Internationale Revue - 1980s

 

Internationale Revue - 1980

 

Internationale Revue Nr. 5

Der Historische Kurs

Internationale Revue - 1981

 

Internationale Revue Nr. 6

Russische Revolution: Beginn der proletarischen Revolution

Als die Revolution in Russland ausbrach, begrüßten sie die Revolutionäre einstim­mig als den ersten Schritt hin auf die proletarische Weltrevolution. Schon 1914 hatte Lenin diese Perspektive aufgezeigt. "In allen fortgeschrittenen Ländern stellt der Krieg die sozialistische Revolution auf die Tagesordnung." Und während des Krieges präzisierte er diese Perspekti­ven mehr und mehr.

"Nicht unsere Ungeduld, unsere Wünsche, sondern die vom imperialistischen Krieg gegebenen Bedingungen haben die gesam­te Menschheit in eine Sackgasse geführt und vor das Dilemma gestellt:

entweder lässt man weiterhin Millionen Menschen sterben und die ganze euro­päische Zivilisation ausrotten, oder die Macht wird in allen zivilisierten Ländern dem revolutionären Proletariat übergeben und die sozialistische Revo­lution wird vollendet. Dem russischen Proletariat wurde die große Ehre erwiesen, den Reigen der Revolutionen, die durch die objektiven Notwendigkeiten des imperialistischen Krieges hervorgerufen wurden, zu eröff­nen. Aber die Idee, das russische Pro­letariat sei von den Arbeitern anderer Länder als revolutionäres Proletariat auserwählt worden, ist uns vollkommen fremd... Nicht die besonderen Qualitä­ten, sondern die besonderen histori­schen Bedingungen haben es vielleicht für sehr kurze Zeit zur Vorhut des ge­samten revolutionären Proletariat ge­macht." (eigene Übersetzung aus dem franzosischen)

Genau die gleiche Perspektive wurde von den anderen Revolutionären dieser Zeit - Trotzki, Pannekoek, Gorter, Liebknecht, Rosa Luxemburg - geteilt. Keiner von ihnen vertrat die Auffassung, dass in Russland eine "bürgerliche Revolution" stattfand. Im Gegenteil, es war ihr Kampf gegen diese Auffassung, der sie von den Menschewisten und den Zentristen a la Kautsky trennte. Überdies zeigte die Ge­schichte bald, dass solch eine Analyse notwendigerweise jene, die sie vertraten, in die Arme der Bourgeoisie und gegen die Arbeiterklasse führte. Tatsächlich wurde sie zur Position der extremen "Linken" der Bourgeoisie bei ihrer Brand­markung des "Abenteurertums" der Bolschewisten.

In der ganzen damaligen Arbeiterbewegung ging die Solidarität mit dem Kampf des russischen Proletariats Hand in Hand ein­her, nicht nur mit der Anerkennung des proletarischen Charakters der Oktoberre­volution, sondern auch mit dem Verständ­nis für die Notwendigkeit, den Inhalt der russischen Erfahrung über die ganze Welt zu verbreiten.

DIE INFRAGESTELLUNG DES PROLETARISCHEN CHARAKTERS DER OKTOBERREVOLUTION

Erst im Kielwasser der schrecklichen Nie­derlagen, welche das Proletariat in den 20er Jahren erlitt, und angesichts des Auftretens einer Gesellschaft in Russland, die all ihre Hoffnungen zerschlug, begann eine gewisse Anzahl von Revolutionären - wie Otto Rühle - die Position aufzuge­ben, die 1917 einheitlich vertreten wurde. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als der "Nationalsozialismus" in Deutschland die Bevölkerung für einen neuen imperialisti­schen Krieg mobilisierte, als der Antifa­schismus die gleiche Arbeit in den "Demo­kratien" verrichtete, und der "Sozialismus in einem Land" - in Wirklichkeit einer der barbarischsten Formen des Kapitalismus -in Russland gestärkt war. Innerhalb bestimm­ter revolutionärer Strömungen, die dem Untergang der Kommunistischen Interna­tionale entwichen waren, begann man eine Theorie aus­zuarbeiten, die die Oktoberrevolution als bürgerliche Revolution eines "besonderen Typus" betrachtete.[1]

1934 wurden die "Thesen über den Bolsche­wismus" in den Organen der rätekommunis­tischen Bewegung (Rätekorrespondenz Nr.3 und Internationale Rätekorrespondenz) veröffentlicht. Gemäß dieses Textes hieß es:

"8. Wirtschaftlich war der russischen Revo­lution die Aufgabe gestellt, erstens den versteckten Agrar-Feudalismus und die fortbestehende leibeigenschaftliche Bauernausbeutung zu beseitigen, die Landwirtschaft zu industrialisieren und unter die Bedingungen moderner Wa­renproduktion zu stellen, zweitens die unbegrenzte Schaffung einer Klasse tat­sächlich "freier Arbeiter" zu ermögli­chen und die industrielle Entwicklung von allen feudalen Fesseln zu befreien. Die wirtschaftlichen Aufgaben der russi­schen Revolution waren somit in ihren Grundzügen die Aufgaben der bürgerli­chen Revolution.

9. Politisch war der russischen Revolu­tion die Aufgabe gestellt, den abso­luten Staat zu zertrümmern, die Be­vorrechtung des Feudaladels als des ersten Standes zu beseitigen, eine po­litische Verfassung und einen staat­lichen Verwaltungsapparat zu schaffen, die die Lösung der wirtschaftlichen Aufgaben der Revolution politisch si­cherten. Die politischen Aufgaben der russischen Revolution waren also durch­aus entsprechend ihren wirtschaftli­chen Voraussetzungen die Aufgaben der bürgerlichen Revolution."

Hier finden wir fast Wort für Wort die Position der Menschewiki wieder, die zu den schlimmsten Feinden des Proletariats zählten. Der einzige bemerkenswerte Un­terschied war, dass die Menschewiki aus ihrer Analyse folgerten, es sei notwen­dig, die Macht der klassischen Parteien und Institutionen der Bourgeoisie zu über­geben (Kadetten, Provisorische Regierung, Nationalversammlung), wohingegen die "Rätekommunisten" argumentierten, die Durchführung der bürgerlichen Revolution sei die Aufgabe der "Bolschewiki". Wie ist es zu erklären, dass einige der Revolutionäre, die den Oktober 1917 als eine proletarische Revolution begrüßt hatten, schließlich zu der Analyse der Menschewiki, gelangten?

In seinem 1938 geschriebenen Buch "Lenin als Philosoph" klärt Anton Pannekoek die­se Frage auf. In Bezug auf "Materialis­mus und Empiriokritizismus" schreibt er:

"Es kommt manchmal vor, dass eine theo­retische Schrift nicht das unmittel­bare Milieu und die Absichten des Autors, sondern breitere und indirekte Einflüsse sowie allgemeine Ziele er- sehen lässt. In dem Buch Lenins jedoch ist nichts dergleichen zu erkennen. Es ist mit all seinen Kräften eindeu­tig und ausschließlich auf das Bild der russischen Revolution gerichtet. Dieses Werk stimmt soweit mit dem bür­gerlichen Materialismus überein, dass man hätte voraussehen können, dass die russische Revolution auf die eine oder andere Weise zu einer Art auf einem Arbeiterkampf basierenden Kapi­talismus werden musste, hätte man es zu dieser Zeit in Westeuropa gekannt und richtig interpretiert." (eigene Übersetzung aus dem Französischen)

Kurzum, der "Schlüssel" zu dem Wesen der Russischen Revolution, der weder im An­gesicht des imperialistischen Krieges 1914 noch 1917 inmitten der großen Klassenkonfrontationen in Russland und überall auf der Welt aufzufinden war, der sich auch nicht in den Trägern der Revolution und eben sowenig in deren Methoden oder deren Erklärungen und Aufrufen an das Proletariat aller Länder befand - die­ser "Schlüssel" befand sich in Wirklich­keit in einer philosophischen Arbeit, die 1908 veröffentlicht worden war, und die 1927 "zu spät" in andere Sprachen übersetzt wurde. Denn: "Wenn die westli­chen Marxisten das Buch und die Ideen Lenins vor 1918 gekannt hätten, wären sie zweifellos zu einer lebendigeren Kritik seiner Taktik für die Weltrevolu­tion fähig gewesen."(idem) Tatsächlich lag der wirkliche Grund für diese späte Entdeckung nicht an dem Informationsmangel seitens der "westlichen Marxisten" über bestimmte philosophische Auffassun­gen Lenins, sondern in der enormen Ver­wirrung, die die Konterrevolution unter den Revolutionären selbst gestiftet hat­te, unter jenen wenigen Militanten, die versucht hatten, die Prinzipien des Kommunismus inmitten dieses Sturmes aufrechtzuerhalten. Eine Verwirrung und Enttäuschung, die, wie wir später sehen werden, sie dazu führte, die marxisti­sche Methode aufzugeben, die es den Revolutionären einschließlich der Bolschewiki 1917 erlaubt hatte, das wahre Wesen der Revolution zu begreifen, die in Russland ausgebrochen war.

[1] Siehe: "Die Epigonen des Rätekommunismus", International Review (Engl./Franz. Nr.2"); "Die Degeneration der Russischen Revolution", Internationale Revue (Deutsch) Nr.2; "Die Lehren der Kronstädter Ereignisse", Intern. Review Nr.3;

" Plattform der IKS"; Intern. Review Nr.5 Engl./Franz. " Die Kommunistische Linke in Russland"; Inter.Review Nr. 9/10 "Texte zur Übergangsperiode"; Intern. Review Nr.11, Engl./Franz. "Beiträge zur Rolle des Staates in der Übergangsperiode“, International Review Nr.6 Engl/Franz;

MARXISMUS UND FATALISMUS

Bei näherer Betrachtung der rätekommunis­tischen Thesen kann man feststellen, dass es sich um eine neue Formulierung einer Idee handelt, die selbst in dem bürgerlichen Lager in den 30er Jahren großen Erfolg hatte: d.h. dass das Regime in Russland die notwendige Folge der Oktoberrevolution sei.

Die Stalinisten waren of­fensichtlich die größten Verteidiger die­ser Idee. Aus ihrer Sicht war Stalin der­jenige, der Lenins Arbeiten "genial fort­setzte" , der Mann, der die größte Ent­deckung unseres Zeitraums, die Theorie der Möglichkeit des Sieges des "Sozialis­mus in einem Land"[1] gemacht und angewandt hatte. Aber abgesehen von den Stalinisten gab es fast eine ein­mütige Übereinstimmung, dass Stalin tat­sächlich Lenins Nachfolger war, ja, dass der schreckenerregende Staatsapparat, der in Russland entstanden war, das recht­mäßige Erbe der Oktoberrevolution war. Die Anarchisten verkündeten lautstark, dass das barbarische Polizeiregime in Russland die "unvermeidliche" Folge der auto­ritären Auffassungen des Marxismus war (andererseits zogen sie nicht in Betracht, dass der Eintritt der Anarchisten in eine antifaschistische bürgerliche Regierung die "unvermeidliche" Folge ihrer antiautoritären Auffassung war). Demokraten aller Art verkündeten, dass die "Diktatur des Proletariats" und die Zurückweisung der parlamentarischen Institutionen die Wurzel allen Übels war, das das "russische Volk" befallen hatte. Im allgemeinen warn­ten sie das Proletariat auf diese Weise: „das ist das Ergebnis jeglicher Revolution, jeglichen Versuches, den Kapitalismus zu zerstören: ein Regime, das noch schlimmer ist !".

Zweifelsohne verfolgte die rätekommunis­tische Auffassung nicht das Ziel, die Arbeiterklasse bei ihrem Versuch zu ent­mutigen, die Revolution durchzuführen oder von ihrer theoretischen Waffe, dem Marxismus abzubringen. Im Gegenteil: die Rätekommunisten unternahmen die Über­prüfung ihrer früheren Positionen im Na­men des Marxismus und der kommunistischen Revolution.

Indem sie die Frage jedoch auf die Grund­frage stellten, dass," wenn die russische Revolution im Staats-Kapitalismus endete, dann deshalb, weil sie nichts anderes hätte hervorbringen können", übernahmen sie eine der grundlegenden Ideen der Bourgeoisie: "Was in Russland geschah, musste notwendigerweise geschehen." Ent­weder war diese Bestätigung eine Tauto­logie - die augenblickliche Lage ist das Ergebnis verschiedener Faktoren, die es bestimmt haben - oder es handelte sich um einen theoretischen Fehler, der den Marxismus auf einen vulgären Fata­lismus reduziert.

Für den Fatalismus steht alles, was pas­siert, schon im großen Schicksalsbuch festgeschrieben. Und wenn der Fatalis­mus die Form eines "gesunden Menschen­verstandes" annimmt, geschmückt mit dem philosophischen Wortschwall, der aus den Universitätsakademikern hervorsprudelt, dient er immer dazu, die (mehr oder weniger erzwungene) Akzeptierung der herrschenden Ordnung zu predigen. Der Marxismus dagegen hat immer solch eine Unterwerfung unter die "Realität" bekämpft. Selbstverständlich hat der Marxismus entgegen voluntaristischen und idealistischen Auffassungen bestä­tigt, dass die Menschen ihre Geschichte "nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittel­bar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ machen. Aber Marx wies eindeutig darauf hin, dass "die Menschen ihre eigene Geschichte machen"

(Der 18. Brumaire des Louis Napoleon. Karl Marx, MEW 8, S. 115). Was die Möglichkeit einer Revolution angeht, schrieb Marx:

"Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte ent­wickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhält­nisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen der­selben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind." (Marx, Vorwort zur "Kritik der Politischen Ökonomie").

Deshalb hat der Marxismus immer Stellung gegen den Anarchismus bezogen, für den "alles zu jeder Zeit möglich ist, voraus­gesetzt die Menschen wollen es". In sei­ner Analyse der Niederschlagung der Pa­riser Commune war beispielsweise Marx dazu in der Lage, auf die Unreife der materiellen Bedingungen, die der Kapita­lismus l871 entwickelt hatte, hinzuwei­sen. Jedoch wäre es falsch zu denken, dass alle sozialen Ereignisse direkt durch diese "materiellen Bedingungen" erklärt werden konnten. Insbesondere ist das Be­wusstsein, das die Menschen, oder genauer, die sozialen Klassen, von diesen materiel­len Bedingungen haben, keine einfache "Widerspiegelung" derselben ist, sondern es wird zu einem aktiven Faktor in der 'Umwandlung der materiellen Bedingungen:

"Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturge­setz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist... kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch weg dekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." (Marx, Vorwort zum "Kapital").

Historische Ereignisse sind nicht nur das Produkt der ökonomischen Bedingungen der Gesellschaft, sondern auch der Gesamtheit der "Faktoren des Überbaus", eines komplexen Zusammenwirkens dieser verschiedenen bestimmenden Elemente, wovon der Zufall, d.h. willkürliche und unvorhersehbare Ereignisse, einer ist. Deshalb kann man die Geschichte nicht als die Verwirklichung des "Schicksals" betrachten, das ein für allemal festgesetzt ist, als den Verlauf eines Drehbuchs, das im voraus geschrieben ist - für die einen vom "göttlichen Willen", für die anderen in der Struktur und in der Bewegung der Atome.

So wie nirgendwo geschrieben steht, dass die Werke Marxens dazu "vorgesehen" waren, eine der barbarischsten Formen der kapitalistischen Ausbeutung zu rechtfertigen, so gab es kein "Schicksal" für die russische Revolution, deren Existenz an dem, was aus der Revolution schließlich wurde, gemessen werden kann.

Natürlich weisen die Rätekommunisten zu­rück, dass sie Fatalisten seien. Aus ihrer Sicht ist ihre Position "marxistisch", da ihre Analyse auf der Entwicklung der Produktivkräfte basiert. Aber die Tatsa­che, dass sie nur das Problem betrachten und dann nur unter dem Gesichtspunkt Russlands (wo sogar für die Bourgeoisie die Oktoberrevolution ein Ereignis von weltweiter Bedeutung war), verrät eine besch­ränkte, eindimensionale Auffassung vom Marxismus, fast eine Karikatur derselben. Und mit dieser Karikatur geben sie vor, erklären zu können, warum der Staatskapita­lismus in Russland entstand: wenn die Oktoberrevolution zum Kapitalismus führte, dann deshalb weil sie selbst bürgerlich war. Mit anderen Worten: sie war "vorherbestimmt“ zu dem Ergebnis zu gelangen, wo sie gelandet ist... Und so sehen wir den guten, alten Fatalismus durch das Fenster wieder hereinkommen, nachdem er offiziell aus der Tür herausgejagt worden ist.

Tatsächlich leidet die rätekommunistische Betrachtungsweise nicht nur an einer guten "Dosis" Fatalismus. Wenn sie bis zu ihrer äußersten Konsequenz verfolgt wird, führt sie zu einer völligen Aufgabe des Marxis­mus und jeglicher revolutionärer Perspektiven.

[1] Vorwort zu Ausgewählte Werke Lenins vom Institut für Marxismus-Leninimus (ZK der KPDSU)

DIE FOLGEN DER RÄTEKOMMUNISTISCHEN ANALYSE

Obgleich nicht unbedingt für die Beweis­führung nötig, ist es dennoch notwendig, in Erinnerung zu rufen, dass Russland 1917 die fünftgrößte Industriemacht auf der Welt war, und in dem Maße wie die Entwicklung des Kapitalismus in Russland zu einem Großteil die Stufe der Entwicklung des Handwerks und der Manufaktur übersprungen hatte, nahm der russische Kapitalismus die modernste und konzentrierteste Gestalt an (mit mehr als 40.000 Arbeitern war Putilow die größte Fabrik auf der Welt). Aus rätekommunistischer Sicht kann das bürger­liche Wesen der russischen Revolution an­hand lokaler Bedingungen erklärt werden. Dies traf teilweise für die in der Tat bürgerlichen Revolutionen von 1640 in England und 1789 in Frankreich zu. Die ungleiche Entwicklung des Kapitalismus ermöglichte es der Bourgeoisie, zu ver­schiedenen Zeiträumen und in verschiedenen Ländern an die Macht zu gelangen. Dies war ebenso möglich, weil die Nation der be­sondere geopolitische Rahmen des Kapitalis­mus ist, ein Rahmen, über den der Kapita­lismus trotz aller Anstrengungen nie hin­ausgehen kann. Aber während es dem Kapita­lismus möglich war, sich auf "Inseln" innerhalb der autarken feudalistischen "Gesell­schaft zu entwickeln, kann der Sozialismus nur auf Weltebene existieren, wo er alle Produktivkräfte und die von dem Kapitalis­mus geschaffenen Zirkulationsnetze verwen­det. Schon l847 antworteten Marx und Engels kategorisch auf die Frage: "Wird die Revolution in einem einzigen Lande allein stattfinden können?", "Nein, die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung mit einander ge­bracht, dass jedes einzelne Volk davon ab­hängig ist, was bei einem anderen geschieht. ... Die kommunistische Revolution wird da­her keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern...gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein.. Sie ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben." (Engels, Grundsätze des Kommunismus, l847, MEW 4, S.37).

Das, was von den Revolutionären l847 schon begriffen wurde, musste nach der Zeit der größten Expansion des Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Grundlage jeglicher proletarischer Perspektive zur Zeit des ersten Weltkrieges werden.

Der Krieg bewies, dass der Kapitalismus seine fortschrittliche Aufgabe der Entwicklung der Produktiv­kräfte auf Weltmaßstab durchgeführt hat­te, dass es in der Epoche seines histori­schen Verfalls getreten war, und dass notwendigerweise eine bürgerliche Revo­lution nicht mehr stattfinden konnte. Die einzige Revolution auf der Tagesord­nung der Geschichte war die proletari­sche Revolution auf der ganzen Welt, Russland eingeschlossen. Diese Analyse wurde nicht nur von Lenin vorgebracht, dessen Geist mit "vulgärmaterialisti­scher Philosophie" durchdrungen war, dem nachgesagt wird, er wolle die weltkommu­nistische Bewegung in einen Apparat zur Verteidigung des russischen Staatskapi­talismus umwandeln. Diese Analyse wurde ebenso von einer Reihe Revolutionäre vertreten, welche manche dem "bürgerlichen" Lenin gegenüberzustellen versucht haben, und deren proletarischen Positionen oder Kenntnisse der "Ereignisse in Russland" niemals von den Rätekommunisten in Frage gestellt worden sind: Rosa Luxemburg. Sie schrieb zu jener Zeit: "Dieser Verlauf ist aber für jeden denkenden Beobachter auch ein schlagender Beweis gegen die doktrinäre Theorie, die Kautsky mit der Partei der Regierungssozialisten teilt, wo­nach Russland als wirtschaftlich zu­rückgebliebenes, vorwiegend agrarisches Land für die soziale Revolution und für eine Diktatur des Proletariats noch nicht reif wäre. Diese Theorie, die in Russland nur eine bürgerliche Revolution für angängig hält - aus welcher Auffassung sich dann auch die Taktik der Koalition der Sozialisten in Russland mit dem bürgerlichen Liberalismus ergibt - ist zugleich diejenige des opportunistischen Flügels in der russischen Arbeiterbewegung, der so genannten Menschewiki unter der bewährten Führung Axelrods und Dans. Beide, die russischen wie die deutschen Opportunisten, treffen in dieser grundsätzlichen Auffassung der russischen Revolution, aus der sich die Stellungnahme zu den Detailfragen der Taktik von selbst ergibt, vollkommen mit den deutschen Regierungssozialisten zusammen: Nach der Meinung aller drei hätte die russische Revolution bei jenem Stadium halt machen sollen, das sich die Kriegführung des deutschen Imperialismus nach der Mythologie der deutschen Sozialdemokratie zur edlen Aufgabe stellte: beim Sturz des Zarismus. Wenn sie darüber hinausgegangen ist, wenn sie sich die Diktatur des Proletariats zur Aufgabe gestellt hat, so ist das nach jener Doktrin ein einfacher Fehler des radikalen Flügels der russischen Arbeiterbewegung, der Bolschewiki gewesen, und alle Unbilden, die der Revolution in ihrem weiteren Verlauf zugestoßen sind, alle Wirren, denen sie zum Opfer gefallen, stellen sich eben als ein einfaches Ergebnis dieses verhängnisvollen Fehlers dar. Theoretisch läuft diese Doktrin, die vom Stampfschen "Vor­wärts" wie von Kautsky gleichermaßen als Frucht "marxistischen Denkens" empfohlen wird, auf die originelle "marxistische" Entdeckung hinaus, dass die sozialistische Umwälzung eine na­tionale, sozusagen häusliche Angele­genheit jedes modernen Staates für sich sei. In dem blauen Dunst des abstrakten Schemas weiß ein Kautsky natürlich sehr eingehend die weltwirtschaft­lichen Verknüpfungen des Kapi­talismus auszumalen, die aus allen modernen Ländern einen zusammenhän­genden Organismus machen. Russlands Revolution - eine Frucht der internationalen Entwicklung und Agrar­frage - unmöglich in den Schranken der bürgerlichen Gesellschaft zu lö­sen.

Praktisch hat diese Doktrin die Ten­denz, die Verantwortlichkeit des in­ternationalen, in erster Linie des deutschen Proletariats für die Ge­schicke der russischen Revolution abzuwälzen, die internationalen Zu­sammenhänge dieser Revolution zu leugnen. Nicht Russlands Unreife, sondern die Unreife des deutschen Proletariats zur Erfüllung der his­torischen Aufgaben hat der Verlauf des Krieges und der russischen Re­volution erwiesen. Dies mit aller Deutlichkeit hervorzukehren ist die erste Aufgabe einer kriti­schen Betrachtung der russischen Revolution. Die Revolution Russlands war in ihren Schicksalen völlig von den internationalen Ereignissen abhängig." (Rosa Luxemburg, Zur Russi­schen Revolution, Gesammelten Werke, Bd.4, S.332 bis 334).

So formulierte eine der größten marxis­tischen Theoretiker damals das Problem, gegen die Trugschlüsse Kautskys, der Menschewiki und... der Rätekommunisten. Rosa Luxemburg machte nicht nur den My­thos der "Unreife Russlands" zunichte, sondern sie lieferte auch den Schlüssel zu dem, was die Rätekommunisten nie zu verstehen imstande waren: die Ursachen der Degeneration der Russischen Revolu­tion, die im wesentlichen im Scheitern "der Weltrevolution, von der das Schick­sal der Revolution in Russland völlig abhing", lagen.

In der Tat, indem sie die Ursachen der Entwicklung der Revolution und die des kapitalistischen Regimes, in dem sie endete, allein in Russland suchten, wan­dten sich die Rätekommunisten von den objektiven Grundlagen des Internationa­lismus ab.

Und selbst wenn ihr eigener Internatio­nalismus nicht in Frage gestellt werden kann, letztendlich kann er sich nur auf eine Art moralischen Imperativs stützen. Wenn man ihre Untersuchung zu ihrer lo­gischen Schlussfolgerung weiterführt, ge­langt man zu der Idee, dass, hätte die Revolution in einem fortgeschrittenen Land stattgefunden (Deutschland z.B.), und wäre sie isoliert geblieben, hätte sie nicht das gleiche Los erfahren wie die Russische Revolution. Mit anderen Worten, in diesen Ländern hätte sie die Wiedereinrichtung des Kapitalismus vermeiden können, was bedeutet, dass ein Sieg über­ den Kapitalismus, der Sieg des So­zialismus in einem Land möglich ist. So wie der Rätekommunismus von dem Stalinismus die Idee der Kontinuität zwischen Le­nin und Stalin ausleiht, zwischen dem Wesen der Oktober-Revolution und dem Wesen des Regimes, das sich in Russland einrich­tete, können wir sehen, dass die Rätekom­munisten dazu neigten, Elemente einer der wichtigsten Verschleierungen des Stalinismus zu übernehmen, "den natio­nalen Sozialismus". Somit: übernimmt die "marxistische" Analyse der Rätekommunisten nicht nur die Thesen Kautskys und der Menschewiki, sondern sie kann auch gar nicht umhin, mit den stalinistischen Theorien zu flirten.

Aber dies ist nicht der einzige Weg mit dem die rätekommunistische Analyse zu einer Verwerfung des Marxismus führt. Einer der Gründe, warum sie die russische Revolution als eine bürgerliche Revolution betrachten, ist die Natur der ökonomischen Maßnahmen, die von Anfang an von der neuen Macht ergriffen wurden. Die Rätekommunis­ten behaupten zurecht, dass die Verstaat­lichungen und die Landaufteilung rein bür­gerliche Maßnahmen sind. Aber dann über­stürzen sie sich und erklären: "Man kann sehen, dass es sich um eine bürgerliche Revolution handelt, da sie Maßnahmen dieser Art durchführte." Und gegenüber solchen Maßnahmen schlagen sie eine wahr­haft "sozialistische" Politik vor: "Die Übernahme der Betriebe und die Organisa­tion der Wirtschaft durch die Arbeiter­klasse und ihre Klassenorganisationcn, die Arbeiterräte." (Thesen über den Bol­schewismus, Nr.49). Dies ist die Art Maßnahmen, die die russische Revolution ergriffen hätte, wenn sie wirklich "pro­letarisch" gewesen wäre. Aber für die Rätekommunisten "konnte der bürgerliche Charakter der bolschewistischen Revolu­tion... nicht deutlicher aufgezeigt wer­den als in diesem Ruf nach der Produk­tionskontrolle."(idem, Nr.47)

Hier übernehmen die Rätekommunisten die Grundlage ihrer Analyse nicht von Kauts­ky oder von Stalin, sondern von Proudhon und den Anarchisten. Einmal wieder strei­chen sie eine der Grundlagen des Marxis­mus. Für den Marxismus ist eine der grundlegenden Unterschiede zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Revolution die Tatsache, dass die erste am Ende eines ganzen Prozesses von wirt­schaftlichen Umwälzungen zwischen dem Feudalismus und dem Kapitalismus statt­fand. Dieser Prozess fand seine Krönung im politischen Bereich. Die proletari­sche Revolution dagegen ist notwendiger­weise der Ausgangspunkt für die wirt­schaftliche Umwälzung vom Kapitalismus zum Kommunismus. Dieser Unterschied ist mit der Tatsache verbunden, dass im Gegen­satz zu den vorherigen Umwälzungen der Übergang zum Kommunismus kein Wechsel in der Art des Eigentums, sondern die Abschaffung allen Eigentums überhaupt ist; er ist nicht die Institutionalisierung von neuen Ausbeutungsverhältnissen, sondern die Abschaffung aller Ausbeutung. Deswegen ist im Gegensatz zu allen vorherigen Revolutionen das Ziel der proletarischen Revolution nicht die Einrich­tung einer neuen Form von Klassenherrschaft, sondern die Abschaffung aller Klassen; die proletarische Revolution ist nicht das Werk einer ausbeutenden Klasse, sondern zum ersten Mal in der Geschichte das Werk einer ausgebeuteten Klasse. Die kapitalistischen Produktions­verhältnisse entwickelten sich innerhalb der feudalen Gesellschaft, während der Adel noch den Staatsapparat kontrollier­te. Die feudale Macht mag ein Hindernis für die Entwicklung des Kapitalismus ge­wesen sein, aber der Kapitalismus war imstande, sich daran anzupassen; solange das Kapital nicht bis zu dem Punkt entwickelt war, an dem die feudale Ordnung gestürzt werden musste. Die bürgerliche Revolution kam in einer fast „mechanischen" Konsequenz auf die Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaft, und ihre Aufgabe bestand in der Zerstörung der letzten Hindernisse für die Expansion des Kapitals. Im Gegensatz zu alledem können sich kommunistische Sozialbezie­hungen in keiner Weise auf kleinen In­seln innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft entwickeln, wenn die bürgerli­che Klasse immer noch die Kontrolle über den Staat ausübt. Erst nach der Zerstö­rung des bürgerlichen Staates und nach der politischen Machtübernahme durch die Arbeiterklasse auf Weltebene können die Produktionsverhältnisse umgewälzt werden.

Im Gegensatz zu den vorherigen Übergangs­perioden wird die zwischen dem Kapitalis­mus und dem Kommunismus nicht das Ergeb­nis eines objektiven, vom Willen des Men­schen unabhängigen Prozesses sein; er wird von der bewussten Aktion einer Klasse abhängen, die ihre politische Macht zur schrittweisen Auslöschung der verschiede­nen Aspekte der kapitalistischen Gesell­schaft benutzen wird: des Privateigentums, des Marktes, der Lohnarbeit, des Wertge­setzes usw. Aber solch eine Wirtschafts­politik kann erst eine Wirkung erlangen, nachdem das Proletariat die Bourgeoisie militärisch besiegt hat. Solange dies nicht endgültig erreicht ist, werden die Anforderungen des Weltbürgerkrieges über dem Bedürfnis nach einer Umwandlung der Produktionsverhältnisse dort vorherrschen, wo das Proletariat schon die Macht ergriffen hat. Und dies trifft zu, wie auch immer die wirtschaftliche Entwicklung solch eines Gebietes vorangeschritten sein mag. In Russland sind die von der neuen Macht ergriffenen Maßnahmen - unge­achtet der begangenen Fehler, die tat­sächlich begangen wurden, und die uns wertvolle Lehren erteilen können - nicht das Kriterium für das Verständnis des Klassencharakters der Oktoberrevolution, ebenso wenig wie es die ökonomischen Maß­nahmen waren, die der Pariser Commune ihren proletarischen Charakter verliehen haben. Und soweit wir wissen, haben weder die Rätekommunisten noch die Anarcho-Syndikalisten jemals den proletarischen Cha­rakter der Commune bezweifelt. Niemandem fiel es ein, dass die Verkürzung des Ar­beitstages, die Aufhebung der Nachtarbeit für die Bäckergesellen, die Mietstundungen oder das Leihhaus vom Mont-de-Piete als "sozialistische" Maßnahmen verstanden werden sollten. Die Größe der Commune war, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Proletariats die Klasse einen nationa­len Krieg gegen eine ausländische Macht in einen Bürgerkrieg gegen die eigene Bourgeoisie umgewandelt hat: dass die Zerstörung des kapitalistischen Staates verkündet und verwirklicht wurde und durch die Diktatur des Proletariats ersetzt wur­de, d.h. gewählte und abrufbare Delegier­te in allen Bereichen, Löhne für Beamte, die dem durchschnittlichen Arbeiterlohn gleich sind, Ersetzung der ständigen Ar­mee durch die ständige Bewaffnung der Ar­beiter und die internationalistische Proklamation der Weltkommune. Es waren diese wesentlichen politischen Maßnah­men, welche aus der Pariser Commune den ersten internationalen Versuch des Pro­letariats gemacht haben, die Revolution durchzuführen. Und aus diesem Grunde ist die Erfahrung der Commune eine solch unschätzbare Fundgrube für den revolu­tionären Kampf von Generationen von Ar­beitern aller Länder. Der Oktober 1917 nahm die Hauptthemen der Kommune wieder auf und verallgemeinerte sie, und es war si­cherlich kein Zufall, dass Lenin Staat und Revolution am Vorabend der Oktober­revolution schrieb, wo er eine detail­lierte Untersuchung der Kommune vornahm. Daher kann man die Klassennatur der Ok­toberrevolution nicht durch die Analyse eines jeden Details dessen, was die Re­volution im wirtschaftlichen Bereich gemacht oder nicht gemacht hat, begreifen.

Dies kann nur verstanden werden, indem man die politischen Charakteristiken der Revolution untersucht - die Zerstörung des bürgerlichen Staates, die Machtüber­nahme durch die Arbeiterklasse, die in Arbeiterräten organisiert war, die allgemeine Bewaffnung des Proletariats – und die Triebkraft, die die neue Macht der internationalen Bewegung des Proletariats verlieh: die rücksichtlose Brandmarkung des imperialistischen Krieges, der Auf­ruf zur Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie, der Aufruf für die Zerstö­rung aller bürgerlichen Staaten und für die Machtübernahme durch die Arbeiterräte in allen Ländern.

Dass er das Primat der politischen Probleme in der ersten Phase der proletarischen Revolution nie begriffen hat, hat den Anarcho-Syndikalismus dazu geführt, die proletarische Revolution zu verraten, indem er diese in die Sackgasse der Selbstverwaltung und der "Kollektive" geführt hatte, während dessen er selbst Minister in der bürgerlichen Regierung der Spanischen Republik stellte. Sein ganzer Standpunkt - und ebenso der der Ratekommunisten, soweit sie mit dem Anarchosyndikalismus übereinstimmen - wendet sich von jeder sozialistischen Revolution ab, weil er diese nicht nur innerhalb eines Landes lokalisiert, sondern gar innerhalb einer Region, oder auf isolierte Fabriken begrenzt, und die sozialistische Produktion, die per Definition nur auf internationaler Ebene existieren kann, auf eine einheimische Angelegenheit reduziert.

Trotz vieler wertvoller Kritiken, die von der Arbeiteropposition 1921 formuliert wurden, insbesondere ihre Brandmarkung der Bürokratisierung des Staates und der erdrückenden Ordnung innerhalb der Partei, war die Plattform der Gruppe grundlegend irrig, insofern, als diese das Problem der Entwicklung der Revolution auf eine Frage der Ökonomie, auf ein di­rektes Management der Produktion durch die Arbeiter reduzierte. Somit schenkten sie vorbehaltlos der Idee Glauben, dass es möglich sei, den Sozialismus in einem Lande aufzubauen, dass der Sozialismus in Russland auf sich allein gestellt Fort­schritte hätte machen können, auch wenn die internationale Revolution eine Reihe von Niederlagen erlitten hätte.[1]

Welche Fehler Lenin auch immer gemacht haben mag, er griff zurecht die kleinbür­gerlichen und die anarcho-syndikalistischen Aspekte der Arbeiteropposition an. Es ist kein Zufall, dass später die theoreti­sche Führerin der Arbeiteropposition, Kollontai, sich auf Stalins Seite gegen die Linke Opposition schlug, um die Theo­rie des Sozialismus in einem Land zu ver­teidigen. So schließen sich die Anhänger des "So­zialismus in einer Fabrik" den Anhängern des "Sozialismus in einem Land" und den Theoretikern der "unreifen objektiven Bedingungen" in Russland an. Und Kautsky, Stalin und die "Genossen Minister" der CNT sind keine gute Gesellschaft für die Rätekommunisten, wie scharf auch immer sie dies kritisieren.

Tatsächlich ist der einzige Weg für den Rätekommunismus, seine Analyse der Okto­berrevolution mit dem Internationalismus zu vereinbaren - und bestimmte Strömungen haben dies schon getan - darin zu behaup­ten, dass die objektiven Bedingungen für die proletarische Revolution 1917 nicht nur in Russland, sondern auch auf Weltebene unreif waren. Aber das hieße, die Ana­lyse der Menschewiki oder Kautskys zu übernehmen..., nur um drei Punkte jener der rechten Sozialdemokraten aufzunehmen, die ihn benutzten, um die proletarische Revolution in Deutschland niederzumetzeln. Es kommt nicht darauf an zu behaupten, dass alle, die zu solchen Schlussfolgerun­gen kommen, zu Noskes werden. Es ist durchaus möglich, sich an einem proleta­rischen Kampf zu beteiligen, selbst wenn man ihn als verfrüht und verzweifelt an­sieht - so wie es Marx bei der Pariser Commune tat. Aber diese Art von Analysen durch proletarische Elemente führt zu Schlussfolgerungen, die bis ins kleinste ebenso katastrophal sind wie jene der "klassischen" Rätekommunisten.

Wir wollen diese Analyse hier nicht wi­derlegen, da es uns über den Rahmen die­ses Artikels hinausführen würde.2 Wir werden uns auf einige Bemerkungen dazu beschränken.

An erster Stelle führt solch eine Auffas­sung zu der Zurückweisung der Idee, dass sich der Kapitalismus seit dem I. Welt­krieg in seiner dekadenten Phase befindet, und diese Idee war die Schlüsselfrage bei dem Bruch der Revolutionäre mit der 2.Internationale. Die "rätekommunisti­sche" Auffassung unterminiert die ganzen theoretischen Grundlagen der Kommunistischen Internationale, aus der an er­ster Stelle die Rätekommunisten selbst hervorgegangen sind. Sie führt somit zu einer Verwerfung aller Errungenschaften der Arbeiterbewegung während des I. Welt­krieges und der revolutionären Welle von 1917-23. Andernfalls ist es notwendig, die kommunistischen Positionen auf voll­kommen andere Grundlagen zu stellen, ins­besondere die Positionen, welche die kommunistische Linke gegen die Kommunis­tische Internationale vertrat:

·        Verwerfung des Parlamentarismus, selbst seiner "revolutionären" Benutzung,

·        Verwerfung der Gewerkschaften,

·        Verwerfung der Idee der Massenpartei,

·        Verweigerung der Unterstützung von na­tionalen Befreiungskämpfen oder "fortschrittlichen“ Fraktionen der Bourgeoisie.

Wenn man die Idee der Dekadenz des Kapitalismus verwirft, kommt man notwendiger­weise zu der Schlussfolgerung, dass die ganze Politik der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert und die meisten Analysen von Marx und Engels falsch waren. Von solch einem Standpunkt aus betrachtet, begingen der Bund der Kommunisten, die Erste und Zweite Internationale große Fehler, als sie den Aufbau von Gewerkschaften, den Kampf für das allgemeine Wahlrecht und bestimmte nationale Befreiungskämpfe unterstützten. Und schließlich muss man ebenfalls zugeben, dass von der allgemeinen theoretischen Basis abgesehen, Proudhon und Bakunin gegenüber Marx und En­gels recht hatten. Und da es von einem marxistischen Standpunkt aus schwierig ist, eine theoretische Betrachtungsweise von ihren politischen Folgen zu trennen, wäre es dann logisch, den letzten Schritt zu tun und den Marxismus zugunsten des Anarchismus zu verwerfen. Wenn die Rätekommunisten, die die Oktoberrevolution als bürgerlich bezeichnen, da die objek­tiven Bedingungen auf Weltebene 1917 nicht reif waren, nur den Mut hätten, diesen letzten Schritt zu tun und sich offen als Anarchisten zu erklären! Dann hätten sie nur noch ein letztes Problem zu lösen: wie ist ihre Analyse mit einem theoretischen Standpunkt zu vereinbaren, der die Notwendigkeit einer objektiven Basis für den Sozialismus verwirft und für den "die Revolution zu jedem Zeit­punkt möglich ist"?

Die Verwerfung der Idee, dass der Kapi­talismus 1914 in seine dekadente Phase eingetreten ist, hat noch andere Folgen, die kurz zusammengefasst werden können:

·        entweder muss die Periode der kapita­listischen Dekadenz noch kommen, ob­gleich bei einer Betrachtung der Katas­trophen, die die Gesellschaft in den letzten 60 Jahren befallen haben, man sich kaum vorstellen kann, wie die wirkliche Dekadenz des Kapitalismus aussehen würde und wie die Gesellschaft dies über­leben könnte;

·        oder der Kapitalismus wird im Gegen­satz zu den vorherigen Gesellschaften nie eine Phase der Dekadenz durchlaufen. Dann muss man die Schlussfolgerungen da­raus ziehen: entweder gibt man jede Perspektive des Sozialismus für immer und ewig auf oder man stellt seine Perspek­tive für den Sozialismus auf etwas anderes als auf die objektiven Notwendigkeiten der Gesellschaft auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung. Das bedeu­tet, den Marxismus aufzugeben, aus dem Sozialismus einem "moralischen Impera­tiv" zu machen - und somit schließt man sich dem Anarchismus an. Im Laufe ihrer Geschichte wurde die Arbei­terklasse mit drei Hauptgegnern konfron­tiert: dem Anarchismus im vorigen Jahrhun­dert, der reformistischen Sozialdemokra­tie zu Beginn dieses Jahrhunderts und dem Stalinismus zwischen den zwei Weltkriegen. Diese Strömungen haben sich gegen die Arbeiterklasse zu einem alles überbietenden Moment der Konterrevolution gegen die Arbeiterklasse zusammengerottet: dem Krieg in Spanien 1936. Man muss anerkennen, dass dem Rätekommunismus, auch wenn er ei­ne der "gesundesten" Reaktionen gegen die Degeneration der Kommunistischen In­ternationale war, und es ihm gelungen war, in den schlimmsten Augenblicken der Konterrevolution Klassenpositionen aufrecht­zuerhalten, die seltene Heldentat gelun­gen war, viele der grundlegenden Analysen dieser drei Strömungen zu übernehmen, selbst wenn sein Standpunkt nicht zur Auf­gabe jeder revolutionären Perspektive ge­führt hat, wie dies für einige seiner besten Elemente der Fall war.

Dies sind einige der Folgen einer Verwer­fung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution von 1917.F.M.

[1] "Degeneration der Russischen Revolution", Internationale Revue Nr.1; "Die Kommunistische Linke in Russland", Intern. Review Nr.9/10

[2] Siehe die Broschüre der IKS Die Dekadenz des Kapitalismus und andere Texte der IKS.

 

OKTOBER 1917: ANFANG DER PROLETARISCHEN REVOLUTION (ll.)

Der erste Teil dieses Artikels (l) versuchte aufzuzeigen, dass das Wesen der Russischen Revolu­tion nicht durch die besonderen Eigenschaften Russlands zur Zeit der Revolution bestimmt wur­de, sondern durch die allgemeine Entwicklung des Weltkapitalismus, dessen Eintritt in die Epoche seines historischen Verfalls durch den imperialistischen Krieg von 1914 gekennzeich­net war. Die objekti­ven Bedingungen für die proletarische Revolution bestanden auf inter­nationaler Ebene, und die Russische Revolution konnte nur ein Teil dieser Weltrevolution sein. Somit verwarfen wir die Theorie der "Rätekommunisten", aus deren Sicht die Russische Re­volution eine "bürgerliche" Revolution war. Wir haben aufgezeigt, dass solch eine Analyse zu folgendem führt:

 

- entweder zur Auffassung der Menschewisten und Kautskys, die zu einem Verrat an der Ar­beiterklasse führen;

 

- oder zur stalinistischen Theorie der Mög­lichkeit des "Sozialis­mus in einem Land";

 

- oder zur anarchistischen Auffassung, die den Sozialismus mit Selbstverwaltung durch die Arbeiter in einzelnen Unterneh­men gleichsetzt

 

- oder zur Auffassung der rechten Sozialdemo­kraten, für die die proletarische Revolu­tion 1917 in keinem Land auf der Tages­ord­nung stand.                         -

 

Schließlich haben wir aufgezeigt, wie die Analyse der Rätekom­munisten sie zu einer Ab­kehr vom Marxismus führt, obgleich sie selber davon überzeugt sind, ihre Analyse beruhe auf dem Mar­xismus.

 

In Wirklichkeit sind die Verirrungen des Rätekommunismus grundsätzlich der Ausdruck des schrecklichen Gewichts, das auf all den proletarischen Strömungen der Klasse lag, und das von der längsten Periode der Konterrevo­lution ausgeübt wurde, die die Arbeiterklasse jemals erlebt hat. Mit dem riesigen Staatsap­parat konfrontiert, der sich in Russland nach der Degeneration der Re­volution entwickelte, und - im Gegensatz zu den Stalinisten und Trotzkisten - dazu gezwungen, das konterrevo­lutionäre Wesen dieses Staates brandzumarken, empfanden die verschiedenen Strö­mungen der kommunistischen Linken große Schwierigkeiten, die Ursprünge und Ursachen dessen zu begrei­fen, was damals in Russland in einer Situation der Niederlage der Klasse vor sich ging. Aber es wäre falsch anzunehmen, dass die Rätekommunisten die einzigen gewesen waren, die sich in dieser schwierigen Lage verirrt hätten. Wenn man einmal vom Trotzkismus und dessen Theorie des "Bonapartismus" zur Erklärung des stalinistischen Phänomens und gleichzeitig zur Rechtfertigung der dauernden Verteidigung der UdSSR absieht, muss man feststellen, dass die anderen Strömun­gen der Linkskommunisten ebenso sehr verwirrt über diese Frage waren. Und obgleich die Italienische Linke mit BILAN viele wich­tige Beiträge zum Verständnis des nachrevolutionären Russlands geleistet hat, blieb sie dennoch eine ganze Zeit lang in der Auffas­sung von der UdSSR als  einem „entarteten Arbeiterstaat" gefan­gen.

 

Jedoch taucht eine der größten Verwirrungen in der Linkskom­munistischen Bewegung mit dem Erscheinen der bordigistiscben Theorie der "Doppel­revolution" auf, die eine teilweise Rückkehr zu den Absurditäten der Rätekommunisten darstellte.

 

DIE HEILIGE DUALITÄT GEMÄSS DER BORDI­GISTISTISCHEN DOKTRIN:

 

„So lautet die marxistische Erklärung der "Degenerierung der UdSSR": die Okto­berrevolution, während welcher das kom­munisti­sche Proletariat die Macht ergriff, konnte nur die feudalen Hinder­nisse zur kapitalistischen Entwicklung der Produk­tivkräfte brechen; das ist die Formel Russlands zur Zeit der NEP. Mit der Unter­stützung der Weltrevolution hätte die bolschewistische Partei die Marktwirt­schaft bändigen und in der Folge den So­zialismus einfah­ren können. An der Spitze einer riesenhaften, kapitalistischen Ma­schine isoliert, sich selber überlassen, wurde sie von den Marktme­chanismen entar­tet und zu einem Räderwerk der kapitalis­tischen Akkumulation gemacht". (Programme Communiste, Nr.57,Seite 39)(2)

 

Man erkennt auf den ersten Blick, was die "bordigistische" Auf­fassung von der "rätekommunistischen" unterscheidet. Für die letztgenannte sind die wirtschaftlichen und politischen Aspekt« der Revolu­tion eng miteinander verbunden: die Er­richtung des Kapitalismus ist gekennzeich­net durch die Übernahme der Macht durch eine Partei, die sie als bürgerlich be­zeichnen. Für die erstgenannte sind je­doch die beiden Aspekte klar unterschieden: die Bordigisten erkennen den prole­tarischen Charakters des Oktobers auf po­liti­scher Ebene an, aber sie stimmen mit den Rätekommunisten wie­derum überein, wenn sie behaupten, dass es sich auf wirtschaftli­cher Ebene um eine bürgerliche Revolution handelte. Und man könnte übri­gens eine ganze Reihe von Zitaten finden, die die Kon­vergenz der bordigistischen Analysen mit denen der Rätekommu­nisten zeigen, obgleich die Bordigisten den Räte­kommunisten gegenüber sehr bissig sind. Zum Beispiel:                .

 

" Wenn man überhaupt von einer Wendung im April 1917 reden kann, dann muss man ver­stehen, dass diese mit dem Prozess, der ein kapitalistisches fortschrittliches Land zur kommunistischen Revolution führt,  nichts zu tun hat: sie markiert nur in einem Land, in dem der Feudalismus im völ­ligen Zerfall begriffen ist, den ent­schei­denden Augenblick einer bürgerlichen und Volksrevolution." (Programme Communiste, Nr.39, Seite 2l)

 

Man glaubt Pannekoek zu lesen! Und in der Tat erweist sich die bordigistische Auf­fassung der "Doppelrevolution" als doppel­deu­tig, und sie führt ihre Anhänger dazu, sich von einem Artikel zum anderen zu wi­dersprechen, wenn nicht gar von einem Satz zum anderen.

 

So stammt das obige Zitat aus einem Artikel mit dem Titel: "Die Aprilthesen des Jahres 1917, Programm der proletarischen Revolu­tion in Russland." In dem gleichen Artikel kann man in dem Kom­mentar zur gleichen These lesen: "Lenin fügt hier kein Adjektiv dem Wort Revolu­tion im, aber wir können dies ohne zu zö­gern tun... es handelt sich immer um eine bürgerliche und demokrati­sche Revolution, um eine antifeudalistische Revolution und nicht um eine sozialistische". (S.24) In einem anderen Artikel, genannt "Der Marxis­mus und Russland'' (S. 85 der deutschen Auf­lage) , kann man lesen: "Für uns war die Oktoberrevolution sozialistisch". Man müss­te sich darüber einig werden! Tatsächlich kann die bor­digistische Auffassung auf die folgende Formel zusammengefasst werden: "Die Oktoberrevolution war eine nichtprole­tarische prole­tarische Revolution, eine nichtsozialistische sozialistische Revolu­tion".

 

Welche undurchsichtige Klarheit!

 

Aber die Tatsache, dass Bordiga und seine Epigonen sich wider­sprechen und eine unzusammenhängende Sprache gebrauchen, stört die letzten nicht so sehr: sie sind daran gewöhnt. Sie sollten jedoch schaudern, wenn sie Behauptungen vorbringen, die in direk­tem Widerspruch zu dem stehen, was Lenin, zu der Oktoberrevolu­tion gesagt hat. Ge­mäß der bordigistischen Lehre hat Lenin nur zwei Fehler in seinem Leben begangen: (übrigens kleine Fehler, da "taktisch") hinsichtlich der "Einheitsfront" und hin­sichtlich des "revolutionären Parlamenta­rismus". Für die Bordigisten:

 

"Im April 1917 geht es nur darum, die so­zialen Kräfte der antiza­ristischen Revo­lution zu gewinnen, nicht um mehr zu machen, als man sich 1905 vorgenommen hatte, sondern um die Tatsache zu beheben, dass man weniger gemacht hatte, dass man unterhalb des Programms der kapitalistischen Revolu­tion unter der demokrati­schen Diktatur des Proletariats und der Bauern stand." (Pro­gramme Communiste, Nr.39, Seite 25)

 

Für Lenin jedoch:

 

"... kann diese ganze Revolution über­haupt nur verstanden werden als ein Glied in der Kette der sozialistischen proleta­rischen Re­volutionen, die durch den impe­rialistischen Krieg hervorgerufen werden." (Vorwort zu "Staat und Revolution")

 

Für Lenin kam es somit darauf an, 1917 „mehr zu tun“  als 1905} damals hatte er die Ziele der Revolution bescheidener de­finiert:

 

"Ein solcher Sieg wird aus unserer bürger­lichen Revolution noch keineswegs eine so­zialistische machen; die demokratische Um­wälzung wird über den Rahmen der bürgerli­chen gesellschaftlich ökonomischen Ver­hältnisse nicht unmittelbar hinausgehen; aber nichtsdestoweniger wird die Bedeutung eines solchen Sieges für die künftige Ent­wicklung sowohl Russlands als auch der gan­zen Welt gigantisch sein." ("Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution", in Ausge­wählte Werke, Band I, S. 567).

 

Man könnte noch viele andere Beispiele bringen, in denen die bordigistischen Schriften das Gegenteil der Leninschen Auffassun­gen behaupten. Wir wollen uns mit einer weiteren zufrieden geben:

 

" Insofern darf die Partei des Proletariats den Sowjet nicht ver­werfen, diese aus der bürgerlichen russischen Revolution entstan­dene historische Form.

 

.. Sie (die Sowjets) entsprechen dem, was Lenin als demokratische Diktatur definiert hatte... Die  einzige Formel der antifeudalen russischen Revolution ist keine parlamentarische Versammlung wie in der Französischen Revolution, sondern ein andersartiges Or­gan, das auf der Grundlage der alleinigen Klasse der Arbeiter in den Städten und auf dem Land beruht." (Programme Communiste, Nr. 39, Seite 28)

 

Für Lenin dagegen:

 

"Nur muss eine praktische Form gefunden werden, die das Proleta­riat in den Stand setzt, seine Herrschaft zu verwirklichen. Diese Form ist das Sowjetsystem mit der Diktatur des Proletariats! Das war bisher Latein für die Massen. Mit der Ausbreitung des Sowjetsys­tems in der ganzen Welt ist dieses Latein in alle modernen Spra­chen übersetzt worden: die praktische Form der Diktatur ist durch die Arbeitermassen gefunden." (Rede bei der Eröffnung des Kon­gresses, 2.März,S.469,Bd 28)

 

"... die Form der Diktatur des Proletariats, die schon praktisch ausgearbeitet ist, d.h. die Sowjetmacht in Russland, das Rätesystem in Deutschland... und andere analoge Sowjet-Institutionen in ande­ren Ländern."(Thesen und Referat über die bürgerlich Demokratie und die Diktatur des Proletariats, in Ausgewählte Werke, Bd. 3, Seite 17l).

 

Wir haben dem Leser die verschiedenen Zitate nicht aufgeführt, um uns hinter die  Autorität Lenins zu flüchten, sondern um aufzug- zeigen, dass Lenin zwar Fehler gemacht hat, dass aber der von den Bordigisten im Namen  der Treue gegenüber Lenin' vorgebrachte Unfug mit den Auffassungen Lenins absolut nichts zu tun hat.

 

 

WIDERLEGUNG DER „DOPPELREVOLUTION“

 

Wir werden hier nicht das im vorausgegangenen Artikel Gesagte wiederholen, in dem wir gezeigt haben, dass in Russland als auch übermall anderswo 1917 die bürgerliche Revolution nicht mehr auf der Tagesordnung der Geschichte stand, seitdem die materiel­len Bedingungen der kommunistischen Revolution auf Weltebene vorhanden waren. Das was wir gegen die Rätekommunisten gesagt haben,- und und gegen die Menschewiki– trifft ebenso auf die bordigistische Auffassung zu. Dagegen müssen wir zu einigen Ideen Stellung nehmen, die mit dem Begriff der „Doppelrevolution" einhergehen.

 

Erstens die Idee, dass das Proletariat eine bürgerliche Revolution für und anstelle der Bourgeoisie ausführen könnte, ist falsch. Selbst wenn Marx solch eine Auffassung l848 vertreten konnte - eine von Lenin 1905 wieder aufgegriffene Auffassung- gibt die Geschichte kein Beispiel, in dem eine Klasse eine andere Klasse bei der Erfül­lung ihrer historischen Aufgaben ersetzen konnte. Eine Revolution ist ein Akt, bei dem eine Klasse, die zum Träger der neuen, durch die Entwicklung der Produktivkräfte notwendig gewordenen Pro­duktionsverhältnis­se geworden ist, die politische Macht über­nimmt. Nun hat die Geschichte vielfach be­wiesen, dass die revolu­tionäre Klasse die politische Macht allgemein nur ergreifen kann, nachdem die Notwendigkeit und die materiellen Bedingungen der Revolution lan­ge offenkundig geworden sind. Es handelt sich da um ein klassisches Phänomen des Hinterherhinkens des gesell­schaftlichen Überbaus im Verhältnis zu der Basis, etwas, das vom Marxismus eindeutig bewiesen wor­den ist. Insbesondere dieses Phänomen er­möglicht uns zu begreifen, warum es in der Ge­schichte der Menschheit Zeiträume der Dekadenz gegeben hat, in denen die alten Produktionsverhältnisse zu Fesseln der Ent­wick­lung der Produktivkräfte geworden wa­ren, während jedoch gleich­zeitig die als Träger der neuen Produktionsverhältnisse wirkende Klasse noch nicht genügend Macht gesammelt hatte - insbesondere politische Macht - um die alte, bestehende Gesell­schaftsordnung zu zerstören. Daraus folgt:  wenn eine Klasse ausreichend stark ist, um die politische Macht zu ergreifen, dann bedeutet das, dass die ökonomischen und sozialen Aufgaben, vor denen sie steht, gera­de darin bestehen, die Produktionsverhält­nisse zu entwickeln, deren historischer Träger sie ist. Weiterhin heißt das, dass sie nicht die Rolle der vorhergehenden his­torischen Klassen übernehmen und deren Auf­gaben erfüllen kann, die in Wirklichkeit nicht mehr auf der Tagesordnung der Ge­schichte stehen. Das Proletariat hat sich wie die Bauern und Handwerker an den bür­gerlichen Revolutionen beteiligen können, aber als stützende, verstärkende Kraft, und nie als ihre führende Kraft. Das Proletariat hat selbst eine sehr akti­ve Rolle in der Radikalisierung dieser Re­volutionen gespielt, indem es den energi­schsten Kräften der Bourgeoisie Unterstüt­zung gewährt hat. Sobald jedoch die eige­nen Klasseninteressen des Proletariats ver­treten wurden, standen diese unmittelbar den Interessen aller, einschließlich der radikalsten Fraktion der Bourgeoisie entgegen: die "Levellers" gegen Cromwell in der englischen Revolution, Babeuf gegen die Montagnards in der französischen Revolution, das Pariser Proletariat gegen die provisorische Regierung im Juni 1848.

 

Der andere Aspekt der "Doppelrevolution", auf den eingegangen werden muss, bezieht sich auf das Verständnis der Art der ökono­mischen Maßnahmen, die das Proletariat am Anfang der Revolu­tion ergreifen kann. Die Bordigisten kritisieren zurecht die trotz­kistische Auffassung, wonach die "Hil­fe für die Arbeitslosen" oder die "Eliminierung der Privateigentümer in der Groß­industrie" "sozialistische Maßlahmen seien. Gemäß den Bordigisten handelt es sich bei der Hilfe für die Arbeitslosen um nichts anderes als um "Wohlfahrtsstaats" Maßnahmen, und bei dem letztgenannten um "staatskapi­talistische" Maßnahmen, wohingegen der "ökonomische Sozialismus mit der Zerstörung des Kapitals beginnt". (Programme Communiste, Nr. 57, S.25). In dieser Hinsicht ha­ben sie den noch notwendigerweise kapita­listischen Charakter der von der proletari­schen Macht in Russland getroffenen Maßnah­men erkannt, und Sie versuchen demnach nicht, ihnen "sozialistische" Eigenschaften zuzuschreiben, im Gegensatz zu den Stalinis­ten und den Trotzkis­ten. Jedoch wird der der Bordigisten in dem folgenden Ab­schnitt zusammengefasst:

 

"In den fortgeschrittenen Ländern könnte die Diktatur des Proleta­riats versuchen, unmittel­bar einen zahlenmäßig ausgearbeiteten Produk­tionsplan aufzustellen. In den anderen Ländern würde die Diktatur des Proletariats -während sie auf die Ausdehnung der Revolution wartet- den Kapitalismus verwalten, wobei die Produktivkräfte  soweit wie möglich in den Händen des Staates zusam­mengefasst würden und wobei die Schutzmaßnahmen für die lohn­abhängige Klasse getroffen  würden, die unter den gleichen Be­dingungen nie von einer bürgerlichen Partei ergriffen werden könnten. In allen Fällen be­deutet die Machtübernahme durch das Proleta­riat nichts anderes als die erste Welle der Weltrevolution, die siegen muss oder besiegt wird; entweder löst sie andere Revo­lutionen aus, oder sie geht im Bürgerkrieg unter, oder sie entartet zu einer bürgerlichen Macht, in dem Fall, wo sie einen jungen Kapitalismus verwalten müsste." (Programme Communiste, Nr.57,  S.36)

 

 

Da haben wirs: Nur in "den Ländern, in de­nen das Proletariat einen jungen Kapitalis­mus zu leiten hat" (als ob der Kapitalismus, der insgesamt und auf Weltebene altersschwach geworden ist, irgendwo noch jung sein könn­te!)"degeneriert die Revolution zu einer bürgerlichen Macht." So ist die Revolution in Russland dege­neriert, weil sie in einem schwach industrialisierten Land isoliert geblieben ist (was Kommunistisches Programm fälschlicherweise als "jungen Kapitalismus" bezeichnet.) Wäre die Revolution dage­gen in einem hoch industrialisierten Land isoliert geblieben, wäre sie gemäß dieser Argumentationsweise nicht degeneriert und die  aufzubauenden Produktionsverhältnisse  wären auch nicht mehr kapi­talistisch gewesen. Kurzum, der Sozialismus wäre in einem Land möglich... unter der Bedingung, dass es sich um einen "alten Ka­pitalismus" handelt. Eben­so wie bei den Rätekommunisten führt die Auffassung der Bordigisten, wenn man sie bis zum Ende durchdenkt, notwendigerweise zu der stalinistischen These. Man muss also wählen zwischen Folgendem: entweder stellt in allen Fällen "die Machtübernahme durch das Proletariat nichts anderes dar als die erste Welle der Weltrevolution", oder sie ist es nur in bestimmten Fällen. Schließ­lich lässt sich der Begriff "Doppelrevo­lu­tion" in Wirklichkeit auf eine "doppelte Auffassung" zurückfüh­ren:  einmal interna­tionalistisch hier, einmal nationalistisch da!

 

In Wirklichkeit ist es so: wie immer der Entwicklungsgrad der Länder sein mag, in denen das Proletariat die Macht ergreift, es kann auf keinen Fall darauf hoffen, wirklich "sozialistische" Maß­nahmen unmittelbar nach der Machtübernahme ergreifen zu kön­nen. Es kann eine ganze Reihe von Vorkehrungen treffen — Enteignung der Privatkapitalisten, gleichen Lohn,Hilfe für die Ärmsten, freie Verfügung über bestimmte Konsumgüter-, welche sich auf sozialistische Maßnahmen hinbewegen, die aber als solche leicht vom Kapitalismus wieder für sich gewonnen werden können. Solange wie die Revolution in einem Land oder in einer be­schränkten Anzahl von Ländern isoliert bleibt, wird die Wirt­schaftspolitik, die von der Revolution durchgeführt werden kann, zu einem Großteil von den Wirtschaftsbeziehungen bestimmt, die dieses Land oder diese Länder mit dem Rest der kapitalistischen Welt aufrechterhalten müssen. Und diese Beziehungen können nur Handelsbeziehungen sein, d.h. das Gebiet, in dem das Proletariat die Macht ergriffen hat, muss auf dem Weltmarkt einen Teil seiner-. Produkte verkaufen, um in der Lage zu sein, auf diesem Markt all die Güter zu erwer­ben, die das Proletariat selber nicht her­stellt, die aber dennoch unbedingt notwen­dig sind. Von daher bleibt die gesamte Wirtschaft dieses Gebietes stark von der Notwendigkeit geprägt, Waren zum niedrig­sten Preis zu produzieren, um für diese Käufer zu finden angesichts der Konkurrenz der Waren, die in den Ländern hergestellt werden, in denen das Proletariat die Macht noch nicht ergriffen hat. Das bedeutet, dass diese Wirtschaft noch dem Konsum der arbeitenden Massen Beschränkungen aufer­legen muss, nicht nur um die zukünftige Entwicklung der Produktivkräfte sicherzu­stellen, - eine unlabdingbare Bedingung für den Kommu­nismus - sondern auch ganz nüch­tern ausgedrückt, um einen Mehrwert zu er­arbeiten, der auf dem Weltmarkt realisiert werden kann, und um auf diesem die Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren. Es ist offen­sichtlich, dass die Arbeiteracht eine größtmögliche Anzahl von Vorkehrungen ge­gen die korrumpier enden Auswir­kungen tref­fen muss, die diese typisch kapitalisti­schen Praktiken unvermeidlich in dem Macht­bereich und in den Institutionen der Macht der Arbeiter hervorbringen. Aber es ist ebenso offensicht­lich, dass das Fortbe­stehen dieser Praktiken, in dem Falle der an­dauernden Isolierung der Revolution, nur zum Sturz der Macht der Arbeiter selber führen kann. Und was für den streng be­grenzten Bereich der Ökonomie zutrifft, gilt ebenfalls für den militärischen Be­reich. Isoliert dastehend, wird die Revo­lution dazu gezwungen, sich gegenüber den Angriffen des Kapitalismus, der die Revolu­tion zerschlagen will, zur Wehr setzen. Das bedeutet, dass in dem Ge­biet, wo das Prole­tariat die Macht ergriffen hat, eine ganze Reihe von Maßnahmen, die für die kapitalis­tische Gesellschaft typisch sind, aufrecht­erhalten bleiben: Waffenproduktion - was den Kon­sum der Arbeiter und die Entwick­lungsmöglichkeiten der mate­riellen Bedin­gungen des Kommunismus belastet -, das Be­stehen einer Armee, die selbst als "Rote Armee" weiterhin eine Institution bleibt, die das gleiche Wesen wie im Kapitalismus hat: eine Ma­schinerie, die dazu bestimmt ist, auf organisierte und systematische Weise Mord und Zwang zu verewigen. Das un­terstreicht erneut die schwerwiegende Trag­weite der Bedrohungen, die solche Notwen­digkeiten auf die Arbeitermacht ausüben. Und all dies trifft ebenso auf die fortge­schrittenen als auch auf die rückständigen Länder zu. In Wirklichkeit ist ein hoch industrialisiertes Land gar noch abhän­giger vom kapitalistischen Weltmarkt als die an­deren Länder, und der Gedanke ist nicht ab­surd, dass in einem Land wie in Deutsch­land die isoliert dastehende Revolution noch schneller zerschlagen worden oder degene­riert wäre als in Russland. Es ist also nicht nur die Rückständigkeit Russlands, die den kapitalistischen Charakter der wirtschaftlichen Maßnahmen erklärt, die in den ersten Jahren der Sowjetmacht durchgeführt wurden. Wenn man die Maßnah­men, die in Deutschland im Falle eines proletarischen Sieges durchgeführt worden wären untersucht, findet man eine große Ähnlichkeit:

 

"1. Konfiskation aller dynastischen Vermögen und Einkünfte für die Allgemeinheit;

 

2. Annullierung der Staats- und anderer öffentlichen Schulden sowie sämtlicher Kriegs­anleihen, ausgenommen Zeichnungen von einer bestimmten Höhe an, die durch den Zentralrat der A(rbeiter)- und S(oldaten)-Räte festzu­setzen ist)

 

3. Enteignung des Grund und Bodens aller landwirtschaftlichen Groß- und Mittelbetrie­be, Bildung sozialistischer landwirtschaft­licher Genossenschaften unter einheitlicher zentraler Leitung im ganzen Reiche, bäuerliche Kleinbetriebe bleiben im Besitze ihrer Inhaber bis zu deren freiwilligem Anschluss an die sozialistischen Genossenschaften;

 

4. Enteignung aller Banken, Bergwerke, Hüt­ten sowie aller Großbetriebe in Industrie und Handel durch die Räterepublik.

 

5. Konfiskation aller Vermögen von einer bestimmten Hohe an, die durch den Zentralrat festzusetzen ist;

 

6. Übernahme des gesamten öffentlichen Ver­kehrswesens durch die Räterepublik.

 

7. Wahl von Betriebsräten in allen Betrieben, die im Einverneh­men mit den Arbeiterraten die inneren Angelegenheiten der Be­triebe zu ordnen, die Arbeitsverhältnisse zu regeln, die Produktion zu kontrollieren und schließ­lich die Betriebsleitung zu übernehmen haben." ("Was will der Spartakusbund?" l4.12.l8, in Rosa Luxem­burg, Gesammelte Werke, Bd.4, S.449)

 

Der große Fehler der Bordigisten liegt da­rin, davon auszugehen, dass die Welt in verschiedene geoökonomische“ Gebiete aufge­teilt sei: solche, in denen der Kapitalismus reif und gar altersschwach geworden ist und solche, in denen der Kapitalismus "jung" oder "jugendlich" ist. Unfähig zu begreifen, dass der Kapitalismus auf Weltebene (das er­ste Weltsystem in der Geschichte) eine auf­stei­gende Phase durchlaufen hat, und seit 19l4 in seine dekadente Phase eingetreten ist, sind die Bordigisten ebenso unfähig zu be­greifen, dass seit 19l4 die Aufgaben des Proletariats in allen Ge­bieten der Welt die gleichen sind: den Kapitalismus zu zerstören und neue Produktionsverhältnisse aufzubauen. Für die Bordigisten gibt es einerseits Län­der, in denen die "reine“, proletarische Revo­lution auf der Tagesordnung der Geschichte steht, und andererseits Länder, wo die "Dop­pelrevolution" auf der Tagesordnung steht. Solch ein Schema beinhaltet:

 

- einerseits werden die Aufgaben des Prole­tariats innerhalb eines Prozesses der sozia­listischen Umwälzung der Gesellschaft ge­mäß den verschiedenen Gebieten als unter­schiedlich aufgefasst d.h. die fortgeschrit­tenen Länder können sofort sozialistische Maßnahmen ergreifen, wohingegen die rück­ständigen Länder sich vorerst noch der ka­pitalistischen Entwicklung der Bedingungen der Vergesell­schaftung widmen können. Andererseits wird dem Proletariat und den Revolutionären als unmittelbare Aufgabe vorgegeben, die verschiedensten so genannten "nationalen Befreiungskämpfe" zu unterstützen, die dazu dienen sollen, die Grundlagen eines "ju­gendlichen" Kapitalismus in jenen Län­dern zu schaffen.

 

Was die letztgenannte Idee der bordigistischen Auffassung betrifft, konnte man in letzter Zeit feststellen, zu welchen Verir­rungen diese führt:

 

zur Rechtfertigung der von den Roten Khmer an der kambodscha­nischen Bevölkerung ausgeübten Massaker, die als Ausdruck des "radikalen Jakobinertums" ge­wertet werden, weiterhin zur Teil­nahme an den stalinistischen und trotzkistischen Chören mit der Mandelschön Variante, um "Che Guevara" zu rühmen, der als lebendiges Symbol der "demokratischen, antiimperialistischen Revolution... von den Yankee-Impe­rialisten und ihren lateinameri­kanischen Lakaien  feige umgebracht worden ist". (P.C., Nr.75, S.5l) Ebenso führte es zu allen möglichen mehr oder weniger "kriti­schen" Stellungnahmen zugunsten diesen oder jenen Teilnehmers an den augenblick­lichen interimperialistischen Konflikten. (Vietnam, Angola, Mozambique, usw.)

Was den erstgenannten Punkt angeht, drückt er die absurde und von der Bourgeoisie ge­prägten Idee aus, dass das Proletariat ei­nes jeden Landes, sobald es die Macht über­nommen hat, seine "eigenen Angelegenheiten in seiner Ecke regeln muss". In Wirklichkeit ist es die Gesamtheit des Weltproletariats die die Gesamtheit der ökono­mischen Probleme in Angriff nimmt, die sich in den ver­schiedenen Gebieten der Erde stellen. Diese Probleme sind durch die doppelte Aufgabe, die sich das Proletariat gleichzeitig stellt, bestimmt: die Produktivkräfte voranzutrei­ben, insbesondere in den rückständigen Ge­bieten, und die Produktionsverhältnisse in zunehmend Maße zum Kommunismus hin zu entwickeln.

 

Sobald das Proletariat die Macht auf Weltebene

 

Übernommen hat, hat es somit nirgendwo auf der Welt kapitalisti­sche Aufgaben zu erfüllen. Innerhalb des Rahmens der sozialisti­schen Umwälzung der Gesell­schaft arbeitet das Proletariat an der Ent­wicklung der Produktivkräfte, die durch die historische Deka­denz der kapitalisti­schen Produktionsweise zur Stagnation ver­dammt sind. Innerhalb dieses  Rahmens muss das Proletariat die Überreste der vorkapi­talistischen Gesellschaft auslöschen, die der Kapitalismus nicht integrieren konnte. Dies geschieht mittels der Verbreitung der am weitesten entwickelten produktiven Tech­niken und mittels der Integration des enorm großen Sektors der hand­werklichen und bäuer­lichen Kleinproduzenten - die heute noch die übergroße Mehrheit der Weltbevölkerung stel­len - in die assoziierte Produktion des ver­gesellschafteten Sektors. Und diese Aufga­be muss nicht nur in den rückständigen Län­dern durchgeführt wanden, sondern auch in einer ganzen Reihe von fortgeschrittenen Ländern wie Japan, Frankreich, Spanien oder Italien, wo Millionen von Kleinbesitzern oder Arbeitern, die immer noch in dem Feu­dalismus nahe stehenden Agrarstrukturen eingegliedert sind, weiterhin beste­hen. Warum sprechen die Bordigisten nicht von einer "Doppelre­volution" für diese Länder? So stellen sie einerseits dem Proletariat in den fortgeschrittenen Ländern, indem es noch isoliert bleibt, viel zu ehrgeizige Aufgaben, und andererseits ordnen sie dem Welt­proletariat, sobald dieses überall die Macht ergriffen hat, Aufgaben zu, die weit hinter den historischen Notwendigkeiten zu­rückblei­ben, wie z.B. in einigen Ländern die Entwicklung eines Kapitalis­mus, der überall am Ende seiner Kräfte ist. Wir haben also im ersten Teil dieses Arti­kels gesehen, wie die Rätekommunisten, nach­dem sie die Errungenschaften der Oktoberre­volution begrüßt hatten, sich mit den So­zialdemokraten und Anarchisten in den Chor der Verurteilung dieser Revolution einrei­hen. Wir haben weiter gesehen, dass die Bordigisten sich zu ihrem unnachgiebigen Ver­teidiger machen. Sie verstehen zwar im Ge­gensatz zu den Räte­kommunisten den Vorrang der politischen über die ökonomischen As­pekte, was sich in dem folgenden Satz klar ausdrückt:

 

„Die Oktoberrevolution darf an erster Stelle nicht unter dem Blickwinkel der unmittelba­ren Umwälzungen der Produktionsfor­men und der Wirtschaftsstruktur verstanden werden, sondern als eine Phase des internationalen politischen Kampfes des Proletari­ats." (Programme Communiste, Nr. 68, S.20)

 

Aber leider erweisen sie sich als unfähig, die menschewistische Behauptung, die spä­ter von den Rätekommunisten wieder aufge­griffen wurde, zurückzuweisen. Im Gegenteil:

 

aufgrund eines religiösen Treueverhältnisses zu den Analysen Lenins (insbesondere über die nationale Frage, in der eine mehr als 50-jährige Erfahrung den fehlerhaften Charak­ter dieser Analyse bewiesen hat) zeigen sie sich als unfähig, die grundlegenden Bei­träge Lenins und der Bolschewisten und die Bedeutung der Erfah­rung der Oktoberre­volution für das proletarische Programm zu begreifen. Die Oktoberrevolution muss sich deshalb nicht nur den Verleumdungen der Bourgeoisie oder deren Versuche, sie für sich zu "verwerten", unterziehen, sondern auch abgesehen von den absurden Verurtei­lungen durch die Rätekommunisten, der gut ­gemeinten aber vernichtenden Analyse, die von ihren eifrigsten Verteidigern, den Bordigisten, vorgebracht wird.

 

Wesen und Rolle der Bolschewistischen  Partei

Eine Verteidigung des proletarischen Cha­rakters der Oktoberrevo­lution wäre unvoll­ständig, wenn sie sich nicht mit dem Wesen der bolschewistischen Partei als einem der Hauptträger der Revolution befassen würde. Genauso was den Klassencharakter der Revo­lution selber angeht, bestanden innerhalb aller damaligen revolutionären Strömungen keine Zweifel über den Klassencharakter dieser Partei. Die Idee einer nicht-prole­tarischen, bolschewistischen Partei ent­wickelte sich anders als bei Kautsky und der Sozialdemokratie - erst später. Die rätekommunistischen "Thesen über den Bolsche­wismus" sind ziemlich deutlich in dieser Hinsicht:

 

"Der Bolschewismus ist in Prinzip, Taktik und Organisation eine Bewegung und Methode der bürgerlichen  Revolution in einem vor­wiegenden Bauernlande..." (These 66)   (3)

 

Obgleich die Thesen an anderer Stelle widersprüchlich sind:

 

"Vor allem ist die Bewegung der russischen Sozialdemokratie  in ihrer berufsrevolutio­nären Führerschicht  eine revolutionärklein­bürgerliche Partei." (These l6)

 

 

Ob bürgerlich, kleinbürgerlich oder "staatskapitalistisch" , stimmen die verschiedenen Versionen der rätekommunistischen Betrach­tungsweisen in einem Punkt überein: jeglichen proletarischen Charakter der bolschewisti­schen Partei zu leugnen. Bevor wir fortfah­ren und die Gründe aufdecken, die hinter dieser Analyse stecken, ist es notwendig, einige elementare Gesichtspunkte der Ur­sprünge und der Einstellungen der Bolschewisten, sowie die von ihnen geführten Kämp­fe in Erinnerung zu rufen, und insbesondere herauszustellen, gegen wen diese Kämpfe ge­richtet waren.

 

Der Bolschewismus entstand als eine marxis­tische Strömung, als ein integrierter Be­standteil der russischen Sozialdemokratie, die als solche oder innerhalb der russi­schen Sozialdemokratie folgendes bekämpfte

 

1.) gegen die Volkstümler und den Agrarsozialismus,

 

2.) gegen den Terror als eine Kampfmethode, anstelle dessen ver­teidigten sie den Mas­senkampf der Arbeiterklasse,

 

3.) gegen den legalistischen Marxismus und die Verteidiger des russischen Liberalismus,

 

4.) gegen den ouvrieristischen Ökonomismus, der den proletari­schen Kampf einzig auf  ökonomische Forderungen innerhalb des Kapi­talismus reduzierte, um diesem den globa­len, politischen Kampf der Arbeiterklasse entgegenzustellen, und die historischen Aufgaben der Arbeiterklasse hochzuhalten,

 

5.) gegen den Intellektualismus, gegen die Intelligentia, gegen die unsicheren und dilettantenhaften Mitläufer der Arbeiterbewe­gung, anstelle dessen traten sie ein für die  Idee des militanten Engage­ments der Revolutionäre innerhalb der Klasse,

 

6.) gegen den Menschewismus und seine unterstützende Funktion gegenüber der Bourgeoisie in Gestalt des "Marxismus"

 

in der Revolution von 1905,

 

7.) gegen die "Liquidatoren", die nach der Revolution von 1905 und ihrer Niederschla­gung anfingen, die Notwendigkeit der poli­tischen Organisation des Proletariats zu leugnen.

 

8.) gegen die Verteidiger des imperialisti­schen Krieges, für einen wahren Internatio­nalismus, der sich klar von dem humanisti­schen Pazifismus abhob,

 

9.) gegen die provisorische Regierung, die aus der Februarrevolu­tion von 1917 hervor­ging, gegen irgendeine "kritische oder be­dingte Unterstützung" für die Regierung, und für den Schlachtrufs:

 

"Alle Macht den Räten!".

 

Diese Punkte ermöglichen uns, schon ein ge­naueres Bild der bol­schewistischen Partei zu haben, als das von den Rätekommunisten vorgegebene. Tatsächlich befand sich die bolschewistische Frak­tion immer auf der Seite der Arbeiterklasse. Dies gilt beson­ders für die Revolution 1905,die die russi­sche Gesellschaft erschütterte. Die Bolschewisten spielten darin eine aktive Rolle:

 

- im Kampf für die Zerstörung des zaristi­schen

 

  Systems,

 

- in den Sowjets, an der Seite der Arbeiter,

 

- in dem Aufstand, gegen die Menschewiki, die sich

 

  gegen die Bewaffnung der Arbeiter aussprachen.

 

Sicher ist die Analyse der Bolschewiki über 1905

 

(die sie als eine bürgerliche Revolution betrachteten) falsch. Aber ihre Analyse war eine genaue Kopie der Marxschen Hal­tung zum Verlauf der bürgerlichen Revolu­tion in Deutschland l848: sie be­tonten die aktive und autonome, selbständige Rolle des Proletariats in der Revolution, anstatt es aufzurufen, sich ans Schlepptau der Bourgeoi­sie zu hängen. Das ist der Punkt, der eine Klassengrenze darstellt, und nicht das Be­greifen der Tatsache, dass von da an keine bürgerliche Revolution mehr möglich war. Die Analyse der Bolschewisten hinkte hinter der Realität her. Aber da man sich damals an einem Wendepunkt zwischen zwei Epochen befand, war sich 1905 niemand bewusst, dass man am Vorabend einer histori­schen Krise des Kapitalismus stand, seinem Eintritt in die kapita­listische Niedergangsphase. Erst 1910-11 warf Rosa Luxemburg die Frage eines Wan­dels der historischen Perspektive auf.

 

Die Aktivitäten und die Positionen der Bol­schewisten richteten sich nicht nur auf die in Russland aufgeworfenen Probleme. Zusammen mit der ganzen russischen Sozialdemokratie waren sie ein tragender Bestandteil der II. Internationalen, innerhalb derer sie bei allen großen Debatten dem linken Flügel an­gehörten. Sie sprachen sich gegen den Re­formismus, gegen den Revisionismus, den Kolonia­lismus aus. Insbesondere gehörten sie zur Vorhut im Kampf für den Internatio­nalismus.

 

1907, auf dem Kongress in Stuttgart, unter­zeichnete Lenin mit Rosa Luxemburg einen (später angenommenen) Ergänzungsent­wurf, der eine etwas zaghafte Resolution über den Krieg präzisierte und der als Grundlage für die Haltung der Internationalisten 1914 diente:

 

"Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht der Sozialdemokratie, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeige­führte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Be­seitigung der kapitalisti­schen Klassenherr­schaft zu beschleunigen." (R. Luxemburg, Ges. Werke, Bd.4, S. 130).

 

1912, auf dem außerordentlichen Kongress in Basel, wo das Prob­lem der Möglichkeit und der Bedrohung durch den imperialisti­schen Krieg gestellt wurde, rief die gesamte Lin­ke zu der revoluti­onären Haltung auf, sich der nationalen Verteidigung entgegenzu­stellen und für den proletarischen Internationalismus einzutreten.

 

1914. waren die Bolschewisten die ersten, die nach dem Zusam­menbruch der II. Interna­tionalen wieder zu Kräften gelangten. Sie waren die ersten, die das Kampfwort vorbrach­ten, welches den Sinn der Stuttgarter und der Baseler Resolutionen in die Praxis umsetzte: "den imperialistischen Krieg in ei­nen Bürgerkrieg ver­wandeln!". Sie begriffen als erste die Notwendigkeit, nicht nur mit den sozialdemokroatischen Chauvinisten zu brechen, sondern auch mit den "Zentristen" a la Kautsky. Sie waren die ersten, die die Notwendigkeit einer neuen - vom Ballast der Opportunisten, die die II.In­ternationale verraten hatten, - befreiten Internationale erkannt hatten, die die Vor­bereitung auf die sozialistische Revolution zu ihrer unmittelbaren Aufgabe machen sollte.

 

1915,auf der Zimmerwalder Konferenz(5.-8.September) standen Lenin und die Bolsche­wisten an der Spitze der Linken, deren von Radek  formulierter und von Lenin verbesser­ter Antrag aussagte;

 

"Ohne Verbindung mit dem revolutionären Klassenkampf des Proletariats ist der Kampf für den Frieden nur eine pazifistische Phrase sentimentaler oder das Volk betrügender Bour­geois"(Lenin, Werke, Band 21, S. 379, aus "An  die Internationale Sozialistische Kommission“).

 

Dieser Antrag wurde ohne Diskussion verwor­fen, und schließlich schloss sich die Linke (8 von 38 Delegierten) dem von Trotzki ge­schriebenen Manifest an (Trotzki war der Initiator des "Zentrums", dem damals eben­so die beiden Delegierten des Spartakus noch angehörten). Gleichzeitig äußerte die Linke jedoch die größten Vorbehalte gegen­über diesem Manifest: "ein inkonsequentes und ängstliches Manifest" (Artikel des "So­zialdemokrat“ vom 11.10.1915 mit der Über­schrift "der Erste Schritt"). Um die eige­nen Positionen verteidigen zu können, eröff­nete die Linke ein "Ständi­ges Büro der Zimmerwalder  Linken", das neben der "Kommis­sion der Sozialistischen Internationalen" existierte. Dieses ständige Büro wurde gleichfalls hauptsächlich von den Bolschewisten getragen.

 

1916, auf der Kienthaler  Konferenz (24.4.) standen die Bolsche­wisten erneut an der Spitze der Linken, deren Position sich ver­stärkt hatte (12 von 43 Delegierten), hauptsächlich weil die Spar­takisten sich den Linken angeschlossen hatten. Dies bes­tätigt die Richtigkeit der von den Linken auf der Zimmerwalderb Konfe­renz eingenomme­nen Haltung.

 

L917 wurde die Vorbereitung der Oktoberre­volution von Lenin direkt mit dem Kampf ge­gen den imperialistischen Krieg und für den proletarischen Internationalismus verbunden:

 

" Man kann nicht aus dem imperialistischen Krieg herausspringen, man kann einen demo­kratischen, nicht auf Gewalt basierenden Frieden nicht erzielen ohne den Sturz der Herrschaft des Kapitals, ohne den Übergang der Staatsmacht an eine andere Klasse, an das Proletariat..."

 

" Die internationalen Pflichten der Arbei­terklasse Russlands treten gerade jetzt  mit besonderem Nachdruck in den Vordergrund."

 

" Es gibt nur einen wirklichen Internatio­nalismus: die hingebungs­volle  Arbeit an der Entwicklung der revolutionären Bewegung und des revolutionären Kampfes im eigenen Lande, die Unterstützung (durch Propaganda, durch moralische und materielle Hilfe) eben eines solchen Kampfes, eben einer solchen Linie und nur einer solchen allein, in aus­nahmslos allen Ländern." (Aus "Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution", April 1917, Lenin, in Gesammelte Werke,Bd.2, S. 60, 67, 68).

 

" Dem russischen Proletariat wurde die große Ehre zuteil, zu be­ginnen, es darf aber nicht vergessen, dass seine Bewegung und sei­ne Revolution nur ein Teil der internatio­nalen, revolutionären, proletarischen Bewe­gung sind, die, wie zum Beispiel in Deutsch­land, von Tag zu Tag stärker und stärker wird. Nur unter diesem Gesichtswinkel kön­nen wir unsere Aufgaben bestimmen." (Eröff­nungsrede zur 7. Gesamtrussischen Konferenz des SDAPR, April 1917).

 

Im März 1919 wurde die Kommunistische Inter­nationale in Mos­kau gegründet, deren Haupt­aufgabe in dem Namen, den sie sich gegeben hatte, zusammengefasst ist: "Weltpartei der Kommunisti­schen Revolution". Dies war der Höhepunkt der von den Bolsche­wisten seit Zimmerwald geleisteten Arbeit. Es war die bolschewis­tische Partei (die zur "Kommunis­tischen Partei Russlands" gewor­den war), die den Kongress einberief; es waren zwei Bolsche­wiki, Lenin und Trotzki, die die zwei Haupt­texte schrieben: "Thesen und Referat über bürgerliche Demokratie und Diktatur des Pro­letariats" und das "Manifest". Und nicht nur weil die Revolution in Russland stattfand, zählten zwei Mitglieder des Exekutivkomitees der Ko­mintern (Lenin und Sinowjew) schon zu den 3 Mitgliedern des "Ständigen Büros der Zimmerwalder  Linken". Dies war vielmehr ein Ausdruck des standfesten Internationalismus, für welchen die Bolschewiki eingetreten wa­ren, bevor das Zurückweichen der Revolution sie in das Lager des Feindes riss. So handel­ten die Bolschewiki inmitten der Erschütte­rungen des kapitalistischen Systems am An­fang des Jahrhunderts. Und dennoch gibt es immer noch Revolutionäre, die behaupten, es habe sich um eine bürgerli­che Strömung ge­handelt.  Untersuchen wir ihre Argumente.

 

l) DER"SUBSTITUTIONISMUS"DER BOLSCHEWIKI

 

"Das tragende Prinzip der Politik des Bol­schewismus ist jakobi­nisch: Machtergreifung und Machtausübung durch die Organisa­tion." "Als Führerbewegung der jakobinischen Dik­tatur hat der Bolschewismus in allen seinen Phasen konsequent den Gedanken der Selbstbestimmung der Arbeiterklasse bekämpft und die Unter­werfung des Proletariats unter die bürokratisierte Organisation verlangt." ("Thesen über den Bolschewismus" 21 und 42)

 

Bevor wir fortfahren, wollen wir Lenin zi­tieren, um einiges richtig zu stellen:

 

„Wir sind keine Utopisten. Wir wissen: Nicht je­der ungelernte Arbeiter und jede Köchin sind imstande, sofort an der Verwaltung des Staates mitzuwirken. Darin stimmen wir sowohl mit den Ka­detten als auch mit der Breschkowsjkaja  und mit Zereteli  überein. Wir unterscheiden uns jedoch von diesen Bürgern dadurch, dass wir den sofortigen Bruch mit dem Vorurteil verlangen, als ob nur Reiche oder aus reichen Familien stammende Beamte imstande wären, den Staat zu verwalten, gewohnheitsmäßige, tägliche Ver­waltungsarbeit zu leisten. Wir verlangen, dass die Ausbildung für die Staatsverwaltung von klassenbewussten  Arbeitern und Soldaten besorgt und dass sie unverzüglich  in Angriff genommen werden, d.h. dass unverzüglich begonnen werde, alle Werktätigen, die ganze arme Bevölkerung, in diese Ausbildung einzubeziehen«.. Selbstverständlich sind bei den ersten Schrit­ten dieses neuen Appa­rats Fehler nicht zu ver­meiden. ..Kann  es denn einen anderen Weg geben, um das Volk zu lehren, sich selbst  zu regieren, um Fehler zu überwinden, als den Weg der Praxis, als den sofortigen Über­gang zu einer wirk­lichen  Selbstverwaltung des Volkes?... Die Hauptsache ist, den Unterdrückten und Werk­tätigen Vertrauen in ihre eigenen Kräfte ein­zuflößen, ihnen in der Praxis zu zeigen, dass sie selbst die richtige, aufs strengste gere­gelte, organisierte Ver­teilung des Brotes, aller Nahrungsmittel, der Milch, der Kleidung, der Wohnungen usw. im Interesse der Armen in die Hand nehmen können und müssen... Nimmt man hingegen gewissenhaft, kühn und allerorts die Übergabe des Verwaltungswesens in die Hände der Proletarier und Halbproletarier in Angriff, so wird das einem in der Geschichte beispiellosen revolutionären Enthusiasmus in den Massen wec­ken und die Kräfte des Volkes im Kampf gegen das Elend derart vervielfachen, dass vieles von dem, was unsere alten, bürokratischen Kräften unmöglich erscheint, sich als durch führ­bar erweisen wird für die Kräfte der Millionenmasse, die beginnt, für sich selbst zu arbeiten, die  nicht für den Kapitalisten, nicht für das Herrensöhnchen, nicht für den Bürokraten, nicht unter Zwang  arbeitet." (Lenin, Gesammelte Werke, Band II, S. 470) zitiert aus: "Werden die Bolschewiki die Staatsmacht 

 

 behaupten ?")

 

So drückte sich Lenin, der "Jakobiner" aus! "Aber", werden man­che sagen, "dies war vor der Oktoberrevolution. Diese Sprache war reine Demagogie, und sie hatte keinen ande­ren Zweck als das Vertrauen der Massen zu gewinnen, um die Macht besser anstelle der Massen übernehmen zu können. Nachher hat sich das alles geändert! 

 

Also, sehen wir mal nach, was Lenin-"Robespierre" nach der Ok­toberrevolution sagte:

 

" Mag die korrupte bürgerliche Presse jeden Fehler, den unsere Revolution begeht, in die Welt hinausposaunen. Wir fürchten un­sere Fehler nicht. Mit Beginn der Revolution sind die Menschen nicht zu Heiligen gewor­den. Makel- und fehlerlos die Revolution zu Ende zu führen, das können die werktätigen Klassen nicht, die Jahrhunderte hindurch ausgebeutet, gewaltsam niedergehalten und in den Schraubstock der Not, der Unwissen­heit und der Verwilde­rung gepresst wurden... Auf  je hundert unserer Fehler, von denen die Bourgeoisie und ihre Speichellecker (unsere Menschewiki und die Rechtssozialrevolutio­näre darunter) in die Welt hinausschreien, kommen zehntausend Heldenakte, die um so größer und um so heldenhafter sind, da sie einfach und unscheinbar sind, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen Dorfes abspielen und von Menschen vollbracht werden, die nicht gewohnt sind (und auch keine Mög­lichkeit dazu haben), jeden ihrer Erfolge in die Welt hinauszutrompeten.

 

Aber wenn auch das Gegenteil der Fall wäre,...wenn  selbst auf hundert unserer richti­gen Schritte zehntausend Fehler entfielen, ja, auch dann noch wäre unsere Revolution groß und unbesiegbar; und sie wird auch vor der Weltgeschichte groß und unbesiegt dastehen, denn zum ersten Mal geschieht es, dass nicht die Mino­rität, nicht die Reichen und Gebildeten, sondern die wirklichen Volksmassen, die ungeheure Majorität der Werktätigen selbst, ein neues Leben aufbauen, selbst, aus EIGENER ERFAHRUNG, über die schwierigsten Fragen sozialistischer Organisation entschei­den.

 

 

Ein jeder Fehler in dieser Arbeit, in dieser gewissenhaftesten und aufrichtigsten Mitwir­kung von zehn Millionen einfacher Arbeiter und Bauern an der Neugestaltung ihres ganzen Lebens -, ein jeder solcher Fehler wiegt Tau­sende und Millionen "fehlerloser" Erfolge der ausbeutenden Minorität auf... denn nur an die­sen Fehlern werden die Arbeiter und die Bauern lernen,

 

 

 

das  neue Leben aufzubauen, wer­den lernen, ohne die Kapitalisten auszukommen; nur so werden sie sich den Weg, durch tausend Hindernisse hindurch, zum siegreichen Sozialismus bahnen." (Le­nin, in "Brief an die amerikanischen Arbeiter", 20.August 19l8, in "Die Kommunistische Internationale", Nr. 31-32,'Seite 53).

 

Dieses Zitat schwächt ein wenig das Bild ab, das oft von Lenin vermittelt wird, wonach er als höhnisches Schreckgespenst darge­stellt wird, nur um seine diktatorische Macht und die "pausenlose Bekämpfung der Idee dar Selbstbestimmung der Arbeiterklasse" besorgt. Man könnte Dutzende von anderen Texten aus den Jahren 1917, 19l8, 1919 zitieren, die die gleiche Idee ausdrücken. Wahr­haftig trifft es jedoch zu, dass Lenin und die Bolschewisten eine falsche, von der bürgerlichen Revolution herrührende Auffassung vertrat: die Übernahme der politischen Macht durch das Proletariat bestünde in der Machtübernahme durch die Partei. Aber diese Auffassung wurde vertreten von allen Strömungen der II. In­ternati­onalen - den Linken eingeschlossen. Gerade die Erfahrung der Revolution in Russ­land und ihre Degenerierung ermöglichte es, den grundlegenden Unterschied zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Revolu­tion hinsichtlich dieser Frage zu begreifen. Bis zum Ende ihres Lebens im Januar 1919 vertrat beispielsweise Rosa Luxemburg, de­ren Differenzen mit den Bolschewisten über die Organisationsfrage bekannt sind, die gleiche falsche Auffas­sung: "Der Spartakus­bund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideu­tigen Willen der großen Mehrheit der prole­tarischen Masse."("Was will der Sparta­kus­bund?" in Gesammelte Werke, Bd.4, S. 450).

 

Muss man daraus schließen, das Rosa Luxemburg selbst eine "bür­gerliche Jakobinerin" war? Für welche Art "bürgerliche Revolu­tion" kämpften sie und die Spartakisten im indus­trialisierten Deutschland des Jahres 1919? Vertrat sie vielleicht diese Position, weil sie vorher eine Führerin der SDKP (Sozial­demokratie des Königreiches Polen) gewesen war, die auch in den polnischen und litau­ischen Provinzen des zaristischen Russlands aktiv war, in denen nur eine "bürgerliche Revolution auf der Tagesordnung der Geschich­te stand"? So lächerlich dies klingen mag, gleicht es dem Argument, nach welchem Lenin, der die meiste Zeit seines Lebens als Mili­tant in Deutschland, der Schweiz, England und Frankreich verbracht hatte (d.h. in den damals am weitesten entwickelten Ländern), als ein "reines Produkt des Bodens Russlands" und der bürgerlichen Revolution, die die Gesellschaft dieses Landes erzeugt hätte, dargestellt wird.

 

2) DIE AGRARFRAGE

 

"Sie (die Bolschewiken) drückten in ihrer Agrar-Praxis und ihren Bauernlosungen (Friede und Land) vollkommen das Interesse der um Sicherung von Kleinprivatbesitz, also auf kapitalistischer Linie kämpfenden Bauern aus und waren so in der Agrarfrage rückhalt­los Verfechter des kleinkapitalistischen, also nicht des sozialistisch-proletarischen Interesses gegen den feudalen und kapitalis­tischen Großgrundbesitz." (Thesen... Nr.46).

 

Hier müssen wir erneut den wirklichen Sach­verhalt richtig stellen.

 

 

Wenn die Bolschwisten in dieser Frage Fehler begangen ha­ben, müssen wir ihre wirklichen Positionen kritisieren, so wie es Rosa Luxemburg in ihrer Schrift "Die Russische Revolution" getan hat, und nicht eine zum Zwecke der Beweisführung eines Arguments erfundene Po­sition kritisieren. Das Folgende steht in dem "Dekret über Grund und Boden", ein von Lenin eingebrachter Antrag, der auf dem 2. Gesamtrussischen Sowjetkongress genau an dem Tag des Oktoberaufstandes angenommen wurde:

 

„Das Privateigentum an Grund und Boden wird für immer aufge­hoben, der Boden darf weder verkauft noch gekauft, weder in Pacht gegeben noch ver­pfändet, noch auf irgendeine andere Weise ver­äußert werden. Der gesamte Boden: die Staatsapanage-, Kabinetts-, Kloster-, Kirchenland usw. wird entschädigungslos enteignet, zum Gemein­eigentum des Volkes erklärt und allen, die ihn bear­beiten, zur Nutzung übergeben. ... Lände­reien mit hoch entwickelten Wirtschaften: Gärten, Plantagen,  Pflanzschulen, Baumschulen, Gewächshäuser usw., unterliegen nicht der Auf­teilung, sondern werden in Musterwirtschaften umgewandelt und je nach ihrer Größe und Bedeu­tung dem Staat oder den Gemeinden zur aus­schließlichen Nutzung übergeben." (Gesammelte Werke, Band II, S. 536, Abschnitt über "Bäuerlicher Wählerauftrag zur Boden­frage")

 

Dies unterscheidet sich vollkommen von der "Verteidigung ei­nes kleinen Privatbesitzes auf der Grundlage kapitalistischer In­teres­sen". Diese sind "für immer abgeschafft".

 

Die Verordnungen dieses Dekrets werden außerdem im "imperati­ven Bauernmandat zur Frage des Bodens" wortwörtlich übernom­men, der im August 1917 auf der Grundlage von 242 lokalen Bau­ernmandaten aufgesetzt wurde. In seinem Bericht liefert Lenin dafür eine Erklärung:

 

"Hier werden Stimmen laut, das  Dekret selbst und der Wählerauf­trag seien von den Sozialre­volutionären abgefasst worden. Sei's drum. Es ist einerlei, von wem sie abgefasst worden sind; als de­mokratische Regierung können wir einen Beschluss der Volksmas­sen nicht umgehen, selbst wenn wir mit ihm nicht einverstanden wären. Wenn die Bauern das Dekret in der Pra­xis anwenden und an Ort und Stelle durch­führen, so werden sie in der lebendigen Wirk­lichkeit selbst erkennen,

 

wo die Wahrheit liegt... Das Leben ist der beste Lehrmeister, es wird sich zeigen, wer recht hat; mögen die Bauern an die Lösung dieser Frage von dem ei­nen Ende herangehen und wir von dem anderen. (ebenda, S. 537)

 

Die Position der Bolschewisten war eindeu­tig: falls sie den Bauern Zugeständnisse machten, dann deshalb, weil sie ihnen ihr Pro­gramm nicht aufzwingen wollten. Das hieß aber noch lange kein Verzicht auf das Pro­gramm. In dem Augenblick, als das Dekret angenommen wurde, hatten die Bauern übri­gens schon fast überall angefangen, das Land aufzuteilen. Was den Ruf "das Land den Bauern" angeht, war es kein Produkt der "erbarmungslosen Vertei­diger der klein­kapitalistischen Interessen", sondern ein Versuch, alle bürgerlichen und versöhnle­rischen Parteien zu entlarven, die Menschewisten und die Sozialrevolutionäre, die die Bauern mit dem Versprechen der Landre­form nur betrügen wollten, denn sie hatten weder die Absicht noch die Mittel, diese Reformen durchzu­führen. In dieser Hinsicht bestätigten diese Parteien nur das, was Lenin und die ganze marxistische Linke seit Jahren unaufhörlich wiederholten: die Bour­geoisie in den unterentwickelten Ländern war unfähig geworden, irgendeine "fort­schrittliche historische" Aufgabe durchzu­führen, insbesondere die feudalen Struktu­ren und Gesetze zu zerstören, und den Bauern das Land zuzuteilen, so wie es die Bourgeoi­sie in den fortgeschrittenen Ländern zu Be­ginn des Kapitalismus gemacht hatte. Jedoch beging Lenin einen Fehler, als er annahm, dass diese von der Bourgeoisie unvollendeten Aufga­ben von dem Proletariat übernommen wer­den konnten. Die Bour­geoisie war unfähig geworden, diese Aufgaben zu erfüllen, weil diese Aufgaben historisch nicht mehr ver­wirklichbar waren: sie entsprachen weder einer Notwendigkeit, noch dem neuesten Stand der Produktivkräfte, und sie standen in der Tat in Widerspruch zu den neuen Auf­gaben, vor welchen die Gesellschaft stand. Rosa Luxemburg betonte zurecht, dass die Aufteilung von Grund und Boden "vor der Umgestaltung der Agrarverhältnisse im sozialisti­schen Sinne unüberwindliche Schwie­rigkeiten auftürmte." (Ges.Werke, Bd.4,S.343) Demgegenüber rief sie zur "Nationalisie­rung des großen und mittleren Grundbesitzes, Vereinigung der Industrie und der Landwirt­schaft" auf. Anstatt die Bolschewisten als die "Verteidiger von kleinkapitalistischen Interessen" zu verur­teilen, schrieb sie ganz richtig:

 

"Dass die Sowjetregierung in Russland diese gewaltigen Reformen nicht durchgeführt hat - wer kann ihr das zum Vorwurf machen? Es wäre ein übler Spaß, von Lenin und Genossen zu verlangen oder zu erwarten, dass sie in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft, mitten im reißenden Strudel der inneren und äuße­ren Kämpfe, von zahllosen Feinden und Wider­ständen ringsherum bedrängt, eine der schwie­rigsten, ja, wir können ruhig sagen, die schwierigste Aufgabe der sozialistischen Umwälzung lösen oder auch nur in Angriff nehmen sollten! Wir werden uns, einmal zur Macht gelangt, auch im Wes­ten und unter den günstigsten Bedingungen an dieser har­ten Nuss manchen Zahn ausbrechen, ehe wir nur aus den gröbsten der tau­send komplizier­ten Schwierigkeiten dieser Riesenaufgabe heraus sind". (R.L. "Zur Russischen Re­volution" in Ges.Werke, Bd.4, S. 343).

 

3) DIE NATIONALE FRAGE

 

" Der Appell des Bolschewismus an die inter­nationale Arbeiter­schaft war nur eine Seite einer groß angelegten Politik der interna­tionalen Stützung der russischen Revolution. Die andere Seite war die Politik und Propa­ganda der "nationalen Selbstbestimmung" der Völker, in der der Klassenbegriff noch stär­ker als im Begriff der "Volksrevolution" zu Gunsten eines allgemeinen Appells an alle Klassen bestimmter Völker aufgegeben worden ist." (Thesen...These-Nr. 46).

 

Es fällt schwer zu glauben, dass die russi­sche Sozialdemokratie seit ihrer Gründung 1898 (und nicht nur die Bolschewisten),so­wie die internationale Sozialdemokratie den Ruf des "Rechtes auf Selbstbestimmung der Nationen" im Hinblick auf eine Vertei­digungstaktik einer Revolution angenommen hatten, die 1917 stattfand, obgleich nie­mand in diesem Land und unter diesen Bedin­gungen sie vorausgesehen hatte. Soll man glauben, dass Gorter und Pannekoek,

 

die die Position Lenins in dieser Frage kritisierten, eine zukünftige Verteidigung der "bürgerlichen Revolution in Holland" vor Augen hatten, als sie ausnahmsweise die "Selbstbestimmung" des niederländischen Indiens befürworteten?

 

Was das "Aufgeben der Klassenziele" angeht, sehen wir einmal nach, was Lenin inmitten der Polemik mit Rosa Luxemburg zu dieser Frage, meinte:

 

"Die Sozialdemokratie als Partei des Prole­tariats betrachtet es als ihre Hauptaufgabe an der freien Selbstbestimmung nicht der Völker und Nationen mitzuarbeiten, sondern an der des Proletariats einer jeden Natio­nalität. Wir haben immer das engste Bündnis des Proletariat aller Nationalitäten bedin­gungslos unterstützt und nur in besonderen, in Ausnahmefällen können wir Forderungen nach einem neuen Klassenstaat oder nach der Ersetzung einer umfassenden politischen Ein­heit des Staats durch eine lose föderative Union vortragen." (Iskra, 44, Übersetzung von IKS)

 

Nach dieser notwendigen Richtigstellung, - denn die Beschimpfer des "bürgerlichen" Bolschewismus kennen meistens weniger als die bedingungslosen Verfechter des Bolschewismus -, müssen wir ohnehin bestä­tigen, dass das "Recht auf nationale Selbst­bestimmung" entschieden zurückgewiesen werden muss. Und dies aufgrund des verkehr­ten theoretischen Inhaltes dieser Position, und vor allem weil die Erfahrung gezeigt hat, was aus dieser Forderung geworden ist, wozu sie in der Praxis gebraucht wurde. Die IKS hat eine ganze Reihe von Texten über diese Frage veröffentlicht, insbeson­dere die Broschüre "Nation oder Klasse", wir brauchen deshalb hier nicht länger da­rauf einzugehen. Jedoch müssen wir auf die Bedeutung dieser Frage bei den Bolschewiki hinweisen, und den grundlegenden Unterschied zwischen einem Fehler und einem Verrat her­ausstellen. Lenin und die Mehrheit der Bolschewisten, die von den Interessen der sozialistischen Weltrevolution ausgingen glaubten an eine mögliche Verwendung der Forderung nach dem "Recht auf nationale Selbstbestimmung" gegen den Kapitalismus. In dieser Hinsicht haben sie sich vollstän­dig getäuscht. Die Renegaten und Verräter aller Art, von den Sozialisten bis zu den Stalinisten, haben aber diese Position dazu benutzt, ihre konterrevolutionäre Politik zu vertreten, um den nationalen und inter­nationalen Kapitalismus zu bewahren und zu stärken. Hier liegt der Unterschied. Aber dieser Unterschied ist so schwerwiegend, dass er eine Klassengrenze ausmacht.

 

Die Renegaten und Verräter des Proleta­riats versuchen natürlich, sich besser zu tarnen, indem sie diesen oder jenen fal­schen Satz Lenins zur Rechtfertigung von Schlussfolgerungen verwenden, die dem unauf­hörlichen Streben Lenins vollkommen entge­gengesetzt sind. Aber es ist stupide, wenn Revolutionäre auch noch dabei helfen, den Unterschied zwischen den Schuften und Le­nin zu verwischen. Es ist schwachsinnig zu behaupten, dass Lenin das Recht auf "Selbst­bestimmung" der Völker und auf die Loslö­sung von Russland gefordert hätte, um die „nationalen Interessen der bürgerlichen Revolution zu vertreten. Wenn wir sagen, dass die "Befreiung" der Kolonien, die formale "Unabhängigkeit"  mit den Interessen der Kolonialmächte nicht unvereinbar ist, verstehen wir darunter, dass der Impe­rialismus sich sehr gut an diese formale Unabhängigkeit anpassen kann. Das heißt aber nicht, dass der Imperialismus diese Politik mit "gutem Willen" und mit Gleich­gültigkeit durchführt. All diese "Befreiun­gen" waren das Ergebnis interner Kämpfe, Interessenzusammenstöße zwischen verschie­denen Bourgeoisien und internationaler In­trigen der sich bekämpfenden Imperialismen. Stalin zeigte später auf blutige Weise, dass die Interessen Russlands nicht gerade in der Unabhängigkeit der angrenzenden Länder la­gen und eher die gewaltsame Einverleibung in das große russischen Reich verlangten.

 

Erklären heißt nicht rechtfertigen. Aber jene, die zur Verurteilung einer falschen Position das "Recht der Volker auf Selbst­bestimmung" mit der gewaltsamen Einverlei­bung verwechseln, die Lenin und Stalin durcheinander werfen, verstehen überhaupt nichts und machen aus der Geschichte ein wirres Durcheinander. Lenin sah im "Recht der Na­tionen auf Selbstbestimmung" vor allem eine Möglichkeit zur Verurteilung des Imperia­lismus, nicht so sehr des Imperialismus an­derer Länder als viel mehr den des "eigenen" Landes, der "eigenen" Bourgeoisie. Dass die­se Position Lenins zu Widersprüchen führte, ist nicht zu leugnen, und der folgende Ab­schnitt zeigt es:

 

" Die Lage ist zweifellos sehr verwirrt, aber es gibt aus ihr einen Ausweg, bei dem ALLE Beteiligten Internationalisten blei­ben: die russischen und die deutschen So­zialdemokraten, indem sie die bedingungslo­se "FREIHEIT der Lostrennung" Polens ver­langen, und die polnischen Sozialdemokraten, indem sie für die Einheit des proletarischen Kampfes in einem kleinen Lande und den großen Ländern kämpfen, ohne für die gege­bene Epoche oder die gegebene Periode die Losung der Unabhängigkeit Polens aufzustel­len." (Lenin: "Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung", in Gesammelte Werke, Bd. 22, S. 359).

 

Aber dieser Abschnitt hebt ebenso hervor, dass die Widersprüche, die "sehr verwirrte Lage", zu welchen ihn seine Analyse führte, zweifellos von einem unnachgiebigen inter­nationalistischen Bestreben geleitet wurden. Als Lenin diesen Text verfasste, war die Sozialdemokratie die wichtigste konterrevolutionäre Kraft. Er nannte sie "Sozial­imperialisten", "sozialistisch in Worten, imperialistisch in Taten." Ohne die Hilfe der Sozialdemokratie hätte der Kapitalismus nie die Arbeiter in die große Schlach­terei des Weltkrieges führen können. Diese "Sozialisten" rechtfertigten dies im Namen der nationalen Interessen der Arbeiter, die sie angeblich mit der Bourgeoisie gemeinsam hätten. Für sie bedeutete der imperialisti­sche Krieg die Verteidigung der Freiheit, der Errungenschaften der Arbeiter, der Demokratie, alles Werte, die von den "bösar­tigen ausländischen Imperialisten" bedroht worden wären. Diese Lügen und die falschen Sozialisten zu entlarven, war die erste Pflicht, die wichtigste Aufgabe eines jeden Revolutionärs. Für Lenin war die Losung des Rechtes der Völker auf Selbstbestimmung Teil dieser Aufgabe.

 

 

Es ging ihm nicht um die Verteidigung der russischen Interessen. sondern vielmehr um die Entlarvung der Inte­ressen der nationalen und internationalen Bourgeoisie. Er denunzierte eindeutig die Befürworter einer Teilnahme am imperialisti­schen Krieg:

 

"Wer sich jetzt auf Marx' Stellungnahme zu den Kriegen in der Epoche der fortschrittlichen Bourgeoisie beruft und Marx`s Worte "die Arbeiter haben kein Vaterland" vergisst - diese Worte, die sich gerade auf die Epo­che der reaktionären, überlebten Bourgeoi­sie beziehen, auf die Epoche der sozialis­tischen Revolution -, der fälscht Marx schamlos und ersetzt die sozialistische Auffassung durch die bürgerliche."(Lenin, "Sozialismus und Krieg", Gesammelte Werke, Bd. 21, S. 310).

 

4) DER "TAKTISCHE" INTERNATIONALISMUS

 

" Ihr revolutionärer Internationalismus war jedoch ebenso von ihrer Taktik im Kampf um die russische Revolution bestimmt wie etwa später ihre Umstellung zur NEP-Politik in Russland." (Thesen... Nr.50) " Die einzige wirkliche Gefahr, die der russischen Revolution drohte, war die Ge­fahr des Eingriffs der imperialistischen Mächte... Das Problem der aktiven Gegenwehr des Bolschewismus gegen den Weltimperialismus bestand also darin, den Angriff auf ihn in den Zentren seiner Macht selbst vorzutragen. Das geschah durch die doppel­seitige internationale Politik des Bolsche­wismus." (Nr.5l).

 

" Der Begriff der "Weltrevolution" hat für die Bolschewiken also einen ganz anderen Klasseninhalt. Er hat nichts mehr mit dem Gedanken der internationalen proletari­schen Revolution gemein." (Nr. 54)

 

Das ist eine weitere, über die Bolschewisten verbreitete alte Lügengeschichte: da­nach war ihr Internationalismus nur tak­tisch und dazu bestimmt: l. das Vertrauen der kriegsmüde gewordenen Volksmassen zu gewinnen) 2. die Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt einer Politik der Verteidigung des russischen kapitalistischen Staates zu unterwerfen.

 

Was das erste Argument angeht, verweisen wir die Leser auf die Stellungnahmen der Bolschewisten lange vor Kriegsausbruch, insbesondere auf die internationalen Kon­gresse 1907 und 1912. Weiterhin hatte die bolschewistische Auffassung des Kampfes gegen den Krieg überhaupt nichts gemeinsam mit den Positionen der pazifistischen Tei­le der Bourgeoisie, die einige Arbeiter beein­flussten. Anstatt einen "demokratischen Frieden ohne Annexionen"  zu fordern, "dem Krieg den Krieg zu erklären", haben sie als erste in der Arbeiterbewegung den wirk­lich revolutionären Kampfruf vorge­bracht: "Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bür­gerkrieg." Ebenso haben sie jegliche Illusion des Pazifismus gna­denlos denunziert. Falls ihr einziges Vorhaben gewesen wäre, "die Massen zu gewinnen, um die Macht zu übernehmen", warum haben sie es dann als notwendig empfunden, Kampfrufe hervorzubringen, die sie von den Massen isolierten» diese Massen, die in der Idee des "Kampfes bis zum Ende" verfangen waren- zunächst in der chauvinistischen Form und danach in der Gestalt der "revolutionä­ren Verteidigung"? Die Verleumder der Bolschewisten antworten: "weil sie vorausgesehen hatten, dass die durch den Krieg und die damit verbundenen Notlagen ermüdeten Massen sich schließlich doch zu den Bolschewisten hinwenden würden." Aber warum haben dann Plechanow, die Menschewisten, die So­zialrevolutio­näre, Kerenski, alle Fraktio­nen der Bourgeoisie, die ebenfalls die Macht ergreifen wollten, nicht ebenso zum "revolutionären Defä­tismus" aufgerufen? Mit anderen Worten, warum haben sie nicht behauptet, dass eine Niederlage ihres Landes im imperialistischen Krieg den Interessen des russischen Proletariats entsprach? Die­se Strömungen hätten ebenfalls die "internationalistische Karte" spie­len sollen, da dies die richtige war; ein Trumpf, der nicht mit den Interessen des russischen Kapitals stand, da laut den Rätekommu­nisten, die Bolschewisten die gleichen bürgerlichen Interessen vertraten« Ist der Unterschied zwischen den Bolschewisten und all den an­deren kein Klassenunterschied, sondern nur ein Unterschied in der klaren Voraussicht, der Intelligenz? Darauf läuft die Ana­lyse dieser professionellen Verleugner hinaus! Aber wie soll man denn folgendes begreifen, wie ist es möglich, dass alle am weites­ten fortgeschrittenen Elemente des Weltproletariats (die "Sparta­kisten" und die Gruppe "Arbeiterpolitk" in Deutschland, die Gruppe um Loriot in Frankreich, um Russel Williams oder die "Trade Unionisten" in Eng-lind, MacLean in Schottland, die "So­zialistische Arbeiterpartei" in den USA, die Gruppe "De Tribune" in Holland, die  Partei der „Jungen oder der Linken“ in Schweden, die "Tesnjaki" - Engherzigen - in Bulgarien, das "Nationa­le Büro" und das "allgemeine Büro" in Po­len, die Linkssozialisten in der Schweiz, die Gruppe des "Karl-Marx-Klubs" in Öster­reich usw.), von denen die große Mehrheit an der Spitze der großen Klassen­kämpfe nach dem Krieg stand, dass all diese Elemente (die zu­künftigen "Rätekommunisten" einge­schlossen) gleiche oder ähnli­che Positionen wie die Bolschewisten in der Frage des Krie­ges vertraten? Warum haben all diese Ele­mente mit den Bolschewisten innerhalb der Zimmerwalder und der Kienthaler Linken zu­sam­mengearbeitet? Im allgemeinen bestreiten die Rätekommunisten den proletarischen Cha­rakter dieser Strömungen nicht (und mit gutem Grund). Warum aber behaupten sie, dass das, was die Bol­schewisten von den Men­schewisten unterschied, nur eine Frage der Intelligenz war, während der gleiche Gegen­satz zwischen den Spartakisten und der So­zialdemokratie eine Klassengrenze auf­deckte? In Deutschland gelang es einen im Vergleich zu Russland viel älteren, mächtigeren und erprobteren Kapitalismus nicht, das zu tun, wozu der in vielen Hinsichten schwächere russischen Ka­pitalismus in der Lage gewe­sen war: eine politische Strömung hervor­zubringen, die geschickt genug war, schon 1907 und insbe­sondere 1914 internationalis­tische Kampfrufe vorzubringen, die es ihr im rechten Augenblick ermöglichten, die Un­zufriedenheit der Massen zu ihrem Vorteil und zum Vorteil des nationalen Kapitals auszunützen. Das ist die logische Schluss­folgerung der Idee des "taktischen" Inter­nationalismus. Und dieses Paradox ist noch größer, wenn man bedenkt, dass dies die bür­gerliche Partei war, die in Zimmerwald die korrekteste Position vertrat, während die pro­letarischen Spartakisten in den Verwir­rungen des "Zentrums" versunken waren. Als die Revolutionärin Rosa Luxemburg diese Verwirrungen in ihrer Broschüre gegen den Krieg in der „Junius Broschüre zum Vorschein kommen lässt, wie folgendes Zitat be­weist:

 

" Ja, die Sozialdemokraten sind verpflich­tet, ihr Land in einer großen historischen Krise zu verteidigen. Und darin liegt gera­de eine schwere Schuld der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, dass sie in ih­rer Erklärung vom 4. August 1914 feierlich verkün­detes "Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich", ih­re Worte aber im gleichen Augenblick ver­leugnete... Denn die erste Pflicht gegen­über dem Vaterland in jener Stunde war, ihm den wahren Hintergrund dieses imperia­listischen Krieges zu zeigen, das Gewebe von patriotischen und diplomatischen Lügen zu zerreißen, womit dieser Anschlag auf das Vaterland umwoben war ...,dem imperialis­tischen...Programm des Krieges das alte wahrhaft nationale Programm der Patrioten und Demokraten von l848, das Programm von Marx, Engels und Lassalle, die Losung der einigen großen deutschen Republik, entge­genzustellen."(Rosa Luxemburg, Ges.V., Bd. 4, S. 147).

 

Ist es dann wirklich überraschend, dass gerade der "bürgerliche" Lenin diese Feh­ler folgendermaßen kritisiert:

 

"Das Irrige seiner Ausführungen springt in die Augen ... Er schlägt vor, dem impe­rialistischen Krieg ein nationales Programm "entge­genzustellen". Der fortschrittlichen Klasse schlägt er vor, sich der Vergangenheit und nicht der Zukunft zuzuwenden!... Jetzt ist für die führenden, größten Staa­ten Europas die OBJEKTIVE Lage eine ande­re (als 1793 und 1848 - IKS). Die Vorwärts­entwicklung - wenn man von möglichen, vor­übergehenden Rückschlägen absieht -, ist zu verwirklichen nur in der Richtung der sozialistischen Gesell­schaft, der sozialis­tischen Revolution." (Lenin, Ges-Werke, Bd.22, S. 321, "Über die Junius-Broschüre")

 

Schließlich läuft die These des "taktischen" Internationalismus auf die Behauptung hi­naus, dass die Haltung gegenüber dem impe­rialistischen Krieg damals ein zweitrangiger Punkt des proletari­schen Programms ge­wesen wäre, der sich ebenso im Programm einer bürgerlichen Partei hätte befinden können. Das ist vollkom­men falsch. In Wirk­lichkeit steht von 1914 an das Problem des Krieges im Mittelpunkt des Lebens des Kapi­talismus. In dieser Frage werden all seine Widersprüche aufgedeckt. Der Krieg be­wies, dass das System in die Phase seines histo­rischen Niedergangs eingetreten war, ei­ne Fessel für die Entwicklung der Produktiv­kräfte geworden war und nur noch durch wie­derholte Mordopfer und katastrophenartige Massenmorde überleben kann. Wie immer auch die Interessensgegensätze zwischen den ver­schiedenen Tei­len der Bourgeoisie in einem Land aussehen mochten, zwang der Krieg all diese Fraktionen der Bourgeoisie dazu, sich für die Ver­teidigung des gemeinsamen Erbes zu mobilisieren: das nationale Kapital und seinen höchsten Vertreter, den Staat. Des­halb wurde 1914 der Burgfrieden zwischen Parteien und Organisationen mög­lich, die sich jahrzehntelang bekämpft hatten. Trotz der weiterhin bestehenden Konflikte inner­halb der herrschenden Klasse während des Krieges, wurde die Notwendigkeit nie in Frage gestellt, soviel wie möglich vom im­perialistischen Kuchen abzubekommen. Die Konflikte drehten sich um die Frage, auf welche Art und Weise jeder am meisten  bekommen sollte. Deshalb gab die bürgerli­che provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution die Macht übernommen hat­te, keines der Ziele auf, die in den di­plo­matischen Vereinbarungen zwischen dem zaristischen Russland und den Ententeländern festgelegt worden waren. Im Gegenteil war die bürgerliche herrschende Fraktion in der provisorischen Regierung: der Auffas­sung, dass das zaristische Regime nicht ent­schlos­sen genug den Krieg zusammen mit Frankreich und England führte, und dass der Zar dazu neigen konnte, seine Bündnisse zu  brechen und Übereinkommen mit Deutschland zu treffen. Deshalb trug sie zum Sturz Ni­kolaus II. bei. Wenn die Oktoberrevolution wirklich eine „bürgerliche“ Revolution gewesen wäre, mit dem Ziel, das nationale Kapital noch wirkungsvoller zu verteidigen, hätte sie  nicht unmittelbar den Frieden als notwendig erklärt, die Veröffentlichung der  diplomati­schen Geheimverträge durchgeführt  und auf alle darin enthaltenen Kriegsbeuten verzichtet. Sie hätte im Gegenteil sofort die not­wendigen Maßnahmen für eine wirkungsvollere Kriegsführung ergriffen. Wenn die bolsche­wistische Partei bürgerlich gewesen wäre, hätte sie nicht an der Spitze aller dama­ligen proletarischen Parteien gestanden, den imperialistischen Krieg denunziert und die Arbeiter dazu aufgerufen, dem Krieg durch die sozialistische Revolution ein Ende zu setzen. Während des imperialisti­schen Krieges war der Internationalismus für die Arbeiterbewegung kein zweitrangiger Punkt. Im Gegenteil: er bildete die Klassengrenze zwischen dem proletarischen und dem bürgerlichen Lager. Und dies war nur die Verdeutlichung ein