Internationale Revue - 1985

 

Internationale Revue 09

Die Organisationsauffassung der Deutsch-Holländischen Linken

 

Die Organisationsauffassung der Deutsch-Holländischen Linken

 

 

Die Diskussionsgruppen und Individuen, die heute auf der Grundlage revolutionärer Positionen auftauchen, müssen ihre theoretische Klärung mit einer Wiederan­eignung der Positionen der Kommunistischen Linke verbin­den, der Positionen der Deutschen und Holländischen Linke eingeschlossen. Insbesondere die letztgenannten haben als erste theoretisch und politisch eine ganze Reihe von grundlegenden Klassenpositionen verteidigt: Verwerfung der gewerkschaftlichen Arbeit und des Par­lamentarismus, der substitutionistischen Auffasung der Partei, sie haben die Einheitsfrontpolitik verworfen und alle sogenannten sozialistischen Länder als kapi­talistische Staaten bezeichnet.

 

Jedoch reicht diese Wiederaneignung unter einem ausschließlich theoretischen Betrachtungswinkel der Klas­senpositionen nicht aus. Ohne eine klare Auffassung  von der revolutionären Organisation sind diese Gruppen und Individuen zum Absterben verurteilt. Es reicht nicht aus, sich als Revolutionär in Worten und auf individuel­le Weise zu bezeichnen, denn man muß auch die Klassen­positionen organisiert und kollektiv verteidigen. Die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Organisation, die eine unabdingbare Funktion in der Klasse spielt und als kollektiver, zentralisierter Körper handeln muß, ist die Vorbedingung einer jeden militanten Arbeit. Jedes Zögern oder Unverständnis der Notwendigkeit der Organi­sation führt unvermeidlich zu einem Zerfall. Das trifft insbesondere für die heutigen rätekommunistischen Grup­pen zu..

 

Die Lehren aus der Geschichte der Deutschen und Hollän­dischen Linke zu ziehen, bedeutet die vitale Notwen­digkeit einer Organisation aufzuzeigen, damit die Theorie keine reine Spekulation, sondern eine Waffe wird, die die proletarischen Massen in der zukünftigen Revolution erfaßt.

 

Der geschichtliche Beitrag der Deutschen Linke - und hauptsächlich der KAPD - besteht nicht darin, die Not­wendigkeit der Partei in der Revolution erkannt zu ha­ben. Für die KAPD, die sich 1920 als Partei gründet, war das selbstverständlich. Ihr grundlegender Beitrag besteht darin verstanden zu haben, daß die Funktion als Partei in der dekadenten Periode nicht mehr die gleiche ist. Die Partei war nun nicht mehr Massenpartei, die die Klasse hervorbringt: die Arbeiterräte und die Streik­komitees. Die Partei ist eine für die Revolution kämp­fende Partei und nicht mehr für die schrittweisen Refor­men, weil das Proletariat in den Gewerkschaften nichts zu suchen und in den Parlamenten nichts mehr zu sagen hat  - außer zu deren Zerstörung beizutragen. Schließ­lich weil die Partei ein Teil der Klasse und nicht ihr Repräsentant oder ihr Chef ist, kann sie nicht die Aufgaben der Klasse im Kampf oder bei der Übernahme der Macht übernehmen. Die Diktatur der Klasse ist die der Arbeiterräte und nicht die der Partei. Im Gegensatz zu der bordigistischen Auffassung schafft nicht die Partei die Klasse, sondern die Klasse die Partei (1). Das bedeutet  nicht - wie es die populistische oder mensche­wistische Auffassung vertritt - , daß die Partei  im Dienst der Klasse stünde. Sie ist kein Diener, der sich passiv an alle Zögerungen oder Fehler der Klasse anpaßt. Im Gegensatz, sie muß "also durch ihr gesamtes Verhal­ten das Klassenbewußtsein des Proletariats entwickeln, selbst um den Preis eines vorübergehenden äußerlichen und scheinbaren Gegensatzes zu den breiten Massen" (Pkt. 10).

 

 

Die KAPD in Deutschland und die KAPN Gorters in Holland hatten nichts gemeinsam mit der Auffassung Rühles, auf den sich heute die Rätekommunisten berufen. Rühle und seine Tendenz  in Dresden wurden am Ende des Jahres 1920 aus der KAPD ausgeschlossen. Die KAPD hatte ebensowenig gemeinsam mit den anarchistischen Tendenzen, die behaup­ten, jede Partei sei ihrem Wesen nach konterrevolutio­när, daß die Revolution nicht eine Parteisache, sondern eine Frage der Erziehung sei. Die Auffassungen des Päda­gogen Rühle hatten nichts mit den Positionen der KAPD zu tun. Für die KAPD entspricht die Partei nicht dem Willen eines Einzelnen, sie „muß ein programmatisch durchge­arbeitetes, in einheitlichem Wollen zusammengeschweiß­tes, von unten her einheitlich organisiertes und diszi­pliniertes Ganzes sein".

 

Die Partei spielt in der Tat eine entscheidende Rolle in der proletarischen Revolution. Weil sie in ihrem Programm und  in ihren Aktionen den bewußten Willen der Klasse kristallisiert und zusammenbündelt, ist sie eine unabdingbare Waffe der Klasse. Weil die Revolu­tion grundlegend politisch ist, und sie einen gnaden­losen Kampf gegen die bürgerlichen Tendenzen und Par­teien erfordert, die gegen das Proletariat antreten, ist die Partei ein politisches Kampf- und Klärungs­instrument. Diese Auffassung  hat nichts zu tun mit den substitutionistischen Ideen der Partei. Die Partei wird von der Klasse hervorgebracht  und  ist deshalb ein akti­ver Faktor bei der Entwicklung des allgemeinen Klassen­bewußtseins der Klasse. Mit der Niederlage der Revolution  in Deutschland, dem Niedergang der Revolution in Rußland traten bestimmte Schwächen der KAPD wieder an die Oberfläche.

 

 

DER VOLUNTARISMJS UND DIE DOPPELORGANISATION

 

Die KAPD, die zum Zeitpunkt gegründet wurde, als die Re­volution in Deutschland nach der Niederlage von 1919 wieder zurückwich, fing an die Idee zu verteidigen, daß man ein Nachlassen des revolutionären Geistes in Deutsch­land durch eine Taktik der Putsche ersetzen könnte. Während der März-Aktion in Mitteldeutschland im Jahre 1921 rief sie die Arbeiter der Leuna-Werke (in der Nähe von Halle) zum Aufstand gegen deren Willen auf. Damit verdeutlichte sie ein tiefgreifendes Unverständnis der Funktion der Partei, das zu ihrem Auseinanderbrechen beitrug. Die KAPD hielt noch an der Auffassung von der Partei fest, derzufolge diese ein militärischer Stabschef des Proletariats sei, während die Partei aber in Wirklichkeit vor allem eine politische Avantgarde der gesamten Arbeiterklasse ist.

 

In Anbetracht des Auseinanderbrechens der Arbeiterräte und weil sie Gefangener ihres Voluntarismus war, versteif­te sich die KAPD darauf, die Idee zu verteidigen, daß das Proletariat eine permanente Doppelorganisation ha­ben müsse. Somit trugen sie zu den Verwechslungen zwi­schen Einheitsorganisationen der Klasse, die in und für den Kampf entstehen (Vollversammlungen, Streikkomi­tees, Arbeiterräte) und der Organisation der revolutio­nären Minderheiten bei, die in diesen Einheitsorganisa­tionen intervenieren, um deren Handlungen und Diskussio­nen voranzutreiben. Weil sie die UNIONEN verteidigten und an deren Aufrechterhaltung festhielten - die UNIONEN waren Fabrikorganisationen, die in der deutschen Revolution entstanden waren und sich an die Partei anlehn­ten - wobei sie gleichzeitig neben der Partei existie­ren, vermochten sie deren Aufgehen nicht mehr zu definie­ren. Entweder sollten sie zu einem Propagandabund werden (3), ein einfacher politischer Anhängsel, Fabrikor­ganisationen mit starken ökonomistischen Tendenzen oder eine Partei leninistischen Typs werden, die Transmissions­rienen (Verbindungsglieder) auf ökonomischer Ebene in der Klasse haben sollte. D.h. in beiden Fällen nicht mehr zu wissen, wer was ist und wer was macht (4).

 

Daß die falschen Auffassungen der KAPD weitgehend zu ihrem Verschwinden beigetragen haben, steht außer Zweifel. Heute müssen die Revolutionäre daraus die Lehre ziehen, daß man durch aktivistische und immediatistische Bestrebungen die zahlenmäßig schwache Existenz durch die Schaffung von künstlichen, an die Partei gebundenen "Arbeitergruppen" nicht überwinden kann. Das ist bei­spielsweise die Auffassung der Communist Workers Organi­sation und Battaglia Comunista. Der geschichtliche Un­terschied ist jedoch gewaltig: genauso wie die KAPD mit Organen (Unionen) zu tun hatte, die künstliche Versuche darstellten, die Arbeiterräte am Leben zu halten, die gerade verschwunden waren, beruht die gegenwärtige Auf­fassung der revolutionären Organisationen, die einen opportunistischen Hang haben, auf Bluff.

 

 

Die Entstehung der Partei

 

Hinter den Fehlern der KAPD auf organisatorischer Ebene bestand die Schwierigkeit zu verstehen, daß nach dem Scheitern der Märzaktion von 1921 die revolutionäre Wel­le zu einem Stillstand gekommen war, und daß man daher die Lehren aus diesen Aktionen in solch einer Lage zie­hen mußte. Als Organisation, die einen direkten Ein­fluß auf die Aktionen und die Diskussionen der Arbeitermassen hat, kann die revolutionäre Partei nur in einem Zeitraum ansteigender Klassenkämpfe gegründet werden. Insbesondere ermöglichte die Niederlage und der Rück­fluß der Revolution es nicht, die revolutionäre Organi­sation am Leben zu halten, die ihre Funktion als Par­tei voll erfüllt. Wenn solch ein Rückfluß des Kampfes länger dauert, wenn der Weg offen steht, daß die Bour­geoisie die Lage wieder unter Kontrolle bekommt, tritt die Partei entweder in einen Zerfallsprozeß unter dem Druck der wachsenden Konterrevolution ein (dann ent­stehen in ihren Reihen Fraktionen, die die politische und theoretische Arbeit der Partei fortsetzen, so wie das bei der Italienischen Fraktion der Fall war), oder der Einfluß der Partei und die Anzahl ihrer Militanten nehmen stark ab. Dann wird sie automatisch zu einer kleineren Organisation, die sich nur als Hauptaufgabe stellen kann, den theoretischen und politischen Rahmen für die nächste revolutionäre Welle vorzubereiten. Die KAPD verstand nicht, daß die revolutionäre Welle eingedämmt, gar zum Stillstand gebracht worden war. Daher ihre Schwierigkeit, die Bilanz aus den vorhergehenden Zeitraum zu ziehen und sich auf die neue Periode einzustellen.

 

Diese Schwierigkeiten haben zwei verschiedene falsche und inkohärente Antworten innerhalb der Deutschen und Holländischen Linke hervorgebracht:

 

-          auf voluntaristische Weise die Schaffung einer neuen Internationale zu verkünden (z.B. die Kommunistische Arbeiterinternationale Gorters aus dem Jahre 1921);(5),

 

-          sich nicht in eine Fraktion umgewandelt zu haben, stattdessen haben sie sich zu einer Partei erklärt und zig Spaltungen vorgenommen. Der Begriff "Partei" wurde eine einfache Etikette für jede sich abspaltende Organisation, die auf einige wenige Hundert Mitglie­der zusammenschrumpfte, wenn nicht weniger (6).

 

 

Dieses mangelnde Verständnis sollte dramatische Folgen haben. In der Deutschen Linke sollten 3 Strömungen gleichzeitig bestehen, während die Berliner KAPD immer schwächer wurde:

 

- die einen unterstützten Rühles Auffassungen, denen zu­folge jede politische Organisation als solche schlecht ist; sie verfielen sanft in den Individualismus und ver­schwanden von der politischen Szene;

 

- andere, insbesondere in der Berliner KAPD, die gegen die anarchistischen Tendenzen in den Unionen ankämpften, neigten dazu, die Arbeiterräte zu verwerfen, um nur noch die Partei zu akzeptieren. Sie entwickelten eine bordigistische Auffassung (7);

 

- die letzten schließlich gingen davon aus, daß die Or­ganisation als Partei unmöglich sei. Die Kommunistische Arbeiter-Union (8), die aus dem Zusammenschluß der Ab­spaltung von der KAPD und den Unionen (Allgemeine Ar­beiter-Union und Allgemeine Arbeiter-Union-Einheit) ent­stand, betrachtete sich nicht wirklich als Organisation, sondern als eine lose Verbindung zerstreuter, dezentra­lisierter Tendenzen. Der organische Zentralismus der KAPD wurde aufgegeben.

 

Diese letzte Strömung, die von der 1927 gegründeten holländischen GIK (9) unterstützt wurde, sollte in der Holländischen Linke triumphieren.

 

 

Die  Deutsch-Holländische Linke  der GIK, Pannekoek und der Spartacusbond

 

Das Trauma des Niedergangs der Russischen Revolution und der bolschewistischen Partei hinterließ schwerwiegende Streitigkeiten. Die Holländische Linke, die das theore­tische Erbe der Deutschen Linke übernahm, hat daraus nicht die positiven Aspekte bei der Partei- und Organi­sationsfrage der Revolutionäre übernommen.

 

Sie verwarf die substitutionistischen Auffassungen von der Partei als Stabschef der Klasse, gleichzeitig gab es aber für sie nur noch die allgemeine Organisation der Klasse: die Arbeiterräte. Die revolutionäre Orga­nisation wurde nur als Propagandabund der Arbeiterräte aufgefaßt.

 

Das Konzept der Partei wurde entweder verworfen oder seines Inhaltes entleert. So ging Pannekoek einmal davon aus, daß "eine Partei jetzt eine Organisation be­deutet, die die Arbeiterklasse führen und beherrschen will". Andererseits meinte er, "die Parteien - oder Diskussionsgruppen oder Propagandavereinigungen, egal welchen Namen man ihnen gibt - ein ganz anderes We­sen haben als die Organisation politischer Parteien, die wir aus der Vergangenheit kennen".

 

Von einer richtigen Idee ausgehend - nämlich daß die Organisation und die Partei im dekadenten Kapitalismus ihre Funktion ändern - , gelangten sie zu falschen Schluß­folgerungen. Sie verstanden jetzt nicht mehr, was die Organisation einer Partei im aufsteigenden Kapitalismus von einer Partei in einer revolutionären Periode unterscheidet, d.h. in einem Zeitraum der vollen Reifung des Klassenbewußtseins, sondern sie gaben auch die marxisti­sche Auffassung von der politischen Organisation als aktiver Faktor des Klassenkampfes auf.

 

Die untrennbaren Funktionen der Partei, Theorie und Pra­xis, wurden getrennt. Die GIK faßte sich nicht als po­litischer Körper mit einem Programm auf, sondern als eine Summe individueller Bewußtsein und als die Summe getrennter Aktivitäten. So befürwortete die GIK die Bil­dung von föderativen "Arbeitergruppen", weil sie Angst hatten, daß eine durch ihr Programm vereinigte Organi­sation entstehen könnte und organisatorische Regeln aufstellen würde.

 

 

"Es ist besser, daß revolutionäre Arbeiter in Tausen­den von kleinen Gruppierungen an der Bewußtwerdung der Klasse arbeiten, als daß ihre Tätigkeit in einer großen Organisation dem Herrschaftsstreben ihrer Führung unterworfen wird" (S. 167, H. Canne-Mejer, Das Werden einer neuen Arbeiterbewegung).

 

Gefährlicher war die Definition der Organisation als eine "Meinungsgruppe", was den Weg zum theoretischen Ekklektizismus eröffnete. Pannekoek zufolge zielte die theoretische Arbeit auf die persönliche Selbsterzie­hung. Aus jedem Kopf würden persönliche Gedankengänge, persönliche Meinungen entstehen, und in jedem dieser. eigenen Gedanken würde ein mehr oder weniger großer Teil der Wahrheit vorhanden sein. Die marxistische Auffassung von einer kollektiven Organisationsarbeit wurde durch eine idealistische Betrachtungsweise ersetzt. Der Ausgangspunkt war das individuelle Bewußtsein, genau wie bei der Philosophie Descartes. Er ging sogar soweit zu sagen, daß das Ziel der politi­schen Klärung in der Klasse nicht vorhanden sei.

 

Wenn die Organisation nur eine Arbeitsgruppe wäre, wo jeder sich eine Meinung bilden könnte, könnte sie genauso gut nur eine Diskussionsgruppe oder eine "Stu­diengruppe" sein, die sich als Ziel setzt, die gesell­schaftlichen Ereignisse zu analysieren.

 

Die Notwendigkeit von "Diskussionsgruppen", deren Funk­tion die politische und theoretische Klärung war, hat sicher bestanden. Aber sie entsprach dem Anfangsstadium der Entwicklung der revolutionären Bewegung im letzten Jahrhundert. Diese Phase, als überall Sekten und kleine, getrennte Gruppen entstanden, war nur vorübergehend.

 

Das Sektierertum und der Föderalisnus, die in solchen aus der Klasse hervorgegangenen Gruppen bestanden, waren Kinderkrankheiten. Diese Krankheiten verschwanden mit dem Auftauchen zentralisierter politischer Organisatio­nen. Wie Mattick 1935 schrieb, war diese Auffassung der GiK und Pannekoeks ein Rückschritt.

 

"Eine föderalistische Organisation kann sich nicht durchsetzen, weil sie der monopolkapitalistischen Si­tuation, in der sich das Proletariat befindet, über­haupt nicht entspricht. Sie wäre noch ein Schritt zurück hinter die alte Bewegung, statt ein Schritt über sie hinaus" (Mattick, Räte-Korrespondenz, Nr. 10-11, Sept. 1935, S. 67).

 

In Wirklichkeit funktionierte die GIK wie eine Födera­tion "unabhängiger Einheiten", die unfähig waren, eine aktive politische Rolle zu spielen. Es lohnt sich, einen Artikel von Canne-Mejer aus dem Jahre 1938 (Radencommunismus Nr. 3) zu zitieren:

 

"Die Gruppe der internationalen Kommunisten hatte keine Statuten, keine obligatorischen Mitgliedsbeiträge, und an ihren "internen" Treffen konnten ande­re Genossen anderer Gruppen teilnehmen. Deshalb konnte man nie die genaue Zahl ihrer Mitglieder wis­sen. Es gab niemals eine Abstimmung, sie war nicht nötig, weil man keine Parteipolitik betreiben woll­te. Man diskutierte Probleme und wenn es wichtige Meinungsunterschiede gab, wurden die verschiedenen Standpunkte veröffentlicht- mehr nicht. Ein Mehr­heitsbeschluß blieb ohne Bedeutung. Die Arbeiterklasse selbst sollte entscheiden".

 

Irgendwie hat sich die GIK vor Angst, die Klasse zu ver­gewaltigen, selbst kastriert. Aus Angst, das Gewissen eines jeden durch Organisationsregeln zu vergewaltigen oder die Klasse zu vergewaltigen, indem ihr eine "Stel­lungnahme" aufgezwungen wird, machte der GIK ihre Existenz als militanter Teil der Klasse unmöglich. In der Tat gibt es ohne regelmäßig vorhandene finanzielle Mittel keine Möglichkeit, eine Revue und Flugblätter während des Krieges herauszubringen. Ohne Statuten gibt es keine Regeln, die der Organisation jederzeit das Funk­tionieren sichern. Ohne Zentralisierung mit gewählten Exekutivorganen gibt es ebensowenig Möglichkeiten am Leben zu bleiben und Aktivitäten über eine längere Zeit aufrechtzuerhalten, insbesondere in Zeiträumen der Illegalität, wo die Schutzmaßnahmen gegenüber der Repression die größte, strengste Zentralisierung erfordern. Und in den Zeiträumen des ansteigenden Klassenkampfes - so wie heute - ist es dann auch unmöglich, auf zentralisierte Weise und weltweit im Proletariat zu intervenieren.

 

Diese Irrwege des Rätekommnismus, die damals von der GIK und heute von den informellen Gruppen, die sich auf den Rätekommunismus berufen, eingeschlagen wurden, stützen sich auf die Auffassung, daß die Organisation kein aktiver, sondern ein negativer Faktor in der Klas­se sei. "Indem die Arbeiterklasse entscheidet", meint man, die revolutionäre Organisation "stehe im Dienste" der Klasse, d.h. die Organisation stellt hauptsächlich eine Abzugsmaschine zur Verfügung und wird überhaupt nicht als politische Gruppe aufgefaßt, die nämlich manchmal selbst in der Revolution dazu gezwungen sein mag, gegen die allgemeine Strömung anzuschwimmen. Die Organisation ist keine Widerspiegelung dessen, was die "Arbeiter denken" (12), sie ist ein kollektiver Körper, der eine historische Betrachtungsweise des Weltprole­tariats hat, denn das Weltproletariat ist nicht das, was es zu diesem oder jenem Zeitpunkt denken mag, son­dern zu tun gezwungen ist: nämlich zur Verwirklichung der kommunistischen Ziele.

 

Es ist daher kaum verwunderlich, daß die GIK 1940 ver­schwand. Die gesamte theoretische Arbeit wurde vom Spartacusbond überliefert, der aus einer Spaltung der Partei Sneevliets im Jahre 1942 entstand (13). Trotz einer klaren Auffassung von der Funktion - der Bond erkannte die unabdingbare Rolle einer Partei in der Revolution als aktiver Faktor bei der Bewußtseinsent­wicklung an - und der Funktionsweise - der Bond hatte Statuten und Zentralorgane - wurde er schließlich doch von den alten Ideen der GIK zur Organisation beherrscht.

 

Heute liegt der Spartacusbond im Sterben und Daad en Gedachte - die 1965 aus dem Bond austrat - berichtet wie ein Wetterbericht über die Arbeiterkämpfe. Heute ringt die Holländische Linke als revolutionäre Strömung mit den Tode. Deshalb kann ihr theoretisches Erbe nicht durch sie selbst an die in der Klasse entstehenden re­volutionären Elemente überliefert werden. Das Begreifen und das Überwinden dieses Erbe muß das Werk revolutio­närer Organisationen sein und nicht die Arbeit von In­dividuen oder Diskussionsgruppen.

 

Die rätekommunistischen Ideen zur Organisation sind jedoch nicht verschwunden: eine kritische Bilanz der Or­ganisationsauffassung der Deutschen und Holländischen Linke zu ziehen, bedeutet nicht das Scheitern der revo­lutionären Organisationen aufzuzeigen, sondern ihre unabdingbare Rolle, um die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und sich auf die zukünftigen Kämpfe vorzube­reiten.

 

Ohne revolutionäre Theorie gibt es keine revolutionäre Bewegung - selbst ohne revolutionäre Organisation gibt es keine revolutionäre Theorie, Dies nicht zu ver­stehen, bedeutet für jede informelle Organisation und für die Individuen ins Nichts geführt zu werden. Das ist der Weg, der einen den Glauben und die Einsicht über die Möglichkeit der Revolution aus den Augen ver­lieren läßt.

 

(aus International Review, Nr.37, 4/1984, Ch.)

 

 

FUSSNOTEN

 

(1) "... daß man überhaupt nicht von einer Klasse spre­chen kann, solange nicht eine Minderheit dieser Klasse danach strebt, sich als politische Partei zu organi­sieren" (aus "Partei und Klasse", Bordiga).

 

(2)  "Thesen über die Rolle der Partei in der proletari­schen Revolution", KAPD, 1920

 

(3)Wie es Franz Pfemfert, der Freund Rühles, und Direk­tor der Revue "Die Aktion", sowie KAPD-Mitglied behauptete (4) Michaelis, ehemaliger Führer der KAPD und Mitglied der KAU im Jahre 1931 erklärte: "In der Praxis wurde die Union selbst eine zweite Partei.. die KAP faßte später die gleichen Elemente wie die Unionen zusammen".

 

(5) Kommunistische Arbeiter-Internationale, KAI;

 

(6) 1925 gab es in Deutschland 3 KAPDs: eine Berliner Tendenz und zwei Essener Tendenzen. Dieser Fehler, der zum damaligen Zeitpunkt zu einer Tragödie für das proletarischer Lager in Europa wurde, wiederholte sich in der Form einer Farce im Jahre 1943 in Italien, als inmitten der Konterrevolution die Internationalistische Kommunistische Partei um Damen und Maffi gegründet wurde. Heute weiß man, daß es vier ‚Parteien‘ in Italien gibt, die sich alle auf die Italienische Linke berufen. Dieser Größenwahnsinn der kleinen Gruppen, die sich alle für ‚die Partei‘ halten, träge heute dazu bei, die Notwendigkeit der Partei ins Lächerliche zu ziehen und den schwierigen Prozess der Umgruppierung zu behindern, die eine subjektive Vorbedingung für das zukünftige Entstehen einer wirklichen Weltpartei des Proletariats ist.

 

(7) Der gleiche Michaelis gab 1931 zu: „Das ging sogar soweit, daß für viele Militanten die Arbeiterräte nur als möglich betrachtet wurden, in dem Maße wie sie die Linie der KAPD akzeptierten.“

 

(8) KAU= Kommunistische Arbeiter Union

 

(9) GIK= Gruppe Internationaler Kommunisten

 

(10) Partei und Arbeiterklasse, 1936

 

(11) Die Arbeiterräte, 1946

 

(12) In der gleichen zitierten Nummer von Radenkommunismus steht: „Wenn es einen wilden Streik gab, baten die Streikenden die Gruppen darum, Flugblätter abzuziehen. Diese machten das auch, selbst wenn sie nicht vollständig mit dem Inhalt einverstanden waren.“

 

(13) Siehe dazu die Artikel in der International Review Nr. 38 & 39 (engl./franz. Ausgabe): „Der Kommunistenbond Spartacus und die rätekommunistische Strömung 1942-48“.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 erschienen in Internationale Revue Nr.9,

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die ‚rätekommunistische‘ Gefahr

Die IKS hat immer das Prinzip vertreten, ihre eigenen internen Debatten nach Außen hin von dem Zeitpunkt an zu veröffentlichen, wenn eine ausreichende Klärung eingetreten war, damit der gesamte Standpunkt der Organisation zum Ausdruck gebracht werden konnte. Die theoretischen und politischen Debatten sind nicht für das interne Leben reserviert, genausowenig dienen sie ausschließlich der Reflexion. Eine revolutionäre Organisation, die diesen Namen verdient, verwirft ebenso sehr den Monolithismus, der die Debatten einschränkt und erdrückt, wie die Wortklauberei der Studierzirkel. Als militante Organisation des Proletariats faßt sich die Organisation der Revolutionäre als einen politischen Körper auf, der von der Klasse hervorgebracht wird, die sich nicht nur für den theoretischen und politischen Kampf der Organisation interessiert, sondern auch daran teilnimmt. Die Debatten in einer revolutionären Organisation dürfen kein Geheimnis sein, denn eine revolutionäre Organisation hat in der Arbeiterklasse keine Geheimnisse zu verstecken. Eine Geheimpolitik war für die bakunistischen Sekten im 19. Jahrhundert typisch, aber sie entsprach nie der Politik der marxistischen Organisationen. Der "geheime" Charakter dieser Sekten führte unvermeidbar zu einer Politik der Manöver. Die geheimen Organisationen der Allianz der sozialistischen Demokraten Bakunins drückten in der I. Internationale eine außerhalb des Proletariats stehende Haltung aus.

Die marxistischen Organisationen haben immer in ihren Publikationen die bestehenden Divergenzen widergespiegelt, um zur allgemeinen verschärften Bewußtwerdung des Proletariats bei seinem Kampf um seine Befreiung beizutragen. Die Bolschewisten - zumindest bis 1921 bis zum Verbot des Bestehens von Tendenzen in ihren Reihen, die KAPD und die Italienische Kommunistische Linke haben immer dieses Ziel verfolgt. Nicht um irgendwelche Standpunkte zu veröffentlichen (so wie die entarteten Rätekommunisten dies tun), die nur passiv zur Kenntnis genommen werden müßten, sondern um entschlossen die Debatten zu orientieren und abzugrenzen, damit die Praxis der Klasse so viele Fehler und Zögerungen überwindet.

Diese Funktionsweise der marxistischen Organisationen geht natürlich aus ihrer Funktion in der Klasse hervor: ein aktiver Bestandteil in der Praxis des Proletariats zu sein. Die IKS verwirft sowohl die "Meinungsgruppen" der Rätekommunisten (die nur zum Eklektizismus und zur Auflösung der Organisation und zur Passivität führen), als auch die monolithischen Organisationen des Bordigismus, deren internes Leben erdrückt und erstarrt wird durch das Verbot des Bestehens von Minderheitspositionen. In beiden Fällen kann das Unverständnis der Funktion der Organisation nur zum Auseinanderbrechen führen. Das Verschwinden der größten rätekommunistischen Organisationen, dann das Auseinanderfallen der Internationalen Kommunistischen Partei (IKP) sind das Ergebnis dieses Unverständnisses.

Die IKS ist nicht rätekommunistisch

Im Gegensatz zu den Behauptungen Battaglia Comunistas und der Communist Workers' Organisation, die seit kurzem die Errungenschaften der KAPD über Bord wirft und ihre bordigistischen "Sympathien" entdeckt, nachdem sie nur mit größter Mühe von der IKS aus dem rätekommunistischen libertären Sumpf "Solidaritys" gezogen wurde, stammt die IKS nicht aus dem Rätekommunismus. Sie ist gegen ihn entstanden. Die Existenz von Internacionalismo in Venezuela war möglich und hat sich gegen Ende der 60er Jahre durch einen theoretischen und politischen Kampf gegen die Rätekommunisten von "Proletario" (1) gebildet.

Die Gründung von Revolution Internationale (RI) in Frankreich fand statt, indem man bewies, daß eine militante revolutionäre Organisation und damit eine Umgruppierung der revolutionären Gruppen in Anbetracht eines libertären rätekommunistischen Milieus, das damals besonders präsent war, absolut erforderlich war. Nach einigen anfänglichen Zögerungen, die Notwendigkeit der revolutionären Partei zu begreifen, hat seit dem RI immerfort die Bedeutung einer Ligagruppierung hervorgehoben, ohne die die Grundlagen der Partei nicht geschaffen werden können. Die Umgruppierung zwischen RI, der Organisation der Rätekommunisten von Clermont Ferrand und den "Cahiers du Communisme des Conseils" (Rätekommunistischen Heften) war keine rätekommunistische Umgruppierung, sondern eine Umgruppierung auf der marxistischen Grundlage der Anerkenntnis der marxistischen Rolle der Organisation in der Klasse (dies fand 1972 statt, und war nach langen Diskussionen, die die rätekommunistischen Verwirrungen der Gruppen aus Clermont und Marseille überwinden halfen, möglich). Mangels einer organischen Kontinuität mit der Deutschen und Italienischen Linken war es damals unvermeidbar, daß die Gruppen, die nach den Ereignissen von 1968 auftauchten, nach den Haupterrungenschaften der Kommunistischen Linke zu suchen anfingen. In Anbetracht des Stalinismus und der Existenz der Extremen Linke und unter dem Einfluß des antiautoritären, alles in Frage stellenden Milieus litten sie unter den Auswirkungen der organisationsfeindlichen, die Bolschewisten ablehnenden rätekommunistischen Ideologie. Gegenüber den Gruppen in Frankreich, dann in GB und in den USA (dann in der IKS nach 1975) hat RI eine unnachgiebige Arbeit gegen diese Ideologie bewerkstelligt, die die auf der Suche befindlichen Diskussionsgruppen beeinflußte, und die schließlich als eine Reaktion gegen den Stalinismus die gesamte Geschichte der Arbeiterbewegung verwarfen. Nachdem sie das proletarische Wesen der russischen Revolution im Januar 1974 anerkannt hatte, brach die Gruppe "World Revolution" mit dem Rätekommunismus. Das Gleiche trifft für "Internationalism" in den USA zu, die nach Diskussionen mit RI (Frankreich) und Internacionalismo (Venezuela) den gleichen Schritt vollzogen.

Sicher mußte die IKS bis in ihre Reihen hinein die bordigistischen Auffassungen ebenfalls bekämpfen, d.h. die Auffassungen hinsichtlich der Organisation, der Rolle der Partei und ihr Verhältnis zum Staat, der aus der Revolution hervorgeht (3). Seit der Bildung der Gruppe "Parti de classe" (Klassenpartei) 1972 bis hin zur Tendenz, die 1979 die GCI hervorbrachte, hat die IKS bewiesen, daß ihr Kampf gegen die falschen Organisationsauffassungen weder eine Regression zum Rätekommunismus noch ein Abgleiten zum Neo-Bordigismus à la Battaglia Communista und der CWO bedeutete. Unsere politischen und theoretischen Auseinandersetzungen in der Presse haben sich vor allem mit den Bordigisten und Neo-Bordigisten befaßt, weil das Verschwinden des rätekommunistischen Milieus - das seinem Wesen nach organisationsfeindlich ist - der IKP das Feld überließ, die zudem einen Aufschwung nahm aufgrund ihrer opportunistischen Entwicklung. Die Entfaltung des "Bordigismus war, auf eine bestimmte Art der Preis, den das revolutionäre Milieu für das schrittweise Verschwinden der rätekommunistisch orientierten Gruppen bezahlen mußte, die in den Strudel der Verwirrung hineingeraten und dort verschwunden waren. Aber andererseits wirkte der Bordigismus mit der IKP als wirkliche Abschreckung gegenüber neuen Elementen und entstehenden Diskussionsgruppen. Ihre Auffassung von der monolithischen Partei (die ihrer Terminologie zufolge "kompakt und mächtig" ist), die in der Revolution ihre Diktatur und ihren "roten Terror" ausüben sollte, hat dem Bild der Partei Schaden angetan. Unfähig das zu tun, was "Bilan" getan hatte, nämlich die Bilanz der Konterrevolution aufzustellen und daraus die Lehren für die Funktion und die Funktionsweise der Organisation zu ziehen (die IKP zog es vor, mit den "Toten" und "Stalin Dialoge" zu führen (4)), hat die IKP und ihre bordigistischen Sprößlinge nur Wasser auf die organisationsfeindlichen rätekommunistischen Mühlen gegossen. Als Strömung verbreitet der Bordigismus die alten substitutionistischen Auffassungen, die in der revolutionären Bewegung der Vergangenheit gängig waren. Die IKS hat diese Auffassungen immer bekämpft und wird dies weiterhin tun. Die IKS befindet sich nicht auf der Seite der Rätekommunisten, weil diese zumindest auf theoretischer Ebene, denn auf organisierte politische Weise vermögen sie dies nicht zu tun, den Substitutionismus bekämpfen.

Die IKS ist in der Tat oft gezwungen gewesen, rätekommunistische Fehler und Verwirrungen gar bis in unsere Reihen hinein zu bekämpfen. Als Reaktion gegen solche aktivistischen, die Arbeiter verherrlichenden Auffassungen, die sich vor allem in unserer Sektion in GB breit machten, war die IKS gezwungen, im Januar 1982 eine Außerordentliche Konferenz der gesamten Organisation einzuberufen, nicht um die Auffassung der IKS von der Funktion und der Funktionsweise der revolutionären Organisation neu zu schaffen, sondern sie einfach in Erinnerung zu rufen.

Leider kommen rätekommunistische Ideen weiterhin eher auf indirekte Weise - und dies ist umso gefährlicher - in unserer Organisation zum Ausdruck. So wurde Anfang des Jahres 1984 eine Debatte über die Rolle des Klassenbewußtseins außerhalb der Zeiträume offener Kämpfe eröffnet. Zögerungen wurden damals offensichtlich, denen es schwer fiel, das Ende des Rückflusses nach Polen (1981-82) zu erkennen, die also das Wiedererstarken des Klassenkampfes im Herbst 1983 nicht scharf genug wahrnahmen. Dieser Wiederaufschwung verdeutlichte klar eine Reifung des Bewußtseins in der Klasse, die sich auf unterirdische Weise außerhalb der Zeiträume offener Kämpfe vollzog (5).

Obgleich diese Frage für die IKS nicht neu ist, haben wir in unserer Organisation eine Debatte über die Frage des Klassenbewusstseins eröffnet. Sie setzt auf militante Weise die in der Broschüre "Kommunistische Organisation und Klassenbewusstsein" angefangene Vertiefung fort. Die klassische Unterscheidung des Marxismus (6) wiederaufgreifend, unterscheidet die IKS die beiden Dimensionen des Bewusstseins: seine Tiefe und seine Ausdehnung. Auf diese Art will die IKS mehrere grundlegende Punkte verdeutlichen:

- die Kontinuität und die Entwicklung des Bewusstseins in der Klasse in seiner Ausdehnung und Vertiefung, die sich durch eine unterirdische Reifung ausdrückt und durch die Existenz eines kollektiven Bewusstseins erklärt werden kann;

- das Klassenbewusstsein hat notwendigerweise eine Form (politische Organisationen und die Einheitsorganisationen) und einen Inhalt (Programm und Theorie); sein höchst entwickelter, weil nie vollständig vollendeter Ausdruck sind die revolutionären Organisationen, die die Arbeiterklasse hervorbringt;

- dieses Bewußtsein reift nicht in den Reihen der Arbeiter als einzelne Individuen heran, sondern auf kollektive Weise. Es tritt nicht auf immediatistische, sondern auf historische Weise auf.

- im Gegensatz zu den größenwahnsinnigen Behauptungen der Bordigisten besitzt nicht die Partei alleine das Klassenbewußtsein. Es existiert notwendigerweise in der Klasse, denn wenn es dort nicht vorhanden wäre, könnte es keine revolutionären Organisationen geben.

- im Gegensatz zu der "ultra-demokratistischen" Demagogie der Rätekommunisten behauptet die IKS, daß der höchstentwickelte Ausdruck des Bewußtseins nicht die Arbeiterräte sind, - wo es sich nur sehr ungleichmäßig und mit vielen Fehlern behaftet entfaltet - sondern die revolutionären politischen Organisationen, die der Ort sind, wo sich der gesamte Schatz der historischen Erfahrung des Proletariats zusammengebündelt wiederfindet. Sie sind die höchst entwickelte Form, deren Funktion darin besteht, das kollektive Gedächtnis des Proletariats in sich zu bündeln, denn dieses besteht in der Periode vor der Revolution nur in einem diffusen Zustand in der Klasse. In der revolutionären Periode selber eignet es sich die Klasse mit größter Klarheit an.

Im Verlaufe dieser Debatte mußte die IKS Positionen bekämpfen, die entweder die Idee einer unterirdischen Reifung verwarfen, oder die unabdingbare Rolle der revolutionären Organisationen bei diesem Prozeß der Reifung, den sie anerkennen, unterschätzen, indem die Dimensionen des Klassenbewußtseins nicht zur Kenntnis genommen werden (7). Die Mehrheit der IKS, die betont, daß es ohne Partei keine Revolution geben kann, weil die Revolution notwendigerweise revolutionäre Parteien hervorbringt, behauptet weiterhin, daß diese Parteien keine Nachtrabpolitik gegenüber den Arbeiterräten betreiben dürfen, sondern sie deren bewußteste Avantgarde zu sein haben. Eine Avantgarde zu sein, verleiht ihnen keine Rechte, sondern bedeutet die Pflicht, ihre Verantwortung aufgrund ihres theoretischen und programmatisch höchst entwickelten Klassenbewußtseins zu erfüllen.

Nach dieser Debatte - die bislang noch nicht abgeschlossen ist - hat die IKS bei Genossen, die der Minderheit angehören, eine Tendenz der versöhnlichen Haltung gegenüber dem Rätekommunismus festgestellt ("zentristische" Schwankungen gegenüber den rätekommunistischen Ideen). Obgleich die Minderheitsgenossen das Gegenteil behaupten, sind wir der Ansicht, daß der Rätekommunismus heute schon die größte Gefahr für das revolutionäre Milieu darstellt, und daß er mehr noch als der Substitionismus eine große Bedrohung für die Intervention der Partei in den zukünftigen revolutionären Kämpfen sein wird.

Ist der Substitutionismus in der Zukunft die größte Gefahr?

A. Die objektiven Grundlagen des Substitutionismus

Wenn wir von Substitutionismus sprechen, meinen wir damit die Praxis revolutionärer Gruppen, die vorgeben, die Klasse zu führen und die Macht in ihrem Namen zu übernehmen. Aus dieser Sicht sind die Gruppen der Extremen Linke keine substitutionistischen Organisationen; ihre Aktivitäten zielen nicht darauf ab, sich der Klasse zu substituieren, sondern sie von innen her zu zerstören, die Kontinuität und die Entwicklung des Bewußtseins stören, um die Herrschaft des Kapitalismus weiter aufrechtzuerhalten. Deshalb begehen sie als solche keine substitutionistischen Fehler, sondern zielen darauf ab, die Führung der Kämpfe an sich zu reißen, um sie in Sackgassen zu drängen und der bürgerlichen Ordnung zu unterwerfen (Parlamentarismus/Gewerkschaftliche Arbeit). Der Substitutionismus ist der tödliche Fehler, der sich im Lager der Arbeiterklasse vor 1914 entwickelte und später nach 1920 in der Kommunistischen Internationale. Von dem Anspruch, die Klasse auf militärische Weise zu dirigieren (siehe z.B. die stark betonte "militärische Disziplin" auf dem 2. Kongreß der Komintern 1920), gab es nur einen Schritt bis hin zur Auffassung von der Diktatur der Einheitspartei, die die Arbeiterklasse ihrer Substanz beraubte. Aber dieser langsam zur Konterrevolution hinführende Schritt konnte nur unter bestimmten historischen Bedingungen vollzogen werden. Diese außer Acht zu lassen und zu vergessen, daß solche Auffassungen bis in die Reihen der Deutschen Linken hinein vorhanden waren, bedeutet, nicht die Wurzel des Substitutionismus zu begreifen.

Das Ende der sozialdemokratischen Auffassung von der Partei, die als einzige Trägerin des Bewusstseins aufgefasst wurde, - ein Bewusstsein, das "bürgerliche Intellektuelle" von außen her in die Klasse einflößen müßten (siehe Kautsky und Lenin "Was tun") bis hin zur "disziplinierten Armee" des Proletariats, lastete schwer auf der Arbeiterbewegung. Es hatte schwerwiegende Auswirkungen, weil es in den unterentwickelten Ländern schnell Verbreitung fand, wie in Rußland und Italien, wo die Partei als "Stabschef aufgefaßt wurde, der die Klasseninteressen repräsentierte und damit auch die Macht in ihrem Namen zu übernehmen habe.

Solche Fehler haben in einem Zeitraum des zahlenmäßigen Wachsens des Proletariats einen Aufschwung erfahren können, als diese gerade die Illusion der ländlichen und handwerklichen kleinbürgerlichen Auffassungen hinter sich gelassen hatte und politisch durch die Aktionen der politischen Organisationen des Proletariats gebildet wurde. Weil eine reiche revolutionäre Erfahrung fehlte, die es politisch hätte reifen und es eine politische Kultur erwerben lassen, nahmen die Organisationsaufgaben und die Erziehung durch die Partei vor 1914 einen beträchtlichen Platz ein. Die Auffassung, daß die Partei der "Stabschef" der Klasse sei und den Arbeitern das politische Bewußtsein vermittele, stieß vor allem in den Ländern auf ein Echo, wo es der revolutionären Bewegung noch an Reife fehlte, vor allem weil die Aktionen der Klasse im Geheimen stattfanden, die alle eine strenge Zentralisierung und Disziplin erforderlich machten.

Diese substitutionistischen Ideen waren vor 1914 noch ein Fehler innerhalb der revolutionären Bewegung. Schon die Ereignisse von 1905, als die schöpferische Spontanität der Klasse unglaublich schnell durch die Entfaltung der Massenstreiks zum Ausdruck kam, bewiesen die Unrichtigkeit solcher Auffassungen. Lenin selber zögerte nicht, die These aufzugeben, die er in "Was tun" verteidigt hatte. Die Revolution von 1905 bewirkte in der kommunistischen Linken Europas, vor allem bei Pannekoek, eine Infragestellung der Auffassung Kautskys. Sie bewies die entscheidende Bedeutung der Selbstorganisation des Proletariats, die auch keine noch so gut ausgebildeten Pläne des Stabschefs der Sozialdemokratie oder der Gewerkschaften ersetzen können. Die Änderung der Taktik, die Pannekoek bei der gewerkschaftlichen und parlamentarischen Taktik hervorgehoben hatte, weil sie nunmehr in den Hintergrund rücken sollten, verdeutlichte eine tiefgreifende Veränderung der Funktion der revolutionären Organisation.

d) Es ist falsch, Lenin und die Bolschewisten als die Theoretiker des Substitutionismus von 1917 oder gar von 1920 zu betrachten. Die Bolschewisten wurden 1917 mit den linken Sozialrevolutionären von den Arbeiterräten an die Macht gebracht. Der Aufstand, an dem viele Anarchisten in den Roten Garden teilnahmen, fand unter der Führung und Kontrolle der Arbeiterräte statt. Erst viel später, nämlich mit der Isolierung der russischen Revolution und dem Beginn des Bürgerkrieges, wurde die Theorie der Diktatur der Partei in Gestalt des Leninismus theoretisiert. Der Substitutionismus war in Russland, wo den Arbeiterräten immer mehr die Luft ausging, je mehr die Einheitspartei ihnen diese abschnitt, weniger das Ereignis einer schon vorhandenen Absicht der Bolschewisten, als vielmehr der tragischen Isolierung der Russischen Revolution von Westeuropa.

e) 1920 verwarf die Strömung der italienischen Linkskommunisten um Bordiga - die im Gegensatz zu den Behauptungen der Rätekommunisten die "Leninisten" und "Bordigisten" in einen Topf schmeißen (der bordigistische Leninismus) - entschlossen die Auffassung von einem von Außen durch "bürgerliche Intellektuelle" in das Proletariat eingeflößten Bewußtsein. Aus Bordigas Sicht war die Partei vor allem ein "Teil der Klasse"; die Partei ist das Ergebnis eines organischen Wachstums der Klasse, in dem das Programm und der militante Willen in einem Ganzen zusammenfließen. In den 30er Jahren hat "Bilan" die auf dem 2. Kongreß der Komintern (1920) vertretene Auffassung von der "Diktatur der Partei" verworfen. Erst eine tiefgreifende Regression der Italienischen Linke nach 1945, die auch unter dem Einfluß Bordigas stattfand, führte zu einer Rückkehr der Theorie des Substitutionismus, die nach 1923 unter dem Begriff "Leninismus" zusammengefasst worden war. Gerade die Verwerfung der Auffassung von der "Diktatur der Partei" war im Herbst 1952 einer der Gründe für die Spaltung, die die heute noch bestehende Gruppe "Battaglia Comunista" hervorbrachte.

B. Eine geringere Gefahr

Heute stellen die substitutionistischen Auffassungen eine geringere Gefahr als früher dar, weil eine theoretische Vertiefung in der deutschen, italienischen und holländischen kommunistischen Linke in den 30er Jahren stattgefunden hat, selbst wenn dies nur teilweise in den verschiedenen Linken geschehen ist. Diese Vertiefung stützt sich auf eine Bilanz der Russischen Revolution, die es ermöglichte, die Wurzeln der Konterrevolution zu begreifen.

- die stalinistische Konterrevolution in dem Proletariat vor allem der entwickelten Länder einen geschärften Blick für die Kritik an den politischen Organisationen geschaffen hat, die aus seinen Reihen hervorgehen; auch kann die Arbeiterklasse heute leichter die Gefahren erkennen, die zum Verrat der politischen Organisationen führen können. Gestärkt durch seine historische Erfahrung wird das Proletariat den politischen Organisationen, die sich auf die Arbeiterklasse berufen, nicht mehr blind und naiv sein Vertrauen schenken.

- weil die Revolution in den rückständigen Ländern unmöglich ist, solange sich das Hauptzentrum der Weltrevolution nicht in dem Herzen der westlichen Industrieländer Europas in Bewegung gesetzt hat. Das Schema einer isolierten Revolution, die aus dem imperialistischen Krieg in einem Land entsteht, wo die Bourgeoisie wie in Rußland 1917 in einem Zustand der Schwäche war, wird sich nicht mehr wiederholen. Die kommunistische Revolution wird aus der Wirtschaftskrise, die alle Länder ergreift - und nicht nur die besiegten wie 1918 - hervorgehen, am schnellsten und bewußtesten dort, wo das Proletariat am konzentriertesten und politisch am gebildesten ist. Das Proletariat kann sich nur international organisieren und erkennt die Parteien nur an, wenn sie Teil der internationalen Arbeiterräte sind, die nicht aus einer "französischen" oder "deutschen" Revolution hervorgehen, sondern aus einer wirklich internationalen Revolution. Die geographische Isolierung der Revolution in einem Land, die ein objektiver Faktor des Substitutionismus war, ist heute nicht mehr möglich. Die wirkliche Gefahr wäre ihre Isolierung auf einen Kontinent. Aber selbst in diesem Fall könnte es eine Vorherrschaft einer nationalen Partei wie in Rußland nie geben. Die Internationale (kommunistische Weltpartei) wird sich in den internationalen Arbeiterräten entwickeln.

Das bedeutet natürlich nicht, daß die Gefahr des Substitutionismus für immer verschwunden sei. In den Rückflußphasen des revolutionären Kurses - der sich über eine gewisse Zeit lang erstrecken wird, wie das Beispiel der deutschen Revolution zeigt - können die unvermeidbaren Zögerungen oder gar die vorübergehende Erschöpfung des Proletariats im Verlaufe eines langen und zerstörerischen Bürgerkrieges ein fruchtbarer Boden sein, auf dem die giftige Pflanze des Substitutionismus oder des Putschismus zu wachsen beginnen mag, die der blanquistisch substitutionistischen Auffassung nahestehen. Andererseits wird die Reife des revolutionären Milieus, in dem vorher eine gnadenlose Auswahl unter den Organisationen stattfinden wird, die sich als das "Gehirn" oder den "Stabschef" der Klasse bezeichnen, ein entscheidender Faktor bei dem energischen Kampf gegen diese Gefahr sein.

Bedingungen für das Erscheinen und Kennzeichen des Rätekommunismus

Aber während der Substitutionismus vor allem eine Gefahr in der Rückflußphase der revolutionären Welle war, ist der Rätekommunismus eine viel größere Gefahr, vor allem in dem Zeitraum der ansteigenden revolutionären Welle und hauptsächlich auf ihrem Höhepunkt, wenn das Proletariat schnell und mit größter Entschlossenheit handeln muß. Diese schnelle Reaktionsfähigkeit und die gesteigerte Entscheidungsfähigkeit gipfeln in dem Vertrauen, das es in das Programm und die Losungen der Parteien hat.

Deshalb sind die Angst vor Entscheidungen und die Nachtrabpolitik der Rätekommunisten, die jede Aktion der Arbeiter preisen, in diesem Zeitraum besonders gefährlich. Die rätekommunistischen Tendenzen, die sich zwischen 1919 und 1921 im deutschen Proletariat äußerten, sind keine Ausdrücke der Stärke der Klasse. Obgleich sie nicht direkt für die Niederlage verantwortlich sind, spiegeln sie dennoch eine große Schwäche der Klasse wider. Aus diesen Schwächen eine Tugend zu machen - so wie das die Rätekommunisten tun, ist der sichere Weg, um in der Zukunft die Revolution in eine Niederlage zu führen.

Entgegen eines ersten oberflächlichen Eindrucks erscheint der Rätekommunismus nicht als eine Variante des Anarchismus, der vor allem in den unterentwickelten Ländern Wurzeln schlug, d.h. dort, wo das Proletariat gerade die Stufe des Lebens auf den Lande oder das handwerkliche Leben hinter sich gelassen hatte. Er entstand in den Reihen eines Proletariats, das schon über eine längere Geschichte verfügte und durch die Klassenkämpfe gestärkt und ziemlich politisiert worden war, und zudem kollektiv handelte und den kleinbürgerlichen Individualismus hinter sich gelassen hatte.

Die rätekommunistischen Tendenzen entfalteten sich zunächst in der KPD (Spartakus), dann in der KAPD, als sie im April 1920 gegründet wurde. Obgleich Rühle (ehemals IKD) das Sprachrohr dieser Tendenz war, die relativ isoliert innerhalb der KAPD außerhalb Sachsens blieb, stießen die rätekommunistischen Ideen in dem radikalisierten Proletariat überall in Deutschland auf Widerhall. Der Ausschluß Rühles sowie seiner Gesinnungsgenossen im Dez. 1920 aus der KAPD verhinderte die schnelle Ausdehnung der rätekommunistische Ideen aber nicht, denn sie wurden von der AAU-E übernommen, welche teilweise Hunderttausende Arbeiter umfaßten.

Die Charakteristiken des deutschen Rätekommunismus, die man heute zum großen Teil wiederfindet, sind:

- die Verwerfung jeder politischen Partei des Proletariats, da sie allemal "bürgerlich" seien. "Die Partei ist ihrem Wesen nach bürgerlich. Sie stellt die klassische Organisationsform für die Repräsentation der Interessen der Bourgeoisie dar. Sie entwickelte sich in einen Zeitraum, als die Bourgeoisie an die Macht kam. Die Parteien entstanden mit dem Parlamentarismus" (Von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution, 0. Rühle, 1924).

Hier bringt Rühle den berechtigten Haß des Proletariats gegen den Parlamentarismus zum Ausdruck; dabei versteht er aber nicht, daß die Funktion der revolutionären Partei im dekadenten Kapitalismus sich ändert, was dagegen die KAPD durchaus verstanden hatte.

- die Verwerfung des Zentralismus als Ausdruck der Diktatur der Klasse. "Das bürgerliche Wesen wird organisch durch den Zentralismus ausgedrückt" (O.Rühle, ebenda).

Die Rätekommunisten greifen hier die Formen als solche an und glauben so das Auftauchen einer neuen "Kaste von Chefs" verhindern zu können. Indem sie die Dezentralisierung hochloben und den Antiautoritarismus fördern, unterstützen sie nur den Mangel an wirklicher Kontrolle der Arbeiter über die Organisationen, die sie gründen. Der Antizentralismus, der von den "Einheitsanhängern" Rühles unterstützt wurde, hinderte die AAU-E nicht daran, unter den Einfluß einer Handvoll von Intellektuellen und Künstler um "Die Aktion" zu gelangen (Franz Pfempfert insbesondere), die tatsächlich selbsternannte Chefs waren.

- Der Lokalismus, das Gegenstück zum Antizentralismus, führt notwendigerweise zur Beschränkung des Horizonts auf eine Fabrik. Die Fabrik wird zum begrenzten Universum der Unionen-Anhänger (AAU, der KAP nahestehend, sowie die AAU-E), die diese nur als einen Stützpunkt gegen den Einfluß der Parteien auffaßten. Der Arbeiterkult in "seinen" Betrieb geht einher mit dem Antiintellektualismus; gegenüber nicht intellektuellen Arbeitermilitanten der KAPD wurde der Verdacht gehegt, daß diese die Rolle der Chefs übernehmen wollten, indem sie sich der spontanen Initiative der Arbeiter substituierten.

- Die Verwechslung der Arbeiterräte und politischer Organisationen wirft die Arbeiterbewegung um einige Jahrzehnte zurück, als nämlich in der I. Internationale Gewerkschaften, Parteien, Genossenschaften Mitglieder waren. So haben die Unionen ein revolutionäres Programm, das sich übrigens auf das der KAP stützt, aber sie sind weder das eine noch das andere, sie sind halbpolitische, halb gewerkschaftliche Organisationen. Solch eine Verwirrung führte notwendigerweise zur "neuen revolutionären Gewerkschaftsarbeit". Es ist kein Zufall, daß die AAU-E - die Rühle und Pfempfert nahestand - schnell anfing, mit den Anarchosyndikalisten der AUD zusammenzuarbeiten.

- Schließlich sackt der politische Rätekommunismus auf fatale Weise in einen halben Anarchismus und zu seiner schlimmsten Form, dem Individualismus, ab. Rühle selbst bewegte sich immer mehr auf einen anarchisierenden Antimarxismus zu; im Vergleich zu Bakunin hielt er Marx nur für einen grimmigen Unverbesserlichen. Sein Individualismuskult führt zur "Pädagogie" des einzelnen Arbeiters, dessen Geist der des "Fabrikschornsteins" ist, um den ironischen Ausdruck der KAPD, als sie so den sächsischen Individualismus bezeichneten, wieder aufzugreifen.

Die ‚rätekommunistische‘ Gefahr in der Revolution

Der Rätekommunismus spiegelt nur die Schwächen der Arbeiterklasse wider. Er ist zunächst eine negative Reaktion; die Klasse schwenkt über von einer Stufe des blinden Vertrauens in die alten Organisationen - die längst vom Opportunismus erobert wurden, um schließlich in der Konterrevolution zu verrecken - zu einem Zustand des Mißtrauens gegenüber jeder politischen Organisation. Die rätekommunistischen Tendenzen in Deutschland entsprachen proportional direkt dem naiven Vertrauen, das die in den Räten organisierten Arbeiter im November-Dezember 1918 der Sozialdemokratie entgegenbrachten, welche dann 3 Jahre lang die Arbeiter massakrierte. In Anbetracht dessen, was die Arbeiter nur für einen Verrat der "Führer" hielten, wobei jede Organisation das "Gift" der Führer hervorbringt, sprossen die parteifeindlichen und antiautoritären (Antibonzen) Tendenzen hervor. Der Rückzug der Industriearbeiter auf die örtliche Betriebsorganisation der Unionen und der Branchengewerkschaften (Bergarbeiter- und Seeleuteunionen 1920), war nicht der Ausdruck einer zunehmenden Stärke der Klasse, die sich nach den Massakern vom Januar 1919 wieder fing, sondern das Ergebnis einer enormen Schwäche, einer gewaltigen Orientierungslosigkeit. Weil er in einem hochindustrialisierten Land, das ein Schlüsselland für die Weltrevolution war, stattfand, war der Klassenkampf in Deutschland viel charakteristischer für die zukünftige kommunistische Revolution als die, die in Rußland einsetzte. Die rätekommunistischen Reaktionstypen, wo das Proletariat in den Räten das größte Mißtrauen gegenüber jeder revolutionären Organisation haben wird, sind Reaktionen, der eine revolutionäre Partei mit größter Entschlossenheit entgegentreten muß. Diese Reaktionen werden um so stärker sein, weil die stalinistische Konterrevolution und das Gewicht der Einheitsparteien in den Ostblockstaaten - neben einem gesunden Mißtrauen der Arbeiter gegenüber den linken Parteien - die Klasse gegenüber jeder revolutionären Organisation grundsätzlich hat mißtrauisch werden lassen. Solche Reaktionen erklären - neben dem staatlichen Totalitarismus, der jede revolutionäre Massenorganisation unmöglich macht -, den Mangel an militantem, politischem Engagement in der Klasse. Trotz des sich verstärkenden Einflusses ihrer Positionen und Interventionen stoßen revolutionäre Militanten unweigerlich auf solche Vorurteile wie: "Die Revolution mit einer Partei, selbst wenn sie revolutionäre Parteien sind, führt zur Diktatur". Es stimmt, daß der Bordigismus mit seiner Auffassung von der Einheitspartei, die den "roten Terror" durch die Klassengewalt ausüben wird, und die verabscheuenswürdige Unterstützung des Massakers an den Arbeitern und Matrosen von Kronstadt, nur die rätekommunistischen Reflexe in der Klasse verstärken kann. Man kann gar behaupten, daß der Bordigismus und der Neo-Bordigismus die besten Ziehväter des Rätekommunismus sind. Die revolutionären Organisationen, und die IKS insbesondere, müssen sich dessen bewußt sein, daß ihre organisierten Aktionen in den zukünftigen Räten auf Schwierigkeiten stoßen werden. Weil sie in Parteien organisiert sind, werden sie oft nicht mehr das Wort in Versammlungen ergreifen dürfen. Die Bourgeoisie wird es übrigens mit Hilfe ihrer gefährlichsten Agenten, den Basisgewerkschaftern, nicht unterlassen, die organisationsfeindlichen Gefühle der Arbeiter zu verstärken, d.h. ihre auf die Fabrik und deren Horizont beschränkte Ausrichtung zu zementieren. Dabei werden sie die revolutionären Organisationen als "Intellektuellenorganisationen" darstellen, die die "Klasse führen" wollen, um selbst die Macht zu übernehmen. Wie es Rosa Luxemburg 1918 erging, kann es sein, daß die Mitglieder der Partei, die keine Arbeiter sind, keine Redeerlaubnis in den Räten erhalten, alles unter dem Vorwand, daß sie keine Arbeiter seien. Die rätekommunistische Gefahr darf deshalb in den Räten nicht unterschätzt werden, denn sie kann tödliche Auswirkungen haben. In dem Maße wie organisationsfeindliche Ideen überwiegen, kann das Proletariat den schlimmsten Provokationen der Bourgeoisie ausgesetzt sein. Die Verherrlichung der handelnden, antiautoritären Minderheiten kann zum furchtbarsten Putschismus der Klasse führen. Das Mißtrauen gegenüber dem Programm und der revolutionären Theorie, die angeblich das Bewußtsein des einzelnen Arbeiters vergewaltige, kann nur die kleinbürgerliche, individualistische Theorie fordern, die durch die gewaltige Menge durch die Krise und die Arbeitslosigkeit proletarisierter Kleinbürger getragen wird. Schlimmer noch, dieses Mißtrauen dient dem Einfluß der bürgerlichen Ideologie, die die herrschende Ideologie ist.

Schon heute eine wirkliche Gefahr im revolutionären Milieu

Die Gefahr des Rätekommunismus -die zwar erst während der revolutionären Ereignisse selbst voll ans Licht tritt- ist aber schon heute vorhanden. Sie bedroht das schwache revolutionäre Milieu, weil es diesem an organischer Kontinuität mit den revolutionären Organisationen der Vergangenheit fehlt. Sie zeigt verschiedene negative Erscheinungsweisen:

- den immediatistischen Aktionismus, der unweigerlich zum libertären Sumpf der Extremen Linke führt. "Informations Correspondances Ouvrieres" (ICO) in Frankreich, "Arbetarmakt" (Arbeitermacht) in Schweden sind letztendlich wegen ihres Aktionismus, der der Praxis der Extremen Linke verwandt ist, verschwunden. Eine Gruppe wie "Arbetarmakt" zerfiel unter dem Druck der kleinbürgerlichen, dann bürgerlichen Ideologie, als sie sich auf die Ebene der basisgewerkschaftlichen Arbeit begab.

- die Auffassung von Arbeits- und Studiengruppen führt zu einer Infragestellung der militanten Rolle der Revolutionäre; man betrachtet sich eher als Studierzirkel, der den Klassenkampf von "Oben herab" betrachtet. Diese Gruppen verwerfen letztendlich die revolutionäre Rolle des Proletariats und verfallen leicht dem Pessimismus oder dem Modernismus. Der Entwicklungsweg des Kreises um Barrot ("Le mouvenent communiste") beweist dies. Solche Zirkel haben mit dem revolutionären Milieu nichts gemeinsam. Sie irren nur umher in einem im Zerfall befindlichen Milieu der Kleinbourgeoisie, die unaufhaltsam Konfusionen verbreitet.

- die anti-bolschewistische Ideologie – von der die gesamte revolutionäre Vergangenheit der Bolschewisten bewußt geleugnet wird - kann nur zu einer Infragestellung des Marxismus selber führen. Die Entwicklung der Gruppe "Pour une intervention communiste" in Frankreich (PIC) ist symptomatisch. Vom primitivem Aktivismus wechselte man über, um nun voll mit einem Geist der akademischen Studierzirkel zu arbeiten. Bald wird die revolutionäre Bewegung so dargestellt, als ob sie von dem Parteienstreben beherrscht sei. Marx selbst wird verantwortlich gemacht für all die Fehler der Arbeiterbewegung, weil er das Konzept der Partei erfunden hat (sic!). Diese antibolschewistische Reaktion kann nur zu Kompromissen mit dem Linkssozialismus führen.

- die Unterschätzung der Rolle der Organisation, wenn man das Bewußtsein der Arbeiter als eine Vielzahl von Bewußtsein nimmt, die ebenso bewußt wie, wenn nicht gar bewußter als die Organisation sein können, führt zur Verneinung derselben; man betrachtet sie dann nicht mehr als militanten Teil der Klasse.

Diese Unterschätzung ist ein Selbstmord für die Militanten, die in diesen Organisationen oder Zirkeln rätekommunistische Ideen verteidigen. Dies ist die Gefahr, von der die Gruppen, die sich auf "Rätekommunistische Positionen" berufen, stehen.

Selbst wenn der Rätekommunismus zerfallen ist - in Westeuropa ist er eine vielschichtige Ansammlung von Zirkeln oder sehr unklaren und zutiefst organisationsfeindlichen Positionen - bleibt seine Ideologie noch weiterbestehen. Diskussionsgruppen, die in den letzten Jahren in Skandinavien (Dänemark) und in Mexiko entstanden sind, sind besonders diesen Positionen gegenüber anfällig. Es ist selbstverständlich, daß die IKS solche Gruppen nicht außer Acht lassen darf und tatenlos mit ansieht, wie diese Gruppen sich in ihrer Verwirrung verrennen. Wir sind uns bewußt, daß der organische Bruch mit den Organisationen der Kommunistischen Linken viele sehr konfuse Gruppen hervorbringen wird, die sich auf den Rätekommunismus berufen, und von einer individualistischen, kleinbürgerlichen rätekommunistischen Ideologie gebrandmarkt sein werden. Weil die IKS mit dem Zusammenbruch der IKP der einzige wirklich revolutionäre Pol der Umgruppierung auf internationaler Ebene geworden ist, ist es unsere Pflicht und entspricht es unserer Verantwortung, diese Zirkel hin zur Entwicklung einer militanten marxistischen Weltanschauung zu drängen. Solche Zirkel, die oft aus der Kleinbourgeoisie mit all ihren Vorurteilen und akademischen Neigungen des studentischen Milieus hervorgegangen sind, sind gegenüber dem rätekommunistischen Gedankengut besonders anfällig. Die IKS kann diese Elemente nur zur Übernahme einer proletarischen revolutionären Auffassung bewegen (wie wir dies in Schweden und Holland gemacht haben), indem wir unnachgiebig bleiben bei der Frage der Organisation hinsichtlich der Zentralisierung derselben und ihrer militanten Aufgaben. Auch müssen wir dabei die rätekommunistischen Ideen mit größter Entschlossenheit und ohne Zögern und Schwankungen bekämpfen.

Diese rätekommunistische Gefahr stellt nicht nur eine Bedrohung für die konfusen Gruppen oder die Diskussionskreise dar; sie kann gar bis in die Reihen der Gruppen auftreten, die sich auf die Italienische Linke berufen, wie "Battaglia Comunista" und dem Meister der Kehrtwendungen: die Communist Workers' Organisation (CWO). Ihre Auffassung einer politischen Doppelorganisation -d.h. die Partei (Größenwahnsinn zwingt dazu!) und der Fabrikgruppen (Geistergruppen) - ähnelt sehr der Auffassung der KAPD von den Fabrik-/Betriebsorganisationen, wobei die CWO und BC nur einen Bluff vollziehen und im Verhältnis dazu eher wie Zwerge gegenüber den Riesen aussehen, wenn sie sich mit der KAPD vergleichen. In der Zukunft kann die Logik des Bluffs der Fabrikgruppen sie dazu führen, aus Nachläufertum ihre politischen Organisationen aufzulösen, um aus ihnen ein einfaches Anhängsel dieser Gruppen zu machen, nur damit sie in der Klasse auf ein größeres Echo stoßen. Obgleich beide der KAPD feindlich gegenüber eingestellt sind - bei BC mehr aus Unwissenheit und bei der CWO mehr aus Opportunismus (die CWO ist der Champion der politischen Kehrtwendungen) - wären diese beiden wichtigtuerischen Organisationen gut damit beraten, die Geschichte der KAPD näher zu untersuchen. Nachdem sie sich lange für Doppelorganisationen ausgesprochen hatte, fing die KAPD 1929 an, sich aufzulösen, wobei der größte Teil sich in einer aktivistischen Union (Kommunistische Arbeiter Union-KAU) organisierte, während der Rest der KAP - der nunmehr gegenüber der Doppelorganisation mißtrauisch geworden war - als ein kleines Grüppchen weiterbestand. Das Nachläuftertum Battaglias und der CWO gegenüber nationalistischen iranischen Organisationen wie "Komala" und der "Kommunistischen Partei Irans" wirft kein gutes Licht auf die Fähigkeit dieser Organisation, einen programmatischen und organisatorischen Rahmen unnachgiebig zu verteidigen.

Die rätekommunistische Gefahr tritt damit nicht nur gegenüber den Gegnern der Partei auf. Sie kann gar eine politisch so gut bewaffnete revolutionäre Organisation wie die IKS bedrohen. Sie ist um so gefährlicher, weil der Rätekommunismus sehr oft nicht die Dinge beim Name nennt, nicht offen auftritt und hinter der formellen Anerkennung des zentralisierten organisatorischen und programmatischen Rahmens sich versteckt.

Die IKS wacht weiterhin darüber, daß wir unsere militante Funktion in der Klasse erfüllen. Wir sind davon überzeugt, daß unsere Funktion unersetzbar ist und wir die klarste Form des Klassenbewußtseins zum Ausdruck bringen. Unsere zentralisierte Funktionsweise ist entscheidend für die Aufrechterhaltung unseres programmatischen Rahmens, den uns die Kommunistische Linke hinterlassen hat.

Die IKS ist wie die KAPD und "Bilan" von der entscheidenden Rolle der Partei in der Revolution überzeugt. Ohne revolutionäre Partei, die das Ergebnis einer langen Umgruppierungsarbeit und von politischen Schlachten ist, kann die proletarische Revolution nicht siegreich ausgehen. Heute kann jede Unterschätzung der Rolle der Organisation, jede Verneinung der Notwendigkeit der Partei in der Revolution nur zum Zerfall des ohnehin schon schwachen revolutionären Milieus beitragen. Die rätekommunistische Gefahr ist eine Bedrohung, gegenüber der die IKS besonders entschlossen und gut bewaffnet auftreten muß. Indem wir auf die Gefahr rätekommunistischer Schwankungen aufmerksam machen, die nicht offen auftreten, verfällt die IKS nicht in eine Art "Bordigismus" oder "Leninismus".

Das Bestehen der IKS ist das Ergebnis aller kommunistischer Fraktionen der Vergangenheit. Wir werden deren positiven Errungenschaften sowohl gegen die rätekommunistischen wie auch gegen die bordigistischen Gruppen verteidigen, ohne die negativen Seiten zu übernehmen: ihr Substitutionismus in der Russischen Revolution, Verneinung der Partei durch die Holländische Linke, Doppelorganisation der Deutschen Linke. Die IKS ist keine der Vergangenheit nachlaufende Organisation.

Wir sind weder "rätekommunistisch", noch "bordigistisch", sondern das Ergebnis der langen Geschichte der internationalen Kommunistischen Linken. Nur durch einen unnachgiebigen politischen Kampf gegen alle Zögerungen, die unsere Funktion und unseren Platz im Klassenkampf infragestellen, werden wir ihren Aufgaben, die ihre Vorgänger verantwortungsvoll erfüllten, gewachsen sein und gar über unsere Vorgänger hinausgehen. Chardin

aus International Review, Nr. 40, 1985, auf Deutsch erschienen in Internationale Revue Nr. 9

Siehe Bulletin d'Etudes et de Discussion 1974

Die erste Nummer von Révolution Internationale zeigt rätistische Tendenzen. Aber 1969 wurde auf der nationalen Konferenz von ICO ein sehr klarer Text über die Notwendigkeit einer Partei vorgelegt, siehe R.I., Nr. 3

siehe die Broschüre "Kommunistische Organisation und Klassenbewußtsein"

"Dialog mit den Toten" und "Dialog mit Stalin" (sic) sind die Titel der Broschüre Bordigas.

Resolution der IKS vom Jan. 1984 "Zwischen den Phasen offener Kämpfe vollzieht sich eine unterirdische Reifung des Klassenbewußtseins (der "alte Maulwurf" Marx zufolge), die sowohl durch die Vertiefung und Klärung der politischen Organisationen zum Ausdruck kommen kann als durch eine Reflexion und einen Herauslösungsprozeß in der gesamten Klasse, eine Loslösung von den bürgerlichen Mystifizierungen".

siehe Marx "Die deutsche Ideologie". Marx spricht von der Notwendigkeit einer tiefgreifenden Revolution. "Zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins ist eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann" (MEW, Dt. Ideologie, Bd 3, S. 70).

Hier sind einige Auszüge aus unserer Resolution vom Januar 84, die von einigen Genossen mit "Reserven" angenommen oder abgelehnt wurde. "Selbst wenn sie Teil einer gleichen Einheit sind, wobei das eine auf das andere wirkt, ist es falsch, das Klassenbewußtsein mit dem Bewußtsein der Klasse gleichzusetzen, d.h. seine Ausdehnung zu einem gegebenen Zeitpunkt... Man muß zwischen dem unterscheiden, was auf eine Kontinuität der historischen Bewegung des Proletariats zurückzuführen ist - die fortschreitende Ausarbeitung der politischen Positionen und ihr Programms - und dem, was auf die jeweiligen Umstände zurückzuführen ist - die Ausdehnung und die Assimilierung und ihr Einfluß in der Klasse".

Diese Genossen beweisen, daß sie die Geschichte nicht gut kennen: die bolschewistische Partei, der sie vorwerfen zu zentralisiert gewesen zu sein, war in Wirklichkeit noch viel weniger zentralisiert als die polnische Linke SDKPIL.

 

 

++ In den Artikel werden die Begriffe "rätistisch" und "rätekommunistisch" oft deckungsgleich verwandt. Dies führt zu einer Ungenauigkeit, da die rätistischen Tendenzen einen Bruch mit der rätekommunistischen Bewegung der 20er und 30er Jahre darstellen. Wir hoffen dennoch, daß für den Leser die Unterschiede nicht zu verschwommen sind.

Funktion der revolutionären Organisation

DIE FUNKTION DER REVOLUTIONÄREN ORGANISATION 1) Seit ihrer Gründung hat die IKS die entscheidende Bedeu­tung einer internationalen Organisation der Revolutionäre bei dem Wiedererstarken eines neuen Kurses der Klassenkämpfe auf Weltebene unterstrichen. Durch unsere Inter­vention in dem Kampfe, selbst wenn dies nur auf einem bescheidenen Maßstab durchgeführt werden kann, durch unsere ausdauernden Versuche, auf die Schaffung eines wirklichen Diskussionszentrums zwischen revolutionären Gruppen hinzuarbeiten, haben wir in der Praxis bewie­sen, daß unsere Existenz weder überflüssig, noch eine Phantasie war. Überzeugt davon, daß unsere Funktion einem grundlegenden Bedürfnis der Klasse entspricht, haben wir sowohl den Dilettantismus als auch den Grössenwahnsinn des revolutionären Milieus bekämpft, das noch von den Spuren des mangelnden Verantwortungsbewußtseins und der Unreife gekennzeichnet ist. Diese Überzeugung ruht nicht auf einem religiösen Glauben, son­dern auf einer Methode der Analyse: die marxistische Theorie. Die Gründe für das Entstehen der revolutionären Organisation können nicht außerhalb dieser Theorie ver­standen werden, denn ohne sie könnte es keine wirkliche revolutionäre Bewegung geben. 2) Die neulich in der IKS stattgefundenen Spaltungen sind keine fatale Krise. Sie drücken hauptsächlich ein Unverständnis der Bedingungen und der Bewegung der Klas­se aus, die revolutionäre Organisationen hervorbringt, nämlich, daß - der Kurs zur Revolution nicht ein örtlich bedingtes, sondern ein weltweit bestimmtes Phänomen ist; 

 

 

 

 

- die Tiefe der Krise und das Ausmaß der Kämpfe nicht mechanisch eine unmittelbar revolutionäre Periode eröff­nen; - die Notwendigkeit der Organisation nicht vorübergehen­der Natur ist, sondern einem historischen Zeitraum ent­spricht, und sie bis zum weltweiten Sieg des Kommunismus  erforderlich ist;

 

- die Arbeit der Organisation nur als langfristig aufge­faßt werden kann und daher alle künstlichen Abkürzungen ver­mieden werden müssen, die durch die immediatistische  Un­geduld entstehen könnten und die Organisation in Gefahr brächten.

3) Das Unverständnis der Funktion der Organisation der Revolutionäre hat immer zur Verwerfung der Notwendigkeit derselben geführt:

 

- der anarchistischen und rätekommunistischen Auffas­sung zufolge wird die Organisation als eine Vergewalti­gung der Person eines jeden Arbeiters verstanden, die Organisation ist auch nur eine Zusammenfassung von Indi­viduen, deren Vereinigung mehr oder weniger zufällig ist; - der klassische Bordigismus, für den die Partei gleich der Klasse ist, verwirft diese Notwendigkeit indirekt, indem er die Funktion der Organisation der Revolutionäre mit der Funktion der allgemeinen Organisation der Klasse verwechselt. 4) Die Notwendigkeit einer revolutionären Organisation besteht nach wie vor, weder die Konterrevolution noch der Ausbruch gewaltiger Kämpfe heben diese Tatsache auf. Seit der Entstehung des Proletariats als Klasse im 19. Jahrhundert ist der Zusammenschluß der Revolutionäre eine lebenswichtige Notwendigkeit. Jede historische Klasse, die Trägerin einer sozialen Umwälzung ist, entwickelt eine klare Vorstellung von dem Ziel und den Mitteln des Kamp­fes, der sie zur Verwirklichung ihrer historischen Zie­le führt;   

 

 

 

- die kommunistischen Ziele des Proletariats bringen eine politische Organisation hervor, die auf der Ebene der Theorie (Programm) und der Praxis (ihrer Aktivitä­ten) die allgemeinen Ziele des gesamten Proletariats vertritt; - in der Klasse entstehend und aus ihr hervorgehend, überspringt die Organisation der Revolutionäre jede "natürliche" (geographische und historische) und künstliche (Berufsbranchen, Arbeitsstätten) Spaltung. So drückt sie die ständige Tendenz des Entstehens eines einheitlichen Klassenbewußtseins aus, das sich gegen jegliche unmittelbare Spaltung wendet; - in Anbetracht der systematischen Bemühungen der Bour­geoisie, das Klassenbewußtsein des Proletariats in Sackgassen zu lenken und es zu zerschlagen, ist die Organisation der Revolutionäre eine entscheidende Waffe des Kampfes gegen die heimtückischen Auswirkungen der bürgerlichen Ideologie. Ihre Theorie (das kommunistische Programm) und ihre militanten Aktionen in der Klasse sind ein starkes Gegengift gegen die Venebelungstaktik der Bourgeoisie. ) Das kommunistische Programm, aus dem das Prinzip der militanten Aktivitäten abgeleitet wird, ist die Grund­lage jeder revolutionären Organisation, die sich dieses Namens würdig erweist. Ohne revolutionäre Theorie wäre eine revolutionäre Funktion nicht zu erfüllen, d.h. eine Organisation für die Verwirklichung dieses Programm unmöglich. Aus diesem Grunde hat der Marxismus immer jegliche immediatistischen und ökonomistischen Abwei­chungen verworfen, die die historische Rolle der kommunistischen Organisation auf den Kopf stellen und verleug­nen.

 

 

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6) Die revolutionäre Organisation ist ein Organ der Klasse. Organ, das bedeutet lebendiges Mitglied eines le­bendigen Körpers. Ohne dieses Organ würde dem Leben der Klasse eine vitale Funktion fehlen; es wäre vorübergehend geschwächt und gefesselt. Deshalb taucht diese Funktion immer wieder auf, wächst an, dehnt sich aus, und schafft notwendigerweise die Organe, die sie braucht.  7) Dieses Organ ist kein einfaches physiologisches An­hängsel der Klasse, die sich damit zufriedengäbe, den unmittelbaren Bestrebungen der Klasse zu folgen. Die re­volutionäre Organisation ist ein Teil der Klasse. Sie ist weder von ihr getrennt, noch mit ihr verschmolzen (mit ihr identisch). Sie ist auch keine Vermittlung zwi­schen dem Sein und dem Bewußtsein der Klasse. Sie stellt eine besondere Form der Klasse dar, der bewußteste Teil. Sie umfaßt daher nicht die gesamte Klasse, sondern ihren bewußtesten und aktivsten Teil. Ebensowenig wie die Par­tei die Klasse ist, ist die Klasse auch nicht die Partei. 

8) Als Teil der Klasse ist die Organisation der Revolutionäre nicht die Summe ihrer Teile (die Militanten), sie ist auch keine Ansammlung  soziologischer Schichten (Arbeiter, Angestellte, Intellektuelle). Sie entwickelt sich als eine lebendige Totalität, deren verschiedenen Zellen zur Aufgabe haben, ihre beste Funktionsweise sicherzustellen. Sie bevorzugt weder Individuen, noch besondere Kategorien. Wie die Klasse entsteht die Orga­nisation als ein kollektiver Körper. 9) Die Bedingungen der vollen Entfaltung der Organisa­tion der Revolutionäre sind die gleichen, die den Auf­stieg der proletarischen Klasse ermöglichten:

- ihre internationale Dimension; genau wie die Klasse entsteht, lebt die Organisation, indem sie den na­tionalen Rahmen, der von der Bourgeoisie aufgezwungen wurde, zerschlägt, indem sie dem Nationalismus des Kapitals die Internationalisierung des Klassenkampfes in allen Ländern entgegenstellt.  

 

- ihre historische Dimension. Die Organisation trägt als am meisten fortgeschrittener Teil der Klasse eine geschichtliche Verantwortung gegenüber der Klasse. Als Gedächtnis der unersetzbaren Erfahrung der Arbeiterbe­wegung der Vergangenheit ist sie der bewußteste Aus­druck der allgemeinen und historischen Ziele des Weltproletariats.

Diese Bedingungen vermitteln der Klasse sowie ihrer po­litischen Organisation ihren Einheitscharakter.  10) Die Aktivitäten der Organisation der Revolutionäre dürfen nur als ein einheitliches Ganzes aufgefaßt wer­den, deren Komponenten nicht voneinander getrennt, son­dern abhängig sind: - ihre theoretischen Aktivitäten sind niemals ein für allemal abgeschlossen, im Gegenteil, ihre Ausarbeitung ist ständig weiterzuführen. Diese theoretische Arbeit ist notwendig und unersetzbar.  

 

- Intervention in den ökonomischen und politischen Kämpfen der Klasse. Dies ist die Praxis par excellence der Organisation, wo die Theorie sich in eine Waffe des Kampfes durch die Propaganda und Agitation verwandelt.

- organisatorische Aktivität, die auf die Entwicklung, der Stärkung ihrer Organe hinausläuft, sowie auf die Auf­rechterhaltung der organisatorischen Errungenschaften, ohne die die quantitative Entwicklung (Eintritte in eine Organisation) nicht in einen qualitativen Sprung umschla­gen könnte. 

 11) Viele der politischen und organisatorischen Unver­ständnisse, die in unserer Strömung aufgetaucht sind, können auf das Vergessen des theoretischen Rahmens zurückgeführt werden, den die IKS seit ihrer Gründung ge­schaffen hat. Sie haben ihren Ursprung in einer unzurei­chenden Assimilierung der Theorie der Dekadenz des Kapi­talismus und der praktischen Auswirkungen dieser Theorie in unserer Intervention.

 12) Obgleich die Organisation der Revolutionäre grund­sätzlich nicht ihr Wesen geändert hat, haben sich die Merkmale ihrer Funktion zwischen der aufsteigenden und dekadenten Phase des Kapitalismus qualitativ verändert. Die revolutionären Umwälzungen der Welle nach dem Ersten Weltkrieg haben die Existenz bestimmter revolutionärer Organisationsformen überholt werden lassen und neue ent­wickelt, die im 19. Jahrhundert nur in ihrem Anfangssta­dium vorhanden waren. 13) Der aufsteigende Zyklus des Kapitalismus hat den po­litischen revolutionären Organisationen eine einzigar­tige und damit auch vorübergehende Form verliehen: - eine hybride Form: sowohl die Kooperativen, als auch die Gewerkschaften wie die Parteien konnten in der glei­chen Organisation koexistieren. Trotz der Bemühungen von Marx wurde die politische Funktion der Organisation in den Hintergrund geschoben, der gewerkschaftliche Kampf nahm den ersten Platz ein.  

 

- die Bildung von Massenorganisationen, die umfassende Teile besonderer gesellschaftlicher Gruppen zusammen­faßte (Jugendliche, Frauen, Kooperativenmitglieder), d.h. die Mehrheit der Arbeiterklasse bestimmter Länder - dies ließ eine lockere Organisation der sozialistischen Or­ganisation zu, die zu einer Abschwächung ihrer ursprünglichen Funktion als revolutionäre Organisation führte.

Die Möglichkeit unmittelbarer Reformen - sowohl politi­scher als auch ökonomischer - verlagerte das Handlungs­feld der sozialistischen Organisationen. Der unmittel­bare, gradualistische Kampf bestimmte und beherrschte die große Perspektive des Kommunismus, die in dem Kommu­nistischen Manifest aufgezeigt worden war.

14) Die Unreife der objektiven Bedingungen der Revolu­tion hat zu einer Spezialisierung der organisch eng ver­bundenen Aufgaben geführt, ja zu einer Atomisierung der Funktion der Organisation. - theoretische Aufgaben blieben Spezialisten vorbehal­ten (Marxismusschulen, professionelle Theoretiker);  

 

- Propaganda- und Agitationsaufgaben, die von Funktio­nären (professionellen Revolutionären) der Gewerkschaf­ten und der Parlamentsabgeordneten durchgeführt wurden; 

- organisatorische Aufgaben, die von Funktionären, wel­che die Partei auserwählt hat, ausgeübt werden. 

 15) Die Unreife des Proletariats, bei dem große Massen vom Land oder aus Handwerksstätten stammten, sowie die Entwicklung des Kapitalismus in dem Rahmen kaum gebil­deter Nationen haben die wirkliche Funktion der Or­ganisation der Revolutionäre verdunkelt.  

 

Das gewaltige Anwachsen der proletarischen Massen, die keine politische und organisatorische Tradition hatten und den religiösen Mystifikationen unterworfen waren, sowie noch von der Nostalgie ihres alten Status als unabhängige Produzenten gefangengehalten wurden, all dies ließ die Organisationsarbeit und die Erziehung des Proletariats einen unverhältnismäßig großen Platz einnehmen. Die Funktion der Organisation wurde so aufge­faßt: diese sollte das Bewußtsein und die "Wissen­schaft" in eine noch ungebildete und gerade aus den Illu­sionen der frühen Kindheit entkommenen Klasse eingeben.  

 

Das Anwachsen des Proletariats im Rahmen der industriel­len Nationen hat das internationale Wesen des Sozialis­mus verzerrt (man spricht mehr vom "deutschen Sozialismus", oder vom "englischen Sozialismus" anstatt vom internationalen Sozialismus). Die I. und II. Internationale funktionierte eher als eine Föderation nationaler Sek­tionen als eine weltweit zentralisierte Organi­sation.  

 

Die Funktion der Organisation wurde national aufgefaßt; 

- der Aufbau des Sozialismus in jedem Land, der durch eine Föderation assoziierter "sozialistischer" Staaten (Kautsky) abgeschlossen würde; 

- die Organisation verstand man als dem "demokratischen" Volk zugehörig, das dazu gebracht werden müßte, sich schrittweise durch Wahlen dem sozialistischen Programm anzuschließen. 16) a) Diese vorübergehend bestehenden Charakte­ristiken dieser historischen Periode verfälschten die Beziehungen zwischen Partei und Klasse. Die Rolle der Revolutionäre wurde als eine dirigistische aufge­faßt (die Bildung eines Führungsstabs). Von der Klasse wurden Tugenden wie militärische Disziplin, Unterwerfung unter die Chefs verlangt. Wie jede Armee konnte sie nicht ohne Chefs bestehen, auf die sie sich bei der Verwirklichung ihrer substitutionistischen Ziele ver­lassen würde. Die Partei war die Partei des ganzen Volkes, das für die "sozialistische Demokratie" gewon­nen werden würde. Der Klassencharakter der Partei ver­schwand im Sumpf des Demokratismus.  

 

Gegen die Entartung der Funktion der Partei kämpfte die Linke der II. Internationalen und die der III. Internationalen in den Anfangsjahren an. Daß die Komintern gewisse Auffassungen der alten, gescheiter­ten Internationale übernommen hat (die der Massenpartei, Einheitsfront, Substitutionismus usw.) ist eine Tatsache, die aber heute nicht als Beispiel für die Revolutionäre dienen darf. Der Bruch mit den Entar­tungen der Funktion der Organisation ist eine vitale Notwendigkeit, die mit dem Zeitraum der Dekadenz des Kapitalismus nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist.  16) b) Die aus dem Krieg hervorgegangene revolutio­näre Periode bedeutete eine tiefgreifende, nicht wieder rückgängig zu machende Umwälzung der Funktion der Revolutionäre:

- die Organisation "bereitet" unabhängig davon, ob sie eine zahlenmäßig kleine Organisation oder eine entfaltete Partei ist, weder die Klasse vor, noch organisiert sie sie. Genausowenig organisiert sie die Revolution, die von der Arbeiterklasse insgesamt durchgeführt wer­den muß.  

 

- Sie ist weder die Erzieherin noch der Stabschef der Klasse, der die Militanten der Klasse vorbereitet und dirigiert. Die Klasse erzieht sich selbst im revolutio­nären Kampf, und die "Erzieher" selber müssen durch die Klasse "lernen" und von ihr "erzogen" werden. 

- sie darf nicht mehr besondere Gruppen bilden (Ju­gend, Frauen, Kooperationsmitglieder, Rentner usw.). 17) Die Organisation der Revolutionäre ist also sofort eine Einheitsorganisation, obwohl sie nicht die Ein­heitsorganisation der Klasse ist, die nur die Arbeiterklasse selbst sein kann. Sie ist eine Einheit einer größeren Einheit, des Weltproletariats, das sie her­vorgebracht hat. 

 

Sie entsteht nicht mehr auf nationaler Ebene, sondern gleich weltweit, wobei sie als Gesamtheit die verschie­denen "nationalen" Sektionen gründet. Ihr Programm ist in allen Ländern das gleiche, im Osten wie im Westen, in der entwickelten wie in der unterent­wickelten Welt. Die heute bestehenden "nationalen" Be­sonderheiten, die aus der Ungleichheit der kapitalisti­schen Entwicklung hervorgegangen sind und das Fortbe­stehen anachronistischer vorkapitalistischer Elemente verdeutlichen, dürfen auf keinen Fall zur Verwerfung der Einheit des Programms führen, denn das Programm ist weltweit gültig oder es ist nichts. 

 18) Die Reifung der objektiven Bedingungen der Revolu­tion (Konzentration des Proletariats, größere Homogeni­sierung des Bewußtseins einer vereinigten Klasse, die qualifizierter ist und über einen höheren Bildungs­stand und eine größere Reife als die Arbeiter des letz­ten Jahrhunderts verfügt) hat die Form und die Vorgehens­weise der Organisation der Revolutionäre grundlegend geändert. 

 a) Ihre Form:  

 

- sie ist eine kleinere Minderheit als in der Vergan­genheit, aber bewußter, geschärfter aufgrund ihres Pro­gramms und ihrer politischen Aktivitäten.  

 

-          sie ist nicht so sehr wie im 19. Jahrhundert auf Per­sonen bezogen und erscheint nicht mehr als eine Organi­sation, wo die Chefs die Masse der Militanten führen. Die Periode der weitsichtigen Chefs und der großen Theoretiker ist vorüber. Die theoretische Ausarbeitung und Weiterentwicklung wird eine kollektive Aufgabe. Ge­nau wie bei Millionen "unbekannten" proletarischen Kämp­fern entwickelt sich das Bewußtsein der Organisation durch eine Integration und Überwindung des individuellen Bewußtsein, das in ein kollektives Bewußtsein mündet;  

 

- hinsichtlich ihrer Funktionsweise ist sie im Gegensatz zu der I. und II. Internationale zentralisierter, weil diese zum Großteil durch ein Nebeneinanderbestehen von "nationalen" Sektionen charakterisiert waren. In der geschichtlichen Epoche, in der die Revolution nur eine Weltrevolution sein kann, ist sie der Ausdruck einer weltweiten Tendenz der Umgruppierung der Revolutionäre. Im Gegensatz zu der degenerierenden Auffassung der Kom­intern nach 1921 bedeutet diese Zentralisierung nicht die Aufsaugung der weltweiten Aktivitäten der Revolutio­näre durch eine bestimmte nationale Partei. Die Aktivi­täten eines gleichen Körpers funktionieren in mehreren Ländern selbsttätig, ohne daß dabei ein Teil die anderen beherrschen könnte. Diese Vorherrschaft des Ganzen über die Teile ist eine Vorbedingung für das Leben dieser Teile selber. b) durch ihre Vorgehensweise:  

 

- in der historischen Phase der Kriege und Revolutionen rückt der wirkliche Endzweck, der Kampf für den Kommu­nismus, der jetzt nicht mehr durch eine einfache Propaganda für ein fernes Siel stattfindet, sondern durch die direkte Eingliederung in den großen Kampf für die Welt­revolution, in den Vordergrund.  

 

- wie die Russische Revolution bewies, entstehen und be­stehen die Revolutionäre nur durch und in der Klasse, gegenüber der sie keine Rechte oder Privilegien zu erwarten haben. Sie substituieren sich nicht gegenüber der Klasse, von der sie keine Machtbefugnisse noch irgendwel­che Staatsmacht zu bekommen haben.  

 

- ihre Rolle besteht hauptsächlich darin, in allen Kämp­fen der Klasse zu intervenieren und ihre unabdingbare Funktion bis nach der Revolution zu erfüllen - den Prozeß der Reifung des proletarischen Bewußtseins zu beschleuni­gen. 19) Der Triumph der Konterrevolution, der totalitären Herrschaft des Staates haben die Existenz der revolutio­nären Organisationen erschwert und den Umfang ihrer Intervention eingegrenzt. In diesem Zeitraum des tiefgrei­fenden Rückflusses lag das Schwergewicht vor allem auf ihrer theoretischen Funktion im Vergleich zu der Interventionsfunktion - aber dies hat sich als lebensnotwen­dig für die Aufrechterhaltung der revolutionären Prinzi­pien erwiesen. Der Zeitraum der Konterrevolution hat bewiesen, daß kleine Zirkel, Kerne, winzige, isolierte Minderheiten der Klasse die revolutionären Organisationen sich nur entwickeln können, wenn ein neuer historischer Kurs zur Revolution eröffnet wird;

 

- unter allen Umständen um neue Mitglieder zu werben ("Re­krutierung") zur Aufgabe der Funktion und der Prinzipien führt, so daß man durch die Zahl der Mitglieder geblendet wird. Jeder Eintritt ist freiwillig, er ist eine be­wußte Unterstützung dieses Programms. 

 

- die Existenz der Organisation nur durch das unnachgie­bige Festhalten ihres marxistischen theoretischen Rah­mens gewährleistet ist. Was sie an Quantität verliert, gewinnt sie an Qualität durch eine strenge theoretische, politische und militante Auswahl;  

 

- sie mehr als in der Vergangenheit das Zentrum des Wi­derstandes der schwachen proletarischen Kräfte gegenüber dem gigantischen Druck des Kapitalismus ist, der über 50 Jahre seine konterrevolutionäre Herrschaft ohne viel Widerstand ausüben konnte. 

 

Obgleich die Organisation nicht für sich selbst existiert, ist es für sie lebenswichtig, das Organ entschlossen fest aufrecht zu erhalten, das ihr die Klasse übertragen hat, dazu muß sie es verstärken, zur Umgruppierung der Revolu­tionäre auf Weltebene beitragen.  20) Das Ende des Zeitraums der Konterrevolution hat die Existenzbedingungen der revolutionären Gruppierungen ver­ändert. Ein neuer Zeitraum brach an, der für das Voranschreiten der Umgruppierung der Revolutionäre günstiger war. Jedoch bleibt diese Blütezeit, die Zeit des Auftauchens noch ein Schlüsselzeitraum, wo die notwendigen Be­dingungen für das Entstehen der Partei noch nicht aus­reichend genug entwickelt sind, weil der qualitative Sprung noch nicht stattgefunden hat. Deshalb werden sich noch eine gewisse Zeit lang revolu­tionäre Gruppen entwickeln, die durch die Konfrontation in Diskussionen, gemeinsame Aktionen und schließlich durch ihren Zusammenschluß die Tendenz zur Gründung der Weltpartei zum Ausdruck bringen. Die Verwirklichung die­ser Tendenz hängt sowohl von der Eröffnung des Kurses zur Revolution als auch von dem Bewußtsein der Revolu­tionäre selber ab.

21) In der Tat hat sich das revolutionäre Milieu nach dem historischen Wiedererstarken des Proletariats seit 1968 als zu schwach und unreif erwiesen, um die Herausforderung der neuen Periode aufzunehmen. Das Verschwin­den oder der Zerfall der alten Gruppen der Kommunistischen Linken, die während der gesamten Konterrevolution gegen den Strom gekämpft hatten, war ein negativer Fak­tor bei der Reifung der revolutionären Organisationen. Mehr noch als die theoretischen Errungenschaften der Linken - die langsam wieder entdeckt und aufge­griffen werden, mangelte es an den organisatori­schen Errungenschaften (die organische Kontinuität), denn ohne sie bleibt die Theorie fruchtlos. Die Funktion der Organisation, ihre Notwendigkeit sel­ber wurden oft nicht verstanden, wenn sie nicht gar lächerlich gemacht wurden. 

 

Mangels dieser organischen Kontinuität litten die nach 1968 entstandenen Elemente unter dem furchtbaren Druck der Studentenbewegung und der von ihr eingenommen Haltung des Alles in Frage stellen, Alles verwerfen.

- diese vertrat die individualistische Theorie des All­tagslebens und der Selbstverwirklichung,  

 

- den Akademismus der Zirkel, wo die marxistische Theo­rie entweder als "Wissenschaft" oder als "persönliche Ethik" aufgefaßt wird, 

- Aktivismus und Immediatismus, wo der Proletenkult kaum die vollständige Unterwerfung unter den Druck der Extremen Linke verdeckte.

Der Zerfall der Studentenbewegung, die Verachtung der langsamen und schwierigen Entwicklung des Klassenkampfes wurden in Gestalt des Modernismus theoretisiert. Aber das wirkliche revolutionäre Milieu hat sich dieser am wenigsten überzeugten und wenigsten ernsthaften Teile entledigt, denn für sie war die militante Arbeit entweder eine Sonntagsbeschäftigung oder die höchste Stufe der Entfremdung.

 22) Trotz des erdrückenden Beweises - vor allem seit den Massenstreiks in Polen - daß die Krise einen Kurs zu im­mer größeren Klassenauseinandersetzungen eröffnet, sind die revolutionären Organisationen - die IKS eingeschlos­sen - gegenüber einer anderen Gefahr, die nicht weniger heimtückisch ist, nicht immun. Es handelt sich um den Immediatismus, dessen beiden Erscheinungsweisen der Di­lettantismus und der Individualismus sind. Diese Gefah­ren muß die revolutionäre Organisation abwenden können, wenn sie ihre Existenz aufrechterhalten will. 

23) Die IKS hat in den letzten Jahren die furchtbaren Auswirkungen des Immediatismus erleben können, dieser typischen kleinbürgerlichen Ungeduld und Merkmal des Mai 68. Die offensichtlichsten Formen dieses Immediatismus waren: a) der Aktivismus, der in der Intervention auftauchte und in der voluntaristischen Auffassung des "Rekrutierens" auftrat. Es war vergessen worden, daß die Organi­sation nicht künstlich entwickelt werden kann, sondern sich nur durch eine strenge Auswahl auf der Grundlage einer Plattform verstärken kann. Die zahlenmäßige Ver­größerung ist keine einfache Frage des Willens, sondern das Ergebnis einer Reifung der Klasse und der Elemente, die sie hervorbringt. 

b) der Lokalismus trat in einigen Interventionen in Er­scheinung. Einige Genossen der IKS stellten "ihre" lo­kale Sektion als einen persönlichen Besitz dar, als ein selbständiges Ganzes, obwohl jede lokale Sektion nur Teil eines Ganzes sein kann. Die Notwendigkeit einer internationalen Organisation wurde geleugnet und lächerlich gemacht, manche betrachteten dies nur als Bluff oder als "formale" Bindung zwischen den Sektionen.  c) der Ökonomismus - der schon von Lenin bekämpft wurde - zeigte sich in der Haltung der Bejubelung eines jeden Streiks, wobei jeder Streik isoliert, als solcher betrachtet wurde und nicht in dem weltweiten Rahmen des Klassenkampf analysiert wurde. Oft wurde die politische Funktion unserer Organisation in den Hinter­grund geschoben. Indem man sich manchmal als "Wasser­träger" oder "Techniker" des Kampfes und damit im Dienst der Arbeiterklasse stehend auffaßte, betonte man vor allem die materielle Vorbereitung der zukünftigen Streiks. 

e) der Ouvrierisnus (Proletenkult) schließlich wurde der abschließende, alles zusammenfassende Ausdruck dieser Verirrungen. Wie bei den Linken haben einige Genossen demagogisch behaup­tet, es gebe "Arbeiter" und "Intellektuelle", "Basis" und "Führung" innerhalb der Organisation. Der Austritt einer gewissen Anzahl von Genossen beweist, daß der Immediatismus eine Krankheit ist, die tiefe Wunden hinter­läßt, und daß sie unvermeidbar zur Verneinung der politi­schen Funktion der Organisation als theoretischer und programmatischer Körper führt.  24) All diese typisch linken Abweichungen sind nicht auf die theoretischen Unzulänglichkeiten der Plattform der Organisation zurückzuführen. Im Gegenteil, sie spiegeln eine mangelnde Anwendung des theoretischen Rahmens und insbesondere der Dekadenz des Kapitalismus wider.

 

 

25) Deshalb muß die IKS jede Aufgabe des programmatischen Rahmens energisch bekämpfen, weil diese Aufgabe unvermeidbar zum Immediatismus in den politischen Analysen führt. Sie muß entschlossen gegen folgende Gefahren kämpfen: - den Empirismus, wo die Fixierung auf die Ereignisse, die vorübergehenden Phänomene unausweichlich zur alten Auffassung der "besonderen Fälle" führt, die die Grundlage jeden Opportunismus ist.  

 

- jede Tendenz zur Oberflächlichkeit, die sich in die­ser Haltung der Routine und einer intellektuellen Faul­heit ausdrückt.  

 

- gegen ein bestimmtes Mißtrauen oder Zögerungen gegen­über der theoretischen Arbeit. Den lebendigen "Farben" der Intervention darf nicht die "graue Theorie" gegenübergestelllt werden. Die Theorie ist kein den "Spezia­listen des Marxismus" vorbehaltener Bereich. Sie ist das Ergebnis kollektiver  Vertiefung und der Teilnahme aller an diesen Diskussionen. 

 26) Um die theoretischen und organisatorischen Errun­genschaften zu bewahren, ist es erforderlich, die Reste des Dilettantismus, diese infantile Form des Individua­lismus, aus der Welt zu schaffen. Dieser zeichnet sich aus durch:

- individuelle Arbeit als Ausdruck des "handwerklichen Di­lettantismus",

- politische Verantwortungslosigkeit bei der Gründung von verfrühten oder künstlichen Tendenzen,  

 

- Aufgabe oder Flucht vor seiner Verantwortung.  

 

Die Organisation steht nicht im Dienst der Militanten in deren Alltagsleben, im Gegenteil, die Militanten be­mühen sich jeden Tag, zu der umfassenden Arbeit der Organisation beizutragen. 

 27) Das klare Verständnis der Funktion der Organisation in der Epoche der Dekadenz ist die notwendige Vorbedin­gung für unsere eigene Verstärkung in der entscheidenden Phase der 80er Jahre. Obgleich die Revolution keine Fra­ge der Organisation ist, muß sie Organisationsfragen lö­sen, mangelnde Verständnisse ausräumen, damit die Minderheit der Revolutionäre als Organismus der Klasse funktio­nieren kann. 

28) Die Existenz der IKS fußt auf einer Wiederaneignung der marxistischen Methode, die ihren sichersten Kompaß für das Verständnis der Ereignisse und ihrer Interven­tion darstellt. Die gesamte Arbeit der Organisation kann nur auf langfristiger Basis gesehen und entwickelt werden.  

 

Ohne Methode, ohne kollektiven Geist, ohne die ständigen Bemühungen aller Militanten, ohne Ausdauer, die jegliche immediatistische Ungeduld ausschließt, kann es keine wirkliche revolutionäre Organisation geben. Das Welt­proletariat hat der IKS ein Organ übertragen, dessen Existenz für die zukünftigen Kämpfe ein notwendiger Faktor ist. 

 29) Im Vergleich zum vorigen Jahrhundert gestalten sich heute die Aufgaben der revolutionären Organisationen als viel schwieriger. Sie erfordern mehr von jedem, sie lei­den noch unter den letzten Auswirkungen der Konterrevo­lution und den Nachwirkungen eines Klassenkampfes, der noch von Höhen und Tiefen, Vorwärtsstürmen und Rückflüs­sen gekennzeichnet ist.

Obgleich sie nicht mehr unter der erdrückenden und zer­störerischen Atmosphäre der langen und tiefen Konterrevolution leidet, obgleich sie heute ihre Aktivitäten in einer Periode durchführt, die für die Entfaltung des Klassenkampfes und die Eröffnung eines Kurses hin zu Klassenzusammenstößen auf Weltebene günstiger ist, muß die Organisation dann, wenn der Kampf sich abschwächt, wissen, wie man sich entsprechend zurückzieht, wenn die Klasse vorübergehend zurückweicht.  Deshalb muß die revolutionäre Organisation bis zur Revolution entschlossen gegen die unsicheren Tendenzen und eine Demoralisierung in der Klasse kämpfen. Die Verteidigung der Integrität der Organisation und ihrer Disziplin sowie ihrer Funktion ist absolut lebensnotwendig. Dem Druck widerstehen zu können, ohne sich aus Schwäche auf sich selbst zurückzuziehen, bedeutet für Revolutionäre die Bedingungen der zukünftigen Revolution vorzubereiten. Deshalb muß der entschlossene Kampf gegen die immediatistischen Abweichungen geführt werden, damit die revolutionäre Theorie die Massen ergreift.

 

Indem die Reste des Dilettantismus über Bord geworfen und die lebendige Tradition des Marxismus, die durch die Kommunistische Linke aufrechterhalten und bereichert wurde, wiederangeeignet wird, kann die Organisation in der Praxis zeigen, daß sie wohl das unersetzbare Instrument für das Proletariat ist, damit dieses seine geschichtlichen Aufgaben erfüllen kann. 

 

AN H A N G In den Zeiträumen generalisierter Kämpfe und revolutionärer Bewegungen wird die Aktivität der Revolutionäre indirekt, gar entscheidenden Einfluß haben, 

 

- denn die Arbeiterklasse wird dann in eine entscheidende Konfrontation mit ihrem Todesfeind eingetreten sein; 

 

Es wird darum gehen, die proletarische Alternative durchzusetzen oder den Mystifikationen und Provokationen der Bourgeoisie nachzugeben und von ihr niedergeschlagen zu werden.

- Bis in ihre Reihen hinein (Versammlungen und Räte) wird die Sabotage und Bremserrolle der Agenten der Bourgeoisie zu spüren sein, weil sie alle Mittel bes­itzen, um den Kampf zu verlangsamen und in Sackgassen führen.  Um klare politische Orientierungen in der Bewegung zu vertreten und um den Prozeß der Homogenisierung des Klassenbewußtseins voranzutreiben, wird - wie die Erfahrung der Revolution in Rußland und Deutschland zeigt - die Existenz der Revolutionäre ein entscheidender Faktor sein, um die Wage hin zur einen oder anderen Seite ausschlagen kann. Insbesondere muß man die Hauptrolle in Erinnerung rufen, die von den Revolutionären gespielt wurde, wie Lenin es in seinen Aprilthesen definierte.“Anerkennung der Tatsache, daß unsere Partei in den meisten Sowjets der Arbeiterdeputierten in der Minderheit, vorläufig sogar in einer schwachen Minderheit ist gegenüber dem Block aller kleinbürgerlichen opportunistischen Elemente, die dem Einfluß der Bourgeoisie erlegen sind und diesen Einfluß in das Proletariat hineintragen... Aufklärung der Massen über, daß die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzig mögliche Form der revolutionären Regierung sind und daß daher unsere Aufgabe, solange sich diese Regierung von der Bourgeoisie beeinflussen lässt, nur in geduldiger, systematischer, Beharrlichkeit, besonders den praktischen Bedürfnissen der Massen angepaßter Aufklärung übe