Submitted by IKS on Mit, 28/12/2005 - 14:43.
Gemäß der falschen, weitverbreiteten Auffassung,
die systematisch von sämtlichen Sprachrohren der bürgerlichen Ideologie, von
der Sensationspresse bis hin zu den Professoren der Akademien, aufrechterhalten
und ausgestreut wird, bedeutet der Kommunismus eine Gesellschaft, in der alles
vom Staat geregelt wird. Die ganze Identifizierung des Kommunismus mit den
stalinistischen Regimen geht auf diese Annahme zurück.
Und noch immer ist dies eine vollkommene Lüge,
bei der die Wahrheit auf den Kopf gestellt wird. Für Marx, für Engels, für all
die Revolutionäre, die in ihre Fußstapfen traten, bedeutete der Kommunismus
eine Gesellschaft ohne Staat, eine Gesellschaft, in der die menschlichen
Individuen ihre Angelegenheiten ohne eine über ihnen stehende Zwangskraft,
ohne Regierungen, Armeen, Gefängnisse und nationale Grenzen regeln.
Natürlich hat die bürgerliche Weltsicht auf
diese Version des Kommunismus eine Antwort parat: Ja, ja, dies sei jedoch nur
eine Utopie, die niemals eintreten werde; moderne Gesellschaften seien zu groß,
zu komplex; die Menschen seien nicht vertrauenswürdig genug, zu gewalttätig,
zu gierig nach Macht und Privilegien. Die ganz Raffinierten (Professoren wie
J.Talmond, Autor von The Origins of Totalitarian Democracy, zum Beispiel) setzen
uns gar davon in Kenntnis, daß der Versuch, eine staatenlose Gesellschaft zu
gründen, nur zu einer Art monströsen leviathanischen Staat, wie er in Rußland unter Stalin entstanden
war, führen könne.
Aber halt: Wenn die Vision eines staatenlosen
Kommunismus nichts anderes ist als eine Utopie, als ein edler Traum, warum
spenden die gegenwärtigen Meister des Staats soviel Zeit und Energie für die
Wiederholung der Lüge, daß Kommunismus gleich Staatskontrolle über die
Gesellschaft ist? Kann es daran liegen, daß die authentische Version
gegenwärtig eine subversive Herausforderung für die existierende Ordnung
darstellt und daß sie mit den Notwendigkeiten einer wirklichen Bewegung korrespondiert,
die unvermeidlich dazu gezwungen wird, den Staat und die Gesellschaft, die er
beschützt, zu konfrontieren?
Wenn der Marxismus der theoretische Standpunkt
und die Methode dieser Bewegung ist, der Bewegung der internationalen Arbeiterklasse,
dann wird es schnell ersichtlich, warum die bürgerliche Ideologie in all ihren
Formen - nicht zuletzt jener, die sich selbst als Marxisten etikettieren -
immer danach getrachtet hat, die marxistische Theorie des Staates unter einer
riesigen Halde intellektueller Verweigerung zu begraben. Als Lenin 1917 ‘Staat
und Revolution’ schrieb, sprach er über die Notwendigkeit, die marxistische Position
zum Staat vom reformistischen Schutt zu befreien. Heute, wo im Gefolge all der
bürgerlichen Kampagnen der stalinistische Staatskapitalismus als Kommunismus
identifiziert wird, muß dieses Werk fortgesetzt werden. Dieser Artikel
konzentriert sich auf ein hervorragendes Ereignis, die Pariser Kommune, die
erste proletarische Revolution in der Geschichte, die der Arbeiterklasse die
wertvollsten Erkenntnisse über genau diese Frage hinterlassen hat
Die
1. Internationale: Erneut
der politische Kampf
1865 kehrte Marx aus mehr als einem Jahrzehnt
der Versenkung in tiefreichende theoretische Untersuchungen auf die Bühne der
praktischen Politik zurück. In dem folgenden Jahrzehnt sollte sich seine
wesentliche Energie auf zwei durch und durch politische Fragen richten: die
Gründung einer internationalen Arbeiterpartei und die Machteroberung durch
die Arbeiterklasse.
Nach einer langen Abwesenheit des Klassenkampfes,
die durch die Niederlage der großen sozialen Aufstände von 1848 ausgelöst
wurde, begann das Proletariat in Europa Zeichen für ein Wiedererwachen seines
Bewußtseins und seiner Militanz zu setzen. Die Entwicklung von
Streikbewegungen mit sowohl ökonomischen als auch politischen Forderungen, die
Bildung von Gewerkschaften und Arbeiterkooperativen, die Mobilisierung der Arbeiter
in Fragen der ‘Außenpolitik’, wie bei der Unterstützung der polnischen Unabhängigkeit
oder der Sklaverei-Gegner im amerikanischen Bürgerkrieg - all dies überzeugte
Marx davon, daß die Periode der Niederlagen an ihr Ende angelangt war. Daher
unterstützte er aktiv die Initiative englischer und französischer
Gewerkschafter zur Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) (1)
im September 1864. Wie Marx im Bericht des Generalrats an den Brüsseler
Kongreß der Internationale 1868 sagte: „Sie
[die IAA] ist nicht die Treibhauspflanze einer Sekte oder einer Theorie. Sie
ist ein naturwüchsiges Gebild der proletarischen Bewegung, die ihrerseits aus
den normalen und unwiderstehlichen Tendenzen der modernen Gesellschaft entspringt.“
(MEW Bd.16, S.322) Daher hinderte die Tatsache, daß die Motive vieler Elemente,
die die Internationale mitgründeten, wenig gemeinsam hatten mit der Sichtweise
von Marx (das Hauptinteresse der englischen Gewerkschafter war es zum
Beispiel, die Internationale als Mittel dafür zu benutzen, den Import von
ausländischen Streikbrechern zu verhindern), Marx nicht daran, eine führende
Rolle in der IAA einzunehmen, indem er nahezu die gesamte Zeit im Leben des
Generalrats einen Sitz in demselben einnahm und viele seiner wichtigsten Dokumente
verfaßte. Da die Internationale das Produkt einer Bewegung des Proletariats auf
einer bestimmten Stufe in seiner historischen Entwicklung war, einer Stufe,
auf der es sich noch als eine Kraft innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft
entfaltete, war es für die marxistische Fraktion sowohl möglich als auch notwendig,
zusammen mit anderen Arbeitertendenzen in der Internationale zu arbeiten,
sich an ihren unmittelbaren Aktivitäten im Tageskampf der Arbeiter zu beteiligen
sowie gleichzeitig zu versuchen, die Organisation von bürgerlichen und kleinbürgerlichen
Vorurteilen zu befreien und soweit wie möglich mit der politischen und theoretischen
Klarheit zu erfüllen, die erforderlich war, damit sie als eine revolutionäre
Vorhut einer revolutionären Klasse handeln konnte.
Dies ist nicht der Platz, um auf die Geschichte
aller theoretischen und praktischen Kämpfe einzugehen, die die marxistische
Fraktion innerhalb der Internationale ausfocht. Es genügt zu erwähnen, daß
sie auf bestimmten Prinzipien beruhten, die bereits im Kommunistischen
Manifest vorgestellt und durch die Erfahrung der Revolution von 1848
bekräftigt wurden, insbesondere daß:
-“die Emanzipation der Arbeiterklasse durch
die Arbeiterklasse selbst erobert werden muß.“
(Provisorische Statuten der IAA, MEW Bd.16, S.14) Daraus folgte die
Notwendigkeit einer Organisation, die „von
den Arbeitern selbst für die Arbeiter gegründet [wird].“ (Rede zum
7.Jahrestag der IAA 1871 in London, MEW Bd.17, S.432) und die sich des Einflusses bürgerlicher Liberaler und
Reformer entledigt - kurz, die Erarbeitung einer unabhängigen Klassenpolitik
und der unabhängigen Tat für das Proletariat selbst in einer Periode, in der
Allianzen mit fortschrittlichen bürgerlichen Fraktionen noch auf der Tagesordnung
standen. Innerhalb der Internationale sollte die Verteidigung dieser Prinzipien
zu einem Bruch mit Mazzini und seinen bürgerlich-nationalistischen Anhängern
führen.
- „daß
die Arbeiterklasse gegen diese Gesamtgewalt der besitzenden Klassen nur als
Klasse handeln kann, indem sie sich selbst als besondere politische Partei
konstituiert, im Gegensatz zu allen alten Parteibildungen der besitzenden
Klassen; daß diese Konstituierung der Arbeiterklasse als politischer Partei
unerläßlich ist für den Triumph der sozialen Revolution und ihres Endziels
Abschaffung der Klassen.“ (Beschlüsse der Londoner Konferenz der IAA im Sept.
1871, MEW Bd.17, S.422) Diese Verteidigung der Klassenpartei, einer zentralisierten,
internationalen Organisation der fortgeschrittensten Proletarier (2) wurde
gegen alle Föderalisten, anti-autoritären anarchistischen Elemente geführt, besonders
gegen die Anhänger von Proudhon und Bakunin, die glaubten, daß alle Formen der
Zentralisierung unweigerlich despotisch seien und daß in keinem Fall die
Internationale irgend etwas mit Politik zu tun haben sollte, weder in der
Verteidigungs- noch in der revolutionären Phase der proletarischen Bewegung.
Schon Marxens Inauguraladresse an die Internationale von 1864 bestand darauf,
daß die“politische Macht zu erobern...
daher jetzt die große Pflicht der Arbeiterklassen [ist].“ MEW Bd.16, S.12)
Der Beschluß von 1871 war somit eine Wiederholung dieses Gründungsprinzips
gegen all jene, die glaubten, daß die soziale Revolution vonstatten gehen
würde, ohne daß die Arbeiter den Ärger auf sich nehmen müßten, eine politische
Partei zu gründen und als eine Klasse um die politische Macht zu kämpfen.
In der Periode zwischen 1864 und 1871 bezog
sich die Debatte über die politische Anteilnahme größtenteils auf die Frage,
ob die Arbeiterklasse zum Zwecke der Erlangung von Reformen und der Stärkung
der eigenen Position innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft das Gebiet
der bürgerlichen Politik betreten soll oder nicht (der Ruf nach allgemeiner
Wahlberechtigung, die Teilnahme der Arbeiter an Wahlen und am Parlament, der
Kampf um demokratische Rechte usw.). Die Bakunisten und Blanquisten, (3) Meister
des allgegenwärtigen revolutionären Willens, weigerten sich, die objektiven
materiellen Bedingungen zu analysieren, innerhalb derer die Arbeiterbewegung
wirkte, und lehnten solche Taktiken als eine Ablenkung von der sozialen
Revolution ab. Auf der anderen Seite erkannte die materialistische Fraktion von
Marx, daß der Kapitalismus als ein weltweites System noch nicht seine historische
Mission vervollständigt, noch nicht die Bedingungen für eine revolutionäre
Umgestaltung geschaffen hatte und daß es für die Arbeiterklasse folglich immer
noch notwendig war, sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf politischer Ebene
für Reformen zu kämpfen. Dabei würde sie nicht nur ihre unmittelbare
materielle Lage verbessern, sondern sich auch für den revolutionären Showdown
vorbereiten und organisieren, der unvermeidlich von der kapitalistischen
Laufbahn zu Krise und Zusammenbruch heraufbeschworen werde.
Diese Debatte sollte in den kommenden Jahrzehnten
fortgesetzt werden, wenn auch in verschiedenen Zusammenhängen und mit
unterschiedlichen Protagonisten. Aber 1871 sollten gewaltige Ereignisse in
Kontinentaleuropa der Debatte über die Tat der Arbeiterklasse eine ganz neue
Dimension hinzufügen. Denn dies war das Jahr der ersten proletarischen
Revolution in der Geschichte, der tatsächlichen Eroberung der politischen Macht
durch die Arbeiterklasse - das Jahr der Pariser Kommune.
Die
Kommune und die materialistische Geschichtsauffassung
„Jeder Schritt
wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“
(Marx an Bracke, Mai 1875, MEW Bd.34, S.137)
Das Drama und die Tragödie der Pariser Kommune
wird in Marxens ‘Der Bürgerkrieg in Frankreich’ brillant beschrieben und analysiert,
das im Sommer 1871 als offizielle Adresse der Internationale veröffentlicht
wurde. In diesem leidenschaftlichen Traktat zeigte Marx auf, wie ein Krieg
zwischen Nationen, Frankreich und Preußen, in einen Krieg zwischen den Klassen
umgewandelt wurde: Im Anschluß an den katastrophalen militärischen Zusammenbruch
hatte die Thiers-Regierung einen unpopulären Frieden geschlossen und danach
getrachtet, seine Bedingungen Paris aufzuzwingen. Dies konnte nur durch die
Entwaffnung der in der Nationalgarde versammelten Arbeiter geschehen. Am
18.März 1871 versuchten Truppen, die von Versailles ausgesandt wurden, die
unter der Kontrolle der Garde befindlichen Kanonen in ihren Besitz zu bringen.
Dies sollte das Vorspiel einer massiven Repression gegen die Arbeiterklasse
und ihre revolutionären Minderheiten sein. Die Arbeiter von Paris antworteten
darauf, indem sie die Straßen in Besitz nahmen und sich mit den Versailler
Truppen verbrüderten. In den darauffolgenden Tagen riefen sie die Kommune
aus.
Die Kommune von 1871 war als Bezeichnung ein
Echo auf die revolutionäre Kommune von 1793, dem Organ der sans culottes in der radikalsten Phase
der bürgerlichen Revolution. Aber die zweite Kommune hatte eine ganz andere
Bedeutung, da sie nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft blickte -
auf die kommunistische Revolution der Arbeiterklasse.
Obwohl Marx während der Belagerung von Paris davor
warnte, daß ein Aufstand unter Kriegsbedingungen „eine verzweifelte Torheit“ (Zweite Adresse des Generalrates der
IAA zum Deutsch-Französischen Krieg, Sept.1870, MEW Bd.17, S.277) wäre,
verpflichtete sich Marx und die Internationale, als der Aufstand ausbrach, zur
einhelligen Solidarität mit den Kommunarden, unter denen die Mitglieder der
Internationale aus Paris eine führende Rolle spielten, auch wenn sie kaum die
marxistischen politischen Überzeugungen teilten. Er konnte nicht anders
reagieren angesichts der üblen Verleumdungen, die die Weltbourgeoisie der
Kommune andichtete, und der schrecklichen Rache, die die herrschende Klasse
an dem Pariser Proletariat nahm, das es gewagt hatte, ‘ihre’ Zivilisation
herauszufordern: Nachdem schon Tausende von Kämpfern ihr Leben auf den
Barrikaden gelassen hatten, wurden weitere Abertausende - Männer, Frauen und
Kinder - in Massenexekutionen hingerichtet, unter den schlimmsten Bedingungen
eingekerkert oder zu harter Arbeit in die Kolonien deportiert. Niemals zuvor
seit den Tagen des alten Roms haben Sklavenhalter solch eine blutige Orgie
entfesselt.
Aber abgesehen von der elementaren Frage der
proletarischen Solidarität gab es noch einen anderen Grund, warum Marx sich
veranlaßt sah, die fundamentale Bedeutung der Kommune anzuerkennen. Auch wenn
die Kommune historisch zu früh in dem Sinne war, daß die materiellen Bedingungen
für eine weltweite proletarische Revolution noch nicht herangereift waren, so
war sie dennoch ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung, ein entscheidender
Schritt auf dem Weg zu dieser Revolution. Sie war eine Schatzgrube voller
Lehren für die Zukunft, für die Klärung des kommunistischen Programms. Vor
der Kommune hatte die fortgeschrittenste Fraktion der Klasse, die Kommunisten,
zwar begriffen, daß die Arbeiterklasse in einem ersten Schritt hin zum Aufbau
einer klassenlosen menschlichen Gemeinschaft die politische Macht zu
ergreifen hat. Aber die genaue Art und Weise, wie das Proletariat seine
Diktatur errichtet, war noch nicht geklärt, da ein solcher theoretischer
Fortschritt nur auf der lebendigen Erfahrung der Klasse fußen konnte. Die
Pariser Kommune war solch eine Erfahrung, vielleicht der deutlichste Beweis
dafür, daß das kommunistische Programm kein fixes und statisches Dogma ist,
sondern etwas, das sich in enger Verbindung mit der Praxis der Arbeiterklasse
entfaltet und wächst; nicht eine Utopie, sondern ein großes wissenschaftliches
Experiment, dessen Labor die tatsächliche Bewegung der Gesellschaft ist. Es
ist wohlbekannt, daß Engels in einem späteren Vorwort zum ‘Kommunistischen
Manifest’ von 1848 ausdrücklich betonte, daß die Erfahrung der Kommune jene
Formulierungen im Text obsolet gemacht hat, die den Gedanken ausgedrückt
hatten, die herrschende Staatsmaschinerie einfach zu übernehmen. Die
Schlußfolgerungen, die Marx und Engels aus der Kommune zogen, waren mit anderen
Worten eine Demonstration und Rechtfertigung der Methode des historischen
Materialismus. Wie Lenin in ‘Staat und Revolution’ es ausdrückte:
„Bei Marx findet
man auch nicht die Spur von Utopismus in dem Sinne, daß er sich die neue
Gesellschaft erdichtet, zusammmenphantasiert. Nein, er studiert - wie einen
naturgeschichtlichen Prozeß - die Geburt der neuen Gesellschaft aus der alten,
studiert die Übergangsformen von der alten zur neuen. Er hält sich an die
tatsächlichen Erfahrungen der proletarischen Massenbewegung und ist bemüht, aus
ihr praktische Lehren zu ziehen. Er `lernt' von der Kommune, wie alle großen
revolutionären Denker sich nicht gescheut haben, aus den Erfahrungen der großen
Bewegungen der unterdrückten Klassen zu lernen." (LW Bd.25, S.438)
Unser Ziel ist nicht, die Geschichte der Kommune einfach wiederzukäuen. Die
wichtigsten Ereignisse sind bereits in Der Bürgerkrieg in Frankreich und in vielen anderen Werken geschildert worden,
einschließlich in jenen von Revolutionären wie Lissagaray, der selbst auf den
Barrikaden gekämpft hatte. Was wir hier versuchen wollen, ist eine exakte
Untersuchung dessen, was Marx von der Kommune gelernt hatte. In einem anderen
Artikel werden wir unseren Blick darauf richten, wie er diese Lehren gegen all
die vorherrschenden Verwirrungen in der Arbeiterbewegung seiner Tage verteidigte.
Marx
gegen den Staatskult
"Daher war die Kommune nicht eine Revolution
gegen diese oder jene - legitimistische, konstitutionelle, republikanische oder
kaiserliche - Form der Staatsmacht. Die Kommune war eine Revolution gegen den
Staat selbst, gegen diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft; sie war
eine Rücknahme des eignen gesellschaftlichen Lebens des Volkes durch das Volk
und für das Volk.“ (Marx, Erster Entwurf zu Der Bürgerkrieg in Frankreich,
Kapitel: Der Charakter der Kommune, MEW Bd.1 Bd.7, S.541)
Die Schlußfolgerungen, die Marx aus der Kommune
zog, waren andererseits kein automatisches Produkt der direkten Erfahrungen
der Arbeiter. Sie waren eine Bekräftigung und Bereicherung eines Elements in
der Idee von Marx, die ihn seit seinem Bruch mit dem Hegelianismus und der
Hinwendung zum Proletariat geleitet hatte.
Noch bevor er Kommunist wurde, hatte Marx bereits
damit begonnen, die Hegelianische Idealisierung des Staates zu kritisieren.
Für Hegel, dessen Idee ein widersprüchliches Gemisch aus Radikalismus, der vom
Schwung der bürgerlichen Revolution herrührte, und Konservatismus war, der
mit der erstickenden Atmosphäre des preußischen Absolutismus einherging, war
der Staat, und erst recht der preußische Staat, die Verkörperung des Absoluten
Geistes, die perfektionierte Gestalt gesellschaftlichen Daseins. In seiner
Kritik an Hegel zeigte Marx auf, daß im Gegenteil das rationale Subjekt des
gesellschaftlichen Daseins, der Staat und vor allem die preußische Bürokratie -
weit entfernt davon, das höchste und edelste Produkt des Menschen zu sein -
ein Aspekt der menschlichen Entfremdung, des Verlustes der Kontrolle über die
eigenen gesellschaftlichen Kräfte war. Hegels Idee kehrte das Unterste
zuoberst: „Hegel geht vom Staat aus und
macht den Menschen zum versubjektivierten Staat; die Demokratie geht vom
Menschen aus und macht den Staat zum verobjektivierten Menschen.“ (Kritik
des Hegelschen Staatsrechts, §279, von 1843, MEW Bd.1, S.231) An dieser Stelle
entspricht der Standpunkt von Marx dem der radikalen bürgerlichen Demokratie
(obwohl derart radikal, daß, wie er immer argumentierte, wahre Demokratie zum
Verschwinden des Staates führen würde.); ein Standpunkt, der die menschliche
Emanzipation als etwas betrachtete, das zuallererst im politischen Bereich
angesiedelt ist. Doch als er begann, die Dinge aus der Perspektive der Arbeiterklasse
zu betrachten, war er sehr schnell dazu imstande zu erkennen, daß der Staat
aus dem Grund sich von der Gesellschaft entfremdet, weil er das Produkt einer
Gesellschaft ist, die auf Privateigentum und Klassenprivilegien begründet ist.
In seinen Schriften über die Gesetze gegen den Holzdiebstahl begann er z.B.
sich die Sichtweise anzueignen, daß der Staat der Wächter der sozialen
Ungleichheit und beschränkter Klasseninteressen ist. In ‘Zur Judenfrage’ begann
er anzuerkennen, daß eine wirkliche menschliche Emanzipation sich nicht auf
die politische Dimension beschränken konnte, sondern einer anderen Form des gesellschaftlichen
Lebens bedurfte. Marxens Kommunismus war also von Anbeginn darum bemüht, den
Staat zu entmystifizieren, und er wich niemals davon ab.
Wie wir in den Artikeln über das ‘Kommunistische
Manifest’ und über die Revolutionen von 1848 (‘International Review’, Nr.72 und
73) gesehen haben, setzte der Kommunismus, nachdem er als eine Strömung mit
einem klar umrissenen politischen Programm und einer eignen Organisation
entstanden war, diesen Kurs fort. Das ‘Kommunistische Manifest’, vor den
großen sozialen Aufständen von 1848 verfaßt, schaute nicht nur vorwärts auf
die Ergreifung der politischen Macht durch das Proletariat, sondern noch
weiter, auf das schließliche Absterben des Staates, sobald seine Wurzeln - eine
in Klassen gespaltene Gesellschaft - erst einmal ausgegraben und herausgezogen
worden sind. Die faktischen Erfahrungen von 1848 versetzten dann die im Bund
der Kommunisten organisierte revolutionäre Minderheit in die Lage, beträchtliche
Klarheit über den Weg des Proletariats zur Macht zu bekommen, indem sie die
Notwendigkeit für das Proletariat in einer revolutionären Erhebung erkannte,
seine eigenen Waffen und Klassenorganisationen zu behalten, und (zuerst in
‘Der 18.Brumaire des Louis Bonaparte’) sogar erkannte, daß die Aufgabe des internationalen
Proletariats nicht die Perfektionierung des bürgerlichen Staates, sondern
seine Zerstörung ist.
Die marxistische Fraktion nahm die Interpretation
der Erfahrung der Kommune also nicht ohne jegliches theoretisches Erbe in
Angriff: Die Lehren der Geschichte sind insofern nicht ‘spontan’, als ein von
der kommunistischen Avantgarde errichtetes Ideengerüst bereits existiert.
Aber diese Ideen selbst müssen ständig im Lichte der Erfahrung der
Arbeiterklasse geprüft und getestet werden. Es war das Verdienst der Pariser
Arbeiter, daß sie einen überzeugenden Beweis dafür brachten, daß die Arbeiterklasse
ihre Revolution nicht ausführen kann, indem sie sich einer Maschinerie bedient,
deren eigentliche Struktur und Funktionsweise auf die Fortsetzung von
Ausbeutung und Unterdrückung zugeschnitten sind. Wenn der erste Schritt der
proletarischen Revolution die Eroberung der politischen Macht ist, dann kann
dies nur durch die gewaltsame Zerstörung des existierenden bürgerlichen
Staates geschehen.
Die
Bewaffnung der Arbeiter
Daß die Kommune durch den Versuch der Versailler
Regierung ausgelöst wurde, die Arbeiter zu entwaffnen, ist geradezu symbolisch:
Es demonstriert, daß die Bourgeoisie kein bewaffnetes Proletariat tolerieren
kann. Umgekehrt kann das Proletariat nur mit Waffen in den Händen an die
Macht gelangen. Die gewalttätigste und gnadenloseste herrschende Klasse in
der Geschichte wird niemals zulassen, aus der Macht gewählt zu werden - sie
kann nur hinausgezwungen werden, und die Arbeiterklasse kann ihre Revolution
gegen alle Versuche ihrer Umkehrung nur durch die Aufrechterhaltung eigener bewaffneter
Kräfte verteidigen. In der Tat bestanden zwei der schärfsten Vorwürfe, die
Marx gegenüber der Kommune äußerte, darin, daß sie nicht ausreichend davon
Gebrauch machte, daß sie in ‘abergläubischer Ehrfurcht’ vor der Bank von
Frankreich stand, anstatt sie zu besetzen und als Geldschalter (bargaining counter) zu benutzen, und
daß sie unterließ, eine Offensive gegen Versailles zu eröffnen, als es
Versailles noch an Nachschub mangelte, um seine konterrevolutionäre Attacke
gegen die Hauptstadt zu eröffnen.
Aber trotz ihrer Schwächen in diesem Zusammenhang
machte die Kommune einen entscheidenden historischen Fortschritt, als sie mit
einem ihrer ersten Dekrete die stehende Armee auflöste und die allgemeine
Bewaffnung der Bevölkerung in der Nationalgarde einführte, welche im Endeffekt
in eine Volksmiliz umgewandelt wurde. Indem sie so verfuhr, machte die Kommune
den ersten Schritt zur Demontage der alten Staatsmaschinerie, die ihren Ausdruck
par excellence in der Armee findet, in einer bewaffneten Kraft, die Wache
hält über die Bevölkerung, nur den höchsten Rängen der Staatsmaschinerie
gehorcht und vollkommen jeglicher Kontrolle von unten enthoben ist.
Die
Demontage der Bürokratie durch die
Arbeiterdemokratie
Zusammen mit der Armee und tief mit ihr verwoben,
ist die Bürokratie, die Institution, anhand derer der Staat als ‘parasitärer
Auswuchs’, der sich der Gesellschaft entfremdet hat, am klarsten zu identifizieren
ist; jenes byzantinische Netzwerk von hauptberuflichen Funktionären, die den
Staat fast als ihr eigenes Privateigentum betrachten. Auch hier ergriff die
Kommune sofort Maßnahmen, um sich von diesen Parasiten zu befreien. Engels
zählte diese Maßnahmen in seiner Einleitung zu ‘Der Bürgerkrieg in Frankreich’
prägnant auf:
"Gegen
diese in allen bisherigen Staaten unumgängliche Verwandlung des Staats und der
Staatsorgane aus Dienern der Gesellschaft in Herren der Gesellschaft wandte die
Kommune zwei unfehlbare Mittel an. Erstens besetzte sie alle Stellen,
verwaltende, richtende, lehrende, durch Wahl nach allgemeinem Stimmrecht der
Beteiligten, und zwar auf jederzeitigen Widerruf durch die dieselben
Beteiligten. Und zweitens zahlte sie für alle Dienste, hohe wie niedrige, nur
den Lohn, den andre Arbeiter empfangen. Das höchste Gehalt, das sie überhaupt
zahlte, war 6000 Franken. Damit war der Stellenjägerei und dem Strebertum ein
sicherer Riegel vorgeschoben, auch ohne die gebundnen Mandate bei Delegierten
zu Vertretungskörpern, die noch zum Überfluß hinzugefügt wurden“ (Einleitung
zur Ausgabe von 1891, MEW Bd.17, S.624)
Marx unterstrich ebenfalls, daß durch die Vereinigung von Exekutive und
Legislative die Kommune "nicht eine
parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft [war]." (‘Der
Bürgerkrieg in Frankreich’, Abschnitt
III, MEW Bd.17, S.339) Mit anderen Worten: Sie war eine höhere Form der Demokratie
als die des Parlamentarismus. Selbst in den Hochzeiten des Parlamentarismus
bedeutete die Trennung zwischen Legislative und Exekutive, daß die letztere
dazu neigte, sich der Kontrolle der ersteren zu entziehen, und infolgedessen
eine wachsende Bürokratie entstand. Diese Tendenz ist natürlich in der Epoche
der kapitalistischen Dekadenz immens verstärkt worden, in der die Exekutivorgane
des Staates die Legislative in eine bloße Fassade verwandelt haben.
Der vielleicht wichtigste Beweis dafür, daß die
von der Kommune verkörperte proletarische Demokratie fortschrittlicher als
alles war, was sich jemals in der bürgerlichen Demokratie entwickelt hat, ist
jedoch das Prinzip der jederzeitigen Abwählbarkeit der Delegierten.
"Statt
einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden
Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll, sollte das allgemeine
Stimmrecht dem in Kommunen konstituierten Volk dienen." (ebenda S.340)
Bürgerliche Wahlen gründen sich auf dem Prinzip des vereinzelten Bürgers in
der Wahlkabine, der eine Stimme abgibt, die ihm keine wirkliche Kontrolle
über seinen `Vertreter' verleiht. Das proletarische Konzept der gewählten und
jederzeit abwählbaren Delegierten kann im Gegensatz dazu nur auf der Basis
einer permanenten und kollektiven Mobilisierung der Arbeiter und der Unterdrückten
funktionieren. In der Tradition der revolutionären Sektionen, aus der die
Kommune von 1793 hervorging (abgesehen von den radikalen ‘Agitatoren’, die aus
den Reihen der ‘New Model Army’ Cromwells in der englischen Revolution gewählt
wurden) wurden die Delegierten des Rates der Kommune von öffentlichen Versammlungen
gewählt, die in jedem Arrondissement von Paris abgehalten wurden. Formell
besaßen diese Wahlversammlungen die Macht, das Mandat ihrer Delegierten zu
formulieren und letztere notfalls wieder abzuwählen. Praktisch wurde ein
Großteil der Arbeit der Beaufsichtigung und des Unter-Druck-Setzens der Kommune-Delegierten
durch die etlichen ‘Selbstschutzkomitees’ und revolutionären Clubs ausgeführt,
die in den Arbeiterbezirken aus dem Boden schossen und Brennpunkte intensiver
und lebendiger politischer Debatten sowohl über allgemeine theoretische Fragen,
mit denen das Proletariat konfrontiert war, als auch über Fragen des unmittelbaren
Überlebens, der Organisation und Verteidigung waren. Die Erklärung von
Prinzipien durch den ‘Club Communal’, der sich in der Kirche von
St.-Nicolas-des-Champs im 3.Arrondissement traf, geben uns eine Ahnung von dem
Grad an politischem Bewußtsein, das von den Proletariern von Paris während
der beiden heißen Monate der Existenz der Kommune erlangt wurde:
"Unsere
Ziele sind die folgenden:
Die Feinde unserer kommunalen Rechte, der
Freiheit und der Republik zu bekämpfen.
Die
Rechte des Volkes zu verteidigen, es zu befähigen, daß es sich selbst regieren
kann.
Unsere
Delegierten an ihre Pflichten zu erinnern, wenn sie davon abweichen sollten,
und sie in all ihren Bemühungen zur Rettung der Republik zu unterstützen.
Vor
allem aber die Souveränität des Volkes, das nie sein Recht aufgeben darf, die
Handlungen seiner Delegierten zu überwachen, aufrechtzuerhalten.
Regiert
euch selbst durch politische Versammlungen, durch eine eigene Presse; macht
Druck auf eure Vertreter, die gar nicht zu weit in der revolutionären Richtung
gehen können.....
Lang
lebe die Kommune!“
Vom
Halb-Staat zu keinem Staat
Auf der permanenten Selbstmobilisierung der bewaffneten
Arbeiter fußend, war, wie Engels sagte, die
Kommune "schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr." (Brief an
Bebel, März 1875, MEW Bd.34, S.128). Lenin zitiert in ‘Staat und Revolution’
diese Zeile und ergänzt sie:
"Die
Kommune hörte auf, ein Staat zu sein, insofern sie nicht die Mehrheit der
Bevölkerung, sondern eine Minderheit (die Ausbeuter) niederzuhalten hatte; die
bürgerliche Staatsmaschine wurde von ihr zerschlagen; an Stelle einer
besonderen Repressionsgewalt trat die Bevölkerung selbst auf den Plan. Alles
das sind Abweichungen vom Staat im eigentlichen Sinne. Und hätte sich die
Kommune behauptet, so wären in ihr die Spuren des Staates von selbst abgestorben,
sie hätten seine Institutionen nicht abzuschaffen brauchen, diese hätten in dem
Maße aufgehört zu funktionieren, wie sie nichts mehr zu tun gehabt
hätten." (LW Bd.25, S.454)
Die ‘Anti-Staatlichkeit’ der Arbeiterklasse
wirkt also auf zwei Ebenen oder vielmehr in zwei Stufen: zunächst in der
gewaltsamen Zerstörung des bürgerlichen Staates; dann in seiner Ersetzung
durch eine neue Art politischer Macht, die so gut wie möglich die
"schlimmsten Seiten" aller vorhergehenden Staaten vermeidet und die
es schießlich dem Proletariat ermöglicht, den Staat wegzulegen, ihn, in Engels’
bildhafter Formulierung, "ins Museum
der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt." (‘Der
Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates’, MEW Bd.21, S.168)
zu geben.
Von
der Kommune zum Kommunismus: die
Frage der gesellschaftlichen Umwandlung
Das Absterben des Staates gründet sich auf der
Umwandlung der gesellschaftlichen und ökonomischen Infrastruktur - auf der
Eliminierung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und der Bewegung
zu einer klassenlosen menschlichen Gemeinschaft. Wie wir schon bemerkt haben,
existierten die materiellen Bedingungen für solch eine Umwandlung auf
Weltebene im Jahre 1871 noch nicht. Zudem befand sich die Kommune nur zwei
Monate an der Macht, und das auch nur in einer belagerten Stadt, auch wenn sie
andere Städte in Frankreich (Marseilles, Lyon, Toulouse, Narbonne, etc.) zu
revolutionären Versuchen anregte.
Wenn bürgerliche Historiker versuchen, die Behauptungen
von Marx über die revolutionäre Natur der Kommune zu widerlegen, greifen sie
auf die Tatsache zurück, daß die meisten gesellschaftlichen und ökonomischen
Maßnahmen, die von der Kommune ergriffen wurden, kaum sozialistisch waren: Die
Trennung von Kirche und Staat war zum Beispiel vollkommen vereinbar mit dem
radikalen bürgerlichen Republikanismus. Selbst die Maßnahmen, die besonders
das Proletariat betrafen - Abschaffung der Nachtarbeit für Bäcker, Unterstützung
bei der Bildung von Gewerkschaften usw. - waren eher dazu bestimmt, die
Arbeiter gegen die Ausbeutung zu verteidigen, als die Ausbeutung selbst abzulegen.
All dies verleitete einige ‘Experten’ zum Thema Kommune dazu, zu argumentieren,
daß sie eher der letzte Atemzug der jakobinischen Tradition als der Beginn der
proletarischen Revolution gewesen sei. Andere hielten die Kommune, wie Marx bemerkte,
fälschlicherweise "für eine
Wiederbelebung der mittelalterlichen Kommunen, welche jener Staatsmacht erst
vorausgingen und ihre Grundlage bildeten." (‘Der Bürgerkrieg in Frankreich’,
MEW Bd.17, S.340).
All diese Interpretationen beruhen auf einer
falschen Auffassung der Natur der proletarischen Revolution. Die Lehren der
Pariser Kommune sind grundsätzliche politische Lehren, Lehren über die Formen
und Funktionen proletarischer Macht Aus dem einfachen Grund, weil die proletarische
Revolution nur als ein politischer Akt beginnen kann. In Ermangelung einer
wirtschaftlichen Verankerung innerhalb des alten Systems kann das Proletariat
den Prozeß der gesellschaftlichen Umwandlung erst angehen, sobald es die
Herrschaft über die politische Macht, und zwar auf Weltebene, übernommen hat.
Die Russische Revolution von 1917 fand in einer historischen Epoche statt, in
der ein weltweiter Kommunismus möglich war, und sie war auf der Ebene eines
riesigen Landes erfolgreich. Noch immer ist das fundamentale Vermächtnis der
Russischen Revolution mit dem Problem der politischen Macht der Arbeiterklasse
verknüpft, wie wir noch in späteren Folgen dieser Artikelserie sehen werden.
Von der Kommune die Einführung des Kommunismus in einer einzigen Stadt zu
erwarten, hätte geheißen, an Wunder zu glauben. Marx dagegen betonte: "Die Arbeiterklasse verlangte keine
Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fertigen Utopien durch
Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, daß, um ihre eigene Befreiung und mit ihr
jene höhre Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch
ihre eigne ökonomische Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, daß sie, die
Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse
durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt
werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente der
neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der
zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt haben." (ebenda S.342)
Gegenüber all diesen falschen Interpretationen
der Kommune bestand Marx darauf, daß sie
"wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes
der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte
politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen
konnte, [war]." (ebenda S.342)
An dieser Stelle erkannte Marx an, daß die Kommune
zuallererst politischer Gestalt war und daß es nicht um irgendwelche Utopien
ging, die über Nacht unter ihrer Herrschaft etabliert werden sollten. Und doch
erkannte er im gleichen Atemzug, daß, hat das Proletariat die Macht einmal
ergriffen, es eine Dynamik in Gang setzen, oder besser: ‘freisetzen’ kann und
muß, die trotz aller objektiven Beschränkungen, die sich ihr entgegenstellen,
zur "ökonomischen Umwandlung der Arbeit" führen wird. Daher enthält
die Kommune, wie die Russische Revolution, auch wertvolle Erkenntnisse über die
zukünftige gesellschaftliche Umwandlung. Als ein Beispiel dieser Dynamik,
dieser Logik der gesellschaftlichen Umwälzung hob Marx die Enteignung der von
den Kapitalisten (die aus der Stadt geflohen waren) verlassenen Fabriken und
ihre Übernahme durch die Arbeiterkooperativen hervor, die von einer einzigen
Gewerkschaft organisiert worden waren. Für ihn war dies ein unmittelbarer
Ausdruck des endgültigen Ziels der Kommune, die allgemeine Enteignung der
Eigentümer:
"Sie [die
Kommune] wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie
die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor allem Mittel zur
Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in bloße Werkzeuge der freien und assoziierten
Arbeit verwandelt. - Aber dies ist der Kommunismus, der unmögliche Kommunismus.
Nun, diejenigen Leute aus der herrschenden Klasse, die verständig genug sind,
die Unmöglichkeit der Fortdauer des jetzigen Systems einzusehn . und deren gibt
es viele -, haben sich zu zudringlichen und großmäuligen Aposteln der
genossenschaftlichen Produktion aufgeworfen. Wenn aber die genossenschaftliche
Produktion nicht eitel Schein und Schwindel bleiben, wenn sie das
kapitalistische System verdrängen, wenn die Gesamtheit der Genossenschaften die
nationale Produktion nach einem einheitlichen Plan regeln, sie damit unter ihre
eigne Leitung nehmen und der beständigen Anarchie und den periodisch wiederkehrenden
Konvulsionen, welche das unvermeidliche Schicksal der kapitalistischen
Produktion sind, ein Ende machen soll, was wäre das anders, meine Herren, als
der Kommunismus, der mögliche Kommunismus."
(ebenda S.342f)
Die
Arbeiterklasse als Vorhut der Unterdrückten
Die Kommune hat uns auch wichtige Elemente zum
Verständnis für das Verhältnis zwischen der Arbeiterklasse, nachdem sie einmal
die Macht ergriffen hat, und den anderen nicht-ausbeutenden Gesellschaftsschichten,
in diesem Fall dem städtischen Kleinbürgertum und der Bauernschaft, hinterlassen.
Indem sie als entschlossene Vorhut der gesamten unterdrückten Bevölkerung
handelte, demonstrierte die Arbeiterklasse ihre Fähigkeit, das Vertrauen
dieser anderen Schichten zu gewinnen, die nicht imstande waren, als vereinte
gesellschaftliche Kraft zu handeln. Und um diese Schichten auf der Seite der
Revolution zu halten, führte die Kommune eine Reihe von Maßnahmen ein, die ihre
materiellen Bürden erleichterten, die alle Arten von Schulden und Steuern
abschafften, die die unmittelbaren Unterdrückungsorgane der Bauern, "seine Blutsauger, den Advokaten, den
Gerichtsvollzieher und andere gerichtliche Vampire, in besoldete
Kommunalbeamte, von ihm selbst gewählt und ihm verantwortlich,"
verwandelten. (ebenda S.345) Im Falle
der Bauern verblieben diese Maßnahmen größtenteils hypothetisch, da die Autorität
der Kommune nicht bis in die ländlichen Bezirke reichte. Aber die Arbeiter von
Paris gewannen in einem beträchtlichen Umfang die Unterstützung des städtischen
Kleinbürgertums, insbesondere durch den Aufschub der Schuldenobligationen und
der Aufhebung der Zins
Der
Staat als notwendiges Übel
Auch die Wahlstrukturen der Kommune versetzten
die anderen nicht-ausbeutenden Schichten in die Lage, sich politisch am revolutionären
Prozeß zu beteiligen. Dies war unvermeidbar und notwendig und sollte in der
Russischen Revolution wiederholt werden. Aber gleichzeitig können wir heute
aus der Perspektive des 20.Jahrhunderts sehen, daß eines der Hauptanzeichen
dafür, daß die Kommune der ‘unreife’ Ausdruck der proletarischen Diktatur,
die Kreation einer Arbeiterklasse war, die noch nicht ihre volle Entwicklung
erreicht hatte, die Tatsache war, daß die Arbeiter keine spezifische und unabhängige
Organisation in ihr oder ein entscheidendes Gewicht in ihrem Wahlmechanismus
hatten. Die Kommune wurde ausschließlich von territorialen Einheiten (den Arrondissements) gewählt, die, auch wenn
sie vom Proletariat dominiert waren, es der Arbeiterklasse nicht erlaubten,
sich selbst als klar abgegrenzte autonome Kraft durchzusetzen (besonders als
die Kommune sich ausweitete, um die bäuerliche Mehrheit außerhalb von Paris
mit einzubeziehen). Deshalb waren die Arbeiterräte von 1905 und 1917-21, von
Belegschaftsversammlungen gewählt und in den Hauptindustriezentren gegründet,
als Form der proletarischen Diktatur ein Fortschritt gegenüber der Kommune.
Wir gehen soweit zu sagen, daß die Form der Kommune enger mit dem aus
sämtlichen Sowjets (Arbeiter, Soldaten, Bauern, Stadtbewohner) zusammengesetzten
Staat verknüpft ist, der aus der Russischen Revolution entstand.
Die russische Erfahrung hat es möglich gemacht,
das Verhältnis zwischen den klassenspezifischen Organen, den Arbeiterräten,
und dem Sowjetstaat als Ganzes zu klären. Insbesondere zeigt sie, daß sich die
Arbeiterklasse nicht direkt mit letzterem identifizieren darf, sondern ihm
gegenüber eine ständige Wachsamkeit an den Tag legen und ihn durch ihre
eigenen Klassenorganisationen kontrollieren muß, welche sich an ihm beteiligen,
ohne verschlungen zu lassen. Diese Frage wird später in dieser Artikelreihe untersucht
werden, auch wenn sie bereits ausführlich in unseren Publikationen (s. insbesondere
die IKS-Broschüre ‘Der Staat in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum
Sozialismus’) behandelt wurde. Aber es ist bemerkenswert, daß Marx bereits eine
Ahnung von diesem Problem besaß. Der erste Entwurf von ‘Der Bürgerkrieg in
Frankreich’ enthält folgende Zeilen:
"So ist die
Kommune nicht die soziale Bewegung der Arbeiterklasse und folglich nicht die
Bewegung einer allgemeinen Erneuerung der Menschheit, sondern ihr organisiertes
Mittel der Aktion. Die Kommune beseitigt
nicht den Klassenkampf, durch den die arbeitenden Klassen die
Abschaffung aller Klassen, und folglich aller Klassenherrschaft erreichen
wollen .... aber sie schafft das rationelle Zwischenstadium, in welchem dieser
Klassenkampf seine verschiedenen Phasen auf rationellste und humanste Weise
durchlaufen kann." (MEW Bd.17, S.545f)
Hier zeigt sich der klare Blick für die Tatsache,
daß die wirkliche Dynamik zu einer kommunistischen Umwandlung nicht vom
nach-revolutionären Staat stammt, da sein Charakter wie bei allen Staaten darin
besteht, Klassenantagonismen zu enthalten, und es seine Funktion ist, die
Klassenantagonismen daran zu hindern, die Gesellschaft auseinanderzureißen.
Folglich nimmt er sich im Vergleich mit den tatsächlichen sozialen Bewegungen
des Proletariats konservativ aus. Selbst im kurzen Leben der Kommune können wir
bestimmte Tendenzen in diese Richtung ausmachen. Besonders Lissagarays ‘Der
Pariser Kommune-Aufstand’ (Berlin 1931) enthält eine Menge Kritik an den
Unschlüssigkeiten, Verwirrungen und, in einigen Fällen, leeren Posen einiger
Ratsdelegierter der Kommune. Viele von ihnen verkörperten einen überholten
kleinbürgerlichen Radikalismus, der häufig von den proletarischeren Versammlungen
überlistet wurde. Zumindest einer der örtlichen revolutionären Vereine erklärte
die Kommune für aufgelöst, da sie nicht revolutionär genug sei!
Engels hat in einer bekannteren Passage sicherlich
dasselbe Problem erforscht, als er sagte, daß der Staat - selbst der Halbstaat
der Übergangsperiode zum Kommunismus - "im besten Fall ein Übel, das dem im Kampf um die
Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt wird und dessen schlimme
Seiten es ebensowenig wie die Kommune umhinkönnen wird, sofort möglichst zu
beschneiden, bis ein in neuen, freien Gesellschaftszuständen herangewachsenes Geschlecht
imstande sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzutun."
(Einleitung zu ‘Der Bürgerkrieg in Frankreich’, MEW Bd.17, S.625). Ein weiterer
Beweis dafür, daß, was den Marxismus angeht, die Stärke des Staates das Maß
der menschlichen Unfreiheit ist
Vom
Krieg zwischen den Nationen zum
Klassenkrieg
Es gibt noch eine andere lebenswichtige Erkenntnis
der Kommune, die sich nicht auf das Problem der proletarischen Diktatur
bezieht, sondern auf eine Frage, die in der Geschichte der Arbeiterklasse eine
besonders heikle war: die nationale Frage.
Wie wir schon angedeutet haben, erkannte Marx
und seine Tendenz in der Ersten Internationale, daß der Kapitalismus noch
nicht den Gipfel seiner Entwicklung erklommen hatte. In der Tat wurde er immer
noch von den Überresten der feudalen Gesellschaft und anderen archaischen
Überbleibseln zurückgehalten. Aus diesem Grund unterstützte Marx bestimmte
nationale Bewegungen, sofern sie für die bürgerliche Demokratie und gegen den
Absolutismus, für nationale Vereinigung gegen feudale Zersplitterung einstanden.
Die Unterstützung der polnischen Unabhängigkeit gegen den russischen
Zarismus, der italienischen und deutschen Vereinigung, des amerikanischen
Nordens im Bürgerkrieg gegen die Sklavenhalter des Südens fußte auf dieser
materialistischen Logik. Dies war auch der Grund, der die Symphatie und
aktive Solidarität der Arbeiterklasse auslöste: In Großbritannien gab es zum
Beispiel Massenkundgebungen zugunsten der polnischen Unabhängigkeit und große
Demonstrationen gegen die britische Intervention auf der Seite des amerikanischen
Südens, und das, obwohl der aus dem Krieg resultierende Baumwollmangel zu
großer Not unter den Textilarbeitern in Großbritannien führte.
In diesem Zusammenhang, wo die Bourgeoisie noch
nicht ihre fortschrittliche historische Aufgabe erfüllt hatte, war die Frage
der nationalen Verteidigungskriege noch ein wirkliches Problem, das ernsthaft
von den Revolutionären in jedem zwischenstaatlichen Krieg berücksichtigt werden
mußte. Und es stellte sich mit großer Schärfe, als der deutsch-französische
Krieg ausbrach. Die Politik der Internationale gegenüber diesem Krieg wurde in
der ‘Ersten Adresse des Generalrats der IAA über den deutsch-französischen
Krieg’ zusammengefaßt. Im wesentlichen handelte es sich um eine Stellungnahme
auf der Basis des proletarischen Internationalismus gegen die ‘dynastischen’
Kriege der herrschenden Klasse. Sie zitierte ein Manifest, das von der
französischen Sektion der Internationale verfaßt wurde, als der Krieg ausbrach:
"Abermals bedroht politischer
Ehrgeiz den Frieden der Welt unter dem Vorwand des europäischen Gleichgewichts
und der Nationalehre. Französische, deutsche und spanische Arbeiter! Vereinigen
wir unsere Stimmen zu einem Ruf des Abscheus gegen den Krieg .... Krieg wegen
einer Frage des Übergewichts oder wegen einer Dynastie kann in den Augen von
Arbeitern nichts sein als eine verbrecherische Torheit." (MEW Bd.17, S.4)
Solche Gefühle beschränkten sich nicht allein auf die sozialistische Minderheit:
Marx berichtete in der Ersten Adresse, wie internationalistische französische
Arbeiter die Kriegschauvinisten in den Straßen von Paris jagten.
Gleichzeitig stellte die Internationale fest,
daß "auf deutscher Seite der Krieg
ein Verteidigungskrieg ist." Dies bedeutete jedoch nicht, daß damit
die deutschen Arbeiter mit dem Chauvinismus vergiftet werden sollten: In
Beantwortung der Stellungnahme der französischen Sektion gliederten sich die
Deutschen der Internationale an, wobei sie zähneknirschend akzeptierten, daß
ein Verteidigungskrieg ein unvermeidliches Übel ist, und ebenfalls erklärten "den gegenwärtigen Krieg für
einen ausschließlich dynastischen [zu betrachten] .... Mit Freuden ergreifen
wir die uns von den französischen Arbeitern gebotene Bruderhand .... Eingedenk
der Losung der Internationalen Arbeiterassoziation ‘Proletarier aller Länder,
vereinigt euch!’ werden wir nie vergessen, daß die Arbeiter aller Länder unsere
Freunde und die Despoten aller Länder unsere Feinde sind." (Resolution
eines Treffens einer Delegation, die 50.000 sächsische Arbeiter vertrat, in
Chemnitz, MEW Bd.17, S.6)
Auch warnte die Erste Adresse die deutschen Arbeiter
vor einer Verwandlung des Verteidigungskrieges auf deutscher Seite in einen
Aggressionskrieg und enthielt bereits die Anerkennung der Bismarckschen Mitschuld
an dem Krieg, noch bevor dies durch die Emser Depesche enthüllt wurde, die das
Ausmaß aufzeigte, in dem Bismarck tatsächlich Bonaparte und sein ‘Zweites
Reich’ in den Krieg gelockt hatte. In jedem Fall wurde mit dem Zusammenbruch
der französischen Armee bei Sedan der Krieg zu einem Eroberungsfeldzug Preußens.
Paris war besiegt, und die Kommune entstand im Zusammenhang mit der Frage der
nationalen Verteidigung. Das bonapartistische Regime wurde 1870 durch eine
Republik ersetzt, da es sich als unfähig erwiesen hatte, Paris zu verteidigen;
jetzt bewies die Republik, daß sie die Hauptstadt eher den Preußen auslieferte,
als zu erlauben, daß Paris in die Hände der bewaffneten Arbeiter fällt.
Aber obgleich die Pariser Arbeiter in ihren anfänglichen
Aktionen immer noch eine Art defensiven Patriotismus oder die Bewahrung der
durch die Bourgeoisie selbst besudelten nationalen Ehre in ihren Köpfen
hatten, markierte die Erhebung der Kommune dennoch eine historische Wasserscheide.
Angesichts der Aussicht auf eine Arbeiterrevolution schlossen die preußische
und die französische Bourgeoisie ihre Reihen, um sie zu zerschlagen: Die
preußische Armee entließ ihre Kriegsgefangenen, um die konterrevolutionären
französischen Kräfte unter Thiers zu verstärken, und gestattete letzteren bei
ihrem endgültigen Schlag gegen die Kommune den Weg durch ihre Linien. Aus
diesen Ereignissen zog Marx eine Schlußfolgerung von historischer Bedeutung:
"Daß nach
dem gewaltigsten Krieg der neuen Zeit die siegreiche und die besiegte Armee
sich verbünden zum gemeinsamen Abschlachten des Proletariats - ein so unerhörtes Ereignis beweist, nicht wie Bismarck glaubt,
die endliche Niederdrückung der sich emporarbeitenden neuen Gesellschaft, sondern
die vollständige Zerbröckelung der alten Bourgeoisgesellschaft. Der höchste
heroische Aufschwung, dessen die alte Gesellschaft noch fähig war, ist der
Nationalkrieg, und dieser erweist sich jetzt als neuer Regierungsschwindel, der
keinen andern Zweck mehr hat, als den Klassenkampf hinauszuschieben, und der
beiseite fliegt, sobald der Klassenkampf im Bürgerkrieg auflodert. Die
Klassenherrschaft ist nicht länger imstande, sich unter einer nationalen
Uniform zu verstecken; die nationalen Regierungen sind eins gegenüber dem Proletariat."
(Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEW Bd.17, S.360f)
Das Pariser Proletariat hatte für sich genommen
bereits eine Anzahl von Schritten über seine anfänglich patriotische Stellung
hinaus unternommen: so das Dekret, das Ausländern gestattete "in
Erwägung, daß die Fahne der Kommune die Fahne der Weltrepublik ist",
(Erster Entwurf zu ‘Der Bürgerkrieg in Frankreich’, MEW Bd.17, S.531) der Kommune
zu dienen; die öffentliche Zerstörung der Säulen von Vendôme, Symbole des
Kriegsruhms Frankreichs. Die historische Logik der Pariser Kommune sollte die
weltweite Kommune vorantreiben, auch wenn dies damals noch nicht möglich war.
Daher war der Aufstand der Pariser Arbeiter während des Deutsch-Französischen
Krieges, trotz aller patriotischer Phrasen, die ihn begleiteten, in Wahrheit
der Vorbote der ausdrücklich gegen den Krieg gerichteten Aufstände von 1917-18
und der ihnen folgenden revolutionären Welle.
Marxens Schlußfolgerungen deuteten auch in die
Zukunft. Er mag etwas voreilig gewesen sein, als er sagte, daß die Bourgeoisie
1871 zu Staub zerfallen werde: Jenes Jahr mag das Ende der nationalen Frage in
Europa bedeutet haben, wie Lenin in seinem ‘Der Imperialismus - als höchstes Stadium des Kapitalismus’ anmerkte,
aber sie setzte ihre Existenz als Kolonialfrage fort, als der Kapitalismus in
seine letzte Expansionsphase trat. In einem tieferen Sinn jedoch nahm Marxens
Verurteilung der nationalen Kriege vorweg, was zu einer allgemeinen Realität
werden sollte, nachdem der Kapitalismus in seine dekadente Phase eingetreten
war: Fortan wurden alle Kriege zu imperialistischen Kriegen. Es gab keine Frage
der nationalen Verteidigung mehr, die das Proletariat betraf. Und die revolutionären
Erhebungen von 1917-18 bestätigten ebenfalls, was Marx über die Fähigkeit der
Bourgeoisie ausgesagt hatte, sich gegen die Bedrohung durch das Proletariat zu
vereinigen: Angesichts der Möglichkeit einer weltweiten Arbeiterrevolution
entdeckten die Bourgeoisien Europas, die sich vier Jahre lang gegenseitig
zerfleischt hatten, daß sie genügend Gründe zum Friedenschließen besaßen, um
die Herausforderung des Proletariats gegen ihre blutgetränkte Ordnung zu
ersticken. Einmal mehr waren die Regierenden der Welt "eins gegenüber dem Proletariat."