen, - organisierte sich die
Opposition aktiv. Von den 2.000 Mi­litanten der KPN waren ungefähr 200
ausgeschlossen worden. Sie gründeten am 4. Sept. 1921 die Kommunisti­sche
Arbeiterpartei der Niederlande in Amersfort. Sie war in 10 Orten vertreten,
darunter Amsterdam und Rotter­dam. In der KPN gab es weitere Spaltungen (4).

b)
DER AUSSCHLUSS DER KOMMUNISTISCHEN LINKE BULGARIENS AUS DER KOMINTERN

Seit Mai 1919
hatte sich innerhalb der bulgarischen kom­munistischen Partei eine Opposition
herausgebildet. Die Bulgarische Kommunistische Partei zählte ungefähr 25.000
Mitglieder, von denen 2.000 Industriearbeiter wa­ren. Von ihrem
Gründungskongress an vertrat die Oppo­sition eine linkskommunistische Linie: Verwerfung
des Parlamentarismus, Verwerfung jeder Allianz mit der Bau­ernschaft, deren
politischer Repräsentant die Partei Stambuliskis war, der an der Spitze der
Regierung stand (1). Dies war einer der Gründe für den Ausschluss der Opposition
aus der Partei. Sie agierte somit sowohl außerhalb als auch innerhalb der
Partei. Im Sept. 1920 wur­den „in fast allen Industriezentren“
linkskommunistische Gruppen gegründet, die
unter der Führung des Journali­sten Ivan Gantschew eine Zeitung Iskra
(Der Funke) her­ausgaben. Diese Gruppen wählten damals ein provisori­sches
Zentralexekutivkomitee. Ihr Kampf gegen die Poli­tik der Zentrale der bulgarischen
KP wurde verschärft geführt, als die KP im Nov. 1920 - der Politik der Komin­tern
folgend, Bündnisse mit der linken Sozialdemokratie zu schließen - sich mit der
Mehrheit der Sozialdemokratie zusammenschloss. Dieser Zusammenschluss ergab
eine große Massenpartei mit 40.000 Mitgliedern, was in Anbe­tracht einer
150.000 starken Arbeiterklasse eine sehr große Zahl war. Weil sie sich einer
Politik des Bündnisses und damit auch der Führung der Partei entgegenstellten,
wurde eine Reihe von Arbeitern in den Industriezentren ausgeschlossen. Im
Frühjahr 1923 wuchs die Opposition von 1.000 auf 2.000 Mitglieder innerhalb und
außerhalb der Partei.

Die Opposition
wollte keinesfalls aus der Partei und der Komintern austreten. Zu diesem Zweck
schickten „linkskommunistische Gruppen der bulgarischen KP Dele­gierte nach
Moskau, um ein Mandat zu haben, das ihnen ermöglichte, zumindest mit beratender
Stimme am 3. Kon­gress der Komintern teilzunehmen
“. Vom März 1921 an
hielten sich bulgarische Delegierte in Moskau auf und ver­suchten mehrfach ein
Mandat zu erhalten - wie das im Falle der Opposition der VKPD der Fall gewesen
war, um sich voll am Kongress der Internationale zu beteiligen, der sie
angehörten (4). Dies wurde von Radek verweigert, aus dessen Sicht es keine
„bulgarische Frage“ gab. Nach dieser Ablehnung nahmen die Linkskommunisten
Kontakt mit den Delegierten der KAPD im Moskau im Juni-Juli auf, und schickten
gar Delegierte nach Berlin, um mit der Führung der KAPD Kontakt aufzunehmen und
auch an ihrem nächsten Kongress teilzunehmen.

Nachdem sie
praktisch aus der Komintern ausgeschlossen waren, blieb ihnen nichts anderes
übrig als eine eigene Partei zu gründen. Dies taten sie nach dem Kongress der
KAPD. In der Industriestadt Slivnu - ein bedeutendes Textilzentrum - wurde auf
einer Konferenz vom 7-10. Jan. 1922 die Kommunistische Arbeiterpartei
Bulgariens ge­gründet, deren Exekutivkomitee sich in Varna (5) befand. Die
Statuten der Partei sahen vor, dass 2/3 des zentralen Exekutivkomitees Arbeiter
sein sollten, und dass dies alle 3 Monate ersetzt werden sollten. Dies geschah
aus Angst vor einer Bürokratisierung und der Intellektuellen. Ihr Organ war die
„Rabotniceska Iskra“ (Arbeiterfunke), die von „einem Arbeiter herausgegeben“
wurde. Eine sehr „ouvrieristische“ Richtung einschlagend, hatte diese Partei,
die mehr als 1.000 Mitglieder umfasste und hauptsächlich aus Arbeitern
zusammengesetzt war, ein großes Miss­trauen gegenüber den Intellektuellen der
Partei.

C)
DER AUSSCHLUSS DER DEUTSCHEN KOMMU­NISTISCHEN LINKEN

All diese
Ausschlüsse waren mit der Zustimmung des Exekutivkomitees vollzogen worden,
auch in Holland, wo Wijnkoop zur Rechtfertigung des Ausschlusses der Oppo­sition
sich auf die Delegierten der VKPD beim Exekutiv­komitee der Komintern gestützt
hatte (6).

Die KAPD, die
nach Moskau mit der Hoffnung gekom­men war, die Politik der Komintern ändern zu
können, und auch ein eigenständiges Mitglied zu werden, nachdem die 21
Beitrittsbedingungen aufgehoben worden wären, musste sehr schnell eine
Enttäuschung erleben. Nachdem die Delegierten Kontakt mit den verschiedenen
Delegier­ten aufgenommen hatten, mussten sie erkennen, dass es keine Möglichkeit
gab, eine internationale Opposition in­nerhalb der Komintern zu schaffen. Die
fruchtbarsten Kontakte waren mit den Bulgaren, der Arbeiteropposition (1), den
Delegierten Mexikos, Luxemburgs, Belgiens, (van Overstraeten), Englands und
Glasgows (2) oder auch mit den Syndikalisten der spanischen CNT und den amerika­nischen
IWW hergestellt worden. Aber abgesehen von den Bulgaren weigerten sich alle
anderen, aus Angst vor dem Ausschluss der Internationale, eine organisierte Op­position
zu bilden. Die 5 Delegierten der KAPD (3) mussten sehr schnell erkennen: sie
standen allein auf wei­ter Flur, aber sie blieben bis zum Ende des Kongresses.
Dies war ein großer Unterschied im Vergleich zu der un­verantwortlichen Haltung
Rühles auf dem 2. Kongress.

"Wir
standen allein da. Wir mussten unsere Aufgabe der Gründung einer Opposition
fallen lassen. Aber wir konnten daraus nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass
die Arbeit der KAPD auf dem Kongress in Moskau nicht gerechtfertigt ge­wesen
wäre, und dass wir uns etwa so hätten verhalten sollen wie O. Rühle auf dem 2.
Kongress“ (4).

Mit großem Mut bemühte sich die KAPD, ihre
Positionen auf dem Kongress zu verteidigen. Zu allen Tagesord­nungspunkten
meldete sie sich zu Wort (Wirtschaftskrise und historischer Kurs, Gewerkschaften,
russische Frage, Märzaktion). Die Interventionen ihrer Delegierten, deren
Redezeit auf nur 10 Minuten beschränkt worden war, stießen auf Reaktionen wie
Lachen, Unterbrechungen oder gar Indifferenz. Die Tagesordnung wurde zu ihren
Ungunsten umgeschmissen. Ihre Thesen konnten auf dem Kongress nicht diskutiert
werden. Ihnen wurde verweigert - im Gegensatz zu einer Tradition in der
revolutionären Bewegung -, für die Opposition Gegenberichte zu den
Einleitungsberichten vorzutragen. Schließlich wurde ihr ein Ultimatum gestellt,
sich innerhalb der nächsten drei Monate mit der VKPD zusammenzuschließen, sonst
würde sie aus der Komintern ausgeschlossen. Die Dele­gierten der KAPD verwarfen
das Ultimatum. Obgleich das Zentralkomitee der Partei ihnen die „Vollmacht“ er­teilt hatte, um „sofort aus
der 3. Internationale auszutre­ten“, verhielten sich die Delegierten der KAPD
sehr ver­antwortlich. Sie verkündeten nicht den Austritt aus der Komintern,
weil sie wollten, dass sich die Gesamtheit der Partei ohne Vorurteile und ganz
überlegt eine Entschei­dung treffen sollte (5).

