3. Die Niederschlagung der Arbeiterklasse in Deutschland und der Aufstieg des Faschismus Bilan Nr. 16, 1935

Durch die kritische Analyse der Ereignissse nach dem Kriege, der revolutionären Siege und Niederlagen wird es uns möglich sein, eine Auffassung des historischen Rahmens der gegenwärtigen Periode zu entwickeln, die all die grundlegenden Entwicklungen, welche nun stattfinden, aufgreifen muß. Während die russische Revolution im Mittelpunkt unserer Kritik steht, der Kritik, die sie selbst darstellte, müssen wir sofort hinzufügen, daß Deutschland das wichtigste Glied der Kette ist, die heute das Weltproletariat fesselt.

In Rußland verhinderte die strukturelle Schwäche des Kapitalismus, das Bewußtsein des russischen Proletariats, von den Bolschewisten verkörpert, einen unmittelbaren Zusammenschluß der Weltkräfte der Bourgeoisie um den bedrohten Teil, während in Deutschland dagegen alle Elemente der Nachkriegszeit diesen Zusammenschluß der Kapitalisten zum Ausdruck bringen. Erleichtert wurde dieses vereinigte Vorgehen durch einen starken Kapitalismus, der sich auf demokratische Traditionen stützen konnte, und durch ein Proletariat, das sich seiner Aufgaben überstürzt bewußt wurde.

 

Die Ereignise in Deutschland (die Niederschlagung der Spartakisten und der Aufstieg des Faschismus) beinhalten schon eine Kritik am Okt. 1917. Es handelt sich um eine Antwort des Kapitalismus gegenüber Positionen, die oft hinter denen zurückblieben, welche den Sieg der Bolschewiki ermöglichten. Deshalb muß eine ernsthafte Analyse Deutschlands mit einer Untersuchung der Thesen des III. und IV. Kongressess der Kommunistischen Internationale anfangen, welche Elemente enthalten, die nicht über die russische Revolution hinausgehen, sondern dem furchtbaren Angriff der bürgerlichen Kräfte gegen die Weltrevolution entgegenstehen. Diese Kongresse haben Verteidigungspositionen des Proletariats um den sowjetschen Staat hervorgebracht, obwohl die Erschütterungen der kapitalistischen Welt eine unaufhaltsame, wachsende Offensive der Arbeiter aller Länder sowie gleichzeitig einen ideologischen Fortschritt seines internationalen Organismus erforderten. Die Kämpfe in Deutschland im Jahre 1923 wurden gerade wegen dieser Positionen niedergeschlagen, und diese Positionen fielen den revolutionären Bemühungen der Arbeiter in den Rücken. Darüberhinaus stellten diese Ereignisse die klarste Widerlegung dieser Kongresse dar.

 

Deutschland beweist eindeutig die Unzulänglichkeiten der von den Bolschewisten hinterlassenen Positionen: Nicht daß ihre Anstrengungen unzureichend gewesen wären, sondern die der Kommunisten auf der ganzen Welt und insbesondere die der deutschen Kommunisten. Wann und wo wurde die geschichtliche Kritik des ideologischen und politischen Kampfes der Spartakisten gemacht? Unserer Meinung nach wurde diese Arbeit, abgesehen von einigen platten Wiederholungen allgemeiner Einschätzungen durch Lenin, noch nicht geleistet. Man führt wohl einen Krieg gegen den "Luxemburgismus", vergießt natürlich einige Tränen über die Niederschlagung der Spartakisten, brandmarkt die Verbrechen der Noske, Scheidemänner, aber eine Analyse - die gibt es eigentlich nicht. Dennoch, während Okt. 1917 die kategorische Verwerfung der bürgerlichen Demokratie darstellt, tun dies die Ereignisse von 1919 auf einer viel höheren Stufe. Während die Bolschewiki bewiesen, daß die Partei des Proletariats nur dann ein siegreicher, revolutionärer Führer sein kann, wenn sie schon bei ihrer Gründung jedes Bündnis mit opportunistischen Strömungen ausschlägt, verdeutlichen die Ereignisse von 1923, daß der Zusammenschluß zwischen Spartakisten und Unabhängigen in Halle ein großer Herd der Verwirrung der KPD in Anbetracht der entscheidenden Schlachten war.

