Spanien 1936: Der Mythos der anarchistischen Kollektive

Submitted by InternationaleRevue on Fre, 09/02/2007 - 17:39.
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Die spanischen Kollektive aus dem Jahr 1936 wurden von den Anarchisten als das perfekte Modell der Revolution dargestellt. Ihrer Auffassung gemäß ermöglichten die Kollektive die Arbeiterselbstverwaltung der Industrie, bedeuteten die Abschaffung der Bürokratie, steigerten die Arbeitsleistung und als "Wunder aller Wunder" waren sie "das Werk der Arbeiter selbst" - "stets von den Libertären geführt und geleitet" (so die Beschreibung durch Gaston Leval, unnachgiebiger Verteidiger des Anarchismus' und der CNT).

Aber die Anarchisten sind nicht die einzigen, die uns das "Paradies" der Kollektive anpreisen. Heribert Barrera1936 katalonischer Republikaner, heute Parlamentsabgeordneter im Cortes - lobt sie als "ein Beispiel der sozialen Markt= wirtschaft, die die Freiheit und die menschliche Initiative respektierten" (!!!),während uns die Trotzkisten der POUM erzählen, daß "das Werk der Kollektive der spanischen Revolution im Vergleich zu der russischen Revolution einen viel tiefgreifenderen Charakter verliehen hatte". G. Munis und die Genossen des FOR (Fomente Obrero Revolucionario) machen sich Illusionen über den "revolutionären" und "tiefgreifenden" Charakter der Kollektive.

Was unsere Stellung dazu anbetrifft, so sehen wir uns dazu gezwungen ,erneut den Spielverderber zu spielen: die Kollektive des Jahres 1936 waren kein Mittel der proletarischen Revolution, sondern ein Instrument der bürgerlichen Konterrevolution; ebensowenig waren sie "die Organisation der neuen Gesellschaft", sondern die letzte Rettung der alten Gesellschaft, die sich mit all ihrer Bestialität aufrechterhielt.

Wenn wir dies sagen, wollen wir damit nicht unsere Klasse demoralisieren. Im Gegenteil: die beste Art, sie zu entmutigen, liegt darin, sie für falsche Revolutionsmodelle kämpfen zu lassen .Die Bedingung selber film den Sieg ihrer revolutionären Bestrebungen besteht in der vollständigen Befreiung von falschen Revolutionsmodellen ,in der Befreiung von jedem falschen Paradies...

1. WAS WAREN DIE KOLLEKTIVE ?

Spanien, das von der Wirtschaftskrise, die den Weltkapitalismus seit 1929 erschütterte, voll getroffen wurde, wurde 1936 von besonders schweren wirtschaftlichen Erschütterungen erfaßt.

  • Jedes nationale Kapital litt unter drei Arten sozialer Umwälzungen:
  • * jener, die aus dem grundlegenden Widerspruch zwischen Bourgeoisie und Proletariat hervorgeht;
  • * jener, die aus den internen Konflikten zwischen den verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie selber herrührt;
  • * jener, die durch die Zusammenstöße zwischen imperialistischen Blöcken verursacht werden, welche jedes Land in ein Schlachtfeld seiner Kämpfe um Einfluß und Märkte verwandeln.
  • In dem Spanien des Jahres 1936 wirkten diese drei Erschütterungen mit einer bestialischen Intensität zusammen, was den spanischen Kapitalismus in eine extreme Lage versetzte.

Erstens führte das spanische Proletariat - das im Gegensatz zu seinen europäischen Klassenbrüdern noch nicht ge= schlagen war - gegen die Ausbeutung eine kraftvolle Schlacht, die durch eine ungeheuerliche Ausdehnung des Generalstreiks gekennzeichnet war sowie durch Revolten und Aufstände, die die größte Bestürzung innerhalb der herrschenden Klasse hervorgerufen hatte.

An zweiter Stelle verschärften sich die internen Konflikte der herrschenden Klasse. Eine rückständige Wirtschaft, die von enormen Ungleichgewichten zerrissen und daher von der Weltwirtschaftskrise mit viel größerer Intensität zernagt wurde, war der beste Nährboden für den Ausbruch von Konflikten zwischen der Bourgeoisie der Rechten (Großgrundbesitzer, Bankiers, Militärs, Kirche - von Franco befohlen) und der linken Bourgeoisie (Industrielle, städtischer Mittelstand, Gewerkschaften u.s.w., die von der Republik und der Volksfront angeführt wurden).

Schließlich wurde der spanische Kapitalismus aufgrund seiner Instabilität zu einer leichten Beute für den imperialistischen Heißhunger, der, von der Krise angetrieben, immer neue Märkte und neue strategische Positionen benötigte. Deutschland und Italien hatten in Franco ihren Faustpfand, der sich unter der Maske der "Traditionen" und des "Kreuzzuges gegen den atheistischen Kommunismus" versteckte. Rußland und die Westmächte - damals noch miteinander befreundet -fanden in der Republik und der Volksfront ihre Bastion, die sich hinter dem Schleier des "Antifaschismus'" und des "Kampfes für die Revolution" verbargen.

Auf diesen Hintergrund brach der Aufstand Francos aus, der berühmte 18.Juli 1936,der für die Arbeiterklasse den Höhepunkt der Überausbeutung und der Unterdrückung darstellte, die von der Republik seit 1936 begonnen worden war. Die Reaktion der Arbeiterklasse erfolgte unmittelbar und gewaltig: Generalstreik, Aufstand, Bewaffnung der Massen, Enteignung und Besetzung der Betriebe.

Vom ersten Augenblick an versuchten all die Kräfte der linken Bourgeoisie, die sich von den republikanischen Parteien bis zur CNT erstreckte, die Arbeiter in Falle des "antifaschistischen" Kampfes zu locken und die Betriebsenteignungen in einem Selbstzweck umzuwandeln, damit die Arbeiter die Arbeit wieder aufnehmen mit der Illusion, daß die Unternehmen ihnen gehörten, daß sie "kollektivisiert" seien.

Aber die Tage des Juliaufstands demonstrierten der Gesellschaft, daß sich der Kampf der Arbeiter nicht nur gegen Franco, sondern auch gleichzeitig gegen den republikanischen Staat entwickelte: die Arbeiter streikten, enteigneten die Unternehmen, bewaffneten sich als autonome Klasse, um einen Angriff gegen die Gesamtheit des kapitalistischen Staates, d.h. sowohl gegen den frankistischen als auch gegen den republikanischen Staat zu eröffnen. Um den aufständischen Streik erfolgreich durchzuführen, konnten sich die Arbeiter nicht mit den Enteignungen und der Bildung von Milizen zufriedengeben, sondern sie mußten gleichzeitig neben der frankistischen Armee auch alle republikanischen Kräfte (die Azafias, Companys, die KP, die CNT u.s.w.) niederschlagen und danach den kapitalistischen Staat vollständig zerstören, um auf dessen Trümmern die Macht der Arbeiterräte aufzubauen.

Indessen lag der Schlüssel des Scheiterns des Proletariats und seiner Rekrutierung für die Barbarei des Bürgerkriegs in der Tatsache, daß es den republikanischen Kräften - allen voran die CNT und die POUM - gelang, die Arbeiter vom entscheidenden Schritt abzuhalten - die ZERSTÖRUNG DES KAPITALISCHEN STAATES -, und daß sie die Arbeiter für die "Kollektivisierung der Wirtschaft" und den "antifaschistischen Kampf" einfangen konnten.

Die katalonischen Nationalisten, die Volksfront und vor allem die CNT reduzierten den Kampf der Arbeiter auf die einfache Enteignung der Unternehmen, indem sie diese Aktionen als "Revolutionäre Kollektive" etikettierten, welche innerhalb des kapitalistischen Staates fortbestanden und diesen unberührt ließen. Die "Revolutionären Kollektive" wurden somit nicht nur unbrauchbar für die Arbeiter, sondern sie verwandelten sich auch in ein Instrument der Überausbeutung und der Kontrolle durch das Kapital.

"Da die Staatsgewalt bestehen blieb, konnte die Genaralitat Kataloniens die von den Arbeitern vorgenommenen Enteignungen in aller Ruhe legalisieren und in den Chor all der 'Arbeiterströmungen' mit einstimmen, die die Arbeiter mit den Mystifikationen der Enteignung, der Arbeiterkontrolle, Landaufteilung, den Säuberungen getäuscht hatten. Diese 'Arbeiterströmungen' bewahrten aber gleichzeitig ein kriminelles Schweigen über die nicht so offen auftretende, in der Realität aber furchtbar wirksame Existenz des kapitalistischen Staates. Aus diesem Grund blieben die von den Arbeitern vorgenommenen Enteignungen in dem Rahmen des kapitalistischen Staates integriert."(Bilan)

Somit sehen wir, daß die CNT, die zu keinem Zeitpunkt zu den spontanen Streiks des 19.Julis und auch nicht zur Bewaffnung der Arbeiter aufgerufen hatte, nun sofort zur Wiederaufnahme der Arbeit und zur Beendigung des Streiks aufrief, mit anderen Worten: sich dem Angriff gegen den kapitalistischen Staat entgegenstellte mit der Entschuldigung, daß die Unternehmen "kollektivisiert" seien. In seinem Buch "Libertäre Kollektive in Spanien" argumentiert (?) Gaston Leval auf folgende Weise: "Zu Beginn des faschistischen Angriffs wurde die Bevölkerung durch den Kampf und den Alarmzustand für fünf oder sechs Tage mobilisiert; danach rief die CNT zur Wiederaufnahme der Arbeit auf. Den Streik zu verlängern, wäre gegen die Interessen der Arbeiter selbst gewesen, denn die Arbeiter hatten die Verantwortung über die Situation übernommen".

Die schönen "libertären" Kollektive, die gemäß der POUM eine "tiefgreifendere Revolution als die russische" waren -, rechtfertigten die Rückkehr zur Arbeit, das Ende des revolutionären Aufstands, die Unterwerfung der Arbeiter unter die Kriegsproduktion. Unter den damaligen Umständen der Erschütterung und des extremen Zerfalls des kapitalistischen Gefüges waren die Kollektive mit ihrer radikalen Fassade das letzte Mittel, um die Arbeiter zur Arbeit zu bewegen und um die Ordnung der Ausbeutung zu retten, wie Osorio Gallardo, rechter monarchistischer Politiker, offen anerkannte: "Wir sollten unparteiisch urteilen. Die Kollektive waren eine Notwendigkeit. Der Kapitalismus hatte seine ganze moralische Autorität verloren, seine Herren konnten keine Befehle mehr erteilen, und die Arbeiter wollten auch nicht mehr gehorchen. In solch einer beängstigenden Situation konnte die Industrie entweder nur aufgegebn werden oder die Generalitat übernahm sie, indem sie einen sowjetischen Kommunismus errichtete".

2. IM DIENSTE DER KRIEGSWIRTSCHAFT

Wenn uns erzählt wird, daß die Kollektive ein Modell des "Kommunismus'" , der "Arbeitermacht" gewesen seien, eine "viel tiefgreifendere Revolution als die in Rußland", dann ist das zum Lachen: die Unzahl von Informationen, von Tatsachen und Zeugnissen, die das Gegenteil beweisen, sind überwältigend. Betrachten wir diese einmal näher:

1.Eine ganze Reihe von Kollektivisierungen wurde mit dem Einverständnis der Unternehmer selbst durchgeführt. Hinsichtlieh der Kollektivisierung der Schokoladenindustrie in Torrente (Valencia) schreibt Gaston Leval in dem vorhin zitierten Buch: "Motiviert von dem Wunsch nach Modernisierung der Produktion (?) sowie dem Wunsch nach Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (sic!), fand am 1.September 1936 eine Versammlung statt. Die Unternehmer wurden genauso wie die Arbeiter zur Teilnahme im Kollektiv eingeladen. Und alle stimmten darin über= ein, sich für die Organisierung der Produktion und des Lebens auf ganz neuer Grundlage zusammenzuschließen".

Diese "ganz neue Grundlage des Lebens" wurde bei voller Anerkennung aller Stützpfeiler des kapitalistischen Regimes aufgebaut, wie z.B. im Kollektiv der Straßenbahnen Barcelonas:"(Das Kollektiv) akzeptierte nicht nur, den Gläubigern der Gesellschaft die aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen, sondern verhandelte sogar mit den Aktionären, die auf einer Aktio närsversammlung vorgeladen wurden" (ebenda).War dies die tiefgreifende Revolution, die die alten Schulden und die Interessen der Aktionäre respektiert ? Eine seltsame Art, die Produktion und das Leben auf ganz neue Grundlagen zu organisieren!

2.Die Kollektive spielten den Gewerkschaften und den bürgerlichen politischen Parteien beim Wiederaufbau der kapitalistischen Wirtschaft in die Hände:

* sie dienten der Konzentration der Unternehmen:

"Wir haben die winzig kleinen Werkstätten mit einer unbedeutenden Anzahl von Arbeitern übernommen, die nicht die Spur einer gewerkschaftlichen Aktivität zeigten und deren Passivität der Wirtschaft Schaden zufügte". (Bericht der Holzarbeitergewerkschaft der CNT Barcelonas 1937)

* sie rationalisierten die Wirtschaft:

"Zuerst haben wir die finanzielle Stabilität der Industrie hergestellt, indem ein Allgemeiner Wirtschaftsrat gebildet wurde, zu dem jede Branche zwei Delegierte entsandte. Die überschüssigen Beiträge sollen als Hilfe der defizitären Industriebereiche dienen, damit diese Rohstoffe und andere Produktionsbestandteile erhalten". (CNT,Barcelona 1936)

* sie zentralisierten den Mehrwert und die Kredite, um diese gemäß der Bedürfnissen der Kriegswirtschaft aufzuteilen:

"In allen kollektivierten Betrieben sind 50 % der Gewinne für die Aufrechterhaltung der Eigenbestände bestimmt, die verbleibenden 50 % werden dem lokalen oder dem entsprechenden regionalen Wirtschaftsrat zur Verfügung gestellt". (Bericht der CNT über die Kollektive im Dezember 1936)

Wie daraus ersichtlich, ging kein Pfennig der Gewinne an die Arbeiter, aber das macht ja nichts! Gaston Leval rechtfertigt dies mit dem größten Zynismus: "Man kann sich mit gutem Grund fragen, warum die Gewinne nicht unter den Arbeitern aufgeteilt werden, die den Gewinn erarbeitet haben. Darauf antworten wir: weil diese Gewinne für Zwecke der sozialen Solidarität reserviert sind".

"Soziale" Solidarität mit der Ausbeutung, mit der Kriegswirtschaft, mit der schrecklichsten Armut!

3.Die Kollektive rührten das ausländische Kapital nicht an, "um die befreundeten Länder nicht zu verärgern", wie die POUM sagt. Wir übersetzen das folgendermaßen: um sich den imperialistischen Mächten zu unterwerfen die die republikanische Bande unterstützten.

4.Die Organismen, welche die Kollektive verwalteten und führten (Gewerkschaften, politische Parteien, Komitees) waren voll in den kapitalistischen Staat integriert: "Die Fabrikkomitees und die Kontrollkomitees der enteigneten Betriebe verwandelten sich in Organe zur Anregung der Produktionssteigerung, und aus diesem Grund wurden sie in ihrem Klassencharakter entstellt. Bei diesen Komitees handelte es sich nicht mehr um Organismen, die im Verlauf des aufständischen Streiks für die Zerstörung des Staates geschaffen worden waren, sondern es handelte sich um Organe, die auf die Kriegsproduktion orientiert waren, eine grundlegende Bedingung dafür, um das Überleben und die Verstärkung dieses Staates zu erlauben". (Bilan)

Und was die Parteien und die Gewerkschaften betrifft, kann man sagen, daß nicht nur die Kräfte der Volksfront, sondern auch die mehr "basisbezogenen" und "radikalen" Organisationen in den Staat integriert waren: die CNT beteiligte sich am Wirtschaftsrat Kataloniens mit vier Delegierten, an der Regierung der Generalitat Kataloniens mit drei Ministern und an der Zentralregierung Madrids mit drei weiteren Ministern. Aber sie beteiligte sich nicht nur vollständig an der Spitze des Staates, sondern auch an der Basis dieses Staates, von Dorf zu Dorf, von Betrieb zu Betrieb, von Stadtviertel zu Stadtviertel. Das republikanische Spanien hatte Hunderte von "libertären" Bürgermeistern, Stadträten, Verwaltungschefs, Polizeichefs, Offizieren u.s.w. gekannt.

Aber diese Kräfte sind nicht nur integraler Bestandteil des Staates aufgrund ihrer direkten Teilnahme innerhalb des Staates. Es ist die Gesamtheit der von ihnen verteidigten Politik, die sie zu Fleisch und Blut der kapitalistischen Ordnung machte. Diese Politik, die andauernd die Aktionen der Kollektive hemmte, war die antifaschistische Einheit, welche die Opfer der Arbeiter an der militärischen Front und durch die Überausbeutung in den Fabriken rechtfertigte. Gaston Leval erklärt uns klar diese Politik, die u.a. von der CNT verfolgt wurde: "Man mußte die auch noch so beschränkten, aber dennoch beachtlichen Freiheiten, die von der Republik repräsentiert wurden, verteidigen". Gaston Leval "vergißt" die "beachtliche Freiheit der Arbeiter", die die Unterdrückung der Arbeiterstreiks bedeutete, welche von der Republik ausgeübt wurde.(Erinnern wir uns an Casas Viejas,Alto Liobregat,Asturien...): "Es handelte sich nicht darum, den libertären Kommunismus einzuführen, auch nicht um eine Offensive gegen den Kapitalismus, den Staat oder den politischen Parteien: es kam darauf an, den Triumpf des Faschismus zu verhindern".(G.L.)Warum zum Teufel kritisieren dann die CNT, die Anarchisten und Co. die spanische KP, wenn ihr Programm genau das gleiche war: nämlich die Verteidigung des Kapitalismus mit dem Humbug des Antifaschismus'?

5.Der "revolutionäre, antikapitalistische und libertäre" Charakter der Kollektive wurde geschickt vom kapitalistischen Staat auf die richtigen Bahnen geleitet: er erkannte sie in dem Dekret der Kollektivierung vom 24.10.36 an und koordinierte sie mittels der Konstituierung des Wirtschaftsrates. Und wißt ihr, wer diese bei den Dekrete unterzeichnet hat? Senor Tarradellas, heute nagelneuer Präsident der Generalitat Kataloniens!

Wir sind zu der Schlußfolgerung gezwungen, daß die Kollektive kein so geringer Angriff gegen die bürgerliche Ordnung waren, sondern eine Form, welche sich die Bourgeoisie zu eigen machte, um die Wirtschaft zu organisieren und um die Ausbeutung aufrechtzuerhalten in einem Augenblick äußerster Spannungen und einer enormen Radikalisierung der Arbeiter. Dieser Augenblick erlaubte nicht den Gebrauch traditioneller Methoden. "Angesichts eines Aufruhrs der Klasse kann der Kapitalismus überhaupt nicht mehr auf die klassischen Methoden der Legalität zurückgreifen. Das was ihn bedroht, ist die UNABHÄNGIGKEIT der Arbeiterklasse, die die Bedingung für die nächste revolutionäre Epoche ist, die zur Abschaffung der bürgerlichen Herrschaft führt. Daher muß der Kapitalismus das Fangnetz seiner Kontrolle über die Ausgebeuteten enger knüpfen. Die Maschen dieses Netzes, die vormals die Staatsverwaltung, die Polizei, die Gefängnisse waren, verwandelten sich in der extremen Lage von Barcelona in Milizkomitees, vergesellschaftete Industrien, Arbeitergewerkschaften, Wachmannschaften, etc.". Bilan

3. DIE EINRICHTUNG DER KRIEGSWIRTSCHAFT

Nachdem wir das Wesen der Kollektive als kapitalistisches Instrument erkannt haben, beginnen wir die Rolle zu erkennen, die sie spielten. Sie sollten eine drakonische Kriegswirtschaft innerhalb des Proletariats installieren, die die Bezahlung der enormen Kosten und des ungeheuren Aderlasses erleichterte, welche der imperialistische Krieg in Spanien von 1936-39 forderte.

Kurz gefaßt setzt die Kriegswirtschaft drei Punkte heraus:

* die Militarisierung der Arbeit

* die Rationierung

* die Lenkung der gesamten Produktion auf ein ausschließliches, totalitäres und monolithisches Ziel: den Krieg.

Das Feigenblatt der Kollektive diente der Bourgeoisie dazu, den Arbeitern eine militärische Arbeitsdisziplin, die Verlängerung des Arbeitstages und die Verwirklichung von unbezahlten überstunden aufzuzwingen. Ein bürgerlicher Journalist besang erfreut die in der Ford-Fabrik herrschende "Stimmung": "Es gab weder Kommentare noch Kontroversen. Zuerst kam der Krieg und für ihn galt es zu arbeiten und endlos zu arbeiten....Da optimistisch und zufrieden, machte es ihnen nichts aus, daß ihr Komitee - aus Arbeitergenossen wie sie zusammengesetzt - strenge Anweisungen erteilte und mehr Arbeitsstunden anordnete. Was wichtig war, war den Faschismus zu besiegen."

Die Statuten der Kollektive bestimmten eindeutig die Einrichtung der Militarisierung der Arbeit:" Artikel 24: Alle werden zur Arbeit ohne Zeitbegrenzung verpflichtet, um das Notwendige für den Dienst des Kollektivs zu tun; Artikel 25: Jedes Mitglied des Kollektivs ist dazu verpflichtet, zusätzlich zu ihm zugeteilten Arbeit - wo immer notwendig - Hilfe zu leisten bei allen dringenden oder unvorhergesehenen Arbeiten".(Kollektiv in Jativa-Valencia)

In den "Versammlungen" der Kollektive wurden mehr und mehr Kasernenmethoden "demokratisch" aufgezwungen: "Es wurde beschlossen, eine Werkstatt zu organisieren, wo die Frauen arbeiten können, statt ihre Zeit auf der Straße tratschend zu verlieren...Schließlich wurde beschlossen, daß jede Werkstatt eine Delegierte hat, die zur Kontrolle der weiblichen Lehrlinge bestimmt ist. Die Lehrlinge werden bei zweimaliger grundloser Abwesenheit ohne Einspruch entlassen"(Kollektiv in Tamarite-Huesca).

Was die Rationierungen angeht, so erklärt eine katalanische Zeitschrift aus der damaligen Zeit ohne Scham die "demokratische" Methode, wie die Rationierungen den Arbeitern aufgezwungen wurden: "Im ganzen Land zwingt man die Bürger, sparsam zu leben, von den wertvollen Metallen angefangen bis hin zu den Kartoffelschalen. Die öffentliche Gewalt verlangt von ihnen dieses strenge Regime. Aber hier in Katalonien ist es das Volk, das vollkommen spontan sich freiwillig und bewußt eine strenge Rationierung auferlegt".

Das erste Gesetz des "ultra-revolutionären" Rates von Aragon (mit Durruti und anderen "Statthalter:?") lautet: "Für den Bedarf der Kollektive werden Rationierungskarten ausgegeben". Diese als "revolutionäre Maßnahme" und als "bewußt von den Bürgern akzeptierten" auferlegten Rationierungen bedeuteten eine unbeschreibliche Armut für die Arbeiter und für die gesamte Bevölkerung. Gaston Leval erkennt ohne Scham an: "In den meisten Kollektiven fehlte fast immer Fleisch und nach und nach fehlte fast alles bis hin zu den Kartoffeln"(ebenda).

Letztlich hatten die Kasernendisziplin und die von der Bourgeoisie unter dem Schleier der Kollektive auferlegten Rationierungen ein einziges Ziel: alle wirtschaftlichen und menschlichen Quellen dem blutgierigen Durst des imperialistischen Krieges zu opfern:

- im Kollektiv von Mas de las Matas (Barcelona) und gemäß den Vorschlägen der CNT "...wandelte man die Weinkeller für die Herstellung von 96%igen Alkohol um, der für die Ärzte an der Front unabdingbar war. Man beschränkte ebenso den Kauf von Kleidung, Maschinen u.s.w., die für den Gebrauch der Kollektivmitglieder bestimmt waren, denn diese Güter sollten nicht dem Luxus dienen, sondern der Front".

- die Kollektive Alicantes "...überreichten den gewerkschaftlichen Betrieben die Verantwortung für die Waffenproduktion, der verstaatlichten Textilindustrie die für Textilien und der Industrie Eldas, auch in der Hand der Libertären, die Verantwortung für die Schuhproduktion - mit dem Ziel der Versorgung der Truppen mit Waffen, Bekleidung und Schuhwerk"(Gaston Level).

4. DIE KOLLEKTIVE: INSTRUMENT DER ÜBERAUSBEUTUNG

Die greifbarste Verdeutlichung des arbeiterfeindlichen Wesens der unheilvollen anarchistischen "Kollektive" ist die, daß es der republikanischen Bourgeoisie mit ihrer Hilfe gelang, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter bis auf die Grenze des Unerträglichen zu reduzieren:

* die Löhne - sie fielen von Juni '36 bis Dezember78 um nominal 30 %; der Verfall des Lebensstandards war gar noch schlimmer: 200 %!

* die Preise - sie stiegen von 168,8 im Jahr 1936 (Index 1933: 100) bis auf 564 im November 1937 und auf 687,8 im Februar 1938.

* die Arbeitslosigkeit - trotz des großen Sterbens an der Front, wodurch die Arbeitslosigkeit sank, stieg sie um 39 % zwischen Januar 1936 und November 1937.

* die Arbeitszeit - sie stieg auf 48 Stunden (1931 betrug sie 44 Stunden; im Juli 1936 hatte die Generalitat, um die Arbeiter zu besänftigen, die 40-StundenWoche dekretiert, aber einige Monate später verschwand diese Maßnahme wieder mit der Entschuldigung der Kriegsanstrengungen und der "Kollektivisierung". Die Anzahl der Überstunden erhöhte die Arbeitsdauer um 30 %.

Gerade die sog. "Arbeiterorganisationen" (KP,UGT,POUM und vor allem die CNT) waren es, die mit größter Heftigkeit nach Überausbeutung und Verschlechterung der Lage der Arbeiter schrien.

Peiro, ein Bonze der CNT, schrieb im August 1936:"Für die Bedürfnisse der Nation reicht die 40-Stunden-Woche nicht aus, diese ist jetzt sicher nicht mehr angebracht".

Die gewerkschaftlichen Anweisungen der UNT waren die "vorteilhaftesten" für die Arbeiter: "Krieg, Produzieren und Verkaufen. Keine Lohnforderungen oder irgendwelche anderen Forderungen. Alles muß dem Krieg untergeordnet werden. In keinem Produktionszweig, der eine direkte oder indirekte Verbindung mit dem antifaschistischen Krieg hat, darf man Forderungen hinsichtlich der Arbeitsgrundlagen stellen, weder bezüglich der Löhne noch bezüglich der Arbeitszeit. Die Arbeiter können keine Extralöhne für die für den antifaschistischen Krieg geleisteten Überstunden verlangen, und sie müssen die Produktion im Vergleich zum Zeitraum vor dem 19.Juli erhöhen".

Die KP heulte: "Nein zu den Streiks im demokratischen Spanien! Kein müßiger Arbeiter in der Nachhut!"

Natürlich dienten die Kollektive als Instrument der "Arbeitermacht" und der ‚Vergesellschaftung‚ in den Händen des Staates als Ausrede dafür, daß die Arbeiter die brutale Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen hinnehmen sollten.

So geschehen im Kollektiv von Graus (Huesca): „Den Frauen wird kein Lohn für ihre Arbeit bezahlt, falls ihre Bedürfnisse durch das Einkommen der Familie gedeckt werden". Im Kollektiv von Hospitalet (Barcelona): „Das Bedürfnis nach außergewöhnlichen Anstrengungen berücksichtigend, werden wir auf die 5%ige Lohnerhöhung und auf die von der Regierung beschlossene Arbeitszeitverkürzung verzichten". Päpstlicher als der Papst!

5. Schlußfolgerungen

Die schmerzvolle, historische Erfahrung in Erinnerung zu rufen, die das spanische Proletariat durchmachte, den großen Betrug der Kollektive zu brandmarken, mit denen es der Bourgeoisie gelungen war, das Proletariat zu täuschen – das ist keine Frage für Intellektuelle und für die Gelehrten, sondern es handelt sich dabei um eine lebenswichtige Notwendigkeit, um nicht wieder in die gleiche Falle zu tappen. Um uns zu besiegen und zur Annahme der Überausbeutung, der Arbeitslosigkeit, der Opfer zu bewegen, benutzt die Bourgeoisie Trugbilder: sie kleidet sich als ‚Arbeiter‘ und als ‚Volksfreund‘ (1936 machten sich die Bourgeois Schwieden an die Hände und zogen sich als ‚Arbeiter‘ an); die Fabriken werden als ‚sozialisiert‘ und ‚selbstverwaltet‘ ausgegeben; sie ruft zu jeder Art von Solidarität zwischen den Klassen auf, hinter den Fahnen des Antifaschismus, der ‚Verteidigung der Demokratie‘, dem ‚Kampf gegen den Terrorismus‘... Sie vermittelt den Arbeitern den falschen Eindruck, daß sie ‚frei‘ seien, daß sie die Wirtschaft’ kontrollieren‘ usw... Aber hinter soviel ‚Demokratie, Beteiligung und Selbstverwaltung‘ versteckt sich unangetastet, mächtiger und stärker wie noch nie zuvor der bürgerliche Staatsapparat, um den herum sich die kapitalistischen Produktionsverhältnisse aufrechterhalten und immer verheerender mit all ihrer Bestialität wüten.

Heute, wo die fatalen Gesetze des altersschwachen Kapitalismus in den Krieg führen, ist das ‚Lächeln‘, das ‚Vertrauen in die Bürger‘, die ‚größte Demokratie‘ und die ‚Selbstverwaltung‘ ein großes Theater, mit dessen Hilfe der Kapitalismus immer mehr Opfer verlangt, immer mehr Arbeitslosigkeit und Armut erzeugt und immer mehr Blut auf den Schlachtfeldern fordert. Aus Erfahrung wird man klug. Die ’Kollektive‘ von 1936 waren eines der arglistigsten Modelle, eines der Paradiese, eine weitere schöne Illusion, mit denen der Kapitalismus die Arbeiter in die Niederlage und in das Massaker stieß. Die Lehre aus diesen Ereignissen muß dem heutigen Proletariat dazu dienen, die Fallen zu umgehen, die das Kapital ihm aufgestellt hat, um somit auf seine endgültige Befreiung hinzuarbeiten. E.F. (aus Accion Proletaria Nr. 20).

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