Bilanz von 70 Jahren ‚nationaler Befreiungskämpfe‘ 3. Teil (aus International Review, engl. Ausgabe 1992)

Die totgeborenen Nationen

Im 20. Jahrhundert waren die neu entstandenen Nationen schon tot, als sie zur Welt kamen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es ungefähr 40 unabhängige Nationen auf der Welt; heute gibt es 169, denen noch ca. 20 weitere hinzugefügt werden müssen, die aus dem Auseinanderbrechen der UdSSR und Jugoslawien hervorgegangen sind.

Das Fiasko einer Reihe von neuen Nationen, die im 20. Jahrhundert entstanden sind, und der unübersehbare Ruin der jüngst gegründeten Staaten sind der deutlichste Ausdruck des Bankrotts des Kapitalismus.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts treten die Revolutionäre nicht mehr für die Schaffung neuer Nationen und Grenzen, sondern für ihre Zerstörung durch die proletarische Weltrevolution ein. Dies ist die zentrale Achse dieser Artikelserie zur Bilanz von 70 Jahren nationaler Befreiungsbewegungen.

Im ersten Artikel der Serie haben wir aufgezeigt, wie die „nationale Befreiung" als ein tödliches Gift gegen die internationale revolutionäre Welle von 1917-23 wirkte; im zweiten Teil belegten wir, wie „nationale Befreiungskriege" und die neuen Staaten unverzichtbare Bestandteile des Imperialismus und imperialistischer Kriege bilden. Im dritten Teil wollen wir das tragische ökonomische und gesellschaftliche Desaster aufzeigen, das durch die Existenz der 150 im 20. Jahrhundert gegründeten Staaten verursacht wurde.

Die Wirklichkeit hat all die schönen Worte über die "Entwicklungsländer", von denen man sagte, sie würden neue, dynamische Pole wirtschaftlicher Entwicklung werden, in Nichts aufgelöst. All das Gerede von neuen „bürgerlichen Revolutionen", die angeblich einen Aufschwung des Wohlstands bringen würden, der sich auf die in den früheren Kolonien vorhandenen Bodenschätze stützen sollte, hat nicht darüber hinwegtäuschen können, dass all diese angeblichen Revolutionen in Wirklichkeit in einem Fiasko endeten. Der Kapitalismus hat sich als unfähig erwiesen, zwei Drittel dieses Planeten, die Milliarden der von ihm ruinierten Bauern in die globale Produktion zu integrieren.

Die Entstehung der „neuen Nationen" im Kontext der Dekadenz des Kapitalismus

Das entscheidende Kriterium für die Beantwortung der Frage, ob das Proletariat die Bildung neuer Nationen unterstützen soll, ist die historische Dynamik des Kapitalismus. Solange der Kapitalismus, wie im 19. Jahrhundert, eine Dynamik zur weltweiten Ausdehnung und Entwicklung beherbergte, konnten Arbeiter ihn unterstützen. Dies traf allerdings nur auf jene Länder zu, die das Potenzial zur Ausbreitung hatten, und galt nur unter der Voraussetzung, dass die Autonomie des Proletariats aufrechterhalten blieb. Doch mit dem Eintritt des Kapitalismus in die Epoche seines tödlichen Niedergangs, d.h. seit dem 1. Weltkrieg, ist diese Unterstützung nicht mehr möglich und muss energisch abgelehnt werden.

"Das nationale Programm hatte nur als ideologischer Ausdruck der aufstrebenden, nach der Macht im Staate zielenden Bourgeoisie eine geschichtliche Rolle gespielt, bis sich die bürgerliche Klassenherrschaft in den Großstaaten Mitteleuropas schlecht und recht zurechtgesetzt, sich in ihnen die nötigen Werkzeuge und Bedingungen geschaffen hat. (Rosa Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Broschüre), 7. Kapitel, Gesammelte Werke, Bd. 4, S. 138)

Seitdem hat der Imperialismus das alte bürgerlich-demokratische Programm vollends zu Grabe getragen, indem er die Expansion über nationale Grenzen hinaus und ohne jede Rücksicht auf nationale Zusammenhänge zum Programm der Bourgeoisie aller Länder erhoben hat. Die nationale Phrase freilich ist geblieben. Ihr realer Inhalt, ihre Funktion ist aber in ihr Gegenteil verkehrt: Sie fungiert nur noch als notdürftiger Deckmantel imperialistischer Bestrebungen und als Kampfschrei imperialistischer Rivalitäten, als einziges und letztes Mittel, womit die Volksmassen für ihre Rolle des Kanonenfutters in den imperialistischen Kriegen eingefangen werden können."

Das historische und globale Kriterium steht im Gegensatz zu den abstrakten Spekulationen und Herangehensweisen, die sich auf eine Teilsicht und vorübergehende Aspekte stützt. So haben stalinistische, trotzkistische und gar gewisse proletarische Gruppen bei ihrer Unterstützung der „nationalen Unabhängigkeit" in Ländern Afrikas, Asiens usw. argumentiert, dass diese Länder noch von großen feudalen und vorkapitalistischen Überresten geprägt seien. Daraus leiteten sie ab, dass die „bürgerliche" und nicht die proletarische Revolution auf der Tagesordnung stünde.

Diese Leute aber leugnen, dass die Integration all dieser wesentlichen Gebiete der Erde in den Weltmarkt die Ausdehnung des Kapitalismus unmöglich macht, was wiederum die permanente und unlösbare Krise verschärft. Dies prägt entscheidend die Lage in all diesen Ländern. "Wenn sie überleben, behalten die alten Gesellschaftsformationen weiterhin die Kontrolle über die Gesellschaft;; sie führen die Gesellschaft nicht zu neuen Entwicklungsfeldern der Produktivkräfte, sondern in die Zerstörung, was ihren neuen und damit reaktionären Charakter widerspiegelt" (2).

Ein anderes Argument zugunsten der Schaffung neuer Nationen lautet: Ihre enormen Rohstoffvorkommen könnten und sollten genutzt werden, um sie von der Fremdherrschaft zu befreien. Dieses Argument stützt sich auf die gleiche lokalistische und abstrakte Herangehensweise. Sicher gibt es enorme Entfaltungsmöglichkeiten, aber sie können nicht ausgeschöpft werden, weil alle Länder durch den Niedergang und die chronische Krise geprägt sind.

Von Anbeginn war der Kapitalismus sowohl auf der Ebene der Staaten wie auch auf der Ebene der Unternehmen durch eine ungezügelte Konkurrenz gekennzeichnet. Dies hat eine ungleiche Entwicklung der Produktion in den verschiedenen Ländern bewirkt.

Das Gesetz der ungleichen Entwicklung des Kapitalismus, auf dem Lenin und seine Epigonen ihre Theorie des schwächsten Glieds basierten, wurde in der aufsteigenden Periode des Kapitalismus durch einen machtvollen Schub der rückständigen Länder ausgedrückt, die die entwickelteren Länder ein- und gar überholten. Doch sobald sich das System insgesamt seinen historischen, objektiven Grenzen näherte und unfähig wurde, den Weltmarkt gemäß den Bedürfnissen der Entwicklung der Produktivkräfte auszudehnen, kehrte sich dieses Phänomen in sein Gegenteil um. Nachdem es seine historischen Grenzen erreicht hatte, vermag das verfallende System keine Möglichkeiten der Angleichung der unterschiedlichen Entwicklungen mehr zu bieten. Im Gegenteil, es bringt die Stagnation jeglicher Entwicklung durch Verschwendung, unproduktive Arbeit und Zerstörung mit sich. („Das Proletariat Westeuropas im Zentrum der Generalisierung des Klassenkampfest", in: International Review Nr. 31, Sommer 1982).

Der einzige ‚Aufholprozess’, der stattfinden wird, ist jener, der die fortgeschrittensten Länder in eine Lage bringt, in der sich die unterentwickelten Länder bereits befinden: wirtschaftliche Erschütterungen, Verarmung, staatskapitalistische Maßnahmen. Im 19. Jahrhundert war es das damals fortschrittlichste Land, England, das dem Rest den Weg nach vorne zeigte – heute sind es die Drittweltländer, die in gewisser Weise die Zukunft anzeigen, die auf die hoch entwickelten Länder wartet.

Doch auch unter diesen Umständen kann es keine wirkliche ‚Angleichung’ der Verhältnisse der verschiedenen Länder auf der Welt geben. Obgleich sie kein Land ausspart, zeigt die Weltkrise ihre zerstörerischsten Auswirkungen nicht in den höchstentwickelten, mächtigsten Ländern, sondern in jenen Ländern, die zu spät die weltwirtschaftliche Arena betraten und deren Weiterentwicklung durch die alten Mächte endgültig versperrt wurde"

Konkret: "Das Gesetz von Angebot und Nachfrage arbeitet gegen jegliche Entstehung neuer kapitalistischer Nationen. In einer Welt, in der die Märkte gesättigt sind, übertrifft das Angebot die Nachfrage bei weitem, und die Preise werden durch die niedrigsten Produktionskosten bestimmt. Dadurch sind jene Länder mit den höchsten Produktionskosten gezwungen, ihre Waren für wenig Profit, wenn nicht gar mit Verlust, zu veräußern. Dies drückt ihre Akkumulationsrate auf ein niedriges Niveau. Selbst mit ihren billigen Arbeitskräften gelingt es ihnen nicht, die notwendigen Investitionen zur Anschaffung moderner Technologien zu tätigen. Das Ergebnis ist die ständige Vergrößerung des Abstandes zwischen ihnen und den Industrieländern" („Der Kampf des Proletariats im aufsteigenden und dekadenten Kapitalismus", in: International Review Nr. 23),

"Die Periode der kapitalistischen Dekadenz zeichnet sich dadurch aus, dass die Entstehung neuer Industrienationen unmöglich geworden ist. Jene Länder, die ihren industriellen Rückstand vor dem 1. Weltkrieg nicht wettmachen konnten, waren dazu verdammt, in totaler Unterentwicklung zu stagnieren oder in eine chronische Abhängigkeit gegenüber den hoch industrialisierten Ländern zu geraten (...) Die protektionistische Politik ist im 20. Jahrhundert völlig gescheitert. Sie bietet der Wirtschaft in den unterentwickelten Ländern keine Gelegenheit mehr zum Luftholen, sondern führt im Gegenteil zu ihrer Strangulierung."

(ebenda).

Die Verschärfung der Rückständigkeit und Unterentwicklung durch Krieg und Imperialismus

Unter diesen globalen ökonomischen Bedingungen lasten Krieg und Imperialismus – als grundlegende Merkmale des dekadenten Kapitalismus – wie ein Mühlstein am Hals der neuen Staaten. Im Falle einer Stagnation der Weltwirtschaft kann jedes nationale Kapital nur überleben, indem es sich bis an die Zähne bewaffnet. Somit wird jeder Nationalstaat gezwungen, seine Wirtschaft entsprechend anzupassen (Schaffung einer Schwerindustrie, Errichtung von industriellen Produktionsstätten in strategischen Gebieten, was zu unüberschaubaren Folgen für die globale Produktion führt, Unterwerfung der Infrastruktur und der Kommunikationssysteme unter die Bedürfnisse des Militärs, enorme „Verteidigungsausgaben" usw.). All dies hat schwerwiegende Folgen ökonomischer, kultureller und anderer Art für die nationale Wirtschaft in den unterentwickelten Ländern.

Die willkürliche Zuführung hoch entwickelter Technologien in die Sozialstrukturen führt zu einer Verschwendung von Ressourcen und einem wachsenden Ungleichgewicht zwischen ökonomischen und gesellschaftlichen Aktivitäten; die Notwendigkeit, der Kostenexplosion Herr zu werden, führt zu wachsender Verschuldung und Steuerbelastung.

"In Anbetracht der unaufschiebbaren Notwendigkeit der Etablierung einer Kriegswirtschaft wird der Staat zum großen und unersättlichen Konsumenten, der sich seine Kaufkraft mittels gigantischer Anleihen unter bezahlter Mithilfe des Finanzkapitals aus dem nationalen Sparfonds beschafft. Er bezahlt mit Verträgen, die nichts anderes als eine Hypothek auf zukünftige Einkommen der Arbeiter und Bauern sind." („Krisen und Zyklen des niedergehenden Kapitalismus II", Bilan Nr. 11, Okt./Nov. 1934).

In Oman schluckt das Rüstungsbudget 46 Prozent der öffentlichen Ausgaben, in Nordkorea nicht weniger als 24 Prozent des BSP. In Thailand schrumpfte die Produktion 1991, und die landwirtschaftlichen Ernteerträge wuchsen nur um einen Prozent; die Mittel für die Bildung wurden gekürzt. "Aber die Militärs waren entschlossen, mit Europa und den USA bei der Modernisierung der Armee zusammenzuarbeiten; sie haben sich noch deutlicher auf die westliche Seite geschlagen, als sie Kaufabsichten für deutsche Transporthubschrauber, verschiedene französisch-britische Lynx-Hubschrauber bekundeten sowie zwölf F 16-Kampfflugzeuge und 500 US-amerikanische M60, A1 und M 48 AS-Panzer auf ihre Kaufliste gesetzt haben". (7) Die Kindersterblichkeitsrate in Burma beträgt 64,5 pro 1000 Einwohner (im Gegensatz zu 9 pro 1000 in den USA), die Lebenserwartung durchschnittlich 61 Jahre (gegen 75,9 Jahre in den USA), während nur 673 Bücher veröffentlicht wurden (bei einer Bevölkerung von 41 Millionen). "Von 1988 bis 1990 wuchs die Armee Burmas von 170.000 auf 230.000 Soldaten; auch ihre Arsenale wurden weiter aufgefüllt. Im Oktober 1990 bestellte das Militär 654 jugoslawische Flugzeuge und 20 polnische Hubschrauber. Im November unterschrieb es eine Kaufvertrag in Höhe von 1.2 Mrd. $ - obgleich seine Auslandsschulden 417,1 Millionen $ betragen - mit China über je 12 Kriegsflugzeuge vom Typ F7 und F 6 sowie 60 bewaffnete Truppentransporter"(8).

Indien ist ein besonders gravierendes Beispiel. Die gewaltige Militärmaschinerie ist zum Großteil dafür verantwortlich, dass "zwischen 1961 und 1970 der Anteil der Landbevölkerung, der unter dem physischen Existenzminimum lebte, von 52% auf 70% stieg. Während 1880 jeder Inder über 270 kg Weizen und Trockenobst verfügte, war bis 1966 diese Menge auf 134 kg gefallen" (9). "1960 betrug der Rüstungshaushalt 2% des BSP oder 600 Millionen $. Um seine Waffen und andere militärische Ausrüstung zu erneuern, sind mehr Rüstungsschmieden gebaut, die Produktion von Waffen weiter kostspielig diversifiziert worden. Ein Jahrzehnt später betrug der Rüstungshaushalt 1.600 Millionen $ oder 3.5% des BSP (...) dem muss noch hinzugefügt werden der Ausbau der Infrastruktur, insbesondere strategisch wichtige Straßen, Marinestützpunkte. Das dritte Rüstungsprogramm, das den Zeitraum 1974-79 umfasst, wird 2.500 Millionen $ jährlich verschlingen" (10). Seit 1973 hat Indien am Bau der Atombombe gearbeitet und militärisch ausgerichtete Nuklearforschung betrieben, Atomkraftwerke für die Fusion von Plutonium errichtet. Dies bewirkte, dass der „wissenschaftlichen Forschung" der weltweit höchste Prozentsatz des BSP gewidmet wird (0,9%).

Die Benachteiligung der neuen Nationen im Vergleich zu den höher entwickelten Ländern wird durch den Militarismus weiter vergrößert. Die 16 größten Länder der 3. Welt (Indien, China, Brasilien, Türkei, Vietnam, Südafrika usw.) hatten 1970 insgesamt sieben Millionen Soldaten unter Waffen, 1990 waren es neun Millionen - eine Steigerung um 32%. Auf der anderen Seite reduzierten die vier höchst industrialisierten Länder (USA, Japan, Deutschland, Frankreich) ihre Truppenstärke von 4.4 Mio. 1970 auf 3.3 Mio. 1990 - eine Reduzierung um 26% (11). Dabei haben die letztgenannten Staaten keineswegs bei ihren Rüstungsanstrengungen nachgelassen: sie haben sie lediglich noch produktiver gestaltet, indem sie die Ausgaben für Personal eingeschränkt haben. In den weniger entwickelten Ländern war die Tendenz entgegengesetzt: Trotz steigender Ausgaben für High-Tech-Waffen sind sie stärker abhängig geworden von Menschen.

Die Notwendigkeit, den militärischen Anstrengungen Vorrang einzuräumen, hat schwerwiegende politische Konsequenzen, welche wiederum das ökonomische und gesellschaftliche Chaos und die allgemeine Schwäche dieser Nationen verschärfen: Der Zwang zu Bündnissen mit den Überresten der Feudalgesellschaft und allen anderen rückständigen Teilen der Bevölkerung ist unumgänglich, weil es lebenswichtiger ist, den nationalen Zusammenhalt im weltweiten imperialistischen Dschungel aufrechtzuerhalten als die Modernisierung der Wirtschaft sicherzustellen, was in Anbetracht der Erfordernisse des imperialistischen Wettbewerbs ein zweitrangiges, ja utopisches Ziel ist.

Das Überleben des Feudalismus und anderer vorkapitalistischer Formationen drückt das Gewicht der kolonialen und halbkolonialen Vergangenheit aus, die dazu geführt hat, dass die Wirtschaft dieser Länder sich auf die Produktion von Rohstoffen und Grundnahrungsmitteln spezialisiert hat. Dabei wird ihre Wirtschaft völlig deformiert. "Daher das widersprüchliche Phänomen, dass der Imperialismus die kapitalistische Produktionsform exportierte und systematisch vorkapitalistische Wirtschaftsformen zerstörte, während er gleichzeitig die Entwicklung des dort einheimischen Kapitals durch die gnadenlose Ausplünderung der kolonialen Ökonomien zurückhielt, ihre industrielle Entwicklung den spezifischen Bedürfnissen der Wirtschaft in den Metropolen unterordnete sowie die reaktionärsten und ergebensten Elemente der dort heimischen herrschenden Klasse unterstützte (...) In den Kolonien und Halbkolonien gab es kein voll ausgebildetes, unabhängiges Kapital mit eigener bürgerlicher Revolution und einer gesunden industriellen Basis, sondern vielmehr verkrüppelte Karikaturen des Kapitals der Metropolen, die von den zerfallenden Überbleibseln der früheren Produktionsweise niedergedrückt und nur lückenhaft industrialisiert wurden, um ausländischen Interessen zu dienen, und Bourgeoisien, die auf ökonomischer und politischer Ebene schwach und schon als Greisen auf die Welt gekommen waren." (Über den Imperialismus, in: International Review, Nr.19)

Die alten Metropolen – Frankreich, Großbritannien usw. – und ihre Rivalen, die USA, die UdSSR, Deutschland, verschärften dieses Problem noch, indem sie die „neuen Nationen" in ein engmaschiges Netz von Investitionen, Krediten und Verträgen über „Hilfe und Zusammenarbeit" einbanden, in ihre „gegenseitigen Verteidigungs- und Handelsorganisationen" eingliederten und indem sie strategisch wichtige Enklaven in den entkolonialisierten Nationen besetzt hielten. All dies hat die neuen Nationen in Wirklichkeit gefesselt und vor ein praktisch unüberwindbares Hindernis gestellt.

Trotzkisten, Maoisten und andere Drittwelt-Vertreter nennen diese Wirklichkeit „Neokolonialismus". Dieser Begriff verschleiert die Tatsache der Dekadenz des Weltkapitalismus und die Unmöglichkeit der Entwicklung neuer Nationen. Sie machen die „Fremdherrschaft" für die Lage der Dritten Welt verantwortlich. Die Vormachtstellung ausländischer Mächte blockiert sicherlich die Entwicklung dieser neuen Nationen, aber dies ist nicht der einzige Faktor; und vor allem kann dies nur als ein konstituierendes Element in den globalen Bedingungen der kapitalistischen Dekadenz begriffen werden, die von Militarismus, Krieg und stagnierender Produktion beherrscht wird.

Um das Bild zu vervollständigen, muss erwähnt werden, dass alle neuen Nationen mit einer Erblast geboren wurden: Ihre Territorien stellen keine natürlich gewachsene Einheit dar, sondern sind aus einer chaotischen Mischung ethnischer, religiöser, ökonomischer und kultureller Flickwerke zusammengesetzt; ihre Grenzen sind gewöhnlich willkürlich gezogen und umfassen Minderheiten aus Nachbarländern. All das kann nur zu Auflösungserscheinungen, zum Auseinanderbrechen und zu ständigen Konflikten führen.

Ein anschauliches Beispiel dafür ist die gewaltige Anarchie von Rassen, Religionen und Nationalitäten, die in einer strategisch so wichtigen Region wie den Nahen Osten leben. Neben den drei wichtigsten Religionen – Judentum, Christentum und Islam -, die ihrerseits in zahllose, miteinander konkurrierende Sekten unterteilt sind (Marroniten, orthodoxe und koptische Christen, Alawiten, Schiiten und Sunniten) "gibt (es) ebenso ethnisch-linguistische Minderheiten. In Afghanistan spricht ein Teil der Bevölkerung persisch (Tadschiken) und türkisch (Usbeken, Turkmenen), nicht zu sprechen von den anderen Sprachgruppen (...) Die turbulente Politik des 20. Jahrhunderts hat eine Vielzahl von ‚staatenlosen‘ Minderheiten hervorgebracht. Es gibt ca. 22 Millionen Kurden: 11 Mio. leben in der Türkei (20% der Bevölkerung), 6 Mio. im Iran (12%), 4.5 Mio. im Irak (25%) 1 Mio. in Syrien (9%), ohne die kurdische Diaspora im Libanon zu vergessen. Ebenso gibt es eine armenische Diaspora im Libanon und Syrien. Und schließlich die Palästinenser, die ebenfalls ein Volk ohne Staat bilden. 5 Millionen leben aufgeteilt zwischen Israel (2.6 Mio.), Jordanien (1.5 Mio.), Libanon (400.000), Kuwait (350.000), Syrien (250.000)"(13).

Unter diesen Bedingungen sind die neuen Nationen eine Karikatur der allgemeinen Tendenz zum Staatskapitalismus, welcher die Widersprüche im dekadenten Kapitalismus nicht überwindet, sondern wie ein Korsett wirkt, das die Probleme nur noch vergrößert: "In den rückständigsten Ländern ermöglicht und verstärkt die Vermischung zwischen dem politischen und ökonomischen Apparat die Entwicklung einer eigenen parasitären Bürokratie, deren einzige Sorge darin besteht, sich die Taschen zu füllen, systematisch die Volkswirtschaft zu plündern, um die kolossalsten Reichtümer anzuhäufen: Die Fälle Battista, Marcos, Duvalier und Mobutu sind gut bekannt und alles andere als Ausnahmen. Plünderung, Korruption, Wucher und Erpressungen sind in den unterentwickelten Ländern auf jeder Ebene des Staats und der Wirtschaft zu chronischen Problemen geworden. Dies ist offensichtlich ein noch größeres Handicap für deren Wirtschaft und lässt sie noch mehr im Sumpf versinken" (14).

Eine katastrophale Bilanz

Weit entfernt davon, die Entwicklung des jugendlichen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts zu wiederholen, war es all diesen neuen Nationen von Anfang an unmöglich, wirklich zu akkumulieren. Stattdessen sind sie in einem tiefen ökonomischen Morast versunken und haben eine verschwenderische und archaische Bürokratie erzeugt. Das Proletariat in der Dritten Welt sieht sich einer ständigen Verarmung, dem Hunger, der Militarisierung der Arbeit, Zwangsarbeit, Streikverbot usw. ausgesetzt.

In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts schwadronierten Politiker, Experten, Bankiers über eine „Weiterentwicklung" der Länder der Dritten Welt. Auf einmal waren sie nicht mehr „unterentwickelte Länder", sondern wurden als „Entwicklungsländer" dargestellt. Einer der Hebel der sog. ‚Entwicklung‘ sollte die Vergabe von massiven Krediten sein. Vor allem nach der Rezession von 1974-75 wurden diese im großen Stil vergeben. Die großen Metropolen gewährten den neuen Ländern nahezu unbeschränkt Kredite, damit diese neue Maschinen und Anlagen kaufen konnten. Das einzige Problem war, dass die damit produzierten Waren auf einem allgemein gesättigten Weltmarkt nicht verkauft werden konnten.

So hat dies nicht die geringste Entwicklung bewirkt, wie man heute unschwer erkennen kann, sondern hat diese neuen Länder in eine grenzenlose Verschuldung getrieben und in den 1980er Jahren in eine Krise nach der anderen gestürzt.

In unserer Presse sind wir immer wieder auf dieses Desaster eingegangen. An dieser Stelle seien nur einige Zahlen erwähnt: 1989 fiel das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt in Lateinamerika auf das Niveau von 1977. In Peru betrug das Pro-Kopf-Einkommen 1990 soviel wie 1957. 1990 erlitt Brasilien, das in den 70er Jahren als ein „Wirtschaftswunder" verkauft wurde, einen Rückgang des BSP um 4,5 Prozent, die Inflation stieg auf 1657 Prozent. Die Industrieproduktion Argentiniens fiel 1990 auf das Niveau von 1975.

Die Bevölkerung, insbesondere die Arbeiterklasse, hat schrecklich darunter gelitten. 1983 lebten 60% der Bevölkerung in Afrika unter der Armutsgrenze. 1995, berichtete die Weltbank, werden es 80% sein. In Lateinamerika insgesamt leben 44% in Armut. In Peru sind 12 Millionen. Menschen (bei einer Gesamtbevölkerung von 21 Mio.) chronisch arm. Ein Drittel der Bevölkerung Venezuelas verfügt nicht über genügend Einkommen, um ausreichend Grundnahrungsmittel zu kaufen.

Die Arbeiterklasse wurde aufs heftigste angegriffen. 1991 hat die Regierung Pakistans Staatsbetriebe geschlossen oder privatisiert und dabei 250.000 Beschäftigte auf die Straße geworfen. In den 1990er Jahren wurde in Uganda ein Drittel der Staatsbeschäftigten entlassen. In Kenia "beschloss die Regierung 1990, 40% der frei werdenden Stellen im öffentlichen Dienst nicht mehr neu zu besetzen, und dass diejenigen, die den öffentlichen Dienst in Anspruch nehmen, auch dafür bezahlen müssen." (16). In Argentinien ist der Anteil der Löhne am Nationaleinkommen von 49 Prozent 1975 auf 30 Prozent 1983 gefallen.

Der klarste Ausdruck für das völligen Scheitern des Weltkapitalismus ist die Katastrophe im Agrarbereich, unter der die Mehrzahl der Länder der Dritten Welt im 20. Jahrhundert gelitten hat: "Die Dekadenz des Kapitalismus hat das Bauern- und Agrarproblem schlicht und einfach auf die Spitze getrieben. Allgemein betrachtet, gab es keine Weiterentwicklung sondern eine Unterentwicklung der modernen Landwirtschaft. Heute stellt die Bauernschaft die Mehrheit der Weltbevölkerung dar, genauso wie vor einem Jahrhundert" (17).

Die Staaten der neuen Länder haben ein ganzes Netz von bürokratischen Organisationen zur Förderung der „ländlichen Entwicklung" geschaffen, womit die kapitalistischen Produktionsverhältnisse aufs Land ausgebreitet und die alten Formen der Subsistenzwirtschaft ausgelöscht werden sollten. Aber dies hat nicht zur geringsten Entwicklung, sondern zum völligen Desaster geführt. Diese „Entwicklungs"-Mafias, in der die alten Stammesführer, Grundbesitzer und Agrar-Wucherer zusammengefasst sind, ruinieren die Bauern, indem sie sie zum Verkauf ihrer Ernte zu Spottpreisen zwingen und ihnen gleichzeitig Phantasiepreise für Saatgut, Maschinen usw. abverlangen.

Mit dem Verschwinden der Subsistenzwirtschaft ist

Die Ausrichtung der Produktion auf eine Exportorientierte Monokultur fand gleichzeitig mit dem allgemeinen Preisverfall der Rohstoffe statt, der durch die Wirtschaftsrezession verschärft wurde. In Elfenbeinküste fiel der Kakao- und Kaffeeabsatz von 1986 bis 1989 um 55 Prozent. In den westafrikanischen Staaten schrumpfte die Zuckerernte zwischen 1960 und 1985 um 80 Prozent. Der Erdnussproduzent Senegal verdiente 1984 weniger als im Jahre 1919. Die Kaffeeproduktion in Uganda fiel von 186.000 Tonnen 1989 auf 139.000 im Jahr 1990 (20).

Die Folge ist eine wachsende Zerstörung der Landwirtschaft, sowohl der Subsistenzwirtschaft als auch des industriell betriebenen landwirtschaftlichen Exportes.

Die Mehrzahl der Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas wurde durch die fallenden Weltmarktpreise und die massive Verschuldung, in der sie in den 70er Jahren steckt, zu noch größeren Exportanstrengungen gezwungen. Dies bedeutete das Abholzen von Wäldern, gigantische Projekte zum Trockenlegen von Sümpfen und den Bau teurer Abwasserkanäle. Als Folge gehen die Erntebeträge ständig zurück und greift die Bodenerosion immer weiter um sich. Die Wüsten sind auf dem Vormarsch, und die einst großen natürlichen Quellen versiegen.

Diese Katastrophe ist von ungeheurem Ausmaß: 1960 trug der Fluss Senegal 2400 Millionen Kubikmeter Wasser, 1983 war diese Menge auf 7000 Kubikmeter gefallen. 1960 waren noch 15 Prozent der Fläche Mauretaniens von Vegetation bedeckt, 1986 waren es nur noch 5 Prozent. In Elfenbeinküste (ein Land mit wertvollen Hölzern) sind die Wald-bedeckten Flächen von 15 Millionen Hektar 1950 auf nur 2 Millionen 1986 zurückgegangen. 30 Prozent des landwirtschaftlich verwertbaren Bodens ist in Nigeria der Natur überlassen worden; während der Getreideanbau auf dem verbliebenen Boden von 600 kg pro Hektar 1962 auf 350 kg 1986 gefallen ist. UN-Zahlen für das Jahr 1983 belegen, dass die Sahara jedes Jahr um ca. 150 km weiter südwärts wandert (21).

Die Bauern müssen ihr Land verlassen und in den großen Slums in den Großstädten auf engstem Raum zusammengepfercht leben. "Seit den 1940er Jahren, als Lima eine Gartenstadt war, wurden sämtliche unterirdischen Wasservorräte aufgebraucht; mittlerweile ist die Wüste auf dem Vormarsch. Seine Bevölkerung ist zwischen 1940 und 1981 um das Siebenfache gestiegen. Seine Fläche ist nunmehr auf 400 Quadratkilometer angestiegen; und ein Drittel der Bevölkerung Perus lebt dort. Die frühere Oase ist nun von Müllhaufen, Zement und vorrückendem Sand bedeckt (...) Auf den Müllhalden der Hafenstadt Callao arbeiten barfuß laufende Kinder und ganze Familien inmitten einer Hölle von Millionen von Fliegen und unerträglichem Gestank" (22).

„Das Kapital mag seine vorkapitalistischen Kunden, wie das Monster Kinder ,mag' - es verspeist sie. Der Arbeiter einer vorkapitalistischen Wirtschaft, der das Pech hat, es mit den Kapitalisten zu tun zu haben, erfährt das früher oder später. Im besten Fall wird er proletarisiert und im schlimmsten Fall - und dies ist immer häufiger der Fall, seitdem der Kapitalismus zu einem dekadenten System geworden ist - wird er ins Elend getrieben und aufgrund der brachliegenden Felder mittellos oder in den gewaltigen Slums der Großstädte total marginalisiert

Die Unfähigkeit, die Bauernmassen in den Produktionsprozess zu integrieren, ist der deutlichste Ausdruck des Bankrotts des Weltkapitalismus, dessen Wesen in der Generalisierung der Lohnarbeit durch die Vertreibung der Bauern und Handwerker aus den alten vorkapitalistischen Arbeitsformen und ihre Umwandlung zu Proletariern bestand. Im 20. Jahrhundert wurde diese Fähigkeit, neue Arbeitsplätze zu schaffen, blockiert und auf globaler Ebene ins Gegenteil gekehrt. Die neuen Staaten bringen dieses Phänomen deutlich zum Ausdruck: Im 19. Jahrhundert betrug die durchschnittliche Arbeitslosenrate in Europa 4-6 Prozent; nach dem Ende der jeweiligen (zyklischen) Krise verschwand das Phänomen der Arbeitslosigkeit wieder. Heute dagegen erreicht die Arbeitslosigkeit in den Drittweltländern 20-30 Prozent und ist zu einem permanenten Strukturproblem geworden.

" (23). "die Gefahr des Hungertods heute so reell wie in früheren Wirtschaftssystemen; die Pro-Kopf-Produktion in der Landwirtschaft liegt heute unter dem Niveau von 1940 (...) ein Zeichen der totalen Anarchie der kapitalistischen Wirtschaft. Seit dem 2. Weltkrieg sind die meisten der ehemaligen Agrarstaaten der 3.Welt zu Importeuren geworden. Iran zum Beispiel importiert 40% seiner benötigten Lebensmittel" (18). Ein Land wie Brasilien, das über das größte landwirtschaftliche Potenzial der Welt verfügt, leidet "seit Februar 1991 an einem Mangel an Fleisch, Reis, Bohnen, Milchprodukten und Sojaöl" (19). Ägypten, eine alte Kornkammer in der Geschichte, importiert heute 60% seiner Grundnahrungsmittel. Der Senegal produziert nur 30% seines Weizenverbrauchs. In Afrika beträgt die Nahrungsmittelproduktion kaum 100 kg pro Kopf, während das lebensnotwendige Minimum bei 145 kg liegt.

Die ersten Opfer des weltweiten Zerfalls des Kapitalismus

Das erste Opfer beim Eintritts des Kapitalismus in seine Endphase des Zerfalls am Ende der 70er Jahre war jene Reihe von jüngeren Staaten, die in den 1960er und 1970er Jahren von den Anhängern der bürgerlichen Weltordnung - von den Liberalen bis zu den Stalinisten - als die „Nationen der Zukunft" gepriesen wurden.

Das grausame Schicksal, dem diese „Nationen der Zukunft" anheim fielen, wurde durch den Zusammenbruch der stalinistischen Regimes 1989 in den Hintergrund gedrängt. Auch die Länder, die unter dem Stiefel des Stalinismus lebten, gehören zu jener Gruppe von Ländern, die zu spät auf dem Weltmarkt erschienen waren. Sie spiegeln all die Charakteristiken der neuen Nationen des 20. Jahrhunderts wider. Aber ihre Besonderheiten (24) haben ihren Zusammenbruch nur noch chaotischer und gravierender gemacht, und die Auswirkungen, die sich daraus auf der Ebene des internationalen imperialistischen Chaos ergeben (25), sind umso größer.

Auseinanderbrechende Staaten

Ohne die Besonderheiten der stalinistischen Regimes zu unterschätzen, tragen heute die anderen unterentwickelten Länder die gleichen Charakteristiken: Chaos, Anarchie und allgemeinen Zerfall.

Am 24. April 1991 kündigten die nördlichen Stammesführer Somalias die Teilung des Landes und die Schaffung eines Staates namens „Somaliland" an. Äthiopien ist auseinander gebrochen; am 28. Mai 1991 erklärte Eritrea seine „Unabhängigkeit". Tigre, Oromos und Ogaden haben sich vollständig von der Kontrolle durch die zentralen Behörden losgesagt. Afghanistan ist unter vier verschiedenen Regierungen aufgeteilt worden: eine in Kabul, eine radikal islamische, eine gemäßigt islamische und eine schiitische. Fast zwei Drittel von Peru werden von den Drogenbaronen und der Guerrillamafia des Leuchtenden Pfads oder der Tupac Amaru kontrolliert. Der Krieg in Liberia hat 15.000 Tote hinterlassen und mehr als eine Million Menschen in die Flucht getrieben (bei einer Gesamtbevölkerung von 2.5 Millionen Menschen). Aufgrund der offenen Konfrontation zwischen der FLN und FIS (dahinter verbirgt sich ein imperialistischer Kampf zwischen Frankreich und den USA) versinkt Algerien in einem unbeschreiblichen Chaos.

Zusammenbrechende Armeen

Die Militärrevolte in Zaire, die Auflösung der ugandischen Armee in eine Reihe von Banden, die die Bevölkerung terrorisieren, die weit verbreitete Kriminalisierung der Polizei in Asien, Afrika und Südamerika bringen - obgleich in etwas weniger spektakulärer Form - die gleiche Tendenz zum Ausdruck wie das gegenwärtige Auseinanderbrechen der Armee in der ehemaligen Sowjetunion.

Allgemeine Lähmung des Wirtschaftsapparates

Zunehmend brechen die Lebensmittelversorgung, Transport- und Dienstleistungssektoren zusammen; die Wirtschaftsaktivität reduziert sich auf ein Minimum. In der Zentralafrikanischen Republik ist die Hauptstadt Bangui „völlig vom Rest des Landes abgeschnitten, die ehemalige Kolonie überlebt dank französischer Unterstützung und des Diamantenhandels" (26).

Unter diesen Bedingungen des weit verbreiteten Hungers, des Elends und des Todes hat das Leben seinen Wert verloren. In Lima werden übergewichtige Menschen von Banden entführt; ihr Fett wird an Pharmazie- und Kosmetikfirmen in den USA verkauft. In Argentinien lebt ca. eine halbe Million Menschen vom Verkauf ihrer Organe (Leber, Nieren und andere innere Organe). In Kairo (Ägypten) hausen ca. eine Million Menschen auf den koptischen Friedhöfen. In Peru und Kolumbien werden Kinder verschleppt, zu Zwangsarbeit in den Bergwerken oder in der Landwirtschaft gezwungen, wo sie unter sklavenähnlichen Verhältnissen arbeiten und wie die Fliegen dahinsterben. Sinkende Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt veranlassen die örtlichen Kapitalisten zu solchen schrecklichen Praktiken, um den Fall ihrer Profitraten auszugleichen.

In Brasilien zum Beispiel hat die Unfähigkeit, die neue Generation in die Lohnarbeit zu integrieren, zu einer Verrohung der Polizeibanden und Diebe geführt, die dafür bezahlt werden, Straßenkinder umzubringen, welche in mafia-ähnlichen Banden verstrickt sind, die wiederum mit allem Möglichen handeln. Thailand ist zum größten Bordell der Welt verkommen. Aids hat sich enorm ausgedehnt. Mehr als 300.000 Fälle 1990, mehr als zwei Millionen neue Fälle im Jahr 2000.

Die Auswanderungswelle, die seit 1986 hauptsächlich in Lateinamerika, Afrika und Asien zugenommen hat, verdeutlicht den historischen Bankrott dieser Nationen und damit den des Kapitalismus. Der Zerfall dieser Gesellschaftsstrukturen, die als Totgeburten eines tödlich erkrankten Körpers - des dekadenten Kapitalismus – auf die Welt kamen, treibt ganze Menschenmassen aus den Katastrophengebieten in die Industrieländer. Seit einiger Zeit jedoch haben diese Länder die Schotten dicht gemacht. Was sie anbieten, das ist die Sprache der Repression, der Drohungen und der Zwangsrückführungen.

Die Menschheit braucht keine neuen Landesgrenzen sondern die Abschaffung aller Staaten

Die neuen Nationen des 20. Jahrhunderts haben die proletarischen Heerscharen nicht vergrößert, sondern - und dies ist am gefährlichsten für die revolutionäre Perspektive - das Proletariat dieser neuen Nationen den unbeschreiblichsten Bedingungen unterworfen.

In den unterentwickelten Ländern stellt das Proletariat eine Minderheit der Bevölkerung dar (kaum 10-15%), wohingegen sein Bevölkerungsanteil in den Industriestaaten bei über 50 Prozent liegt. Die Arbeiter sind in Produktionsstätten verbannt, die oft sehr weit von den Schaltstellen der politischen und ökonomischen Macht entfernt sind. Sie leben inmitten einer riesigen Masse von marginalisierten und verlumpten Menschen, die den reaktionärsten Ideen gegenüber offen sind und die Arbeiter wiederum negativ beeinflussen können.

Die Art und Weise, wie der Zusammenbruch des Kapitalismus sich in diesen Ländern vollzieht, erschwert es dem Proletariat, sich seiner Aufgabe bewusst zu werden:

- Die überwältigende Vorherrschaft der großen imperialistischen Mächte verstärkt den Einfluss des Nationalismus.

- Die weit verbreitete Korruption und die unglaubliche Verschwendung der ökonomischen Ressourcen verdecken die wirklichen Kosten des Bankrotts des Systems.

- Die offen terroristische Kontrolle durch den kapitalistischen Staat, auch wenn sich dieser eine demokratische Maske anlegt, dient den demokratischen und gewerkschaftlichen Mystifizierungen.

- Insbesondere die barbarischen und archaischen Formen der Ausbeutung verstärken den Einfluss der Gewerkschaftsideologie und des Reformismus.

Dies bedeutet aber nicht, dass das Proletariat in diesen Ländern nur einen unerheblichen Bestandteil des Kampfes des Weltproletariats darstellt (27) oder dass es nicht die Kraft und das notwendige Potenzial hat, um für die Zerstörung des kapitalistischen Staates und die internationale Macht der Arbeiterräte zu kämpfen: "Die Stärke des Proletariats in einem kapitalistischen Land ist ungleich stärker als ihr zahlenmäßiger Anteil an der Bevölkerung. Dies ist darauf zurückzuführen, dass das Proletariat eine Schlüsselstellung im Zentrum der kapitalistischen Wirtschaft einnimmt, und auch weil das Proletariat im politischen und ökonomischen Bereich die wirklichen Interessen der großen Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung unter kapitalistischer Herrschaft verkörpert." (Lenin)

Die einzige zutreffende Lehre heißt: Statt irgendetwas zur Sache des Sozialismus beizutragen, bewirkte die Existenz dieser neuen Staaten genau das Gegenteil. Sie errichte neue Hürden und bereitete dem revolutionären Kampf des Proletariats nur neue Schwierigkeiten.

"Im Gegensatz zu den Auffassungen der Anarchisten ist es nicht möglich zu behaupten, dass eine sozialistische Perspektive weiterhin vorhanden ist, auch wenn die Produktivkräfte sich rückwärts entwickeln. Der Kapitalismus stellt eine unabdingbare und notwendige Stufe für die Entwicklung des Sozialismus in dem Maße dar, wie er die objektiven Bedingungen ausreichend entwickelt. Aber genau so wie der Kapitalismus in der gegenwärtigen Phase zu einer Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte geworden ist, könnte der Kapitalismus, wenn er weiter existiert, zur Auflösung der Grundlagen des Sozialismus führen. Aus dieser Perspektive stehen wir heute vor der historischen Alternative Sozialismus oder Barbarei." (28)

Die neuen Nationen begünstigen weder die Entwicklung der Produktivkräfte noch die historischen Aufgaben des Proletariats und erst recht nicht die Dynamik zur Vereinigung der Menschheit. Im Gegenteil, sie sind - als ein organischer Ausdruck der Agonie des Kapitalismus - eine blinde Kraft, die zur Zerstörung der Produktivkräfte, zu Schwierigkeiten und zur Zerstreuung des Proletariats, zur Spaltung und Atomisierung der Menschheit führt. Adalen, 8.2.1992

Fußnoten:

  • (1) Rosa Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie, Juniusbroschüre, 7. Kapitel, S. 138.
  • (2) Internationalisme, Bericht zur Weltlage, Juni 1945.
  • (3) International Review Nr. 31, Das Proletariat Westeuropas im Zentrum der internationalen Generalisierung des Klassenkampfes, 1982.
  • (4) Internationale Revue, Nr. 8, Der Kampf des Proletariats in der Dekadenz des Kapitalismus.
  • (5) Ebenda.
  • (6) Bilan Nr. 11, Krisen und Zyklen in der Wirtschaft des niedergehenden Kapitalismus.
  • (7) Die Lage der Welt, 1992.
  • (8) Ebenda.
  • (9) Révolution Internationale, Nr. 10, Indien – ein offener Friedhof.
  • (10) Ebenda
  • (11) Diese Angaben haben wir den Rüstungsstatistiken aus dem Bericht "Die Lage der Welt" entnommen. Wir haben die Auswahl der Länder und die Prozentberechnungen vorgenommen.
  • (11) International Review, Nr.19, Über den Imperialismus, 1978.
  • (12) Die Lage der Welt.
  • (13) Internationale Revue, Nr. 12, Thesen zur ökonomischen und politischen Krise in der UdSSR und in Osteuropa.
  • (14) Die Lage der Welt.
  • (15) Ebenda.
  • (16) International Review, Nr. 24, Notizen zur Agrar- und Bauernfrage, 1980.
  • (17) Ebenda.
  • (18) "Die Lage der Welt"
  • (19) aus dem Buch von Reno Dumfound "Pour l’Afrique, j’accuse".
  • (20) ebenda
  • (21) Aus dem Artikel "Die Cholera der Armen", in El Pais 27. Mai 1991.
  • (22) International Review, Nr. 30, Kritik Bucharins, Teil 2.
  • (23) Siehe die "Thesen zu ökonomischen und politischen Krise in der UdSSR und in Osteuropa", s.o.
  • (24) Andererseits ist die Gleichstellung Stalinismus = Kommunismus, die die Bourgeoisie heute macht, um das Proletariat zu überzeugen, dass es keine Alternative zur kapitalistischen Weltordnung gebe, noch „eindrucksvoller", wenn sie das Phänomen im Osten aufbläht, während die Dinge in der 3. Welt relativiert oder gar banalisiert werden.
  • (25) Die großen Arbeiterkonzentrationen in den Industriestaaten bilden das Zentrum der revolutionären Kämpfe des Proletariats. Siehe "Das Proletariat Westeuropas im Zentrum der internationalen Generalisierung des Klassenkampfes".
  • (26) Internationalisme, Nr. 45, Die Entwicklung des Kapitalismus und die neue Perspektive.