 

Kurzum, anstatt das Niveau der Kämpfe des Proletariats auf eine höhere Stufe als Oktober zu heben, anstatt noch entschlossener die Herrschaftsform des Kapitalismus zu verwerfen, die Kompromisse mit feindlichen Kräften angesichts eines unmittelbar bevorstehenden revolutionären Angriffs auszuschlagen, wurde der Zusammenschluß der kapitalistischen Kräfte erleichert, sobald die proletarischen Positionen unter die zurückgeschraubt wurden, die den Triumpf der russischen Arbeiter ermöglicht hatten. Aus dieser Sicht war die Position des Genossen Bordiga auf dem 2. Kongreß der Komintern zur Parlamentarismusfrage ein Versuch, die Angriffspositionen des Weltproletariats nach vorne zu tragen, und die Position Lenins ein Versuch, dieses historisch veraltete Element revolutionär in einer Lage auszunutzen, die noch nicht alle Elemente dieses Angriffs in sich zusammenbündelte. Die Ereignisse gaben Bordiga recht; nicht bei dieser Tatsache, sondern bei der kritischen Einschätzung der Ereignisse von 1919 in Deutschland, und die darin bestanden, die revolutionären Kämpfe des Proletariats bei diesen neuen, das Überleben des proletarischen Staates und der Weltrevolution entscheidenden Schlachten auszudehnen.

 

Wir werden in diesem Artikel versuchen, die Entwicklung der Klassenpositionen des deutschen Proletariats zu untersuchen, um diese prinzipiellen Elemente hervorzuheben, die den Beitrag der Bolschewiki ergänzen können, und um ihre Politik der Übertragung ihrer Antworten auf neue Situationen zu kritisieren, und zum Werk der allgemeinen Kritik der Ereignisse nach dem Krieg beizutragen.

In der Weimarer Verfassung steht in Artikel 163 folgender Abschnitt:

 

"Die Arbeiter und Angestellten sind dazu berufen, gleichberechtigt in Gemeinschaft mit den Unternehmern an der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen sowie an der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung der produktiven Kräfte mitzuwirken. Die beiderseitigen Organisationen und ihre Vereinbarungen werden anerkannt.

Die Arbeiter und Angestellten erhalten zur Wahrnehmung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Interessen gesetzliche Vertretungen in Betriebsarbeiterräten sowie in nach Wirtschaftsgebieten gegliederten Bezirksarbeiterräten und in einem Reichsarbeiterrat.

Die Bezirksarbeiterräte und der Reichsarbeiterrat treten zur Erfüllung der gesamten wirtschaftlichen Aufgaben und zur Mitwirkung bei der Ausführung der Sozialisierungsgesetze mit den Vertretungen der Unternehmer und sonst beteiligter Volkskreise zu Bezirkswirtschaftsräten und zu einem Reichswirtschaftsrat zusammen".

 

Dies spiegelt im besten Fall einen Zeitraum wider, als die deutsche Bourgeoisie verstand, daß sie nicht nur ihre politische Organisation bis zur Demokratie, in extremster Form durch die Anerkennung der Räte, erweitern mußte, sondern auch den Arbeitern die Illusion der wirtschaftlichen Macht verleihen mußte. Von 1919-23 hatte das Proletariat den Eindruck, die politisch vorherrschende Kraft im Reich zu sein. Seit dem Krieg hatten sich die Gewerkschaften, welche in den Staatsapparat eingegliedert worden waren, zu Stützpfeilern des gesamten kapitalistischen Gebäudes entwickelt. Sie waren als einzige dazu in der Lage, das Proletariat für den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft einzuspannen und für einen stabilen kapitalistischen Herrschaftsapparat zu sorgen. Die von der Sozialdemokratie geforderte bürgerliche Demokratie erwies sich als einzige Hürde für die revolutionäre Entwicklung der Arbeiterkämpfe. Der Kampf der Arbeiter wurde zu einer politischen Macht hingeführt, die in Wirklichkeit durch die Bourgeoisie kontrolliert wurde, welche wiederum Unterstützung durch die Gewerkschaften erhielt, um die Industrie wieder flottzukriegen.

Zu dieser Zeit blühte die erste Sozialgesetzgebung der Welt auf, die kollektiven Arbeitsverträge, die Fabrikzellen, die manchmal den reformistischen Gewerkschaften entgegentraten oder den revolutionären Bestrebungen der Proletarier, wie z.B. im Ruhrgebiet 1921-22 Fesseln anlegten.

 

Der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft vollzog sich inmitten dieser Schwemme von Freiheiten und Arbeiterrechten; er führte aber, wie wir jetzt wissen, zur Inflation von 1923. Dort traten gleichzeitig die Schwierigkeiten eines besiegten und stark angeschlagenen Kapitalismus auf, der seinen Produktionsapparat in Gang zu setzen versuchte, sowie die Reaktionen eines Proletariats, dessen Nominallöhne, sein Anschein politischer Macht, seine gewaltige Sozialgesetzgebung sich in Nichts auflösten.

 

Wenn das Proletariat in Deutschland 1923 eine Niederlage erlitt trotz der "Arbeiterregierungen" in Sachsen und Thüringen, trotz einer sehr einflußreichen und vom Zentrismus nicht verdorbenen KP, die zudem noch von Spartakisten geführt wurde, und wenn trotz all der günstigen Bedingungen, die die Schwierigkeiten des deutschen Imperialismus eröffneten, der Sieg dennoch ausblieb, müssen die Ursachen hierfür in Moskau bei den Thesen des 3. und 4. Kongresses der Komintern gesucht werden, die von den Spartakisten akzeptiert worden waren, und die das Programm der Spartakisten von 1919 nicht ergänzten, sondern weiter hinter ihm hinterherhinkten. Trotz einiger wichtiger Unklarheiten enthielt die Programmrede von R. Luxemburg eine ausdrückliche Verwerfung der demokratischen Kräfte des Kapitalismus, eine Perspektive der wirtschaftlichen und gleichzeitiig politischen Revolution und nicht die einer Reihe von "Arbeiterregierungen" und "Einheitsfronten" mit konterrevolutionären Parteien.

 

Unserer Meinung nach ist die Niederlage von 1923 eine Reaktion auf den Stillstand der kritischen Gedanken des Kommunismus, der nachahmt anstatt Neues zu erfinden, sich weigert, aus der Wirklichkeit neue programmatische Regeln abzuleiten. Gleichzeitig eilte der Weltkapitalismus, der zu jenem Zeitpunkt das Ruhrgebiet besetzte, der deutschen Bourgeoisie objektiv zur Hilfe und führte dadurch eine Welle von Nationalismus herbei, der das Bewußtsein der Arbeiter und selbst der Führer der KPD kanalisierte oder es zumindest trübte.

 

Als diese gefährliche Klippe gemeistert war, erhielt der deutsche Kapitalismus schließlich die finanzielle Hilfe von Ländern wie von den USA, die von dem vorübergehenden Verschwinden jeder revolutionären Gefahr überzeugt waren. Dies war der Zeitraum einer bislang nie gekannten finanziellen und industriellen Konzentrations- und Zentralisierungsbewegung auf der Grundlage einer beschleunigten Rationalisierung, während Stresemann die Nachfolge einer Reihe von sozialistischen oder sozialisierenden Regierungen antrat.

