Internationale Revue - 1993

  

Internationale Revue 14

Russische Revolution – erste bewusste und massive Revolution der Geschichte

Der Kampf der Arbeiterklasse und kommunistische Revolution: das sind Begriffe, die viele heute als veraltet, von der Geschichte überholt darstellen. Der Zusammenbruch der staatskapitalistischen Regime in der ehemaligen UdSSR und in Osteuropa unter dem Wirbelsturm der weltweiten Wirtschaftskrise bot all den Gegnern der russischen Revolution von 1917 eine Gelegenheit, all die alten, jahrzehntelang verbreiteten Lügen über dieses geschichtliche Ereignis erneut aufzuwärmen. An zentraler Stelle dieser Lügen: die Machtergreifung durch die Arbeiterklasse in Rußland sei ein reiner Staatsstreich, die Manipulierung der rückständigen Massen des zaristischen Rußland durch die Bolschewistische Partei gewesen. Wir sind schon in mehreren Texten auf das Wesen der Revolution und auf die kapitalistische Konterrevolution in Rußland eingegangen (1). In dieser Artikelreihe wollen wir einige grundlegende Erfahrungen des Proletariats und der revolutionären Organisationen wieder aufgreifen. Wir wollen hier zunächst hervorheben, daß die Russische Revolution von 1917 vor allem das kollektive Werk der Arbeiterklasse auf dem Hintergrund einer internationalen Welle von Aufständen der Arbeiterklasse gegen den Krieg und das kapitalistische System war. Und diese Erfahrung stellt trotz all ihrer Grenzen einen reichen Erfahrungsschatz dar, der die Fähigkeit der Arbeiterklasse, ihr Schicksal in ihre eigenen Hände zu nehmen, beweist. In weiteren Artikeln werden wir die Rolle der Bolschewiki in den Ereignissen untersuchen, schließlich die Ursachen der Niederlage und des Triumphes der kapitalistischen Konterrevolution in Rußland selber aufgreifen.

„Die Russische Revolution von 1917 war vor allem eine überwältigende Tat der ausgebeuteten Massen, um die bürgerliche Ordnung zu überwinden, die sie zu bloßen Rädern in einer wirtschaftlichen Maschine und zu purem Kanonenfutter im Krieg zwischen den imperialistischen Mächten hatte werden lassen. Eine Tat, wo Millionen von Arbeiter all die anderen ausgebeuteten Teile der Bevölkerung hinter sich brachten, indem sie es ihnen ermöglichten, als eine einzige Kraft gemeinsam zu handeln. Durch diese Tat konnten sie ihr eigenes Schicksal in die Hände nehmen, mit dem Aufbau einer neuen Gesellschaft beginnen, einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, ohne Kriege, ohne Klassen, ohne Nationen, ohne Armut: eine kommunistische Gesellschaft“ (Internationale Revue, Nr. 51, ‚Vor 70 Jahren: die Russische Revolution’).

DIE RUSSICHE REVOLUTION: SPEERSPITZE DER INTERNATIONALEN BEWEGUNG DES PROLETARIATS GEGEN DEN WELTKRIEG

Im Jahr 1914 stürzten Regierungen, Könige, Politiker und das Militär als Verteidiger eines gesellschaftlichen Systems, das in die Niedergangsphase eingetreten war, die Menschheit in die Katastrophe des 1. Weltkriegs. Das Abschlachten von 20 Mio. von Menschen, eine bis dahin in diesem Ausmaß nie erreichte Zerstörung, Destabilisierung, Armut und Hunger, Tod, harte Kriegsdisziplin und unbeschreibliche Leiden an der militärischen Front; ganz Europa versank in einem See von Chaos, Barbarei, Zerstörung der Industrie, von Gebäuden, Wohnungen...

Das internationale Proletariat begann gegen diese kriegerische Barbarei zu reagieren, nachdem es  sich vom Gift des Patriotismus und von demokratischen Lügen der verschiedenen Regierungen, die durch den Verrat der Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien und der Gewerkschaften unterstützt wurden, nicht mehr mitreißen ließ. Vom Ende des Jahres 1915 an explodierten in Rußland, Deutschland, Österreich und anderswo Streiks, Hungerrevolten, Demonstrationen gegen den Krieg. An der Front kam es zu Meutereien, kollektiven Desertionen, Verbrüderungen zwischen den Soldaten der beiden Kriegsparteien, vor allem in der russischen und deutschen Armee. Die Internationalisten standen an der Spitze dieser Bewegung - die Bolschewisten, die Spartakisten, die ganze Linke der 2. Internationale. Seit dem Ausbruch des Krieges im August 1914 entblößten sie diesen ohne Zögern als einen imperialistischen Räuberkrieg, als einen Ausdruck der Sackgasse des Weltkapitalismus, als das Signal für das Proletariat, seine geschichtliche Aufgabe zu erfüllen: die internationale sozialistische Revolution zu vollziehen.

Die Vorhut dieser internationalen Bewegung, die den Krieg beenden und die Möglichkeit der Weltrevolution öffnen würde, stellten die russischen Arbeiter dar, die sich seit dem Ende des Jahres 1915 an ökonomischen Streiks beteiligten, auf die seitens der Herrschenden mit einer harten Repression  reagiert wurde. Nichtsdestotrotz wuchs die Bewegung: der 9. Jan. 1916, der Jahrestag der ersten Revolution von 1905, wurde von den Arbeitern mit Streiks begangen. Das ganze Jahr hindurch brachen neue Streiks aus, begleitet von Versammlungen, Diskussionen, dem Aufstellen von Forderungen und Zusammenstößen mit der Polizei.

Gegen Ende 1916 steigen die Preise sprunghaft. Zu Inflation und Transportzerrüttung gesellt sich direkter Warenmangel. Der Verbrauch der Bevölkerung vermindert sich zu dieser Zeit um mehr als die Hälfte. Die Kurve der Arbeiterbewegung steigt schroff nach oben. Mit dem Oktober tritt die Bewegung in Petrograd in das entscheidende Stadium ein und vereinigt alle Arten der Unzufriedenheit: Petrograd nimmt den Anlauf zur Februarrevolution. Eine Versammlungswelle rollte durch die Betriebe. Die Themen sind: Ernährung, Teuerung, Krieg, Regierung. Es werden bolschewistische Flugblätter verteilt. Politische Streiks beginnen. Nach dem Verlassen der Betriebe finden improvisierte Demonstrationen statt. Es werden Fälle von Verbrüderung einzelner Betriebe mit Soldaten beobachtet. Ein stürmischer Proteststreik entbrennt gegen das Gericht über die revolutionären Matrosen der baltischen Flotte... Die Proletarier fühlen, daß es keinen Rückzug mehr gibt. In jedem Betrieb entsteht ein aktiver Kern, am häufigsten um die Bolschewiki. Streiks und Meetings finden während der ersten Februarwochen ununterbrochen statt. Am 8. Februar wurden Polizisten im Putilowwerk mit einem Hagel von Eisenstücken und Schlackenöl empfangen... Am 19. sammelte sich vor den Lebensmittelgeschäften viel Volk, besonders Frauen, an, alle forderten Brot. Tags darauf wurden in einigen Stadtteilen Bäckerläden geplündert. Das war bereits das Wetterleuchten des Aufstands, der wenige Tage später ausbrach" (S. 47, ‚Proletariat und Bauernschaft’)

 EINE MASSENBEWEGUNG

Das waren die aufeinanderfolgenden Etappen eines gesellschaftlichen Prozesses, den heute viele Arbeiter als eine Utopie betrachten: die Umwandlung einer atomisierten, apathischen, gespaltenen Masse zu einer vereinten Klasse, die als ein Körper handelte und so fähig war, einen revolutionären Kampf in Gang zu bringen, wie das in den 5 Tagen vom 22.-27. Februar 1917 deutlich wurde. Die Arbeiter erschienen morgens in den Betrieben, gehen jedoch nicht an die Arbeit, sondern veranstalten Versammlungen und bilden Züge, die in das Stadtzentrum marschieren. Neue Stadtbezirke und neue Gruppen der Bevölkerung werden in die Bevölkerung einbezogen. Die Parole 'Brot' wird verdrängt und überdeckt von den Parolen 'Nieder mit dem Selbstherrschertum', 'Nieder mit dem Krieg'. Ununterbrochene Demonstrationen auf dem Newski-Prospekt. Die Masse will nicht mehr weichen, sie widersetzt sich mit optimistischer Wut, bleibt auf den Straßen auch nach den tödlichen Salven... 'Schieße nicht auf deine Brüder und Schwestern!", rufen die Arbeiter und Arbeiterinnen, und nicht nur das: 'Geh mit uns!". So spielt sich auf den Straßen und Plätzen, an den Brücken, an den Toren der Kasernen ein ununterbrochener, bald dramatischer, bald unsichtbarer, aber immer verzweifelterer Kampf ab um die Seele des Soldaten... Die Arbeiter ergeben sich nicht, weichen nicht zurück, unter dem Hagel des Bleies wollen sie das Ihrige erringen. Arbeiterinnen, Frauen, Mütter, Schwestern, Geliebte sind mit ihnen. Das ist ja nun die Stunde, von der man so oft flüsternd in verborgenen Winkeln sprach: "Ja, wenn doch alle gemeinsam..." (Trotzki, ebenda, 5 Tage, S. 133,134,142).

Die herrschenden Klassen konnten es nicht glauben: Sie dachten, daß es sich um eine Revolte gehandelt habe, die verschwinden würde, sobald den Beteiligten eine Lehre erteilt worden sei. Als die terroristischen Aktionen der kleinen Elitekorps, die von den Militärs geschickt wurden, in einem totalen Fiasko endeten, wurde deutlich, wie tief die Bewegung verwurzelt war. "Die Revolution schien schutzlos gegenüber diesen Militärs zu sein, weil sie noch sehr chaotisch verlief... Aber dies war eine falsche Auffassung. Es war nur ein scheinbares Chaos. Darunter entfaltete sich eine unwiderstehliche Kristallisierung der Massen um neue Schwerpunkte" (Trotzki, 'Die Russische Revolution').

Als die ersten Glieder der Kette gebrochen waren, wollten die Arbeiter nicht zurückweichen, und um auf einem festen Boden vorwärts zu schreiten, griffen sie die Erfahrung von 1905 wieder auf, indem sie Arbeiterröte gründeten, die Einheitsorgane der ganzen kämpfenden Klasse. Wie auch immer, die  Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, alte Arbeiterparteien, die durch ihre Teilnahme am Krieg in das Lager der Bourgeoisie übergewechselt waren, versuchten gleich, die Sowjets sofort unter ihre Kontrolle zu bringen. Diese Parteien dienten jetzt dazu, die Provisorische Regierung mit 'großen Persönlichkeiten' zu bilden wie Miljukow, Rodiazno, Kerenski...

Die erste Absicht der Regierung war, die Arbeiter zu überzeugen, daß sie zur 'Normalität, zum Alltag zurückkehren', von ihren 'Träumen ablassen' und sich in eine unterwürfige, passive und atomisierte Masse verwandeln sollten, die die Bourgeoisie benötigte, um ihre Geschäfte und den Krieg weiterzuführen. Die Arbeiter aber wollten dies nicht hinnehmen. Sie wollten leben und eine neue Politik entwickeln, die sie alle selbst praktizierten, indem sie den Kampf um ihre unmittelbaren Interessen mit dem Kampf um die generellen Interessen der ganzen Menschheit verbanden. So forderten die Arbeiter gegen das Beharren der Bourgeoisie und der sozialdemokratischen Verräter, die meinten, man "muß jetzt arbeiten statt zu fordern, weil jetzt politische Freiheit herrscht", den Achtstundentag, um Freiheit zu haben für Versammlungen, Diskussionen, Zum Lesen, um Teil dieser Bewegung sein zu können.

Indes wälzte nach dem Sturz der Selbstherrschaft eine Woge stürmischer Streiks heran. Es gab kein Werk und keine Fabrik, wo nicht sofort und mit einem Mal, ohne auf Zustimmung von oben zu warten, die anstehenden ökonomischen Forderungen - Erhöhung des Lohnes, Kürzung des Arbeitstags usw. - vorgetragen worden wären. Die 'ökonomischen Konflikte nahmen quantitativ mit jedem Tag zu und wurden im Rahmen des sich entfaltenden Kampfes immer umfassender' (A. Pankratova, Fabrikröte in Rußland, S. 170).

Am 18. April veröffentlichte Miljukow, ein Minister der Kadetten in der Provisorischen Regierung, eine Schrift, wo er nochmals versicherte, daß Rußland den Alliierten gegenüber verpflichtet sei, den Krieg weiterzuführen. Die Arbeiter und Soldaten reagierten sofort: Es gab spontane Demonstrationen, Massenversammlungen wurden in den Arbeitervierteln, den Kasernen und Fabriken abgehalten. „Die in der Stadt entstandene Erregung ging jedoch nicht in ihre Ufer zurück. Es versammelten sich die Massen. Meetings wurden abgehalten, an den Straßenkreuzungen gab es Diskussionen, in den Trams teilte man sich in Anhänger und Gegner Miljukows... Die Erregung war nicht auf Petrograd beschränkt, in Moskau ließen die Arbeiter ihre Maschinen stehen und die Arbeiter verließen die Kasernen, mit ihren tumultartigen Protesten zogen sie auf die Straße“ (Trotzki, S. 290). Am 20. April erzwang eine riesige Demonstration Miljukows Rücktritt, und die Bourgeoisie mußte von ihren Kriegsplänen abrücken.

Der Mai war von erregten organisatorischen Aktivitäten geprägt. Es gab weniger Streiks und Demonstrationen, aber das drückte keinen Rückfluß der Bewegung aus. Im Gegenteil: es brachte einen Fortschritt und eine Entwicklung zum Vorschein, weil die Arbeiterklasse sich auf ihre Massenorganisationen konzentrierte, einen Aspekt des Kampfes, der bis dahin nur wenig entwickelt war. Die Sowjets entstanden in den entferntesten Winkeln Rußlands. Gleichzeitig entfaltete sich eine Vielfalt von Massenorganen: Fabrikkomitees, Bauernsowjets, Nachbarschaftssowjets, Soldatenkomitees. Dadurch gruppierten sich die Massen zusammen, diskutierten, dachten zusammen nach und entschieden gemeinsam. Im Kontakt mit diesen Organisationen wachten die meisten auch noch so rückständigen Arbeiter auf. “Die Dienstboten, die man gewohnt war, wie Tiere zu behandeln und mit einem Bettelpfennig zu entlohnen, begannen aufsässig zu werden. Ein Paar Schuhe kostete über 100 Rubel, und da die Löhne in der Regel nicht mehr als 35 Rubel im Monat betrugen, weigerten sich die Dienstboten, um Lebensmittel anzustehen und dabei ihr Schuhzeug zu verderben...  Die Droschkenkutscher hatten einen Verband, sie waren auch im Petrograder Sowjet vertreten“ (J. Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten, S. 49).

Die Arbeiter und Soldaten wurden der niemals endenden Versprechen der Provisorischen Regierung und ihren menschewistischen und sozialrevolutionären Unterstützern überdrüssig, denn es waren Versprechen, die sich durch wachsende Arbeitslosigkeit und Hunger selbst als leer erwiesen. Sie sahen, daß alles, was ihnen in Fragen des Krieges und der Bauern angeboten wurden, hohle Phrasen waren. Sie hatten genug von bürgerlicher Politik und begannen die letzten Konsequenzen ihrer eigenen Politik zu ziehen. Die Forderung nach `Alle Macht den Sowjets‘ wurde zu einem Verlangen, das von den breiten Arbeitermassen getragen wurde (2).

Der Juni war ein Monat von intensiver politischer Agitation, mit als Höhepunkt eine Reihe von bewaffneten Demonstrationen der Arbeiter und Soldaten von Petrograd am 4. und 5. Juli. „In den Vordergrund sind die Betriebe gerückt. Der Bewegung haben sich auch jene Fabriken angeschlossen, die gestern abseits gestanden. Wo die Leitung schwankt oder sich widersetzt, zwingt die Arbeiterjugend das wachdiensthabende Mitglied des Fabrikkomitees, zum Zeichen der Arbeitseinstellung die Fabriksirene heulen zu lassen... Es streikten sämtliche Betriebe, Meetings fanden statt. Man wählte Demonstrationsführer und Delegierte zur Überreichung der Forderungen an das Exekutivkomitee....Aus Kronstadt, aus Nowyj Peterhof, aus Krassnoje Selo, aus dem Fort Krassnaja Gorka, aus der gesamten näheren Peripherie, zu Wasser und zu Lande bewegen sich Matrosen und Soldaten mit Musikorchester, Gewehren, und was das Schlimmste ist, mit bolschewistischen Plakaten“ (Trotzki, Julitage: Kulminationspunkt und Zertrümmerung, S. 432).

Der Juli endete mit einem bitteren Fiasko für die Arbeiter. Die Situation war noch nicht reif für die Machtergreifung, da sich die Soldaten nicht voll mit den Arbeitern identifizierten; die Bauern waren voller Illusionen über die Sozialrevolutionäre und die Bewegung in den Provinzen war rückwärtsgewandt zum Kapital.

In den folgenden beiden Monaten - August und September - wurden die Arbeiter von der Verbitterung über die Niederlage und die gewaltsame Repression der Bourgeoisie angespornt. Die Arbeiter begannen diese Hindernisse praktisch zu lösen. Nicht durch einen ausgearbeiteten Plan, sondern durch ein ‚Meer von Initiativen‘, von Kämpfen und Diskussionen in den Sowjets, die sich im Bewußtwerden der Klasse verwirklichten. Auf diese Weise verschmolzen die Aktionen der Arbeiter und Soldaten:

„Ein Phänomen der ‚Osmose‘ entstand, insbesondere in Petrograd. Als die Agitation die Arbeiterviertel in Vyborg und die in der Hauptstadt stationierten Regimenter sich vereinigen ließ, kam es zu einer wahren Gärung. Die Arbeiter und Soldaten gingen regelmäßig auf die Straße, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Straße gehörte ihnen. Keine Kraft, keine Macht hätte sie zu jener Zeit davon abbringen können, ihre Forderungen vorzutragen oder ihre revolutionäre Lieder zu singen“ (G. Soria, Los 300 dias de la Revolucion Rusa, 4. Kapitel, Una era de crisis)

Nach der Niederlage des Juli dachte die Bourgeoisie, daß sie den Alptraum nun endlich beenden könnte. So zettelte sie einen Militärputsch an, wobei sie die Aufgaben zwischen Kerenskis demokratischem Block und dem offen reaktionären Kornilowblock aufteilten. Kornilov war der Oberbefehlshaber der Armee. Die Arbeit sollten die kossakischen und kaukasischen Regimenter übernehmen, die noch gegenüber der bürgerlichen Ordnung als loyal erschienen. Sie wurden nach Petrograd in Bewegung gesetzt.

Der Versuch war ein völliger Fehlschlag. Die starke Hand der Arbeiter und Soldaten, straff organisiert vom Komitee für die Verteidigung der Revolution - das unter der Kontrolle des Petrograder Sowjets in das revolutionäre Militärkomitee umgewandelt werden sollte - das Organ des Oktoberaufstands, - zwang Kornilow zur Aufgabe. Oder anders, wie es in der Mehrheit der Fälle geschah: Sie desertierten und vereinigten sich mit den Arbeitern und Soldaten. „Die Verschwörung wurde von jenen Kreisen geleitet, die nicht gewohnt und außerstande waren, ohne die unteren Schichten etwas zu tun, ohne Arbeitskraft, ohne Kanonenfutter, ohne Offiziersburschen, Dienstboten, Schreiber, Chauffeure, Gepäckträger, Köchinnen, Waschfrauen, Weichensteller, Telegraphisten, Pferdeknechte, Kutscher. Indes, alle diese kleinen menschlichen Schrauben, diese unmerklichen, zahllosen, unentbehrlichen, standen auf der Seite der Sowjets und gegen Kornilow. Die Revolution war allgegenwärtig. Sie drang überall hin, die Verschwörung überziehend. Sie hatte überall ihr Auge, ihr Ohr, ihren Arm.

Das Ideal der militärischen Erziehung bestand darin, daß der Soldat hinter dem Rücken des Vorgesetzten so handele wie vor dessen Augen. Indes erfaßten die russischen Soldaten und Matrosen im Jahre 1917, während sie die offiziellen Befehle auch unter den Augen der Kommandatur unausgeführt ließen, gierig im Fluge die Befehle der Revolution und erfüllten sie noch häufiger aus eigener Initiative, ehe sie sie erreichten...

Es ging für sie nicht um die Verteidigung der Regierung, sondern um die Beschirmung der Revolution. Um so entschlossener und opfermutiger war ihr Kampf. Der Widerstand gegen die Meuterei erwuchs aus Schienen, Steinen, aus der Luft. Die Eisenbahner der Station Luga, wohin Krymow gekommen war, weigerten sich beharrlich, die Militärzüge abfahren zu lassen, mit dem Hinweis, es gäbe keine Lokomotiven. Die Kosakenstaffeln waren im Augenblick von bewaffneten Soldaten der 20.000 Mann starken Lugaer Garnison umringt: Ein kriegerischer Zusammenstoß fand nicht statt, doch etwas viel Gefährlicheres: ein Kontakt, eine Verbindung, ein gegenseitiges Durchdrungensein“ (Trotzki, Die Bourgeoisie mißt ihre Kräfte mit der Demokratie, S.591 und 598).

EINE BEWUSSTE BEWEGUNG

Die Bourgeoisie betrachtet Arbeiterrevolutionen als kollektiven Wahnsinn, als spontanes Chaos, das auch spontan wieder endet. Die bürgerlicher Ideologie kann nicht zugeben, daß die Ausgebeuteten auf eigene Initiative hin handeln können. Kollektives Handeln, Solidarität, bewußte Aktionen der Mehrheit der Arbeiter, solche Begriffe betrachtet das bürgerliche Denken als unnatürlich, als Utopie (für die Bourgeoisie ist einzig der Krieg aller gegen alle und die Manipulation der großen Masse der Menschheit durch eine kleine Elite ‚natürlich‘). „Blickt man auf die vergangenen Jahrhunderte, erscheint einem die Tatsache der Machtübernahme durch die Bourgeoisie hinlänglich gesetzmäßig: in allen früheren Revolutionen kämpften auf den Barrikaden Arbeiter, Handwerksgehilfen, zum Teil auch Studenten, Soldaten gingen zu ihnen über, die Macht aber nahm dann die solide Bourgeoisie an sich, die, unter Wahrung aller Vorsicht, den Barrikadenkampf von den Fenstern aus verfolgt hatte. Die Februarrevolution von 1917 jedoch unterscheidet sich von allen früheren Revolutionen durch einen unvergleichlich höheren Charakter und hohes politisches Niveau der revolutionären Klasse...demzufolge im Augenblick des Sieges ein neues revolutionäres Machtorgan erstand: der Sowjet, der sich auf die bewaffnete Gewalt der Massen stützte“ (Trotzki, Das Paradoxon der Februarrevolution, S. 145).

Diese völlig neue Dimension der Oktoberrevolution stimmt mit dem Wesen des Proletariats überein, das eine ausgebeutete und revolutionäre Klasse zugleich ist, die sich nur durch gemeinsames und bewußtes Handeln befreien kann.

Die russische Revolution war nicht das rein passive Produkt von schrecklichen objektiven Bedingungen. Sie war ebenso das Produkt einer kollektiven Entwicklung des Bewußtseins. Das Ziehen von Lehren, die Überlegungen, Slogans und das in Erinnerung Rufen der Erfahrungen waren Teil einer Kontinuität der proletarischen Erfahrung, und die sich stützte auf die Pariser Kommune von 1871, die Revolution von 1905, die Kämpfe des Bundes der Kommunisten, der 1. und 2. Internationale, der Zimmerwalder Linken, der Bolschewiki. Natürlich handelte es sich bei der russischen Revolution um eine Antwort auf den Krieg, den Hunger und den barbarischen Todeskampf des Zarismus; jedoch war es eine bewußte Antwort, geleitet von der historischen und globalen Kontinuität der proletarischen Bewegung.

Das äußerte sich konkret in den enormen Erfahrungen, die die russischen Arbeiter in den großen Kämpfen von 1888, 1902, in der Revolution von 1902 und in den Kämpfen von 1912-14 gewonnen hatten. Gleichzeitig führte dieser Prozeß zur Geburt der Bolschewistischen Partei auf dem linken Flügel der 2. Internationale ö... es war nicht die Masse an sich, sondern es war die Masse der Petrograder und der russischen Arbeiter im allgemeinen notwendig, die die Revolution von 1905 erlebt hatte und den Moskauer Dezemberaufstand von 1905,... es war notwendig, daß es in dieser Masse Arbeiter gegeben hat, die über die Erfahrung von 1905 nachgedacht, die konstitutionellen Illusionen der Liberalen und der Menschewiki kritisiert, die Perspektive der Revolution sich angeeignet, Dutzende Male das Problem der Armee überlegt“ (Trotzki, Wer leitete den Februaraufstand?, S. 136)

Mehr als 70 Jahre vor der Revolution von 1917 schrieben Marx und Engels, daß „also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Hals zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden“ (Deutsche Ideologie, MEW 3, Feuerbach, S. 70).

Die russische Revolution festigte diese Position: die Bewegung selbst brachte die Bedingungen für die Selbsterziehung der Massen mit sich: „Eine Revolution lehrt und zwar schnell. Darin besteht ihre Kraft. Jede Woche brachte den Massen etwas Neues. Jeder zweite Monat schuf eine Epoche. Ende Februar - der Aufstand. Ende April - Auftreten bewaffneter Arbeiter und Soldaten in Petrograd! Anfang Juli - ein neues Auftreten in viel breiterem Maßstab und unter entschiedeneren Parolen. Ende August - der Kornilowsche Staatsstreichversuch, von den Massen zurückgeschlagen. Ende Oktober - Machteroberung durch die Bolschewiki. Unter diesen durch die Gesetzmäßigkeit ihrer Rhythmen verblüffenden Ereignisse vollzogen sich tiefe, molekulare Prozesse, die die verschiedenartigen Teile der Arbeiterklasse in ein politisches Ganzes verschmolzen“ (Trotzki, Verschiebungen in den Massen, S. 353)

„Ganz Rußland lernte lesen. Und es las - Politik, Ökonomie, Geschichte. Das Volk wollte WISSEN... . Der Drang nach Wissen, solange unterdrückt, brach sich in der Revolution mit Ungestüm Bahn. Allein aus dem Smolny-Institut gingen in den ersten 6 Monaten täglich Tonnen, Wagenladungen Literatur ins Land. Rußland saugte den Lesestoff auf, unersättlich, wie heißer Sand das Wasser... Und dann das gesprochene Wort, neben dem Carlyles „Flut der französischen Rede“ wie ein armseliges Rinnsal anmutet: Vorlesungen, Debatten, Reden; in Theatern, Zirkussen, Schulen, Klubs, in den Sitzungen der Sowjets, der Gewerkschaften, in den Kasernen.. Versammlungen in den Schützengräben an der Front, auf den Dorfplätzen, in den Fabriken... Was für ein Anblick, die Arbeiter der Putilow-Werke, 40.000 Mann stark, herausströmen zu sehen, um die Sozialdemokraten zu hören, die Sozialrevolutionäre, die Anarchisten - wer immer etwas zu sagen hatte, so lange er reden wollte....In den Versammlungen wurde jeder Versuch, die Redezeit einzuschränken, abgelehnt. Jedermann hatte vollkommene Freiheit, auszusprechen, was er auf dem Herzen hatte...ö (J. Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten,  S. 51).

Die ‚demokratische‘ Bourgeoisie spricht viel von der ‚Meinungsfreiheit‘, aber die Erfahrung zeigt uns, daß sie damit nur die Manipulationen, Theater und Hirnwäsche meint: die wirkliche Meinungsfreiheit kann das Proletariat nur durch seine eigenen revolutionären Taten erobern.

„In jeder Fabrik, in jeder Werkstatt, in jeder Kompanie, in jeder Teestube, im Lazarett, in der Etappe und sogar in dem entvölkerten Dorfe ging eine molekulare Arbeit des revolutionären Gedankens vor sich. Überall gab es Deuter der Ereignisse, hauptsächlich Arbeiter, die man ausfragte, was es Neues gäbe, und von denen man das nötige Wort erwartete... Ihr Klasseninstinkt war durch politisches Kriterium geschärft, und führten sie auch nicht immer ihre Ideen zu Ende, so arbeitete ihr Gedanke doch unablässig und beharrlich stets in der gleichen Richtung. Elemente der Kritik, der Initiative, der Selbstaufopferung durchdrangen die Masse und bildeten die innere, dem oberflächlichen Blick unerreichbare, aber nichtsdestoweniger entscheidende Mechanik der revolutionären Bewegung als eines bewußten Prozesses“ (Trotzki, Wer führte den Februaraufstand an? S. 136).

Diese Überlegung, dieser Bewußtseinsprozeß schreibt  Rosa Luxemburg, legte all die materielle und moralische Ungerechtigkeit offen, die die Arbeitern angetan wird, die unmenschliche Ausbeutung, die miserablen Löhne, das System der feinspitzigen Bestrafungen und die Beleidigungen ihrer menschlichen Würde durch die Kapitalisten und die Bosse. Dieses Netzwerk ruinöser und schändlicher Bedingungen, unter denen sie die Arbeiter gefangenhalten, diese Hölle, die das tägliche Schicksal der Arbeiterklasse unter der Zwangsherrschaft des Kapitalismus ist“ (Rosa Luxemburg, „In revolutionärer Stunde“).

Aus demselben Grund stellte die russische Revolution eine ständige untrennbare Einheit zwischen politischem und wirtschaftlichem Kampf dar: „Nach jeder schäumenden Welle der politischen Aktion bleibt ein befruchtender Niederschlag zurück, aus dem sofort tausendfältige Halme des ökonomischen Kampfes emporschießen. Und umgekehrt. Der unaufhörliche ökonomische Kriegszustand der Arbeit mit dem Kapital hält die Kampfenergie in allen politischen Pausen wach, er bildet sozusagen das ständige frische Reservoir der proletarischen Klassenkraft, aus dem der politische Kampf immer von neuem seine Macht hervorholt, und zugleich führt das unermüdliche ökonomische Bohren des Proletariats alle Augenblicke bald hier, bald dort zu einzelnen scharfen Konflikten, aus denen unversehens politische Konflikte auf großem Maßstab explodieren“ (Rosa Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, Bd 2, S. 128).

Diese Entwicklung des Bewußtseins führte die Arbeiter im Juni und Juli zur Überzeugung, daß sie ihre Energien nicht in tausend ökonomischen Teilkämpfen verschwenden, sondern stattdessen die Energie auf den revolutionären politischen Kampf konzentrieren sollten. Dies hieß nicht, die Kämpfe um unmittelbare Forderungen zurückzuweisen, sondern im Gegenteil hieß dies, ihre politischen Konsequenzen aufzugreifen und umzusetzen.

„Soldaten und Arbeiter glaubten, von der Entscheidung der Frage, wer weiter das Land regieren werde, die Bourgeoisie oder die eigenen Sowjets, hingen alle anderen Fragen ab: sowohl die des Arbeitslohns wie die des Brotpreises wie auch jene, ob man an der Front, unbekannt wofür, umzukommen habe“ (Trotzki, Julitage: Vorbereitung und Beginn, S. 416).

Die Entwicklung des Bewußtseins in der Arbeiterklasse erreichte im Oktoberaufstand ihren Höhepunkt. Seine Atmosphäre beschrieb Trotzki so bewundernswert: „die Massen hatten das Bedürfnis, zusammenzuhalten, ein jeder wollte sich an den anderen überprüfen, und alle beobachteten immer aufmerksamer und gespannter, wie sich der gleiche Gedanke mit all seinen verschiedenen Schattierungen und Strichen in ihrem Bewußtsein wälzte. Endlose Mengen standen an Zirkussen und anderen großen Gebäuden herum, wo die populärsten Bolschewiki mit letzten Schlußfolgerungen und letzten Appellen auftraten... Doch unermeßlich wirksamer war in dieser letzten Periode vor der Umwälzung jene molekulare Agitation, die namenlose Arbeiter, Matrosen, Soldaten führten, Gesinnungsgenossen einzeln werbend, letzte Zweifel vernichtend, letzte Schwankungen überwindend. Die Monate fieberhaften politischen Lebens hatten zahlreiche untere Kader geschaffen, Hunderte und Tausende urwüchsiger Menschen erzogen, die gewohnt waren, die Politik von unten zu beobachten, nicht von oben....Die Masse duldete nun nicht mehr in ihrer Mitte Schwankende, Zweifelnde, Neutrale. Sie war bestrebt, alle zu erfassen, mitzureißen, zu überzeugen, zu gewinnen. Betriebe entsandten gemeinsam mit den Regimentern Delegierte an die Front. Die Schützengräben verbanden sich mit den Arbeitern und Bauern des benachbarten Hinterlandes. In den der Front nahegelegenen Städten fanden zahllose Meetings, Beratungen, Konferenzen statt, wo Soldaten und Matrosen ihre Handlungen in Übereinstimmung brachten mit denen der Arbeiter und Bauern“ (Trotzki, Austritt aus dem Vorparlament und Kampf um den Sowjetkongreß, S. 754 ff.)

„Während die offizielle Gesellschaft, dieser ganze vielstöckige Überbau der herrschenden Kassen, Schichten, Gruppen, Parteien und Cliquen, tagein, tagaus in Trägheit und Automatismus lebte, sich die Zeit mit Resten abgenutzter Ideen vertrieb, taub gegen die unabwendbaren Forderungen der Entwicklung, sich von Gespenstervisionen blenden ließ und nichts voraussah, - vollzog sich in den Arbeitermassen ein selbständiger und tiefer Prozeß des Anwachsens nicht nur des Hasses gegen die Herrschenden, sondern auch der kritischen Erkenntnis von deren Ohnmacht, deren Anhäufung von Erfahrung und schöpferischer Einsicht, die mit dem revolutionären Aufstand und seinem Siege abschloß“ (Trotzki, Wer führte den Februaraufstand? S. 137).

DAS PROLETARIAT: DIE EINZIGE REVOLUTIONÄRE KLASSE

Während die bürgerliche Politik immer von einer kleinen Minderheit, die der herrschenden Klasse angehört, betrieben wird, strebt die Politik des Proletariats nicht auf die Durchsetzung der Interessen von Einzelnen, sondern sie setzt sich für das Wohl der Gesellschaft, der Menschheit insgesamt ein,....die ausgebeutete und unterdrückte Klasse (das Proletariat) kann sich nicht mehr von der sie ausbeutenden und unterdrückenden Klasse (der Bourgeoisie) befreien, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für immer von Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkämpfen zu befreien“ (Engels, 1883, Vorwort zum Kommunistischen Manifest, MEW 4, S. 577). Der revolutionäre Kampf des Proletariats stellt die einzige Hoffnung auf die Befreiung der ausgebeuteten Massen dar. Wie die russische Revolution zeigte, waren die Arbeiter fähig, die Soldaten, von denen mindestens 3/4 unter unerträglichen Bedingungen lebten, für sich zu gewinnen. Die Soldaten waren in großer Mehrheit Bauern in Uniform; aber auch die Bauernbevölkerung selbst konnten die Arbeiter auf ihre Seite ziehen. So bekräftigte das Proletariat, daß die sozialistische Revolution nicht nur eine Antwort auf seine eigenen Interessen war, sondern der einzige Weg, den Krieg und allgemein die kapitalistischen Ausbeutungs- und Unterdrückungsmethoden zu beenden.

Der Wunsch der Arbeiter nach einer Perspektive für die anderen unterdrückten Klassen wurde von den Menschewiki und den Sozialrevolutionären geschickt manipuliert. Im Namen der Allianz mit den Bauern und Soldaten versuchten sie, das Proletariat zu einem Verzicht auf den selbständigen Klassenkampf und die sozialistische Revolution zu bewegen. Auf den ersten Blick erscheint dieser Gedanke „logisch“: wenn wir andere Klassen besiegen wollen, ist es notwendig, unsere Forderungen zurückzustecken, um den geringsten gemeinsamen Nenner zu finden, um den wir uns vereinigen können. „Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen“ (Kommunistische Manifest, MEW 4, S. 472).

Bei einer Allianz zwischen den Klassen kann das Proletariat nur alles verlieren. In einer solchen Situation kann das Proletariat die anderen unterdrückten Klassen nicht für sich gewinnen, sondern wird sie in die Arme des Kapitals treiben, und seine eigene Einheit und das eigene Bewußtsein schwächen. Es wird seine eigenen Forderungen nicht weitertreiben, sondern sie verwässern und negieren. Es wird auf dem Weg zum Sozialismus nicht vorankommen, sondern im Sumpf des dekadenten Kapitalismus steckenbleiben. Tatsächlich hilft dies weder den Kleinbürgern noch den Bauern, sondern trögt dazu bei, diese auf dem Altar des Kapitals zu opfern, weil populäre Forderungen eine Maske der Bourgeoisie sind, um ihre eigenen Interessen hineinzuschmuggeln. Im ‚Volk’ werden nicht die Interessen der Arbeiterklasse vertreten, sondern die ausbeuterischen, nationalen, imperialistischen Interessen der ganzen Bourgeoisie.

„Das Bündnis zwischen Menschewiki und Sozialrevolutionären bedeutete unter diesen Umständen  nicht die Zusammenarbeit von Proletariat und Bauernschaft, sondern eine Koalition von Parteien, die zugunsten eines Blocks mit den besitzenden Klassen mit Proletariat und Bauernschaft gebrochen hatten“ (Trotzki, Das Exekutivkomitee, S. 195).

Wenn das Proletariat andere nicht ausbeutende Schichten für sich gewinnen will, muß es seine eigenen Forderungen standhaft behaupten, ebenso wie die eigene Existenz und die Klassenautonomie. Es muß die anderen nicht ausbeutenden Schichten gewinnen. Dabei muß man berücksichtigen: „sind sie revolutionär, so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen“ (Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 472).

Das russische Proletariat war fähig, sich an die Spitze der ausgebeuteten Klassen zu stellen, indem es den Kampf auf eine Beendigung des imperialistischen Krieges konzentrierte, indem es eine Perspektive für die Lösung der Agrarprobleme anbot, indem es die Sowjets als Organ aller ausgebeuteten Klassen schuf, und hauptsächlich indem es die Alternative einer neuen Gesellschaft dem Bankrott und dem Chaos der kapitalistischen Gesellschaft entgegenstellte. Es wußte, wie es eine Perspektive schaffen konnte, um die sie sich vereinigen und wofür sie kämpfen konnten.

Das selbständige Auftreten des Proletariats schob keinen Keil zwischen ihm und den anderen unterdrückten Schichten: im Gegenteil; diesen erlaubte es, sich vom bürgerlichen Staat zu trennen. Gegenüber dem Einfluß der russischen Bourgeoisie auf die Soldaten und Bauern mit der Kampagne gegen den ‚Egoismus’ der Forderung der Arbeiter nach dem 8-Stundentag reagierten die Arbeiter. „Die Arbeiter begriffen die Gefahr und wandten sie geschickt ab. Es genügte ihnen, zu diesem Zwecke die Wahrheit zu erzählen, die Zahlen der Kriegsgewinne zu nennen, den Soldaten die Betriebe und Werkstätten mit ihrem Maschinenlärm, hölligen Flammen der Öfen zu zeigen - ihre ewige Front, an der sie ungezählte Opfer brachten. Auf Initiative der Arbeiter begannen regelmäßige Besuche der Betriebe durch Garnisonsteile, besonders jener Betriebe, die für die Landesverteidigung arbeiteten. Der Soldat sah und hörte, der Arbeiter zeigte und erklärte. Die Besuche endeten mit feierlichen Verbrüderungen“ (Trotzki, Das Exekutivkomitee, S. 211).

„Die Armee war unheilbar krank. Sie war noch dazu in der Lage, ein Wort bei der Revolution mitzureden, aber den Krieg fortführen, das konnte sie nicht mehr“ (Trotzki, Die Armee und der Krieg).

Die ‚unheilbare Krankheit’ der Armee war das Produkt des selbständigen Kampfes der Arbeiterklasse. Angesichts der Agrarprobleme, welche der dekadente Kapitalismus nicht nur nicht lösen konnte, sondern auch ständig verschlimmerte, reagierte das Proletariat entschlossen. Jeden Tag strömten aus den Industriestädten Gruppen von Agitatoren, Delegationen von Fabrikkomitees und der Sowjets, um mit den Bauern zu diskutieren und sie zum Kampf anzutreiben, um die Landarbeiter und die armen Bauern zu organisieren. Die Sowjets und die Fabrikkomitees verfaßten zahlreiche Solidaritätsresolutionen  mit den Bauern und schlugen konkrete Maßnahmen für die Lösung der Agrarfrage vor. Die Petrograder Konferenz der Fabrik- und Betriebskomitees befaßte sich auch mit der Agrarfrage... und verfaßte einen Aufruf an die Bauern. Das Proletariat merkte, daß es nicht nur eine besondere Klasse war, sondern der Führer des Volkes“ (Trotzki, Rückzug aus dem Vorparlament und Kampf um den Sowjetkongreß)

DIE SOWJETS

Die bürgerliche Politik betrachtet die Mehrheit als eine Masse, die manipuliert werden muß, um der Macht, die die Bourgeoisie dem Staat gab, einen demokratischen Anstrich zu geben. Die Politik der Arbeiter ist dagegen das freie und bewußte Werk der großen Mehrheit der Arbeiter mit dem Ziel der Verfolgung ihrer Interessen.

„Die Sowjets, Deputiertenröte oder Delegationen der Arbeiterversammlungen entstanden spontan zum ersten Mal 1905 in dem großen Massenstreik in Rußland. Sie gingen direkt aus Tausenden von Arbeiterversammlungen hervor, aus den Fabriken und Arbeitervierteln; sie entstanden überall und spiegelten dieses größte Aufblühen des Lebens der Arbeiterklasse wider, das es bis dahin gegeben hatte. Als ob sie den Kampf der Pariser Kommunarden von 1871 wieder aufgriffen und ihn fortführten, setzten die Arbeiter in der Praxis die Organisationsform um, die die Kommunarden ursprünglich beabsichtigt hatten: souveräne Versammlungen, die durch gewählte und abwählbare Delegierte zentralisiert wurden“ (Révolution Internationale, Zeitung der IKS in Frankreich, Nr. 190).

Seit dem Sturz des Zarismus im Februar durch das Proletariat wurden in Petrograd, Moskau, Charkow, Helsingfors und in allen industrialisierten Gegenden Sowjets von Arbeiterdelegierten gegründet; Sowjetdelegationen schlossen sich ihnen an, später auch solche von Bauern. Um die Sowjets bildeten das Proletariat und die ausgebeuteten Massen ein Netzwerk von Kampforganisationen, die auf Versammlungen, freien Diskussionen und Entscheidungen von allen Ausgebeuteten basierten: Nachbarschaftssowjets, Soldatenkomitees, Bauernkomitees.

“Das Netzwerk von Arbeiter- und Soldröten, das ganz Rußland überzog, stellte das Rückgrad der Revolution dar. Dank ihrer Unterstützung breitete sich die Revolution wie ein Flächenbrand aus; immer wieder stießen die Reaktionen der Herrschenden auf ihren Widerstand“. (O. Anweiler, Die Rötebewegung in Rußland 1905-1921, 3. Kapitel, 3. Teil).

Bürgerliche ‚Demokratie’ reduziert die Teilnahme der Massen auf eine alle vier oder fünf Jahre stattfindende Wahl für eine Person, die das Nötige für die herrschende Klasse tun wird; im Gegenteil dazu stützen sich die Sowjets auf eine ständige und direkte Teilnahme der Arbeitermassen, die in großen Versammlungen alle Fragen der Gesellschaft diskutierten und entschieden. Die Delegierten wurden gewählt und waren jederzeit abwählbar. Sie wirkten im Kongreß mit festgelegten Mandaten.

Bürgerliche ‚Demokratie’ stellt die Wahlbeteiligung als eine ‚freie Entscheidung des Einzelnen’ an der Wahlurne dar. Damit wird die Atomisierung, der Individualismus, die im Kapitalismus gängige Praxis des jeder für sich, jeder gegen jeden unterstützt und abgedeckt. Gleichzeitig wird die Spaltung der Gesellschaft in Klassen übertüncht, was wiederum der ausbeutenden und in der Minderheit befindlichen Klasse zugute kommt. Die Sowjets dagegen stützen sich auf kollektive Diskussionen und Entschlüsse, in denen jeder die Geschlossenheit und die Stärke des Ganzen spüren kann, das all seine Fähigkeiten entwickelt und gleichzeitig das Kollektiv stärkt. Ausgehend von der eigenständigen Organisierung der Arbeiterklasse kämpfen die Sowjets von dieser Plattform aus für die Abschaffung der Klassen überhaupt.

Die Arbeiter, Soldaten und Bauern betrachteten die Sowjets als ihre Organisationen:

„Nicht nur die Arbeiter und Soldaten der großen Garnisone des Hinterlandes, sondern auch all das bunte Kleinvolk der Städte: Handwerker, Straßenverkäufer, kleine Beamte, Droschkenkutscher, Portiers, Hausangestellte aller Art mieden die provisorische Regierung mit deren Kanzleien und suchten eine nähere, zugänglichere Macht. In immer größrer Zahl kamen Bauernabgesandte ins Taurische Palais. Die Massen ergossen sich in den Sowjets wie in ein Triumphtor der Revolution. Alles, was außerhalb der Sowjets blieb, fiel von der Revolution gleichsam ab und schien einer anderen Welt zugehörig. So war es auch: außerhalb der Sowjets blieb die Welt der Besitzenden, in der sich jetzt alle Farben zu einem graurosa Schutzkolorit vermengten“ (Trotzki, Die neue Macht, S. 172).

Nichts konnte in Rußland ohne die Sowjets geschehen. Die Delegationen der Baltischen und Schwarzmeerflotte erklärten am 16. März, daß sie nur den Befehlen der Provisorischen Regierung gehorchen würden, die im Einklang mit den Entscheidungen der Sowjets stünden. Das 1720. Regiment drückte das noch schärfer aus: „Die Armee und die Bevölkerung sollten sich den Entscheidungen des Sowjets unterwerfen. Befehle der Regierung, die den Entscheidungen des Sowjets entgegenstehen, sollen nicht ausgeführt werden“.  Der Großkapitalist und Minister der Provisorischen Regierung, Gutschkow, erklärte die Regierung verfügt leider über keine reale Macht, in den Händen des Sowjets sind Truppen, Eisenbahn, Post und Telegraph. Man kann geradezu sagen, die Provisorische Regierung existiert nur, solange der Sowjet es zulässt“ (ebenda, S. 175).

Als die Klasse, die nach der bewußten und revolutionären Umwandlung der Welt strebt, benötigt die Arbeiterklasse ein Organ, das erlaubt, alle Tendenzen, alle Gedanken, alle Fähigkeiten zum Ausdruck zu bringen. Ein dynamisches Organ, das in jedem Augenblick die Entwicklung und den Fortschritt der Massen kristallisiert; ein Organ, das nicht in Bürokratismus und Konservatismus entarten kann, das ihr erlaubt, alle Versuche der Mehrheit die Macht zu entreißen, zurückzuweisen und zu bekämpfen. Ein Arbeitsorgan, wo Angelegenheiten schnell und behende entschieden werden, gleichzeitig in einer kollektiven und bewußten Art und Weise ein Organ, das allen erlaubt, sich an seiner Arbeit zu beteiligen.

„Sie wollten von keiner Theorie der Machtteilung etwas wissen und mischten sich in die Verwaltung der Armee ein, in Wirtschaftskonflikte, Ernährungs- und Transportfragen und sogar Gerichtsangelegenheiten. Unter dem Druck der Arbeiter dekretierten die Sowjets den 8-Stundentag, setzten übereifrige reaktionäre Administratoren ab, entließen die unerträglichsten Kommissare der Provisorischen Regierung, nahmen Verhaftungen und Hausdurchsuchungen vor, untersagten das Erscheinen feindlicher Zeitungen“ (Trotzki, Erste Koalition, S. 303)

         o O o

Wir haben gesehen, wie die Arbeiterklasse fähig war, sich selbst zu vereinigen, all ihre schöpferische Energie auszudrücken, in einer organisierten und kollektiven Weise zu handeln und schließlich in der Gesellschaft aufzutreten als eine revolutionäre Klasse, deren Aufgabe es ist, eine neue Gesellschaft ohne Klassen und ohne Staat aufzubauen. Aber um dies zu erreichen, mußte die Arbeiterklasse die Macht der feindlichen Klasse zerstören: den bürgerlichen Staat, verkörpert durch die Provisorische Regierung. Sie mußte dem ihre eigene Macht entgegenstellen: die Macht der Sowjets.

Wir wollen dann in einem weiteren Artikel zeigen, wie die Arbeiterklasse sich gegen die Sabotagetaktik wehrte, die innerhalb der Sowjets von den alten sozialistischen Parteien begangen wurde -  Parteien, die ins Lager der Bourgeoisie überwechselten - die Menschewisten und die Sozialrevolutionäre; wie sie die Sowjets von Kopf bis Fuß erneuerte, um sie für die Machtübernahme vorzubereiten. Wir wollen die Rolle der Bolschewistischen Partei dabei aufzeigen, sowie den Weg zum Höhepunkt der Machtübernahme, den Aufstand im Oktober, darstellen.

Adalen, (aus International Review, Nr. 71, Okt. 1992).

 

(1) Siehe Internationale Revue - Auswahl am Schluß dieser Ausgabe,

- Broschüre: Warum die Russische Revolution scheiterte - die Kommunistische Linke in Rußland

- Internationale Revue Nr. 12, Thesen zu Osteuropa,

(2) Zwei Monate zuvor, als Lenin  diesen Slogan in seinen berühmten Thesen im April formulierte, wurde er verworfen, auch von vielen innerhalb der Bolschewistischen Partei, weil er eine utopische Abstraktion sei.

(3) Innerhalb des Rahmens dieses Artikels haben wir keinen Platz, um darauf einzugehen, ob der Weg der Bolschewiki und der Sowjets gegenüber der Agrarfrage - die Landaufteilung - richtig war. Die Erfahrung - wie Rosa Luxemburg sagte - bewies das Gegenteil. Aber das sollte uns nicht vom Hauptpunkt ablenken: daß das Proletariat und die Bolschewiki eine Lösung anstrebten, die sich auf die Macht der Arbeiterklasse und den Kampf um die sozialistische Revolution stützte.

 

 

Wer kann die Welt verändern? Das Proletariat ist die revolutionäre Klasse

Wer kann die Welt verändern?

 Das Proletariat ist die revolutionäre Klasse

 "Der Kommunismus ist tot. Der Kapitalismus hat gesiegt, weil er das einzige System ist, das wirklich funktionieren kann. Es ist nutzlos und gar gefährlich, von einer anderen Gesellschaft zu träumen". Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der angeblich "kommunistischen" Regime wurde von der herrschenden Klasse eine beispiellose Kampagne angeleiert. Und gleichzeitig hat die Propaganda der Herrschenden zwei Fliegen mit der gleichen Klappe schlagen wollen, als sie nämlich erneut alles daran gesetzt hat, die Arbeiterklasse zu demoralisieren, indem sie ihr einzureden versucht, daß sie keine Kraft mehr in der Gesellschaft sei, daß sie nicht mehr zähle und eigentlich gar nicht mehr existiere. Die Herrschenden haben die Bedeutung und das Ausmaß der zurückgegangenen Kampfbereitschaft vollkommen übertrieben, die sich infolge der Umwälzungen der letzten Jahre abgeschwächt hatte. Das Wiedererstarken des Klassenkampfes, das jetzt wieder festzustellen ist, wird solche Lügen entblößen; aber selbst während der großen Arbeiterkämpfe wird die Bourgeoisie weiter die Idee einzutrichtern versuchen, daß diese Kämpfe auf keinen Fall zu einer Überwindung des Kapitalismus und der Errichtung einer Gesellschaft führen können, die von all den Geißeln befreit ist, die durch den Kapitalismus auf der Menschheit lasten. So bleibt heute auf dem Hintergrund all der Lügen der Herrschenden aber auch in Anbetracht der Skepsis einiger möchte-gern Revolutionärer die Verteidigung des revolutionären Wesens der Arbeiterklasse eine Hauptverantwortung der Revolutionäre. Dieses Ziel verfolgt dieser Artikel.  

In den Kampagnen, die in den letzten Jahren aufgelegt wurden, war eines der Hauptthemen, daß der Marxismus "widerlegt" worden sei. Die von der herrschenden Klasse bezahlten Ideologen behaupten, der Marxismus sei gescheitert. Die Praxis und das Scheitern des Kommunismus in Osteuropa bewiesen, daß er bankrott gegangen sei. Wir haben immer wieder in unserer Presse aufgezeigt, daß der Stalinismus mit dem Kommunismus, so wie Marx und die gesamte Arbeiterbewegung ihn aufgefaßt hatten, nichts zu tun hat (1). Es ist heute eine Aufgabe der Kommunisten, die marxistische Position hinsichtlich der revolutionären Eigenschaften und Fähigkeiten der Arbeiterklasse zu untermauern, und insbesondere müssen wir dabei in Erinnerung rufen, was der Marxismus unter revolutionärer Klasse versteht. 

 

WAS IST FÜR DEN MARXISMUS EINE REVOLUTIONÄRE KLASSE'?

"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen"

 So fängt einer der wichtigsten Texte des Marxismus und der Arbeiterbewegung an: "Das kommunistische Manifest". Diese These wird nicht nur vom Marxismus vertreten, sondern sie stellt einen grundsätzlichen Beitrag der kommunistischen Theorie dar. Sie besagt, daß der Zusammenstoß zwischen den Klassen in der kapitalistischen Gesellschaft letzten Endes die Perspektive des Umsturzes der Bourgeoisie durch die Arbeiterklasse und die Errichtung der Macht der Arbeiterklasse über die gesamte Gesellschaft in sich birgt. Natürlich wurde diese These immer von den Verteidigern des kapitalistischen Systems verworfen. Wenn Angehörige der bürgerlichen Klasse in der aufsteigenden Phase des Systems einige Gesetze der Gesellschaft auf decken konnten (natürlich geschah dies nur sehr unvollständig und auf eine verschleiernde Weise) (4) gibt es kaum Aussichten, daß sich dies heute wiederholt: in der dekadenten Phase ist die herrschende Klasse völlig unfähig geworden, solche Denker hervorzubringen. Den Ideologen der herrschenden Klasse kommt es darauf an, ja das Hauptstreben all ihres "Denkens" besteht darin aufzuzeigen, daß die marxistische Theorie verworfen werden müsse (obgleich der eine oder andere sich auf Beiträge Marxens beruft). Und der Eckpfeiler ihrer "Theorien" ist die Behauptung, daß der Klassenkampf keine Rolle mehr in der Geschichte spiele, ja manchmal wird ganz einfach das Vorhandensein von Kämpfen oder noch schlimmer gar die Existenz von gesellschaftlichen Klassen geleugnet. Nicht nur die offenen Verteidiger der bürgerlichen Gesellschaft behaupten solche Sachen. Auch einige "radikale Köpfe", die eine Karriere bei der Kritik der herrschenden Ordnung gemacht haben, haben sich ihnen seit einigen Jahrzehnten angeschlossen. Der Guru der Gruppe "Socialisme ou Barbarie" (und der geistige Führer der Gruppe Solidarity in Großbritannien), Cornelius Castoriadis, hatte vor nahezu 40 Jahren gemeint, daß der Kapitalismus durch ein drittes System, die "bürokratische Gesellschaft" ersetzt werden würde, und daß anstelle des Gegensatzes zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten der Gegensatz zwischen "Führern und Geführten" (5) treten würde. In der jüngeren Geschichte haben andere "Köpfe", deren Ruhm aber wieder verblaßt ist, wie Marcuse, gemeint, daß die Arbeiterklasse in die kapitalistische Gesellschaft "integriert" worden sei, und daß die einzigen Kräfte, die diese Gesellschaft infrage stellen könnten, jetzt gesellschaftliche Randgruppen wie die Schwarzen in den USA, die Studenten oder auch die Bauern der unterentwickelten Staaten seien. So stellen also die Theorien über das "Ende der Arbeiterklasse", die heute wieder auftauchen, keine Neuigkeit dar. Eine der Eigenschaften des "Denkens" der dekadenten Bourgeoisie, und die sehr wohl das geistige Absterben dieser Klasse verdeutlicht, ist die Unfähigkeit, irgendeine neue Idee hervorzubringen. Sie ist nur dazu in der Lage, in den Abfalleimern der Geschichte herumzustochern, um daraus alte Schablonen hervorzuzaubern, die in neue Formen gesteckt und als "Neuentdeckungen" dargestellt werden.

 Ein bevorzugtes Mittel seitens der Bürgerlichen zur Verschleierung der Wirklichkeit der Klassengegensätze, ja der Existenz von Gesellschaftsklassen überhaupt, sind die soziologischen "Untersuchungen". Sich auf eine Reihe von Statistiken stützend und berufend, versucht man aufzuzeigen, daß die gesellschaftlichen "Unterschiede" und "Spaltungen" nichts mit Klassenunterschieden zu tun hätten, sondern auf Kriterien wie unterschiedliche Schulbildung, unterschiedliche Wohnorte, Altersgruppen, ethnischen Ursprung, unterschiedliche Religionszugehörigkeit usw. (6) zurückzuführen sei. Als Beweis für solche Unterscheidungen werden Beispiele an Land gezogen wie z.B. die Stimmabgabe eines "Staatsbürgers" für rechte oder linke Parteien, das weniger auf die jeweilige wirtschaftliche Lage als auf andere Kriterien zurückzuführen sei. In den Neuenglandstaaten in den USA wählen die Schwarzen und Juden traditionell die Demokratische Partei, in Frankreich wählen die praktizierenden Katholiken, die Elsässer und die Einwohner von Lyon traditionell rechts. Man verschweigt aber vor allem dabei, daß viele amerikanische Arbeiter nie wählen, und daß während Streiks französische Arbeiter, die auch noch in die Kirche gehen, nicht notwendigerweise die am wenigsten kämpferischen sind. Im allgemeinen unterläßt es die "Soziologie" immer, ihre Behauptungen mit einer historischen Dimension zu versehen. So verschweigt man, daß dieselben russischen Arbeiter, die die erste proletarische Revolution dieses Jahrhunderts, die von 1905, in Gang setzten, die Bewegung am 9. Jan. 1905 (der "rote Sonntag") mit einer Demonstration anfing, an deren Spitze ein Pope (Priester) marschierte, und sie alle das Wohlwollen des Zars ersuchten, damit er ihre Armut überwinden helfe (7).

 Wenn sich die "Experten" der Soziologie auf die Geschichte beziehen, behaupten sie jeweils, daß sich die Lage seit dem letzten Jahrhundert grundlegend geändert habe. Damals, meinen sie, hätten der Marxismus und die Theorie des Klassenkampfes einen Sinn gehabt, denn die Arbeitsbedingungen und das Leben der Industriearbeiter waren in der Tat schrecklich. Aber seitdem hätten sich die Arbeiter "verbürgerlicht", und sie hätten sich in die "Konsumgesellschaft" soweit integriert, so daß sie gar ihre "Identität verloren" hätten. Auch seien die dickbäuchigen, Zigarren rauchenden Bourgeois durch die "bezahlten Manager" ersetzt worden. All diese Aussagen sollen die Tatsache verwischen, daß die Grundstruktur der Gesellschaft sich überhaupt nicht geändert hat. Tatsächlich sind nämlich die Bedingungen, die die Arbeiterklasse schon im vorigen Jahrhundert zu einer revolutionären Klasse machten, weiterhin vorhanden. Die Tatsache, daß heute der Lebensstandard über dem ihrer Klassenbrüder des vorigen Jahrhunderts liege, ändert aber nichts an der Stellung in den Produktionsverhältnissen, die die kapitalistische Gesellschaft beherrschen. Die Gesellschaftsklassen bestehen weiterhin, auch stellen die Kämpfe zwischen ihnen weiterhin den Hauptmotor der geschichtlichen Entwicklung dar.

 Es ist wirklich eine Ironie der Geschichte, daß die offiziellen Ideologen der Bourgeoisie einerseits behaupten, daß die Klasse keine besondere Rolle mehr spielen (gar nicht mehr existieren) und andererseits anerkennen, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse auf der Welt die ausschlaggebende Hauptfrage sind, vor der die dieselbe herrschende Klasse steht.

 In Wirklichkeit rührt die grundlegende Bedeutung der Klassen in der Gesellschaft gerade aus der herausragenden Stellung der wirtschaftlichen Aktivitäten der Menschen. Eine der zentralen Aussagen des historischen Materialismus besteht darin, daß die Wirtschaft letzten Endes die anderen Bereiche der Gesellschaft bestimmt: die juristischen Verhältnisse, die Regierungsform, die Denkweise. Diese materialistische Auffassung der Geschichte prallt natürlich mit der der Philosophen zusammen, aus deren Sicht die Ereignisse der Geschichte entweder reine Zufallsergebnisse oder der Ausdruck eines überirdischen Willens oder das einfache Ergebnis von Leidenschaften oder von Denkweisen der Menschen sind. Aber wie Marx schon damals sagte, übernimmt die Krise die Aufgabe, die Dialektik in die Köpfe der Bürgerlichen zu treiben. Die heute offensichtliche Tatsache der Vorherrschaft der Wirtschaft in der Gesellschaft ist entscheidend für die Wichtigkeit der Gesellschaftsklassen, weil sie im Gegensatz zu den anderen soziologischen Kategorien von den wirtschaftlichen Verhältnissen bestimmt werden. Dies war schon immer seit dem Bestehen von Klassen ausschlaggebend, aber im Kapitalismus wird dies am deutlichsten.

 In der Feudalgesellschaft z.B. war die Aufteilung der Gesellschaft per Gesetz festgelegt. Es gab einen grundlegenden juristischen Unterschied zwischen den Ausbeutern und den Ausgebeuteten: die Adligen hatten per Gesetz einen offiziellen Status und Privilegien (sie waren von der Pflicht entbunden, Steuern abzuführen, sie erhielten von ihren Leibeigenen einen Tribut), während die ausgebeuteten Bauern an ein Stück Land gefesselt waren, und dem Lehnsherren einen Teil ihrer Einnahmen abführen mußten (oder gar für sie eine Zeitlang kostenlos zu arbeiten hatten). In solchen gesellschaftlichen Verhältnissen schien die Ausbeutung, weil sie leicht meßbar, greifbar war (z.B. in Gestalt des von dem Leibeigenen abzuführenden Tributes) aus dem jeweiligen juristischen Status hervorzugehen. In der kapitalistischen Gesellschaft wiederum bewirken die Abschaffung der Privilegien, die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes die von der Verfassung proklamierte Gleichheit und Freiheit, daß die Ausbeutung und die Unterscheidung in Klassen durch unterschiedliche juristische Statuten, Positionen übertüncht werden. Je nachdem, ob man Produktionsmittel besitzt oder nicht (8) sowie die Art, diese in Bewegung zu setzen, entscheidet im wesentlichen über die Stellung der Menschen in der Gesellschaft, d.h. die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaftsklasse und das Vorhandensein von gemeinsamen Interessen mit anderen Mitgliedern der gleichen Klasse. Grob gesagt kann man hervorheben, daß der Besitz von Produktionsmitteln und, daß man sie individuell "betreibt", darüber entscheidet, ob man dem Kleinbürgertum angehört (Handwerker, Bauern, freiberuflich Tätige usw.) (9). Zur Arbeiterklasse gehört, wer über keine Produktionsmittel verfügt und um zu überleben gezwungen ist, seine Arbeitskraft an Unternehmer zu verkaufen die diesen 'Tausch" somit benutzen, um einen Mehrwert aus der Arbeitskraft herauszupressen. Und damit gehören diejenigen zur Bourgeoisie, die (im rein juristischen Sinne oder im globalen Sinne der Kontrolle ob individuell oder kollektiv) über die Produktionsmittel verfügen, deren Funktionieren die Lohnarbeit voraussetzt, und die von der Ausbeutung derselben Lohnarbeit mittels der Aneignung des produzierten Mehrwertes leben. Im Wesentlichen gibt es heute die gleiche Unterscheidung in Klassen wie im letzten Jahrhundert. Auch die jeweiligen spezifischen Interessen der Klassen und der Interessenskonflikte zwischen ihnen bestehen weiterhin. Deshalb befinden sich die Interessensgegensätze zwischen den Hauptbestandteilen der Gesellschaft - die weiterhin von der Wirtschaft bestimmt werden immer noch im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.

 Auch wenn der Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten weiterhin einen Hauptmotor der Geschichte darstellt, wirkt dies nicht auf die beiden Klassen auf die gleiche Art. In der Feudalgesellschaft haben die oft brutalen blutigen und weit reichenden Kämpfe zwischen den Leibeigenen und den Gutsbesitzern nie zu einem radikalen Sturz der letzteren geführt. Der Klassengegensatz, der zum Sturz der alten Herrschaftssysteme führt, die alten Privilegien des Adels abschaffte, war nicht der, bei dem sich Adel und die unterworfene Bauernschaft gegenüberstanden, sondern der Zusammenprall zwischen dem gleichen Adel und einer neuen ausbeutenden Klasse, der Bourgeoisie (die englische Revolution Mitte des 17. Jahrhunderts, die französische Revolution Ende des 18. Jahrhunderts). Auch wurde die Sklavengesellschaft des römischen Reiches nicht durch die Sklavenklasse überwunden (ungeachtet der oft phantastischen Kämpfe derselben, wie z.B. der Aufstand von Spartakus und seinen Anhängern im Jahre 73 vor Jesus Christus), sondern sie wurde durch den Adel überwunden, der über ein Jahrtausend den christlichen Westen beherrschen sollte.

 In Wirklichkeit waren in den früheren Gesellschaften die revolutionären Klassen nie ausgebeutete Klassen, sondern neue ausbeutende Klassen. Dies ist natürlich kein Zufall. Der Marxismus unterscheidet die revolutionären Klassen (die er auch als "historische" Klassen bezeichnet) der Gesellschaft von den anderen Klassen der Gesellschaft durch die Tatsache, daß sie die Fähigkeit besitzen, die Führung in der Gesellschaft zu übernehmen. Und solange wie die Entwicklung der Produktivkräfte noch unzureichend gediehen war, um einen Überfluß von Gütern in der ganzen Gesellschaft anzubieten, wodurch das Aufrechterhalten von wirtschaftlichen Ungleichheiten notwendig wurde, solange konnte nur eine ausbeutende Klasse die Führung in dieser Art Gesellschaft übernehmen. Ihre historische Rolle bestand darin, das Heranreifen und die Entwicklung der Produktionsverhältnisse, deren Träger sie war zu begünstigen. Sie besaß nämlich die Aufgabe, durch die Ersetzung der alten, überholten Produktionsverhältnisse die Widersprüche zu überwinden.

 So war die dekadente römische Sklavengesellschaft durch die Tatsache gekennzeichnet, daß die "Zufuhr" von Sklaven, die durch die Eroberung neuer Gebiete sichergestellt wurde, auf die Schwierigkeit stieß, daß Rom die immer weiter entfernt gelegenen Grenzen nicht mehr kontrollieren konnte. Auch gingen die Sklaven nicht ausreichend achtsam mit den neuen Agrartechniken um. In solch einer Lage, in der die Ausgebeuteten nicht mehr den gleichen Status hatten wie das Vieh (wie im Falle der Sklaven) (10); in der sie an einer größeren Produktivität des bestellten Bodens interessiert waren, weil sie von dessen Ertrag leben mußten, waren die feudalen Herrschaftsverhältnisse am besten dazu geeignet, die Gesellschaft aus dieser Situation herauszuführen. Deshalb haben sich diese Verhältnisse insbesondere dank der Befreiung der Sklaven entwickelt (was an bestimmten Orten durch das Auftreten der "Barbareien" beschleunigt wurde, von denen einige schon unter feudalen Verhältnissen lebten). Auch besteht der Marxismus (angefangen schon im KOMMUNISTISCHEN MANIFEST) auf der herausragenden revolutionären Rolle, die die Bourgeoisie im Laufe der Geschichte gespielt hat. Diese Klasse, die innerhalb der Feudalgesellschaft entstanden war und sich entfaltete, konnte einen gewaltigen Machtzuwachs gegenüber dem Adel und der Monarchie verzeichnen, die immer mehr von ihr abhingen, sowohl hinsichtlich der Lieferung von allen möglichen Gütern (Textilien, Möbeln, Gewürze, Waffen usw.), sowie bei der Finanzierung ihrer Ausgaben. Während es nicht mehr möglich war, neue Landstücke urbar zu machen und mit der auslaufenden Ausdehnung der bestellbaren Böden eine der Quellen der Dynamik der feudalen Produktionsverhältnisse versiegte, und mit der Bildung der großen Königreiche die Rolle des Beschützers der Bevölkerung, die vorher vom Adel übernommen worden war, nicht mehr erfüllt werden konnte, wurde die Kontrolle des Feudaladels über die Gesellschaft zu einer Fessel für die weitere Entwicklung der Produktivkräfte. Die Bourgeoisie war zum Hauptfaktor des Wachstums des Handels, der Banken und des Handwerkes in den Städten geworden, wo es einen gewaltigen Fortschritt der Produktivkräfte gab.

 Indem sie sich an die Spitze der Gesellschaft stellte, zunächst im wirtschaftlichen, dann im politischen Bereich, befreite die Bourgeoisie die Gesellschaft aus den Fesseln des Feudalismus. Und damit schuf sie die Voraussetzungen für das gewaltigste Wachstum des Reichtums, den es je in der Welt gegeben hatte. Aber gleichzeitig ersetzte sie nur eine Form der Ausbeutung, die mittelalterliche Leibeigenschaft durch eine neue Form der Ausbeutung, die Lohnarbeit. Um dies durchzusetzen, mußte sie in der Phase die Marx die primitive Akkumulation nannte, Maßnahmen ergreifen, die eine ungeheure Barbarei darstellten. Und diese war gleichzusetzen der Barbarei, in der die Sklaven hatten leben müssen. Das Ziel der Bourgeoisie: die Bauern dazu zwingen, das Land zu verlassen und ihre Arbeitskraft in den Städten zu verkaufen (siehe dazu die eindrucksvollen Schilderungen im ersten Band des Kapital). Und diese Barbarei gegenüber den Bauern kündigte nur die Barbarei an, in die das Kapital die Proletarier stürzen sollte (Kinderarbeit, Nachtarbeit für Frauen und Kinder, Arbeitstage von bis zu 18 Stunden, Einsperren der Arbeiter in "workhouses" usw.) und die solange dieses Ausmaß annehmen konnte, bis die Kämpfe der Arbeiter es schafften, die Kapitalisten dazu zu zwingen, die Brutalität ihrer Methoden abzuschwächen.

 Seit ihrer Entstehung gab es seitens der Arbeiterklasse Revolten gegen ihre Ausbeutung. Gleichzeitig tauchte bei diesen Revolten immer ein neues Gesellschaftsprojekt auf wie die Abschaffung der Ungleichheit, Verteilung aller gesellschaftlichen Güter usw.. In dieser Hinsicht unterschied sie sich nicht grundlegend von den früheren ausgebeuteten Klassen, insbesondere macht von den Leibeigenen, die sich auch manchmal in ihren Revolten für eine gesellschaftliche Umwälzung mobilisierten. Dies traf insbesondere im Fall des Bauernkrieges im

 16. Jahrhundert in Deutschland zu, als der Mönch Thomas Münzer zum Sprecher der Ausgebeuteten aufgestiegen war und eine Form des Kommunismus unterstützte (11). Aber im Gegensatz zu den früheren ausgebeuteten Klassen ist das Ziel der Arbeiterklasse, eine ausbeutungsfreie Gesellschaft zu errichten, keine bloße, nicht realisierbare Utopie. Der Traum von einer Gesellschaft in Gleichheit, ohne Herrscher und ohne Ausbeutung, den die Sklaven und Leibeigenen haben konnten, konnte nur eine einfache Traumvorstellung bleiben, denn der Grad der Entwicklung der Produktivkräfte in der Gesellschaft zum damaligen Zeitpunkt ermöglichte nicht die Abschaffung der Ausbeutung. Aber das kommunistische  Gesellschaftsprojekt der Arbeiterklasse ist dagegen keine Utopie, nicht nur weil der Kapitalismus selber die Grundlagen für eine solche Gesellschaft gelegt hat, sondern auch weil er das einzige Gesellschaftsprojekt ist, das die Menschheit aus der Barbarei retten kann, in der sie versinkt.

 WARUM DIE ARBEITERKLASSE DIE REVOLUTIONÄRE KLASSE UNSERER ZEIT IST

 Sobald die Arbeiterklasse versucht hatte, ihr eigenes Gesellschaftsprojekt zu verteidigen, zeigte die Bourgeoisie nur Verachtung für solche Vorstellungen, die sie als geistige Ausarbeitungen von isolierten verzweifelten Propheten darstellte. Aber wenn sie über diese einfache Verachtung hinausging, konnte sie sich nur vorstellen, daß die Arbeiter sich genauso verhalten würden wie die früheren Ausgebeuteten, daß diese nämlich nur unrealistische Utopien entwerfen könnten. Scheinbar scheint die Geschichte der herrschenden Klasse recht zu geben, und diese faßte ihre Philosophie mit den folgenden Worten zusammen: "Es hat immer Arme und Reiche gegeben, und es wird auch immer welche geben. Die Armen können durch ihre Revolten gar nichts gewinnen. Wir müssen dafür sorgen, daß die Reichen keinen Mißbrauch ihres Reichtums betreiben und sich darum kümmern, daß die Armut der Ärmsten gelindert wird". Die Priester und die Damen der Wohltätigkeitsorganisationen haben sich zu Fürsprechern und Praktikern dieser "Philosophie" gemacht. Die Bourgeoisie wollte und konnte nämlich nicht sehen, daß ihr Wirtschafts- und Gesellschaftssystem genauso wenig wie alle früheren Systeme kein ewig bestehendes war, und daß es genauso wie die Sklavengesellschaft oder der Feudalismus eines Tages von einer neuen Gesellschaft ersetzt werden würde. Und genauso wie die Wesenszüge des Kapitalismus die Überwindung der Widersprüche ermöglicht hatte, die zuvor als Fesseln im Feudalismus gewirkt hatten (im gleichen Maße hatte der Feudalismus die Fesseln der Sklavengesellschaft überwunden), entspringen die Charakteristiken der Gesellschaft, die die tödlichen Widersprüche des Kapitalismus überwinden muß, der gleichen Notwendigkeit. Wenn man von diesen Widersprüchen ausgeht, kann man die Wesenszüge der zukünftigen Gesellschaft bestimmen.

 Natürlich können wir im Rahmen dieses Artikels nicht auf die Widersprüche im Einzelnen eingehen. Seit mehr als einem Jahrhundert hat der Marxismus dies systematisch gemacht, und auch unsere eigene Organisation hat in vielen Texten dazu beigetragen (12). Aber die Wurzeln dieser Widersprüche lassen sich in groben Zügen umreißen. Sie bestehen in den Hauptcharakteristiken des kapitalistischen Systems: es handelt sich um eine Produktionsform, die den Tausch von Waren mit allen Gütern eingeführt hat, während in den davor liegenden Gesellschaften nur ein Teil dieser Güter, oft nur ein ganz geringer, zu Waren geworden war. Dieser Einzug der Waren in die Wirtschaft hat im Kapitalismus auch die menschliche Arbeitskraft bei all ihren Produktionstätigkeiten erfaßt. Da er nicht im Besitz von Produktionsmitteln ist, muß der Produzent für sein Überleben seine Arbeitskraft an die Besitzer dieser Produktionsmittel verkaufen: die Kapitalistenklasse. Dagegen sah es in der Feudalgesellschaft z.B. - in der es schon eine Warenwirtschaft gab - so aus, daß der Handwerker oder Bauer das Ergebnis seiner Arbeit, die Erzeugnisse verkaufte. Und diese Ausdehnung der Warenwirtschaft in alle Bereiche der Gesellschaft ist die Wurzel all der Widersprüche des Kapitalismus: die Überproduktionskrise ist darauf zurückzuführen, daß das Ziel des Systems nicht in der Produktion von Gebrauchsgütern besteht, sondern in der Produktion von Tauschwerten, die Käufer finden müssen. Weil die Gesellschaft nicht in der Lage ist, alle produzierten Waren zu kaufen (obgleich natürlich überhaupt nicht die Bedürfnisse der Menschen befriedigt sind), taucht dieses wahnwitzige Problem auf, das als eine wahre Absurdität erscheint: der Kapitalismus bricht zusammen, nicht weil er zu wenig produzieren würde, nein, weil er zuviel produziert (13).

 Ein erstes Charakteristikum des Kommunismus wird somit die Abschaffung der Warenwirtschaft sein, die Entfaltung der Produktion von Gebrauchswerten und nicht von Tauschwerten.

 Darüber hinaus haben der Marxismus und insbesondere Rosa Luxemburg aufgezeigt, daß die Wurzel der Überproduktion in folgender Tatsache besteht: Für das Kapital ist es, als eine Gesamtheit gesehen, notwendig, durch den Verkauf außerhalb seiner eigenen Wirtschaft, den Teil der Waren zu realisieren, der dem aus den Arbeitern herausgepreßten Mehrwert entspricht und für die Akkumulation bestimmt ist. Aber in dem Maße, wie diese außerkapitalistischen Gebiete abnehmen, werden die Erschütterungen der Wirtschaft immer gewalttätiger.

 So besteht der einzige Weg zur Überwindung der Widersprüche des Kapitalismus in der Abschaffung all der Warenformen, insbesondere in der Abschaffung der Ware Arbeitskraft, d.h. der Lohnarbeit.

 Die Abschaffung des Warentauschs setzt voraus, daß ebenfalls dessen Grundlage, das Privateigentum, abgeschafft wird. Nur wenn die Reichtümer der Gesellschaft von dieser auf kollektive Art und Weise angeeignet werden, können der Kauf und Verkauf dieser Reichtümer verschwinden (dies gab es schon im Ansatz in gewissen Formen in den sog. primitiven Gesellschaften). Solch eine kollektive Aneignung der produzierten Reichtümer durch die Gesellschaft und insbesondere der Produktionsmittel bedeutet, daß es nicht mehr möglich sein wird, daß ein Teil der Gesellschaft, eine gesellschaftliche Klasse (auch nicht einer besonderen Form, die Staatsbürokratie) über die Mittel verfügt, einen anderen Teil der Gesellschaft ausbeuten. So wird die Abschaffung der Lohnarbeit nur möglich, nicht indem eine neue Form der Ausbeutung eingeführt wird, sondern nur durch die Abschaffung der Ausbeutung in all ihren Formen. Und im Gegensatz zur Vergangenheit darf die Umwälzung der Gesellschaft, die heute die Menschheit erlösen kann, nicht zu neuen Ausbeutungsformen führen, sondern der Kapitalismus selber hat die materiellen Grundlagen für einen Überfluß geschaffen, der die Überwindung der Ausbeutung ermöglicht. Diese Bedingungen eines Überflusses werden durch die Überproduktionskrisen deutlich (wie es seinerzeit schon das Kommunistische Manifest aufzeigte).

 Die Frage, vor der wir stehen, ist also folgende: welche Kraft in der Gesellschaft ist in der Lage, diese Umwälzung durchzuführen, das Privateigentum und jegliche Form der Ausbeutung abzuschaffen?

 Der erste Wesenszug dieser Klasse besteht darin, ausgebeutet zu werden, denn nur eine ausgebeutete Klasse kann ein Interesse an der Abschaffung der Ausbeutung haben. Während in der Vergangenheit eine revolutionäre Klasse keinesfalls eine ausgebeutete Klasse sein konnte, weil die neuen Produktionsverhältnisse notwendigerweise neue Ausbeutungsverhältnisse waren, ist heute genau das Gegenteil der Fall. Seinerzeit hatten die utopischen Sozialisten (wie Fourier, SaintSimon, Owen) (14) mit der Illusion gespielt, daß die Revolution von Mitgliedern der Bourgeoisie selber in die Hand genommen, durchgeführt werden könnte. Sie hofften darauf, daß es innerhalb der herrschenden Klasse aufgeklärte und wohlhabende Menschenfreunde gäbe, die die Überlegenheit des Kommunismus gegenüber dem Kapitalismus erkannt hätten und bereit wären, Projekte von idealen Gemeinschaften zu finanzieren, die sich dann später weiter ausdehnen würden. Da die Geschichte nicht von Individuen, sondern von Klassen gemacht wird, wurden diese Hoffnungen schnell innerhalb weniger Jahrzehnte enttäuscht. Selbst wenn es einige wenige Mitglieder der Bourgeoisie gab, die sich den großmütigen Ideen der Utopisten anschlossen (15), hat sich natürlich die gesamte herrschende Klasse von solchen Projekten abgewandt, ja hat sie bekämpft, denn sie verfolgten ja das Ziel der Abschaffung der herrschenden Klassen überhaupt.

 Aber eine ausgebeutete Klasse zu sein, reicht keineswegs, um eine revolutionäre Klasse zu sein. Es gibt zum Beispiel heute noch auf der Welt und insbesondere in den unterentwickelten Ländern eine Vielzahl von armen Bauern, die ausgebeutet werden, weil sie einen Teil ihrer Arbeit an die herrschende Klasse abführen müssen, entweder direkt, oder in Form von Steuern, oder in Gestalt von Zinsen, die sie an Banken oder Wucherer abführen müssen, bei denen sie verschuldet sind. Auf diese oft unerträgliche Armut dieser Bauernschichten stützten sich all die Verschleierungen der Ideologien der 3. Welt, der Maoisten, der Anhänger Che Guevaras usw. Als diese Bauern zu den Waffen griffen, taten sie dies nur als das Fußvolk dieser oder jener Clique der Bourgeoisie, die sobald sie selber an der Macht waren, die Ausbeutung nur noch verstärkte - oft unter besonders schrecklichen Bedingungen (siehe z.B. die Aktivitäten der Roten Khmer in Kambodscha in der 2.Hälfte der 70er Jahre). Die Abschwächung dieser Verschleierungen (die ebenso von den Stalinisten wie den Trotzkisten und einigen "radikalen Denkern" wie Marcuse verbreitet wurde) spiegelt somit das Scheitern der sog. "revolutionären Perspektive" der armen Bauern wider. Obgleich die Bauern auf die verschiedenste Art ausgebeutet werden, und sie auch manchmal die gewalttätigsten Kämpfe führen, um ihre Ausbeutung zu begrenzen, können sie sich nie zum Ziel setzen, daß das Privateigentum abgeschafft wird, da sie selbst zum Großteil Besitzer von kleinen Landstücken sind, oder wenn sie als Nachbarn derselben leben, streben sie danach, zu solchen zu werden (16).

 Und selbst wenn die Bauern kollektive Strukturen errichten, um ihr Einkommen durch Produktivitätsverbesserungen oder den Verkauf ihrer Erzeugnisse zu verbessern, nimmt dies normalerweise die Gestalt von Genossenschaften an, die das Privateigentum oder den Warentausch nicht infragestellen (17). Um es zusammenzufassen: die Klassen und Schichten, die als Überreste der Vergangenheit weiter existieren (Bauern, Handwerker, freiberuflich Tätige usw.) (18), und die es nur noch gibt, weil der Kapitalismus unabhängig davon, daß er die Weltwirtschaft vollständig beherrscht, unfähig ist, alle Produzenten in Lohnabhängige zu verwandeln, all diese Klassen können nicht Träger eines revolutionären Gesellschaftsprojektes sein. Im Gegenteil: die einzige Perspektive, von der sie eventuell träumen können, ist die einer Rückkehr in ein mythisches "goldenes Zeitalter" der Vergangenheit. Die Dynamik ihrer Kämpfe kann als solche nur eine reaktionäre, rückwärtsgewandte sein.

 Da die Abschaffung der Ausbeutung im wesentlichen einhergeht mit der Abschaffung der Lohnarbeit, kann nur die Klasse, die unter dieser besonderen Form der Ausbeutung leidet, d.h. das Proletariat, dazu in der Lage, ein revolutionäres Gesellschaftsprojekt aufzustellen und es zu verwirklichen. Nur die unter den kapitalistischen Produktionsverhältnissen ausgebeutete Klasse, die das Ergebnis dieser Produktionsverhältnisse ist, kann die Perspektive der Überwindung dieser Verhältnisse aufstellen.  

Als Ergebnis der Entwicklung der großen Industrie, einer Vergesellschaftung des Produktionsprozesses, wie sie es noch nie in der Geschichte der Menschheit gegeben hatte, kann die Arbeiterklasse nicht davon träumen, irgendwie in die Vergangenheit zurückzukehren (19). Während zum Beispiel die Umverteilung oder die Aufteilung der Böden eine "realistische" Forderung der armen Bauern sein kann, wäre es absurd, daß die Arbeiter, die assoziiert Waren herstellen, die zu einem Ganzen zusammengebracht werden und Teile, Rohstoffe, und eine Technologie verwenden, die aus der ganzen Welt kommen, fordern, daß ihre Firma in Stücke zerlegt und unter ihnen aufgeteilt werde. Selbst die Illusionen über die Selbstverwaltung, d.h. ein gemeinsamer Besitz eines Betriebes durch die in dem Betrieb Beschäftigten (es handelt sich eigentlich nur um die "moderne" Auffassung von Arbeitergenossenschaften) verlieren an Einfluß.

 Nach zahlreichen, such jüngsten Erfahrungen (wie die LIP-Werke in FrankreichAnfang der 70er Jahre), die im allgemeinen darauf hinausliefen, daß die Arbeiter mit denen zusammenstießen, die sie vorher als Verwalter ernannt hatten, ist die Mehrheit der Arbeiter sich heute bewußt, daß in Anbetracht der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit des Unterehmens auf dem kapitalistischen Weltmarkt, die Selbstverwaltung nur Selbstausbeutung heißt. Die Arbeiterklasse kann nur nach vorne blicken, wenn sich ihr historischer Kampf entwickelt: sie kann keine Zerstückelung des Eigentums und der kapitalistischen Produktion anstreben, sondern sie kann nur die Vergesellschaftung der Produktion vervollständigen, die der Kapitalismus beträchtlich vorangetrieben hat, die er aber aufgrund seines Wesens nicht vervollständigen kann, selbst wenn er alle Produktionsmittel in den Händen des Staates (wie im Fall der stalinistischen Regime) zusammenfaßt.

 Für die Erfüllung dieser Aufgabe besitzt das Proletariat ein beträchtliches Potential.

 Einerseits wird in der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft der Hauptteil des gesellschaftlichen Reichtums durch die Arbeit der Arbeiterklasse selber hergestellt, auch wenn diese heute noch eine Minderheit in der Weltbevölkerung ist. In den Industriestaaten ist der Anteil der produzierten Güter, der von den "unabhängig Schaffenden" (Bauern, Handwerker usw.) hergestellt wird, unerheblich. Selbst in den rückständigen Ländern ist er verschwindend gering, obgleich die Mehrheit der Bevölkerung von der Bearbeitung des Bodens lebt oder besser überlebt.

 Andererseits hat das Kapital aus Notwendigkeit die Arbeiterklasse in gigantischen Produktionseinheiten zusammengefaßt, die nichts gemeinsam haben mit der Zeit Marxens. Auch sind diese Produktionseinheiten selber im allgemeinen mitten in oder in der Nähe von immer mehr bevölkerten Städten gelegen. Die Zusammenfassung der Arbeiterklasse sowohl am Arbeitsplatz wie an den Wohnorten bietet potentiell eine gewaltige Kraft, sobald sie wirklich wirksam eingesetzt wird, insbesondere durch die Entwicklung ihres gemeinsamen Kampfes und ihre Solidarität.

 Schließlich besteht eine der Hauptstärken der Arbeiterklasse in ihrer Fähigkeit der Bewußtseinsentwicklung. Alle Klassen - und insbesondere die revolutionären Klassen - haben eine bestimmte Bewußtseinsform entwickelt. Aber sie konnten jeweils nur eine Form der Verschleierung sein, entweder weil die gewünschte Gesellschaft nicht möglich war (das war beim Bauernkrieg in Deutschland so), oder weil die revolutionäre Klasse dazu gezwungen war, zu lügen, die Wirklichkeit gegenüber jenen zu vertuschen, die sie auf ihre Seite ziehen wollte, die sie aber weiter ausbeuten mußte (dies war in den bürgerlichen Revolutionen der Fall mit ihrem Schlachtruf "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"). Da das Proletariat als eine ausgebeutete Klasse und als Trägerin einer zukünftigen revolutionären Gesellschaft, die jede Form der Ausbeutung abschaffen wird, die Ziele ihrer Handlungen gegenüber den anderen Klassen und sich selbst nicht zu verheimlichen hat, kann es im Laufe seiner Kämpfe ein Bewußtsein entwickeln, das von jeder Verschleierung frei ist. So kann dieses Bewußtsein Stufen erreichen, die weit höher sind als es seine Feindesklasse, die Bourgeoisie jemals erreichen konnte. Und diese Fähigkeit zur Bewußtseinsentwicklung sowie ihre Organisierung als Klasse ist die ausschlaggebende, entscheidende Kraft des Proletariats.

 *** Im 2. Teil dieses Artikels werden wir sehen, warum und wie das Proletariat all seine grundlegenden Eigenschaften ungeachtet all der Kampagnen, die von dem "Verschwinden" oder der Integration der Arbeiterklasse sprechen, aufrechterhalten hat, die es weiterhin zur revolutionären Klasse in unserer Zeit machen.  FM

 1) Siehe insbesondere den Artikel "Die russische Erfahrung – Privat und Gemeineigentum ' in Internationale Revue Nr. 12, sowie unsere Artikelreihe: Der Kommunismus ist keine schöne Idee, sondern eine materielle Notwendigkeit".

 2) Marx und Engels präzisierten später, daß diese Aussage nur von der Auslösung der primitiven Gesellschaften an gültig war, deren Vorhandensein durch die Forschungsarbeiten der Ethnologie in der 2.Hälfte des 19. Jahrhunderts bestätigt wurde, wie z.B. durch die Arbeiten Morgans über die Indianer Amerikas.

 3) Einige "Denker" der Bourgeoisie (wie der französische Politiker des 19. Jahrhunderts Guizot, der unter Louis-Philippe Regierungschef war) stießen auch auf diese Idee.

 4) Dies trifft ebenfalls auf die "klassischen" Ökonomen zu wie Smith und Ricardo, deren Erkenntnisse besonders nützlich für die Entwicklung der marxistischen Theorie waren.

 5) Wir müssen Cäsar geben, was ihm gebührt, und auch Cornelius Castoriadis, was ihm gehört... Die Voraussagen von Cornelius wurden alle von der Wirklichkeit widerlegt: hatte er nicht "vorausgesagt", daß der Kapitalismus nunmehr seine Krisen überwunden hatte (siehe seine Artikel zu "Die Dynamik des Kapitalismus" Anfang der 60er (siehe sein Buch "Devant la guerre" (Vor dem Krieg), deren 2. Teil schon im Herbst 1981 hätte veröffentlicht werden sollen), daß die UdSSR endgültig den "kalten Krieg" gewonnen hätte ("massives Ungleichgewicht zugunsten Rußlands, einen für die USA nicht wieder einzuholenden Vorsprung"). Solche Voraussagen waren seinerzeit Wasser auf die Mühlen der Propaganda, denn damals versuchten Reagan und die CIA uns mit der UdSSR Angst einzujagen. Nichtsdestotrotz befragen ihn die Medien weiter als "Experten" zu den großen Ereignissen unserer Zeit. Trotz der Ansammlung von Falschen Prognosen ist die Bourgeoisie ihm weiter dankbar wegen seiner Überzeugungen und seiner verachtenden Reden über den Marxismus; und diese Auffassungen sind such dafür verantwortlich, daß er jeweils so viele falsche Prognosen machte.

 6) Es stimmt, daß in vielen Ländern diese Charakteristiken teilweise mit der Zugehörigkeit einer Klasse übereinstimmen. So rekrutiert in vielen Ländern der 3. Welt, insbesondere in Afrika, die herrschende Klasse die meisten ihrer Mitglieder aus dieser oder jener ethnischen Gruppe: dies bedeutet jedoch nicht, daß alle Mitglieder dieser ethnischen Gruppe Ausbeuter wären. Im Gegenteil. Auch sind in den USA die WASP (White Anglo-Saxon Protestants) proportional gesehen in den Reihen der Bourgeoisie am stärksten vertreten. Dies hat aber nicht die Existenz einer schwarzen Bourgeoisie verhindern können (Colin Powell, US-Generalstabschef ist Schwarzer), auch nicht, daß es viele Weiße gibt, die sich gegen die Misere wehren.

 7) "Herrscher, wir sind zu dir gekommen, um Gerechtigkeit und Schutz von dir zu verlangen. Stelle sicher, daß unsere Bedürfnisse erfüllt werden, und dann werden wir deinen Namen in unserem Herzen für immer bewahren, sowie auch im Herzen unserer Kinder und unserer Enkel". Dies waren die Worte, in der die Arbeiter ihre Petition an den Zar von Rußland richteten. Aber wir sollten auch sagen, daß die Resolution hinzufügte: "Unsere Grenzen der Geduld sind erreicht, für uns ist ein furchtbarer Augenblick gekommen, wenn der Tod besser wäre als die Verlängerung untragbarer Leiden. Wenn du unsere Bitten nicht erfüllst, werden wir hier auf der Stelle sterben, vor deinem Palast" .

 8) Dieser Besitz nimmt nicht notwendigerweise die Form eines individuellen, persönlichen Eigentums an (und zum Beispiel durch Erbschaft übertragbaren Besitz)- dies zeigte die Entwicklung des Staatskapitalismus insbesondere in seiner stalinistischen Form. Die Kapitalistenklasse "besitzt" das Eigentum, die Verfügung über die Produktionsmittel immer mehr in "kollektiver" Form (im Sinne von verfügen, kontrollieren und daraus Nutzen schlagen), auch dann wenn die Produktionsmittel verstaatlicht sind.

 9) Das Kleinbürgertum ist keine homogene Klasse. Es gibt verschiedene Varianten, die nicht alle materielle Produktionsmittel besitzen. So gehören beispielsweise die Schauspieler, Schriftsteller, Rechtsanwälte dieser gesellschaftlichen Gruppe an, ohne jedoch über besondere Werkzeuge zu verfügen. Ihre Produktionsmittel" liegen in einem Wissen oder einem "Talent", das sie in ihre Arbeit einbringen. 10) Der Leibeigene war kein einfacher "Gegenstand" für den Lehnherrn. Mit dem Land verbunden, wurde er mit ihm verkauft (worin er sich mit dem Sklaven gleicht). Aber am Anfang gab es einen "Vertrag" zwischen dem Leibeigenen und dem Gutsherrn: der Gutsherr besaß nämlich Waffen, die er zum Schutz des Leibeigenen einsetzte, wofür dieser wiederum seine Arbeitserzeugnisse abliefern mußte, oder er mußte auf dem Land des Gutsherrn arbeiten, bzw. einen Teil seiner Ernte abliefern. 

11) Siehe "Der Kommunismus ist kein Ideal..." in unserer Artikelserie zum Kommunismus.

 12) Siehe unsere Broschüre "Die Dekadenz des Kapitalismus" 13) Siehe unsere Aitikelserie zum Kommunismus

 14) s.o.

 15) Owen selber war ursprünglich ein großer Textilfabrikbesitzer, der viele Versuche sowohl in Amerika als auch in Großbritannien unternommen hatte, um ideale Gemeinschaften aufzubauen, die alle durch die Gesetze des Kapitalismus zerschlagen wurden. Aber er leistete einen wichtigen Beitrag zur Entfaltung der Gewerkschaften. Die französischen Utopisten waren weniger erfolgreich bei ihren Versuchen. Jahrelang wartete Fourier vergeblich auf einen Geldgeber zur Finanzierung seiner idealen Stadt. Und die Anläufe seiner Anhänger, Versuchsprojekte aufzubauen, endeten alle in einer wirtschaftlichen Katastrophe. Auch die Auffassungen von Saint-Simon hatten nur insoweit Erfolg, als sie von einer Reihe von Bourgeois wie den PereireBrüdern, die Besitzer einer Bank waren, oder von Ferdinand de Lesseps, dem Architekten des Suez-Kanals getragen wurden.

 16) Es gibt ein Agrarproletariat, dessen einziges Existenzmittel darin besteht, seine Arbeitskraft den Landbesitzern gegen Geld zu verkaufen. Dieser Teil der Bauernbevölkerung gehört zur Arbeiterklasse und stellt zum Zeitpunkt der Revolution den Stützpunkt der Arbeiterklasse auf dem Lande dar. Aber da er seine Ausbeutung als Folge eines "mangelnden Glücks" auffaßt, durch das ihm die Erbschaft eines Landstücks vorenthalten wurde, oder daß ihm ein zu kleines Stück Land zugeteilt wurde, neigt der Landarbeiter, der oft nur Saisonarbeiter ist oder in einem Familienbetrieb steckt, meistens dazu, von dem Erwerb von Eigentum und einer besseren Landaufteilung zu träumen. Nur der Kampf des städtischen Proletariats kann in einer fortgeschrittenen Stufe diese Illusionen zerstören, indem ihm die Vergesellschaftung des Bodens genau wie die Vergesellschaftung der anderen Produktionsmittel angeboten wird. 

17) Das heißt nicht, daß in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus die Zusammenfassung von kleinen Landbesitzern in Genossenschaften keinen Schritt hin zur Vergesellschaftung des Lands bedeuten kann; insbesondere weil es ihm ermöglichen würde, den Individualismus zu überwinden, der aus den Arbeitsbedingungen hervorgeht.

 18) Was auf die Bauern zutrifft, trifft noch mehr auf die Handwerker zu, deren Stellung in der Gesellschaft noch mehr reduziert wurde als die der Bauern. Was die "Freiberuflichen" angeht (privaten Ärzte, Rechtsanwälte usw.), so bewirkt deren Status und ihr Einkommen (die oft selbst zum Neidobjekt der Bourgeoisie werden), daß sie überhaupt nicht dazu getrieben werden, die Gesellschaft infrage zu stellen. Und was die Studenten angeht, die noch keine Stellung in der Wirtschaft haben, so werden sie sich verschiedenen Klassen anschließen, je nach ihrer Qualifikation und nach ihrem familiären Ursprung.

 19) Am Anfang der Arbeiterbewegung richteten einige Teile der Klasse, nachdem sie durch die Einführung neuer Maschinen arbeitslos geworden waren, ihre Revolte gegen die Maschinen selber und zerstörten sie. Dieser Versuch einer Rückkehr in die Vergangenheit war nur eine Anfangsphase in der Arbeiterbewegung, und sie wurde schnell durch die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Arbeiterklasse überwunden.

 Wer kann die Welt verändern?

 2. Teil

 Das Proletariat ist die revolutionäre Klasse

 Im ersten Teil dieses Artikels haben wir die Gründe aufgezeigt, weshalb das Proletariat die einzige revolutionäre Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft ist. Wir haben gesehen, dass allein das Proletariat die Kraft darstellt, die fähig ist, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Eine Gesellschaft frei von Ausbeutung und imstande, die Bedürfnisse der Menschheit voll zu befriedigen; die im Kapitalismus unlösbaren Widersprüche zu lösen, welche die heutige Welt zugrunde richten. Diese Fähigkeit des Proletariats, die der Marxismus schon während des letzten Jahrhunderts hervorgehoben hatte, rührt nicht einfach aus dem Grad der Misere und der Unterdrückung, der es tagtäglich ausgesetzt ist. Sie beruht noch weniger auf irgendeiner "göttlichen Eingebung", die das Proletariat zum "Messias der heutigen Zeit" machen würde, so wie das einige bürgerliche Ideologen dem Marxismus unterstellen. Diese Fähigkeit der Arbeiterklasse ist verwurzelt in den materiellen Bedingungen: Dem Platz, den das Proletariat in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen einnimmt, seiner Rolle als kollektiver Produzent der gesellschaftlichen Reichtümer und zugleich als ausgebeutete Klasse innerhalb derselben Produktionsverhältnisse. Ihre Rolle im Kapitalismus erlaubt es der Arbeiterklasse nicht, im Gegensatz zu anderen Klassen und unterdrückten Schichten der Gesellschaft (z.B. die Kleinbauern), auf eine Rückkehr in die Vergangenheit zu hoffen. Ganz im Gegenteil ist sie gezwungen, das Rad der Geschichte nicht rückwärts zu drehen, sondern sich der Zukunft zuzuwenden: Der Abschaffung der Lohnarbeit und der Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft.

 *** Alle diese Erkenntnisse sind nichts Neues, sondern Bestandteil der klassischen marxistischen Theorie. Eines der hinterhältigsten Mittel jedoch, mit welchem die bürgerliche Ideologie die Arbeiterklasse von ihrem kommunistischen Projekt abzubringen versucht, ist dem Proletariat einzureden, dass es dabei sei zu verschwinden oder schon gar nicht mehr existiere. Die revolutionäre Perspektive habe einen Sinn gehabt, als die Industriearbeiter eine überwiegende Mehrheit der Lohnempfänger ausmachten. Doch mit dem heutigen zahlenmässigen Schrumpfen dieses Teils verschwindet auch eine revolutionäre Perspektive. Man muss übrigens festhalten, dass dieses Gerede nicht nur auf die weniger bewussten Arbeiter einen Einfluss ausübt, sondern auch auf gewisse Gruppen, die sich auf den Kommunismus berufen. Dies ist ein zusätzlicher Grund, das Aufkommen von solchem Gerede zu bekämpfen.  

DAS ANGEBLICHE "VERSCHWINDEN" DER ARBEITERKLASSE

Die bürgerlichen "Theorien" vom "Verschwinden" der Arbeiterklasse sind altbekannt. Während mehrerer Jahrzehnte behaupteten sie, dass sich der Lebensstandard der Arbeiter in einem gewissen Masse verbessert habe. Die Möglichkeit, dass die Arbeiter Konsumgüter erwerben könnten, die vorher der Bourgeoisie oder dem Kleinbürgertum vorbehalten waren, zeige deutlich das Verschwinden der Arbeiterklasse. Schon zu der damaligen Zeit konnten solche "Theorien" nicht aufrechterhalten werden: Wenn das Automobil, der Fernseher oder Kühlschrank weit verbreitet sind - relativ billige Güter dank der Steigerung der Produktivität der menschlichen Arbeit - wenn ausserdem diese Güter unverzichtbar sind für die Entwicklung der Lebensbedingungen der Arbeiter (1) , heisst die Tatsache, sie zu besitzen, noch lange nicht, dass man sich vom Arbeiterdasein befreien kann oder dass man weniger ausgebeutet ist. In Wirklichkeit ist der Grad der Ausbeutung der Arbeiterklasse nie bestimmt gewesen durch die Menge oder die Art der Konsumgüter, über die sie in einem bestimmten Moment verfügen konnte. Marx und der Marxismus haben auf diese Frage schon vor langer Zeit eine Antwort gegeben: Die Kaufkraft der Lohnempfänger entspricht dem Wert ihrer Arbeitskraft. Mit anderen Worten; sie entspricht der Menge der Güter, die notwendig, sind um diese Arbeitskraft wiederherzustellen. Wenn ein Kapitalist einen Arbeiter einstellt, dann will er damit möglichst viel aus dem Arbeiter im Produktionsprozess herausholen. Dies setzt voraus, dass der Arbeiter nicht nur Nahrung, Kleidung und Wohnung hat, sondern sich erholen und die notwendige Ausbildung aneignen kann, um die Produktionsmittel laufend zu verbessern.

 Aus diesem Grund hat die Einführung und die Verlängerung der Dauer von bezahltem Urlaub, die man in den hochentwickelten Ländern im Verlaufe des 20. Jahrhunderts feststellen konnte, nichts mit "Menschenfreundlichkeit" der Bourgeoisie zu tun. Sie sind absolut notwendig für die kolossale Steigerung der Arbeitsproduktivität und das Tempo, in dem dies geschieht, genauso wie die Gesamtheit der städtischen Lebensbedingungen. Auch das (relative) Verschwinden der Kinderarbeit und die Verlängerung der Schulzeit (bevor dies ein Mittel zur Verschleierung der Arbeitslosigkeit geworden ist), die man uns als weiteres Geschenk der herrschenden Klasse darstellt, erwächst grundsätzlich aus der Notwendigkeit für das Kapital, über Arbeitskräfte verfügen zu können, welche an die Erfordernisse des unaufhörlich wachsenden Qualifizierungsprozesses der Arbeit infolge ständig komplexer werdender technischer Produktionsabläufe angepasst sind. Übrigens muss man bei der "Erhöhung" der Löhne, derer sich die Bourgeoisie vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg rühmt, in Betracht ziehen, dass die Arbeiter nun ihre Kinder während einer viel längeren Zeit unterhalten müssen als in der Vergangenheit. Als die Kinder mit 12 Jahren oder weniger arbeiten gingen, lieferten sie, bevor sie selbst eine Familie gründeten, während mehr als zehn Jahre ein zusätzliches Einkommen an die Familie ab. Mit der Schulpflicht bis hin zu 18 Jahren verschwindet dieser Zuschuss fast gänzlich. Anders ausgedrückt sind die "Lohnerhöhungen" auch (und zum grössten Teil) eines der Mittel, mit welchen der Kapitalismus die neuen Generationen von Arbeitern auf die neuen technologischen Produktionsbedingungen vorbereitet.

 Auch wenn der Kapitalismus der hochentwickelten Länder während einer gewissen Zeit Illusionen über die Reduzierung der Ausbeutung von Lohnabhängigen schüren konnte, so ist das nichts anderes als ein äusserer Schein. Tatsächlich ist der Grad der Ausbeutung, d.h. das Verhältnis 2wischen dem durch den Arbeiter produzierten Mehrwert und dem Lohn, den er erhält (2), ständig gewachsen. Deshalb sprach schon Marx von einer "relativen" Verarmung der Arbeiterklasse als permanenten Tendenz im Kapitalismus.

 Während die Bourgeoisie einiger europäischer Staaten von den "glorreichen 30 Jahren" sprach, womit sie die Jahre des relativen Aufschwungs in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg meinte, verstärkte sich die Ausbeutung der Arbeiter kontinuierlich, auch wenn sich dies nicht in einem Sinken ihres Lebensniveaus ausdrückte. Heute stehen wir nicht mehr nur vor einer Frage der relativen Verarmung. Die "Verbesserungen" der Gehälter der Arbeiter sind im Laufe der Zeit aufgefressen worden, und die absolute Verarmung, deren definitives Ende die Schreiberlinge der bürgerlichen Ökonomie angekündigt hatten, hat in den "reichen" Ländern stark zugenommen. Angesichts der Krise greift die herrschende Klasse in allen Ländern den Lebensstandard der Arbeiter massiv an. Durch die Arbeitslosigkeit, die drastische Kürzung der Sozialleistungen und auch durch die Senkung der Nominallöhne wird dem Gerede über die die "Konsumgesellschaft" und die "Verbürgerlichung" der Arbeiterklasse der Boden entzogen. Aus diesem Grunde werden jetzt beim Gerede vom "Aussterben des Proletariates" andere Argumente vorgebracht. Mehr und mehr ist die Rede von den Veränderungen, welche die verschiedenen Teile der Arbeiterklasse beeinflussen, und besonders vom Rückgang der Industriearbeit und dem sinkenden Anteil der "Handarbeiter" an der Gesamtmasse der bezahlten Arbeiter.

 Solche Reden beruhen auf einer plumpen Verfälschung des Marxismus. Der Marxismus hat das Proletariat nie einfach mit dem Industriearbeiter im "Blaumann" gleichgesetzt. Es stimmt zwar, dass zu Marxens Zeit die grössten Teile der Arbeiterklasse sogenannte "Hand-Arbeiter" waren, aber es hat im Proletariat schon immer Arbeiter gegeben, welche mit hochentwickelten Technologien arbeiteten oder wichtige wissenschaftliche Fähigkeiten aufweisen mussten. So beispielsweise gewisse traditionelle Berufe, bei denen die "Gesellen" eine lange Lehrzeit absolvieren mussten. Desgleichen Berufe wie Korrektoren in Druckereien, die über unverzichtbare Kenntnisse verfügen mussten, und so fast "intellektuelle Arbeiter" waren. Diese Tatsache hat nicht verhindert, dass diese Branche oft an der Spitze von Arbeiterkämpfen stand. Der vermeintliche Gegensatz zwischen den Arbeitern, die z.B. im englischen als "blue bzw. white collar" bezeichnet werden, entspricht einer Aufteilung, wie sie die Soziologen und ihre bürgerlichen Auftraggeber gerne sehen, und die dazu bestimmt ist, die Arbeiter zu spalten. Solche Gegensätze zu konstruieren, ist absolut nichts Neues, denn die herrschende Klasse hat schon lange begriffen, dass es in ihrem Interesse liegt, viele Angestellte glauben zu machen, sie gehörten nicht der Arbeiterklasse an. In Wirklichkeit hängt die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse nicht von soziologischen und noch weniger von ideologischen Kriterien ab, d.h. den Überlegungen, die sich dieser oder jener Arbeiter oder gar ganze Teile der Arbeiterklasse, über ihr Leben machen. Es sind grundsätzlich ökonomische Kriterien, die für eine solche Zugehörigkeit gelten.

 DIE KRITERIEN: WER GEHÖRT ZUR ARBEITERKLASSE?Grundsätzlich ist das Proletariat die durch die spezifisch kapitalistischen Produktionsverhältnisse ausgebeutete Klasse. Daraus leiten sich, wie wir schon im ersten Teil dieses Artikels gesehen haben, folgende Kriterien ab: "Zur Arbeiterklasse gehört, wer über keine Produktionsmittel verfügt und, um zu überleben, gezwungen ist, seine Arbeitskraft an Unternehmer zu verkaufen, die diesen "Tausch" benutzen, um einen Mehrwert aus der Arbeitskraft herauszupressen". Es ist notwendig, gegenüber allen Verfälschungen, die über diese Frage in die Welt gesetzt worden sind, diese Kriterien genauer zu bestimmen.

 An erster Stelle ist zu bemerken, dass die Tatsache, lohnabhängig zu sein, allein nicht genügt, um der Arbeiterklasse anzugehören. Andernfalls wären Polizisten, Pfarrer, Direktoren grosser Unternehmen (besonders die der öffentlichen Betriebe) oder sogar die Minister Ausgebeutete und somit potentielle Kampfgefährten derer, die sie selber unterdrücken, verdummen, sich abrackern lassen, und all das füur einen zehn- oder hundertfach niedrigeren Lohn als diese (3) Deshalb ist es unerlässlich, darauf hinzuweisen, dass es ein Charakteristikum der Arbeiterklasse ist, Mehrwert zu produzieren. Dies bedeutet im besonderen zwei Sachen:

 - Das Gehalt eines Arbeiters übersteigt ein gewisses Niveau nicht, über das hinaus es nur noch vom herausabgepressten Mehrwert anderer Arbeiter herstammen könnte. (4)

 - Ein Proletarier ist ein wirklicher Produzent von Mehrwert und kein bezahlter Funktionär des Kapitals, der für die Aufrechterhaltung der Mehrwertproduktion zuständig ist.

 Unter den Beschäftigten einer Firma kann es such Techniker und gar Ingenieure geben, deren Gehalt dem eines Facharbeiters entsprechen mag. Sie alle gehören der gleichen Klasse an.

 Umgekehrt gibt es auch welche, deren Einkommen eher dem eines Chefs ähnelt (wenn sie nicht sogar die Rolle der Führung und Kontrolle der Arbeitskraft haben), und die man nicht als zur Arbeiterklasse gehörig zählen kann.

 Ebensowenig kann in diesem Betrieb dieser oder jener "kleine Chef' oder "Sicherheitsbeamte", dessen Lohn niedriger sein mag als derjenige eines Technikers oder sogar eines qualifizierten Arbeiters, aber dessen Rolle diejenige eines "Kapos" im industriellen Knast ist, als Teil des Proletariats angesehen werden.

 Umgekehrt bedeutet die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse nicht zwangsläufig eine direkte und unmittelbare Beteiligung an der Mehrwertproduktion. Der Lehrer, der den zukünftigen Produzenten ausbildet, die Krankenschwester - oder sogar der Lohn empfangende Arzt (der heute manchmal weniger verdient als ein qualifizierter Arbeiter) (es gibt große Lohnunterschiede zwischen den verschiedenen Ländern)  - die die Arbeitskraft des Proletariers "repariert" (such wenn sie gleichzeitig Bullen, Pfaffen oder Gewerkschaftsfunktionäre, ja sogar Minister pflegt) gehören unbestreitbar zur Arbeiterklasse genauso wie ein Koch in einer Betriebskantine. Selbstverständlich heisst das nicht, dass der einflussreiche Professor an der Universität oder die Krankenschwester, die sich selbständig gemacht haben, gleich zu beurteilen wären. Es ist aber notwendig zu präzisieren, dass die Tatsache, dass die Mitglieder der Lehrerschaft, eingeschlossen die GrundschullehrerInnen (deren ökonomische Situation nun wirklich im allgemeinen nicht gerade glänzend ist), ob bewusst oder unbewusst, freiwillig oder nicht, die bürgerlichen ideologischen Werte vermitteln, sie nicht von der ausgebeuteten und revolutionären Klasse ausschliesst, ebensowenig wie die Metallarbeiter, die Waffen produzieren (5). Im übrigen kann man feststellen, dass im Laufe der Geschichte der Arbeiterbewegung die Lehrer (insbesondere die Grundschullehrer) eine beträchtliche Anzahl von Revolutionären gestellt haben. So wie auch die Arbeiter der Kriegswerften in Kronstadt Teil der Vorhut der Arbeiterklasse während der Russischen Revolution 1917 waren.

 Es ist gleichzeitig zu unterstreichen, dass die grosse Mehrheit der Angestellten auch zur Arbeiterklasse gehört. Wenn wir den Fall einer Verwaltung nehmen wie die Post, so würde niemand auf den Gedanken kommen vorzugeben, dass die Mechaniker, die die Postwagen unterhalten, und die Angestellten, die sie fahren, und ebensowenig diejenigen, die die Postsäcke umladen, nicht zum Proletariat gehörten. Davon ausgehend ist es nicht schwierig zu verstehen, dass sich die Kollegen, die die Briefe austragen oder an den Schaltern arbeiten, um Pakete zu frankieren oder Zahlungsanweisungen entgegenzunehmen, in der gleichen Situation befinden. Deshalb gehören die Angestellten von Banken, Versicherungen, die kleinen Angestellten der Sozialversicherungskassen oder der Steuerverwaltung, deren Status vollkommen gleichwertig mit dem der vorher erwähnten ist, ebenfalls zur Arbeiterklasse. Und man kann nicht einmal ins Feld führen, dass die Letzteren bessere Arbeitsbedingungen hätten als Industriearbeiter, als ein Schlosser oder ein Fräser beispielsweise. Den ganzen Tag hinter einem Schalter oder vor einem Bildschirm eines Computers zu arbeiten, ist nicht weniger mühsam, als eine Werkzeugmaschine zu bedienen, auch wenn man sich dort die Hände nicht schmutzig macht. Zudem wird das, was einer der objektiven Faktoren der Fähigkeit des Proletariates sowohl zum Führen seines Klassenkampfes als auch zum Umsturz des Kapitalismus ausmacht, nämlich der gesellschaftliche Charakter seiner Arbeit, durch die modernen Produktionsbedingungen überhaupt nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil, er wird immer ausgeprägter.

 Weiter erfordert das sich ständig hebende technische Niveau der Produktion eine steigende Anzahl von Leuten, welche die Soziologen "Führungskräfte" (Techniker oder sogar Ingenieure) nennen. Bei den meisten nähert sich ihr sozialer Status und sogar ihr Einkommen demjenigen von qualifizierten Arbeitern an. Es geht dabei überhaupt nicht um ein Phänomen des Verschwindens der Arbeiterklasse zugunsten der "Mittelschichten", sondern umgekehrt um ein Phänomen der Proletarisierung derselben (6) . Deshalb haben die Reden über das "Verschwinden des Proletariats", das aus der steigenden Anzahl von Angestellten oder "Führungskräften" im Vergleich zur Anzahl der "Hand"arbeiter der Industrie resultieren soll, keinen anderen Sinn als zu versuchen, für Verschleierung und Demoralisierung zu sorgen. Ob die Autoren dieser Reden daran glauben oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle: Sie können der Bourgeoisie einen durchaus nützlichen Dienst erweisen auch als Trottel, die nicht einmal fähig sind, sich zu fragen, wer wohl den Kugelschreiber hergestellt hat, mit dem sie ihren Blödsinn verzapfen.

 DIE ANGEBLICHE "KRISE" DER ARBEITERKLASSE

Wenn die Bourgeoisie die Arbeiter demoralisieren will, kann sie nicht alles auf eine Karte setzen. Deshalb paukt sie denjenigen, die der Kampagne vom "Verschwinden der Arbeiterklasse" nicht auf den Leim gehen, ein, die Arbeiterklasse sei "in der Krise". Und eines der Argumente, das für den Beweis dieser Krise entscheidend sein soll, ist der Verlust an Anhängern, den die Gewerkschaften in den letzten zwei Jahrzehnten erlitten. Im Rahmen dieses Artikels können wir nicht auf unsere Analyse zu sprechen kommen, die den bürgerlichen Charakter jeder Form von Gewerkschaft aufzeigt. Gerade die tägliche Erfahrung der Arbeiterklasse, die systematische Sabotage ihrer Kämpfe durch die Organisationen, die vorgeben, sie zu "verteidigen", liefern diesen Beweis (7) . Und gerade diese Erfahrung der Arbeiter ist in erster Linie dafür verantwortlich, dass sie die Gewerkschaften ablehnen. In diesem Sinn ist diese Ablehnung nicht ein "Beweis" irgendeiner Krise der Arbeiterklasse, sondern im Gegenteil und vor allem ein Ausdruck eines in der Klasse ablaufenden Bewusstseinsprozesses. Eine Veranschaulichung dieser Tatsache - nur eine von tausenden - wird uns geliefert durch die Haltung der Arbeiter während zweier grosser Bewegungen, die in Frankreich im Abstand von 30 Jahren stattgefunden haben.

 Am Ende der Streiks von Mai/Juni 1936, inmitten der tiefsten Konterrevolution, die auf die weltrevolutionäre Welle der ersten Nachkriegszeit folgte, verzeichneten die Gewerkschaften eine Beitrittsbewegung wie nie zuvor. Umgekehrt war das Ende des Generalstreiks im Mai 1968, der das historische Wiederaufleben des Klassenkampfes und den Abschluss jener konterrevolutionären Periode darstellte, gekennzeichnet von zahlreichen Austritten aus den Gewerkschaften, viele Tausende Arbeiter zerrissen ihre Mitgliederkarten.

 Wenn jemand den Mitgliederschwund der Gewerkschaften als Beweis für die Schwierigkeiten der Arbeiterklasse darstellt, dann ist dies eines der sichersten Indizien für die Zugehörigkeit zum bürgerlichen Lager. Dasselbe tritt zu für das angebliche "sozialistische" Wesen der stalinistischen Regimes. Die Geschichte hat gezeigt - u.a. mit dem 2. Weltkrieg -, wie verheerend diese Lüge auf das Bewusstsein der Arbeiter gewirkt hat, die von allen Teilen der Bourgeoisie verbreitet wurde: vom rechten, vom linken und auch dem extrem linken Flügel (Stalinisten und Trotzkisten). In den letzten Jahren haben wir sehen können, wie der Zusammenbruch des Stalinismus als "Beweis" für den endgültigen Bankrott jeder kommunistischen Perspektive gebraucht wurde. Die Lüge vom "proletarischen Charakter der Gewerkschaften" ist im Wesentlichen von der gleichen Art: Zuerst dient sie dazu, die Arbeiter hinter den kapitalistischen Staat zu scharen; dann versucht man, daraus ein Instrument zu machen, das sie demoralisieren und verwirren soll. Es gibt jedoch einen Unterschied hinsichtlich des Einflusses der beiden Lügen: Da es zum Bankrott der stalinistischen Regimes nicht als Folge von Arbeiterkämpfen kam konnte er effizient gegen das Proletariat benützt werden; umgekehrt resultiert das Mißtrauen gegenüber den Gewerkschaften gerade aus den Arbeiterkämpfen, was den Einfluß als demoralisierenden Faktor stark einschränkt. Genau deshalb hat die Bourgeoisie ja auch eine "Basisgewerkschaftsbewegung" aufbauen müssen, die den traditionellen Syndikalismus abzulösen hat. Genau deshalb muss sie Ideologen mit "radikaleren" Allüren fördern, die die gleiche Art von Botschaft übermitteln sollen.

 So sind "Analysen" weit verbreitet worden, werden von den Medien (8) gefördert - wie die von Herrn Alain Bihr, Doktor der Soziologie und Autor u.a. eines Buches mit dem Titel "Du grand soir ä 1'alternative: la crise du mouvement ouvrier europeen" (Die Krise der europäischen Arbeiterbewegung).

 An sich sind die Thesen von Alain Bihr nicht sehr interessant. Der Umstand aber, dass sie seit einiger Zeit Einfluß in Kreisen gewinnen, die sich auf die Kommunistische Linke berufen, von denen wiederum einige nicht davor zurückschrecken, seine "Analysen" (9) ("kritisch",versteht sich) zu übernehmen, veranlasst uns, die Gefahr, die diese darstellen, zu entblößen.

 Alain Bihr präsentiert sich als ein "wahrer" Verteidiger der Arbeiterinteressen. Deshalb behauptet er nicht, dass die Arbeiterklasse dabei sei zu verschwinden. Im Gegenteil, er beginnt mit der Aussage: ".... die Grenzen des Proletariats erstrecken sich heute weit über die traditionelle "Arbeiterschaft" hinaus." Dies tut er aber nur, um seine zentrale Botschaft besser rüberzubringen: "Nun hat man aber im Verlaufe der letzten ca. 15 Jahre der Krise in Frankreich wie in den meisten westlichen Ländern eine zunehmende Zersplitterung des Proletariates beobachtet, die, weil sie dessen Einheit in Frage stellt, darauf hinausläuft, es als gesellschaftliche Kraft zu lähmen." (10)

 So ist das Hauptvorhaben unseres Autoren, aufzuzeigen, dass das Proletariat "in der Krise ist", und dass verantwortlich für diese Situation die Krise des Kapitalismus selber sei, ein Grund, dem man natürlich die soziologischen Änderungen hinzufügen müsse, die die Zusammensetzung der Arbeiterklasse erfahren habe: "Tatsächlich tendieren die laufenden Umwälzungen des Lohnverhältnisses mit ihren globalen Wirkungen der Fragmentierung und des zahlenmäßigen Rückgangs des Proletariats (....) dazu, die beiden proletarischen Charaktere aufzulösen, die ihm seine grossen Bataillone während der fordistischen Periode geliefert haben: einerseits denjenigen des gelernter Arbeiters, den die gegenwärtigen Transformationen tiefgreifend umgestalten, indem die alten Kategorien des gelernten Arbeiters tendenziell verschwinden und gleichzeitig erscheinen neue Kategorien von "Gelernten" in Verbindung mit den neuen automatisierten Arbeitsprozessen; andererseits denjenigen des nicht-qualifizierten bzw. angelernten Arbeiters, der Speerspitze der proletarischen Offensive der 60er und 70er Jahre, indem die angelernten Arbeiter immer mehr durch prekäre Arbeiter in diesen automatisierten Arbeitsprozessen eliminiert und verdrängt wurden" (11). Abgesehen von der schulmeisterlichen Sprache (die den Kleinbürgern, die sich für "Marxisten" halten, Vergnügen bereitet) tischt uns Bihr die gleichen Klischees suf, die uns schon Generationen von Soziologen zugemutet haben: Die Automatisierung der Produktion sei verantwortlich für die Schwächung des Proletariates (da er sich als "Marxist" verstehen will, sagt er nicht das "Verschwinden"), usw. Und er tritt ebenso in ihre Fussstapfen, wenn er vorgibt, dass der Misskredit der Gewerkschaften auch ein Zeichen der "Krise der Arbeiterklasse" sei, da: "Alle Studien, die über die Entwicklung der Arbeitslosigkeit und die prekären Arbeitsbedingungen erstellt wurden, zeigen, dass diese dazu tendieren, die alten Spaltungen und Ungleichheiten im Proletariat (...) zu reaktivieren und zu verstärken. Diese Zersplitterung in derart heterogene Status' hat fatale Auswirkungen auf die Organisations- und Kampfbedingungen gehabt. Das lässt sich zuerst einmal am Scheitern verschiedener Versuche v.a. der Gewerkschaftsbewegung, die Prekarisierten und die Arbeitslosen zu organisieren, (...) erkennen." (12) So setzt uns Bihr, getarnt mit radikaleren Phrasen, mit seinem angeblichen "Marxismus", den gleichen falschen Ramsch vor, mit dem uns alle Flügel der Bourgeoisie bedienen: Die Gewerkschaften seien immer noch "Organisationen der Arbeiterbewegung." (12)

 Hier sieht man, von welchem "Spezialistentypus" Leute wie GS und die Publikationen wie "Perspective Internationaliste (PI)", die mit Sympathie seine Schriften begrüssen ihre Inspirationen beziehen. Es stimmt, dass Bihr, der trotz allem schlau ist, sich bemüht, und um seine Ware durchzuschmuggeln behauptet, das Proletariat könne trotz allen seinen aktuellen Schwierigkeiten diese überwinden, indem es sich "neuzusammensetzt". Aber die Art, wie er dies vorträgt, zielt eher darauf ab, vom Gegenteil zu überzeugen. "Die Veränderungen im Lohnabhängigkeitsverhältnis stellen die Arbeiterbewegung also vor eine doppelte Herausforderung: Es zwingt sie gleichzeitig, sich einer neuen gesellschaftlichen Basis anzupassen (an eine neue "technische" und "politische" Zusammensetzung der Klasse) und eine Synthese zu vollziehen zwischen heterogenen Kategorien wie den "neuen Fachkräften" und den "Prekarisierten", eine Synthese, die viel schwieriger ist, als die zwischen angelernten und gelernten Arbeitern während der fordistischen Periode".(13) "Die faktische Schwächung des Proletariats und des Gefühls der Klassenzugehörigkeit, kann so Wege der Neuzusammensetzung einer auf anderen Grundlagen vorstellbaren kollektiven Identität öffnen."(14)

 Nach den Tonnen von Argumenten - in ihrer Mehrzahl speziell aufgeführt, um den Leser zu überzeugen, dass alles schlecht gehe für die Arbeiterklasse - nachdem die Gründe "aufgezeigt" wurden für diese "Krise", welche zu suchen seien in der Automatisierung sowie im Zusammenbrechen der kapitalistischen Produktion und un Anstieg der Arbeitslosigkeit, alles Phänomene, die sich nur verschlimmern können, schliesst er mit der lapidaren Behauptung: "Es wird besser ... vielleicht! Aber es stellt eine sehr schwere Herausforderung dar". Wenn man das Geschwätz von Bihr heruntergeschluckt hat und immer noch glaubt, dass es für die Arbeiterklasse und ihren Kampf eine Zukunft gibt, kann man nur ein glücklicher und unverbesserlicher Optimist sein. Gut gespielt Doktor Bihr: Eure grosse Schlauheit hat die Einfaltspinsel, die "PI" publizieren, eingefangen, die sich als die wahren Verteidiger der kommunistischen Prinzipien aufspielen, welche die IKS in den Abfall geworfen haben soll.

 Es stimmt, dass die Arbeiterklasse während den letzten Jahren bei der Entwicklung ihrer Kämpfe und ihres Bewusstseins auf einige Schwierigkeiten gestossen ist. Unsererseits haben wir nie gezögert, auf diese Schwierigkeiten einzugehen entgegen den Vorwürfen, die uns die Skeptiker vom Dienst anlasten, die FECCI heissen - die ihre Arbeit als Verwirrungstifter leisten - aber auch "Battaglia Comunista" - die dies weniger tun, weil sie eine Organisation vom politisch-proletarischen Millieu sind. Aber gleichzeitig haben wir, und dies ist das Mindeste was man von Revolutionären erwarten kann, auf der Basis einer Analyse des Ursprungs der Schwierigkeiten, denen das Proletariat begegnet, hervorgehoben, was die Voraussetzungen sind, um sie zu überwinden. Und wenn man einigermassen ernsthaft die Entwicklung der Arbeiterkämpfe im letzten Jahrzehnt untersucht, springt es einem in die Augen, dass die jetzige Schwäche sich nicht mit der Abnahme der Bestände des "traditionellen" Arbeiters, der "Blaukragen", erklären lässt. So sind in den meisten Ländern die Arbeiter von der Post oder der Telekommunikation vielfach die kämpferischsten. Das Gleiche gilt für die Arbeiter des Gesundheitswesens. In Italien waren es 1987 die Arbeiter in den Schulen, die die wichtigsten Kämpfe ausfochten. Wir könnten weitere Beispiele aufführen, die aufzeigen, dass nicht nur das Proletariat sich nicht auf die "Blaukragen" , auf die "Traditionellen" der Industrie, sondern auch seine Kampfkraft sich nicht auf jene beschränkt.

 Aus diesen Gründen haben wir unsere Analyse nicht auf die soziologischen Betrachtungen ausgerichtet, die gut sind für Akademiker oder Kleinbürger, die damit wenig über die Schwierigkeiten der Arbeiterklasse aussagen, dafür umso mehr über ihre eigenen.

 DIE WIRKLICHEN SCHWIERIGKEITEN DER ARBEITERKLASSE UND DIE VORAUSSETZUNGEN ZU IHRER ÜBERWINDUNG

 Wir können im Rahmen dieses Artikels nicht auf die gesamte Analyse zurückkommen, die wir im Verlauf der letzten Jahre über die internationale Situation erstellt haben. Der Leser kann sie in praktisch allen Nummern unserer Revue während dieser Periode und insbesondere in den Thesen und Beschlüssen unserer Organisation nach 1989 wiederfinden (15). Die Schwierigkeiten, die das Proletariat heute durchmacht, der Rückgang seiner Kampfbereitschaft und der Rückfluss seines Bewusstseins (Schwierigkeiten, auf die sich einige stützen, um die "Krise" der Arbeiterklasse zu diagnostizieren) sind der IKS nicht entgangen. Insbesondere haben wir hervorgehoben, dass die Arbeiterklasse während den ganzen 80er Jahren dem schwerer drückenden allgemeinen Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft ausgesetzt war. Dies begünstigte die Verzweiflung, die Atomisierung, das "jeder für sich", und versetzte der allgemeinen Perspektive des proletarischen Kampfes und der Klassensolidarität harte Schläge. Das wiederum erleichterte die gewerkschaftlichen Manöver, die die Arbeiterkämpfe korporatistisch einbinden. Trotzdem, und das ist ein Ausdruck der Lebendigkeit des Arbeiterkampfes, ist es dem ständigen Gewicht des Zerfalls bis 1989 nicht gelungen, die Kampfwelle, die 1983 in Belgien im öffentlichen Dienst ausgelöst wurde, zu meistern. Ganz im Gegenteil beobachteten wir in dieser Phase eine zunehmende Tendenz, die Gewerkschaften über Bord zu werfen, die umgekehrt gezwungen wurden, die Hauptrolle mehr und mehr den radikaleren "Basisgewerkschaften" zu überlassen, um ihre Sabotagearbeit weiterführen zu können.(16)

 Diese Welle der Arbeiterkämpfe wurde während den weltverändernden Umwälzungen des Jahres 1989 zum Versiegen gebracht. Einige (im allgemeinen die Gleichen, die während der 80er Jahre keine Kämpfe gesehen haben) haben die Auffassung vertreten, dass der Zusammenbruch des Ostblockes 1989 (bis heute der wichtigste Ausdruck der Zerfalls des Kapitalismus) die Bewusstwerdung der Arbeiterklasse begünstigen würde. Wir haben nicht gezögert, auf das Gegenteil hinzuweisen.(17) In der Folge, vor allem 1990-91 während der Golf-Krise und des Krieges, nachher beim Putsch in Moskau, der auf den Zusammenbruch der UdSSR folgte, haben wir aufgezeigt, dass diese Ereignisse den Klassenkampf beeinflussen, die Widerstandsfähigkeit des Proletariats gegenüber den wachsenden Angriffen des Kapitals schwächen.  

Aus diesen Gründen sind die Schwierigkeiten, die die Arbeiterklasse in dieser Periode durchmacht, uns weder entgangen, noch haben sie unsere Organisation überrascht. Trotzdem haben wir bei der Analyse der Gründe (die nichts zu tun haben mit dem mythologischen Bedürfnis "der Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse"), gleichzeitig die Mittel hervorgehoben, die der Arbeiterklasse ermöglichen, diese Schwierigkeiten zu überwinden.  

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, auf ein Argument zurückzukommen, das Herr Bihr benutzt, um die Vorstellung glaubwürdig zu machen, die Arbeiterklasse stecke in einer Krise: Die Krise und die Arbeitslosigkeit hätten "das Proletariat fragmentiert" , indem "die alten Spaltungen und Ungleichheiten verstärkt". Um sein Vorhaben darzustellen und "das Mass vollzumachen", liefert uns Bihr eine ganze Liste dieser "Fragmente": "Diejenigen, die noch einen "festen und garantierten" Arbeitsplatz haben", "die von der Arbeit bzw. vom Arbeitsmarkt Ausgeschlossenen", "die fliessende Masse der prekären Arbeiter". Bei letzteren unterscheidet er genüsslich noch einige Unterkategorien: "die Arbeiter der Subunternehmen, "die Teilzeitbeschäftigten, "die Temporärarbeiter", "die Umschüler, Auszubildenden und Schwarzarbeiter"(18). Was der Herr Doktor Bihr uns als Argument vorträgt, ist nichts anderes als eine fotografische Feststellung, die mit seiner reformistischen Anschauung gut zusammenpasst.(19) Es stimmt, dass die herrschende Klasse vorerst ihre Angriffe selektiv ausführte, um das Ausmass der Antwort der Arbeiterklasse einzuschränken. Es stimmt weiter, dass die Arbeitslosigkeit, insbesondere die der Jungen, ein Faktor der Erpressung für einige Sektoren der Arbeiterklasse gewesen ist. Während einer Passivität verstärkt sie die zerstörerische Stimmung der sozialen Zersetzung und des "jeder für sich". Inzwischen wird die Krise selber, ihre unvermeidliche Verschärfung, die Aufgabe übernehmen, die Bedingungen der verschiedenen Sektoren der Arbeiterklasse mehr und mehr nach unten auszugleichen. Insbesondere die "Spitzen"-Sektoren (Informatik, Telekommunikation, etc.), die scheinbar der Krise entronnen waren, werden heute voll durchgeschüttelt, und ihre Arbeiter werden in die gleiche Situation geschleudert, wie jene der Eisenhüttenindustrie und der Automobilbranche. Es sind heute die grössten Unternehmen (wie IBM), die massenhaft entlassen. Gleichzeitig und entgegen der Tendenz des letzten Jahrzehnts nimmt die Arbeitslosigkeit der reiferen Arbeiter, die schon eine kollektive Erfahrung der Arbeit und des Kampfes haben, schneller zu als die der Jungen. Diese Entwicklung der Arbeitslosigkeit schränkt die damit verbundene bisherige Atomisierung . Selbst wenn der Zerfall ein Hindernis für die Entwicklung der Kämpfe und des Bewusstseins in der Klasse darstellt, stellt das offensichtliche und immer brutaler werdende Scheitern der kapitalistischen Wirtschaft mit der Folge von Angriffen auf die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, das bestimmende Element der aktuellen Situation dar für die Wiederaufnahme der Kämpfe und für die Bewusstwerdung seiner selbst. Offensichtlich kann man dies nicht verstehen, wenn man sich, wie es die reformistische Ideologie tut, weigert, jegliche revolutionäre Perspektive in Betracht zu ziehen, und meint, dass die Krise eine "Krise der Arbeiterklasse" auslöse. Aber noch einmal haben die Ereignisse selbst die Aufgabe übernommen, die Gültigkeit des Marxismus und die Nichtigkeit der Ausgeburten der Soziologen, zu unterstreichen. Die riesigen Kämpfe des italienischen Proletariats 1992 gegenüber gewaltsamen ökonomischen Angriffen ohnegleichen haben einmal mehr bewiesen, dass das Proletariat nicht tot ist. Es ist noch nicht verschwunden und hat auch nicht auf den Kam