"Die
Delegation verwirft einstimmig das Fusionsultimatum der VKPD. Trotz unserer
Vollmacht dazu erklärten wir nicht den Austritt der KAPD aus der 3.
Internationale. Unsere Genossen werden selber Stellung beziehen. Sie werden
ihre Antwort auf den Entschluss geben, den Weg des Reformis­mus, des
Opportunismus eingeschlagen zu haben. Das in­ternationale Proletariat wird
diese Antwort hören. Wir haben unsere Entscheidung getroffen und sind uns voll
der Trag­weite und Schwere bewusst. Wir sind uns über unsere Ver­antwortung
gegenüber den deutschen Arbeitern, gegenüber Sowjetrussland, gegenüber der
Weltrevolution klar. Die Re­volution wird durch keine Resolution dieses
Kongresses an irgendetwas gebunden sein. Sie wird leben. Sie wird ihren Weg
fortsetzen. Wir gehen mit ihr, begleiten sie. Wir setzen unseren Weg in ihren
Diensten fort“.

Als revolutionäre
Strömung stand die KAPD vor einer schweren und schmerzhaften Wahl, auch
deshalb, weil sie sich auf die gesamte linkskommunistische Strömung aus­wirken
würde:

- entweder mit
der VKPD zusammengehen, wodurch man schnell als unabhängige Strömung untergehen
werde, denn die Führung dieser Partei würde entsprechende Ma­növer gegen sie
einleiten. Die Möglichkeit der Bildung ei­ner Fraktion erwies sich praktisch
als nicht gegeben, dies hatte jedenfalls das Beispiel der holländischen KP
gezeigt.

- oder sie würde
zu einer externen Fraktion der Interna­tionale werden, wie es später die
Bordigisten taten, mit der Absicht, die Komintern wieder zu erobern und auch
die deutsche VKPD, wobei sich andere größere Fraktionen gleichzeitig bilden
müssten,

- oder sie könnte
als Gründungsteil einer organisierten linkskommunistischen Strömung auftreten,
die internatio­nal und zentralisiert handelte, und dass man auf die Be­dingungen
der Gründung einer neuen kommunistischen Internationale hinarbeiten würde,

- oder sie würde sich ganz künstlich und
ohne Berücksich­tigung der subjektiven Bedingungen für die Bildung und Gründung
einer neuen 4. Internationale entscheiden.

Die zu treffende
Entscheidung hing von einer klaren Analyse der internationalen Lage und des
historischen Kurses ab, sowie von einer theoretisch untermauerten Einschätzung
des Wesens der russischen Revolution und der Komintern. In Anbetracht des
anstehenden außerordentlichen Kongresses der KAPD, der 2 Monate nach dem 3.
Kongress der Komintern stattfinden sollte, war eine Klärung innerhalb der
deutsch-holländischen Strömung dringend erforderlich, die aber nicht überstürzt
sein dürfte.

Aber die Führung
der KAPD - die stark von Gorter be­einflusst war - ließ sich vom Juli 1921 an
in überstürzte Entscheidungen treiben. Trotz des Widerstands der Ver­treter aus
Hannover und Ostsachsen, trotz der Enthaltung des größten Parteibezirks - des
„Großberlins“ - entschied sich die Führung der Partei unter Schröders Einfluss
für die Annahme einer Resolution, die den Bruch mit der 3. Internationale
verkündete. Schwerer wiegend als diese außerhalb des Rahmens eines Kongresses
getroffene Ent­scheidung war der Beschluss, auf die „Errichtung einer
Kommunistischen Arbeiterinternationale“ hinzuarbeiten. Die Resolution wurde als
ein „Votum“ der Führung der KAPD hingestellt:

"Der
Zentralausschuss ist der Auffassung, dass durch den Verlauf des 3.
Weltkongresses im Prinzip der Bruch mit der Moskauer Internationale vollzogen
ist.

Der
Zentralausschuss erblickt mit Rücksicht auf die Not­wendigkeit des
internationalen Klassenkampfes den Aufbau einer kommunistischen Arbeiter-Internationale
für die drin­gendste Aufgabe des revolutionären Welt-Proletariats. Der
Zentralausschuss ist weiterhin der Auffassung, dass Grund­sätze, Taktik und
Organisationsform dieser kommunisti­schen Arbeiter-Internationale angepasst
sein müssen den Kampfbedingungen der proletarischen Revolution.

2.
Der Zentralausschuss erklärt, dass unsere Politik gegenüber der russischen
Sowjetregierung bestimmt wird durch deren jeweilige Haltung. Wenn die
Sowjetregierung auftritt als Kampffaktor der proletarischen Revolution, muss
die KAPD sie durch aktive Solidarität unterstützen. Dort, wo sie diesen Boden
verlässt und als Sachwalterin der bürgerlichen Revo­lution erscheint, muss sie
von der KAPD ebenso entschieden bekämpft werden“

Die russische Frage - proletarische
Revolution oder Dop­pelrevolution - stand sehr wohl im Mittelpunkt der De­batten
innerhalb der KAPD.

3.
GORTER, DIE KAPD UND DIE BILDUNG DER KAI

Gorter und die
Holländer - mit Ausnahme von Panne­koek, der sich aus wenig ersichtlichen
Gründen 1927 aus der Politik zurückzog (2) - beteiligten sich sehr aktiv an den
Debatten der KAPD. Aber im Gegensatz zu den Jah­ren 1919 und 1920 erwies sich
diese Aktivität als eher ne­gativ für die KAPD, denn sie brachte viele
Verwirrungen in ihren Reihen hervor.

a) DIE RUSSISCHE FRAGE:
STAATSKAPITALISMUS, PARTEI UND INTERNATIONALE

Erst spät machten die holländischen
Theoretiker eine kri­tische Einschätzung des Verlaufs der russischen Revolu­tion.
Bis 1920 meinten sie, die russische Revolution orien­tiere sich hin zum
Kommunismus. Sie unterschieden ge­nau die Politik der bolschewistischen Partei
in der Inter­nationale von der Wirtschaftspolitik, die sie und der Staat betrieben.
Pannekoek meinte, in Russland „gibt es in der Industrie in Anbetracht einer
sehr stark zentralisierten Wirt­schaft keine Form der Ausbeutung“ - obwohl die
Bolsche­wiki dies aufgrund des vorübergehenden Charakters der NEP nicht
behaupteten. Und er zog daraus die Schlussfol­gerung, Russland würde die
Dekadenz des Kapitalismus „aushalten“ können. Im Gegensatz, es war dabei, in
eine neue Zivilisationsstufe einzutreten, die es „zu einem Zen­trum der neuen
weltkommunistischen Ordnung“ werden ließ (1). Während Pannekoek die Gefahr
einer „neuen Büro­kratie“ hervorhob, fasste er diese jedoch nicht als den Trä­ger
der Konterrevolution auf. Aus seiner Sicht kam die Gefahr der Konterrevolution
hauptsächlich von Außen: Abfinden des Sowjetstaates in einem Modus vivendi mit
dem Weltkapitalismus und gegenseitigen übereinkommen mittels Diplomatie. Von
Staatskapitalismus ist bei ihm noch
nicht die Rede. Aus der Sicht Gorters und Panneko­eks war die russische
Revolution proletarisch gewesen, genauso wie es die bolschewistische Partei
war.

Gorter wiederum
meinte schon ab 1918, dass die Todes­gefahr für die Russische Revolution in
Gestalt der Bau­ernschaft auftrete. In einem Brief an Pannekoek schrieb er:
„Die größte Gefahr für das Sowjetrussland besteht nicht in der Konterrevolution
und auch vielleicht nicht in der En­tente, sondern sie kommt von den Bauern“
(2). Diese Zwangsvorstellung von den Bauern als einzigem konterre­volutionären
Faktor tauchte auch 1921 wieder auf nach der Niederschlagung des Aufstands der
Arbeiter und Ma­trosen von Kronstadt und nach Einführung der NEP. Eine
Broschüre der KAPD griff dies eingehend auf: „Die Mos­kauer Internationale“
(3). Gorters Untersuchung des We­sens des russischen Staates und der Komintern
war rein phänomenologisch. Aus seiner Sicht war der russische Staat
„kleinbürgerlich“ geworden, genauso wie auch die 3. Internationale. Die
russische Revolution wurde zu einer Doppelrevolution: „zu einem kleinen Teil
proletarisch kommunistisch, zum großen Teil demokratisch-bäuerlich“. Solch eine
zumindest überstürzte Analyse stand im Ge­gensatz zu den Aussagen und Methoden
des Marxismus. Die Bauernschaft genauso wenig wie das Kleinbürgertum im
Allgemeinen sind keine wirkliche Klasse, sondern eine Gesamtheit von
heterogenen Schichten, die zwischen Proletariat und Bourgeoisie hin- und
herschwanken. Wäh­rend es zwar in der Geschichte unzählige Bauernrevolten
gegeben hat, ist daraus nie eine Bauernrevolution mit ei­nem eigenen Staat
hervorgegangen. Aus marxistischer Sicht gibt es nur zwei Staatsformen im
Kapitalismus, den bürgerlichen Staat und den Übergangsstaat, der unter der
Kontrolle der Arbeiterklasse steht. Die proletarische Re­volution kann
entarten, bis sie gar verschwindet, aber kei­nesfalls kann sie sich in eine
bürgerliche Revolution um­wandeln. Alle Marxisten der damaligen Zeit, auch
Gorter und Pannekoek, hatten übrigens mit Rosa Luxemburg betont, dass der
Zeitraum der bürgerlichen Revolutionen abgeschlossen war. Aber keinesfalls
hielten sie eine „kleinbürgerliche Revolution“ für möglich. Hinsichtlich des
Vorwurfs des kleinbürgerlichen Charakters der Komintern, kann man sich kaum vorstellen,
dass das Kleinbürgertum, zusammen mit der Heerschar der an die Nation
gebundenen Schichten, eine Internationale auf die Beine stellen kann. Es stimmt
zwar, dass die Komintern dieser, im revolutionären Lager „neuen“ Idee Vorschub
leisten konnte, als sie eine „Bauerninternationale“ schuf (4).

Eine ernsthaftere
Diskussion entwickelte sich innerhalb der KAPD im Hinblick auf den
außerordentlichen Kon­gress der Partei zur russischen Frage. Auf dessen Grund­lage
wurde eine Broschüre veröffentlicht, die von einem Mitglied des
Zentralausschusses, Adolf Dethmann (2), verfasst worden war, der für die
Wissenschaftsschule der Partei verantwortlich war und der Fraktion um Schröder
und Gorter verbunden war: „Die sowjetische Regierung und die 3. Internationale
im Schlepptau der internationa­len Bourgeoisie“. Die Broschüre, die im August
gedruckt wurde, womit wenig Zeit vorhanden war für den Kongress, der im September
stattfand, wurde von Gorter ins hollän­dische übersetzt. Sie diente als
Bezugspunkt für die ganze linkskommunistische Bewegung, von den Holländern bis
zu den Bulgaren. Gorter stützte sich später in großem Masse auf diese Thesen,
um sie zu den Grundlagen der KAI zu machen (6).

Um den
konterrevolutionären Kurs zu erklären, der vom Staat eingeschlagen und von der
bolschewistischen Partei verfolgt wurde,
definierte die KAPD die russische Revo­lution als eine Doppelrevolution:
sie sei gleichzeitig sowohl eine bürgerliche als auch eine proletarische Re­volution
gewesen. Diese Auffassung, die von der bordigi­stischen Strömung nach 1945 (7)
weitgehend wieder auf­gegriffen und weiterentwickelt wurde, konnte sich zum
Teil auf Texte Lenins und der Bolschewiki stützen, die implizit von einem
doppelten Charakter der Revolution sprachen: „demokratisch-bürgerlich“ und
„proletarisch“ (8). Die Revolution sei eine Doppelrevolution gewesen, weil sie
einerseits den Feudalismus abschaffe, um den Ka­pitalismus auf dem Lande
einzuführen; andererseits schuf das Proletariat in den Städten den Kapitalismus
ab: „In den Großstädten war es der Übergang zum Sozialismus, auf dem flachen
Land der Übergang vom Feudalismus in den Kapitalismus. In den Großstädten
vollzog sich die proletari­sche, auf dem Lande die bürgerliche Revolution“ (
S.
7).

Aus der Sicht der
KAPD war die russische Revolution ein „Kompromiss zwischen zwei Revolutionen“
(S. 17). Die Leibeigenen auf dem Lande schlossen sich mit dem Pro­letariat
gegen die „Feudaladligen“ zusammen. Und indem diese gleichen Leibeigenen das
Land besetzten, stellten sie die „bürgerliche Klasse“ dar. Diese Auffassung
stand außerhalb der historischen Wirklichkeit, da die Leibeigen­schaft seit dem
Ende des 19. Jahrhunderts abgeschafft worden war, und das Land seit Stolipine
vom Kapitalismus durchdrungen war. Darüber hinaus konnte man den Grossteil der
Bauernschaft, die wirtschaftlich zu rückstän­dig war, kaum als eine Bourgeoisie
betrachten. Die KAPD suchte die Bourgeoisie dort, wo es sie nicht zu finden gab. Die Bürokratie wurde aufgrund
ihrer gesellschaftlichen Zusammensetzung untersucht und nicht aufgrund ihrer
Funktion in den Produktionsverhältnissen: der Bürokra­tismus sei ein Ausdruck
des Kleinbürgertums auf der Grundlage einer Mangelwirtschaft und nicht aufgrund
ei­ner bürgerlichen Funktion.

Im Unterschied zu
den Rätekommunisten der 30er Jahre meinten die KAPD und Gorter keineswegs, die
russische Revolution sei eine bürgerliche Revolution gewesen. Dies konnte nur
einen Rückschritt darstellen. Die Phase der proletarischen Revolution stand in
Russland auf der Ta­gesordnung, aber sie sei zugunsten des bürgerlichen Staates
ausgelöscht worden, womit sei der unteren Stufe der bürgerlichen Revolution
entsprach (1): „Aus dem pro­letarischen Sowjetrussland des roten Oktobers
beginnt ein bürgerlicher Staat zu werden“ (ebenda, S. 15).

"Das
russische Proletariat hat damit bereits seinen Staat aus den Händen verloren“
(S.22)

Folglich wurde
Sowjetrussland zu einem Stützpunkt der internationalen Konterrevolution. Diese
Position stellte die Verteidigung Sowjetrusslands infrage. Denn „von Fall zu
Fall“ müsste die Möglichkeit seiner Verteidigung über­prüft werden; seine
Regierung sollte durch das Weltpro­letariat verteidigt werden, wenn sie „zusammen
mit dem russischen Industrieproletariat gegen den gemeinsamen re­aktionären
Feind, den Feudaladel, kämpft. (Das Proleta­riat) hat ihr aber jede Hilfe zu
versagen, wo sie als Vertrete­rin des inzwischen zur herrschenden Klasse gewordenen
Bürger- und Bauerntum im Gegensatz zum russischen Pro­letariat gerät“ (S. 25).

Trotz der
Konterrevolution betonte die KAPD, dass die Lehren der russischen
proletarischen Revolution für die ganze Welt gültig blieben. Sie würden in
einer zukünftigen russischen Revolution, in der man den Kapitalismus über Bord
werfe, angewendet und gültig bleiben.

"Das
revolutionäre Proletariat der ganzen Welt verdankt dem russischen Proletariat
Unendliches. Das russische Pro­letariat hat ihm die Wege und Methoden
(Massenstreik und Aufstand) gewiesen, die zur politischen Macht führen; es hat
ihm zugleich die Form des proletarischen Staates, die Ar­beiterräte,
aufgezeigt. Das ist die große Tat, der alles überra­gende Erfolg der russischen
Revolution“ (ebenda, S. 28).

Der
zweite Punkt, der von der Broschüre Dethmanns auf­gegriffen wurde, war die
Haltung, die die KAPD gegen­über der Russischen Kommunistischen Partei haben
sollte. Dies war bislang ungewiss. Einerseits ging man im­plizit davon aus,
dass, obgleich die bolschewistische Partei in ih­rem Niedergang steckte, sie noch fähig war, proletarische Fraktionen
hervorzubringen. Die KAPD rechnete stark mit der russischen Arbeiteropposition,
damit es zu einer Abspaltung einer zweiten proletarischen Partei komme.
Andererseits erschien die russische Partei so, als ob sie endgültig in das
Lager der Bourgeoisie übergewechselt war. Aber auf seltsame Weise erschien
Lenin der KAPD - und hier kann man den ganzen Einfluss Gorters merken - als der
„Repräsentant der russischen Bauern, mit anderen Worten der internationalen
Bourgeoisie“ (S. 29).

Das gleiche
Unverständnis des schrittweisen Prozesses des Niedergangs fand man bei der
Analyse der 3. Internatio­nale. Sie wurde endgültig für tot erklärt, weil sie
sich voll­ständig dem russischen bürgerlichen Staat unterworfen habe „Die 3.
Internationale ist für die proletarische Weltre­volution verloren. Sie befindet
sich ebenso wie die 2. Inter­nationale in den Händen des Bürgertums. Der ganze
Unter­schied zwischen beiden besteht nur darin, dass die 2. Inter­nationale in
ihren einzelnen nationalen Parteien abhängig ist von den einzelnen bürgerlichen
Staaten, während die 3. Internationale in ihrer Gesamtheit abhängig ist von einem
einzigen bürgerlichen Staat“ (ebenda, S. 30).

Am schlimmsten
war, dass die KAPD alle Sektionen der Komintern als verloren betrachtete. Dies
bedeutete dem­zufolge, dass aus ihren Reihen keine revolutionären Frak­tionen
hervorgehen könnten, auch nicht aus ihren natio­nalen Sektionen. Wenn die
„einzelnen Sektionen“ der Komintern nur als „politische Hilfsgruppen in den
Händen der bürgerlichen sowjetischen Regierung sind“ (S. 32), dann fiel die
ganze Politik der KAPD, Oppositionsgrup­pen zu bilden, in sich zusammen. Im Gegensatz
zur Wirk­lichkeit stellten sie die belgische, mexikanische und italie­nische
Partei als „Hilfstruppen“ im Dienste des Aufbaus des russischen Kapitals
dar. Tatsächlich wollten sie damit eine theoretische Rechtfertigung für die
Aufbau einer 4. Internationale liefern.

b) DER AUSSERORDENTLICHE KONGRESS DER
KAPD (11-14 Sept. 1921) UND DIE FRAGE DER BIL­DUNG EINER KAI

Der Kongress der
KAPD verwarf einstimmig - die Dele­gierten Großberlins, die der Führung der
Partei ableh­nend gegenüberstanden eingeschlossen - das Ultimatum des 3.
Kongresses der Komintern und beschloss den sofor­tigen Austritt aus der
Komintern als sympathisierende Partei. Er unterstützte die Haltung der
Delegierten und beschloss, ein Manifest an die Arbeiter der ganzen Welt zu
verfassen. Schließlich stimmte er prinzipiell einer an Be­dingungen geknüpften
Solidarität mit dem russischen Staat zu (1).

Aber die Frage
der schnellen Gründung einer kommuni­stischen Arbeiterinternationale war
aufgeworfen worden, ohne gelöst geworden zu sein. Gorter hielt sich seit Juli
in Berlin auf, wo er mindestens bis zum Kongress blieb, um sein ganzes Gewicht
in die Waagschale zu werfen. Er ver­suchte (2), die Opposition Berlins und das
Zögern Schrö­ders, der pessimistisch geblieben war, zu überwinden(3). Am
16. Aug. sprach Gorter auf einer Sitzung des erwei­terten Zentralausschusses in
Berlin energisch zugunsten einer neuen kommunistischen Internationale. Berlin
blieb unerschütterlich und sprach sich dagegen aus, während die anderen Bezirke
zögerten und einige deren Gründung als „wünschenswert“ betrachteten (4). Die
Berliner leugneten nicht deren Notwendigkeit, aber sie wollten den Moment
abwarten, wenn die KAI „von unten“ entstehe. Auf keinen Fall sollte solch eine
Organisation „von oben“ aufgezwun­gen werden.

Der
außergewöhnliche Kongress konnte in der Partei nicht für ausreichend Klarheit
sorgen. Gorter, der mit drei an­deren Delegierten aus Holland (5) gekommen
war, äußerte sich als erster in einer
langen Intervention (6). Er meinte, dass „die Situation noch so revolutionär
war wie vor einigen Jahren“, und dass andererseits der Kampf für die KAI
„wesentlich schwieriger“ geworden sei. Während man nur versuchen könnte „erneut
gegen den Strom zu schwimmen“, blieb noch ungeklärt, welchen Daseinsgrund
und welche Glaubwürdigkeit dann eine
KAI, die in einer Zeit konterrevolutionärer Entwicklung gegründet worden war,
hätte? Was sollte heißen, wenn Dethmann davon sprach, dass die KAI in den Ländern
gegründet werden sollte, die mit dem bürgerlichen deutschen Staat verbün­det
waren? Die Delegierten der Opposition vermochten keine klare Antwort zu geben.
Einige behaupteten, dass KAPs nur in den unterentwickelten Ländern gegründet
werden könnten, in denen der Parlamentarismus der Phase der bürgerlichen
Revolution entsprach und als sol­cher als Mittel benutzt werden könnte. Andere
meinten, dass die Bedingungen für die Bildung einer KAI darin be­stünden, dass
die russische Regierung sich aus der Staats­macht zurückziehe (7). Eine
Minderheit meinte, eine Op­position mit den revolutionären Syndikalisten sei
auch möglich. Viel klarer war der Repräsentant Berlins, Adam Scharrer (8), der
von Jan Appel unterstützt wurde, und der im Zentralausschuss in der Minderheit
war. Wohl überlegt meinte er, es sei notwendig, die Sachen reifen zu lassen,
keine Internationale zu gründen, bevor die links­kommunistischen Gruppen die
Komintern verlassen hät­ten, keine neue Internationale künstlich seitens der
KAPD zu gründen.

Aber trotz der
Opposition Berlins und Bremerhavens be­schlossen die Delegierten des Kongresses
- insbesondere die aus Rheinland - Westfalen - dem Prinzip der Grün­dung einer
KAI zuzustimmen. Schröders, Dethmanns und Goldsteins Vorschlag, ein Büro der Information und der
internationalen Organisation zu gründen, wurde von der Mehrheit angenommen. Die
Führung um Schröder, der Gorter bei diesem Abenteuer auf Schritt und Tritt
folgte, ging weit über ihr Mandat hinaus. Sie handelte, als ob die KAI schon
gegründet worden wäre: „PROLETARIER“, die theoretische Zeitschrift der KAPD
wurde zu der Zeit­schrift der KAI.

Am
überraschendsten war, dass die KAI faktisch verkün­det wurde, bevor sie
offiziell gegründet worden war. Die Gruppe um Sylvia Pankhurst - die im Sept.
1921 aus der KP GB's ausgeschlossen worden war - hatte angekündigt, dass ca.
500 ihrer Mitglieder in die KAI am 8. Okt. eintre­ten würden. Neben den
Bulgaren stellte die Gruppe um Pankhurst den Grossteil einer liliputanischen
internatio­nalen Armee dar. 200 Genossen in Holland, dann ein kleiner Kern in
Jugoslawien (1) unterstützten die „großen Sektionen“ der KAI. Die
Oppositionsgruppen in Belgien, Italien, Frankreich, Österreich, den USA, die
bereit wa­ren, der KAI beizutreten, hatten kaum eine wirkliche Exi­stenz.

c)
DIE VERWERFUNG DER WIRTSCHAFTSKÄMPFE

Die Unterschiede
zwischen dem Berliner Bezirk und der Fraktion um Schröder, der den
Exekutivausschuss der Partei und das Internationale Büro kontrollierte, waren
so groß, dass die Spaltung zwischen der
„Spitze“ und der „Basis“ der KAPD immer näher rückte. Aber die Spaltung vollzog
sich dann nicht um die Frage der Gründung der KAI. Sie wurde herbeigeführt
aufgrund von Divergenzen hinsichtlich der Intervention in den unmittelbaren
Wirt­schaftskämpfen, aber auch wegen bürokratischer Manöver um die
Schröder-Gruppe.

Anfang Januar des
Jahres 1922 veröffentlichte das „Theoretikertriumvirat“ der KAI - Schröder,
Goldstein und Dethmann - im „Kampfruf“, dem Organ der AAU in Berlin, eine
Artikelreihe (2) über die Rolle der Unionen (AAU) im Klassenkampf. Darin stand,
dass „zur Zeit der Todeskrise des Kapitalismus“
die Lohnkämpfe „opportunistisch“ seien und keinen Sinn mehr machten. Die
in der AAU organisierten Arbeiter sollten gemeinsam für die Revolution kämpfen.
Die Lohnkämpfe seien zu ei­ner „privaten“ Angelegenheit eines jeden einzeln
Arbeiters geworden.

"Reformismus
ist der Kampf innerhalb des Kapitalismus um bessere Lohn- und
Arbeitsbedingungen, m.a.W. der Kampf um einen größeren Anteil am
Privateigentum. Diesen Kampf führt der einzelne Proletarier in Konkurrenz mit
den anderen Einzelmenschen in seinem Interesse als Einzelmensch. Die
Gewerkschaften sind die Interessenvertretung des einzelnen Arbeiters innerhalb
des Kapitalismus.

Die Allgemeine
Arbeiter-Union organisiert die proletarische Klasse zu dem alleinigen Zwecke
der direkten Beseitigung des Kapitalismus als System; die persönliche
Interessens­vertretungen des einzelnen Arbeiters innerhalb des Kapita­lismus
geht sie gar nichts an. Die Tatsache, dass sie (die Ar­beiter) in diesem
Augenblick und mit diesem Schritt die organisatorische Vertretung ihrer
persönlichen Einzelinteressen innerhalb des Kapitalismus aufgeben, diese in
Zukunft al­lein ohne eine Organisation für diesen Zweck wahren müs­sen. Mögen
die Gewerkschaften ihren Daseinszweck darin sehen, dem einzelnen Bourgeois für
den einzelnen Proleta­rier mehr Privateigentum abzugewinnen und das persönliche
Interesse jedes einzelnen Proletariers und Kleinbürgers an der Verteilung des
bürgerlichen Privateigentums zu vertreten.

Wird ein Unionist
in einen kapitalistischen Betrieb einge­stellt, so schließt er als einzelner
Arbeiter mit dem Unter­nehmer einen Privatvertrag, in welchem die Lohn- und Ar­beitsbedingungen
vereinbart werden. Befindet er sich in ei­nem Betrieb und reicht der Lohn
infolge der steten Steige­rung der Preise zur Erhaltung seiner nackten Existenz
nicht mehr aus, so geht er erneut als einzelner Arbeiter zu dem Unternehmer mit
dem Verlangen einer Änderung seines Pri­vatvertrages in Form der Verbesserung
seiner Lohn- und Ar­beitsbedingungen...

Gewährt der
Unternehmer diese nicht, so stehen dem Unio­nisten als einzelnem Arbeiter im
Betriebe eine Reihe von Mitteln zur Verfügung, um sein Verlangen durchzusetzen,
wie z.B. Streik und passive Resistenz“ ("Die Kommunisti­sche
Arbeiterinternationale“, 1922, S. 8).

Diese, dem
Marxismus fremde Auffassung, war nicht neu. Sie wurde schon von den
Proudhonisten vertreten, die die Notwendigkeit von wirtschaftlichen Lohnkämpfen
leug­neten, wie auch von den einzelnen Anarchisten, die für den Streik und den
Einzelwiderstand gegen die kapitalisti­sche Ausbeutung eintraten. Die Tendenz
um Schröder-Dethmann-Goldstein - mit einer eingeschränkten Unter­stützung der
Holländer und Gorters (1) - verfiel ihrer ei­genen Ungeduld. Sie wollten eine
theoretische Rechtferti­gung für die Existenz der KAI liefern, als sie
behaupteten, nur revolutionäre Kämpfe für die Eroberung der Macht stünden auf
der Tagesordnung. Wie oft in der Geschichte der revolutionären Bewegung
entstand diese Ungeduld in einer Zeit des Rückflusses des Klassenkampfes. Und
sie stützte sich auf intellektuelle Elemente, die dazu neigten, wenn sie nicht
gar Verachtung hatten, die sehr materielle Wirklichkeit des alltäglichen
Forderungskampfes zu un­terschätzen. Nachdem sie anfänglich die Arbeiter
verherr­licht hatten, als der
revolutionäre Klassenkampf gut sichtbar war, waren diese Elemente nun
enttäuscht, und sie meinten, dass die Arbeiter „egoistisch“ seien, wenn sie für
ihre materiellen Forderungen kämpfen, weil sie somit nur einen „größeren Teil
des Privateigentums“ für sich be­anspruchen. Sie seien irgendwie eine „Klasse
für das Ka­pital“ (2), wenn sie sich auf das Niveau der Lohnkämpfe herabsinken
ließen, die als „opportunistisch und reformi­stisch“ bezeichnet wurden.

Die Verwerfung
der Wirtschaftskämpfe und der Theorie des „Einzelarbeiters“ durch diesen Teil
der KAPD, der die Führung innehielt, hatte sehr schädliche Folgen, die gar
zerstörerisch auf das Leben der Partei und der Revolution wirkten:

- Die Trennung
zwischen Wirtschaftskämpfen und revolu­tionären Kämpfen verurteilte die KAPD
dazu, als Partei nur in der Zeit offener revolutionärer Kämpfe zu beste­hen. In
einer Zeit des Rückflusses hätte sie nur eine Funktion der Propaganda, und sie
würde sich in einen einfachen Kreis umwandeln, der nicht in den Klassen­kämpfen
als Organisation intervenierte, die den Kämpfen eine Führung zu verleihen
suchte. Auch die AAU selber hatte nur noch eine Propagandafunktion für die
Revolu­tion, da - der Auffassung der zukünftigen Essener Ten­denz zufolge - die
Unionsanhänger nur individuell in den Wirtschaftskämpfen intervenierten. Daraus
folgte, dass die AAU nichts anderes als nur eine zweite Partei war, und als
solche war sie unnütz. Darin bestand die ganze Zwei­deutigkeit und Verwirrung
bei der Existenz von Unionen, die sowohl politische Organe als auch
Organisationen des Wirtschaftskampfes waren (3).

- Aber wenn die
KAPD und die AAU eine Politik der „Neutralität“ und Gleichgültigkeit gegenüber
den Forde­rungskämpfen vertraten, dann liefen sie Gefahr, objektiv eine
„Streikbrecherrolle“ zu spielen. Die „Neutralität“ ge­genüber dem Ausbruch von
Forderungsstreiks wurde zu einer „Neutralität“ und Gleichgültigkeit gegenüber
dem Klassenfeind (4). Wenn die Arbeiter der Meinung der Tendenz um Schröder
folgten und den Forderungskämp­fen fernblieben, würde das mit Sicherheit zu
einer Nie­derlage der Arbeiterklasse und zum Sieg der Konterrevo­lution führen.
Der Geschäftsführende Hauptausschuss (GHA), der von der Berliner Opposition
angeführt wurde, unterstrich dies mit Nachdruck: „Arbeiter, die unfähig sind,
solche Kämpfe zu führen, und die in den Konflikten mit dem Kapital feige sind,
sind natürlich nicht dazu in der Lage, einen Kampf um die Macht zu führen“ (5).

- Schließlich
nahm die Tendenz um Schröder eine unklare Haltung gegenüber dem Wesen der
Gewerkschaften an, die von den Linkskommunisten als konterrevolutionär be­zeichnet
wurden. Wenn die Gewerkschaften wirklich die „Interessen des Einzelarbeiters“
vertreten, dann würden sie weiter ein proletarisches Wesen haben. Dies stand im
Widerspruch zur Theorie der KAPD und der Holländer, die den Kampf gegen die
Gewerkschaften durch die Tat­sache rechtfertigt hatten, dass selbst in der Zeit
des Nie­dergangs des Kapitalismus seit 1914 die gewerkschaftliche
Organisationsform nicht mehr dazu in der Lage ist, die grundlegendsten
Wirtschaftsinteressen der Arbeiter zu verteidigen. Diese Sorge des GHA und des Berliner Be­zirks,
sozialdemokratische Auffassungen wieder durchs Seitenfenster sich einschleichen
zu sehen, nachdem sie ge­rade durch die Vordertür rausgeschmissen worden waren,
war nicht unbegründet. Viele Führer der zukünftigen Es­sener Tendenz schlossen
sich später der SPD oder der KPD an (siehe weiter unten).

4) DIE SPALTUNG DER KAPD UND IHRE
INTERNA­TIONALEN KONSEQUENZEN

a)
DIE SPALTUNG IM MÄRZ 1922

Innerhalb weniger
Monate hatten es die Mehrheit der Berliner Sektion und der GHA geschafft, die
Mehrheit der Partei auf ihre Seite zu ziehen. Viele Mitglieder ver­warfen die
besorgniserregenden Folgen der Theorie des „Einzelarbeiters“. Stattdessen
standen sie dem Projekt der Bildung einer KAI viel offener gegenüber. Die
Politik der Gruppe um Schröder war folgenreich gewesen für die KAPD. Ihre
Mitgliederzahl war von ungefähr 40.000 auf 5.000 gesunken (1). Viele Arbeiter
hatten die Partei ver­lassen, um sich entweder aus politischen Aktivitäten ganz
zurückzuziehen, oder um sich der KPD anzuschließen, oder um ausschließlich im
Rahmen der AAU aktiv zu sein, oder um der neu gegründeten, von Rühle beeinfluss­ten
rivalisierenden AAU (Einheit) beizutreten.

Aber obgleich die
Tendenz um Schröder sich in der Min­derheit befand, verfügte sie in den
höchsten Organen der KAPD über die Mehrheit: im Zentralausschuss, das aus
Stellvertretern verschiedener Wirtschaftsbezirke der Par­tei zusammengesetzt
war. Aufgrund eines unsinnigen Ab­satzes der Statuten verfügte jeder Bezirk
unabhängig von seiner Größe über ein Mandat. Somit waren die vielen kleineren
Bezirke im Zentralkomitee überrepräsentiert.

Berlin, wo es fast
die Hälfte aller Mitglieder der KAPD gab, verfügte so nur über ein Mandat von
insgesamt 12. Der Zentralausschuss sowie der GHA (9 Mitglieder) bil­dete den
erweiterten Zentralausschuss, das höchste Organ der KAPD (2). Die Gruppe um
Schröder, die an dessen sowie auch an der Spitze des Internationalen Büros
stand, verfügte über eine Mehrheit, die sich auf die kleineren Bezirke stützte,
die sie geschickt auf ihre Linie einge­schwenkt hatte. Deshalb schlugen Berlin
und der GHA auf der Sitzung des erweiterten Zentralausschusses vom 5. März eine
Änderung des Delegiertenschlüssels vor: für jeweils 100 Mitglieder ein Mandat
anstatt ein Mandat für jeweils einen Bezirk. Dieser Vorschlag wurde mit 7 zu 5
Stimmen verworfen. Nur die Bezirke hatten darüber abge­stimmt. Der GHA hatte
sich der Stimme enthalten; um nicht die Prinzipien einer „proletarischen
Demokratie“ zu verletzen. Die Führung um Schröder erhielt dadurch eine
künstliche Mehrheit. Dadurch konnte diese aufgrund der Mehrheitsverhältnisse zu
einer Konferenz im April 1921 aufrufen, um dort sofort die KAI zu gründen.
Dabei stimmten 14 Delegierte dafür, 5 dagegen, ohne dass vorher ein Kongress
der Partei einberufen worden wäre. Als sehr schwerwiegend erwies sich die
Verwerfung der Lohn­kämpfe als „konterrevolutionär“ durch den erweiterten
Zentralausschuss.

In Anbetracht
dieser Lage setzte der Berliner Bezirk die Berliner Zentrale ab und schloss
Schröder, Goldstein, Rei­chenbach, E. Sachs, Gottberg und Dethmann aus. Karl
Schröder und seiner Anhänger bildeten sofort einen neuen GHA, der sich in Essen
niederließ (4). Dieser be­schloss wiederum, dass der Berliner Bezirk „wegen
Refor­mismus aus der Partei ausgeschlossen“ werden sollte. Eine Minderheit von
450 Mitgliedern meinte, eine Mehrheit von 1.000 Mitgliedern der KAPD
ausschließen zu können. Damit war die Spaltung zwischen der Berliner Tendenz,
die in ganz Deutschland ca. 2.000 Mitglieder besaß, und der Essener Tendenz,
die zahlenmäßig schwächer war, aber vor allem im Rheinland und Ruhrgebiet und
in Mit­teldeutschland vertreten war, vollzogen. Von den 12.000 Mitgliedern der
AAU schlossen sich nur 600 der Essener Tendenz an. Die Spaltung hatte für die
KAPD katastro­phale Folgen: die Zahl ihrer Mitglieder war noch weiter gesunken.
Aber am schlimmsten war, dass es gleichzeitig zwei Zeitungen mit dem gleichen
Namen gab, zwei AAUs, die den „Kampfruf“ veröffentlichten. Damit waren politi­sche
Verhaltensweisen eingeführt worden, die später in der bordigistischen Strömung
(1) weit verbreitet wurden.

Auf einer
Konferenz vom 2.-6. April 1922 gründete die Essener Tendenz die Kommunistische
Arbeiterinternatio­nale (KAI). Als „ausländische“ Gruppe beteiligte sich nur
die KAP aus den Niederlanden. Die KAI stellte sich als eine zentralisierte Organisation dar, die sich in
ihrer Or­ganisationsform an die KI anlehnte. Ihr Exekutivkomitee setzte sich
aus einem engeren Büro zusammen, das als internationales Sekretariat wirkte und
gegenüber dem in­ternationalen Kongress verantwortlich war, und einem er­weiterten
Büro, das aus Stellvertretern der nationalen Sektionen zusammengesetzt war, die
von diesen bestimmt und ggf. abgewählt wurden (2). Das Bestreben, die KAI nicht
an die Essener Tendenz anzuhängen, wurde durch die Entscheidung verdeutlicht,
auf jedem internationalen Kongress den Sitz des Exekutivkomitees neu festzulegen
(3). Da sie den Kritiken aus Berlin gegenüber nicht ver­schlossen war,
entschied die Essener Tendenz, dass die Zahl der von den verschiedenen
„Gründungsparteien“ der KAI erhaltenen Mandate vom internationalen Kongress
festgelegt werden sollte. Ein außergewöhnlicher Kongress könnte durch die
Hälfte aller nationalen Sektionen einbe­rufen werden. Diese
Statutenbestimmungen hätten ihren Wert gehabt,
wenn die KAI wirklich eine echte Interna­tionale mit nationalen
Mitgliedsparteien gehabt hätte. Aber das war bei weitem nicht der Fall gewesen.
Die KAI war tatsächlich ein provisorisches Büro mit einigen natio­nalen Gruppen
gewesen (4).

b)
GORTER UND DIE ESSENER STRÖMUNG

Mit Gorter hatte
die KAI ihren einzigen wirklichen Theo­retiker. Schröder und seine Genossen
hatten bei weitem nicht das Profil Gorters (5). Gorter verfasste 1923 das
Programm der Essener Tendenz in Form einer Broschüre „Die Kommunistische
Arbeiterinternationale“ (6). Die Broschüre fasst - auf eine zwar oft konfuse
Weise - das Programm der KAI zusammen. Obgleich Gorter die Theorie der
„Doppelrevolution“ aufgriff, stützte er sich klar auf die russische Erfahrung.
Im Unterschied zu den Rätekommunisten betonte er nachdrücklich die revolutio­näre
Rolle der Bolschewiki im Jahre 1917 als „bewussteste und entschlossenste
Organisation“. Die Kritik, die man an ihnen üben muss, soll nicht von einem
menschewistischen, sondern von einem
Klassenstandpunkt aus formuliert werden.

"Wir sind
die schärfsten Gegner - und die KAP aller Län­der ist dies immer gewesen - der
Auffassung der Menschewi­sten, Kautskyaner, Unabhängigen, Pazifisten usw., dass
die Russen bei der bürgerlichen Revolution hätten stehen blei­ben müssen“. (Die
Kommunistische Arbeiter-Internationale, S. 2, verfasst von H. Gorter).

Er verwarf zu
Recht die Diktatur der Bolschewistischen Partei, die er aber zu Unrecht einer
Partei der bürgerli­chen Revolution gleichstellte. Er stellte eine Bilanz der
russischen Revolution auf, die mit Vorsicht zu genießen ist. Ihm zufolge hätten
die Bolschewiki die Bildung von Bauernräten und die Rekrutierung von Bauern in
der Roten Armee verhindern sollen. Seine Position zu Brest-Litowsk erneut
verteidigend, meinte er, dass es sich dabei um einen
„kapitalistisch-demokratischen“ Schritt gehan­delt habe. Dann äußerte er sich
widersprüchlich, dass die russische Revolution „proletarisch-kommunistische“
Maßnahmen ergriffen hätte - wie z.B. die Bildung von Räten, die Eingliederung von Arbeitern in die Rote
Armee (ebenda S. 38).

Im Gegensatz zu
Rühle und den Rätekommunisten be­zeichnete Gorter die 3. Internationale nicht
als ein „machiavellistisches“ Werk des russischen Staa­tes.
"Kommunistische Proletarier folgten den Aufrufen Russ­lands und der 3.
Internationale zur Revolution, zum Bürger­krieg, zur Bildung von Arbeiter- und
Soldatenräten und einer Roten Armee“ (S. 45).

Der wirkliche
Beitrag Gorters, der eine Entwicklung
nach seiner Broschüre „Antwort an den Genossen Lenin“ durchlaufen hatte,
besteht darin aufzuzeigen, dass selbst in den rückständigen Ländern die proletarische
Revolution auf der Tagesordnung steht. Losungen wie „das Recht der Völker auf
Selbstbestimmung“ und der „nationalen Be­freiung“ verwerfend, hob Gorter
hervor, dass die „Taktik der Kommunisten nicht mehr die gleiche ist wie früher,
als das Kommunistische Manifest geschrieben wurde“ (ebenda S. 48). Insbesondere
in Asien sollte eine wirkliche Internationale das Proletariat dazu aufrufen
„sich so früh wie möglich von all den bürgerlichen Parteien zu trennen und eine
Position der völligen Unabhängigkeit einneh­men“. Obgleich Gorter nicht
vollständig die Möglichkeit von bürgerlichen Revolutionen im Zeitalter der
„Todeskrise des Kapitalismus“ ausschloss, schloss er aus, dass eine
proletarische Revolution aus einer „bürgerlichen Revolution“ hervorginge. Die
Arbeiter Asiens könnten nur auf ihre eigenen Kräfte bauen, und sie können sich
nur mit dem Proletariat der Industrieländer verbinden. Die Rolle einer
Internationale besteht darin, die gleichen Prinzipien und die gleiche Taktik in
allen Ländern anzu­wenden. Im Gegensatz zu der Berliner Tendenz, die die
Bildung einer Kommunistischen Arbeiterpartei in den unterentwickelten Ländern
für unmöglich hielt, und gar im Gegensatz zu der Essener Tendenz, die diese
Möglich­keit nur in den Ländern für gegeben hielt, die Deutsch­land verbunden
waren, meinte Gorter nachdrücklich, dass die revolutionären Parteien in allen
Ländern der Erde entstehen sollten, natürlich mit den gleichen kommunisti­schen
Prinzipien: „Sie will alle Proletarier Europas, Ameri­kas, Asiens, Afrikas und
Australiens zu bewussten Kommu­nisten machen durch diese neuen Organisationen“
(S.19).

Aber das Programm
der KAI, das von Gorter verfasst worden war, litt an einem großen Pessimismus,
die die Existenz einer neuen Internationale noch mehr in Zweifel zog. Gorter
ging davon aus, dass die große Mehrheit der Arbeiter der Welt der Revolution
gegenüber feindlich eingestellt war: „Zu den Feinden der Weltrevolution gehö­ren
jetzt nicht nur die europäischen, es gehören zu ihr auch die von der 3.
Internationale geführten Arbeiter Asiens...(S.11)... dann kann man ruhig sagen,
dass das ganze Weltproletariat bis jetzt dem Kommunismus feindlich ist“
(ebenda, S. 14)

Dies hieß, dass
die Schlacht verloren war, bevor sie über­haupt bis zum Ende ausgetragen worden
war. Anderer­seits wenn die wahren Kommunisten nur eine Minderheit wären, wäre
die Weltrevolution verloren und die Existenz einer Internationale in
konterrevolutionären Zeiten ein Unsinn. Auch wenn es ihm an Kampfbereitschaft
nicht fehlte, war Gorter pessimistisch.

Wie also konnte
man glauben, dass Gorter und die Esse­ner Tendenz mit Sicherheit ein „schnelles
Anwachsen der Revolution“ insbesondere in Deutschland erwarteten? Es war
schwierig, hier Gorter auf theoretischer Ebene zu fol­gen, denn er behauptete
auf die widersprüchlichste Art und Weise, dass die KAI gleichzeitig ein kleiner
Kern wie die KAPD sei, und dass sie Hunderttausende Arbeiter zu­sammenfasste;
während die Unionen Millionen hinter sich scharten (1).

Schließlich
verging nicht viel Zeit, bevor sich Gorter von der Essener Tendenz löste und
sich als außerhalb der „Richtungen“ stehend bezeichnete. In einer seiner
letzten Broschüren, die 1923 erschien, hob er - während er gleich­zeitig die
Essener Tendenz theoretisch unterstützte - sei­nen Willen hervor, sich für die
Wiedervereinigung der beiden feindlich gesinnten KAPDs einzutreten. Aber er
meinte, dies sei erst realistisch, wenn „revolutionäre Kämpfe entstehen“ (2).

c)
DER ZERFALL DER ESSENER STRÖMUNG

Die Spaltung der
KAPD im März 1922 hatte auch inner­halb der Gruppen, die die KAI bildeten,
schlimme Aus­wirkungen. Manche überlebten zwar die Spaltung oder sie
verschwanden so schnell, wie sie entstanden waren

- in der
bulgarischen KP, die zahlenmäßig am stärksten in der KAI war, entfaltete sich
ein gnadenloser Kampf zwi­schen der Tendenz von Sofia, die Essen näher stand,
und einer Tendenz aus Varna, die mehr ouvrieristisch war und Berlin bei den
Wirtschaftsfragen näher stand. Anfänglich war die bulgarische KAP gegenüber der
KAI sehr zögernd gewesen: die Organisation aus Sofia hatte in einem Brief vom
25. Jan. 1922 (1) geschrieben, dass sie sich weigere, einen Delegierten zu
einem möglichen zukünftigen Kon­gress einer KAI zu schicken. Später scheint
sich die KAPB - im Gegensatz zu den Behauptungen Berlins, denen zu­folge es wie
in Deutschland zwei KAPBs mit jeweils zwei Zeitungen Rabotchnik Iskra gab -
nicht in zwei Teile ge­spalten zu haben, sondern in zwei innerhalb der gleichen
Partei bestehenden Gruppen (2). Beide Gruppen schlos­sen sich tatsächlich der
KAI an, aber bei der Tendenz aus Varna gab es eine größere Minderheit, die in
Verbindung stand mit der KAPD aus Berlin (3) und auch mit den Nie­derlanden.
Daraus ergab sich eine noch größere Verwir­rung der KAPD, bei der die durch die
Gründung der KAI hervorgerufenen Spaltung die lokalistische Krankheit und die
persönlichen Spannungen noch verstärkt hatte. Ob­gleich sie aus den blutigen
Zusammenstössen des Sept. 1923 unbeschädigt herauskam, scheint die KAPB die blu­tige
Repression nach den terroristischen Aktionen, die von der bulgarischen KP im
April 1925 betrieben wurden, nicht überlebt zu haben (4).

- die „Communist
Workers' Party“ (CWP) Pankhursts, die aus den Sektionen bestand, welche aus der
britischen KP ausgeschlossen worden waren und der KAI nahe standen, versuchte
die KAPD nachzuahmen, indem sie künstlich Unionen ("All Workers' Union“)
schuf. Die CWP scheint Kontakt in Indien und Südafrika gehabt zu haben. Dies
wurde jedenfalls von der KAI in Berlin berichtet. Aber die theoretische
Schwäche dieser Organisation und ihr Loka­lismus, der leicht vom Anarchismus
gefärbt war, wurden schließlich 1924 vorherrschend und brachten ihr Aus. Nur
noch die Gruppe „The Commune“ aus Glasgow bestand weiterhin, die sich irgendwo
zwischen Bakunin und „dem Rätekommunismus“ ansiedelte.

- in Russland
erschien die Existenz einer KAP, die mit viel Aufheben von der Essener Tendenz
verkündet worden war, schnell als ein Bluff. Es handelte sich um zwei Rus­sen,
die in Berlin lebten und Dokumente der KAI über­setzten (5). Mit Ironie stellte
die KAPD aus Berlin fest, dass die KAI eine starke Neigung besaß, potemkinsche
Dörfer zu errichten (6). Dagegen gab es die Arbeiter­gruppe um Miasnikow, die
im Feb. 1923 gebildet worden war. Sie betrieb eine strenge Geheimarbeit und
fasste sich als eine äußere Fraktion der Bolschewistischen Partei auf, um
„einen entscheidenden Druck auf die führende Gruppe der Partei selber
auszuüben“ (7). Auch war sie mit der KAI verbunden. Unter den Schlägen der
Tscheka verschwand sie jedoch schnell.

- in Österreich
war die Verkündung einer neuen KAP im Jahre 1924 ein neues potemkinsches Dorf.
Diese „Partei“, deren Zeitung in Berlin hergestellt wurde, umfasste nicht mehr
als eine Handvoll Mitglieder (1). Sie verschwand wieder sehr schnell.

- in Deutschland
selber wurde die Essener Tendenz von dem Virus der Spaltungen erfasst. Ihre
theoretischen Füh­rer verließen sie: Goldstein 1922, Schröder 1924, die beide
der SPD beitraten. Sie bildeten dort eine Oppositions­gruppe mit ihrem Feind
von gestern P. Levi (2). Deth­mann trat 1925 der KPD bei. Das Exekutivkomitee
der KAI war sehr stark geschwächt worden. Nach einiger Zeit traten Konflikte in
ihren Reihen auf, die zu Ausschlüssen führten. Die entscheidendsten Spaltungen
fanden von 1923 an statt. In jenem Jahr verließen die Sektionen Mittel­deutschlands
die KAI, um eine örtliche Gruppe zu
bilden „KOMMUNISTISCHER RÄTEBUND“, der intellektu­ellenfeindlich und
ouvrieristisch eingestellt war. Als diese Gruppe die Notwendigkeit der
Liquidierung der KAP vertrat und die Lohnkämpfe verwarf, gleichzeitig für eine
„Union der revolutionären Betriebsorganisationen“ ein­trat, brachte sie
deutliche rätistische Tendenzen zum Aus­druck. 1929 existierte der
„KOMMUNISTISCHE RÄTE­BUND“ weiterhin als
eine kleine örtliche Gruppe in Leipzig. Schließlich spaltete sich auch Emil
Sachs, ein sehr aktiver Arbeiter, der einer der wenigen Theoretiker der Essener
Strömung war, wiederum ab und brachte eine Zeitung, Vulkan, heraus, die er in
Berlin als Organ der KAI darstellte. So gab es in Berlin zwei KAIs, von denen
die eine die KAZ der Essener Strömung herausgab, die andere Vulkan! Was von der
Essener Richtung übrig blieb, bestand
nach 1929 nur noch in Gestalt von Sekten (3).

Die KAI war eine
totgeborene Scheininternationale gewe­sen, die bei ihrem Scheitern Genossen mit
hinabriss, welch schnell entmutigt wurden. Der Versuch Gorters des Auf­baus
einer KAI war für den Linkskommunismus
in Deutschland und in anderen Ländern eine Katastrophe gewesen.

d)
DIE ENTSTEHUNG EINER BERLINER STRÖ­MUNG IN DER KAP DER NIEDERLANDE

Gorters Partei
blieb von den inneren Kämpfen in Deutschland nicht verschont. Die KAPN, die
sich der Es­sener Strömung angeschlossen hatte, wurde durch den gleichen Virus
der Spaltungen wie in Deutschland erfasst, jedoch in einem geringeren Masse.
Die KAPN war sehr skeptisch gegenüber der Berliner Tendenz, die im April 1922
zu ihrem Utrechter Kongress Delegierte schicken wollte: sie weigerte sich, den
Standpunkt der Berliner KAPD zur Kenntnis zu nehmen. Aber die KAPN war weit
davon entfernt, die Weigerung der Essener Tendenz, in den Wirtschaftskämpfen zu
intervenieren, zu teilen. Sie betätigte sich aktiv an den Klassenkämpfen und
hatte Kampforganisationen geschaffen, die sich nach dem deut­schen Beispiel
(AAU) AAB nannten. Vor allem der Bei­tritt der KAPN zur KAI führte zu einer
heftigen Reaktion in der Organisation. Der Ausschluss der Sektion Utrecht 1922,
dann 1923 der eines Teils der Rotterdamer Sektion reichten jedoch nicht, um die
Berlin-freundliche Tendenz einzuschränken. Diese stützte sich auf die Jugend
der Partei (KAJ) und eine starke Opposition in Amsterdam und in anderen
Sektionen. Diese Ausschlüsse hatten zu einer zahlenmäßigen Schwächung der KAPN
geführt. Aber vor allem die Rivalitäten
zwischen Clans erwiesen sich als folgenreich für die letzteren. Auf der einen
Seite stand Luteraan, auf der anderen die „Korporatie“, die von der Familie
Korper gebildet wurde, die um die Kontrolle in der Partei kämpfte. Und dieser
Kampf verschiedener Gruppierungen sollte eine große Verwirrung stiften: die
Familie Korper trat 1924 aus der KAPN aus, um bald wieder einzutreten und die
Führung der Organisation zu übernehmen. Luteraan wiederum machte sich bald
„selbständig“ und brachte 1927 seine eigene Zeitung „De Roode Vaan“ heraus.

Viele Militanten,
die auch nur ein bisschen ernsthaftes po­litisches Interesse und Engagement
zeigten, weigerten sich, sich an diesen Richtungskämpfen zu beteiligen und
wollten eine revolutionäre Arbeit auf besseren Grundla­gen fortsetzen. Das war
der Fall bei Henk Canne-Meijer, der im Okt. 1924 aus der Partei austrat, weil
er die Nase voll hatte von einer „Organisation, die zu einem politischen
Sportverein geworden
“ war (4). Um ihn und um Jan Appel herum schickten sich
Genossen an, die Gruppe der Inter­nationalistischen Kommunisten (GIK) zu
bilden, die die einzige Gruppe war, die wirklich den Geist der holländi­schen
Linke aufrechterhielt. Mit der GIK griff die hollän­dische Linke das Banner des
internationalen Linkskom­munismus wieder auf, der stark durch die Spaltung in
Deutschland 1922 erschüttert worden war. Und mit der Fortsetzung dieser Arbeit
hatte sich auch die Berliner Strömung der KAPD durchgesetzt.

Der Fehler
Gorters und seiner Anhänger, künstlich eine KAI gegründet zu haben, während es
innerhalb der KOMINTERN noch Linksfraktionen gab, die innerhalb einer gleichen
linkskommunistischen Strömung zusam­mengefasst hätten werden können, war sehr
schwerwie­gend und folgenreich für die revolutionäre Bewegung. Während es noch
ein revolutionäres Leben innerhalb der niedergehenden 3. Internationale gab,
entstand anstelle einer neuen Internationalen eine Umgruppierung der
linkskommunistischen Fraktionen außerhalb der Komin­tern. Diese stand nunmehr
auf der Tagesordnung. Nur solch eine Umgruppierung hätte es ermöglicht, den
Kampf innerhalb der Komintern bis an sein Ende zu füh­ren. Das Abebben der Weltrevolution, das von 1921 an in Europa
sehr deutlich zu sehen war, erlaubte nicht die Gründung einer neuen
Internationale. Weil die Essener Strömung und Gorter glaubten, dass der Kurs
immer noch hin zur Revolution sei - sie stützten sich auf die Theorie der
Todeskrise des Kapitalismus - folgten diese einer be­stimmten Logik bei der Gründung der KAI. Aber ihre
Grundlagen und Ausgangsbedingungen waren falsch ge­wesen. Trotzki beging den
gleichen Fehler bei der Grün­dung der sog. 4. Internationale 1938, nachdem er
selbst sich 1921 lustig gemacht hatte über die mögliche Grün­dung einer solchen
Internationale. Am Vorabend des Weltkrieges und nachdem jede revolutionäre
Bewegung durch die Konterrevolution zerschlagen worden war, ver­kündete er die
Gründung einer 4. Internationale. Gorter und die KAI hatten zumindest die
Ausrede, dass die revo­lutionäre Welle zwar zurückwich, aber noch nicht zer­schlagen
war, denn sie sollte sich bis zu den Ereignissen 1927 in China fortsetzen.

Kurz bevor er
1927 starb, hatte sich Gorter beträchtlich der KAPD Berlins genähert. Die
letzten Jahre seines Le­bens hatte er persönlich versucht, die linkskommunisti­schen
Kräfte zusammenzubringen, die zersplittert waren. Aber ihm war kein Erfolg
beschieden. Seine letzte politi­sche Handlung war, die KAPD Berlins gegen eine
Eupho­rie zu warnen, die sich breit gemach hatte, nachdem sich ihr 2000
Mitglieder der „Entschiedenen Linken“ ange­schlossen hatten, die aus der KPD
kamen.

"Während
wir das Anwachsen der revolutionären Kräfte, die von der Entschiedenen Linke
zur KAP überwechseln, begrüßen, bleiben wir dennoch wachsam. Die KAP ist etwas
Grosses. Sie blieb solange groß, wie sie es schaffte, den Ver­suchungen der
unmittelbaren Erfolge zu widerstehen. Sie ist das Fanal im reinen,
kompromisslosen Klassenkampf. Be­wahrt diese Reinheit, dann werdet ihr die
Revolution retten“ (1).

Damit wollte er unterstreichen, dass die
Berliner Tendenz der einzige revolutionäre Pol in der damaligen Zeit war, und
dass diese mehr noch als die Essener Tendenz jetzt das revolutionäre Erbe der
KAPD trug. Es war eine klare Botschaft für die neuen Generationen von Revolutio­nären:
die revolutionäre Organisation ist sehr schwierig aufrechtzuerhalten, zu
schützen, da sie ständig in ihrer Existenz bedroht ist. Ihre Aufrechterhaltung
als Leitbild im Klassenkampf erfordert eine ständige Wachsamkeit. überstürzte,
voreilige Zusammenschlüsse können sich als fatal erweisen. Diese politische
Testament Gorters hat auch 60 Jahre nach seiner Abfassung nichts an seiner
Gültigkeit verloren.

(Im Buch folgt jetzt ein 3. Teil über „Die
„Gruppe Inter­nationalistischer Kommunisten" GIK) von 1927-1940 - Vom Linkskommunismus zum
Rätekommunismus. Die­ser Teil wird hier nicht veröffentlicht).

Politische Strömungen und Verweise: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: