1. Die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ursprünge des Faschismus

Der hier nachfolgende abgedruckte Artikel wurde zuerst im November 1933 in der Nr. 11 der eklektischen Zeitschrift "Masses" veröffentlicht, die mit dem linken Flügel der französischen Sozialdemokratie in Verbindung stand. Er wurde von A. Lehmann, einem Mitglied der von der KAPD herrührenden "kommunistischen Arbeitergruppen", geschrieben. Wir veröffentlichen diesen Text heute, damit sich unsere Leser eine Vorstellung davon machen können, welchen Grad von Klarheit die aus der Dritten Internationale hervorgegangene Kommunistische Linke erreicht hatte, und um die beträchtlichen Rückschritte der Rätebewegung und der Bordigisten, die sich heute auf die Kommunistische Linke berufen, besser einschätzen zu können.

Dieser Artikel beinhaltet einige Schwächen, die in der damaligen deutschen Linken weit verbreitet waren, so hinsichtlich des Verständnisses des Faschismus, die ihn schlussfolgern lässt, dass der Faschismus sich auf alle Länder ausdehnen würde. Obgleich der Artikel die allgemeinen Entstehungsbedingungen für den Faschismus herausarbeitet, (Zeitraum des Verfalls des Kapitalismus sowie zugespitzte Wirtschaftskrise), trägt er nicht zum Verständnis der besonderen Bedingungen bei, die den Faschismus in Italien und in Deutschland hervorgebracht haben (brutale Niederlage der Arbeiterklassen nach einer mächtigen revolutionären Bewegung und der zu kleine Anteil an der imperialistischen Weltaufteilung). Obgleich die Italienische Linke zum gleichen Zeitraum ein weniger präzises Verständnis der allgemeinen Entstehungsbedingungen besaß, war sie in der Lage, eine viel klarere Analyse dieser besonderen Bedingungen anzufertigen und den Antifaschismus als den Hauptfeind der Arbeiterklasse zu erkennen (auch wenn sie nach dem Zweiten Weltkrieg den gleichen Irrtum der "Ausdehnung des Faschismus auf die ganze Welt" beging). In dem hier vorgelegten Text findet sich dagegen keine Denunzierung des Antifaschismus.

Eine andere Schwäche ist die Analyse der Degeneration der Russischen Revolution und der Dritten Internationale. In diesem Artikel wird sie hauptsächlich als eine Folgeerscheinung der Situation in Russland vorgetragen (Rückständigkeit, Gewicht der Bauernschaft) und nicht als ein Produkt des weltweiten Rückzugs der Revolution. Trotz dieser Schwächen beinhaltet dieser Artikel eine Vielzahl bedeutender Punkte, die ihn sogar heute noch zu einer wertvolleren Untersuchung machen als manche der meisten Gruppen, die sich heute auf die "extreme Linke" berufen. Die Punkte sind die folgenden:

- das Begreifen der Periode, die mit dem Ersten Weltkrieg eröffnet wurde, als die Niedergangsphase der kapitalistischen Produktionsweise, die mit dem Verschwinden der außerkapitalistischen Märkte verbunden ist;

- die Unmöglichkeit für die Bourgeoisie, in dieser Periode des Niedergangs, irgendwelche wirklichen Reformen dem Proletariat zuzugestehen, was zu einer beträchtlichen Verstärkung des Staates führt und zur Integration der Gewerkschaften und zu einem Ende aller Möglichkeiten, das Parlament als ein Kampfmittel für die Arbeiterklasse zu benutzen;

- die Wandlung der Natur der Krisen: zyklische Krisen werden durch permanente Krisen verdrängt, deren zugespitzte Phasen - wenn es keine Reaktion der Arbeiterklasse - zu einem imperialistischen Krieg führen;

- die Denunzierung aller Volksfront- und antiimperialistischen Politik.

- die Betonung des proletarischen Charakters der Russischen Revolution und der Dritten Internationale - im Gegensatz zu den damals insbesondere in der Holländischen Linken entstehenden Ideen;

- die kapitalistische Natur des damals in Russland bestehenden Systems (selbst wenn diese nicht ausdrücklich im Text genannt wird) und die Zurückweisung jeglicher Politik der "Verteidigung der UdSSR" durch die Arbeiterklasse;

- der notwendigerweise weltweite Charakter der proletarischen Revolution;

- die Notwendigkeit für die Arbeiterklasse, sich selbst eine auf einem klaren und zusammenhängenden Programm fußende Partei zu geben, die als der bewussteste und sich notwendigerweise in der Minderheit befindende Teil der Klasse nicht stellvertretend für die Klasse die Macht ergreifen kann; eine Partei, die nur im Augenblick eines wachsenden revolutionären Kampfes geschaffen werden kann und nicht im Zeitraum eines Abflauens, so wie es die Voluntaristen und die Bordigisten befürworten.

Diese Punkte bilden die Grundlage, auf der sich die IKS (Internationale Kommunistische Strömung) heute gegründet hat. Sie zeigen die Kontinuität zwischen der sich heute entwickelnden revolutionären Bewegung und der der Vergangenheit, indem sie die historische Einheit des proletarischen Kampfes über die schreckliche Periode der Konterrevolution hinaus - die wir gerade hinter uns lassen - fortsetzt.

Eine große Anzahl modernistischer Tendenzen verwerfen diese Kontinuität. Diese Tendenzen wollen etwas "Neues" hervorbringen. Aber indem sie heute die Vergangenheit verwerfen, schneiden sie sich auch von der Zukunft ab - zumindest im proletarischen Lager.

Was uns betrifft, verstehen wir, dass wir nur über die Errungenschaften der kommunistischen Linken hinausgehen können, indem wir von diesen Verdiensten ausgehen, anstatt sie zu verwerfen. Deshalb beanspruchen wir unerschütterlich diese Kontinuität mit der kommunistischen Linke.

C.G.

WIRTSCHAFTLICHE GRÜNDE

Um die Hauptursachen des Faschismus zu begreifen, ist es notwendig, die Strukturveränderungen des Kapitalismus, die in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden haben, zu betrachten. Bis in die ersten Jahre dieses Jahrhunderts entwickelte sich der Kapitalismus in einer fortschrittlichen Weise, wobei die Konkurrenz unter privaten Kapitalisten oder unter Aktiengesellschaften als ein Motor des wirtschaftlichen Fortschritts wirkte. Der mehr oder weniger ununterbrochene Produktivitätsanstieg wurde ziemlich leicht durch neue Absatzmärkte,

die während der Kolonialzeit durch die imperialistischen Mächte eröffnet worden waren, aufgesaugt. Die dieser ökonomischen Struktur des Kapitalismus entsprechende Form politischer Organisation war die bürgerliche Demokratie, die es den verschiedenen kapitalistischen Schichten gestattete, ihre entgegengesetzten Interessen in der geeigneten Weise auszugleichen. Die blühende Lage des Kapitalismus erlaubte es ihm, den Arbeitern bestimmte politische und materielle Zugeständnisse zu gewähren, und dies schuf innerhalb der Arbeiterklasse

die Vorbedingung für den Reformismus und die Illusion, dass das Parlament als ein Instrument des Fortschritts für die Arbeiterklasse dienen könne.

Die Möglichkeit einer ständig wachsenden Akkumulation des Kapitals, die sich in der Anfangsphase geboten hatte, fand ein Ende, als die Konkurrenz zwischen den nationalen Kapitalien sich immer mehr verschärfte - aufgrund des Mangels an neuen Märkten, die für die kapitalistische Expansion hätten erobert werden müssen. Diese durch die Einschränkung der Absatzmärkte hervorgerufenen Rivalitäten führten zum Ersten Weltkrieg. Dieselben Bedingungen leiteten ebenso die Strukturveränderungen des Kapitalismus durch die fortschreitende Konzentration des Kapitals unter der Vorherrschaft des Finanzkapitals ein. Der Krieg und seine Folgen beschleunigten diesen Prozess. Die Inflation im besonderen, indem sie zur Enteignung der Mittelklassen führte, erlaubte die Entwicklung des Monopolkapitals, die Organisation des Kapitals in enormen Trusts und Kartellen, horizontalen und vertikalen, die sogar über den nationalen Rahmen hinausging. Die verschiedenen Schichten des Kapitalismus verloren ihren besonderen Charakter (finanziellen, industriellen usw.) und wurden in einem wachsenden, gleichartigen Interessenblock aufgesogen.

Da der Handlungsraum dieser Trusts und Kartelle über den Rahmen der Nationalstaaten hinauszugehen begann, wurde der Kapitalismus dazu gezwungen, die Wirtschaftspolitik des Staates in einer verstärkten Weise zu beeinflussen. Die Verbindung zwischen den Organen der kapitalistischen Wirtschaftsinteressen und dem Staatsapparat wurde deshalb enger und die Zwischenrolle des Parlaments wurde überflüssig.

In solch einer Struktur bestand die Notwendigkeit eines Parlaments für den Kapitalismus nicht mehr, welches zunächst noch als eine Fassade für die Diktatur des Monopolkapitals überleben konnte. Dieser Parlamentarismus war für die Bourgeoisie jedoch noch nützlich, da er der Diktatur des Kapitals eine politische Basis verschaffte, von der aus die Bourgeoisie reformistische Illusionen innerhalb der proletarischen Massen am Leben erhalten konnte. Aber die Verschärfung der Weltkrise, die Unmöglichkeit, neue Märkte zu eröffnen, ließen jegliches Interesse der Bourgeoisie, die Fassade des Parlamentarismus aufrechtzuerhalten, verblassen. Die direkte und offene Diktatur des Monopolkapitals wurde zu einer Notwendigkeit für die Bourgeoisie selber. Das faschistische System entpuppte sich als die best angepasste Regierungsform für die Bedürfnisse des Monopolkapitals. Seine Wirtschaftsorganisation ist am besten in der Lage, eine Lösung für die internen Widersprüche innerhalb der Bourgeoisie anzubieten, während ihr politischer Inhalt es der Bourgeoisie ermöglicht, sich auf eine neue Basis zu stützen, die somit den Reformismus ersetzt, der mehr und mehr unfähig geworden ist, die Illusionen in den Massen aufrechtzuerhalten.

SOZIALE URSACHEN

Die Unfähigkeit der Bourgeoisie, den Reformismus als politische Grundlage aufrechtzuerhalten, rührt von der Verschärfung des Klassenkonflikts zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat her. Seit dem Krieg ist der Reformismus in Deutschland nichts als ein fruchtloses Spiel. Jeden Tag hat die deutsche Arbeiterklasse ein bisschen mehr von dem verloren, was von den "Errungenschaften" des Reformismus übrig geblieben war. Das Prestige des Reformismus in den Augen der Massen konnte nur aufgrund der mächtigen bürokratischen Organisation überleben. Aber die letzten gewalttätigen Angriffe gegen den Lebensstandard der Arbeiter, die sie in die untragbarste Armut gestürzt haben, haben den Einfluss des Reformismus innerhalb der Arbeiterklasse schnell untergraben und die Klassengegensätze zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie offen gelegt.

Parallel zu diesem Prozess innerhalb der Arbeiterklasse gab es einen Prozess der Radikalisierung unter den verschiedenen Schichten des Kleinbürgertums. Die Bauern verschuldeten sich, verarmten und nahmen stellenweise zu terroristischen Akten Zuflucht. Die Geschäftsleute fühlten die Auswirkungen der Verarmung der Massen und der Konkurrenz der großen Geschäfte und der Kooperationen. Intellektuelle, von den Unsicherheiten der Zukunft verwirrt, Studenten ohne Zukunft, ehemalige Offiziere, alle begannen, sich abenteuerlichen Ideen zuzuwenden. Proletarisierte und durch die Arbeitslosigkeit getroffene Angestellte, entlassene Beamte zeigten sich ebenfalls bereit, durch eine radikale Demagogie mobilisiert zu werden. Ein verschwommener und utopischer Antikapitalismus entwickelte sich innerhalb dieser heterogenen Schichten, die durch die Großbourgeoisie enteignet worden waren. Ihr Antikapitalismus war insofern reaktionär, als er auf eine Rückkehr zu einer vergangenen Stufe des Kapitalismus abzielte. So wurden sie trotz ihres Radikalismus zu einem konservativen Faktor und zu einem leicht manipulierbaren Instrument des Monopolkapitals. Für diese

radikalisierte, unbewusste, kleinbürgerliche Masse, die unfähig war, eine unabhängige Rolle in der Wirtschaft zu spielen und mit dem Klassengegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie konfrontiert wurde, handelte es sich tatsächlich um eine Frage der Wahl zwischen dem einen oder dem anderen. Sie musste zwischen dem Monopolkapital - das für ihre verzweifelte Lage verantwortlich war - und dem revolutionären Träger der Revolution, dem Proletariat, wählen. Ein Hass gegen die proletarische Revolution, die den Klassen ein Ende setzen würde, und die Bindung des Kleinbürgertums an seine Privilegien (Privilegien, die jetzt nur noch eine Erinnerung waren) stießen diese radikalisierten Mittelschichten in die Arme des Monopolkapitals, indem sie somit dem Monopolkapital eine ausreichend große Basis verschafften, so dass dieses auf den Reformismus - der am Rande des Zusammenbruchs stand - verzichten konnte.

POLITISCHE WURZELN

Die Synthese dieser zwei widersprüchlichen Aspekte des Faschismus: Abhängigkeit vom Monopolkapital und die Mobilisierung der kleinbürgerlichen Massen fanden ihren Ausdruck auf politischer Ebene in der Entwicklung der Nationalsozialistischen Partei. Die Partei verdankte ihre Entwicklung einer wahnsinnigen Demagogie und den Unterstützungsgeldern der Schwerindustrie. Auf ideologischer Ebene gab diese Partei der Hoffnungslosigkeit des Kleinbürgertums (durch eine radikale und revolutionäre Ausdrucksweise) freien Lauf; sie gingen sogar so weit, bestimmte Formen der Enteignung (z.B. Banken, Juden, große Geschäfte) zu befürworten; ihre Bindung mit dem Monopolkapital drückte sich aus in der Propaganda der Klassenzusammenarbeit, zugunsten einer hierarchisierten korporativen Organisation gegen den Klassenkampf und den Marxismus.

Die Unhaltbarkeit des ideologischen Inhalts der Nazi-Demagogie tritt deutlich in der rassistischen Propaganda hervor. Die Unzufriedenheit der Massen wurde gegen den Vertrag von Versailles (dem Sündenbock des Kapitalismus) abgeleitet sowie gegen die Juden, die als die Vertreter des internationalen Kapitals und als Anstifter des Klassenkampfes dargestellt wurden. Dieses Netz von Dummheiten konnte nur in den Kleingeistern des Kleinbürgertums Wurzeln schlagen, dessen untergeordnete Rolle in der Wirtschaft es unfähig macht, irgendetwas von wirtschaftlichen Tatsachen und historischen Ereignissen zu verstehen, von denen es aufgesaugt wurde.

Die radikalisierten Bauern und das Kleinbürgertum stellten immer die große Masse der Nationalsozialistischen Partei. Nur als die Unterordnung unter das Monopolkapital deutlich wurde, trat die Bourgeoisie auf den Plan und verstärkte die Kader der Nazi-Partei und versorgte sie mit Offizieren und Führern. Bis Hitler die Macht übernahm, war es der Nazi-Partei unmöglich, sich ernsthaft in der Arbeiterklasse einzunisten, wie dies in den Betriebsratswahlen deutlich wird. Die Nazis hatten immer große Schwierigkeiten, in die Arbeitsämter einzudringen, nur einige hunderttausend Söldner konnten für die S.A. und die S.S. unter den arbeitslosen Angestellten gewonnen werden, obgleich es Millionen Arbeitslose gab, die ohne jegliche Einkünfte waren.

Aber obgleich die Arbeiterklasse sich nicht stark durch die faschistische Demagogie verseuchen ließ, war sie dennoch unfähig, die Entwicklung der Nationalsozialistischen Partei zu verhindern. Es gelang

ihr nicht, die Bildung eines Blocks der reaktionären Klassen aufzulösen. Die großen Arbeiterparteien versuchten ohne Erfolg, diese oder jene offene Divergenz zwischen dem Monopolkapital und dem Nationalsozialismus auszunützen. Vor allem verstand die Arbeiterklasse nicht, dass der wirkliche Widerspruch nicht zwischen Demokratie und Faschismus lag, sondern zwischen Faschismus und proletarischer Revolution. Deshalb war es der Mangel an revolutionärer Fähigkeit seitens des Proletariats, der somit die politische Entwicklung und den Aufstieg Hitlers erlaubte.

Um zu verstehen, wie dies möglich war, müssen wir detailliert den ideologischen und taktischen Inhalt der Haupttendenzen in der Arbeiterbewegung untersuchen.

DIE TENDENZEN UND DIE ORGANISATIONEN DER ARBEITERKLASSE

Der Reformismus entwickelte sich innerhalb der Arbeiterklasse während der aufsteigenden Phase des Kapitalismus. Seine Wurzeln erklären sich dadurch, dass die Bourgeoisie die Möglichkeit hatte, den Produktionsapparat schnell zu entwickeln; diese Produktionssteigerung fand im Allgemeinen schnell Abnehmer auf neuen Märkten. Für die Arbeiterklasse folgte daraus eine schnelle Entwicklung ihrer Größe und ihrer Macht. Um die Entwicklung des gesteigerten Wachstums sicherzustellen, benötigte die Bourgeoisie eine folgsame und befriedigte Arbeiterklasse. Sie konnte dies erreichen, indem sie der Arbeiterklasse einen kleinen Teil des ständig wachsenden Profits - der durch die Entwicklung des Imperialismus zugesichert wurde - überließ. Aber selbst

als die Bourgeoisie nicht mehr in der Lage war, der Arbeiterklasse irgendwelche Zugeständnisse zu machen und ihr gar die ihr in der vorherigen Epoche abgerungenen Vorteile entriss, behielt der Reformismus immer noch einen großen Einfluss in der Arbeiterklasse und vermochte dem Kapitalismus eine politische Grundlage zu bewahren. Dies traf auf die Gewerkschaften und die Organe des Reformismus zu, die sich während der Jahre des Wohlstands entwickelt hatten und weiterhin fortbestanden, solange sie den Interessen des Kapitals dienten. Die Hauptart der politischen Organisationen (Sozial-Demokratie) war der Parlamentarismus. Seinen Aktivitäten lag das Ziel zugrunde, die Arbeiter zu überzeugen, dass sie friedlich auf eine Verbesserung ihrer Lage warten müssten, da dies vom Parlament mit guten, demokratischen Mitteln entschieden würde. Jedes Mal wenn die Sozial-Demokratie die aktivste Rolle in den Massakern der revolutionären Arbeiter spielte, rechtfertigte sie diese Verrate, indem sie sich als Verteidiger der Demokratie aufspielte. Die Gewerkschaftsorganisation arbeitete immer auf Verhandlungen mit den Unternehmern mit Hinblick auf Lohnabschlüsse hin, indem sie in letzter Instanz den Staat als Vermittler riefen. Sie verhinderte Streiks wann immer möglich, und wenn es spontane Streiks gab, versuchte sie, die Arbeiter immer zurück zur Arbeit zu bewegen, indem sie alle Manöver ausschöpfte - manchmal schloss sie sich selbst der Leitung des Streiks an. Die zahllosen Gewerkschaftsbürokraten, gut bezahlt und verbürgerlicht, beherrschten die Arbeiter mittels einer Kontrolle über die verschiedenen Sozialeinrichtungen (Krankengeld, Arbeitslosengeld, usw.). Die Teilnahmen an diese Einrichtungen und an den verschiedenen Vorteilen der Gewerkschaft hielten die Folgsamkeit der Arbeiter und die Macht der Bürokraten aufrecht, trotz der andauernden und immer zynischer werdenden Verrate.

Parallel zu der Entwicklung der Gewerkschaftsbürokratie bildete sich im Staatsapparat eine spezielle Bürokratie, die mit der Anwendung der Sozialgesetzgebung (Sozialhilfe, Arbeitslosengeld, usw.) betraut war. Diese Art von Organismus und seine Rolle müssen als eine Hilferolle des Reformismus verstanden werden, dessen Ursprung in der Verbindung von Parlamentarismus und gewerkschaftlichem Reformismus zu finden ist. Dieser staatliche Reformismus trug gleichfalls zur Aufrechterhaltung von Ordnung, Gehorsam und Illusionen innerhalb der Arbeiterklasse bei.

So konnte der Reformismus seine organisatorische Form bewahren, obgleich er seine wirtschaftliche Grundlage verloren hatte. Eine reformistische Ideologie überlebte in der Arbeiterklasse, aber langsam wurde sie durch den Druck der wachsenden Ausbeutung und der Armut abgeschwächt. Aber als die Arbeiterklasse zum Kampf um die elementarsten Interessen gezwungen war, wurde es der Bourgeoisie klar, dass sie nun nicht mehr eine praktische Organisationsform für die Klassenzusammenarbeit auf der Grundlage einer reformistischen Ideologie aufrechterhalten könnte. Die praktische Organisationsform musste um jeden Preis aufrechterhalten werden, aber die Ideologie musste umgeändert werde, deshalb ersetzte die Bourgeoisie den Reformismus mit aller Entschlossenheit durch den Faschismus. Zuallererst wurden die Gewerkschaften voll und

ganz in den Faschismus integriert. Von Widerstand seitens der Bürokraten konnte keine Rede sein, da die organisatorische Realität der Klassenzusammenarbeit aufrechterhalten wurde; das einzige, das wie ein Paar ausgediente Schuhe weggeworfen wurde, war die Ideologie des Reformismus. Die Ersetzung des Reformismus durch den Faschismus verlief sehr reibungslos und wenn die Bourgeoisie keine weiteren Agenten benötigte, dann deshalb, weil sie die Dienste der Bonzen, die nicht mehr verlangten, weiterhin erhielt.

Die Entwicklung zeigte, dass die Gewerkschaften der Arbeiterklasse nicht mehr nützlich waren, dies war nicht das Ergebnis einer schlechten Führung, sondern der Struktur selber und der Ziele der Gewerkschaften als ein repräsentatives Organ der "korporativen" Interessen innerhalb des Kapitalismus. Solche Organe sind Bestandteile des Kapitalismus geworden und sie können für revolutionäre Ziele nicht verwendet werden.

DER BOLSCHEWISMUS

Die Entwicklung der Russischen Revolution seit Oktober 1917 wurde bedingt durch den Widerspruch zwischen einem stark konzentrierten aber zahlenmäßig schwachen Proletariat und einer gewaltigen, rückständigen Bauernschaft. Die russische Industrie war im Allgemeinen technisch sehr modern, aber ihre wirtschaftliche Struktur litt unter einer Reihe von Schwächen, da sie durch ausländisches Kapital zum Zweck

von Krieg und Export organisiert worden war. Nach dem Untergang des Zarismus war die Bourgeoisie nicht fähig, an der in ihre Hände gefallenen Macht festzuhalten, da sie keine Unterstützung unter den Bauern fand, die Frieden und Land wollten.

Eine mutige und bewusste Arbeiterklasse ergriff im Oktober 1917 die Staatsmacht, aber sie stand enormen Organisationsschwierigkeiten gegenüber angesichts der rückständigen, schon zufrieden gestellten Bauernschaft, die die zwanzigfache Größe der Arbeiterklasse hatte. Die Kollektivierung von Unternehmen wurde von den Arbeitern mit großer Geschwindigkeit fortgesetzt, aber die Versuche einer kommunistischen Verteilung der Produkte stießen auf den passiven und aktiven Widerstand einer großen Bauernmasse. Die NEP war der Rückzug eines Proletariats, das zu einem Kompromiss durch die Bauernschaft gezwungen wurde, aber das Proletariat blieb weiterhin Herr der Schaltstellen der Wirtschaft. In dieser Kompromisslage zwischen kollektivierter Industrie und einer fragmentierten Landwirtschaft legte jedoch die verborgene aber reale Rivalität zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, die Grundlage für eine unerhörte Entwicklung des Staatsapparates, der bürokratischen Spezialisierung und der Unterdrückung der Macht der Sowjets. Der Erfolg der Planwirtschaft beschleunigte diesen Prozess der Herausschälung einer Bürokratie, der es allmählich gelang, zu herrschen ohne kontrolliert zu werden, sowohl der Arbeiterklasse (Wiedereinführung der Akkordarbeit, Wiedereinsetzung der Autorität des Managements) als auch der Bauernschaft (erzwungene Konzentration von landwirtschaftlichen Unternehmen) wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen aufzuzwingen und auch politische Herrschaftsmaßnahmen (Ersetzung von Volkstribunalen durch die Entscheidung der politischen Spezialpolizei - GPU -) durchzusetzen.

Ein paralleler Prozess fand innerhalb der Kommunistischen Partei statt, Dieses führende Organ wurde nach einer Reihe von Krisen zum ausschließlichen Ausdruck der Klasseninteressen der Bourgeoisie. Mit dem Verschwinden der politischen Macht der Arbeiterräte hörte die Diktatur des Proletariats auf zu bestehen, und sie wurde durch die Diktatur der Bürokratie ersetzt, einer sich bildenden Klasse.

Die Dritte Internationale und die Kommunistischen Parteien in allen Ländern haben in ihrer Struktur unter den Auswirkungen dieser Wandlung des Systems in Russland gelitten. Insbesondere die deutsche Partei, in der die Bürokratisierung und der Mangel an interner Demokratie besonders krass waren. Der Einfluss der Arbeitermassen konnte in der Politik der KPD keinen Widerhall finden. Ihre Strategie und ihre Taktik wurden ihr gemäß den Interessen der sowjetischen Bürokratie aufgezwungen. Bis zur NEP war die sowjetische Außenpolitik auf eine Weltrevolution gerichtet gewesen, obgleich es einige Fehler gegeben hatte, wie z.B. im Fall Radek, die verheerende Auswirkungen auf die deutsche Revolution hatten. Jetzt stellt die Theorie des ''Sozialismus in einem Land" den Aufbau eines industriellen Apparates in Russland in den Vordergrund (dieser industrielle Aufbau wird als sozialistisch getauft) und deshalb räumt sie die größte Bedeutung der Stabilisierung und der Friedenspolitik in den Beziehungen mit dem Ausland ein. Mit dem Verschwinden der Diktatur des Proletariats in Russland verschwindet auch das Interesse des Weltproletariats, die Entwicklung der Lage in Russland weiterhin als Achse der Weltrevolution zu betrachten.

Die Klasseninteressen der Bürokratie haben die Theorie der "Führungspartei" hervorgebracht, die die Negation der Möglichkeit einer Politik der Arbeiterklasse ist, die unabhängig von den anderen Klassen wäre, insbesondere von der Mittelklasse, und die folglich die Wurzel für den Opportunismus ist. Gleichzeitig rief die Einspannung des Weltproletariats für die sich ändernden Bedürfnisse der sowjetischen Diplomatie einen sich vergrößernden Riss zwischen den großen Massen und der KPD hervor.

Die Hauptkonsequenz, die jede Handlung der sowjetischen Bürokratie verdeutlicht, war die Entartung des Klassencharakters der revolutionären Bewegung. Anstatt eine Klassenideologie zu verbreiten, verbreitet die KPD aus opportunistischen und diplomatischen Gründen eine nationalistische Ideologie (der Schlachtruf von sozialer und nationaler Befreiung, die Theorie, nach welcher die deutsche Nation durch den Imperialismus unterdrückt wäre). Durch die Zufluchtnahme zu diesen Manövern glaubt die KPD, Unordnung in den kleinbürgerlichen Reihen der Nationalsozialisten zu stiften. Tatsächlich stiftet sie Verwirrung und Unordnung innerhalb der Arbeiterklasse; sie war unfähig, etwas gegen den Aufstieg des Faschismus zu unternehmen, und während der Machtübernahme durch die Faschisten wechselten Mitglieder der KPD, die durch die eigenen nationalistischen Schlachtrufe enttäuscht worden waren, in die Reihe der Nationalsozialisten über.

Die Widersprüche der bolschewistischen Manöver (Volksfront einmal mit den Faschisten, ein andermal mit den Sozialdemokraten), bürokratische Ansprüche, eine Diktatur über die Massen zu entwickeln, die Abwesenheit einer proletarischen Ideologie - all dies verdammte die KPD zur Machtlosigkeit. Nachdem sie auf der Wahlebene von "Erfolg" zu "Erfolg" geeilt war, fand sich die KPD von den Massen total isoliert wieder, als sie handeln wollte (z.B. die Nazi-Demonstration vor Liebknechts Haus). Es war jedoch nicht einmal möglich zu wissen, ob sie wirklich handeln wollte und mit welcher Absicht.

Die Wurzeln dieser Unfähigkeit sind die gleichen wie die der Sozialdemokratie. In beiden Fällen sind sie das Ergebnis einer Durchdringung der Organisation von bürokratischen Ideologien - der Ideologien des Parlamentarismus (mit dem Schlachtruf: "Haltet Hitler auf, wählt Thälmann"), der Gewerkschaften (Versuche, die Gewerkschaften zu erobern) und des Opportunismus, der in den Manövern zwischen Klassen und verschiedenen Schichten der Arbeiterklasse bestand.

KLEINE BOLSCHEWISTISCHE GRUPPEN

Die Theorie der Führungspartei und der Praxis der parlamentarischen, gewerkschaftlichen und opportunistischen Manöver finden sich in den verschiedenen bolschewistischen Oppositionsgruppen wieder. Die KPO (Kommunistische Partei - Opposition, Brandler), die Trotzkisten und die SAP (Sozialistische Arbeiterpartei) haben die gleiche grundlegende Ideologie, die sich nur in winzigen Details unterscheidet, die sich ohnehin fortwährend ändern. Diese Gruppierungen befürworten alle die gleiche Taktik gegen den Faschismus: Aktionseinheit zwischen Reformismus und Bolschewismus. Diese Taktik ist nicht angewendet worden, aber die Arbeiterklasse hat von dieser Einheit von Verrat und Unfähigkeit nichts zu erwarten.

PERSPEKTIVEN FÜR DIE ARBEITERBEWEGUNG

DIE LEHREN DER REVOLUTIONÄREN ERFAHRUNG

Perspektiven können sich nur auf die Grundlage von Erfahrung stützen - einer schon an Lehren reichen Erfahrung. Von der Pariser Kommune angefangen bis zur Oktoberrevolution - die Revolution von 1905 mit eingeschlossen - hat die Erfahrung den Taktiken und Strategien des Bolschewismus widersprochen. Sie hat gezeigt, dass die Arbeiterklasse in einer gegebenen objektiven Lage dazu fähig ist, unabhängig als Klasse zu handeln und dass sie in solchen Situationen spontan die Organe des Ausdrucks und der Ausübung ihres Klassenwillens - die Arbeiterräte oder die Sowjets - schafft. Es ist notwendig zu verstehen, wie diese Organe geboren wurden und wie sie sich in Deutschland entwickelten. Die ersten Arbeiteraktionen, die sich 1917 gegen den Willen der Gewerkschaftsbürokraten - die in das Kriegssystem eingegliedert worden waren - erhoben, schufen die Revolutionären Betriebsobleute.

Die Arbeiterräte des Jahres 1918 waren die direkten Nachkommen dieser Bewegung. Der militärische Zusammenbruch Deutschlands bot vorzeitig unerhörte Möglichkeiten für die Entwicklung dieser Räte, aber es fehlte ihnen an ausreichender politischer Klarheit. Ein klares Bewusstsein der revolutionären Notwendigkeiten, im Spartakusbund verdeutlicht, war noch nicht ausreichend entwickelt, damit sich die Rätebewegung von anarchistischen Illusionen und von Gewohnheiten, die von der langen Periode des Reformismus stammten, hätten lösen können. Das Scheitern der Rätebewegung im Jahre 1919 war zu einem großen Maße das Ergebnis eines unzureichenden Bewusstseins der Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats.

In der unsicheren Lage des Kapitalismus, die bis 1923 andauerte, wurde die Notwendigkeit, dass die Arbeiter revolutionäre Organisationen auf der Grundlage der Produktion haben müssten, offenkundig, und fast überall in Deutschland tauchten Fabrikorganisationen, die mehr oder weniger spontan gegen die konterrevolutionären Gewerkschaften gegründet worden waren, auf. Die revolutionären Bemühungen der Arbeiter fanden 1923 durch die brutalen Aktionen der Reichswehr ein Ende, indem die Reichswehr Arbeiter niederschlug, die schon durch die doppelt absurde Taktik der KPD entmutigt waren, die nämlich den Faschisten in Reventlow eine Volksfront gegen den französischen Imperialismus vorgeschlagen hatte und gleichzeitig mit den Sozialdemokraten in Sachsen an der Regierung beteiligt war.

Nach 1924 zogen die zeitweilige Stabilisierung des Kapitalismus und die Abwesenheit von revolutionären Perspektiven das Verschwinden von radikalen Strömungen nach sich, und dies gab der Entwicklung des Reformismus, der auf den Staatsapparat gestützt war, einen neuen Aufschwung und eröffnete die neue parlamentarische Erfolgsära für den Bolschewismus. Diese scheinbare Konsolidierung des Reformismus und die illusorischen Erfolge des Bolschewismus verhinderten keineswegs, auf dem Hintergrund der Entwicklung und der Verschärfung der Krise seit 1929 das Wachstum der faschistischen Bewegung und das Sinken des Lebensstandards der Arbeiterklasse, die mehr und mehr von einer auswegslosen Arbeitslosigkeit getroffen wurde.

Gleichzeitig hatten die Massen ein gewisses Misstrauen gegenüber den existierenden Parteien, das sich auf die Bildung einer Volksfront der Klasse richtete, aber insgesamt herrschte die Wartehaltung auf die wirksamen Handlungen der großen Organisationen vor. Die Machtübernahme des Faschismus ohne jeglichen Widerstand machte diese Illusion der Arbeiter zunichte.

FÜR DIE ERRICHTUNG DER ORGANISATION DES PROLETARIATS

So zwang der Druck der wirtschaftlichen Bedingungen die Bourgeoisie dazu, die Organisationen zu zerstören, die eigentlich die einzigen waren, die jegliche revolutionäre Bewegung in der Klasse hätten blockieren und lähmen können. Dieser dialektische Aspekt des Aufstiegs des Faschismus hat uns über die Ausbreitung des Terrors und die Zerstreuung der alten Arbeiterbewegung hinaus auf die neuen Möglichkeiten eines Voranschreitens und der Schaffung neuer Grundlagen für eine neue Bewegung aufmerksam gemacht. Die Zerstörung der alten Organisationen eröffnet neue Perspektiven für eine neue Klassenbewegung. Die Arbeiterklasse findet sich so nicht nur diesen selbsterklärten proletarischen Parteien entledigt, sondern auch der lähmenden Illusionen des politischen und gewerkschaftlichen Reformismus und des Parlamentarismus. Die Illusionen über den Bolschewismus wurden ebenso erschüttert, die Mehrheit der Revolutionäre glaubten nicht mehr, dass jede Handlung durch eine Partei von professionellen Revolutionären, die über der Klasse stehen, angeführt werden müsste; sie hatten kein Vertrauen mehr in die bolschewistischen Methoden des Bluffs und der Agitation, die nur zu fruchtlosen Aktivitäten führen.

Die Praxis des illegalen Kampfes hat die Arbeiter dazu gezwungen, neue Formen politischer Arbeit zu entwickeln. Die revolutionären Arbeiter in den Fabriken und unter den Arbeitslosen bilden kleine Gruppen, in die Provokateure nicht eindringen können. Die Verteilung von Flugblättern, die voll von agitatorischen Schlachtrufen und von Bluff waren, ist ersetzt worden, durch die Ausarbeitung von Diskussionsmaterialien und durch proletarische politische Erziehung. Die Bürokraten der KPD sind nicht mehr in der Lage, ihren Standpunkt ohne Diskussion aufzwingen zu können.

Die Arbeit der Umgruppierung und der Selbsterziehung verläuft jedoch noch in einer sehr spontanen Weise und ohne ausreichende politische Klarheit. Es ist lebenswichtig, dass die größtmögliche programmatische Klarheit der Ausgangspunkt aller politischen Arbeit ist. Die bewusstesten revolutionären Elemente, die schon unermüdliche Vorbereitungsarbeit getroffen haben, werden diesen Prozess der Klärung und Umgruppierung der Gruppen, die aus den Trümmern der alten Organisationen hervorgegangen sind, unterstützen. Diese kommunistischen Arbeiterzirkel haben sich während der Periode der sich vertiefenden Krise entwickelt. Dank dieser Zirkel ist eine Synthese der Erfahrungen des illegalen Kampfes der radikalen Arbeiter in den verschiedenen revolutionären Versuchen seit 1917 verwirklicht worden. Dabei wurde ein revolutionärer Eifer der Jungen entwickelt, für die der Verlauf der Ereignisse die Notwendigkeit aufgezeigt hatte, mit den Methoden

des Reformismus und des Bolschewismus zu brechen. In ihrer ideologischen Klarheit tragen sie die Lehren der Vergangenheit in sich und in ihrem Kampfwillen lebt die Hoffnung der Arbeiterklasse.

Während der dem faschistischen Terror vorhergehenden Phase, die durch reformistische und bolschewistische Illusionen gekennzeichnet ist, waren diese Zirkel im Verhältnis zu den großen Massenorganisationen zahlenmäßig schwach, aber sie hatten sich in illegaler Propagandaaktivität bewährt, und sie waren fast über ganz Deutschland miteinander verbunden. Frei vom Sektierertum, in das die Überreste der radikalen Organisationen nach 1923 gefallen waren, führten sie ihre Aktivität der ideologischen Propaganda unter den fortgeschrittensten Elementen der Arbeiterklasse fort. Dank ihrer Erfahrung an illegaler Arbeit verfolgten sie ihre Aktivitäten ohne Unterbrechung trotz des Terrors und erlitten nur wenige Verluste. Unter dem Terrorregime wuchsen sie beträchtlich, wohingegen die wieder gebildeten Massenorganisationen nicht vorwärts kamen.

Heute braucht die Quantität des durch die kommunistischen Arbeiterzirkel in Deutschland verteilten Materials keinen Vergleich mit dem anderer Organisationen zu scheuen.

Diese Zirkel, die die ideologische Ausrüstung der Arbeiterklasse sein müssen, müssen neue Elemente schrittweise integrieren, wobei die eine "Trübung" der Klarheit der Prinzipien vermeiden müssen. Jeder Zirkel muss mit sich selbst klar und entschlossen sein, so dass verborgene Widersprüche nachher nicht an die Oberfläche treten.

In der augenblicklichen Phase des Kapitalismus werden die Taktiken der Kommunisten durch die Frage bestimmt, ob die Lage vorrevolutionär oder revolutionär ist. In der augenblicklichen vorrevolutionären Lage ist die auf der Hand liegende Aufgabe die Schaffung der Grundlagen der revolutionären kommunistischen Partei. Die sich in der Bildung befindenden kommunistischen Kerngruppen müssen auf die Arbeiterklasse einwirken, um die Entwicklung der Bedingungen für den revolutionären Kampf zu beschleunigen. Der Kampf für die Klärung des Klassenbewusstseins, die Zerstörung der alten konservativen, reformistischen oder bolschewistischen Ideologie, ein Verstehen der Notwendigkeit, dass sich die Klasse selbst in Räten organisieren muss. Diese Handlungen innerhalb der Klasse können nur wirkungsvoll sein. durch eine ständige Teilnahme an der Praxis des proletarischen Kampfes, um an allen Fronten zu überleben, da die Arbeiter nur durch direkte Erfahrung lernen können.

In einer revolutionären Situation ist das Ziel die Zerstörung der bürgerlichen Macht durch die Handlungen der Klasse, die Eroberung der Produktionsmittel, die Errichtung der Macht der Arbeiterräte auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet und der Anfang des sozialistischen Aufbaus in der Gesellschaft im Allgemeinen. All diese Ziele können während der Revolution nur verwirklicht werden durch eine größtmögliche Verbindung zwischen der Arbeiterklasse und der revolutionären Partei, die der klarste und aktivste Teil der Klasse ist.

Die Ziele der Arbeit der Partei können nicht sein, sich über die Klasse zu erheben, wie ein bolschewistisches Zentralkomitee die Revolution von "oben" dirigiert. Die revolutionäre Partei kann nur ein Hebel in der Entwicklung der proletarischen Aktivität sein.

Die gegenwärtigen Kräfte der linken Kommunisten müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass sie die revolutionäre Partei nicht zu irgendeiner Zeit gründen können, sondern dass nur im Verlauf des revolutionären Kampfes der Massen - ein Kampf, den zu entwickeln sie sich zum Ziel gesetzt haben -, also in einer neuen Wiederaufbauarbeit, die Grundlagen dieser Partei legen können. Das Gegenteil trifft ebenso zu: in einer Lage, die nur im Begriff ist, revolutionär zu werden, kann die Partei nicht einfach gepflanzt werden und sich in der ganzen Arbeiterklasse entwickeln.

Die fundamentale Frage für die revolutionäre Taktik eines kommunistischen Kerns der Klasse ist nicht, wie man sich so schnell wie möglich sammelt, um die größten Kräfte hinter der Organisation zusammenzubringen,

um die Feinde zu besiegen - all dies dank der überlegenen Intelligenz der Führung der Organisation. Nein, die fundamentale Frage ist: Wie können auf jeder Stufe des praktischen Kampfes das Bewusstsein, die Organisation und die Fähigkeit der Arbeiterklasse zum Handeln einen Schritt nach vorne tun, in der Art und Weise, dass die Klasse als ein Ganzes in "Ergänzung" mit der revolutionären Partei ihre historische Rolle erfüllen kann?

Die Aufgabe dieser revolutionären kommunistischen Kerne ist daher eine doppelte: einerseits, die ideologische Klärung als die Grundlage der Entwicklung der revolutionären Partei, andererseits, ein Sammeln der bewusstesten revolutionären Arbeiter als eine Vorbereitung der Grundlagen der Fabrikorganisationen. In dem Maße, wie die kapitalistische Ausbeutung sich mehr und mehr verschärfen wird, wird sie die Arbeiter dazu zwingen, ihre nackte Existenz zu verteidigen und den Kampf gar unter den schwierigsten Umständen aufzunehmen. Mangels irgendeiner anderen Organisation werden die kämpfenden Arbeiter Organe für die Leitung des Kampfes schaffen, wie z.B. Aktionskomitees. Die Rolle der Fabrikgruppen wird sein, an diesen Bewegungen teilzunehmen, zur Klärung beizutragen, indem ihnen ein politischer Inhalt gegeben wird, um an ihrer Ausdehnung auf nationaler und internationaler Ebene zu arbeiten.

In dem Maße, wie sich diese Kämpfe ausdehnen, wird die Arbeiterklasse in den Kampf um die politische Macht eintreten. Diese Kampforganisationen werden eine spezielle Form annehmen: sie werden zu Organen für die Eroberung der Macht durch das Proletariat und schließlich zu den einzigen Organen der Diktatur des Proletariats werden. Diese Räte - die direkt aus den Fabriken und den Organisationen der Arbeitslosen hervorgehen und jederzeit abrufbar sind - werden eine doppelte Rolle haben: die politischen Räte müssen die Niederschlagung der Bourgeoisie vollziehen und die Diktatur des Proletariats stärken, die wirtschaftlichen Räte werden die Leitung der sozialen Umwälzung der Produktion übernehmen.

PERSPEKTIVEN DES KAPITALISMUS

Diese Prinzipien der Organisation und diese Perspektiven für die Entwicklung der Aktivität der Klasse stützen sich nicht nur auf die historische Erfahrung der Arbeiterklasse, sondern auch auf die Perspektiven des Kapitalismus.

Diese Perspektiven des Kapitalismus werden durch die Vertiefung und die weltweite Ausdehnung der Krise bestimmt. Es ist heute jedermann klar geworden, dass die heutige Krise etwas ganz anderes als die zyklische Krise ist, die ein Bestandteil des normalen Verlaufs des Kapitalismus war. Versuche, die Krise zu bewältigen, wurden zu Anfang von der Bourgeoisie mit Begeisterung aufgenommen, aber sie scheiterten einige Monate später - so wie das jetzt der Fall mit dem Roosevelt-Plan ist. Der Kapitalismus kann nichts anderes tun als die bestehende Marktaufteilung zu modifizieren, d.h. den durch die Krise am härtesten getroffenen Sektor durch einen bis dahin weniger getroffenen Sektor zu ersetzen, aber er kann keine neuen Märkte schaffen. Der Versuch einer Neuaufteilung der Märkte läuft letzten Endes auf die Ausdehnung der verheerenden Folgen der Krise auf alle Länder und alle Zweige der Wirtschaft hinaus, indem alle Arbeiter der Welt der gleichen verschärften Ausbeutung unterworfen werden und indem der Faschismus auf neue Länder ausgedehnt wird.

Der Versuch einer Neuaufteilung der Märkte führt zu gewaltigen internationalen Widersprüchen auf der ganzen Welt. Durch eine wahnsinnige Zoll- und Finanzpolitik stoßen nationale Kapitalien aufeinander. Antagonismen verschärfen sich mehr und mehr und die Reibungspunkte, die Ursachen der Konflikte, werden immer vielfältiger. Die Zerstörung der internationalen politischen Beziehungen wirkt ihrerseits wieder auf die wirtschaftlichen Bedingungen ein, die dies ursprünglich hervorgerufen haben und sie vereiteln eine Überwindung dieser Bedingungen. Das Ergebnis ist, dass der Faschismus keine feste wirtschaftliche Grundlage finden kann. Um die Aufmerksamkeit der Massen von ihrer eigenen wachsenden Misere abzulenken, ruft dies deshalb neue internationale Schwierigkeiten hervor.

So öffnet die Unmöglichkeit für den Kapitalismus seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden, sowie die Zuspitzung der Widersprüche auf internationaler Ebene den Weg zum Faschismus in allen Ländern und gleichzeitig schließt dies die Möglichkeit einer Stabilisierung des Faschismus aus.

Die Lösung für diesen dialektischen Widerspruch liegt nur in der proletarischen Revolution. Falls die Arbeiterklasse keine Initiative für eine entscheidende Aktion ergreift, kann die Bourgeoisie jedoch die Lösung in einem neuen Weltkrieg suchen. Aber der Krieg selber ist keine Lösung und das Dilemma, das sich uns erbarmungslos stellen wird, wurde von Marx vorhergesehen: Kommunismus oder Barbarei. Revolutionäre Perspektiven müssen daher auf Weltebene ins Auge gefasst werden. Die zyklischen Fluktuationen der konjunkturellen Krise, die innerhalb des Rahmens der permanenten Krise des degenerierten Kapitalismus immer wiederkehren, werden in den kommenden Jahren zu einer brutaleren und unerträglicheren Verschlechterung des Lebensstandards der Arbeiterklasse führen.

Die Notwendigkeit für die Arbeiterklasse, ihre grundlegendsten Interessen verteidigen zu müssen, wird unvermeidlich die Bedingungen für eine neue Epoche von Kämpfen auf weltweiter Ebene hervorbringen.

Mit der weltweiten Entwicklung des Faschismus konfrontiert, müssen wir die Lage der deutschen Arbeiter nicht als etwas Besonderes betrachten, indem man mehr oder weniger utopistische Aktionen verlangt. Die fundamentale Frage, vor der das internationale Proletariat steht, ist die folgende: Wie können die politischen und organisatorischen Lehren der deutschen Erfahrung am besten verwendet werden, so dass in der nächsten Kampfperiode der Klassenfeind einem Weltproletariat gegenübersteht, das auf die bestmöglichste Weise ideologisch und organisatorisch bewaffnet sein wird?

Die Antwort ist klar, sie lässt sich aus dem bisher über Deutschland Gesagten ableiten. Die gleichen ideologischen und organisatorische Lehren müssen von jetzt an auf der ganzen Welt von revolutionären Kommunisten umgesetzt werden, die die Lehren der Erfahrung des schändlichen Verrats durch den Reformismus und durch den Untergang des Bolschewismus verstanden haben. Weitblickende revolutionäre Zirkel müssen sich bilden und sich der Aufgabe der ideologischen Klärung und der erneuten Organisierung der Arbeiterklasse entschlossen zuwenden.

Diese neuen Organisationen müssen internationale Verbindungen herstellen, damit die Grundlage für die Bildung der IV. Internationale geschaffen wird; dies muss durch den gleichen Umwandlungsprozess der Zirkel zur Partei während des revolutionären Aufschwungs geschehen.

Heute den Schlachtruf für die Bildung der IV. Internationale zu erheben, ist genauso inkonsequent wie die unverzügliche Schaffung einer neuen "wirklichen" Partei der Arbeiterklasse zu verlangen. In Wirklichkeit können die Rufe der SAP und der Trotzkisten nur zu einer provisorischen Neubildung des Bolschewismus führen, zu einer 3 1/2 Internationale, die ein schändliches Anhängsel der III. Internationale wäre und zum gleichen Fiasko verurteilt wäre.

Die Arbeiterklasse hat anderes zu tun als historische Karikaturen aufzubauen. Ihre Aufgabe ist es, die Bourgeoisie niederzuwerfen und den Kommunismus zu verwirklichen. Es ist unsere Aufgabe, die Waffen zu schmieden, die der Arbeiterklasse diesen Sieg ermöglichen werden. A . LEHMANN - November 1933 –

(Erstveröffentlichung in Internationale Revue Nr. 3 - 1979)