 

Die Sozialdemokratie unterstützte diese strukturelle Konsolidierung eines Kapitalismus, der in seiner disziplinierten Organisation seine Kraft suchte, um seinen Gegner aus Versailles entgegenzutreten. Sie entwickelte gegenüber den Arbeitern den Mythos der Wirtschaftsdemokratie, der Rettung der nationalen Wirtschaft, vom angeblichen Vorteil, weil die Arbeiter nur wenigen Arbeitgebern gegenüberstanden, und von den damit geschaffenen Voraussetzungen für den Sozialismus.

 

1925-26 setzte sich bis zu den ersten Anzeichen der Wirtschaftskrise die organisatorische Umwälzung der deutschen Wirtschaft unaufhaltsam fort. Man könnte fast sagen, daß der deutsche Kapitalismus, der im 1. Weltkrieg der Welt dank seiner industriellen Kräfte und dank der Militarisierung eines außerordentlich starken Wirtschaftsapparates die Stirn hatte bieten können, nach den sozialen Unruhen der Nachkriegszeit seine hochzentralisierte Wirtschaftsorganisation weiter entwickelt hat, die unabdingbar ist für die inter-imperialistischen Kriege, und dabei unter den Peitschenhieben der weltweiten Wirtschaftskrise die Wirtschaft in eine Kriegswirtschaft umorganisiert hat. Von 1926 wurden die großen Konzerne des Stahlvereins, der IG-Farbenindustrie, des Elektro-Konzerns Siemens, AEG gegründet. Ihre Gründung wurde übrigens durch die Inflation und die darauffolgenden Erhöhungen der Industriewerte erleichtert.

Schon vor dem Krieg hatte die Organisation der Wirtschaft in Deutschland, die Kartelle, die Konzerne, die Fusion zwischen und Finanz- und Industriekapital eine höhere Stufe erreicht. Aber von 1926 an beschleunigte sich die Bewegung, und Konzerne wie Thyssen, Rheinelbe- Union, Phönix, Rheinische Stahlwerke schlossen sich zusammen und bildeten den Stahlverein, der die Kohleindustrie und ihre Nebenprodukte, die Metallindustrie und Hochöfen, die Eisenerz benötigten (welches Deutschland mit dem Verlust Lothringens und Oberschlesiens nun nicht mehr besaß), wurden durch Siemens-Martin Öfen ersetzt, welche Schrott verwerten konnten.


Diese Konzerne kontrollierten bald eng und aufs genaueste die ganze deutsche Wirtschaft und erhoben sich als Damm gegen das Proletariat. Ihre Entwicklung wurde durch die Investitionen amerikanischen Kapitals und z.T. durch russische Aufträge beschleunigt. Aber von diesem Zeitpunkt an wurde das Proletariat, das mit den Ereignissen von 1923 seine Illusionen über seine wirkliche politische Macht verloren hatte, in einen entscheidenden Kampf gezogen. Die Sozialdemokratie unterstützte den deutschen Kapitalismus, redete davon, daß die Konzerne sozialistische Keimzellen seien und pries die kollektiven, auf Versöhnung im Betrieb aufgebauten Verträge und stellte dies alles als einen Weg zur Wirtschaftsdemokratie dar. Die KPD machte den Prozeß der "Bolschewisierung" durch, der zur Annahme der Auffassung vom "Sozialfaschismus" führte, welcher mit der Verwirklichung der 5-Jahrespläne in Rußland zusammenfiel. Dadurch sollte die KPD eine ähnliche, wenn auch nicht gleiche Rolle wie die Sozialdemokratie spielen.

 

Dennoch von dieser Zeit an der Rationalisierung, der Schaffung von gigantischen Konzernen tauchten in Deutschland die ökonomischen Grundlagen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten der Machtübernahme durch den Faschismus im Jahre 1933 auf. Die zunehmende Zusammenballung von Proletariern als Ergebnis der kapitalistischen Zentralisierungstendenzen, eine als Köder eingerichtete Sozial-Gesetzgebung, um gefährliche revolutionäre Bewegungen zu verhindern, eine permanente Arbeitslosigkeit, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse ständig durcheinanderbringt, schwere Auslandsschulden (Reparationszahlungen), all das erforderte fortgesetzte Angriffe gegen die Löhne, die ohnehin schon seit der Inflation sehr niedrig waren. Was vor allem die Herrschaft des Faschismus erforderlich machte, war die durch das Proletariat in der Nachkriegszeit ausgehende Bedrohung, die der Kapitalismus abwenden konnte mit Hilfe der Sozialdemokratie. Aber nun erfoderte dies eine politische Struktur, die der disziplinarischen Konzentration auf der ökonomischen Ebene entsprach. Ebenso wie der Vereinigung des Reichs eine industrielle Konzentration und Zentralisierung 1865-67 vorausgegangen war, ging der Machtübernahme durch den Faschismus eine zu höchst imperialistische Reorganisierung der deutschen Wirtschaft voraus, die notwendig war, um die Gesamtheit der durch Versailles in die Knie gegangenen Klasse zu retten.

Wenn man heute von den ökonomischen Eingriffen des Faschismus spricht, von "seiner" dirigierten Wirtschaft, "seiner" Autarkie, entstellt man die Wirklichkeit gewaltig. Sie stellt tatsächlich nur die gesellschaftliche Struktur dar, die am Ende dieser ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung für den Kapitalismus notwendig war. Nach 1919 konnte der deutsche Kapitalismus, als er erbärmlich auseinanderfiel, den Faschismus nicht zu Hilfe rufen, zudem das Proletariat damals als eine große Gefahr wirkte. Deshalb wurde der Kapp-Putsch von allen Fraktionen des Kapitalismus wie übrigens auch von den Alliierten bekämpft, die die unersetzbare Hilfe der Sozialdemokraten erkannten. In Italien dagegen fand der revolutionäre Angriff nicht inmitten eines Zerfalls des Kapitalismus statt, sondern auf dem Hintergrund des Bewußtseins der Schwäche, die ihn dazu führte, sich während der Fabrikbesetzungen zurückzuziehen, um seine Rettung in die Hände der Sozialisten zu legen, die es ihm aber dennoch ermöglichte, sofort zu reagieren, als die Kämpfe vorbei waren, um dann den Faschismus herbeizuführen.

 

Kurzum, alle Innovationen des Faschismus liegen auf ökonomischer Ebene in einer Verstärkung der ökonomischen "Disziplinierung", der Verbindung zwischen Staat und den Großkonzernen (Benennung von Kommissaren für die verschiedenen Wirtschaftsbranchen), der Verankerung einer Kriegswirtschaft.

 

Die Demokratie als Deckmantel der kapitalistischen Herrschaft kann nicht den Bedürfnissen einer Wirtschaft entsprechen, die durch den Krieg niedergedrückt, durch das Proletariat zerrüttet wird und deren Zentralisierung ein Widerstandspfeiler bei der Vorbereitung auf ein Abschlachten ist, eine Art Übertragung der internen Gegensätze auf Weltebene. Dies trifft umso mehr zu, da sie eine gewisse Mobilität in den ökonomischen und politischen Beziehungen voraussetzt, eine Fähigkeit, Gruppen und Individuen hin- und herzuschicken, die, obwohl offensichtlich auf die Aufrechterhaltung der Privilegien einer Klasse ausgerichtet, dennoch in allen Klassen den Eindruck erwecken muß, daß sie einen Aufstieg in der Gesellschaft machen könnten.

 

Während der Entwicklung der deutschen Wirtschft in der Nachkriegszeit machten die an den Staatsapparat gebundenen Konzerne - welche von diesem den Ausgleich für durch die Arbeiterklasse erzwungenen Konzessionen forderten - ein Überleben der Demokratie unmöglich, zumal die Pespektive nicht die einer gewinnträchtigen Ausbeutung der Kolonien war, sondern die eines hartnäckigen und harten Kampfes gegen Versailles und sein Reparationszahlungssystem und die Auseinandersetzung um ein Zugangsrecht zum Weltmarkt. Dieser Weg war der des brutalen und gewalttätigen Kampfes gegen das Proletariat, und in dieser Hinsicht zeigte der deutsche Kapitalismus auch auf ökonomischer Ebene den Weg, den die anderen Länder mit allen Mitteln beschreiten müßten. Es ist offensichtlich, daß die deutsche Bourgeoisie ohne die Hilfe des Weltkapitalismus ihre Ziele nie hätte durchsetzen können. Um die Niederschlagung der Arbeiter zu ermöglichen, mußte man alle Anzeichen amerikanischer Macht aus dem Weg räumen, welche die ausschließliche Ausbeutung der Arbeiter durch die deutsche Bourgeoisie verhinderten, Zahlungsaufschübe gewähren, schließlich die Bürde der Reparationen abschaffen. Auch die Intervention des russischen Staates, welcher die deutschen Arbeiter zugunsten seiner 5-Jahrespläne fallenließ, als er ihren Kampf fesselte, war notwendig, so daß schließlich aus ihm ein Element des faschistischen Sieges werden konnte.

 

Die Lage zwischen März 1923-33 zeigt, daß von der Weimarer Verfassung bis zu Hitler ein Prozeß einer vollständigen und organischen Kontinuität stattfand. Die Niederschlagung der Arbeiter wirkte nach einem Zeitpunkt einer vollen Blüte der bürgerlichen und "vergesellschafteten" Demokratie - welche Weimar zum Ausdruck brachte - und ermöglichte die Wiederaufrichtung der kapitalistischen Kräfte. Von da wurden die Stricke immer enger gezogen: Bald wurde Hindenburg 1925 zum Verteidiger dieser Verfassung, und während der Kapitalismus seine Waffen noch verstärkte, wurde die Demokratie immer mehr eingeschränkt. In Zeiten sozialer Spannung aber wurde sie ausgedehnt; so wurden "Sozialistische" Koalitionsregierungen (H. Müller) gebildet. Aber je mehr Sozialisten und Zentristen die Verwirrung der Arbeiter vergrößerten, umso stärker neigte die Demokratie dazu, sich aufzulösen (Regierung Brünings und ihre Verordnungen), um schließlich dem Faschismus ganz den Platz zu überlassen, der nunmehr auf keinen Widerstand der Arbeiter mehr stieß. Zwischen Demokratie und ihrem Vorzeigestück, der Weimarer Republik, und dem Faschismus trat kein Widerspruch auf: die eine ermöglichte die Niederschlagung der revolutionären Bedrohung, zerstreute das Proletariat, trübte sein Bewußtsein; der Faschismus vervollständigte diese Arbeit am Ende dieses Prozesses, indem er mit der "eisernen Faust" der Repression zuschlug und die Einheit der kapitalistischen Gesellschaft durch die Zerschlagung jeglicher proletarischer Gefahr herstellte.

 

Wir wollen hier nicht wie kleinliche Pedanten und die überlichen Schreiberlinge auftreten, die die Geschichte nachträglich "korrigieren" möchten und versuchen, eine Erklärung der Ereignisse in Deutschland in einer schlechten Anwendung dieser oder jener Formulierung zu finden. Es ist offensichtlich, daß das deutsche Proletariat nur unter der Bedingung hätte siegen können, indem es die Komintern (mit Hilfe der Linksfraktionen) von dem zerstörerischen Einfluß des Zentrismus befreite, und sie um Losungen zusammenschloß, welche alle Formen der Demokratie und jeglichen "proletarischen Nationalismus" verwarfen; um sich an seine Interessen und Errungenschaften zu klammern. Aus dieser Sicht war der "Sozialfaschismus" keine über den demokratischen Sumpf hinausgehende Position, da er nicht den Verlauf der Ereignisse erklärte, sondern alles durcheinanderschmiß. Stattdessen lieferte er nur eine Rechtfertigung für die im Namen der RGI vollzogenen Spaltung der Gewerkschaften. Keine demokratische Einheitsfront konnte das deutsche Proletariat retten, sondern nur der Kampf gegen dieselbe. Aber dieser Kampf sollte zerstreut werden, sobald er Verstärkung suchte bei einem proletarischen Staat, der auf die Verarbeitung der gesamten kapitalistischen Welt hinarbeitete.

 

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Der deutsche Faschismus kann weder als eine vom Kapitalismus unterschiedliche Erscheinung noch als ein Ergebnis der verzweifelten Mittelklassen angesehen werden. Er stellt die Herrschaftsform des Kapitalismus dar, dem es nicht mehr mit Hilfe der Demokratie gelingt, alle Klassen der Gesellschaft für die Aufrechterhaltung seiner Privilegien zusammenzufesseln. Er liefert keinen neuen Typ gesellschaftlicher Organisation, sondern einen entsprechenden Überbau für eine hochentwickelte Wirtschaft, die das Proletariat politisch zerstören muß, um jede Bewegung aus den immer offener werdenden Gegensätzen zwischen dem Kapitalismus und dem revolutionären Bewußtsein der Arbeiter zu zerstören. Der Statistiker mag immer die große Masse der Kleinbürger in Deutschland (3 Mio. Intellektuelle (Beamte eingeschlossen)) anführen, um den Faschismus als deren Bewegung darzustellen. Die Kleinbürger leben in einer historischen Situation, in der Produktivkräfte, die sie erdrücken, ihnen ihre Unfähigkeit vor Augen führen, die Politisierung der gesellschaftlichen Gegensätze zu bestimmen, nämlich zwischen den Hauptakteuren Bourgeoisie und Proletariat. In dieser Situation haben die Kleinbürger nicht mehr die Möglichkeit des Hin- und Herschwankens. Stattdessen bewegen sie sich instinktiv auf diejenigen zu, die ihnen die Beibehaltung ihrer Position in der gesellschaftlichen Hierarchie garantieren wollen. Anstatt sich gegen den Kapitalismus zu erheben, streben die Kleinbürger, ob kleiner Angestellter oder Händler, den Aufbau eines sozialen Gebäudes an, von dem sie sich wünschen, daß es stark genug sei, um die "Ordnung, Ruhe" herschen zu lassen, daß ihre Würde respektiert werde, ganz im Gegensatz zu den in Sackgassen endenden Arbeiterkämpfen, die sie aufregen und die Lage undurchsichtig werden lassen. Aber wenn das Proletariat sich erhebt und auf eigenen Füßen steht und zum Angriff übergeht, können die Kleinbürger sich nur ducken und das Unvermeidliche akzeptieren. Wenn man den Faschismus als die Bewegung der Kleinbürger darstellt, stellt man die historische Wirklichkeit auf den Kopf, indem man die Ebene verdeckt, auf der dieser tatsächlich entstanden ist. Der Faschismus kanalisiert alle Kontraste, die den Kapitalismus in Gefahr bringen, und führt sie zu seiner Konsolidierung. Er greift den Wunsch der Kleinbürger nach Ruhe auf, die Verzweiflung der hungrigen Arbeitslosen, den blinden Haß des verwirrten Arbeiters und vor allem den Willen der Kapitalisten, jedes störende Element bei der militaristischen Wirtschaft auszulöschen, die Kosten für die Unterhaltung einer ständigen Arbeitslosenarmee auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

 

In Deutschland entstand der Faschismus auf der Grundlage der Niederlage des Proletariats und der unabweisbaren Bedürfnsse einer durch die tiefgreifende Krise erschütterten Wirtschaft. Vor allem unter Brüning kam es zu seinem Aufstieg, zu einer Zeit, als die Arbeiter nicht in der Lage waren, ihre wild angegriffenen Löhne zu verteidigen, und die Arbeitslosen ihre immer stärker gekürzten Arbeitslosenzahlungen. In den Fabriken, auf den Werften suchten die Nazis ihre Fabrikzellen, schreckten nicht vor dem Auslösen von ökonomischen Streiks zurück, weil sie davon überzeugt waren, daß diese Streiks mit Hilfe der Sozialdemokratie und Zentristen einen bestimmten Rahmen nicht überschreiten würden. Und als das Proletariat schon zur Hälfte geschlagen war, brach im Nov. 1932 vor den Wahlen von Papens, der gerade die sozialdemokratische Regierung in Preußen entlassen hatte, der Transportarbeiterstreik von Berlin aus, der von Faschisten und Kommunisten angeführt wurde. Dieser Streik schwächte das Berliner Proletariat, weil die Kommunisten sich schon als unfähig erwiesen, die Faschisten aus dem Streik zu vertreiben, die Streiks auszudehnen, aus ihnen ein Signal eines revolutionären Kampfes zu machen. Das Auseinanderfallen des deutschen Proletariats ging einerseits einher mit einer Entwicklung, wo der Faschismus die alten Arbeiterwaffen gegen die Arbeiter selbst richtete, andererseits gab es eine Reihe von wirtschaftlichen Maßnahmen, verstärkter Hilfe für den Kapitalismus (erinnern wir uns, daß von Papen die Maßnahmen zur Unterstützung der Industrie beschloß, die Arbeitslose einstellte und in der es rechtlich abgesichert wurde, die Löhne zu senken).

 

Kurzum, der Sieg Hitlers im März 1933 brauchte keine Gewaltanwendung: die Frucht war durch die Sozialisten und Zentristen zur Reifung gebracht worden, ein normaler Abschluß einer veralteten demokratischen Form. Die Gewalt hatte nur nach der Machtübernahme der Faschisten einen Sinn - dies geschah nicht als eine Reaktion auf einen proletarischen Angriff, sondern nur um ihn vorzubeugen. Als auseinandergefallene, zerstreute Kraft sollte das Proletariat zu einem aktiven Element der Konsolidierung einer zum Krieg hin orientierten Gesellschaft werden. Deshalb konnten sich die Faschisten nicht damit begnügen, die von den Verrätern angeführten Klassenorganisationen zu tolerieren, sondern sie mußten im Gegenteil die geringste Spur des Klassenkampfes auslöschen, um besser die Arbeiter zu verwirren und aus ihnen blinde Instrumente der imperialistischen Ziele des deutschen Kapitalismus zu machen.

 

Im Jahr 1933 wurde das Werk der faschistischen Knebelung der Arbeiterklasse systematisch vollendet. Die Gewerkschaften wurden ausgelöscht und durch von der Regierung kontrollierte Betriebsräte ersetzt. Im Jan. 1934 wurde der Sache schließlich die juristische Krone aufgesetzt: die Arbeitsordnung, die Lohnfragen regelt, Streiks verbietet, die Allmacht der Bosse und der faschistischen Kommissare institutionalisiert, und die vollständige Verbindung der zentralisierten Wirtschaft mit dem Staat herstellt.

 

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Unter diesen Umständen hat das deutsche Proletariat - übrigens genau wie das italienische - keine eigene Existenz mehr. Um sein Klassenbewußtsein wiederzufinden, muß es warten, bis zukünftige Kämpfe diese, ihm vom Kapitalismus auferlegte Zwangsjacke zerreißen. In der Zwischenzeit ist nicht daran zu denken, irgendwelche Massenarbeit in den faschistischen Ländern zu betreiben; ein Versuch, der übrigens viele heldenhafte Genossen in die Hände der Henker von Rom oder Berlin hat fallen lassen. Die alten, sich auf das Proletariat berufenden Organisationen, die jedoch mittlerweile vom Kapitalismus übernommen wurden, müssen als tot betrachtet werden. Jetzt muß man zur Arbeit der theoretischen, historischen Analyse übergehen, die die Voraussetzung für den Aufbau neuer Organisationen ist, welche das Proletariat zum Sieg mittels einer lebendigen Kritik an der Vergangenheit führen können.

 

BILAN, Nr. 16, Feb.-Mürz 1935, S. 549