DER HOLLÄNDISCHE LINKSKOMMUNISMUS UND DIE REVOLUTION (1919-1927)

VON DER 3. INTERNATIONALE ZUR GRÜNDUNG DER KOMMUNISTISCHEN
ARBEITERINTERNATIONALE

4.
Kapitel

DIE
HOLLÄNDISCHE LINKE IN DER 3. INTERNA­TIONALE

Im Januar 1919 wurde an verschiedene kommunistische
Parteien, die gerade gegründet worden waren, und an re­volutionäre Fraktionen
oder Oppositionen ein Einla­dungsschreiben zu einem Kongress einer „neuen
revolutio­nären Internationale“ verschickt. Ursprünglich ging es nicht darum,
zu einem Kongress einzuladen, sondern zu einer einfachen „internationalen
sozialistischen Konfe­renz“, um die Gründung der 3. Internationale vorzuberei­ten.
Sie sollte vor dem 1. Februar entweder in Berlin oder in Holland geheim
stattfinden (1). Aber die Niederschla­gung des Januaraufstandes von Berlin
zwang dazu, den ur­sprünglichen Plan zu ändern: die Konferenz sollte vom 2.- 6.
März in Moskau tagen.

Die
Kommunistische Partei Hollands erhielt auch die Einladung. Auf ihrem
Gründungskongress im Nov. 1918 beschloss sie, eine Delegation zum Kongress der
3. Inter­nationale zu schicken (2). Aber die Haltung der Führung der KPN war
genau die gleiche, wie die, die sie während der 3 Konferenzen der Zimmerwalder
Bewegung gehabt hatte. Obgleich er über alle Mittel verfügte, um nach Moskau
fahren zu können, „schaffte“ Wijnkoop es nicht, sich dorthin auf den Weg zu
machen. Tatsächlich handelte es sich um eine Weigerung seinerseits. Um diese
Weige­rung zu rechtfertigen, die noch immer hinter einem sek­tiererischen Satz
versteckt wurde, veröffentlichte er die Artikel des bürgerlichen Journalisten
Ransom (3), der be­hauptete, der Kongress der 3. Internationale sei eine „rein
slawische Aktion“.

Schließlich wurde
die KPN indirekt und nur mit beraten­der Stimme auf dem I. Kongress der neuen
Internationale vertreten. Ihr Repräsentant, Rutgers, kam nicht direkt aus den
Niederlanden. Er hatte 1914 das Land in Richtung USA verlassen, wo er sich der
Amerikanischen Liga für sozialistische Propaganda angeschlossen hatte (4). Über
Japan nach Moskau gelangt, vertrat er tatsächlich nur diese amerikanische
Gruppe, ohne irgendein Mandat. Also wurde die Holländische Linke mittels des Vertreters
aus den USA bekannt. Einer der Führer der amerikani­schen Linkskommunisten,
Fraina (1), sein Freund, war stark von Gorter und Pannekoek beeinflusst worden.

Die
Kommunistische Partei Hollands trat schließlich der 3. Internationale im April
1919 bei. Rutgers wirkte bei der Exekutive mit.

1. DIE STRÖMUNGEN DER LINKEN IN DER 3.
INTERNATIONALE IM JAHRE 1919

Die Linke in der
3. Internationale entwickelte sich im Laufe des Jahres 1919 unter dem Einfluss
der deutschen Revolution. Diese stellte für alle Strömungen der Linke die
Zukunft der proletarischen Bewegung im industriali­sierten Westeuropa dar.
Trotz der Niederlage im Januar 1919 in Berlin, als das Proletariat von der
Sozialdemo­kratie mit Noske und Scheidemann an ihrer Spitze nieder­geschlagen
worden war, schien die Weltrevolution noch nie so greifbar wie damals.
Räterepubliken waren auch in Ungarn und Bayern errichtet worden. Die Lage blieb
auch noch in Österreich revolutionär. Große Massenstreiks er­schütterten Großbritannien
und standen auch in Italien unmittelbar bevor. Der amerikanische Kontinent
selber wurde durch die revolutionäre Welle von Seattle bis Bue­nos Aires
erschüttert (2)*. Das Proletariat der
höchst entwickelten Länder geriet in Bewegung. Die Frage der Taktik, die in den
zentralen Ländern des Kapitalismus an­gewendet werden müsste, in denen die
Revolution proleta­rischer sein würde als in Russland, musste notwendiger­weise
auf dem Hintergrund der Machtergreifung gestellt werden, denn die meisten
Revolutionäre glaubten, dass diese in naher Zukunft bevorstünde.

Die revolutionäre
Welle, d.h. die Erfahrung selber der Arbeiter, die mit dem Staat konfrontiert
wurden, brachte eine Änderung der Taktik zum Ausdruck, die mit dem Ende des
friedlichen Zeitalters des Wachstums des Kapi­talismus eingesetzt hatte. Alle
revolutionären Strömungen erkannten die Thesen des I. Kongresses der 3. Internatio­nale
als gültig an: 

„Die
jetzige Periode ist die Periode der Auflösung und des Zusammenbruchs des
gesamten kapitalistischen Weltsy­stems, die den Zusammenbruch der europäischen
Kultur überhaupt bedeuten wird, falls der Kapitalismus mit seinen unlösbaren
Gegensätzen nicht vernichtet wird.

2.
Die Aufgabe des Proletariats besteht jetzt darin, die Staatsmacht zu ergreifen.
Das Ergreifen der Staatsmacht be­deutet die Vernichtung des Staatsapparates der
Bourgeoisie und die Organisierung eines neuen, proletarischen Macht­apparates“.

(Einladungsschreiben
einiger kommunistischer Parteien zur Teilnahme an einem Internationalen
Kommunistischen Kongress)

In der neuen
Periode war es die Praxis der Arbeiter sel­ber, die die alten parlamentarischen
und gewerkschaftli­chen Taktiken in Frage stellte. Das russische Proletariat
hatte das Parlament nach seiner Machtübernahme aufge­löst, und in Deutschland
hatte sich eine große Masse von Arbeitern im Dezember 1918 für den Boykott der
Wahlen ausgesprochen. In Russland wie in Deutschland waren die Arbeiterräte als
die einzige Form des revolutionären Kampfes in Erscheinung getreten, und sie
stellten eine di­rekte Verwerfung der alten gewerkschaftlichen Strukturen dar.
Aber der Klassenkampf in Deutschland hatte den Widerspruch zwischen Proletariat
und Gewerkschaften aufgedeckt. Als die Gewerkschaften sich an der blutigen
Niederschlagung im Januar 1919 beteiligten und politische Kampforganisationen
auftauchten - die Unionen AAU -, hieß damals der Schlachtruf nicht „Wiedereroberung
der alten Gewerkschaften, sondern ihre Zerstörung“.

Indem die
Kommunistische Internationale das Programm sowohl der Kommunistischen Partei
Deutschlands (KPD) als auch der Bolschewistischen Partei als ihre Grundlage
nahm, akzeptierte die Internationale in Wirklichkeit die antiparlamentarischen
und gewerkschaftsfeindlichen Strömungen der Linken. Denn hatte der Kongress des
Spartakusbundes nicht die Beteiligung an den Wahlen verworfen? Obgleich Rosa Luxemburg
selber nicht mit der Mehrheit einverstanden war, verteidigte sie eine Linie
gegen die Gewerkschaften: „Die Gewerkschaften haben sich im Verlaufe des
Krieges und in der Revolution bis zum heutigen Tage als eine Organisation des
bürgerlichen Staates und der kapitalistischen Klassenherrschaft gezeigt.
Deshalb ist es selbstverständlich, dass der Kampf um die Sozialisie­rung in
Deutschland sich in erster Linie befassen muss mit der Liquidierung dieser
Hindernisse, die die Gewerkschaften der Sozialisierung entgegenstellen“ (Rosa
Luxemburg, Gründungsparteitag der KPD, Ges. Werke, Bd. 4, S. 486).

In der
Anfangsphase akzeptierte die Kommunistische In­ternationale in ihren Reihen
syndikalistische revolutionäre Elemente, die sowohl den Parlamentarismus als
auch die Beteiligung an den alten Gewerkschaften verwarfen. Aber diese Elemente
verwarfen aus prinzipiellen Gründen auch die Notwendigkeit einer politischen
Partei des Proletari­ats. Dies traf nicht zu auf die Elemente der Kommunisti­schen
Linke, die übrigens meistens die syndikalistisch re­volutionäre Bewegung
verwarfen, und gegen deren Mit­gliedschaft in der Internationale sie Stellung
bezogen, weil es sich nicht um eine gewerkschaftliche, sondern um eine politische
Organisation handelte (2).

Im Laufe des
Jahres 1919 tauchte dann die linkskommuni­stische Strömung nicht mit einer
gewerkschaftlichen, son­dern einer politischen Grundlage in den entwickelten
Ländern auf. Die Frage der Wahlbeteiligung wurde in ei­nigen Ländern zur
Schlüsselfrage für die Linken. Im März 1918 boykottierte die Kommunistische
Partei Polens die Wahlen; d.h. die Partei, die selbst aus der SDKPIL um Rosa
Luxemburg und Jogiches hervorgegangen war. In Italien wurde am 22. Dez. 1919
„Il Soviet“ in Neapel unter der Führung von Amadeo Bordiga veröffentlicht. Im
Un­terschied zu Gramsci und seiner syndikalistischen Strö­mung, die für die
Beteiligung an den Wahlen eintrat, ver­teidigte die Strömung um Bordiga die
Nichtbeteiligung an den Wahlen mit dem Ziel, die Reformisten aus der Italie­nischen
Sozialistischen Partei heraus zu schmeißen, damit eine „rein kommunistische
Partei“ gegründet werden könne (3). Die abstentionistische Kommunistische Frak­tion

der PSI wurde offiziell im Okt. 1919 gegründet. In GB sprach sich die Workers'
Socialist Federation um Sylvia Pankhurst gegen den „revolutionären“
Parlamentarismus aus, um jede „Energieverschwendung“ zu vermeiden (4). In Belgien
bezog die Gruppe „De Internationale“ aus Flandern und die Gruppe von War van
Overstraeten (5) gegen die Wahlbeteiligung Position. Das Gleiche traf auf die
eher peripheren Länder zu. Auf dem Kongress der Bulgarischen Kommunistischen
Partei im Mai 1919 war eine starke Minderheit in Erscheinung getreten, die aus
prinzipiellen Gründen die parlamentarische Arbeit ver­warf (6).

Die Holländer
dagegen blieben zögernd und gespalten. Sie waren weit davon entfernt, eine
radikale Position zur Parlamentarismusfrage einzunehmen. Während die Mehrheit
um Wijnkoop sich für die Beteiligung an den Wahlen aussprach, blieb die
Minderheit unentschlossen. Gorter selber sprach sich für eine Form des
revolutio­nären Parlamentarismus bis zum Sommer 1920 aus (1).

Pannekoek dagegen
vertrat eine antiparlamentarische Po­sition. Wie alle Linkskommunisten
unterstrich er den Wechsel der historischen Periode und die Notwendigkeit, mit
dem demokratischen Prinzip (2) zu brechen, das in den Arbeitermassen
Westeuropas noch haften blieb. Für die Entwicklung des Klassenbewusstseins war
es aus seiner Sicht notwendig, mit dem „demokratischen Parlamenta­rismus“ (3)
zu brechen.

1919 vertrat
niemand in der Kommunistischen Internatio­nale die Meinung, dass die Verwerfung
der Beteiligung an den bürgerlichen Parlamenten ein Grund für den Aus­schluss
der Linken aus der Komintern sei. In einer Ant­wort an Sylvia Pankhurst meinte
Lenin (4), „die Frage des Parlamentarismus ist aber jetzt eine einzelne,
nebensächli­che Frage... Das unzerreißbare Band mit der Masse der Ar­beiter,
das Verstehen, beständig unter ihnen zu agitieren, an jedem  Streik teilzunehmen, auf jede Frage der Masse
Ant­wort zu geben, das ist das wichtigste für die kommunistische Partei... Jene
revolutionären Arbeiter, welche den Parla­mentarismus zum Mittelpunkt ihrer
Anfälle machen, sind prinzipiell völlig im Recht, inwiefern sich durch diese An­fälle
die prinzipielle Verneinung des bürgerlichen Parla­mentarismus und der
bürgerlichen Demokratie äußert“ (5) (Die Kommunistische Internationale, Nr.
4-5, S. 91-98 - Der Sozialismus in England -).

Aber gegenüber
dieser Frage stellte das Rundschreiben des Exekutivkomitees der Komintern vom
1.9.1919 einen Wendepunkt dar. Während die parlamentarischen Aktio­nen und die
Wahlkampagnen noch als „Hilfsmittel“ darge­stellt wurden, erschien die
Eroberung des Parlamentes als eine Eroberung des Staates. Die Kommunistische
Inter­nationale kehrte wieder zu der sozialdemokratischen Auffassung vom
Parlament als Zentrum des revolutio­nären Kampfes zurück: „... (die Militanten)
beteiligen sich am Parlament, um sich dieses Apparates zu bemächtigen, und
um den Massen hinter den Mauern des Parlaments zu helfen, diese zu sprengen“
(Sinowjew, „Der Parlamentaris­mus und der Kampf um die Räte“) (6).

Schlimmer noch:
der Bruch der Linken und der Komin­tern vollzog sich um die Gewerkschaftsfrage.
Sollte man in einer Zeit, in der die Arbeiterräte noch nicht aufgetaucht waren,
noch in den Gewerkschaften arbeiten, die aber konterrevolutionär geworden
waren, oder sollte man sie im Gegenteil nicht zerstören, um wirkliche
Organisatio­nen des revolutionären Kampfes aufzubauen? Die Linke war gespalten.
Die Fraktion um Bordiga neigte zur Grün­dung von „wirklichen“ roten Gewerkschaften.
Die Kom­munistische Partei der USA um Fraina unterstützte die Arbeit mit den
revolutionären Syndikalisten in der IWW. Sie verwarf jeden „Entrismus“ in
reformistischen Gewerk­schaften. Die Minderheit der KPN mit Gorter und Panne­koek
an ihrer Spitze verwarf immer mehr eine Mitarbeit in den NAS, weil sie meinten,
dass der Bruch mit der an­archosyndikalistischen Strömung unvermeidbar geworden
war.

Der Ausschluss
der Deutschen Linken aufgrund ihrer an­tiparlamentarischen und gewerkschaftsfeindlichen
Posi­tion sollte zum Kristallisationspunkt der Opposition der internationalen
Linken werden. Die holländische Minder­heit trat an die theoretische Spitze des
deutschen und in­ternationalen Linkskommunismus.

2.
DIE DEUTSCHE FRAGE

Mittels eines
Manövers gelang es der Führung der KPD, die Mehrheit der Linken im September
1919 auszuschlie­ßen. Diese Mehrheit hatte seit dem Gründungskongress der KPD
(31. Dez. 1918, 1. 1. 1919) die Linie vertreten: „Heraus aus den
Gewerkschaften“. Militante Kommuni­sten vor allem in Bremen und Hamburg griffen
die Büros der sozialdemokratischen Gewerkschaften um Legien an, nahmen deren
Gelder mit und verteilten sie an arbeitslose Arbeiter. Als die ersten Unionen
gebildet wurden, erhiel­ten sie anfänglich Unterstützung von der Zentrale um
Levi und Brandler. Auch sie unterstützten die Bildung von Unionen bei den
Eisenbahnern und den Landarbeitern. Die Betriebsorganisationen, die aus
Arbeitern und revo­lutionären Delegierten zusammengesetzt waren, schlossen sich
zusammen, um Unionen zu bilden. Aber mit dem Niedergang der Revolution
erschienen die Unionen als Organe des politischen Kampfes, die die Erbschaft
der Fabrikräte übernommen hatten. Im Laufe des Jahres 1919 waren sie in den
Hauptbereichen der Arbeiterklasse weit verbreitet: bei den Bergleuten, auf den
Werften, bei den Matrosen und im Metallbereich.

Vom Sommer 1919
an änderte die Zentrale um Levi und Brandler ihre Position von Grund auf, wobei
politische Hintergedanken eine Rolle spielten. Sie wollten sich den
Unabhängigen der USPD nähern, die die Opposition in den Gewerkschaften
kontrollierten. Die Zentrale um Levi und Brandler griff die Linke als eine
„gewerkschaftliche“ Tendenz an. Aber tatsächlich stellte diese Tendenz nur eine
Minderheit dar. Hauptsächlich gab es sie an der Wasserkante (Bremen und Hamburg
um Laufenberg und Wolffheim, die von einer deutschen IWW träumten) und in
Sachsen um Rühle. Diese beiden Tendenzen unter­schätzten die Existenz einer
politischen Partei des Prole­tariats, die sie auf einen Propagandakreis für die
Unionen reduzierten. Aber auf die große Mehrheit, die später im April 1920 die
KAPD bilden sollte, traf dies nicht zu. Sie verwarf den Anarchosyndikalismus
und den unpolitischen revolutionären Syndikalismus. Aus ihrer Sicht waren die
Unionen nur Kampforganisationen, die den Direktiven der Partei folgten.
Deswegen waren sie keine „Syndikalisten“, sondern gegenüber den Gewerkschaften
feindlich eingestellt (1).

Während der
nationalen Konferenz von Frankfurt im Aug. 1919 sprach sich Levi sowohl für
eine Arbeit in den Ge­werkschaften als auch für eine Beteiligung am Parlament
aus. Auf dem Oktoberkongress (dem sog. Heidelberger Kongress) trug Levi eine
Resolution vor, obgleich diese vorher nicht in den Sektionen der Partei vor dem
Kongress diskutiert worden war, in der der Ausschluss der Elemente
vorgeschlagen wurde, die sich nicht an der Arbeit in den Gewerkschaften und am
Parlament beteiligen wollten. Alle Prinzipien der Arbeiterdemokratie in der Partei
ver­werfend (jeder Bereich verfügte über eine Stimme unab­hängig von ihrer
Größe) und die Entscheidung der Konfe­renz von Frankfurt über Bord werfend,
wurde der Zen­trale das Recht zugestanden, die Linke auszuschließen. Und diese
wurde dann, obwohl sie in der KPD die Mehr­heit darstellte, ausgeschlossen. Es
ist wichtig zu betonen, dass die ausgeschlossene Opposition sich weigerte, Lau­fenberg,
Wolffheim und Rühle zu unterstützen, die sofort eine neue Partei bilden
wollten. Diese Haltung (2), bis zum Ende für die Wiedereroberung der Partei zu
kämp­fen, war ein Merkmal der kommunistischen Linke der damaligen Zeit, und sie
stand in dieser Hinsicht der Frak­tion um Bordiga sehr nahe.

Die
holländische Linke solidarisierte sich mit der deut­schen Linken. Pannekoek
griff insbesondere Radek an, der in theoretischer Hinsicht Levi in dessen Kampf
gegen die deutsche Linke unterstützte. Er griff die Annäherung zwischen der KPD
und den Unabhängigen an, die aus sei­ner Sicht ein Abgleiten zum Opportunismus
bedeutete (4). Diese Politik spiegelte eine kleinbürgerliche Vorge­hensweise
wider, eine „blanquistische“ Auffassung von der Partei. Indem die
unmarxistische Theorie vertreten wurde, dass eine „revolutionäre Minderheit die
politische Macht ergreifen und sie in ihren Händen halten könnte“, recht­fertigte
Radek nur die Diktatur der Zentrale um Levi in­nerhalb der Partei. Seine Partei
stand auch im Gegensatz zur Politik der Bolschewiki. Denn diese hatten im Okt.
1917 keine Diktatur der Partei, sondern der Räte gewollt:

 „Das wirkliche russische Beispiel findet man
in den Tagen vor Nov. 1917. Dort hatte die Kommunistische Partei nie er­klärt
oder geglaubt, sie solle die Macht ergreifen und ihre Diktatur sei die Diktatur
der arbeitenden Massen. Sie er­klärte immer, die Sowjets, die Vertreter der
Massen, sollten die Macht ergreifen; sie selbst stellte das Programm auf,
kämpfte dafür, und als schließlich die Mehrheit der Sowjets die Richtigkeit
dieses Programms erkannte, nahm sie die Herrschaft in die Hände“
(„Der neue Blanquismus“, A. Pannekoek, in „Organisation und Taktik
der proletarischen Revolution“ S. 120). (1)

Der Pannekoek des
Jahres 1919 war noch nicht der räte­kommunistische Pannekoek der 30er und 40er
Jahre. Wie die kommunistische Linke seit den 20er Jahren trat er auch für die
unersetzbare Rolle der Partei ein. Im Gegen­satz zu den später von der
bordigistischen Strömung erho­benen Vorwürfen haben Pannekoek und die
holländische Linke nichts gemeinsam mit den Positionen Rühles, der
parteifeindlich und spontaneistisch war, und eine Nachtrabpolitik gegenüber den
Massen aufgrund eines demokratischen Formalismus betrieb:

„Wir
sind keine Fanatiker der Demokratie, wir haben keinen abergläubischen Respekt
vor Mehrheitsbeschlüssen und huldigen nicht dem Glauben, alles was sie (die
Mehrheit) mache, sei gut und müsse geschehen“ (ebenda, S. 120). 

Die holländische
Linke betonte immer die größeren Schwierigkeiten der Revolution in Westeuropa,
deren Verlauf viel „langsamer und schwieriger sein würde“. Die Rezepte Radeks,
um die Ereignisse mit Hilfe einer Min­derheitendiktatur in der Partei zu
beschleunigen, führen nur zu einer Niederlage.

In den Ländern,
in denen die alte bürgerliche Kultur noch vorherrschte, mit einem Geist des
Individualismus und des Respekts gegenüber den ethischen Werten der Bour­geoisie,
war die blanquistische Taktik unmöglich. Nicht nur verwarf sie die Rolle der
Massen als revolutionäres Subjekt, sondern sie unterschätzte auch die Kraft des
Feindes und die notwendige Arbeit der Propaganda zur Vorbereitung der
Revolution. Nur die Entwicklung des Klassenbewusstseins als ein schwieriger Prozess
ermöglicht den Sieg der Revolution. Aus dieser Sicht verwarf Panne­koek zum
ersten Mal ausdrücklich die syndikalistische Taktik. Er unterstützte voll die
deutsche Linke, die für die Bildung von Betriebsorganisationen eintrat (2).
Viel weni­ger klar war dagegen die Position der Holländer zur Frage des
revolutionären Parlamentarismus. Pannekoek hatte eine Reihe von Artikeln in
„Der Kommunist“ veröffent­licht, der als Organ der Opposition von Bremen
erschien. Darin gab es allerdings eine Haltung des zentristischen Hin- und
Herschwankens zwischen der Rechten und Lin­ken. Während die Unmöglichkeit des
Einsatzes des Par­lamentarismus als „Methode“ der proletarischen Revolu­tion „im
imperialistischen und revolutionären Zeitalter“ aufgezeigt wurde, schien
Pannekoek die Arbeit auf der Parlamentstribüne in den weniger entwickelten
Ländern jedoch für möglich zuhalten. Dies hing ihm zufolge von der „Stärke, dem
Entwicklungsgrad des Kapitalismus in jedem Lande ab“. Diese Theorie der
„besonderen Fälle“ führte zur impliziten Verwerfung des Antiparlamentaris­mus
als ein neues Prinzip der revolutionären Bewegung im Zeitalter des dekadenten
Imperialismus - „Periode der Krise und des Chaos“, und die weltweit in jedem
Land gültig sei. Es ging also nicht mehr um eine Frage der Tak­tik, die man
gemäß den Produktivkräften in einem Land zu bestimmen hatte. Obwohl diese Idee
nur implizit ent­wickelt war, wurde sie im Nachhinein von der niederge­henden
„bordigistischen“ Strömung (4) fortgesetzt.

Die theoretische
Auffassung der holländischen Linken entwickelte sich ziemlich langsam. Sie
wurde bereichert durch die polemische Konfrontation und durch die Erfah­rung
mit der deutschen Revolution. Dabei lernte sie sowohl von der deutschen Linken,
wie auch diese wie­derum von der holländischen Linken. Es gab eine gegen­seitige
Beeinflussung der verschiedenen Linken auf inter­nationaler Ebene. Das traf
auch auf die italienische Linke zu. Die Kristallisierung der Position der kommunistischen
Linken als ein Rahmen von politischen Positionen wurde durch die Schaffung des
Amsterdamer Büros der Kom­munistischen Internationale weitgehend begünstigt.
Die Errichtung dieses Büros ist der Höhepunkt der internatio­nalen Anerkennung
der holländischen Linken in der re­volutionären Weltbewegung.

3.
DAS AMSTERDAMER BÜRO (1919-1920)

Im Jahre 1919
befand sich das Zentrum der 3. Internatio­nale in einem Land, das in einen
Bürgerkrieg gestürzt worden war und im Würgegriff der weißen Armeen steckte.
Diese damit verbundene Isolierung hatte das Exe­kutivkomitee dazu veranlasst,
sich für die Errichtung von Büros der Internationale in Westeuropa zu
entschließen. Diese Büros hatten zur Aufgabe, sowohl Propaganda zu betreiben,
als auch die verschiedenen, von den jeweiligen Büros abhängigen Parteien zu
organisieren. Die Exekutive der Komintern hatte Büros in Skandinavien, auf dem
Bal­kan, im Süden Russlands und in Mitteleuropa in Wien ge­schaffen.
Gleichzeitig wurde das „lateinamerikanische Büro“ in Mexiko auf Betreiben
Borodines gegründet. All diese schlecht koordinierten Organismen spiegelten
eine noch vorhandene große Verwirrung der Zentralisierung der internationalen
Arbeit wider. Aber für die Komintern gab es damals noch keinen Zweifel daran,
dass in einer nahen Zukunft das Zentrum der Internationale nach Westeuropa
verlegt werden müsste, weil sich dort die Re­volution entwickeln würde. Diesem
Zweck sollten die neu eingerichteten Büros dienen. Aber im Herbst 1919 schuf
die Komintern gleichzeitig ein provisorisches Sekretariat mit Sitz in
Deutschland und ein provisorisches Büro, das seinen Sitz in Holland hatte und
mit diesem in ständigem Kontakt stand. Diese beiden Organisationen spiegelten
die Existenz der Tendenzen innerhalb der Komintern wi­der. Das Sekretariat
stand unter dem Einfluss der Rech­ten, Levis und Clara Zetkins, die zu den
„Unabhängigen“ neigten. Das Amsterdamer Büro dagegen sammelte die
Linkskommunisten, die sich gegen einen Rechtskurs der KPD stellten.

Die Komintern
ordnete den Holländern eine besondere Bedeutung zu, um innerhalb des
Amsterdamer Büros die Propaganda zu betreiben, und die Verbindung zwischen den
kommunistischen Parteien Westeuropas und Nord­amerika aufzubauen. Die Holländer
sollten diese Arbeit anführen. Mit der Entscheidung vom 28. Sept. 1919 berief
das Exekutivkomitee Gorter, Pannekoek, Roland-Holst, - die alle dem linken
Flügel der KPN angehörten - und Ru­gers, van Ravesteyn und Wijnkoop (die beiden
letzten Vertreter des rechten Flügels) ins Büro. Rutgers traf An­fang November
ein, um das „Unterbüro“ (1) einzurichten und eine internationale kommunistische
Konferenz zu or­ganisieren. Trotz der Divergenzen mit den Holländern war das
Vertrauen der Bolschewiki gegenüber ihnen groß, insbesondere gegenüber Pannekoek.
Dieser wurde auf­gefordert, nach Russland zu fahren, um der theoretischen
Arbeit dort zu helfen und als Experte zu dienen (2). Pan­nekoek wollte dies
jedoch nicht, um materiell von der rus­sischen Regierung unabhängig zu bleiben.

Wijnkoop gelang
es von Anfang an, mittels einer Reihe von Tricks Pannekoek und vor allem Gorter
- den er als einen Psychopathen bezichtigte (3) -   aus der Führung des Büros zu entfernen.
Damit blieben, entgegen der Ent­scheidung der Komintern, nur Rutgers,
Roland-Holst und Wijnkoop. Dabei versuchte allerdings Wijnkoop während der kurzen
Existenz des Büros von sich ein radikales Bild zu geben als jemand, der auf dem
linken Flügel der Komintern stünde. Er bezog Position gegen die Annähe­rung
zwischen der KPD und der USPD, gegen den Ein­tritt der englischen KP in die
Labour-Partei. Aber trotz dieses Radikalismus gelang es ihm durchzusetzen, dass
bei Hauptfragen wie der Parlamentarismusfrage - er selbst war Abgeordneter -
ein Mittelweg eingeschlagen wurde. In Wirklichkeit weigerte er sich,
ausdrücklich Position für die kommunistische Linke zu beziehen. Den Kampf zwi­schen
der deutschen Opposition und der Rechten um Levi bezeichnete er als „eine
Auseinandersetzung zwischen Bonzen der Partei beider Richtungen“. Aber der
schein­bare Radikalismus Wijnkoops dauerte nicht lange, nur ge­rade bis zum 2.
Kongress der Komintern, wo der Aus­schluss der Unabhängigen und Cachins und
Frossards be­schlossen wurde (5). Schließlich wurde die Linke aus der KPN 1921
ausgeschlossen (siehe unten).

Zur Vorbereitung
der internationalen Konferenz, die im Feb. 1920 stattfinden sollte, waren
Thesen verfasst worden, an deren Erarbeitung sich Pannekoek und Roland-Holst
beteiligt hatten. Diese wurden eingeleitet von einem Auf­ruf der Kommunisten,
die sich in einer einzigen Partei zu­sammen schließen sollten, so wie es der
Beschluss des Exe­kutivkomitees der Komintern gewesen war.

Aber diese Thesen
entfernten sich mehr oder weniger von der Linie der Komintern. Die „Thesen über
den Parla­mentarismus“ - wahrscheinlich von Rutgers verfasst - wa­ren ein
Kompromiss zwischen den Positionen der kommu­nistischen Linken und denen der
Internationale. Sie hoben hervor, dass der „Parlamentarismus nie ein Organ des
siegreichen Proletariats sein kann“, was sich auf die Leh­ren der
Oktoberrevolution stützte. Die Theorie des revo­lutionären Parlamentarismus
wurde vehement verteidigt: „... der parlamentarische Kampf in den schärfsten
Formen des Protestes gegen imperialistische Gewalttaten, vor allem im
Zusammenhang mit Aktionen außerhalb des Parla­ments, (kann)  ein kräftiges Mittel sein, die Massen zu wec­ken
und ihren Widerstand wachzurufen“ 
(„Vorschläge aus Holland“, Thesen über Parlamentarismus, These Nr. 3, in
Kommunistische Internationale, Bd. 1, Nr. 4/5, S. 14).

Aber diese Behauptung
war mit gewissen Einschränkun­gen formuliert worden: Einerseits meinte man,
dass die Parlamente „immer mehr zu einem Ort der Jahrmärkte werden, in denen
die Massen nur missbraucht werden“, was ein Beweis für die Überholtheit des
„revolutionären Parlamentarismus“ sei. Andererseits behauptete man, dass die
Parlamentsbeteiligung nur eine Frage sei, die nur vor Ort und nicht weltweit entschieden
werden könnte. Es „...muss der Arbeiterklasse jedes Landes die Entscheidung
darüber überlassen werden, ob, wann und in welcher Weise sie den
Parlamentarismus in ihrem Kampfe benutzen will
“ (ebenda, These Nr. 5, S.
14).

Diese Thesen
waren nur ein Projekt; sie wurden geändert und wieder neu geschrieben,
vermutlich von Pannekoek. Die Verwerfung des revolutionären Parlamentarismus er­schien
nun viel deutlicher, aber sie war gewissen Bedin­gungen unterworfen, wie dem
Auftauchen von Arbeiter­räten. „Wenn das Parlament zum Sammelpunkt und Organ
der Konterrevolution wird, und die Arbeiterklasse in den Sowjets die Organe
ihrer Macht aufbaut, kann es sogar ge­boten sein, sich jeder Teilnahme an der
parlamentarischen Tätigkeit zu enthalten" (ebenda, These Nr. 4, S. 14).
(2)

Hinsichtlich der
Gewerkschaftsfrage stellten die Thesen auch einen Kompromiss dar. Man
befürwortete, dass die revolutionären Arbeiter eine „revolutionäre Opposition
innerhalb der Gewerkschaften“ bilden, was der Position der Komintern entsprach,
die davon träumte, die konter­revolutionären Gewerkschaften zu
„revolutionieren“, weil sich dort die großen Massen befänden. Andererseits
meinte das Amsterdamer Büro, dass es möglich sei, „neue Organisationen zu
schaffen“. Dies sollten die Industriege­werkschaften und nicht die auf
Berufskriterien beruhen­den Gewerkschaften sein. Diese revolutionär gesinnten
Gewerkschaften würden sich nach den IWW und den englischen Shopstewards ausrichten.
Aber bei der Frage der Rolle der Gewerkschaften nach der Machtübernahme durch
das Proletariat hob sich das Büro deutlich von der Komintern ab: im Unterschied
zu den Russen, die in den Räten - wie Trotzki (3) - nur eine
„Arbeiterparlament“ sa­hen, verwarfen die Holländer heftig die Auffassung, dass
die Gewerkschaften „die neue proletarische Gesellschaft aufbauen könnten“.
Diese Rolle müssten die Sowjets, die politischen Einheitsorgane der
Arbeiterklasse ausüben.

Der Einfluss der deutschen Revolution aber
auch der von Pankhurst und Fraina brachte das Büro dazu, viel klarer
abgegrenzte Positionen zu beziehen, die theoretisch bes­ser untermauert waren
und der deutschen Opposition nä­her  
standen. Das Büro konnte zum Zentrum der Umgrup­pierung der ganzen
internationalen kommunistischen Linke werden, die in Opposition zu der
Orientierung der Komintern bei der Gewerkschafts- und Parlamentaris­musfrage
standen. Dies verdeutlichte die Arbeit der Inter­nationalen Kommunistischen
Konferenz, die vom 3. - 8. Febr. 1920 in Amsterdam stattfand. Die Konferenz ist
sehr repräsentativ für die Kräfte des Linkskommunismus in den entwickelten
Ländern. Von dieser Tendenz vertre­ten waren Fraina aus den USA, Sylvia Pankhurst
aus GB, van Overstraaten aus Belgien, Gorter, Pannekoek und Roland-Holst aus
Holland, Karl Stücke von der Bremer Linken (4). Die anderen Delegierten
gehörten entweder dem Zentrum an, wie Wijnkoop, Rutgers oder Mannoury, oder zum
rechten Flügel wie die Mitglieder der BSP, der linkssozialistischen Partei,
Willis und Hodgson. Anwesend waren ebenfalls ein Indonesier und
Maring-Sneevliet, Delegierter Indonesiens (5). Weil sie zu spät informiert
worden waren, trafen erst nach der Konferenz die Dele­gierten der KPD Levi,
Zetkin, Frölich, Posener und Mün­zenberg ein, sowie der Schweizer Herzog, Antiparlamen­tarist
und der Sekretär des Lateinamerikanischen Büros, F. K. Puerto (1). Der
Delegierte Finnlands und auch der aus Spanien trafen ebenfalls zu spät ein.

Aufgrund seiner
Dauer, der Bandbreite der Diskussionen und der umfassenden Teilnahme von
Delegierten aus ver­schiedenen Kontinenten glich diese Konferenz einem in­ternationalen
Kongress. Sie hatte einen eher repräsenta­tiven Charakter als die vorherigen
Konferenzen von Imola und Frankfurt (2). Es muss allerdings bemerkt werden,
dass die Holländer weit davon entfernt waren, mit der ille­galen Arbeit gut zurechtzukommen.
Die ganze Konferenz stand unter Überwachung der niederländischen Polizei und
von Spionen, die all das notierten, was gesagt und be­schlossen wurde (3).
Clara Zetkin wurde bei ihrer An­kunft in Amsterdam verhaftet und nur nach einer
Inter­vention des rechten Sozialdemokraten Wibaut (4) wieder freigelassen, der
1917 durch seine Unterdrückung der Ar­beiter berühmt geworden war. Eine
Huldigung für die wenig extremistische Führung der KPD?

Die
internationale Konferenz brachte die Positionen der kommunistischen Linke zu
zwei Hauptfragen zum Aus­druck: Die Verwerfung der Gewerkschaftsarbeit und die
Weigerung, Entrismus in den Organisationen zu betrei­ben, die der 2.
Internationale angehörten, wie z.B. der La­bour-Partei.

Die Thesen
Frainas über die Gewerkschaften, die mehr­heitlich angenommen wurden, gehen
weiter als die oben erwähnten provisorischen Thesen. Sie verwerfen jede Ar­beit
in den „Berufsgewerkschaften“, die „endgültig in den Kapitalismus integriert
sind“, und politisch als der Labour-Partei zugehörig angesehen werden, die „der
Regierungs­ausdruck des Staatskapitalismus ist“. In den Thesen trat man für
revolutionäre Industriegewerkschaften nach der Machtübernahme ein, wobei sie
auf die gleiche Ebene ge­stellt wurden wie die Fabrikräte, und die Thesen
verwer­fen implizit den Apolitismus, die Politikfeindlichkeit der IWW. Aufgrund
ihres Eintretens für Industrieunionen (5) stand die kommunistische Linke des
Büros auf den ersten Blick der KAPD viel näher. Aber nur auf den ersten Blick,
denn später verwarf die KAPD wie auch die Minderheit der kommunistischen Partei
der Niederlande (KPN) die Gewerkschaftsform, d.h. sowohl die von
Industriegewerk­schaften als auch sog. revolutionäre Gewerkschaften.

Aber in dem Büro
blieb eine Verwirrung bestehen über politische Parteien und revolutionäre
Gewerkschaften. Trotz einer starken Opposition von Fraina und Pankhurst
akzeptierte die Konferenz, dass ökonomische Organisatio­nen im Stile der
Shop-Stewards im Büro repräsentiert sein sollten. Diese Entscheidung entsprach
übrigens der der Komintern bis zu ihrem 2. Kongress.

Die wichtigste
Entscheidung der Konferenz betraf Großbritannien. In diesem Land gab es eine
sehr starke La­bour-Partei, die mit der 2. Internationale verbunden war, und
linkssozialistische Parteien, BSP, ILP (1), die mit der USPD in Deutschland
vergleichbar waren. Lenin und die Komintern wollten, dass diese kommunistischen
Gruppen der Labour-Partei beitraten, um dort „die Massen zu ge­winnen“. Dies
stand im Widerspruch zu der Orientierung der Loslösung der Revolutionäre von
der 2. Internatio­nale, die man als tot angesehen hatte. Die Parteien, die
dieser 2. Internationale noch angehörten, waren damals nicht als der rechte
Flügel der Arbeiterbewegung, sondern als der linke Flügel der Bourgeoisie
aufgefasst worden, und dort, wo die „Linke“ eine vorherrschende Stellung in­nehatte,
als „zentristisch“ angesehen  worden. Anfang
des Jahres 1920 änderte die Komintern ihre Position, indem sie für die Bildung
von Massenparteien eintrat. Entweder durch die Vereinigung von kommunistischen
Gruppen mit den mehrheitlich zentristischen Strömungen wie den Un­abhängigen in
Deutschland, oder durch den Entrismus kleiner kommunistischen Gruppen in eine
Partei der 2. Internationale wie in dem „besonderen Fall“ Großbritanniens. Aber
eine Politik der „besonderen Fälle“ führt im­mer zu einer opportunistischen
Politik.

Die auf der
Konferenz angenommene Resolution war die von Fraina verfasste. Sie trat an die
Stelle der Position Wijnkoops, die zu ungenau war und der Frage der Einheit der
Kommunisten und der Spaltung ausgewichen war. Fraina betonte die Notwendigkeit,
sich nicht nur von den Sozialpatrioten zu trennen, sondern auch von den Op­portunisten,
d.h. der Strömung, die zwischen der 2. und 3. Internationale hin- und herschwankte.
Es handelte sich um die gleiche Position, die auch Bordiga (2) vertrat. Dass
die Resolution zur Abspaltung im Hinblick auf die Bil­dung der kommunistischen
Partei und gegen die „angebliche Möglichkeit, dass die neue kommunistische
Partei Englands sich mit der Labour-Partei verbinde“,
so hatte es Pankhurst
formuliert (3), von den Delegierten der BSP und einem holländischen Delegierten
verworfen wurde, ist symptomatisch. Als solche schien die Resolu­tion eine akzeptable
Entscheidung zu sein, weil sowohl gegen die Labour-Partei als auch gegen die
USPD ge­richtet.

Tatsächlich wurde
das Amsterdamer Büro zum Zentrum der Linksopposition der 3. Internationale mit
Entschei­dungsbefugnis, da es forderte, dass das Berliner Sekreta­riat, das
sich in den Händen der Rechten befand, sich auf den Bereich Mittel- und
Osteuropas beschränke. Das amerikanische Unterbüro (4), für das die
amerikanische KP mit Fraina ein Mandat erhalten hatte, konnte zu ei­nem
Propagandazentrum der Linken auf dem ganzen amerikanischen Kontinent werden. In
Anbetracht dieser Gefahr und zum Zeitpunkt, als das Büro die Gründung der KAPD
in Deutschland begrüßte, beschloss die Komintern die Auflösung des Büros am 4.
Mai. 1920. Dies geschah durch eine einfache Funkbotschaft Moskaus. Von da an
verlagerte sich das Zentrum der Opposition hin nach Deutschland, wodurch
oppositionelle Bestrebungen durch die Führung um Wijnkoop und der Mehrheit der
KPN nicht möglich waren.

4)
DIE HOLLÄNDISCHE MINDERHEIT UND DIE KAPD

Die Minderheit
der KPN begrüßte enthusiastisch die Bil­dung der KAPD, die offiziell am 4. und
5. April 1920 ent­standen war (5). Die „Roode Vaan“ veröffentlichte die
Übersetzung des Programms der KAPD. Sie wurde zum Sprachrohr der KAPD in der
KPN gegen die Führung Wijnkoops, die sich darauf beschränkte, die Positionen
der KPD gegen die Linksradikalen zu veröffentlichen (6). Von da an stellte die
Minderheit, die von Luteraan und Korper (7) angeführt wurde, eine strukturierte
Opposition in der Partei dar, die offen gewerkschaftsfeindliche - hauptsächlich
gegen die NAS (8) gerichtet - und antipar­lamentarische Positionen vertrat.
Wijnkoop betrachtete zu Recht die Minderheit als eine niederländische Tendenz
der KAP, die er nach dem 2. Kongress der Komintern (s.u.) mit allen Mitteln
bekämpfte. Die Führung der deut­schen Opposition befand sich jedoch in einer
anderen Lage als die Holländer, die den Kampf innerhalb der Partei fortsetzen
konnten. Im Gegensatz zur Auffassung Rühles, Wolffheims und Laufenbergs
weigerte sie sich, die Bildung einer 2. Partei ins Auge zu fassen und als Mehr­heit
der alten Partei verlangte sie, dass die aus der Partei Ausgeschlossenen wieder
in die KPD-Spartakus aufge­nommen werden sollten. Aber der Kongress der KPD-S,
der im Februar 1920 stattfand, schloss die Möglichkeit ei­ner Wiederaufnahme
aus. Die Bildung der KAPD wurde beschleunigt durch die Ereignisse des Kapp-Putsches.
Die Partei Levis und Brandlers hatte erklärt, dass sie die sozi­aldemokratische
Regierung nicht angreife und sie gar un­terstützen werde: „Die KPD sieht in
der Bildung einer so­zialistischen Regierung unter Ausschluss von bürgerlich-ka­pitalistischen
Parteien einen erwünschten Zustand für die Selbstbetätigung der proletarischen
Massen und ihr Heran­reifen für die Ausübung der proletarischen Diktatur. Sie
wird gegenüber der Regierung eine loyale Opposition treiben, so­lange diese
Regierung die Garantien für die politische Betä­tigung der Arbeiterschaft
gewährt, solange sie die bürgerliche Konterrevolution mit allen ihr zu Gebote
stehenden Mitteln bekämpft und die soziale und organisatorische Kräftigung der
Arbeiterschaft nicht hemmen wird“ (Zentrale der KPD, Rote Fahne, 26.3.1920,
zitiert in „Die KPD im eigenen Spie­gel“)(1)

Die
Sozialdemokratie setzte unter der Führung des Reichskommissar Severing,
Mitglied der SPD, alle Mittel, die zu ihrer Verfügung standen, ein, darunter
auch die Reichswehr. Ihr Ziel bestand darin, den Arbeiteraufstand an der Ruhr
niederzuschlagen. Dieser „loyalen“ Opposi­tion gegenüber dem Henker des
deutschen Proletariats fügte die KPD einige Zeit später ein nationalistisches
Element hinzu: Die Politik der Ebert-Regierung wurde als ein „Verbrechen gegen
die ganze Nation“ bezeichnet (3). Das waren die ersten Anzeichen der Taktik
„der Arbeiter­regierung“ und „Einheitsfront“ mit der Sozialdemokratie, die 1923
praktiziert wurde, des „Nationalbolschewismus“, der sie im gleichen Jahr dazu
führte, mehr oder weniger mit Nazi-Elementen zusammenzuarbeiten (4). Um dieser
opportunistischen Politik entgegenzutreten und als eine Partei der
revolutionären Aktion zu wirken, wurde die KAPD gegründet. Diese begriff sich
nicht als Opposition gegenüber der 3. Internationale. Im Gegenteil, sie be­tonte,
dass der Spartakusbund (KPD) im Widerspruch zu der Linie der 3. Internationale
stand. Die erste Handlung der KAPD, die einstimmig von dem Gründungskongress verabschiedet
worden war, bestand darin, sofort die un­mittelbare Zugehörigkeit zur 3.
Internationale zu verkün­den - und dies nicht erst zu fordern(5).

Dabei war das
Programm der KAPD allerdings mehr durch die Thesen von Gorter und Pannekoek als
durch die der Komintern geprägt. Anfänglich jedenfalls war die KAPD bei weitem
nicht so homogen wie die Holländer. Vor der Gründung der KAPD bestand die
Opposition aus vier Tendenzen.

- Die Bremer
Tendenz: Sie hatte die ersten Unionen im Norden Deutschlands organisiert,
sie war antiparlamenta­risch und antigewerkschaftlich und hatte sich scharf vom
Nationalbolschewismus der Hamburger abgegrenzt. Sie weigerte sich, der KAPD
beizutreten. Der Preis, den sie für die Rückkehr in das Fahrwasser der KPD
bezahlte, war die Auflösung der Union, die sie gegründet hatte, und die
Beteiligung an den Wahlen.

-
Die nationalbolschewistische Tendenz:
diese Tendenz
mit Wolffheim und Laufenberg an ihrer Spitze hielt die Mehrheit in Hamburg inne
(7). Sie befürwortete den re­volutionären Krieg gegen die „Entente“ und stützte
sich auf die Rote Armee. Als Theoretiker der Unionen propa­gierten Wolffheim
und Laufenberg gleichzeitig nationali­stische Auffassungen, die dem Marxismus
fremd waren. Sie taten dies schon von 1919 an: „Die Betriebsräte werden zum
Element der nationalen Sammlung, der nationalen Or­ganisationen, des nationalen
Zusammenschlusses, weil sie das Grundelement, die Urzelle des Sozialismus sind“

(aus E. Schüddekopf, „Nationalbolschewismus in Deutschland“, Frankfurt, 1972,
S. 73).

Schlimmer noch
war, dass die Hamburger Tendenz den Nationalismus und nicht den
Internationalismus als eine Waffe auffasste: „Die nationale Idee hat
aufgehört, ein Machtinstrument in den Händen der Bourgeoisie gegen die
Arbeiterklasse zu sein, und wendet sich jetzt gegen sie. Die große Dialektik
der Geschichte hat dazu geführt, dass die nationale Idee ein Machtinstrument
des Proletariats gegen die Bourgeoisie ist“ (2).

-
Die parteifeindliche Tendenz der Unionen um Rühle und Pfempfert.

Die Unionen, die
1920 über 80.000 Mitglieder verfügten, - diese Zahl stieg 1920 auf über 200.000
an - waren in die KAPD nicht aufgenommen worden, denn diese wollte eine strenge
Trennung zwischen Partei und Fabrikorgani­sationen aufrechterhalten. Eine
bestimmte „ouvrieristische“ Minderheit, die unter den Arbeitern in Sachsen sehr
stark verbreitet war, aber auch unter den Intellektuellen wie Rühle, meinte,
dass die Revolution keine Parteifrage sei. Sie verwarf die Notwendigkeit der politischen
Partei des Proletariats und stellte sich gegen jede Zentralisierung einer
Organisation. Stattdessen sprach sie sich für den Föderalismus und gar für den
Lo­kalismus aus. Aufgrund ihres auf die Fabriken bezogenen Standpunktes standen
sie Gramsci näher als Gorter, der ein überzeugter Anhänger politischer Parteien
war (3). Die politisch-literarische Zeitschrift „Die Aktion“ (4) wurde zu
einem Sammelbecken all derjenigen, die mit der Zentralisierung innerhalb der
KPD (S) und später inner­halb der KAPD unzufrieden waren. 1919 gab es kaum einen
Unterschied zwischen der Unionen-Tendenz und der nationalbolschewistischen
Tendenz. Einige Leute wie Rühle waren eine kurze Zeitlang auch zu Fürsprechern
des Nationalkommunismus geworden. Der sehr „radikale“ Rühle verwarf den
Versailler Frieden, der von der USPD mit unterzeichnet worden war. Dabei
stützte er sich auf fast die gleichen Argumente wie Laufenberg und Wolff­heim.
„Der USPD-Frieden ist Deutschlands Verderben. Ist das Ende der Revolution, die
Erwürgung des Sozialismus. Ist der Untergang unserer Kultur und die Vernichtung
unse­rer Zukunft. Die einzige Rettung ist beim Bolschewismus“ (Die Aktion,
Dresden 1919).

-
Die Berliner Tendenz:

Diese Tendenz war
innerhalb der Opposition die größte und auch später in der KAPD. Sie war nicht
auf Berlin be­schränkt. Von Intellektuellen wie Schröder, Schwab und
Reichenbach angeführt, die alle aus dem Milieu sozialisti­scher Studenten kamen
(6) - und Arbeitern, die ausge­zeichnete Organisatoren waren wie Emil Sachs,
Adam Scharrer und Jan Appel (7), war sie streng zentralisiert. Aus ihrer Sicht
waren die Unionen nur ein Ableger der Partei, und deswegen verwarfen sie jede
Form des revolu­tionären Syndikalismus und mehr noch den anarchisieren­den
Föderalismus. In ihrer Theorie waren sie von Gorter mehr beeinflusst worden als
von Pannekoek, weil dieser sich der Dekadenztheorie Rosa Luxemburgs entgegen­stellte.

In Anbetracht des
theoretischen Gewichtes der Holländer in der neuen Partei, die aus 3
widersprüchlichen Tenden­zen zusammengesetzt war, war es entscheidend, dass
diese die Taktik der KAPD mitorientierten. Dies tat Pannekoek in einem Brief
vom 15. 7. 1920 an die Partei (8). Während er einerseits seine Solidarität mit
der KAPD äußerte, und die bis dahin betriebene Agitation als „sowohl
prinzipiell als auch formell richtig“ erachtete, übte Pannekoek gleich­zeitig
gewisse Kritiken. Dies traf allerdings auf Gorter nicht zu, der in einem
Telegramm die Prinzipien der KAPD kritiklos als „ausgezeichnet“ darstellte und
seine schriftliche Zusammenarbeit anbot (9). Aber Pannekoek hatte Recht und lag
richtig mit seiner kritischeren Haltung. Er verwarf die Auffassung der Unionen,
derzufolge die Betriebsorganisationen eine Minderheit von aufgeklärten
Arbeitern zusammenfassen sollte, die zwar die „reaktionäre Rolle der
Gewerkschaften“ erkenne, aber eine kleine Gruppe inmitten der großen Massen
bliebe, die noch immer zurückbleiben und sich noch immer an die alten
Gewerkschaften hängen“. Die Doppelorganisa­tion - einerseits die Unionen,
andererseits die KAPD - war überflüssig. Unionen und Partei würden schließlich
die gleichen Leute organisieren. Pannekoek spürte, dass die Unionen
Fabrikgruppen waren, deren Mitglieder hauptsächlich aus Funktionären der Partei
zusammenge­setzt waren, erweitert um dem Kreis von sympathisieren­den
Arbeitern, und dass es sich dabei nicht um „Arbeitergruppen“ handelte, die sich
im Kampf in Akti­onsausschüssen organisierten. Dies war eine Erkenntnis, vor
der sich auch die KAPD später nicht verschließen konnte. Und in der Zeit ihres
Auseinanderbrechens (1) fassten sie die Unionen nur als Grundlagen der Aktions­ausschüsse
auf, analog einem Pyramidensystem.

Es war wichtig,
nicht die Räte mit den Unionen, die Unionen nicht mit der Kommunistischen
Partei zu ver­wechseln. Die Zukunft lag nicht in den Unionen, sondern bei den
Räten, die die Mehrheit der Arbeiter zusammen­fassten:

„1.
als Grundlage der proletarischen Demokratie die Zu­sammenfassung aller in einem
Betrieb Tätiger, die durch ihre Vertreter, Betriebsräte, die politische und
gesellschaftli­che Leitung in die Hand nehmen - die Sowjets in Russland (und
diese betriebsweite Organisation der ganzen Arbeiter­schaft wird doch zumeist
Betriebsorganisation genannt); 2. als treibende bewusste Minorität, der infolge
ihrer klaren Einsicht und revolutionären Willens die Führung zufällt in
revolutionären Zeiten: die Kommunisten. Eine zweite Min­derheitsgruppe, die
doch auch fast nur aus Kommunisten besteht, wir aber, wie es mir scheint, dabei
nicht brauchen“ (Brief A. Pannekoek, aus Kommunistische Arbeiterzeitung, Nr.
112).

Dieser sehr große
Scharfblick muss mit der Auffassung Gorters verglichen werden, der in vielerlei
Hinsicht sehr fabrikbezogen dachte und gar eine „erzieherische“ Auffas­sung
hatte. „Die Unionen vermitteln den bewussten Arbeitern die Idee der Räte,
und die Kommunistische Partei 'bildet' die Arbeiter, die ein höheres
Bewusstsein haben“ (3).
Es stimmt, dass Pannekoek selbst hier dazu neigt,
die Be­triebsräte mit den Arbeiterräten auf eine Ebene zu stellen
(Territorialräte in der Stadt und auf dem Lande fassen andere Kategorien
zusammen als die Fabrikarbeiter, von denen sie nur ein Teil sind). Dies war ein
sehr häufiger Fehler in der revolutionären Bewegung der damaligen Zeit, und man
muss dies als einen Teil der damals vorhan­denen Auffassung verstehen, derzufolge
die Betriebsräte das Zentrum der revolutionären Schwerkraft der Räte sind.

Die andere Kritik Pannekoek befasste sich
mit der Exi­stenz einer nationalbolschewistischen Strömung in den Reihen der
KAPD. Diese Strömung war eine schreckliche Abartigkeit innerhalb der Partei.
Mit ihrem Antisemitis­mus stützte sie sich auf die schlimmsten Formen des Na­tionalismus.
Pannekoek griff insbesondere die antisemiti­schen Haltungen an, die die
Hamburger gegen Levi bezo­gen hatten: „Weil Levi ein Jude ist, spiele er die
Karte des jüdischen Finanzkapitals“. Während die KAPD eine rich­tige Kritik des
Nationalbolschewismus betrieb, blieb sie jedoch Pannekoek zufolge noch viel zu
zahm in dieser Kritik. Ihm zufolge müsste diese Strömung aus der Partei
ausgeschlossen werden:

„Mir
erscheint, ihre Kritik des Nationalbolschewismus nicht nur sehr richtig,
sondern noch viel zu sanft. Sie unterschät­zen das übel, das er anrichtet, da
er prinzipiell die Grund­gedanken des Kommunismus untergräbt, und sie werden m.
E. nicht mit Laufenberg und Wolffheim zusammenblei­ben können. Soll die KAPD zu
einer führenden, richtung­gebenden Macht werden, die den revolutionären Massen
in Deutschland eine feste Klarheit gibt, dann ist ein klarer Standpunkt gerade
in der nationalen Frage absolut notwen­dig; und diesen muss die Partei auf dem
nächsten Kongress festlegen“ (ebenda, Brief Pannekoeks in KAZ Nr. 112).

Bei dieser Frage
gab es bei der KAPD keine Zweideutig­keit. Auf ihrem Berliner Kongress vom
1.-4.8. 1920 wurden alle   Anhänger des
Nationalbolschewismus ausgeschlos­sen (4). Dieser von Pannekoek gewünschte
Abtrennungs­prozess innerhalb der Partei wurde schließlich einige Mo­nate
später abgeschlossen durch den Austritt von föderali­stischen, der
Zentralisation gegenüber feindlich einge­stellten Elementen, die dem
revolutionären Syndikalismus näher standen als dem Marxismus, und vor allem die
Mit­gliedschaft in der Komintern ablehnten.

Pannekoek schloss
seinen Brief mit der Frage der Zugehö­rigkeit zur 3. Internationale ab. Die
deutsch-holländische Strömung - „unsere Strömung“ -, schrieb er, muss einen
gnadenlosen Kampf innerhalb der Internationale gegen den Opportunismus führen,
falls dieser die internationale Taktik des Kommunismus bestimmen sollte. Wenn
dies der Fall wäre, müssten die Holländer und Deutschen sich „als eine radikale
Minderheit darauf vorbereiten, in der Opposition zu stehen“.

5.
DER WENDEPUNKT DES 2. KONGRESSES: KIN­DERKRANKHEIT ODER OPPORTUNISTISCHE
KRANKHEIT DES KOMMUNISMUS?

Der 2. Kongress
der Komintern fand inmitten des „revolutionären Krieges der Roten Armee“ gegen
Polen statt, von dem sich die Bolschewiki erhofften, dass er eine revolutionäre
Wirkung auch in Deutschland und schließlich in ganz Westeuropa ausüben würde.
Auf diesem Hintergrund war das Gewicht der russischen Bolschewiki in der
Internationale gewaltig. Trotz der Anwesenheit von Genossen der Kommunistischen
Linken wie Bordiga, Pankhurst usw. wurden die Thesen Lenins über die Taktik
verabschiedet. Damit wurde praktisch das Programm der KPD vom Dezember 1918,
das die Grundlage der Grün­dung der Komintern mit dem Programm der Russischen
KP gewesen war, aufgegeben. Mit der Befürwortung der Arbeit in den Parlamenten
und in den Gewerkschaften, durch die Aufforderung, die KPD solle sich mit der
USPD zusammenschließen, und das Gleiche galt für die Kom­munistische Partei
Englands, die in die Labour-Partei eintreten sollte, verwarf die Komintern die
Thesen der Linken, um die Position der Rechten einzunehmen. Es gab ein großes
Risiko, dass Massenparteien entstehen würden, die gerade erst aus der 2.
Internationale hervor­gegangen waren, und kaum die opportunistische Mehrheit
losgeschüttelt hatten. Die Komintern ließ sich durch die Frage der Anzahl der
Mitglieder verblenden. Hatte Sino­wjew in einer Antwort auf Wijnkoop, der jetzt
eine „radikale“ Sprache an den Tag legte, um seine „Entente-freundliche Politik
während des Krieges wieder gut zuma­chen - nicht gesagt, dass „der Kongress den
Delegierten der USPD, die 800.000 Mitglieder zählte, zuhören musste, und sich
an diese Massen zu wenden hätte, anstatt die Ratschläge eines Wijnkoops zu
hören, dessen Partei nach 15 Jahren Aktivität ungefähr 1.500 Mitglieder zählte“
(1). Der Weg zur Gründung von großen Parteien war somit berei­tet - wie im Dezember
1920 bei der Fusion zwischen dem linken Flügel der Unabhängigen mit der Partei
Levis, als damals eine 400.000 Mitglieder starke Partei entstanden war, oder im
Mai 1920 zur Zeit der Bildung der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei
um Sme­ral, die 350.000 Mitglieder umfasste, damit eine sehr große Zahl der
Arbeiter dieses Landes. Sie war eine ausgespro­chen opportunistische Partei
(2).

Es stimmt, dass
die Komintern sich dieser Gefahr bewusst war. Sie erkannte, „dass sie von dem
Einströmen von unent­schlossenen und zögernden Gruppen bedroht war, die es noch
nicht geschafft hatten, mit der Ideologie der 2. Internationalen zu brechen“.
In vielen kommunistischen Parteien waren noch „opportunistische und
reformistische Elemente verblieben. Schon Ende 1919 war der Zusam­menschluss zwischen
Sozialisten und Kommunisten in Un­garn verheerend gewesen. Die 21
Aufnahmebedingungen zur Komintern (3) waren ausdrücklich gegen dieses Risiko
des Einströmens verabschiedet worden. Aber obgleich sie gegen die rechten und
zentristischen Elemente gerichtet sein sollten, trafen sie auch die
linkskommunistischen Strömungen. In Punkt 9 wurde für die Kommunistischen
Parteien verbindlich festgelegt, dass sie in den Gewerk­schaften arbeiten
sollten. In Punkt 11 wurde - ebenfalls wie in den Thesen Bukarins zum
Parlamentarismus - im­plizit gefordert, dass die Kommunisten sich zu Abgeord­neten
wählen lassen sollten. Und in der 21. Bedingung, die von Bordiga verfasst
worden war, wurde festgelegt, dass bei Ablehnung der Punkte 9 und 11 sowohl die
Rechten als auch die Linken ausgeschlossen werden müssten. Im Punkt 12 wurde
eine „eiserne, fast militärische Disziplin“ gefor­dert. Diese war gegen die
antizentralistischen Elemente gerichtet, und die als eine Bedrohung gegen die
linken Flügeln der Kommunistischen Parteien aufgefasst werden mussten, die aber
wiederum nichts mit dem Föderalismus im Stile Rühles zu tun hatten. Ein Jahr
später verstand es Wijnkoop, der Mitglied der Kommission der Zulassungs­bedingungen
zum Kongress war, ausgezeichnet, die Linken der Kommunistischen Partei der
Niederlande mit ihrer Hilfe auszuschließen.

Aber die
Komintern wollte die Linke nicht ausschließen; sie meinte, dass die Gefahr von
Rechts viel größer sei, und dass der „Linksradikalismus“ letzten Endes keine
bösartige Krankheit sei. Lenin schrieb dazu:

„Natürlich
ist der Fehler des linken Doktrinarismus im Kommunismus gegenwärtig tausendmal
weniger gefährlich und weniger folgenschwer als der Fehler des rechten Doktri­narismus“
(„Der 'linke Radikalismus', Kinderkrankheit im Kommunismus, Ausgew. Werke, Bd.
3, S. 470).

Die
deutsch-holländische Strömung war auf dem 2. Kon­gress nicht abgelehnt worden.
Die KAPD hatte 2 Dele­gierte geschickt, Jan Appel und Franz Jung, die vor dem
Kongress ihren Standpunkt vertreten hatten, und sie hatten nach dem offenen
Brief der Komintern an die KAPD ver­sichert, dass aus den Reihen der Partei
sowohl die natio­nalbolschewistische als auch die parteifeindliche Strömung um
Rühle ausgeschlossen würde. Nachdem man aber von dieser Delegation von J. Appel
und F. Jung keine Nach­richten erhalten hatte, hatte die KAPD eine 2.
Delegation geschickt, die diesmal aus Rühle und Merges zusam­mengesetzt war.
Das war das Schlimmste, was sie machen konnte.

Merges (2) und vor
allem Rühle - von dem man nicht wusste, ob er Parteimitglied war oder nicht (3)
- waren Repräsentanten der föderalistischen Minderheit, die die Partei, im
allgemeinen alle kommunistischen Parteien auflösen und in ein System von
Unionen überführen wollte. Jegliche internationale Zentralisierung ablehnend,
verwarfen sie auch deshalb implizit die Existenz einer In­ternationale
überhaupt. Nachdem er lange in Russland herumgereist war, war Rühle überzeugt,
dass die Revolu­tion im Niedergangsstadium steckte, und dass die „Diktatur der
Bolschewistischen Partei der Nährboden für das Erscheinen einer neuen
sowjetischen Bourgeoisie war“. Aber die Lage in Russland und die der Komintern
waren zwei verschiedene Aspekte, denn die Komintern befand sich noch in ihrem
Aufstieg und in ihnen gab es noch die linken Strömungen. Trotz dieser Tatsache
ver­zichteten die beiden Delegierten ohne Absprache mit der KAPD auf ihre
Teilnahme am Kongress, obwohl Lenin, Sinowjew, Radek und Bukarin, die ihnen
eine beratende Stimme einräumen wollten, sie zur Teilnahme drängten. Ohne
vorher die bedingungslose Annahme der Entschei­dung des Kongresses und des
Eintritts der KAPD in die KPD gefordert zu haben, gestand das Exekutivkomitee
ihnen vor ihrer Abreise eine beschließende, und nicht mehr wie vorher eine
ausschließlich beratende Stimme zu: „Während wir uns schon in Petrograd auf
dem Rückweg befanden, schickte uns die Exekutivkommission eine neue Einladung
zum Kongress, mit der Erklärung, dass die KAPD auf diesem Kongress auch das
Stimmrecht bekäme, obgleich sie keine der drakonischen Bedingungen des offenen
Briefes an die KAPD erfüllt oder auch nur versprochen hätte, sie zu erfüllen“.

Rühle und Merges
lehnten dies ab. Auch die Möglichkeit, Kontakt mit anderen Linken aufzunehmen,
unter ihnen Bordiga, der auf dem Kongress ebenfalls anwesend war, wurde auf
unverantwortliche Weise verworfen. Dies führte zu einer Krise innerhalb der
KAPD, die zum Ausschluss der Strömung um Rühle aus der Partei führte. Alle von
der Komintern geforderten Bedingungen - abgesehen von dem Zusammenschluss mit
der KPD, die sich selbst mit den Unabhängigen zusammengeschlossen hatte - waren
verwirklicht worden. Die nationalbolschewistische und parteifeindliche Strömung
war jeweils ausgeschlossen worden.

Mit Rückendeckung
der Führung der KAPD in Berlin drängte Gorter mit allen Kräften zum Beitritt
zur 3. Inter­nationale. Es ging nicht darum, die 3. Internationale zu
bekämpfen, sondern in ihren Reihen solange zu kämpfen, bis der Standpunkt der
KAPD gesiegt hatte. Diese Ein­stellung unterschied sich kaum von der der
Italienischen Linken, allerdings änderte sich das später (4). Aber die
Auffassung, dass man nur eine „Opposition“ und keine in­ternationale Fraktion
innerhalb der Komintern bilden sollte, verhinderte es, dass eine internationale
Plattform der Kommunistischen Linken entwickelt wurde, mit Hilfe derer man eine
internationale Struktur hätte bilden kön­nen. Ausgehend von der Meinung, dass
„die 3. Internationale einen großen Fortschritt gegenüber der 2. darstellte“,
fuhren Gorter und Schröder und Rasch im No­vember 1920 nach Moskau. Nach langen
Diskussionen und in Anbetracht der Weigerung der KAPD, sich mit der KPD und den
Linksunabhängigen zusammenzuschließen, erhielt die KAPD den Status
sympathisierende Partei der 3. Internationale mit einer beratenden Stimme.

Diese
Zugehörigkeit zur Komintern wurde von der Min­derheit der KPN begrüßt. Sie
stand damit im Gegensatz zu den Behauptungen von Wijnkoop (1), demzufolge
„Leute wie Gorter, Pannekoek und Roland-Holst und an­dere sich selbst außerhalb
der Reihen der Komintern stellten“. Wijnkoop ging es darum aufzuzeigen, dass
die Führer der Holländischen Linken jetzt isoliert waren, selbst gegenüber der
KAPD. Aus seiner Sicht würde die KAPD sehr schnell ihren „oppositionellen Charakter“
ver­lieren. Seine Hoffnung sollte jedoch bald enttäuscht wer­den.

6.
„DIE KINDERKRANKHEIT DES KOMMUNISMUS“

DIE
ANTWORT DER KOMMUNISTISCHEN LINKE HOLLANDS AUF LENIN

Als Appel und
Jung in Moskau eintrafen, erhielten sie von Lenin persönlich das Manuskript des
Textes „Linksradikalismus- Kinderkrankheit des Kommunismus“ ausgehändigt, der
speziell für den 2. Kongress verfasst worden war. Die Antwort der Holländischen
Linke, die der theoretische Mentor der KAPD war, ließ nicht auf sich warten.
Gorter erhielt den Auftrag, Lenin zu antwor­ten. Er tat dies in einer auf
Deutsch, Holländisch und Eng­lisch geschriebenen Broschüre. Gorter stützte sich
weitge­hend auf den Text von Pannekoek, der im Frühjahr 1920 unter dem Titel
„Weltrevolution und kommunistische Taktik“ (2) veröffentlicht worden war. Die
im Juli 1920 ge­schriebene Broschüre stand im Mittelpunkt der Argu­mentation
gegen Trotzki während einer Sitzung des Exe­kutivkomitees im Nov. 1920 (3).
Aber es gab keine wirkli­che Erwiderung. Trotzki brachte immer wieder auch das
im Folgenden benutzte Argument vor: „Wie zahlreich seid ihr, um eure Positionen
zu verteidigen?“ Er behauptete, dass „Gorter nur im Namen einer kleinen Gruppe
spricht, die nur über wenig Einfluss in der westlichen Arbeiterbe­wegung
verfügt“. Er versuchte, Gorter lächerlich zu ma­chen, indem er ihn nur als
einen „sanften Poeten“ dar­stellte: „Gorter spricht von der Revolution als
Dichter“. Anstatt einer politischen Antwort gab es Angriffe gegen die Person
Gorters. Gorter hätte einen „hauptsächlich in­dividualistischen und
aristokratischen Standpunkt, Gorter sei vor allem ein Pessimist, er glaube
nicht an die proleta­rische Revolution, Gorter habe Angst vor den Massen usw.“.

All diese
Beschuldigungen hielten einer Überprüfung der Broschüre Gorters nicht stand.
Denn die Broschüre Gor­ters war mit dem Text Pannekoeks die wesentlichste Kri­tik
und auch die tiefstgreifende gegenüber der Taktik der Komintern im Jahre 1920.

a) DER HISTORISCHE KURS UND DIE
OPPORTU­NISTISCHE TAKTIK

In seiner
Broschüre „Kinderkrankheit des Kommunismus“ meinte Lenin, dass die Linken der
revolutionären Unge­duld nachgeben, was eine „Wachstumskrankheit“ sei. Während
dies vielleicht auf die englische und deutsche Linke zutraf, war dies
sicherlich nicht der Fall bei der ita­lienischen und auch nicht bei der
holländischen Linken (4). Pannekoek unterstrich, dass die Revolution in Westeu­ropa
ein Prozess von langer Dauer sei (5). Lange bevor Lenin auf dem 2. Kongress
behauptete, dass es „für die Bourgeoisie keine absolut ausweglose Lage“ gäbe,
meinte Pannekoek im August 1919, dass „der Zusammenbruch des Kapitalismus nicht
die Unmöglichkeit eines Wiederaufbaus bedeute“, „es ist
höchstwahrscheinlich, dass der Kapitalismus sich aus
dieser Krise noch
einmal erheben kann“ (K. Horner = Anton Pannekoek, „Der Zusammenbruch des
Kapitalis­mus“, „Kommunistische Internationale, Bd. 4/5, S. 91) (7). Die
holländische Linke vertrat damit alles andere als im­mediatistische
Auffassungen, die in der Komintern vor­handen waren, und für die der
erfolgreiche Ausgang der Revolution schon so gut wie sicher war. Auch wenn Gor­ter
weniger Zeit später von 1922 an (1) zum Anhänger der Todeskrisentheorie wurde,
die von der „Essener Tendenz“ der KAPD verteidigt wurde, war dies 1920 noch
nicht der Fall gewesen.

In seiner Antwort
auf Lenin zeigte Gorter, dass der histo­rische Kurs zur Weltrevolution 1920 von
den subjektiven Bedingungen eng abhängt: „Aber die Beispiele von
Deutschland, Ungarn, Bayern, Österreich, Polen, den Balk­anländern beweisen,
dass Krise und Not nicht genügen. Die fürchterlichste ökonomische Krise ist da
- und doch kommt die Revolution nicht. Es muss noch eine andere Ursache sein,

die die Revolution zustande bringt, und die, wenn sie nicht wirkt, sie
ausbleiben oder fehlschlagen lässt. Diese Ur­sache ist der Geist der Massen“
(„Offener Brief an den Ge­nossen Lenin“, S. 224, in „Organisation und Taktik
der pro­letarischen Revolution“, ebenda).

Dieser
„Massengeist“ wurde von Pannekoek, der nicht zö­gerte, die Formulierungen Gorters
zu kritisieren, die aus seiner Sicht zu idealistisch waren, Klassenbewusstsein
ge­nannt. Die Avantgarde des Proletariats besäße dieses Be­wusstsein, welche
den revolutionären Kurs bestimmen und orientieren. Aber, betonte Gorter, „außer
in Deutschland gibt es nirgendwo eine wirkliche Avantgarde“. Die Revolu­tionäre
in Westeuropa hinken hinterher. Sie sind in dieser Hinsicht auf der gleichen
Stufe wie die Bolschewiki im Jahre 1903“. Der Fehler der Russen und der
Komintern bestand darin, dass sie dieses Hinterherhinken ausgleichen wollten,
indem sie taktische Abkürzungen wählten, die zu einer opportunistischen Taktik
führten, in der die Klarheit und der Prozess der organischen Entwicklung
zugunsten eines schnellen zahlenmäßigen Anwachsens um jeden Preis geopfert
wurde.

Die Wurzel des
Opportunismus in der 3. Internationale lag in der Stagnation der Revolution und
der Schwäche der kommunistischen Parteien. Es waren die Niederlagen von 1919
und 1920 in Deutschland gewesen, unterstrich Pannekoek, die die Spaltung in der
kommunistischen Be­wegung in 2 Tendenzen hervorgerufen haben, eine radi­kale
Tendenz, die die neuen Prinzipien vertritt, und einen „klaren und deutlichen
Bruch befürwortet“, und eine op­portunistische Tendenz, und die eher das
hervorhebt, was vereinigt, als das, was uns trennt. Der Opportunismus ist umso
gefährlicher, weil er allzu oft „frenetische“ Erklärun­gen abgibt und zum
Putschismus führen kann, indem er nur „auf eine einzige große Aktion setzt“.
Pannekoek zielte offensichtlich dabei gegen die Haltung von Wijnkoop, der
„wortradikal“ war und auch gegen die USPD, die im Jan. 1919 zum Aufstand
gedrängt hatte. Solch eine Tendenz, die „sich nur am Unmittelbaren orientiert,
ohne die Zu­kunft vor Augen zu haben“, und „an der Oberfläche stehen bleibt,
anstatt bis zur Wurzel vorzudrängen, leidet an der Krankheit des
Immediatismus“.

Damit kehrte die
holländische Linke die Beschuldigungen Lenins hinsichtlich der Ungeduld der
Linken um. Die schlimmste Krankheit des Kommunismus, die gegenwärtig von der Rechten
verkörpert wird, ist der Immediatismus, dessen Gegenstück die Ungeduld ist,
weil sie nur den „unmittelbaren Erfolg“ sucht.

Es ist
interessant festzustellen, dass Gorter und Pannekoek bei der Analyse der
Ursachen des Immediatismus unter­schiedliche Aspekte angeben. Aus Gorters Sicht
gibt es keinen Zweifel daran, dass die russischen Bolschewiki 1920 zutiefst
revolutionär waren. Sie täuschten sich zwar, als sie die Revolution in Westeuropa
allgemein beschleunigen wollten. „Sie wollten die Beteiligung von Millionen von
Menschen sofort“. Pannekoek dagegen unterstrich, dass die Bolschewiki eine
konservative Rolle in der Internationale spielten, indem sie sich mit dem
russischen Staat identifi­zierten und damit mit seiner Arbeiterbürokratie.
Dieser Staat, gegenüber dem die Internationale sich aufs schärf­ste unabhängig
verhalten müsse, suche einen Modus vivendi mit dem Westen, wobei das Risiko der
Opferung der Interessen der Weltrevolution sehr groß sei. Diese Analyse war im
Ansatz die, welche Jahre später von der Italienischen Linke entwickelt wurde.

b)
DIE ROLLE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI - „MASSEN UND FÜHRER“

In seiner
Broschüre beschuldigte Lenin die deutsche und holländische Linke nur eine
Zirkelmentalität zu haben und die „Notwendigkeit und Disziplin der Partei zu
ver­werfen“. Diese Beschuldigung war richtig hinsichtlich der Strömung um Rühle
und die holländischen Rätekommu­nisten der 30er Jahre, aber sie traf
keinesfalls auf den Gorter und Pannekoek der 20er Jahre zu.

Die Holländer
betonten im Gegenteil die Rolle der Partei sowohl vor als auch während der
Revolution. Aber die Partei ist kein Selbstzweck. Die Auffassungen Rosa
Luxemburgs aufgreifend, behaupteten die holländischen Theoretiker, dass die
Kommunisten an der Vorbereitung ihres eigenen Verschwindens in der
kommunistischen Ge­sellschaft arbeiteten (1).

Die
kommunistische Partei kann nur ein Ergebnis und eine Waffe der Revolution sein.
Die Definition der Partei durch Bordiga als ein Programm und einen Willen zur
Aktion findet man auch bei der holländischen Linken wie­der.

„Eine
Partei hat zur Aufgabe, von vorneherein klare Er­kenntnisse zu verbreiten,
damit innerhalb der Massen, die dies zu diesem Zeitpunkt erkennen können,
deutlich wird, was man tun muss, und damit sie selber die Lage einschät­zen
können. Und während der Revolution muss die Partei ihr Programm, Parolen und
Direktiven aufstellen, die die spontan handelnden Massen als richtig erkennen,
weil sie darin in einer vollendeten Form ihre eigenen revolutionären Ziele
sehen und damit besser die Lage verstehen.

Damit ist die
Funktion der Partei keine ausschließlich programmatische, sondern auch die
einer Propaganda und Agitation. Selbst wenn die Arbeitermassen spontan han­deln,
darf die Partei nicht dem Spontaneismus als eine Form der Nachttrabpolitik
gegenüber den Aktionen der Massen verfallen. Die Partei darf sich nicht in der
Masse auflösen, sondern muss deren Avantgarde mittels ihrer Parolen und
Losungen darstellen. Die Partei „orientiert und führt“ den Kampf. Diese
Führungsrolle ist nicht die eines Generalstabschefs, wo die Partei die Klasse
wie in einer Armee kommandieren würde. Die Partei komman­diert nicht, sondern
führt die Revolution. Die Revolution kann nicht dekretiert werden. Sie ist „das
Werk der Mas­sen und wird spontan ausgelöst“. Während bestimmte Ak­tionen der
Partei der Ausgangspunkt der Revolution sein mögen,  „obgleich dies nicht oft eintritt“, ist der
entschei­dende Faktor die unterirdische Reifung des Klassenbe­wusstseins, die
die spontanen Aktionen des Proletariats vorbereitet. Es gibt somit kein
spontanes Ausbrechen der Revolution, sondern nur ein in Gang Setzen, das vorbe­reitet
und bestimmt wird durch einen Prozess der Bewusst­seinsentwicklung. Diese
„zutiefst psychischen Faktoren, die im Unbewussten der Massen stecken, rufen
die augen­scheinliche Spontaneität der revolutionären Aktivität her­vor“. Die
Funktion der Partei besteht gerade darin, „immer so zu handeln und zu sprechen,
dass das Bewusst­sein der Arbeiterklasse geweckt und gestärkt wird“ (von Gorter
betont).

Diese Funktion
der Partei bestimmt die Struktur und Funktionsweise der kommunistischen
Organisation. An­statt gewaltige Massen zusammenzufassen auf Kosten ei­ner
Verwässerung der Prinzipien und mit dem Risiko ei­nes opportunistischen
Geschwulstes, muss die Partei „ein Kern sein, der so widerstandsfähig wie Stahl
aber auch so rein wie Kristall ist“. Diese Idee einer „Kernpartei“ bein­haltet
eine strenge Auswahl der Militanten. Aber die hol­ländische Linke machte aus
der kleinen Zahl keine für ewig gültige Tugend. Das organische Wachstum der Partei
sollte auf der Grundlage eines festen Kerns erfolgen und nicht schwammig sein.

„Wenn
wir uns noch eine Zeitlang auf einen kleinen Kern beschränken müssen, dann
geschieht dies nicht deshalb, weil wir dafür eine besondere Vorliebe hätten,
sondern weil dies ein notwendiges Stadium ist, um stärker zu werden“.

Gorter, bei dem
sich ein Widerspruch in seiner Argu­mentation einschlich, ließ sich auf eine
sehr ungeschickte Weise durch die Polemik mit dem Exekutivkomitee der Komintern
mitreißen, die meinte, bei der Kommunisti­schen Linke handelte es sich nur
um Sekten: „Also eine Sekte?, sagt das Exekutivkomitee. Gewiss, eine Sekte,
wenn Ihr mit diesem Namen den Kern einer die Welt erobernden Bewegung andeuten
wollt“ (ebenda, S. 220).

Ebenso
ungeschickt ist die Argumentation hinsichtlich der zentralisierten
Funktionsweise der kommunistischen Par­tei. Ebenso wie die KAPD stellte Gorter
die „Führerpartei“ der „Massenpartei“ gegenüber, eine Dia­lektik, die übrigens
Pannekoek nicht akzeptierte. Es war deutlich, dass die ganze Linke durch die
Spaltung vom Oktober 1919 in Heidelberg traumatisiert war, als die Minderheit,
die sich auf eine nicht-repräsentative Führung der KPD stützte, mittels Manöver
ihre Diktatur in der Partei ausübte und die Mehrheit ausgeschlossen hatte.
Diese Führung von selbst erklärten Chefs wie Levi, Brandler, Clara Zetkin war
dem Willen und der Orientie­rung der Massen der Arbeiter in den Reihen der
Partei entgegengetreten. Die „Führerpartei“ ist die Partei, die nicht die
innere Demokratie der Partei entwickelt, son­dern die Diktatur von Oben nach
Unten ausübt, und sich dabei auf die Auffassung Lenins von einer  Partei mit „eiserner Disziplin“ stützt, d.h.
solche Parteien, die „die Opposition unterdrücken“. Die „Massenpartei“ und
nicht die Partei der Massen, die von der Linken verworfen wird, wird von „Unten
nach Oben“ aufgebaut, mit den revolu­tionären Arbeitern der Partei.

Gorter und mit
ihm die ganze kommunistische Linke, mit Ausnahme der anarchisierenden Tendenzen
- leugneten nicht die Notwendigkeit einer einheitlichen Funktions­weise der
Partei, die notwendigerweise zentralisiert und diszipliniert sein muss. Gorter,
der fälschlicherweise als der „Don Quichote“ des Kampfes gegen die Chefs darge­stellt
wird, trat tatsächlich für eine wirkliche Zentralisie­rung und Disziplin der Partei
ein: „... wir suchen noch die richtigen Führer, die nicht über die Massen
herrschen wol­len, und die sie nicht verraten, und solange wir diese nicht
haben, wollen wir alles von unten auf und durch die Dikta­tur der Massen
selber.... Dasselbe gilt von der eisernen Dis­ziplin und der strengsten
Zentralisation. Wir wollen sie schon, aber erst nachdem wir die richtigen
Führer haben“ (ebenda S. 170).

Dieser unklaren
Formulierung zufolge wäre die KAPD zu dem Zeitpunkt ohne wirkliche Führer und
ohne wirkliche Disziplin und Zentralisierung. Dies war jedoch nicht der Fall.
Gorter schien das in die Zukunft zu verlagern, was eine unmittelbare Aufgabe
war. Die Erklärung für diese Auffassung liegt sicherlich in der Enthauptung der
KPD 1919, der die besten Führer (Rosa Luxemburg, Lieb­knecht, Levin und Jogiches)
geraubt worden waren.

Auf eine sehr
intuitive Art und Weise hatte Gorter eine Idee entwickelt, auf die sich die
ganze kommunistische Linke, die italienische eingeschlossen, nach dem 2. Welt­krieg
stützen sollte. In den revolutionären Parteien gab es nicht mehr wie in der 2.
oder 3. Internationale „große Massen“, die ein erdrückendes Gewicht in der
Organisa­tion haben. Das Wesen der revolutionären Organisation ist eher
unpersönlich und mehr kollektiv. Bordiga formu­lierte dies mit folgenden
Worten: „Die Revolution wird schrecklich und anonym sein“ (1). Gorter wies auf
diese Tatsache 1920 hin und unterstrich, dass dies in einem ent­wickelten Land
wie Deutschland der Fall sein werde. „Haben Sie nicht bemerkt, Genosse
Lenin, dass es in Deutschland keine „großen“ Führer gibt? Es sind alles ganz
gewöhnliche Männer. Das deutet schon darauf hin, dass diese Revolution an
erster Stelle das Werk der Massen, nicht der Führer sein soll“ (ebenda, S.
176).

Das Vorhandensein
von „großen Männern“ in einer Be­wegung, der Persönlichkeitskult erscheint
somit als ein Zeichen der Schwäche und nicht der Stärke. Es ist eher typisch
für die unterentwickelten Länder, wo das Bewusst­sein und die Reife des
Proletariats schwächer sind, und damit die Notwendigkeit von Führern größer ist
als in den industrialisierten Ländern. In diesen haben die geschicht­lichen
Kampftraditionen ein viel homogeneres Klassen­bewusstsein entwickelt. Die
Bedeutung der Führer nimmt in dem Masse ab, je höher das Bewusstsein der Arbeiter­massen
entwickelt ist.

c)
DIE WESTEUROPÄISCHE REVOLUTION UND DIE TAKTIK DES PROLETARIATS

Die von der
Holländischen Linken vertretene Hauptidee ist, dass die für Westeuropa
befürwortete Taktik zu „russisch“ sei und somit nicht angewendet werden könnte.
Lenins Taktik könne das „westeuropäische Proletariat ins Verderben und zu
fürchterlichen Niederlagen führen
“ (ebenda, S. 178).

Im Unterschied
zur russischen Revolution, die sich auf Millionen armer Bauern gestützt hätte,
werde die Revolu­tion im Westen mehr von Arbeitern getragen werden. Das
Proletariat in den fortgeschrittenen Ländern hat keine potentiellen
Verbündeten, weder die Bauern noch die städtische Kleinbourgeoisie. Es kann nur
auf seine eigene Zahl, sein Bewusstsein und seine eigene Organisation bauen.
Das Proletariat steht allein da und muss gegen alle anderen Klassen der
Gesellschaft kämpfen:

„Die
Arbeiter in Westeuropa stehen ganz allein. Denn auch nur eine ganz dünne
Schicht des niedrigen Mittelstandes wird ihnen helfen. Und diese ist ökonomisch
unbedeutend. Die Arbeiter werden ganz allein die Revolution machen müssen. Das
ist der große Unterschied zu Russland“ (ebenda, S. 173).

Was auf
gesellschaftlicher Ebene zutrifft, stimmt noch mehr auf politischer Ebene. Die
politischen Kräfte, wel­che die verschiedenen Tendenzen und verschiedenen In­teressen
der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Schichten widerspiegeln, vereinigen sich
gegenüber dem Proletariat. Im Zeitalter des Imperialismus „verschwinden die
Unter­schiede zwischen liberal und kirchlich, konservativ und fortschrittlich,
groß- und kleinbürgerlich“.

Dies bestätigt
sich im imperialistischen Krieg und noch mehr in der Revolution. All die Kräfte
des politischen Apparates des Kapitals bilden einen Block gegen das re­volutionäre
Proletariat. Gegen die  Einheit des
Proletari­ats in der Revolution wird die Einheit all der bürgerlichen und
kleinbürgerlichen Kräfte gerichtet. Sie spalten sich nicht, sondern treten
vereint auf.

„Vereint gegen
die Revolution, und damit gegen alle Arbei­ter, denn nur die Revolution kann
eine wirkliche Verbesse­rung für alle Arbeiter bringen. Alle Parteien
überwinden ihre Spaltungen, um sich gegen die Revolution zusammenzuschließen“.

Infolgedessen
verwarf die kommunistische Linke jede taktische Möglichkeit, um eine
Einheitsfront mit diesen Parteien aufzustellen, auch nicht, wenn es sich um
eine „linke Einheitsfront“ handelte. Sie verwarf die Idee einer „Arbeiterregierung“,
welche von der KPD (S) und Lenin befürwortet wurde. Die neue historische
Periode, die der Kriege und Revolutionen, hat die „Unterschiede“ und
„Differenzen“ zwischen der Sozialdemokratie und den bürgerlichen Parteien
ausgelöscht. „Offensichtlich sind die Unterschiede zwischen Sozialdemokraten
und Bürgerli­chen während des Krieges und der Revolution fast auf nichts zusammengeschrumpft
und nahezu verschwunden“.

Jede
„Arbeiterregierung“, unterstrich Pannekoek, ist von ihrem Wesen her konterrevolutionär:
„Sie versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass diese Flanke im Kapita­lismus
nicht noch weiter aufbricht, und die Macht der Ar­beiter sich nicht noch weiter
entwickelt. Damit handeln diese Arbeiterregierungen konterrevolutionär“.

Die Rolle des
Proletariats besteht nicht nur darin, diese zu bekämpfen, sondern sie
umzustürzen, um eine kommuni­stische Regierung zu errichten.

Man kann sehen,
dass die Analyse der Linken über das Wesen der sozialdemokratischen Parteien
noch von gewis­sen Zögerungen gekennzeichnet ist. Manchmal erscheint die
Sozialdemokratie als der linke Flügel der Bourgeoisie, manchmal als
„Arbeiterpartei“. Bei Gorter erscheint die Taktik der holländischen Linken
nicht sehr klar. Keine Unterstützung für die Sozialdemokratie, weder für den
rechten noch den linken Flügel bei den Wahlen, sondern Aufruf „zu
gemeinsamen Aktionen, zum Streik, zum Boy­kott, zum Aufstand, zu Straßenkämpfen
und vor allem zur Bildung von Arbeiterräten, zu Betriebsorganisationen
.“
Was faktisch auf eine „Einheitsfront an der Basis“ und in der „Aktion“
hinausläuft, die man mit diesen Organisationen durchführen könnte.

Der Wechsel der
historischen Periode hat die Taktik des Proletariats in Westeuropa grundlegend
verändert. Diese muss sich jetzt direkt auf die revolutionäre Machtüber­nahme
hin entwickeln. Das bedeutet nicht, dass die prole­tarische Revolution im
Westen einfacher sei als in einem unterentwickelten Land wie in Russland. Im
Gegenteil, sie werde schwerer sein: Gegen die Kräfte eines noch „starken“
Kapitalismus gerichtet, „werden die Anforderun­gen an die Massen viel größer
sein als in Russland“. Diese objektiven Faktoren (Wirtschaftskraft des
Kapitals, Ein­heit der Klassen gegen das Proletariat) üben jedoch nicht solch
ein großes Gewicht aus in Anbetracht der Rück­ständigkeit der subjektiven Bedingungen
der Revolution. Die holländische wie übrigens auch die italienische Linke
unterstrichen das enorme Gewicht der „Illusionen über die Demokratie im
Proletariat“. Das „demokratische Erbe“ ist ein Hauptfaktor der Passivität und
Bewegungslosigkeit in­nerhalb des Proletariats. Dies ist der Hauptunterschied
gegenüber der russischen Revolution. Pannekoek brachte es mit den folgenden
Begriffen zum Ausdruck: „In diesen Ländern hat die bürgerliche Produktionsweise
und die ganze damit verbundene Kultur zutiefst das Denken und Fühlen der Massen
beeinflusst“.

Die Denkweise des
Proletariats wird durch diese „Kultur“ verfälscht, deren typischsten Merkmale
der Individualis­mus, das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer nationalen
Gemeinschaft sind, die Ehrfurcht vor abstrakten Begriffen wie der „Demokratie“.
Die Macht der alten, überholten Auffassungen der Sozialdemokratie, der blinde
Glaube des Proletariats an die Führer, die jahrzehntelang den Kampf
personifiziert hatten, und auch die revolutionären Ziele, wodurch ein Mangel an
Selbstvertrauen zum Aus­druck kam, und schließlich das materielle und moralische
Gewicht der alten Organisationsformen, „die gigantische, von den Massen selber
geschaffene Apparate waren“, sind allemal negative Faktoren, welche das
„Gewicht der bür­gerlichen Tradition verstärken“.

Deshalb war die
grundlegende Frage in den höchstentwic­kelten Ländern Westeuropas die des
Bruches mit der bür­gerlichen Ideologie, wo ein geistiger Trennungsstrich vollzogen
werden musste. Diese bürgerliche Ideologie trat auf als Kultur“ und war ein
Element „der Infektion und Lähmung der Massen“. Der Widerspruch zwischen der
Unreife des Proletariats, das zu stark daran gewöhnt war, mit den Begriffen der
Ideologie und der Reife der objekti­ven Bedingungen (Zusammenbruch des
Kapitalismus) umzugehen, „kann nur gelöst werden durch den Prozess der
revolutionären Entwicklung“, durch „die direkte Er­fahrung des Kampfes“.

Die vom
Proletariat  in der revolutionären
Periode ver­folgte Taktik muss sich notwendigerweise  an die vom Ka­pitalismus erreichten „Entwicklungsstufen“
anpassen. Die Methoden und Formen des Kampfes ändern sich je nach „den Phasen“
der kapitalistischen Entwicklung. Das Pro­letariat muss „somit die Tradition
der vorhergehenden Phasen überwinden, an erster Stelle die gewerkschaftliche
und parlamentarische Tradition“.

d)
DIE GEWERKSCHAFTSFRAGE

Im Unterschied zu
den Anarchisten verwarfen Gorter und Pannekoek die parlamentarische und
gewerkschaftliche Taktik nicht für alle Zeiten. Aus ihrer Sicht waren diese
seit 1914 „keine Waffen mehr für die Revolution“. Parla­mente und
Gewerkschaften spiegelten die „Macht der Führer“ über die Massen wider. Dabei
handelte es sich je­doch um eine etwas „idealistische“ Formulierung, die der
grundlegenden Frage auswich: ist die interne Funktions­weise - mit Führern -
oder die Struktur selber der Ge­werkschaften heute noch dem revolutionären
Kampf an­gepasst? Diese Begriffsverwirrung wurde von Lenin hart kritisiert.

In dem Text „Die
Kinderkrankheit des Kommunismus“ behauptete Lenin, dass man mit allen Mitteln
in die Ge­werkschaften eindringen müsse, um sie zu erobern, selbst mit den
Mitteln, die am wenigsten gutgeheißen werden können. Er stellte die
Gewerkschaften auf die gleiche Ebene, wie die Bewegung der Zubatov (1) im Jahre
1905, denen sich die russischen Arbeiter angeschlossen hatten:

"Man
muss all dem widerstehen können, muss zu jedwedem Opfer entschlossen sein und
sogar - wenn es sein muss - alle möglichen Schliche, Listen und illegalen
Methoden anwen­den, die Wahrheit verschweigen und verheimlichen, nur um in die
Gewerkschaften hineinzukommen, in ihnen zu blei­ben, und in ihnen um jeden
Preis kommunistische Arbeit zu leisten“ ("Der 'linke Radikalismus', die
Kinderkrankheit im Kommunismus, Ausgew. Werke, Band 3, S. 425)

Die Antwort der
holländischen Linken war weder mora­lisch noch moralisierend, sondern
historisch argumentie­rend. Die Situation von 1920 sei nicht mehr die gleiche
wie die von 1905. Die Gewerkschaften in Deutschland, das für Westeuropa
repräsentativste Land, sind auf die Seite der Bourgeoisie übergewechselt. Und
das Einzige, was sie noch mit Arbeitern zu tun haben, ist dass sie deren Blut
an ihren Händen kleben haben. Sie sind nicht nur „schlechte Führer“, sondern es
war auch die „Basis“ der Gewerk­schaften selber, die sich an der
Niederschlagung der Re­volution beteiligte (2): „Die Gewerkschaften wurden
von den Führern und von der Masse der Mitglieder als Waffe ge­gen die Revolution
gebraucht. Durch ihre Hilfe, durch ihre Unterstützung, durch ihre Führer, ja
teilweise auch durch ihre Mitglieder wurde die Revolution gemordet. Die Kom­munisten
sahen, dass ihre eigenen Brüder unter Mithilfe der Gewerkschaften erschossen
wurden. Streiks für die Revolu­tion wurden verhindert. Glauben Sie, Genosse,
dass es mög­lich ist, dass revolutionäre Arbeiter dann in solchen Vereinen
bleiben?“ (ebenda, S. 182).

In der
revolutionären Periode gibt es keine „unpolitischen oder neutralen“
Gewerkschaften mehr, die sich auf wirt­schaftliche Aktionen zugunsten ihrer
Mitglieder beschrän­ken. „In der Revolution, während der Revolution, ist
jede Gewerkschaft, ja jeder Arbeiterverein 
politische Partei. Entweder pro- oder kontrarevolutionär“ (ebenda S.
183).

Im  Unterschied zu der Italienischen Linken, die
für eine „gewerkschaftliche Einheitsfront“ eintrat, verwarf die hol­ländische
Linke jede „Einheitsfrontpolitik“.

Die
Gewerkschaften, die anfänglich die natürlichen Orga­nisationen für die
Vereinigung des Proletariats waren, ha­ben sich schrittweise in arbeiterfeindliche
Organisationen umgewandelt. Ihre Bürokratisierung, wo der Apparat der
Funktionäre die Arbeiter beherrscht, entspricht einem fast vollständigen
Zusammenschluss mit dem Staat. Die Ge­werkschaften verhalten sich wie der
kapitalistische Staat, indem sie mit ihren Gesetzen (Regeln, Statuten) und mit
Gewalt jede Revolte gegen ihre „Ordnung“ zerschlagen.

„Und
darin stimmen auch die Gewerkschaften mit dem Staat und seiner Bürokratie
überein, dass trotz der Demo­kratie, die darin herrschen soll, die Mitglieder
nicht im­stande sind, ihren Willen gegen die Bürokratie durchzuset­zen; an dem
kunstvoll aufgebauten Apparat von Geschäfts­ordnungen und Statuten bricht sich
jede Revolte, bevor sie die höchsten Regionen erschüttern kann“ (ebenda, S. 180).

Was für den kapitalistischen Staat
insgesamt gilt, gilt auch für die Gewerkschaften. Nicht Wiedereroberung,
sondern Zerstörung. Jede Idee der Wiedereroberung der Gewerk­schaften und deren
„Umwandlung in kommunistische Or­ganisationen“ kann nur eine schlimme reformistische
Illu­sion werden. Gorter verglich Lenin in mehrfacher Hin­sicht mit Bernstein.
Eine Opposition in den Gewerk­schaften zu bilden, - wie es die Taktik Lenins
wollte - die dadurch kommunistisch wurde, ist unmöglich, denn „die Bürokratie
weiß genau, was sie tun muss, um eine Opposi­tion herauszuschmeißen, bevor
diese zu einer wirklichen Be­drohung wird“. Aber in dem - unmöglichen und
unwahr­scheinlichen - Fall, wo die Opposition die Führung an sich reißen
könnte, indem die „schlechten Führer“ verjagt wür­den, würde sie sich genauso
wie diese verhalten (3).

"Ersetzen
sie in den alten Gewerkschaften die Bürokratie durch andere Personen, und in
kurzer Zeit werden sie sehen, dass auch diese denselben Charakter haben, hoch,
uner­reichbar über den Massen, nicht mehr in Fühlung  mit ih­nen. 99 pro Hundert werden Tyrannen
sein, an der Seite der Bourgeoisie stehend. Denn das Wesen der Organisation
macht sie so“ (ebenda, S. 185).

Es war also nicht
der Inhalt der gewerkschaftlichen Orga­nisation, der „schlecht“ geworden war
("schlechte Führer und Arbeiteraristokratie“, wie es von Lenin formuliert
wurde), sondern die Organisationsform, die die Massen zur Machtlosigkeit
verurteilt. Die Revolution ist somit keine Frage des Eingebens eines neuen
revolutionären In­haltes in die alten Organisationsformen des Proletariats.
Nach der Auffassung der kommunistischen Linken kann man nicht die Form von
ihrem revolutionären Inhalt tren­nen. Die Form ist nicht unwichtig (4). Aus
dieser Sicht ist die Revolution auch eine Frage der Organisation, genauso wie
sie eine Frage der Entwicklung des Klassenbewussts­eins, des Inhaltes ist.

Diese Form können
nur die Arbeiterräte in einer revolu­tionären Periode oder besser die
Betriebsorganisationen sein. Diese stellen eine Überwindung des Korporatismus
(berufliche Beschränkung) der alten Berufsgewerkschaf­ten dar, und sind die
einzige Form der Einheit der Arbei­terklasse. Ihre Vertrauensleute sind im
Gegensatz zu den Gewerkschaften jederzeit abwählbar. In dieser Hinsicht stützte
sich die holländische Linke nur auf das russische Beispiel, wo die Fabrikräte
und nicht die Gewerkschaften die Revolution verwirklicht hatten. Aber bestimmte
Aus­sagen der holländischen Linken ließen gewisse Zweideu­tigkeiten zurück und
deuteten auf eine mangelnde Kohä­renz hin:

- während man für
die Zerstörung der Gewerkschaften eintrat, behauptete man gleichzeitig, dass
die Räte die Grundlage für neue Gewerkschaften liefern würden,

- man
verwechselte die deutschen Unionen mit den Fabri­kräten, die innerhalb der
Arbeiterräte gebildet wurden,

- man pries das
Beispiel der revolutionären amerikani­schen Gewerkschaften IWW und der
englischen rank and file movement, obwohl man gleichzeitig jede gewerk­schaftliche
Organisationsform verwarf,

- man trat für
eine Form der Einschränkung und Begren­zung auf eine Fabrik ein, wo die Fabrik
im Mittelpunkt der Welt stünde: „Die Revolution im Westen kann nur auf der
Grundlage von Fabriken und in den Fabriken organi­siert werden“. Die Bildung
von territorialen Organismen, welche über die Fabriken hinausgehen, wird nicht
aufge­worfen.

Bei diesen Fragen
drang die holländische Linke nicht bis zu den Wurzeln des gewerkschaftlichen
Problems vor. Es kam darauf an zu sehen, ob der „Niedergang des Kapita­lismus“,
welcher von der 3. Internationale verkündet wor­den war, die Unmöglichkeit von
dauerhaften Reformen nach sich zog, die zuvor im 19. Jahrhundert von den re­formistischen
Gewerkschaften durchgesetzt worden wa­ren. Die Frage lautete nun, ob diese
weiterhin nach dem Kriege möglich waren?

Arbeiterorganisationen,
die rein wirtschaftlichen und for­derungsmäßigen Charakter hatten, konnten ihre
Klassen­ziele unter dem Druck des Staates aus den Augen verlie­ren und zu einer
Klassenzusammenarbeit bereit sein. Oder im besten Fall würden sie wie die Unionen
(siehe unten) ganz einfach verschwinden. Das Hauptproblem be­stand darin zu
untersuchen, ob beständig bestehende Or­ganisationen, die die Forderungen der
Klasse verdeutli­chen, noch möglich waren. Erst viel später bezog die
deutsch-holländische Linke eine eindeutige Stellung der Verwerfung von  ständig bestehenden Wirtschaftsorgani­sationen.

e)
DIE VERWERFUNG DES REVOLUTIONÄREN PARLAMENTARISMUS

Im Unterschied
zur Strömung um Bordiga hatte die Hol­ländische Linke die Frage der Beteiligung
an den Wahlen lange als zweitrangig erachtet. Aus diesem Grunde unter­schied
sie auf wenig überzeugende Weise zwischen einer „materiellen“ bürgerlichen
Macht, die durch die Gewerk­schaften verkörpert würde, und einer „geistigen“
bürgerli­chen Macht, die wiederum durch das Parlament verkör­pert würde.
Gleichzeitig wurde der Parlamentarismus als eine aktive konterrevolutionäre,
das Klassenbewusstsein behindernde materielle Kraft dargestellt. Andererseits
er­schien die Ideologie in der marxistischen Definition als eine materielle
Kraft.

Tatsächlich ist
die Wahlillusion ein heimtückisches Gift für die Arbeiterklasse (1). Sie ist
verbunden mit den re­formistischen Illusionen und bringt die Arbeiter in Ab­hängigkeit
von den Parlamentsführern, die diese im „Krieg“ zu einem Bündnis mit dem
Kapitalismus gebracht haben. Sie lähmt die revolutionäre Tätigkeit und fördert
die Passivität: „Der Parlamentarismus ist die typische Form des Kampfes
mittels Führer, wobei die Massen selbst eine untergeordnete Rolle spielen.
Seine Praxis besteht darin, dass Abgeordnete, einzelne Personen, den wesentlichen
Kampf führen; er muss daher bei den Massen die Illusion wecken, dass andere den
Kampf für sie führen können. ... Der Parla­mentarismus hat die unvermeidliche
Tendenz, die eigene, zur Revolution notwendige Aktivität der Massen zu läh­men....
Solange daher die Arbeiterklasse glaubt, einen leich­teren Weg zu gehen, indem
andere für sie handeln, ..., wird sie zögern und durch die alten
Denkgewohnheiten und die alten Schwächen passiv bleiben“. (ebenda, S. 195).

Daraus geht
hervor, dass die „revolutionäre Aktion“ der Abgeordneten, selbst wenn es sich
um kommunistische handelt, unmöglich geworden ist. Der Zeitraum, als Leute wie
Liebknecht und Höglund (in Schweden) die Parla­mentstribüne zu diesem Zwecke
benutzen konnten, ist endgültig abgeschlossen. Vor und nach dem Krieg, somit
vor der Revolution, konnten diese beiden Modelle des „revolutionären Parlamentarismus“
einen „großen Einfluss ausüben“, aber seit der russischen Revolution zeigen
ihre Aktionen keine Wirkung mehr“. Selbst wenn das Proleta­riat Leute wie
Liebknecht und nicht Leute wie Levi oder Wijnkoops in das Parlament schicken
würde, bliebe das Ergebnis ebenso negativ. „Umgekehrt würde ein sehr großer
Teil der Massen es auf seine Reden (d.h. Liebknechts Re­den) ankommen lassen,
und seine Anwesenheit im Parla­ment also schädlich sein“ (ebenda, S. 196).

Bei diesem Punkt
jedoch griff die deutsch-holländische Linke kaum das Problem der Funktion des
Parlamenta­rismus seit dem Kriege auf. Dabei hatte der Krieg aufge­zeigt, dass
der Mittelpunkt der Politik sich von den Parla­menten weg in die Regierungen
verlagerte. Damit prallten im Parlament die bürgerlichen Interessen nicht mehr
wirklich aufeinander, weil das eigentliche Macht- und Ent­scheidungszentrum die
Regierung geworden war. In dieser geschichtlich neuen Periode, die später als
die des „Staatskapitalismus“ aufgefasst wurde, wurden die Wahlen als ein
wirksames Mittel dargestellt, die dazu dienen, die Arbeiter vom revolutionären
Weg abzubringen, indem alle möglichen Mystifikationen über die bürgerliche Demo­kratie“
aufrechterhalten werden. Diese Frage der Funk­tion des Parlamentarismus ging
weit über die „Führer“ hinaus, die an der Stelle der Aktivität der Massen han­delten.

Weil die neue
Funktion des Parlamentarismus nicht tief greifend genug untersucht wurde,
antwortete die holländi­sche Linke nicht wirklich auf Lenin. Sie kritisierte
vor al­lem die „pragmatischen Argumente“ Lenins. Das erste dieser Argumente
war, dass es „nützlich“ sei, Propaganda im Parlament zu betreiben, um die
Arbeiter und kleinbür­gerlichen Elemente zu gewinnen, die noch nicht zu Kom­munisten
geworden seien. Aber Gorter unterstrich, dies sei ein falsches Argument, denn
diese „erfahren gewöhn­lich nichts durch ihre Zeitungen“ vom Inhalt der
Interven­tionen der Arbeiterabgeordneten. Dagegen können sie viel besser die
revolutionären Positionen durch die Ver­sammlungen, Broschüren und Zeitungen
der Kommuni­sten kennen lernen.

Das zweite Argument
Lenins, das Parlament zu benutzen, um die Spaltungen zwischen bürgerlichen
Parteien auszu­nutzen, und gar Kompromisse mit einigen von ihnen ein­zugehen,
ist das gefährlichste, aber es bezieht sich vor al­lem auf den Fall Englands.
Weil es keine wirkliche Ar­beiterpartei in Großbritannien gab, bestand die
Taktik Lenins darin, „bei der Unterstützung der Interessen der Revolution der
Labour-Partei eine parlamentarische Un­terstützung“ zu geben, um damit die Bourgeoisie
zu schwächen.

Gorter antwortete
darauf, dass die Spaltungen innerhalb des bürgerlichen politischen Apparates
„unwichtige Spal­tungen“ sind. Diese Taktik kann nur zu einer jämmerli­chen
Nachahmung des Verhaltens Levis führen, der wäh­rend des Kapp-Putsches im März
1920 der sozialdemo­kratischen Regierung seine loyale Opposition versicherte.
Anstatt die Einheit der ganzen Bourgeoisie gegen das Proletariat aufzuzeigen,
ließ diese Politik glauben, dass ein Kompromiss in der Revolution immer noch
mit der Bour­geoisie möglich sei. Jede parlamentarische Politik führt
unvermeidbar zu einer Politik der Kompromisse mit der Bourgeoisie, die in der
Bildung einer „Arbeiterregierung“ gipfeln. Das Ergebnis ist eine politische
Regression der Rückwärtsentwicklung der revolutionären Entwicklung. In einem
Zeitraum, wo der „Reformismus nicht mehr prakti­ziert werden kann“, führt die
Taktik Lenins das Proletariat auf den reformistischen Boden der 2.
Internationale. Und anstatt mit dem alten demokratischen System zu brechen,
verwandeln sich die kommunistischen Parteien zu legalen Organen, die sich zur
alten Sozialdemokratie zurückent­wickeln. „Die kommunistische Partei wird zu
einem par­lamentarischen Körper, mit gleichem legalem Status wie der der
anderen Parteien, beschäftigt mit den gleichen Streitigkeiten, eine neue
Version der alten Sozialdemo­kratie, aber mit extremistischen Parolen“.

Dort hörte die
holländische Linke mit ihrer Argumenta­tion auf. Weil es keinen Ansatzpunkt in
der Geschichte gab, wich sie der Frage aus, ob eine Neuauflage der Sozi­aldemokratie
in den kommunistischen Parteien möglich war. Während die kommunistischen
Parteien andererseits genau wie die deutsche Sozialdemokratie
„sozialdemokratisch“ wurden, konnte dies nur eins be­deuten. Diese Parteien
wurden zu Parteien des linken Flügels der Bourgeoisie.

f)
DAS ARGUMENT DES „MERIDIANS“

Die ganze Argumentation der holländischen
Linken stützte sich auf das Beispiel Westeuropas. Bedeutete dies, dass die
Taktik der Linkskommunisten nicht auf die wirt­schaftlich rückständigen Länder
angewendet werden könnten, oder im Gegenteil, dass die seit dem Kongress von
Baku um Sept. 1920 entwickelte Taktik der Unterstüt­zung der nationalen
Befreiungskämpfe (2) auch in diesen Ländern gültig sei? Die Antwort der
holländischen Linken blieb ziemlich widersprüchlich. Gorter und Pannekoek
hatten unterschiedliche Auffassungen zu dieser Frage. Gorter schien die
Möglichkeit einer proletarischen Revo­lution nur für Westeuropa - und
allenfalls für Nordame­rika - in Betracht zu ziehen. Trotzki kritisierte später
Gor­ter nicht ohne Grund, dass er sich auf das „Argument des Meridians“ (1)
stützte, indem er von 2 Taktiken ausging, die sich an der Wirtschaftsgeographie
orientieren. Gorter zöge eine starre Grenze, in der er ziemlich vereinfacht von
zwei taktischen Möglichkeiten sprach:

 „Wenn man vom Osten Europas her nach Westen
wandert, überschreitet man an einer gewissen Stelle eine ökonomi­sche Grenze.
Sie läuft von der Ostsee nach dem Mittelmeer, ungefähr von Danzig nach Venedig.
Diese Linie scheidet zwei Welten voneinander. Denn westlich dieser Linie
herrscht das Industrie-, Handels- und Finanzkapital, verei­nigt im höchst
entwickelten Bankkapital, fast absolut. Das landwirtschaftliche Kapital sogar
ist diesem Kapital unterge­ordnet oder hat sich mit ihm schon verbinden müssen.
Die­ses Kapital ist in höchstem Masse organisiert und fasst sich in die
festesten Staatsregierungen der Welt zusammen.

Östlich
dieser Linie besteht weder diese riesige Entwicklung des konzentrierten
Industrie-, Handels-, Transport-, Bank­kapitals, noch seine fast absolut
Vorherrschaft, noch infol­gedessen der fest gefügte moderne Staat“ (ebenda, S.
178).

Dieses „Argument
des Meridians“ warf zwei Probleme in einen Topf, die bei Gorter schlecht
unterschieden werden. Er betont wie andere Marxisten (2), dass das Zentrum der
Weltrevolution sich in Westeuropa befindet. Von diesem Zentrum ausgehend,
werden sich die revolutionären Be­ben auf den Rest der Welt ausdehnen.
Nirgendwo wird behauptet, im Gegensatz zu dem, was später Trotzki dazu meinte,
dass man „die Vereinigten Sozialistischen Staaten Europas“ errichten könnte,
die nur eine andere Form ei­nes „Paneuropäertums“ wären, d.h. ein europäischer
Na­tionalkommunismus. Aus Gorters Sicht, die auch der Sicht aller Bolschewiki
entsprach, konnte die Revolution nur weltweit stattfinden.

Das zweite
Problem ist das der Einheit der Welttaktik des Proletariats, die sich auf neue
Prinzipien stützen muss (Diktatur der Räte, Boykott der Wahlen, Verwerfung der
Gewerkschaftsarbeit), welche die revolutionäre Erfahrung mit sich gebracht
hatte. Gorter schien die Taktik Lenins als richtig für Russland zu erachten,
aber falsch für West­europa. Gorter zeigte auf, dass die Revolution in Russland
gegen ein Parlament vollzogen wurde, aber ohne Gewerk­schaften, wobei man sich
auf die Fabrikräte gestützt hatte. Und erst „nach der Revolution sei ein
Bündnis mit den Bauern aufgebaut worden“.

Die Schwäche der
Argumentation Gorters liegt nicht darin, dass er auf der entscheidenden Rolle
des westlichen Proletariats in der Weltrevolution gepocht hat, sondern dass er
nicht ausreichend die Einheit der Taktik und Prin­zipien in den entwickelten
Ländern als die gleichen wie in den unterentwickelten Ländern betont hat. Erst
später, nämlich 1923, sollte Gorter zu der Meinung kommen, dass die kommunistische
Taktik der Linken ebenso gültig war in den unterentwickelten Ländern Asiens, in
denen das Proletariat vollkommen unabhängig von allen bürgerli­chen Parteien
kämpfen  und sich mit dem Proletariat der
entwickelten Länder zusammenschließen müsse, um die gleiche Einheit
herzustellen.

Aber die Position
Pannekoeks war viel „zweideutiger“. Auf verdeckte Art und Weise kritisierte
Pannekoek Gorter stark: „Die Weltrevolution ausschließlich aus einer westeu­ropäischen
Sicht zu betrachten, bedeutet, dass man deren weltweite Tragweite nicht erkennt
“.
Pannekoek bestand mehr noch als Gorter auf der Einheit des revolutionären
Kampfes über diesen Trennungsstrich über die Konti­nente hinweg.“

 „Es ist die Aufgabe der Arbeiter Westeuropas
und der USA, vereint mit der Vielfalt der Arbeiter Asiens, ihren harten Kampf
im Hinblick auf den Umsturz des kapitalistischen Systems zu Ende zu führen.
Dieser Kampf fängt erst an. Wenn die deutsche Revolution eine entscheidende
Wende genommen und die Verbindung mit Russland hergestellt hat, die Kämpfe der
revolutionären Massen in England und Amerika ausbrechen werden, Indien vor dem
Aufstand steht, der Kommunismus sich vom Rhein bis zum Indischen Ozean
ausdehnt, dann wird die Weltrevolution in ihre ge­walttätigste Phase
eintreten“.

Aber gleichzeitig
wurde Pannekoek nach 1920 nach der neuen Niederlage des deutschen Proletariats
sehr skep­tisch hinsichtlich der Fähigkeit des westeuropäischen Proletariats,
zum Zentrum der Weltrevolution zu werden. Manchmal schwärmte er gar von der
„großen Revolte Asiens gegen das in England konzentrierte westeuropäische
Kapital“, das zusammen mit der proletarischen Revolution im Westen „Moskau zu
der Hauptstadt der neuen Menschheit“ machen würde. Dieser Enthusiasmus und
Faszination für die „Vielfalt Asiens“ stand im Einklang mit der Orientierung
des Kongresses von Baku, auf dem der „heilige revolutionäre Krieg“ des Ostens
gegen den We­sten verkündet wurde. Pannekoek ging zwar nicht soweit, aber er
rückte in dessen Nähe, als er fast die nationalen Befreiungsbewegungen in Asien
unterstützte, von denen er sich  - trotz
eines Nationalismus, der im Gegenzug von Gorter hervorgehoben wurde - erhoffte,
dass eine „kommunistische Haltung und ein kommunistisches Pro­gramm“ angenommen
werden würde. Diese „große Hoff­nung auf diese Vielfalt Asiens“, die es bei dem
sonst so wissenschaftlich arbeitenden und denkenden Pannekoek selten gab, war
nicht von langer Dauer. 1921 gab Panne­koek bei dem Bruch mit der Komintern,
als die russische Frage nach dem Kronstädter Aufstand und der NEP im Zentrum
stand, die Hoffnung auf, dass Moskau zur „Hauptstadt der neuen Menschheit“
werden würde. Aber seine Meinung zur „Vielfalt Asiens“ änderte er nicht.

Es erforderte sehr viel Mut,
dass Pannekoek und vor allem Gorter, Lenin kritisierten, um den sich ein wahrer
Perso­nenkult in der Komintern gebildet hatte, als es zum Bruch kam. Während
sie der „Kinderkrankheiten“ bezichtigt wurden, zeigten beide - als Sprecher der
holländischen, deutschen und englischen kommunistischen Linke - eine große Reife
auch ihrer Theorie. Die Antwort der hollän­dischen Linken auf Lenin ist und
bleibt die einzige syste­matische, gut argumentierte und solide Antwort der
Linkskommunisten auf die von Lenin entwickelten Posi­tionen.



* Der besseren Lesbarkeit willen haben wir in dieser
Form der Veröffentlichung die Fußnoten weggelassen. Im Text haben wir jedoch
die Originalfußnotenbezeichnung belassen, um ein Auffinden der Quellen zu
erleichtern. Die Nummern beziehen sich auf die Originalausgabe in Französisch.

Politische Strömungen und Verweise: 

Geschichte der Arbeiterbewegung: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Theoretische Fragen: