Bilan Nr. 11 vom Oktober/November 1934

Krisen
und Zyklen in der Wirtschaft des niedergehenden Kapitalismus II

Vorstellung

Im Folgenden veröffentlichen wir den zweiten Teil einer
Studie, die in der Zeitschrift "Bilan" 1934 erschienen ist. Wir haben
in der letzten Nummer der Internationalen Revue den ersten Teil publiziert, in
dem Mitchell die Grundlagen der marxistischen Analyse des Profits und der
Kapitalakkumulation in der Kontinuität von Marx und Rosa Luxemburg untersucht.
In diesem zweiten Teil wendet er sich der "Analyse der allgemeinen Krise
des dekadenten Imperialismus" zu und erklärt mit einer bemerkenswerten
Klarheit die Merkmale dieser allgemeinen Krise des Imperialismus. Diese Studie
errichtete damals die theoretische Grundlage für das Verständnis der
unausweichlichen Tendenz zum Krieg in der historischen Krise des Kapitalismus.
Sie bleibt von brennendem Interesse, da sie einen theoretischen Rahmen gibt für
das heutige Verständnis der Wirtschaftskrise.                                                      IKS

Wir
haben im ersten Teil dieser Studie festgestellt, dass die Periode von 1852 bis
1873 den Stempel einer beträchtlichen Entwicklung des Kapitalismus in freier
Konkurrenz (gemildert einzig durch den Protektionismus  zur Verteidigung von im Wachstum
befindlichen Industrien) trug. In dieser historischen Phase  vollendeten die diversen nationalen Bourgeoisien
ihre ökonomische und politische Vorherrschaft auf den Ruinen der feudalistischen
Überbleibsel. Sie befreiten die kapitalistischen Produktivkräfte von allen
Fesseln: in Russland mit der Aufhebung der Leibeigenschaft, in den Vereinigten
Staaten mit dem Sezessionskrieg und der Überwindung der anachronistischen
Sklaverei und in Italien und Deutschland mit der Vollendung der nationalen
Einigung. Der Vertrag von Frankfurt beendete den Zyklus der großen nationalen
Kriege, aus denen die modernen Staaten hervorgegangen waren.

Der organische Prozess in der kapitalistischen Ära

Im
schnellen Entwicklungsrhythmus integrierte die kapitalistische Produktionsweise
bereits gegen 1873 die angrenzenden außerkapitalistischen Gebiete in ihre
Sphäre, in ihren Markt. Europa war eine große, von der kapitalistischen
Produktionsweise beherrschte Warenwirtschaft geworden (mit Ausnahme von einigen
rückständigen Gebieten im Zentrum und im Osten). Auf dem nordamerikanischen
Kontinent errichtete der bereits stark entwickelte angelsächsische Kapitalismus
seine Hegemonie.

Der
kapitalistische Akkumulationsprozess wurde zeitweise von zyklischen Krisen
unterbrochen, nahm dann aber mit um so ungestümerer Kraft aufs Neue seinen Lauf
und brachte eine ungeheure Zentralisierung der Produktionsmittel hervor, die
den tendenziellen Fall der Profitrate noch mehr beschleunigte. Es gab ein
Aufblühen riesiger Unternehmen mit hoher organischer Zusammensetzung des
Kapitals, das durch die Entwicklung von Aktiengesellschaften weiter angeregt
wurde. Diese Gesellschaften ersetzten den individuellen Kapitalisten, der
allein nicht in der Lage war, den extensiven Forderungen der Produktion zu
genügen. Die Industriellen verwandelten sich in den Verwaltungsräten
untergeordnete Agenten.

Ein
anderer Prozess kam in Gang: Aus der Notwendigkeit, einerseits dem
tendenziellen Fall der Profitrate entgegenzuwirken, d.h. den Profit auf einer
Höhe zu halten, die dem Charakter der kapitalistischen Produktionsweise
entspricht, andererseits eine anarchische und zerstörerische Konkurrenz zu
bremsen, tauchten nach 1873 monopolistische Organisationsformen auf. Erste
Kartelle entstanden, bald darauf die konzentriertere Form der Syndikate.
Schließlich entstanden Trusts und Konzerne mit horizontaler Integration
ähnlicher Industrien oder vertikaler Integration von verschiedenen
Produktionszweigen.

Mit
dem Zustrom von beträchtlichen Mengen an verfügbaren Ersparnissen, die durch
die intensive Akkumulation erwirtschaftet wurden, erlangte das Humankapital
einen überragenden Einfluss. Das Beteiligungssystem, das sich über die
Monopolgebilde spannte, gab ihm den Schlüssel zur Kontrolle der Produktion. Das
industrielle sowie das Handels- und Bankkapital verloren so schrittweise ihre
selbständige Stellung im wirtschaftlichen Mechanismus und auch einen
beträchtlichen Anteil am Mehrwert. Sie wurden zu einer höheren kapitalistischen
Organisationsweise gedrängt, die nach eigenem Gutdünken agiert: Es entstand das
Finanzkapital. Dieses war alles in allem gesehen das Ergebnis der
kapitalistischen Akkumulation und ihrer widersprüchlichen Erscheinungsformen.
Diese Definition hat natürlich nichts mit jener gemeinsam, die das
Finanzkapital als einen Willensausdruck einzelner Individuen darstellt, die vom
Spekulationsfieber getrieben werden, um andere kapitalistische Formationen
auszuplündern und ihre „freie“ Entwicklung zu behindern. Eine solche Auffassung
vertreten die kleinbürgerlichen Sozialdemokraten  und Neomarxisten, die sich im Sumpf des
"Antihyperkapitalismus" bewegen, und bringt das Unverständnis für die
Gesetze der kapitalistischen Entwicklung zum Ausdruck. Sie ist dem Marxismus
fremd und verstärkt lediglich die ideologische Herrschaft der Bourgeoisie.

Der
Prozess der organischen Zentralisierung lässt die Konkurrenz keineswegs
verschwinden, sondern vergrößert sie im Gegenteil in anderen Formen. Sie bringt
also nur eine höhere Stufe der grundlegenden kapitalistischen
Widersprüchlichkeit zum Ausdruck. Auf die Konkurrenz zwischen
Individualkapitalisten, die sich zur Zeit des "progressiven"
Kapitalismus auf allen nationalen und internationalen Märkten tummelten, folgt
der internationale Wettstreit zwischen höher entwickelten Organismen: nämlich
den Monopolen, den Herren der nationalen Märkte und der Grundindustrien.

In
dieser Zeit hat die Produktion einen Umfang erreicht, der die Kapazitäten des
nationalen Marktes überfordert und sie deshalb geographisch, durch koloniale
Eroberungen zu Beginn der imperialistischen Ära, ausweitet. Die höchste Form
der kapitalistischen Konkurrenz manifestiert sich schließlich in den
imperialistischen Kriegen. Sie taucht auf, sobald alle Gebiete des Globus unter
den imperialistischen Nationen aufgeteilt sind. Unter der Leitung des
Finanzkapitals findet ein Transformationsprozess der nationalen Gebilde statt.
Diese Umbildung der globalen Wirtschaftseinheiten ist eine Folge der
historischen Umwälzungen und brachte schließlich eine globale Arbeitsteilung
mit sich. "Die Monopole verstärken den Widerspruch zwischen dem
internationalen Charakter der kapitalistischen Weltwirtschaft und dem Charakter
des kapitalistischen Nationalstaates."
(Rosa Luxemburg)

Die
Entwicklung des ökonomischen Nationalismus ist sowohl intensiv als auch
extensiv.

Das
Hauptgerüst der intensiven Entwicklung bildet der Protektionismus. Er beschützt
nun aber nicht mehr die in Entstehung begriffenen Industrien, sondern die
Monopole des nationalen Marktes und beinhaltet zwei Möglichkeiten: Im Innern
bringt er einen Superprofit ein, nach Außen erlaubt er das Dumping durch den
Verkauf unter dem Wert.

Die
extensive Entwicklung orientiert sich an der Eroberung von vorkapitalistischen
Gebieten und Kolonien, um der ständigen Notwendigkeit  zur Ausdehnung des Kapitals, sprich: der Realisierung und
Kapitalisierung des Mehrwerts, gerecht zu werden.

Die
fundamentale Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise besteht in der
ständigen Ausdehnung seines Marktes, um der ständigen Drohung einer
Überproduktion an Waren, die sich in den zyklischen Krisen bemerkbar macht, zu
entgehen. Einerseits steigt die organische Zusammensetzung des Kapitals und
führt so zu Monopolen, zum Finanzkapital und zu einem wirtschaftlichen
Nationalismus, anderseits mündet die historische Entwicklung in den
Imperialismus. Bucharin definiert den Imperialismus als "ein Produkt
des Finanzkapitals"
, was aber nichts anderes als eine falsche
Herleitung ist und vor allem auch eine Außerachtlassung des gemeinsamen
Ursprungs beider o.g. Aspekte des kapitalistischen Prozesses bedeutet: nämlich
der Mehrwertproduktion.

Die Kolonialkriege in der ersten Phase des Kapitalismus

Der
Zyklus der nationalen Kriege ist hauptsächlich durch den Kampf von sich im
Aufbau befindlichen Nationen charakterisiert. Die Bedürfnisse der
kapitalistischen Produktion machen eine ihnen entsprechende politische und
soziale Struktur erforderlich.

Die
zu erobernden Gebiete kann man folgendermaßen unterteilen:

a)    

Die Siedlungskolonien dienen hauptsächlich als Kapitalanlagefelder und werden als
solche eine Art Verlängerung der metropolitanen Wirtschaft. Sie durchlaufen
eine ähnliche kapitalistische Entwicklung und werden in einigen Bereichen gar
Konkurrenten. Beispiele dafür sind die britischen Dominions, die eine
vollständige kapitalistische Struktur aufweisen.

b)    

In den Ausbeutungskolonien mit dichter Bevölkerung verfolgt das Kapital zwei
Hauptzielsetzungen: Es realisiert hier seinen Mehrwert und eignet sich günstig
Rohstoffe an, was eine Wachstumsbremse für das konstante Kapital und somit eine
Verbesserung des Verhältnisses der Mehrwertmasse zum Gesamtkapital bedeutet.
Den Prozess der Realisierung der Waren haben wir bereits beschrieben: Der
Kapitalismus zwingt die Bauern und die Kleinproduzenten zur Arbeit nicht nach
ihren Bedürfnissen, sondern für den Markt, wo die kapitalistisch hergestellten
Produkte gegen die landwirtschaftlichen Produkte ausgetauscht werden. Die
Agrarvölker in den Kolonien müssen sich unter dem Druck des Handelskapitals in
die Warenwirtschaft integrieren und auf die Großkultur von Rohstoffen wie
Baumwolle, Kautschuk, Reis usw. konzentrieren. Die Kolonialanleihen sind ein
Vorstoß des Finanzkapitals zur Bereitstellung von Kaufkraft, die zum Aufbau eines
Verkehrsnetzes für die Waren dient: Es werden Eisenbahnen und Häfen zur
Erleichterung des Rohstofftransports oder aber strategische Anlagen zur
Konsolidierung der imperialistischen Herrschaft gebaut. Das Finanzkapital wacht
sehr streng darüber, dass diese Kapitalien nicht etwa zur wirtschaftlichen
Emanzipation der Kolonien dienen, dass sich die Produktivkräfte also nur in
einer Art und Weise entwickeln, in der sie für die metropolitanen Industrien
keine Gefahr darstellen können. So werden beispielsweise ihre Aktivitäten auf
eine erste Verarbeitung der Rohstoffe gelenkt, die mit der einheimischen
Arbeitskraft quasi gratis ausgeführt wird. Die Bauern, die unter dem Gewicht
der Wucherzinsen und der Steuern ächzen, müssen die Produkte ihrer Arbeit weit
unter dem Wert, wenn nicht gar unter den Kosten verkaufen.

Zu
den zwei erwähnten Kolonisierungsmethoden gesellt sich eine dritte: Man belegt
Einflusszonen in rückständigen Staaten, macht sie durch Anleihen und
Kapitalanlagen abhängig. Der breite Strom von Kapitalexporten ging einher mit
der Ausweitung des monopolistischen Protektionismus und begünstigte die
Ausweitung der kapitalistischen Produktionsweise auf Zentral- und Osteuropa,
nach Amerika und selbst nach Asien, wo Japan zu einer imperialistischen Macht
wurde.

Die
Ungleichheit der kapitalistischen Entwicklung setzte sich im Prozess der
kolonialen Ausdehnung fort. Zu Beginn des Zyklus der Kolonialkriege standen die
ältesten kapitalistischen Nationen bereits auf einer soliden imperialistischen
Basis. Die beiden größten damaligen Mächte, Großbritannien und Frankreich,
hatten bereits erkleckliche Teile Amerikas, Asiens und Afrikas unter sich
aufgeteilt. Dieser Umstand trug dazu bei, dass diese Länder zuungunsten ihrer
jüngeren Konkurrenten Deutschland und Japan ihre Ausdehnung vollenden konnten,
während Letztere sich mit einigen mageren Flecken in Afrika und Asien zufrieden
geben mussten. Jedoch waren sie in der Lage, ihre metropolitane Stellung in
ungleich höherem Rhythmus zu verstärken als die alten Nationen: Deutschland
konnte als Industriemacht bald den europäischen Kontinent dominieren, sich
gegenüber dem englischen Imperialismus erheben und schließlich die Frage der
Weltherrschaft stellen, deren Lösung im ersten imperialistischen Krieg gesucht
wurde.

Während
sich im Laufe des Zyklus der Kolonialkriege die wirtschaftlichen Unterschiede
und die imperialistischen Widersprüche zuspitzten, konnten die daraus
resultierenden Klassenkonflikte durch die Bourgeoisie in den fortgeschrittenen
Ländern noch friedlich „gelöst“ werden. Dies war dank der während der
kolonialen Raubzüge angehäuften Reserven an Mehrwert möglich. Die Bourgeoisie
konnte nun daraus schöpfen und die privilegierten Schichten der Arbeiterklasse
korrumpieren.1 Die beiden letzten
Dekaden des 19. Jahrhunderts  schufen
innerhalb der internationalen Sozialdemokratie den Boden für den Triumph des
Opportunismus und Reformismus, monströse parasitäre Gewächse, die sich von den
Kolonialvölkern nähren.

Der
koloniale Expansionismus ist in seiner Entwicklungsfähigkeit jedoch begrenzt,
da er in seinem unersättlichen Eroberungsdrang bald alle außerkapitalistischen
Absatzgebiete in sich aufgesogen hat. So orientiert sich die Konkurrenz
zwischen den imperialistischen Mächten, nun bar jeglicher
Ausweichmöglichkeiten, hin zum imperialistischen Krieg.

„Diejenigen,
die sich nun mit der Waffe in der Hand gegenüberstehen“
, sagt R. Luxemburg, „sind nicht einerseits die
kapitalistischen Länder und andererseits Länder mit Naturalwirtschaft, sondern
Staaten, die gerade durch die Identität ihrer fortgeschrittenen
kapitalistischen Entwicklung zur Auseinandersetzung gedrängt werden.“

Zyklen von interimperialistischen Kriegen und
Revolutionen in der allgemeinen Krise des Kapitalismus

Während
die alten Naturgesellschaften Tausende von Jahren bestehen blieben und die
antiken und feudalen Gesellschaftsordnung ebenfalls eine lange historische
Zeitspanne durchliefen, ist „die moderne kapitalistische Produktion dagegen“,
wie Engels hervorhob, „kaum 300 Jahre alt und wurde zur herrschenden erst
mit der Errichtung der Großindustrie, d.h. seit 100 Jahren, hat in dieser
kurzen Zeitspanne Ungleichheiten in der Verteilung hervorgebracht -
Konzentration des Kapitals in einer kleinen Anzahl Hände auf der einen Seite,
Konzentration der eigentumslosen Massen in den großen Städten auf der anderen
Seite -, die ihren Sturz unausweichlich vorbereiten“
.

Die
kapitalistische Gesellschaftsordnung ist aufgrund der zugespitzten Widersprüche
ihrer Produktionsweise nicht in der Lage, ihre historische Mission zu
vollenden, d.h. kontinuierlich die Produktivkräfte und die Produktivität der
menschlichen Arbeitskraft weiter zu entwickeln. Die Revolte der Produktivkräfte
gegen die private Aneignung wird nun permanent. Der Kapitalismus tritt in seine
allgemeine Zerfallskrise ein, und die Geschichte wird Zeuge seiner blutigen
Agonie.

Fassen
wir die Hauptcharakteristiken dieser allgemeinen Krise zusammen: eine
allgemeine und konstante industrielle Überproduktion; eine chronische und
technische Arbeitslosigkeit, die die Produktion von Kapital erschwert; eine
beträchtliche permanente Massenarbeitslosigkeit, die die Klassenwidersprüche
verschärft; eine chronische landwirtschaftliche Überproduktion (wir analysieren
diese weiter unten), die die industrielle Krise in eine allgemeine Krise
verwandelt; eine beträchtliche Verlangsamung des kapitalistischen
Akkumulationsprozesses, hervorgerufen durch eine Verengung des
Ausbeutungsfeldes der Arbeitskräfte (organische Zusammensetzung),  und der kontinuierliche Fall der Profitrate,
den Marx bereits voraussah, als er schrieb, dass „die Produktion jeden
belebenden Anreiz verliert und in Schlaftrunkenheit verfällt, sobald sich die
Bildung von Kapital ausschließlich in den Händen von einigen großen
Kapitalisten befindet, für die die Masse des Profits die Rate kompensiert. Die
Profitrate ist die Triebkraft der kapitalistischen Produktion. Ohne Profit
keine Produktion.“
Schließlich die Notwendigkeit für das Finanzkapital,
nach einem Extraprofit zu trachten, nicht durch die Produktion von Mehrwert,
sondern durch die Ausplünderung sowohl der Konsumenten (durch die Verteuerung
der Warenpreise über ihren Wert hinaus) als auch der Kleinproduzenten (durch
die Aneignung eines Teils ihrer Arbeit). Der Extraprofit stellt also eine auf
der Warenzirkulation erhobene indirekte Steuer dar. Der Kapitalismus weist die
Tendenz auf, im wahrsten Sinn des Wortes parasitär zu werden.

Schon
während der beiden letzten Jahrzehnte vor dem Weltkrieg hatten sich diese
Faktoren der allgemeinen Krise entwickelt und in gewisser Weise gewirkt, obwohl
sich die Konjunktur noch in einem Aufwärtstrend befand – sozusagen der
„Schwanengesang“ des Kapitalismus. 1912 wurde der Kulminationspunkt erreicht,
die kapitalistische Welt wurde von Waren überschwemmt. 1923 brach die Krise in
den USA aus und griff nach Europa über. Der Funke von Sarajewo führte zur
Explosion und zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Dieser stellte die
Neuaufteilung der Kolonien auf die Tagesordnung. Das folgende Massaker bildete
ein beträchtliches Ventil für die kapitalistische Produktion und eröffnete
„großartige“ Perspektiven.

Die
Schwerindustrie fabrizierte nun nicht mehr Produktions-, sondern
Destruktionsmittel und auch die Konsumgüterindustrie arbeitete nun nicht mehr
in erster Linie für die Existenzsicherung der Menschen, sondern an der
Beschleunigung ihrer Zerstörung. Auf der einen Seite führte der Krieg die
„heilsame“ Operation der Wiederherstellung der überzogenen Kapitalwerte aus,
indem er sie ersatzlos zerstörte. Auf der anderen Seite ermöglichte er durch
einen beträchtlichen Preisanstieg unter dem Regime von Preiskontrollen die
Realisierung von Waren weit über ihren Wert. Die Masse des Extraprofits, den
das Kapital aus der Ausplünderung der Konsumenten so bezog, kompensierte bei
weitem die Verminderung der Mehrwertmasse, die das Resultat einer Reduzierung
von Gelegenheiten zur Ausbeutung von Arbeitskraft, eine Folge ihrer
Mobilisierung für die Front, war.

Der
Krieg zerstört vor allem viele Arbeitskräfte, die im Frieden nicht im
Produktionsprozess verwendet werden können und somit eine zunehmende Gefahr für
die Herrschaft der Bourgeoisie darstellen.2
Man schätzt die Zerstörung von reellen Werten auf einen Drittel des gesamten
weltweiten, durch die Arbeit von Generationen von Arbeitern und Bauern
akkumulierten Reichtums. Dieses soziale Desaster nimmt aus der Sicht der
weltkapitalistischen Interessen das Aussehen einer gesunden Bilanz einer
Gesellschaft mit beschränkter Haftung an, die mit Wertpapieren und deren
Gewinn- und Verlustrechnung handelt, von Gewinnen aufgebläht den Ruin zahlloser
kleiner Unternehmen und das Elend der Arbeiter überdeckt. Denn obwohl die
Zerstörungen apokalyptische Ausmaße annehmen, gehen sie nicht auf Kosten des
Kapitalismus. Angesichts der dringenden Notwendigkeit, eine Kriegswirtschaft zu
etablieren, versammeln sich während des Konfliktes alle Mächte unter dem Schirm
des kapitalistischen Staates. Der Staat wird zum großen und unersättlichen
Konsumenten, der seine Kaufkraft mittels gigantischer Anleihen unter bezahlter
Mithilfe des Finanzkapitals aus dem nationalen Sparfonds beschafft. Er bezahlt
mit Verträgen, die nichts anderes als eine Hypothek auf zukünftige Einkommen
der Arbeiter und Bauern sind. Marx‘ vor über 75 Jahren getroffene Feststellung
erhält hier die volle Bestätigung: "Der einzige Teil des so genannten
nationalen Reichtums, der wirklich in das kollektive Eigentum der modernen
Völker übergeht, ist ihre öffentliche Schuld."

Der
Krieg beschleunigt natürlich die Zuspitzung der sozialen Widersprüche. Der
Donnerschlag des Oktober 1917 eröffnet die letzte Phase des Massakers. Der
schwächste Teil des globalen Kapitalismus fiel in sich zusammen. Revolutionäre
Erschütterungen ließen Mittel- und Osteuropa erbeben. Die bürgerliche Macht
wankte. Dem Konflikt musste ein Ende gesetzt werden. In Russland gelang es der
Arbeiterklasse unter der Führung einer in 15 Jahren der Arbeiterkämpfe und
ideologischen Arbeit gestählten Partei, eine noch schwache Bourgeoisie zu
überwältigen und eine eigene Diktatur zu errichten; in den Ländern
Zentraleuropas jedoch ist der Kapitalismus schon fester verwurzelt und der
Bourgeoisie gelang es, obschon unter dem Druck der revolutionären Welle ins Wanken
geraten, mit Hilfe einer noch mächtigen Sozialdemokratie und dem Umstand der
völlig Unreife der kommunistischen Parteien das Proletariat in eine Richtung zu
lenken, die es immer weiter von seinen eigenen Zielsetzungen entfernte. Das
Anliegen des Kapitalismus wurde durch den Waffenstillstand erleichtert, der die
Möglichkeit schuf, die "Kriegsprosperität" in eine Periode des
wirtschaftlichen Wachstums zu verlängern, die durch die Notwendigkeit
gerechtfertigt wurde, die Kriegsproduktion der Erneuerung und Instandsetzung
des Produktionsapparates in Friedenszeiten anzupassen, um dem riesigen
Deckungsbedarf bei den Grundbedürfnissen nachzukommen.  Dieser Aufschwung integrierte fast die
Gesamtheit aller demobilisierten Arbeiter. Zudem machte die Bourgeoisie der Arbeiterklasse
wirtschaftliche Zugeständnisse, wenn sie nicht gerade den Profit schmälerten
(die gestiegenen Löhne folgten der Entwertung der Kaufkraft auf den Fuß). Diese
Konzessionen weckten in der Arbeiterklasse die Illusion einer Verbesserung
ihres Loses innerhalb des Kapitalismus. Sie isolierten die Arbeiterklasse von
der revolutionären Avantgarde und erlaubten schließlich deren Liquidierung.

Die
Erschütterungen auf der Ebene der Währungen verschlimmerten die bereits durch
den Krieg verursachte Unordnung der Wertehierarchie und der
Austauschbeziehungen. Der Aufschwung mündete (zumindest in Europa) in
spekulative Aktivitäten und in eine Zunahme von fiktiven Werten statt in eine
neue zyklische Phase. Er erreichte im übrigen schon bald seinen Höhepunkt. Und
obwohl die Produktionskapazitäten stark vermindert worden und auch spürbar
unter dem Vorkriegsniveau geblieben waren, überstieg das Produktionsvolumen
schnell wieder die Kapazität der Massenkaufkraft. Deshalb erlebten wir bereits
1920 eine neue Krise, die der 3. Kongress der Kommunistischen Internationale
als "Reaktion der Armut gegen die Anstrengungen, so zu produzieren, zu
handeln und zu leben wie in der vorangehenden kapitalistischen Epoche"
,
d.h. als fiktive Prosperität im Krieg und in der Nachkriegsära, definierte.

Ganz
im Gegensatz zu Europa erschien die Krise in den Vereinigten Staaten noch als
Schlusspunkt eines industriellen Zyklus. Der Krieg erlaubte es der
US-Wirtschaft, sich vom Griff der wirtschaftlichen Depression von 1913 zu lösen
und bot ihr beträchtliche Akkumulationsmöglichkeiten durch die Eliminierung
ihrer europäischen Konkurrenten und der Eröffnung eines nahezu unerschöpflichen
militärischen Marktes. Amerika lieferte nun Rohstoffe, landwirtschaftliche und
industrielle Produkte nach Europa. Gestützt auf ihre kolossale Produktivkraft,
auf eine mächtige industrialisierte Landwirtschaft, ihren enormen
Kapitalressourcen und auf ihre Position als Hauptgläubiger der Welt, wurden die
USA zum ökonomischen Mittelpunkt des Weltkapitalismus und verschoben so die
Achse der imperialistischen Widersprüche. Der englisch-amerikanische
Antagonismus trat nun an Stelle der englisch-deutschen Rivalität, die der Motor
des Ersten Weltkriegs war.3 Das Ende
des Krieges ließ in den USA einen starken Kontrast zwischen dem
überentwickelten Produktionsapparat und dem beträchtlich zusammengeschrumpften
Markt entstehen. Dieser Widerspruch entlud sich in der Krise vom April 1920,
die der Wendepunkt des jungen amerikanischen Imperialismus zum Sturz seiner
Ökonomie in den allgemeinen Zerfall war.

In
der dekadenten Phase des Imperialismus gibt es nur noch einen Ausweg für die
Gegensätze des Kapitalismus: den Krieg. Die Menschheit kann diesem Umstand
allein durch die Revolution entgehen.
Doch
die Oktoberrevolution zeigte sich in den fortgeschrittenen westlichen Ländern
nicht imstande, das Bewusstsein des Proletariats zur Reife zu bringen. Die
Revolution war nicht in der Lage, die Produktivkräfte in Richtung Sozialismus
zu lenken, der allein die Widersprüche des Kapitalismus überwinden konnte. So
war, nachdem die letzten revolutionären Energien nach der Niederlage des
deutschen Proletariats 1923 erst einmal ausgebrannt waren, die Bourgeoisie in
der Lage, ihrem System wieder eine relative Stabilität zu verleihen. Obwohl sie
ihre Vorherrschaft stärkte, drängte sie es nichtsdestotrotz wieder auf eine
Fährte, die zu einer neuen und noch verheerenderen Feuersbrunst führt.

In
der Zwischenzeit begann eine neue Periode wirtschaftlichen Aufschwungs, der
alle Erscheinungsmerkmale einer Prosperität analog zu den Zyklen im
aufsteigenden Kapitalismus hatte, zumindest was einen der Hauptaspekte
anbelangt: nämlich die Produktionsentwicklung. Wir haben jedoch gesehen, dass
das frühere Wachstum mit einer Ausdehnung des kapitalistischen Marktes
einherging, der sich außerkapitalistische Gebiete einverleibte. Das Wachstum
der Jahre 1924-1929 fand jedoch im Rahmen der allgemeinen Krise des
Kapitalismus statt und konnte nicht auf solcherlei Möglichkeiten zurückgreifen.
Im Gegenteil, wir wohnten einer Verschärfung der allgemeinen Krise bei, die von
gewissen Faktoren, die wir nun kurz unter die Lupe nehmen, angetrieben wurde:

a)    

Dem kapitalistischen Markt
ist das große Absatzgebiet des imperialen Russland amputiert worden, einem
Importeur von Industriegütern und Kapital und Exporteur von Rohstoffen und
landwirtschaftlichen Produkten, die dank einer heftigen Ausbeutung der Bauern
billig verkauft wurden. Schlimmer noch: Dieses letzte große vorkapitalistische
Gebiet mit seinen enormen Ressourcen und den unermesslichen Arbeitskräften war
in fürchterliche soziale Konvulsionen gestoßen worden, was es dem Kapitalismus
unmöglich machte, hier sichere Investitionen zu tätigen.

b)    

Der Zusammenbruch der
weltwirtschaftlichen Mechanismen eliminierte das Gold als Universalwährung und
als allgemeines Äquivalent für Waren. Das Fehlen eines gemeinsamen Maßstabs und
die Koexistenz von Währungssystemen, die entweder auf dem Gold, dem fixen
Wechselkurs oder der Nichtkonvertibilität fußten, verursachten derartige
Preisunterschiede, dass der Wertbegriff zunehmend vage wurde, der
internationale Handel aus den Fugen geriet und seine Unordnung durch die immer
häufigere Zuflucht zum Dumping verschlimmert wurde.

c) Die chronische und
allgemeine Krise der Landwirtschaft in den Agrarstaaten und in den
landwirtschaftlichen Sektoren der Industriestaaten erreichte ihr volles Ausmaß
in der Weltwirtschaftskrise. In der Vorkriegszeit erhielt die Entwicklung der
landwirtschaftlichen Produktion den Hauptimpuls von der Industrialisierung und
der landwirtschaftlichen Kapitalisierung in den großen Gebieten der USA,
Kanadas und Australiens und weitete sich auf die rückständigen Gebiete
Zentraleuropas und Südamerikas aus, deren hauptsächliche Agrarwirtschaften
ihren halbautonomen Charakter verloren und nun vollständig vom Weltmarkt
abhängig wurden.

Darüber
hinaus übten die Industrieländer, welche normalerweise Importeure
landwirtschaftlicher Güter waren, eine Politik des wirtschaftlichen
Nationalismus aus und versuchten, ihre eigenen agrarwirtschaftlichen Defizite
durch die Erweiterung der Anbauflächen für Getreide und durch eine Steigerung
der Erträge unter dem Schutz von Zollschranken und Subventionen auszugleichen.

Diese
Praxis wurde zunehmend auch in den Ländern mit industrialisierter
Landwirtschaft (USA, Kanada und Argentinien) angewendet. Aus dem
monopolistischen Druck resultierte ein Regime von unrealistischen Agrarpreisen,
die auf das Niveau der höchsten Produktionskosten anstiegen und schwer auf der
Massenkaufkraft lasteten (dies macht sich vor allem beim Getreide, einem
Massenkonsumartikel, bemerkbar).

Die
völlige Integration der bäuerlichen Wirtschaften in den Markt führte zu einer
für den Kapitalismus wichtigen Konsequenz: Die nationalen Märkte konnten nun
nicht mehr ausgedehnt werden und hatten den Punkt der absoluten Sättigung
erreicht. Der Bauer blieb zwar scheinbar ein unabhängiger Produzent, jedoch
wurde er genauso wie ein Lohnabhängiger in die Sphäre der kapitalistischen
Produktion integriert: Gleich wie der Arbeiter durch den Zwang zum Verkauf
seiner Arbeitskraft seiner Mehrarbeit beraubt wird, ist auch der Bauer nicht in
der Lage, sich die in seinem Produkt enthaltene Mehrarbeit anzueignen, da er
dieses unter seinem Wert verkaufen muss.

Im
nationalen Markt zeigt sich die Vertiefung der kapitalistischen Widersprüche
deutlich: Einerseits nimmt der Anteil des Proletariats am Gesamtprodukt
zunächst relativ, schließlich absolut ab; die Erhöhung der permanenten
Arbeitslosigkeit sowie der industriellen Reservearmee vermindert den Absatz für
landwirtschaftliche Güter. Die daraus resultierende Verringerung der
kleinbäuerlichen Kaufkraft schränkt den Markt für kapitalistische Güter ein.
Die konstante Senkung der allgemeinen Massenkaufkraft der Arbeiter und Bauern
gerät nun in einen immer krasseren Gegensatz zur überbordenden
landwirtschaftlichen Produktion, die vor allem Massenkonsumgüter herstellt.

Die
Existenz einer endemischen landwirtschaftlichen Überproduktion
(sie wird anhand des Falls der Getreidepreise zwischen 1926
und 1933 um zwei Drittel klar ersichtlich)

verstärkt die Zerfallsfaktoren, die innerhalb der allgemeinen Krise des
Kapitalismus wirken. Denn die landwirtschaftliche Überproduktion unterscheidet
sich streng genommen von der kapitalistischen Überproduktion insofern, als ihr
nicht entgegengehandelt werden kann (es sei denn durch den „glücklichen“
Umstand einer Naturkatastrophe), betrachtet man die spezifische Natur der
landwirtschaftlichen Produktion, die noch immer unzureichend zentralisiert und
kapitalisiert ist und Millionen von Familien beschäftigt.

Wir
haben nun die Bedingungen bestimmt, in deren Rahmen sich die
interimperialistischen Widersprüche entwickeln. Es ist nun leicht, den wahren
Charakter der ungewöhnlichen Prosperität in der Periode der Stabilisierung des
Kapitalismus zu erraten. Die Hauptzüge der Konjunkturphase von 1924 bis 1928 -
die beträchtliche Entwicklung der Produktivkräfte und der Produktion, des
globalen Handelsvolumens und der internationalen Kapitalbewegungen – erklären
sich aus der Notwendigkeit, die Spuren des Krieges zu entfernen und die
früheren Produktionskapazitäten wiederaufzubauen, so dass sie für ihr
fundamentales Ziel genutzt werden konnten: die Vollendung der ökonomischen und
politischen Struktur der imperialistischen Staaten, die die Sicherstellung ihrer
Konkurrenzfähigkeit bestimmt, und die Herrichtung der Ökonomien für den Krieg.
Es wird nun klar, dass all diese konjunkturellen Schwankungen, obwohl sie sich
auf einer aufsteigenden Kurve bewegen, nichts anderes als die Veränderungen der
imperialistischen Kräfteverhältnisse widerspiegeln, die in der Neuaufteilung
der Welt durch den Versailler Vertrag fixiert worden waren.

Der
technische Fortschritt und das Wachstum der Produktionskapazitäten nahmen
hauptsächlich in Deutschland gigantische Ausmaße an. Nach den inflationären
Erschütterungen der Jahre 1922/23 nahmen die englischen, französischen und vor
allem amerikanischen Kapitalinvestitionen derart zu, dass sie keine heimische
Anlagemöglichkeit mehr vorfanden und durch die Banken insbesondere an die UdSSR
zur Finanzierung des Fünfjahresplans geleitet wurden.

Im
Laufe des Expansionsprozesses der Produktivkräfte wurde auch das Gesetz des
tendenziellen Falls der Profitrate wieder virulent. Die organische
Zusammensetzung nahm nun noch schneller als die Entwicklung des
Produktionsapparates zu, was sich vor allem in den Hauptbranchen zeigte. Das
Resultat war eine Änderung im konstanten Kapital: Der fixe Teil (Maschinen)
stieg stark im Verhältnis zum zirkulierenden Teil (Rohstoffe und
Verbrauchsgüter) und wurde zu einem einengenden Faktor, der die
Produktionskosten in dem Masse erhöhte, wie das Produktionsvolumen schrumpfte
und das fixe Kapital den Gegenwert zum geliehenem Kapital darstellte. Die
mächtigsten Unternehmen reagierten daher 
beim geringsten Konjunktureinbruch am sensibelsten. 1929, auf dem
Höhepunkt der wirtschaftlichen Prosperität, wurden in den USA für die gesamte
Stahlproduktion lediglich 85% der Produktionskapazitäten benötigt; im März 1933
war die Auslastungsrate der Produktionskapazitäten auf 15% gefallen. 1932
wurden in den großen Industrieländern wertmäßig nicht einmal mehr so viele
Produktionsgüter produziert, wie eigentlich zum Ersatz des verbrauchten fixen
Kapitals notwendig gewesen wären.

Solche
Fakten spiegeln einen anderen widersprüchlichen Aspekt des dekadenten
Imperialismus wider: die Aufrechterhaltung eines teilweise ungenutzten
Produktionsapparates als wichtiges militärisches Potenzial.

In
der Zwischenzeit griff das Finanzkapital, um die Produktionskosten zu
vermindern, auf die uns bereits vertrauten Mittel zurück: auf die Senkung der
Rohstoffpreise, um den Wert des zirkulierenden Teils des konstanten Kapitals zu
reduzieren; auf die Festsetzung der Verkaufspreise über ihren Wert, um einen
Extraprofit zu erzielen; auf die Reduzierung des variablen Kapitals entweder
mittels direkter bzw. indirekter Lohnsenkungen oder mittels der Intensivierung
der Arbeit, die durch eine Verlängerung des Arbeitstages erreicht und durch
Rationalisierung und Fließbandarbeit realisiert wird. Man versteht, weshalb
diese letztgenannten Methoden gerade in den technisch am meisten entwickelten
Ländern, nämlich den USA und Deutschland, am rigorosesten eingeführt worden
sind, d.h. in Ländern, die in Zeiten der Rezession benachteiligt sind gegenüber
weniger entwickelten Staaten, in denen die Produktionspreise viel stärker auf
eine Lohnsenkung reagieren.

Die
Rationalisierung findet indessen ihre Grenze in der menschlichen Kapazität.
Außerdem erlauben die Lohnsenkungen nur so lange eine Steigerung der
Mehrwertmasse, wie es keine Senkung der Zahl der beschäftigten Arbeiter gibt.
Konsequenterweise müssen zur Lösung des Grundproblems  - Erhaltung des Werts und der Rentabilität des investierten
Kapitals durch die Produktion und Realisierung eines Maximums an Mehrwert und Extraprofit
(bei parasitärer Ausweitung des Erstgenannten) - andere Richtungen
eingeschlagen werden. Um lebensunfähiges Kapital am Leben zu halten und ihm
einen Profit zu sichern, muss man ihm "frisches" Geld zur Verfügung
stellen, was das Finanzkapital natürlich nicht seinen eigenen Fonds  zu entnehmen bereit ist. Es schöpft dieses
Geld also entweder aus den Ersparnissen, die ihm der Staat zur Verfügung
stellt, oder aus der Kaufkraft der Verbraucher. Daher die Entwicklung der
Monopole, der staatlichen Teilhaberschaft an Mischbetrieben, daher die
Schaffung von kostspieligen „öffentlichen Bedürfnissen“, Anleihen, der
staatlichen Beihilfen für unprofitable Betriebe bzw. der staatlichen Garantien
ihrer Einnahmen. Deshalb auch die Kontrolle der Haushaltsausgaben, die
"Demokratisierung" der Steuern durch die Erweiterung der
steuerpflichtigen Basis, die Steuererlasse zu Gunsten  des Kapitals, um die "Lebenskraft" der Nation
wiederzubeleben, die Verminderung der "nichtproduktiven" sozialen
Ausgaben etc.

Doch
all dies genügt nicht. Die produzierte Mehrwertmasse bleibt ungenügend und die
Produktionssphäre muss ausgedehnt werden. Während der Krieg das große Ventil
für die kapitalistische Produktion ist, ist es in „Friedenszeiten“ der
Militarismus (d.h. alle Aktivitäten, die mit der Vorbereitung auf den Krieg zu
tun haben), der den Mehrwert fundamentaler Bereiche der vom Finanzkapital
kontrollierten Produktion realisiert. Letzteres bestimmt die
Aufnahmekapazitäten des Militarismus, indem es einen Teil der Kaufkraft der
Arbeiter- und Bauernmassen konfisziert und durch die Besteuerung an den Staat
überweist, welcher der Besitzer der Zerstörungsmittel und der strategischen
Öffentlichkeitsarbeit ist. Doch der so gewonnene Aufschub kann die Widersprüche
des Kapitalismus natürlich nicht lösen. Marx hat dies bereits vorausgesehen: "Der
Widerspruch zwischen der durch das Kapital konstituierten allgemeinen
gesellschaftlichen Macht und der Macht jedes einzelnen Kapitalisten, über die
gesellschaftlichen Bedingungen der kapitalistischen Produktion zu bestimmen,
entwickelt sich immer weiter."
All diese der Bourgeoisie innewohnenden
Antagonismen müssen schließlich von ihrem Herrschaftsapparat, den
kapitalistischen Staat, in die Hände genommen werden, der dazu aufgerufen ist,
die fundamentalen Interessen der gesamten bürgerlichen Klasse vor der sie
bedrohenden Gefahr zu beschützen und die Vereinigung der Partikularinteressen
der verschiedenen kapitalistischen Formationen – die teilweise bereits vom
Finanzkapital ausgeführt worden war – zu vervollständigen. Je weniger Mehrwert
es zu teilen gibt, desto schärfer sind die internen Konflikte und desto mehr
gebietet sich diese Konzentration. Die italienische Bourgeoisie war die erste,
die Zuflucht im Faschismus suchte, weil ihre zerbrechliche ökonomische Struktur
unter dem Druck nicht nur der Krise von 1921, sondern auch der gewalttätigen
sozialen Konflikte auseinander zu brechen drohte.

Deutschland,
eine Macht ohne Kolonien und mit einem schwachen imperialistischen Fundament,
war im vierten Jahr der Weltwirtschaftskrise dazu gezwungen, die Gesamtheit der
wirtschaftlichen Ressourcen im Schosse des totalitären Staates zu
konzentrieren, indem es die einzige Kraft zerschlug, die sich selbständig gegen
die kapitalistische Diktatur hätte wehren können. Darüber hinaus war in
Deutschland der Umwandlungsprozess der Wirtschaft in ein Instrument des Krieges
am fortgeschrittensten. Hingegen verfügten die weit mächtigeren
imperialistischen Mächte Frankreich und England noch über beträchtliche Reserven
an Mehrwert; sie hatten noch nicht definitiv den Weg der staatlichen
Zentralisierung betreten.

Wir
haben gerade gesehen, dass das Wachstum der Jahre 1924 bis 1928 eine Folge der
Wiederherstellung und strukturellen Verstärkung der imperialistischen Mächte
war, mit einer Anzahl von zweitrangigen Staaten, die entsprechend ihren eigenen
Interessen und Neigungen sich in den Dunstkreis Ersterer begeben hatten. Aber
gerade weil diese Expansion zwei entgegengesetzte – obwohl eng miteinander
verknüpfte – Bewegungen beinhaltet, eine in Richtung einer Ausweitung der
Produktion und der Zirkulation von Waren, die andere in Richtung Zersplitterung
des Weltmarktes in unabhängige Volkswirtschaften, konnte dieser Sättigungspunkt
nicht lange hinausgezögert werden.

Die
Weltkrise, die die Traumtänzer des Wirtschaftsliberalismus als eine zyklische
Krise betrachtet wissen wollen, die dank der Effekte „spontaner“ Faktoren
gelöst werden könne und der der Kapitalismus daher durch die Anwendung von
Arbeitsprogrammen nach Art von De Man entweichen könne, eröffnet die Periode
der interimperialistischen Kämpfe, zunächst ökonomisch und politisch, dann
gewaltsam und blutig, sobald die Krise alle friedlichen Möglichkeiten des
Kapitalismus erschöpft hat.

Wir
können hier den Prozess des in seinem Ausmaß noch nie da gewesenen
wirtschaftlichen Zusammenbruchs nicht analysieren. Während der Krise werden
alle von uns bereits beschriebenen Versuche, einen Ausweg aus seinen
Widersprüchen zu finden, zigfach und mit verzweifelter Energie vom Kapitalismus
angewendet:  Ausweitung der Monopole vom
nationalen Markt auf die Kolonien und Versuche, unter dem Schutz einer einzigen
Zollmauer (Ottawa) einheitliche Imperien zu bilden; die Diktatur des
Finanzkapitals und die Verstärkung seiner parasitären Aktivitäten; der Rückzug
der internationalen Monopole, die im Angesicht des aufsteigenden Nationalismus
zur Aufgabe gezwungen wurden (Kreuger Krach); die Zuspitzung der Gegensätze
durch die Errichtung von Zollschranken, zu denen sich Auseinandersetzungen über
Währungen gesellen, was die Goldbestände der Zentralbanken in Mitleidenschaft
zog; im Handel die Einsetzung von Institutionen zur Regulierung von
Ausgleichszahlungen oder gar Tauschhandel, die die Regelfunktion des Goldes als
allgemeingültiges Äquivalent für sämtliche Waren übernahmen; die Annullierung
nicht wiedergutzumachender „Reparationen“ und die Nichtanerkennung der
amerikanischen Schulden durch die „Sieger“staaten, die Suspendierung des
Schuldendienstes für private Anleihen und Schulden in den „besiegten“ Staaten,
was zu einem Zusammenbruch der internationalen Kreditpolitik und der
„moralischen“ Werte des Kapitalismus führte.

Wenn
wir die bestimmenden Faktoren der allgemeinen Krise des Kapitalismus erkennen,
begreifen wir, warum die Weltkrise von der „natürlichen“ Wirkung der
ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus nicht aufgefangen werden kann
und warum im Gegenteil diese Gesetzmäßigkeiten durch die kombinierte Macht von
Finanzkapital und kapitalistischem Staat ausgehöhlt werden, die sämtliche Manifestationen
von kapitalistischen Partikularinteressen verdichtet haben. Unter diesem
Gesichtswinkel müssen all die vielfältigen "Experimente" und Versuche
zur Verbesserung der Lage, zur Wiedergenesung gesehen werden, die während der
Krise auftauchten. All diese Aktivitäten 
werden nicht auf internationaler Ebene im Sinne einer Verbesserung der
Weltkonjunktur, sondern auf der nationalen Ebene der imperialistischen
Wirtschaften und in einer Form ausgeübt, die ihren Strukturen angepasst ist.
Wir können hier nicht spezifische Ausdrücke wie die der Deflation, Inflation
oder Währungsabwertung analysieren. Sie sind lediglich von zweitrangigem
Interesse, da sie untergeordnet und kurzlebig sind. All diese künstlichen
Wiederbelebungsversuche der sich im Zerfall befindlichen Wirtschaft bringen
dennoch gemeinsame Früchte hervor. Diejenigen, die demagogisch versprachen, die
Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und die Kaufkraft der Massen zu steigern, endeten
mit dem gleichen Resultat: nicht mit der Senkung der Arbeitslosenzahlen, mit
denen sich die offiziellen Statistiken brüsten, sondern mit der Verteilung der
verfügbaren Arbeit unter immer mehr Arbeitern, was natürlich nur eine
Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen verursacht.

Die
Steigerung der Produktion im Bereich der Investitionsgüter (und nicht der
Konsumgüterindustrie), die sich in jedem Imperialismus bemerkbar macht, wird
einzig durch die Politik der öffentlichen (strategischen) Arbeiten und des
Militarismus alimentiert, deren Bedeutung wir sehr gut kennen.

Wohin
er sich auch immer wendet, was auch immer er versucht, um dem Griff der Krise
zu entkommen, der Kapitalismus wird unaufhaltsam zu seinem Schicksal, der
Auslösung eines neuen Krieges, getrieben. Heute ist es noch nicht möglich zu
bestimmen, wann und wo er ausbrechen wird. Es ist jedoch wichtig zu
unterstreichen, dass er im Zusammenhang mit der Aufteilung Asiens ausbrechen
und weltweit sein wird.

Alle
Imperialismen steuern zum Krieg, ob sie nun im demokratischen Gewand oder in
der faschistischen Uniform daher kommen. Das Proletariat darf sich nicht in
eine abstrakte Unterscheidung zwischen „Demokratie“ und Faschismus ziehen
lassen, denn dies lenkt es nur von seinem täglichen Kampf gegen die eigene
Bourgeoisie ab. Seine Aufgaben und Taktiken von den illusorischen Perspektiven
einer wirtschaftlichen Wiedergenesung oder von der Scheinexistenz von gegen den
Krieg eingestellten, kapitalistischen Kräften abhängig zu machen würde das
Proletariat geradewegs in den Krieg führen oder es jeder Möglichkeit berauben,
den Weg zur Revolution zu finden.

MITCHELL



1 Wir lehnen diese
falsche Auffassung über die "privilegierten Schichten der
Arbeiterklasse"
ab, die unter dem Konzept der
"Arbeiteraristokratie" bekannt ist. Dieses Konzept ist hauptsächlich
von Lenin entwickelt worden (der es wiederum von Engels aufgegriffen hatte) und
wird heute noch von den bordigistischen Gruppen vertreten. Wir haben unsere
Auffassung zu dieser Frage im Artikel "Die Arbeiteraristokratie: eine
soziologische Theorie zur Spaltung der Arbeiterklasse"
(Internationale
Revue
, Nr. 25, franz., engl. und span. Ausgabe, 2. Halbjahr 1981) dargelegt.

2 Auch wenn es
unbestreitbar ist, dass der „Krieg enorme Mengen an Arbeit zerstört“,
mit anderen Worten: dass er zu Massakern an einer großen Anzahl von
Proletariern führt, so kann dieser Satz doch zum Schluss führen, dass die
Bourgeoisie das Mittel des Krieges ergreift, um der Gefahr durch das
Proletariat zu begegnen. Diese Auffassung teilen wir nicht. Diese unmarxistische
Sichtweise, gemäß der der Krieg im Kapitalismus tatsächlich „ein Bürgerkrieg
der Bourgeoisie gegen das Proletariat“
sei, wurde innerhalb der
Italienischen Linken vor allem von Vercesi vertreten.

3 Diese Behauptung
sollte bald durch die Realität widerlegt werden. Sie stützte sich auf eine
politische Position, gemäß der die Hauptkonkurrenten im Handel zwingend auch
die Hauptfeinde auf imperialistischer Ebene sein mussten. Diese Auffassung ist
bereits in einer Debatte der Komintern vertreten worden. Es war Trotzki, der
ihr zu Recht aus dem Grunde widersprach, dass militärische Antagonismen nicht
notwendig ökonomische Rivalitäten widerspiegeln.

Politische Strömungen und Verweise: 

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Erbe der kommunistischen Linke: