"Wenn das Proletariat die Auflösung der gegenwärtigen Weltordnung ankündigt, drückt es nur das Geheimnis seines eigenen Seins aus, denn es konstituiert die tatsächliche Auflösung dieser Weltordnung", sagt uns Marx.
Diese Zerstörung kann jedoch auf keinen Fall ein blinder und streng vorherbestimmter Akt sein... ...irgendwie das direkte Ergebnis, durch eine bestimmte Anzahl von wirtschaftlichen Ursachen mechanisch hervorgerufen. Im Gegenteil, Sie verlangt von ihrem Subjekt ein voll entwickeltes Bewusstsein des zu verwirklichenden Zieles. Wenn man aber eine Bürgerliche Betrachtungsweise der Geschichte vertritt, geht dieses Bewusstsein, definiert als ein Empfinden der eigenen Existenz, nicht über eine subjektive und intellektuelle Kategorie, einer Summe von Ideen, die in der Interpretation der Realität angewendet wurde, hinaus. Denn für jede Wissenschaft ist das Denken, das Bewusstsein getrennt von der allgemeinen Bewegung der Materie, vor allem eine Angelegenheit von isolierten Individuen oder Gruppen, von Individuen mit einem vagen gemeinsamen Interesse. Da ihre Beweisführung unfähig ist, sich von den großen Verzerrungen der herrschenden Ideologie zu befreien, kann sich die bürgerliche Wissenschaft den Bewusstseinsbildungsprozess deshalb nur als einen reinen geistigen Mechanismus vorstellen, der ein Individuum oder gar eine ganze Gruppe mittels einer Kette von Reiz, Reaktion, Nachdenken und Aktion dazu bringt, zu einem Bewusstsein von dem was er oder sie ist, zu gelangen. Durch die Übertragung dieser Bewegung von einem Individuum zu der Dynamik einer sozialen Klasse, führt diese Betrachtungsweise dazu, soziale Klassen in individuellen und mythischen Begriffen darzustellen und zu bestimmen. Die Arbeiterklasse erscheint somit als erstarrt, vergegenständlicht als eine ökonomische Kategorie. Sie wird zu einer Art dichten Masse reduziert, die wie ein homogenes Wesen ein "Bewusstsein erlangen" soll, dessen, was Sie ist und was Sie zu vollbringen hat. Und von dieser hoch gebildeten, zweidimensionalen Betrachtungsweise der Gesellschaft wird die Schlussfolgerung gezogen, dass die Arbeiterklasse nun ganz einfach eine "Klasse für das Kapital" sei, oder es aus reiche, in der Eigenschaft als bloße "Masse" zu warten, bis das Bewusstsein sich gleichzeitig und gleichartig im Gehirn eines jeden Arbeiters einfindet, oder dass Sie nicht anderes sei als ein menschlicher Körper, mit der Partei als dem Kopf und den Arbeiterräten als den Füssen, usw... Diese vollständige irrige Vorstellung von der historischen Entwicklung einer sozialen Klasse, schon bei Marx in den Thesen über Feuerbach kritisiert, erklärt sich durch die Tatsache, dass die Bourgeoisie unfähig ist, ihre eigene Existenz in Frage zu stellen, dass sie nur in Begriffen wie Schichten, Kategorien und willkürlichen Unterscheidungen denken kann. Für die Bourgeoisie existiert nur die vollendete und vollkommene Wirklichkeit, eine von der Praxis getrennten Welt, eine immer gleich bleibenden und tote Materie, ein Denken, welches die Wirklichkeit wie ein Schleier umspannt, ohne diese umzuwandeln. Form und Inhalt, wahrgenommenes Objekt und denkendes Subjekt, Geist und Materie, Theorie und Praxis, sind miteinander verbunden, kleben aufeinander und sind als Paare untrennbar, aber sie sind ebenso verschieden, alle werden als eine eigenständige Existenzweise aufgefasst. Die Welt der Konzepte bildet und verbreitet sich; im Hintergrund des Bewusstseins begnügt sich die Welt der Objekte damit, im Gegensatz zu Ihr, "da zu sein". Was ihre Einheit betrifft, die gemäß dem bürgerlichen Geist nichts anderes als jene von zwei Parallelen sein kann, die sich irgendwo im Unendlichen treffen, so ist diese reduziert zu nichts anderem als zu einem intellektuellen Zauberkunststück. Tatsächlich ist der Fehler jeglichen Vulgärmaterialismus, selbst wenn er die Bestimmtheit der Materie anerkennt, dass er das Objekt nur unter der äußeren und vom Subjekt unabhängigen Form betrachtet und nicht als menschliche Praxis. Das Klassenbewusstsein braucht nur in einem theoretischen Programm zusammengefasst und von einer Minderheit vertreten zu werden, während die Arbeiterklasse in der materiellen Welt in Erregung gerät, unfähig, ein Bewusstsein anders zu erlangen, als durch die Hilfe eines Verbindungsstückes, einer notwendigen Verbindung: der Partei, Vermittler zwischen der Erfahrung und dem Bewusstsein der Klasse. Oder es ist nichts anderes als eine Art instinktive und unverzügliche Antwort auf äußere Reize und die Revolutionäre vor lauter Angst, diesen natürlichen Stoffwechsel zu stören und zu verletzen brauchen nur den Kopf in den Sand zu stecken und zu warten, bis alles spontan geschieht. Die Revolutionäre ihrerseits geben sich mit dieser grob vereinfachenden Betrachtungsweise nicht zufrieden, da sie sich bewusst sind, dass ihr Realitätsbild kein Zufallsprodukt, das Produkt eines individuellen Willens ist; da ihre Hauptrolle, die Sie in der sozialen Wirklichkeit spielen, sich nicht auf intellektuelle oder empirische Feststellungen der objektiven und subjektiven Bedingungen der kommunistischen Revolution beschränkt und in ihren Überlegungen als zu abstrakt und zu theoretisch erscheinen mag, ist nichts anderes als ein notwendiger Schritt, ein Moment der Praxis ihrer organisierten Intervention. Denn, sich eine Bewegung theoretisch vorzustellen, sich ein geistiges 'Bild' einer Entwicklung auszudenken, wäre vergleichbar damit, einen Fluss hinunterfahren zu wollen, ohne sich jemals vom Ufer zu lösen. Deshalb begnügen sich die Revolutionäre, da sie keine unterschiedlichen Interessen haben, nicht mit Vorstellungen oder abstrakten Schemen, mit journalistischen Alltagsbeschreibungen der sozialen Wirklichkeit. Als aktiver Teil eines Ganzen, als Produkte und Faktoren einer historischen Entwicklung, stellen ihre historischen Überlegungen letzten Endes eine politische Stellungnahme zu der Wirklichkeit dar, ein Wunsch der radikalen Umwälzung der Gesellschaft.
Aus diesem Grund dürfen Überlegungen über das Klassenbewusstsein und die Rolle der Revolutionäre sowie die Rolle der Partei auf keinem Fall von einer theoretischen Seite aus erörtert werden.
Wenn die ersten Elemente der hier vorgebrachten Analyse sich noch darauf beschränken, die großen Umrisse zu zeichnen, so werden andere Faktoren, die aus der unmittelbaren Erfahrung der Klassenkämpfe selbst gewonnen sind, zahlreiche Punkte bejahen, abändern und erklären. Letzten Endes kann nur die Aktivität der Klasse die revolutionäre Theorie bejahen oder als falsch erweisen.
DIE BEDINGUNGEN DER KOMMUNISTISCHEN REVOLUTION
I. Wenn die kapitalistische Produktionsweise die Grenze ihrer Wirklichkeit erreicht hat, kann Sie nur durch die Aktion einer Klasse die ein generalisiertes Bewusstsein hat und weltumfassend vereint ist, überwunden werden: dem Proletariat.
Und diese hat solch eine zentrale Bedeutung, dass sie die einzige ist, die den besonderen Charakter der kommunistischen Revolution und den Übergang von einer Produktionsweise, die auf dem Wertgesetz fußt, zu einer höheren Existenzweise verständlich machen kann. Es besteht in der Tat eine große Kluft zwischen dem, was die Menschheit bis heute im Verlauf der Geschichte gekannt hat und dem qualitativen Sprung, für den Sie sich vorbereitet, um diesem Zyklus ein Ende zu bereiten, und um die Menschheit von jeglicher Ausbeutung zu befreien. Und dieser enorme Unterschied ist umso schwerer zu begreifen, da die Reihenfolge der verschiedenen Produktionsweisen in der Geschichte wie eine notwendige, bestimmte und mehr oder weniger unbewusste Entwicklung erfolgt ist. Da bis heute dies durch eine revolutionäre Klasse vollzogen wurde, die schon Träger der wirtschaftlichen Macht in der alten, überkommenen Produktionsweise war. dieser qualitative Unterschied spiegelt sich wieder auf dem Niveau des historischen Bewusstseins, das für die Zerstörung der kapitalistischen Produktionsweise und ihre Umwandlung zum Kommunismus notwendig ist. Diese Bewusstsein, weit davon entfernt, auf ein einfaches, geistiges, ideologisches oder individuelles Phänomen reduziert werden zu können, muss im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Klasse betrachtet werden.
II. Das Konzept der sozialen Klasse, das nicht als einfache Klassifizierung oder ökonomische Kategorie oder als Summe isolierter Individuen verstanden wird, beruht hauptsächlich auf einer geschichtlichen Entwicklung, die gemeinsame politische Interessen schmiedet.
Das Proletariat existiert eigentlich nur als Klasse aufgrund der geschichtlichen Entwicklung, in der es der Kapitalistenklasse als Todfeind gegenübersieht, und diese Entwicklung hat nur eine reelle Grundlage in dem Verlauf der Bewusstwerdung, die Sie begleitet.
Die kommunistische Revolution unterscheidet sich daher grundlegend von allen vorherigen Revolutionen, insofern als zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine revolutionäre Klasse als Träger der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse keine wirtschaftliche Macht innerhalb der alten Gesellschaft besitzt. Das Proletariat ist die erste und letzte revolutionäre Klasse in der Geschichte die auch eine ausgebeutete Klasse ist. Dies bedeutet, dass es aufgrund der sozioökonomischen Stellung, die es in der kapitalistischen Gesellschaft einnimmt, sich voll der historischen Ziele bewusst sein muss. Es ist in der Tat die einzige Klasse, die die objektive und subjektive Möglichkeit besitzt, zu einem Bewusstsein über die ganze Gesellschaft zu gelangen. Das Proletariat hat keine wirtschaftliche Wurzeln im kapitalistischen Boden; es besitzt keine Möglichkeit, eine Ideologie auf der Grundlage solcher Wurzeln zu entwickeln, da es keinen Samen, keine Ausgangsbasis einer neuen Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in sich selbst trägt.
Während die Ideologie einen politisch-juristischen Überbau und eine wirtschaftliche Basis voraussetzt, die durch die Produktivkräfte bestimmt sind, die den Menschen weiterhin beherrschen, kann der Prozess der Bewusstwerdung der Arbeiterklasse dagegen nur als notwendige Vorbedingung der Machtübernahme und der totalen Umwälzung der kapitalistischen Basis möglich sein.
III. Das Proletariat ist die einzige Klasse in der Geschichte, für die die historische Notwendigkeit der Zerstörung des Ausbeutungssystems mit seinen Interessen als revolutionäre Klasse voll ständig übereinstimmt: die Interessen, die selbst mit den Interessen der ganzen Menschheit verbunden sind.
Keine andere Klasse oder soziale Schicht in dieser Gesellschaft kann diese historische Zukunft zur Wirklichkeit werden lassen.
Deshalb können sich diese Klassen nicht der Notwendigkeit einer Umwälzung der gesamten Gesellschaft bewusst werden, selbst dann nicht, wenn sie eine vage Ahnung von der sie umgebenden Barbarei haben (eine Ahnung, die übrigens immer auf irgendeine Weise durch die herrschende Klasse und durch die Blindheit der bürgerlichen Ideologie deformiert wird).
Von einem kapitalistischen und deshalb ideologischen Standpunkt aus ist natürlich ein Begreifen des historischen und zeitlich bedingten Charakters der Gesellschaft unmöglich. die gesellschaftlichen Verhältnisse sind in den Augen der Bourgeoisie ewig existierend, erstarrte und unabhängig vom Willen der Menschen bestehende Verhältnisse. Selbst wenn die Bourgeoisie in ihren Verschleierungsbemühungen gegen die Arbeiterklasse mit mehr oder weniger Scharfsicht vorgeht, wird sie alles daran setzen, die Klassenkämpfe aus dem Bewusstsein zu verbannen. In diesem Sinn bestimmen die objektiven Grenzen der kapitalistischen Produktion die Grenzen ihres "Bewusstseins", das aufgrund dieser Beschränkungen nur Ideologie sein kann.
IV. Das Klassenbewusstsein, weit davon entfernt, mit der Ideologie übereinzustimmen, ist vor allem die grundsätzliche Negation, ihre grundlegende Antithese. Heute kommt es vor allem darauf an, die Menschheit aus der Lethargie, in die sie gestürzt ist, herauszuführen, die Welt ihrer Handlungen und ihrer selbst wieder bewusst werden zu lassen, wozu eine Ideologie unfähig ist. Da die Ideologie, das Produkt ökonomischer Faktoren und einer entfremdeten sozialen Wirklichkeit, den Gegenständen eine eigenständige Existenz und dem Bewusstsein eine Fähigkeit der Abstraktion zuordnet, die von allen materielle Gesetzmäßigkeiten getrennt ist, ist es ihr unmöglich, eine kritische und praktische Umwälzung durchzuführen. Revolutionäres Klassenbewusstsein, weit davon entfernt, der Handlung einfach vorauszugehen, die Handlung auf ein konkretes Ziel zu lenken, ist vor allem ein Prozess, der durch die Entwicklung und die Vertiefung der Widersprüche der dekadenten kapitalistischen Produktionsweise hervorgerufen wird, der eine soziale Klasse dazu zwingt, das Wesen ihrer Existenz durch eine praktische und theoretische (und daher bewusste) Negation ihrer Lebensbedingungen zu verwirklichen. Die Geschichte dieses Prozesses schließt die Geschichte des Kampfes der Arbeiterklasse und den der revolutionären Minderheiten ein, die aus diesem Kampf als aktiv teilnehmender Bestandteil hervorgegangen sind.
DIE CHARAKTERISTIKEN DER BEWUSSTWERDUNG
I. Die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Ideologie und Klassenbewusstsein beruhen auf dem Ursprung selber der Ideologie und ihren materiellen Wurzeln. Wurzeln, die bis in die Geschichte der Arbeitsteilung zurückgreifen, die Trennung des Produzenten von seinem Produkt, die Unabhängigkeit der Produktionsverhältnisse und die Beherrschung des Menschen durch die materielle Form, seiner eigenen Arbeit. Die dem Kapitalismus innewohnenden Gesetze, die durch die Herrschaft von toter Arbeit und lebendiger Arbeit, der Vorherrschaft des Tauschwertes über den Gebrauchswert und dem Wertfetischismus gekennzeichnet sind, ziehen die Umwandlung der gesellschaftlichen Beziehungen zu Beziehungen zwischen Sachen nach sich. Sie bedingen so das Erscheinen von Rechtsbeziehungen, deren Ausgangsbasis das isolierte Individuum ist.
Es sind ebenso dies Gesetze, die dem Menschen, aufgrund der Entwicklung der Spezialisierung ein Bild von der Gesellschaft unmöglich machen, und die ihn in einer Reihe von getrennter Kategorien einschließen, die alle voneinander isoliert und unabhängig sind (die Nation, die Fabrik, der Stadtteil usw.). Der Blick für die Gesamtheit wird somit also nichts anderes als eine einfache Addition von bestimmten Wissensbereichen; ein Wissen, das wiederum von Spezialisten gehortet wird.
Das Klassenbewusstsein dagegen bedeutet eine Sicht des Ganzen und ein Bewusstsein der Klasse als Ganzes. Das Klassenbewusstsein ist ein außerordentlich kollektiver Prozess. Sein Ausgangspunkt ist eine im Kampf vereinte Klasse, die dazu bestimmt ist, die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse zu zerstören; es beinhaltet die ausschlaggebende Herrschaft des Ganzen über die Teile. Aber dieses Ganze kann nur hergestellt werden, wenn das Subjekt, das diese herstellt, selbst ein ganzes ist, und diese Betrachtungsweise der Totalität ist nur durch eine Klasse möglich. Deshalb muss die Arbeiterklasse, um eine vereinte und bewusste Klasse zu werden, alle Trennwände, alle Trennungen, welche Grenzen
das auch immer sein mögen, zerschlagen und die Diktatur ihrer Arbeiterräte über diese nationalen Grenzen hinaus errichten.
Eine andere Folge der Vereinigung im sozialen Bewusstsein ist die Aufhebung der Trennung zwischen den Teilen und dem Ganzen, dem Teilziel und dem Endziel, dem wirtschaftlichen und politischen Kampf. In dieser Periode der Dekadenz des Kapitalismus, in der jede Reform unmöglich geworden ist, in der die Revolution auf der Tagesordnung steht, neigen die wirtschaftlichen Kämpfe dazu, in politische Kämpfe umzuwandeln und das System unmittelbar anzugreifen. Die Arbeiterklasse ist dazu berufen, die Gesellschaft bewusst umzuwälzen, deshalb beinhaltet für die der Blick für die Gesamtheit ein verstehen der dialektischen Widersprüche zwischen unmittelbaren Interessen und Endziel, zwischen einem isolierten Teil und der Gesamtheit. Da der isolierte Teil, d.h. seine Lage als atomisierte und mystifizierte Klasse mit dem Kapitalismus zusammenhängt, muss die Arbeiterklasse sich weltweit vereinigen und sich somit von einer ökonomischen Kategorie zu einer revolutionären Klasse um(zu)wandeln. Zu dieser Vereinigung zur bewussten Klasse ist nur die Arbeiterklasse fähig, da die Natur der assoziierten Arbeit ihr diese globale Sicht verleiht.
II. Die Natur dieses Bewusstwerdungsprozesses, die es vor allem zu einem Klassenbewusstsein macht, ermöglicht uns, den grundlegenden Widerspruch, der augenblicklich zwischen Ideologie und Bewusstsein besteht, zu begreifen. Und es hat nichts mit linguistischen Purismus zu tun, wenn wir behaupten, dass es keine proletarische Ideologie oder revolutionäre Wissenschaft gibt; eine revolutionäre Minderheit kann niemals der Träger oder die Verkörperung dieses Klassenbewusstseins ein.
Indem die historische Erscheinung, die gleichzeitig praktisch und theoretisch ist, auf den einfachen Ausdruck eines Gedanken gebracht
wird, der sich in einem Parteiprogramm kristallisiert, betrachten die Leninisten und Bordigisten verschiedener Schattierung der Natur des Klassenbewusstseins mit den gleichen Beweisführungsfehlern, die es den Mystikern ermöglicht zu behaupten, die Hostie verkörpere den Körper Christus.
Tatsächlich verdanke die Ideologie und der Mystizismus ihre Existenz der Tatsache, dass die Trennung zwischen der eigenen Realität und den materiellen Bedingungen ihrer Existenz, und dem Bemühen, als unabhängiges und selbstständiges Denken zu erscheinen als einzig ursächlich wirkende kraft, die die Materie bewegt. Indem sie die Realität als eine Reihe von Vermittlungen begreift, die notwendigen Etappen zwischen dem Menschen und der Materie sind, weigert sich die bürgerliche Ideologie, ihren wahren Ursprung an zuerkennen. Indem sie der Realität eine unabhängige Existenz zu spricht, stellt sie dem metaphysischen Materialismus (1) einen Idealismus gegenüber, der die Wahre Bewegungskraft der Handlung sei, und in dem die Praxis auf ihre 'tiefe' natürliche Form zurückgewiesen wird.
Das Klassenbewusstsein selber stimmt insoweit voll mit der sozialen Wirklichkeit überein, wie sein Daseinsgrund ein Produkt der historischen Entwicklung des Widerspruchs zwischen den Produktionskräften und den Produktionsverhältnissen ist. Diese Notwendigkeit einer radikalen Veränderung der Produktionsverhältnisse verlangt wirklich eine globale Betrachtungsweise der Gesamtheit der sozialen Wirklichkeit. Das Klassenbewusstsein erkennt seinen Ursprung und sein Objekt: das Proletariat, das lebendige Kernstück der Produktion, eine dauernd im Werden begriffene soziale Klasse.
Der Prozess der Bewusstwerdung des Proletariats, der auf der dialektischen Einheit von Sein und Bewusstsein beruht, verwirft jede Form von Zwischenstücken der Vermittlung zwischen Existenz und Bewusstsein. Proletarisches Klassenbewusstsein wird ein Bewusst sein seiner selbst und stellt dadurch die Einheit zwischen dem Menschen und der Realität wieder her.
III. Der Proletarier ist dazu gezwungen, seine Arbeitskraft im Vergleich zu seiner gesamten Persönlichkeit als ein bloßes Objekt
zu verkaufen, und es ist diese Objektivität und die Trennung, die zwischen der Arbeitskraft der Ausbeutung unterworfenes Objekt und dem sie verkaufenden Subjekt, vorgenommen wird, die die Bewusstwerdung möglich werden lässt. Aufgrund ihres Kampfes gegen die kapitalistische Ausbeutung kann die Arbeiterklasse sich gleichzeitig als Subjekt und Objekt der Erkenntnis wahrnehmen. Diese Wahrnehmung und das Bewusstsein über die extreme Armut und seine unmenschliche Lage ist gleichzeitig eine Bloßstellung der ganzen Gesellschaft und die Zerstörung derselben. Somit drückt die Arbeiterklasse, indem sie die gesamte Gesellschaft zerstört, nur das Wesen ihrer eigenen Existenz aus, da sie die Negation der Gesellschaft ist (die einzig bestehende gesellschaftliche Beziehung zwischen dem Kapitalismus und dem Proletariat ist der Klassenkampf). Die Selbstverwirklichung der Arbeiterklasse als eine Klasse für sich wird durch die Zerstörung des Systems erreicht; das Bewusstsein ist Faktor und Produkt dieses Prozesses. Die Selbsterkenntnis bedeutet für die Arbeiterklasse, das Wesen der Gesellschaft zu erkennen; sie gelangt nicht einfach zu einem Bewusstsein über ein Objekt, sondern zu einem direkten Bewusstsein des Objekts selber, in diesem sinne ist dies schon Praxis und wirkt wie eine Veränderung des Objekts. Indem der objektive Charakter der Arbeit als Ware anerkannt wird, erlaubt dieser Prozess, den Warenfetischismus zu entlarven und den unmenschlichen Charakter des Kapital-Arbeit-Verhältnisses zu enthüllen.
Die Illusion, die Mystifikationen, die dem Denken durch die Ideologie auferlegten Hindernisse, sind also nichts anderes als der geistige Ausdruck dieser Wirklichkeit, die selbst einer ökonomischen Struktur entspricht, die auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ruht. Ihre Negation kann nicht durch eine einfache Willensbekundung verwirklicht werden, sondern nur durch die Überwindung in der Praxis. Deshalb ist das Klassenbewusstsein nicht ein einfaches theoretisches Infragestellen des Kapitalismus, es geht aber vor allem von einer Kritik und einer materiellen Zerstörung des ganzen Systems aus. Indem das Klassenbewusstsein die geschichtliche Natur der ökonomischen Gesetze anerkennt, enthüllt es den geschichtlichen und vorübergehenden Charakter der kapitalistischen Produktionsweise, legt die objektiven Grenzen derselben fest und untersucht die geschichtlichen Epochen der Gesellschaft. Diese Enthüllung ist ein Prozess, der Theorie und Praxis insofern miteinander verbindet, wie jede Illusion die zusammenbricht, jede entschleierte Mystifikation der praktischen Bereitschaft entspricht, die Lohnsklaverei zu zerstören.
IV. Dennoch, falls diese historische Bewusstsein aus der Notwendigkeit erwächst, dass die Arbeiterklasse ein umfassendes Verständnis von einem Klassenstandpunkt aus entwickeln muss, so bedeutet dies noch lange nicht, dass sie diese Erkenntnis unmittelbar gewinnt. Ganz im Gegenteil, der Klassencharakter dieses Prozesses entspricht genau der heterogenen und schmerzvollen Entwicklung einer Praxis und Theorie der Arbeiterklasse, die von Anfang an mit dem starken Druck der Bourgeoisie konfrontiert war. Die Arbeiterklasse, selbst wenn sie in Zeiträumen des Kampfes vereinigt ist, handelt nicht wie ein einheitliches Wesen, das mechanistisch auf ein Ziel gerichtet ist. Der dialektische Widerspruch, der zwischen ihrer Lage als revolutionäre Klasse und ausgebeutete Klasse besteht, ihre totale Verarmung innerhalb der Gesellschaft, bestimmt sie dazu, das erste Opfer der bürgerlichen Ideologie zu sein. Unfähig, ihr Bewusstsein gemäß des gesetzten Richtlinie einer Ideologie oder einer Reihe von praktischen Rezepten zu entwickeln, da sie gleichzeitig Subjekt und Objekt der Erkenntnis ist.
Dieser objektiven Bedingung und die allgegenwärtige Unterdrückung durch die herrschende Ideologie sind es, die die Arbeiterklasse in ihrer Entwicklung, sich als revolutionäre Klasse zu bilden, dazu zwingt, revolutionäre Minderheiten als integraler Bestandteil hervorzubringen. Diese haben die Aufgabe, den Prozess der theoretischen Aufarbeitung der geschichtlichen Erkenntnis und deren Ausbreitung während der Kämpfe zu beschleunigen. Das Klassenbewusstsein ist somit kein 'Spiegel' der Realität, eine mechanische Widerspiegelung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiterklasse (unter diesen Umständen hätte sie überhaupt keine aktive Rolle zu spielen) und das Klassenbewusstsein entsteht nicht spontan auf dem Boden der kapitalistischen Ausbeutung. In Wirklichkeit erwächst das Bewusstsein aus dem Übereinstimmen mehrerer Faktoren, wobei die wirtschaftlichen Voraussetzungen obgleich unabdingbar keineswegs ausreichend sind. Der wirtschaftliche Kampf der Arbeiterklasse reicht nicht aus, um eine ganze theoretische und praktische Bewegung hervorzubringen; er besitzt in der Tat nicht die einzigartigen, magischen und schöpferischen Kräfte, die ihm so manche Spontaneisten zuschreiben wollen.
Aus diesem Grund kann nur die Verbindung einer Anzahl von Elementen das Produkt der Entwicklung des Klassenkampfs selber letzten Endes das sozialistische Bewusstsein zu seinem höchsten historischen Niveau führen. Diese Elemente sind hauptsächlich die folgenden:
a) der wirtschaftliche Druck, dem die Arbeiterklasse unterworfen ist und ihre Lage als ausgebeutete Klasse,
b) die objektiven Gegebenheiten der Periode und das Niveau, bei dem die Widersprüche des Systems angelangt sind (Dekadenz des Kapitalismus, Vertiefung der Krise),
c) das Niveau des Klassenkampfes als Antwort auf diese Lage und die Tendenz des Proletariats, sich auf mehr oder weniger entwickelte Weise als autonome Klasse zu organisieren,
d) der mehr und mehr entscheidende Einfluss der revolutionären Gruppen im Kampf und die Fähigkeit der Arbeiterklasse, sich ihre revolutionäre Theorie wieder anzueignen.
Keiner der Elemente kann, für sich selbst betrachtet, von den an deren getrennt werden und als einzige grundsätzliche Hauptursache der Bewegung angesehen werden. Es ist ziemlich offensichtlich, dass der wirtschaftliche Druck oder die revolutionäre Theorie sich als aktive Faktoren in der Entwicklung des proletarischen Bewusstseins aufzwingen, aber sie bilden nicht in sich selber die Hauptursache des Prozesses. Eine grundlegende und isolierte Ursache einer ganzen Bewegung zu suchen, läuft darauf hinaus, diesen Prozess als starr aufzufassen und dies führt zu vollständig fruchtlosen Debatten wie: "was war zuerst- das Huhn oder das Ei?".
DIE ROLLE DER REVOLUTIONÄRE UND DER PARTEI
Proletarisches Bewusstsein als einen historischen Prozess zu definieren, der für eine soziale Klasse charakteristisch ist, und der auf der historischen Szene durch die Bejahung des Bewusstseins gekennzeichnet ist, bedeutet, dass man über eine einfache Tatsachenaussage nicht hinausgeht. Wenn man bei diesem Stadium aufhörte, hätte man nichts anderes als eine theoretische Abhandlung über die Charakteristiken der Bewusstwerdung anfertigt, ohne die objektiven gründe zu begreifen, die uns zur Formulierung dieser Definition veranlasst haben. Nun, indem die Revolutionäre gerade über den rein theoretischen Aspekt ihrer Tätigkeit hinausgehen, werden sie sich ihrer historischen Rolle als aktiver Teil eines Ganzen bewusst. Man kann eine Wand nicht umwerfen, indem man dagegen bläst, man kann ein ganzes Ausbeutungssystem nicht mit frommen Worten und philosophischen Überlegungen zerstören. Indem sie vollständig ihrer Verantwortung gegenüber der Arbeiterklasse übernehmen, können die Revolutionäre des Prozess der Bewusstwerdung der Arbeiterklasse und ihrer Bildung als autonome Klasse beschleunigen. Diese Verantwortung erfordert eine klare Vorstellung ihrer Funktion, eine klare Formulierung der historischen Aufgabe, für die sie entstanden sind.
I. Die Natur und die Funktion der revolutionären Gruppen und der Partei können nur wirklich durch die grundsätzlich widersprüchliche Natur des Bewusstwerdungsprozesses der Arbeiterklasse erklärt werden: ein Widerspruch, der mit der Bewegung des Klassenkampfes verbunden ist und ihn umfasst, der ebenso die Übergangsperiode bis zu verschwinden aller Klassen kennzeichnen wird. Ein Widerspruch zwischen der Lage der Arbeiterklasse als ausgebeuteter Klasse und ihrer historischen Aufgaben in Richtung der Abschaffung jeglicher Ausbeutung, Ein Widerspruch zwischen der Unmöglichkeit, das sich die Arbeiterklasse eine proletarische ' Ideologie' auf der Grundlage irgendeiner wirtschaftlichen Macht formt, und der dringenden Notwendigkeit, ihre Erkenntnisse theoretisch zu verarbeiten und sich der historischen Ziel voll bewusst zu sein. Somit zwingt sich dem Proletariat die Notwendigkeit auf, einerseits die grundlegende Bedingung der kommunistischen Revolution in den alltäglichen Kampf umsetzen: "die Befreiung der Arbeiterklasse wird das Werk der Arbeiter selbst sein", andererseits, sich die theoretischen Waffen zu schmieden, die für die bewusste Emanzipierung notwendig sind, während es ihm gleichzeitig unmöglich ist, dem Einfluss der herrschenden Ideologie vollständig zu entfliehen. Die revolutionären Minderheiten erscheinen somit als Produkt dieser widersprüchlichen Notwendigkeit. Sie entstehen als integraler Bestandteil des Proletariats und sind dennoch nicht notwendiger weise Mitglieder der Arbeiterklasse im soziologischen Sinne. Da die wirtschaftlich herrschende Klasse die materiellen und ökonomischen Mittel der Produktion kontrollier, ist das Proletariat unfähig, eine Kultur oder Ideologie zu entwickeln, die ihr soziologisch voll entsprechen würde, denn die würde ein ökonomisches Interesse beinhalten, das darauf abzielen würde, ihre Lage als ausgebeutete Klasse zu verewigen. Aus diesem Grund ist ein politisches Kriterium, das die Revolutionäre als wirkliche Mitglieder der Arbeiterklasse bestimmt, und ihnen die Aufgabe zuweist, die geschichtlichen Lehren der Klasse theoretisch aufzuarbeiten und sicherzustellen, dass diese Lehren von der größtmöglichen Zahl zu den eigenen gemacht werden.
II. Da die Arbeiterklasse vor der Notwendigkeit steht, die alte Gesellschaft umzustürzen, erfordert diese Umwälzung, die gleichzeitig praktisch und theoretisch ist, eine klare "Einsicht in di Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung" (Marx, Manifest). Solange wie der Klassenantagonismus und die kapitalistische Ausbeutung fortbestehen, wird diese klare Sicht der Endziele der Bewegung dem starken Druck der bürgerlichen Ideologie gegenüberstehen. Und aus diesem Grund wird die Mehrheit der Arbeiterklasse diese klare sicht nicht haben. Die Ausbreitung und das Wachstum der revolutionären Theorie und des Bewusstseins der Endziele der proletarischen Revolution innerhalb der ganzen Klasse sind keine 'natürlichen' Phänomene mit einer linearen mathematischen Progression: dies ist vor allem das Produkt organisierter Bemühungen der Klasse. Dieser bewusste Versuch des Proletariats, sich eine revolutionäre Theorie zu geben und die Lehren der vergangenen Kämpfe zu ziehen, nimmt eine materielle Gestalt an mit dem Erscheinen von revolutionären Minderheiten und ihrer Bildung zur Partei während des Zeitraums des revolutionären Aufschwungs.
Dieses konstante Streben innerhalb des Proletariats auf die Gründung der revolutionären Partei hin, kann unter keinen Umständen mit der voluntaristischen Handlung von Individuen oder von Gruppe verglichen werden, die glauben, dass der Aufbau einer revolutionären Partei ein Ersatz für die Handlung der Klasse als Ganzes sei. Das Emporkommen revolutionärer Theorie als der Theorie revolutionärer Gruppe ist nicht die Frucht eines individuellen Willens oder die Erkenntnis "dieses oder jenes Weltverbesserers" (Marx). Dies konkretisiert vielmehr die Entwicklung eines realen Klassenkampfes und erwächst als eine Antwort auf ein wahres Bedürfnis im Proletariat.
III. das Proletariat wird somit nicht auf einer abstrakten Ebene als eine Klasse betrachtet, sondern im Bereich der konkreten Handlung, aufgrund der ständigen Kämpfe in seiner Konfrontation mit den objektiven der Periode. Aus dieser historischen Praxis sind keineswegs eine Reihe von organischen Prinzipien, die wie theoretische Rezepte auf den Klassenkampf angewendet werden, her vorgegangen, sondern der theoretische Ausdruck dieser Erfahrung. Die revolutionäre Theorie stellt keine Summe von endgültigen und unveränderlichen Prinzipien dar, sondern die Widerspiegelung einer konkreten Aktivität des Proletariats, die auf theoretischer Ebene durch die revolutionären Gruppen deutlich ausgedrückt und verallgemeinert wird und von der Klasse wieder angeeignet wird. Somit entspricht jedes Problem, das durch den Kampf und die Organisation der Klasse gelöst wird, einem neuen theoretischen Beitrag, der selbst wiederum in praktische Wirklichkeit umgewandelt wird durch die Intervention der Revolutionäre in zukünftigen Kämpfen. Somit schöpft die Theorie, die das Produkt der sozialen Existenz der Kämpfe ist, ihre Energie aus der Praxis und beeinflusst wiederum die politische Klarheit der zukünftigen Kämpfe. Sich aus den konkreten Kämpfen der Klasse entwickelnd, bleibt revolutionäre Theorie die ursprünglich von den revolutionären Gruppen getragen wird damit noch lange nicht ihr ausschließliches Eigentum, wie ein versteckter Schatz. Ganz im Gegenteil: die Rolle selber der Revolutionäre und der Partei verdeutlicht das grundsätzliche Bestreben der Arbeiterklasse, sich die historischen Lehren wieder anzueignen und so weit wie möglich zu verbreiten. Ihre Funktion besteht darin, diese Theorie innerhalb der Klasse zu verbreiten, wohl wissend, dass es sich nicht darum handelt, eine Theorie in die Praxis "einzuflössen" oder die Theorie als ein chemischer Grundstoff zu betrachten, der den ganzen historischen Prozess aktivieren würde. Theorie und Praxis vervollständigen sich, dringen ineinander ein; das eine auf Kosten des anderen zu bevorzugen, darauf zu bestehen, dass die Theorie der alles bestimmende Faktor sei oder andererseits die aktive Seite der Theorie nicht zu betrachten, trägt das Risiko in sich, dass wir auf die gefährlichen Wege des Voluntarismus und Akademismus abgleiten.
IV. Es ist nicht die Existenz revolutionärer Gruppen, die die Arbeiterklasse zu einer revolutionären Klasse macht. die Bourgeoisie könnte in der Tat alle Revolutionäre unterdrücken und den noch, sie würde nur ihr eigenes Todesurteil hinauszuzögern, ohne in der Lage zu sein, den Klassenkampf aufzuhalten und die Arbeiter klasse daran zu hindern, revolutionäre Gruppen zu bilden. Indem man die ersten Blüten an einem Baum zerstört, kann man sich Lange nicht endgültig den ganzen Prozess seiner Reproduktion aufhalten. In diesem Sinne haben die Revolutionäre keine von der Arbeiterklasse unterschiedlichen Interessen und unterscheiden sich auch nicht von ihr, obgleich sie nicht identisch mit ihr sind. Sie sind nur ein Teil der Klasse, der entschlossenste; sie sind jene, die ohne damit der Führungsstab einer unbewussten und gehorsamen Armee oder die großen Führer der Revolution zu sein, die großen allgemeinen Stossrichtungen des Kampfes zu stecken, und sie die Endrichtung der Bewegung anzeigen. Ihre Funktion besteht nicht darin, die 'technische' Leitung der Kämpfe vorzubereiten, sie sind nicht jene, "die durch richtige Parolen organisch die Bedingungen und Möglichkeiten für die technische Organisation der Arbeiter klasse hervorzubringen" (Lukacs). Ihre Rolle ist nicht die Arbeiterklasse zu organisieren, die autonome Organisation der Klasse mittels praktischer Anweisungen über diese oder jene Einheitsorganisation zu leiten, sondern ihre Rolle liegt darin, immer die allgemein politische Richtung der Bewegung hervorzuheben.
V. Die Tatsache, dass die Partei nicht an die stelle der Klasse treten kann, bedeutet keineswegs, dass ihre Existenz eine Notlösung darstellt, ein notwendiges übel, das abgeschwächt oder so weit wie möglich vermieden werden müsste. Die Revolutionäre und die Partei existieren als notwendige Produkte, als unabdingbare Elemente im Prozess der Bewusstwerdung des Proletariats. Ihre Funktion unter dem Vorwand der Fehler der Vergangenheit wie Substitutionismus zu leugnen, hieße einen sterilen Purismus an den Tag zu legen, hieße dem Proletariat eines seiner lebenswichtigen Waffe wegzunehmen. Die historische Aufgabe der revolutionäre und der Partei weit davon entfern, eine Art Notbehelf zu sein
ist Teil einer allgemeinen Tendenz des Proletariats, sich selbst als eine bewusste revolutionäre Klasse zu bilden. Als die kampfkräftigsten und entschlossensten Elemente der Arbeiterklasse, entfalten sie in den Kämpfen der Arbeiterklasse eine organisierte Intervention mit der Perspektive, die Endziele der Bewegung hervorzuheben. Ihre aktive Teilnahme an den Kämpfen übt auf die allgemeine Organisation der Bewegung der Klasse einen entscheidenden Einfluss aus, Ein Einfluss, der sich in der Tat in der allgemeinen politischen Stossrichtung des Kampfes und der Beschleunigung der Bildung der Arbeiterklasse als autonome Klasse im Hinblick auf die Machtübernahme und sie Zerstörung der Lohnsklaverei niederschlägt.
VI. Die Revolutionäre und die Partei haben nicht die Klasse zu ersetzen, was bedeutet, dass ihre unabdingbare Funktion keinen Selbstzweck darstellt und auch kein vollständiges und vollkommenes Werk, indem sie anstelle der Arbeiterklasse handeln könnten oder der spontanen Massenbewegung der Klasse die der Partei immanenten "Wahrheit" eintrichtern könnten, um die Arbeiterklasse von der Ebene der bloßen wirtschaftlichen Notwendigkeiten zu bewussten und revolutionären Handlungen zu "heben". Deshalb ist die Partei, die ein aktives und grundlegendes Element des Proletariats ist, das voll am Bewusstwerdungsprozess des Proletariats teilnimmt, keinesfalls eine Vermittlungsstelle zwischen Theorie und Praxis, zwischen Erfahrung und Bewusstsein. sowohl die Partei als auch die Klasse sind die materielle Einheit zwischen Theorie und Praxis; dies Einheit den beiden identisch braucht nicht von einem Vermittler "übernommen" werden. (Man kann in der Tat nur einen Vermittler zwischen zwei vormals getrennten Einheiten stellen). Diese Einheit ist ein lebendiger Prozess, der sowohl die Partei als auch die Handlung der Klasse in ihrer Gesamtheit und ihrer Einheitsorganisation, den Räten, bestimmt. Aus der Partei den Vermittler zwischen Theorie und Praxis zu machen, läuft darauf hinaus, die Theorie als etwas außerhalb der Arbeiterklasse Existierendes zu betrachten, als etwas ausschließlich der Partei Zugehöriges anzusehen. Somit wird die Partei als einzige Kraft dazu fähig, alle Richtlinien der Praxis zu bestimmen, was darauf hinaus läuft, dass das Proletariat jeder bewussten und politischen Möglichkeit der Machteroberung beraubt wird. Denn wenn man dieser Argumentation folgt, wandeln sich die Arbeiterräte zu leeren Schalen, werden zu administrativen staatlichen Organen, denen nur die Partei einen revolutionären Inhalt geben könnte. In diesem Fall wäre es sehr logisch die wahre Führung der Diktatur über die Gesellschaft in die Hände der Partei zu legen und die Partei an die Staatsspitze und die Diktatur des Proletariats zu stellen. Die Partei stellt keinen Organismus der Leitung oder der Ausführung dar, ein Organ von der Arbeiterklasse geschaffen, um die Macht zu erobern. Die Idee, dass die Führung der Diktatur der Arbeiterklasse die Aufgabe einer revolutionären Einheitspartei sei, die als Massenpartei während der nachrevolutionären Periode gebildet wäre, beweist einen großen Mangel an Verständnis der wirklichen politischen Ziele der Partei. Die Partei zielt nicht darauf ab, sich übermäßig zu vergrößern, um somit die größtmögliche Anzahl von Elementen zu integrieren. Ihre Funktion ist nicht, die einer totalitären und staatlichen Einheitspartei. Im Gegenteil wird sie immer mehr Ausdruck eines Teils der Klasse bleiben, und ihre Existenzberechtigung wird dazu neigen zu verschwinden, in dem Masse wie das sozialistische Bewusstsein in der gesamten Klasse zunimmt.
SCHLUSSFOLGERUNGEN
Die Diskrepanz zwischen den Produktionsverhältnissen und den Produktionskräften hat in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg solch großes Ausmaß erreicht, dass sie heute den lügenhaften Charakter der Ideologien die den überkommenen gesellschaftlichen Verhältnissen entsprechen, offen gelegt, und die Bourgeoisie dazu zwingt, eine ganze Reihe von Mystifikationen zu entwickeln, die darin bestehen, die Kämpfe der Arbeiterklasse von ihren wahren Zielen abzulenken. Die grundsätzlichen Unterschiede gegenüber der aufsteigenden Phase des Kapitalismus beeinflussen zutiefst die Einheit zwischen Theorie und Praxis, insofern sie die Entwicklung der objektiven Bedingungen der kommunistischen Revolution diese Einheit bekräftigen. In der Dekadenzperiode wird die kommunistische Revolution eine objektive Möglichkeit, und die Praxis der Klassenkämpfe radikalisiert sich in dieser Richtung, somit neigt die Theorie immer mehr dazu, das primäre Objekt ihrer Analyse praktisch zu fassen. Das Klassenbewusstsein bestätigt sich in seinem Prozess als eine reale Einheit zwischen Theorie und Praxis, letztendlich dem Prozess eines bewussten Wesens. Die Stärkung dieser Einheit gesellschaftlichen Seins des Proletariats und seiner Theorie drückt sich in der Geschichte der Arbeiterklasse während der Dekadenzperiode durch die Entstehung revolutionärer Organisationen der Klasse aus, die nicht mehr das Ziel der Verbesserung der Lebensbedingungen der Proletariats innerhalb des kapitalistischen Systems verfolgen, sondern die Notwendigkeit der Zerstörung der kapitalistischen Produktionsweise durch die Gewalt und die politische Machtergreifung durch die autonomen Klassenorgane in den Vordergrund stellen. In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus, als die permanenten Organisationen des Proletariats in Form der Klassenparteien oder der Gewerkschaften den Kampf für wahre und anhaltende Reformen bedeutete, konnte das Entstehen von revolutionären Minderheiten nur in einem beschränkten Masse geschehen. Heute sind alle permanenten Formen der Klassenorganisation unvermeidlich dazu verdammt, zu verschwinden oder von der Konterrevolution integriert zu werden. Was revolutionäre Minderheiten betrifft, beschränken sie sich nicht einfach darauf, die Lehren proletarischer Erfahrung theoretisch aufzuarbeiten, da ihre Praxis innerhalb des Klassenkampfes ein wirklicher Faktor der Umwälzung und der Klärung der historischen Perspektive der Klasse sein kann. Die Theorie neigt nicht mehr einfach dazu, sich in der Praxis zu verwirklichen, sondern die Wirklichkeit selber beginnt sich das Denken einzuverleiben; d.h. dass das Proletariat dazu neigt, sich die Theorie wieder anzueignen. indem es sich durch seine Kämpfe der Klassengrenzen als Errungenschaften der Vergangenheit bewusst wird. So ist das revolutionäre Programm nicht einfach eine Summe von mehr oder weniger flexiblen Positionen, die sich Schwankungen der Aktualität anpassen. Es geht vielmehr aus der historischen Verbindung hervor, die die verschiedenen Momente des Auftretens des Proletariats als einer für ihre historische Mission die Zerstörung des Kapitalismus denkenden und handelnden Klasse vereint. Die Intervention der Revolutionäre stellt nichts anderes dar, als die Bemühungen des Proletariats, zu einem wahren Begreifen seiner wirklichen Interessen zu gelangen, das somit über eine einfache empirische Aussage über ein besonderes Phänomen hinausgeht; es ist das Bemühen, eine Verbindung mit den aus der historischen Erfahrung hervorgegangenen allgemeinen Prinzipien herzustellen. Da diese Bewusstwerdung die Machtergreifung des Proletariats durch die Arbeiterräte voraussetzt und gleichzeitig vervollständigt, kündigt sie eine Produktionsweise an, in der die Menschen endlich die Produktivkräfte beherrschen, und diese mit vollem Bewusstsein entwickeln, um dem Reich der Notwendigkeit ein Ende zu setzen, damit das Reich der Freiheit beginnt.
