Die Anarchisten und der Krieg (2) - Die Beteiligung der Anarchisten am Zweiten Weltkrieg

In allen Ländern bereitete sich die Bourgeoisie, die
durch die blinden Gesetze des Kapitalismus unabwendbar zum Militarismus
gedrängt wurde, auf den Krieg vor, egal ob es sich um faschistische oder
demokratische Staaten oder um die stalinistische UdSSR handelte. Die Sackgasse
der Wirtschaftskrise ließ ihr keinen anderen Ausweg als die Flucht nach vorn in
einen zweiten weltweiten Holocaust. Dieser beschleunigte Kurs auf den Krieg,
wahrhaftige Lebensweise des Kapitalismus in seiner Niedergangsphase, brachte
den Faschismus hervor. Dieser konnte sich in denjenigen Ländern durchsetzen, in
denen es aufgrund der von der Arbeiterklasse erlittenen tiefen Niederlage nicht
mehr nötig war, demokratische Institutionen aufrecht zu erhalten, deren
Funktion gerade darin besteht, das Proletariat mit Illusionen zu umgeben, damit
es sich unterwirft und geschlagen werden kann. Der Faschismus stellte sich als
diejenige Regierungsform dar, die den Vorbereitungen am besten entsprach, die
nötig waren auf dem beschleunigten Marsch in den Krieg.

Die ideologische Unterwerfung für den imperialistischen
Krieg unter die Fahne des Faschismus, des Nationalsozialismus oder des
stalinistischen „Vaterlandes des Sozialismus“ wurde mit dem Mittel des
gnadenlosen Terrors erreicht. Doch in den Ländern, die „demokratisch“ geblieben
waren, brauchte die Bourgeoisie ein besonderes Mittel, um die Arbeiter, die
nicht die Niederschlagung von revolutionären Bewegungen erlitten hatten, zu unterwerfen:
die Verschleierung durch den Antifaschismus. Er wurde den Arbeitern angeboten
als Ausgangspunkt der Mobilisierung, damit man sich schützen könne gegen die
Schreckensherrschaft des Faschismus; er war das Mittel, mit dem sie sich als
Kanonfutter im Krieg gewinnen ließen im Dienste des einen imperialistischen
Lagers gegen ein anderes, zur Verteidigung des demokratischen Staats. Um dieses
Ziel zu erreichen, bediente sich die Bourgeoisie namentlich in Frankreich und
Spanien der „Volksfronten“ und der linken Parteien, die die Regierungen
übernahmen.

Der Anarchismus vom Antifaschismus
befallen

Im Gegensatz zum proletarischen Internationalismus, der
der vereinigende Ruf der Arbeiterklasse war, mit dem sie in der Gestalt der
proletarischen Revolution der Barbarei des ersten weltweiten Gemetzels ein Ende
setzte, ist der Antifaschismus keineswegs ein Mittel für das Proletariat zur
Verteidigung seiner Klasseninteressen, sondern das Mittel, um sich gefesselt
und geknebelt der demokratischen Bourgeoisie auszuliefern. Die herrschende Lage
einer Konterrevolution, die das Resultat der Niederlage des Proletariats war
und jede Aussicht auf eine revolutionäre Erhebung versperrte, hätte auf keinen
Fall ein Grund sein dürfen, die fundamentalen Grundsätze des proletarischen
Internationalismus angesichts des Zweiten Weltkrieges in Frage zu stellen. Es
gab keine Wahl zu treffen zwischen den verschiedenen Lagern. Es gab nur einen
Kampf - gegen die Bourgeoisie sowohl im faschistischen wie im demokratischen
Lager.

Gefangen in der Logik der Verteidigung der „Freiheit“
gegen den „Autoritarismus“ kapitulierte der Anarchismus vollständig vor dem
Antifaschismus. In der Zeit vor dem Krieg gehörten die verschiedenen anarchistischen
Strömungen zu den wichtigsten Verfechtern des Antifaschismus. Dieser sollte die
große Mehrheit der Anarchisten dazu führen, sich im Zweiten Weltkrieg
unverbrüchlich auf die Seite der Alliierten zu schlagen. Der Anarchismus hatte
keinen Klassenbegriff, der auf den realen, im Kapitalismus herrschenden gesellschaftlichen
Verhältnissen beruht hätte, und es zog ihn unweigerlich in die vollständige
Unterwerfung unter die Demokratie, diese besonders hinterlistige Art der
kapitalistischen Diktatur. Gewisse Internationalisten von 1914, wie Rudolf
Rocker, verteidigten 1940 auf einmal die Beteiligung am imperialistischen Krieg
mit dem Argument, im Gegensatz zu 1914 gehe es jetzt um zwei Systeme, die sich
radikal unterschieden, so dass der Kampf gegen den Faschismus die Unterstützung
der demokratischen Staaten rechtfertige. Diese Sichtweise bestimmte die
allermeisten Anarchisten dazu, physisch am Krieg teilzunehmen, und zwar vor
allem in den nicht uniformierten imperialistischen Partisanen-Armeen (französisch:
„Maquis“) der Résistance (1).

In Frankreich stellte sich die Gruppe CNT/Netzwerk Vidal
in den Pyrenäen „vom Anfang des Krieges
an in den Dienst der Résistance und arbeitete aktiv mit dem Geheimdienst und
mit dem Zentralen Büro für Nachrichten und Aktionen (Bureau Central de
Renseignement et d’Action BCRN) von de Gaulle zusammen, aber auch mit dem
Netzwerk Sabot und der Gruppe Combat. (…) Mangels nationaler
Widerstandsorganisation erschienen die Anarchisten als kleine Anzahl, obwohl
sie sehr präsent waren. Lasst uns dennoch die Partisanen des Staudamms von
l’Aigle zitieren (…), Hochburg des Wiederaufbaus der CNT im Exil und eine der
aktivsten Partisanengruppen der Résistance. Diese Guerilla ist praktisch zu
100% konföderal (ein Bund), wie auch die Partisanen von Bort-les-Orgues. Allgemein
haben die Partisanen des Massif Central einem hohen Anteil an spanischen
Anarchisten (…)“
(2) Die Anarchisten waren „Präsent in den Partisanenverbänden in Südfrankreich, in den Gruppen
FFI, FTP, MUR oder in den autonomen Gruppen (das Bataillon Libertad im Cantal,
der Verband Bidon 5 in Ariège, in Languedoc-Roussillon) (…) und setzten zu
Hunderten auf französischem Boden den Kampf fort, den sie gegen den spanischen
Faschismus geführt hatten“
(3). Das Bataillon „Libertad“ „befreite le Lot und Cahors. (…) In Foix
sind es die anarcho-syndikalistischen Partisanen der CNT-FAI, die die Stadt am
19. August befreien.“
(4)

Gleiches Bild in Italien. Als die italienischen Truppen
sich am 8. September 1943 den Alliierten ergaben, blieben die Regionen des
Zentrums und des Nordens in den Händen der Deutschen und der faschistischen
Republik von Salò. „Die Anarchisten
warfen sich sofort in den bewaffneten Kampf, errichteten dort, wo dies möglich
war (Carrara, Genua, Mailand), autonome Formationen oder - was mehrheitlich der
Fall war - schlossen sich anderen Formationen an wie den sozialistischen
„Matteotti“-Brigaden, den kommunistischen „Garibaldi“-Brigaden oder den
„Giustizia-e-Libertà“-Einheiten der Aktionspartei“
(5).

An zahlreichen Orten traten die Libertären dem Komitee
zur Nationalen Befreiung bei, das ein breites Spektrum von antifaschistischen
Parteien zusammenfasste, oder organisierten Patriotische Aktionsgruppen (sic). Die Anarchisten waren zahlenmäßig
stark in der 28. Garibaldi-Brigade vertreten, die Ravenna befreite. „In Genua operierten anarchistische
Kampfgruppen unter den Namen von „Pisacane“-Brigade, „Malatesta“-Formation,
SAP-FCL, SAP-FCL Sestri Ponente und Anarchistische Aktionsschwadrone
d’Arenzano. (…) Diese Aktivitäten wurden von der Kommunistisch-Libertären
Föderation (FCL) und von der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft der USI
bevorzugt, die soeben in den Fabriken wiederaufgetaucht war. (…) Die
Anarchisten gründeten die Brigaden „Malatesta“ und „Bruzzi“, die bis zu 1300
Partisanen umfassten: diese operierten unter der Aegide der Formation
„Matteoti“ und spielten eine Vorreiterrolle bei der Befreiung Mailands.“

(6)

Die Beispiele von Bulgarien, wo die bulgarische KP nach
der Invasion der UdSSR 1941 „die Guerilla
organisierte, an der sich zahlreiche Anarchisten beteiligten“
(7), oder der
anarchistische gegen Japan gerichtete Guerilla in Korea in den 1920er und 30er
Jahren, zeugen davon, dass die Beteiligung der Anarchisten am imperialistischen
Krieg einen allgemeinen Charakter hatte.

Und viele waren nicht einmal angewidert von der Uniform
der demokratischen imperialistischen Armeen: „Die spanischen Libertären (…) beteiligten sich zu Tausenden am
Widerstand gegen den Nationalsozialismus und einige von ihnen stießen in den
Bataillonen des Freien Frankreich im Kampf bis nach Deutschland vor“
(8). „Einige Genossen meldeten sich bei den
Regimentern der Fremdenlegion und kämpften in ihren Reihen an vorderster Front“

(9). „Sie wurden sowohl nach Nordafrika
geschickt wie auch nach Schwarzafrika (Tschad, Kamerun). Die Letzteren wurden
1940 in die Freien Französischen Streitkräfte aufgenommen. Sie wurden Teil der
Truppen des Generals Leclerc.“
Bei der berühmten 2. Panzerdivision, die zu
mehr als 60% aus Spaniern bestand, waren viele Anarchosyndikalisten, so dass
eine ihrer Kompanien „vollständig aus spanischen Anarchisten zusammengesetzt
war“. In den Panzern „Ascaso“, „Durruti“, „Casas Viejas“ waren sie „bei den
ersten, die am 24. August 1944“ bei der Befreiung von Paris „in die Hauptstadt
fuhren“ (10) und den Lumpen der Trikolore auf dem Stadthaus hissten!

Der Standpunkt des Krieges - in
konsequenter Fortsetzung der Haltung von 1936 in Spanien

Die Haltung der Anarchisten während dem Zweiten Weltkrieg
ist auf der gleichen Linie wie diejenige, die sie schon während der
„Hauptprobe“ im Krieg in Spanien eingenommen hatten. Dieser stellte brutal die
Rolle bloß, die die Anarchisten in diesem Krieg spielten, der weder ein
„Klassenkrieg“ noch eine „Revolution“ war, sondern ein Krieg zwischen zwei
Fraktionen der spanischen Bourgeoisie, der im Weltkrieg mündete.

Im Juli 1936 erbrachte die CNT in Befolgung des
antifaschistischen Paktes, den sie mit den Parteien der Volksfront geschlossen
hatte, der republikanischen Regierung ihre Unterstützung, indem sie die
Reaktion des Proletariats gegen den Staatsstreich Francos auf das Terrain des
Antifaschismus lenkte (11). Die CNT verlagerte die Auseinandersetzung eines
gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Kampfes des Proletariats
gegen die Gesamtheit der Kräfte der Bourgeoisie auf die Ebene der militärischen
Konfrontation mit Franco allein und schickte die Arbeiter an die Fronten, damit
sie sich als Teil der antifaschistischen Milizen abschlachten ließen für
Interessen, die nichts mit ihnen zu tun hatten.

Die Beteiligung der Libertären an der bürgerlichen
republikanischen Regierung in Katalonien und Madrid zeigt die Entwicklung des
Anarchismus hin zur Unterstützung des bürgerlichen Staats. „Nach dem ersten Sieg über die abtrünnigen Generäle und angesichts des
sich abzeichnenden lang andauernden und enorm wichtigen Krieges verstanden wir,
dass die Stunde noch nicht gekommen war, die Funktion der Regierung, des
Regierungsapparats für beendet zu betrachten. So wie der Krieg einen passenden
Apparat braucht, damit er überhaupt erfolgreich geführt werden kann - die Armee
-, so braucht es auch ein Organ der Koordination, der Zentralisierung aller
Ressourcen und Energien des Landes, d.h. den Mechanismus eines Staats. (…)
Solange der Krieg dauert, müssen wir im blutigen Kampf handeln und in der
Regierung intervenieren. Tatsächlich muss diese eine Kriegsregierung sein, zum
Zweck, den Krieg zu führen und zu gewinnen. (…) Wir denken, dass der Krieg die
erste Sache ist, dass der Krieg gewonnen werden muss als Vorbedingung für
irgendwelche neue Bedingung …“
(12). Als sich die Arbeiter von Barcelona im
Mai 1937 erhoben, waren die Anarchisten Komplizen der Repression durch die
Volksfront und die Regierung von Katalonien (an der sie teilnahmen), während
die Frankisten vorübergehend ihre Kampfhandlungen einstellten, um den linken
Parteien die Niederschlagung des Aufstands zu erleichtern.

Indem die CNT den totalen Krieg unterstützte, indem sie
das Proletariat mit Hilfe der anarchistischen Kollektive und der
antifaschistischen Milizen militarisierte, indem sie den Burgfrieden mit der
republikanischen Bourgeoisie ausrief und Streiks verbat, beteiligte sie sich an
der Mobilisierung des Proletariats für einen Krieg, der ohne wenn und aber
einen imperialistischen Charakter angenommen hatte mit der Teilnahme der
Demokratien und der UdSSR auf der republikanischen beziehungsweise Deutschlands
und Italiens auf der frankistischen Seite. „Gegenwärtig
ist das kein Bürgerkrieg, den wir führen, sondern ein Krieg gegen die
Eindringlinge: Mauren, Deutsche, Italiener. Nicht eine Partei, eine
Organisation, eine Theorie sind in Gefahr. Es geht um die Existenz Spaniens
selber, eines Landes, das Herr über sein Schicksal sein will und zu
verschwinden droht“
(13). Der Nationalismus der CNT ging so weit, dass sie
ausdrücklich zum Weltkrieg aufrief, um die „spanische Nation“ zu retten: „Das freie Spanien wird seine Aufgaben
erfüllen. Angesichts dieser heroischen Haltung - was werden die Demokratien
tun? Es ist zu hoffen, dass das Unabwendbare nicht lange auf sich warten lässt.
Die provokative und primitive Haltung Deutschlands wird schon unerträglich. (…)
Die einen und die anderen wissen, dass schließlich die Demokratien mit ihren Schwadronen
und mit ihren Armeen intervenieren werde müssen, um diesen Horden von
Wahnsinnigen den Weg zu versperren …“
(14).

Die Preisgabe der Interessen des Proletariats und die
Haltung der CNT zum imperialistischen Krieg riefen im anarchistischen Lager
lauten Widerspruch hervor (Berneri, Durruti). Aber die Unfähigkeit der
Opposition, mit dem Standpunkt zu brechen, laut dem es sich um einen Krieg
handle, der Hand in Hand mit der Revolution gehe, lieferte sie der Politik der
Niederlage und der Rekrutierung des Proletariats aus. So waren diejenigen, die
versuchten, gegen den Krieg und für die Revolution zu kämpfen, unfähig, den
Ausgangspunkt für einen wirklich revolutionären Kampf zu finden: den Aufruf an
die Arbeiter und Bauern (die von beiden Lagern - dem republikanischen und dem
frankistischen - rekrutiert worden waren) zu desertieren, ihre Gewehre auf ihre
Offiziere zu richten, von der Front heimzukehren und mittels Streiks zu
kämpfen, mit Demonstrationen, auf dem Terrain der Arbeiterklasse gegen den
Kapitalismus insgesamt.

Winzige
internationalistische Flämmchen

Doch als der Weltkrieg ausbrach erhoben sich gegen den
Hauptstrom des antifaschistischen Kriegstaumels einige Stimmen aus dem
anarchistischen Milieu, die den Antifaschismus ablehnten und die einzig wirklich
revolutionäre Position vertraten - die des Internationalismus. So erklärte 1939
in Großbritannien die Glasgow Anarchist-Communist Federation, dass „der gegenwärtige Kampf die
imperialistischen Rivalen zum Schutz ihrer schnöden Interessen gegenüberstellt.
Die Arbeiter aller Länder gehören zur unterdrückten Klasse, haben nichts gemein
mit diesen Interessen und den politischen Zielen der herrschenden Klasse. Ihre
Front ist nicht die Maginot-Linie, wo sie demoralisiert und getötet werden,
während ihre Meister betrügerische Gewinne anhäufen“
(15). In Südfrankreich
entfaltete die winzige Gruppe um Volin (16) eine Intervention gegen den Krieg
auf einer klar internationalistischen Grundlage: „Der gegenwärtige Konflikt ist das Werk der Mächte des Geldes einer
jeden Nation, der Mächte, die ausschließlich und international von der
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen leben. (…) Die Staatschefs, die
militärischen Chefs aller Farben und Nuancen, wechseln das Lager, zerreißen
Verträge, unterschreiben andere, dienen einmal der Republik, dann wieder der
Diktatur, kollaborieren heute mit jenen, mit denen sie gestern Krieg geführt
haben, und umgekehrt, und wieder umgekehrt. (…) das Volk dagegen bezahlt die
Rechnung: es wird mobilisiert für die Demokratien, gegen die Demokratien, für
die Faschisten, gegen die Faschisten. Aber sei es in Afrika, in Asien, in
Europa, es ist das einfache Volk, das die Rechnung bezahlt für diese ‚widersprüchlichen
Erfahrungen’ und sich das Maul verhauen lässt. (…) Es geht nicht nur darum,
gegen den Hitler-Faschismus zu kämpfen, sondern gegen alle Faschismen, gegen
alle Tyranneien, seien es rechte, der Mitte oder linke, seien sie royalistisch,
demokratisch oder sozial, denn keine Tyrannei wird die Arbeit emanzipieren, keine
wird die Welt befreien, keine wird die Menschheit auf einer wahrhaft neuen
Grundlage organisieren“
(17). Diese Stellungnahme zeigt, dass diese
Anarchisten ein Ausdruck der Arbeiterklasse waren. Doch auch hier: Wenn sie zu
einer solchen Klarheit vordrangen, so deshalb, weil sie sich den
Klassenpositionen des Proletariats anschlossen.

Aber die harte Probe der Abgeschiedenheit gegenüber den
anderen Gruppen, die internationalistisch geblieben waren, und gegenüber der Klasse unter den Bedingungen
des Triumphs der Konterrevolution über die Massen, wie auch der enorme Druck
des Antifaschismus („wir waren täglich
konfrontiert mit den Antifaschisten. Sollten wir uns mit ihnen zusammen tun
oder gegen den Strom schwimmen? Die Frage war im Alltag oft erdrückend“
)
(18) erstickten diesen Funken bald. Der Tod von Volin (September 1945), die
Unfähigkeit der Anarchisten, die Lehren aus ihren Erfahrungen zu ziehen,
führten die Leute seiner Gruppe zurück in den Schoß der CNT, zurück zum
vorübergehenden Anschluss an die antifaschistischen Komitees und schließlich
zur Beteiligung am Wiederaufbau der Anarchistischen Föderation auf politischen
Grundlagen, die vollständig bürgerlich waren.

Welche politische Zukunft für die
militanten Arbeiter der anarchistischen Bewegung?

Aus der geschichtlichen Untersuchung des Anarchismus in
der Zeit der beiden Weltkriege kann man eine doppelte Schlussfolgerung ziehen:

- Der Anarchismus offenbarte nicht nur seine Unfähigkeit,
dem Proletariat eine brauchbare Alternative und eine revolutionäre Perspektive
anzubieten, sondern stellte ein direktes Mittel zur Mobilisierung der
Arbeiterklasse für den imperialistischen Krieg dar. 1936/37 war die
Kapitulation des Anarchismus vor der ideologischen
Verschleierung des Antifaschismus
und der bürgerlichen Demokratie, die als
das „geringere Übel“ als der Faschismus betrachtet wurden, ein Mittel für den Kapitalismus, die Front der
politischen Kräfte, die für den Krieg agierten, zu erweitern, indem sich die
Anarchisten in diese Front einreihten
. Der Spanische Krieg war nach dem
Ersten Weltkrieg der zweite entscheidende Schritt des Anarchismus, der seine
Entwicklung hin zur Unterstützung des kapitalistischen Staats besiegelte. Diese
Unterwerfung unter die bürgerliche Demokratie drückte sich in der Integration
der offiziellen Strömungen des Anarchismus in die politischen Kräfte des
kapitalistischen Staats aus. So wurde der Anarchismus zwischen 1914 und dem
Krieg in Spanien 1936/37 in zwei Phasen zu einer Ideologie der Verteidigung der
bürgerlichen Ordnung und ihres Staats.

- In zweiter Linie ist es aber auch nötig festzustellen,
dass die anarchistische Bewegung sich nicht auf ihre offiziellen Strömungen
reduzieren lässt und ein sehr heterogenes Milieu bleibt. Zu allen Zeiten hat
ein Teil dieses Milieus ehrlich zur Revolution und zum Sozialismus gestrebt,
einen wirklichen Willen zum Ausdruck gebracht, dem Kapitalismus ein Ende zu
bereiten, und sich für die Abschaffung einer jeden Ausbeutung engagiert. Diese
Militanten befinden sich tatsächlich auf dem Boden der Arbeiterklasse, wenn sie
sich als Internationlisten verstehen und daran sind, in den revolutionären
Kampf einzutreten. Doch ihre Zukunft hängt wesentlich von einem Dekantierungsprozess
ab, dessen Richtung und dessen Breite vom Kräfteverhältnis zwischen den beiden
Hauptklassen abhängig sind, demjenigen zwischen der Bourgeoisie und dem
Proletariat.

Diese Dekantierung kann je nachdem eher ins Nichts oder
sogar zur Bourgeoisie führen, wie in den schwarzen Jahren der Konterrevolution
nach 1940. Ohne den Kompass des Klassenkampfes des Proletariats und den
Sauerstoff der Diskussion und der Debatte mit den revolutionären Minderheiten,
die der Klassenkampf hervorbringt, gingen sie in die Fallen der dem Anarchismus
innewohnenden Widersprüche, welche die Anarchisten politisch entwaffnet und sie
auf dem Terrain der bürgerlichen Ordnung festsetzt.

Umgekehrt führt die Dekantierung aber zur Arbeiterklasse,
wenn diese als revolutionäre Kraft in Erscheinung tritt. So ermöglichten es den
Anarchisten, die internationalistisch geblieben waren, genau die revolutionäre
Bewegung der Arbeiterklasse, der Ausbruch der Weltrevolution und der
proletarische Aufstand in Russland (mit der Zerstörung der bürgerlichen
Staatsapparats durch die Sowjets und der einseitigen Einstellung der
Beteiligung am imperialistischen Krieg durch das russische Proletariat und die
Bolschewiki), dass sie 1914-18 eine konsequente
internationalistische Haltung einnahmen. Sie schlossen sich in der Folge der
historischen Bewegung der Arbeiterklasse an, indem sie sich der kommunistischen
Bewegung annäherten, die aus der Linken der Sozialdemokratie hervorgegangen und
gegen den Krieg eingestellt war: die Bolschewiki und die Spartakisten, die
einzigen, die fähig waren eine brauchbare und realistische Alternative
vorzuschlagen - die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg
und die proletarische Weltrevolution.

Scott

Fußnoten:

1) Die Verbündung des Anarchismus mit dem Staat konnte
sich in verschiedene Richtungen, je nach Fraktion der herrschenden Klasse,
bewegen: Gewisse Militante ließen sich von der Arbeits-Charta („Charte du
Travail“) verführen, andere - z.B. Pazifisten - vom Waffenstillstand, und
arbeiteten mit am Programm der Nationalen Revolution von Pétain und der
Vichy-Regierung, wie Louis Loréal, oder befanden sich plötzlich im
französischen Staatsapparat wie P. Besnard.

2) Les
Anarchistes espagnols et la Résistance
, in l’Affranchi Nr. 14, Frühling/Sommer 1997, auf CNT-AIT.info.

3) E. Sarboni, 1944 : les Dossiers noirs d’une certaine Résistance, Perpignan, Ed. du
CES, 1984.

4) Les
Anarchistes espagnols et la Résistance
, in l’Affranchi Nr. 14, Frühling/Sommer 1997, auf CNT-AIT.info.

5) 1943-45 :
Anarchist partisans in the Italian Resistance,
auf libcom.org (Übersetzung
von uns)

6) 1943-45 :
Anarchist partisans in the Italian Resistance,
auf libcom.org (Übersetzung
von uns)

7) Nachwort zu Max Nettlau, Geschichte der Anarchie, S.
281 (der französischen Ausgabe)

8) E. Sarboni, 1944:
Dossiers noirs d’une certaine Résistance,
Perpignan, Ed. du CES, 1984.

9) Pépito Rossell, Dans la Résistance, l’apport du mouvement libertaire (« In der
Résistance, der Beitrag der libertären Bewegung »)

10) Le Monde
diplomatique,
August 2004

11) Zum Werdegang der CNT vgl. unsere Artikelfolge in der
International Review, insbesondere
die Artikel Das Scheitern des Anarchismus
beim Verhindern der Integration der CNT in der bürgerlichen Staat (1931-34)

und Der Antifaschismus, der Weg zum
Verrat der CNT (1934-36),
Nr. 132 und 133 der franz./engl./span.
Ausgabe.

12) D.A. de Santillan, in Solidaridad obrera, 16. April 1937.

13) D.A. de Santillan, in Solidaridad obrera, 21. April 1937.

14) Solidaridad
obrera
, 6. Januar 1937, zitiert nach Révolution
prolétarienne
Nr. 238, Januar 1937.

15) Zitiert nach P. Hempel, A bas la guerre, S. 210.

16) Wsewolod Michailowitsch Eichenbaum, bekannt unter dem
Namen Volin, lebte von 1882 bis 1945; er war während der Revolution von 1905
Mitglied der Sozialrevolutionären Partei und beteiligt sich an der Gründung des
Sowjets von St. Petersburg. Er wurde verhaftet, floh und erreichte Frankreich
1907, wo er Anarchist wurde. 1915 drohte die französische Regierung ihn wegen
seines Widerstands gegen den Krieg zu verhaften, und er floh in die Vereinigten
Staaten. 1917 kehrte er nach Russland zurück und kämpfte bei den
Anarchosyndikalisten. In der Folge nahm er Kontakt zur Machno-Bewegung auf und
stand zunächst an der Spitze der Abteilung Kultur und Bildung der
Aufstandsarmee, 1919 wurde er Vorsitzender ihres Militärrates. Er wurde mehrere
Male verhaftet, verließ Russland nach 1920 und flüchtete nach Deutschland.
Nachdem er wieder in Frankreich angekommen war, redigierte er auf Anfrage der
spanischen CNT deren Zeitung in französischer Sprache. Er sprach sich offen
gegen die Politik der Klassenkollaboration der CNT-FAI in Spanien aus. 1940
befand er sich in Marseille und schrieb Die
unbekannte Revolution
fertig. Die Entbehrungen und die schrecklichen
materiellen Bedingungen des Lebens im Untergrund schwächten ihn so sehr, dass
er 1945 in Paris an Tuberkulose starb.

17) Auszüge aus dem Flugblatt: A tous les travailleurs de la pensée et des bras, (« An alle
Kopf- und Handarbeiter »), 1943

18) Les
Anarchistes et la résistance,
CIRA

Politische Strömungen und Verweise: 

Historische Ereignisse: