Massaker in Syrien, iranische Krise… Die Gefahr einer imperialistischen Katastrophe im Nahen und Mittleren Osten

In Syrien kommt es jeden Tag zu neuen
Massakern. Nun ist auch dieses Land im Sumpf der imperialistischen Kriege im
Nahen Osten versunken. Nach Palästina, Irak, Afghanistan und Libyen ist nun
Syrien an der Reihe. Leider wirft diese Entwicklung sofort eine sehr
besorgniserregende Frage auf. Was wird in der Zukunft passieren? Der Nahe und
Mittlere Osten stehen vor einem Flächenbrand, dessen Ausgang schwer
vorherzusehen ist. Hinter Syrien zieht der Iran die Fäden. Der Iran ruft selbst
die größten Ängste hervor und facht die imperialistischen Appetite an; alle
großen imperialistischen Räuber sind fest entschlossen, ihre Interessen in der
Region zu verteidigen. Auch hier befinden wir uns am Rande des Krieges, dessen
dramatischen Konsequenzen völlig wahnsinnig und zerstörerisch für das
kapitalistische System selbst wären.

Massive
Zerstörungen und Chaos in Syrien. Wer ist verantwortlich?

Aus der Sicht der internationalen
Arbeiterbewegung wie für alle Ausgebeuteten der Erde kann die Antwort auf diese
Frage nur folgende sein: Verantwortlich ist das Kapital, und nur dieses allein.
Dies war schon bei den Massakern im Ersten und Zweiten Weltkrieg der Fall. Und
auch bei all den endlosen Kriegen, die seitdem mehr Tote hinterlassen haben als
die beiden Weltkriege zusammen. Vor mehr als 20 Jahren erklärte der damalige
Präsident George Bush lange bevor sein Sohn ins Weiße Haus einzog,
triumphierend, dass „die Welt nun eine neue Weltordnung“ erleben werde. Der
Sowjetblock war sprichwörtlich zusammengebrochen. Die UdSSR befand sich in der
Auflösung, und mit ihrem Verschwinden sollten gleichzeitig alle Kriege und
Massaker verschwinden. Dank des siegreichen Kapitalismus und unter dem Schutz
der USA würde jetzt Frieden auf der Welt einkehren. Natürlich handelte es sich
nur um Lügen, die sofort von der Wirklichkeit bloßgestellt wurden. So löste zum
Beispiel G.Bush eine kurze Zeit nach dieser zynischen und heuchlerischen Rede
den ersten Irak-Krieg Anfang 1991 aus.

1982 hat die syrische Armee die Erhebung der
Bevölkerung in der Stadt Hama blutig niedergeschlagen. Die Zahl der Opfer
konnte nie zuverlässig ermittelt werden: man schätzt zwischen 10.000 und 40.000
Ermordete.[1]
Niemand sprach seinerzeit davon, dort einzugreifen um
der Bevölkerung zu helfen; niemand verlangte damals den Rücktritt von Hafez
Al-Assad, dem Vater des gegenwärtigen syrischen Präsidenten. Der Gegensatz zur
gegenwärtigen Lage ist nicht unerheblich. Der Grund liegt darin, dass 1982 die
Weltlage noch beherrscht wurde durch die Rivalitäten zwischen den beiden großen
imperialistischen Blöcken. Trotz des Sturzes des Schahs von Persien und seine
Ersetzung durch das Regime der Ajatollahs Anfang 1979 und der russischen
Invasion in Afghanistan ein Jahr später wurde damals die US-Vorherrschaft in
der Region noch nicht durch die anderen imperialistischen Mächte
herausgefordert und die USA waren damals noch in der Lage, eine relative
Stabilität zu garantieren.

Seitdem hat sich die Lage geändert: Der
Zusammenbruch der Blöcke und die Schwächung der US-“Führerschaft” haben den
imperialistischen Bestrebungen der Regionalmächte wie Iran, Türkei, Ägypten,
Syrien, Israel usw. freien Lauf gelassen. Die Zuspitzung der Wirtschaftskrise
treibt die Bevölkerung in die Armut und verstärkt das Gefühl der Verzweiflung
und der Revolte gegenüber den Machthabern.

Während heute kein Kontinent der Zuspitzung
der inter-imperialistischen Spannungen ausweichen kann, bündeln sich die
Gefahren im Nahen und Mittleren Osten mit am gefährlichsten. Im Mittelpunkt der
Spannungen steht gegenwärtig Syrien, nachdem zuvor monatelang gegen
Arbeitslosigkeit und Armut von allen Ausgebeuteten protestiert worden war.
Daran beteiligten sich gemeinsam Drusen, Sunniten, Christen, Kurden, Männer,
Frauen, Kinder, denn sie alle hoffen auf ein besseres Leben. Aber die Lage ist
schnell umgeschlagen. Die Sozialproteste wurden schnell auf ein
verhängnisvolles Terrain gedrängt, so dass die ursprünglichen Forderungen alle
begraben und die Bewegung vereinnahmt wurde. In Syrien ist die Arbeiterklasse
sehr schwach, die imperialistischen Appetite sind sehr stark; deshalb war in
Anbetracht des gegenwärtigen Kräfteverhältnisses und dem Niveau der
Arbeiterkämpfe diese Perspektive nahezu unvermeidbar.

Innerhalb der syrischen Bourgeoisie haben
sich alle wie Geier auf die revoltierende und verzweifelte Bevölkerung
gestürzt. Für die herrschende Regierung und die Bachir Al-Assad unterstützende
Armee geht es darum, die Macht mit allen Mitteln zu erhalten. Und die
Opposition, deren verschiedene Flügel bereit sind sich gegenseitig umzubringen
und die nur über die Notwendigkeit einig sind, Bachir Al-Assad zu stürzen,
versucht die Macht an sich zu reißen. Vor kurzem gab es Versammlungen dieser
Opposition in Paris und London. Niemand wollte die Zusammensetzung dieser
Opposition näher aufschlüsseln. Wofür stehen der syrische Nationalrat oder das
Nationale Koordinationskomitee oder die Freie syrische Armee? Welche Macht
haben die Kurden, die Muslimbrüder oder die salafistischen Jihadisten in ihren
Reihen? Es handelt sich um einen Haufen zusammengewürfelter bürgerlicher
Cliquen, von denen jede mit den anderen rivalisiert. Einer der Gründe, weshalb
das Regime Assads noch nicht gestürzt ist, besteht darin, dass Assad die Machtkämpfe
innerhalb der syrischen Gesellschaft zu seinen Gunsten ausnutzen konnte. So
reagieren die Christen ablehnend gegenüber dem Machtzuwachs der Islamisten und
befürchten das gleiche Schicksal zu erleiden wie die Kopten in Ägypten. Ein
Teil der Kurden versucht mit dem Regime zu verhandeln. Die Regierung selbst
wird noch teilweise von der religiösen Minderheit der Alawiten unterstützt,
welcher die Präsidentenclique angehört.

Jedenfalls könnte der Nationalrat militärisch
und politisch nicht wirklich bestehen, wenn er nicht von ausländischen Kräften
unterstützt würde, wobei jeder auf seine eigenen Vorteile erpicht ist. Dazu
gehören die Arabische Liga, Saudi-Arabien an führender Stelle, die Türkei, aber
ebenso Frankreich, Großbritannien, Israel und die USA.

All diese imperialistischen Haie nehmen das
unmenschliche Verhalten des Regimes als Vorwand zur Kriegsvorbereitung in
Syrien. Die russische Medienstimme „Voice of Russia“, welche wiederum das
öffentliche Fernsehen des Irans Press TV zitierte, brachte Informationen in
Umlauf, denen zufolge die Türkei sich mit US-Hilfe anschickte, Syrien
anzugreifen. Zu diesem Zweck habe die Türkei Truppen und Material an der
syrischen Grenze zusammengezogen. Seitdem wurde diese Information von allen
westlichen Medien aufgegriffen. In Syrien wurden in Russland produzierte
Boden-Boden-Raketen in der Region von Kamechi und Deir ez-Zor entlang der
irakischen Grenze installiert. Und das Regime Al-Assads wird selbst wiederum
von ausländischen Mächten unterstützt, insbesondere von China, Russland und
Iran.

Dieser Machtkampf zwischen den stärksten
imperialistischen Geiern der Erde um Syrien wird ebenso in der
Räuberversammlung namens UNO ausgetragen. In der UNO hatten Russland und China
schon zweimal ihr Veto gegenüber Resolutionsprojekten gegen Syrien eingelegt.
Das letzte Resolutionsprojekt unterstützte zum Beispiel den Vorschlag der
Arabischen Liga, der die Absetzung Bachir Al-Assads vorsah. Nach tagelangen
schmutzigen Verhandlungen ist die Heuchelei aller Beteiligten noch einmal offen
zutage getreten. Der UN-Sicherheitsrat hat mit russischer und chinesischer
Zustimmung am 21. März eine Erklärung verabschiedet, in welcher die Beendigung
der Gewalt gefordert wird, weil ein berühmter Sondergesandter der UNO, Kofi
Annan, im Land eintraf. Natürlich war diese Erklärung in keiner Weise bindend.
Das bedeutet, nur diejenigen sind verpflichtet, die sich zu irgendetwas
verpflichtet fühlen. All das ist ein schmutziges Manöver.

Wir stehen somit vor einer anderen Frage. Wie
ist es möglich, dass bislang noch keine in diesem Konflikt involvierte
ausländische imperialistische Macht direkt eingegriffen hat – natürlich
zugunsten ihrer eigenen nationalen Interessen – wie zum Beispiel vor einigen
Monaten in Libyen? Hauptsächlich weil die Flügel der syrischen Bourgeoisie, die
sich gegenüber Bachir Al-Assad in Opposition befinden, dies offiziell nicht
wollen. Sie wenden sich gegen eine massive militärische ausländische
Intervention, und sie haben das lautstark verkündet. Jeder dieser Flügel hat
sicherlich verständlicherweise Angst davor, in diesem Fall von der
Machtbeteiligung ausgeschlossen zu werden. Aber dies schließt nicht aus, dass
die Gefahr des totalen imperialistischen Krieges, die an den Grenzen Syriens
lauert, gebannt werden kann. Der Krieg kann dort weiterhin Einzug halten, auch
wenn der Schlüssel für die weitere Entwicklung der Lage woanders liegt. 

Man muss sich die Frage stellen, warum dieses
Land heute die imperialistischen Appetite so auf sich zieht. Die Antwort liegt
woanders – im Osten Syriens – im Iran.

Der
Iran im Zentrum der weltweiten imperialistischen Spannungen

Am  7. Februar 2012 erklärte die New
York Times: “Syrien war der Anfang des Krieges mit dem Iran.” Ein Krieg, der
zwar noch nicht direkt ausgelöst wurde, der im Schatten des Konfliktes in
Syrien weiter schwelt.

Das Regime Bachir Al-Assads ist der
Hauptverbündete Teherans in der Region, und Syrien ist für den Iran ein
strategischer Dreh- und Angelpunkt. Die Allianz mit Syrien ermöglicht Teheran
einen direkten Zugang zum strategisch wichtigen Mittelmeerraum und gegenüber
Israel zu erlangen, mit der Möglichkeit einer direkten militärischen
Auseinandersetzung mit Israel. Aber diese Kriegsgefahr, die sich eher verdeckt
entwickelt, hat ihre tieferliegenden Wurzeln in dem Machtkampf, der im
Mittleren Osten stattfindet, wo erneut alle kriegerischen Spannungen, die in
dem verfaulenden System stecken, aufbrechen.

Dieser Teil der Welt ist ein großes Drehkreuz
an dem Berührungspunkt zwischen Ost und West. Europa und Asien stoßen in Istanbul
aufeinander. Russland und Europa werden durch das Mittelmeer vom afrikanischen
Kontinent und den Weltmeeren getrennt. Und während die Weltwirtschaft immer
mehr erschüttert wird, wird das schwarze Gold zu einer herausragenden
wirtschaftlichen und militärischen Waffe. Jeder muss versuchen, die
Transportwege des Öls zu kontrollieren. Ohne Öl kämen alle Fabriken zum
Stillstand, kein Jagdflugzeug könnte vom Boden abheben. Diese Tatsachen
erklären, weshalb alle Imperialismen im Machtkampf in dieser Region mitmischen.
Aber all diese Betrachtungen sind nicht die wichtigsten Faktoren, welche diese
Region in den Krieg treiben.

Seit mehreren Jahren standen die USA, GB,
Israel und Saudi-Arabien an der Spitze einer gegen den Iran gerichteten
ideologischen Kampagne. Diese Kampagne ist in der jüngsten Zeit noch einmal
verstärkt worden. Der jüngste Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde
(IAEA) hat verlautbaren lassen, dass der Iran möglicherweise militärische
Absichten hinter seinem Atomprogramm verbirgt. Und ein mit Atomwaffen
bewaffneter Iran ist aus der Sicht vieler imperialistischer Länder der Region
unerträglich. Der Aufstieg des Irans als eine Atommacht, die sich überall in
der Region durchsetzen könnte, ist für all diese imperialistischen Haie undenkbar.
Zudem bleibt der israelisch-palästinensische Konflikt weiterhin ein
Schwelbrand. Der Iran ist militärisch völlig umzingelt. Die US-Armee verfügt
über Stützpunkte entlang all der Grenzen Irans. Im Persischen Golf treiben sich
so viele Kriegsschiffe aller Größenordnungen herum, dass man – wenn man sie
aneinanderreiht – den Golf nahezu trockenen Fußes überqueren könnte. Der
israelische Staat erklärt unaufhörlich, dass er den Iran nie in den Besitz der
Atombombe kommen lassen würde; israelischen Quellen zufolge würde der Iran
spätestens innerhalb eines Jahres zu einer Atommacht werden. Diese in der
ganzen Welt verbreitete Aussage ist angsteinjagend, denn diese Konfrontation
birgt viele Gefahren in sich. Der Iran ist nicht Irak und nicht Afghanistan. Es
gibt mehr als 70 Millionen Einwohner mit einer „respektabel“ ausgerüsteten
Armee.

Große,
katastrophale Auswirkungen

Auf
wirtschaftlicher Ebene:

Aber der Einsatz von Atomwaffen durch den
Iran ist nicht die einzige Gefahr und auch nicht das Wichtigste. In der jüngsten
Zeit haben die politischen und religiösen Führer Irans behauptet, dass sie mit
allen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel reagieren würden, wenn ihr Land
angegriffen würde. Tatsächlich verfügt der Iran über Waffen, deren Wirkung
niemand richtig einschätzen kann. Wenn der Iran sich dazu entschließen würde,
die Straße von Hormus zu blockieren, selbst wenn er dabei eigene Boote
versenken müsste, würde der Schiffsverkehrt dort unterbrochen. Das hätte
weltweit katastrophale Auswirkungen.

Ein beträchtlicher Anteil der Weltölförderung
würde nicht mehr die Abnehmer erreichen. Die jetzt schon offen ausgebrochene
Weltwirtschaftskrise würde dann noch einmal neue Ausmaße erreichen. Die Schäden
wären in Anbetracht einer jetzt schon kranken Wirtschaft noch einmal beträchtlich.

Ökologisch

Die ökologischen Konsequenzen könnten
unumkehrbar sein. Ein Angriff auf iranische Atomanlagen, die unter Tausenden
Tonnen von Beton und Kubikmetern Erde geschützt liegen, würde einen taktischen
Luftschlag mit gezielten Atomwaffeneinsätzen erforderlich machen. Dies ist
jedenfalls die Meinung von Militärexperten aus allen imperialistischen Staaten.
Wenn es dazu käme, was würde aus der gesamten Region des Mittleren Osten
werden? Welche Auswirkungen könnte man auf die Bevölkerung und das Ökosystem
weltweit erwarten? All das sind keine Überlegungen eines völlig verrückt
gewordenen Wahnsinnigen. Das ist auch nicht irgendwie ein Szenario eines neuen
Horrorfilms. Dieser Angriffsplan ist ein integraler Bestandteil der Strategie,
welche der israelische Staat sich ausgedacht und geplant hat – unter
Beteiligung der USA, die sich aber bislang noch zurückhaltend verhalten. Der
israelische Generalstab plant jedenfalls im Falle eines Scheiterns eines
klassischen israelischen Luftangriffs den Übergang zu solch einer höheren Stufe
der Zerstörung. Der Wahnsinn breitet sich immer mehr aus in diesem
niedergehenden System.

Humanitär

Seit der Auslösung der Kriege im Irak,
Afghanistan, Libyen während der letzten Jahre hat ein immer größeres Chaos in
diesen Ländern Einzug gehalten. Der Krieg hat sich festgefressen. Jeden Tag
gibt es neue, immer mörderischere Anschläge. Die Bevölkerung kämpft jeden Tag
verzweifelt um ihr Überleben. Die bürgerliche Presse bestätigt es: „Jeder ist
Afghanistan überdrüssig. Dem Überdruss der Afghanen entspricht der Überdruss
des Westens“ (Le Monde, 21.3.2012). Während die bürgerliche Presse von einem
Überdruss hinsichtlich der endlosen Fortsetzung des Krieges in Afghanistan
spricht, ist die Bevölkerung verbittert und entkräftet. Wie kann man im Krieg
und dem ständigen kriegerischen Chaos überleben? Und falls es zu einem Krieg im
Iran käme, wäre die menschliche Katastrophe noch unvorstellbarer. Die
Bevölkerungsdichte, die eingesetzten Zerstörungsmittel lassen das Schlimmste
befürchten. Und so lautet das Szenario – Krieg mit all seinen Zerstörungen im
Iran, ein im Chaos versinkender Mittlerer Osten. Keiner der zivilen oder
militärischen Staatsführer, die alle zu Massenmorden fähig sind, kann sagen, wo
der Krieg im Iran aufhören würde. Was würde in der arabischen Bevölkerung der
Region passieren? Wie würden die Schiiten reagieren? Diese Vorstellung ist
einfach katastrophal für die Menschen.

Gespaltene
bürgerliche Cliquen, imperialistische Bündnisse am Rande einer großen Krise

Auch nur an einen kleinen Teil der Folgen zu
denken, jagt schon den Teilen der Herrschenden Angst ein, die noch ein wenig
klarer sehen. Die kuwaitische Zeitung Al-Jarida ließ eine Information
durchsickern, welche die israelischen Geheimdienste in Umlauf bringen wollten.
Ihr letzter Chef, Meir Dagan, meinte nämlich, dass „die Perspektive eines
Angriffs gegen den Iran die dümmste Idee sei, die er jemals gehört habe“. Diese
Auffassung vertritt wohl auch ein anderer Flügel der Geheimdienste, der
israelische Auslandsgeheimdienst – Shin Bet.

Es ist allseits bekannt, dass ein ganzer Teil
des israelischen Generalstabs diesen Krieg nicht möchte. Aber ebenso bekannt
ist, dass ein Teil der politischen Klasse Israels, die sich um Netanjahu
schart, dessen Auslösung zu einem für Israel günstigen Zeitpunkt anstrebt. In
Israel schwelt eine politische Krise in Anbetracht der einzuschlagenden
Ausrichtung der imperialistischen Politik. Im Iran prallt der religiöse Führer
Ali Chamenei ebenso wegen dieser Frage mit dem Präsidenten des Landes, Mahmud
Ahmadinejad zusammen. Aber am spektakulärsten erscheint der Machtkampf zwischen
den USA und Israel wegen dieser Frage. Gegenwärtig möchte die US-Administration
keinen offenen Krieg mit dem Iran. Tatsächlich ist die Erfahrung der USA im Irak
und in Afghanistan keine Ermunterung, und die Obama-Administration hat bislang
immer heftigere Sanktionen befürwortet. Der Druck der USA auf Israel, dass das
Land sich geduldig verhält, ist gewaltig. Aber die historische Schwächung der
US-Führungsrolle ist eben auch bei seinem traditionellen Verbündeten im Nahen
und Mittleren Osten zu spüren. Denn Israel behauptet lautstark, es werde den
Besitz von Atomwaffen in den Händen des Irans nicht zulassen, was immer seine
ihm am stärksten verbündeten Alliierten auch meinen. Der Druck der USA auf
Israel ist nicht mehr so wirkungsvoll; sogar Israel fordert jetzt die Autorität
der USA offen heraus. Aus der Sicht einiger bürgerlicher Kommentatoren könnte
es sich um erste Bruchstellen des Bündnisses zwischen den USA und Israel
handeln, das bislang als unzerbrechlich galt. 

Die Haupttriebkraft in der unmittelbaren
Nachbarschaft ist die Türkei, die über die größte Zahl Soldaten im Nahen Osten
verfügt (mehr als 600.000). Während das Land zuvor ein unzertrennlicher
Verbündeter der USA und einer der seltenen Freunde Israels war, ist die
türkische Bourgeoisie mit dem Aufstieg des Erdogan-Regimes danach bestrebt,
ihre eigene Karte des „demokratischen“ und „gemäßigten“ Islamismus zu spielen.
Sie versucht, die Erhebungen in Ägypten und Tunesien zu ihren Gunsten
auszuschlachten. Und dies erklärt auch den Kurswechsel ihrer Beziehungen zu
Syrien. Früher verbrachte Erdogan seine Ferien mit den Assads, aber von dem
Zeitpunkt an, als der syrische Führer sich weigerte, den Forderungen Ankaras
nachzugeben und mit der Opposition Verhandlungen aufzunehmen, zerbrach das
Bündnis. Die Bemühungen der Türkei, ihre eigenes „Modell“ des „gemäßigten“
Islams zu exportieren, stehen in direktem Gegensatz zu den Bemühungen
Saudi-Arabiens, seinen eigenen Einfluss in der Region mit Hilfe des
erzkonservativen Wahabismus zu vergrößern.

Die Möglichkeit der Auslösung eines Krieges
in Syrien und vielleicht später im Iran hat sich dermaßen zugespitzt, dass die
Führer Chinas und Russlands immer stärker reagieren. Der Iran ist für China von
großer Bedeutung, da China aus dem Iran 11% seiner Energieimporte erhält.[2]
Seit dem industriellen Aufstieg Chinas ist das Land zu einem wichtigen Player
in der Region geworden. Im letzten Dezember warnte China vor der Gefahr eines
weltweiten Konfliktes um Syrien und Iran. In der Global Times[3]
erklärte China: „Der Westen leidet unter einer Wirtschaftskrise, aber seine
Bestrebungen des Umsturzes von nicht-westlichen Regierungen aufgrund von
politischen und militärischen Interessen haben einen neuen Höhepunkt erreicht.
China wie auch sein großer Nachbar Russland müssen wachsam bleiben und
notwendige Gegenmaßnahmen ergreifen.“[4]
Auch wenn eine direkte Konfrontation zwischen den imperialistischen Großmächten
der Welt unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht denkbar erscheint, lassen
solche Erklärungen den Ernst der Lage deutlich werden.

Der
Kapitalismus treibt geradewegs auf den Abgrund zu

Der Mittlere Osten ist ein Pulverfass –
einige sind bereit, dort das Feuer zu legen. Einige imperialistische Staaten
sind bereit und planen kaltblütig den Einsatz von bestimmten Atomwaffen in
einem möglichen Krieg gegen den Iran.

Die Militärmaschinerie ist gerüstet und hat
sich strategisch auf dieses Szenario eingestellt. Da im dahinsiechenden Kapitalismus
bei dessen Todeszuckungen das Schlimmste am wahrscheinlichsten  ist,
können wir solch einen Krieg nicht ausschließen.  Jedenfalls treibt die
Flucht nach vorn des Kapitalismus, der völlig senil und morsch geworden ist,
die Irrationalität dieses Systems auf immer neue Höhen. Sollte es zu einem
eskalierenden Konflikt in der Region kommen, wird der Zerstörungsdrang des
Kapitalismus eine neue Stufe erreichen. Wenn der Kapitalismus, der durch die
Geschichte verdammt ist, verschwindet, wird die Arbeiterklasse und die
Menschheit ihm keine Träne nachweinen. Aber leider birgt der Zerstörungsdrang
des Systems die Gefahr einer vollständigen Zerstörung der Menschheit in sich.
Die Feststellung, dass der Kapitalismus dabei ist die ganze Zivilisation mit in
den Abgrund zu reißen, darf uns nicht den Mut nehmen, nicht in Verzweiflung
treiben oder in Passivität verfallen lassen. Wir schrieben zu Anfang des
Jahres: „Die Wirtschaftskrise ist keine endlose Geschichte. Sie kündigt das
Ende eines Systems und den Kampf für eine neue Gesellschaft an.“ Diese
Behauptung stützt sich auf die Entwicklung des Klassenkampfes auf
internationaler Ebene.

Dieser weltweite Kampf für eine andere
Gesellschaft hat eben erst begonnen. Er verläuft sicher noch sehr langsam und
mit großen Schwierigkeiten, aber er ist in Gang gesetzt worden. Diese in Gang
gekommene Bewegung, deren beeindruckendster Ausdruck bislang die Bewegung der
„Empörten“ letztes Jahr in Spanien war, erlaubt uns zu sagen, dass es
potentiell die Mittel gibt, all diese kapitalistische Barbarei von diesem
Planeten hinwegzufegen.   Tino, 11.4.2012

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