Der Kapitalismus besteht weltweit, die Krise auch!

1967 ging das
Wirtschaftswunder zu Ende. Es hatte ca. 30 Jahre Bestand gehabt und einen
kurzen Zeitraum relativen wirtschaftlichen Wohlstand nach dem verhängnisvollen
Kreislauf des 1. Weltkriegs, der Großen Depression und des 2. Weltkriegs
ermöglicht. 1967 tauchte das Gespenst der Wirtschaftskrise wieder auf. Im
ersten Halbjahr sackte Europa in die Rezession ab, im zweiten Halbjahr brach
eine internationale Währungskrise aus. Seitdem gehören Arbeitslosigkeit,
prekäre Arbeitsbedingungen, die Verschlechterung der Lebens- und
Arbeitsbedingungen zum täglichen Los aller Ausgebeuteten. Ein Blick auf die
wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts, das eines der katastrophalsten und
barbarischsten in der Geschichte der Menschheit war, genügt, um zu sehen, dass
der Kapitalismus wie zuvor die Sklavengesellschaft und der Feudalismus zu einem
dekadenten, obsoleten System geworden ist.

 

Aber diese historische Krise
des Kapitalismus wurde zum Teil vertuscht und unter einem Berg von Lügen und Propaganda
begraben. In jedem Jahrzehnt wurde das gleiche Register gezogen: Ein Land, eine
Weltregion oder ein Wirtschaftsbereich, dem es etwas besser ging als den
anderen, wurde besonders herausgehoben, um uns einzutrichtern, die Krise sei
keine Fatalität, es reiche aus, die richtigen „Strukturreformen“ einzuleiten,
damit der Kapitalismus wieder zu seiner Dynamik zurückfinde und Wachstum und
Wohlstand bringe. In den 1980-1990er Jahren wurden Argentinien und die
„asiatischen Tiger“ als Erfolgsmodelle dargestellt, dann, von 2000 an, galten
Irland und Spanien als Aushängeschilder. Natürlich stellten sich diese „Wunder“
samt und sonders als Schimären heraus: 1997 wurden die „asiatischen Tiger“ als
„Papiertiger“ entblößt, Ende der 1990er Jahr musste Argentinien seine
Zahlungsunfähigkeit erklären, heute stehen Irland und Spanien am Abgrund. Jedes
Mal wurde das “unglaubliche Wachstum” durch Schulden finanziert und jedes Mal
führte die Schuldenlast dazu, dass die willkürlich aufgebauschten Hoffnungen
allesamt verflogen. Und als ob man auf unser schlechtes Gedächtnis setzt,
tischt man uns jetzt wieder die gleichen Lügengeschichten und Schönfärbereien
auf. Schenkt man ihnen Glauben, so krankt Europa an hausgemachten Problemen:
Schwierigkeiten, Reformen durchzusetzen und die Schulden der Mitglieder auf
alle umzulegen, ein Mangel an Einheit und Solidarität unter den Ländern, eine
Zentralbank, der die Ankurbelung der Wirtschaft nicht gelingt, weil sie nicht
Geld nach ihrem Belieben drucken kann. Aber diese Argumente ziehen nicht mehr.
Die USA und ihre Fed, Weltmeister im willkürlichen Ankurbeln der Notenpresse
seit 2007, stehen ebenfalls schlecht da.

 

Eine große Entdeckung: Auch den BRIC-Staaten geht die
Luft aus

Mit der  Abkürzung „BRIC“ bezeichnet man die boomenden
Wirtschaften der letzten Jahre: Brasilien, Russland, Indien und China. Wie bei
jedem Eldorado entspricht auch ihr „guter Zustand“ eher einem Mythos als der
Wirklichkeit. All diese „Booms“ werden im Wesentlichen durch Schulden
finanziert und enden da, wo ihre Vorgänger auch gelandet sind. Auch sie werden
vom Würgegriff der Rezession erfasst. Schon jetzt hat sich der Wind gedreht.

In Brasilien sind in den
letzten zehn Jahren die Verbraucherkredite buchstäblich explodiert. Ähnlich wie
in den USA im letzten Jahrzehnt verfügen die Privathaushalte in Brasilien
jedoch über immer weniger Mittel, um die Schulden zurückzuzahlen. Die Zahlungsunfähigkeit
von Privatkonsumenten bricht alle Rekorde. Die Währungsblase gleicht exakt der
spanischen Blase, bevor diese platzte: Jüngst errichtete Gebäude – Wohn- und
Bürohäuser – stehen oft weitestgehend leer.

In Russland beträgt die Inflation
offiziell sechs Prozent, andere Instanzen sprechen von 7,5 Prozent. Und die
Obst- und Gemüsepreise sind im Juni und Juli gewaltig angestiegen, nämlich um
40 Prozent!

In Indien nimmt das
Haushaltsdefizit weiter gefährlich zu; für das Jahr 2012 werden 5,8 Prozent des
BIP erwartet. Die Industrieproduktion ist rückläufig (-0,3 Prozent im ersten
Quartal 2012), der Privatverbrauch ist ebenso rückläufig; die Inflation hat
zugenommen (7,2% im April, im letzten Oktober kletterten die Lebensmittelpreise
sogar um zehn Prozent). Indien wird heute von der Finanzwelt als risikoreich
eingestuft. Sein Rating beträgt BBB (die niedrigste Bewertung der Kategorie
„untere mittlere Qualität“). Indien läuft Gefahr, demnächst jener Reihe von
Ländern zugeordnet zu werden, bei denen man von Investitionen ganz abrät.

In China flacht die
wirtschaftliche Aktivität langsam weiter ab. Im Juni war die Produktion zum
achten Mal in Folge rückläufig. Die Wohnungspreise sind zusammengebrochen, die
Aktivitäten der Bauindustrie scheinen sich im freien Fall zu befinden. Ein
Beispiel ist sehr aufschlussreich:  Allein
in Beijing stehen mehr Wohnungen leer als in den USA zusammengenommen (3,8
Millionen in Beijing im Vergleich zu 2,5 Millionen leer stehender Wohnungen in
den USA) (http://www.germanyinews.com/Nachrichten-920819-Peking-Immobilien-Leersta...).
Doch am bedrohlichsten sind ohne Zweifel die Haushaltsdefizite in den
Provinzen. Denn wenn der Staat nicht offiziell unter der Schuldenlast erstickt,
dann geschieht dies nur aufgrund von Buchungstricks, mit denen beispielsweise
all diese Defizite auf die Kommunen abgewälzt werden. Zahlreiche Kommunen in
den Provinzen stehen am Rand des Bankrotts.

Die Investoren sind sich des
schlechten Zustands der BRIC-Länder bewusst. Deshalb flüchten sie aus den vier
Landeswährungen – Real, Rubel, Rupie und Yuan -, deren Wechselkurse seit
Monaten absacken.

 

In den USA platzt die Blase der Studentenkredite!

Die Stadt Stockton,
Kalifornien, hat am 26. Juni Zahlungsunfähigkeit angemeldet, wie vor ihr
bereits Jefferson County, Alabama und Harrisburg, Pennsylvania. Dabei haben die
300.000 Einwohner Stocktons alle möglichen notwendiger Opfer für die  „Sanierung“ erbracht: Der Stadthaushalt wurde
um 90 Millionen Dollar gekürzt, 30 Prozent der Feuerwehrleute und 40 Prozent
der anderen städtischen Beschäftigten wurden entlassen, die Löhne der
städtischen Beschäftigten um 11.2 Millionen Dollar wurden gekürzt, die Renten
drastisch reduziert. Dieses sehr konkrete Beispiel spiegelt den ganz realen
Auflösungszustand der US-Wirtschaft wider. Die Haushalte, Betriebe, Banken,
Städte, die Bundesstaaten und die Washingtoner Regierung – alle sind davon
betroffen. All diese Teile der Wirtschaft werden buchstäblich unter einem
Schuldenberg begraben, der nie zurückbezahlt werden wird. Vor diesem
Hintergrund besteht die Gefahr, dass die anstehenden Verhandlungen zwischen
Demokraten und Republikanern über die Schuldengrenze wie im Sommer 2011 zu
einem Psychodrama zu werden drohen. Eigentlich steht die amerikanische
Bourgeoisie vor einem unlösbaren Problem: Um die Wirtschaft anzukurbeln, muss
sie sich immer mehr verschulden. Um nicht pleite zu gehen, muss sie die
Verschuldung reduzieren.

Jeder verschuldete Teil der Wirtschaft
wirkt wie eine Mine: Hier steht eine Bank kurz vor dem Bankrott, dort ist eine
Stadt oder ein Betrieb nahezu pleite… und wenn eine Mine hochgeht, besteht die
Gefahr einer Kettenreaktion.

Heute droht die “Blase der
Studentenkredite“ zu platzen, befürchten jedenfalls die Finanzexperten. Das
Studium wird immer kostspieliger, immer weniger Jugendliche finden einen Job
nach ihrem Studienabschluss. Mit anderen Worten – die Studentenkredite werden
immer umfangreicher, und das Risiko der Zahlungsunfähigkeit wird immer
wahrscheinlicher. Konkret heißt das:

-         
Am Ende ihres
Studiums sind die US-Studenten im Durchschnitt mit 25.000 Dollar pro Kopf
verschuldet;

-         
Die laufenden Studentenkredite
übertreffen sogar die Verbraucherkredite in den USA; sie betragen ca. 904
Milliarden Dollar (und haben sich während der letzten fünf Jahre praktisch verdoppelt);
dies entspricht ca. sechs Prozent des BIP.

-         
Die
Arbeitslosigkeit der Universitätsabsolventen unter 25 Jahren liegt über neun
Prozent.

-         
14 Prozent der
Diplominhaber, die sich verschuldet haben, werden drei Jahre nach ihrem
Studienabschluss zahlungsunfähig.

Dieses Beispiel ist sehr
typisch dafür, was aus dem Kapitalismus geworden ist: ein krankes System, das
seine Zukunft (im wahren Sinne des Wortes) nur noch mehr mit Hypotheken
belasten kann. Um zu überleben, müssen die Jugendlichen sich heute verschulden
und die Gehälter von morgen, die ihnen nicht ausgezahlt werden,  „investieren“. Es ist kein Zufall, wenn auf
dem Balkan, in England oder in Quebec in den letzten beiden Jahren die neue
Generation mit massiven Protestbewegungen auf die Erhöhung der Studiengebühren reagiert
hat (siehe Artikel auf unserer Webseite dazu). Mit Anfang 20 von einem Schuldenberg
erdrückt zu werden, um später arbeitslos oder unterbezahlt zu sein - das führt
uns die Zukunftslosigkeit im Kapitalismus vor Augen. Die USA sind wie Europa,
ja die ganze Welt krank. Unter dem Kapitalismus wird es keine wirkliche und
dauerhafte Gesundung geben, denn dieses Ausbeutungssystem ist unheilbar krank.

Wenn es trotz dieses Artikels
immer noch Leser gibt, die ein wenig Hoffnung haben und glauben, dass ein „Wirtschaftswunder“
noch möglich ist, so sei ihnen gesagt, dass auch der Vatikan in den roten
Zahlen steckt…

- Auf die Entwicklung der Krise in Deutschland werden wir in kürze in einem gesonderten Artikel eingehen. 

Pawel, 6. 7. 2012.

 (1) Allein in Madrid werden jeden Tag 40 Familien aus ihren
Wohnungen geholt. Laut der Bürgerplattform PAH, die in allen spanischen Städten
versucht, Zwangsräumungen zu verhindern, wurden seit Beginn der Krise rund
300.000 Zwangsvollstreckungen ausgesprochen. 125.000 Familien wurden bereits
vor die Tür gesetzt. Bei den Gerichten sind weitere anderthalb Millionen Fälle
anhängig. "Das sind fast zwei Millionen Familien, die am Rande der
Gesellschaft leben, eine echte Zeitbombe", resümiert PAH-Sprecher José
Maria Ruiz die Lage. In Spanien gibt es 3,1 Millionen leer stehende Wohnungen.
(http://www.welt.de/wirtschaft/article13939609/Dutzende-spanische-Familie...)

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