Das erste Ziel dieser Artikelreihe besteht in
einer marxistischen Darstellung, daß der Kommunismus nicht irgendwie eine nette
Idee ist. Wie Marx in der "Deutschen Ideologie" 1845/46 schrieb:
"Der
Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein
Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus
die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt" (Deutsche
Ideologie, I. Feuerbach, MEW 3, S. 35).
25 Jahre später brachte Marx den gleichen
Gedanken bei seiner Auswertung der Erfahrung der Pariser Kommune zum Ausdruck. "Die Arbeiterklasse verlangte keine
Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fertigen Utopien durch
Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, daß, um ihre eigene Befreiung und mit ihr
jene höhere Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft
durch ihre eigne ökonomische Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, daß
sie, die Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher
Prozesse durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände
gänzlich umgewandelt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat
nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits
im Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt haben"
(Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, S. 343).
Gegenüber der Auffassung, derzufolge der
Kommunismus nichts anderes wäre als eine "vorgefertigte Utopie",
welche von Marx oder anderen schönen Geistern erfunden worden wäre, besteht
der Marxismus darauf, daß die Tendenz zum Kommunismus schon innerhalb
dieser Gesellschaft vorhanden ist. Unmittelbar vor dem oben erwähnten Zitat
aus der "Deutschen Ideologie" unterstrich Marx schon, daß die
Grundlagen für die kommunistische Umwälzung jetzt schon vorhandenen sind:
nämlich die Entwicklung der Produktivkräfte, die vom Kapital selbst hervorgebracht
wird, und ohne die es keinen Überfluß geben kann, keine umfassende Befriedigung
der menschlichen Bedürfnisse, "und
ohne Überfluß nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der
Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich
herstellen müßte" (Deutsche Ideologie, I. Feuerbach, MEW 3, S. 34).
- die Existenz eines Weltmarktes auf der
Grundlage dieser Entwicklung, ohne "dies
könnte der Kommunismus nur als eine Lokalität existieren. Aber der Kommunismus
ist empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker "auf einmal"
und gleichzeitig möglich, was die universelle Entwicklung der Produktivkraft
und den mit ihm zusammenhängenden Weltverkehr voraussetzt" (Deutsche
Ideologie, I. Feuerbach, MEW 3, S. 35).
- die Schaffung einer großen besitzlosen Masse,
das Proletariat, das den Weltmarkt als eine fremde, nicht hinnehmbare Macht
empfindet; der wachsende Widerspruch zwischen der Fähigkeit des
kapitalistischen Systems, Wohlstand zu produzieren, und auf der anderen Seite
die Armut, in der das Proletariat lebt.
In dem Abschnitt aus "Der Bürgerkrieg in
Frankreich" unterstrich Marx noch einen anderen Aspekt, der heute noch
bedeutsamer ist: Das Proletariat muß nur das Potential freisetzen, das in
der "alten, zusammenbrechenden bürgerlichen Gesellschaft" vorhanden
ist. Wie wir an anderer Stelle entwickeln werden, wird der Kommunismus hier
sowohl als eine Möglichkeit als auch eine Notwendigkeit dargestellt. Eine Möglichkeit,
weil die Produktionskapazitäten entwickelt wurden, die die materiellen Bedürfnisse
der Menschen befriedigen könnten und die soziale Kraft, das Proletariat vorhanden
ist, das ein direktes und eigenes Interesse an der Umwälzung des Kapitalismus
und am Aufbau des Kommunismus hat. Eine Notwendigkeit, weil bei einem bestimmten
Punkt in ihrer Entwicklung diese Produktivkräfte sich gegen die kapitalistischen
Produktionsbeziehungen aufbäumen, innerhalb derer sie sich vorher
entwickelten und aufblühten, wodurch ein Zeitraum von Katastrophen
eingeläutet wird, der die Existenz der Gesellschaft, ja der Menschheit infrage stellt.
1871 war es allerdings verfrüht, daß Marx die
bürgerliche Gesellschaft "als in einem Zustand des Zusammenbruchs"
beschrieb. Heute aber in der letzten
Phase des dekadenten Kapitalismus findet dieser Zusammenbruch überall statt,
und die Notwendigkeit der kommunistischen Revolution war nie größer als
heute.
Der Kommunismus ist die wirkliche Bewegung,
und die wirkliche Bewegung ist die Bewegung des Proletariats. Eine Bewegung,
die auf dem Boden der Verteidigung der materiellen Interessen gegen die des
Kapitals stattfindet, aber die dazu gezwungen ist, die eigentlichen Grundlagen
der bürgerlichen Gesellschaft infragezustellen und mit ihnen letztendlich
zusammenzuprallen. Eine Bewegung, die sich über sich selbst bewußt wird
aufgrund ihrer eigenen Praxis, und die sich auf ihr Ziel hinbewegt durch eine
ständige Selbstkritik. Der Kommunismus ist somit "wissenschaftlich"
(Engels); er ist ein "kritischer Kommunismus" (Labriola). Der
Hauptzweck dieser Artikel besteht darin, genau aufzuzeigen, daß der
Kommunismus aus der Sicht der Arbeiterklasse keine vorgefertigte Utopie, keine
statische Idee ist, sondern eine sich entwickelnde, entfaltende Auffassung,
die sowohl mit der objektiven Entwicklung der Produktivkräfte als auch mit
der subjektiven Reifung des Proletariats durch die angehäufte historische Erfahrung älter wie auch reifer geworden
ist. Wir werden deshalb untersuchen, wie die Auffassungen vom Kommunismus und
die Mittel zu seiner Errichtung durch die
Arbeiten von Marx und Engels an Tiefe und Klarheit gewonnen haben, wie
auch durch die Beiträge des linken Flügels der Sozialdemokratie, durch die
Auswertung des Sieges und der Niederlage der Oktoberrevolution durch die
Linkskommunisten usw. Aber der Kommunismus ist älter als das Proletariat:
Marx zufolge kann man sogar sagen, daß die ganze Bewegung der Geschichte der
Akt der Entstehung (Ökonomisch-philosophische Manuskripte) ist. Um
aufzuzeigen, daß der Kommunismus mehr als ein Ideal ist, muß man verdeutlichen,
daß der Kommunismus aus der Bewegung der Arbeiterklasse hervor- und somit
Marx vorherging. Aber um zu begreifen, was am
"modernen" proletarischen Kommunismus spezifisch ist, ist es
ebenfalls notwendig, ihn mit den Formen des Kommunismus zu vergleichen und
ihn diesen gegenüberzustellen, die dem Proletariat vorhergingen und mit den
ersten unreifen Formen des proletarischen Kommunismus selbst, die einen
Übergang zwischen dem vor-proletarischen Kommunismus und seiner modernen
wissenschaftlichen Form darstellen. Wie Labriola es formulierte:
"Der
kritische Kommunismus hat sich nie und tut es auch jetzt nicht geweigert, die
reichen und vielfältigen ideologischen, ethischen, psychologischen und
pädagogischen Vorschläge zu verwerfen, die aus der Kenntnis und der
Untersuchung all der Formen des Kommunismus von Phales dem Kalzedonier bis
hin zu Cabet stammten. Darüber hinaus kann man durch die Untersuchung und
Kenntnis dieser Formen ein Begreifen der Loslösung des wissenschaftlichen
Sozialismus entwickeln und so erst ermöglichen" (In Erinnerung an das
Kommunistische Manifest, 1891)
Es wird oft behauptet, daß der Kommunismus nie
funktionieren könne, weil "er gegen das Wesen der Menschheit gerichtet"
sei. Wettbewerb, Neid, das Bedürfnis besser zu sein als der andere, das
Bedürfnis Wohlstand anzuhäufen, die Notwendigkeit eines Staates, all das, so
wird uns gesagt, seien dem Menschen innewohnende Elemente, die genauso
grundlegend wären wie das Bedürfnis nach Essen und Sexualität. Wenn man sich
aber mit der Geschichte der Menschheit befaßt, sieht man, daß diese Auffassung
vom Menschen verworfen werden muß. Denn
in der längsten Phase ihrer Geschichte, Hunderttausende, vielleicht Millionen
von Jahren lebte die Menschheit in einer klassenlosen Gesellschaft, die von
Gemeinschaften gebildet wurde, in denen der wesentliche Reichtum ohne das
Mittel des Austauschs und Geldes gebildet wurde; eine Gesellschaft, die ohne
Könige, Priester, Adlige oder einem Staatsapparat sondern von Stammesversammlungen
organisiert wurde. Diese Gesellschaften waren das, was die Marxisten
"primitiven Kommunismus" nennen.
Dieser Begriff des primitiven Kommunismus
bringt die Bürgerlichen und ihre Ideologie zutiefst in Verlegenheit, und
deshalb unternehmen sie alles, um seine Bedeutung zu leugnen oder sie einzuschränken.
Weil sie sich bewußt sind, daß die marxistische Auffassung von der primitiven
Gesellschaft zum großen Teil durch die Untersuchungen von Lewis Henry Morgan
über die Irokesen und andere "amerikanische Stämme" beeinflußt
wurde, verachten moderne akademische Anthropologen Morgans Erkenntnisse, indem
sie diese oder jene Ungereimtheit bei gewissen Erhebungen in seiner Arbeit
"aufdecken", diesen oder jenen zweitrangigen Fehler aufzeigen, all
das um seinen gesamten Beitrag infragezustellen. Oder mit engstirnigstem Empirismus
behaupten sie, daß es nicht möglich sei, irgend etwas über die Vorgeschichte
der Menschheit durch die Untersuchung der überlebenden primitiven Völker
herauszufinden. Oder sie verweisen auf die vielen Einschränkungen und Mängel
der primitiven Gesellschaften, um eine offene Tür einzurennen: nämlich die
Auffassung, daß diese Gesellschaft eine Art Paradies gewesen sei, in dem es
kein Leiden und keine Entfremdung gegeben habe.
Der Marxismus jedoch idealisiert diese Gesellschaften
nicht. Er ist sich dessen bewußt, daß sie ein notwendiges Ergebnis nicht von
irgendeinem angeborenen "Guten" im Menschen waren, sondern der niedrigen
Entwicklung der Produktivkräfte, die die ersten menschlichen Gemeinschaften
dazu zu zwangen, eine "kommunistische" Struktur zu übernehmen, um
ganz einfach zu überleben. Die Aneignung
der Mehrarbeit durch einen besonderen Teil der Gesellschaft hätte ganz einfach
das Verschwinden des anderen Teils der Gesellschaft bedeutet. Unter diesen Umständen
war es unmöglich, einen ausreichenden Mehrwert zu produzieren, um damit die
Existenz einer privilegierten Klasse sicherzustellen. Der Marxismus ist sich
darüber im klaren, daß dieser Kommunismus infolgedessen ein ganz begrenzter
war, der nicht die volle Entwicklung der Menschen als Individuen ermöglichte.
Deshalb fügte Engels, nachdem er von der persönlichen
Würde, der Geradheit, Charakterstärke und der Tapferkeit der überlebenden
primitiven Völker gesprochen hatte, in seiner Untersuchung "Der Ursprung
der Familie, des Privateigentums und des Staates" hinzu: "Der Stamm, die Gens und ihre
Einrichtungen waren heilig und unantastbar, waren eine von Natur gegebene höhere
Macht, der der einzelne in Fühlen, Denken und Tun unbedingt untertan blieb. So
imposant die Leute dieser Epoche uns erscheinen, so sehr sind sie
ununterschieden einer vom andern, sie hängen noch, wie Marx sagt, an der Nabelschnur
des natürwüchsigen Gemeinwesens" (Der Ursprung der Familie, des
Privateigentums und des Staats, III. Die irokesische Gens, MEW 21, S. 97).
Dieser Kommunismus von kleineren Gruppen, die
oft anderen Stammesgruppierungen gegenüber feindlich eingestellt waren, dieser
Kommunismus, in dem das Individuum durch die Gemeinschaft beherrscht wurde,
dieser Kommunismus des Mangels unterscheidet sich sehr stark von dem viel mehr
fortgeschrittenen Kommunismus der Zukunft, der die Vereinigung der menschlichen
Gattung, die gegenseitige Verwirklichung der Individuen der Gesellschaft und
einen Kommunismus des Überflusses bedeuten wird. Deswegen hat der Marxismus
nichts gemeinsam mit den verschiedenen primitivistischen Ideologien, die die
archaischen Bedingungen der Menschen idealisieren und eine nostalgische Rückkehr
zu diesen anstreben[i].
Jedoch ist die Tatsache, daß diese Gemeinschaften
bestanden und als ein Ergebnis der materiellen Notwendigkeit aufgetaucht
waren, ein weiterer Beweis dafür, daß der Kommunismus alles andere als eine
"schöne Idee" ist, und auch kein "System", das "nie
funktionieren wird". Dieser Punkt wurde von Rosa Luxemburg in ihrer
"Einführung in die Nationalökonomie" hervorgehoben.
"Damit hat
Morgan aber eine mächtige neue Stütze dem wissenschaftlichen Sozialismus
geliehen. Während Marx und Engels auf dem Wege der ökonomischen Analyse des
Kapitalismus den unvermeidlichen historischen Übergang der Gesellschaft zur
kommunistischen Weltwirtschaft für die nächste Zukunft nachgewiesen und
damit den sozialistischen Bestrebungen eine feste wissenschaftliche Basis
gegeben hatten, hat Morgan gewissermaßen den ganzen gewaltigen Vorbau zu dem
Marx-Engelsschen Werk geliefert, indem er nachwies, daß die kommunistisch-demokratische
Gesellschaft, wenn auch in anderen, primitiveren Formen, die ganze lange
Vergangenheit der menschlichen Kulturgeschichte vor der heutigen Zivilisation
umfaßt. Den revolutionären Bestrebungen der Zukunft bot somit die adelige Überlieferung
der grauen Vergangenheit die Hand, der Kreis der Erkenntnis schloß sich
harmonisch zusammen, und aus dieser Perspektive erschien die heutige Welt der
Klassenherrschaft und der Ausbeutung, die das all und einzige der Kultur,
das höchste Ziel der Weltgeschichte darzustellen vorgab, bloß als eine winzige
vorübergehende Etappe auf dem großen Kulturvormarsch der Menschheit"
("Einführung in die Nationalökonomie", Rosa Luxemburg, Ges. Werke,
Bd. 5, S. 612).
Der primitive Kommunismus war nicht statisch.
Er durchlief verschiedene Stufen und, nachdem er mit unüberwindbaren Widersprüchen
zusammenprallte, löste er sich auf und
brachte schließlich die erste Klassengesellschaft hervor. Aber die
Ungerechtigkeiten der Klassengesellschaft bereiteten wiederum den Boden für
das Entstehen von Mythen und Philosophien, die einen mehr oder weniger bewußten
Wunsch der Abschaffung der Klassengegensätze und des Privateigentums zum
Ausdruck brachten. Klassische Experten der Mythologie wie Hesiod und Ovid berichteten
vom Mythos des Goldenen Zeitalters, als keine Unterscheidung gemacht wurde
zwischen "mein" und "dein", einige der späteren
griechischen Philosophen "erfanden" perfekte Gesellschaften, in
denen alles gemeinsam verwaltet wurde. In diesen wurde die Erinnerung an eine wirkliche
Stammesgesellschaft zusammengeführt mit viel älteren Mythen vom Fall des
Menschen aus dem ursprünglichen Paradies. Aber die kommunistischen Ideen verbreiteten
sich immer mehr und wurden immer beliebter. Sie führten auch zu Versuchen,
sie in der Praxis umzusetzen in Zeiten
gesellschaftlicher Krise und Massenrevolten gegen das Klassensystem der
damaligen Zeit. In den bekannten Revolten des Spartakus gegen das
niedergehende Römische Reich unternahmen die rebellierenden Sklaven einige
verzweifelte, nur eine kurze Zeit dauernde Versuche, Gesellschaften zu errichten,
die sich auf Brüderlichkeit und Gleichheit stützten. Aber der typischste
kommunistische Trend der damaligen Zeit war natürlich das Christentum, das,
wie Engels und Luxemburg hervorgehoben haben, als eine Revolte der Sklaven
anderer Klassen angefangen hatte, die vom Römischen Reich niedergeschlagen
worden war, bevor das Christentum dann vom niedergehenden Römischen Reich
übernommen und zur offiziellen Ideologie der aufsteigenden Feudalordnung
wurde. Die ersten christlichen Gemeinschaften predigten eine universelle
brüderliche Gemeinschaft und versuchten einen weitgreifenden Kommunismus des
Eigentums zu praktizieren. Aber wie Rosa Luxemburg in ihrem Text
"Sozialismus und die Kirche" aufzeigte, waren das auch gerade die
Grenzen des christlichen Kommunismus. Er stützte sich nicht auf die revolutionäre
Enteignung der herrschenden Klassen und der Vergesellschaftung der
Produktion, wie das im modernen Kommunismus der Fall ist. Das Christentum trat
nur dafür ein, daß die Reichen wohltätiger sein sollten und ihre Güter mit den
Armen zu teilen hätten. Es war eine Doktrin des Sozialpazifismus und der
Klassenzusammenarbeit, die schnell an die Bedürfnisse der herrschenden Klasse
angepaßt werden konnte. Die Unreife dieser Auffassungen vom Kommunismus war
das Ergebnis der Unreife der Produktivkräfte. Dies trifft sowohl auf die
Produktionsmöglichkeiten der damaligen Zeit zu, denn in einer Gesellschaft,
die an einer Krise der Unterproduktion zugrunde geht, konnten diejenigen, die
gegen diese Gesellschaft rebellierten, sich nichts besseres vorstellen, als
eben die damit verbundene Armut untereinander aufzuteilen. Und auch die
ausgebeuteten und unterdrückten Klassen, die die ursprüngliche Triebkraft
hinter der christlichen Revolte waren, waren Klassen ohne gemeinsame Ziele
und ohne historische Perspektive. "Einen
gemeinsamen Weg zur Emanzipation all dieser Elemente gab es absolut nicht.
Für sie alle lag das Paradies als verlorenes hinter ihnen; für den verkommenen
Freien die ehemalige Polis, Stadt und Staat zugleich, deren freier Bürger seine
Vorfahren dereinst gewesen; für den kriegsgefangenen Sklaven die Zeit der
Freiheit vor der Unterjochung und Gefangenschaft; für den Kleinbauern die
vernichtete Gentilgesellschaft und Bodengemeinschaft" (Zur Geschichte
des Urchristentums, F. Engels, MEW Bd. 22, S. 463, Juli 1894). Dies unterstreicht
die im wesentlichen rückwärts gerichteten, nostalgischen Auffassungen der christlichen
Revolte. Es stimmt, daß das Christentum als Fortsetzung der jüdischen
Religion einen Schritt vorwärts im Vergleich zu den heidnischen Mythen dargestellt
hatte, weil es einen Bruch mit den alten zyklischen Auffassungen von der Zeit
bedeutete und behauptete, daß die Menschheit in einem historischen, sich
vorwärts entwickelnden Drama gefangen
war. Aber die darin enthaltenen Grenzen der Klassen, welche diese Revolten
betrieben, waren auch dafür verantwortlich, daß diese Geschichte immer noch
in mystifizierten, messianischen Begriffen aufgefaßt wurde, und daß die zukünftige
Rettung in einem Eschaton, einer absoluten und weit entfernt liegenden Lösung
außerhalb der Grenzen dieser Welt gefunden werden sollte.
Das gleiche trifft in gewisser Hinsicht auf die
zahlreichen Bauernrevolten gegen den Feudalismus zu, obgleich von dem mitreißenden
Lollard Prediger John Ball, einer der Führer der großen Bauernrevolten in
England im Jahre 1381, berichtet wird, "daß die Lage sich in England nicht
bessern wird, solange nicht alles in Gemeinbesitz sei. Erst dann werde es
weder Untergebene noch Herren geben". Diese Forderungen führen uns
einen Schritt weiter als den bloßen Kommunismus des Besitzes hin zu einer
Auffassung, in der der gesellschaftliche Reichtum zum Gemeinbesitz werden
sollte. Dies mag daran liegen, weil die Lollards schon ein Vorläufer späterer
Bewegungen waren, die typisch für die aufsteigende Phase des Kapitalismus waren.
Aber im allgemeinen litten diese Revolten der Bauern unter den gleichen
grundlegenden Schwächen wie die der Rebellion der Sklaven. Der berühmte
Slogan der Revolte von 1381 "When Adam delved and Eva span, who was then
the gentleman" besaß eine schöne poetische Kraft, aber er brachte auch
die Grenzen des Bauernkommunismus zum Ausdruck, der genau wie die frühen
christlichen Revolten nur einer idyllischen Vergangenheit zugewendet sein
konnte - zum Paradies Eden selber, zu den ersten Christen, zu der "wahren
Freiheit in England vor der Herrschaft der Normannen" (3). Oder wenn sie
in die Zukunft blickten, legten sie die Brille der ersten Christen auf, die von
der Offenbarung eines Tausendjährigen Reiches sprachen, das von Christus errichtet
würde, der wieder triumphierend zurückkehren werde. Die Bauern waren nicht die
revolutionäre Klasse der Feudalgesellschaft, selbst wenn ihre Revolten zur
Untergrabung der Fundamente der Feudalordnung beitrugen und somit einen
Beitrag leisteten bei der Entstehung des Kapitalismus. Und da sie selbst keine
Träger einer Umorganisierung der Gesellschaft waren, konnte aus ihrer Sicht
die Rettung, das Heil nur von Außen kommen - von Jesus oder den "göttlichen
Königen", die von den verräterischen Beratern falsch beraten wurden;
ein weiterer Rettertyp waren
Volkshelden wie Robin Hood.
Die Tatsache, daß diese kommunistischen Träume
die Massen ergreifen konnten, zeigt, daß sie deren materiellen Bedürfnissen
entsprachen, genauso wie die Träume des Einzelnen tiefe, aber unerfüllte Wünsche
zum Ausdruck bringen. Aber weil die Bedingungen in der Geschichte ihre Verwirklichung
nicht ermöglichten, mußten sie eben nur Träume bleiben.
"Von seinem Ursprung an war das Bürgertum behaftet mit seinem Gegensatz: Kapitalisten können nicht bestehen ohne Lohnarbeiter, und im selben Verhältnis wie der mittelalterliche Zunftbürger sich zum modernen Bourgeois, im selben Verhältnis entwickelte sich auch der Zunftgeselle und nichtzünftige Taglöhner zum Proletarier. Und wenn auch im ganzen und großen das Bürgertum beanspruchen durfte, im Kampf mit dem Adel gleichzeitig die Interessen der verschiedenen arbeitenden Klassen jener Zeit mit zu vertreten, so brachen doch, bei jeder großen bürgerlichen Bewegung, selbständige Regungen derjenigen Klasse hervor, die die mehr oder weniger entwickelte Vorgängerin des modernen Proletariats war. So in der deutschen Reformations- und der Bauernkriegszeit die Wiedertäufer und Thomas Münzer; in der großen englischen Revolution die Levellers; in der großen französischen Revolution Babeuf" (Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW 19, S. 191).
<<>>In seinem Text der "Bauernkrieg in Deutschland" entwickelte Engels seine Auffassung von Münzer und den Anabaptisten. Er ging davon aus, daß sie eine embryonal proletarische Strömung innerhalb einer viel breiteren, bunt gefärbten "plebejischen Bauernbewegung" darstellten. Die Anabaptisten waren noch eine christliche Sekte, aber sehr ketzerisch, häretisch. Und Münzers "theologische" Auffassungen näherten sich ziemlich stark einer Art Atheismus, die eine Fortsetzung der vorhergehenden mystischen Trends in Deutschland und anderswo waren (z.B. Meister Eckhart). Auf gesellschaftlicher und politischer Ebene .."streifte sein politisches Programm an den Kommunismus, und mehr als eine moderne kommunistische Sekte hatte noch am Vorabend der Februarrevolution über kein reichhaltigeres theoretisches Arsenal zu verfügen als die "Münzerschen" des 16. Jahrhunderts. Dies Programm, weniger die Zusammenfassung der Forderungen der damaligen Plebejer als die geniale Antizipation der Emanzipationsbedingungen der kaum sich entwickelnden proletarischen Elemente unter diesen Plebejern - dies Programm forderte die sofortige Herstellung des Reiches Gottes, des prophezeiten Tausendjährigen Reiches auf Erden, durch Zurückführung der Kirche auf ihren Ursprung und Beseitigung aller Institutionen, die mit dieser angeblich urchristlichen, in Wirklichkeit aber sehr neuen Kirche in Widerspruch standen. Unter dem Reich Gottes verstand Münzer aber nichts anderes als einen Gesellschaftszustand, in dem keine Klassenunterschiede, kein Privateigentum und keine den Gesellschaftsmitgliedern gegenüber selbständige, fremde Staatsgewalt mehr bestehen würde. Sämtliche bestehende Gewalten, sofern sie nicht sich fügen und der Revolution anschließen wollten, sollten gestürzt, alle Arbeiten und alle Güter gemeinsam und die vollständige Gleichheit durchgeführt werden. Ein Bund sollte gestiftet werden, um dies durchzusetzen, nicht nur über ganz Deutschland, sondern über die ganze Christenheit..." (Der deutsche Bauernkrieg, MEW 7, S. 354).>Überflüssig zu sagen, da es sich damals erst um die Anfangsphase der bürgerlichen Gesellschaft handelte, waren die materiellen Bedingungen für solch einen radikalen Wandel überhaupt noch nicht vorhanden. Auf subjektiver Ebene kam dies dadurch zum Ausdruck, daß messianisch-religiöse Auffassungen immer noch die Ideologie dieser Bewegung bestimmten. Auf objektiver Ebene bewirkte die Vorherrschaft des Kapitals, daß alle radikalen kommunistischen Forderungen tatsächlich verzerrt und verdreht wurden und hinausliefen auf praktische Vorschläge zur vollen Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft. Dies kam sicher sehr deutlich zum Vorschein, als Münzers Partei im März 1525 in der Stadt Mühlhausen an die Macht kam: "Die Stellung Münzers an der Spitze des ewigen Rats von Mühlhausen war indes noch viel gewagter als die irgendeines modernen revolutionären Regenten. Nicht nur die damalige Bewegung, auch sein ganzes Jahrhundert war nicht reif für die Durchführung der Ideen, die er selbst erst dunkel zu ahnen begonnen hatte. Die Klasse, die er repräsentierte, weit entfernt, vollständig entwickelt und fähig zur Unterjochung und Umbildung der ganzen Gesellschaft zu sein, war eben erst im Entstehen begriffen. Der gesellschaftliche Umschwung, der seiner Phantasie vorschwebte, war noch so wenig in den vorliegenden materiellen Verhältnissen begründet, daß diese sogar eine Gesellschaftsordnung vorbereiteten, die das gerade Gegenteil seiner geträumten Gesellschaftsordnung war. Daher aber blieb er an seine bisherigen Predigten von der christlichen Gleichheit und der evangelischen Gütergemeinschaft gebunden, er mußte wenigsten den Versuch ihrer Durchführung machen. Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit wurde proklamiert. Aber in der Wirklichkeit blieb Mühlhausen eine republikanische Reichsstadt mit etwas demokratisierter Verfassung, mit einem aus allgemeiner Wahl hervorgegangenen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand, und mit einer eilig improvisierten Naturalverpflegung der Armen. Der Gesellschaftsumsturz, der den protestantischen bürgerlichen Zeitgenossen so entsetzlich vorkam, ging in der Tat nie hinaus über einen schwachen und unbewußten Versuch zur übereilten Herstellung der späteren bürgerlichen Gesellschaft" (Der deutsche Bauernkrieg, MEW 7, S. 402 - Der thüringische, elsässische und östreichische Bauernkrieg).
Die Gründer des Marxismus kannten sich besser
mit der deutschen Reformation oder mit der französischen Revolution aus als
mit der bürgerlichen englischen Reformation. Dies ist schade, denn Historiker
wie Christopher Hills haben aufzeigt, daß diese Revolution eine ganze
Schwemme von schöpferischen Gedanken hervorgebracht hat, eine ganze Reihe von
mutigen radikalen Parteien, Sekten und Bewegungen entstand. Die Levellers,
von denen Engels sprach, waren eher eine heterogene Bewegung als eine formale
Partei. Ihr gemäßigter Flügel waren nur radikale Demokraten, die das Recht des
Einzelnen auf Eigentum hartnäckig verfochten. Aber in Anbetracht der Tiefe
der sozialen Mobilisierung, die die bürgerliche Revolution vorantrieb,
brachte sie unvermeidbar den linken Flügel hervor, der sich mehr und mehr mit
den Bedürfnissen der eigentumslosen Massen befaßte, und der einen eindeutig
kommunistischen Charakter annahm. Dieser Flügel wurde von den "true
Levellers", den wahren Gleichmachern oder den Diggers (Grabenden) repräsentiert.
Und ihr kohärentester Sprecher war Winstanley. In seinen Schriften und
insbesondere in seinen späteren Arbeiten gibt es eine klarere Bewegung weg
von den religiös-messianischen Auffassungen als dies bei Münzer möglich
gewesen wäre. Seine wichtigste Arbeit "The Law of Freedom in
Platform" stellt - wie der Name zeigt - einen eindeutigen Bruch auf der
Ebene der ausdrücklich politischen Auffassungen dar. Die weiterhin fortbestehenden
Erwähnungen der Bibel, insbesondere der Sündenfall, sind hauptsächlich
allegorischer oder symbolischer Funktion. Aus Winstanleys Sicht konnte es im
Gegensatz zur Auffassung der gemäßigten Levellers "keine allgemeine Freiheit geben, solange keine allgemeine
Gemeinschaft errichtet worden ist" (zitiert von Hill in seiner Einführung
zu "The Law of Freedom and other Writings" Penguin Ausgabe 1973, S.
49). Politisch-konstitutionelle Rechte, die die bestehenden Eigentumsverhältnisse
nicht anrühren, seien ein Betrug. Und dann umriß er mit vielen Detailangaben
seine Auffassung einer wirklichen Gemeinschaft, in der alle Lohnarbeit, Kauf
und Verkauf abgeschafft, in der Erziehung und Wissenschaft anstatt des religiösen
Obskurantismus und der Staatskirche gefördert würden, und wo die Funktionen
des Staates auf ein striktes Mindestmaß reduziert werden würden. Er sprach
sogar von einer Zeit, in der die "ganze
Erde wieder ein gemeinsamer Schatz für alle werden würde, so wie es sein
solle.. Dann wird diese Feindschaft aufhören und niemand wird versuchen, eine
Herrschaft über andere herzustellen", da "die Befürwortung von Eigentum und Einzelinteressen die Menschen eines
Landes spaltet und die ganze Welt in Parteien teilt, und dies die Ursache
aller Kriege, allen Blutvergießens und Streits überall ist" (zitiert
von Hill in "The World Turned Upside Down" (‘Die umgekrempelte
Welt’), S. 139, Ausgabe von 1984)
Aber was Engels über Münzer sagte, traf auch auf
Winstanley zu: die neue, aus dieser großen Revolution hervorgehende Gesellschaft
war keine "allgemeine Gemeinschaft", sondern die kapitalistische
Gesellschaft. Winstanley's Vorstellungen waren ein weiterer Schritt hin zum
"modernen" Kommunismus, aber sie blieben reine Utopie. Dies kam vor
allem in der Unfähigkeit der "True Levellers" (wahren Gleichmacher)
zum Ausdruck, zu begreifen, wie diese große Umwälzung zustande kommen könnte.
Die Digger Bewegung, die während des Bürgerkriegs entstanden war, beschränkte
sich auf Versuche von kleinen Banden von Armen und landlosen Leuten, die
brachliegenden und der Gemeinschaft zugänglichen Böden zu bewirtschaften. Die
Digger Gemeinschaften sollten als ein gewaltloses Beispiel für all die Armen
und Besitzlosen dienen, aber sie wurden kurze Zeit später von den Truppen
Cromwells bekämpft und auseinandergetrieben. Auch gingen sie in ihren Auffassungen
nicht wirklich über die Forderung nach altehrwürdigen Gemeinschaftsrechten
hinaus. Nach der Niederschlagung dieser Bewegung und der Leveller Bewegung im
allgemeinen schrieb Winstanley sein Buch "The Law of Freedom", um
die Lehren aus dieser Niederlage zu ziehen. Aber es war schon eine Ironie der
Geschichte, daß während diese Arbeit den Höhepunkt der kommunistischen
Theorie der damaligen Zeit zum Ausdruck brachte, sie niemand anderem als
Oliver Cromwell gewidmet war, der erst drei Jahre zuvor 1649 den Aufstand der
Leveller hatte gewaltsam niederschlagen lassen, um das bürgerliche Eigentum
und den bürgerlichen Besitz zu schützen. Da er keine homogene Kraft sah, die
die Revolution von unten bringen könnte, flüchtete sich Winstanley in die
vergebliche Hoffnung auf eine Revolution von oben
Ein sehr ähnliches Phänomen tauchte in der
Französischen Revolution auf: in der absteigenden Phase der Bewegung tauchte
ein extrem linker Flügel auf, der seine Unzufriedenheit mit den rein politischen
Freiheiten äußerte, die in der neuen Verfassung zu Papier gebracht waren, da
sie vor allem die Freiheit des Kapitals begünstigten, um die eigentumslose
Mehrheit auszubeuten. Die Strömung um Babeuf spiegelte die Bemühungen des
entstehenden städtischen Proletariats, das so viele Opfer für die Revolution
der Bourgeoisie gebracht hatte, wider, für seine eigenen Klasseninteressen
einzutreten, und somit stieß sie unaufhaltsam auf die Forderung nach dem
Kommunismus. Im "Manifest der Gleichen" wurde die Perspektive einer
neuen und endgültigen Revolution aufgeworfen: "Die Französische Revolution ist nur der Vorläufer einer anderen Revolution,
die weitaus größer, weitaus schwererwiegend und die letzte sein wird..."
Auf theoretischer Ebene waren die Gleichen ein
reiferer Ausdruck der kommunistischen Impulse als die Wahren Levellers anderthalb
Jahrhunderte zuvor. Nicht nur gab es bei ihnen fast keine Überreste der
alten religiösen Terminologie, sondern sie bewegten sich auch auf eine
marxistische Auffassung der Geschichte hin
als der Geschichte von Klassenkämpfen. Vielleicht noch wichtiger: sie
erkannten die Unvermeidbarkeit des gewaltsamen Aufstands gegen die Macht der
herrschenden Klasse. Die "Verschwörung" der Gleichen 1796 war die
Konkretisierung dieses Verständnisses. Sich auf die Erfahrungen der direkten
Demokratie stützend, die sie in ihren Pariser Sektionen und in der
"Kommune" von 1793 gemacht hatten, sprachen sie auch von einem revolutionären
Staat, der über den konventionellen Parlamentarismus hinausging, indem sie
für das Prinzip der Abwählbarkeit ihrer gewählten Repräsentanten eintraten.
Aber die Unreife der materiellen Bedingungen
konnte wiederum nur dazu führen, daß sie auch in der politischen Unreife der
"Partei" Babeufs zum Ausdruck kamen. Da das Proletariat von Paris
noch nicht deutlich als eine eigenständige Kraft unter den "sans
culottes", den armen Stadtbewohnern im allgemeinen, hervorgetreten war,
war die Strömung um Babeuf selber unklar über das revolutionäre Subjekt: Das
"Manifest der Gleichen" war nicht an das Proletariat gerichtet,
sondern an das "Volk Frankreichs". Weil ihnen eine klare Auffassung
vom revolutionären Subjekt fehlte, richteten sich die Vorstellungen der Strömung
um Babeuf vom Aufstand und der revolutionären Diktatur hauptsächlich an eine
Elite. Einige wenige Auserwählte würden die Macht im Namen der formlosen
Masse ergreifen, und sie würden dann an dieser Macht festhalten bis diese Massen
wirklich dazu in der Lage wären, selber zu regieren (solche Art Ansichten
sollten in der Arbeiterbewegung noch einige Jahrzehnte lang nach der Französischen
Revolution bestehen bleiben, vor allem in der Tendenz Blanquis, die ursprünglich
aus der Strömung Babeufs abstammte, und insbesondere durch die Person
Buonarroti verkörpert wurde).
Aber die Unreife der Strömung Babeufs kam nicht
nur in den Mitteln zum Ausdruck, für die sie eintrat (die ohnehin zu einem kompletten
Fiasko in dem Putsch von 1796 führten), sondern auch in den unentwickelten
Auffassungen von der kommunistischen Gesellschaft. In den "Ökonomisch
philosophischen Manuskripten" ging Marx heftig mit den Erben Babeufs
ins Gericht. "Der rohe Kommunist
ist nur die Vollendung dieses Neides und dieser Nivellierung von dem vorgestellten
Minimum aus. Er hat ein bestimmtes begrenztes Maß. Wie wenig diese Aufhebung
des Privateigentums eine wirkliche Aneignung ist, beweist eben die abstrakte
Negation der ganzen Welt der Bildung und der Zivilisation, die Rückkehr zur
unnatürlichen Einfachheit des armen und bedürfnislosen Menschen, der nicht
über das Privateigentum hinaus, sondern noch nicht einmal bei demselben
angelangt ist" (Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, Abschnitt:
Privateigentum und Kommunismus", S. 112 Marx-Engels Gesamtausgabe).
Marx ging sogar soweit zu sagen, daß dieser
"rohe Kommunismus" in Wirklichkeit nur eine Fortsetzung des Kapitalismus
bedeuten würde. Marxens Angriffe gegen
die Erben Babeufs waren insofern gerechtfertigt, weil deren Auffassungen
mittlerweile überholt waren. Dennoch war das Ausgangsproblem objektiv
vorhanden. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war Frankreich hauptsächlich noch
eine Agrargesellschaft gewesen, und die Kommunisten der damaligen Zeit konnten
sich kaum eine Überflußgesellschaft vorstellen. Deshalb konnte ihr Kommunismus
nur "asketisch, jedem Vergnügen des Lebens abgeneigt, spartanisch"
sein (Engels, Die Umwälzung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft).
Es war wiederum eine weitere Ironie der Geschichte, daß die großen
Entbehrungen der industriellen Revolution erforderlich waren, damit die ausgebeuteten
Klassen aufwachten und sich über die Möglichkeit einer Gesellschaft bewußt
wurden, in der die Sinnesfreuden die spartanische Selbstleugnung ersetzen
würden
Der Rückzug der großen revolutionären Welle Ende
des Jahrzehnts 1790 und die Unfähigkeit des Proletariats, schon als eine unabhängige
politische Kraft aufzutreten, bedeuteten aber nicht, daß der Virus des Kommunismus
ausgelöscht worden wäre. Er nahm im Gegenteil eine neue Gestalt an - die der
utopischen Sozialisten. Die Utopisten - Saint-Simon, Fourier, Owen und andere
- waren viel weniger aufständisch, viel weniger mit dem revolutionären Kampf
der Massen verbunden als die Anhänger Babeufs. Auf den ersten Blick mochte
man ihre Auffassungen als einen Schritt rückwärts einschätzen. Sie waren in
der Tat das charakteristische Ergebnis eines Zeitraums der Reaktion und
stellten eine Flucht dar weg von der Welt des politischen Kampfes. Aber Marx
und Engels äußerten immer ihre Anerkennung gegenüber den Utopisten und
meinten, daß sie bedeutende Schritte vorwärts im Vergleich zu dem "rohen
Kommunismus" der Gleichen gemacht hatten, vor allem bei ihrer Kritik an
der kapitalistischen Zivilisation und ihren Vorstellungen von einer möglichen
kommunistischen Alternative:
"Die
sozialistischen und kommunistischen Schriften bestehen aber auch aus kritischen
Elementen. Sie greifen alle Grundlagen der bestehenden Gesellschaft an. Sie
haben daher höchst wertvolles Material zur Aufklärung der Arbeiter
geliefert. Ihre positiven Sätze über die zukünftige Gesellschaft, z.B. Aufhebung
des Gegensatzes zwischen Stadt und Land, der Familie, des Privaterwerbs, der
Lohnarbeit, die Verkündigung der gesellschaftlichen Harmonie, die Verwandlung
des Staates in eine bloße Verwaltung der Produktion - all diese ihre Sätze drücken
bloß das Wegfallen des Klassengegensatzes aus, der eben erst sich zu
entwickeln beginnt, den sie nur noch in seiner ersten gestaltlosen
Unbestimmtheit kennen". (aus "Manifest
der Kommunistischen Partei", MEW Bd 4, S. 490, Teil über "Der
kritisch-utopische Sozialismus und Kommunismus")
In "Die Umwälzung des Sozialismus von der
Utopie zur Wissenschaft" erörtert Engels detailliert die Beiträge der einzelnen
Utopisten: Saint-Simon wird dafür hervorgehoben, daß er die Französische
Revolution als einen Klassenkrieg erkannt hatte, und daß er vorhergesehen
habe, daß die Politik vollständig durch die Wirtschaft aufgesaugt werden würde,
und damit später auch einmal der Staat. Fourier wird als ein brillanter
Kritiker und Satiriker der bürgerlichen Heuchelei, der Armut und der Entfremdung
gelobt, und daß er die dialektische Methode meisterhaft angewendet habe bei
der Entdeckung der Hauptstufen der geschichtlichen Entwicklung. Man kann hinzufügen,
daß mit Fourier insbesondere ein endgültiger Bruch auftrat gegenüber dem
asketischen Kommunismus oder dem der Gleichen, was vor allem zu sehen ist bei
seiner Sorge, entfremdete Arbeit durch schöpferische, Vergnügen bereitende
Aktivität zu ersetzen. Engels kurze Biographie Robert Owens konzentriert sich
auf seine eher praktische angelsächsische Suche nach einer Alternative
gegenüber der kapitalistischen Ausbeutung, sei es in den "idealen"
Baumwollwebereien in New Lanark oder in seinen verschiedenen Experimenten
mit Kooperativen und gemeinschaftlichem Leben. Aber Engels erkannte auch
Owens Mut an bei dessen Bruch mit seiner eigenen Klasse und seinem Einsatz für
das Proletariat. Seine späteren Versuche, eine große Gewerkschaft für alle
Arbeiter Englands aufzubauen, stellten einen Schritt über die wohltätige Menschenliebe
hinaus dar, um sich aktiv an den ersten Bestrebungen der Arbeiterklasse an der
Suche ihrer eigenen Klassenidentität und eigenen Organisation zu beteiligen.
"Aber
letzten Endes traf auch das auf die Utopisten zu, was schon bei den ersten Regungen
des proletarischen Kommunismus festgestellt worden war: die Unausgereiftheit
ihrer Theorien waren das Ergebnis unausgereifter Bedingungen kapitalistischer
Produktion, aus der sie hervorgingen. Unfähig, die gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Widersprüche zu sehen, die letzten Endes zum Zusammenbruch
der kapitalistischen Ausbeutung führen würden, konnten sie sich die neue Gesellschaft
nur als ein Ergebnis von Planungen und Erfindungen vorstellen, die sie in
ihren eigenen Köpfen ausgearbeitet hätten. Unfähig, das revolutionäre Wesen
und Potential der Arbeiterklasse zu erkennen, glauben sie, daß sie weit über
jenen Klassengegensatz erhaben zu sein glauben. Sie wollen die Lebenslage
aller Gesellschaftsmitglieder, auch der bestgestellten, verbessern. Sie
appellieren daher fortwährend an die ganze Gesellschaft ohne Unterschied, ja
vorzugsweise an die herrschende Klasse. Man braucht ihr System ja nur zur
verstehen, um es als den bestmöglichen Plan der bestmöglichen Gesellschaft
anzuerkennen. Sie verwerfen daher alle politische, namentlich alle revolutionäre
Aktion, sie wollen ihr Ziel auf friedlichem Weg erreichen und versuchen,
durch kleine, natürlich fehlgeschlagene Experimente, durch die Macht des
Beispiels dem neuen gesellschaftlichen Evangelium Bahn zu brechen"
(Manifest, S. 490)
Später gingen die Utopisten sogar soweit, die
"Schlösser in Spanien zu taufen", und die Klassenzusammenarbeit und
den Sozialpazifismus zu befürworten. Aber was in Anbetracht der Unreife der
objektiven Bedingungen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
verständlich war, war nicht mehr hinzunehmen, nachdem das "Kommunistische
Manifest" 1847/48 geschrieben worden war. Von diesem Zeitpunkt an waren
die Nachfolger der Utopisten ein Haupthindernis für die Entwicklung des
wissenschaftlichen Sozialismus, der von der Fraktion Marx-Engels im Bund der
Kommunisten verkörpert wurde.
[i] Siehe unsere Artikel in "International Review" Nr. 43 "Antwort an die Communist Workers' Organisation: Zur unterirdischen Reifung des Klassenbewußtseins". Die CWO und das Internationale Büro der Revolutionären Partei", dem sie angehört, vertreten weiterhin eine leicht abgeschwächte Version der Theorie Kautskys vom Klassenbewußtsein.