Eine Karikatur der Partei : die bordigistische Partei -Antwort an ”Kommunistisches Programm”
(erschienen in Internationale Revue Nr. 3 – 1979)
Die für die Befreiung der Arbeiterklasse unabdingbare Entwicklung des Klassenbewußtseins ist ein fortdauernder und unaufhörlicher Prozeß. Er wird bestimmt durch das soziale Wesen des Proletariats als eine historische Klasse, die als einzige Klasse die Lösung der unüberwindbaren Gegensätze des Kapitalismus in sich birgt, wobei der Kapitalismus selbst die letzte der in Klassen geteilten Gesellschaften ist. Sowie die historische Aufgabe, die die menschliche Gesellschaft zerreißenden Klassengegensätze aufzulösen, nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann, kann das Bewußtsein über diese Aufgabe dem Proletariat keineswegs von außen 'importiert' oder eingetrichtert werden, sondern es ist das Produkt seines wahren Seins, seiner eigenen Existenz. Es ist die wirtschaftliche, soziale und politische Stellung in der Gesellschaft, die die praktischenHandlungen und den historischen Kampf des Proletariats bestimmen.
Diese unaufhörliche Bewegung hin zu einem Bewußtwerdungsprozeß drückt sich in den Versuchen des Proletariats, sich selber zu organisieren und in der Bildung politischer Gruppen innerhalb der Arbeiterklasse, die in der Bildung der Partei gipfelt, aus.
Gerade dieser Frage, der Bildung der Partei, wird in der Nr. 76 von "Programme Communiste" (März '78), dem theoretischen Organ der IKP (Internationale Kommununistische Partei), ein sehr langer Artikel gewidmet: "Auf dem Wege zur 'kompakten und starken' Partei von Morgen"(1). Es muß erst festgestellt werden, daß man mit dem üblichen Schwulst der bordigistischen Sprache, den auf vielen Seiten zu findenden Drehungen und Wendungen- nach denen man sich schließlich auf dem Ausgangspunkt wiederfindet -, dem Einrennen offener Türe und den sich wiederholenden Bestätigungen, die eine Argumentation ersetzen sollen, die wirklich zur Diskussion stehenden Probleme viel schwerer und umständlicher begreifen kann. Die darin bestehende Vorgehensweise, ein Bestätigung dadurch zu beweisen, indem man die früheren Bestätigungen zitiert, welche selbst wieder auf vorherigen Bestätigungen aufgebaut - sodaß es einem fast schwindelig wird - kann nötigenfalls eine Kontinuität der Bestätigungen beweisen, sie kann aber nie eine schlüssige Beweisführung sein. Unter diesen Umständen und trotz unserer festen Absicht, uns nur mit den Bestätigungen auseinanderzusetzen, die die bordigistischen Positionen hinsichtlich der Partei ausdrücken, welche wir für falsch und als zu bekämpfen betrachten, können wir es nicht vollständig vermeiden, auf eine Anzahl anderer Punkte, welche mit diesen Bestätigungen zusammenhängen, zu sprechen zu kommen.
Über die Italienische Fraktion der Kommunistischen Linke
Es wäre sicherlich keine kleine Überraschung für die Mehrzahl der Leser des "Kommunistischen Programms" und wahrscheinlich auch für die Mehrzahl der Mitglieder der IKP plötzlich zu erfahren, daß "trotz ihrer objektiven (7) Grenzen, die 'Linke Fraktion im Ausland' ein Teil der Geschichte"(2) der Italienischen Linke ist und als solche selbst "unsere Fraktion im Ausland zwischen 1928 und 1940" wurde. In diesem Punkt hatte uns "Kommunistisches Programm" eher an eine große Zurückhaltung, ein lastendes Schweigen, wenn nicht gar einfach an ein Mißbilligung der Fraktion gewöhnt. Wie sollte man sonst verstehen, daß innerhalb 30 Jahre Bestehens der IKP sie keine Mühe gescheut hat, in ihren Zeitungen, theoretischen Zeitschriften, Broschüren und Büchern die Texte der Linke von 1920-1926 wiederaufzulegen und erneut zu veröffentlichen, aber gleichzeitig nie weder die Zeit, noch die Mittel, noch den Platz gefunden hat, auch nur einen einzigen Text der Fraktion zu veröffentlichen, die das "Bulletin d'Information", die Zeitschrift "Bilan", die Zeitung "Prometeo", die Bulletins "Il Seme" und soviel andere Texte veröffentlichte ? Es ist dennoch kein reiner Zufall, wenn man in "Kommunistisches Programm" nie weder irgendeine Bezugnahme, noch eine Erwähnung der politischen Positionen, die "unsere" Fraktion verteidigt hat, und auch nie ein Zitat von "Bilan" vorfindet. Einige Genossen der IKP, die einmal davon etwas vage gehört hatten, behaupteten, daß die Partei sich weder auf die politische Aktivität noch auf die Schriften "Bilans" berufe, und andere Genossen der gleichen Partei wußten noch nicht einmal etwas von der Existenz und von dem Namen.
Heute entdeckt man das "Verdienst unserer Fraktion", ein Verdienst, welches - das stimmt - ziemlich begrenzt ist, aber immer noch groß genug, um davor den Hut abzunehmen. Warum heute ? Ist es deshalb, weil die Lücke in der organischen Kontinuität (ein von der IKP so geschätztes Wort), die von 1926 bis...1952 dauert, etwas störend geworden ist und weil man diese Lücke so recht und schlecht stopfen mußte, oder ist es deshalb, weil die IKS so lange schon davon gesprochen hat, so daß man jetzt nicht mehr länger das Schweigen aufrechterhalten kann ? Und warum die Fraktion zwischen 1928 und 1940 einordnen, zumal sie sich - zu Unrecht -erst im Juli 1945 aufgelöst hat, um sich dann in die "Partei" zu integrieren, die endlich in Italien rekonstituiert worden war, nachdem sie in der Zwischenzeit das italienische antifaschistische Komitee in Brüssel verurteilt hatte und seinen Vorkämpfer Vercesi ausgeschlossen hatte.
Es war der gleiche Vercesi, der später ohne Diskussion wieder in die IKP und sogar noch in die Führung aufgenommen wurde. Geschieht all dies aus Unwissenheit, oder weil während des Krieges die Fraktion noch viel weiter in der Richtung gegangen war, die"Bilan" schon vor dem Kriege eingeschlagen hatte, insbesondere in der Frage Rußlands, in der Frage des Staates und der Partei -was die Differenzen zwischen den von "Kommunistisches Programm" verteidigten Positionen und denen "Bilans" noch verstärken sollte. Jedenfalls werden die "Bilan" zugestandenen"Verdienste" schnell durch umso schärfere Kritik zurückgenommen.
"Die Unmöglichkeit - schreibt 'Kommunistisches Programm' - den sozusagen subjektiven (?!) Kreis der Konterrevolution zu zerschlagen, führte bei der Fraktion zu bestimmten Abweichungen, wie z.B. in der nationalen und kolonialen Frage oder in Bezug auf Rußland, nicht so sehr in der Einschätzung, was aus Rußland geworden war, als vielmehr in der Suche nach einem unterschiedlichen Weg gegenüber dem der Bolschewisten in der Ausübung ihrer Diktatur..., ein Weg der in der Zukunft eine Wiederholung der Katastrophe der Jahre 1926-27 verhindern sollte; und auch in einem gewissen Sinne in Bezug auf die Partei oder die Internationala—erwartete die Fraktion auch den Wiederaufbau (der Partei) von der Rückkehr der großen Massen auf den Boden der direkten Auseinandersetzung mit dem Feind."(Programme Communiste, Nr.76, 8.8) (1).
Wenn es stimmt, daß die Treue zu den revolutionären Grundlagen des Marxismus in Zeiten der Niederlagen zweifelsohne ein großes Verdienst ist, so liegt das große Verdienst der Fraktion, wodurch sie sich besonders von den damaligen Gruppen unterscheidet, gerade in dem, was der Artikel des "Kommunistischen Programms" "Abweichungen" nennt. Die Fraktion meinte: "Der Rahmen für die zukünftigen Parteien des Proletariats kann nur aus dem tiefgreifenden Verständnis der Ursachen der Niederlagen hervorgehen. Und dieses Verständnis darf weder durch Verbote noch durch Verfemung beeinträchtigt werden.”(3)
Leute, für welche das Programm etwas "Vollendetes und Unveränderbares" ist, die den Marxismus in ein Dogma verwandelt und Lenin zu einem unantastbaren Propheten gemacht haben, müssen es als unhaltbar annehmen, daß die Fraktion es gewagt hat, (da läuft es einem kalt den Rücken runter !) im Lichte der Realität nicht die Grundlagen des Marxismus, sondern die politischen und programmatischen Positionen der bolschewistischen Partei und der Komintern zu überprüfen. Wenn man innerhalb des theoretischen Rahmens und der kommunistischen Bewegung eine Überprüfung der politischen Positionen, die eine Rolle in Niederlagen gespielt haben, verlangt, die "weder durch Verbote noch durch Verfemung beeinträchtigt werden darf", dann ist das die wildeste Ketzerei; eine "Abschweifung" würde "Kommunistisches' Programm" dazu sagen.
Das große Verdienst der Fraktion -neben ihrem Festhalten am Marxismus und ihren Stellungnahmen zu den großen, wichtigen Fragen, gegen die von Trotzki verlangte Einheitsfront, gegen die Volksfront, gegen die Kollaboration und die Unterstützung des Spanienkrieges, gegen die niederträchtigen Verschleierungsmethoden des Antifaschismus - lag darin, es gewagt zu haben, mit der Methode zu brechen, die damals in der revolutionären Bewegung überhand genommen hatte. Durch diese Methode war nämlich die Theorie zu einem Dogma, die Prinzipien in Tabus verwandelt worden und jedes politische Leben erstickt worden. Ihr Verdienst war es, die Revolutionäre zu Debatten aufgerufen zu haben, was sie nicht zu "Abschweifungen" geführt hat, sondern in die Lage versetzt hat, reiche und wertvolle Beiträge zu dem revolutionären Werk zu leisten.
Bei all ihrer Standhaftigkeit zu ihren Überzeugungen hatte die Fraktion die Bescheidenheit, nicht vorzutäuschen, alle Probleme gelöst zu haben und auf alle Fragen Antworten zu haben: "Wenn wir jetzt mit der Veröffentlichung dieses Bulletins anfangen, glaubt unsere Fraktion nicht, endgültige Lösungen für die schrecklichen Probleme gefunden zu haben, vor denen die Proletarier aller Länder stehen."(4) Und selbst dann, wenn sie überzeugt war, Antworten geliefert
zu haben, verlangte sie nicht von anderen die einfache Anerkennung, die Übernahme dieser Antworten, sondern die kritische Überprüfung, die Konfrontation in den Diskussionen: "Sie (die Fraktion) beabsichtigt nicht, die politisch 'Nahestehenden' dazu zu drängen, mit den von ihnen vorgeschlagenen Lösungen für die augenblickliche Lage einverstanden zu sein. Im Gegenteil, sie ruft alle Revolutionäre dazu auf, die von ihr verteidigten Positionen und grundlegenden politischen Dokumente im Lichte der Ereignisse zu überprüfen." Und im gleichen Sinne schrieb sie: "Unsere Fraktion hätte es vorgezogen, daß solch eine Arbeit (die Veröffentlichung von "Bilan") von einem internationalen Organismus getragen würde, weil wir von der Notwendigkeit der politischen Konfrontation zwischen den Gruppen, die die Arbeiterklasse in den verschiedenen Ländern repräsentieren, überzeugt sind," (Bilan, Nr.1)
Um die bestehenden Unterschiede zwischen den Vorstellungen der Fraktion und den der bordigistischen Partei hinsichtlich der Art und Weise, wie die Beziehungen zwischen den kommunistischen Gruppen aussehen sollen, voll zum Vorschein treten zu lassen, genügt es, das oben aufgeführte Zitat von "Bilan" mit dem nachfolgenden Zitat aus "Kommunistisches Programm" zu vergleichen. So schreibt "Kommunistiches Programm" in Bezug auf ihre eigene sich"Partei" nennende Gruppe "'Parteikern' ? Im Vergleich zur 'kompakten und starken Partei von morgen', ganz gewiß. Aber Partei; eine Partei, die nur auf ihren eigenen Grundlagen wachsen kann, nicht durch die 'Konfrontation' verschiedener Standpunkte, sondern durch den Kampf selbst gegen diejenigen, die ihr'nahezustehen' scheinen." (Kommunistisches Programm, Nr.18, S. 20). Wie kürzlich ein Sprecher der IKP in einer öffentlichen Veranstaltung von "Révolution Internationale" (Sektion der IKS in Frankreich) in Paris sagte: "Wir kommen nicht, um zu diskutieren, auch nicht um unsere Standpunkte mit Euren zu konfrontieren, sondern nur um hier unseren Standpunkt kundzutun. Wir kommen zu eurer Veranstaltung, so wie wir zu den Veranstaltungen der stalinistischen Partei hingehen." Solch eine Einstellung beruht nicht auf der Standhaftigkeit von Überzeugungen, sondern sie beruht auf Selbstgefälligkeit und Arroganz. Das vorgetäuschte "vollendete und unveränderliche" Programm - als dessen Erben und Beschützer die Bordigisten sich ausgeben - verdeckt nichts anderes als einen enormen Größenwahn.
Je mehr ein Bordigist von Zweifeln und Unverständnis erschüttert wird, desto mehr schwanken seine Überzeugungen; und so fühlt er immer stärker das Bedürfnis, morgens nach dem Aufstehen sich auf die Erde zu knien, den Kopf auf die Erde zu beugen, sich auf die Brust zu schlagen und die Litanei der Mohammedaner aufzusagen: "Gott, mein Gott ist der einzige Gott und Mohammed ist sein Prophet". Oder wie doch irgendwo Bordiga sagte: "Um Mitglied der Partei zu sein, braucht man nicht alles zu verstehen und von allem überzeugt zu sein; es genügt, laß man glaubt und der Partei gehorcht."
Es handelt sich hier nicht darum, ausführlich auf die Geschichte der Fraktion einzugehen, ihre Verdienste und Fehler, die Gültigkeit ihrer Positionen darzustellen. Wie sie selbst sagte, oft habe sie nur herumtasten können, aber ihr Beitrag war umso größer, da sie ein politisch lebendiger Körper war, der es wagte, die Debatte zu eröffnen, ihre Positionen mit anderen zu konfrontieren, sie anderen gegenüberzustellen, denn sie war nicht so verkalkt und größenwahnsinnig wie die bordigistische "Partei". Daher kann man verstehen, daß die Fraktion sich auf die Italienische Linke berufen konnte, wohingegen dies ein großer Mißbrauch ist, wenn die bordigistische Partei von "unserer Fraktion im Ausland" spricht.
Die Konstituierung der Partei
Die für das Proletariat unabdingbare Partei wird auf den soliden Fundamenten eines kohärenten Programms, auf klaren Prinzipien aufgebaut. Diese geben ihr eine allgemeine Orientierung, die möglichst klare Antworten auf die im Klassenkampf entstehenden politischen Probleme beinhalten. Dies hat überhaupt nichts gemein mit dem mythischen "vollendeten und unveränderbaren" Programm der Bordigisten.
"In jeder Periode sehen wir, daß die Möglichkeit der Bildung der Partei bestimmt wird durch die Grundlage der vorherigen Erfahrung und der neuen Probleme, vor denen das Proletariat steht."(Bilan, Nr.1, S.15)
Was für das Programm zutrifft, trifft ebenfalls für die lebendigen politischen Kräfte, die die Partei physisch darstellen, zu. Die Partei ist sicher keine Ansammlung aller möglichen Gruppen und heterogenen politischen Tendenzen. Aber sie ist auch nicht der "monolithische Block", von dem die Bordigisten sprechen, und der übrigens nie außer in ihrer Einbildung bestanden hat. "In jeder Periode, in der die Bedingungen vorhanden sind für die Bildung der Partei, in der sich die Arbeiterklasse als Klasse organisieren kann, wird die Partei auf folgende Punkte gegründet:
auf ein Bewußtsein der am meisten fortgeschrittenen Positionen, welche das Proletariat vertreten muß;
auf die wachsende Kristallisierung der Kräfte, die für die proletarische Revolution handeln können."(Bilan,Nr.1).
Nur sich selbst und niemand anderen aus Prinzip und a priori als einzige für die Revolution handelnde Kraft anzuerkennen, zeugt nicht von revolutionärer Standhaftigkeit, sondern von Sektierergeist.
Als Engels die Bedingungen, unter denen die Erste Internationale gegründet wurde, ausführlich beschrieb, schrieb er: "Die Ereignisse und Wechselfälle im Kampf gegen das Kapital, die Niederlagen noch mehr als die Siege, konnten nicht verfehlen, den Menschen die Unzulänglichkeit ihrer diversen Lieblingsquacksalbereien zum Bewußtsein zu bringen und den Weg zu vollkommener Einsicht in die wirklichen Voraussetzungen der Emanzipation der Arbeiterklasse zu bahnen." (MEW,Bd. 21, "Vorrede zum 'Manifest der Kommunistischen Partei'", englische Ausgabe von 1888, S. 353).
Die Wirklichkeit hat überhaupt nichts zu tun mit diesem Spiegel, vor dem die bordigistische "Partei" die meiste Zeit verbringt, und der ihr nichts anderes zeigt als ihr eigenes Bild. In der ganzen Geschichte der Arbeiterbewegung, d.h. in der Wirklichkeit, zeichnete sich die Bildung der Parteien durch einen Zusammenschluß mit gleichzeitigem Herausschälen der Kräfte, die für die Revolution handeln können, aus. Andernfalls müßte man schlußfolgern, daß niemals eine andere Partei als die bordigistische existiert hat. Einige Beispiele: Der Bund der Kommunisten, dem sich Marx und Engels sowie ihre Freunde anschlossen, war der ehemalige Bund der Gerechten, der aus mehreren Gruppen in Deutschland, der Schweiz und Frankreich, Belgien und England entstand, wobei sich die Strömung Weitlings aufgelöst hatte. Die Erste Internationale beinhaltete gleichzeitig die Auflösung der Sozialisten ä la Louis Blanc und Mazzini und den Zusammenschluß anderer Strömungen. Die Zweite Internationale bedeutete die Auflösung der Anarchisten und den Zusammenschluß der marxistischen sozialdemokratischen Parteien. Die Dritte Internationale kam nach der Auflösung der Sozialdemokraten und faßte die revolutionären kommunistischen Strömungen zusammen. Das Gleiche finden wir wieder mit der Bildung der sozialdemokratischen Partei in Deutschland, die aus der Eisenacher und der Lassaller Partei hervorgegangen ist. Das Gleiche trifft für die sozialistische Partei Frankreichs zu, die ihren Ursprung in der Partei Guesdes und Lafargue und in der Jaures hat. Wiederum das Gleiche mit der Bildung der sozialdemokratischen Partei in Rußland, die aus isolierten über alle Städte und Gebiete Rußlands zerstreuten Gruppen hervorgegangen war, wobei die Tendenz Struves eliminiert wurde.
Man könnte hier weitere Beispiele aus der Geschichte der Parteigründungen aufführen; man findet immer diese gleiche Bewegung, die sich gleichzeitig durch Auflösung und Zusammenschluß vollzieht. Die kommunistische Partei Italiens selbst konstituierte sich auf der Grundlage der abstentionistischen Fraktion Bordigas und der Gruppe Gramscis nach der Auflösung der Maximalisten Seratis.
Es gibt keine gültigen Kriterien, die absolut und gleich für alle Zeiten währen. Es kommt darauf an, in jeder Epoche klar zu definieren, welche die Kriterien des Zusammenschlusses der Kräfte, und welche die Kriterien der Abgrenzung sind. Und genau das weiß die bordigistische "Partei"nicht, die sich ohne Kriterien mittels einer Zusammenwürfelung von Kräften konstituiert hat: der im Norden gegründeten Partei, Gruppen aus dem Süden mit einem Beigeschmack von Partisanen, der Tendenz Vercesis im antifaschistischen Komitee Brüssels, der aus der Fraktion ausgeschlossenen Minderheit, die 1936 an den republikanischen Milizen im Spanienkrieg teilnahm, und schließlich der 1945 vorzeitig aufgelösten Fraktion. Wie man sehen kann, hat das "Kommunistische Programm" allen Grund dazu, von Unnachgiebigkeit, organischer Kontinuität zu sprechen und Lehren über Standhaftigkeit und revolutionärer Reinheit zu erteilen. In der Verleumdung eines jeden Versuchs der Konfrontation und der Debatten zwischen revolutionären Gruppen handelt es sich hier keineswegs um Prinzipienfestigkeit, auch nicht um politische Kurzsichtigkeit, sondern ganz einfach um die Sorge für den Schutz und den Wohlerhalt der eigenen, kleinen Kapelle.
Im Übrigen variiert (entschuldigt die Invarianz) diese unheimliche - nur verbale - Unnachgiebigkeit der Bordigisten gegen jede "Konfrontation" und um so mehr noch gegen jede Umgruppierung, die von vornherein und ohne jedes Kriterium als ein konfuses Unterfangen abgestempelt wird je nach dem Augenblick und nach dem Geschmack. So haben sie 1949 einen "Aufruf zur internationalen Reorganisierung der revolutionären marxistischen Bewegung" veröffentlicht, den sie 1952 und 1957 wiederholten, in dem man lesen kann: "In Übereinstimmung mit der marxistischen Position...richten heute die Kommunisten der Italienischen Linke einen Aufruf an die revolutionären Arbeitergruppen aller Länder. Sie fordern sie dazu auf, einen langen und schwierigen Weg zu begehen, einen gewaltigen Versuch zu unternehmen, um sich auf internationaler Ebene auf einer strengen Klassenbasis zu sammeln."(Programme Communiste, Nr.18/19 der franz. Ausgabe).
Aber es ist unbedingt notwendig, zwischen der bordigistischen Partei und jeder anderen Organisation unterscheiden zu wissen; man würde den schwersten Fehler begehen, wenn man glaubte, daß das, was der Partei erlaubt ist,- welch als Einzige ein "vollendetes und unveränderbares" Programm besitzt - ebenfalls für eine einfache sterbliche Organisation der Revolutionäre zulässig sein dürfte. Die Partei hat Gründe, die die Vernunft nicht kennt und auch nicht kennen kann. Wenn die Bordigisten zu einer "internationalen Sammlung" aufrufen, dann ist das reines, pures Gold, aber wenn andere revolutionäre Organisationen zu einer einfachen Konferenz zur Kontaktaufnahme und Diskussion aufrufen, dann ist das selbstverständlich die größte Scheiße, "Prinzipienhandel" und ein konfuses Unterfangen...Aber kommt das nicht wirklich daher, daß die Bordigisten sich heute mehr denn je in ihrer Verkalkung verrannt haben und daß sie fürchten, ihre schwankenden Positionen mit den lebendigen, revolutionären Strömungen zu konfrontieren, welche existieren und sich entwickeln ? Oder ziehen sie nicht vielmehr vor, sich zu verschließen und zu isolieren ?
Es ist interessant, die in diesem Sammlungsaufruf vorgebrachten Kriterien in Erinnerung zu rufen, die ja auch in dem kürzlich erschienenen Artikel wiederholt wurden:
"Die Internationale Kommunistische Partei schlägt den Genossen aller Länder die folgenden Prinzipien und Richtlinien vor:
1) Bejahung der Waffen der proletarischen Revolution: Gewalt, Diktatur, Terror;
2) Vollständiger Bruch mit der Tradition der Kriegsbündnisse, den Partisanenfronten und den 'nationalen Befreiungen',...
3)Historische Negation des Pazifismus, des Föderalismus zwischen den Staaten und der 'nationalen Verteidigung';
Verurteilung der gemeinsamen Sozialprogramme und der politischen Bündnisse mit den nichtlohnabhängigen Klassen;
Ächtung des kapitalistischen Charakters der Sozialstruktur Rußlands;("Die Macht - der Staat in Rußland - wird von einer hybriden und komplexen Koalition ausgeübt, welche die internen Interessen der klein- und halbbürgerlichen Klassen, der versteckten Unternehmer und der internationalen Kapitalistenklasse vertritt': (Schlußfolgerung: Mißbilligung jeder Unterstützung des russischen Militär Imperialismus, kategorischen Defätismus gegen den Amerika)s."
Wir haben somit die sechs Überschriften der Kapitel genannt, die alle durch Kommentare näher erläutert werden; sie hier wiederzugeben wäre allerdings zu lang. Es handelt sich auch nicht darum, im einzelnen diese Punkte hier zu behandeln, obgleich ihre Formulierung zu wünschen übrig lassen, insbesondere was die Frage des Terrors angeht, der als Prinzip und grundsätzliche Waffe der Revolution ausgegeben wird (5) oder weiterhin der subtile Unterschied in der Schlußfolgerung zwischen der einzunehmenden Haltung gegenüber den USA Defätismus) und gegenüber Rußland (Mißbilligung). Oder noch ein anderer Punkt, nämlich diese seltsame (es ist das mindeste, was man sagen kann) Definition der Macht in Rußland, die nicht ganz einfach Staatskapitalismus sei, sondern eine "hybride Koalition der kleinbürgerlichen Klassen... und der internationalen kapitalistischen Interessen". Man könnte ebenso auf die ausdrückliche Abwesenheit anderer Kriterien hinweisen, insbesondere auf die Forderung nach der Anerkennung des proletarischen Charakters der Oktoberrevolution oder weiterhin die Notwendigkeit der Klassenpartei. Uns kommt es hier darauf an zu betonen, daß diese Kriterien in der Tat eine ernsthafte Grundlage darstellen, wenn auch nicht für eine unmittelbare Sammlung, so doch mindestens für eine Kontaktaufnahme und Diskussion zwischen den bestehenden revolutionären Gruppen. Es ist die damals von der Fraktion benutzte Vorgehensweise, die wir auch heute fortsetzen: sie war die Grundlage des internationalen Treffens in Mailand im letzten Jahr. In der Dunkelkammer ihrer Invarianz aber bräuchen die Bordigisten sowas heute nicht mehr..., weil sie ja schon die Partei konstituiert haben (mikroskopisch, aber immerhin eine Partei).
Doch ist dieser Aufruf damals schon von der IKP unterzeichnet worden, werden sich naive Leser fragen ? Ja,... aber es war damals nur die Internationalistische Kommunistische Partei und noch nicht die Internationale Kommunistische Partei, - eine Nuance. Aber diese Internationale Kommunistische Partei war Bestandteil der damaligen Internationalistischen Kommunistischen Partei, und sie gibt sogar vor, in der Mehrheit gewesen zu sein 1 "Ja aber", wird uns geantwortet, damals war sie dabei, ihre Konstitution zu vollenden, -eine Nuance 1 Aber heute beruft sie sich auf den Aufruf als ein Text der heutigen Partei 7
"Ja aber, aber aber....".
Da wir gerade bei diesem Punkt sind: kann man ein für allemal erfahren, seit wann diese "tapfere, mikroskopische Partei" besteht ? Es ist heute Mode - warum eigentlich? - zu bestätigen, daß die Partei erst im Jahre 1952 konstituiert wurde, und der oben zitierte Artikel besteht auf diesem Datum.(6) Jedoch zitiert man in dem oben erwähnten Artikel grundlegende Texte aus dem Jahre 1946, eine Plattform stammt aus dem Jahre 1945, andere ebenso grundlegende Texte aus den Jahren 1948-49-51. Diese erwähnten Texte, der eine so grundlegend wie der andere, von wem stammen sie genau ? Von einer Partei, von einer Gruppe, von einer Fraktion, von einem Kern, von einem Embryo ?
In Wirklichkeit konstituierte sich die IKP im Jahre 1943 im Norden Italiens nach dem Sturz Mussolinis. Dann rekonstituierte sie sich ein zweites Mal nach der "Befreiung" des Nordens von der deutschen Besatzung; dies erlaubte den Gruppen, die sich in der Zwischenzeit im Süden gebildet hatten, sich in die im Norden bestehende Organisation zu integrieren und zu vereinigen. Um sich in diese Partei zu integrieren, spricht sich die Italienische Fraktion der Linken Kommunisten fast einstimmig für die eigene Auflösung aus. Diese Selbstauflösung und die Konstituierungserklärung der Partei rufen in der GCI (Internationalen Kommunistischen Linken) Diskussionen und erbitterte Polemiken hervor, was in Frankreich zu einer Spaltung in der Französischen Fraktion der Linken Kommunisten führt, von der nur die Minderheit dieser Politik zustimmt und sich von der Mehrheit trennt. Diese spricht sich gegen die vorschnelle Auflösung der Italienischen Fraktion aus, verurteilt die Proklamation in Italien kategorisch und öffentlich als künstlich und voluntaristisch; Sie stellt klar den Opportunismus heraus, der als politische Basis dieser neuen Partei gedient hat.(7) Ende 1945 wird der erste Kongreß dieser Partei (IKP) abgehalten, der eine politische Plattform veröffentlicht und eine Zentraldirektion der Partei sowie ein internationales Büro ernennt, das aus Vertretern der IKP, der französischen und belgischen Sektion zusammengesetzt ist. Der Artikel des "Kommunistischen Programms" bezieht sich auf "Elemente einer marxistischen Orientierung, unser Text aus dem Jahr 1946". 1948 gibt es von neuem programmatische Texte der Partei usw. 1951 bricht die erste Krise innerhalb dieser Partei aus, die mit einer Spaltung zwischen 2 IKPs endet, von denen jede beansprucht, die Kontinuität der alten Partei zu sein, worauf "Kommunistisches Programm" nie verzichtet hat.
Heute erfindet man ein neues Datum der Bildung der Bordigistischen Partei. Warum ? Kommt es daher, daß erst im Jahre 1951 "unsere Strömung dieses kritische Bewußtsein hat erreichen können, dank der Kontinuität ihres Kampfes zur Verteidigung einer wirklich allgemeinen und nicht zufällig linken Linie", so daß sie sich "zum organisierten kritischen Bewußtsein, zum handelnden militanten Organismus, zur Partei konstituieren konnte."(Kommunistisches Programm, Nr.18, S. 15) Aber wo waren doch die Bordigisten mit Bordiga zwischen 1943/45 und 1951 ? Was wird bei alle dem aus dem Programm, das seit 1848 immer unverändert geblieben ist: war es während dieser Jahre abhanden gekommen und konnten sie damals "dieses kritische Bewußtsein (noch nicht) erreichen", welches ihnen ermöglichte, 1951 die Partei zu gründen ? Aber waren sie nicht seit 1943/45 als Mitglieder und führende Mitglieder organisiert ? Es ist schwierig, sehr schwierig über solch eine schwerwiegende Frage mit Leuten zu diskutieren, die alle Begriffe verwechseln, die keine Unterscheidungen treffen können und nicht zwischen dem Augenblick der Schwangerschaft und dem der Geburt unterscheiden können. Das sind Leute, die nicht wissen, was sie selber sind, und in welchem Stadium sie sich befinden, die sich "Partei" nennen und gleichzeitig die Notwendigkeit der Konstituierung der Partei herausschreien. Wie kann man Leute ernst nehmen, die nach der Angemessenheit des Tages den Zeitpunkt der Geburt 1943, 1945 oder gar 1952 festlegen, oder gar noch an einem weniger bestimmten Datum, in der Zukunft.
Mit dem Datum der Gründung der IKP verhält es sich genauso wie mit der Links-"Fraktion" im Ausland. Entweder beruft man sich darauf oder man verwirft sie, je nachdem, ob es ihnen paßt. Wie immer das auch mit dem Datum sein mag, was die Bildung der Partei angeht, "können (wir) aber auf Anhieb sagen, daß die Erlangung dieses kritischen Bewußtseins nicht von einer aufsteigenden Bewegung getragen wurde, sondern ganz im Gegenteil ihr weit vorausging."(Kommunistisches Programm, Nr.18, 5.15). Hier haben wir also wieder etwas Eindeutiges. Die Konstituierung der Partei wird keineswegs durch eine aufsteigende, wachsende Bewegung im Klassenkampf bestimmt, "sondern sie geht ihr im Gegenteil weit voraus." Aber warum dann diesen Eifer, gleich hinzufügen, daß es darauf ankomme, "die wahre Partei,...die kompakte und starke Partei aufzubauen, die wir noch nicht sind" ? Im Grunde eine Partei,...die die Partei aufbaut. Mit anderen Worten, eine Partei, die keine ist. Aber warum ist diese Partei, die ein "vollendetes und unveränderbares" Programm besitzt, die ebenso das notwendige kritische und organisatorische Bewußtsein erreicht hat, warum ist sie nicht die "wahre Partei" ? Was fehlt ihr also, um es zu sein ? Sicher ist es keine Frage der Anzahl der Militanten, aber indem sie schreibt:"...die Partei (befand sich)'im Aufbau', und sie wußte, daß sie 'in ihrem Entstehungsprozeß begriffen' und nicht etwa ‚vollendet' war, ... Die Klassenpartei befindet sich immer im ‚Aufbau‘ von ihrer Entstehung bis zu ihrem Verschwinden..."(Kommunistisches Programm, S. 20, Nr.18), betreibt sie nur ein Wortspiel, um besser der erfragten Antwort auszuweichen und gleichzeitig geht sie über die Frage selbst hinweg. Es ist eine Sache zu sagen, daß der Eisprung eine Bedingung einer späteren Geburt ist, es ist allerdings eine andere Sache vorzutäuschen, daß der Eisprung die eigentliche Geburt darstellt, das eigentliche Entstehen eines Lebewesens. Die geniale Originalität des "Kommunistisches Programms" besteht darin zu behaupten, daß beide ein und dasselbe sind. Mit solch einer Scheinargumentation kann man alles Mögliche beweisen. Die Notwendigkeit der Entwicklung und der andauernden Verstärkung einer wirklich existierenden Partei beweist nicht, daß sie schon existiert, genauso wenig wie die Notwendigkeit der Entwicklung und des Wachstums des Kindes nicht beweist, daß das Ei schon ein Kind ist, sondern nur zeigt, daß unter bestimmten Umständen das Ei ein Kind werden kann. Die dem einen gestellten Probleme unterscheiden sich stark von jenen, die dem anderen gestellt werden.
Diese ganze Spitzfindigkeit der durch den dauernden Aufbau existierenden Partei und des durch die schon existierende Partei dauernden Aufbaus dient dazu, auf Schleichwegen die andere bordigistische Theorie der wirklichen Partei und der formalen Partei einzuführen. Eine weitere Spitzfindigkeit ist die, nach der die wirkliche Partei ein reines "historisches"
nicht notwendigerweise in der Realität existierendes Phantom ist, und schließlich die formale Partei, die tatsächlich in der Wirklichkeit existiert, dies aber nicht unbedingt ausdrückt. In der bordigistischen Dialektik ist die Bewegung kein Zustand der Materie und somit etwas Materielles, sondern eine metaphysische Kraft, welche die Materie schafft. So wird die Wendung aus dem Kommunistischen Manifest "diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei" in der bordigistischen Vorgehensweise zu "mittels der Konstituierung der Partei wird das Proletariat zu einer Klasse". Das führt zu widersprüchlichen Schlußfolgerungen, die gleichzeitig auf die Scholastik hinweisen: entweder bestätigt man entgegen jeder Gewißheit der Partei, daß sie seit ihrem Erscheinen nie zu existieren aufgehört hat (sagen wir seit Babeuf und seit den Chartisten) oder man geht von der offensichtlichen Tatsache aus, daß die Partei während längerer Zeiträume in der Geschichte nicht existiert hat, und man gelangt zu der Schlußfolgerung, daß die Klasse dauernd oder nur zeitweilig verschwunden ist (Vercesi, Camatte). Die einzige Beständigkeit des Bordigismus liegt darin, sioh dauernd zwischen beiden Polen in dem Rahmen dieser scholastischen Vorgehensweise hin und herzubewegen.
Um mehr Klarheit zu erzielen, könnte man vielleicht die Frage auf eine andere Art stellen. Die Bordigisten definieren die Partei als eine Doktrin, als ein Programm und als eine Fähigkeit zur praktischen Intervention, als einen Willen zur Handlung. Diese etwas kurzgefaßte Definition der Partei wird heute durch das andere Postulat vervollständigt: das Bestehen der Partei hängt nicht ab und muß im Gegenteil absolut unabhängig sein von einem gegebenen Zeitraum. Nun sagt man uns, daß eine der beiden Grundlagen, das Programm und der Willen zur Handlung, auf die sich die Partei stützt, die erste Grundlage - das Programm - seit dem Kommunistischen Manifest 1848 vollendet und unveränderbar ist. Hier stehen wir vor einem offensichtlichen Widerspruch: das Programm, als Essenz der Partei, ist vollendet, aber die Partei als Umsetzung des Programms befindet sich im unaufhörlichen Aufbau 1 Mehr noch: sie verschwindet sogar ganz und gar. Wie ist das möglich und warum
1852 löst sich der Bund der Kommunisten auf und verschwindet. Warum 7 Haben die Gründer des Programms, Marx und Engels, das Programm verloren 7 Man könnte vielleicht gegen sie vorgeben, daß sie den Willen zur Handlung verloren hätten, indem man sich auf die von ihnen vorgenommene Spaltung gegen die Minderheit (Willich-Schapper) des Bundes bezieht und auf ihre Zurückweisung des voluntaristischen Aktionismus dieser Minderheit verweist. Aber wäre das nicht ein Wandern von einer Absurdität zu einer anderen, noch größeren Absurdität 7 Was bleibt uns also anders übrig als die Auflösung - ob es den Bordigisten paßt oder nicht - durch eine damals eingetretene tiefgreifende Änderung der Situation zu erklären 7 Engels, der darüber Bescheid weiß, erklärt in diesen Begriffen das Verschwinden des Bundes: "Die Niederschlagung der Pariser Juni-Insurrektion von 1848 - dieser ersten großen Schlacht zwischen Proletariat und Bourgeoisie - drängte die sozialen und politischen Bestrebungen der Arbeiterklasse Europas zeitweilig wieder in den Hintergrund... Die Arbeiterklasse wurde beschränkt auf einen Kampf um politische Ellbogenfreiheit und auf die Position eines äußerlichen linkes Flügels der radikalen Bourgeoisie. Wo selbständige proletarische Bewegungen fortführen, Lebenszeichen von sich zu geben, wurden sie erbarmungslos niedergeschlagen...-Sofort nach dem Urteilsspruch (des Prozesses der Kölner Kommunisten im Oktober 1852) wurde der Bund durch die noch verbliebenen Mitglieder formell aufgelöst."(MEW, Bd. 21, S. 353).
Diese Erklärung scheint unsere Bordigisten nicht zu überzeugen. Sie müssen sie im Übrigen vollkommen unnütz finden, denn für sie hat sich die Partei nie wirklich aufgelöst, da sie in der Person von Marx und Engels fortbestand. Um dies zu bejahen, zitieren sie als Stellenangabe einen witzigen Einfall aus einem Brief von Marx an Engels, und wie jedesmal, wenn das ihnen in den Reim paßt, machen sie aus einem Wort, aus einem Satzteil und selbst aus einem witzigen Einfall in einem Brief eine Absolutheit, ein unveränderbares und unwandelbares Prinzip.(8) Was die Existenz der Partei angeht: was war zwischen der Auflösung des Bundes der Kommunisten im Jahre 1852 und der Geburt der Internationalen 1864 geschehen ? Gemäß den Bordigisten überhaupt nichts, das Programm blieb unveränderbar, der Willen zur Handlung war vorhanden, Marx und Engels waren da und die Partei mit ihnen. Nichts, überhaupt nichts Wichtiges schien passiert zu sein. Das scheint aber nicht die Meinung Engels gewesen zu sein, der schrieb: "Als die europäische Arbeiterklasse wieder genügend Kraft zu einem neuen Angriff auf die herrschende Klasse gesammelt hatte, entstand die Internationale Arbeiterassoziation." (MEW,Bd, 21, S.353)
Wenn "Kommunistisches Programm" in seinem Artikel schreibt: ",..die revolutionäre marxistische Partei (ist) nicht das Produkt der unmittelbaren Bewegung, d.h. der Aufstiegs- und Rückflußphasen..."(S.20), verfälscht es entweder aus Unverständnis oder aus Absicht die Debatte, indem dieses kleine Wort "Produkt" - im franz. Text unterstrichen - eingeführt wird. Selbstverständlich, die Notwendigkeit einer Partei resultiert nicht aus besonderen Situationen, sondern aus der allgemeinen historischen Lage der Klasse (dies lernt man im Grundkurs des Marxismus und das ist kein Grund, sich wegen solcher Sachen eines großen Wissens zu rühmen). Die Kontroverse bezieht sich nicht darauf, sondern ob wirklich die Existenz der Partei an die Schwankungen dem Klassenkampfes gebunden ist oder nicht, ob spezifische Bedingungen noch notwendig sind, damit die Revolutionäre tatsächlich - und nicht nur in Worten - die Rolle erfüllen können, die der Partei auszuüben zukommt. Es reicht nicht aus zu sagen, daß ein Kind ein menschliches Produkt ist, um aus dieser Tatsache schlußzufolgern, daß die notwendigen Lebensbedingungen - Luft zum Atmen, Lebensmittel zur Ernährung, Pflege im Allgemeinen - ihm damit gleichzeitig gegeben sind und ohne die Erfüllung dieser Bedingungen ist das Kind unwiderruflich verloren. Die Partei ist eine wirkungsvolle Intervention, eine treibende Kraft, ein tatsächlicher Einfluß im Klassenkampf und dies ist nur möglich, wenn der Klassenkampf in einer aufsteigenden Entwicklung verläuft. Darin liegt der Unterschied zwischen der Partei und ihrer wirklichen Existenz gegenüber der Fraktion oder der Gruppe. Das hat die IKP noch nicht verstanden und will es auch nicht verstehen.
Der Bund der Kommunisten konstituierte sich mit dem Erstarken des Klassenkampfes, der die Welle revolutionärer Kämpfe des Jahres 1848 ankündigte; ebenso löst sich derselbe Bund - wie wir gerade mit Engels festgestellt haben - mit den Niederlagen und dem Zurückweichen des Klassenkampfes auf. Dies ist keine vorübergehende, sondern eine allgemeine Tatsache, welche entlang der ganzen Arbeiterbewegung überprüfbar ist, und nicht anders sein konnte. Die Erste Internationale entstand, als die europäische Arbeiterklasse wieder genügend Kraft zu einem neuen Angriff auf die herrschende Klasse gesammelt hatte." Und wir können uns vollständig den Worten des Berichterstatters des Generalrates auf dem ersten Kongreß der Internationale anschließen, der damals auf die Angriffe der bürgerlichen Presse antwortete: "Nicht die Internationale hat die Streiks der Arbeiter ausgelöst, sondern es sind die Arbeiterstreiks, die der Internationale solche Stärke verleihen."
Die Internationale wiederum, wie beim Bund der Kommunisten, überlebte nicht lange die blutige Niederlage der Pariser Kommune und brach kurz darauf zusammen, trotz der Anwesenheit Marxens und Engels und des "vollendeten und unveränderbaren" Programms in ihrer Mitte.
Um das Gegenteil dessen zu beweisen, was wir gerade festgestellt haben, versucht der Artikel vergeblich zurückzugreifen auf "Konkrete Belege... Es gibt sogar Gebiete, wo ausgesprochen heftige Kämpfe stattgefunden haben (so in England und Nordamerika), wo...die Partei nicht einmal existiert hat."("Kommunistisches Programm", S. 20). Hier handelt es sich um ein Argument, das überhaupt nichts beweist, außer die Tatsache, daß es keine mechanische Verbindung zwischen den Klassenkämpfen und dem Entstehen einer Partei gibt, und daß andere Faktoren bestehen, die dem Prozeß der Konstituierung der Partei entgegenwirken; daß im allgemeinen ein Abstand zwischen den objektiven Bedingungen und den subjektiven, zwischen dem Sein und der Bewußtwerdung besteht. Wenn das Argument Gültigkeit haben soll, dann hätte uns das Gegenteil bewiesen werden müssen, d.h. Beispiele aufgezeigt werden müssen, wo die Partei sich außerhalb Zeiträume und Länder mit steigendem Klassenkampf des Proletariats gegründet hat. Es gibt keine Beispiele. Es sei denn, das einzige Beispiel würde aufgeführt (ganz zu schweigen von der IV. Trotzkistischen Internationale), das Beispiel der IKP. Aber es ist eine ganz andere Geschichte, nämlich die der Maus, die so groß sein wollte wie der Elefant. Die IKP war niemals eine Partei, außer dem Namen nach.
Die Beispiele des Bundes der Kommunisten und der Ersten Internationale, die Beispiele der Geburt der Zweiten Internationale und ihr niederträchtiger Tod, und mehr noch die Bildung der III. Internationale und ihr schändliches Ende - sie ist stalinistisch geworden - lassen uns zu der end- gültigen Überzeugung gelangen, daß die von der Italienischen Fraktion verteidigten Thesen, auf die wir uns auch vollständig berufen, Gültigkeit besitzen. Es handelt sich um die Unmöglichkeit der Bildung der Partei in einer Periode des zurückweichenden Klassenkampfes.(9) Ganz anders lautet natürlich die Vorstellung des "Kommunistischen Programms": die Rekonstituierung der Partei sollte stattfinden, "bevor das Proletariat aus dem Abgrund, in dem es hinabgestürzt war, wiederaufsteigt. Mehr noch: sie muß diesem Wiederaufschwung der proletarischen Klassenbewegung notwendigerweise vorausgehen."(S.17)
Man versteht, daß der Artikel sich mit Nachdruck auf Lenins "Was Tun ?" bezieht, vor allem auf den Teil, der von dem trade-unionistischen Bewußtsein der Arbeiterklasse handelt. Denn wenn man genau hinsieht, ist das die Grundlage der Argumentationsweise des Artikels der IKP, nicht mal so sehr die Überschätzung der Rolle der Partei und ihre Tendenz zum Größenwahn, sondern ihm liegt vor allem eine himmelschreiende Unterschätzung der Fähigkeit der Bewußtwerdung der Klasse zugrunde ; ein tiefes Mißtrauen der Klasse gegenüber, und um alles zu sagen, eine kaum verdeckte Verachtung der Arbeiterklasse und ihrer Fähigkeit, die Welt zu begreifen.
"Und wenn diese Zukunft für uns Materialisten sicher und unausweichlich ist, so nicht, weil innerhalb der Arbeiterklasse ein 'Reifungsprozeß des Bewußtseins' über ihre historische Mission stattfinden würde. Sie ist unausweichlich, weil die Arbeiterklasse bevor sie es weiß und ohne daß sie es weiß, durch die objektiven Bedingungen dazu getrieben wird, für den Kommunismus zu kämpfen."(S.21, Nr.18, Kommunistisches Programm). Durch den ganzen Artikel hindurch findet man diese verachtenden Komplimente für die Arbeiterklasse: eine rohe und abgestumpfte Masse, die ohne zu wissen und ohne zu verstehen handelt, die aber glücklicherweise von einer Partei geführt wird, die alles versteht, und die das Verständnis an sich ist. Man gestatte uns dieser erdrückenden Verachtung die Meinung des alternden, aber frischen Engels gegenüberzustellen: "Für den schließlichen Sieg der im 'Manifest' aufgestellten Sätze verließ sich Marx einzig und allein auf die intellektuelle Entwicklung der Arbeiterklasse, wie sie aus der vereinigten Aktion und der Diskussion notwendig hervorgehen mußte."(Vorrede für "das Kommunistische Manifest", vierte deutsche Ausgabe, London, I. Mai 1890).
Jeder Kommentar erübrigt sich. Fahren wir fort. Gemäß der bordigistischen Vorstellung erfordert die Rekonstituierung der Partei - die vollständig von den konkreten Bedingungen getrennt ist - die theoretische Reife und den Willen zum Handeln. Weiterhin wird in dem Artikel die folgende Ansicht vertreten, derzufolge die Fraktion "noch nicht die Partei, sondern erst ihr Vorspiel war, so nicht mangels praktischer Arbeit, sondern eher infolge der Unzulänglichkeit ihrer theoretischen Arbeit."(S.25) Das ist eine Ansicht und sie taugt, was sie taugt. Aber was versteht der Artikel gerade unter ausreichender theoretischer Arbeit ? Die Wiederherstellung, die Wiederaneignung, die Aufrechterhaltung des "vollendeten und unveränderbaren" Programms ? Vor allem ohne Überprüfung der Positionen der Vergangenheit, ohne Suche nach einer Antwort auf die neuen Probleme. Es ist vor allem diese Arbeit, die der Artikel der Fraktion zum Vorwurf macht, und die er als schwerwiegende Abweichungen betrachtet. Diese Museumskonservatoren, die ihre eigene Sterilität zum Ideal erhoben haben, würden gern glauben lassen, daß Lenin genau wie sie niemals etwas anderes gemacht hat als die vollendete Theorie Marxens "wiederherzustellen". Vielleicht könnten sie mal darüber nachdenken , was Lenin zu der Frage der Theorie gesagt hat :
"Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares: wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen (von Lenin unterstrichen), wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen."(Lenin, "Unser Programm", zweite Hälfte, 1899).
Der Artikel, aus dem dieses Zitat stammt, nennt sich gerade "unser Programm".
Und wie messen unsere Päpste des Marxismus den Grad der theoretischen Reife ? Gibt es solche festgelegten Maßstäbe ? Um nicht willkürlich vorzugehen, müssen die Maßstäbe auch nicht genau festgelegt werden, und es gibt keine bessere Art vorzugehen als die theoretische Reife zu überprüfen in ihrer Umsetzung in politischen Positionen, die man verteidigt.
Wenn man durch dieses Mittel die Reife messen kann, und wenn dies der Hauptmaßstab für die Bildung der Partei ist, dann können wir ruhig aber mit der ganzen notwendigen Überzeugung sagen, daß die Bordigisten nicht im Jahre 1943, auch nicht 1945 und vor allem nicht 1952 die Partei hätten konstituieren sollen, sondern daß sie besser bis zum Jahre 2000 gewartet hätten. Jeder hätte dabei gewonnen, sie als erste.
Wir können noch nicht sagen, wie sich die kompakte und starke Partei von morgen bilden wird, aber, was heute feststeht, ist daß die IKP es nicht ist. Das Drama des Bordigismus ist, das sein zu wollen, was er nicht ist: die Partei, und das nicht sein zu wollen, was er ist: eine politische Gruppe. So erfüllt die IKP nicht - außer in Worten - die Funktionen der Partei, weil sie sie nicht erfüllen kann, und verwirklicht auch nicht die Aufgaben einer politischen Gruppe - die in ihren Augen schäbig sind. Wenn man ihre politische Reife nach ihren Positionen mißt und dabei ihre Entwicklung beobachtet, dann sieht es ganz danach aus, daß sie niemals ihr Ziel erreichen wird, denn bei jedem Schritt vorwärts macht sie gleichzeitig 2 oder 3 Schritte zurück.
M.C.
FUSSNOTEN :
(1): Dieser Artikel ist auch zu finden in deutscher Sprache in "Kommunistisches Programm", Nr.18, Mai 1978.
Soweit die deutsche Übersetzung der IKP mit dem Originaltext übereinstimmte, haben wir diese Übersetzung verwendet. Andernfalls haben wir selbst den Originaltext übersetzt.
(2): Programme Communiste, Nr.76, 5.5. Dieser Satz ist in der deutschen Übersetzung nicht zu finden.
(3) : Bilan, Nr.1, Vorwort, S.3
(4) : idem
(5) : Siehe unseren Artikel "Terror, Terrorismus und Klassengewalt" in dieser Nummer, in dem dieses Thema ausführlich behandelt wird.
(6) : Der Proletarier (franz. Ausgabe "Le Proléaire" vom 8/21 April 1978, Nr. 264) drückt sich noch deutlicher aus: "...die charakteristischen Thesen aus dem Jahre 1951, die den Geburtsakt und die Zugehörigkeitsgrundlagen darstellen."
(7)) : Siehe "L'Etincelle" und "Internationalisme", Veröffentlichungen der linken Kommunisten Frankreichs bis 1952.
(8) : Es ist höchste Zeit, diesem unglaublichen Mißbrauch ein Ende zu setzen, den manche mit Zitaten betreiben, indem sie mit den Zitaten alles mögliche ausdrücken wollen. Dies trifft besonders für die Bordigisten zu, hin‑
sichtlich der Vorstellung Marxens von der Partei. Vielleicht ist es nicht unnütz, den folgenden, etwas überraschenden und rätselhaften Satz aus dem "Kommunistischen Manifest" zu ihrer Aufmerksamkeit zu bringen, und sie darüber zum Nachdenken anzuregen und zu erklären zu versuchen: "Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiterparteien."(Kapitel II, "Proletarier und Kommunisten").
(9) : Es ist übrigens bekannt, daß Bordiga mehr als widerwillig der Erklärung der Konstituierung der Partei gegenüberstand und daß er widerwillig dem ihm gegenüber von allen Seiten ausgeübten Druck nachgegeben hat, um sich ihr anzuschließen. Vercesi seinerseits wartete nicht lange, bevor er die Bildung der Partei öffentlich in Frage stellte. Aber wer A sagt, muß auch B sagen. Man kann das Echo dieser Zurückhaltung in dem "Vorentwurf der Prinzipienerklärung für das Internationale Büro der (neuen) internationalen Kommunistischen Linke" finden, den er entworfen hat und in Belgien am Ende des Jahres 1946 veröffentlicht hat. Darin kann man lesen: "Der Prozeß der Umwandlung der Fraktionen in eine Partei wurde von der kommunistischen Linke in seinen großen Linien nach einem Schema festgelegt, das besagt, daß die Partei erst dann in Erscheinung treten kann, wenn die Arbeiter Kampfbewegungen begonnen haben, welche den Rohstoff zur Machteroberung liefern."(Kommunistisches Programm, S. 24)
Die Rolle der Revolutionäre lag somit darin, diese Kampagnen als das zu entlarven, was sie sind, und ebenso die stupide Unterwürfigkeit der linken Gruppen klar herauszustellen, die, wie z.B. einige trotzkistische Gruppen, ihre Zeit damit verbringen, die "Roten Brigaden" zu verwerfen, weil diese Aldo Moro "ohne ausreichende Beweise" und "ohne Zustimmung der Arbeiterklasse" verurteilt hätten,. Wenn die Revolutionäre den bürgerlichen Terror verurteilen und die Notwendigkeit der Gewaltanwendung für die Zerstörung den Kapitalismus durch die Arbeiterklasse bejahen, müssen sie sich gleichzeitig besonders klar sein über:
Und hier muss man auf das Bestehen verschiedener falscher Auffassungen selbst innerhalb solcher Organisationen, die die Klassenpositionen vertreten, hinweisen, die Gewalt, Terror und Terrorismus als synonym betrachten und davon ausgehen:
Wahrscheinlich ist es die bordigistische Internationale Kommunistische Partei (IKP "Kommunistisches Programm"), die sich am ausdrücklichsten zum Sprachrohr dieser Art Verwirrung gemacht hat, indem sie z.B. schreibt:
"Vom Stalinismus verwerfen die Marchais und Pelikan nur die revolutionären Aspekte - die Einheitspartei, die Diktatur, den Terror -, welche sie von der proletarischen Revolution geerbt hatten." (Aus: "Programme Communiste" franz. Ausgabe, Nr.76, s. 87).
So ist für diese Organisation der Terror, selbst wenn er vom Stalinismus verwendet wurde, dem Wesen nach revolutionär und es bestünde demnach eine Gleichheit zwischen den Methoden der proletarischen Revolution und den Methoden der schlimmsten Konterrevolution, die jemals die Arbeiterklasse getroffen hat.
Außerdem neigte die IKP zur Zeit der Baader-Affäre dazu, die terroristischen Akte Baaders und seiner Gefährten als Ankündigung und als Beispiel der zukünftigen Gewalt der Arbeiterklasse darzustellen- trotz der Vorbehalte gegenüber diesen, in die Sackgasse führenden Aktionen. So kann man in der Nr. 254 des "Le Prolétaire" lesen: "In dieser Gesinnung haben wir mit Unruhe den tragischen Epos Andreas Baaders und seiner Gefährten verfolgt, die an dieser Bewegung teilgenommen haben, der Bewegung der langsamen Akkumulation der Voraussetzungen des proletarischen Aufschwungs." Und etwas weiter: "der proletarische Kampf wird weitere Märtyrer kennen." Und schließlich erscheint die Idee eines "Arbeiterterrorismus" klar in Passagen wie: "Kurzum, um revolutionär zu sein, genügt es nicht, die Gewalt und den Terror der bürgerlichen Staaten zu verurteilen, man muss auch die Gewalt und den Terrorismus als unabdingbare Waffen der Befreiung des Proletariats beanspruchen"(Le Proletaire, Nr. 253).
Gegenüber solchen Verwirrungen versucht der nachfolgende Text über die einfachen Definitionen der Lexika und des Sprachmissbrauchs, welche manche Revolutionäre in der Vergangenheit zufällig begangen haben, hinauszugehen und die bestehenden Unterschiede - von einem Standpunkt des Klasseninhalts aus betrachtet - zwischen Terrorismus, Terror und Gewalt aufzudecken; insbesondere hinsichtlich der Gewalt, die die Arbeiterklasse für die Verwirklichung ihrer Befreiung gebrauchen wird.
Wenn man den Klassenkampf anerkennt, bedeutet das, dass man die Gewalt sofort als eines seiner grundlegenden und ihm innewohnenden Elemente akzeptiert. Das Bestehen von Klassen heißt, dass die Gesellschaft durch Interessengegensätze, durch unversöhnliche Interessen zerrissen wird. Die Klassen gründen sich auf der Basis dieser Antagonismen. Die zwischen den Klassen bestehenden gesellschaftlichen Beziehungen sind deshalb notwendigerweise die der Opposition und der Gegensätze, d.h. die Beziehungen des Kampfes.
Das Gegenteil vorzutäuschen, d.h. zu behaupten, dass man diese Tatsachen durch den guten Willen der einen oder anderen bzw. durch die Zusammenarbeit und die Harmonie zwischen den Klassen überwinden könnte, hieße sich außerhalb der Realität zu stellen und wäre vollkommen utopisch.
Dass die ausbeutenden Klassen sich zu solchen Illusionen bekennen und sie verbreiten, ist nichts Überraschendes: Sie sind "von Natur aus" davon überzeugt, dass gar keine andere Gesellschaft, keine bessere Gesellschaft existieren kann als die Gesellschaft, in der sie die herrschende Klasse sind. Diese absolute und blinde Überzeugung wird ihnen durch ihre Interessen und Privilegien diktiert. Ihre Klasseninteressen und Klassenprivilegien stimmen mit dem Typ der Gesellschaft überein, die sie beherrschen; sie haben also ein Interesse daran, den beherrschten und ausgebeuteten Klassen zu predigen, auf ihren Kampf zu verzichten, die bestehende Ordnung zu akzeptieren, sich den "historischen Gesetzen" zu unterwerfen, die die Herrschenden als unveränderlich ausgeben. Diese herrschenden Klassen sind somit gleichzeitig einerseits objektiv borniert, beschränkt und unfähig, die Dynamik des Klassenkampfes der unterdrückten Klassen zu verstehen. Andererseits sind sie subjektiv im höchsten Grade daran interessiert, die beherrschten Klassen zur Aufgabe jeder Kampfbereitschaft zu bewegen, indem sie ihren Willen durch alle möglichen Mystifikationen zunichte machen.
Aber die ausbeutenden Klassen sind nicht die einzigen, die solch eine Einstellung gegenüber dem Klassenkampf haben. Bestimmte Strömungen haben es für möglich gehalten, den Klassenkampf zu vermeiden, indem sie an die Intelligenz, an das bessere Verständnis, an die Menschen mit gutem Willen appellierten, um eine harmonische, brüderliche und gleichartige Gesellschaft zu schaffen. Dies waren z.B. die Utopisten zu Anfang des Kapitalismus. Im Gegensatz zur Bourgeoisie und ihren Ideologen waren die Utopisten keineswegs daran interessiert, den Klassenkampf zu vertuschen, um die Privilegien der herrschenden Klassen aufrechtzuerhalten. Wenn sie den Klassenkampf vollständig umgingen, dann nur deshalb, weil sie die historischen Gründe des Bestehens von Klassen nicht verstanden. Hierin drückte sich die Unreife des Verstehens der Realität aus, in der das Bestehen des Klassenkampfes des Proletariats gegen die Bourgeoisie schon zur Tatsache geworden war. Obwohl sie das unvermeidliche Hinterherhinken des Bewusstseins gegenüber der Realität ausdrücken, sind sie ein Ausdruck dieses Versuches zum Bewusstsein zu gelangen, sind sie Elemente des theoretischen "Umhertastens" der Klasse. Deshalb werden sie mit vollem Recht als die Vorläufer der sozialistischen Bewegung angesehen, als ein bedeutender Beitrag zu der Bewegung, die in ihrer späteren Entwicklung mit dem Marxismus eine wissenschaftliche und historische Grundlage findet.
Mit den humanistischen, pazifistischen und ähnlichen Bewegungen, die seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts aufgeblüht sind und die vorgeben, den Klassenkampf nicht zur Kenntnis zu nehmen, verhält es sich ganz anders. Diese leisten überhaupt keinen Beitrag zur Befreiung der Menschheit. Sie sind nur der Ausdruck der kleinbürgerlichen Klassen und Schichten, die historisch anachronistisch und machtlos sind. In der modernen Gesellschaft sind werden sie aufgerieben, eingefangen in dem Kampf zwischen dem Kapital und dem Proletariat. Ihre Klassenübergreifende, gegen den Klassenkampf gerichtete Ideologie ist das Jammern einer unfähigen, verurteilten Klasse, die weder eine Zukunft im Kapitalismus und noch weniger im Sozialismus, den das Proletariat einrichten muss, hat. Sie sind erbärmlich und lächerlich, ihre Ideen und ihre politischen Verhaltensweisen, ihre Wehklagen, ihre Gebete und absurden Illusionen können nur den Weg und den Willen des Proletariats behindern. Aus dem gleichen Grunde sind sie jedoch im großen Maße vom Kapitalismus verwendbar, und sie werden tatsächlich vom Kapitalismus verwendet, der daran interessiert ist, alle Waffen für die Mystifizierung des Proletariats zu benutzen.
Die Existenz der Klassen, des Klassenkampfes beinhaltet notwendigerweise Klassengewalt. Nur jämmerliche Heuler und ausgemachte Schwindler (d.h. Sozialdemokraten) können dies leugnen. Auf einer allgemeinen Ebene ist die Gewalt ein Charakteristikum des Lebens und man findet sie während der ganzen Entwicklung des Lebens vor. Jede Handlung beinhaltet einen gewissen Grad von Gewalt, da sie das Erzeugnis einer dauernden Störung des Gleichgewichts ist, welche aus dem Aufeinandertreffen entgegen gesetzter Kräfte resultiert. Die Gewalt ist in den Beziehungen zwischen den ersten Menschengruppen vorhanden; sie drückt sich übrigens nicht notwendigerweise in der Form von offener, physischer Gewalt aus. Gewalt bedeutet alles, was ein Aufzwingen, Zwang, Herstellen eines Kräfteverhältnisses, Drohung ist. Gewalttätig ist weiterhin all das, was zur physischen oder physiologischen Aggression gegen andere aufruft, aber ebenso wenn diese oder jene Situation oder Entscheidung aufgezwungen wird aufgrund der Tatsache, dass man im Besitz der Mittel dieser Aggression ist - ohne sie tatsächlich zu beanspruchen, aber obgleich Gewalt in dieser oder jener Form sich manifestiert, sobald Besitz oder Leben existiert, bewirkt die Spaltung der Gesellschaft in Klassen, dass die Gewalt eine der prinzipiellen Grundlagen der gesellschaftlichen Beziehungen ist, die im Kapitalismus fürchterliche Ausmaße annimmt.
Jedes System der Ausbeutung von Klassen gründet seine Macht auf Gewalt, eine ständig wachsende Gewalt, die solche Ausmaße annimmt, dass sie zur Hauptinstitution der Gesellschaft wird. Die Gewalt dient als Hauptstütze, die jegliche gesellschaftliche Gebilde abstützt und aufrechterhält, ohne welchen die Gesellschaft sofort zusammenbrechen würde. Als ein notwendiges Produkt der Ausbeutung einer Klasse durch eine andere wird die organisierte, konzentrierte Gewalt unter der höchst entwickelten Form den Staates, dialektisch zu einer grundsätzlichen Vorbedingung für die Existenz und die Aufrechterhaltung der Ausbeutungsgesellschaft. Dieser immer mehr bluttriefenden und mörderischen Gewalt der ausbeutenden Klassen können die ausgebeuteten und unterdrückten Klassen nur ihre eigene Gewalt gegenüberstellen, wenn sie sich befreien wollen. An die "humanitären" Gefühle der ausbeutenden Klassen zu appellieren, wie es die Religiösen à la Tolstoi und Gandhi getan haben, oder die Sozialisten im Kaninchenfell, heißt an Wunder zu glauben, hieße von Wölfen zu erwarten, nicht mehr Wölfe zu sein, um sich in Lämmer zu verwandeln, hieße die Kapitalistenklasse zu bitten, nicht mehr Kapitalistenklasse zu sein, um sich zur Arbeiterklasse zu verwandeln.
Der Gewalt der ausbeutenden Klasse, die dem Wesen dieser Klasse immanent ist, kann nur durch die revolutionäre Gewalt der unterdrückten Klassen ein Ende gesetzt werden. Dies zu verstehen, es vorherzusehen, sich darauf vorzubereiten, sie zu organisieren, ist nicht nur eine entscheidende Vorbedingung für den Sieg der unterdrückten Klassen, sondern es garantiert auch den Sieg mit dem geringsten Leiden und in kürzester Zeit. Jemand der daran die geringsten Zweifel hat, der deswegen zögert, ist kein Revolutionär.
Wir haben gesehen, dass Ausbeutung ohne Gewalt undenkbar ist, dass beide organisch untrennbar miteinander verbunden sind. Obgleich man sich Gewalt außerhalb von Ausbeutungsverhältnissen vorstellen kann, ist Ausbeutung nur mit und durch Gewalt zu verwirklichen. Das eine verhält sich zum anderen wie die Lungen zur Luft, die Lungen können nicht ohne Sauerstoff funktionieren.
Genau wie beim Übergang des Kapitalismus zum Imperialismus erreicht auch die Gewalt verbunden mit der Ausbeutung eine neue und besondere Qualität. Sie ist nicht mehr eine zufällige oder zweitrangige Tatsache, sondern sie wird zu einem andauernden Zustand in allen Bereichen des sozialen Lebens. Sie durchsetzt alle Beziehungen, dringt in alle Poren der Gesellschaft ein, sowohl auf allgemeiner Ebene als auch in sog. persönlichen Beziehungen. Ausgehend von der Ausbeutung und ihren Bedürfnissen der Unterwerfung der produzierenden Klasse penetriert die Gewalt alle Beziehungen zwischen den Klassen und Schichten der Gesellschaft, zwischen den industrialisierten und unterentwickelten Ländern, zwischen den industrialisierten Ländern selber, zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen den Individuen, zwischen Regierenden und Regierten. Sie spezialisiert, strukturiert, organisiert und konzentriert sich in einem abgehobenen Organismus: dem Staat, mit seinen Armeen, seiner Polizei, seinen Gefängnissen, seinen Gesetzen, seinen Beamten und Folterknechten, und dieser Organismus neigt dazu, sich über die Gesellschaft zu erheben und sie zu dominieren.
Um die Ausbeutung den Menschen durch den Menschen sicherzustellen, wird die Gewalt zur ersten Aktivität der Gesellschaft, für welche diese einen ständig steigenden Teil ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Mittel ausgibt. Die Gewalt erlangt den Status der Kultur, der Kunst, der Wissenschaft. Eine angewandte Wissenschaft, nicht nur in Bezug auf die militärische "Kunst", auf die Waffentechnik, sondern in Bezug auf alle Bereiche, auf allen Ebenen, in der Organisierung von Konzentrationslagern, in den Einrichtungen von Gaskammern, in der "Kunst" der schnellen und massiven Auslöschung ganzer Bevölkerungen, in der Schaffung von richtigen Universitäten wissenschaftlicher und psychologischer Folter, in denen eine Unzahl diplomierter und anerkannter Folterer ausgebildet wird. Eine Gesellschaft, die nicht nur wie Marx feststellte "Kot und Blut aus allen Poren schwitzt", sondern die keinen Augenblick weder leben noch atmen kann außerhalb einer vergifteten und ansteckenden Atmosphäre von Kadavern, Tod, Zerstörung, Massakern, Leiden und Folter. In solch einer Gesellschaft, in der die Gewalt sich unendlich potenziert hat, ändert diese ihre Qualität - Gewalt wird zu Terror.
Von der Gewalt im allgemeinen zu sprechen, ohne sich auf die konkreten Bedingungen zu beziehen, auf die historischen Epochen, auf die Klassen, welche sie ausüben, heißt, nichts von dem wahren Gehalt der Gewalt zu verstehen, der aus ihr eine unterschiedliche Qualität in auf Ausbeutung beruhenden Gesellschaften macht. Auch versteht man nicht den Grund dieser grundlegenden Umwandlung der Gewalt zu Terror, die nicht auf eine einfache Frage der Quantität reduziert werden kann. Wenn man diesen qualitativen Unterschied zwischen Gewalt und Terror nicht begreift, begeht man den gleichen Fehler wie derjenige, der von der Ware sprechend, zwischen der Antike und dem Kapitalismus nur einen quantitativen Unterschied sieht, ohne auch nur den grundlegend qualitativen Unterschied zwischen den beiden Produktionsformen zu erfassen.
In dem Maße wie die in antagonistische Klassen gespaltene Gesellschaft sich weiterentwickelt, wird die Gewalt in den Händen der ausbeutenden und herrschenden Klasse einen neuen Charakter annehmen: den des Terrors. Der Terror ist keine Eigenschaft und auch kein Mittel der revolutionären Klassen zur Durchführung ihrer Revolution. Hier haben wir eine rein formale und sehr oberflächliche Vorstellung, die darauf hinausläuft, den Terror als die revolutionäre Aktion par excellence zu glorifizieren. Denn dieser Vorstellung zufolge kommt man zum folgenden Axiom: "Je stärker der Terror, desto tief greifender und radikaler ist die Revolution." Aber dies wird durch die Geschichte vollständig widerlegt. Die Bourgeoisie hat ihn während ihres ganzen Bestehens und nicht nur in Zeiten ihrer Revolution (1848 und die Pariser Commune 1871) gebraucht und perfektioniert. Der Terror erreicht aber genau dann seinen Höhepunkt, wenn der Kapitalismus dekadent wird. Der Terror ist nicht der Ausdruck den revolutionären Wesens und der Aktion der Bourgeoisie während des Augenblicks ihrer Revolution, selbst wenn er in Zeiten der Revolution spektakuläre Erscheinungsweisen annahm. Er ist vielmehr ein Ausdruck des Klassencharakters der Ausbeutung. Wie jede ausbeutende Klasse kann auch die Bourgeoisie ihre Macht nur auf Terror stützen. Die Revolutionen, die die Machtübernahme der verschiedenen ausbeutenden Klassen sichergestellt haben, waren keineswegs die Vorfahren des Terrors, sondern sie übertrugen den Terror nur von einer Klasse auf die nächste ausbeutende Klasse. Die Bourgeoisie perfektioniert und verstärkt ihren Terror nicht so sehr, um ihn gegen die alte herrschende Klasse zu richten und mit ihr Schluss zu machen, sondern vielmehr um ihre Herrschaft über die Gesellschaft im allgemeinen und gegen die Arbeiterklasse im besonderen zu behaupten. Somit ist der Terror in der bürgerlichen Revolution kein Ziel, sondern eine Kontinuität, weil die neue Gesellschaft eine Fortsetzung der Gesellschaften der Ausbeutung den Menschen durch den Menschen ist. Die Gewalt in den bürgerlichen Revolutionen ist kein Ziel der Unterdrückung, sondern eine Kontinuität der Unterdrückung. Deshalb konnte die Gewalt nur die Form des Terrors annehmen.
Zusammenfassend können wir den Terror als eine besondere Gewalt der ausbeutenden und herrschenden Klassen bezeichnen. Der Terror wird nur verschwinden mit dem Verschwinden der ausbeutenden Klassen. Seine besonderen Kennzeichen sind:
1.- organisch an Ausbeutung gebunden zu sein, und zu ihrer Ausübung gebraucht zu werden;
2.- die Handlung eines spezialisierten Organismus zu sein, der sorgfältig ausgewählt wurde, in sich selbst abgeschlossen ist und dazu neigt, sich jeder Kontrolle der Gesellschaft zu entziehen;
3.- keine andere Daseinsberechtigung zu haben als die Unterwerfung und Niederschlagung der menschlichen Gemeinschaft;
Die kleinbürgerlichen Klassen (Bauern, Handwerker, kleine Geschäftsleute, freiberuflich Tätige, Intellektuelle) bilden in der Gesellschaft keine grundlegenden Klassen. Sie weisen weder eine spezifische Produktionsweise auf, noch bieten sie ein Gesellschaftsprojekt an. In marxistischen Begriffen betrachtet sind sie keine historischen Klassen. Selbst wenn ihre oberen Schichten ihre Einkommen aus der Ausbeutung fremder Arbeitskraft beziehen und somit zu den Privilegierten gehören, sind sie in ihrer Gesamtheit der Herrschaft der Kapitalistenklasse unterworfen, welche ihre Gesetze und ihre Unterdrückung auch über sie ausübt. Für sie gibt es keine Zukunft als Klassen. In den oberen Schichten besteht das Größte, wonach sie streben, darin, einzeln in die Kapitalistenklasse aufsteigen zu können. Die unteren Schichten sind unersättlich dazu verurteilt, ihr ganzes Eigentum und ihre "Unabhängigkeit" zu verlieren und sich zu proletarisieren. Die große Masse von ihnen ist zum Vegetieren, Dahinsiechen verurteilt, ökonomisch und politisch durch die Herrschaft der Kapitalistenklasse aufgerieben. Ihr politisches Verhalten wird durch das Kräfteverhältnis zwischen den beiden grundlegenden Klassen bestimmt; zwischen den Kapitalisten und dem Proletariat. Ihr aussichtsloser Widerstand gegen die erbarmungslosen Gesetze des Kapitals führt sie zu einer fatalistischen und passiven Verhaltens- und Denkweise. Ihre Ideologie ist die des individualistischen "Rette sich wer kann"; auf allgemeiner Ebene besteht diese aus den verschiedenen Arten jämmerlicher Klagen, der Suche nach Trost über das Elend, den unfähigen und lächerlichen pazifistischen Predigten aller Art sowie im Humanismus.
Materiell niedergeschlagen, ohne irgendeine Zukunft, in einem fortdauernden Vegetieren verfangen, sind sie in ihrer Verzweiflung ein leichtes Opfer für all die Mystifikationen, angefangen von den pazifistischen (religiösen Sekten, Naturalisten, Gewaltlosen, Atombombengegnern, Hippies, Umweltschützern, Kernkraftwerkgegnern) bis hin zu den blutrünstigen (Schwarzen Pogrom-Anfachern, Rassisten, Ku-Klux-Klan, faschistischen Banden, Gangstern und Söldnern aller Art usw.). Es ist der Heldenmut der Feigen, der Mut der Angsthasen, der Ruhm der gemeinen Mittelmäßigkeit. Nachdem der Kapitalismus sie in die größte Misere gestürzt hat, findet er in ihnen eine unerschöpfliche Reserve für das Anwerben der Helden des Terrors.
Wenn es auch manchmal in der Geschichte zu Wut- und Gewaltausbrüchen seitens dieser Klassen gekommen ist, blieben diese Explosionen sporadisch und sie sind nie über die Bauernaufstände und Revolten hinausgegangen, denn ihnen öffnete sich nie eine andere Perspektive als niedergemetzelt zu werden. Unter dem Kapitalismus verlieren diese Klassen vollständig ihre Unabhängigkeit und sie dienen nur als Kanonenfutter und als Schachfiguren für die Zusammenstöße, in denen die verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse sowohl innerhalb als auch außerhalb der nationalen Grenzen aufeinander treffen. In den Augenblicken der revolutionären Bewegung und unter bestimmten günstigen Umständen kann die gewaltige Unzufriedenheit eines Teils dieser Klassen als zusätzlich wirkende Kraft dem Kampf des Proletariats dienen.
Der unvermeidliche Prozess der Verarmung und der Proletarisierung der unteren Schichten dieser Klassen ist ein extrem schwieriger und schmerzvoller Prozess, der eine Bewegung zugespitzter Revolte hervorbringt. Die Kampfbereitschaft dieser Kreise, die vorwiegend aus Handwerker- und sozial deklassierten Intellektuellenkreisen stammen, beruht eher auf ihrer zur Verzweiflung treibenden Lage als Individuen als auf dem Kampf des Proletariats, dem sie sich nur schwer anschließen können. Was diese Kreise vorwiegend auszeichnet, ist ihr Individualismus, ihre Ungeduld, ihr Skeptizismus und ihre Demoralisierung. Ihre Handlungen zielen eher auf spektakulären Selbstmord ab als auf ein besonderes Ziel. Nachdem sie ihre ehemalige "sichere Position" in der Gesellschaft verloren und jetzt keine Zukunft mehr vor sich haben, erleben sie einen Zustand der Misere und der erbitterten Revolte gegen diese unmittelbar erfahrene Misere. Selbst wenn sie durch einen Kontakt mit der Arbeiterklasse und mit ihrer historischen Aufgaben angeregt werden, so erreichen sie auch nur eine entstellte, deformierte Vorstellung und diese geht selten über die Ebene der Fantasie und der Träume hinaus. Ihr wahres Wirklichkeitsbild bleibt beschränkt und borniert, dem Zufall überlassen.
Die politische Ausdrucksweise dieser Bewegung nimmt extrem verschiedene Formen an, welche reichen von der streng individuellen Haltung bis hin zu den verschiedenen geschlossenen Sekten, Verschwörungen, Komplotten, Putschismus, exemplarischem Handeln bis hin zum Extrem: dem Terrorismus.
Das, was in dieser Vielfalt ihre Einheit darstellt, ist ihre Unkenntnis der objektiven und historischen Bestimmungsgründe der Bewegung des Klassenkampfes, ihr mangelndes Verständnis der historischen Subjekte der modernen Gesellschaft, das alleine die soziale Umwälzung garantieren kann, nämlich das Proletariat.
Die Erklärung für das anhaltende Auftreten dieser Strömung liegt in dem unaufhörlichen Prozess der Proletarisierung dieser Schichten während der ganzen Geschichte des Kapitalismus. Ihre Vielfalt und Unterschiede sind das Produkt ihrer lokalen und beschränkten Situationen. Dieses soziale Phänomen hat die Geschichte der Herausbildung der Arbeiterklasse „begleitet“, und es befindet sich somit in unterschiedlichem Maße mit der Arbeiterbewegung verwickelt. Dabei war es diesem sozialen Phänomen gelungen, Ideen in die Arbeiterbewegung einzubringen und Verhaltensweisen zu verbreiten, die der Arbeiterklasse fremd sind. Dies trifft besonders auf den Terrorismus zu.
Wir müssen unbedingt auf diesem Hauptpunkt bestehen, wir dürfen bei diesem Thema keine Zweideutigkeit dulden. Es stimmt, dass zu Beginn der Bildung der Arbeiterklasse das Proletariat in seinem Bestreben sich zu organisieren, noch nicht die passende Form fand und mit Organisationsformen der geheimen, verschwörerischen Gesellschaften arbeitete, die das Erbe der bürgerlichen Revolution waren. Aber das ändert überhaupt nichts an dem Klassencharakter dieser Formen und an der Unzulänglichkeit gegenüber dem neuen Inhalt, dem Klassenkampf des Proletariats. Das Proletariat wurde schnell davon überzeugt, sich von diesen Organisationsformen und Handlungsweisen loszulösen und sie endgültig zu verwerfen.
So wie die theoretische Ausarbeitung unvermeidlich ein utopisches Stadium durchlaufen musste, musste auch die politische Organisationsbildung der Klasse unvermeidlich die Stufe der verschwörerischen Sekten durchmachen. Aber es ist wichtig, nicht noch die Verwirrungen zu verstärken, aus der Not keine Tugend zu machen, nicht die verschiedenen Stufen der Bewegung zu verwechseln und unterscheiden zu wissen zwischen der unterschiedlichen und gegensätzlichen Bedeutung ihrer Ausdrucksformen in den verschiedenen Stadien.
So wie sich der utopische Sozialismus bei dem Erreichen eines gewissen Stadiums der Arbeiterbewegung von einem großen, positiven Beitrag in eine Fessel für ihre spätere Entwicklung verwandelt, sind auch auf der gleichen Weise und im gleichen Stadium die verschwörerischen Sekten zu negativen Zeichen einer drohenden Sterilisierung der Bewegung geworden.
Von nun an leistet die Strömung, die jene in einem schwierigen Proletarisierungsprozess befindenden Schichten repräsentiert, keinen Beitrag mehr zu der sich schon entwickelnden Klassenbewegung. Diese Strömung fordert nicht nur die Organisationsform der Sekten und verschwörerische Methoden, sondern bei einer immer größeren Diskrepanz zur realen Bewegung wird sie dazu geführt, diese Forderung bis ins Äußerste zu treiben, daraus eine Karikatur zu machen, die ihren extremen Ausdruck in der Befürwortung der terroristischen Aktionen findet.
Der Terrorismus ist nicht nur die Aktion des Terrors. Es dabei zu belassen, hieße auf einer terminologischen Ebene zu bleiben. Was wir herausstellen und unterstreichen wollen, sind die soziale Bedeutung und der Unterschied, der hinter diesen Begriffen steckt. Der Terror ist ein strukturiertes, permanentes von den ausbeutenden Klassen ausgeübtes Herrschaftssystem. Der Terrorismus dagegen ist eine Reaktion der unterdrückten Klassen. Es handelt sich um eine vorübergehende Reaktion, um Racheaktionen, die ohne Kontinuität und Zukunft sind.
Wir finden eine anregende Beschreibung dieser Art Bewegung im Falle Panait Istratis und seiner Heiducken in der Geschichte Rumäniens am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Gleiche findet sich wieder im Terrorismus der russischen Narodniki und ebenfalls, selbst wenn sie als verschieden erscheinen, bei den Anarchisten und der "Bonnot-Gang". Sie zeigen alle das gleiche Wesen auf: die Rache der Machtlosen, weil sie machtlos sind. Sie sind nie die Ankündigung von etwas Neuem, sondern der verzweifelte Ausdruck eines Endes, nämlich des eigenen Endes.
Als ein gewaltsames Aufmucken der Machtlosen kann der Terrorismus nicht den Terror der herrschenden Klasse erschüttern. Es ist wie ein Mückenstich in die Haut eines Elefanten. Dagegen kann und wird er oft vom Staat zur Rechtfertigung und Verstärkung dessen Terrors benutzt.
Wir müssen unbedingt den Mythos verurteilen, demzufolge der Terrorismus als Sprengkapsel dazu diene oder dazu dienen könne, den Kampf des Proletariats in Gang zu setzen. Es wäre zumindest recht einzigartig, dass eine Klasse mit historischer Zukunft als Sprengkapsel ihres eigenen Kampfes eine zukunftslose Klasse suchen müsste. Es ist vollkommen absurd vorzutäuschen, dass der Terrorismus der radikalisierten Schichten der Kleinbourgeoisie das Verdienst habe, in der Arbeiterklasse die Auswirkungen der demokratischen Verschleierungen der bürgerlichen Legalität zu zerstören und ihr den unvermeidlichen Weg zur Gewalt klarzumachen. Das Proletariat hat von dem radikalen Terrorismus keine Lehren zu ziehen, abgesehen davon, dass es von ihm abrücken und ihn zurückweisen soll, denn die im Terrorismus beinhaltete Gewalt befindet sich grundsätzlich auf bürgerlichem Boden. Zu einem Verständnis der Notwendigkeit und Unabdingbarkeit der Gewalt kommt das Proletariat aufgrund seiner eigenen Existenz, mittels seines eigenen Kampfes, seiner eigenen Erfahrung, der Konfrontationen mit der herrschenden Klasse. Es ist eine Klassengewalt, die sich dem Wesen, dem Inhalt, der Form und den Methoden nach sowohl vom kleinbürgerlichen Terrorismus als auch vom Terror der herrschenden ausbeutenden Klasse unterscheidet.
Es stimmt, dass die Arbeiterklasse im allgemeinen eine Haltung der Solidarität und der Sympathie einnimmt, zwar nicht gegenüber dem Terrorismus, den sie als Ideologie, als Organisationsform und als Methode verurteilt, sondern gegenüber den Kreisen, die vom Terrorismus in die Sackgasse geführt werden. Dies aus den folgenden Gründen:
1.- weil diese Elemente gegen die bestehende Ordnung des Terrors revoltieren, auf dessen grundlegende Zerstörung das Proletariat hinarbeitet ;
2.- weil diese Leute genau wie die Arbeiterklasse ebenso die Opfer der schrecklichen Ausbeutung und Unterdrückung durch die Todfeinde des Proletariats sind - die Kapitalistenklasse und ihr Staat. Die einzige Art für das Proletariat seine Solidarität mit diesen Opfern zu zeigen, liegt darin, zu versuchen, sie aus der tödlichen Sackgasse - dem Terrorismus -, in die sie sich verrannt haben - vor den Henkern des staatlichen Terrors zu retten.
Wir brauchen hier nicht auf der notwendigen Gewalt des Klassenkampfes des Proletariats zu bestehen. Wir würden damit offene Türen einrennen, denn seit fast zwei Jahrhunderten, seit den "Gleichen" Babeufs, verfügen wir über die theoretische Erklärung und über die praktische Erfahrung ihrer Notwendigkeit und Unvermeidbarkeit. Es ist ebenso eine Zeitverschwendung zu wiederholen, als ob dies eine neue Erkenntnis sei, dass alle Klassen Gewalt anwenden müssen, das Proletariat eingeschlossen. Wenn man sich mit diesem mittlerweile zu Banalitäten gewordenen Allgemeinplätzen zufrieden gibt, dann kommt man schließlich dazu, eine Art Gleichung ohne jeglichen Inhalt aufzustellen "Gewalt und Gewalt". Damit wird eine vereinfachende und absurde Gleichheit zwischen der Gewalt den Kapitals und der des Proletariats hergestellt, und man versteht nicht die grundlegenden Unterschiede: die eine ist unterdrückend und die andere ist befreiend.
Endlos diese Tautologie ‚Gewalt ist Gewalt’ zu wiederholen und sich damit zufrieden zugeben, aufzuzeigen, dass alle Klassen Gewalt gebrauchen, um die Gewalt als gleich darzustellen, ist ebenso intelligent und genial, wie die Handlung des Chirurgen, der einen Kaiserschnitt vornimmt, um einem Neugeborenen das Leben zu schenken, gleichzusetzen mit der Handlung des Mörders, der seinem Opfer den Bauch aufschlitzt, um es umzubringen; eine Gleichheit aufgrund der Tatsache, dass beide sich ähnelnde Instrumente benutzen: das Messer, das eine Handlung am gleichen Objekt ausübt: dem Unterleib, und wobei eine sich ähnelnde Technik verwendet wird: das Öffnen des Unterleibes.
Das, worauf es am meisten ankommt, ist nicht zu wiederholen: "Gewalt, Gewalt", sondern die grundlegenden Unterschiede deutlich herauszustellen und klar festzulegen, worin, warum und wie die Gewalt des Proletariats sich von dem Terror und dem Terrorismus der anderen Klassen abhebt und unterscheidet.
Wir stellen keinen Unterschied her zwischen Terror und Klassengewalt aus terminologischen Gründen, aus Streitgründen oder weil wir eine