Internationale Revue - 1990

  

Internationale Revue Nr. 12

Die Arbeiterklasse vor einer schwierigeren Lage

Der Stalinismus war die Speerspitze der schlimmsten Konterrevolution, die die Arbeiterklasse während ihrer bisherigen Geschichte hinnehmen mußte. Diese Konterrevolution machte insbesondere das größte Abschlachten aller Zeiten, den 2. Weltkrieg, möglich und das Versinken der Gesellschaft in einer bis dahin nie in diesem Ausmaß gekannten Barbarei. Nach dem wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch der sog. ‚sozialistischen’ Länder, der faktischen Auflösung des von der UdSSR beherrschten imperialistischen Blocks liegt jetzt der Stalinismus als politisch-ökonomische Organisationsform des Kapitals und als Ideologie im Sterben. Einer der größten Feinde der Arbeiterklasse verschwindet. Aber die Auflösung dieses Feindes macht das Leben der Arbeiterklasse und deren Aufgabe nicht leichter. Im Gegenteil: selbst während er im Sterben liegt, erweist der Stalinismus dem Kapitalismus noch einen letzten Dienst. Dies wollen wir anhand dieses Artikels aufzeigen.

In der ganzen Menschengeschichte stellt der Stalinismus sicherlich die tragischste und verachtenswerteste Erscheinung dar, die es je gegeben hat. Dies ist so, nicht nur weil er die direkte Verantwortung für das Massaker an Dutzenden von Millionen von Menschen trägt, oder weil er jahrzehntelang einen erbarmungslosen Terror gegenüber nahezu einem Drittel der Menschheit ausgeübt hat, sondern und vor allem, weil er sich als der schlimmste Feind der kommunistischen Revolution erwiesen hat, das heißt der Voraussetzung der Befreiung des Menschengeschlechts von den Ketten der Ausbeutung und der Unterdrückung im Namen gerade dieser kommunistischen Revolution. Somit trägt er die Hauptschuld für die Zerstörung des Bewußtseins in der Weltarbeiterklasse während der schlimmsten Zeit der Konterrevolution in der Geschichte der Arbeiterklasse.

DIE ROLLE DES STALINISMUS IN DER KONTERREVOLUTION

Seitdem sie ihre politische Herrschaft über die Gesellschaft errichtet hat, hat die Bourgeoisie in dem Proletariat immer ihren schlimmsten Feind gesehen. Z.B. während der bürgerlichen Revolution selber Ende des 18. Jahrhunderts, deren 200-Jahrfeier mit viel Pomp betrieben wurde, hat die Kapitalistenklasse sofort das subversive Wesen der Ideen eines Babeufs erkannt. Deshalb hat sie ihn auf das Schafott geschickt, obgleich seine Bewegung damals noch keine wirkliche Bedrohung für den kapitalistischen Staat (1) darstellen konnte. Die ganze Geschichte der bürgerlichen Herrschaft ist durch eine Reihe von Massakern an Arbeitern gekennzeichnet, die alle mit dem Ziel ausgeführt wurden, diese Herrschaft zu schützen: Massaker der Lyoner Seidenarbeiter 1831, der schlesischen Weber 1844, der Pariser Arbeiter im Juni 1848, der Kommunarden 1871, der Aufständischen von 1905 im russischen Reich. Um diese Blutbäder durchzuführen, hat die Bourgeoisie immer in ihren klassischen politischen Reihen die Handlanger finden können, die sie für solche Aufgaben benötigte. Aber als die proletarische Revolution auf der Tagesordnung der Geschichte stand, hat sie sich nicht darauf beschränkt, nur auf Leute aus diesen Reihen zurückgreifen, um ihre Macht zu schützen. Sie hat sich an die verräterischen Parteien gewandt, an Organisationen, die die Arbeiterklasse zuvor selbst in die Welt gesetzt hatte. Damit übernahmen diese ehemaligen Arbeiterparteien die Aufgabe der Unterstützung der traditionellen bürgerlichen Parteien, oder sie traten gar an die Spitze der bürgerlichen Macht, um diese zu verteidigen. Die besondere Rolle dieser Neu-Rekrutierten der Bürgerlichen, ihre nunmehr unabdingbare und unersetzbare Funktion, bestand in ihrer Fähigkeit, aufgrund ihres Ursprungs und ihres Namens eine ideologische Kontrolle über die Arbeiterklasse auszuüben, um ihre Bewußtseinsentwicklung zu behindern und sie auf das Terrain der Feindesklasse zu führen. So bestand die große Ehre der Sozialdemokratie als bürgerliche Partei, ihr herausragender Schritt in ihrer Laufbahn nicht so sehr darin, direkt für das Massaker an den Arbeitern vom Januar 1919 in Berlin verantwortlich zu sein (bei dem der Verteidigungsminister, der Sozialdemokrat Noske seine Rolle selbst als die eines „Bluthunds" bezeichnete), sondern schon als Anwerber für den Ersten Weltkrieg gewirkt zu haben und schließlich als Hauptmystifizierungskraft der Arbeiterklasse, um sie in dieser revolutionären Welle von Kämpfen, die dem imperialistischen Weltkrieg folgten und ihm ein Ende setzten, zu spalten und ihre Kräfte zu zerstreuen. Tatsächlich hat nur der Verrat des opportunistischen Flügels, der die meisten Parteien der II. Internationale beherrschte, sein Wechsel ins Lager der Bourgeoisie, die Mobilisierung der europäischen Arbeiterklasse im Namen der „Verteidigung der Zivilisation", der „nationalen Verteidigung", dieses Abschlachtens möglich gemacht. Ebenso hat die Politik dieser Parteien, die weiterhin behaupteten, „sozialistisch" zu sein und deshalb noch über einen großen Einfluß innerhalb des Proletariats verfügten, eine wesentliche Rolle bei der Aufrechthaltung der demokratischen und reformistischen Illusionen in den Reihen des Proletariats gespielt. Diese Illusionen haben schließlich zu seiner Entwaffnung geführt und es ihm unmöglich gemacht, dem Beispiel der Arbeiter in Rußland mit dem erfolgreichen Oktoberaufstand von 1917 zu folgen.

Während dieser Zeit hatten sich die Elemente und Fraktionen, welche sich gegen diesen Verrat gewehrt hatten, und die entschlossen die Fahne des Internationalismus und der proletarischen Revolution hochhielten, innerhalb der kommunistischen Parteien zusammengeschlossen, die jeweils eine Sektion der 3. Internationale bildeten. Aber diese gleichen Parteien sollten in der nachfolgenden Zeit eine ähnliche Rolle spielen wie die sozialistischen Parteien. Vom Opportunismus zerfressen, dem das Scheitern der Weltrevolution überall die Türen geöffnet hatte, wurden diese Parteien, nachdem sie anfänglich eine treue Gefolgschaft gegenüber der Führung einer „Internationale" praktiziert hatten, welche zunächst die Revolution vorangetrieben hatte, immer mehr zu einem einfachen Instrument der Diplomatie des russischen Staats, der seine Integration in die bürgerliche Welt anstrebte. Dabei schlugen die kommunistischen Parteien den gleichen Weg wie ihre Vorgänger ein. Ähnlich wie die sozialistischen Parteien haben auch sie sich vollständig in den politischen Apparat des nationalen Kapitals ihres jeweiligen Landes eingegliedert. Aber gleichzeitig beteiligten sie sich bei der Niederschlagung des letzten Aufbäumens der revolutionären Welle nach dem Krieg in China 1927-28, und vor allem waren sie mit ausschlaggebend bei der Umwandlung der Niederlage der Weltrevolution in eine schreckliche Konterrevolution.

Nach dieser Niederlage waren die Konterrevolution, die Demoralisierung und die Verwirrung des Proletariats unvermeidbar. Aber die Form, in der diese Konterrevolution in der UdSSR selber auftrat - es kam nicht zum Umsturz der Macht, die im Oktober 1917 entstanden war, sondern zu einem Niedergang, Entartung dieser Macht und der Partei, die diese Macht in den Händen hielt - ließ diese ein Ausmaß und eine unvergleichbar größere Bedeutung annehmen, als wenn die Revolution unter den Schlägen der Weißen Armeen zerbrochen worden wäre. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU), die zuvor die unumstrittene Avantgarde des Weltproletariats bei der Revolution von 1917 als auch bei der Gründung der Kommunistischen Internationale von 1919 gewesen war, hat sich nach ihrer Eingliederung in den post-revolutionären Staat und den damit entstehenden Verwirrungen zu einem Hauptagent der Konterrevolution in der UdSSR entwickelt. Sie wurde zu einem wahren Henker der Arbeiterklasse (2). Aber aufgrund der Ruhmestaten der Vergangenheit hinterließ sie noch viele Illusionen bei der Mehrheit der anderen kommunistischen Parteien und ihrer Militanten, sowie auch bei den großen Massen des Weltproletariats. Aufgrund dieses Prestiges, aus dem die kommunistischen Parteien der anderen Länder zum Teil einen Nutzen schlagen, wurden von diesen Militanten und Massen all diese Verrate toleriert, die der Stalinismus zu jener Zeit ausüben sollte. Insbesondere die Aufgabe des proletarischen Internationalismus unter dem Deckmantel des „Aufbaus des Sozialismus in einem einzigen Land", der Gleichstellung des „Sozialismus" mit dem Kapitalismus, der sich in der UdSSR in seinen barbarischsten Formen gebildet hatte, die Unterwerfung der Kämpfe des Weltproletariats unter die Bedürfnisse der Verteidigung des „Sozialistischen Vaterlands" und schließlich die Verteidigung der Demokratie gegen den Faschismus, haben all diese Lügen und Mystifizierungen zum großen Teil das Vertrauen der Arbeitermassen ausgenützt, weil diese Lügen von den Parteien verbreitet wurden, die sich weiterhin als die wirklichen Erben der Oktoberrevolution darstellten, obgleich sie deren Mörder waren. Diese Lüge, die Gleichstellung zwischen Stalinismus und Kommunismus, ist wahrscheinlich die größte Lüge der Geschichte. Auf jeden Fall ist sie die ekelhafteste, widerwärtigste, die alle Teile der Weltbourgeoisie mitgetragen haben (3). Sie hat es ermöglicht, daß die Konterrevolution das bekannte Ausmaß annahm, wodurch mehrere Generationen von Arbeitern gelähmt und in dem zweiten imperialistischen Krieg abgeschlachtet wurden. Dadurch wurden auch die kommunistischen Fraktionen ausgemerzt, die gegen den Niedergang der Kommunistischen Internationale und ihrer Parteien angekämpft hatten, oder diese Fraktionen wurden zu kleinen, vollständig isolierten Kernen reduziert.

Insbesondere während der 30er Jahre übernahmen die stalinistischen Parteien einen Großteil der Arbeit bei der Kanalisierung und Ableitung der Wut und Kampfbereitschaft der Arbeiter auf ein bürgerliches Terrain, nachdem diese brutal von der Weltwirtschaftskrise getroffen wurden. Aufgrund des Ausmaßes und der Schärfe der Krise von 1929 war sie das unleugbare Zeichen des historischen Scheiterns der kapitalistischen Produktionsweise und hätte als solche unter anderen Bedingungen der Hebel für eine neue revolutionäre Welle darstellen können. Aber die Mehrheit der Arbeiter, die sich zu einer solchen Perspektive hingewendet hätten, sind Gefangene der Fallen des Stalinismus geblieben, der vorgab, die Tradition der Weltrevolution weiterzuführen. Im Namen der Verteidigung des „Sozialistischen Vaterlandes" und im Namen des Antifaschismus haben die stalinistischen Parteien systematisch jeden Inhalt des proletarischen Klassenkampfes während dieser Zeit getötet und die Kämpfe zu einer Unterstützung für die bürgerliche Demokratie werden lassen, wenn sie nicht gar direkt den Vorbereitungen für den imperialistischen Weltkrieg dienten. Dies war z.B. bei der „Volksfront" in Frankreich und Spanien der Fall, als eine große Kampfbereitschaft der Arbeiter durch den Antifaschismus vernichtet und in Sackgassen gelenkt wurde, der vorgab, im Namen der Arbeiter zu handeln. Die Stalinisten leisteten dabei wertvolle Schützenhilfe. Hierbei haben die stalinistischen Parteien bewiesen, daß sie auch außerhalb der Sowjetunion, wo sie seit Jahren schon die Rolle des Henkers spielten, ihre sozialdemokratischen Meister bei der Aufgabe der Niederschlagung der Arbeiter übertroffen hatten (siehe insbesondere ihre Rolle bei der Niederschlagung des Aufstands des Proletariats von Barcelona im Mai 1937, siehe dazu den Artikel „Blei, Maschinengewehre, Gefängnis..." in der International Review Nr. 7) Im Namen der Opfer, für die er weltweit direkt verantwortlich ist, gehört der Stalinismus direkt neben dem Faschismus, diesem anderen Flügel der Konterrevolution, auf die Anklagebank. Aber seine arbeiterfeindliche Rolle ist deshalb noch größer, weil er diese Verbrechen im Namen der kommunistischen Revolution und des Proletariats beging, wodurch in den Reihen des Proletariats dessen Bewußtsein in einem bislang nie dagewesenen Maße zurückging.

Der Einfluß der kommunistischen Parteien am Ende und nach dem Ersten Weltkrieg nahm zu einer Zeit zu, als sich die revolutionäre Welle voll entfaltete, ihr Einfluß stand direkt mit der Kampfbereitschaft und vor allem dem Bewußtsein der gesamten Arbeiterklasse im Zusammenhang. Aber die Entwicklung ihres Einflusses von Anfang der 30er Jahre an schlug um, als das Bewußtsein in der Arbeiterklasse sich zurückentwickelte. Zur Zeit ihrer Gründung waren sie in gewisser Hinsicht ein Gradmesser der Macht der Revolution. Aber nachdem sie vom Stalinismus an die Bourgeoisie verkauft worden waren, spiegelte die Stärke der Parteien, die sich weiterhin kommunistisch nannten, nur die Tiefe der Konterrevolution wider.

Deshalb war der Stalinismus nie so stark wie direkt nach dem 2. Weltkrieg. Diese Phase war der Höhepunkt der Konterrevolution. Insbesondere mit Hilfe der stalinistischen Parteien, deren Mitwirken unerläßlich war, um ein neues imperialistischen Abschlachten zu ermöglichen, und die die besten Rekruteure der Befreiungsbewegungen waren, führte dieses Gemetzel im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg nicht zu einer neuen revolutionären Bewegung des Proletariats. Die Besetzung eines Großteils Europas durch die Rote Armee (4) einerseits sowie die Beteiligung der stalinistischen Parteien an den Regierungen der Befreiung andererseits haben die Regungen der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse auf ihrer Ebene noch mehr durch den Terror oder die Verschleierungen zum Schweigen gebracht. Dies wiederum ließ die Arbeiter in eine noch größere Verwirrung verfallen als am Vorabend des 2. Weltkriegs. Dabei hat der Sieg der Alliierten, zu dem der Stalinismus im großen Maße beigetragen hat, nicht die Kampfbedingungen für die Arbeiterklasse erleichtert (im Gegensatz zu den Behauptungen der Trotzkisten, als sie ihr Mitwirken an der Resistance rechtfertigten), sondern nur noch das Gewicht der bürgerlichen Ideologie verstärkt. Dieser Sieg, der als der Triumph der Demokratie und der Zivilisation über die faschistische Barbarei dargestellt wurde, ermöglichte es der Bourgeoisie, die Fassade der demokratischen Illusionen und den Glauben an einen menschlichen und zivilisierten Kapitalismus zu verstärken. So wurde die Konterrevolution um Jahrzehnte verlängert.

Es ist übrigens kein Zufall, daß das Ende dieser Konterrevolution, das historische Wiedererstarken der Kämpfe der Arbeiterklasse von 1968 an mit einer bedeutsamen Abschwächung des Gewichtes des Stalinismus und dem der Illusionen über den Charakter der UDSSR und die antifaschistischen Mystifikationen in den Reihen der Arbeiter zusammenfällt. Dies wurde gerade deutlich in den beiden westlichen Ländern, in denen es die stärksten kommunistischen Parteien gab, und in denen sich die wichtigsten Kämpfe dieses Wiederaufschwungs abspielten: 1968 in Frankreich und 1969 in Italien.

WIE DIE BOURGEOISIE AUS DEM ZUSAMMENBRUCH DES STALINIMSUS NUTZEN SCHLÄGT

Diese Abschwächung des ideologischen Gewichts des Stalinismus innerhalb der Arbeiterklasse steht zu einem Großteil mit der Tatsache im Zusammenhang, daß die Arbeiter gesehen haben, was wirklich hinter den Ländern steckt, die sich sozialistisch nennen. In den vom Stalinismus beherrschten Ländern selber haben die Arbeiter schnell feststellen können, daß der Stalinismus zu den schlimmsten Feinden der Arbeiterklasse gehört. Von 1953 in Ostdeutschland, 1956 in Polen und in Ungarn haben die Arbeiteraufstände und die blutigen Niederschlagungen den Beweis erbracht, daß die Arbeiter in diesen Ländern keine Illusionen über den Stalinismus hatten. Diese Ereignisse (sowie ebenfalls die bewaffnete Intervention der Warschauer Pakt-Staaten in der CSSR 1968) haben bei vielen Arbeitern im Westen die Augen geöffnet (5), aber das war noch nicht so stark wie die Arbeiterkämpfe von 1970, 76 und 1980 in Polen, weil diese viel mehr auf dem Boden der Arbeiterklasse stattfanden, und weil sie sich zu einem Zeitpunkt des internationalen Erstarkens der Arbeiterkämpfe entwickelten. So wurde den Arbeitern in der westlichen Welt das arbeiterfeindliche Wesen der stalinistischen Regime viel deutlicher. Deshalb haben die stalinistischen Parteien sich während dieser Kämpfe etwas von der Repression distanziert, mit der gegen die Arbeiter vorgegangen wurde.

Ein anderes Element, das zum Verschleiß der stalinistischen Mystifikationskraft beigetragen hat, ist die Offenlegung des Scheiterns der ‚sozialistischen Wirtschaft’. In dem Maße wie dieses Scheitern offenbar wurde und damit die stalinistischen Mystifizierungen sich abschwächten, nutzte die westliche Bourgeoisie dies aus, um ihre Kampagnen zur ‚Überlegenheit des Kapitalismus über den Sozialismus’ zu entfachen. Auch wurden die demokratischen und gewerkschaftlichen Illusionen der Arbeiter in Polen von der Bourgeoisie voll ausgenutzt, um vor allem nach 1980 mit der Gründung von Solidarnosc das Ansehen der Gewerkschaften unter den Arbeitern des Westens aufzupolieren. Insbesondere das Aufblühen dieser Illusionen, die noch durch die Repression vom Dez. 1981 und die Illegalisierung Solidarnoscs verstärkt wurde, liefert die Grundlage für das Begreifen der Verwirrung und des Rückflusses des Klassenkampfes Anfang der 80er Jahre.

Das Wiedererstarken des Klassenkampfes vom Herbst 1983 an, das eine neue Welle von massiven Kämpfen in den meisten entwickelten Industrieländern hervorbrachte und insbesondere in Westeuropa, die Gleichzeitigkeit selber dieser Kämpfe auf internationaler Ebene bewiesen, daß die Arbeiterklasse dabei war, sich von dem Gewicht der Illusionen und der Mystifizifierungen zu lösen, die sie in der vorhergehenden Phase gelähmt hatten. Insbesondere das Verdrängen der Gewerkschaften und gar ihre Verwerfung, die vor allem während des Eisenbahnerstreiks in Frankreich Ende 1986 und während der Streiks im Erziehungswesen in Italien 1987 deutlich geworden waren, die Errichtung von Kontroll- und Auffangstrukturen durch die Linken in diesen und einigen anderen Ländern, welche alle als nicht zu den Gewerkschaften zugehörig auftraten und sich den Namen Koordinierung gaben, spiegelten auch die Schwächung dieser gewerkschaftlichen Mystifizierung wider. Damit einher ging eine Schwächung der parlamentarischen Mystifizierung, die durch eine immer größere Zahl von Stimmenthaltungen, Nicht-Wahlbeteiligung insbesondere in den Arbeitervierteln offensichtlich wurde. Aber heute hat es die Bourgeoisie aufgrund des Zusammenbruchs der stalinistischen Regime und den damit ausgelösten Medienkampagnen geschafft, diese Tendenz wieder umzukehren, die Mitte der 80er Jahre so deutlich in Erscheinung getreten war.

Während die Ereignisse in Polen zwischen 1980-81, d.h. natürlich nicht die Arbeiterkämpfe sondern die gewerkschaftlichen und demokratischen Fallen, in die die Arbeiter reingelaufen waren (sowie die Repression, zu der diese Fallen führten), es den Herrschenden ermöglicht hatten, innerhalb der Arbeiterklasse der fortgeschritteneren Länder eine beträchtliche Desorientierung hervorzurufen, kann der jetzige vollständige und historische Zusammenbruch des Stalinismus nur zu einer noch größeren Verwirrung in der Arbeiterklasse führen.

Die heutigen Ereignisse spielen sich auf einer ganz anderen Ebene ab als die von Polen 1980. Hier steht nicht ein einziges Land im Vordergrund. Alle Länder eines imperialistischen Blocks, angefangen von dem wichtigsten unter ihnen, der UdSSR, sind heute betroffen. Die stalinistische Propaganda konnte die Schwierigkeiten des Regimes in Polen als das Ergebnis der Fehler Giereks darstellen. Heute denkt niemand, auch nicht die neuen Führer Polens, daran, die Verantwortung der Schwierigkeiten ihres Regimes auf die Politik der Führer der letzten Jahre zurückzuführen. Vielmehr nennen viele Führer, insbesondere die aus Ungarn, die ganze Struktur der Wirtschaft und die politische Praxis als irrsinnig, die von Anfang an so typisch war für die stalinistischen Regime. Solch ein Eingeständnis des Scheiterns durch die jetzigen Führer ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Medienkampagnen der westlichen Bourgeoisie.

Der zweite Grund, weshalb die Bourgeoisie ihre Chance voll ausnützt und den Zusammenbruch des Stalinismus und des von ihm beherrschten Blocks ausschlachtet, liegt in der Tatsache, daß dieser Zusammenbruch nicht das Ergebnis des Klassenkampfes, sondern eines vollständigen Scheiterns der Wirtschaft dieser Länder ist. Bei den bedeutenden Ereignissen dieser Zeit in den osteuropäischen Ländern ist das Proletariat als Klasse, als Träger einer dem Kapitalismus entgegen gesetzten Politik, vollständig abwesend. Und das ist schmerzhaft zu spüren. Die Arbeiterstreiks, die letzten Sommer in den Bergwerken der UdSSR stattgefunden haben, sind eher eine Ausnahme und zeigen wiederum durch das Gewicht der Mystifikationen, die sie zum Vorschein gebracht haben, die politische Schwäche das Proletariats dieses Landes auf. Sie waren hauptsächlich eine Folge des Zusammenbruchs des Stalinismus und kein aktiver Faktor bei diesem Zusammenbruch. Übrigens drehten sich die meisten Streiks, die in der letzten Zeit in der UdSSR stattgefunden haben, nicht um die Verteidigung der Interessen von Arbeitern, sondern sie fanden statt auf einem nationalistischen Terrain (baltischen Republiken, Armenien, Aserbaidschan usw.) und damit auf einem bürgerlichen Terrain. Auch kann man in den meisten Massendemonstrationen, die zur Zeit die Länder Osteuropas erschüttern, insbesondere die DDR, CSSR und Bulgarien, und die einige Regierungen dazu gezwungen haben, alte Leute schnell über Bord zu schmeißen, keinen Funken von Forderungen sehen, die den Interessen und dem Wesen der Arbeiterklasse entsprechen würden. Diese Demos sind vollständig von typisch und ausschließlich bürgerlichen, demokratischen Forderungen geprägt: „freie Wahlen, Freiheit, Rücktritt der KPs von der Regierung usw. Während der Einfluß der demokratischen Kampagnen, die während der Ereignisse in Polen 1980-81 stattfanden, dadurch etwas begrenzt worden war, daß sie ihren Ursprung im Klassenkampf hatten, kann das Fehlen von bedeutsamen Klassenkämpfen in den osteuropäischen Ländern jetzt nur noch die zerstörerischen Auswirkungen der gegenwärtigen Kampagnen der Bourgeoisie verstärken.

Auf einer allgemeineren Ebene, nämlich dem Zusammenbruch eines ganzen imperialistischen Blocks, dessen Auswirkungen gewaltig sind, kann die Tatsache, daß dieses bedeutsame geschichtliche Ereignis unabhängig von der Arbeiterklasse stattgefunden hat, nur das Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit innerhalb der Arbeiterklasse verstärken. Das soll aber nicht vergessen machen, daß diese Ereignisse letzten Endes, wie die hier veröffentlichten Thesen zeigen, nur stattgefunden haben, weil die Bourgeoisie weltweit unfähig war, die Arbeiterklasse bislang für einen dritten imperialistischen Weltkrieg zu mobilisieren. Es war der Klassenkampf gewesen, der 1917 in Rußland den Zarismus und dann die Bourgeoisie gestürzt und danach den ersten Weltkrieg zu Ende gebracht hatte, und das Kaiserreich in Deutschland zusammenbrechen ließ. Dies war zum großen Teil der Ausgangspunkt der ersten revolutionären Welle, die weltweit zu spüren war. Weil aber der Klassenkampf nur ein zweitrangiger Faktor bei dem Zusammenbruch der Länder der westlichen Achse und bei der Beendigung des 2. Weltkriegs war, hat dies eine lähmende und verwirrende Wirkung in den Reihen des Proletariats nach Kriegsende gehabt. Heute ist es ebenso von Bedeutung, daß der Ostblock unter den Hammerschlägen der Wirtschaftskrise zusammengebrochen ist, und nicht unter den Schlägen des Klassenkampfes. Wenn er unter dem Klassenkampf zusammengebrochen wäre, wäre dadurch das Selbstvertrauen der Arbeiterklasse gestiegen, und nicht - wie es heute der Fall ist - gesunken. Weil der Zusammenbruch des Ostblocks nach einem Zeitraum des kalten Krieges mit dem westlichen Block stattfindet, bei dem der Westen als der kampflose Sieger dieses Krieges erscheint, wird dies darüberhinaus in den westlichen Ländern und auch unter den Arbeitern ein Gefühl der Euphorie und des Vertrauens gegenüber ihren Regierungen hervorbringen, das (in einem gewissen Maße jedenfalls) ähnlich dem Gefühl der Arbeiter in den Siegerländern nach den beiden Weltkriegen ist, die mit eine Ursache des Scheiterns der revolutionären Welle von 1917-23 waren.

Solch eine für das Bewußtsein der Arbeiterklasse katastrophale Euphorie wird natürlich viel begrenzter sein aufgrund der Tatsache, daß die Welt jetzt nicht einen neuen Weltkrieg hinter sich hat. Jedoch werden die furchtbaren Auswirkungen der gegenwärtigen Lage noch durch die Euphorie bestimmter Bevölkerungsteile der osteuropäischen Länder verstärkt, und die auch im Westen ihren Einfluß zeigen werden. So verglichen die Presse und einige Politiker das Gefühl nach der Öffnung der Berliner Mauer, das das klassische Symbol des Terrors ist, mit dem der Stalinismus regierte, mit dem Gefühl nach der Befreiung nach 1945. Es ist kein Zufall: die Gefühle der Bevölkerung der DDR nach der Öffnung der Mauer waren vergleichbar mit dem Gefühl der Bevölkerung, die jahrelang die Besatzung und den Terror durch die Nazis ertragen hatten müssen. Aber wie uns die Geschichte bewiesen hat, gehören diese Gefühle und Emotionen zu den schlimmsten Hindernissen für die Bewußtseinsentwicklung der Arbeiterklasse. Die von den Menschen in Osteuropa empfundene Freude über den Zusammenbruch des Stalinismus und vor allem die damit verbundene Verstärkung der demokratischen Illusionen wird auch in der Arbeiterklasse des Westens zu spüren sein. Insbesondere trifft dies für die Arbeiter in Deutschland zu, deren Gewicht innerhalb der Weltarbeiterklasse im Hinblick auf die proletarische Revolution besonders groß ist. Auch muß die Arbeiterklasse in Deutschland dem Gewicht der nationalistischen Mystifizierungen im Hinblick auf die Perspektive einer Wiedervereinigung Deutschlands entgegentreten, die - obgleich noch nicht unmittelbar auf der Tagesordnung - diese nur verstärken wird.

Diese nationalistischen Mystifizierungen sind jetzt schon sehr stark unter den Arbeitern der meisten osteuropäischen Länder. Sie sind nicht nur unter den Arbeitern der verschiedenen Republiken der UdSSR vorhanden. Sie lasten auch schwer auf den Arbeitern der Volksdemokratien, insbesondere aufgrund der brutalen imperialistischen Herrschaftsweise des Großen Bruders SU. Die blutigen Interventionen der russischen Panzer in der DDR 1953, in Ungarn 1956 und in der CSSR 1968 sowie die jahrzehntelange systematische Plünderung der Wirtschaft dieser Satellitenländer haben nur Öl aufs Feuer dieser Mystifizierungen gegossen. Neben den demokratischen und gewerkschaftlichen Illusionen haben sie zum Großteil 1980-81 zur Verwirrung der Arbeiter in Polen beigetragen, was wiederum die Niederschlagung des Dezembers 1981 möglich gemacht hat. Mit dem Auseinanderbrechen des Ostblocks werden diese noch mehr Auftrieb erhalten und die Bewußtwerdung der Arbeiterklasse weiterhin erschweren. Diese nationalistischen Mystifizierungen werden ebenfalls den Arbeitern des Westens zu schaffen machen. Dies wird (abgesehen von Deutschland) nicht notwendigerweise direkt durch eine Verstärkung des Nationalismus in ihren Reihen zu spüren sein, sondern durch die Entstellung, Verdrehung und das geringe Ansehen, das in ihrem Bewußtsein die Idee selber des proletarischen Internationalismus haben wird. Dieser Begriff wurde durch den Stalinismus total entstellt und im gleichen Atemzug durch alle bürgerlichen Kräfte, die es allemal mit der imperialistischen Herrschaft der UdSSR über ihren Block gleichgesetzt und dargestellt haben. So wurde 1968 die Intervention der Panzer der Staaten des Warschauer Paktes in der CSSR im Namen des proletarischen Internationalismus durchgeführt. Der Zusammenbruch und die Verwerfung des stalinistischen Internationalismus durch die Bevölkerung der osteuropäischen Länder wird ein negatives Gewicht auf das Bewußtsein der Arbeiter des Westens haben. Dabei wird die westliche Bourgeoisie keine Gelegenheit verpassen, um dem wirklichen proletarischen Internationalismus ihre internationale Solidarität entgegensetzen, die sie als eine Hilfe für die Wirtschaften der in Not geratenen osteuropäischen Länder versteht (wenn es nicht direkt um Aufrufe für Almosen geht) oder den Forderungen nach Demokratie, wenn wir es mit einer brutalen Repression zu tun bekommen (man erinnere sich an die Kampagnen zu Polen 1981 oder der jüngsten Kampagne zu China).

Hier handelt es sich um den Kern der gegenwärtig von der Bourgeoisie entfalteten Kampagnen, deren eigentliches und grundsätzliches Ziel darin besteht zu behaupten, daß mit dem Zusammenbruch des Stalinismus auch die Perspektive selber der kommunistischen Weltrevolution gescheitert sei. Der Internationalismus ist nur einer der Aspekte dieser Perspektive. Die Medien legen immer wieder die alte Platte auf: „Der Kommunismus ist tot, er ist gescheitert". Dies faßt all das zusammen, was die Herrschenden aller Länder den Arbeitern bis zum geht nicht mehr eintrichtern wollen. Und die Lüge, die schon alle bürgerlichen Kräfte in der Vergangenheit in den schlimmsten Zeiten der Konterrevolution einstimmig haben verbreiten wollen, wird heute auch wiederum einhellig von den gleichen Stimmen verbreitet. Mit Hilfe dieser Gleichstellung zwischen Stalinismus und Kommunismus konnte die Bourgeoisie in den 30er Jahren die Arbeiterklasse für den Stalinismus mobilisieren, um ihre Niederlage zu besiegeln. Wo heute die Stalinisten in den Augen der Arbeiter vollkommen ihr Gesicht verloren haben, dient diese gleiche Lüge dazu, um sie von der Perspektive des Kommunismus abzuhalten.

In den Ländern Osteuropas leidet die Arbeiterklasse schon seit langem unter solch einer Verwirrung: wenn das Gerede von der Diktatur des Proletariats gleichgestellt wird mit Polizeiterror, wenn Macht der Arbeiterklasse zynische Machtausübung durch die Bürokraten bedeutet, und wenn Sozialismus brutale Ausbeutung, Misere, Mangel und Verschwendung darstellt, wenn man in der Schule Zitate von Marx oder Lenin auswendig lernen muß, wird man von all dem natürlich angeekelt. So verwirft man die Grundlagen selber der historischen Perspektive des Proletariats, man weigert sich prinzipiell, die Grundsatztexte der Arbeiterbewegung zu lesen, verwirft die Begriffe wie Arbeiterbewegung und Arbeiterklasse selber, weil sie als etwas Obszönes aufgefaßt werden. Auf solch einem Hintergrund ist die Idee einer Revolution der Arbeiterklasse selber vollkommen unglaubwürdig. „Warum soll man noch mal wie im Oktober 1917 anfangen, wenn das schließlich doch nur zur stalinistischen Barbarei führt?" Diese Aussagen versucht zur Zeit die herrschende Klasse in den westlichen Ländern durch den Zusammenbruch und den Todeskampf des Stalinismus zu vermitteln. So soll eine ähnliche Verwirrung unter den Arbeitern des Westens hervorgerufen werden. Und der Bankrott des Stalinismus ist so offensichtlich und spektakulär, daß ihr dies zum Teil gelingt.

So werden all diese Ereignisse in den osteuropäischen Ländern, die auch ihren Widerhall auf der ganzen Welt finden, noch eine zeitlang auf negative Art die Bewußtseinsentwicklung der Arbeiterklasse behindern. Kurzfristig wird die Öffnung des Eisernen Vorhangs, der die Weltarbeiterklasse in zwei Teile spaltete, es den Arbeitern im Westen noch nicht ermöglichen, ihre Erfahrung in den Kämpfen mit den Fallen und Mystifizierungen, welche die stärkste Bourgeoisie auf der Welt ihnen stellte, an ihre Klassenbrüder in Osteuropa weiterzugeben. Im Gegenteil: die besonders unter den Arbeitern in Osteuropa stark verbreiteten Illusionen über die Demokratie, ihr Glaube an die Überlegenheit des Kapitalismus über den Sozialismus werden auch im Westen zu spüren sein, wodurch die Erfahrungen der Arbeiter in diesem Teil der Welt kurzfristig und vorübergehend darunter leiden werden. Somit schafft es die Bourgeoisie heute noch, den Todeskampf dieses Stalinismus, diesem typischen Instrument der Konterrevolution, gegen die Arbeiterklasse einzusetzen.

DIE PERSPEKTIVEN DES KLASSENKAMPFES

Der Zusammenbruch der stalinistischen Regime, der im wesentlichen zurückzuführen ist auf das vollständige Scheitern ihrer Wirtschaft, kann auf dem Hintergrund der weltweiten Vertiefung der kapitalistischen Wirtschaftskrise diese nur noch verschärfen. Für die Arbeiterklasse dieser Länder bedeutet das noch mehr Angriffe und Misere, gar Hungersnöte, so wie sie das vorher lange nicht mehr erlebt hat. Dies wird notwendigerweise Wutausbrüche der Arbeiterklasse hervorrufen. Aber die politischen und ideologischen Bedingungen sind in den osteuropäischen Ländern derart ungünstig, daß die Kampfbereitschaft eine ganze Zeitlang noch nicht zu einer wirklichen Entwicklung des Bewußtseins führen wird. Das Chaos und die Erschütterungen, die den wirtschaftlichen und politischen Bereich erschüttern, die Barbarei und das Verfaulen der gesamten kapitalistischen Gesellschaft, die hier auf konzentrierteste und karikaturalste Weise zum Ausdruck kommen, werden dort nicht solange zur Erkenntnis der Notwendigkeit der Überwindung dieses Systems führen, wie solch eine Erkenntnis nicht unter den entscheidenden Bataillonen des Proletariats der großen Arbeiterkonzentrationen des Westens, insbesondere in Westeuropa, herangereift ist(6).

Wie wir gesehen haben, zielen auch die Kampagnen der Bourgeoisie gerade auf diesen Teil der Weltarbeiterklasse und bewirken einen Rückfluß ihres Bewußtseins. Das heißt nicht, daß sie gegenüber den wirtschaftlichen Angriffen des Kapitalismus, dessen Weltkrise nicht zu überwinden ist, hilflos geworden wären. Nein, das heißt vor allem, daß mehr noch als in den vergangenen Jahren diese Kämpfe eine Zeitlang eingesperrt bleiben werden von den Kontrollorganen der Arbeiterklasse, insbesondere von den Gewerkschaften, wie man es übrigens schon in den letzten Kämpfen sehen konnte. Insbesondere werden die Gewerkschaften Kapital schlagen aus der allgemeinen Verstärkung der Illusionen über die Demokratie. Auch werden ihre Manöver leichter durchführbar sein, weil sie die reformistische Ideologie leichter durchsetzen können, nachdem die Illusionen stärker geworden sind, daß der Kapitalismus jeder anderen Gesellschaft überlegen sei.

Aber die Arbeiterklasse von heute ist nicht die der 30er Jahre. Ihr steckt keine Niederlage in den Knochen wie die, welche sie nach der revolutionären Welle von 1917-23 hatte einstecken müssen. Die weltweite Krise des Kapitalismus ist unüberwindbar. Sie wird sich nur zuspitzen. Nach dem Zusammenbruch der ä3.Weltä Ende der 70er Jahre, nach dem gegenwärtigen Zusammenbruch der sog. sozialistischen Wirtschaften steht als nächster auf der Liste der Zusammenbruch der höchst entwickelten Länder, die bislang die schlimmsten Auswirkungen der Krise teilweise auf die Peripherie hatten abwälzen können. Die unvermeidbare Offenlegung des vollständigen Scheiterns nicht nur eines Teils des Kapitalismus, sondern der gesamten Produktionsweise wird die Grundlagen selber der Kampagnen der westlichen Bourgeoisie über die Überlegenheit des Kapitalismus selber zerbröckeln lassen. Langfristig wird die Entfaltung der Kampfbereitschaft der Arbeiter zu einer neuen Entwicklung ihres Bewußtseins hinführen, die jetzt durch den Zusammenbruch des Stalinismus behindert und unterbrochen wird. Es ist die Aufgabe der revolutionären Organisationen, zu dieser Entwicklung entscheidend beizutragen, nicht indem wir versuchen, die Arbeiter zu trösten, sondern indem wir offenlegen, daß ungeachtet der Schwierigkeiten des Kampfes es keinen anderen Weg gibt für die Arbeiterklasse als diesen, der zur kommunistischen Revolution hinführt. F.M. 25.11.89

  • (1) Es ist aufschlußreich, daß die ‚revolutionäre und demokratische’ französische Bourgeoisie nicht zögerte, die Erklärung der Menschenrechte zu verhöhnen, die sie selbst kurz zuvor angenommen hatte (und die heute so groß herausgeputzt wird), als sie nämlich jeglichen Zusammenschluß von Arbeitern untersagte (Gesetz Le Chapellier vom 14.6.1789). Dieses Gesetz wurde erst knapp ein Jahrhundert später 1884 abgeschafft.
  • (2) Der Niedergang und der Verrat fand nicht ohne den Widerstand der Arbeiterklasse und der bolschewistischen Partei statt. Insbesondere wurde ein Großteil der Militanten und fast alle Führer der Partei aus der Zeit des Oktober 1917 durch den Stalinismus ausgelöscht. Siehe dazu insbesondere „Der Niedergang der russischen Revolution" Internationale Revue Nr. 2 und „Die Kommunistische Linke in Russland" in International Review Nr. 8 + 9.
  • (3) In der 2. Hälfte der 20er Jahre und während der 30er Jahre hatte die demokratische Bourgeoisie des Westens bei weitem nicht diese ablehnende Haltung gegenüber dem barbarischen und totalitären Stalinismus, der erst mit dem kalten Krieg aufkam und der heute noch in diesen Kampagnen zur Schau getragen wird. Insbesondere unterstützte sie Stalin bei dessen Verfolgungen der Linksopposition und ihres Hauptführer, Trotzki. Nachdem Trotzki 1928 aus der UdSSR ausgewiesen worden war, wurde die Welt für ihn zu einem „Planeten ohne Visa". Alle Demokraten der Welt, an erster Stelle die Sozialdemokraten, die in Deutschland, GB, Norwegen, Schweden, Belgien oder in Frankreich an der Macht waren, stellten erneut ihre widerwärtige Heuchelei unter Beweis, als sie ihre ‚tugendhaften Prinzipien’ wie das Asylrecht fallenließen. Diese Leute haben auch nicht während der Moskauer Schauprozesse den Mund aufgemacht, als Stalin die alte Garde der bolschewistischen Partei unter der Beschuldigung des Hitler-Trotzkismus liquidierte. Diese Heuchler haben gar gesagt, daß es „keinen Rauch ohne Feuer" gebe. (siehe dazu auch Weltrevolution Nr. 40)
  • (4) Ein zusätzlicher Beweis dafür, daß die Regime, welche nach dem 2. Weltkrieg in Osteuropa an die Macht kamen (genauso wie das heutige Regime in der UdSSR), nichts mit der Regierung zu tun haben, die in Rußland 1917 die Macht übernahm, liegt in der Bedeutung des imperialistischen Kriegs bei ihrer jeweiligen Entstehung. Das Arbeiterwesen der Oktoberrevolution wird durch die Tatsache deutlich, daß sie GEGEN den imperialistischen Krieg entstanden ist. Das kapitalistische und arbeiterfeindliche Wesen der Volksdemokratien wird dagegen klar, wenn man berücksichtigt, daß sie MIT HILFE des imperialistischen Kriegs an die Macht gekommen sind.
  • (5) Dies ist sicherlich nicht der einzige Erklärungsgrund der Abschwächung des stalinistischen Einflusses in der Arbeiterklasse wie auch der Abschwächung der gesamten bürgerlichen Mystifikationen seit dem Ende des Weltkrieg und dem historischen Wiedererstarken der Arbeiterklasse Ende der 60er Jahre. In vielen Ländern (insbesondere in Nordeuropa) spielte der Stalinismus seit dem 2. Weltkrieg im Vergleich zur Sozialdemokratie nur noch eine zweitrangige Rolle bei der Kontrolle der Arbeiterklasse. Die Abschwächung der antifaschistischen Mystifizierungen aufgrund eines in den meisten Ländern fehlenden faschistischen Schreckgespenstes sowie der schon seit den 60er Jahren nachlassende Einfluß der Gewerkschaften (ob stalinistischer oder sozialdemokratischer Prägung), gehören ebenso zur Erklärung des sich abschwächenden Einflusses des Stalinismus und der Sozialdemokratie. Die Sozialdemokratie konnte nach den ersten Angriffen der offenen Krise wieder verstärkt in Erscheinung treten.
  • (6) Siehe unsere Position in „Das Proletariat Westeuropas im Zentrum der Generalisierung des Klassenkampfes" International Review Nr. 31.

Die Kontinuität der politischen Organisationen des Proletariats

Das Wesen der Sozialdemokratie

 

Die Dekadenz des Kapitalismus begreifen, heißt auch die Besonderheiten der Kampfformen des Arbeiterkampfes in unserem Zeitraum zu begreifen und damit die Unterschiede zu den anderen geschichtlichen Phasen. Durch das Begreifen dieser Unterschiede wird die Kontinuität deutlich, die die politischen Organisationen des Proletariats kennzeichnet.

Die wenigen, die wie die Groupe Communiste Internationaliste (GCI) die Dekadenz des Kapitalismus außer Acht lassen, ordnen "logischerweise" die II. Internationale (1889-1914) und die ihr angehörigen Parteien dem Lager der Bourgeoisie zu. Sie verwerfen damit diese wirkliche Kontinuität eines grundlegenden Elementes des Klassenbewußtseins.

Wenn wir diese Kontinuität verteidigen, kommt es uns nicht darauf an, die Parteien heute zu glorifizieren, die die II. Internationale bildeten. Noch weniger wollen wir damit deren Praxis als für heute gültig erachten. Wir wollen uns vor allem nicht auf das Erbe der reformistischen Fraktion berufen, die zum "Sozialchauvisnismus" abglitt und mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs endgültig ins Lager der Bourgeoisie überwechselte. Worauf es ankommt, ist zu begreifen, daß die II. Internationale und die sie bildenden Parteien echte Ausdrücke der Arbeiterklasse in einem bestimmten Zeitraum der Geschichte der Arbeiterbewegung waren.

Eines ihrer Verdienste, und das darf man nicht zu niedrig einschätzen, bestand darin, den Abgrenzungs- und Herausbildungsprozeß abzuschließen, der in den letzten Jahren der I. Internationale mit der Eliminierung der Anarchisten begonnen hatte, diesem ideologischen Element des Zerfallsprozesses der Kleinbourgeoisie und ihrer Proletarisierung, die von einigen Schichten der Handwerker sehr widerwillig akzeptiert worden war.

Die II. Internationale stützte sich von Anfang an auf die Grundlagen des Marxismus, den sie in ihr Programm aufnahm.

Es gibt zwei Arten, die II. Internationale und die sozial-demokratischen Parteien einzuschätzen: einmal mit der marxistischen Methode, d.h. kritisch, sie auf dem geschichtlichen Hintergrund einzuordnen. Die andere ist die des Anarchismus: die ohne zusammenhängende Methode und ahistorisch sich damit zufrieden gibt, einfach ihre Existenz in der Arbeiterbewegung zu leugnen oder wegzuwischen. Und dafür haben sie einen Grund!

Die erste Methode ist die, welche immer von der kommunistischen Linke verwandt wurde, und die auch die IKS benutzt. Die zweite ist die der Unverantwortlichen, die mit einer "revolutionären" Phraseologie, die ebenso leer wie inkohärent ist, schlecht ihr eigenes Wesen und ihre halb-anarchistische Vorgehensweise übertünchen wollen. Die GCI verfolgt die zweite Methode.

Ein apokalyptischer Nihilismus

"Vor mir das Chaos". Für denjenigen, der glaubt, es gebe keine Zukunft , "no future", scheint die vergangene Geschichte unnütz, absurd, widersprüchlich zu sein. So viele Bemühungen, soviel Zivilisation, soviel Wissen, nur um zu der Perspektive einer hungernden, kranken, durch einen Atomkrieg bedrohten Menschheit zu gelangen. "Nach mir die Sintflut" ... "vor mir das Chaos".

Diese Art "Punk"-Ideologie, die heutzutage vom Kapitalismus in dieser Epoche der fortgeschrittenen Dekadenz hervorgebracht wird, dringt in unterschiedlichem Ausmaß in die gesamte Gesellschaft ein. Selbst die revolutionären Elemente, von denen man vermuten müßte, daß sie von dem Vorhandensein, von dem unmittelbaren Bevorstehen einer revolutionären Zukunft der Gesellschaft überzeugt sind, erliegen manchmal, wenn sie politisch wenig stark ausgebildet sind, dem Druck dieses "apokalyptischen Nihilismus", und wo dann nichts mehr aus der Vergangenheit einen Wert hat. Die Idee selber einer geschichtlichen "Entwicklung" scheint ihnen veraltet. Und die Geschichte der Arbeiterbewegung, die Bemühungen von anderthalb Jahrhunderten von Generationen von organisierten Revolutionären, um den Kampf ihrer Klassse zu beschleunigen, anzuregen, zu befruchten, all das wird als unwesentlich, gar als "konservierende" Elemente, als "selbstregelnde Mechanismen" der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung angesehen. Diese Modeerscheinung wird hauptsächlich von Elementen getragen, die aus dem Anarchismus stammen oder sich zu ihm hinentwickeln.

Seit einigen Jahren spielt die GCI, Groupe Communiste Internationaliste, (1) mehr und mehr diese Rolle. Die GCI ist eine Abspaltung aus dem Jahre 1978 von der IKS, aber die Elemente, welche die GCI gründeten, waren, bevor sie sich der IKS anschlossen, selbst aus dem Anarchismus gekommen. Nach einem vorübergehend Flirt mit dem Bordigismus unmittelbar nach dem Bruch hat sich die GCI nachher zu ihren alten Kinderträumereien einiger ihrer Gründer hin zurückentwickelt, d.h. zurück zum Anarchismus, mit einigen verzweifelten ahistorischen Hirngespinsten zur ewigen Revolte. Aber es handelt sich nicht um einen offenen Anarchismus, zu dem sie sich bekennen würden, der dazu in der Lage wäre, deutlich zu behaupten, daß Bakunin und Proudhon im Grunde genommen gegen die Marxisten der damaligen Zeit recht hatten. Es handelt sich um einen beschämten Anarchismus, der seinen Namen nicht nennen will und seine Thesen mit Hilfe von Zitaten von Marx und Bordiga zu verteidigen sucht. Die GCI hat den "anarchistisch-bordigistischen Punkismus" erfunden.

Wie ein pubertärer Jugendlicher, der seine Identität noch nicht kennt und dabei ist mit seinen Eltern zu brechen, geht die GCI davon aus, daß es vor ihr und ihrer Theorie nichts auf der Welt gab oder fast nichts.

Lenin? "Seine Theorie vom Imperialismus - behauptet die GCI - ist nur ein Versuch, in einer anderen Form (der anti-imperialistischen!) den Nationalismus, den Krieg, den Reformismus... das Verschwinden des Proletariats als Subjekt der Geschichte" zu rechtfertigen (1). Rosa Luxemburg? Die deutschen Spartakisten? "linke Sozialdemokraten?" Und die Sozialdemokratie selber, die des 19. Jahrhunderts und vom Anfang des 20. Jahrhunderts, an deren Gründung sich Marx und Engels beteiligten, aus der nicht nur die Bolschewisten und Spartakisten hervorgegangen waren, sondern auch diejenigen, die später die Kommunistische Linke der III.Internationale (italienische, deutsche, holländische usw. Linke ) gründeten? Aus der Sicht der GCI war die Sozialdemokratie (sowie die II. Internationale, die sie gründete) "eine durch und durch bürgerliche Organisation". Alle diejenigen, die innerhalb der II. Internationale und später in der III. gegen die Reformisten aufgetreten sind, um die von den Reformisten geleugnete Unvermeidbarkeit der Dekadenz des Kapitalismus und später deren tatsächliches Eintreten zu behaupten? "Ob anti-imperialistisch oder luxemburgistisch, die Theorie der Dekadenz ist nur eine bürgerliche Wissenschaft, die darauf abzielt, ideologisch die Schwäche des Proletariats in seinem Kampf für eine Welt ohne Werte zu rechtfertigen".

Vor der GCI, so scheint es, wenn man all die angeführten Zitate berücksichtigt, gab es als Revolutionäre nur Marx und vielleicht Bordiga, obgleich man sich fragen muß, was - der Auffassung der GCI zufolge- revolutionär an den Gründern von "durch und durch bürgerlichen Organisationen" war, wie im Falle von Marx, und jemandem wie Bordiga, der mit der italienischen Sozialdemokratie erst 1921 brach!

Für die GCI ist das Problem selber, welche proletarischen Organisationen der Vergangenheit und welche Beiträge diese zu der kommunistischen Bewegung gemacht haben, ein unsinniges Problem. Aus der Sicht der GCI ist das Berufen auf eine politisch historische Kontinuität der Organisationen der Arbeiterklasse, wie es die kommunistischen Organisationen immer gemacht haben, und wie wir es auch tun, ein Rückfall in einen "Familiengeist". Dies ist nur eine Erscheinungsweise ihrer chaotischen Auffassung von der Geschichte, eine der Rosinen aus dem theoretischen Mischmasch, der der GCI als Rahmen für ihre Intervention dienen soll. In den beiden vorherigen Artikeln (2), die sich mit der Dekadenzanalyse des Kapitalismus und der Kritik der GCI an dieser Analyse befaßten, haben wir einerseits die anarchistische Lehre aufgezeigt, die hinter dem Gerede der GCI mit Marx-Zitaten und ihrer Verwerfung der Analyse der Dekadenz des Kapitalismus und der Idee selber einer geschichtlichen Entwicklung steckt, andererseits haben wir die politischen Verirrungen aufgezeigt, die eindeutig bürgerlichen Positionen - Unterstützung der stalinistischen Guerilla des Leuchtenden Pfad in Peru z.B. - , zu der diese Methode führt, oder eher das vollständige Fehlen einer Methode. Wir wollen deshalb in diesem Artikel die andere Seite dieser unhistorischen Auffassung bekämpfen: die Verwerfung der Notwendigkeit einer jeden revolutionären Organisation, den Rahmen der geschichtlichen Kontinuität mit den kommunistischen Organisationen der Vergangenheit zu begreifen und sich demgegenüber einzuordnen.

Die Bedeutung der geschichtlichen Kontinuität in der kommunistischen Bewegung

In all unseren Veröffentlichungen schreiben wir: "Die IKS beruft sich auf die nacheinander vom Bund der Kommunisten, von der I., II. und II. Internationale sowie den linken Fraktionen, welche aus der letzteren hervorgegangen sind, erbrachten Errungenschaften, insbesondere die der deutschen, holländischen und italienischen Linken. Dies ruft in der GCI einen Ekel hervor.

"Die Kommunisten - schreibt die GCI - kennen kein Problem der "Vaterschaft", die Bindung an eine revolutionäre "Familie" ist eine Art, die Unpersönlichkeit des Programms zu leugnen. Der Faden der Geschichte, an dem die kommunistische Strömung entlangläuft, ist ebenso wenig eine "Personenfrage" wie es eine formelle Organisationsfrage ist, es handelt sich vielmehr um eine praktische Frage. Diese Praxis wird heute von dem einen oder anderen Individuum, von der einen oder anderen Organisationen getragen. Lassen wir die senilen Dekadentisten über ihren Stammbaum gackern, sie ihre Opas suchen. Befassen wir uns mit der Revolution".

Von den Problemen der "Revolte gegen den Vater" besessen, spricht die GCI nur vom "Faden der Geschichte", um daraus eine überirdische Abstraktion zu machen, die nicht konkret ist und nicht wirklich zu existieren scheint, über die "Menschen" und wirklich "vorhandenen Organisationen" erhoben wird. Sich die Erfahrung der Geschichte des Proletariats anzueignen und damit die von ihren politischen Organisationen gezogenen Lehren ziehen, ist aus der Sicht der GCI "die Suche nach dem Papa". "Befassen wir uns eher mit der Revolution" - setzen sie dem entgegen, aber diese Sätze sind inhaltslos und inkonsequent, wenn man die Bemühungen und die Kontinuität des Wirkens der Organisationen außer Acht läßt, die sich tatsächlich seit mehr als anderthalb Jahrhunderten "mit der Revolution" befaßt haben.

Man interessiert sich nicht für die Gegenwart von einem einfachen Interesse für die Vergangenheit ausgehend, sondern man stößt auf die Vergangenheit, wenn man von den gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnissen der Revolution ausgeht. Aber ohne dieses Begreifen der Geschichte gerät man unweigerlich in eine Hilflosigkeit gegenüber der Zukunft.

Der Kampf für die kommunistische Revolution hat nicht mit der GCI angefangen. Dieser Kampf hat schon eine lange Geschichte. Und obgleich diese von einer Vielzahl von Niederlagen des Proletariats gekennzeichnet ist, bietet er eine Vielfalt von Lehren, die heute wirklich zum revolutionären Kampf beitragen wollen, und dies sind kostbare und unabdingbare Instrumente des Kampfes. Und es waren gerade die politischen Organisationen des Proletariats, die sich während der ganzen Zeit ihres Bestehens bemüht haben, diese Lehren zu entwickeln und zu formulieren. Dazu aufzurufen, "sich mit der Revolution zu befassen", ist ganz einfach Scharlatanerie, wenn man sich nicht gleichzeitig mit den proletarischen politischen Organisationen der Vergangenheit und der Kontinuität ihres Wirkens befaßt. Die Arbeiterklasse ist eine geschichtliche Klasse. Sie ist eine Klasse, die im Gegensatz zu den anderen unterdrückten Klassen, welche sich im Verlauf der Entwicklung des Kapitalismus zersetzen, sich verstärkt, sich entfaltet, ihre Kräfte bündelt, wobei sie gleichzeitig über Generationen hinweg mittels Tausender von täglichen Widerstandskämpfen und einigen großen revolutionären Anstürmen ein Bewußtsein von ihrem eignen Selbst entwickelt, von dem, was sie ist, kann und will. Die Aktivität der revolutionären Organisationen, ihre Debatten, ihre Umgruppierungen wie ihre Spaltungen, sind ein integraler Bestandteil dieses geschichtlichen Kampfes, der seit Babeuf bis zum endgültigen Sieg ein ununterbrochener Prozeß ist.

Nicht die Kontinuität begreifen, welche diese politisch durch die ganze Geschichte hindurch verbindet, hieße im Proletariat nur eine geschichtslose, bewußtlose Klasse sehen, die allerhöchsten zur Revolte fähig ist. Dies ist die Auffassung der Bourgeoisie von der Arbeiterklasse - aber nicht die der Kommunisten. Die GCI sieht da ein psychologisches Problem der "Vaterschaft" und "Anbindung an die Familie", obgleich es sich in Wirklichkeit um ein Mindestmaß an Bewußtsein handelt, das von einer Organisation verlangt werden kann, die vorgibt, eine Vorreiterolle des Proletariats zu spielen.

Auf welche Kontinuität berufen wir uns?

Die GCI behauptet, sich auf eine Kontinuität der früheren kommunistischen Organisationen zu berufen, heißt, den "unpersönlichen Charakter des Programms" zu leugnen. Es liegt auf der Hand, daß das kommunistische Programm weder das Werk noch das Eigentum irgendeiner Person, eines Genies ist. Der Marxismus trägt den Namen Marxens, weil damit die Tatsache anerkannt wird, daß er die Grundlagen einer wirklich kohärenten proletarischen Auffassung der Welt geschaffen hat. Aber diese Auffassung wurde durch den Klassenkampf hindurch und durch seine Organisationen seit ihren ersten Schriften und Formulierungen weiter entwickelt. Marx selber berief sich auf das Werk der Gleichen (Egaux) um Babeuf, die utopischen Sozialisten, die englischen Chartisten usw. und faßte seine Ideen als ein Ergebnis der Entwicklung des wirklichen Kampfes des Proletariats auf.

Aber so "unpersönlich" dieses Programm auch ist, das kommunistische Programm ist dennoch das Werk wirklicher Menschen, die aus Fleisch und Blut bestehen, von Militanten, die in politischen Organisationen zusammengefaßt sind, und es gibt dennoch eine Kontinuität in dem Wirken dieser Organisationen. Die wirkliche Frage ist nicht zu wissen, ob es eine Kontinuität gibt oder nicht, sondern um welche Kontinuität es sich handelt.

Die GCI gibt zu verstehen, daß sich aus der Inanspruchnahme einer Kontinuität der politischen Organisationen des Proletariats das ergibt, was schon immer allgemeine Redensart in der Arbeiterbewegung war, und demonstriert so, daß sie nicht das geringste Verständnis dafür hat, was sie vorgibt zu kritisieren. Eine der Hauptbeschuldigungen der GCI gegen jene, die die Idee der kapitalistischen Dekadenz vertreten, lautet, daß letztere "auf diese Weise unkritisch die vergangene Geschichte und insbesondere den sozialdemokratischen Reformismus (nachträglich) bestätigen, was durch einen Kunstgriff gerechtfertigt wird, weil es sich um 'die aufsteigende Phase des Kapitalismus' handelte".

In der Scheuklappen-Mentalität der GCI kann die Annahme einer historischen Kontinuität nur 'unkritische Bestätigung' bedeuten. In Wahrheit hat, was die Organisationen der Vergangenheit anbetrifft, die Geschichte schon gnadenlos und endgültig über sie gerichtet.

Die Kontinuität zwischen den alten und neuen Organisationen ist nicht durch irgendeine Tendenz gesichert worden. Es war immer die Linke gewesen, die die Kontinuität der drei hauptsächlich internationalen politischen Organisationen des Proletariats gewährleistete. Die Linken, in Gestalt der marxistischen Strömung, sicherten die Kontinuität zwischen der I. und II. Internationale gegen die Proudhonisten, Bakunisten, Blanquisten und die korporatistischen Strömungen. Die Linke nahm als erste den Kampf gegen die reformistischen Tendenzen und dann gegen die "Sozialpatrioten" auf. Sie sicherte schließlich die Kontinuität zwischen der II. und III. Internationale. Und es war wieder einmal die Linke, die niedergetreten unter den Füßen der sozialdemokratischen und stalinistischen Konterrevolution die revolutionären Errungenschaften wieder aufgriff und weiterentwickelte.

Dies kann nur mit der schwierigen Existenz proletarischer politischer Organisationen erklärt werden. Die eigentliche Existenz einer wirklich proletarisch-politischen Organisation offenbart sich als permanenter Kampf gegen den Druck der herrschenden Klasse, der sich materiell - Mangel an finanziellen Quellen, polizeilicher Repression - aber auch und vor allem ideologisch auswirkt. Die vorherrschende Ideologie neigt immer dazu, die Ideologie der ökonomisch herrschenden Klasse zu sein. Kommunisten sind Menschen aus Fleisch und Blut, und ihre Organisationen sind nicht auf wunderbare Weise abgeschottet gegen das Eindringen einer Ideologie, die das gesamte soziale Leben durchtränkt. Politische Organisationen enden oft durch Verrat geschlagen und gehen zum Feind über. Nur jene Fraktionen der Organisation - die Linken -, die die Stärke besaßen, nicht davon abzulassen, ihren Kopf gegen den Druck der herrschenden Klasse zu erheben, waren imstande, sich den proletarischen Inhalt zu eigen zu machen, den diese Organisationen einst besaßen.

In diesem Sinne bedeutet die Bejahung einer Kontinuität mit den früheren politischen Organisationen des Proletariats, das Erbe der mannigfaltigen linken Fraktionen anzutreten, die allein in der Lage waren, diese Kontinuität zu wahren. Wenn wir unsere Ursprünge bis hin zu den Beiträgen der Kommunistischen Liga, der I.,II. und III. Internationale zurückverfolgen, dann bedeutet dies nicht eine "unkritische Bestätigung" Willichs und Schappers in der Kommunistischen Liga, der Anarchisten in der I. Internationale, der Reformisten in der II. oder der degenerierten Bolschewiki in der III. Internationale. Es bedeutet im Gegenteil den Anspruch auf die Erbschaft des politischen Kampfes, der von der gewöhnlich in der Minderheit befindlichen Linken gegen diese Tendenzen geführt wurde.

Diese Auseinandersetzung wurde jedoch nicht irgendwo geführt. Sie fand statt innerhalb jener Organisationen, die die fortschrittlichsten Elemente der Arbeiterklasse um sich scharten; innerhalb proletarischer Organisationen, die trotz all ihrer Schäwchen immer eine lebendige Herausforderung der etablierten Ordnung waren.

Sie waren nicht die Verkörperung einer ewigen, unabänderlichen Wahrheit, die ein für allemal festgelegt ist - wie sie von der Theorie der Invarianz des kommunistischen Programms beansprucht wird, die sich die GCI von den Bordigisten ausgeliehen hat. Sie waren die konkrete "Avantgarde" des Proletariats als eine revolutionäre Klasse in einem gegebenen Moment ihrer Geschichte und auf einer gegebenen Ebene in der Entwicklung ihres Klassenbewußteins.

In Form von Debatten zwischen Tendenzen von Willich und Marx in der Kommunistischen Liga, der Konfrontation zwischen Anarchisten und Marxisten in der I. Internationale, zwischen den Reformisten und den internationalistischen Linken in der II., zwischen den degenerierten Bolschewiki und den Linkskommunisten in der III. Internationale nahm das ständige Bemühen der Arbeiterklasse, politische Waffen für ihren Kampf zu schmieden, erst konkrete Gestalt an.

Einen Anspruch auf die politische Kontinuität mit den politischen Organisationen des Proletariats zu erheben, bedeutet, Stellung zu beziehen für die Tendenzen, die diese Kontinuität übernahmen, aber auch für das Bemühen an sich, das diese Organisationen darstellten.

Die Klassennatur der Sozialdemokratie – Ende des letzten, Anfang des Jahrhunderts

Die Hauptbeschuldigung der GCI gegen die Idee einer Kontinuität mit den politischen Organisationen des Proletariats sagt aus, daß letztere zur Anerkennung der sozialdemokratischen Parteien des 19. Jahrhunderts und der II. Internationalen als Bestandteil der Arbeiterklasse führt. Für die GCI ist die Sozialdemokratie "wesentlich bürgerlich".

Wie wir in früheren Artikeln gesehen haben, greift die GCI dabei die anarchistische Auffassung der kommunistischen Revolution auf, wonach diese seit den Anfängen den Kapitalismus ständig auf der Tagesordnung steht: es gibt keine unterschiedlichen Perioden des Kapitalismus. Das proletarische Programm kann demnach auf die eine ewige Forderung reduziert werden: sofort die Weltrevolution! Gewerkschaften, Parlamentarismus, der Kampf für Reformen waren nie Bestandteil der Arbeiterklasse. Folglich konnten die sozialdemokratischen Parteien und die II. Internationale, die diese Kampfformen zu Dreh- und Angelpunkten ihrer Aktivitäten machten, nichts anderes sein als Instrumente der Bourgeoisie. Die II. Internationale zu Engels Lebzeiten war also dasselbe wie das heutige Einvernehmen zwischen Mitterand und F. Gonzales.

Da wir uns in zwei früheren Artikeln lang genug mit ihnen beschäftigt haben, werden wir nicht auf solche Fragen zurückkommen wie die der Existenz zwei fundamentaler historischer Perioden im Leben des Kapitalismus oder die der zentralen Stellung einer Analyse der kapitalistischen Dekadenz aus marxistischer Blickrichtung (s. Internationale Revue Nr. 10, 11). Auch werden wir nicht noch einmal die Frage der unterschiedlichen Praxis und Form des Kampfes in der Arbeiterbewegung aufgreifen.

Ausgehend von der historischen Kontinuität revolutionärer Organisationen wollen wir hier beleuchten, was proletarisch in der Sozialdemokratie war und was sie beitrug, das revolutionäre Marxisten für sich in Anspruch nehmen sollten, unbenommen ihrer den Kampfformen dieser Periode entsprechenden Schwächen und ihrer Degeneration.

***

Wie sehen die Kriterien für die Bestimmung der Klassennatur einer Organisation aus? Wir können hauptsächlich drei definieren:

- ihr Programm, d.h. die Definition ihrer Ziele und ihrer Aktionsmittel im ganzen;

- die Praxis der Organisation innerhalb des Klassenkampfes;

- schließlich ihren Ursprung und ihre historische Dynamik.

Jedoch erlangen diese Kriterien natürlich erst eine Bedeutung, wenn wir die Organisation zunächst innerhalb der historischen Bedingungen betrachten, unter denen sie existierte; nicht nur weil es wesentlich ist, die objektiven historischen Bedingungen zu berücksichtigen, um zu bestimmen, was die Formen und die Sofort-Forderungen des proletarischen Kampfes sind und sein könnten, sondern auch weil es wesentlich ist, den Bewußtseinsgrad im Blick zu behalten, der in dem gegebenen Moment von der proletarischen Klasse erreicht ist, um über den Bewußtseinsgrad einer bestimmten Organisation zu urteilen.

Bewußtsein entwickelt sich historisch. Es reicht nicht aus, begriffen zu haben, daß das Proletariat zumindest ab der Mitte des 19. Jahrhunderts als eine politisch autonome Klasse existiert hat. Es ist ebenso notwendig zu begreifen, daß es seitdem nicht als Mumie, als ausgestopfter Dinosaurier überdauert hat. Sein Klassenbewußtsein, sein historisches Programm hat sich entfaltet, wurde mit jeder Erfahrung reicher und hat sich mit der Reifung der historischen Bedingungen weiterentwickelt.

Es wäre absurd, eine proletarische Organisation des 19. Jahrhunderts nach dem Maßstab eines Verständnisses zu beurteilen, das erst nach Jahrzehnten weiterer Erfahrungen möglich war.

Rufen wir uns schließlich kurz einige Elemente der historischen Bedingungen in Erinnerung, unter denen die sozialdemokratischen Parteien gebildet wurden und während der letzten 25 Jahre des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des I. Weltkriegs gelebt haben, als die II. Internationale starb und eine Partei nach der anderen unter der Last des Verrats ihrer opportunistischen Führung auseinanderbrach.

Die Bedingungen des proletarischen Kampfes in den Tagen der Sozialdemokratie

Gemäß der GCI und ihrer statischen Konzeption eines seit seinen Anfängen unveränderlichen Kapitalismus erscheint das Ende des 19. Jahrhunderts identisch mit der heutigen Zeit. Aus ihrer Beurteilung der Sozialdemokratie von früher ergibt sich die Identifizierung derselben mit den heutigen sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien. In Wahrheit ist diese Art von kindischer Projektion, die davon ausgeht, daß mehr, als man selbst weiß, nicht existiert, nichts anderes als eine abgeschmackte Negation von historischen Analysen.

Die heutigen Generationen leben in einer Welt, die länger als ein 3/4 Jahrhundert von der schlimmsten Barbarei in der Geschichte der Menschheit überflutet worden ist: die Weltkriege. Außerhalb der Perioden des offenen Weltkrieges ist die Gesellschaft von der Wirtschaftskrise geschlagen, mit der alleinigen Ausnahme von zwei Perioden des 'Wohlstands', der auf dem 'Wiederaufbau' gegründet war, welcher dem I.und II. Weltkrieg folgte. Dazu sollten auch die seit Ende des II. Weltkrieg andauernden lokalen Kriege in den weniger entwickelten Zonen dieser Welt und die Ausrichtung der gesamten Weltwirtschaft auf im wesentlichen militärische und zerstörerische Ziele gezählt werden.

Der Apparat, der für die Erhaltung dieser dekadenten Ordnung verantwortlich zeichnet, hat seinen Griff auf die Gesellschaft pausenlos verstärkt, und die Tendenz zum Staatskapitalismus in all seinen Formen und in jedem Land ist immer mächtiger und allgegenwärtiger in jedem Aspekt des sozialen Lebens und vor allen Dingen in den Klassenbeziehungen geworden. In jedem Land hat sich der Staatsapparat ein ganzes Arsenal an Instrumenten zur Kontrolle und Atomisierung der Arbeiterklasse zu eigen gemacht. Die Gewerkschaften und die Massenparteien sind Teil des Räderwerks der staatlichen Maschinerie geworden. Das Proletariat kann nur sporadisch seine Existenz als Klasse unter Beweis stellen. Abgesehen von Momenten der sozialen Bewegung ist die Klasse als kollektiver Körper in Atome aufgelöst, als ob sie aus der zivilisierten Welt ausgestoßen würde.

Der Kapitalismus im späten 19. Jahrhundert unterscheidet sich alles in allem davon. Auf ökonomischer Ebene durchschritt die Bourgeoisie die längste und kraftvollste Periode der Prosperität in ihrer Geschichte. Nach den zyklischen Wachstumskrisen, die das System ungefähr alle zehn Jahre zwischen 1825 und 1873 trafen, erlebte der Kapitalismus bis 1900 fast 30 Jahre eines ununterbrochenen Wohlstandes. Auf militärischer Ebene war die Periode geradezu ausnahmslos: es gab keine größeren Kriege.

Während dieser Zeit des verhältnismäßig friedlichen Wohlstandes, vollkommen unvorstellbar für Menschen unserer Epoche, fand der proletarische Kampf in einem politischen Rahmen statt, der, obwohl er natürlich jener der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung blieb, nichtsdestotrotz sehr unterschiedliche Charakteristiken gegenüber dem des 20. Jahrhunderts aufwies.

Die Beziehungen zwischen Proletariern und Kapitalisten waren direkt und darüber hinaus zersprengt, weil die meisten Fabriken relativ klein waren. Der Staat griff in diesen Beziehungen nur auf der Ebene offener Konflikte ein, die voraussichtlich "die öffentliche Ordnung gefährden". Für die große Mehrheit hingen die Verhandlungen über Löhne und Arbeitsbedingungen vom lokalen Gleichgewicht der Kräfte zwischen den Bossen (oft Familienbetriebe) und den Arbeitern ab, die zumeist direkt vom Landvolk oder den Handwerkerinnungen kamen. Der Staat war in diesen Verhandlungen nicht einbezogen.

Der Kapitalismus eroberte den Weltmarkt und verbreitete seine Formen der sozialen Organisation in alle Winkel dieser Erde. Die Entwicklung der Produktivkräfte explodierte. Mit jedem Tag wurde die Bourgeoisie reicher und profitierte sogar von den sich verbessernden Lebensbedingungen der Arbeiter.

Arbeitskämpfe waren oft vom Erfolg gekrönt. Lange, bittere Streiks, noch dazu isoliert, reichten aus, um die Bosse zu besiegen, die - abgesehen von der Tatsache, daß sie in der Lage waren zu zahlen - oft ungeeint in ihrem Widerstand waren. Die Arbeiter lernten, sich auf einer dauernden Basis zu vereinen und zu organisieren (wie es dann die Bosse auch taten). Ihre Kämpfe zwangen die Bourgeoisie, das Recht auf Existenz von Arbeiterorganisationen zu akzeptieren: Gewerkschaften, politische Parteien, Kooperativen. Das Proletariat bestätigte sich als eine soziale Kraft innerhalb der Gesellschaft, selbst außerhalb von Momenten des offenen Kampfes. Die Arbeiterklasse führte ein Leben für sich in der Gesellschaft: es gab die Gewerkschaften (welche 'Schulen des Kommunismus' waren), aber auch Vereine, wo Arbeiter sich über die Politik unterhielten und 'Arbeiteruniversitäten', wo man den Marxismus erlernen konnte, aber auch das Lesen und Schreiben (Rosa Luxemburg und Pannekoek waren beide Lehrer in der deutschen Sozialdemokratie); es gab Arbeiterlieder und Arbeiterfeste, wo man sang, tanzte und sich über den Kommunismus unterhielt.

Das Proletariat erzwang das allgemeine Wahlrecht und setzte seine Vertretung durch eigene politische Organisationen im bürgerlichen Parlament durch - das Parlament war noch nicht vollkommen vom Mystifikationszirkus verschlungen; die wirkliche Macht befand sich noch nicht gänzlich in den Händen der Staatsexekutive. Es gab wahre Konfrontationen zwischen den verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klassen, und dem Proletariat gelang es manchmal, diese Divergenzen zur Durchsetzung seiner eigenen Interessen zu nutzen.

Die Lebensbedingungen der europäischen Arbeiterklasse erlebten wirkliche Verbesserungen: der Arbeitstag wurde von 12-14 Stunden auf 10 reduziert, dazu das Verbot von Kinderarbeit und der Beschäftigung von Frauen an gefährlichen Arbeitsplätzen; eine allgegenwärtige Steigerung des Lebensstandards und der allgemeinen Kultur. Inflation war unbekannt. Die Konsumgüterpreise fielen mit der Einführung neuer Produktionstechniken. Die Arbeitslosigkeit war auf das Minimum einer Reservearmee an Arbeitskräften reduziert, das ein expandierender Kapitalismus an sich ziehen konnte, um seine konstant wachsenden Bedürfnisse zu befriedigen.

Ein junger beschäftigungsloser Arbeiter von heute mag Schwierigkeiten haben, sich dies vorzustellen, aber es sollte für jede Organisation klar sein, die für sich in Anspruch nimmt, marxistisch zu sein.

Sozialdemokratie ist nicht gleich Reformismus

Die sozialdemokratischen Parteien der Arbeiter und 'ihre' Gewerkschaften waren Produkt und Instrument der Kämpfe dieser Periode. Im Gegensatz zu dem, was die GCI andeutet, waren die Gewerkschaft und der politische Kampf im Parlament in den 70er Jahren des 19. Jahrhundert keine 'Erfindung' der Sozialdemokratie. Der Kampf um die Existenz von Gewerkschaften und um das allgemeine Wahlrecht (besonders mit den Chartisten in England) war von den ersten Augenblicken seiner Behauptung als Klasse im Proletariat entwickelt.

Die Sozialdemokratie entwickelte und organisierte lediglich eine Bewegung, die schon vor ihr existiert und sich unabhängig von ihr entwickelt hatte. Bis sich dieselbe Frage wie heute gestellt hatte: wie bekämpft man die Situation der Ausbeutung, in der man sich selbst befindet? Und zu dieser Zeit waren die Gewerkschaft und der politische Kampf im Parlament tatsächlich wirksame Verteidigungsmittel. Sie im Namen der 'Revolution' abzulehnen, wäre gleichbedeutend mit der Ablehnung einer wirklichen Bewegung und des einzigen Weges zur Revolution, der zu dieser Zeit möglich war. Die Arbeiterklasse mußte ihn benutzen, um ihre Ausbeutung zu begrenzen, aber auch um sich bewußt über sich selbst und ihre Existenz als vereinte und unabhängige Kraft zu werden.

"Die große sozialistische Bedeutung des gewerkschaftlichen und politischen Kampfes besteht darin, daß sie die ERKENNTNIS, das Bewußtsein der Arbeiterklasse sozialisieren".

(Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution, Ges.Werke, Bd.1/1, S. 402)

Das war das 'Minimalprogramm'. Aber es war begleitet von einem 'Maximalprogramm', das von der Klasse ausgeführt werden sollte, wenn sie einst fähig geworden ist, ihren Kampf gegen Ausbeutung bis an die Grenzen auszudehnen: die Revolution.

Rosa Luxemburg drückte die Verknüpfung zwischen diesen beiden Programmen so aus:

"In der parteiüblichen Auffassung führt man das Proletariat durch den gewerkschaftlichen und politischen Kampf zu der Überzeugung von der Unmöglichkeit, seine Lage gründlich durch diesen Kampf aufzubessern, und von der Unvermeidlichkeit einer endgültigen Besitzergreifung der politischen Machtmittel."

(ebenda, S. 401). Dies war das Programm der Sozialdemokratie.

Im Gegensatz dazu war der Reformismus durch seine Verneinung der Idee von der Notwendigkeit der Revolution definiert. Er hielt allein den Kampf für Reformen innerhalb des Systems für bedeutend. Nun, die Sozialdemokratie wurde in direkter Opposition nicht nur zu den Anarchisten - die dachten, die Revolution sei zu jeder Zeit möglich - gebildet, sondern auch zu den Pragmatikern und ihrem Reformismus, die annahmen, der Kapitalismus sei ewig.

Die französische Arbeiterpartei z.B. stellte 1880 folgendes Wahlprogramm vor:

"In Erwägung,

... daß die kollektive Aneignung nur von einer revolutionären Aktion der Klasse der Produzenten - dem Proletariat -, in einer selbständigen politischen Partei organisiert, ausgehen kann;

- daß eine solche Organisation mit allen Mitteln, über die das Proletariat verfügt, angestrebt werden muß, einschließlich des allgemeinen Wahlrechts, das so aus einem Instrument des Betrugs, das es bisher gewesen ist, in ein Instrument der Emanzipation umgewandelt wird,

haben die französischen sozialistischen Arbeiter, die sich auf wirtschaftlichem Gebiet die Rückkehr aller Produktionsmittel in Kollektiveigentum zum Ziel ihrer Anstrengungen gesetzt haben, als Mittel der Organisation und des Kampfes beschlossen, mit folgendem Minimalprogramm in die Wahlen zu gehen…" ("Einleitung zum Programm der französischen Arbeiterpartei, Mai 1880, erschienen in L'Egalit‚, Nr. 24,v. 30.6.1880, in MEW 19, S. 238).

Dieses Programm wurde von Karl Marx geschrieben.

Wie groß auch immer das Gewicht des Opportunismus gegenüber dem Reformismus innerhalb der sozialdemokratiscnen Parteien war, ihr Programm lehnte ihn ausdrücklich ab. Das Maximalprogramm der sozialdemokratischen Parteien war die Revolution; die Gewerkschaft und der Wahlkampf waren im Wesentlichen die den Möglichkeiten und Forderungen der Periode angepaßten, praktischen Mittel, um die Verwirklichung dieses Ziels vorzubereiten.

Die Errungenschaften der II. Internationale – Die Aneignung des Marxismus

Natürlich erkennt die GCI keinen Beitrag der Arbeiterbewegung auf Seiten all dieser 'wesentlich bürgerlichen' Organisationen an. "Zwischen der Sozialdemokratie und dem Kommunismus", so sagen sie, "gibt es dieselbe Klassengrenze wie zwischen Bourgeoisie und Proletariat".

Die Ablehnung der Sozialdemokratie und der II. Internationalen des 19.Jahrhunderts ist nichts Neues. Die Anarchisten haben immer so verfahren. Was daran relativ neu ist, ist so zu verfahren und dennoch das Erbe von Marx und Engels für sich in Anspruch zu nehmen... (aus Sorge um die elterliche Gewalt vielleicht).

Das Problem ist, daß die Aneignung marxistischer Konzeptionen und die ausschließliche Ablehnung des Anarchismus zweifellos das ausmacht, was die II. Internationale der I. hauptsächlich voraus hatte. In der 1864 gegründeten I. Internationale versammelten sich besonders in den Anfängen alle Arten politischer Tendenzen: Mazzinisten, Proudhonisten, Bakunisten, Blanquisten, britische Gewerkschafter usw. Die Marxisten waren lediglich eine winzige Minderheit (das Gewicht der Persönlichkeit von Marx innerhalb des Generalrates sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen).

Es gab nur einen Marxisten, Frankel, in der Pariser Kommune, und der war Ungar.

Im Gegensatz dazu fußte die II. Internationale mit Engels von Anfang an auf marxistischen Konzeptionen. Dies wurde ausdrücklich auf dem Erfurter Kongreß 1891 anerkannt.

In Deutschland wurde schon früh, 1869, in Eisenach die sozialdemokratische Partei von Wilhelm Liebknecht und August Bebel gegründet, nachdem sie sich von Lassalles Organisation (der Allgemeinen Arbeiter Assoziation der deutschen Arbeiter) gespalten haben. Nach der Wiedervereinigung beider Parteien 1875 befanden sich die Marxisten in der Mehrheit, aber das angenommene Programm war derart voll von Konzessionen an die Ideen Lassalles, daß Marx in einem Begleitbrief zu seiner berühmten "Kritik am Gothaer Programm" schrieb: "Nach abgehaltnem Koalitionskongreß werden Engels und ich nämlich eine kurze Erklärung veröffentlichen, des Inhalts, daß wir besagtem Prinzipienprogramm durchaus fernstehn und nichts damit zu tun haben... Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme". (Brief an W. Bracke, 5. 5. 1875, MEW 19, S. 13).

15 Jahre später wurde sein Vertrauen in die wahre Bewegung durch die Aneignung marxistischer Konzeptionen durch die II. Internationale von ihrer Gründung an gerechtfertigt. Dies war ein wesentlicher Beitrag zur Stärkung der Arbeiterbewegung.

Die GCI erinnert uns daran, daß Marx und Engels den Begriff "Sozialdemokratie" ablehnten, welcher in Wirklichkeit die Lassalleanischen Schwächen der deutschen Partei widerspiegelte: "Man wird bemerken, daß in allen diesen Aufsätzen und namentlich in diesem letzteren ich mich durchweg nicht einen Sozialdemokraten nenne, sondern einen Kommunisten... Für Marx und mich was es daher rein unmöglich, zur Bezeichnung unseres speziellen Standpunkts einen Ausdruck von solcher Dehnbarkeit zu wählen."

Engels, (Vorwort zur Broschüre "Internationales aus dem 'Volksstaat'", 3.1.1894, MEW Bd. 22, S. 417).

Die GCI 'vergißt' jedoch zu erwähnen, daß die Marxisten daraus nicht den Schluß zogen, daß sie mit der Partei brechen sollten, sondern im Gegenteil, daß sie das Beste daraus machen sollten, indem sie die Auseinandersetzung über die fundamentale Frage beginnen. Wie Engels weiter sagt:

"Heute ist das anders, und so mag das Wort passieren, so unpassend es bleibt für eine Partei, deren ökonomisches Programm nicht bloß allgemein sozialistisch, sondern direkt kommunistisch, und deren politisches letztes Endziel die Überwindung des ganzen Staates, also auch der Demokratie ist" (ebenda, S. 402).

Die Aneignung der grundsätzlichen Idee des Marxismus durch die Internationale war kein Geschenk des Himmels, sondern ein Sieg, der dank der fortschrittlichsten Elemente errungen wurde.

Die Unterscheidung zwischen proletarischer Einheit und politischer Organisation

Ein anderer Beitrag der II. Internationale im Vergleich zur Ersten war die Unterscheidung zwischen zwei getrennten Formen der Organisation. Auf der einen Seite Einheitsorganisationen, die die Proletarier auf der Grundlage ihrer Mitgliedschaft in der Klasse um sich gruppieren; auf der anderen Seite die politischen Organisationen, die die Militanten auf der Basis einer präzisen, politischen Plattform um sich gruppieren.

Besonders zu Anfang reihte die I. Internationale Individuen, Kooperativen, Solidargemeinschaften, Gewerkschaften und politische Vereine ein. Was bedeutete, daß ihr als Organ nie wirklicher Erfolg beschieden war bei der Ausführung der anstehenden Aufgaben, ob bei der politischen Orientierung oder bei der Vereinigung der Arbeiter.

Es war daher ganz natürlich, daß die Anarchisten, die sowohl den Marxismus als auch das Bedürfnis nach einer politischen Organisation ablehnten, die II. Internationale von ihrer Gründung an bekämpften. Und mehr noch: viele anarchistische Strömungen berufen sich auch heute noch in ihren Ursprüngen auf die IAA (Internationale Arbeiter Assoziation). Auch hier kommt nichts Neues von der GCI, sie bleibt unverändert... anarchistisch.

Warum und wie die Revolutionäre innerhalb der II. Internationale kämpften

Bedeutet dies, daß die Sozialdemokratie und die II. Internationale perfekte Verkörperungen einer proletarischen Avantgarde waren? Natürlich nicht.

Der Gothaer Kongreß wurde vier Jahre nach der Zerschmetterung der Kommune abgehalten; die II. Internationale wurde nach fast 20 Jahren ununterbrochenen kapitalistischen Aufblühens gegründet, durch den Impuls eines Ausbruchs von Streiks, die nicht von einer sich verschlimmernden Ausbeutung infolge einer Wirtschaftskrise hervorgerufen wurden, sondern durch dieses echtes Aufblühen, das das Proletariat in eine Lage der verhältnismäßigen Stärke versetzte. Der Abstand zwischen den zyklischen Krisen des Kapitalismus und dem Fortschritt bei den Lebensbedingungen der Arbeiterklasse durch die Gewerkschaften und dem parlamentarischen Kampf erzeugten unvermeidliche Illusionen unter den Arbeitern und selbst in ihrer Avantgarde.

In der marxistischen Auffassung kann der Ausbruch der Revolution nur durch eine gewalttätige Wirtschaftskrise hervorgerufen werden. Je länger die Periode der Prosperität anhielt, desto mehr schien die Wahrscheinlichkeit solch einer Krise zurückzuweichen. Der wirkliche Erfolg des Kampfes für Reformen gab der reformistischen Idee Auftrieb, daß die Revolution sowohl nutzlos als auch unmöglich sei. Die Tatsache, daß die Resultate des Kampfes wesentlich vom Gleichgewicht der Kräfte auf der Ebene des Nationalstaates abhingen und nicht vom internationalen Gleichgewicht - wie dies für den revolutionären Kampf der Fall ist -, beschränkte in steigendem Maße die kämpfende Organisation auf einen nationalen Rahmen, während internationalistische Konzeptionen und Aufgaben oft zu zweitrangiger Bedeutung degradiert oder auf unbestimmte Zeit vertagt wurden. 1898, sieben Jahre nach Erfurt, stellte Bernstein in der Internationale offen die marxistische Theorie von der Krise und der Unvermeidbarkeit des ökonomischen Zusammenbruchs (den auch die GCI leugnet) infrage: nur der Kampf für Reformen sei lebensfähig. "Das Ziel ist nichts, die Bewegung ist alles".

Die parlamentarischen Fraktionen der Parteien waren häufig allzu leicht in den Netzen des bürgerlich-demokratischen Spiels gefangen, während die Gewerkschaftsführer dazu neigten, zu 'verständnisvoll' gegenüber dem Imperativ der kapitalistischen Nationalökonomie zu sein. Der Umfang der Auseinandersetzungen, die Marx und Engels inmitten der entstehenden Sozialdemokratie gegen die Tendenzen des Kompromisses mit dem Reformismus geführt hatten, der Kampf Lenins, Luxemburgs, Pannekoeks, Gorters und Trotzkis innerhalb der degenerierenden Sozialdemokratie sind Beweis für das Gewicht, den diese Form von bürgerlicher Ideologie innerhalb der proletarischen Organisationen besaß... Das Gewicht des Reformismus innerhalb der II. Internationale macht letztere jedoch nicht zu einem bürgerlichen Organ, jedenfalls viel weniger, als der proudhonistische Reformismus die IAA zu einem Instrument des Kapitals macht.

Die politischen Organisationen des Proletariats haben nie einen monolithischen Block identischer Konzeptionen gebildet. Überdies waren die entwickeltsten Elemente häufig in der Minderheit - worauf wir an früherer Stelle hingewiesen hatten. Aber die Minderheiten, die von Marx und Engels bis hin zu den Linkskommunisten in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts reichen, wußten, daß das Leben politischer Organisationen des Proletariats nicht nur vom Kampf gegen den Feind auf den Straßen und an den Arbeitsplätzen, sondern auch vom Kampf gegen den immer gegenwärtigen Einfluß der Bourgeoisie innrhalb dieser Organisationen abhängig ist.

Für die GCI war diese Art der Auseinandersetzung bedeutungslos und half lediglich der Konterrevolution. "Die Anwesenheit marxistischer Revolutionäre (Pannekoek, Gorter, Lenin...) innerhalb der II. Internationale bedeutete nicht, daß letztere die Interessen des Proletariats verteidigten (ob die 'unmittelbaren' oder die historischen), sondern daß die in Ermangelung einer Spaltung die konterrevolutionären Aktivitäten der Sozialdemokratie abgedeckt wurden".

Nur beiläufig sei bemerkt, daß die GCI ganz plötzlich Pannekoek, Gorter und Lenin - der linke Flügel einer Organisation, die durch eine 'Klassengrenze' vom Kommunismus getrennt ist - in den Rang 'marxistischer Revolutionäre' hebt. Wie nett von ihr. Aber indem sie das tut, gibt die GCI uns zu verstehen, daß Organisationen, deren "Natur wesentlich bürgerlich" ist, einen linken Flügel besitzen können, der sich aus authentischen "revolutionären Marxisten" zusammensetzt... und das jahrzehntelang! Es handelt sich hier vermutlich um dieselbe Art der "Dialektik", die die GCI dazu führt anzunehmen, daß der linke Flügel des lateinamerikanischen Stalinismus (der 'Leuchtende Pfad' in Peru) in diesen Ländern "die einzige Struktur besitzt, die imstande ist, der stetig wachsenden Zahl an direkten Aktionen des Proletariats einen Zusammenhang zu vermitteln".

Ob es unseren Punkdialektikern gefällt oder nicht, der maoistische Stalinismus Perus besitzt ebensowenig "eine Struktur, die imstande ist, einen Zusammenhalt zu vermitteln" wie die "marxistischen Revolutionäre" in der II. Internationale "konterrevolutionäre Praktiken deckten".

Marx und Engels, Rosa und Lenin, Pannekoek und Gorter waren nicht wirre Schwachköpfe, die dachten, sie könnten als Militante für die Revolution kämpfen, indem sie bürgerlichen Organisationen Leben eingeben. Sie waren Revolutionäre, die anders als die Anarchisten - und die GCI - die konkreten Bedingungen des Arbeiterkampfes entsprechend der historischen Periode des Systems verstanden.

Man mag kritisieren, daß Lenin spät sich die Schwere der opportunistischen Krankheit in der II. Internationale vergegenwärtigt hat; man mag Rosa Luxemburgs Unfähigkeit kritisieren, die organisatorische Arbeit der Fraktion in der Sozialdemokratie um die Jahrhundertwende wirklich zu führen, aber man kann nicht die Natur ihres Kampfes leugnen. Im Gegenteil, wir sollten die Klarheit von Rosa Luxemburg am Ende des 19. Jahrhunderts begrüßen, als sie gnadenlos die in der II. Internationale entstehende revisionistische Strömung kritisierte, und die Fähigkeit der Bolschewiki, sich selbst als unabhängige Fraktion mit den eigenen Interventionsmitteln innerhalb der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu organisieren. Deshalb waren sie in der Avantgarde des Proletariats während der revolutionären Kämpfe am Ende des I. Weltkriegs.

Glaubt die GCI tatsächlich, daß jene, die sie gelegentlich "marxistische Revolutionäre" nennt, zufällig aus der Sozialdemokratie kamen und nicht aus dem Anarchismus oder anderen Strömungen? Es ist unmöglich, diese elementare Frage ohne Verständnis für die Kontinuität der politischen Organisationen des Proletariats zu beantworten. Und dies kann nicht begriffen werden, ohne die Analyse der kapitalistischen Dekadenz verstanden zu haben.

Die ganze Geschichte der II. Internationale kann nur dann als bedeutungsloses Chaos erscheinen, wenn wir nicht im Gedächtnis behalten, daß sie in der Schlüsselperiode zwischen der Periode des Aufstiegs des Kapitalismus und jener seiner Dekadenz existierte.

Schlussfolgerung

Heute bereitet sich das Proletariat darauf vor, eine entscheidende Schlacht gegen einen Kapitalismus zu führen, der nicht länger imstande ist einer offenen Krise zu entkommen, die seit über 20 Jahren seit dem Ende der Wiederaufbauperiode in den späten 60er Jahren andauert.

Es tritt in den Kampf relativ frei von den Mystifikationen, mit denen es 40 Jahre lang von der stalinistischen Konterrevolution überhäuft wurde; in jenen Ländern mit einer langen, gestandenen Tradition als bürgerlicher Demokratien hat es viele seiner Illusionen über die Gewerkschaften und den parlamentarischen Kampf verloren, während es in den weniger entwickelten Ländern jene über den anti-imperialistischen Nationalismus verloren hat.

Jedoch haben die Arbeiter, auch wenn sie sich von diesen Illusionen freigemacht haben, es noch nicht geschafft, sich all die Lehren ihrer vergangenen Kämpfe wieder anzueignen.

Die Aufgabe der Kommunisten ist es nicht, die Arbeiterklasse zu organisieren - wie dies die Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert tat. Der Beitrag der Kommunisten zum Arbeiterkampf lag wesentlich auf der Ebene der bewußten Praxis, der Praxis des Kampfes. Auf dieser Ebene tragen sie nicht soviel durch die Antworten, die sie geben, bei, sondern indem sie zeigen, wie Probleme aufgeworfen werden sollten. Ihre Auffassung von der Welt und ihr praktisches Verhalten stellt immer die weltweite und historische Dimension jeder im Kampf angegangenen Frage in den Vordergrund.

Jene wie die GCI, die die historische Dimension des Arbeiterkampfes ignorieren, indem sie die unterschiedlichen Phasen der kapitalistischen Realität leugnen, indem sie die wahre Kontinuität der politischen Organisationen des Proletariats abstreiten, entwaffnen die Arbeiterklasse in einem Augenblick, wo die Wiederaneignung ihrer eigenen Auffassung von der Welt am notwendigsten ist.

Es reicht nicht aus, "für Gewalt", gegen die bürgerliche Demokratie zu sein, um zu wissen, wo man steht, und um zu jeder Zeit Perspektiven für den Klassenkampf zu eröffnen. Weit gefehlt. Illusionen wie diese aufrechtzuerhalten, ist gefährlich und kriminell.

RV

  • 1) Alle Zitate der GCI, soweit nicht anders angegeben, sind aus den Artikeln ""Théories de la décadence, décadence de la théorie" entnommen, veröffentlicht in den Nr. 23 und 25 in "Le Communiste" (Nov. 1985 und 1986) und von uns übersetzt.
  • 2) Siehe Internationale Revue Nr. 10 und 11
  • 3) In Wahrheit ist dies die alte Leier der Modernisten und "betretenen" Anarchisten, besonders seit 1968.
  • "Indem wir die Halbheit, Lügenhaftigkeit und Fäulnis der überlebten offiziellen sozialistischen Parteien verwerfen, fühlen wir, die in der III. Internationale vereinigten Kommunisten, uns als die direkten Fortsetzer der heroischen Anstrengungen und des Märtyrertums einer langen Reihe revolutionärer Generationen, von Babeuf bis Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.
    Wenn die I. Internationale die künftige Entwicklung vorausgesehen und ihre Wege vorgezeichnet, wenn die II. Internationale Millionen Proletarier gesammelt und organisiert hat, so ist die III. Internationale die Internationale der offenen Massenaktion, die Internationale der revolutionären Verwirklichung, die Internationale der Tat".
  • MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE AN DAS PROLETARIAT DER GANZEN WELT, März 1919

INTERNATIONALISME 1946: Die russische Erfahrung - Privateigentum und Gemeineigentum

INTERNATIONALISME 1946

 

DIE RUSSISCHE ERFAHRUNG PRIVATEIGENTUM UND GEMEINEIGENTUM

 

EINLEITUNG DER IKS

 

Den Artikel, den wir im nachfolgenden veröffentlichen, wurde von der Gruppe "Kommunistische Linke Frankreichs" (GCF) in der Nr. 10 der Revue INTERNATIONALISME im Mai 1946 veröffentlicht. INTERNATIONALISME faßte sich als die Fortsetzung von BILAN und OKTOBER auf, die die Internationalen Kommunistischen Linken vor dem Ausbruch des II. Weltkriegs veröffentlichten. Aber INTERNATIONALISME ist keine einfache Fortsetzung von BILAN, es ist auch eine Überwindung desselben.

 

Die russische Frage stand Anfang der 30er Jahre im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen und Diskussionen des proletarischen politischen Milieus, und diese Debatte wurde. während des Kriegs und in den ersten Nachkriegsjahren noch heftiger geführt. Grob gesagt entstanden 4 Positionen bei den Untersuchungen dieser Frage:

 

1) Diejenigen, die der Oktoberrevolution von 1917 und der bolschewistischen Partei jeden proletarischen Charakter absprechen und aus deren Sicht die russische Revolution nur eine bürgerliche Revolution war. Die Hauptvertreter dieser Analyse waren die Gruppen, die sich auf die rätekommunistische Bewegung beriefen, insbesondere Pannekoek und die Holländische Linke.

 

2) Am anderen Ende finden wir die Linksopposition Trotzkis, aus deren Sicht Rußland trotz all der konterrevolutionären Politik des Stalinismus die grundlegenden Errungenschaften der proletarischen Oktoberrevolution weiterhin behält: Enteignung der Bourgeoisie, Außenhandelsmonopol; deshalb bleibt das Regime in Rußland ein entarteter Arbeiterstaat und muß somit jedesmal verteidigt werden, wenn es in einen bewaffneten Konflikt mit anderen Mächten gerät. Es ist die Pflicht des russischen und des Weltproletariats, es bedingungslos zu verteidigen.

 

3) Eine dritte, der 'Verteidigung entgegengestellte' Position stützte sich auf eine Analyse des Regimes in Rußland, derzufolge dieses Regime 'weder kapitalistisch, noch proletarisch' war, das gleiche trifft auf seinen Staat zu. Es handele sich um ein 'kollektivistisches, bürokratisches Regime'. Diese Analyse wollte eine Ergänzung zur marxistischen Alternative sein: kapitalistische Barbarei oder proletarische Revolution für eine sozialistische Gesellschaft. Jetzt sollte ein dritter, vom Marxismus nicht vorhergesehener Weg, hinzukommen, die 'antikapitalistische bürokratische Gesellschaft' (1). Diese 3. Strömung fand Anhänger in den Reihen der Trotzkisten vor und während des Krieges, und sie brach 1948 mit dem Trotzkismus, um die Gruppe "Sozialismus oder Barbarei" (Socialisme ou Barbarie) unter der Führung von Chaulie Castoriadis (2) zu gründen.

 

4) Die Italienische Faktion der Internationalen Kommunistischen Linken bekämpfte energisch die irrsinnige Theorie einer 'dritten Alternative', die eine 'Korrektur', eine 'Innovierung' gegenüber dem Marxismus einbringen wollte. Aber weil sie keine eigene richtige Analyse der Wirklichkeit des dekadenten Kapitalismus anbieten konnte, wollte sie sich in der Zwischenzeit an de alten klassischen Formeln festhalten: Kapitalismus Privateigentum; Einschränkung, Begrenzung des Privateigentums = Weg hin zum Sozialismus. Hinsichtlich des russischen Regimes entwickelte sie die Analyse Fortbestehen eines entarteten Arbeiterstaates mit eine konterrevolutionären Politik und keine Verteidigung Rußlands im Falle eines Krieges.

 

Diese widersprüchliche, verwischende Formel, die aller möglichen gefährlichen Verwirrungen die Tür öffnete, hatte schon innerhalb der Italienischen Fraktion am Vorabend des Krieges große Kritiken hervorgerufen, aber diese Kritiken waren durch eine noch dringendere Frage verdrängt worden, d.h. der Perspektive des Ausbruchs des allgemeinen imperialistischen Kriegs, die von der Führung der Fraktion geleugnet wurde (Tendenz Vercesi).

 

Die Diskussion über das Klassenwesen des stalinistischen Rußlands wurde während des Krieges wieder von der Italienischen Fraktion aufgegriffen, die sich im Süden Frankreichs 1940 gebildet hatte (diese Neubildung fand ohne die Tendenz Vercesis statt, der jede Möglichkeit einer Existenz und eines Lebens einer revolutionärer Organisation verwarf, weil die Arbeiterklasse während de; Krieges als gesellschaftliche Kraft verschwunden sei). Diese Diskussion verwarf schnell kategorisch all die Zweideutigkeiten und Trugschlüsse, die mit dieser Position eines entarteten Arbeiterstaats verbunden ist, welche von der Fraktion vor dem Krieg vertreten wurde. Sie meintec nunmehr, daß der stalinistische Staat als ein Ergebnis de; Staatskapitalismus (3) anzusehen wäre.

 

Aber es war vor allem die GCF, die von 1945 in ihre Zeitschrift INTERNATIONALISME den Begriff de Staatskapitalismus in Rußland vertiefte und erweiterte indem sie ihn in eine globale Auffassung einer allgemeinen Tendenz des Kapitalismus in seinem Zeitraum de Dekadenz einordnete.

 

Der nachfolgende Text ist ein Teil einer Reihe von Texten INTERNATIONALISMES zu den Problemen de Staatskapitalismus. Der Artikel behandelt all diese Fragen nicht erschöpfend, aber mit seiner Veröffentlichung wollen wir die Kontinuität und die Entwicklung der Gedanken und der Theorie in der Bewegung der Internationalen Kommunistischen Linke aufzeigen, auf die wir uns berufen.

 

INTERNATIONALISME verwarf endgültig , die 'mysteriöse' Geschichte von dem stalinistischen Staat in Rußland, indem es die allgemeine historische Tendenz hin zum Staatskapitalismus aufzeige, von dem der stalinistische Staat ein Teil war. Es zeigte ebenso die Besonderheiten des russischen Staatskapitalismus auf, der überhaupt keinen Übergang von der formellen Herrschaft zur wirklichen Herrschaft des Kapitalismus" bedeutete, wie es unsinnigerweise die Genossen der EFIKS tun, die aus der IKS ausgetreten waren. Diese Besonderheiten erklären sich durch die Tatsache, daß der stalinistische Staat nach dem Sieg der Konterrevolution entstanden war, nachdem die Oktoberrevolution die alte bürgerliche Klasse ausgelöscht hatte.

 

Aber INTERNATIONALISME hatte nicht die Zeit, seine Analyse des Staatskapitalismus weiter voranzutreiben, insbesondere die objektiven Grenzen dieser Tendenz aufzuzeigen. Obgleich INTERNATIONALISME schrieb: "die ökonomische Tenderz hin zum Staatskapitalismus, die nicht zu einer Vergesellschaftung und Kollektivisierung innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft führen kann, bleibt dennoch eine reelle Tendenz..." (Internationalisme, Nr. 9), hat es die Analyse nicht weit genug vorangetrieben, um die Ursachen und Grenzen zu verdeutlichen, die diese Tendenz daran hindern, im Kapitalismus abgeschlossen zu werden. Es war die Aufgabe der IKS, diese Frage innerhalb des von INTERNATIONALISME aufgedeckten Rahmens weiter aufzugreifen.

 

Wir müssen aufzeigen, daß der Staatskapitalismus überhaupt nicht die unüberwindbaren Widersprüche des Zeitraums der Dekadenz lösen kann, sondern daß er nur noch neue Widersprüche hinzufügt, neue Faktoren schafft, die schließlich die Gesamtlage des Weltkapitalismus noch verschlechtern. Einer dieser Faktoren ist die Schaffung einer immer größeren Masse von unproduktiven und parasitären Schichten, ein immer stärker unverantwortliches Verhalten einer wachsenden Zahl von Staatsbeschäftigten, deren Aufgabe es paradoxerweise ist, die Wirtschaft zu führen, sie zu orientieren und zu verwalten.

 

Der Zusammenbruch des stalinistischen Blocks, die weltweite Anhäufung von Korruptionsskandalen in allen Bereichen des Staatsapparates, beweisen, daß die ganze herrschende Klasse immer parasitärer wird. Es ist unbedingt notwendig, diese Untersuchungen fortzusetzen und diese Tendenz zum Parasitismus, zum unverantwortlichen Verhalten all dieser hohen Funktionäre zu verdeutlichen, die unter der Herrschaft des Staatskapitalismus nur noch an Schärfe gewinnt.

 

MC

 

 

(1) Unter den ersten Vertretern dieser Theorie befand sich Albert Treint, der 1932 zwei Schriften mit dem Titel "Das russische Rätsel" veröffentlicht hatte, und der in dieser Frage mit der Gruppe gebrochen hatte, die unter dem Namen Bagnolet-Gruppe bekannt war. Albert Treint, vormals Generalsektretär der KPF, früher Führer der Linksoppositionsgruppe "Die Leninistische Einheit" (192'n nd von "Kommunistischer Wiederaufrichtung" von 192&31, hatte sich nach dem Bruch mit der Bagnolet-Gruppe wie viele andere zur Sozialistischen Partei hin entwickelt, in die er 1935 eintrat. Gleichfalls schloss er sich der Résistance während des Krieges an. 1945 trat er nicht nur der Armee mit seinem Dienstgrad als Hauptmann bei, sondern er führte auch als Kommandant ein Besatzungsbataillon in Deutschland.

 

(2) Die Rätekommunisten der Holländischen Linke und insbesondere Pannekoek selber teilten die Hauptideen dieser brillanten Analyse einer dritten Alternative (siehe die Korrespondenz Chaulieu-Pannekoek in 'Socialsme ou Barbarie').

 

(3) Die ad-hoc Gründung der Internationalen Kommunistischen Partei in Italien im Jahre 1945, die überstürzte Auflösung der Fraktion, das Wiederauftauchen Bordigas mit seinen Theorien von der "Invarianz" des Marxismus, der "Doppelrevolution", der "Unterstützung der nationalen Befreiungen", der Unterscheidung nach 'geographischen Zonen', der Erklärung des "US-Imperialismus als Feind Nr. 1" usw. stellten einen klaren Rückschritt dieser neuen Partei gegenüber der Frage des Klassenwesens des stalinistischen Regimes und einer Verwerfung der Auffassung von der Dekadenz und seines politischen Ausdrucks, dem Staatskapitalismus dar.

 

 

 

INTERNATIONALISME Nr. 10 GAUCHE COMMUNISTE DE FRANCE,

 

1946 (Kommunistische Linke Frankreichs)

 

 

DIE RUSSICHE ERFAHRUNG

 

 

Es gibt Zweifel mehr: all die positiven Errungenschaften und noch mehr all die negativen Lehren der ersten Erfahrung der proletarischen Revolution stellen immer noch die Grundlage der modernen Arbeiterbewegung dar. Solange wie die Bilanz dieser Erfahrung nicht gezogen wird, solange ihre Lehren nicht erhellt und assimiliert werden, werden die revolutionäre Avantgarde und die Arbeiterklasse dazu verurteilt sein, auf der Stelle zu treten.

 

Selbst indem man das Unmögliche für möglich hält, d.h. daß die Arbeiterklasse die Macht mittels einer Reihe von wunderbar glücklichen und günstigen Umständen ergreift, könnte sie diese unter diesen Umständen nicht halten. Nach einer sehr kurzen Zeit würde sie die Kontrolle, die Führung über die Ereignisse verlieren, und die Revolution würde kurz oder später wieder den Kurs zurück zum Kapitalismus einschlagen.

 

 

Die Revolutionäre können sich nicht damit zufrieden geben, nur einfach gegenüber dem heutigen Rußland Stellung zu beziehen. Das Problem, ob man Rußland verteidigt oder nicht, ist seit langem keine Debatte mehr im dem Lager der Avantgarde.

 

Der imperialistische Krieg von 1939-45~, in dem Rußland der ganzen Welt sein wahres Gesicht als eine blutrünstige, räuberische, imperialistische Macht zeigte, hat all die Verteidiger Rußlands - egal ob sie jetzt offen als solche auftreten oder nicht - zu Agenten, zu politischen Handlangern des russischen imperialistischen Staats werden lassen, die im Lager der Arbeiterklasse wirken genauso wie der Krieg von 1914-18 den endgültigen Zusammenschluß der sozialistischen Parteien mit den nationalen kapitalistischen Staaten 6e~esen hatte.

 

Wir wollen in diesem Text auf diese Frage nicht mehr zurückkommen. Genauso wenig wollen wir hier auf das Wesen des russischen Staates zurückkommen, der die opportunistische Tendenz innerhalb der internationalen kommunistischen Linken noch als etwas darzustellen versucht, das ein proletarisches Wesen mit einer konterrevolutionären Funktion ; ein 'entarteter Arbeiterstaat' sei. Wir meinen, mit dieser spitzfindigen Unterscheidung eines angeblichen Gegensatzes zwischen dem proletarischen Wesen und der konterrevolutionären Funktion des russischen Staats hätte längst Schluß gemacht worden werden müssen. Diese bietet nämlich nicht die geringste Analyse und liefert keine Erklärung für die Entwicklung Rußlands; sie führt direkt zur Verstärkung des Stalinismus, des russischen kapitalistischen Staats und des internationalen Kapitalismus. Man kann übrigens feststellen, daß seit der Veröffentlichung unserer Untersuchung und unserer Polemik gegen diese Auffassung, die in der Nr. 6 des BULLETIN INTERNATIONAL der Italienischen Fraktion im Juni 1944 erschienen ist, die Vertreter dieser Theorie es nicht mehr gewagt haben, offen ihre Argumente vorzubringen. Die Kommunistische Linke Belgiens hat offiziell erklärt, daß sie diese Auffassung verwirft. Die Internationale Kommunistische Partei (IKP) Italiens scheint noch nicht Position bezogen zu haben. Und während es keine offene, methodische Verteidigung dieser falschen Auffassung gibt, vermissen wir aber bislang Stellungnahmen mit ihrer ausdrücklichen Verwerfung. Deshalb findet man in den Publikationen der IKP Italiens ständig Begriffe wie 'entarteter Arbeiterstaat' , wenn sie vom kapitalistischen russischen Staat spricht.

 

Es liegt auf der Hand, daß es sich nicht nur um eine Frage der Begriffe handelt, sondern es geht hier um die Substanz einer falschen Analyse der russischen Gesellschaft, einen Mangel an theoretischer Präzision, auf den wir ebenso bei anderen politischen und programmatischen Fragen stoßen.

 

Das Ziel unserer Untersuchung befaßt sich ausschließlich mit dem Herausarbeiten der Hauptlehren der rusischen Erfahrung. Wir können hier keine Geschichte der Ereignisse in Rußland schreiben, so wie sich dort abgespielt haben, auch wenn sie auch noch so bedeutsam waren. Solch eine Arbeit übersteigt unsere jetzigen Möglichkeiten. Wir wollen uns nur mit einem Teil dieser Erfahrung in Rußland befassen, die über diese historische Situation hinausgeht und Lehren für alle Länder und die gesamte zukünftige gesellschaftliche Revolution beinhaltet. Damit wollen wir uns an der Untersuchung der grundlegenden Fragen beteiligen und unseren Beitrag dazu leisten. Die Lösung dieser Fragen kann nur erarbeitet werden durch die 8emühungen aller revolutionären Gruppen mittels einer internationalen Diskussion.

 

 

PRIVATEIGENTUM UND GEMEINEIGENTUM

 

Die marxistische Auffassung vom Privateigentum an Produktionsmitteln als Grundlage der kapitalistischen Produktion und damit der kapitalistischen Gesellschaft schien eine andere Formel zu beinhalten: das Verschwinden des Privatbesitzes an Produktionsmitteln wäre gleichzustellen mit dem Verschwinden der kapitalistischen Gesellschaft. Man findet auch in der ganzen marxistischen Literatur den Begriff des Verschwindens des Privateigentums an Produktionsmitteln als gleichbedeutend mit dem Sozialismus. Nun gibt es bei der Entwicklung des Kapitalismus, oder genauer gesagt beim Kapitalismus in seiner dekadenten Phase eine mehr oder weniger starke Tendenz, die in allen Branchen festzustellen ist, hin zur Begrenzung, Einschränkung des Privateigentums an Produktionsmitteln, eine Tendenz hin zu seiner Verstaatlichung.

 

Aber die Verstaatlichungen sind nicht gleichzusetzen mit Sozialismus, jedoch wollen wir dies hier nicht näher aufzeigen. Worum es uns hier geht, ist die Tendenz selber und deren Bedeutung für die Arbeiterklasse.

 

31 Wenn man davon ausgeht, daß der Privatbesitz an Produktionsmitteln die Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft ist, führt jede Feststellung hinsichtlich einer Tendenz zur Begrenzung dieses Privateigentums zu einem unüberwindbaren Widerspruch, d.h. der Kapitalismus bedroht seine eigenen Grundlagen, er untergräbt seine eigene Basis.

 

Es wäre ganz sinnlos, hier mit Worten zu spielen und über die dem kapitalistischen System innewohnenden Widersprüche zu spekulieren.

 

Wenn man zum Beispiel von dem tödlichen Widerspruch des Kapitalismus spricht, d.h. daß dieser für die Entwicklung seiner Produktion neue Märkte erobern muß, aber in dem Maße, wie er diese neuen Märkte erobert, integriert er sie in sein Produktionssystem und zerstört somit den Markt, ohne den er nicht leben kann, dann zeigt man damit einen wirklichen Widerspruch auf. Dieser Widerspruch entsteht aus der objektiven Entwicklung der kapitalistischen Produktion, unabhängig von seinem Willen und unlösbar für ihn. Das gleiche tnfft zu, wenn man den imperialistischen Krieg und die Kriegswirtschaft zitiert, in denen der Kapitalismus aufgrund seiner inneren Widersprüche seine Selbstzerstörung produziert.

 

Und das gleiche trifft auf all die Widersprüche zu, in denen sich die kapitalistische Gesellschaft bewegt.

 

Aber mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln verhält es sich ganz anders, denn hier gibt es keine, den Kapitalismus zwingenden Kräfte, sich bewußt, absichtlich für die Bildung einer Struktur zu entscheiden, die eine Bedrohung, Infragestellung seines Wesens selbst beinhaltet.

 

Mit anderen Worten: indem man den Privatbesitz an Produktionsmitteln als das Wesen des Kapitalismus erklärt, behauptet man gleichzeitig, daß außerhalb dieses Privatbesitzes der Kapitalismus nicht bestehen kann. Gleichzeitig behauptet man, daß jede Änderung in Richtung auf eine Begrenzung dieses Privatbesitzes eine Einschränkung des Kapitalismus bedeuten würde, und damit eine Änderung gegen die Interessen des Kapitalismus wäre, sozusagen ihm entgegengesetzt, anti-kapitalistisch. Es geht wie gesagt nicht um den Grad dieser Einschränkung! Wenn man quantitative Berechnungen anstellt oder versucht glauben zu machen, daß es sich nur um ein unerhebliches Ausmaß handelt, hieße dies die Frage zu verdrängen. Dies wäre auch falsch, denn es reicht nicht aus, das Ausmaß der Tendenz zur Begrenzung in den totalitären Ländern und in Rußland zu erwähnen, wo alle Produktionsmittel verstaatlicht sind. Es geht hier nicht um den Umfang, sondern um das Wesen selber dieser Tendenz.

 

Wenn eine Tendenz zur Auslöschung des Privateigentum: wirklich eine antikapitalistische Tendenz darstellt, kommt man zu dieser überraschenden Schlußfolgerung: weil diese Tendenz vom Staat gesteuert wird, wäre der kapitalistische Staat das Mittel seiner eigenen Zerstörung.

 

Zu dieser Theorie vom anti-kapitalistischen kapitalistischen Staat gelangen gerade all diese 'sozialistischen' Befürworte: der Verstaatlichungen, des wirtschaftlichen Dirigismus unc der Befürworter der 'Planwirtschaft', die - solange sie nicht bewußte Vertreter der Verstärkung des Kapitalismus sind nichtsdestotrotz Reformatoren im Dienste des Kapitalismus sind. Dies trifft auf Gruppen wie 'Abondance' ('>Überfluß') CETES usw. zu.

 

32 Die Trotzkisten, die nicht viel Verstand in ihrem Kopf haben, treten natürlich für diese Beschränkung ein, denn alles, was dem kapitalistischen Wesen entgegengestellt ist, ist notwendigerweise proletarisch. Vielleicht sind sie ein wenig skeptisch, aber sie meinen, es sei ein Verbrechen, die geringste Möglichkeit auszulassen. Für sie stellen die Verstaatlichungen immerhin eine Schwächung des Privateigentums im Kapitalismus dar. Auch wenn sie im Vergleich zu den Stalinisten und Sozialisten nicht behaupten, daß sie ein Teil des Sozialismus innerhalb des Kapitalismus sind, sind sie dennoch davon überzeugt, daß sie "fortschrittlich" seien. Weil sie schlau sein wollen, meinen sie, müßte man den kapitalistischen Staat dazu bringen, eine Arbeit zu verrichten, den sonst das Proletariat nach der Revolution erfüllen müsse. "Dann wäre das schon ma1 erledigt, sozusagen eine Aufgabe weniger'; sagen sie und reiben sich die Hände, froh, den kapitalistischen Staat übers Ohr gehauen zu haben.

 

Aber 'das ist Reformismus' schreit der Linkskommunist von der Art Vercesis. Und als 'Marxist' versucht er nicht das Phänomen zu erklären, sondern es ganz einfach zu LEUGNEN, z.B. zu beweisen, daß es die Verstaatlichungen einfach nicht gibt, es sie nicht geben kann, daß sie nur eine 'Erfindung', demagogische Lügen der Reformisten sind.

 

Warum diese auf den ersten Blick überraschende Entrüstung, dieses Beharren auf der Verwerfung? Weil der Ausgangspunkt mit den Reformisten ein gemeinsamer ist, denn darauf fußt seine ganze Theorie des proletarischen Wesens der russischen Gesellschaft. Und weil sie den gleichen Maßstab für die Einschätzung des Klassenwesens der Wirtschaft haben, kann die Anerkennung solch einer Tendenz in den kapitalistischen Ländern für ihn nur bedeuten, daß es sich um eine schrittweise Umwandlung des Kapitalismus in den Sozialismus handelt.

 

Er muß die Tendenz und die Möglichkeit der Begrenzung des Privateigentums an Produktionsmitteln in der kapitalistischen Gesellschaft leugnen, nicht so sehr, weil er so sehr an dem 'marxistischen' Begriff des Privateigentums hängt, sondern weil er genau genommen von der umgekehrten Karikatur dieses Begriffes benommen ist, d.h. die Idee des Nichtexistierens des Privatbesitzes an Produktionsmitteln ist der Maßstab für die Einschätzung des proletarischen Wesens des russischen Staats.

 

Anstatt die objektive und wirkliche Entwicklung des Kapitalismus und seiner Tendenz zum Staatskapitalismus zu beobachten, und seine Position zum Wesen des russischen Staats zu korrigieren, bleibt er lieber an dieser Formel hängen und versucht seine Theorie von dem proletarischen Charakter Rußlands zu retten - egal wie die Wirklichkeit tatsächlich ist. Und weil der Widerspruch zwischen der Formel und der Wirklichkeit unüberwindbar ist, wird die Wirklichkeit ganz einfach geleugnet, die Sache ist damit abgeschlossen.

 

Eine dritte Tendenz versucht die Lösung in der Verwerfung des Marxismus zu finden. "Diese Doktrin - so behauptet sie, war richtig, solange sie auf die kapitalistische Gesellschaft angewandt wurde, aber was Marx nicht vorhergesehen hatte, und weshalb er somit 'überholt' ist: eine neue Klasse ist entstanden, die die politische und wirtschaftliche Macht der Gesellschaft schrittweise und .zum Teil friedlich (!) an sich reif3t, auf Kosten des Kapitalismus und des Proletariats': Diese neue (?) Klasse wäre für die einen die Bürokratie, für die anderen die Technokratie, und für andere wiederum die 'Synarchie'.

 

Lassen wir all diese Ausführungen mal beiseite und kehren wir zu unserem Thema zurück. Es ist unleugbar, daß es

 

eine Tendenz gibt, nämlich die hin zur Begrenzung des Privateigentums an Produktionsmitteln, und daß sie sich jeden Tag in allen Ländern verschärft. Diese Tendenz wird deutlich bei der allgemeinen Entwicklung eines Staatskapitalismus, der die Hauptbereiche der Produktion und das Wirtschaftsleben des Landes verwaltet. Der Staatskapitalismus ist keine Eigentümlichkeit einer bestimmten Fraktion der Bourgeoisie oder einer besonderen ideologischen Schule. Er läßt sich sowohl im demokratischen Amerika nieder wie auch im HitlerDeutschland, im 'Labour'-regierten England wie im 'sowjetischen' Rußland.

 

Innerhalb des Rahmens dieses Textes können wir die Analyse des Staatskapitalismus, der Bedingungen und historischen Ursachen, welche diese Form bestimmen, nicht bis an ihr Ende fortführen. Wir wollen nur einfach bemerken, daß der Staatskapitalismus die der dekadenten Phase des Kapitalismus entsprechende Form ist, wie seinerzeit der Monopolkapitalismus die Form der Phase seiner vollen, im Aufschwung befindlichen Entwicklung war. Eine weitere Bemerkung: ein charakteristisches Merkmal des Staatskapitalismus scheint uns seine Entwicklung zu sein, die stärker in direkter Verbindung steht mit den Auswirkungen der ständigen Wirtschaftskrise in den verschiedenen entwickelten kapitalistischen Ländern.

 

Aber der Staatskapitalismus stellt keineswegs die Verneinung des Kapitalismus dar und gar noch weniger die schrittweise Umwandlung zum Sozialismus, wie es die Reformisten der verschiedenen Schulen behaupten.

 

Die Angst, in die Fangarme des Reformismus zu fallen, indem man die Tendenz zum Staatskapitalismus anerkennt, hängt mit dem Fehler zusammen, den man bei der Einschätzung des Klassenwesens des Kapitalismus macht. Dieses wird nicht bestimmt durch den privaten Besitz an den Produktionsmitteln, der nur eine für einen gegebenen Zeitraum des Kapitalismus typische Form ist, nämlich für die des liberalen Kapitalismus; das Klassenwesen dagegen wird bestimmt durch die Spaltung, Trennung zwischen den Produktionsmitteln und dem Produzenten.

 

Der Kapitalismus bedeutet die Trennung zwischen der vergangenen, aufgehäuften Arbeit, die sich in den Händen einer Klasse befindet, die die lebendige Arbeit einer anderen Klasse diktiert und sie ausbeutet. Es kommt nicht darauf an, wie die besitzende Klasse zwischen ihren Mitgliedern die Anteile verteilt. In der kapitalistischen Gesellschaft ändert sich diese Aufteilung ständig durch den Wirtschaftskampf oder durch die militärische Gewalt. Wie wichtig auch immer die Untersuchung der Funktionsweise dieser Aufteilung vom Standpunkt der politischen Ökonomie ist, wir wollen uns in diesem Text nicht mit dieser Frage befassen.

 

Unabhängig von den auftretenden Änderungen im Verhältnis zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten der Bourgeoisie innerhalb der Kapitalistenklasse - aus der Sicht des gesellschaftlichen Systems zwischen den Klassen bleibt das Verhältnis zwischen der besitzenden und produzierenden Klasse das gleiche kapitalistische.

 

Auch wenn der während des Produktionsprozesses aus den Arbeitern herausgepreßte Mehrwert auf die eine oder andere Art verteilt wird, wenn dabei das Finanz-, Handels- oder Industriekapital unterschiedliche Anteile erhalten - all das beeinflußt und ändert keinesfalls das eigentliche Wesen des Mehrwerts. Bei der kapitalistischen Produktion ist es vollkommen unerheblich, ob es sich dabei um Privatbesitz oder kollektiven Besitz der Produktionsmittel handelt. Die

 

 

Existenz des Kapitals selber bestimmt das kapitalistische Wesen der Produktion, d.h. die aufgehäufte Arbeit in den Händen der Einen und die damit die Produktion von Mehrwert bestimmen. Der Übergang des Kapitals aus den Händen von einzelnen Privatkapitalisten in die Hände des Staats führt zu keiner Änderung des Wesens des Kapitalismus, es gibt keine Tendenz hin zu einem 'NichtKapitalismus' , sondern nur zu einer Konzentration des Kapitals, das rationeller, die Ausbeutung der Arbeitskräfte besser gestalten kann.

 

Worum es hier geht, ist nicht die marxistische Auffassung selber, sondern ihr zu enge und formelle Auslegung, ein engstirniges Begreifen. Die Produktion nimmt nicht deshalb einen kapitalistischen Charakter an, weil es einen Privatbesitz an Produktionsmitteln gibt. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln gab es auch in der Sklavengesellschaft wie im Feudalismus. Was die Produktion zu einer kapitalistischen werden läßt, ist die Trennung der Produktionsmittel von ihren Produzenten, ihre Umwandlung als Kaufmittel und als Mittel zur Beherrschung der lebendigen Arbeit mit dem Ziel, sie Überschusse produzieren zu lassen, Mehrwert, d.h. die Umwandlung der Produktionsmitel, die ihre Eigenschaft als einfache Werkzeuge im Produktionsprozeß verlieren, um zu Kapital zu werden und als solches zu existieren.

 

Die Form, in der das Kapital existiert, ob in privater oder konzentrierter (Trust, Monopol oder verstaatlicht) Gestalt, bestimmt genausowenig seine Existenz wie die Größe des Mehrwerts dies tut, oder die Formen, die es annehmen kann (Profit, Bodenrente). Die Formen sind nur der Ausdruck der Existenz der Substanz, und sie spiegeln dies nur in verschiedenen Arten wider.

 

Zur Zeit des liberalen Kapitalismus war die Form, in der er damals bestand, vor allem die des privaten Individualkapitals. Deshalb konnten die Marxisten damals problemlos diese Begriffe verwenden, um hauptsächlich Form und Inhalt darzustellen.

 

Hinsichtlich der Propaganda gegenüber den Massen brachte dies sogar den Vorteil mit sich, daß es eine etwas abstrakte Idee eher in einem konkreten, lebendigen und leichter greifbaren Bild verdeutlichte.

 

"Privatbesitz der Produktionsmittel = Kapitalismus" und "Einschränkung des Privatbesitzes - Sozialismus" - so hießen die gängigen Formulierungen, aber sie waren nur zum Teil wahr.

 

33 eine Bedingung für die Entwicklung hin zum Sozialismus, sie selber stellt aber noch nicht den Sozialismus dar.

 

Die weitestreichenden Enteignungen können allerhöchstens für das Verschwinden der Kapitalisten als Individuen sorgen, die von Mehrwert leben, aber damit ist noch nicht das Verschwinden der Produktion von Mehrwert, d.h. des Kapitalismus, sichergestellt.

 

Diese Behauptung mag auf den ersten Blick als paradox erscheinen, aber eine aufmerksame Untersuchung der russischen Erfahrung wird dies beweisen. Damit der Sozialismus entsteht, oder auch nur eine Tendenz zum Sozialismus, reichen Enteignungen nicht aus, sondern es ist auch notwendig, daß die Produktionsmittel aufhören, als Kapital zu funktionieren. Mit anderen Worten: das kapitalistische Prinzip der Produktion selber muß umgewälzt werden.

 

Das kapitalistische Prinzip der angehäuften Arbeit, die die lebendige Arbeit im Hinblick auf die Produzierung des Mehrwerts beherrscht, muß ersetzt werden durch das Prinzip der lebendigen Arbeit, das die angehäufte Arbeit im Hinbhck auf die Produktion von Konsumgütern für die Befriedigung der Bedürfnisse der Gesellschaft bestimmt.

 

Einzig und allein aus diesem Prinzip besteht der Sozialismus.

 

Der Fehler der russischen Revolution und der bolschewistischen Partei lag darin, die Betonung auf die Bedingung zu legen, nämlich die Enteignung, die als solche noch keinen Sozialismus darstellt und auch kein entscheidender Faktor bei der Ausrichtung der Wirtschaft auf eine sozialistische Schiene ist. Sie haben das Prinzip selber einer sozialistischen Wirtschaft vernachlässigt und in den Hintergrund gedrängt.

 

Nicht ist lehrreicher in dieser Hinsicht als ein Lesen der zahlreichen Reden und Schriften Lenins über die Notwendigkeit einer raschen Entwicklung der Industrie und der Produktion in Sowjetrußland. Aus Lenins Sicht kommt die Entwicklung der Industrie gleich der Entwicklung des Sozialismus. Er sprach gewöhnlich und fast unterschiedslos in Begriffen wie Staatskapitalismus und Staatssozialismus, ohne sie genau voneinander zu unterscheiden. Ausdrücke wie "Kooperativen + Elektrizität = Sozialismus" und anderer dieser Art spiegeln nur die Verwirrung und das Suchen, das Abtasten der Führer der Oktoberrevolution von 1917 in diesem Bereich wider.

 

Das Problem taucht dann auf, wenn die Form anfängt, sich zu ändern. Die Gewohnheit, den Inhalt durch seine Form darzustellen, weil diese beiden einmal in der Vergangenheit einander entsprachen, läuft darauf hinaus, daß man etwas als identisch darstellt, was es gar nicht gibt, und dies bewirkt, daß man den Inhalt durch die Form ersetzt. Diesen Fehler kann man in der russischen Revolution finden.

 

Der Sozialismus erfordert ein sehr hohes Niveau der Entwicklung der Produktivkräfte, und dies ist nur vorstellbar nach einer großen Konzentration und Zentralisierung der Produktivkräfte.

 

Diese Konzentration findet durch die Enteignung vom Privatbesitz an Produktionsmitteln statt. Aber diese Enteignung ist genauso wie die Konzentration der Produktionskräfte auf nationaler oder gar internationaler Ebene nach dem Triumph der proletarischen Revolution

 

Es ist sehr bezeichnend, daß Lenin vor allem die Aufmerksamkeit auf den Privatsektor und den kleinbäuerlichen Landbesitz gelenkt hat, die ihm zufolge eine Bedrohung für die Entwicklung der russischen Wirtschaft hin zum Kapitalismus darstellen konnten, und er vernachlässigte vollständig die viel größere und entscheidendere Gefahr, die von der verstaatlichten Indus