Der Operaismus: Eine ökonomistische und soziologische Betrachtungsweise /2

Massenarbeiter, 
gesellschaftlicher Arbeiter, Prekariat: Auf der Suche nach dem revolutionären
Subjekt

Der Operaismus steht wie jede
andere politische Strömung, die die historische Krise des Kapitalismus als
äußeren Beweggrund revolutionärer Klassenkämpfe leugnet, vor dem Dilemma, die
Frage nach der materiellen Grundlage dieses Klassenkampfes zu beantworten, ohne
im Voluntarismus Zuflucht zu suchen. Was - wenn nicht die schweren
wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen des
Kapitalismus - sollte unserer Klasse die Augen über die Vergänglichkeit, den
Bankrott dieser Gesellschaftsform öffnen? Was - wenn nicht die immer
offenkundigere Unfähigkeit der herrschenden Klasse, den Ausgebeuteten
wenigstens ein bescheidenes Auskommen zu bieten - kann die ArbeiterInnen davon
überzeugen, für die Abschaffung des Kapitalismus zu kämpfen?

Für große Teile des Operaismus
reicht allem Anschein nach der schlichte Tatbestand der Ausbeutung. Nach dieser
Auffassung ist es das täglich erfahrene Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis
am Arbeitsplatz, dass die ArbeiterInnen radikalisiert. Je brutaler die
Ausbeutung, so die simple Rechnung, desto radikaler und militanter die
Beschäftigten. So lag es nahe, dass der Operaismus der sechziger Jahre das
revolutionäre Potenzial der Klasse überwiegend im sog. Massenarbeiter
lokalisierte, d.h. im Fließbandarbeiter, wie in der italienischen
Automobilindustrie beispielsweise; denn die in der Fließbandarbeit besonders
zugespitzte Entfremdung der Arbeiter einerseits und ihre zentrale Stellung in
der Produktion andererseits prädestiniere die Massenarbeiter dazu, das
kapitalistische System in Frage zu stellen. Und so ist es nicht verwunderlich,
dass das sog. Prekariat zur bevorzugten Klientel des heutigen Postoperaismus
zählt.

Der "klassische"
Operaismus, wie er von Quaderni Rossi, Classe Operaia, Primo Maggio, etc.
verkörpert wird, hat eine recht schematische Vorstellung vom Klassenkampf,
reduziert er ihn doch auf die rein ökonomischen Kämpfe in den Betrieben.
Angefeuert vom Refrain: "Alle Räder stehen still, wenn unser starker Arm
es will!", sucht er die Entscheidung im betrieblichen Kräftemessen. Ob nun
die Automobilarbeiter bei FIAT mit ihrer Schlüsselstellung an den Fließbändern,
die LKW-Fahrer, die "den gesamten Zyklus des Kapitals lahm legen"
können, oder das technische Personal mit seiner Schlüsselrolle zwischen
Arbeiter und Studenten - stets war der Operaismus auf der Suche nach der
Schwachstelle im kapitalistischen Produktionsapparat. Es galt, "ein
Segment der Klasse zu suchen, das sich dynamisch verhielt und zugleich in einem
strategisch wichtigen Sektor beschäftigt war."

Doch abgesehen davon, dass sie
dabei die Achillesferse des Kapitalismus schlechthin, seine historische Krise,
übersehen, haben diese Operaisten auch nie begriffen, dass der Klassenkampf des
Proletariats in erster Linie einen politischen Charakter trägt. Die
Gretchenfrage bei jedem Streik, bei jeder wie auch immer gearteten
Widerstandsaktion der Arbeiterklasse lautet nicht, wie die Operaisten
allgemeinhin behaupten: Wie und wo ist es möglich, Sand ins Getriebe des
kapitalistischen Produktionsapparates zu streuen und ihn hier und heute
auszuhebeln? Sie lautet vielmehr: Hilft der jeweilige Kampf den ArbeiterInnen
weiter in ihrem Bewusstwerdungs- und Vereinigungsprozess und trägt er somit zur
Vorbereitung auf die künftige Entscheidungsschlacht zwischen Kapital und
Arbeit, zur "Aushebelung" des kapitalistischen Machtapparates bei?

So gesehen, ist die klassische
operaistische Strategie, den Kapitalismus zu stürzen, indem sein
Produktionsapparat durch die Aktionen einer kleinen Elite von kämpferischen
Arbeitern in Schlüsselpositionen lahmgelegt wird, genauso wenig hilfreich wie
die Mittel der Bummelstreiks, der sog. Schachbrettstreiks, der Sabotage und des
Krankfeierns, die von operaistischen Strömungen durchaus begrüßt werden. Das
eine sind quasi-militärische Planspiele am pseudo-revolutionären Kartentisch,
das andere isolierte Aktionen von vereinzelten Arbeitern oder Gruppen von
Arbeitern, aus deren Not eine Tugend gemacht werden soll. Beides widerspricht
dem kollektiven Charakter des proletarischen Klassenkampfes und
Klassenbewusstseins.

Doch neben dem operaistischen
Mainstream entstanden Ende der sechziger Jahre, unter dem Eindruck des
angeblichen Scheiterns der "klassischen" Arbeiterschichten und des
Auftretens der Studentenschaft im sog. Heißen Herbst 1969 in Italien, auch
Strömungen im italienischen Operaismus, die das Klischee des "Arbeiters im
Blaumann" nicht mehr teilten. Operaisten wie z.B. Sergio Bologna
entdeckten nun auch Schichten außerhalb der unmittelbaren Produktionssphäre als
relevant für den Klassenkampf. Sie erkannten, dass der ständige Zwang des
Kapitals, seine organische Zusammensetzung zugunsten des konstanten Kapitals zu
verändern, auch zu einem entgegengesetzten Prozess führt, nämlich zu einer
wachsenden Qualifizierung von Beschäftigten. Nun rückten beispielsweise
Techniker in den Mittelpunkt des Interesses eines Teils der Operaisten.

Unter diesen Strömungen war es
vor allem Potere Operaio, einer aus dem Heißen Herbst 1969 in Italien
hervorgegangenen operaistischen Organisation, und insbesondere ihrem linken
Flügel, der POv-e (1), vorbehalten, die alten operaistischen Modelle der
Klassenzusammensetzung kritisch zu beleuchten. So war es mit Toni Negri ein
Mitglied des Veneter Flügels von PO, der mit seinem Begriff des "gesellschaftlichen
Arbeiters" die heilige Kuh des Massenarbeiters schlachtete und den Begriff
der Arbeiterklasse von der Ebene der unmittelbaren Produktion auf den Bereich
der Reproduktion (der sog. tertiäre Sektor) ausdehnte. Darüber hinaus stellte Potere
Operaio eine weitere Säule des damaligen Operaismus in Frage: die
"zwangsläufige Beziehung zwischen Arbeitsprozess und
Klassenverhalten". PO stellte zudem fest, dass die ökonomischen Kämpfe der
Klasse rein defensiven Charakter tragen und allein die Verteidigung oder gar
Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiterklasse zum Inhalt haben, dass nur
die Politisierung des Klassenkampfes die kapitalistischen
Produktionsverhältnisse an sich in Frage stellen kann.

Doch wer oder was soll diese
Politisierung des Arbeiterkampfes bewerkstelligen? Die Antwort von Potere
Operaio: Sie schloss kategorisch jegliche Verbindung zwischen dem ökonomischen
und dem politischen Kampf aus und erteilte allein der "Partei" das
Mandat für die politischen Kämpfe - einer Partei allerdings, die
"außerhalb, aber nicht abseits" der Arbeiterklasse stehe. Für PO,
aber auch für andere Operaisten besitzt die Arbeiterklasse nur ein ökonomisches
Klassenbewusstsein. Das politische Bewusstsein, meinte Romano Alquati - einer
der Väter des Operaismus - ganz im Sinne Lenins, müsse von außen an die Klasse
herangetragen werden. Hier wird das ganze Dilemma des Operaismus deutlich.
Einerseits hat er sich die "Autonomie" der Arbeiterklasse gegenüber
der Gewerkschafts- und Parteibürokratie auf die Fahnen geschrieben.
Andererseits veranlasst ihn seine ökonomistische Vorgehensweise, seine
einseitige, mechanische und simple Verknüpfung des - wie er es nennt -
"Klassenverhaltens" mit der Produktionssphäre dazu, in Fragen des
Verhältnisses zwischen dem ökonomischen und dem politischen Kampf, zwischen der
Arbeiterklasse und ihren politischen Organisationen auf ebenso alte wie
überholte Konzepte des Substitutionismus zurückzugreifen.

Die soziologische Methode des Operaismus

Ein weiteres Merkmal des
operaistischen Phänomens ist sein Versuch, den Marxismus mit der modernen
Soziologie zu vereinen, was sich insbesondere auf seine Annäherungsweise
gegenüber der Arbeiterklasse auswirkt. Um dem Rätsel der "neuen"
Arbeiterklasse nach dem II. Weltkrieg auf die Schliche zu kommen, reichte dem
Operaismus die Erkenntnisse des Marxismus nicht mehr aus. Er vermeinte
stattdessen auf die Erkenntnisse der neuen "radikalen"
Sozialwissenschaften und der neu aufkommenden sog. Industriesoziologie
zurückgreifen zu müssen, wobei sich operaistische Vordenker wie Panzieri von
modernistischen Strömungen wie die Frankfurter Schule, insbesondere aber von
Adorno inspirieren ließen.

In diesem Zusammenhang führte
Quaderni Rossi sog. Arbeiteruntersuchungen ein, d.h. Interviews mit einzelnen
Arbeitern, um auf diese Weise Zugang zur "proletarischen Erfahrung"
zu erhalten und zu einem "bessere(n) Verständnis der Realität der modernen
Arbeiterklasse" zu gelangen. Doch oftmals musste man feststellen, dass die
Aussagen der interviewten Arbeiter nicht mit ihrem Handeln übereinstimmten. In
der Tat sind solche "Untersuchungen" genauso wertlos wie jede
x-beliebige Erhebung durch die bürgerliche Soziologie. Dennoch erfreuen sie
sich noch heute großer Beliebtheit unter den postoperaistischen Gruppen.

Die soziologische Handschrift des
Operaismus wird sowohl in seinen Theorien über den Klassenkampf als auch in
seinen Definitionen der Arbeiterklasse deutlich. So wie seine Theorien über die
Klassenzusammensetzung allein die Veränderungen in der Klassenstruktur, sprich:
Soziologie des Proletariats im Auge haben, so verlässt sich der Operaismus bei
der Suche nach dem revolutionären Objekt allzusehr auf soziologische Kriterien
wie die spezifische Stellung im Produktionsprozess. Er betrachtet den Arbeiter
in seinem Einzelschicksal, und er studiert ihn überwiegend außerhalb des
Kampfes, im Status quo der täglichen Ausbeutung. Damit verlässt der Operaismus
das Terrain des historischen Materialismus und verirrt sich in den Gefilden des
Empirizismus - einer Methode, deren Momentaufnahmen nicht nur jede Bewegung des
untersuchten Objekts gleichsam einfrieren und ihre ganze Dynamik unkenntlich
machen, sondern darüber hinaus blind sind für die unterirdischen Prozesse der
Bewusstseinsbildung in unserer Klasse.

Es wäre aufschlussreich zu
erfahren, welchen Klassenbegriff der Operaismus hat. Der Marxismus jedenfalls,
wie wir ihn verstehen, verbindet mit dem Terminus "Arbeiterklasse"
mehr als die bloße Summe aller Arbeiter und Arbeiterinnen. Für ihn ist die
Arbeiterklasse nicht wegen ihrer "strategischen" Stellung in der
Produktion revolutionär, sondern weil sie die erste gesellschaftlich
produzierende Klasse in der Geschichte ist, deren wichtigster Trumpf nicht die
Eroberung vermeintlich wichtiger Positionen im kapitalistischen Produktionsapparat
ist, sondern die Erlangung eines Bewusstseins über ihre eigene Identität und
Stärke, ja letztendlich über ihre historische Mission. Denn ohne ein solches
Klassenbewusstsein ist jede noch so günstige
"Klassenzusammensetzung", jede Schlüsselstellung von Teilen der
Klasse in der Produktion ein Muster ohne Wert.

In diesem Sinne sollte uns
weniger das passive Verharren der Arbeiterklasse in Zeiten der Friedhofsruhe
als ihr dynamischer Wandel in den Episoden 
offener Klassenkonfrontationen interessieren. Unser Hauptaugenmerk
sollte nicht den Modalitäten der Ausbeutung und ihren Auswirkungen auf die
Stellung der Arbeiter gelten, sondern dem Kampf der Klasse, in dem sich der
einzelne Arbeiter wenigstens zeitweise von der herrschenden Ideologie befreit,
über sich hinauswächst und gemeinsam mit seinen Leidensgenossen neue Maßstäbe
setzt. Es war der bereits zitierte Tronti, der in seltener Klarheit das Dilemma
der Operaisten bei dem Versuch, der Arbeiterklasse mit soziologischen Mitteln
auf die Spur zu kommen, auf den Punkt brachte: Man kann "nicht verstehen,
was die Arbeiterklasse ist, wenn man nicht sieht, wie sie kämpft."

 (1) Das Kürzel "v-e" steht für
"veneto-emiliano".

Politische Strömungen und Verweise: