Wir müssen international und selbständig kämpfen

Die Bewegung in Frankreich im vergangenen Herbst zeigt diese Dynamik, die zuvor  durch die Anti-CPE-Bewegung ausgelöst wurde, sehr
gut auf.

Regelmäßig sind Millionen Arbeiter/Innen
aus allen Bereichen in Frankreich auf die Straßen gegangen. Gleichzeitig war es
seit September 2010 zu immer radikaleren Streiks gekommen, die eine
tiefgreifende und wachsende Unzufriedenheit zum Ausdruck brachten. Diese
Mobilisierung ist die erste große Auseinandersetzung in Frankreich seit der
Beschleunigung der Krise, die das Weltfinanzsystem 2007-2008 erschüttert hat.

Sie ist nicht nur eine Reaktion auf die
Rentenreform ; ihr Ausmaß und ihre Tiefe sind eine klare Antwort auf die
Brutalität aller Angriffe der letzten Jahre. Seit dieser Reform und den anderen
gleichzeitig angekündigten oder vorbereiteten Angriffen ist die ablehnende
Haltung der Arbeiter/innen und großer Teile der Bevölkerung gegenüber einer weiteren
Verarmung und Prekarisierung förmlich mit Händen zu greifen. Doch in Anbetracht
der unaufhaltsamen Zuspitzung der Wirtschaftskrise werden diese Angriffe nicht
nachlassen. Es liegt auf der Hand, dass dieser Abwehrkampf nur der Auftakt
weiterer Kämpfe ist und in einer Reihe mit anderen Abwehrkämpfen (z.B. in
Griechenland oder Spanien) gegen die drastischen Sparmaßnahmen steht.

Trotz des massiven Widerstands hat die
Regierung in Frankreich nicht nachgegeben. Im Gegenteil, unbeeindruckt vom
Druck von der Straße verkündete sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre
Entschlossenheit, die Rentenreform, koste was es wolle, durchzusetzen. Dabei wiederholte
sie stets, dass diese Reform im Namen der  «Solidarität» zwischen den
Generationen notwendig sei.

Warum konnte diese Maßnahme, die doch
unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen so gravierend betrifft, trotz der großen
Empörung und breiten Ablehnung durch die gesamte Bevölkerung durchgesetzt
werden? Warum ist es trotz der massiven Mobilisierung nicht gelungen, die
Regierung zum Nachgeben zu zwingen? Weil die Regierung die Gewissheit hatte,
die Lage mit Hilfe der Gewerkschaften im Griff zu haben, denn Letztere haben
mit Unterstützung der linken Parteien im Prinzip stets die «notwendige Reform»
der Renten akzeptiert. Im Vergleich dazu war es der Bewegung von 2006 gegen den
CPE, für die die Medien anfangs nur die größte Verachtung übrighatten, sei sie
doch nur ein «vorübergehender Studentenprotest», damals gelungen, die
Regierzung zum Nachgeben und zur Aufgabe des CPE zu zwingen.

Wo liegt der Unterschied ? Zunächst
darin, dass die Studenten sich in Vollversammlungen organisiert hatten, die
allen offenstanden, gleich, ob man im öffentlichen Dienst oder in der Industrie
beschäftigt war, arbeitslos oder beschäftigt, prekär beschäftigt oder fest
angegestellt. Dieses gewaltige Vertrauen in die Fähigkeiten der Arbeiterklasse
und ihre Stärke hatten eine dynamische Ausdehnung der Bewegung ermöglicht;
immer mehr Menschen aus allen Altersgruppen reihten sich in die Bewegung ein.
Denn während auf der einen Seite in den Vollversammlungen die breitestmöglichen
Diskussionen stattfanden, die sich nicht auf die Probleme der Studenten
beschränkten, schlossen sich andererseits bei den Demonstrationen immer mehr
Arbeiter mit den StudentInnenen und den immer zahlreicher werdenden Schülern/Innen
zusammen.

Doch mit ausschlaggebend war auch, dass
die Entschlossenheit und die offene Haltung der StudentInnen, die immer größere
Teile der Arbeit/Innen in den offenen Kampf ziehen konnten, es den
Gewerkschaften unmöglich machten, ihre Sabotage auszuüben. Im Gegenteil, als
die Gewerkschaften, insbesondere die CGT, versuchten, sich an die Spitze der
Demonstrationen zu stellen, um die Kontrolle zu übernehmen, haben die
Student/Innen und Schüler/Innen mehrfach die gewerkschaftlichen Spruchbänder
verdrängt und betont, dass sie sich in dieser Bewegung, die sie selbst
initiiert hatten, nicht beiseite oder ans Ende drängen lassen wollten. Aber vor
allem bekräftigten sie ihren Willen, mit den Arbeiter/Innen die Kontrolle über
die Bewegung zu behalten und sich von den Gewerkschaften nicht auf der Nase
herumtanzen zu lassen.

Einer der Aspekte, die den Herrschenden am
meisten Sorgen bereiteten, war, dass die Organisationsform, die die
Student/Innen im Kampf entwickelt hatten - die souveränen Vollversammlungen,
die ihre Koordinationskomitees selbst wählten, allen offenstanden und in denen
die studentischen Gewerkschaften gezwungen waren, sich zumeist zurückzuhalten -
sich ausbreiteten und für Nachahmung unter den Beschäftigten sorgten, sofern
diese in den Streik traten. Es war kein Zufall, als im Verlaufe dieser Bewegung
Thibault mehrfach verlautbarte, dass die Beschäftigten von den Student/Innenen
nicht lernen müssten, wie man sich organisiert. 
Während die Student/Innen ihre Vollversammlungen und ihre Koordinationen
hatten, hätten die Beschäftigten ihre Gewerkschaften, denen sie vertrauten.
Angesichts der Entschlossenheit der Student/Innen und der Gefahr eines
Kontrollverlustes durch die Gewerkschaften musste der französische Staat nachgeben,
denn schließlich sind Erstere das letzte Bollwerk der herrschenden Klasse gegen
die Ausdehnung von massiven Kämpfen.

In der Bewegung gegen die Rentenreform
haben die Gewerkschaften mit aktiver Unterstützung durch Polizei und Medien die
notwendigen Anstrengungen unternommen, um die Zügel in der Hand zu behalten,
die Stimmung auszuloten und sich dementsprechend zu verhalten.

Die Forderung der Gewerkschaften lautete
überigens nicht : «Rücknahme des Angriffs durch die Rentenreform», sondern
«Änderung der Reform». Sie riefen zu fairen Verhandlungen mit der Regierung auf
und traten für eine «gerechtere, humanere» Reform ein. Von Anfang an haben sie
auf Spaltung gesetzt, trotz der angeblichen Einheit des gewerkschaftlichen
Zusammenschlusses (Intersyndicale), der herbeigeführt worden war, um der Gefahr
zu begegnen, von den Ereignissen überrollt zu werden. Die Gewerkschaft FO hielt
anfangs eigene Kundgebungen ab, während der gewerkschaftliche Zusammenschluss
(Intersyndicale) mit der Vorbereitung des Aktionstages vom 23. März die
Verabschiedung der Rentenreform vorbereitete. Sodann wurden zwei weitere
Aktionstage angekündigt, der erste für den 26. Mai und der zweite für den 24.
Juni, am Vorabend der Sommerferien. Es ist allgemein bekannt, dass eine
Aktionstag so kurz vor den Sommerferien üblicherweise einer Bewegung den Rest
gibt. An diesem letzten Aktionstag, dem 24. Juni, beteiligten sich jedoch unerwartet
viele – nämlich doppelt so viele Arbeiter/Innen, Arbeitslose, prekär
Beschäftigte usw. Und während die Stimmung an den beiden vorhergehenden
Aktionstagen ziemlich gedrückt war, spürte man am 24. Juni deutlich die Wut und
Empörung.
Der
Aktionstag hat der Arbeiterklasse wieder Auftrieb verliehen. Die Idee, dass es
durchaus möglich ist, durch den Kampf Druck auszuüben, gewinnt an Boden. Die
Gewerkschaften wittern natürlich auch, dass der Wind sich dreht. Sie wissen,
die Frage, wie man kämpfen soll, weicht nicht aus den Köpfen. So beschließen
sie, das Terrain umgehend zu besetzen und in die ideologische Offensive zu
gehen. Sie wollen verhindern, dass die ArbeiterInnen selbständig, außerhalb der
gewerkschaftlichen Kontrolle denken und handeln. Alle linken Parteien, die sich
an die Bewegung angehängt haben, um ihre Glaubwürdigkeit nicht ganz zu
verlieren, waren sich eigentlich in der Notwendigkeit einig gewesen, die
Arbeiterklasse auf dieser Ebene zur Kasse zu bitten.

Um sicherzustellen, dass das selbständige Denken
eingedämmt wird, mieten sie gar Flugzeuge an, die mit Spruchbändern mit
Aufrufen zu den Kundgebungen am 7. September über die Badestrände fliegen. Aber
ein anderes Ereignis, das normalerweise unter „Sonstiges“ abgehandelt werden
könnte, ließ im Sommer die Wut weiter wachsen – die „Woerth-Affäre“. Es geht
hierbei um politische Begünstigung unter gegenwärtig an der Macht befindlichen
Politikern und eine der reichsten Erbinnen des französische Kapitals, Frau
Bettencourt, Chefin von L’Oréal, sowie der Beschuldigung von Steuerhinterziehungen
und illegalen Absprachen aller Art. Nun ist just dieser Eric Woerth der für die
Rentenreform verantwortliche Minister. Die Empörung über die Ungerechtigkeit
ist daher groß: Die Arbeiterklasse soll 
den Gürtel enger schnallen, während die Reichen und Mächtigen „ihre Geschäfte
untereinander machen“.

Unter dem Druck der zunehmenden und
offenen Unzufriedenheit und der wachsenden Erkenntnis über die Folgen dieser
Reform für unsere Lebensbedingungen waren die Gewerkschaften dazu gezwungen,
schon für den 7. September einen neuen Aktionstag anzuberaumen. Diesmal
erweckten sie den Anschein gewerkschaftlicher Einheit. Seither haben alle
Gewerkschaften zur Beteiligung an den Aktionstagen aufgerufen, an denen sich
mehrfach bis zu drei Millionen Arbeiter/Innen beteiligt haben. Die Rentenreform
wurde zum Symbol der brutalen Verschlechterung der Lebensbedingungen.

Doch diese Einheit des gewerkschaftlichen
Zusammenschlusses war ein Täuschungsversuch, der dazu dienen sollte, der
Arbeiterklasse zu suggerieren, dass die Gewerkschaften entschlossen seien, eine
breite Offensive gegen die Reform zu organisieren und dass die wiederholten
Aktionstage dazu dienten, diesem Protest Ausdruck zu verleihen. Daher tauchten
an diesen Aktionstagen stets deren Führer auf und schwafelten von der
«Fortsetzung» der Bewegung. Vor allem fürchteten sie, dass die Beschäftigten
die gewerkschaftliche Zwangsjacke ablegen und sich selbst organisieren. Dies
gestand Thibault, der Generalsekretär der CGT ein, als er am 10. September in
einem Interview mit Le Monde der
Regierung eine «Botschaft» übermittelte : «Es kann sein, dass es zu einer Blockierung kommt, zu einer großen
sozialen Krise. Das könnte eintreten. Aber wir haben dieses Risiko nicht auf
uns nehmen wollen.»
Dann nannte er ein Beispiel, um besser zu
veranschaulichen, was den Gewerkschaften als zentral erschien. «Wir kennen sogar einen mittelständischen
Betrieb, ohne Gewerkschaften, wo 40 von 44 Beschäftigte gestreikt haben. Das
ist ein Zeichen. Je unnachgiebiger man ist, desto stärker erhält
die Idee Auftrieb, dass man immer weiter
streiken soll»
.

Es liegt auf der Hand, dass, wenn die
Gewerkschaften nicht präsent sind, die Beschäftigten sich selbst organisieren
und nicht nur selbst entscheiden, was sie tun wollen, sondern die Dinge selbst
in die Hand nehmen und dass weitaus mehr Menschen sich engagieren. Dagegen
versuchten die Gewerkschaftszentralen, insbesondere die CGT und SUD, emsig
anzugehen : Sie versuchten auf gesellschaftlicher Ebene und in den Medien
massiv Flagge zu zeigen. Mit derselben Entschlossenheit versuchten sie vor Ort
jegliche wirkliche Solidarität abzuwürgen. Kurzum, großes Medienspektakel auf
der einen Seite und reges Treiben auf der anderen Seite, um die Bewegung vor
falsche Alternativen zu stellen, Spaltung und Verwirrung zu stiften, um der
Bewegung eine Niederlage beizufügen.

Die Blockade der Ölraffinerien ist eines
der deutlichsten Beispiele. Selbst konfrontiert mit geplanten
Stellenstreichungen, war die Kampfbereitschaft unter den Beschäftigten der
Ölraffinerien gewachsen ; auch war die Zahl jener gestiegen, die bereit
waren, ihre Solidarität mit der ganzen Arbeiterklasse gegen die Rentenreform
zum Ausdruck zu bringen. Doch die CGT unternahm alles, um  dieses Streben nach Solidarität zu einem
abschreckenden Beispiel eines Streiks umzuwandeln.

Die Blockade der Raffinerien wurde nie in
Vollversammlungen beschlossen, in denen die Beschäftigten ihren Standpunkt hätten
einbringen können. Diese Entscheidung ist einzig durch gewerkschaftliche
Manöver möglich geworden, auf die die Gewerkschaftsführer spezialisiert sind.
Diskussionen wurden abgewürgt, stattdessen wurden sinnlose Aktionen
vorgeschlagen. Trotz dieser Abwürgungstaktik der Gewerkschaften  haben einige Raffineriearbeiter versucht,
Kontakt zu Beschäftigten aus anderen Branchen aufzunehmen. Doch die Schlinge der
«Blockade bis zum Ende» zog sich immer mehr zu; die meisten Beschäftigten der
Raffinerien gerieten in die Falle der Isolierung und betrieblichen Abschottung.
Nichts konnte die Ausdehnung des Kampfes besser aufhalten. Obwohl es den
Raffinerienarbeitern darum ging, die Bewegung zu stärken und ihr mehr Kraft zu verleihen,
um die Regierung zum Nachgeben zu zwingen, hat sich die Blockade der
Raffinerien, wie sie von den Gewerkschaften ausgeheckt worden war, vor allem
als eine Waffe der Herrschenden und der in ihrem Dienst stehenden
Gewerkschaften gegen die ArbeiterInnen erwiesen.

Nicht nur, dass die Raffineriearbeiter
durch die Blockade isoliert wurden, hinzu kommt, dass ihr Streik in der
Öffentlichkeit gegeißelt wurde, indem man Panik verbreitete und mit einer
allgemeinen Benzinknappheit drohte Die Medien hetzten gegen diese «Geiselnehmer»,
die die Leute daran hindern, zur Arbeit oder in die Ferien zu fahren. Die
Beschäftigten dieser Branche wurden auch physisch isoliert: Sie wollten zum
solidarischen Kampf beitragen, damit die Regierung nachgibt, doch letztendlich
richtete sich diese Blockage gegen sie selbst und gegen die ursprünglichen
Ziele der Blockade.

Es gab zahlreiche ähnliche
Gewerkschaftsaktionen in einigen anderen Branchen wie im Transportwesen, vor
allem aber in Regionen mit wenig Industrie, denn die Gewerkschaften wollten das
Risiko der Ausdehnung und der aktiven Solidarisierung weitestgehend minimieren.
Sie mussten den Eindruck erwecken, als ob sie die radikalsten Kämpfe
zusammenführten; bei den Demos zogen sie die Nummer der Gewerkschaftseinheit
ab. Überall sah man die in der Intersyndicale zusammengeschlossenen Gewerkschaften,
wie sie Einigkeit vortäuschten. Sie riefen zu Vollversammlungen auf, in denen
es keine wirkliche Diskussionen gab und in denen ein auf die Branche
beschränkter Blick herrschte, während sie gleichzeitig behaupteten, für  «alle gemeinsam» zu kämpfen. In Wirklichkeit
ließen sie jeden in seiner Ecke zurück, unter Führung der jeweiligen
Gewerkchaftsfunktionäre protestieren und verhinderten die Aufstellung von
Massendelegationen, die die Solidarität anderer Beschäftiger in anderen,
nahegelegenen Betrieben hätten einfordern können.  

Die Gewerkschaften waren nicht die
einzigen, die solch eine Mobilisierung verhinderten. Sarkozys Polizei, die
wegen ihrer Feindseligkeit gegen die Linke  berüchtigt ist, erwies sich als unersetzliche
Hilfstruppe für die Gewerkschaften, indem sie wiederholt sehr provozierend
vorging. Nehmen wir beispielsweise die Vorfälle auf dem Bellecour-Platz in
Lyon, wo die Anwesenheit einiger «Krawallmacher» (die wahrscheinlich von der
Polizei manipuliert wurden) als Vorwand für einen gewaltsamen Einsatz gegen
Hunderte von Gymnasiast/Innen diente, von denen die meisten am Ende einer
Demonstration der Beschäftigten zu Diskussionen zusammenkommen wollten.

 

Eine
Bewegung mit großen Perspektiven

Die Medien erwähnten mit keiner Silbe die
zahlreichen Comités oder branchenübergreifenden Vollversammlungen (AG
inter-pros), die damals existierten. Deren Ziel war die Selbstorganisierung außerhalb
der Gewerkschaften, die Durchführung von allen ArbeiterInnen offen stehenden Diskussionen
und Aktionen, mit denen sich die gesamte Arbeiterklasse nicht nur
identifizieren, sondern an denen sie sich auch massiv beteiligen kann.

Dies ist es, was die Herrschenden ganz
besonders fürchteten: dass es zu Kontakten unter den Beschäftigten kommt, dass
sich Junge und Alte, Arbeitslose und Beschäftigte zusammenschließen.

Es gilt nun die Lehren aus dem Scheitern
der Bewegung zu ziehen.

Zunächst muss man feststellen, dass die
Gewerkschaften dafür gesorgt haben, dass die Rentenreform verabschiedet werden
konnte; und dies ist kein vorübergehendes Phänomen. Sie haben ihre schmutzige
Arbeit verrichtet, eine Arbeit, die von allen Experten wie auch von der
Regierung und Sarkozy persönlich als sehr «verantwortlich» begrüßt wurde. Ja,
die Herrschenden können froh sein, derart «verantwortungsbewusste»
Gewerkschaftsführer auf ihrer Seite zu haben, die eine Bewegung solchen
Ausmaßes scheitern lassen können und dabei gleichzeititg den Eindruck
vermitteln, sie hätten alles Mögliche unternommen, um die Bewegung zum Erfolg
zu führen. Dabei haben die gleichen Gewerkschaftsapparate die ganz realen
Stimmen des selbstständigen Arbeiterkampfes entweder zum Verstummen gebracht
oder zu marginalisieren versucht.

Dieses Scheitern hinterlässt jedoch auch
positive Spuren, denn trotz all der Anstrengungen der herrschenden Klasse, die
Wut der ArbeiterInnen zu kanalisieren, ist es ihr nicht gelungen, Beschäftigten
einer Branche eine Niederlage beizufügen, wie das 2003 noch der Fall war beim
Kampf der Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes um die Renten, als die
Beschäftigten des Erziehungswesen nach wochenlangen Streiks eine herbe
Niederlage einstecken mussten.

Schließlich sind im Verlauf der Bewegung wachsende
Minderheiten in mehreren Städten zusammengekommen, die klare Vorstellungen von
den tatsächlichen Bedürfnissen des Kampfes der gesamten Arbeiterklasse haben:
die Notwendigkeit, den Kampf selbst in die Hand zu nehmen, um ihn auszudehnen
und zu verbreitern. Diese spiegeln somit eine echte Reifung im Denkprozess
wider. Sie zeigen, dass die Bewegung zwar erst am Anfang steht, dass man aber
willens ist, die Lehren zu ziehen, um für zukünftige Kämpfe besser vorbereitet
sein will.

Wie in einem Flugblatt der « AG
interpro » des Pariser Ostbahnhofs vom 6. November gesagt wird :
« Man
hätte sich von Anfang an auf die Branchen stützen müssen, in denen gestreikt
wurde, anstatt die Bewegung auf die Forderung der Rücknahme der Rentenreform zu
begrenzen, während gleichzeitig weitere Entlassungen, Stellenstreichungen,
Kürzungen im öffentlichen Dienst und Lohnsenkungen angekündigt werden. Wenn wir
diese Fragen insgesamt aufgegriffen hätten, hätten wir die anderen
Beschäftigten mit in die Bewegung einbeziehen und sie damit ausdehnen und
vereinigen können.

Nur ein Massenstreik,
der auf örtlicher Ebene organisiert und auf nationaler Ebene mit Hilfe von
Streikkomitees, branchenübergreifenden Vollversammlungen koordiniert werden
muss, und der es erforderlich macht, dass wir selbst über unsere Forderungen
und Handlungen entscheiden und dabei die Kontrolle über die Bewegung bewahren,
hat Aussicht auf Erfolg.

« Die Stärke der Beschäftigten besteht nicht
nur darin, hier und da eine Ölraffinerie oder gar eine Fabrik zu blockieren.
Die Stärke der Beschäftigten besteht darin, sich an ihrem Arbeitsplatz zu
versammeln, dabei alle Barrieren von Branchen, Werken, Betrieben,
Gruppieruengen usw. zu überwinden und gemeinsam zu entscheiden. (…) Denn die
Angriffe fangen jetzt erst an. Wir haben eine Schlacht verloren, aber nicht den
Krieg. Die Herrschenden erklären uns ihren Klassenkrieg, aber wir haben die
Mittel diesen Krieg zu führen.
 » (Flugblatt : « Niemand darf
an unserer Stelle kämpfen, entscheiden und gewinnen »,  unterzeichnet von Beschäftigen und prekär
Beschäftigten der «branchenübergreifenden Vollversammlung des Pariser
Ostbahnhofs und Ile de France », oben erwähnt).  

Wir haben keine andere Wahl : Um uns
zu wehren, müssen wir unsere Kämpfe massiv ausdehnen und erweitern, also sie in
die eigene Hand nehmen.

Dieser Wille äußerste sich klar in Gestalt
von :

-         

wirklichen
branchenübergreifenden Vollversammlungen, die zwar nur kleine Minderheiten
bündelten, aber ihren Willen bekundeten, für zukünftige Kämpfe besser
vorbereitet zu sein ;

-         

Versuchen,
Versammlungen auf der Straße oder Protestversammlungen am Ende von
Demonstrationen abzuhalten; insbesondere in Toulouse ist dies gelungen. 

Dieser von Minderheiten zum
Ausdruck gebrachte Wunsch, sich selbst zu organisieren, zeigt auf, dass die
Arbeiterklasse insgesamt anfängt, die Gewerkschaftsstrategie infrage zu
stellen, ohne allerdings zu wagen, heute schon all die Konsequenzen aus ihren
Zweifeln und Infragestellungen zu ziehen. In allen
Vollversammlungen (ob von den
Gewerkschaften einberufen oder nicht) kreisten die meisten Debatten in der
unterschiedlichsten Form um solch wichtige Fragen wie « Wie können wir kämpfen?,
Wie können wir die anderen Beschäftigen unterstützten?, Wie können wir unsere
Solidarität zeigen ? Welche andere branchenübergreifende Vollversammung
können wir treffen? « Wie können wir unsere Isolierung überwinden und die
größtmögliche Zahl von Beschäftigten ansprechen, um mit ihnen über unsere
Widerstandsmöglichkeiten zu reden ? Was können wir
blockieren ? »… Tatsächlich begaben sich einige Dutzend Beschäftigte
aus allen Bereichen, Arbeitslose, prekär Beschäftigte, Rentner täglich vor
die  Werkstore der zwölf blockierten
Raffinerien, um gegenüber den CRS ihr „Gewicht in die Waagschale“ zu werfen,
ihnen Essenskörbe zu bringen  und vor
allem moralische Unterstützung zu leisten.

Diese Zeichen der
Solidarisierung sind ein wichtiges Element; sie belegen erneut das
tiefgreifende Wesen der Arbeiterklasse. « Vertrauen in unsere eigenen
Kräfte gewinnen » sollte ein zukünftiger Schlachruf sein.

Dieser Kampf ist dem
Schein nach eine Niederlage, schließlich hat die Regierung nicht nachgegeben.
Aber für unsere Klasse stellt sie einen Schritt nach vorne dar. Die
Minderheiten, die aus dieser Bewegung hervorgegangen sind und versucht haben,
sich, in den branchenübergreifenden Vollversammlungen zusammenzuschließen oder
in den auf der Straße abgehaltenen Versammlungen zu diskutieren - diese
Minderheiten, die versucht haben, den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen und
dabei die Gewerkschaften wie die Pest gemieden haben, bringen die
Fragestellungen in der Klasse zum Vorschein, mit denen sich immer mehr ArbeiterInnen
vertieft auseinandersetzen. Dieser Denkprozess wird weitergehen und langfristig
auch seine Früchte tragen. Dies ist kein Aufruf zum Abwarten, zur Passivität.
Auch heißt das nicht, dass die reife Frucht einfach vom Baum fallen wird. Alle
diejenigen, die sich bewusst sind, dass es in der Zukunft noch mehr Angriffe
hageln und eine wachsende Verarmung auf uns zukommen wird, gegen die wir uns
zur Wehr setzen müssen, sollten daher schon heute die künftigen Kämpfe
vorbereiten. Wir müssen weiterhin diskutieren, die Lehren aus dieser Bewegung
ziehen und sie so breit wie möglich streuen. Jene, die in dieser Bewegung, auf
den Demonstrationen und Vollversdammlungen ein vertrauensvolles Verhältnis und
brüderliche Beziehungen untereinander unterhalten haben,  sollten sich weiterhin treffen (in Form eines
Diskussionszirkels, Kampfkomitees, einer Volksversammlung oder als „Treffpunkt
zum Reden), denn eine Klärung vieler Fragen steht weiterhin an:

- Welche Rolle
spielen wirtschaftliche Blockaden im Klassenkampf?

- Was ist der
Unterschied zwischen staatlicher Gewalt und der Gewalt der Beschäftigten?

- Wie kann man der
Repression entgegentreten?

- Wie können wir
unsere Kämpfe in die eigene Hand nehmen? Wie können wir uns organisieren?

- Was ist  eine gewerkschaftliche Vollversammlung und
was ist eine souveräne Vollversammlung?

Diese Bewegung ist
schon reich gewsen an Lehren für die Arbeiterklasse auf der ganzen Welt. Die
jüngsten Mobilsierungen der Studenten in Großbritannien sind in ihrer Art und
Weise ebenso verheißungsvoll für die weitere Entwicklung des Klassenkampfes.

14. Januar,  (gekürzte Fassung aus International Review
Nr. 144).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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