Der G20 Gipfel in London: eine neue kapitalistische Welt ist nicht möglich

„Die erste globale Krise der Menschheit" (Welthandelsorganisation,
April 2009)[1].
Die „schlimmste und am stärksten überall gleichzeitig wirkende Rezession in der
Menschheitsgeschichte" (OECD, März 2009)[2]!
Selbst die großen internationalen Institutionen müssen eingestehen, dass die
gegenwärtige Wirtschaftskrise ein bisher noch nie da gewesenes Ausmaß erreicht
hat. Um ihr entgegenzuwirken, mobilisiert die herrschende Klasse seit Monaten
alle Kräfte. Sie versucht mit allen Mitteln, den Abstieg in die Hölle der
Weltwirtschaftskrise zu verhindern. Das Treffen der G20 ist sicherlich das
stärkste Symbol dieser internationalen Reaktion[3].
Alle Hoffnungen der Kapitalisten ruhten auf London, wo dieser rettende Gipfel
Anfang April stattfand; er sollte die „Wirtschaft wieder ankurbeln und dem
Kapitalismus einen moralischen Auftrieb" verleihen. Den Erklärungen der
verschiedenen Führer der Welt zufolge war dieser Gipfel ein echter Erfolg. „An
diesem Tag hat sich die Welt versammelt, um gegen die Rezession anzukämpfen",
erklärte der britische Premierminister Gordon Brown. „Wir haben viel mehr
erreicht als erwartet", äußerte bewegt der französische Präsident Nicolas
Sarkozy. „Es handelt sich um einen historischen Kompromiss gegenüber einer
außergewöhnlichen Krise", meinte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Und aus Barack Obamas Sicht war der Gipfel eine „Wende".

Natürlich sieht die Wirklichkeit ganz anders aus.

 

Der einzige Erfolg des
Gipfeltreffens der G20 ist, dass es stattgefunden hat!

In den letzten Monaten hat die Wirtschaftskrise die
internationalen Spannungen stark angefacht. Zunächst ist die Versuchung des
Protektionismus gestiegen. Jeder Staat neigt zunehmend dazu, einen Teil seiner
Wirtschaft durch Subventionen und die Gewährung von Privilegien für
einheimische Unternehmen gegen die ausländische Konkurrenz zu retten. Das war
zum Beispiel beim Unterstützungsplan für die französische Automobilindustrie
der Fall, der von Nicolas Sarkozy beschlossen wurde und der von seinen
europäischen „Freunden" scharf kritisiert wurde. Schließlich gibt es eine
wachsende Tendenz, ohne gemeinsame Absprachen Ankurbelungsprogramme zu
verabschieden, insbesondere um den Finanzsektor zu retten. Dabei versuchen viele
Konkurrenten, die missliche Lage der USA, dem Epizentrum des Finanzbebens und
Schauplatz einer schlimmen Rezession, auszunutzen, um die wirtschaftliche
Führungsrolle der USA weiter zu untergraben. Dies ist jedenfalls das Anliegen
hinter den Aufrufen Frankreichs, Deutschlands, Chinas, der südamerikanischen
Staaten zum „Multilateralismus" ...

Der Gipfel von London war von Spannungen überschattet, die
Debatten müssen in der Tat sehr erregt gewesen sein. Aber man hat den Schein
bewahren können. Die Herrschenden konnten das katastrophale Bild eines
chaotischen Gipfels vermeiden. Die herrschende Klasse hat nicht vergessen, in
welchem Maße mangelnde internationale Abstimmung und die Tendenz des „Jeder für
sich" zum Desaster von 1929 beigetragen haben. Damals wurde der Kapitalismus
von der ersten großen Wirtschaftskrise im Zeitalter seines Niedergangs erfasst[4];
die herrschende Klasse wusste noch nicht, wie sie reagieren sollte. Und so
reagierten die Staaten zunächst überhaupt nicht. Von 1929 bis 1933 wurde fast
keine Maßnahme ergriffen, während Tausende von Banken der Reihe nach Bankrott
gingen. Der Welthandel brach buchstäblich zusammen. 1933 zeichneten sich erste
Reaktionen ab - der New Deal Roosevelts[5]
wurde beschlossen. Dieser Ankurbelungsplan umfasste eine Politik der großen
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und der staatlichen Verschuldung, aber auch ein
protektionistisches Gesetz, den „Buy American Act"[6].
Damals stürzten sich alle Länder in ein protektionistisches Wettrennen. Der
Welthandel, der bereits sehr stark geschrumpft war, erlitt einen weiteren
Schock. So hat die herrschende Klasse in den 1930er Jahren durch ihre eigenen
Maßnahmen die Weltwirtschaftskrise noch verschärft.

Heute also wollen alle Teile der herrschenden Klasse eine
Wiederholung dieses Teufelskreises von Krise und Protektionismus verhindern.
Sie sind sich dessen bewusst, dass sie alles unternehmen müssen, um die Fehler
der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Es war unbedingt erforderlich, dass
dieser Gipfel der G20 die Einheit der Großmächte gegenüber der Krise zur Schau
stellt, insbesondere um das internationale Finanzsystem zu stützen. Der IWF hat
dazu gar einen besonderen Punkt in seinem „Arbeitsdokument" zur Vorbereitung
des Gipfels formuliert, um gegen diese Gefahr des „Jeder für sich" zu warnen.[7]
Es handelt sich um den Punkt 13: „Das Gespenst des Handels- und
Finanzprotektionismus stellt eine wachsende Sorge dar": „Ungeachtet der von den
G20-Ländern (im November 2008) eingegangenen Verpflichtungen, nicht auf
protektionistische Maßnahmen zurückzugreifen, ist es zu besorgniserregenden
Entgleisungen gekommen. Es ist schwer, zwischen dem öffentlichen Eingreifen,
das darauf abzielt, die Auswirkungen der Finanzkrise auf die in Schwierigkeiten
geratenen Bereiche einzudämmen, und den nicht angebrachten Subventionen für die
Industrien zu unterscheiden, deren langfristige Überlebensfähigkeit infrage
gestellt werden muss. Bestimmte Unterstützungsmaßnahmen für den Finanzbereich
verleiten auch die Banken dazu, Kredite in ihre Länder zu lenken. Gleichzeitig
gibt es wachsende Risiken, dass bestimmte Schwellenländer, die mit einem von
Außen kommenden Druck auf ihre Konten konfrontiert sind, danach streben,
Kapitalkontrollen aufzuerlegen." Und der IWF war nicht der einzige, der solche
Warnungen äußerte: „Ich befürchte, dass eine allgemeine Rückkehr des
Protektionismus wahrscheinlich ist. Denn die defizitären Länder wie die USA
glauben damit ein Mittel gefunden zu haben, die Binnennachfrage und die
Beschäftigung anzukurbeln. [...] Wir befinden uns in einem entscheidenden Moment.
Wir müssen eine Wahl treffen zwischen einer Öffnung nach Außen oder einem
Rückzug auf Lösungen ‚innerhalb‘ eines Landes. Wir haben diesen zweiten
Lösungsansatz in den 1930er Jahren versucht. Dieses Mal müssen wir den ersten
versuchen." (Martin Wolf, vor der Kommission auswärtiger Angelegenheit des
US-Senats, am 25. 6.2009)[8].

Der Gipfel hat die Botschaft vernommen: Die Führer der Welt
konnten das Bild einer scheinbaren Einheit bewahren und dieses in ihrer
Abschlusserklärung schriftlich festhalten: „Wir werden die Fehler der
Vergangenheit nicht wiederholen". Die Welt atmete auf. Wie die französische
Wirtschaftszeitung „Les Echos"
am 3. April schrieb: „Die erste Schlussfolgerung, die man nach dem gestrigen
G20 von London ziehen kann, ist, dass er nicht gescheitert ist, und das ist
schon viel wert. Nach den Spannungen der letzten Wochen haben die 20 größten
Länder ihre Einheit gegenüber der Krise gezeigt."

Konkret haben sich die Länder verpflichtet, keine
Handelsschranken zu errichten, auch nicht gegen Finanzströme. Die
Welthandelsorganisation wurde beauftragt, sorgfältig darauf zu achten, dass
diese Verpflichtungen eingehalten werden. Darüber hinaus wurden 250 Milliarden
Dollar für die Unterstützung des Exports oder von Investitionen zugesagt, um den
internationalen Handel wieder anzukurbeln. Aber vor allem haben die gestiegenen
Spannungen die Atmosphäre auf diesem Gipfel nicht vergiften können, der sonst
in einen offenen Faustkampf ausgeartet wäre. Der Schein bleibt also gewahrt.
Dies ist der Erfolg des Gipfels der G20. Und dieser Erfolg ist sicherlich
zeitlich beschränkt, denn der Stachel der Krise wird die internationalen
Divergenzen und Spannungen weiter verschärfen.

Die Verschuldung von heute bereitet die Krisen von morgen vor

Seit dem Sommer 2008 und der berühmten „Subprime"-Krise
verabschiedeten die Regierungen wie entfesselt ein Konjunkturprogramm nach dem
anderen. Nach der ersten Ankündigung von massiven Kapitalspritzen im
Milliardenumfang kam vorübergehend Optimismus auf. Doch da sich die Krise
unbeirrt weiter zuspitzte, wuchs mit jedem neuen Programm auch die Skepsis.
Paul Jorion, ein auf den Wirtschaftsbereich spezialisierter Soziologe (er war
zudem einer der ersten, die die gegenwärtige Krise ankündigten) macht sich
lustig über dieses wiederholte Scheitern: „Wir sind unbemerkt von den kleinen
Anschüben des Jahres 2007 im Umfang von einigen Milliarden Euro oder Dollar zu
den großen Paketen von Anfang 2008 übergegangen, dann kamen schließlich die
gewaltigen Pakete von Ende 2008, die mittlerweile Hunderte von Milliarden Euro
oder Dollar umfassen. 2009 ist das Jahr der ‚kolossalen‘ Anschübe, die diesmal
Summen von ‚Trillionen‘ Euro oder Dollar beinhalten. Und trotz pharaonischer
Ambitionen gibt es noch immer nicht das geringste Licht am Ende des Tunnels"[9].

Und was schlägt der Gipfel vor? Man überbietet sich mit
einer Reihe von Maßnahmen, von denen die eine noch unwirksamer ist als die
andere! Bis Ende 2010 sollen 5.000 Milliarden Dollar in die Weltwirtschaft
gepumpt werden[10].
Die Bourgeoisie verfügt über keine andere „Lösung"; sie offenbart damit ihre
eigene Machtlosigkeit[11].
Die internationale Presse hat sich in dieser Hinsicht nicht geirrt. „Die Krise
ist noch lange nicht vorüber, man muss naiv sein zu glauben, dass die
Beschlüsse des G20 alles ändern werden" (La Libre Belgique),
„Sie sind zu einem Zeitpunkt gescheitert, als die Weltwirtschaft dabei war zu
implodieren" (New York Times).

Die Vorhersagen der OECD, die normalweise ziemlich
optimistisch sind, lassen für 2009 keinen Zweifel daran aufkommen, was auf die
Menschheit in den nächsten Monaten zukommen wird. Ihnen zufolge wird die
Rezession in den USA zu einer Schrumpfung des Bruttoinlandprodukts von vier
Prozent, in der Euro-Zone von 4.1 Prozent und in Japan von 6.6 Prozent führen.
Die Weltbank prognostizierte am 30. März für das Jahr 2009 „einen Rückgang des
Welt-BIP von 1.7 Prozent, was den stärksten, je registrierten Rückgang der
globalen Produktion bedeutet". Die Lage wird sich also in den nächsten Monaten
noch weiter zuspitzen, wobei die Krise bereits heute verheerendere Ausmaße als
1929 angenommen hat. Die Ökonomen Barry Eichengreen und Kevin O'Rourke haben
errechnet, dass der Rückgang der Weltindustrieproduktion allein in den letzten
neun Monaten schon so stark war wie 1929, die Aktienwerte zweimal so schnell
verfielen und auch der Welthandel schneller schrumpft[12].

All diese Zahlen entsprechen einer sehr konkreten und
dramatischen Wirklichkeit für Millionen von ArbeiterInnen auf der Welt. In den
USA, der größten Wirtschaftsmacht der Erde, wurden allein im März 2009 663.000
Arbeitsplätze vernichtet, womit sich die Zahl der vernichteten Arbeitsplätze
innerhalb der letzten beiden Jahre auf 5.1 Millionen erhöht hat. Heute werden
alle Länder von der Krise brutal erfasst. So erwartet Spanien 2009 einen
Anstieg der Arbeitslosigkeit auf über 17 Prozent.

Aber diese Politik ist heute nicht nur einfach unwirksam;
sie bereitet auch noch gewaltigere Krisen in der Zukunft vor. Denn all diese
Milliardenbeträge können nur dank massiver Verschuldung zur Verfügung gestellt
werden. Doch eines Tages (und dieser Tag liegt nicht in der fernen Zukunft)
müssen diese Schulden zurückgezahlt werden. Selbst die Bourgeois sagen: „Es
liegt auf der Hand, die Folgen dieser Krise sind mit hohen Kosten verbunden.
Die Menschen werden Reichtümer, Erbgüter, Einkommen, Ersparnisse, Arbeitsplätze
verlieren. Es wäre demagogisch zu denken, dass irgendjemand davon verschont
werden wird, alles oder einen Teil dieser Rechnung zu bezahlen" (Henri Guaino,
Sonderberater des französischen Staatspräsidenten, 3.04.2009).[13]
Durch die Anhäufung dieses Schuldenbergs ist letzten Endes die wirtschaftliche
Zukunft des Kapitalismus mit einer gewaltigen Hypothek belastet.

Und was soll man zu all den Journalisten sagen, die sich
darüber freuen, dass der IWF eine viel größere Bedeutung erlangt hat? Seine
Finanzmittel sind in der Tat vom Gipfel verdreifacht worden; er verfügt nun
über 750 Milliarden Dollar Mittel, hinzu kommen 250 Milliarden Dollar
Sonderziehungsrechte.[14]
IWF-Präsident Dominique Strauss-Kahn erklärte, dass es sich um den größten
„jemals in der Geschichte beschlossenen koordinierten Ankurbelungsplan"
handelt. Er wurde beauftragt, „den Schwächsten zu helfen", insbesondere den am
Rande der Pleite stehenden osteuropäischen Staaten. Aber der IWF ist eine
seltsame letzte Rettung. Denn diese Organisation ist zu Recht verrufen wegen
der drakonischen Sparmaßnahmen, die sie in der Vergangenheit stets dann
erzwungen hat, wenn ihre „Hilfe" gefordert wurde. Umstrukturierungen,
Entlassungen, Arbeitslosigkeit, Abschaffung bzw. Kürzung von medizinischen
Leistungen, Renten usw.- all das sind die Folgen der „Hilfe" des IWF. Diese
Organisation hat - um nur ein Beispiel zu nennen - am vehementesten jene
Maßnahmen vertreten, die Argentinien in den 1990er Jahren auferlegt wurden, bis
dessen Wirtschaft 2001 kollabierte!

Der Gipfel der G20 hat also nicht nur den kapitalistischen
Horizont nicht aufgehellt, sondern im Gegenteil bewirkt, dass noch dunklere
Wolken aufziehen werden.

Der große Bluff eines moralischeren Kapitalismus

In Anbetracht der sattsam bekannten Unfähigkeit der G20,
wirkliche Lösungen für die Zukunft anzubieten, fiel es den Bourgeois schwer,
eine schnelle Rückkehr zum Wachstum und zu einer strahlenden Zukunft zu
versprechen. Unter den Arbeitern breitet sich eine tiefe Verachtung gegen den
Kapitalismus aus; immer mehr machen sich Gedanken über die Zukunft. Die
herrschende Klasse ihrerseits ist eifrig darum bemüht, auf ihre Art auf diese
Infragestellungen einzugehen. So hat denn auch dieser Gipfel mit großem Tamtam
einen neuen Kapitalismus versprochen, der besser reguliert, moralischer,
ökologischer sein werde...

Aber dieses Manöver ist so auffällig wie lächerlich. Um zu
beweisen, wie ernst sie es mit einem „moralischeren" Kapitalismus meinen, haben
die G20-Staaten ihren Zeigefinger gegen einige „Steuerparadiese" erhoben und
mit eventuellen Sanktionen gedroht, über die man bis zum Ende des Jahres
nachdenken werde (sic!), falls diese Länder keine Anstrengungen um größere
„Transparenz" unternehmen. Insbesondere wurde auf vier Länder verwiesen, die
nunmehr die berühmte „schwarze Liste" anführten: Costa Rica, Malaysia, die
Philippinen, Uruguay. Auch anderen Ländern wurden Vorhaltungen gemacht; sie
wurden auf eine „graue Liste" gesetzt. Unter anderem gehören Österreich,
Belgien, Chile, Luxemburg, Singapur und die Schweiz dazu.

Die großen „Steuerparadiese" dagegen kommen allem Anschein
nach ihren Pflichten nach. Die Kaiman-Inseln und ihre Hedgefonds, die von der
britischen Krone abhängigen Territorien (Guernsey, Jersey, Ilse of Man), die
Londoner City, die US-Bundesstaaten wie Delaware, Nevada oder Wyoming - all
diese Gebiete sind offiziell weiß wie Schnee und gehören der weißen Liste an.
Diese Klassifizierung der Steuerparadiese durch den Gipfel der G20 bedeutet, den
Bock zum Gärtner zu machen.

Als Gipfel der Heuchelei kündigte nur wenige Tage nach dem
Gipfel in London die OECD, die für diese Einstufungen verantwortlich ist, die
Streichung der vier oben genannten Länder von der schwarzen Liste an, nachdem
diese Anstrengungen zu mehr Transparenz angekündigt hatten!

All dies kann nicht überraschen. Wie könnte man von all
diesen Verantwortlichen des Kapitalismus, die in Wirklichkeit Gangster ohne
Gesetz und Glauben sind, eine „moralischere Haltung" erwarten?[15]
Und wie kann ein System, das auf Ausbeutung und Profitstreben beruht,
„moralischer" werden? Niemand erwartete übrigens von diesem Gipfel einen
„menschlicheren Kapitalismus". Dieser existiert nicht, auch wenn die
politischen Führer davon reden, wie Eltern ihren Kindern vom Weihnachtsmann
erzählen. Diese Krisenzeiten enthüllen im Gegenteil noch deutlicher die
unmenschliche Fratze dieses Systems. Vor fast 130 Jahren schrieb Paul Lafargue:
„Die kapitalistische Moral [...] belegt das Fleisch des Arbeiters mit einem
feierlichen Bannfluch: Ihr Ideal besteht darin, die Bedürfnisse des Produzenten
(das heißt des wirklich Produzierenden) auf das geringste Minimum zu
reduzieren, seine Genüsse und Leidenschaften zu ersticken und ihn zur Rolle
einer Maschine zu verurteilen, aus der man ohne Rast und ohne Dank Arbeit nach
Belieben herausschindet" (Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit, Vorwort). Wir
könnten hinzufügen: Die einzig mögliche „Ruhe" ist die Arbeitslosigkeit und das
Elend. Wenn die Krise zuschlägt, werden Beschäftigte entlassen und fliegen auf
die Straße wie Ausschuss. Der Kapitalismus ist und bleibt stets ein brutales
und barbarisches Ausbeutungssystem.

Aber das Manöver ist so offensichtlich wie entlarvend. Es
zeigt, dass der Kapitalismus der Menschheit keinen Ausweg mehr anzubieten hat,
außer noch mehr Verarmung und Leid. Die Aussichten auf einen „ökologischen"
oder „moralischen" Kapitalismus sind genauso groß wie die Aussichten eines
Alchimsten, Blei in Gold zu verwandeln.

Der Londoner Gipfel belegt jedenfalls eins: Eine andere
kapitalistische Welt ist nicht möglich. Es ist wahrscheinlich, dass der
Krisenverlauf Höhen und Tiefen durchschreiten wird, wobei es zeitweise auch zu
einem Wachstum kommen kann. Aber im Wesentlichen wird der Kapitalismus weiter
in der Krise versinken, noch mehr Armut und Kriege hervorrufen.

Von diesem System kann man nichts erwarten. Mit ihren
internationalen Gipfeln und Konjunkturprogrammen stellt die herrschende Klasse
keinen Teil der Lösung dar, sondern sie selbst ist das Problem. Nur die Arbeiterklasse
kann die Welt umwälzen, dazu muss sie aber Vertrauen in die Gesellschaft
entwickeln, die sie aufbauen muss: den Kommunismus!

Mehdi,
16.04.09

 


[1]Déclaration
de Pascal Lamy
, Erklärung des Generaldirektors der
Welthandelsorganisation.

 

[2]Rapport
intermédiaire
- Zwischenbericht der OECD

 

[3] Der
G20 besteht aus den Mitgliedsländern des G8 (Deutschland, Frankreich, USA,
Japan, Kanada, Italien, Großbritannien, Russland), zu dem jetzt Südafrika,
Saudi-Arabien, Argentinien, Australien, Brasilien, China, Südkorea, Indien,
Indonesien, Mexiko, Türkei und schließlich die Europäische Union dazu gekommen
sind. Ein erster Gipfel hatte im November 2008 inmitten der
Finanzerschütterungen stattgefunden.

 

[4] Siehe
unsere Artikelserie „Die Dekadenz des Kapitalismus begreifen"

 

[5] Weit
verbreitet ist heute der Mythos, dass der New Deal von 1933 es der
Weltwirtschaft ermöglicht habe, aus dem wirtschaftlichen Schlamassel
herauszukommen. Daher die logische Schlussfolgerung, heute zu einem neuen „New
Deal" aufzurufen. Aber in Wirklichkeit blieb die US-Wirtschaft zwischen 1933-38
besonders kraftlos. Erst der zweite New Deal, der 1938 beschlossen wurde,
ermöglichte die Ankurbelung der Wirtschaft. Doch dieser zweite New Deal war
nichts anderes als der Beginn der Kriegswirtschaft (die den 2. Weltkrieg
vorbereitete). Es ist verständlich, dass diese Tatsache weitestgehend
verschwiegen wird!

 

[6] Mit
diesem Gesetz verpflichteten die US-Behörden zum Kauf von auf US-Märkten
hergestellten Produktionsgütern.

 

[7] Quelle:

http://contreinfo.info/prnart.php3?id_article=2612

 

[8] Martin
Wolf ist ein britischer Wirtschaftsjournalist. Er war assoziierter freischaffender
Redakteur und Chef-Kommentator im Bereich Wirtschaftsfragen bei der Financial
Times
.

 

[9] „L'ère
des ‘Kolossal' coups de pouce" (Die Ära der „kolossalen" Anschübe),
veröffentlicht am 7 April 2009.

 

[10] Tatsächlich
handelt es sich um 4.000 Milliarden Dollar, die von den USA als
Rettungsmaßnahmen während der letzten Monate angekündigt wurden.

 

[11] In
Japan wurde jüngst ein neues Konjunkturprogramm im Umfang von 15.400 Milliarden
Yen (116 Milliarden Euro) beschlossen. Dies ist das vierte Programm, das innerhalb
eines Jahres von Tokio beschlossen wurde!

 

[12] Quelle:
www.voxeu.org

 

[13] Zur Rolle der Verschuldung im Kapitalismus und zu seinen
Krisen siehe den Artikel in dieser Ausgabe der Internationalen Revue Nr. 43,
„Die schlimmste Wirtschaftskrise in der Geschichte des Kapitalismus".

 

[14] Die
Sonderziehungsrechte sind ein Währungskorb, der aus Dollar, Euro, Yen und
britischen Pfund-Sterling besteht.

Insbesondere China hat auf diesen Sonderziehungsrechten
bestanden. In den letzten Wochen hat das Reich der Mitte mehrere offizielle
Erklärungen abgegeben und zur Schaffung einer internationalen Währung
aufgerufen, die den Dollar ablösen soll. Zahlreiche Ökonomen auf der Welt haben
diese Forderung aufgegriffen und vor dem unaufhaltsamen Verfall der US-Währung
und den wirtschaftlichen Erschütterungen gewarnt, die daraus resultieren
würden.

Es stimmt, dass die Schwächung des Dollars mit jedem
weiteren Versinken der US-Wirtschaft in der Rezession eine echte Bedrohung für
die Weltwirtschaft darstellt. Kurz vor Ende des II. Weltkrieges als
internationale Leitwährung eingeführt, fungierte der Dollar seither als ein
Stützpfeiler für die kapitalistische Stabilität. Dagegen ist die Einführung
einer neuen Leitwährung (ob Euro, Yen, Britisches Pfund oder die
Sonderziehungsrechte des IWF) vollkommen illusorisch. Keine Macht wird die USA
ersetzen können, keine wird deren Rolle als internationaler ökonomischer
Stabilitätsanker übernehmen können. Die Schwächung der US-Wirtschaft und ihrer
Währung bedeutet somit wachsendes monetäres Chaos.

 

[15] Lenin
bezeichnete den Völkerbund, eine andere internationale Institution, als
„Räuberbande".

 

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