Als die Revolution in Russland ausbrach, begrüßten sie die Revolutionäre einstimmig als den ersten Schritt hin auf die proletarische Weltrevolution. Schon 1914 hatte Lenin diese Perspektive aufgezeigt. "In allen fortgeschrittenen Ländern stellt der Krieg die sozialistische Revolution auf die Tagesordnung." Und während des Krieges präzisierte er diese Perspektiven mehr und mehr.
"Nicht unsere Ungeduld, unsere Wünsche, sondern die vom imperialistischen Krieg gegebenen Bedingungen haben die gesamte Menschheit in eine Sackgasse geführt und vor das Dilemma gestellt:
entweder lässt man weiterhin Millionen Menschen sterben und die ganze europäische Zivilisation ausrotten, oder die Macht wird in allen zivilisierten Ländern dem revolutionären Proletariat übergeben und die sozialistische Revolution wird vollendet. Dem russischen Proletariat wurde die große Ehre erwiesen, den Reigen der Revolutionen, die durch die objektiven Notwendigkeiten des imperialistischen Krieges hervorgerufen wurden, zu eröffnen. Aber die Idee, das russische Proletariat sei von den Arbeitern anderer Länder als revolutionäres Proletariat auserwählt worden, ist uns vollkommen fremd... Nicht die besonderen Qualitäten, sondern die besonderen historischen Bedingungen haben es vielleicht für sehr kurze Zeit zur Vorhut des gesamten revolutionären Proletariat gemacht." (eigene Übersetzung aus dem franzosischen)
Genau die gleiche Perspektive wurde von den anderen Revolutionären dieser Zeit - Trotzki, Pannekoek, Gorter, Liebknecht, Rosa Luxemburg - geteilt. Keiner von ihnen vertrat die Auffassung, dass in Russland eine "bürgerliche Revolution" stattfand. Im Gegenteil, es war ihr Kampf gegen diese Auffassung, der sie von den Menschewisten und den Zentristen a la Kautsky trennte. Überdies zeigte die Geschichte bald, dass solch eine Analyse notwendigerweise jene, die sie vertraten, in die Arme der Bourgeoisie und gegen die Arbeiterklasse führte. Tatsächlich wurde sie zur Position der extremen "Linken" der Bourgeoisie bei ihrer Brandmarkung des "Abenteurertums" der Bolschewisten.
In der ganzen damaligen Arbeiterbewegung ging die Solidarität mit dem Kampf des russischen Proletariats Hand in Hand einher, nicht nur mit der Anerkennung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution, sondern auch mit dem Verständnis für die Notwendigkeit, den Inhalt der russischen Erfahrung über die ganze Welt zu verbreiten.
Erst im Kielwasser der schrecklichen Niederlagen, welche das Proletariat in den 20er Jahren erlitt, und angesichts des Auftretens einer Gesellschaft in Russland, die all ihre Hoffnungen zerschlug, begann eine gewisse Anzahl von Revolutionären - wie Otto Rühle - die Position aufzugeben, die 1917 einheitlich vertreten wurde. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als der "Nationalsozialismus" in Deutschland die Bevölkerung für einen neuen imperialistischen Krieg mobilisierte, als der Antifaschismus die gleiche Arbeit in den "Demokratien" verrichtete, und der "Sozialismus in einem Land" - in Wirklichkeit einer der barbarischsten Formen des Kapitalismus -in Russland gestärkt war. Innerhalb bestimmter revolutionärer Strömungen, die dem Untergang der Kommunistischen Internationale entwichen waren, begann man eine Theorie auszuarbeiten, die die Oktoberrevolution als bürgerliche Revolution eines "besonderen Typus" betrachtete.[1]
1934 wurden die "Thesen über den Bolschewismus" in den Organen der rätekommunistischen Bewegung (Rätekorrespondenz Nr.3 und Internationale Rätekorrespondenz) veröffentlicht. Gemäß dieses Textes hieß es:
"8. Wirtschaftlich war der russischen Revolution die Aufgabe gestellt, erstens den versteckten Agrar-Feudalismus und die fortbestehende leibeigenschaftliche Bauernausbeutung zu beseitigen, die Landwirtschaft zu industrialisieren und unter die Bedingungen moderner Warenproduktion zu stellen, zweitens die unbegrenzte Schaffung einer Klasse tatsächlich "freier Arbeiter" zu ermöglichen und die industrielle Entwicklung von allen feudalen Fesseln zu befreien. Die wirtschaftlichen Aufgaben der russischen Revolution waren somit in ihren Grundzügen die Aufgaben der bürgerlichen Revolution.
9. Politisch war der russischen Revolution die Aufgabe gestellt, den absoluten Staat zu zertrümmern, die Bevorrechtung des Feudaladels als des ersten Standes zu beseitigen, eine politische Verfassung und einen staatlichen Verwaltungsapparat zu schaffen, die die Lösung der wirtschaftlichen Aufgaben der Revolution politisch sicherten. Die politischen Aufgaben der russischen Revolution waren also durchaus entsprechend ihren wirtschaftlichen Voraussetzungen die Aufgaben der bürgerlichen Revolution."
Hier finden wir fast Wort für Wort die Position der Menschewiki wieder, die zu den schlimmsten Feinden des Proletariats zählten. Der einzige bemerkenswerte Unterschied war, dass die Menschewiki aus ihrer Analyse folgerten, es sei notwendig, die Macht der klassischen Parteien und Institutionen der Bourgeoisie zu übergeben (Kadetten, Provisorische Regierung, Nationalversammlung), wohingegen die "Rätekommunisten" argumentierten, die Durchführung der bürgerlichen Revolution sei die Aufgabe der "Bolschewiki". Wie ist es zu erklären, dass einige der Revolutionäre, die den Oktober 1917 als eine proletarische Revolution begrüßt hatten, schließlich zu der Analyse der Menschewiki, gelangten?
In seinem 1938 geschriebenen Buch "Lenin als Philosoph" klärt Anton Pannekoek diese Frage auf. In Bezug auf "Materialismus und Empiriokritizismus" schreibt er:
"Es kommt manchmal vor, dass eine theoretische Schrift nicht das unmittelbare Milieu und die Absichten des Autors, sondern breitere und indirekte Einflüsse sowie allgemeine Ziele er- sehen lässt. In dem Buch Lenins jedoch ist nichts dergleichen zu erkennen. Es ist mit all seinen Kräften eindeutig und ausschließlich auf das Bild der russischen Revolution gerichtet. Dieses Werk stimmt soweit mit dem bürgerlichen Materialismus überein, dass man hätte voraussehen können, dass die russische Revolution auf die eine oder andere Weise zu einer Art auf einem Arbeiterkampf basierenden Kapitalismus werden musste, hätte man es zu dieser Zeit in Westeuropa gekannt und richtig interpretiert." (eigene Übersetzung aus dem Französischen)
Kurzum, der "Schlüssel" zu dem Wesen der Russischen Revolution, der weder im Angesicht des imperialistischen Krieges 1914 noch 1917 inmitten der großen Klassenkonfrontationen in Russland und überall auf der Welt aufzufinden war, der sich auch nicht in den Trägern der Revolution und eben sowenig in deren Methoden oder deren Erklärungen und Aufrufen an das Proletariat aller Länder befand - dieser "Schlüssel" befand sich in Wirklichkeit in einer philosophischen Arbeit, die 1908 veröffentlicht worden war, und die 1927 "zu spät" in andere Sprachen übersetzt wurde. Denn: "Wenn die westlichen Marxisten das Buch und die Ideen Lenins vor 1918 gekannt hätten, wären sie zweifellos zu einer lebendigeren Kritik seiner Taktik für die Weltrevolution fähig gewesen."(idem) Tatsächlich lag der wirkliche Grund für diese späte Entdeckung nicht an dem Informationsmangel seitens der "westlichen Marxisten" über bestimmte philosophische Auffassungen Lenins, sondern in der enormen Verwirrung, die die Konterrevolution unter den Revolutionären selbst gestiftet hatte, unter jenen wenigen Militanten, die versucht hatten, die Prinzipien des Kommunismus inmitten dieses Sturmes aufrechtzuerhalten. Eine Verwirrung und Enttäuschung, die, wie wir später sehen werden, sie dazu führte, die marxistische Methode aufzugeben, die es den Revolutionären einschließlich der Bolschewiki 1917 erlaubt hatte, das wahre Wesen der Revolution zu begreifen, die in Russland ausgebrochen war.
[1] Siehe: "Die Epigonen des Rätekommunismus", International Review (Engl./Franz. Nr.2"); "Die Degeneration der Russischen Revolution", Internationale Revue (Deutsch) Nr.2; "Die Lehren der Kronstädter Ereignisse", Intern. Review Nr.3;
" Plattform der IKS"; Intern. Review Nr.5 Engl./Franz. " Die Kommunistische Linke in Russland"; Inter.Review Nr. 9/10 "Texte zur Übergangsperiode"; Intern. Review Nr.11, Engl./Franz. "Beiträge zur Rolle des Staates in der Übergangsperiode“, International Review Nr.6 Engl/Franz;
Bei näherer Betrachtung der rätekommunistischen Thesen kann man feststellen, dass es sich um eine neue Formulierung einer Idee handelt, die selbst in dem bürgerlichen Lager in den 30er Jahren großen Erfolg hatte: d.h. dass das Regime in Russland die notwendige Folge der Oktoberrevolution sei.
Die Stalinisten waren offensichtlich die größten Verteidiger dieser Idee. Aus ihrer Sicht war Stalin derjenige, der Lenins Arbeiten "genial fortsetzte" , der Mann, der die größte Entdeckung unseres Zeitraums, die Theorie der Möglichkeit des Sieges des "Sozialismus in einem Land"[1] gemacht und angewandt hatte. Aber abgesehen von den Stalinisten gab es fast eine einmütige Übereinstimmung, dass Stalin tatsächlich Lenins Nachfolger war, ja, dass der schreckenerregende Staatsapparat, der in Russland entstanden war, das rechtmäßige Erbe der Oktoberrevolution war. Die Anarchisten verkündeten lautstark, dass das barbarische Polizeiregime in Russland die "unvermeidliche" Folge der autoritären Auffassungen des Marxismus war (andererseits zogen sie nicht in Betracht, dass der Eintritt der Anarchisten in eine antifaschistische bürgerliche Regierung die "unvermeidliche" Folge ihrer antiautoritären Auffassung war). Demokraten aller Art verkündeten, dass die "Diktatur des Proletariats" und die Zurückweisung der parlamentarischen Institutionen die Wurzel allen Übels war, das das "russische Volk" befallen hatte. Im allgemeinen warnten sie das Proletariat auf diese Weise: „das ist das Ergebnis jeglicher Revolution, jeglichen Versuches, den Kapitalismus zu zerstören: ein Regime, das noch schlimmer ist !".
Zweifelsohne verfolgte die rätekommunistische Auffassung nicht das Ziel, die Arbeiterklasse bei ihrem Versuch zu entmutigen, die Revolution durchzuführen oder von ihrer theoretischen Waffe, dem Marxismus abzubringen. Im Gegenteil: die Rätekommunisten unternahmen die Überprüfung ihrer früheren Positionen im Namen des Marxismus und der kommunistischen Revolution.
Indem sie die Frage jedoch auf die Grundfrage stellten, dass," wenn die russische Revolution im Staats-Kapitalismus endete, dann deshalb, weil sie nichts anderes hätte hervorbringen können", übernahmen sie eine der grundlegenden Ideen der Bourgeoisie: "Was in Russland geschah, musste notwendigerweise geschehen." Entweder war diese Bestätigung eine Tautologie - die augenblickliche Lage ist das Ergebnis verschiedener Faktoren, die es bestimmt haben - oder es handelte sich um einen theoretischen Fehler, der den Marxismus auf einen vulgären Fatalismus reduziert.
Für den Fatalismus steht alles, was passiert, schon im großen Schicksalsbuch festgeschrieben. Und wenn der Fatalismus die Form eines "gesunden Menschenverstandes" annimmt, geschmückt mit dem philosophischen Wortschwall, der aus den Universitätsakademikern hervorsprudelt, dient er immer dazu, die (mehr oder weniger erzwungene) Akzeptierung der herrschenden Ordnung zu predigen. Der Marxismus dagegen hat immer solch eine Unterwerfung unter die "Realität" bekämpft. Selbstverständlich hat der Marxismus entgegen voluntaristischen und idealistischen Auffassungen bestätigt, dass die Menschen ihre Geschichte "nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ machen. Aber Marx wies eindeutig darauf hin, dass "die Menschen ihre eigene Geschichte machen"
(Der 18. Brumaire des Louis Napoleon. Karl Marx, MEW 8, S. 115). Was die Möglichkeit einer Revolution angeht, schrieb Marx:
"Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind." (Marx, Vorwort zur "Kritik der Politischen Ökonomie").
Deshalb hat der Marxismus immer Stellung gegen den Anarchismus bezogen, für den "alles zu jeder Zeit möglich ist, vorausgesetzt die Menschen wollen es". In seiner Analyse der Niederschlagung der Pariser Commune war beispielsweise Marx dazu in der Lage, auf die Unreife der materiellen Bedingungen, die der Kapitalismus l871 entwickelt hatte, hinzuweisen. Jedoch wäre es falsch zu denken, dass alle sozialen Ereignisse direkt durch diese "materiellen Bedingungen" erklärt werden konnten. Insbesondere ist das Bewusstsein, das die Menschen, oder genauer, die sozialen Klassen, von diesen materiellen Bedingungen haben, keine einfache "Widerspiegelung" derselben ist, sondern es wird zu einem aktiven Faktor in der 'Umwandlung der materiellen Bedingungen:
"Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist... kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch weg dekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." (Marx, Vorwort zum "Kapital").
Historische Ereignisse sind nicht nur das Produkt der ökonomischen Bedingungen der Gesellschaft, sondern auch der Gesamtheit der "Faktoren des Überbaus", eines komplexen Zusammenwirkens dieser verschiedenen bestimmenden Elemente, wovon der Zufall, d.h. willkürliche und unvorhersehbare Ereignisse, einer ist. Deshalb kann man die Geschichte nicht als die Verwirklichung des "Schicksals" betrachten, das ein für allemal festgesetzt ist, als den Verlauf eines Drehbuchs, das im voraus geschrieben ist - für die einen vom "göttlichen Willen", für die anderen in der Struktur und in der Bewegung der Atome.
So wie nirgendwo geschrieben steht, dass die Werke Marxens dazu "vorgesehen" waren, eine der barbarischsten Formen der kapitalistischen Ausbeutung zu rechtfertigen, so gab es kein "Schicksal" für die russische Revolution, deren Existenz an dem, was aus der Revolution schließlich wurde, gemessen werden kann.
Natürlich weisen die Rätekommunisten zurück, dass sie Fatalisten seien. Aus ihrer Sicht ist ihre Position "marxistisch", da ihre Analyse auf der Entwicklung der Produktivkräfte basiert. Aber die Tatsache, dass sie nur das Problem betrachten und dann nur unter dem Gesichtspunkt Russlands (wo sogar für die Bourgeoisie die Oktoberrevolution ein Ereignis von weltweiter Bedeutung war), verrät eine beschränkte, eindimensionale Auffassung vom Marxismus, fast eine Karikatur derselben. Und mit dieser Karikatur geben sie vor, erklären zu können, warum der Staatskapitalismus in Russland entstand: wenn die Oktoberrevolution zum Kapitalismus führte, dann deshalb weil sie selbst bürgerlich war. Mit anderen Worten: sie war "vorherbestimmt“ zu dem Ergebnis zu gelangen, wo sie gelandet ist... Und so sehen wir den guten, alten Fatalismus durch das Fenster wieder hereinkommen, nachdem er offiziell aus der Tür herausgejagt worden ist.
Tatsächlich leidet die rätekommunistische Betrachtungsweise nicht nur an einer guten "Dosis" Fatalismus. Wenn sie bis zu ihrer äußersten Konsequenz verfolgt wird, führt sie zu einer völligen Aufgabe des Marxismus und jeglicher revolutionärer Perspektiven.
[1] Vorwort zu Ausgewählte Werke Lenins vom Institut für Marxismus-Leninimus (ZK der KPDSU)
Obgleich nicht unbedingt für die Beweisführung nötig, ist es dennoch notwendig, in Erinnerung zu rufen, dass Russland 1917 die fünftgrößte Industriemacht auf der Welt war, und in dem Maße wie die Entwicklung des Kapitalismus in Russland zu einem Großteil die Stufe der Entwicklung des Handwerks und der Manufaktur übersprungen hatte, nahm der russische Kapitalismus die modernste und konzentrierteste Gestalt an (mit mehr als 40.000 Arbeitern war Putilow die größte Fabrik auf der Welt). Aus rätekommunistischer Sicht kann das bürgerliche Wesen der russischen Revolution anhand lokaler Bedingungen erklärt werden. Dies traf teilweise für die in der Tat bürgerlichen Revolutionen von 1640 in England und 1789 in Frankreich zu. Die ungleiche Entwicklung des Kapitalismus ermöglichte es der Bourgeoisie, zu verschiedenen Zeiträumen und in verschiedenen Ländern an die Macht zu gelangen. Dies war ebenso möglich, weil die Nation der besondere geopolitische Rahmen des Kapitalismus ist, ein Rahmen, über den der Kapitalismus trotz aller Anstrengungen nie hinausgehen kann. Aber während es dem Kapitalismus möglich war, sich auf "Inseln" innerhalb der autarken feudalistischen "Gesellschaft zu entwickeln, kann der Sozialismus nur auf Weltebene existieren, wo er alle Produktivkräfte und die von dem Kapitalismus geschaffenen Zirkulationsnetze verwendet. Schon l847 antworteten Marx und Engels kategorisch auf die Frage: "Wird die Revolution in einem einzigen Lande allein stattfinden können?", "Nein, die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung mit einander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem anderen geschieht. ... Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern...gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein.. Sie ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben." (Engels, Grundsätze des Kommunismus, l847, MEW 4, S.37).
Das, was von den Revolutionären l847 schon begriffen wurde, musste nach der Zeit der größten Expansion des Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Grundlage jeglicher proletarischer Perspektive zur Zeit des ersten Weltkrieges werden.
Der Krieg bewies, dass der Kapitalismus seine fortschrittliche Aufgabe der Entwicklung der Produktivkräfte auf Weltmaßstab durchgeführt hatte, dass es in der Epoche seines historischen Verfalls getreten war, und dass notwendigerweise eine bürgerliche Revolution nicht mehr stattfinden konnte. Die einzige Revolution auf der Tagesordnung der Geschichte war die proletarische Revolution auf der ganzen Welt, Russland eingeschlossen. Diese Analyse wurde nicht nur von Lenin vorgebracht, dessen Geist mit "vulgärmaterialistischer Philosophie" durchdrungen war, dem nachgesagt wird, er wolle die weltkommunistische Bewegung in einen Apparat zur Verteidigung des russischen Staatskapitalismus umwandeln. Diese Analyse wurde ebenso von einer Reihe Revolutionäre vertreten, welche manche dem "bürgerlichen" Lenin gegenüberzustellen versucht haben, und deren proletarischen Positionen oder Kenntnisse der "Ereignisse in Russland" niemals von den Rätekommunisten in Frage gestellt worden sind: Rosa Luxemburg. Sie schrieb zu jener Zeit: "Dieser Verlauf ist aber für jeden denkenden Beobachter auch ein schlagender Beweis gegen die doktrinäre Theorie, die Kautsky mit der Partei der Regierungssozialisten teilt, wonach Russland als wirtschaftlich zurückgebliebenes, vorwiegend agrarisches Land für die soziale Revolution und für eine Diktatur des Proletariats noch nicht reif wäre. Diese Theorie, die in Russland nur eine bürgerliche Revolution für angängig hält - aus welcher Auffassung sich dann auch die Taktik der Koalition der Sozialisten in Russland mit dem bürgerlichen Liberalismus ergibt - ist zugleich diejenige des opportunistischen Flügels in der russischen Arbeiterbewegung, der so genannten Menschewiki unter der bewährten Führung Axelrods und Dans. Beide, die russischen wie die deutschen Opportunisten, treffen in dieser grundsätzlichen Auffassung der russischen Revolution, aus der sich die Stellungnahme zu den Detailfragen der Taktik von selbst ergibt, vollkommen mit den deutschen Regierungssozialisten zusammen: Nach der Meinung aller drei hätte die russische Revolution bei jenem Stadium halt machen sollen, das sich die Kriegführung des deutschen Imperialismus nach der Mythologie der deutschen Sozialdemokratie zur edlen Aufgabe stellte: beim Sturz des Zarismus. Wenn sie darüber hinausgegangen ist, wenn sie sich die Diktatur des Proletariats zur Aufgabe gestellt hat, so ist das nach jener Doktrin ein einfacher Fehler des radikalen Flügels der russischen Arbeiterbewegung, der Bolschewiki gewesen, und alle Unbilden, die der Revolution in ihrem weiteren Verlauf zugestoßen sind, alle Wirren, denen sie zum Opfer gefallen, stellen sich eben als ein einfaches Ergebnis dieses verhängnisvollen Fehlers dar. Theoretisch läuft diese Doktrin, die vom Stampfschen "Vorwärts" wie von Kautsky gleichermaßen als Frucht "marxistischen Denkens" empfohlen wird, auf die originelle "marxistische" Entdeckung hinaus, dass die sozialistische Umwälzung eine nationale, sozusagen häusliche Angelegenheit jedes modernen Staates für sich sei. In dem blauen Dunst des abstrakten Schemas weiß ein Kautsky natürlich sehr eingehend die weltwirtschaftlichen Verknüpfungen des Kapitalismus auszumalen, die aus allen modernen Ländern einen zusammenhängenden Organismus machen. Russlands Revolution - eine Frucht der internationalen Entwicklung und Agrarfrage - unmöglich in den Schranken der bürgerlichen Gesellschaft zu lösen.
Praktisch hat diese Doktrin die Tendenz, die Verantwortlichkeit des internationalen, in erster Linie des deutschen Proletariats für die Geschicke der russischen Revolution abzuwälzen, die internationalen Zusammenhänge dieser Revolution zu leugnen. Nicht Russlands Unreife, sondern die Unreife des deutschen Proletariats zur Erfüllung der historischen Aufgaben hat der Verlauf des Krieges und der russischen Revolution erwiesen. Dies mit aller Deutlichkeit hervorzukehren ist die erste Aufgabe einer kritischen Betrachtung der russischen Revolution. Die Revolution Russlands war in ihren Schicksalen völlig von den internationalen Ereignissen abhängig." (Rosa Luxemburg, Zur Russischen Revolution, Gesammelten Werke, Bd.4, S.332 bis 334).
So formulierte eine der größten marxistischen Theoretiker damals das Problem, gegen die Trugschlüsse Kautskys, der Menschewiki und... der Rätekommunisten. Rosa Luxemburg machte nicht nur den Mythos der "Unreife Russlands" zunichte, sondern sie lieferte auch den Schlüssel zu dem, was die Rätekommunisten nie zu verstehen imstande waren: die Ursachen der Degeneration der Russischen Revolution, die im wesentlichen im Scheitern "der Weltrevolution, von der das Schicksal der Revolution in Russland völlig abhing", lagen.
In der Tat, indem sie die Ursachen der Entwicklung der Revolution und die des kapitalistischen Regimes, in dem sie endete, allein in Russland suchten, wandten sich die Rätekommunisten von den objektiven Grundlagen des Internationalismus ab.
Und selbst wenn ihr eigener Internationalismus nicht in Frage gestellt werden kann, letztendlich kann er sich nur auf eine Art moralischen Imperativs stützen. Wenn man ihre Untersuchung zu ihrer logischen Schlussfolgerung weiterführt, gelangt man zu der Idee, dass, hätte die Revolution in einem fortgeschrittenen Land stattgefunden (Deutschland z.B.), und wäre sie isoliert geblieben, hätte sie nicht das gleiche Los erfahren wie die Russische Revolution. Mit anderen Worten, in diesen Ländern hätte sie die Wiedereinrichtung des Kapitalismus vermeiden können, was bedeutet, dass ein Sieg über den Kapitalismus, der Sieg des Sozialismus in einem Land möglich ist. So wie der Rätekommunismus von dem Stalinismus die Idee der Kontinuität zwischen Lenin und Stalin ausleiht, zwischen dem Wesen der Oktober-Revolution und dem Wesen des Regimes, das sich in Russland einrichtete, können wir sehen, dass die Rätekommunisten dazu neigten, Elemente einer der wichtigsten Verschleierungen des Stalinismus zu übernehmen, "den nationalen Sozialismus". Somit: übernimmt die "marxistische" Analyse der Rätekommunisten nicht nur die Thesen Kautskys und der Menschewiki, sondern sie kann auch gar nicht umhin, mit den stalinistischen Theorien zu flirten.
Aber dies ist nicht der einzige Weg mit dem die rätekommunistische Analyse zu einer Verwerfung des Marxismus führt. Einer der Gründe, warum sie die russische Revolution als eine bürgerliche Revolution betrachten, ist die Natur der ökonomischen Maßnahmen, die von Anfang an von der neuen Macht ergriffen wurden. Die Rätekommunisten behaupten zurecht, dass die Verstaatlichungen und die Landaufteilung rein bürgerliche Maßnahmen sind. Aber dann überstürzen sie sich und erklären: "Man kann sehen, dass es sich um eine bürgerliche Revolution handelt, da sie Maßnahmen dieser Art durchführte." Und gegenüber solchen Maßnahmen schlagen sie eine wahrhaft "sozialistische" Politik vor: "Die Übernahme der Betriebe und die Organisation der Wirtschaft durch die Arbeiterklasse und ihre Klassenorganisationcn, die Arbeiterräte." (Thesen über den Bolschewismus, Nr.49). Dies ist die Art Maßnahmen, die die russische Revolution ergriffen hätte, wenn sie wirklich "proletarisch" gewesen wäre. Aber für die Rätekommunisten "konnte der bürgerliche Charakter der bolschewistischen Revolution... nicht deutlicher aufgezeigt werden als in diesem Ruf nach der Produktionskontrolle."(idem, Nr.47)
Hier übernehmen die Rätekommunisten die Grundlage ihrer Analyse nicht von Kautsky oder von Stalin, sondern von Proudhon und den Anarchisten. Einmal wieder streichen sie eine der Grundlagen des Marxismus. Für den Marxismus ist eine der grundlegenden Unterschiede zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Revolution die Tatsache, dass die erste am Ende eines ganzen Prozesses von wirtschaftlichen Umwälzungen zwischen dem Feudalismus und dem Kapitalismus stattfand. Dieser Prozess fand seine Krönung im politischen Bereich. Die proletarische Revolution dagegen ist notwendigerweise der Ausgangspunkt für die wirtschaftliche Umwälzung vom Kapitalismus zum Kommunismus. Dieser Unterschied ist mit der Tatsache verbunden, dass im Gegensatz zu den vorherigen Umwälzungen der Übergang zum Kommunismus kein Wechsel in der Art des Eigentums, sondern die Abschaffung allen Eigentums überhaupt ist; er ist nicht die Institutionalisierung von neuen Ausbeutungsverhältnissen, sondern die Abschaffung aller Ausbeutung. Deswegen ist im Gegensatz zu allen vorherigen Revolutionen das Ziel der proletarischen Revolution nicht die Einrichtung einer neuen Form von Klassenherrschaft, sondern die Abschaffung aller Klassen; die proletarische Revolution ist nicht das Werk einer ausbeutenden Klasse, sondern zum ersten Mal in der Geschichte das Werk einer ausgebeuteten Klasse. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse entwickelten sich innerhalb der feudalen Gesellschaft, während der Adel noch den Staatsapparat kontrollierte. Die feudale Macht mag ein Hindernis für die Entwicklung des Kapitalismus gewesen sein, aber der Kapitalismus war imstande, sich daran anzupassen; solange das Kapital nicht bis zu dem Punkt entwickelt war, an dem die feudale Ordnung gestürzt werden musste. Die bürgerliche Revolution kam in einer fast „mechanischen" Konsequenz auf die Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaft, und ihre Aufgabe bestand in der Zerstörung der letzten Hindernisse für die Expansion des Kapitals. Im Gegensatz zu alledem können sich kommunistische Sozialbeziehungen in keiner Weise auf kleinen Inseln innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft entwickeln, wenn die bürgerliche Klasse immer noch die Kontrolle über den Staat ausübt. Erst nach der Zerstörung des bürgerlichen Staates und nach der politischen Machtübernahme durch die Arbeiterklasse auf Weltebene können die Produktionsverhältnisse umgewälzt werden.
Im Gegensatz zu den vorherigen Übergangsperioden wird die zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus nicht das Ergebnis eines objektiven, vom Willen des Menschen unabhängigen Prozesses sein; er wird von der bewussten Aktion einer Klasse abhängen, die ihre politische Macht zur schrittweisen Auslöschung der verschiedenen Aspekte der kapitalistischen Gesellschaft benutzen wird: des Privateigentums, des Marktes, der Lohnarbeit, des Wertgesetzes usw. Aber solch eine Wirtschaftspolitik kann erst eine Wirkung erlangen, nachdem das Proletariat die Bourgeoisie militärisch besiegt hat. Solange dies nicht endgültig erreicht ist, werden die Anforderungen des Weltbürgerkrieges über dem Bedürfnis nach einer Umwandlung der Produktionsverhältnisse dort vorherrschen, wo das Proletariat schon die Macht ergriffen hat. Und dies trifft zu, wie auch immer die wirtschaftliche Entwicklung solch eines Gebietes vorangeschritten sein mag. In Russland sind die von der neuen Macht ergriffenen Maßnahmen - ungeachtet der begangenen Fehler, die tatsächlich begangen wurden, und die uns wertvolle Lehren erteilen können - nicht das Kriterium für das Verständnis des Klassencharakters der Oktoberrevolution, ebenso wenig wie es die ökonomischen Maßnahmen waren, die der Pariser Commune ihren proletarischen Charakter verliehen haben. Und soweit wir wissen, haben weder die Rätekommunisten noch die Anarcho-Syndikalisten jemals den proletarischen Charakter der Commune bezweifelt. Niemandem fiel es ein, dass die Verkürzung des Arbeitstages, die Aufhebung der Nachtarbeit für die Bäckergesellen, die Mietstundungen oder das Leihhaus vom Mont-de-Piete als "sozialistische" Maßnahmen verstanden werden sollten. Die Größe der Commune war, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Proletariats die Klasse einen nationalen Krieg gegen eine ausländische Macht in einen Bürgerkrieg gegen die eigene Bourgeoisie umgewandelt hat: dass die Zerstörung des kapitalistischen Staates verkündet und verwirklicht wurde und durch die Diktatur des Proletariats ersetzt wurde, d.h. gewählte und abrufbare Delegierte in allen Bereichen, Löhne für Beamte, die dem durchschnittlichen Arbeiterlohn gleich sind, Ersetzung der ständigen Armee durch die ständige Bewaffnung der Arbeiter und die internationalistische Proklamation der Weltkommune. Es waren diese wesentlichen politischen Maßnahmen, welche aus der Pariser Commune den ersten internationalen Versuch des Proletariats gemacht haben, die Revolution durchzuführen. Und aus diesem Grunde ist die Erfahrung der Commune eine solch unschätzbare Fundgrube für den revolutionären Kampf von Generationen von Arbeitern aller Länder. Der Oktober 1917 nahm die Hauptthemen der Kommune wieder auf und verallgemeinerte sie, und es war sicherlich kein Zufall, dass Lenin Staat und Revolution am Vorabend der Oktoberrevolution schrieb, wo er eine detaillierte Untersuchung der Kommune vornahm. Daher kann man die Klassennatur der Oktoberrevolution nicht durch die Analyse eines jeden Details dessen, was die Revolution im wirtschaftlichen Bereich gemacht oder nicht gemacht hat, begreifen.
Dies kann nur verstanden werden, indem man die politischen Charakteristiken der Revolution untersucht - die Zerstörung des bürgerlichen Staates, die Machtübernahme durch die Arbeiterklasse, die in Arbeiterräten organisiert war, die allgemeine Bewaffnung des Proletariats – und die Triebkraft, die die neue Macht der internationalen Bewegung des Proletariats verlieh: die rücksichtlose Brandmarkung des imperialistischen Krieges, der Aufruf zur Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie, der Aufruf für die Zerstörung aller bürgerlichen Staaten und für die Machtübernahme durch die Arbeiterräte in allen Ländern.
Dass er das Primat der politischen Probleme in der ersten Phase der proletarischen Revolution nie begriffen hat, hat den Anarcho-Syndikalismus dazu geführt, die proletarische Revolution zu verraten, indem er diese in die Sackgasse der Selbstverwaltung und der "Kollektive" geführt hatte, während dessen er selbst Minister in der bürgerlichen Regierung der Spanischen Republik stellte. Sein ganzer Standpunkt - und ebenso der der Ratekommunisten, soweit sie mit dem Anarchosyndikalismus übereinstimmen - wendet sich von jeder sozialistischen Revolution ab, weil er diese nicht nur innerhalb eines Landes lokalisiert, sondern gar innerhalb einer Region, oder auf isolierte Fabriken begrenzt, und die sozialistische Produktion, die per Definition nur auf internationaler Ebene existieren kann, auf eine einheimische Angelegenheit reduziert.
Trotz vieler wertvoller Kritiken, die von der Arbeiteropposition 1921 formuliert wurden, insbesondere ihre Brandmarkung der Bürokratisierung des Staates und der erdrückenden Ordnung innerhalb der Partei, war die Plattform der Gruppe grundlegend irrig, insofern, als diese das Problem der Entwicklung der Revolution auf eine Frage der Ökonomie, auf ein direktes Management der Produktion durch die Arbeiter reduzierte. Somit schenkten sie vorbehaltlos der Idee Glauben, dass es möglich sei, den Sozialismus in einem Lande aufzubauen, dass der Sozialismus in Russland auf sich allein gestellt Fortschritte hätte machen können, auch wenn die internationale Revolution eine Reihe von Niederlagen erlitten hätte.[1]
Welche Fehler Lenin auch immer gemacht haben mag, er griff zurecht die kleinbürgerlichen und die anarcho-syndikalistischen Aspekte der Arbeiteropposition an. Es ist kein Zufall, dass später die theoretische Führerin der Arbeiteropposition, Kollontai, sich auf Stalins Seite gegen die Linke Opposition schlug, um die Theorie des Sozialismus in einem Land zu verteidigen. So schließen sich die Anhänger des "Sozialismus in einer Fabrik" den Anhängern des "Sozialismus in einem Land" und den Theoretikern der "unreifen objektiven Bedingungen" in Russland an. Und Kautsky, Stalin und die "Genossen Minister" der CNT sind keine gute Gesellschaft für die Rätekommunisten, wie scharf auch immer sie dies kritisieren.
Tatsächlich ist der einzige Weg für den Rätekommunismus, seine Analyse der Oktoberrevolution mit dem Internationalismus zu vereinbaren - und bestimmte Strömungen haben dies schon getan - darin zu behaupten, dass die objektiven Bedingungen für die proletarische Revolution 1917 nicht nur in Russland, sondern auch auf Weltebene unreif waren. Aber das hieße, die Analyse der Menschewiki oder Kautskys zu übernehmen..., nur um drei Punkte jener der rechten Sozialdemokraten aufzunehmen, die ihn benutzten, um die proletarische Revolution in Deutschland niederzumetzeln. Es kommt nicht darauf an zu behaupten, dass alle, die zu solchen Schlussfolgerungen kommen, zu Noskes werden. Es ist durchaus möglich, sich an einem proletarischen Kampf zu beteiligen, selbst wenn man ihn als verfrüht und verzweifelt ansieht - so wie es Marx bei der Pariser Commune tat. Aber diese Art von Analysen durch proletarische Elemente führt zu Schlussfolgerungen, die bis ins kleinste ebenso katastrophal sind wie jene der "klassischen" Rätekommunisten.
Wir wollen diese Analyse hier nicht widerlegen, da es uns über den Rahmen dieses Artikels hinausführen würde.2 Wir werden uns auf einige Bemerkungen dazu beschränken.
An erster Stelle führt solch eine Auffassung zu der Zurückweisung der Idee, dass sich der Kapitalismus seit dem I. Weltkrieg in seiner dekadenten Phase befindet, und diese Idee war die Schlüsselfrage bei dem Bruch der Revolutionäre mit der 2.Internationale. Die "rätekommunistische" Auffassung unterminiert die ganzen theoretischen Grundlagen der Kommunistischen Internationale, aus der an erster Stelle die Rätekommunisten selbst hervorgegangen sind. Sie führt somit zu einer Verwerfung aller Errungenschaften der Arbeiterbewegung während des I. Weltkrieges und der revolutionären Welle von 1917-23. Andernfalls ist es notwendig, die kommunistischen Positionen auf vollkommen andere Grundlagen zu stellen, insbesondere die Positionen, welche die kommunistische Linke gegen die Kommunistische Internationale vertrat:
· Verwerfung des Parlamentarismus, selbst seiner "revolutionären" Benutzung,
· Verwerfung der Gewerkschaften,
· Verwerfung der Idee der Massenpartei,
· Verweigerung der Unterstützung von nationalen Befreiungskämpfen oder "fortschrittlichen“ Fraktionen der Bourgeoisie.
Wenn man die Idee der Dekadenz des Kapitalismus verwirft, kommt man notwendigerweise zu der Schlussfolgerung, dass die ganze Politik der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert und die meisten Analysen von Marx und Engels falsch waren. Von solch einem Standpunkt aus betrachtet, begingen der Bund der Kommunisten, die Erste und Zweite Internationale große Fehler, als sie den Aufbau von Gewerkschaften, den Kampf für das allgemeine Wahlrecht und bestimmte nationale Befreiungskämpfe unterstützten. Und schließlich muss man ebenfalls zugeben, dass von der allgemeinen theoretischen Basis abgesehen, Proudhon und Bakunin gegenüber Marx und Engels recht hatten. Und da es von einem marxistischen Standpunkt aus schwierig ist, eine theoretische Betrachtungsweise von ihren politischen Folgen zu trennen, wäre es dann logisch, den letzten Schritt zu tun und den Marxismus zugunsten des Anarchismus zu verwerfen. Wenn die Rätekommunisten, die die Oktoberrevolution als bürgerlich bezeichnen, da die objektiven Bedingungen auf Weltebene 1917 nicht reif waren, nur den Mut hätten, diesen letzten Schritt zu tun und sich offen als Anarchisten zu erklären! Dann hätten sie nur noch ein letztes Problem zu lösen: wie ist ihre Analyse mit einem theoretischen Standpunkt zu vereinbaren, der die Notwendigkeit einer objektiven Basis für den Sozialismus verwirft und für den "die Revolution zu jedem Zeitpunkt möglich ist"?
Die Verwerfung der Idee, dass der Kapitalismus 1914 in seine dekadente Phase eingetreten ist, hat noch andere Folgen, die kurz zusammengefasst werden können:
· entweder muss die Periode der kapitalistischen Dekadenz noch kommen, obgleich bei einer Betrachtung der Katastrophen, die die Gesellschaft in den letzten 60 Jahren befallen haben, man sich kaum vorstellen kann, wie die wirkliche Dekadenz des Kapitalismus aussehen würde und wie die Gesellschaft dies überleben könnte;
· oder der Kapitalismus wird im Gegensatz zu den vorherigen Gesellschaften nie eine Phase der Dekadenz durchlaufen. Dann muss man die Schlussfolgerungen daraus ziehen: entweder gibt man jede Perspektive des Sozialismus für immer und ewig auf oder man stellt seine Perspektive für den Sozialismus auf etwas anderes als auf die objektiven Notwendigkeiten der Gesellschaft auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung. Das bedeutet, den Marxismus aufzugeben, aus dem Sozialismus einem "moralischen Imperativ" zu machen - und somit schließt man sich dem Anarchismus an. Im Laufe ihrer Geschichte wurde die Arbeiterklasse mit drei Hauptgegnern konfrontiert: dem Anarchismus im vorigen Jahrhundert, der reformistischen Sozialdemokratie zu Beginn dieses Jahrhunderts und dem Stalinismus zwischen den zwei Weltkriegen. Diese Strömungen haben sich gegen die Arbeiterklasse zu einem alles überbietenden Moment der Konterrevolution gegen die Arbeiterklasse zusammengerottet: dem Krieg in Spanien 1936. Man muss anerkennen, dass dem Rätekommunismus, auch wenn er eine der "gesundesten" Reaktionen gegen die Degeneration der Kommunistischen Internationale war, und es ihm gelungen war, in den schlimmsten Augenblicken der Konterrevolution Klassenpositionen aufrechtzuerhalten, die seltene Heldentat gelungen war, viele der grundlegenden Analysen dieser drei Strömungen zu übernehmen, selbst wenn sein Standpunkt nicht zur Aufgabe jeder revolutionären Perspektive geführt hat, wie dies für einige seiner besten Elemente der Fall war.
Dies sind einige der Folgen einer Verwerfung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution von 1917.F.M.
[1] "Degeneration der Russischen Revolution", Internationale Revue Nr.1; "Die Kommunistische Linke in Russland", Intern. Review Nr.9/10
[2] Siehe die Broschüre der IKS Die Dekadenz des Kapitalismus und andere Texte der IKS.
Der erste Teil dieses Artikels (l) versuchte aufzuzeigen, dass das Wesen der Russischen Revolution nicht durch die besonderen Eigenschaften Russlands zur Zeit der Revolution bestimmt wurde, sondern durch die allgemeine Entwicklung des Weltkapitalismus, dessen Eintritt in die Epoche seines historischen Verfalls durch den imperialistischen Krieg von 1914 gekennzeichnet war. Die objektiven Bedingungen für die proletarische Revolution bestanden auf internationaler Ebene, und die Russische Revolution konnte nur ein Teil dieser Weltrevolution sein. Somit verwarfen wir die Theorie der "Rätekommunisten", aus deren Sicht die Russische Revolution eine "bürgerliche" Revolution war. Wir haben aufgezeigt, dass solch eine Analyse zu folgendem führt:
- entweder zur Auffassung der Menschewisten und Kautskys, die zu einem Verrat an der Arbeiterklasse führen;
- oder zur stalinistischen Theorie der Möglichkeit des "Sozialismus in einem Land";
- oder zur anarchistischen Auffassung, die den Sozialismus mit Selbstverwaltung durch die Arbeiter in einzelnen Unternehmen gleichsetzt
- oder zur Auffassung der rechten Sozialdemokraten, für die die proletarische Revolution 1917 in keinem Land auf der Tagesordnung stand. -
Schließlich haben wir aufgezeigt, wie die Analyse der Rätekommunisten sie zu einer Abkehr vom Marxismus führt, obgleich sie selber davon überzeugt sind, ihre Analyse beruhe auf dem Marxismus.
In Wirklichkeit sind die Verirrungen des Rätekommunismus grundsätzlich der Ausdruck des schrecklichen Gewichts, das auf all den proletarischen Strömungen der Klasse lag, und das von der längsten Periode der Konterrevolution ausgeübt wurde, die die Arbeiterklasse jemals erlebt hat. Mit dem riesigen Staatsapparat konfrontiert, der sich in Russland nach der Degeneration der Revolution entwickelte, und - im Gegensatz zu den Stalinisten und Trotzkisten - dazu gezwungen, das konterrevolutionäre Wesen dieses Staates brandzumarken, empfanden die verschiedenen Strömungen der kommunistischen Linken große Schwierigkeiten, die Ursprünge und Ursachen dessen zu begreifen, was damals in Russland in einer Situation der Niederlage der Klasse vor sich ging. Aber es wäre falsch anzunehmen, dass die Rätekommunisten die einzigen gewesen waren, die sich in dieser schwierigen Lage verirrt hätten. Wenn man einmal vom Trotzkismus und dessen Theorie des "Bonapartismus" zur Erklärung des stalinistischen Phänomens und gleichzeitig zur Rechtfertigung der dauernden Verteidigung der UdSSR absieht, muss man feststellen, dass die anderen Strömungen der Linkskommunisten ebenso sehr verwirrt über diese Frage waren. Und obgleich die Italienische Linke mit BILAN viele wichtige Beiträge zum Verständnis des nachrevolutionären Russlands geleistet hat, blieb sie dennoch eine ganze Zeit lang in der Auffassung von der UdSSR als einem „entarteten Arbeiterstaat" gefangen.
Jedoch taucht eine der größten Verwirrungen in der Linkskommunistischen Bewegung mit dem Erscheinen der bordigistiscben Theorie der "Doppelrevolution" auf, die eine teilweise Rückkehr zu den Absurditäten der Rätekommunisten darstellte.
„So lautet die marxistische Erklärung der "Degenerierung der UdSSR": die Oktoberrevolution, während welcher das kommunistische Proletariat die Macht ergriff, konnte nur die feudalen Hindernisse zur kapitalistischen Entwicklung der Produktivkräfte brechen; das ist die Formel Russlands zur Zeit der NEP. Mit der Unterstützung der Weltrevolution hätte die bolschewistische Partei die Marktwirtschaft bändigen und in der Folge den Sozialismus einfahren können. An der Spitze einer riesenhaften, kapitalistischen Maschine isoliert, sich selber überlassen, wurde sie von den Marktmechanismen entartet und zu einem Räderwerk der kapitalistischen Akkumulation gemacht". (Programme Communiste, Nr.57,Seite 39)(2)
Man erkennt auf den ersten Blick, was die "bordigistische" Auffassung von der "rätekommunistischen" unterscheidet. Für die letztgenannte sind die wirtschaftlichen und politischen Aspekt« der Revolution eng miteinander verbunden: die Errichtung des Kapitalismus ist gekennzeichnet durch die Übernahme der Macht durch eine Partei, die sie als bürgerlich bezeichnen. Für die erstgenannte sind jedoch die beiden Aspekte klar unterschieden: die Bordigisten erkennen den proletarischen Charakters des Oktobers auf politischer Ebene an, aber sie stimmen mit den Rätekommunisten wiederum überein, wenn sie behaupten, dass es sich auf wirtschaftlicher Ebene um eine bürgerliche Revolution handelte. Und man könnte übrigens eine ganze Reihe von Zitaten finden, die die Konvergenz der bordigistischen Analysen mit denen der Rätekommunisten zeigen, obgleich die Bordigisten den Rätekommunisten gegenüber sehr bissig sind. Zum Beispiel: .
" Wenn man überhaupt von einer Wendung im April 1917 reden kann, dann muss man verstehen, dass diese mit dem Prozess, der ein kapitalistisches fortschrittliches Land zur kommunistischen Revolution führt, nichts zu tun hat: sie markiert nur in einem Land, in dem der Feudalismus im völligen Zerfall begriffen ist, den entscheidenden Augenblick einer bürgerlichen und Volksrevolution." (Programme Communiste, Nr.39, Seite 2l)
Man glaubt Pannekoek zu lesen! Und in der Tat erweist sich die bordigistische Auffassung der "Doppelrevolution" als doppeldeutig, und sie führt ihre Anhänger dazu, sich von einem Artikel zum anderen zu widersprechen, wenn nicht gar von einem Satz zum anderen.
So stammt das obige Zitat aus einem Artikel mit dem Titel: "Die Aprilthesen des Jahres 1917, Programm der proletarischen Revolution in Russland." In dem gleichen Artikel kann man in dem Kommentar zur gleichen These lesen: "Lenin fügt hier kein Adjektiv dem Wort Revolution im, aber wir können dies ohne zu zögern tun... es handelt sich immer um eine bürgerliche und demokratische Revolution, um eine antifeudalistische Revolution und nicht um eine sozialistische". (S.24) In einem anderen Artikel, genannt "Der Marxismus und Russland'' (S. 85 der deutschen Auflage) , kann man lesen: "Für uns war die Oktoberrevolution sozialistisch". Man müsste sich darüber einig werden! Tatsächlich kann die bordigistische Auffassung auf die folgende Formel zusammengefasst werden: "Die Oktoberrevolution war eine nichtproletarische proletarische Revolution, eine nichtsozialistische sozialistische Revolution".
Welche undurchsichtige Klarheit!
Aber die Tatsache, dass Bordiga und seine Epigonen sich widersprechen und eine unzusammenhängende Sprache gebrauchen, stört die letzten nicht so sehr: sie sind daran gewöhnt. Sie sollten jedoch schaudern, wenn sie Behauptungen vorbringen, die in direktem Widerspruch zu dem stehen, was Lenin, zu der Oktoberrevolution gesagt hat. Gemäß der bordigistischen Lehre hat Lenin nur zwei Fehler in seinem Leben begangen: (übrigens kleine Fehler, da "taktisch") hinsichtlich der "Einheitsfront" und hinsichtlich des "revolutionären Parlamentarismus". Für die Bordigisten:
"Im April 1917 geht es nur darum, die sozialen Kräfte der antizaristischen Revolution zu gewinnen, nicht um mehr zu machen, als man sich 1905 vorgenommen hatte, sondern um die Tatsache zu beheben, dass man weniger gemacht hatte, dass man unterhalb des Programms der kapitalistischen Revolution unter der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauern stand." (Programme Communiste, Nr.39, Seite 25)
Für Lenin jedoch:
"... kann diese ganze Revolution überhaupt nur verstanden werden als ein Glied in der Kette der sozialistischen proletarischen Revolutionen, die durch den imperialistischen Krieg hervorgerufen werden." (Vorwort zu "Staat und Revolution")
Für Lenin kam es somit darauf an, 1917 „mehr zu tun“ als 1905} damals hatte er die Ziele der Revolution bescheidener definiert:
"Ein solcher Sieg wird aus unserer bürgerlichen Revolution noch keineswegs eine sozialistische machen; die demokratische Umwälzung wird über den Rahmen der bürgerlichen gesellschaftlich ökonomischen Verhältnisse nicht unmittelbar hinausgehen; aber nichtsdestoweniger wird die Bedeutung eines solchen Sieges für die künftige Entwicklung sowohl Russlands als auch der ganzen Welt gigantisch sein." ("Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution", in Ausgewählte Werke, Band I, S. 567).
Man könnte noch viele andere Beispiele bringen, in denen die bordigistischen Schriften das Gegenteil der Leninschen Auffassungen behaupten. Wir wollen uns mit einer weiteren zufrieden geben:
" Insofern darf die Partei des Proletariats den Sowjet nicht verwerfen, diese aus der bürgerlichen russischen Revolution entstandene historische Form.
.. Sie (die Sowjets) entsprechen dem, was Lenin als demokratische Diktatur definiert hatte... Die einzige Formel der antifeudalen russischen Revolution ist keine parlamentarische Versammlung wie in der Französischen Revolution, sondern ein andersartiges Organ, das auf der Grundlage der alleinigen Klasse der Arbeiter in den Städten und auf dem Land beruht." (Programme Communiste, Nr. 39, Seite 28)
Für Lenin dagegen:
"Nur muss eine praktische Form gefunden werden, die das Proletariat in den Stand setzt, seine Herrschaft zu verwirklichen. Diese Form ist das Sowjetsystem mit der Diktatur des Proletariats! Das war bisher Latein für die Massen. Mit der Ausbreitung des Sowjetsystems in der ganzen Welt ist dieses Latein in alle modernen Sprachen übersetzt worden: die praktische Form der Diktatur ist durch die Arbeitermassen gefunden." (Rede bei der Eröffnung des Kongresses, 2.März,S.469,Bd 28)
"... die Form der Diktatur des Proletariats, die schon praktisch ausgearbeitet ist, d.h. die Sowjetmacht in Russland, das Rätesystem in Deutschland... und andere analoge Sowjet-Institutionen in anderen Ländern."(Thesen und Referat über die bürgerlich Demokratie und die Diktatur des Proletariats, in Ausgewählte Werke, Bd. 3, Seite 17l).
Wir haben dem Leser die verschiedenen Zitate nicht aufgeführt, um uns hinter die Autorität Lenins zu flüchten, sondern um aufzug- zeigen, dass Lenin zwar Fehler gemacht hat, dass aber der von den Bordigisten im Namen der Treue gegenüber Lenin' vorgebrachte Unfug mit den Auffassungen Lenins absolut nichts zu tun hat.
Wir werden hier nicht das im vorausgegangenen Artikel Gesagte wiederholen, in dem wir gezeigt haben, dass in Russland als auch übermall anderswo 1917 die bürgerliche Revolution nicht mehr auf der Tagesordnung der Geschichte stand, seitdem die materiellen Bedingungen der kommunistischen Revolution auf Weltebene vorhanden waren. Das was wir gegen die Rätekommunisten gesagt haben,- und und gegen die Menschewiki– trifft ebenso auf die bordigistische Auffassung zu. Dagegen müssen wir zu einigen Ideen Stellung nehmen, die mit dem Begriff der „Doppelrevolution" einhergehen.
Erstens die Idee, dass das Proletariat eine bürgerliche Revolution für und anstelle der Bourgeoisie ausführen könnte, ist falsch. Selbst wenn Marx solch eine Auffassung l848 vertreten konnte - eine von Lenin 1905 wieder aufgegriffene Auffassung- gibt die Geschichte kein Beispiel, in dem eine Klasse eine andere Klasse bei der Erfüllung ihrer historischen Aufgaben ersetzen konnte. Eine Revolution ist ein Akt, bei dem eine Klasse, die zum Träger der neuen, durch die Entwicklung der Produktivkräfte notwendig gewordenen Produktionsverhältnisse geworden ist, die politische Macht übernimmt. Nun hat die Geschichte vielfach bewiesen, dass die revolutionäre Klasse die politische Macht allgemein nur ergreifen kann, nachdem die Notwendigkeit und die materiellen Bedingungen der Revolution lange offenkundig geworden sind. Es handelt sich da um ein klassisches Phänomen des Hinterherhinkens des gesellschaftlichen Überbaus im Verhältnis zu der Basis, etwas, das vom Marxismus eindeutig bewiesen worden ist. Insbesondere dieses Phänomen ermöglicht uns zu begreifen, warum es in der Geschichte der Menschheit Zeiträume der Dekadenz gegeben hat, in denen die alten Produktionsverhältnisse zu Fesseln der Entwicklung der Produktivkräfte geworden waren, während jedoch gleichzeitig die als Träger der neuen Produktionsverhältnisse wirkende Klasse noch nicht genügend Macht gesammelt hatte - insbesondere politische Macht - um die alte, bestehende Gesellschaftsordnung zu zerstören. Daraus folgt: wenn eine Klasse ausreichend stark ist, um die politische Macht zu ergreifen, dann bedeutet das, dass die ökonomischen und sozialen Aufgaben, vor denen sie steht, gerade darin bestehen, die Produktionsverhältnisse zu entwickeln, deren historischer Träger sie ist. Weiterhin heißt das, dass sie nicht die Rolle der vorhergehenden historischen Klassen übernehmen und deren Aufgaben erfüllen kann, die in Wirklichkeit nicht mehr auf der Tagesordnung der Geschichte stehen. Das Proletariat hat sich wie die Bauern und Handwerker an den bürgerlichen Revolutionen beteiligen können, aber als stützende, verstärkende Kraft, und nie als ihre führende Kraft. Das Proletariat hat selbst eine sehr aktive Rolle in der Radikalisierung dieser Revolutionen gespielt, indem es den energischsten Kräften der Bourgeoisie Unterstützung gewährt hat. Sobald jedoch die eigenen Klasseninteressen des Proletariats vertreten wurden, standen diese unmittelbar den Interessen aller, einschließlich der radikalsten Fraktion der Bourgeoisie entgegen: die "Levellers" gegen Cromwell in der englischen Revolution, Babeuf gegen die Montagnards in der französischen Revolution, das Pariser Proletariat gegen die provisorische Regierung im Juni 1848.
Der andere Aspekt der "Doppelrevolution", auf den eingegangen werden muss, bezieht sich auf das Verständnis der Art der ökonomischen Maßnahmen, die das Proletariat am Anfang der Revolution ergreifen kann. Die Bordigisten kritisieren zurecht die trotzkistische Auffassung, wonach die "Hilfe für die Arbeitslosen" oder die "Eliminierung der Privateigentümer in der Großindustrie" "sozialistische Maßlahmen seien. Gemäß den Bordigisten handelt es sich bei der Hilfe für die Arbeitslosen um nichts anderes als um "Wohlfahrtsstaats" Maßnahmen, und bei dem letztgenannten um "staatskapitalistische" Maßnahmen, wohingegen der "ökonomische Sozialismus mit der Zerstörung des Kapitals beginnt". (Programme Communiste, Nr. 57, S.25). In dieser Hinsicht haben sie den noch notwendigerweise kapitalistischen Charakter der von der proletarischen Macht in Russland getroffenen Maßnahmen erkannt, und Sie versuchen demnach nicht, ihnen "sozialistische" Eigenschaften zuzuschreiben, im Gegensatz zu den Stalinisten und den Trotzkisten. Jedoch wird der der Bordigisten in dem folgenden Abschnitt zusammengefasst:
"In den fortgeschrittenen Ländern könnte die Diktatur des Proletariats versuchen, unmittelbar einen zahlenmäßig ausgearbeiteten Produktionsplan aufzustellen. In den anderen Ländern würde die Diktatur des Proletariats -während sie auf die Ausdehnung der Revolution wartet- den Kapitalismus verwalten, wobei die Produktivkräfte soweit wie möglich in den Händen des Staates zusammengefasst würden und wobei die Schutzmaßnahmen für die lohnabhängige Klasse getroffen würden, die unter den gleichen Bedingungen nie von einer bürgerlichen Partei ergriffen werden könnten. In allen Fällen bedeutet die Machtübernahme durch das Proletariat nichts anderes als die erste Welle der Weltrevolution, die siegen muss oder besiegt wird; entweder löst sie andere Revolutionen aus, oder sie geht im Bürgerkrieg unter, oder sie entartet zu einer bürgerlichen Macht, in dem Fall, wo sie einen jungen Kapitalismus verwalten müsste." (Programme Communiste, Nr.57, S.36)
Da haben wirs: Nur in "den Ländern, in denen das Proletariat einen jungen Kapitalismus zu leiten hat" (als ob der Kapitalismus, der insgesamt und auf Weltebene altersschwach geworden ist, irgendwo noch jung sein könnte!)"degeneriert die Revolution zu einer bürgerlichen Macht." So ist die Revolution in Russland degeneriert, weil sie in einem schwach industrialisierten Land isoliert geblieben ist (was Kommunistisches Programm fälschlicherweise als "jungen Kapitalismus" bezeichnet.) Wäre die Revolution dagegen in einem hoch industrialisierten Land isoliert geblieben, wäre sie gemäß dieser Argumentationsweise nicht degeneriert und die aufzubauenden Produktionsverhältnisse wären auch nicht mehr kapitalistisch gewesen. Kurzum, der Sozialismus wäre in einem Land möglich... unter der Bedingung, dass es sich um einen "alten Kapitalismus" handelt. Ebenso wie bei den Rätekommunisten führt die Auffassung der Bordigisten, wenn man sie bis zum Ende durchdenkt, notwendigerweise zu der stalinistischen These. Man muss also wählen zwischen Folgendem: entweder stellt in allen Fällen "die Machtübernahme durch das Proletariat nichts anderes dar als die erste Welle der Weltrevolution", oder sie ist es nur in bestimmten Fällen. Schließlich lässt sich der Begriff "Doppelrevolution" in Wirklichkeit auf eine "doppelte Auffassung" zurückführen: einmal internationalistisch hier, einmal nationalistisch da!
In Wirklichkeit ist es so: wie immer der Entwicklungsgrad der Länder sein mag, in denen das Proletariat die Macht ergreift, es kann auf keinen Fall darauf hoffen, wirklich "sozialistische" Maßnahmen unmittelbar nach der Machtübernahme ergreifen zu können. Es kann eine ganze Reihe von Vorkehrungen treffen — Enteignung der Privatkapitalisten, gleichen Lohn,Hilfe für die Ärmsten, freie Verfügung über bestimmte Konsumgüter-, welche sich auf sozialistische Maßnahmen hinbewegen, die aber als solche leicht vom Kapitalismus wieder für sich gewonnen werden können. Solange wie die Revolution in einem Land oder in einer beschränkten Anzahl von Ländern isoliert bleibt, wird die Wirtschaftspolitik, die von der Revolution durchgeführt werden kann, zu einem Großteil von den Wirtschaftsbeziehungen bestimmt, die dieses Land oder diese Länder mit dem Rest der kapitalistischen Welt aufrechterhalten müssen. Und diese Beziehungen können nur Handelsbeziehungen sein, d.h. das Gebiet, in dem das Proletariat die Macht ergriffen hat, muss auf dem Weltmarkt einen Teil seiner-. Produkte verkaufen, um in der Lage zu sein, auf diesem Markt all die Güter zu erwerben, die das Proletariat selber nicht herstellt, die aber dennoch unbedingt notwendig sind. Von daher bleibt die gesamte Wirtschaft dieses Gebietes stark von der Notwendigkeit geprägt, Waren zum niedrigsten Preis zu produzieren, um für diese Käufer zu finden angesichts der Konkurrenz der Waren, die in den Ländern hergestellt werden, in denen das Proletariat die Macht noch nicht ergriffen hat. Das bedeutet, dass diese Wirtschaft noch dem Konsum der arbeitenden Massen Beschränkungen auferlegen muss, nicht nur um die zukünftige Entwicklung der Produktivkräfte sicherzustellen, - eine unlabdingbare Bedingung für den Kommunismus - sondern auch ganz nüchtern ausgedrückt, um einen Mehrwert zu erarbeiten, der auf dem Weltmarkt realisiert werden kann, und um auf diesem die Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren. Es ist offensichtlich, dass die Arbeiteracht eine größtmögliche Anzahl von Vorkehrungen gegen die korrumpier enden Auswirkungen treffen muss, die diese typisch kapitalistischen Praktiken unvermeidlich in dem Machtbereich und in den Institutionen der Macht der Arbeiter hervorbringen. Aber es ist ebenso offensichtlich, dass das Fortbestehen dieser Praktiken, in dem Falle der andauernden Isolierung der Revolution, nur zum Sturz der Macht der Arbeiter selber führen kann. Und was für den streng begrenzten Bereich der Ökonomie zutrifft, gilt ebenfalls für den militärischen Bereich. Isoliert dastehend, wird die Revolution dazu gezwungen, sich gegenüber den Angriffen des Kapitalismus, der die Revolution zerschlagen will, zur Wehr setzen. Das bedeutet, dass in dem Gebiet, wo das Proletariat die Macht ergriffen hat, eine ganze Reihe von Maßnahmen, die für die kapitalistische Gesellschaft typisch sind, aufrechterhalten bleiben: Waffenproduktion - was den Konsum der Arbeiter und die Entwicklungsmöglichkeiten der materiellen Bedingungen des Kommunismus belastet -, das Bestehen einer Armee, die selbst als "Rote Armee" weiterhin eine Institution bleibt, die das gleiche Wesen wie im Kapitalismus hat: eine Maschinerie, die dazu bestimmt ist, auf organisierte und systematische Weise Mord und Zwang zu verewigen. Das unterstreicht erneut die schwerwiegende Tragweite der Bedrohungen, die solche Notwendigkeiten auf die Arbeitermacht ausüben. Und all dies trifft ebenso auf die fortgeschrittenen als auch auf die rückständigen Länder zu. In Wirklichkeit ist ein hoch industrialisiertes Land gar noch abhängiger vom kapitalistischen Weltmarkt als die anderen Länder, und der Gedanke ist nicht absurd, dass in einem Land wie in Deutschland die isoliert dastehende Revolution noch schneller zerschlagen worden oder degeneriert wäre als in Russland. Es ist also nicht nur die Rückständigkeit Russlands, die den kapitalistischen Charakter der wirtschaftlichen Maßnahmen erklärt, die in den ersten Jahren der Sowjetmacht durchgeführt wurden. Wenn man die Maßnahmen, die in Deutschland im Falle eines proletarischen Sieges durchgeführt worden wären untersucht, findet man eine große Ähnlichkeit:
"1. Konfiskation aller dynastischen Vermögen und Einkünfte für die Allgemeinheit;
2. Annullierung der Staats- und anderer öffentlichen Schulden sowie sämtlicher Kriegsanleihen, ausgenommen Zeichnungen von einer bestimmten Höhe an, die durch den Zentralrat der A(rbeiter)- und S(oldaten)-Räte festzusetzen ist)
3. Enteignung des Grund und Bodens aller landwirtschaftlichen Groß- und Mittelbetriebe, Bildung sozialistischer landwirtschaftlicher Genossenschaften unter einheitlicher zentraler Leitung im ganzen Reiche, bäuerliche Kleinbetriebe bleiben im Besitze ihrer Inhaber bis zu deren freiwilligem Anschluss an die sozialistischen Genossenschaften;
4. Enteignung aller Banken, Bergwerke, Hütten sowie aller Großbetriebe in Industrie und Handel durch die Räterepublik.
5. Konfiskation aller Vermögen von einer bestimmten Hohe an, die durch den Zentralrat festzusetzen ist;
6. Übernahme des gesamten öffentlichen Verkehrswesens durch die Räterepublik.
7. Wahl von Betriebsräten in allen Betrieben, die im Einvernehmen mit den Arbeiterraten die inneren Angelegenheiten der Betriebe zu ordnen, die Arbeitsverhältnisse zu regeln, die Produktion zu kontrollieren und schließlich die Betriebsleitung zu übernehmen haben." ("Was will der Spartakusbund?" l4.12.l8, in Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd.4, S.449)
Der große Fehler der Bordigisten liegt darin, davon auszugehen, dass die Welt in verschiedene geoökonomische“ Gebiete aufgeteilt sei: solche, in denen der Kapitalismus reif und gar altersschwach geworden ist und solche, in denen der Kapitalismus "jung" oder "jugendlich" ist. Unfähig zu begreifen, dass der Kapitalismus auf Weltebene (das erste Weltsystem in der Geschichte) eine aufsteigende Phase durchlaufen hat, und seit 19l4 in seine dekadente Phase eingetreten ist, sind die Bordigisten ebenso unfähig zu begreifen, dass seit 19l4 die Aufgaben des Proletariats in allen Gebieten der Welt die gleichen sind: den Kapitalismus zu zerstören und neue Produktionsverhältnisse aufzubauen. Für die Bordigisten gibt es einerseits Länder, in denen die "reine“, proletarische Revolution auf der Tagesordnung der Geschichte steht, und andererseits Länder, wo die "Doppelrevolution" auf der Tagesordnung steht. Solch ein Schema beinhaltet:
- einerseits werden die Aufgaben des Proletariats innerhalb eines Prozesses der sozialistischen Umwälzung der Gesellschaft gemäß den verschiedenen Gebieten als unterschiedlich aufgefasst d.h. die fortgeschrittenen Länder können sofort sozialistische Maßnahmen ergreifen, wohingegen die rückständigen Länder sich vorerst noch der kapitalistischen Entwicklung der Bedingungen der Vergesellschaftung widmen können. Andererseits wird dem Proletariat und den Revolutionären als unmittelbare Aufgabe vorgegeben, die verschiedensten so genannten "nationalen Befreiungskämpfe" zu unterstützen, die dazu dienen sollen, die Grundlagen eines "jugendlichen" Kapitalismus in jenen Ländern zu schaffen.
Was die letztgenannte Idee der bordigistischen Auffassung betrifft, konnte man in letzter Zeit feststellen, zu welchen Verirrungen diese führt:
zur Rechtfertigung der von den Roten Khmer an der kambodschanischen Bevölkerung ausgeübten Massaker, die als Ausdruck des "radikalen Jakobinertums" gewertet werden, weiterhin zur Teilnahme an den stalinistischen und trotzkistischen Chören mit der Mandelschön Variante, um "Che Guevara" zu rühmen, der als lebendiges Symbol der "demokratischen, antiimperialistischen Revolution... von den Yankee-Imperialisten und ihren lateinamerikanischen Lakaien feige umgebracht worden ist". (P.C., Nr.75, S.5l) Ebenso führte es zu allen möglichen mehr oder weniger "kritischen" Stellungnahmen zugunsten diesen oder jenen Teilnehmers an den augenblicklichen interimperialistischen Konflikten. (Vietnam, Angola, Mozambique, usw.)
Was den erstgenannten Punkt angeht, drückt er die absurde und von der Bourgeoisie geprägten Idee aus, dass das Proletariat eines jeden Landes, sobald es die Macht übernommen hat, seine "eigenen Angelegenheiten in seiner Ecke regeln muss". In Wirklichkeit ist es die Gesamtheit des Weltproletariats die die Gesamtheit der ökonomischen Probleme in Angriff nimmt, die sich in den verschiedenen Gebieten der Erde stellen. Diese Probleme sind durch die doppelte Aufgabe, die sich das Proletariat gleichzeitig stellt, bestimmt: die Produktivkräfte voranzutreiben, insbesondere in den rückständigen Gebieten, und die Produktionsverhältnisse in zunehmend Maße zum Kommunismus hin zu entwickeln.
Sobald das Proletariat die Macht auf Weltebene
Übernommen hat, hat es somit nirgendwo auf der Welt kapitalistische Aufgaben zu erfüllen. Innerhalb des Rahmens der sozialistischen Umwälzung der Gesellschaft arbeitet das Proletariat an der Entwicklung der Produktivkräfte, die durch die historische Dekadenz der kapitalistischen Produktionsweise zur Stagnation verdammt sind. Innerhalb dieses Rahmens muss das Proletariat die Überreste der vorkapitalistischen Gesellschaft auslöschen, die der Kapitalismus nicht integrieren konnte. Dies geschieht mittels der Verbreitung der am weitesten entwickelten produktiven Techniken und mittels der Integration des enorm großen Sektors der handwerklichen und bäuerlichen Kleinproduzenten - die heute noch die übergroße Mehrheit der Weltbevölkerung stellen - in die assoziierte Produktion des vergesellschafteten Sektors. Und diese Aufgabe muss nicht nur in den rückständigen Ländern durchgeführt wanden, sondern auch in einer ganzen Reihe von fortgeschrittenen Ländern wie Japan, Frankreich, Spanien oder Italien, wo Millionen von Kleinbesitzern oder Arbeitern, die immer noch in dem Feudalismus nahe stehenden Agrarstrukturen eingegliedert sind, weiterhin bestehen. Warum sprechen die Bordigisten nicht von einer "Doppelrevolution" für diese Länder? So stellen sie einerseits dem Proletariat in den fortgeschrittenen Ländern, indem es noch isoliert bleibt, viel zu ehrgeizige Aufgaben, und andererseits ordnen sie dem Weltproletariat, sobald dieses überall die Macht ergriffen hat, Aufgaben zu, die weit hinter den historischen Notwendigkeiten zurückbleiben, wie z.B. in einigen Ländern die Entwicklung eines Kapitalismus, der überall am Ende seiner Kräfte ist. Wir haben also im ersten Teil dieses Artikels gesehen, wie die Rätekommunisten, nachdem sie die Errungenschaften der Oktoberrevolution begrüßt hatten, sich mit den Sozialdemokraten und Anarchisten in den Chor der Verurteilung dieser Revolution einreihen. Wir haben weiter gesehen, dass die Bordigisten sich zu ihrem unnachgiebigen Verteidiger machen. Sie verstehen zwar im Gegensatz zu den Rätekommunisten den Vorrang der politischen über die ökonomischen Aspekte, was sich in dem folgenden Satz klar ausdrückt:
„Die Oktoberrevolution darf an erster Stelle nicht unter dem Blickwinkel der unmittelbaren Umwälzungen der Produktionsformen und der Wirtschaftsstruktur verstanden werden, sondern als eine Phase des internationalen politischen Kampfes des Proletariats." (Programme Communiste, Nr. 68, S.20)
Aber leider erweisen sie sich als unfähig, die menschewistische Behauptung, die später von den Rätekommunisten wieder aufgegriffen wurde, zurückzuweisen. Im Gegenteil:
aufgrund eines religiösen Treueverhältnisses zu den Analysen Lenins (insbesondere über die nationale Frage, in der eine mehr als 50-jährige Erfahrung den fehlerhaften Charakter dieser Analyse bewiesen hat) zeigen sie sich als unfähig, die grundlegenden Beiträge Lenins und der Bolschewisten und die Bedeutung der Erfahrung der Oktoberrevolution für das proletarische Programm zu begreifen. Die Oktoberrevolution muss sich deshalb nicht nur den Verleumdungen der Bourgeoisie oder deren Versuche, sie für sich zu "verwerten", unterziehen, sondern auch abgesehen von den absurden Verurteilungen durch die Rätekommunisten, der gut gemeinten aber vernichtenden Analyse, die von ihren eifrigsten Verteidigern, den Bordigisten, vorgebracht wird.
Eine Verteidigung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution wäre unvollständig, wenn sie sich nicht mit dem Wesen der bolschewistischen Partei als einem der Hauptträger der Revolution befassen würde. Genauso was den Klassencharakter der Revolution selber angeht, bestanden innerhalb aller damaligen revolutionären Strömungen keine Zweifel über den Klassencharakter dieser Partei. Die Idee einer nicht-proletarischen, bolschewistischen Partei entwickelte sich anders als bei Kautsky und der Sozialdemokratie - erst später. Die rätekommunistischen "Thesen über den Bolschewismus" sind ziemlich deutlich in dieser Hinsicht:
"Der Bolschewismus ist in Prinzip, Taktik und Organisation eine Bewegung und Methode der bürgerlichen Revolution in einem vorwiegenden Bauernlande..." (These 66) (3)
Obgleich die Thesen an anderer Stelle widersprüchlich sind:
"Vor allem ist die Bewegung der russischen Sozialdemokratie in ihrer berufsrevolutionären Führerschicht eine revolutionärkleinbürgerliche Partei." (These l6)
Ob bürgerlich, kleinbürgerlich oder "staatskapitalistisch" , stimmen die verschiedenen Versionen der rätekommunistischen Betrachtungsweisen in einem Punkt überein: jeglichen proletarischen Charakter der bolschewistischen Partei zu leugnen. Bevor wir fortfahren und die Gründe aufdecken, die hinter dieser Analyse stecken, ist es notwendig, einige elementare Gesichtspunkte der Ursprünge und der Einstellungen der Bolschewisten, sowie die von ihnen geführten Kämpfe in Erinnerung zu rufen, und insbesondere herauszustellen, gegen wen diese Kämpfe gerichtet waren.
Der Bolschewismus entstand als eine marxistische Strömung, als ein integrierter Bestandteil der russischen Sozialdemokratie, die als solche oder innerhalb der russischen Sozialdemokratie folgendes bekämpfte
1.) gegen die Volkstümler und den Agrarsozialismus,
2.) gegen den Terror als eine Kampfmethode, anstelle dessen verteidigten sie den Massenkampf der Arbeiterklasse,
3.) gegen den legalistischen Marxismus und die Verteidiger des russischen Liberalismus,
4.) gegen den ouvrieristischen Ökonomismus, der den proletarischen Kampf einzig auf ökonomische Forderungen innerhalb des Kapitalismus reduzierte, um diesem den globalen, politischen Kampf der Arbeiterklasse entgegenzustellen, und die historischen Aufgaben der Arbeiterklasse hochzuhalten,
5.) gegen den Intellektualismus, gegen die Intelligentia, gegen die unsicheren und dilettantenhaften Mitläufer der Arbeiterbewegung, anstelle dessen traten sie ein für die Idee des militanten Engagements der Revolutionäre innerhalb der Klasse,
6.) gegen den Menschewismus und seine unterstützende Funktion gegenüber der Bourgeoisie in Gestalt des "Marxismus"
in der Revolution von 1905,
7.) gegen die "Liquidatoren", die nach der Revolution von 1905 und ihrer Niederschlagung anfingen, die Notwendigkeit der politischen Organisation des Proletariats zu leugnen.
8.) gegen die Verteidiger des imperialistischen Krieges, für einen wahren Internationalismus, der sich klar von dem humanistischen Pazifismus abhob,
9.) gegen die provisorische Regierung, die aus der Februarrevolution von 1917 hervorging, gegen irgendeine "kritische oder bedingte Unterstützung" für die Regierung, und für den Schlachtrufs:
"Alle Macht den Räten!".
Diese Punkte ermöglichen uns, schon ein genaueres Bild der bolschewistischen Partei zu haben, als das von den Rätekommunisten vorgegebene. Tatsächlich befand sich die bolschewistische Fraktion immer auf der Seite der Arbeiterklasse. Dies gilt besonders für die Revolution 1905,die die russische Gesellschaft erschütterte. Die Bolschewisten spielten darin eine aktive Rolle:
- im Kampf für die Zerstörung des zaristischen
Systems,
- in den Sowjets, an der Seite der Arbeiter,
- in dem Aufstand, gegen die Menschewiki, die sich
gegen die Bewaffnung der Arbeiter aussprachen.
Sicher ist die Analyse der Bolschewiki über 1905
(die sie als eine bürgerliche Revolution betrachteten) falsch. Aber ihre Analyse war eine genaue Kopie der Marxschen Haltung zum Verlauf der bürgerlichen Revolution in Deutschland l848: sie betonten die aktive und autonome, selbständige Rolle des Proletariats in der Revolution, anstatt es aufzurufen, sich ans Schlepptau der Bourgeoisie zu hängen. Das ist der Punkt, der eine Klassengrenze darstellt, und nicht das Begreifen der Tatsache, dass von da an keine bürgerliche Revolution mehr möglich war. Die Analyse der Bolschewisten hinkte hinter der Realität her. Aber da man sich damals an einem Wendepunkt zwischen zwei Epochen befand, war sich 1905 niemand bewusst, dass man am Vorabend einer historischen Krise des Kapitalismus stand, seinem Eintritt in die kapitalistische Niedergangsphase. Erst 1910-11 warf Rosa Luxemburg die Frage eines Wandels der historischen Perspektive auf.
Die Aktivitäten und die Positionen der Bolschewisten richteten sich nicht nur auf die in Russland aufgeworfenen Probleme. Zusammen mit der ganzen russischen Sozialdemokratie waren sie ein tragender Bestandteil der II. Internationalen, innerhalb derer sie bei allen großen Debatten dem linken Flügel angehörten. Sie sprachen sich gegen den Reformismus, gegen den Revisionismus, den Kolonialismus aus. Insbesondere gehörten sie zur Vorhut im Kampf für den Internationalismus.
1907, auf dem Kongress in Stuttgart, unterzeichnete Lenin mit Rosa Luxemburg einen (später angenommenen) Ergänzungsentwurf, der eine etwas zaghafte Resolution über den Krieg präzisierte und der als Grundlage für die Haltung der Internationalisten 1914 diente:
"Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht der Sozialdemokratie, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen." (R. Luxemburg, Ges. Werke, Bd.4, S. 130).
1912, auf dem außerordentlichen Kongress in Basel, wo das Problem der Möglichkeit und der Bedrohung durch den imperialistischen Krieg gestellt wurde, rief die gesamte Linke zu der revolutionären Haltung auf, sich der nationalen Verteidigung entgegenzustellen und für den proletarischen Internationalismus einzutreten.
1914. waren die Bolschewisten die ersten, die nach dem Zusammenbruch der II. Internationalen wieder zu Kräften gelangten. Sie waren die ersten, die das Kampfwort vorbrachten, welches den Sinn der Stuttgarter und der Baseler Resolutionen in die Praxis umsetzte: "den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg verwandeln!". Sie begriffen als erste die Notwendigkeit, nicht nur mit den sozialdemokroatischen Chauvinisten zu brechen, sondern auch mit den "Zentristen" a la Kautsky. Sie waren die ersten, die die Notwendigkeit einer neuen - vom Ballast der Opportunisten, die die II.Internationale verraten hatten, - befreiten Internationale erkannt hatten, die die Vorbereitung auf die sozialistische Revolution zu ihrer unmittelbaren Aufgabe machen sollte.
1915,auf der Zimmerwalder Konferenz(5.-8.September) standen Lenin und die Bolschewisten an der Spitze der Linken, deren von Radek formulierter und von Lenin verbesserter Antrag aussagte;
"Ohne Verbindung mit dem revolutionären Klassenkampf des Proletariats ist der Kampf für den Frieden nur eine pazifistische Phrase sentimentaler oder das Volk betrügender Bourgeois"(Lenin, Werke, Band 21, S. 379, aus "An die Internationale Sozialistische Kommission“).
Dieser Antrag wurde ohne Diskussion verworfen, und schließlich schloss sich die Linke (8 von 38 Delegierten) dem von Trotzki geschriebenen Manifest an (Trotzki war der Initiator des "Zentrums", dem damals ebenso die beiden Delegierten des Spartakus noch angehörten). Gleichzeitig äußerte die Linke jedoch die größten Vorbehalte gegenüber diesem Manifest: "ein inkonsequentes und ängstliches Manifest" (Artikel des "Sozialdemokrat“ vom 11.10.1915 mit der Überschrift "der Erste Schritt"). Um die eigenen Positionen verteidigen zu können, eröffnete die Linke ein "Ständiges Büro der Zimmerwalder Linken", das neben der "Kommission der Sozialistischen Internationalen" existierte. Dieses ständige Büro wurde gleichfalls hauptsächlich von den Bolschewisten getragen.
1916, auf der Kienthaler Konferenz (24.4.) standen die Bolschewisten erneut an der Spitze der Linken, deren Position sich verstärkt hatte (12 von 43 Delegierten), hauptsächlich weil die Spartakisten sich den Linken angeschlossen hatten. Dies bestätigt die Richtigkeit der von den Linken auf der Zimmerwalderb Konferenz eingenommenen Haltung.
L917 wurde die Vorbereitung der Oktoberrevolution von Lenin direkt mit dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg und für den proletarischen Internationalismus verbunden:
" Man kann nicht aus dem imperialistischen Krieg herausspringen, man kann einen demokratischen, nicht auf Gewalt basierenden Frieden nicht erzielen ohne den Sturz der Herrschaft des Kapitals, ohne den Übergang der Staatsmacht an eine andere Klasse, an das Proletariat..."
" Die internationalen Pflichten der Arbeiterklasse Russlands treten gerade jetzt mit besonderem Nachdruck in den Vordergrund."
" Es gibt nur einen wirklichen Internationalismus: die hingebungsvolle Arbeit an der Entwicklung der revolutionären Bewegung und des revolutionären Kampfes im eigenen Lande, die Unterstützung (durch Propaganda, durch moralische und materielle Hilfe) eben eines solchen Kampfes, eben einer solchen Linie und nur einer solchen allein, in ausnahmslos allen Ländern." (Aus "Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution", April 1917, Lenin, in Gesammelte Werke,Bd.2, S. 60, 67, 68).
" Dem russischen Proletariat wurde die große Ehre zuteil, zu beginnen, es darf aber nicht vergessen, dass seine Bewegung und seine Revolution nur ein Teil der internationalen, revolutionären, proletarischen Bewegung sind, die, wie zum Beispiel in Deutschland, von Tag zu Tag stärker und stärker wird. Nur unter diesem Gesichtswinkel können wir unsere Aufgaben bestimmen." (Eröffnungsrede zur 7. Gesamtrussischen Konferenz des SDAPR, April 1917).
Im März 1919 wurde die Kommunistische Internationale in Moskau gegründet, deren Hauptaufgabe in dem Namen, den sie sich gegeben hatte, zusammengefasst ist: "Weltpartei der Kommunistischen Revolution". Dies war der Höhepunkt der von den Bolschewisten seit Zimmerwald geleisteten Arbeit. Es war die bolschewistische Partei (die zur "Kommunistischen Partei Russlands" geworden war), die den Kongress einberief; es waren zwei Bolschewiki, Lenin und Trotzki, die die zwei Haupttexte schrieben: "Thesen und Referat über bürgerliche Demokratie und Diktatur des Proletariats" und das "Manifest". Und nicht nur weil die Revolution in Russland stattfand, zählten zwei Mitglieder des Exekutivkomitees der Komintern (Lenin und Sinowjew) schon zu den 3 Mitgliedern des "Ständigen Büros der Zimmerwalder Linken". Dies war vielmehr ein Ausdruck des standfesten Internationalismus, für welchen die Bolschewiki eingetreten waren, bevor das Zurückweichen der Revolution sie in das Lager des Feindes riss. So handelten die Bolschewiki inmitten der Erschütterungen des kapitalistischen Systems am Anfang des Jahrhunderts. Und dennoch gibt es immer noch Revolutionäre, die behaupten, es habe sich um eine bürgerliche Strömung gehandelt. Untersuchen wir ihre Argumente.
"Das tragende Prinzip der Politik des Bolschewismus ist jakobinisch: Machtergreifung und Machtausübung durch die Organisation." "Als Führerbewegung der jakobinischen Diktatur hat der Bolschewismus in allen seinen Phasen konsequent den Gedanken der Selbstbestimmung der Arbeiterklasse bekämpft und die Unterwerfung des Proletariats unter die bürokratisierte Organisation verlangt." ("Thesen über den Bolschewismus" 21 und 42)
Bevor wir fortfahren, wollen wir Lenin zitieren, um einiges richtig zu stellen:
„Wir sind keine Utopisten. Wir wissen: Nicht jeder ungelernte Arbeiter und jede Köchin sind imstande, sofort an der Verwaltung des Staates mitzuwirken. Darin stimmen wir sowohl mit den Kadetten als auch mit der Breschkowsjkaja und mit Zereteli überein. Wir unterscheiden uns jedoch von diesen Bürgern dadurch, dass wir den sofortigen Bruch mit dem Vorurteil verlangen, als ob nur Reiche oder aus reichen Familien stammende Beamte imstande wären, den Staat zu verwalten, gewohnheitsmäßige, tägliche Verwaltungsarbeit zu leisten. Wir verlangen, dass die Ausbildung für die Staatsverwaltung von klassenbewussten Arbeitern und Soldaten besorgt und dass sie unverzüglich in Angriff genommen werden, d.h. dass unverzüglich begonnen werde, alle Werktätigen, die ganze arme Bevölkerung, in diese Ausbildung einzubeziehen«.. Selbstverständlich sind bei den ersten Schritten dieses neuen Apparats Fehler nicht zu vermeiden. ..Kann es denn einen anderen Weg geben, um das Volk zu lehren, sich selbst zu regieren, um Fehler zu überwinden, als den Weg der Praxis, als den sofortigen Übergang zu einer wirklichen Selbstverwaltung des Volkes?... Die Hauptsache ist, den Unterdrückten und Werktätigen Vertrauen in ihre eigenen Kräfte einzuflößen, ihnen in der Praxis zu zeigen, dass sie selbst die richtige, aufs strengste geregelte, organisierte Verteilung des Brotes, aller Nahrungsmittel, der Milch, der Kleidung, der Wohnungen usw. im Interesse der Armen in die Hand nehmen können und müssen... Nimmt man hingegen gewissenhaft, kühn und allerorts die Übergabe des Verwaltungswesens in die Hände der Proletarier und Halbproletarier in Angriff, so wird das einem in der Geschichte beispiellosen revolutionären Enthusiasmus in den Massen wecken und die Kräfte des Volkes im Kampf gegen das Elend derart vervielfachen, dass vieles von dem, was unsere alten, bürokratischen Kräften unmöglich erscheint, sich als durch führbar erweisen wird für die Kräfte der Millionenmasse, die beginnt, für sich selbst zu arbeiten, die nicht für den Kapitalisten, nicht für das Herrensöhnchen, nicht für den Bürokraten, nicht unter Zwang arbeitet." (Lenin, Gesammelte Werke, Band II, S. 470) zitiert aus: "Werden die Bolschewiki die Staatsmacht
behaupten ?")
So drückte sich Lenin, der "Jakobiner" aus! "Aber", werden manche sagen, "dies war vor der Oktoberrevolution. Diese Sprache war reine Demagogie, und sie hatte keinen anderen Zweck als das Vertrauen der Massen zu gewinnen, um die Macht besser anstelle der Massen übernehmen zu können. Nachher hat sich das alles geändert!
Also, sehen wir mal nach, was Lenin-"Robespierre" nach der Oktoberrevolution sagte:
" Mag die korrupte bürgerliche Presse jeden Fehler, den unsere Revolution begeht, in die Welt hinausposaunen. Wir fürchten unsere Fehler nicht. Mit Beginn der Revolution sind die Menschen nicht zu Heiligen geworden. Makel- und fehlerlos die Revolution zu Ende zu führen, das können die werktätigen Klassen nicht, die Jahrhunderte hindurch ausgebeutet, gewaltsam niedergehalten und in den Schraubstock der Not, der Unwissenheit und der Verwilderung gepresst wurden... Auf je hundert unserer Fehler, von denen die Bourgeoisie und ihre Speichellecker (unsere Menschewiki und die Rechtssozialrevolutionäre darunter) in die Welt hinausschreien, kommen zehntausend Heldenakte, die um so größer und um so heldenhafter sind, da sie einfach und unscheinbar sind, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen Dorfes abspielen und von Menschen vollbracht werden, die nicht gewohnt sind (und auch keine Möglichkeit dazu haben), jeden ihrer Erfolge in die Welt hinauszutrompeten.
Aber wenn auch das Gegenteil der Fall wäre,...wenn selbst auf hundert unserer richtigen Schritte zehntausend Fehler entfielen, ja, auch dann noch wäre unsere Revolution groß und unbesiegbar; und sie wird auch vor der Weltgeschichte groß und unbesiegt dastehen, denn zum ersten Mal geschieht es, dass nicht die Minorität, nicht die Reichen und Gebildeten, sondern die wirklichen Volksmassen, die ungeheure Majorität der Werktätigen selbst, ein neues Leben aufbauen, selbst, aus EIGENER ERFAHRUNG, über die schwierigsten Fragen sozialistischer Organisation entscheiden.
Ein jeder Fehler in dieser Arbeit, in dieser gewissenhaftesten und aufrichtigsten Mitwirkung von zehn Millionen einfacher Arbeiter und Bauern an der Neugestaltung ihres ganzen Lebens -, ein jeder solcher Fehler wiegt Tausende und Millionen "fehlerloser" Erfolge der ausbeutenden Minorität auf... denn nur an diesen Fehlern werden die Arbeiter und die Bauern lernen,
das neue Leben aufzubauen, werden lernen, ohne die Kapitalisten auszukommen; nur so werden sie sich den Weg, durch tausend Hindernisse hindurch, zum siegreichen Sozialismus bahnen." (Lenin, in "Brief an die amerikanischen Arbeiter", 20.August 19l8, in "Die Kommunistische Internationale", Nr. 31-32,'Seite 53).
Dieses Zitat schwächt ein wenig das Bild ab, das oft von Lenin vermittelt wird, wonach er als höhnisches Schreckgespenst dargestellt wird, nur um seine diktatorische Macht und die "pausenlose Bekämpfung der Idee dar Selbstbestimmung der Arbeiterklasse" besorgt. Man könnte Dutzende von anderen Texten aus den Jahren 1917, 19l8, 1919 zitieren, die die gleiche Idee ausdrücken. Wahrhaftig trifft es jedoch zu, dass Lenin und die Bolschewisten eine falsche, von der bürgerlichen Revolution herrührende Auffassung vertrat: die Übernahme der politischen Macht durch das Proletariat bestünde in der Machtübernahme durch die Partei. Aber diese Auffassung wurde vertreten von allen Strömungen der II. Internationalen - den Linken eingeschlossen. Gerade die Erfahrung der Revolution in Russland und ihre Degenerierung ermöglichte es, den grundlegenden Unterschied zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Revolution hinsichtlich dieser Frage zu begreifen. Bis zum Ende ihres Lebens im Januar 1919 vertrat beispielsweise Rosa Luxemburg, deren Differenzen mit den Bolschewisten über die Organisationsfrage bekannt sind, die gleiche falsche Auffassung: "Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse."("Was will der Spartakusbund?" in Gesammelte Werke, Bd.4, S. 450).
Muss man daraus schließen, das Rosa Luxemburg selbst eine "bürgerliche Jakobinerin" war? Für welche Art "bürgerliche Revolution" kämpften sie und die Spartakisten im industrialisierten Deutschland des Jahres 1919? Vertrat sie vielleicht diese Position, weil sie vorher eine Führerin der SDKP (Sozialdemokratie des Königreiches Polen) gewesen war, die auch in den polnischen und litauischen Provinzen des zaristischen Russlands aktiv war, in denen nur eine "bürgerliche Revolution auf der Tagesordnung der Geschichte stand"? So lächerlich dies klingen mag, gleicht es dem Argument, nach welchem Lenin, der die meiste Zeit seines Lebens als Militant in Deutschland, der Schweiz, England und Frankreich verbracht hatte (d.h. in den damals am weitesten entwickelten Ländern), als ein "reines Produkt des Bodens Russlands" und der bürgerlichen Revolution, die die Gesellschaft dieses Landes erzeugt hätte, dargestellt wird.
"Sie (die Bolschewiken) drückten in ihrer Agrar-Praxis und ihren Bauernlosungen (Friede und Land) vollkommen das Interesse der um Sicherung von Kleinprivatbesitz, also auf kapitalistischer Linie kämpfenden Bauern aus und waren so in der Agrarfrage rückhaltlos Verfechter des kleinkapitalistischen, also nicht des sozialistisch-proletarischen Interesses gegen den feudalen und kapitalistischen Großgrundbesitz." (Thesen... Nr.46).
Hier müssen wir erneut den wirklichen Sachverhalt richtig stellen.
Wenn die Bolschwisten in dieser Frage Fehler begangen haben, müssen wir ihre wirklichen Positionen kritisieren, so wie es Rosa Luxemburg in ihrer Schrift "Die Russische Revolution" getan hat, und nicht eine zum Zwecke der Beweisführung eines Arguments erfundene Position kritisieren. Das Folgende steht in dem "Dekret über Grund und Boden", ein von Lenin eingebrachter Antrag, der auf dem 2. Gesamtrussischen Sowjetkongress genau an dem Tag des Oktoberaufstandes angenommen wurde:
„Das Privateigentum an Grund und Boden wird für immer aufgehoben, der Boden darf weder verkauft noch gekauft, weder in Pacht gegeben noch verpfändet, noch auf irgendeine andere Weise veräußert werden. Der gesamte Boden: die Staatsapanage-, Kabinetts-, Kloster-, Kirchenland usw. wird entschädigungslos enteignet, zum Gemeineigentum des Volkes erklärt und allen, die ihn bearbeiten, zur Nutzung übergeben. ... Ländereien mit hoch entwickelten Wirtschaften: Gärten, Plantagen, Pflanzschulen, Baumschulen, Gewächshäuser usw., unterliegen nicht der Aufteilung, sondern werden in Musterwirtschaften umgewandelt und je nach ihrer Größe und Bedeutung dem Staat oder den Gemeinden zur ausschließlichen Nutzung übergeben." (Gesammelte Werke, Band II, S. 536, Abschnitt über "Bäuerlicher Wählerauftrag zur Bodenfrage")
Dies unterscheidet sich vollkommen von der "Verteidigung eines kleinen Privatbesitzes auf der Grundlage kapitalistischer Interessen". Diese sind "für immer abgeschafft".
Die Verordnungen dieses Dekrets werden außerdem im "imperativen Bauernmandat zur Frage des Bodens" wortwörtlich übernommen, der im August 1917 auf der Grundlage von 242 lokalen Bauernmandaten aufgesetzt wurde. In seinem Bericht liefert Lenin dafür eine Erklärung:
"Hier werden Stimmen laut, das Dekret selbst und der Wählerauftrag seien von den Sozialrevolutionären abgefasst worden. Sei's drum. Es ist einerlei, von wem sie abgefasst worden sind; als demokratische Regierung können wir einen Beschluss der Volksmassen nicht umgehen, selbst wenn wir mit ihm nicht einverstanden wären. Wenn die Bauern das Dekret in der Praxis anwenden und an Ort und Stelle durchführen, so werden sie in der lebendigen Wirklichkeit selbst erkennen,
wo die Wahrheit liegt... Das Leben ist der beste Lehrmeister, es wird sich zeigen, wer recht hat; mögen die Bauern an die Lösung dieser Frage von dem einen Ende herangehen und wir von dem anderen. (ebenda, S. 537)
Die Position der Bolschewisten war eindeutig: falls sie den Bauern Zugeständnisse machten, dann deshalb, weil sie ihnen ihr Programm nicht aufzwingen wollten. Das hieß aber noch lange kein Verzicht auf das Programm. In dem Augenblick, als das Dekret angenommen wurde, hatten die Bauern übrigens schon fast überall angefangen, das Land aufzuteilen. Was den Ruf "das Land den Bauern" angeht, war es kein Produkt der "erbarmungslosen Verteidiger der kleinkapitalistischen Interessen", sondern ein Versuch, alle bürgerlichen und versöhnlerischen Parteien zu entlarven, die Menschewisten und die Sozialrevolutionäre, die die Bauern mit dem Versprechen der Landreform nur betrügen wollten, denn sie hatten weder die Absicht noch die Mittel, diese Reformen durchzuführen. In dieser Hinsicht bestätigten diese Parteien nur das, was Lenin und die ganze marxistische Linke seit Jahren unaufhörlich wiederholten: die Bourgeoisie in den unterentwickelten Ländern war unfähig geworden, irgendeine "fortschrittliche historische" Aufgabe durchzuführen, insbesondere die feudalen Strukturen und Gesetze zu zerstören, und den Bauern das Land zuzuteilen, so wie es die Bourgeoisie in den fortgeschrittenen Ländern zu Beginn des Kapitalismus gemacht hatte. Jedoch beging Lenin einen Fehler, als er annahm, dass diese von der Bourgeoisie unvollendeten Aufgaben von dem Proletariat übernommen werden konnten. Die Bourgeoisie war unfähig geworden, diese Aufgaben zu erfüllen, weil diese Aufgaben historisch nicht mehr verwirklichbar waren: sie entsprachen weder einer Notwendigkeit, noch dem neuesten Stand der Produktivkräfte, und sie standen in der Tat in Widerspruch zu den neuen Aufgaben, vor welchen die Gesellschaft stand. Rosa Luxemburg betonte zurecht, dass die Aufteilung von Grund und Boden "vor der Umgestaltung der Agrarverhältnisse im sozialistischen Sinne unüberwindliche Schwierigkeiten auftürmte." (Ges.Werke, Bd.4,S.343) Demgegenüber rief sie zur "Nationalisierung des großen und mittleren Grundbesitzes, Vereinigung der Industrie und der Landwirtschaft" auf. Anstatt die Bolschewisten als die "Verteidiger von kleinkapitalistischen Interessen" zu verurteilen, schrieb sie ganz richtig:
"Dass die Sowjetregierung in Russland diese gewaltigen Reformen nicht durchgeführt hat - wer kann ihr das zum Vorwurf machen? Es wäre ein übler Spaß, von Lenin und Genossen zu verlangen oder zu erwarten, dass sie in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft, mitten im reißenden Strudel der inneren und äußeren Kämpfe, von zahllosen Feinden und Widerständen ringsherum bedrängt, eine der schwierigsten, ja, wir können ruhig sagen, die schwierigste Aufgabe der sozialistischen Umwälzung lösen oder auch nur in Angriff nehmen sollten! Wir werden uns, einmal zur Macht gelangt, auch im Westen und unter den günstigsten Bedingungen an dieser harten Nuss manchen Zahn ausbrechen, ehe wir nur aus den gröbsten der tausend komplizierten Schwierigkeiten dieser Riesenaufgabe heraus sind". (R.L. "Zur Russischen Revolution" in Ges.Werke, Bd.4, S. 343).
" Der Appell des Bolschewismus an die internationale Arbeiterschaft war nur eine Seite einer groß angelegten Politik der internationalen Stützung der russischen Revolution. Die andere Seite war die Politik und Propaganda der "nationalen Selbstbestimmung" der Völker, in der der Klassenbegriff noch stärker als im Begriff der "Volksrevolution" zu Gunsten eines allgemeinen Appells an alle Klassen bestimmter Völker aufgegeben worden ist." (Thesen...These-Nr. 46).
Es fällt schwer zu glauben, dass die russische Sozialdemokratie seit ihrer Gründung 1898 (und nicht nur die Bolschewisten),sowie die internationale Sozialdemokratie den Ruf des "Rechtes auf Selbstbestimmung der Nationen" im Hinblick auf eine Verteidigungstaktik einer Revolution angenommen hatten, die 1917 stattfand, obgleich niemand in diesem Land und unter diesen Bedingungen sie vorausgesehen hatte. Soll man glauben, dass Gorter und Pannekoek,
die die Position Lenins in dieser Frage kritisierten, eine zukünftige Verteidigung der "bürgerlichen Revolution in Holland" vor Augen hatten, als sie ausnahmsweise die "Selbstbestimmung" des niederländischen Indiens befürworteten?
Was das "Aufgeben der Klassenziele" angeht, sehen wir einmal nach, was Lenin inmitten der Polemik mit Rosa Luxemburg zu dieser Frage, meinte:
"Die Sozialdemokratie als Partei des Proletariats betrachtet es als ihre Hauptaufgabe an der freien Selbstbestimmung nicht der Völker und Nationen mitzuarbeiten, sondern an der des Proletariats einer jeden Nationalität. Wir haben immer das engste Bündnis des Proletariat aller Nationalitäten bedingungslos unterstützt und nur in besonderen, in Ausnahmefällen können wir Forderungen nach einem neuen Klassenstaat oder nach der Ersetzung einer umfassenden politischen Einheit des Staats durch eine lose föderative Union vortragen." (Iskra, 44, Übersetzung von IKS)
Nach dieser notwendigen Richtigstellung, - denn die Beschimpfer des "bürgerlichen" Bolschewismus kennen meistens weniger als die bedingungslosen Verfechter des Bolschewismus -, müssen wir ohnehin bestätigen, dass das "Recht auf nationale Selbstbestimmung" entschieden zurückgewiesen werden muss. Und dies aufgrund des verkehrten theoretischen Inhaltes dieser Position, und vor allem weil die Erfahrung gezeigt hat, was aus dieser Forderung geworden ist, wozu sie in der Praxis gebraucht wurde. Die IKS hat eine ganze Reihe von Texten über diese Frage veröffentlicht, insbesondere die Broschüre "Nation oder Klasse", wir brauchen deshalb hier nicht länger darauf einzugehen. Jedoch müssen wir auf die Bedeutung dieser Frage bei den Bolschewiki hinweisen, und den grundlegenden Unterschied zwischen einem Fehler und einem Verrat herausstellen. Lenin und die Mehrheit der Bolschewisten, die von den Interessen der sozialistischen Weltrevolution ausgingen glaubten an eine mögliche Verwendung der Forderung nach dem "Recht auf nationale Selbstbestimmung" gegen den Kapitalismus. In dieser Hinsicht haben sie sich vollständig getäuscht. Die Renegaten und Verräter aller Art, von den Sozialisten bis zu den Stalinisten, haben aber diese Position dazu benutzt, ihre konterrevolutionäre Politik zu vertreten, um den nationalen und internationalen Kapitalismus zu bewahren und zu stärken. Hier liegt der Unterschied. Aber dieser Unterschied ist so schwerwiegend, dass er eine Klassengrenze ausmacht.
Die Renegaten und Verräter des Proletariats versuchen natürlich, sich besser zu tarnen, indem sie diesen oder jenen falschen Satz Lenins zur Rechtfertigung von Schlussfolgerungen verwenden, die dem unaufhörlichen Streben Lenins vollkommen entgegengesetzt sind. Aber es ist stupide, wenn Revolutionäre auch noch dabei helfen, den Unterschied zwischen den Schuften und Lenin zu verwischen. Es ist schwachsinnig zu behaupten, dass Lenin das Recht auf "Selbstbestimmung" der Völker und auf die Loslösung von Russland gefordert hätte, um die „nationalen Interessen der bürgerlichen Revolution zu vertreten. Wenn wir sagen, dass die "Befreiung" der Kolonien, die formale "Unabhängigkeit" mit den Interessen der Kolonialmächte nicht unvereinbar ist, verstehen wir darunter, dass der Imperialismus sich sehr gut an diese formale Unabhängigkeit anpassen kann. Das heißt aber nicht, dass der Imperialismus diese Politik mit "gutem Willen" und mit Gleichgültigkeit durchführt. All diese "Befreiungen" waren das Ergebnis interner Kämpfe, Interessenzusammenstöße zwischen verschiedenen Bourgeoisien und internationaler Intrigen der sich bekämpfenden Imperialismen. Stalin zeigte später auf blutige Weise, dass die Interessen Russlands nicht gerade in der Unabhängigkeit der angrenzenden Länder lagen und eher die gewaltsame Einverleibung in das große russischen Reich verlangten.
Erklären heißt nicht rechtfertigen. Aber jene, die zur Verurteilung einer falschen Position das "Recht der Volker auf Selbstbestimmung" mit der gewaltsamen Einverleibung verwechseln, die Lenin und Stalin durcheinander werfen, verstehen überhaupt nichts und machen aus der Geschichte ein wirres Durcheinander. Lenin sah im "Recht der Nationen auf Selbstbestimmung" vor allem eine Möglichkeit zur Verurteilung des Imperialismus, nicht so sehr des Imperialismus anderer Länder als viel mehr den des "eigenen" Landes, der "eigenen" Bourgeoisie. Dass diese Position Lenins zu Widersprüchen führte, ist nicht zu leugnen, und der folgende Abschnitt zeigt es:
" Die Lage ist zweifellos sehr verwirrt, aber es gibt aus ihr einen Ausweg, bei dem ALLE Beteiligten Internationalisten bleiben: die russischen und die deutschen Sozialdemokraten, indem sie die bedingungslose "FREIHEIT der Lostrennung" Polens verlangen, und die polnischen Sozialdemokraten, indem sie für die Einheit des proletarischen Kampfes in einem kleinen Lande und den großen Ländern kämpfen, ohne für die gegebene Epoche oder die gegebene Periode die Losung der Unabhängigkeit Polens aufzustellen." (Lenin: "Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung", in Gesammelte Werke, Bd. 22, S. 359).
Aber dieser Abschnitt hebt ebenso hervor, dass die Widersprüche, die "sehr verwirrte Lage", zu welchen ihn seine Analyse führte, zweifellos von einem unnachgiebigen internationalistischen Bestreben geleitet wurden. Als Lenin diesen Text verfasste, war die Sozialdemokratie die wichtigste konterrevolutionäre Kraft. Er nannte sie "Sozialimperialisten", "sozialistisch in Worten, imperialistisch in Taten." Ohne die Hilfe der Sozialdemokratie hätte der Kapitalismus nie die Arbeiter in die große Schlachterei des Weltkrieges führen können. Diese "Sozialisten" rechtfertigten dies im Namen der nationalen Interessen der Arbeiter, die sie angeblich mit der Bourgeoisie gemeinsam hätten. Für sie bedeutete der imperialistische Krieg die Verteidigung der Freiheit, der Errungenschaften der Arbeiter, der Demokratie, alles Werte, die von den "bösartigen ausländischen Imperialisten" bedroht worden wären. Diese Lügen und die falschen Sozialisten zu entlarven, war die erste Pflicht, die wichtigste Aufgabe eines jeden Revolutionärs. Für Lenin war die Losung des Rechtes der Völker auf Selbstbestimmung Teil dieser Aufgabe.
Es ging ihm nicht um die Verteidigung der russischen Interessen. sondern vielmehr um die Entlarvung der Interessen der nationalen und internationalen Bourgeoisie. Er denunzierte eindeutig die Befürworter einer Teilnahme am imperialistischen Krieg:
"Wer sich jetzt auf Marx' Stellungnahme zu den Kriegen in der Epoche der fortschrittlichen Bourgeoisie beruft und Marx`s Worte "die Arbeiter haben kein Vaterland" vergisst - diese Worte, die sich gerade auf die Epoche der reaktionären, überlebten Bourgeoisie beziehen, auf die Epoche der sozialistischen Revolution -, der fälscht Marx schamlos und ersetzt die sozialistische Auffassung durch die bürgerliche."(Lenin, "Sozialismus und Krieg", Gesammelte Werke, Bd. 21, S. 310).
" Ihr revolutionärer Internationalismus war jedoch ebenso von ihrer Taktik im Kampf um die russische Revolution bestimmt wie etwa später ihre Umstellung zur NEP-Politik in Russland." (Thesen... Nr.50) " Die einzige wirkliche Gefahr, die der russischen Revolution drohte, war die Gefahr des Eingriffs der imperialistischen Mächte... Das Problem der aktiven Gegenwehr des Bolschewismus gegen den Weltimperialismus bestand also darin, den Angriff auf ihn in den Zentren seiner Macht selbst vorzutragen. Das geschah durch die doppelseitige internationale Politik des Bolschewismus." (Nr.5l).
" Der Begriff der "Weltrevolution" hat für die Bolschewiken also einen ganz anderen Klasseninhalt. Er hat nichts mehr mit dem Gedanken der internationalen proletarischen Revolution gemein." (Nr. 54)
Das ist eine weitere, über die Bolschewisten verbreitete alte Lügengeschichte: danach war ihr Internationalismus nur taktisch und dazu bestimmt: l. das Vertrauen der kriegsmüde gewordenen Volksmassen zu gewinnen) 2. die Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt einer Politik der Verteidigung des russischen kapitalistischen Staates zu unterwerfen.
Was das erste Argument angeht, verweisen wir die Leser auf die Stellungnahmen der Bolschewisten lange vor Kriegsausbruch, insbesondere auf die internationalen Kongresse 1907 und 1912. Weiterhin hatte die bolschewistische Auffassung des Kampfes gegen den Krieg überhaupt nichts gemeinsam mit den Positionen der pazifistischen Teile der Bourgeoisie, die einige Arbeiter beeinflussten. Anstatt einen "demokratischen Frieden ohne Annexionen" zu fordern, "dem Krieg den Krieg zu erklären", haben sie als erste in der Arbeiterbewegung den wirklich revolutionären Kampfruf vorgebracht: "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg." Ebenso haben sie jegliche Illusion des Pazifismus gnadenlos denunziert. Falls ihr einziges Vorhaben gewesen wäre, "die Massen zu gewinnen, um die Macht zu übernehmen", warum haben sie es dann als notwendig empfunden, Kampfrufe hervorzubringen, die sie von den Massen isolierten» diese Massen, die in der Idee des "Kampfes bis zum Ende" verfangen waren- zunächst in der chauvinistischen Form und danach in der Gestalt der "revolutionären Verteidigung"? Die Verleumder der Bolschewisten antworten: "weil sie vorausgesehen hatten, dass die durch den Krieg und die damit verbundenen Notlagen ermüdeten Massen sich schließlich doch zu den Bolschewisten hinwenden würden." Aber warum haben dann Plechanow, die Menschewisten, die Sozialrevolutionäre, Kerenski, alle Fraktionen der Bourgeoisie, die ebenfalls die Macht ergreifen wollten, nicht ebenso zum "revolutionären Defätismus" aufgerufen? Mit anderen Worten, warum haben sie nicht behauptet, dass eine Niederlage ihres Landes im imperialistischen Krieg den Interessen des russischen Proletariats entsprach? Diese Strömungen hätten ebenfalls die "internationalistische Karte" spielen sollen, da dies die richtige war; ein Trumpf, der nicht mit den Interessen des russischen Kapitals stand, da laut den Rätekommunisten, die Bolschewisten die gleichen bürgerlichen Interessen vertraten« Ist der Unterschied zwischen den Bolschewisten und all den anderen kein Klassenunterschied, sondern nur ein Unterschied in der klaren Voraussicht, der Intelligenz? Darauf läuft die Analyse dieser professionellen Verleugner hinaus! Aber wie soll man denn folgendes begreifen, wie ist es möglich, dass alle am weitesten fortgeschrittenen Elemente des Weltproletariats (die "Spartakisten" und die Gruppe "Arbeiterpolitk" in Deutschland, die Gruppe um Loriot in Frankreich, um Russel Williams oder die "Trade Unionisten" in Eng-lind, MacLean in Schottland, die "Sozialistische Arbeiterpartei" in den USA, die Gruppe "De Tribune" in Holland, die Partei der „Jungen oder der Linken“ in Schweden, die "Tesnjaki" - Engherzigen - in Bulgarien, das "Nationale Büro" und das "allgemeine Büro" in Polen, die Linkssozialisten in der Schweiz, die Gruppe des "Karl-Marx-Klubs" in Österreich usw.), von denen die große Mehrheit an der Spitze der großen Klassenkämpfe nach dem Krieg stand, dass all diese Elemente (die zukünftigen "Rätekommunisten" eingeschlossen) gleiche oder ähnliche Positionen wie die Bolschewisten in der Frage des Krieges vertraten? Warum haben all diese Elemente mit den Bolschewisten innerhalb der Zimmerwalder und der Kienthaler Linken zusammengearbeitet? Im allgemeinen bestreiten die Rätekommunisten den proletarischen Charakter dieser Strömungen nicht (und mit gutem Grund). Warum aber behaupten sie, dass das, was die Bolschewisten von den Menschewisten unterschied, nur eine Frage der Intelligenz war, während der gleiche Gegensatz zwischen den Spartakisten und der Sozialdemokratie eine Klassengrenze aufdeckte? In Deutschland gelang es einen im Vergleich zu Russland viel älteren, mächtigeren und erprobteren Kapitalismus nicht, das zu tun, wozu der in vielen Hinsichten schwächere russischen Kapitalismus in der Lage gewesen war: eine politische Strömung hervorzubringen, die geschickt genug war, schon 1907 und insbesondere 1914 internationalistische Kampfrufe vorzubringen, die es ihr im rechten Augenblick ermöglichten, die Unzufriedenheit der Massen zu ihrem Vorteil und zum Vorteil des nationalen Kapitals auszunützen. Das ist die logische Schlussfolgerung der Idee des "taktischen" Internationalismus. Und dieses Paradox ist noch größer, wenn man bedenkt, dass dies die bürgerliche Partei war, die in Zimmerwald die korrekteste Position vertrat, während die proletarischen Spartakisten in den Verwirrungen des "Zentrums" versunken waren. Als die Revolutionärin Rosa Luxemburg diese Verwirrungen in ihrer Broschüre gegen den Krieg in der „Junius Broschüre zum Vorschein kommen lässt, wie folgendes Zitat beweist:
" Ja, die Sozialdemokraten sind verpflichtet, ihr Land in einer großen historischen Krise zu verteidigen. Und darin liegt gerade eine schwere Schuld der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, dass sie in ihrer Erklärung vom 4. August 1914 feierlich verkündetes "Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich", ihre Worte aber im gleichen Augenblick verleugnete... Denn die erste Pflicht gegenüber dem Vaterland in jener Stunde war, ihm den wahren Hintergrund dieses imperialistischen Krieges zu zeigen, das Gewebe von patriotischen und diplomatischen Lügen zu zerreißen, womit dieser Anschlag auf das Vaterland umwoben war ...,dem imperialistischen...Programm des Krieges das alte wahrhaft nationale Programm der Patrioten und Demokraten von l848, das Programm von Marx, Engels und Lassalle, die Losung der einigen großen deutschen Republik, entgegenzustellen."(Rosa Luxemburg, Ges.V., Bd. 4, S. 147).
Ist es dann wirklich überraschend, dass gerade der "bürgerliche" Lenin diese Fehler folgendermaßen kritisiert:
"Das Irrige seiner Ausführungen springt in die Augen ... Er schlägt vor, dem imperialistischen Krieg ein nationales Programm "entgegenzustellen". Der fortschrittlichen Klasse schlägt er vor, sich der Vergangenheit und nicht der Zukunft zuzuwenden!... Jetzt ist für die führenden, größten Staaten Europas die OBJEKTIVE Lage eine andere (als 1793 und 1848 - IKS). Die Vorwärtsentwicklung - wenn man von möglichen, vorübergehenden Rückschlägen absieht -, ist zu verwirklichen nur in der Richtung der sozialistischen Gesellschaft, der sozialistischen Revolution." (Lenin, Ges-Werke, Bd.22, S. 321, "Über die Junius-Broschüre")
Schließlich läuft die These des "taktischen" Internationalismus auf die Behauptung hinaus, dass die Haltung gegenüber dem imperialistischen Krieg damals ein zweitrangiger Punkt des proletarischen Programms gewesen wäre, der sich ebenso im Programm einer bürgerlichen Partei hätte befinden können. Das ist vollkommen falsch. In Wirklichkeit steht von 1914 an das Problem des Krieges im Mittelpunkt des Lebens des Kapitalismus. In dieser Frage werden all seine Widersprüche aufgedeckt. Der Krieg bewies, dass das System in die Phase seines historischen Niedergangs eingetreten war, eine Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte geworden war und nur noch durch wiederholte Mordopfer und katastrophenartige Massenmorde überleben kann. Wie immer auch die Interessensgegensätze zwischen den verschiedenen Teilen der Bourgeoisie in einem Land aussehen mochten, zwang der Krieg all diese Fraktionen der Bourgeoisie dazu, sich für die Verteidigung des gemeinsamen Erbes zu mobilisieren: das nationale Kapital und seinen höchsten Vertreter, den Staat. Deshalb wurde 1914 der Burgfrieden zwischen Parteien und Organisationen möglich, die sich jahrzehntelang bekämpft hatten. Trotz der weiterhin bestehenden Konflikte innerhalb der herrschenden Klasse während des Krieges, wurde die Notwendigkeit nie in Frage gestellt, soviel wie möglich vom imperialistischen Kuchen abzubekommen. Die Konflikte drehten sich um die Frage, auf welche Art und Weise jeder am meisten bekommen sollte. Deshalb gab die bürgerliche provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution die Macht übernommen hatte, keines der Ziele auf, die in den diplomatischen Vereinbarungen zwischen dem zaristischen Russland und den Ententeländern festgelegt worden waren. Im Gegenteil war die bürgerliche herrschende Fraktion in der provisorischen Regierung: der Auffassung, dass das zaristische Regime nicht entschlossen genug den Krieg zusammen mit Frankreich und England führte, und dass der Zar dazu neigen konnte, seine Bündnisse zu brechen und Übereinkommen mit Deutschland zu treffen. Deshalb trug sie zum Sturz Nikolaus II. bei. Wenn die Oktoberrevolution wirklich eine „bürgerliche“ Revolution gewesen wäre, mit dem Ziel, das nationale Kapital noch wirkungsvoller zu verteidigen, hätte sie nicht unmittelbar den Frieden als notwendig erklärt, die Veröffentlichung der diplomatischen Geheimverträge durchgeführt und auf alle darin enthaltenen Kriegsbeuten verzichtet. Sie hätte im Gegenteil sofort die notwendigen Maßnahmen für eine wirkungsvollere Kriegsführung ergriffen. Wenn die bolschewistische Partei bürgerlich gewesen wäre, hätte sie nicht an der Spitze aller damaligen proletarischen Parteien gestanden, den imperialistischen Krieg denunziert und die Arbeiter dazu aufgerufen, dem Krieg durch die sozialistische Revolution ein Ende zu setzen. Während des imperialistischen Krieges war der Internationalismus für die Arbeiterbewegung kein zweitrangiger Punkt. Im Gegenteil: er bildete die Klassengrenze zwischen dem proletarischen und dem bürgerlichen Lager. Und dies war nur die Verdeutlichung ein