J. L. Juli 1977 aus der Internationalen Revue Nr.7
Fußnoten der Seite 17:
(*): World Revolution, Nr. 3: Modernism, From leftism to the void.
(**): Die Politik des Kriegskommunismus auf dem Lande während des Bauernkrieges die von der RWG so gelobt wird war nicht weniger antikapitalistisch als die NEP. Weiterhin: die vollständige Enteignung der Bauern (Getreide) kann obwohl es zu jener Zeit eine absolut lebenswichtige Maßnahme für die proletarische Offensive in Russland war kaum als ein Programm (Plünderung?) angesehen werden. Es ist leicht verständlich, dass diese temporären Maßnahmen von Gewalt gegen die Bauern nicht endlos andauern konnten. vor, während und nach dem Kriegskommunismus war das Privateigentum die Grundlage der Produktion auf dem Lande. Die RWG unterstreicht zu Recht die Bedeutung des Klassenkampfes auf dem Lande, dieser Kampf führt jedoch nicht automatisch und unmittelbar zur Auflösung der Bauernschaft oder ihrer Produktionsweise.
- Revolutionary Workers Group, PO Box 60 161, 1723 W. Devon, Chicago, ILLINOIS 60 660, USA,
Die für die Befreiung der Arbeiterklasse unabdingbare Entwicklung des Klassenbewußtseins ist ein fortdauernder und unaufhörlicher Prozeß. Er wird bestimmt durch das soziale Wesen des Proletariats als eine historische Klasse, die als einzige Klasse die Lösung der unüberwindbaren Gegensätze des Kapitalismus in sich birgt, wobei der Kapitalismus selbst die letzte der in Klassen geteilten Gesellschaften ist. Sowie die historische Aufgabe, die die menschliche Gesellschaft zerreißenden Klassengegensätze aufzulösen, nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann, kann das Bewußtsein über diese Aufgabe dem Proletariat keineswegs von außen 'importiert' oder eingetrichtert werden, sondern es ist das Produkt seines wahren Seins, seiner eigenen Existenz. Es ist die wirtschaftliche, soziale und politische Stellung in der Gesellschaft, die die praktischenHandlungen und den historischen Kampf des Proletariats bestimmen.
Diese unaufhörliche Bewegung hin zu einem Bewußtwerdungsprozeß drückt sich in den Versuchen des Proletariats, sich selber zu organisieren und in der Bildung politischer Gruppen innerhalb der Arbeiterklasse, die in der Bildung der Partei gipfelt, aus.
Gerade dieser Frage, der Bildung der Partei, wird in der Nr. 76 von "Programme Communiste" (März '78), dem theoretischen Organ der IKP (Internationale Kommununistische Partei), ein sehr langer Artikel gewidmet: "Auf dem Wege zur 'kompakten und starken' Partei von Morgen"(1). Es muß erst festgestellt werden, daß man mit dem üblichen Schwulst der bordigistischen Sprache, den auf vielen Seiten zu findenden Drehungen und Wendungen- nach denen man sich schließlich auf dem Ausgangspunkt wiederfindet -, dem Einrennen offener Türe und den sich wiederholenden Bestätigungen, die eine Argumentation ersetzen sollen, die wirklich zur Diskussion stehenden Probleme viel schwerer und umständlicher begreifen kann. Die darin bestehende Vorgehensweise, ein Bestätigung dadurch zu beweisen, indem man die früheren Bestätigungen zitiert, welche selbst wieder auf vorherigen Bestätigungen aufgebaut - sodaß es einem fast schwindelig wird - kann nötigenfalls eine Kontinuität der Bestätigungen beweisen, sie kann aber nie eine schlüssige Beweisführung sein. Unter diesen Umständen und trotz unserer festen Absicht, uns nur mit den Bestätigungen auseinanderzusetzen, die die bordigistischen Positionen hinsichtlich der Partei ausdrücken, welche wir für falsch und als zu bekämpfen betrachten, können wir es nicht vollständig vermeiden, auf eine Anzahl anderer Punkte, welche mit diesen Bestätigungen zusammenhängen, zu sprechen zu kommen.
Es wäre sicherlich keine kleine Überraschung für die Mehrzahl der Leser des "Kommunistischen Programms" und wahrscheinlich auch für die Mehrzahl der Mitglieder der IKP plötzlich zu erfahren, daß "trotz ihrer objektiven (7) Grenzen, die 'Linke Fraktion im Ausland' ein Teil der Geschichte"(2) der Italienischen Linke ist und als solche selbst "unsere Fraktion im Ausland zwischen 1928 und 1940" wurde. In diesem Punkt hatte uns "Kommunistisches Programm" eher an eine große Zurückhaltung, ein lastendes Schweigen, wenn nicht gar einfach an ein Mißbilligung der Fraktion gewöhnt. Wie sollte man sonst verstehen, daß innerhalb 30 Jahre Bestehens der IKP sie keine Mühe gescheut hat, in ihren Zeitungen, theoretischen Zeitschriften, Broschüren und Büchern die Texte der Linke von 1920-1926 wiederaufzulegen und erneut zu veröffentlichen, aber gleichzeitig nie weder die Zeit, noch die Mittel, noch den Platz gefunden hat, auch nur einen einzigen Text der Fraktion zu veröffentlichen, die das "Bulletin d'Information", die Zeitschrift "Bilan", die Zeitung "Prometeo", die Bulletins "Il Seme" und soviel andere Texte veröffentlichte ? Es ist dennoch kein reiner Zufall, wenn man in "Kommunistisches Programm" nie weder irgendeine Bezugnahme, noch eine Erwähnung der politischen Positionen, die "unsere" Fraktion verteidigt hat, und auch nie ein Zitat von "Bilan" vorfindet. Einige Genossen der IKP, die einmal davon etwas vage gehört hatten, behaupteten, daß die Partei sich weder auf die politische Aktivität noch auf die Schriften "Bilans" berufe, und andere Genossen der gleichen Partei wußten noch nicht einmal etwas von der Existenz und von dem Namen.
Heute entdeckt man das "Verdienst unserer Fraktion", ein Verdienst, welches - das stimmt - ziemlich begrenzt ist, aber immer noch groß genug, um davor den Hut abzunehmen. Warum heute ? Ist es deshalb, weil die Lücke in der organischen Kontinuität (ein von der IKP so geschätztes Wort), die von 1926 bis...1952 dauert, etwas störend geworden ist und weil man diese Lücke so recht und schlecht stopfen mußte, oder ist es deshalb, weil die IKS so lange schon davon gesprochen hat, so daß man jetzt nicht mehr länger das Schweigen aufrechterhalten kann ? Und warum die Fraktion zwischen 1928 und 1940 einordnen, zumal sie sich - zu Unrecht -erst im Juli 1945 aufgelöst hat, um sich dann in die "Partei" zu integrieren, die endlich in Italien rekonstituiert worden war, nachdem sie in der Zwischenzeit das italienische antifaschistische Komitee in Brüssel verurteilt hatte und seinen Vorkämpfer Vercesi ausgeschlossen hatte.
Es war der gleiche Vercesi, der später ohne Diskussion wieder in die IKP und sogar noch in die Führung aufgenommen wurde. Geschieht all dies aus Unwissenheit, oder weil während des Krieges die Fraktion noch viel weiter in der Richtung gegangen war, die"Bilan" schon vor dem Kriege eingeschlagen hatte, insbesondere in der Frage Rußlands, in der Frage des Staates und der Partei -was die Differenzen zwischen den von "Kommunistisches Programm" verteidigten Positionen und denen "Bilans" noch verstärken sollte. Jedenfalls werden die "Bilan" zugestandenen"Verdienste" schnell durch umso schärfere Kritik zurückgenommen.
"Die Unmöglichkeit - schreibt 'Kommunistisches Programm' - den sozusagen subjektiven (?!) Kreis der Konterrevolution zu zerschlagen, führte bei der Fraktion zu bestimmten Abweichungen, wie z.B. in der nationalen und kolonialen Frage oder in Bezug auf Rußland, nicht so sehr in der Einschätzung, was aus Rußland geworden war, als vielmehr in der Suche nach einem unterschiedlichen Weg gegenüber dem der Bolschewisten in der Ausübung ihrer Diktatur..., ein Weg der in der Zukunft eine Wiederholung der Katastrophe der Jahre 1926-27 verhindern sollte; und auch in einem gewissen Sinne in Bezug auf die Partei oder die Internationala—erwartete die Fraktion auch den Wiederaufbau (der Partei) von der Rückkehr der großen Massen auf den Boden der direkten Auseinandersetzung mit dem Feind."(Programme Communiste, Nr.76, 8.8) (1).
Wenn es stimmt, daß die Treue zu den revolutionären Grundlagen des Marxismus in Zeiten der Niederlagen zweifelsohne ein großes Verdienst ist, so liegt das große Verdienst der Fraktion, wodurch sie sich besonders von den damaligen Gruppen unterscheidet, gerade in dem, was der Artikel des "Kommunistischen Programms" "Abweichungen" nennt. Die Fraktion meinte: "Der Rahmen für die zukünftigen Parteien des Proletariats kann nur aus dem tiefgreifenden Verständnis der Ursachen der Niederlagen hervorgehen. Und dieses Verständnis darf weder durch Verbote noch durch Verfemung beeinträchtigt werden.”(3)
Leute, für welche das Programm etwas "Vollendetes und Unveränderbares" ist, die den Marxismus in ein Dogma verwandelt und Lenin zu einem unantastbaren Propheten gemacht haben, müssen es als unhaltbar annehmen, daß die Fraktion es gewagt hat, (da läuft es einem kalt den Rücken runter !) im Lichte der Realität nicht die Grundlagen des Marxismus, sondern die politischen und programmatischen Positionen der bolschewistischen Partei und der Komintern zu überprüfen. Wenn man innerhalb des theoretischen Rahmens und der kommunistischen Bewegung eine Überprüfung der politischen Positionen, die eine Rolle in Niederlagen gespielt haben, verlangt, die "weder durch Verbote noch durch Verfemung beeinträchtigt werden darf", dann ist das die wildeste Ketzerei; eine "Abschweifung" würde "Kommunistisches' Programm" dazu sagen.
Das große Verdienst der Fraktion -neben ihrem Festhalten am Marxismus und ihren Stellungnahmen zu den großen, wichtigen Fragen, gegen die von Trotzki verlangte Einheitsfront, gegen die Volksfront, gegen die Kollaboration und die Unterstützung des Spanienkrieges, gegen die niederträchtigen Verschleierungsmethoden des Antifaschismus - lag darin, es gewagt zu haben, mit der Methode zu brechen, die damals in der revolutionären Bewegung überhand genommen hatte. Durch diese Methode war nämlich die Theorie zu einem Dogma, die Prinzipien in Tabus verwandelt worden und jedes politische Leben erstickt worden. Ihr Verdienst war es, die Revolutionäre zu Debatten aufgerufen zu haben, was sie nicht zu "Abschweifungen" geführt hat, sondern in die Lage versetzt hat, reiche und wertvolle Beiträge zu dem revolutionären Werk zu leisten.
Bei all ihrer Standhaftigkeit zu ihren Überzeugungen hatte die Fraktion die Bescheidenheit, nicht vorzutäuschen, alle Probleme gelöst zu haben und auf alle Fragen Antworten zu haben: "Wenn wir jetzt mit der Veröffentlichung dieses Bulletins anfangen, glaubt unsere Fraktion nicht, endgültige Lösungen für die schrecklichen Probleme gefunden zu haben, vor denen die Proletarier aller Länder stehen."(4) Und selbst dann, wenn sie überzeugt war, Antworten geliefert
zu haben, verlangte sie nicht von anderen die einfache Anerkennung, die Übernahme dieser Antworten, sondern die kritische Überprüfung, die Konfrontation in den Diskussionen: "Sie (die Fraktion) beabsichtigt nicht, die politisch 'Nahestehenden' dazu zu drängen, mit den von ihnen vorgeschlagenen Lösungen für die augenblickliche Lage einverstanden zu sein. Im Gegenteil, sie ruft alle Revolutionäre dazu auf, die von ihr verteidigten Positionen und grundlegenden politischen Dokumente im Lichte der Ereignisse zu überprüfen." Und im gleichen Sinne schrieb sie: "Unsere Fraktion hätte es vorgezogen, daß solch eine Arbeit (die Veröffentlichung von "Bilan") von einem internationalen Organismus getragen würde, weil wir von der Notwendigkeit der politischen Konfrontation zwischen den Gruppen, die die Arbeiterklasse in den verschiedenen Ländern repräsentieren, überzeugt sind," (Bilan, Nr.1)
Um die bestehenden Unterschiede zwischen den Vorstellungen der Fraktion und den der bordigistischen Partei hinsichtlich der Art und Weise, wie die Beziehungen zwischen den kommunistischen Gruppen aussehen sollen, voll zum Vorschein treten zu lassen, genügt es, das oben aufgeführte Zitat von "Bilan" mit dem nachfolgenden Zitat aus "Kommunistisches Programm" zu vergleichen. So schreibt "Kommunistiches Programm" in Bezug auf ihre eigene sich"Partei" nennende Gruppe "'Parteikern' ? Im Vergleich zur 'kompakten und starken Partei von morgen', ganz gewiß. Aber Partei; eine Partei, die nur auf ihren eigenen Grundlagen wachsen kann, nicht durch die 'Konfrontation' verschiedener Standpunkte, sondern durch den Kampf selbst gegen diejenigen, die ihr'nahezustehen' scheinen." (Kommunistisches Programm, Nr.18, S. 20). Wie kürzlich ein Sprecher der IKP in einer öffentlichen Veranstaltung von "Révolution Internationale" (Sektion der IKS in Frankreich) in Paris sagte: "Wir kommen nicht, um zu diskutieren, auch nicht um unsere Standpunkte mit Euren zu konfrontieren, sondern nur um hier unseren Standpunkt kundzutun. Wir kommen zu eurer Veranstaltung, so wie wir zu den Veranstaltungen der stalinistischen Partei hingehen." Solch eine Einstellung beruht nicht auf der Standhaftigkeit von Überzeugungen, sondern sie beruht auf Selbstgefälligkeit und Arroganz. Das vorgetäuschte "vollendete und unveränderliche" Programm - als dessen Erben und Beschützer die Bordigisten sich ausgeben - verdeckt nichts anderes als einen enormen Größenwahn.
Je mehr ein Bordigist von Zweifeln und Unverständnis erschüttert wird, desto mehr schwanken seine Überzeugungen; und so fühlt er immer stärker das Bedürfnis, morgens nach dem Aufstehen sich auf die Erde zu knien, den Kopf auf die Erde zu beugen, sich auf die Brust zu schlagen und die Litanei der Mohammedaner aufzusagen: "Gott, mein Gott ist der einzige Gott und Mohammed ist sein Prophet". Oder wie doch irgendwo Bordiga sagte: "Um Mitglied der Partei zu sein, braucht man nicht alles zu verstehen und von allem überzeugt zu sein; es genügt, laß man glaubt und der Partei gehorcht."
Es handelt sich hier nicht darum, ausführlich auf die Geschichte der Fraktion einzugehen, ihre Verdienste und Fehler, die Gültigkeit ihrer Positionen darzustellen. Wie sie selbst sagte, oft habe sie nur herumtasten können, aber ihr Beitrag war umso größer, da sie ein politisch lebendiger Körper war, der es wagte, die Debatte zu eröffnen, ihre Positionen mit anderen zu konfrontieren, sie anderen gegenüberzustellen, denn sie war nicht so verkalkt und größenwahnsinnig wie die bordigistische "Partei". Daher kann man verstehen, daß die Fraktion sich auf die Italienische Linke berufen konnte, wohingegen dies ein großer Mißbrauch ist, wenn die bordigistische Partei von "unserer Fraktion im Ausland" spricht.
Die für das Proletariat unabdingbare Partei wird auf den soliden Fundamenten eines kohärenten Programms, auf klaren Prinzipien aufgebaut. Diese geben ihr eine allgemeine Orientierung, die möglichst klare Antworten auf die im Klassenkampf entstehenden politischen Probleme beinhalten. Dies hat überhaupt nichts gemein mit dem mythischen "vollendeten und unveränderbaren" Programm der Bordigisten.
"In jeder Periode sehen wir, daß die Möglichkeit der Bildung der Partei bestimmt wird durch die Grundlage der vorherigen Erfahrung und der neuen Probleme, vor denen das Proletariat steht."(Bilan, Nr.1, S.15)
Was für das Programm zutrifft, trifft ebenfalls für die lebendigen politischen Kräfte, die die Partei physisch darstellen, zu. Die Partei ist sicher keine Ansammlung aller möglichen Gruppen und heterogenen politischen Tendenzen. Aber sie ist auch nicht der "monolithische Block", von dem die Bordigisten sprechen, und der übrigens nie außer in ihrer Einbildung bestanden hat. "In jeder Periode, in der die Bedingungen vorhanden sind für die Bildung der Partei, in der sich die Arbeiterklasse als Klasse organisieren kann, wird die Partei auf folgende Punkte gegründet:
auf ein Bewußtsein der am meisten fortgeschrittenen Positionen, welche das Proletariat vertreten muß;
auf die wachsende Kristallisierung der Kräfte, die für die proletarische Revolution handeln können."(Bilan,Nr.1).
Nur sich selbst und niemand anderen aus Prinzip und a priori als einzige für die Revolution handelnde Kraft anzuerkennen, zeugt nicht von revolutionärer Standhaftigkeit, sondern von Sektierergeist.
Als Engels die Bedingungen, unter denen die Erste Internationale gegründet wurde, ausführlich beschrieb, schrieb er: "Die Ereignisse und Wechselfälle im Kampf gegen das Kapital, die Niederlagen noch mehr als die Siege, konnten nicht verfehlen, den Menschen die Unzulänglichkeit ihrer diversen Lieblingsquacksalbereien zum Bewußtsein zu bringen und den Weg zu vollkommener Einsicht in die wirklichen Voraussetzungen der Emanzipation der Arbeiterklasse zu bahnen." (MEW,Bd. 21, "Vorrede zum 'Manifest der Kommunistischen Partei'", englische Ausgabe von 1888, S. 353).
Die Wirklichkeit hat überhaupt nichts zu tun mit diesem Spiegel, vor dem die bordigistische "Partei" die meiste Zeit verbringt, und der ihr nichts anderes zeigt als ihr eigenes Bild. In der ganzen Geschichte der Arbeiterbewegung, d.h. in der Wirklichkeit, zeichnete sich die Bildung der Parteien durch einen Zusammenschluß mit gleichzeitigem Herausschälen der Kräfte, die für die Revolution handeln können, aus. Andernfalls müßte man schlußfolgern, daß niemals eine andere Partei als die bordigistische existiert hat. Einige Beispiele: Der Bund der Kommunisten, dem sich Marx und Engels sowie ihre Freunde anschlossen, war der ehemalige Bund der Gerechten, der aus mehreren Gruppen in Deutschland, der Schweiz und Frankreich, Belgien und England entstand, wobei sich die Strömung Weitlings aufgelöst hatte. Die Erste Internationale beinhaltete gleichzeitig die Auflösung der Sozialisten ä la Louis Blanc und Mazzini und den Zusammenschluß anderer Strömungen. Die Zweite Internationale bedeutete die Auflösung der Anarchisten und den Zusammenschluß der marxistischen sozialdemokratischen Parteien. Die Dritte Internationale kam nach der Auflösung der Sozialdemokraten und faßte die revolutionären kommunistischen Strömungen zusammen. Das Gleiche finden wir wieder mit der Bildung der sozialdemokratischen Partei in Deutschland, die aus der Eisenacher und der Lassaller Partei hervorgegangen ist. Das Gleiche trifft für die sozialistische Partei Frankreichs zu, die ihren Ursprung in der Partei Guesdes und Lafargue und in der Jaures hat. Wiederum das Gleiche mit der Bildung der sozialdemokratischen Partei in Rußland, die aus isolierten über alle Städte und Gebiete Rußlands zerstreuten Gruppen hervorgegangen war, wobei die Tendenz Struves eliminiert wurde.
Man könnte hier weitere Beispiele aus der Geschichte der Parteigründungen aufführen; man findet immer diese gleiche Bewegung, die sich gleichzeitig durch Auflösung und Zusammenschluß vollzieht. Die kommunistische Partei Italiens selbst konstituierte sich auf der Grundlage der abstentionistischen Fraktion Bordigas und der Gruppe Gramscis nach der Auflösung der Maximalisten Seratis.
Es gibt keine gültigen Kriterien, die absolut und gleich für alle Zeiten währen. Es kommt darauf an, in jeder Epoche klar zu definieren, welche die Kriterien des Zusammenschlusses der Kräfte, und welche die Kriterien der Abgrenzung sind. Und genau das weiß die bordigistische "Partei"nicht, die sich ohne Kriterien mittels einer Zusammenwürfelung von Kräften konstituiert hat: der im Norden gegründeten Partei, Gruppen aus dem Süden mit einem Beigeschmack von Partisanen, der Tendenz Vercesis im antifaschistischen Komitee Brüssels, der aus der Fraktion ausgeschlossenen Minderheit, die 1936 an den republikanischen Milizen im Spanienkrieg teilnahm, und schließlich der 1945 vorzeitig aufgelösten Fraktion. Wie man sehen kann, hat das "Kommunistische Programm" allen Grund dazu, von Unnachgiebigkeit, organischer Kontinuität zu sprechen und Lehren über Standhaftigkeit und revolutionärer Reinheit zu erteilen. In der Verleumdung eines jeden Versuchs der Konfrontation und der Debatten zwischen revolutionären Gruppen handelt es sich hier keineswegs um Prinzipienfestigkeit, auch nicht um politische Kurzsichtigkeit, sondern ganz einfach um die Sorge für den Schutz und den Wohlerhalt der eigenen, kleinen Kapelle.
Im Übrigen variiert (entschuldigt die Invarianz) diese unheimliche - nur verbale - Unnachgiebigkeit der Bordigisten gegen jede "Konfrontation" und um so mehr noch gegen jede Umgruppierung, die von vornherein und ohne jedes Kriterium als ein konfuses Unterfangen abgestempelt wird je nach dem Augenblick und nach dem Geschmack. So haben sie 1949 einen "Aufruf zur internationalen Reorganisierung der revolutionären marxistischen Bewegung" veröffentlicht, den sie 1952 und 1957 wiederholten, in dem man lesen kann: "In Übereinstimmung mit der marxistischen Position...richten heute die Kommunisten der Italienischen Linke einen Aufruf an die revolutionären Arbeitergruppen aller Länder. Sie fordern sie dazu auf, einen langen und schwierigen Weg zu begehen, einen gewaltigen Versuch zu unternehmen, um sich auf internationaler Ebene auf einer strengen Klassenbasis zu sammeln."(Programme Communiste, Nr.18/19 der franz. Ausgabe).
Aber es ist unbedingt notwendig, zwischen der bordigistischen Partei und jeder anderen Organisation unterscheiden zu wissen; man würde den schwersten Fehler begehen, wenn man glaubte, daß das, was der Partei erlaubt ist,- welch als Einzige ein "vollendetes und unveränderbares" Programm besitzt - ebenfalls für eine einfache sterbliche Organisation der Revolutionäre zulässig sein dürfte. Die Partei hat Gründe, die die Vernunft nicht kennt und auch nicht kennen kann. Wenn die Bordigisten zu einer "internationalen Sammlung" aufrufen, dann ist das reines, pures Gold, aber wenn andere revolutionäre Organisationen zu einer einfachen Konferenz zur Kontaktaufnahme und Diskussion aufrufen, dann ist das selbstverständlich die größte Scheiße, "Prinzipienhandel" und ein konfuses Unterfangen...Aber kommt das nicht wirklich daher, daß die Bordigisten sich heute mehr denn je in ihrer Verkalkung verrannt haben und daß sie fürchten, ihre schwankenden Positionen mit den lebendigen, revolutionären Strömungen zu konfrontieren, welche existieren und sich entwickeln ? Oder ziehen sie nicht vielmehr vor, sich zu verschließen und zu isolieren ?
Es ist interessant, die in diesem Sammlungsaufruf vorgebrachten Kriterien in Erinnerung zu rufen, die ja auch in dem kürzlich erschienenen Artikel wiederholt wurden:
Verurteilung der gemeinsamen Sozialprogramme und der politischen Bündnisse mit den nichtlohnabhängigen Klassen;
Ächtung des kapitalistischen Charakters der Sozialstruktur Rußlands;("Die Macht - der Staat in Rußland - wird von einer hybriden und komplexen Koalition ausgeübt, welche die internen Interessen der klein- und halbbürgerlichen Klassen, der versteckten Unternehmer und der internationalen Kapitalistenklasse vertritt': (Schlußfolgerung: Mißbilligung jeder Unterstützung des russischen Militär Imperialismus, kategorischen Defätismus gegen den Amerika)s."
Wir haben somit die sechs Überschriften der Kapitel genannt, die alle durch Kommentare näher erläutert werden; sie hier wiederzugeben wäre allerdings zu lang. Es handelt sich auch nicht darum, im einzelnen diese Punkte hier zu behandeln, obgleich ihre Formulierung zu wünschen übrig lassen, insbesondere was die Frage des Terrors angeht, der als Prinzip und grundsätzliche Waffe der Revolution ausgegeben wird (5) oder weiterhin der subtile Unterschied in der Schlußfolgerung zwischen der einzunehmenden Haltung gegenüber den USA Defätismus) und gegenüber Rußland (Mißbilligung). Oder noch ein anderer Punkt, nämlich diese seltsame (es ist das mindeste, was man sagen kann) Definition der Macht in Rußland, die nicht ganz einfach Staatskapitalismus sei, sondern eine "hybride Koalition der kleinbürgerlichen Klassen... und der internationalen kapitalistischen Interessen". Man könnte ebenso auf die ausdrückliche Abwesenheit anderer Kriterien hinweisen, insbesondere auf die Forderung nach der Anerkennung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution oder weiterhin die Notwendigkeit der Klassenpartei. Uns kommt es hier darauf an zu betonen, daß diese Kriterien in der Tat eine ernsthafte Grundlage darstellen, wenn auch nicht für eine unmittelbare Sammlung, so doch mindestens für eine Kontaktaufnahme und Diskussion zwischen den bestehenden revolutionären Gruppen. Es ist die damals von der Fraktion benutzte Vorgehensweise, die wir auch heute fortsetzen: sie war die Grundlage des internationalen Treffens in Mailand im letzten Jahr. In der Dunkelkammer ihrer Invarianz aber bräuchen die Bordigisten sowas heute nicht mehr..., weil sie ja schon die Partei konstituiert haben (mikroskopisch, aber immerhin eine Partei).
Doch ist dieser Aufruf damals schon von der IKP unterzeichnet worden, werden sich naive Leser fragen ? Ja,... aber es war damals nur die Internationalistische Kommunistische Partei und noch nicht die Internationale Kommunistische Partei, - eine Nuance. Aber diese Internationale Kommunistische Partei war Bestandteil der damaligen Internationalistischen Kommunistischen Partei, und sie gibt sogar vor, in der Mehrheit gewesen zu sein 1 "Ja aber", wird uns geantwortet, damals war sie dabei, ihre Konstitution zu vollenden, -eine Nuance 1 Aber heute beruft sie sich auf den Aufruf als ein Text der heutigen Partei 7
"Ja aber, aber aber....".
Da wir gerade bei diesem Punkt sind: kann man ein für allemal erfahren, seit wann diese "tapfere, mikroskopische Partei" besteht ? Es ist heute Mode - warum eigentlich? - zu bestätigen, daß die Partei erst im Jahre 1952 konstituiert wurde, und der oben zitierte Artikel besteht auf diesem Datum.(6) Jedoch zitiert man in dem oben erwähnten Artikel grundlegende Texte aus dem Jahre 1946, eine Plattform stammt aus dem Jahre 1945, andere ebenso grundlegende Texte aus den Jahren 1948-49-51. Diese erwähnten Texte, der eine so grundlegend wie der andere, von wem stammen sie genau ? Von einer Partei, von einer Gruppe, von einer Fraktion, von einem Kern, von einem Embryo ?
In Wirklichkeit konstituierte sich die IKP im Jahre 1943 im Norden Italiens nach dem Sturz Mussolinis. Dann rekonstituierte sie sich ein zweites Mal nach der "Befreiung" des Nordens von der deutschen Besatzung; dies erlaubte den Gruppen, die sich in der Zwischenzeit im Süden gebildet hatten, sich in die im Norden bestehende Organisation zu integrieren und zu vereinigen. Um sich in diese Partei zu integrieren, spricht sich die Italienische Fraktion der Linken Kommunisten fast einstimmig für die eigene Auflösung aus. Diese Selbstauflösung und die Konstituierungserklärung der Partei rufen in der GCI (Internationalen Kommunistischen Linken) Diskussionen und erbitterte Polemiken hervor, was in Frankreich zu einer Spaltung in der Französischen Fraktion der Linken Kommunisten führt, von der nur die Minderheit dieser Politik zustimmt und sich von der Mehrheit trennt. Diese spricht sich gegen die vorschnelle Auflösung der Italienischen Fraktion aus, verurteilt die Proklamation in Italien kategorisch und öffentlich als künstlich und voluntaristisch; Sie stellt klar den Opportunismus heraus, der als politische Basis dieser neuen Partei gedient hat.(7) Ende 1945 wird der erste Kongreß dieser Partei (IKP) abgehalten, der eine politische Plattform veröffentlicht und eine Zentraldirektion der Partei sowie ein internationales Büro ernennt, das aus Vertretern der IKP, der französischen und belgischen Sektion zusammengesetzt ist. Der Artikel des "Kommunistischen Programms" bezieht sich auf "Elemente einer marxistischen Orientierung, unser Text aus dem Jahr 1946". 1948 gibt es von neuem programmatische Texte der Partei usw. 1951 bricht die erste Krise innerhalb dieser Partei aus, die mit einer Spaltung zwischen 2 IKPs endet, von denen jede beansprucht, die Kontinuität der alten Partei zu sein, worauf "Kommunistisches Programm" nie verzichtet hat.
Heute erfindet man ein neues Datum der Bildung der Bordigistischen Partei. Warum ? Kommt es daher, daß erst im Jahre 1951 "unsere Strömung dieses kritische Bewußtsein hat erreichen können, dank der Kontinuität ihres Kampfes zur Verteidigung einer wirklich allgemeinen und nicht zufällig linken Linie", so daß sie sich "zum organisierten kritischen Bewußtsein, zum handelnden militanten Organismus, zur Partei konstituieren konnte."(Kommunistisches Programm, Nr.18, S. 15) Aber wo waren doch die Bordigisten mit Bordiga zwischen 1943/45 und 1951 ? Was wird bei alle dem aus dem Programm, das seit 1848 immer unverändert geblieben ist: war es während dieser Jahre abhanden gekommen und konnten sie damals "dieses kritische Bewußtsein (noch nicht) erreichen", welches ihnen ermöglichte, 1951 die Partei zu gründen ? Aber waren sie nicht seit 1943/45 als Mitglieder und führende Mitglieder organisiert ? Es ist schwierig, sehr schwierig über solch eine schwerwiegende Frage mit Leuten zu diskutieren, die alle Begriffe verwechseln, die keine Unterscheidungen treffen können und nicht zwischen dem Augenblick der Schwangerschaft und dem der Geburt unterscheiden können. Das sind Leute, die nicht wissen, was sie selber sind, und in welchem Stadium sie sich befinden, die sich "Partei" nennen und gleichzeitig die Notwendigkeit der Konstituierung der Partei herausschreien. Wie kann man Leute ernst nehmen, die nach der Angemessenheit des Tages den Zeitpunkt der Geburt 1943, 1945 oder gar 1952 festlegen, oder gar noch an einem weniger bestimmten Datum, in der Zukunft.
Mit dem Datum der Gründung der IKP verhält es sich genauso wie mit der Links-"Fraktion" im Ausland. Entweder beruft man sich darauf oder man verwirft sie, je nachdem, ob es ihnen paßt. Wie immer das auch mit dem Datum sein mag, was die Bildung der Partei angeht, "können (wir) aber auf Anhieb sagen, daß die Erlangung dieses kritischen Bewußtseins nicht von einer aufsteigenden Bewegung getragen wurde, sondern ganz im Gegenteil ihr weit vorausging."(Kommunistisches Programm, Nr.18, 5.15). Hier haben wir also wieder etwas Eindeutiges. Die Konstituierung der Partei wird keineswegs durch eine aufsteigende, wachsende Bewegung im Klassenkampf bestimmt, "sondern sie geht ihr im Gegenteil weit voraus." Aber warum dann diesen Eifer, gleich hinzufügen, daß es darauf ankomme, "die wahre Partei,...die kompakte und starke Partei aufzubauen, die wir noch nicht sind" ? Im Grunde eine Partei,...die die Partei aufbaut. Mit anderen Worten, eine Partei, die keine ist. Aber warum ist diese Partei, die ein "vollendetes und unveränderbares" Programm besitzt, die ebenso das notwendige kritische und organisatorische Bewußtsein erreicht hat, warum ist sie nicht die "wahre Partei" ? Was fehlt ihr also, um es zu sein ? Sicher ist es keine Frage der Anzahl der Militanten, aber indem sie schreibt:"...die Partei (befand sich)'im Aufbau', und sie wußte, daß sie 'in ihrem Entstehungsprozeß begriffen' und nicht etwa ‚vollendet' war, ... Die Klassenpartei befindet sich immer im ‚Aufbau‘ von ihrer Entstehung bis zu ihrem Verschwinden..."(Kommunistisches Programm, S. 20, Nr.18), betreibt sie nur ein Wortspiel, um besser der erfragten Antwort auszuweichen und gleichzeitig geht sie über die Frage selbst hinweg. Es ist eine Sache zu sagen, daß der Eisprung eine Bedingung einer späteren Geburt ist, es ist allerdings eine andere Sache vorzutäuschen, daß der Eisprung die eigentliche Geburt darstellt, das eigentliche Entstehen eines Lebewesens. Die geniale Originalität des "Kommunistisches Programms" besteht darin zu behaupten, daß beide ein und dasselbe sind. Mit solch einer Scheinargumentation kann man alles Mögliche beweisen. Die Notwendigkeit der Entwicklung und der andauernden Verstärkung einer wirklich existierenden Partei beweist nicht, daß sie schon existiert, genauso wenig wie die Notwendigkeit der Entwicklung und des Wachstums des Kindes nicht beweist, daß das Ei schon ein Kind ist, sondern nur zeigt, daß unter bestimmten Umständen das Ei ein Kind werden kann. Die dem einen gestellten Probleme unterscheiden sich stark von jenen, die dem anderen gestellt werden.
Diese ganze Spitzfindigkeit der durch den dauernden Aufbau existierenden Partei und des durch die schon existierende Partei dauernden Aufbaus dient dazu, auf Schleichwegen die andere bordigistische Theorie der wirklichen Partei und der formalen Partei einzuführen. Eine weitere Spitzfindigkeit ist die, nach der die wirkliche Partei ein reines "historisches"
nicht notwendigerweise in der Realität existierendes Phantom ist, und schließlich die formale Partei, die tatsächlich in der Wirklichkeit existiert, dies aber nicht unbedingt ausdrückt. In der bordigistischen Dialektik ist die Bewegung kein Zustand der Materie und somit etwas Materielles, sondern eine metaphysische Kraft, welche die Materie schafft. So wird die Wendung aus dem Kommunistischen Manifest "diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei" in der bordigistischen Vorgehensweise zu "mittels der Konstituierung der Partei wird das Proletariat zu einer Klasse". Das führt zu widersprüchlichen Schlußfolgerungen, die gleichzeitig auf die Scholastik hinweisen: entweder bestätigt man entgegen jeder Gewißheit der Partei, daß sie seit ihrem Erscheinen nie zu existieren aufgehört hat (sagen wir seit Babeuf und seit den Chartisten) oder man geht von der offensichtlichen Tatsache aus, daß die Partei während längerer Zeiträume in der Geschichte nicht existiert hat, und man gelangt zu der Schlußfolgerung, daß die Klasse dauernd oder nur zeitweilig verschwunden ist (Vercesi, Camatte). Die einzige Beständigkeit des Bordigismus liegt darin, sioh dauernd zwischen beiden Polen in dem Rahmen dieser scholastischen Vorgehensweise hin und herzubewegen.
Um mehr Klarheit zu erzielen, könnte man vielleicht die Frage auf eine andere Art stellen. Die Bordigisten definieren die Partei als eine Doktrin, als ein Programm und als eine Fähigkeit zur praktischen Intervention, als einen Willen zur Handlung. Diese etwas kurzgefaßte Definition der Partei wird heute durch das andere Postulat vervollständigt: das Bestehen der Partei hängt nicht ab und muß im Gegenteil absolut unabhängig sein von einem gegebenen Zeitraum. Nun sagt man uns, daß eine der beiden Grundlagen, das Programm und der Willen zur Handlung, auf die sich die Partei stützt, die erste Grundlage - das Programm - seit dem Kommunistischen Manifest 1848 vollendet und unveränderbar ist. Hier stehen wir vor einem offensichtlichen Widerspruch: das Programm, als Essenz der Partei, ist vollendet, aber die Partei als Umsetzung des Programms befindet sich im unaufhörlichen Aufbau 1 Mehr noch: sie verschwindet sogar ganz und gar. Wie ist das möglich und warum
1852 löst sich der Bund der Kommunisten auf und verschwindet. Warum 7 Haben die Gründer des Programms, Marx und Engels, das Programm verloren 7 Man könnte vielleicht gegen sie vorgeben, daß sie den Willen zur Handlung verloren hätten, indem man sich auf die von ihnen vorgenommene Spaltung gegen die Minderheit (Willich-Schapper) des Bundes bezieht und auf ihre Zurückweisung des voluntaristischen Aktionismus dieser Minderheit verweist. Aber wäre das nicht ein Wandern von einer Absurdität zu einer anderen, noch größeren Absurdität 7 Was bleibt uns also anders übrig als die Auflösung - ob es den Bordigisten paßt oder nicht - durch eine damals eingetretene tiefgreifende Änderung der Situation zu erklären 7 Engels, der darüber Bescheid weiß, erklärt in diesen Begriffen das Verschwinden des Bundes: "Die Niederschlagung der Pariser Juni-Insurrektion von 1848 - dieser ersten großen Schlacht zwischen Proletariat und Bourgeoisie - drängte die sozialen und politischen Bestrebungen der Arbeiterklasse Europas zeitweilig wieder in den Hintergrund... Die Arbeiterklasse wurde beschränkt auf einen Kampf um politische Ellbogenfreiheit und auf die Position eines äußerlichen linkes Flügels der radikalen Bourgeoisie. Wo selbständige proletarische Bewegungen fortführen, Lebenszeichen von sich zu geben, wurden sie erbarmungslos niedergeschlagen...-Sofort nach dem Urteilsspruch (des Prozesses der Kölner Kommunisten im Oktober 1852) wurde der Bund durch die noch verbliebenen Mitglieder formell aufgelöst."(MEW, Bd. 21, S. 353).
Diese Erklärung scheint unsere Bordigisten nicht zu überzeugen. Sie müssen sie im Übrigen vollkommen unnütz finden, denn für sie hat sich die Partei nie wirklich aufgelöst, da sie in der Person von Marx und Engels fortbestand. Um dies zu bejahen, zitieren sie als Stellenangabe einen witzigen Einfall aus einem Brief von Marx an Engels, und wie jedesmal, wenn das ihnen in den Reim paßt, machen sie aus einem Wort, aus einem Satzteil und selbst aus einem witzigen Einfall in einem Brief eine Absolutheit, ein unveränderbares und unwandelbares Prinzip.(8) Was die Existenz der Partei angeht: was war zwischen der Auflösung des Bundes der Kommunisten im Jahre 1852 und der Geburt der Internationalen 1864 geschehen ? Gemäß den Bordigisten überhaupt nichts, das Programm blieb unveränderbar, der Willen zur Handlung war vorhanden, Marx und Engels waren da und die Partei mit ihnen. Nichts, überhaupt nichts Wichtiges schien passiert zu sein. Das scheint aber nicht die Meinung Engels gewesen zu sein, der schrieb: "Als die europäische Arbeiterklasse wieder genügend Kraft zu einem neuen Angriff auf die herrschende Klasse gesammelt hatte, entstand die Internationale Arbeiterassoziation." (MEW,Bd, 21, S.353)
Wenn "Kommunistisches Programm" in seinem Artikel schreibt: ",..die revolutionäre marxistische Partei (ist) nicht das Produkt der unmittelbaren Bewegung, d.h. der Aufstiegs- und Rückflußphasen..."(S.20), verfälscht es entweder aus Unverständnis oder aus Absicht die Debatte, indem dieses kleine Wort "Produkt" - im franz. Text unterstrichen - eingeführt wird. Selbstverständlich, die Notwendigkeit einer Partei resultiert nicht aus besonderen Situationen, sondern aus der allgemeinen historischen Lage der Klasse (dies lernt man im Grundkurs des Marxismus und das ist kein Grund, sich wegen solcher Sachen eines großen Wissens zu rühmen). Die Kontroverse bezieht sich nicht darauf, sondern ob wirklich die Existenz der Partei an die Schwankungen dem Klassenkampfes gebunden ist oder nicht, ob spezifische Bedingungen noch notwendig sind, damit die Revolutionäre tatsächlich - und nicht nur in Worten - die Rolle erfüllen können, die der Partei auszuüben zukommt. Es reicht nicht aus zu sagen, daß ein Kind ein menschliches Produkt ist, um aus dieser Tatsache schlußzufolgern, daß die notwendigen Lebensbedingungen - Luft zum Atmen, Lebensmittel zur Ernährung, Pflege im Allgemeinen - ihm damit gleichzeitig gegeben sind und ohne die Erfüllung dieser Bedingungen ist das Kind unwiderruflich verloren. Die Partei ist eine wirkungsvolle Intervention, eine treibende Kraft, ein tatsächlicher Einfluß im Klassenkampf und dies ist nur möglich, wenn der Klassenkampf in einer aufsteigenden Entwicklung verläuft. Darin liegt der Unterschied zwischen der Partei und ihrer wirklichen Existenz gegenüber der Fraktion oder der Gruppe. Das hat die IKP noch nicht verstanden und will es auch nicht verstehen.
Der Bund der Kommunisten konstituierte sich mit dem Erstarken des Klassenkampfes, der die Welle revolutionärer Kämpfe des Jahres 1848 ankündigte; ebenso löst sich derselbe Bund - wie wir gerade mit Engels festgestellt haben - mit den Niederlagen und dem Zurückweichen des Klassenkampfes auf. Dies ist keine vorübergehende, sondern eine allgemeine Tatsache, welche entlang der ganzen Arbeiterbewegung überprüfbar ist, und nicht anders sein konnte. Die Erste Internationale entstand, als die europäische Arbeiterklasse wieder genügend Kraft zu einem neuen Angriff auf die herrschende Klasse gesammelt hatte." Und wir können uns vollständig den Worten des Berichterstatters des Generalrates auf dem ersten Kongreß der Internationale anschließen, der damals auf die Angriffe der bürgerlichen Presse antwortete: "Nicht die Internationale hat die Streiks der Arbeiter ausgelöst, sondern es sind die Arbeiterstreiks, die der Internationale solche Stärke verleihen."
Die Internationale wiederum, wie beim Bund der Kommunisten, überlebte nicht lange die blutige Niederlage der Pariser Kommune und brach kurz darauf zusammen, trotz der Anwesenheit Marxens und Engels und des "vollendeten und unveränderbaren" Programms in ihrer Mitte.
Um das Gegenteil dessen zu beweisen, was wir gerade festgestellt haben, versucht der Artikel vergeblich zurückzugreifen auf "Konkrete Belege... Es gibt sogar Gebiete, wo ausgesprochen heftige Kämpfe stattgefunden haben (so in England und Nordamerika), wo...die Partei nicht einmal existiert hat."("Kommunistisches Programm", S. 20). Hier handelt es sich um ein Argument, das überhaupt nichts beweist, außer die Tatsache, daß es keine mechanische Verbindung zwischen den Klassenkämpfen und dem Entstehen einer Partei gibt, und daß andere Faktoren bestehen, die dem Prozeß der Konstituierung der Partei entgegenwirken; daß im allgemeinen ein Abstand zwischen den objektiven Bedingungen und den subjektiven, zwischen dem Sein und der Bewußtwerdung besteht. Wenn das Argument Gültigkeit haben soll, dann hätte uns das Gegenteil bewiesen werden müssen, d.h. Beispiele aufgezeigt werden müssen, wo die Partei sich außerhalb Zeiträume und Länder mit steigendem Klassenkampf des Proletariats gegründet hat. Es gibt keine Beispiele. Es sei denn, das einzige Beispiel würde aufgeführt (ganz zu schweigen von der IV. Trotzkistischen Internationale), das Beispiel der IKP. Aber es ist eine ganz andere Geschichte, nämlich die der Maus, die so groß sein wollte wie der Elefant. Die IKP war niemals eine Partei, außer dem Namen nach.
Die Beispiele des Bundes der Kommunisten und der Ersten Internationale, die Beispiele der Geburt der Zweiten Internationale und ihr niederträchtiger Tod, und mehr noch die Bildung der III. Internationale und ihr schändliches Ende - sie ist stalinistisch geworden - lassen uns zu der end- gültigen Überzeugung gelangen, daß die von der Italienischen Fraktion verteidigten Thesen, auf die wir uns auch vollständig berufen, Gültigkeit besitzen. Es handelt sich um die Unmöglichkeit der Bildung der Partei in einer Periode des zurückweichenden Klassenkampfes.(9) Ganz anders lautet natürlich die Vorstellung des "Kommunistischen Programms": die Rekonstituierung der Partei sollte stattfinden, "bevor das Proletariat aus dem Abgrund, in dem es hinabgestürzt war, wiederaufsteigt. Mehr noch: sie muß diesem Wiederaufschwung der proletarischen Klassenbewegung notwendigerweise vorausgehen."(S.17)
Man versteht, daß der Artikel sich mit Nachdruck auf Lenins "Was Tun ?" bezieht, vor allem auf den Teil, der von dem trade-unionistischen Bewußtsein der Arbeiterklasse handelt. Denn wenn man genau hinsieht, ist das die Grundlage der Argumentationsweise des Artikels der IKP, nicht mal so sehr die Überschätzung der Rolle der Partei und ihre Tendenz zum Größenwahn, sondern ihm liegt vor allem eine himmelschreiende Unterschätzung der Fähigkeit der Bewußtwerdung der Klasse zugrunde ; ein tiefes Mißtrauen der Klasse gegenüber, und um alles zu sagen, eine kaum verdeckte Verachtung der Arbeiterklasse und ihrer Fähigkeit, die Welt zu begreifen.
"Und wenn diese Zukunft für uns Materialisten sicher und unausweichlich ist, so nicht, weil innerhalb der Arbeiterklasse ein 'Reifungsprozeß des Bewußtseins' über ihre historische Mission stattfinden würde. Sie ist unausweichlich, weil die Arbeiterklasse bevor sie es weiß und ohne daß sie es weiß, durch die objektiven Bedingungen dazu getrieben wird, für den Kommunismus zu kämpfen."(S.21, Nr.18, Kommunistisches Programm). Durch den ganzen Artikel hindurch findet man diese verachtenden Komplimente für die Arbeiterklasse: eine rohe und abgestumpfte Masse, die ohne zu wissen und ohne zu verstehen handelt, die aber glücklicherweise von einer Partei geführt wird, die alles versteht, und die das Verständnis an sich ist. Man gestatte uns dieser erdrückenden Verachtung die Meinung des alternden, aber frischen Engels gegenüberzustellen: "Für den schließlichen Sieg der im 'Manifest' aufgestellten Sätze verließ sich Marx einzig und allein auf die intellektuelle Entwicklung der Arbeiterklasse, wie sie aus der vereinigten Aktion und der Diskussion notwendig hervorgehen mußte."(Vorrede für "das Kommunistische Manifest", vierte deutsche Ausgabe, London, I. Mai 1890).
Jeder Kommentar erübrigt sich. Fahren wir fort. Gemäß der bordigistischen Vorstellung erfordert die Rekonstituierung der Partei - die vollständig von den konkreten Bedingungen getrennt ist - die theoretische Reife und den Willen zum Handeln. Weiterhin wird in dem Artikel die folgende Ansicht vertreten, derzufolge die Fraktion "noch nicht die Partei, sondern erst ihr Vorspiel war, so nicht mangels praktischer Arbeit, sondern eher infolge der Unzulänglichkeit ihrer theoretischen Arbeit."(S.25) Das ist eine Ansicht und sie taugt, was sie taugt. Aber was versteht der Artikel gerade unter ausreichender theoretischer Arbeit ? Die Wiederherstellung, die Wiederaneignung, die Aufrechterhaltung des "vollendeten und unveränderbaren" Programms ? Vor allem ohne Überprüfung der Positionen der Vergangenheit, ohne Suche nach einer Antwort auf die neuen Probleme. Es ist vor allem diese Arbeit, die der Artikel der Fraktion zum Vorwurf macht, und die er als schwerwiegende Abweichungen betrachtet. Diese Museumskonservatoren, die ihre eigene Sterilität zum Ideal erhoben haben, würden gern glauben lassen, daß Lenin genau wie sie niemals etwas anderes gemacht hat als die vollendete Theorie Marxens "wiederherzustellen". Vielleicht könnten sie mal darüber nachdenken , was Lenin zu der Frage der Theorie gesagt hat :
"Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares: wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen (von Lenin unterstrichen), wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen."(Lenin, "Unser Programm", zweite Hälfte, 1899).
Der Artikel, aus dem dieses Zitat stammt, nennt sich gerade "unser Programm".
Und wie messen unsere Päpste des Marxismus den Grad der theoretischen Reife ? Gibt es solche festgelegten Maßstäbe ? Um nicht willkürlich vorzugehen, müssen die Maßstäbe auch nicht genau festgelegt werden, und es gibt keine bessere Art vorzugehen als die theoretische Reife zu überprüfen in ihrer Umsetzung in politischen Positionen, die man verteidigt.
Wenn man durch dieses Mittel die Reife messen kann, und wenn dies der Hauptmaßstab für die Bildung der Partei ist, dann können wir ruhig aber mit der ganzen notwendigen Überzeugung sagen, daß die Bordigisten nicht im Jahre 1943, auch nicht 1945 und vor allem nicht 1952 die Partei hätten konstituieren sollen, sondern daß sie besser bis zum Jahre 2000 gewartet hätten. Jeder hätte dabei gewonnen, sie als erste.
Wir können noch nicht sagen, wie sich die kompakte und starke Partei von morgen bilden wird, aber, was heute feststeht, ist daß die IKP es nicht ist. Das Drama des Bordigismus ist, das sein zu wollen, was er nicht ist: die Partei, und das nicht sein zu wollen, was er ist: eine politische Gruppe. So erfüllt die IKP nicht - außer in Worten - die Funktionen der Partei, weil sie sie nicht erfüllen kann, und verwirklicht auch nicht die Aufgaben einer politischen Gruppe - die in ihren Augen schäbig sind. Wenn man ihre politische Reife nach ihren Positionen mißt und dabei ihre Entwicklung beobachtet, dann sieht es ganz danach aus, daß sie niemals ihr Ziel erreichen wird, denn bei jedem Schritt vorwärts macht sie gleichzeitig 2 oder 3 Schritte zurück.
M.C.
FUSSNOTEN :
(1): Dieser Artikel ist auch zu finden in deutscher Sprache in "Kommunistisches Programm", Nr.18, Mai 1978. (erschienen in Internationale Revue Nr:3,1978)
Eine Karikatur der Partei : die bordigistische Partei -Antwort an ”Kommunistisches Programm”
(erschienen in Internationale Revue Nr. 3 – 1979)
Die für die Befreiung der Arbeiterklasse unabdingbare Entwicklung des Klassenbewußtseins ist ein fortdauernder und unaufhörlicher Prozeß. Er wird bestimmt durch das soziale Wesen des Proletariats als eine historische Klasse, die als einzige Klasse die Lösung der unüberwindbaren Gegensätze des Kapitalismus in sich birgt, wobei der Kapitalismus selbst die letzte der in Klassen geteilten Gesellschaften ist. Sowie die historische Aufgabe, die die menschliche Gesellschaft zerreißenden Klassengegensätze aufzulösen, nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann, kann das Bewußtsein über diese Aufgabe dem Proletariat keineswegs von außen 'importiert' oder eingetrichtert werden, sondern es ist das Produkt seines wahren Seins, seiner eigenen Existenz. Es ist die wirtschaftliche, soziale und politische Stellung in der Gesellschaft, die die praktischenHandlungen und den historischen Kampf des Proletariats bestimmen.
Diese unaufhörliche Bewegung hin zu einem Bewußtwerdungsprozeß drückt sich in den Versuchen des Proletariats, sich selber zu organisieren und in der Bildung politischer Gruppen innerhalb der Arbeiterklasse, die in der Bildung der Partei gipfelt, aus.
Gerade dieser Frage, der Bildung der Partei, wird in der Nr. 76 von "Programme Communiste" (März '78), dem theoretischen Organ der IKP (Internationale Kommununistische Partei), ein sehr langer Artikel gewidmet: "Auf dem Wege zur 'kompakten und starken' Partei von Morgen"(1). Es muß erst festgestellt werden, daß man mit dem üblichen Schwulst der bordigistischen Sprache, den auf vielen Seiten zu findenden Drehungen und Wendungen- nach denen man sich schließlich auf dem Ausgangspunkt wiederfindet -, dem Einrennen offener Türe und den sich wiederholenden Bestätigungen, die eine Argumentation ersetzen sollen, die wirklich zur Diskussion stehenden Probleme viel schwerer und umständlicher begreifen kann. Die darin bestehende Vorgehensweise, ein Bestätigung dadurch zu beweisen, indem man die früheren Bestätigungen zitiert, welche selbst wieder auf vorherigen Bestätigungen aufgebaut - sodaß es einem fast schwindelig wird - kann nötigenfalls eine Kontinuität der Bestätigungen beweisen, sie kann aber nie eine schlüssige Beweisführung sein. Unter diesen Umständen und trotz unserer festen Absicht, uns nur mit den Bestätigungen auseinanderzusetzen, die die bordigistischen Positionen hinsichtlich der Partei ausdrücken, welche wir für falsch und als zu bekämpfen betrachten, können wir es nicht vollständig vermeiden, auf eine Anzahl anderer Punkte, welche mit diesen Bestätigungen zusammenhängen, zu sprechen zu kommen.
Über die Italienische Fraktion der Kommunistischen Linke
Es wäre sicherlich keine kleine Überraschung für die Mehrzahl der Leser des "Kommunistischen Programms" und wahrscheinlich auch für die Mehrzahl der Mitglieder der IKP plötzlich zu erfahren, daß "trotz ihrer objektiven (7) Grenzen, die 'Linke Fraktion im Ausland' ein Teil der Geschichte"(2) der Italienischen Linke ist und als solche selbst "unsere Fraktion im Ausland zwischen 1928 und 1940" wurde. In diesem Punkt hatte uns "Kommunistisches Programm" eher an eine große Zurückhaltung, ein lastendes Schweigen, wenn nicht gar einfach an ein Mißbilligung der Fraktion gewöhnt. Wie sollte man sonst verstehen, daß innerhalb 30 Jahre Bestehens der IKP sie keine Mühe gescheut hat, in ihren Zeitungen, theoretischen Zeitschriften, Broschüren und Büchern die Texte der Linke von 1920-1926 wiederaufzulegen und erneut zu veröffentlichen, aber gleichzeitig nie weder die Zeit, noch die Mittel, noch den Platz gefunden hat, auch nur einen einzigen Text der Fraktion zu veröffentlichen, die das "Bulletin d'Information", die Zeitschrift "Bilan", die Zeitung "Prometeo", die Bulletins "Il Seme" und soviel andere Texte veröffentlichte ? Es ist dennoch kein reiner Zufall, wenn man in "Kommunistisches Programm" nie weder irgendeine Bezugnahme, noch eine Erwähnung der politischen Positionen, die "unsere" Fraktion verteidigt hat, und auch nie ein Zitat von "Bilan" vorfindet. Einige Genossen der IKP, die einmal davon etwas vage gehört hatten, behaupteten, daß die Partei sich weder auf die politische Aktivität noch auf die Schriften "Bilans" berufe, und andere Genossen der gleichen Partei wußten noch nicht einmal etwas von der Existenz und von dem Namen.
Heute entdeckt man das "Verdienst unserer Fraktion", ein Verdienst, welches - das stimmt - ziemlich begrenzt ist, aber immer noch groß genug, um davor den Hut abzunehmen. Warum heute ? Ist es deshalb, weil die Lücke in der organischen Kontinuität (ein von der IKP so geschätztes Wort), die von 1926 bis...1952 dauert, etwas störend geworden ist und weil man diese Lücke so recht und schlecht stopfen mußte, oder ist es deshalb, weil die IKS so lange schon davon gesprochen hat, so daß man jetzt nicht mehr länger das Schweigen aufrechterhalten kann ? Und warum die Fraktion zwischen 1928 und 1940 einordnen, zumal sie sich - zu Unrecht -erst im Juli 1945 aufgelöst hat, um sich dann in die "Partei" zu integrieren, die endlich in Italien rekonstituiert worden war, nachdem sie in der Zwischenzeit das italienische antifaschistische Komitee in Brüssel verurteilt hatte und seinen Vorkämpfer Vercesi ausgeschlossen hatte.
Es war der gleiche Vercesi, der später ohne Diskussion wieder in die IKP und sogar noch in die Führung aufgenommen wurde. Geschieht all dies aus Unwissenheit, oder weil während des Krieges die Fraktion noch viel weiter in der Richtung gegangen war, die"Bilan" schon vor dem Kriege eingeschlagen hatte, insbesondere in der Frage Rußlands, in der Frage des Staates und der Partei -was die Differenzen zwischen den von "Kommunistisches Programm" verteidigten Positionen und denen "Bilans" noch verstärken sollte. Jedenfalls werden die "Bilan" zugestandenen"Verdienste" schnell durch umso schärfere Kritik zurückgenommen.
"Die Unmöglichkeit - schreibt 'Kommunistisches Programm' - den sozusagen subjektiven (?!) Kreis der Konterrevolution zu zerschlagen, führte bei der Fraktion zu bestimmten Abweichungen, wie z.B. in der nationalen und kolonialen Frage oder in Bezug auf Rußland, nicht so sehr in der Einschätzung, was aus Rußland geworden war, als vielmehr in der Suche nach einem unterschiedlichen Weg gegenüber dem der Bolschewisten in der Ausübung ihrer Diktatur..., ein Weg der in der Zukunft eine Wiederholung der Katastrophe der Jahre 1926-27 verhindern sollte; und auch in einem gewissen Sinne in Bezug auf die Partei oder die Internationala—erwartete die Fraktion auch den Wiederaufbau (der Partei) von der Rückkehr der großen Massen auf den Boden der direkten Auseinandersetzung mit dem Feind."(Programme Communiste, Nr.76, 8.8) (1).
Wenn es stimmt, daß die Treue zu den revolutionären Grundlagen des Marxismus in Zeiten der Niederlagen zweifelsohne ein großes Verdienst ist, so liegt das große Verdienst der Fraktion, wodurch sie sich besonders von den damaligen Gruppen unterscheidet, gerade in dem, was der Artikel des "Kommunistischen Programms" "Abweichungen" nennt. Die Fraktion meinte: "Der Rahmen für die zukünftigen Parteien des Proletariats kann nur aus dem tiefgreifenden Verständnis der Ursachen der Niederlagen hervorgehen. Und dieses Verständnis darf weder durch Verbote noch durch Verfemung beeinträchtigt werden.”(3)
Leute, für welche das Programm etwas "Vollendetes und Unveränderbares" ist, die den Marxismus in ein Dogma verwandelt und Lenin zu einem unantastbaren Propheten gemacht haben, müssen es als unhaltbar annehmen, daß die Fraktion es gewagt hat, (da läuft es einem kalt den Rücken runter !) im Lichte der Realität nicht die Grundlagen des Marxismus, sondern die politischen und programmatischen Positionen der bolschewistischen Partei und der Komintern zu überprüfen. Wenn man innerhalb des theoretischen Rahmens und der kommunistischen Bewegung eine Überprüfung der politischen Positionen, die eine Rolle in Niederlagen gespielt haben, verlangt, die "weder durch Verbote noch durch Verfemung beeinträchtigt werden darf", dann ist das die wildeste Ketzerei; eine "Abschweifung" würde "Kommunistisches' Programm" dazu sagen.
Das große Verdienst der Fraktion -neben ihrem Festhalten am Marxismus und ihren Stellungnahmen zu den großen, wichtigen Fragen, gegen die von Trotzki verlangte Einheitsfront, gegen die Volksfront, gegen die Kollaboration und die Unterstützung des Spanienkrieges, gegen die niederträchtigen Verschleierungsmethoden des Antifaschismus - lag darin, es gewagt zu haben, mit der Methode zu brechen, die damals in der revolutionären Bewegung überhand genommen hatte. Durch diese Methode war nämlich die Theorie zu einem Dogma, die Prinzipien in Tabus verwandelt worden und jedes politische Leben erstickt worden. Ihr Verdienst war es, die Revolutionäre zu Debatten aufgerufen zu haben, was sie nicht zu "Abschweifungen" geführt hat, sondern in die Lage versetzt hat, reiche und wertvolle Beiträge zu dem revolutionären Werk zu leisten.
Bei all ihrer Standhaftigkeit zu ihren Überzeugungen hatte die Fraktion die Bescheidenheit, nicht vorzutäuschen, alle Probleme gelöst zu haben und auf alle Fragen Antworten zu haben: "Wenn wir jetzt mit der Veröffentlichung dieses Bulletins anfangen, glaubt unsere Fraktion nicht, endgültige Lösungen für die schrecklichen Probleme gefunden zu haben, vor denen die Proletarier aller Länder stehen."(4) Und selbst dann, wenn sie überzeugt war, Antworten geliefert
zu haben, verlangte sie nicht von anderen die einfache Anerkennung, die Übernahme dieser Antworten, sondern die kritische Überprüfung, die Konfrontation in den Diskussionen: "Sie (die Fraktion) beabsichtigt nicht, die politisch 'Nahestehenden' dazu zu drängen, mit den von ihnen vorgeschlagenen Lösungen für die augenblickliche Lage einverstanden zu sein. Im Gegenteil, sie ruft alle Revolutionäre dazu auf, die von ihr verteidigten Positionen und grundlegenden politischen Dokumente im Lichte der Ereignisse zu überprüfen." Und im gleichen Sinne schrieb sie: "Unsere Fraktion hätte es vorgezogen, daß solch eine Arbeit (die Veröffentlichung von "Bilan") von einem internationalen Organismus getragen würde, weil wir von der Notwendigkeit der politischen Konfrontation zwischen den Gruppen, die die Arbeiterklasse in den verschiedenen Ländern repräsentieren, überzeugt sind," (Bilan, Nr.1)
Um die bestehenden Unterschiede zwischen den Vorstellungen der Fraktion und den der bordigistischen Partei hinsichtlich der Art und Weise, wie die Beziehungen zwischen den kommunistischen Gruppen aussehen sollen, voll zum Vorschein treten zu lassen, genügt es, das oben aufgeführte Zitat von "Bilan" mit dem nachfolgenden Zitat aus "Kommunistisches Programm" zu vergleichen. So schreibt "Kommunistiches Programm" in Bezug auf ihre eigene sich"Partei" nennende Gruppe "'Parteikern' ? Im Vergleich zur 'kompakten und starken Partei von morgen', ganz gewiß. Aber Partei; eine Partei, die nur auf ihren eigenen Grundlagen wachsen kann, nicht durch die 'Konfrontation' verschiedener Standpunkte, sondern durch den Kampf selbst gegen diejenigen, die ihr'nahezustehen' scheinen." (Kommunistisches Programm, Nr.18, S. 20). Wie kürzlich ein Sprecher der IKP in einer öffentlichen Veranstaltung von "Révolution Internationale" (Sektion der IKS in Frankreich) in Paris sagte: "Wir kommen nicht, um zu diskutieren, auch nicht um unsere Standpunkte mit Euren zu konfrontieren, sondern nur um hier unseren Standpunkt kundzutun. Wir kommen zu eurer Veranstaltung, so wie wir zu den Veranstaltungen der stalinistischen Partei hingehen." Solch eine Einstellung beruht nicht auf der Standhaftigkeit von Überzeugungen, sondern sie beruht auf Selbstgefälligkeit und Arroganz. Das vorgetäuschte "vollendete und unveränderliche" Programm - als dessen Erben und Beschützer die Bordigisten sich ausgeben - verdeckt nichts anderes als einen enormen Größenwahn.
Je mehr ein Bordigist von Zweifeln und Unverständnis erschüttert wird, desto mehr schwanken seine Überzeugungen; und so fühlt er immer stärker das Bedürfnis, morgens nach dem Aufstehen sich auf die Erde zu knien, den Kopf auf die Erde zu beugen, sich auf die Brust zu schlagen und die Litanei der Mohammedaner aufzusagen: "Gott, mein Gott ist der einzige Gott und Mohammed ist sein Prophet". Oder wie doch irgendwo Bordiga sagte: "Um Mitglied der Partei zu sein, braucht man nicht alles zu verstehen und von allem überzeugt zu sein; es genügt, laß man glaubt und der Partei gehorcht."
Es handelt sich hier nicht darum, ausführlich auf die Geschichte der Fraktion einzugehen, ihre Verdienste und Fehler, die Gültigkeit ihrer Positionen darzustellen. Wie sie selbst sagte, oft habe sie nur herumtasten können, aber ihr Beitrag war umso größer, da sie ein politisch lebendiger Körper war, der es wagte, die Debatte zu eröffnen, ihre Positionen mit anderen zu konfrontieren, sie anderen gegenüberzustellen, denn sie war nicht so verkalkt und größenwahnsinnig wie die bordigistische "Partei". Daher kann man verstehen, daß die Fraktion sich auf die Italienische Linke berufen konnte, wohingegen dies ein großer Mißbrauch ist, wenn die bordigistische Partei von "unserer Fraktion im Ausland" spricht.
Die Konstituierung der Partei
Die für das Proletariat unabdingbare Partei wird auf den soliden Fundamenten eines kohärenten Programms, auf klaren Prinzipien aufgebaut. Diese geben ihr eine allgemeine Orientierung, die möglichst klare Antworten auf die im Klassenkampf entstehenden politischen Probleme beinhalten. Dies hat überhaupt nichts gemein mit dem mythischen "vollendeten und unveränderbaren" Programm der Bordigisten.
"In jeder Periode sehen wir, daß die Möglichkeit der Bildung der Partei bestimmt wird durch die Grundlage der vorherigen Erfahrung und der neuen Probleme, vor denen das Proletariat steht."(Bilan, Nr.1, S.15)
Was für das Programm zutrifft, trifft ebenfalls für die lebendigen politischen Kräfte, die die Partei physisch darstellen, zu. Die Partei ist sicher keine Ansammlung aller möglichen Gruppen und heterogenen politischen Tendenzen. Aber sie ist auch nicht der "monolithische Block", von dem die Bordigisten sprechen, und der übrigens nie außer in ihrer Einbildung bestanden hat. "In jeder Periode, in der die Bedingungen vorhanden sind für die Bildung der Partei, in der sich die Arbeiterklasse als Klasse organisieren kann, wird die Partei auf folgende Punkte gegründet:
auf ein Bewußtsein der am meisten fortgeschrittenen Positionen, welche das Proletariat vertreten muß;
auf die wachsende Kristallisierung der Kräfte, die für die proletarische Revolution handeln können."(Bilan,Nr.1).
Nur sich selbst und niemand anderen aus Prinzip und a priori als einzige für die Revolution handelnde Kraft anzuerkennen, zeugt nicht von revolutionärer Standhaftigkeit, sondern von Sektierergeist.
Als Engels die Bedingungen, unter denen die Erste Internationale gegründet wurde, ausführlich beschrieb, schrieb er: "Die Ereignisse und Wechselfälle im Kampf gegen das Kapital, die Niederlagen noch mehr als die Siege, konnten nicht verfehlen, den Menschen die Unzulänglichkeit ihrer diversen Lieblingsquacksalbereien zum Bewußtsein zu bringen und den Weg zu vollkommener Einsicht in die wirklichen Voraussetzungen der Emanzipation der Arbeiterklasse zu bahnen." (MEW,Bd. 21, "Vorrede zum 'Manifest der Kommunistischen Partei'", englische Ausgabe von 1888, S. 353).
Die Wirklichkeit hat überhaupt nichts zu tun mit diesem Spiegel, vor dem die bordigistische "Partei" die meiste Zeit verbringt, und der ihr nichts anderes zeigt als ihr eigenes Bild. In der ganzen Geschichte der Arbeiterbewegung, d.h. in der Wirklichkeit, zeichnete sich die Bildung der Parteien durch einen Zusammenschluß mit gleichzeitigem Herausschälen der Kräfte, die für die Revolution handeln können, aus. Andernfalls müßte man schlußfolgern, daß niemals eine andere Partei als die bordigistische existiert hat. Einige Beispiele: Der Bund der Kommunisten, dem sich Marx und Engels sowie ihre Freunde anschlossen, war der ehemalige Bund der Gerechten, der aus mehreren Gruppen in Deutschland, der Schweiz und Frankreich, Belgien und England entstand, wobei sich die Strömung Weitlings aufgelöst hatte. Die Erste Internationale beinhaltete gleichzeitig die Auflösung der Sozialisten ä la Louis Blanc und Mazzini und den Zusammenschluß anderer Strömungen. Die Zweite Internationale bedeutete die Auflösung der Anarchisten und den Zusammenschluß der marxistischen sozialdemokratischen Parteien. Die Dritte Internationale kam nach der Auflösung der Sozialdemokraten und faßte die revolutionären kommunistischen Strömungen zusammen. Das Gleiche finden wir wieder mit der Bildung der sozialdemokratischen Partei in Deutschland, die aus der Eisenacher und der Lassaller Partei hervorgegangen ist. Das Gleiche trifft für die sozialistische Partei Frankreichs zu, die ihren Ursprung in der Partei Guesdes und Lafargue und in der Jaures hat. Wiederum das Gleiche mit der Bildung der sozialdemokratischen Partei in Rußland, die aus isolierten über alle Städte und Gebiete Rußlands zerstreuten Gruppen hervorgegangen war, wobei die Tendenz Struves eliminiert wurde.
Man könnte hier weitere Beispiele aus der Geschichte der Parteigründungen aufführen; man findet immer diese gleiche Bewegung, die sich gleichzeitig durch Auflösung und Zusammenschluß vollzieht. Die kommunistische Partei Italiens selbst konstituierte sich auf der Grundlage der abstentionistischen Fraktion Bordigas und der Gruppe Gramscis nach der Auflösung der Maximalisten Seratis.
Es gibt keine gültigen Kriterien, die absolut und gleich für alle Zeiten währen. Es kommt darauf an, in jeder Epoche klar zu definieren, welche die Kriterien des Zusammenschlusses der Kräfte, und welche die Kriterien der Abgrenzung sind. Und genau das weiß die bordigistische "Partei"nicht, die sich ohne Kriterien mittels einer Zusammenwürfelung von Kräften konstituiert hat: der im Norden gegründeten Partei, Gruppen aus dem Süden mit einem Beigeschmack von Partisanen, der Tendenz Vercesis im antifaschistischen Komitee Brüssels, der aus der Fraktion ausgeschlossenen Minderheit, die 1936 an den republikanischen Milizen im Spanienkrieg teilnahm, und schließlich der 1945 vorzeitig aufgelösten Fraktion. Wie man sehen kann, hat das "Kommunistische Programm" allen Grund dazu, von Unnachgiebigkeit, organischer Kontinuität zu sprechen und Lehren über Standhaftigkeit und revolutionärer Reinheit zu erteilen. In der Verleumdung eines jeden Versuchs der Konfrontation und der Debatten zwischen revolutionären Gruppen handelt es sich hier keineswegs um Prinzipienfestigkeit, auch nicht um politische Kurzsichtigkeit, sondern ganz einfach um die Sorge für den Schutz und den Wohlerhalt der eigenen, kleinen Kapelle.
Im Übrigen variiert (entschuldigt die Invarianz) diese unheimliche - nur verbale - Unnachgiebigkeit der Bordigisten gegen jede "Konfrontation" und um so mehr noch gegen jede Umgruppierung, die von vornherein und ohne jedes Kriterium als ein konfuses Unterfangen abgestempelt wird je nach dem Augenblick und nach dem Geschmack. So haben sie 1949 einen "Aufruf zur internationalen Reorganisierung der revolutionären marxistischen Bewegung" veröffentlicht, den sie 1952 und 1957 wiederholten, in dem man lesen kann: "In Übereinstimmung mit der marxistischen Position...richten heute die Kommunisten der Italienischen Linke einen Aufruf an die revolutionären Arbeitergruppen aller Länder. Sie fordern sie dazu auf, einen langen und schwierigen Weg zu begehen, einen gewaltigen Versuch zu unternehmen, um sich auf internationaler Ebene auf einer strengen Klassenbasis zu sammeln."(Programme Communiste, Nr.18/19 der franz. Ausgabe).
Aber es ist unbedingt notwendig, zwischen der bordigistischen Partei und jeder anderen Organisation unterscheiden zu wissen; man würde den schwersten Fehler begehen, wenn man glaubte, daß das, was der Partei erlaubt ist,- welch als Einzige ein "vollendetes und unveränderbares" Programm besitzt - ebenfalls für eine einfache sterbliche Organisation der Revolutionäre zulässig sein dürfte. Die Partei hat Gründe, die die Vernunft nicht kennt und auch nicht kennen kann. Wenn die Bordigisten zu einer "internationalen Sammlung" aufrufen, dann ist das reines, pures Gold, aber wenn andere revolutionäre Organisationen zu einer einfachen Konferenz zur Kontaktaufnahme und Diskussion aufrufen, dann ist das selbstverständlich die größte Scheiße, "Prinzipienhandel" und ein konfuses Unterfangen...Aber kommt das nicht wirklich daher, daß die Bordigisten sich heute mehr denn je in ihrer Verkalkung verrannt haben und daß sie fürchten, ihre schwankenden Positionen mit den lebendigen, revolutionären Strömungen zu konfrontieren, welche existieren und sich entwickeln ? Oder ziehen sie nicht vielmehr vor, sich zu verschließen und zu isolieren ?
Es ist interessant, die in diesem Sammlungsaufruf vorgebrachten Kriterien in Erinnerung zu rufen, die ja auch in dem kürzlich erschienenen Artikel wiederholt wurden:
"Die Internationale Kommunistische Partei schlägt den Genossen aller Länder die folgenden Prinzipien und Richtlinien vor:
1) Bejahung der Waffen der proletarischen Revolution: Gewalt, Diktatur, Terror;
2) Vollständiger Bruch mit der Tradition der Kriegsbündnisse, den Partisanenfronten und den 'nationalen Befreiungen',...
3)Historische Negation des Pazifismus, des Föderalismus zwischen den Staaten und der 'nationalen Verteidigung';
Verurteilung der gemeinsamen Sozialprogramme und der politischen Bündnisse mit den nichtlohnabhängigen Klassen;
Ächtung des kapitalistischen Charakters der Sozialstruktur Rußlands;("Die Macht - der Staat in Rußland - wird von einer hybriden und komplexen Koalition ausgeübt, welche die internen Interessen der klein- und halbbürgerlichen Klassen, der versteckten Unternehmer und der internationalen Kapitalistenklasse vertritt': (Schlußfolgerung: Mißbilligung jeder Unterstützung des russischen Militär Imperialismus, kategorischen Defätismus gegen den Amerika)s."
Wir haben somit die sechs Überschriften der Kapitel genannt, die alle durch Kommentare näher erläutert werden; sie hier wiederzugeben wäre allerdings zu lang. Es handelt sich auch nicht darum, im einzelnen diese Punkte hier zu behandeln, obgleich ihre Formulierung zu wünschen übrig lassen, insbesondere was die Frage des Terrors angeht, der als Prinzip und grundsätzliche Waffe der Revolution ausgegeben wird (5) oder weiterhin der subtile Unterschied in der Schlußfolgerung zwischen der einzunehmenden Haltung gegenüber den USA Defätismus) und gegenüber Rußland (Mißbilligung). Oder noch ein anderer Punkt, nämlich diese seltsame (es ist das min