Politik und Philosophie von Lenin bis Harper (Teil 1)

Wie Harper das Problem formuliert und was er im
Dunklen lässt

Bei der Lektüre von
Harpers Buch über Lenin wird deutlich, dass es sich um eine ernsthafte und
tiefgehende Studie über Lenins philosophische Arbeit handelt, getragen von
einer klaren Struktur der materialistischen Dialektik, mit der er Lenins
philosophisches Konzept abgleicht.

Für Harper stellt
sich das Problem folgendermaßen: Statt Lenins Konzeption der Welt von seiner
politischen Aktivität zu trennen, besteht der beste Weg, sich das Handeln
dieses Revolutionärs anzuschauen, darin, die dialektischen Ursprünge seiner
Aktivität zu begreifen. Für Harper ist „Materialismus und Empiriokritizismus”
das Werk, das Lenins Denken am besten beschreibt. Hier startet Lenin seinen
Angriff auf den ausgeprägten Idealismus, den große Teile der russischen
Intelligentsia, beeinflusst durch das philosophische Konzept Machs, angenommen
hatten. Sein Ziel war es, dem Marxismus neues Leben einzuflößen, da dieser litt
nicht nur unter dem Revisionismus Bernsteins sondern auch unter dem Machs itt.

Ausgehend von Marx
und Dietzgen leitet Harper das Problem mit einer tiefgreifenden und
scharfsinnigen Analyse der Dialektik ein. Mehr noch, Harper macht in seiner
Untersuchung einen deutlichen Unterschied zwischen dem frühen Marx mit seinen
ersten philosophischen Studien und dem späteren Marx, der mit der bürgerlichen
Ideologie gebrochen hatte und den Klassenkampf „entdeckt“ hatte. Diese
Unterscheidung erlaubt ihm den Widerspruch zwischen dem bürgerlichen
Materialismus der prosperierenden kapitalistischen Epoche – verkörpert durch
die Naturwissenschaft – und des revolutionären Materialismus, konkretisiert in
der Wissenschaft der Gesellschaftsentwicklung, hervorzuheben. Harper bemüht
sich, verschiedene, von Lenin entwickelte Konzeptionen zu widerlegen, die sich
nach seiner Meinung weniger auf die Auseinandersetzung mit Machs Ideen bezogen
als eher aus polemischen Gründen benutzt wurden, um die Einheit der russischen
sozialdemokratischen Partei zu festigen.

Interessant ist
Harpers Arbeit in Bezug auf sein Studium der Dialektik, wichtig seine
Behandlung der Art und Weise, wie Lenin Machs Ideen korrigiert, doch der
unbestreitbar interessanteste Teil (da er die wichtigsten Konsequenzen nach
sich zieht) ist die Analyse der Quellen des Materialismus Lenins und ihr
Einfluss auf seine Aktivitäten in der internationalen sozialistischen
Diskussion und der Revolution 1917 in Russland.

Der erste Teil der
Kritik beginnt mit einer Studie der philosophischen Ahnen Lenins, von Holbach
über verschiedene französische Materialisten wie Lametrie bis hin zu Avenarius.
Das gesamte Problem dreht sich um die Erkenntnistheorie. Selbst Plechanow
entkam nicht der Sogwirkung des bürgerlichen Materialismus. Feuerbach ging Marx
voran. All dies erschwerte das soziale Denken des gesamten russischen
Marxismus, allen voran Lenins.

Harper betont korrekterweise
den statischen Blick auf die Welt, der die Erkenntnistheorie des bürgerlichen
Materialismus kennzeichnet, und kontrastiert dies mit der Natur und
Orientierung des revolutionären Materialismus.

Die Bourgeoisie
betrachtet die Erkenntnis als ein rein empfangendes Phänomen (nach Harper teilt
auch Engels diese Sicht). Für sie
bedeutet Erkenntnis einfach Vorstellung und Empfindung der externen Welt -
als ob wir nicht mehr als ein Spiegel seien, der mehr oder weniger zuverlässig die externe Welt widerspiegeln würde. Darin erkennen wir, warum die
Naturwissenschaften das Schlachtross der bürgerlichen Welt waren. In ihren
ersten Ausformungen basierten Physik, Chemie und Biologie mehr auf einem
Versuch, die Phänomene der externen Welt festzuschreiben, als auf den Versuch,
die Realität zu interpretieren und zu analysieren. Die Natur schien ein großes
Buch zu sein und das Ziel war es, natürliche Äußerungen in verständliche
Zeichen zu übertragen.
Alles schien geordnet, rational zu
sein
; Ausnahmen von dieser Ansicht konnten nicht zugelassen werden, es sei denn, sie
würden als
Unvollkommenheiten unserer Wahrnehmungsmittel
erklärt werden
. Zusammengefasst
wurde Wissenschaft zu einem Abbild der Welt, deren Gesetze unabhängig von Zeit
und Raum immer die gleichen waren – jedoch abhängig von dem jeweiligen
separaten Gesetz.

Das natürliche Objekt
der ersten Bemühungen dieser Wissenschaft war dem Menschen äußerlich:  Diese Wahl ist Ausdruck dafür, dass es
einfacher war, die externe sinnliche Welt zu erfassen als die weit konfusere
menschliche Welt, deren Gesetze sich den einfachen Gleichungen der
Naturwissenschaft entziehen. Wir müssen auch an die Bedürfnisse der
aufstrebenden Bourgeoisie denken, die schnell und empirisch Zugriff auf alles
außerhalb ihrer selbst benötigte, um dies für die Entwicklung der
gesellschaftlichen Produktivkräfte zu benutzen. Schnell, da die Grundlagen
ihres sozial-ökonomischen Systems noch nicht so sicher waren. Empirisch, da der
Kapitalismus mehr an Ergebnissen und Schlussfolgerungen als an dem Weg, diese
zu erreichen, interessiert war.

Die Naturwissenschaften, die sich im Rahmen des bürgerlichen Materialismus entwickelten, beeinflussten das Studium anderer Bereiche und bewirkten den Aufstieg der Geisteswissenschaften
wie
Geschichte, Psychologie und Soziologie, die die gleichen Methoden der Erkenntnis anwandten.

Der erste Gegenstand
der menschlichen Erkenntnis, der den menschlichen Geist beschäftigte, war die
Religion. Diese wurde zum ersten Mal als historisches und nicht als
philosophisches Problem behandelt. Dahinter stand auch die Notwendigkeit einer
jungen Bourgeoisie, sich vor religiösen Festschreibungen zu hüten, die die
natürliche Rationalität des kapitalistischen Systems in Frage stellten. Dies
drückte sich in dem Aufkommen einer ganzen Reihe von bürgerlichen Denkern wie
Renan, Strauss, Feuerbach usw. aus. Aber was versucht wurde, war stets eine
methodische Zergliederung: Sie kritisierten die ideologische Figur Religion
nicht auf ihrer gesellschaftlichen Grundlage, sondern verfolgten das Ziel, ihre
menschlichen Grundlagen zu entdecken. Dadurch reduzierten sie die
Untersuchungen auf ein naturwissenschaftliches Niveau, als ginge es darum,
historische Dokumente und ihre Veränderung über die Jahrhunderte fotografisch
genau nachzuzeichnen. Letztendlich normalisierte der bürgerliche Materialismus
den gegenwärtigen Stand der Dinge und schrieb diesen auf ewig und unveränderbar
fest. Er behandelte die Natur als unbestimmte Wiederholung rationaler Ursachen.
Der bürgerliche Mensch reduzierte die Natur auf das Verlangen nach einer
konservativen Unbeweglichkeit. Er spürte, dass er die Natur bis zu einem
gewissen Punkt beherrschen würde, doch er begriff nicht, dass die Instrumente
seiner Beherrschung dabei waren, sich vom Menschen zu befreien und sich gegen diesen
zu wenden. Bürgerlicher Materialismus war ein Fortschritt in der Entwicklung
des menschlichen Wissens. Er wurde konservativ – was so weit ging, dass er von
der Bourgeoisie selbst abgelehnt wurde –, als das kapitalistische System seinen
Höhepunkt erreicht hatte und sein Untergang eingeläutet wurde.

Diese Denkweise
begegnet uns auch in Marx‘ frühen Werken. Doch Harper sah den Weg, der Marx zum
revolutionären Materialismus führte, erst durch die Bewusstwerdung der
Arbeiterklasse als Reaktion auf die ersten schweren Widersprüche des
kapitalistischen Systems eröffnet.

Harper beharrt
darauf, dass der revolutionäre Marxismus nicht einfach das Produkt reiner
Vernunft sei. Der bürgerliche Materialismus wuchs in einem bestimmten
sozio-ökonomischen Umfeld auf; entsprechend war auch für den revolutionären
Materialismus ein bestimmtes sozio-ökonomisches Milieu erforderlich. Marx wurde
bewusst, dass die Existenz ein Prozess permanenter Veränderung war. Und wo die
Bourgeoisie nur Rationalismus, die Wiederholung von Ursache und Wirkung sah,
entdeckte Marx das sich entwickelnde sozio-ökonomische Milieu als neues Element,
das in die Sphäre der Erkenntnis integriert werden müsse. Für ihn war das
Bewusstsein nicht ein Abbild der äußeren Welt. Sein Materialismus wurde durch all
die natürlichen Faktoren angeregt – zuallererst durch den Menschen selbst.

Die Bourgeoisie
konnte den menschlichen Anteil an der Erkenntnis vernachlässigen, da zu Beginn
ihr System mit einer präzisen Regelmäßigkeit - wie die Gesetze der Astronomie -
zu funktionieren schienen. Ihr Wirtschaftssystem hatte keinen Platz für den
Menschen.

Gegen Mitte des 19.
Jahrhunderts machte sich die Nachlässigkeit des Systems gegenüber dem Menschen in
den gesellschaftlichen Beziehungen langsam bemerkbar: Revolutionäres Bewusstsein
begann zu reifen und mit diesem wurde deutlich, dass die Erkenntnis nicht ein
Spiegel der äußeren Welt war, wie der bürgerliche Materialismus behauptete: Die
menschliche Erkenntnis ist nicht nur ein empfangender, sondern auch ein aktiver
und verändernder Faktor.

Für Marx war demnach
die Erkenntnis sowohl das Produkt der Empfindung der äußeren Welt als auch das
der Ideen und Handlungen des Menschen, der Mensch war also selbst ein Faktor
und Motor der Erkenntnis.

Die Wissenschaft
der Gesellschaftsentwicklung war damit geboren; diese eliminierte die alten
Geisteswissenschaften und war Ausdruck eines deutlichen Fortschritts. Auch die
Naturwissenschaften durchbrachen ihre engen Grenzen. Die bürgerliche
Wissenschaft des 19. Jahrhunderts kollabierte aufgrund
ihrer eigenen Blindheit.

Dieses falsche
Verständnis der Rolle der menschlichen Handlung für die Erkenntnis gibt Lenins
philosophischer Arbeit einen ideologischen Charakter. Wie bereits angedeutet,
untersucht Harper Lenins philosophische Quellen und misst diesen einen
entscheidenden Einfluss auf Lenins politische Tätigkeit zu.

Das
gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Lenin kam aus einem
rückschrittlichen Gesellschaftsmilieu. Hier herrschte noch der Feudalismus, die
Bourgeoisie war schwach und ließ jede revolutionäre Energie missen. In Russland
entwickelte sich der Kapitalismus zu einer Zeit, als die reife Bourgeoisie des
Westens bereits in ihren Niedergang trat. Russland wurde ein kapitalistisches
Land, ohne dass die eigene nationale Bourgeoisie gegen den feudalen
Absolutismus des Zaren aufbegehrte. Diese Leistung fiel dem ausländischen
Kapital zu, das die gesamte kapitalistische Struktur in Russland dominierte. Da
der bürgerliche Materialismus durch die Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie
und ihrer Widersprüche immer unbedeutender wurde, musste die russische
Intelligentsia in ihrem Kampf gegen den Absolutismus ihr Heil im revolutionären
Materialismus suchen. Für diesen revolutionären Materialismus galt der Kampf
dem Feudalismus, nicht dem Kapitalismus, der keine wirkungsvolle Kraft
darstellte. Lenin war Teil dieser Intelligentsia – deren Grundlage die
revolutionäre Klasse des Proletariats war –, deren Aufgabe die verspätete kapitalistische
Umwandlung des feudalen Russlands war.

 So interpretiert Harper die Fakten.

Harper sieht die
russische Revolution als Ausdruck der objektiven Reife der Arbeiterklasse,
jedoch hat diese für ihn einen bürgerlichen politischen Inhalt. Nach Harper
wird dieser bürgerliche politische Inhalt von Lenin ausgedrückt. Lenins
Bewusstsein sei geprägt von den unmittelbaren Aufgaben Russlands, ein Land, das
mit seiner sozio-ökonomischen Struktur wie eine Kolonie ohne nationale
Bourgeoisie erschien. Die einzig entscheidenden Kräfte seien die Arbeiterklasse
und der Absolutismus.

Das Proletariat
könne sich also nur unter diesen rückständigen Bedingungen ausdrücken, daher
sei Lenins materialistische Ideologie bürgerlich. So sagt Harper über Lenin und
die russische Revolution:

„Diese materialistische Philosophie war gerade
die richtige Lehre für die Masse der neuen russischen Intelligenz, die voll
Begeisterung in Naturwissenschaft und Technik die Basis einer von ihnen
geleiteten Produktion erkannte – mit den noch religiösen Bauern als einzigen
Widerstand – und die als neue herrschende Klasse eines Riesenreichs die Zukunft
vor sich offen sah.“
(Pannekoek,
Lenin als Philosoph, in: Pannekoek, Arbeiterräte, Texte zur sozialen Revolution,
S. 362)

Harpers Methode in
„Lenin als Philosoph” gehört, wie auch seine Darstellung des Problems der
Erkenntnis, zu den besten Arbeiten des Marxismus. Jedoch führen seine
politischen Schlussfolgerungen zu solchen Konfusionen, dass er uns zwingt,
seine politischen Schlussfolgerungen, die uns fehlerhaft erscheinen und unter
dem Niveau der übrigen Arbeit liegen, deutlich von der Formulierung des Problem
zu trennen.

Harper schreibt:

“Der Materialismus hat nur kurze Zeit die
Weltanschauung der bürgerlichen Klasse beherrscht…“
(ebenda, S. 311).

Dies führt ihn nach
seiner Feststellung, dass Lenins Philosophie in „Materialismus und
Empiriokritizismus“ in ihren Grundzügen bürgerlicher Materialismus sei, dazu,
dass die bolschewistische Revolution vom Oktober 1917 :

„ … eine
bürgerliche Revolution, die auf dem Proletariat fußt.“

Hier verfängt sich
Harper in seiner eigenen Dialektik und versäumt es, eine wichtige Frage zu
beantworten: Wie kann es zu einer Zeit, in der der Kapitalismus in die tiefste
Krise seiner Geschichte stürzt, eine bürgerliche Revolution geben? Die dazu
noch ihre eigene Ideologie – entsprechend der revolutionären Periode der
Bourgeoisie eine materialistische - produziert? Die Krise von 1914 – 20 scheint
Harper überhaupt nicht zu berühren.

Noch einmal, wie konnte
diese Revolution bürgerlich sein, und dies zumal in dieser Situation? Vorangetrieben
von den fortschrittlichsten und bewusstesten Arbeitern und Soldaten Russlands,
solidarisch begrüßt von den Arbeitern und Soldaten der ganzen Welt,
insbesondere in jenem Land, in dem der Kapitalismus am meisten fortgeschritten
war, d.h. Deutschland? Wie konnte es sein, dass genau in diesem Moment die
Marxisten, die gründlichsten Dialektiker, die besten Theoretiker des
Sozialismus, die materialistische Geschichtsauffassung wie Lenin selbst – wenn
nicht gar besser – verteidigten? Wie konnte es sein, dass ausgerechnet Leute
wie Plechanow und Kautsky sich auf der Seite der Bourgeoisie gegen die
revolutionären Arbeiter und Soldaten der gesamten Welt und insbesondere gegen
Lenin und die Bolschewiki wiederfanden?

Harper stellte sich
nicht einmal diese Fragen, wie sollte er also Antworten finden? Umso
überraschender ist es, dass er diese Fragen nicht stellt.

Weiterhin fällt
auf, dass Harpers grundsätzlich richtige philosophische Studie einige
Behauptungen enthält, die Erstere wiederum in ein anderes Licht stellt. Nach
Harper gibt es unter den marxistischen Theoretikern zum Problem der Erkenntnis
zwei fundamental entgegengesetzte Tendenzen. Diese Trennung, die er bereits im
Leben und Werk von Marx selbst sieht, ist etwas vereinfachend und schematisch.
Harper sieht in Marx‘ Werk zwei Perioden:

1. Vor 1848 Marx,
der fortschrittliche bürgerliche Materialist: „Religion ist das Opium des Volkes“, eine Aussage, die später von
Lenin aufgegriffen wurde; weder Stalin noch die russische Bourgeoisie haben es
für notwendig gehalten, die Parole von den Denkmälern der offiziellen
Parteipropaganda zu verbannen.

2. Dann Marx, der
revolutionäre Materialist und Dialektiker: der Angriff auf Feuerbach, das
Kommunistische Manifest usw., „das Sein bestimmt das Bewusstsein“.

Für Harper ist es
kein Zufall, dass Lenins Werk („Materialismus und Empiriokritizismus“) im Grunde
genommen ein Beispiel für die erste Periode des Marxismus darstellt. Ausgehend
von der Vorstellung, dass Lenins Ideologie durch die historische Bewegung, an
der er teilnahm, bestimmt ist, behauptet Harper, dass sich der grundlegende
Charakter dieser Bewegung als eine Variation des bürgerlichen Materialismus in
Lenins Ideologie ausdrückt (Harper berücksichtigt hier allein „Materialismus
und Empiriokritizismus“).

Dies führt Harper
zu der Schlussfolgerung, dass “Materialismus und Empiriokritizismus” nun die
Bibel der russischen Intellektuellen, Techniker usw. – der Repräsentanten der
neuen staatskapitalistischen Klasse – sei. Aus seiner Sicht sind die russische
Revolution im Allgemeinen und die Bolschewiki im Besonderen die Vorwegnahme
einer allgemeineren revolutionären Entwicklung: die Evolution des Kapitalismus
zum Staatskapitalismus, die revolutionäre Mutation der liberalen Bourgeoisie zu
einer bürokratischen Staats-Bourgeoisie, von der der Stalinismus der
vollkommenste Ausdruck sei.

Harpers Vorstellung
ist, dass diese Klasse, die überall „Materialismus und Empiriokritizismus“ als
ihre Bibel ansieht (Stalin und seine Freunde verteidigen weiterhin das Buch),
das Proletariat als Basis für ihre staatskapitalistische Revolution benutzt.
Deshalb ist die neue Klasse auf die marxistische Theorie angewiesen.

Daher ist es Ziel
dieser Ausführungen, nachzuweisen, dass diese erste Ausformung des Marxismus
über Lenin direkt zu Stalin führt. Ähnliches haben wir bereits von bestimmten
Anarchisten gehört, wobei diese dies gleich auf den gesamten Marxismus beziehen.
Stalin ist danach das logische Ergebnis des Marxismus – nach anarchistischer
„Logik“ ist es das tatsächlich!

Dieser Ansatz
versucht ebenfalls zu zeigen, dass eine neue – sich auf das Proletariat
stützende - revolutionäre Klasse genau in dem Moment auf der Bühne der
Geschichte erscheint, wo der Kapitalismus selbst, aufgrund der Hyperentwicklung
der Produktivkräfte innerhalb einer Gesellschaft, die auf der Ausbeutung der
menschlichen Arbeit (Mehrwertabpressung) basiert, in seine permanente Krise
eingetreten ist.

Diese zwei Ideen,
die Harper in „Lenin als Philosoph“ vor dem Krieg von 1939 – 45 entwickelt,
wurden bereits von Anderen mit unterschiedlichstem sozialem und politischem
Hintergrund vorgetragen. Die erste Vorstellung wird von den meisten Anarchisten
vertreten, die zweite von vielen reaktionären bürgerlichen Schreiberlingen, wie
James Burnham.

Es ist nicht
überraschend, dass Anarchisten solch mechanistische und schematische Konzepte
vorbringen, die behaupten, dass der Marxismus die Quelle des Stalinismus und
der staatskapitalistischen Ideologie oder der neuen herrschenden Management-/Bürokraten-Klasse
sei. Sie sind das Problem der Philosophie nie in der Form angegangen, wie
Revolutionäre es getan haben: Für sie stammen Marx und Lenin von Auguste Comte
ab und alle marxistischen Strömungen werden ausnahmslos mit der
„bolschewistisch-stalinistischen Ideologie“ in einen Topf geworfen. Zwischenzeitlich
orientiert sich die anarchistische Version des philosophischen Denkens an der
letzten Mode des Idealismus, von Nietzsche zum Existenzialismus, von Tolstoi zu
Sartre.

Harpers These ist,
dass Lenins „Materialismus und Empiriokritizismus“ als philosophische
Untersuchung des Problems der Erkenntnis nicht weiter geht als die
Interpretationsmethoden, die typisch für den mechanistischen, bürgerlichen
Materialismus sind. Doch von hier zu der Schlussfolgerung zu kommen, dass weder
die Bolschewiki noch der Bolschewismus oder die russische Revolution über das
Stadium der bürgerlichen Revolution hinaus kommen konnten, lässt Harper in
derselben Position wie die Anarchisten oder Vertreter der Bourgeoisie, wie
Burnham, enden. Darüber hinaus widerspricht diese Schlussfolgerung einer anderen
korrekten Aussage von Harper:

„Der Materialismus hat nur kurze Zeit die
Weltanschauung der bürgerlichen Klasse beherrscht. Nur solange diese glauben
konnte, dass die bürgerliche Gesellschaftsordnung, mit ihrem Privateigentum,
ihrer persönlichen Freiheit und ihrem freien Wettbewerb, durch die Entwicklung
der Produktion unter dem endlosen Fortschritt der Wissenschaft und der Technik
die praktischen Probleme des Lebens für jeden lösen würde, nur solange konnte
sie glauben, dass mittels der Naturwissenschaft die theoretischen Probleme
gelöst wurden, und brauchte sie keine übernatürlichen geistigen Mächte mehr.
Als die Tatsache, dass der Kapitalismus die Frage der Existenz für die Massen
nicht lösen konnte, hervortrat in dem emporkommenden Klassenkampf des
Proletariats, verschwand die zuversichtliche materialistische Betrachtung der
Welt. Die Welt erschien nun voll der Unsicherheit und der unlösbaren
Widersprüche, voll unheimlich drohender Mächte.“
(ebenda, S. 311)

Wir werden im weiteren
Verlauf dieses Problem vertiefen, hier sehen wir uns – in der Hoffnung, nicht
in eine sterile Polemik hineingezogen zu werden – jedoch veranlasst, auf diesen
unlösbaren Widerspruch, in den Harper sich selbst bringt, hinzuweisen - auf der
einen Seite ein solch komplexes Problem so simpel anzugehen und auf der anderen
Seite unter Berücksichtigung der Schlussfolgerungen, die er über Bolschewismus
und Stalinismus zieht.

Noch einmal fragen
wir: Wie erklärt man die Tatsache, dass genau zu dem Zeitpunkt, als der
Klassenkampf beispiellose Höhen erklomm, innerhalb der Bourgeoisie eine
materialistische Strömung geboren wurde, die eine neue
bürgerlich-kapitalistische Klasse hervorbrachte - wenn wir gleichzeitig Harpers
These folgen, dass die Bourgeoisie idealistisch wurde, als der proletarische
Klassenkampf auf der Bühne erschien? Harper erkennt in Lenins Philosophie den
Aufstieg einer bürgerlichen materialistischen Strömung genau zu dem Zeitpunkt,
als die Bourgeoisie eigentlich vollständig idealistisch sein sollte. Und falls,
nach Harper, Lenin „gezwungen war,
materialistisch zu sein, um die Arbeitern hinter sich zu sammeln“,
müssen
wir folgende Frage stellen: Nahmen die Arbeiter die Ideologie Lenins an, oder
passte sich Lenin den Bedürfnissen des Klassenkampfes an? Harper präsentiert
uns diesen erstaunlichen Widerspruch: Entweder folgte das Proletariat einer
bürgerlichen Strömung, oder eine Bewegung der Arbeiterklasse scheidet eine
bürgerliche Ideologie aus.

In beiden Fällen
würde das Proletariat nicht mit einem eigenen Blick auf die Welt auf der Bühne
erscheinen. Es ist eine merkwürdige Version des marxistischen Materialismus,
die uns zu solchen Schlussfolgerungen verleiten kann: Das Proletariat lässt
sich auf unabhängige Aktionen ein, aber produziert dabei eine bürgerliche
Ideologie. Das ist exakt das Ergebnis von Harpers These.

Des Weiteren ist es
nicht ganz richtig zu behaupten, dass die Bourgeoisie in einer bestimmten Phase
rein materialistisch und in einer anderen rein idealistisch war. In der
bürgerlichen Revolution von 1789 ersetzte der Kult der Vernunft in Frankreich
den Gotteskult. Dies ist typisch für den dualen Charakter  der Konzepte– materialistisch und
idealistisch zugleich -, die die gegen Feudalismus, Religion und die Macht der
Kirche kämpfende Bourgeoisie benötigte (ein Kampf im Übrigen, der sehr heftige
Formen annahm, wie die Verfolgung von Priestern und das Niederbrennen von
Kirchen zeigt). Wir werden später auf diesen permanenten dualen Aspekt der
bürgerlichen Ideologie zurückkommen, der selbst in seinen höchsten Ausschlägen
der „Großen Revolution“ nie über das Stadium von „Religion ist das Opium des
Volkes“ hinauskam.

Wir haben jedoch
noch längst nicht alle Schlussfolgerungen gezogen, zu denen uns Harpers Arbeit
bringt. Dazu müssen wir all jenen einige historische Tatsachen in Erinnerungen zurückrufen,
die die Oktoberrevolution dem bürgerlichen Lager zuschreiben wollen. Die erste
Untersuchung von Harpers philosophischen Schlussfolgerungen und Theorien hat
uns dazu gebracht, bestimmte Fragen, die wir später entwickeln werden, zu
reflektieren. Darüber hinaus gibt es andere Fakten, die Harper wohl nicht
übergehen wollte. Seitenlang spricht er über bürgerliche Philosophie und Lenins
Philosophie und kommt zu Schlussfolgerungen, die, gelinde gesagt, gewagt sind
und die eine ernsthafte und tiefere Untersuchung verlangen. Welcher
marxistische Materialist kann eine Person, eine politische Gruppe oder Partei
in dieser Weise anklagen, wie Harper Lenin und die bolschewistische Partei
dafür anklagt, dass sie eine bürgerliche Strömung und Ideologie - „… auf dem Proletariat basierend“
(Harper) - repräsentieren würden, ohne zuerst die historische Bewegung, der sie
angehörten, zu untersuchen?

Es war die Bewegung
der internationalen und russischen Sozialdemokratie, die die bolschewistische
Fraktion und alle anderen links-sozialistischen Fraktionen hervorgebracht hat.
Wie wurde diese Fraktion gebildet? Welche ideologischen Kämpfe hatte diese zu
führen, um sich als separate Gruppe, dann als Partei, schließlich als Avantgarde
einer internationalen Bewegung herauszuschälen?

Der Kampf gegen den
Menschewismus, Lenins Iskra und „Was tun?“, die Revolution von 1905 und die
Rolle Trotzkis; Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, die ihm dazu
brachte, zwischen dem Februar und dem Oktober 1917 mit den Bolschewiki zu
fusionieren; der revolutionäre Prozess zwischen Februar und Oktober; die
rechten Sozialdemokraten und die Sozialrevolutionäre; Lenins Aprilthesen; die
Konstitution der Sowjets und der Arbeitermacht; Lenins Position zum
imperialistischen Krieg - Harper verliert hierzu nicht ein Wort. Dies ist
keineswegs zufällig.

(wird fortgesetzt)

Mousso und Phillipe


Source URL: http://en.internationalism.org/node/3102

Französisches
Original: http://fr.internationalism.org/rinte25/lenine.htm

Leute: 

Politische Strömungen und Verweise: 

Geschichte der Arbeiterbewegung: 

Historische Ereignisse: 

Theoretische Fragen: