Kriegszustand in Polen: Die Weltbourgeoisie gegen die Arbeiterklasse

Submitted by InternationaleRevue on Mon, 26/02/2007 - 22:04.

Im August 1980 haben uns die Arbeiter in Polen ein Beispiel des Massenstreiks, der Selbstorganisation der Klasse, der wirklichen Solidarität der Arbeiter gegeben. Seit dem 13. Dez. 1981 geben sie uns ein Beispiel dieses Mutes, dieser Kampfbereitschaft, die beweist, daß die Reaktion und der Kampf der Arbeiter heute nicht mit den 30er Jahren zu vergleichen ist. Weil die Arbeiterklasse sich dem gesamten Unterdrückungsapparat des kapitalistischen Staates nicht unterwirft, weil ein Jahr der Sabotagearbeit Solidarnoscs und alle anderen, von den verschiedenen Vertretern der Bourgeoisie verbreiteten Illusionen diese außergewöhnliche Kampfbereitschaft der Arbeiter nicht haben auslöschen können, wissen wir, daß die Revolution möglich ist.

Auch wenn die Arbeiter in Polen sich dessen nicht direkt bewußt sind, so kämpfen sie doch in der Tat nicht als "Polen". Ihr Mut, ihre Entschlossenheit in diesem ungleichen und zum jetzigen Zeitpunkt verzweifelten Kampf, sind keine "besonderen Merkmale des polnischen Volkes". Dies sind typische Merkmale der Weltarbeiterklasse. Es gibt zahlreiche Beispiele in der Geschichte für den heldenhaften Mut, zu dem das Proletariat in allen Ländern fähig ist: die Kämpfer der Kommune 1871, die russischen und polnischen Arbeiter 1905-1906, Arbeiter in Rußland, Deutschland, Österreich, Italien, China und vielen anderen Ländern zwischen 1917 und 1927.

Heute wird in Polen ein Teil des Weltproletariats mit all dem Terror angegriffen, zu dem der Kapitalismus fähig ist: Panzer, Maschinengewehre, Massenverhaftungen, Konzentrationslager, Stürmung der Bergwerke mit erstickenden Gasen oder durch Überflutung (eine alte kapitalistische "Technik", die vor allem von der englischen Bourgeoisie in den 30er Jahren in Indien angewandt wurde). lind in Polen hat sich ein Teil des Weltproletariats ausgezeichnet geschlagen - mit der größten Wut im Bauch. Daß dieser Kampf verloren ist, ist offensichtlich: heute stellen die Autoritäten mit Genugtuung fest, daß es keine Widerstandszentren mehr gibt. Der passive Widerstand wird langfristig auch zerschlagen, denn er beruht nicht mehr auf großen Massenbewegungen, auf kollektiven, von der Klasse organisierten Aktionen, sondern auf der Aktion einer Anzahl von Arbeitern, die durch die Repression und den Terror atomisiert sind.

Und selbst wenn diese Widerstandsform lange aufrechterhalten werden könnte, hätte die Bourgeoisie dennoch einen Sieg errungen, weil es ihr gelungen ist, all die direkten Formen des Lebens der Klasse zum Schweigen zu bringen: die Massenstreiks, die Vollversammlungen, die Konfrontation von Erfahrungen und die offenen Diskussionen zwischen Proletariern.

Man darf nicht die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Das Proletariat hat in Polen eine Niederlage eingesteckt. Aber diese Niederlage ist nicht endgültig und sie kann wettgemacht werden. Sie bedeutet keine Zerschlagung.

Wie die Revolutionäre schon seit langem betont haben, insbesondere Marx und Luxemburg, muß das Proletariat bis zu seinem endgültigen Sieg über den Kapitalismus viele Niederlagen hinnehmen.

Als solche ist eine Niederlage also für die Arbeiterklasse nicht katastrophal. Sie ist ein Teil ihres langen und schwierigen Weges hin zur Revolution. Sie ist eine Schule, wo das Proletariat lernt, seinen Feind und sich selbst besser einzuschätzen, wo es die Schwächen, die es zu überwinden hat, beurteilen kann, wo es seine eigenen

Stärken messen kann, die es für die zukünftigen Kämpfe entfalten muß. Die Niederlagen sind ein unvermeidbarer Bestandteil bei dem Reifungsprozeß des Bewußtseins der Klasse, dieses Bewußtseins, das eine der Hauptwaffen während der entscheidenden Zusammenstöße sein wird.

Jedoch kann man nicht alle Niederlagen des Proletariats auf die gleiche Stufe stellen. Manche Niederlagen führen zu einer dauernden Zunahme der Demoralisierung und der Orientierungslosigkeit der Klasse. Diese Niederlagen sind dann ein Teil eines allgemeinen Kurses des Zurückweichens des Klassenkampfes, des Triumpfes der Konterrevolution. So zum Beispiel die Niederlage der Arbeiterklasse in Spanien 1936 und 1939. Damals mußte das Proletariat nicht nur den Tod von Millionen von Proletariern in Spanien hinnehmen, sondern. dies war auch der Schritt hin auf die Vorbereitung der 50 Millionen Toten des 2. Weltkriegs. Typisch ist im allgemeinen bei diesen Niederlagen, daß das Proletariat nicht direkt auf seiner Klassengrundlage geschlagen wird, sondern daß es sich vorher auf den Boden der Bourgeoisie hat ziehen lassen, so wie 1936 mit dem"Antifaschismus".

Die Niederlagen, die im Rahmen der allgemeinen Verstärkung der Kämpfe stattfinden, zeichnen sich dadurch aus, daß sie auf proletarischem Boden stattgefunden haben. Die Arbeiterklasse mußte eine schwere Schlappe einstekken, aber sie ließ sich nicht für die Ziele der Bourgeoisie mobilisieren. Die Revolution von 1905 war deswegen eine Generalprobe für die Revolution von 1917, weil das Proletariat in Rußland, obgleich es 1905 geschlagen wurde, auf meiner Klassengrundlage gekämpft hatte: der der Massenstreiks, des Kampfes um die ökonomischen und politischen Interessen, seiner Selbstorganisierung in den Sowjets.

Trotz all des negativen Gewichtes und der Manöver Solidarnoscs, trotz all der polnischen Fahnen und der Bilder der Jungfrau, die die Bewegung des Proletariats in Polen fesselten, war die Arbeiterklasse fähig, auf ihrem Boden gegen die Verschärfung der Ausbeutung und der kapitalistischen Repression zu kämpfen. Wenn man sich z.B. auf diese Heiligenbilder und polnischen Fahnen fixiert, d.h. auf die Aushängeschilder der Bourgeoisie, die die Arbeiterklasse noch nicht von sich werfen konnte, versteht man gar nichts und mault dann nur über den Kampf der Arbeiter. Diejenigen, die dies tun, gehören in einer gewissen Weise zu denen, die 1936 glaubten, die roten Fahnen verleihten dem Antifaschismus ein proletarisches Wesen.

In Polen hat es während der 18 Monate Kämpfe an bürgerlichen Themen nie gefehlt. Aber nie waren dies Themen für die Mobilisierung der Arbeiter. Das waren im Gegenteil Themen, die verwendet wurden, um ihre Kämpfe zu zermürben, wohingegen die Kämpfe im allgemeinen immer auf der Grundlage einer Klassenforderung losgingen (gegen die Preiserhöhungen, die Beschränkungen der Lebensmittelversorgung, gegen die Willkür der Bosse, die Repression, für die Verkürzung der Arbeitszeit usw.). Daraus können wir die Schlußfolgerung ziehen, daß das Proletariat heute ganz anders gegen die Krise kämpft als in den 30er Jahren. Dies beweist uns, daß der ungeheure Widerstand der Arbeiter in Polen gegen den Terror der Bourgeoisie keine einfache zukunftsleere Geste im Kampf ist, sondern den Weg darstellt, auf dem die Arbeiter in Polen ihren Klassenbrüdern in anderen Ländern die Flamme des Kampfes übertragen.

Die heutige Niederlage ist also solch eine Niederlage, die die zukünftigen Siege des Proletariats direkt vorbereitet. Dies kann jedoch nur wirklich der Fall sein, wenn die Klasse daraus soviel Lehren wie möglich zieht und in Zukunft zu verhindern weiß, daß sich solche Niederlagen wiederholen. In der Tat schickt sich die Bourgeoisie wie in der Vergangenheit an (insbesondere in Deutschland zu Anfang der 20er Jahre), das Proletariat nach der alten Salamitaktik zu schlagen, scheibchenweise, von Fabrik zu Fabrik, ein Land nach dem anderen... Eine Reihe solcher Teilniederlagen wie dieser könnte zu einer unwiderruflichen Wende des historischen Kurses führen, der dann nicht mehr die Reaktion des Proletariats gegen die Krise als Perspektive hätte, nämlich die Revolution, sondern die "Lösung" der Bourgeoisie: den imperialistischen Weltkrieg.

Die Hauptfragen, die heute beantwortet werden müssen, sind:

Wie kam es zu dieser Niederlage?

Warum war die Bourgeoisie dazu in der Lage, dem Proletariat solch eine blutige Niederlage beizufügen? Wie können in der Zukunft solche Niederlagen, solche Repression vermieden werden?

Der erste grundlegende Punkt, den das Proletariat eindeutig begreifen muß, besteht darin, daß die Bourgeoisie gegen den Klassenkampf nicht auf zerstreute sondern auf konzertierte Weise angeht. Natürlich wird die Bourgeoisie von einer Reihe von Interessenskonflikten erfaßt, welche durch die Krise nur noch verschärft werden und deren Höhepunkt in der Spaltung der Welt in zwei Militärblöcke besteht. Aber die Geschichte lehrt uns und die jetzige Wirklichkeit bestätigt uns erneut, daß die Bourgeoisie fähig ist, ihre Widersprüche zu überwinden, wenn ihre eigene Existenz als Klasse auf dem Spiel steht. Wir haben mehrfach in der Internationalen Revue und in der territorialen Presse der IKS die Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Teilen der Bourgeoisie gegen die Arbeiterkämpfe in Polen hervorgehoben: zwischen der Regierung und Solidarnosc, zwischen Ost und West, und Links und Rechts. Wir kommen jetzt nur kurz darauf zu sprechen, um die ungeheure Doppelzüngigkeit der Führer des US-Blocks zu denunzieren, die heute den Anschein erwecken wollen, daß sie die Repression in Polen gegen die Arbeiter und die Mitarbeit der UDSSR an dieser Repression verurteilen.

Man muß feststellen, daß diese "Entrüstung", die Reagan äm lautesten herauskräht, und die für die ideologischen Kriegsvorbereitungen der westlichen Länder benutzt wird, nicht gleich nach der Ankündigung der Repressionsmaßnahmen in Polen gezeigt wurde. Mehrere Tage lang hat die Bourgeoisie im Westen, Washington eingeschlossen, den Mythos vom Stapel gelassen, daß es sich um eine "rein polnische Angelegenheit" handele. Als sie aber feststellten, daß die Arbeiter im Westen nicht in der Lage waren, eine wirkliche Solidarität gegenüber ihren Klassenbrüdern in Polen zu zeigen, daß die Solidaritätsgefühle der Arbeiter, da wo sie auftauchten, von den Linken und den Gewerkschaften vollständig kanalisiert wurden, konnte es sich die westliche Bourgeoisie aufgrund der Ruhe an der Front des Klassenkampfes leisten, die Repression, die sie selbst mit vorbereitet hatte, für eine Propagandakampagne gegen den russischen Block auszunützen.

Wenn man immer noch nicht von der Zusammenarbeit zwischen den Großmächten bei der Repression der Proletarier in Polen überzeugt ist, sollte man die Erklärungen des Herrn Doumeng, Mitglied der KPF und Firmenchef eines großen französischen Unternehmens in der Wochenzeitschrift" Paris-Match" vom 1.1.82 zur Kenntnis nehmen. Auf die Frage: "Was den Militärputsch in Polen angeht, glauben Sie, daß die Sowjetunion und die USA sich vorher abgesprochen haben?" antwortete Doumeng offen: "Was mir auffällt, ist, daß alle beide daran interessiert sind, die Ordnung in Polen wiederherzustellen. Vor 3 Wochen war ich in Polen. Dort habe ich einen sehr mächtigen amerikanischen Geschäftsmann getroffen. Er hat der polnischen Regierung erklärt, er wäre bereit ihr 1 Milliarde Dollar zu leihen - unter einer Bedingung: man müsse in Polen die Ordnung wiederherstellen". Dieser Typ redet nicht so, weil er der KPF angehört; die gleichen Töne konnte man am Tag nach der Verhängung des Kriegsrechts im"Wall Street Journal" vernehmen.

Aber was beide nicht sagen, ist daß die Solidarität zwischen Ost und West sich nicht auf den finanziellen Bereich beschränkt. Notfalls .ist die Bourgeoisie bereit, in ihrer "Gewinn- und Verlustrechnung" den ökonomischen Zusammenbruch Polens einzutragen. Worauf es ihr vor allem ankommt, ist ein Proletariat, das ein zu "schlechtes Beispiel" für die Proletarier in den anderen Länder war, zum Schweigen zu bringen, bevor die anderen Arbeiter nämlich selbst unter dem Druck der wachsenden Misere den Kampf aufnehmen.

Und dies muß die zweite Lehre für die Arbeiterklasse sein: die Repression in Polen war nur möglich, weil das Proletariat in diesem Land isoliert geblieben ist (siehe Artikel dazu in der "Internationalen Revueund" und „Weltrevolution").

Insbesondere diese Isolierung war es, welche es Solidarnosc ermöglichte, die Arbeiter in Polen zu schwächen, wodurch auch die gewerkschaftlichen, demokratischen, nationalistischen und anderen Mystifikationen der Selbstverwaltung eine größere Wirkung haben konnten.

Heute wird in Polen auf tragische Weise die Notwendigkeit deutlich, daß das Proletariat seine Kämpfe weltweit ausdehnen muß, Wenn es diese Lehre nicht versteht, wenn es sich durch das Geschrei der falschen Solidarität, das von den linken Fraktionen der Bourgeoisie angehoben wird, lähmen läßt, wenn es nicht versteht, daß die einzige Solidarität in dem weltweiten Kampf gegen die Ausbeutung und Misere besteht, wird es noch viel schlimmere Unterdrückungen geben und am Schluß all dessen: der imperialistische Weltkrieg.

F.M. 4.1.82

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