Die Dekadenz des Kapitalismus (Teil VIII): Das Zeitalter der Katastrophen

Während heute die Revolutionäre
weit davon entfernt sind, einhellig die Analyse zu teilen, dass der
Kapitalismus mit dem Ausbruch des I. Weltkriegs in seine Niedergangsphase
eingetreten ist, war dies für jene, die damals auf diesen Krieg geantwortet und
die sich an den folgenden revolutionären Erhebungen beteiligt hatten, nicht der
Fall. Im Gegenteil, die Mehrheit der Marxisten teilte, wie in dieser
Artikelreihe bereits gezeigt wurde, diese Auffassung. Auch war für sie das
Verständnis der neuen historischen Periode unerlässlich für die Erneuerung des
kommunistischen Programms und der Taktiken, die aus ihm hervorgingen.

Im vorhergehenden Artikel dieser
Reihe sahen wir, dass Rosa Luxemburgs Analyse der fundamentalen Prozesse, die
der imperialistischen Ausweitung zugrunde lagen, die Wiederkehr der
Kalamitäten, die die vorkapitalistischen Regionen auf dem Globus heimsuchten,
im Zentrum des Systems, im bürgerlichen Europa vorwegnahm. Und wie Luxemburg in
ihrer Junius-Broschüre
(Originaltitel: „Die Krise der Sozialdemokratie“), 1915 im Gefängnis verfasst,
hervorhob, war der Ausbruch des imperialistischen Weltkrieges 1914 nicht nur
wegen der Zerstörung und des Elends der Arbeiterklasse in beiden kriegführenden
Lagern eine Katastrophe, sondern auch weil er durch den schlimmsten Akt des
Verrats in der Geschichte der Arbeiterbewegung ermöglicht wurde: durch die
Entscheidung der Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien, angeblich
Leuchttürme des in der marxistischen Weltanschauung geschulten
Internationalismus, die Kriegsbemühungen ihrer herrschenden Klasse zu
unterstützen und das gegenseitige Massaker des europäischen Proletariats zu
sanktionieren, trotz aller wohlklingenden Deklarationen der Opposition gegen
den Krieg, die auf zahllosen Treffen der Zweiten Internationale und ihrer
Mitglieds-Parteien in den Jahren vor 1914 verabschiedet wurden.

Dies war der Tod der
Internationale, die sich nun in ihre verschiedenen nationalen Parteien
aufsplitterte, von denen sich große Segmente, die meisten von ihnen führende
Körperschaften, ihren eigenen Bourgeoisien als Anwerbungsbüros zur Verfügung
stellten: Diese wurden bekannt als „Sozialchauvinisten“ oder „Sozialpatrioten“,
die auch die Mehrheit der Gewerkschaften in diese Richtung führten. In diesem
fürchterlichen Debakel wälzte sich ein anderes wichtiges Segment, die
„Zentristen“, in allen Arten von Konfusionen. Sie waren unfähig zum
entscheidenden Bruch mit den Sozialpatrioten, verkündeten absurde Illusionen
über die Möglichkeit eines Friedensabkommens und wendeten sich, wie im Fall des
früheren „Papstes“ des Marxismus, Kautsky, vom Klassenkampf ab mit der
Begründung, dass die Internationale lediglich ein Mittel des Friedens, nicht
des Krieges sein könne. In diesen traumatisierenden Zeiten stand lediglich eine
Minderheit fest zu den Prinzipien, die die gesamte Internationale am Vorabend
des Krieges schriftlich angenommen hatte – vor allem die Weigerung, den
Klassenkampf auszusetzen, um die Kriegsanstrengungen der eigenen Bourgeoisie
nicht zu gefährden, und darüber hinaus der Wille, die vom Krieg verursachte
soziale Krise als ein Mittel zur Beschleunigung des Untergangs des
kapitalistischen Systems zu nutzen. Doch angesichts des hysterischen
Nationalismus in der Anfangsphase des Krieges, der in Luxemburgs Broschüre
beschriebenen „Pogromstimmung“ rangen selbst die besten Militanten der
revolutionären Linken mit Zweifeln und Schwierigkeiten: Lenin glaubte zunächst,
dass jene Ausgabe des Vorwärts,
der SPD-Zeitung, die die Zustimmung der Partei zu den Kriegskrediten im
Reichstag verkündete, eine Fälschung sei, die von der politischen Polizei
ausgeheckt worden sei. Der Anti-Militarist Liebknecht stimmte im deutschen
Parlament anfangs aus Parteidisziplin für die Kriegskredite, und der folgende
Auszug aus einem Brief von Rosa Luxemburg zeigt, wie sehr sie davon überzeugt
war, dass die linke Opposition innerhalb der Sozialdemokratie auf eine kleine
Ansammlung versprengter Individuen reduziert worden sei:

„Ich möchte die schärfstmögliche
Aktion gegen das Treiben der (Reichstags-)Abgeordneten unternehmen. Leider
erhalte ich nur wenig Hilfe von meiner (Ansammlung) loser Persönlichkeiten (…)
Karl (Liebknecht) ist nie erreichbar, da er wie eine Wolke am Himmel
herumsaust; Franz (Mehring) hat für alles außerhalb literarischer Kampagnen nur
wenig Sympathien übrig. Claras (Zetkin) Reaktion ist Hysterie und schwärzeste
Verzweiflung. Doch trotz alledem beabsichtige ich, mal zu schauen, was erzielt
werden kann.“ [1]

Unter den Anarchisten gab es
ebenfalls Konfusionen und offenen Verrat. Der ehrwürdige Anarchist Kropotkin
rief zur Verteidigung der französischen Zivilisation gegen den deutschen
Militarismus auf. Jene, die seiner Linie folgten, wurden bekannt als
Schützengräben-Anarchisten; besonders stark erwies sich der Lockvogel des
Nationalismus im Falle der syndikalistischen CGT in Frankreich. Doch der
Anarchismus war aufgrund seines heterogenen Charakters nicht auf dieselbe Art
betroffen wie die „marxistischen Parteien“. Zahllose anarchistische Militante
und Gruppen vertraten auch weiterhin internationalistische Positionen, wie sie
es schon zuvor getan hatten.[2]

Imperialismus: Der Kapitalismus im Verfall

Es war offensichtlich, dass die
Gruppen der früheren sozialdemokratischen Linken es mit der Aufgabe der
Reorganisation und Umgruppierung zu tun hatten, um die grundlegende Arbeit der
Propaganda und Agitation trotz nationalistischer Ekstase und staatlicher
Repression fortzusetzen. Dafür war jedoch vor allem eine theoretische
Neubewertung erforderlich, ein rigoroses Bemühen zu verstehen, wie der Krieg so
viele lang währende Prämissen der Bewegung über den Haufen werfen konnte. Nicht
zuletzt weil es notwendig war, die „sozialistische“ Hülle wegzureißen, in der
die Verräter ihren Patriotismus verborgen hatten, indem sie Worte von Marx und
Engels – sorgfältig ausgesucht und vor allem aus ihrem historischen Kontext
gerissen – auswählten, um die Position der nationalen Verteidigung zu
rechtfertigen – vor allem in Deutschland, wo es eine lange Tradition in der
marxistischen Strömung gegeben hat, die die nationalen Bewegungen gegen die
reaktionäre Bedrohung durch den russischen Zarismus unterstützt hatten.

Die Notwendigkeit einer
tiefgreifenden Untersuchung wurde von Lenin verkörpert, der zu Beginn des
Krieges seine Zeit damit verbrachte, in aller Ruhe in der Züricher Bibliothek
Hegel zu lesen. In einem Artikel, der kürzlich in The Commune veröffentlicht worden war,
argumentiert Kevin Anderson vom Marxist-Humanist Comitee in den USA, dass Lenin
durch seine Hegel-Studien zur Schlussfolgerung verleitet worden sei, die
Mehrheit der Marxisten in der Zweiten Internationale, einschließlich seines
Mentors Plechanow (und seiner selbst), habe nicht mit dem Vulgärmaterialismus
gebrochen und ihre Ignoranz gegenüber Hegel habe bedeutet, dass sie nur wenig
über die Dialektik der Geschichte begriffen hätten.[3]
Und natürlich besteht eines der Grundprinzipien Hegels darin, dass das, was in
einer Epoche rational war, in einer anderen Epoche durchaus irrational werden
konnte. Zweifellos ist dies die Methode, die Lenin benutzte, um den
Sozialchauvinisten – besonders Plechanow – zu antworten, die ihre Unterstützung
des Krieges zu rechtfertigen suchten, indem sie sich auf die Schriften Marx‘
und Engels‘ bezogen:

„Die russischen
Sozialchauvinisten (an ihrer Spitze Plechanow) berufen sich auf die Taktik von
Marx im Kriege von 1870; die deutschen Sozialchauvinisten (vom Schlage der
Lensch, David und Co.) berufen sich auf die Erklärungen von Engels im Jahre
1891, in denen er von der Pflicht der deutschen Sozialisten spricht, im Falle
eines gleichzeitigen Krieges gegen Rußland und Frankreich das Vaterland zu
verteidigen (…) Alle diese Berufungen sind eine empörende Fälschung der
Auffassungen von Marx und Engels zugunsten der Bourgeoisie und der
Opportunisten (…) Wer sich jetzt auf Marx’ Stellungnahme zu den Kriegen in der
Epoche der fortschrittlichen Bourgeoisie beruft und Marx Worte „Die Arbeiter
haben kein Vaterland” vergißt - diese Worte die sich gerade auf die Epoche der
reaktionären, überlebten Bourgeoisie beziehen, auf die Epoche der
sozialistischen Revolution - der fälscht Marx schamlos und ersetzt die
sozialistische Auffassung durch die bürgerliche.“[4]

Hier lag der Schlüssel: Der
Kapitalismus ist zu einem reaktionären System geworden, wie Marx es
vorhergesagt hatte. Der Krieg war der Beweis dafür, und dies bedeutete eine
völlige Neubewertung aller alten Taktiken der Bewegung, ein klares Verständnis
der Charakteristiken des Kapitalismus in seiner Alterskrise und somit der neuen
Bedingungen, die dem Klassenkampf bevorstanden. Unter den linken Fraktionen war
diese grundlegende Analyse der Evolution des Kapitalismus allgemeingültig.
Luxemburgs Junius-Broschüre
griff auf der Grundlage einer gründlichen Untersuchung der Phänomene des Imperialismus
in der Vorkriegsperiode Engels‘ Ankündigung auf, dass die Menschheit mit der
Wahl zwischen Sozialismus und Barbarei konfrontiert werde, und erklärte, dass
dies nicht mehr eine Aussicht auf die Zukunft sei, sondern unmittelbare
Realität: Wie sie formulierte: „Dieser Weltkrieg – das ist ein Rückfall in die
Barbarei“. Im gleichen Werk argumentierte Luxemburg, dass in einer Epoche des
ungezügelten imperialistischen Krieges die alte Strategie der Unterstützung
bestimmter Nationalbewegungen ihren ganzen fortschrittlichen Inhalt verloren
habe: „In der Ära dieses entfesselten Imperialismus kann es keine nationalen
Kriege mehr geben. Die nationalen Interessen dienen nur als Täuschungsmittel,
um die arbeitenden Volksmassen ihrem Todfeind, dem Imperialismus, dienstbar zu
machen.“

Trotzki, der für Nashe Slowo
schrieb, ging in dieselbe Richtung, indem er argumentierte, dass der Krieg ein
Anzeichen dafür sei, dass der Nationalstaat selbst zu einer Barriere gegen
einen weiteren menschlichen Fortschritt geworden sei: „Die Nation hat sich
selbst überwunden – als Rahmen für die Weiterentwicklung der Produktivkräfte,
als Basis des Klassenkampfes und insbesondere als Staatsform der Diktatur des
Proletariats.“[5]

In seinem berühmten Werk Imperialismus – das
höchste Stadium des Kapitalismus
erkannte Lenin – wie Luxemburg -,
dass der blutige Konflikt zwischen den Großmächten der Welt die Tatsache zum
Ausdruck brachte, dass diese Mächte mittlerweile den gesamten Globus unter sich
aufgeteilt hatten und dass seither der imperialistische Kuchen nur durch
gewaltsames Begleichen alter Rechnungen unter den imperialistischen Ungeheuern
neu aufgeteilt werden kann: „‘Das Charakteristische dieser Periode‘, folgert
Supan, ‚ist also die Aufteilung Afrikas und Polynesiens.‘ Da es in Asien und
Amerika keine unbesetzten Länder gibt, d.h. solche, die keinem Staate gehören,
so muß Supans Schlußfolgerung dahingehend erweitert werden, daß das
Charakteristische dieser Periode die endgültige Aufteilung der Erde ist,
endgültig nicht in dem Sinne, daß eine Neuaufteilung unmöglich wäre
– im Gegenteil, Neuaufteilungen sind möglich und unvermeidlich –, sondern in
dem Sinne, daß die Kolonialpolitik der kapitalistischen Länder die
Besitzergreifung unbesetzter Länder auf unserem Planeten beendet
hat. Die Welt hat sich zum erstenmal als bereits aufgeteilt erwiesen, so daß in
der Folge nur
noch
Neuaufteilungen in Frage kommen, d.h. der Übergang von
einem ‚Besitzer‘ auf den anderen, nicht aber die Besitzergreifung herrenlosen
Landes.“

Im selben Werk charakterisierte
Lenin das „höchste Stadium“ des Kapitalismus als ein Stadium von „Parasitismus
und Fäulnis“, als „sterbenden Kapitalismus“. Parasitismus, weil er – besonders
im Fall Großbritanniens – eine Tendenz dafür erblickte, dass der produktive
Beitrag der Industrienationen zum globalen Reichtum durch das wachsende
Vertrauen auf das Finanzkapital und die Extraprofite, die aus den Kolonien
gesaugt wurden, ersetzt wurde (eine Auffassung, die sicherlich kritisiert
werden kann, die aber eine gewisse Eingebung enthielt, wie die heutige Blüte
der Finanzspekulation und die fortschreitende De-Industrialisierung einiger der
mächtigsten Nationen bezeugen können). Fäulnis (mit dem Lenin nicht eine
absolute Stagnation des Wachstums meinte), weil die Tendenz des Kapitalismus,
den freien Wettbewerb zugunsten von Monopolen zu beseitigen, die wachsende
Notwendigkeit für die bürgerliche Gesellschaft bedeutete, ihren Platz für eine
höhere Produktionsweise aufzugeben.

Lenins Imperialismus-Theorie
leidet an einer Reihe von Schwächen. Seine Definition des Imperialismus ist
eher eine Beschreibung einiger seiner äußeren Erscheinungsformen (die „fünf
definierenden Charakteristiken“, die so oft von den Linksextremisten zitiert
werden, um zu beweisen, dass diese oder jene Nation, dieser oder jener Block
nicht imperialistisch sei) denn ein Versuch, zu den Wurzeln des Phänomens im
Akkumulationsprozess vorzudringen, wie Luxemburg es getan hatte. Seine Vision
eines fortgeschrittenen kapitalistischen Zentrums, das parasitär von den
Extraprofiten aus den Kolonien lebt (und so einen Randbereich der
Arbeiterklasse, die „Arbeiteraristokratie“, korrumpiert, damit dieser seine
imperialistischen Projekte unterstützt), ließ genug Platz für das Eindringen
der nationalistischen Ideologie in der Form einer Unterstützung der nationalen
Befreiungsbewegungen in den Kolonien. Darüber hinaus hatte die Monopolphase (im
Sinne gigantischer privater Konzerne) einem noch „höheren“ Ausdruck der
kapitalistischen Fäulnis Platz gemacht: dem enormen Wachstum des Staatskapitalismus.

Hinsichtlich des letzten Punkts
wurde der wichtigste Beitrag sicherlich von Bucharin geleistet, der einer der
ersten war, die aufzeigten, dass in der Ära der „imperialistischen Staaten“ die
Gesamtheit des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens vom
Staatsapparat aufgesaugt wird, vor allem zum Zweck des Krieges gegen die
rivalisierenden Imperialisten:

„In völligem Gegensatz zum Staat
in der Epoche des Industriekapitalismus zeichnet sich der imperialistische
Staat durch ein außerordentliches Wachstum in der Komplexität seiner Funktionen
und durch einen heftigen Einbruch im Wirtschaftsleben der Gesellschaft aus. Er
offenbart eine Tendenz, sich die gesamte Produktionssphäre und die gesamte
Sphäre der Warenzirkulation einzuverleiben. Zwischenformen wie gemischte
Unternehmen werden durch reine Staatsregulierung ersetzt, denn auf diese Weise
kann der Zentralisierungsprozess fortgesetzt werden. Sämtliche Mitglieder der
herrschenden Klassen (oder – genauer – der herrschenden Klasse, denn der Finanzkapitalismus
eliminiert allmählich die verschiedenen Untergruppen der herrschenden Klassen,
indem er sie in einer einzigen finanzkapitalistischen Clique vereinigt) werden
zu Aktionären oder Partnern in einem gigantischen Staatsunternehmen. Einst
Bewahrer und Verteidiger der Ausbeutung, hat sich der Staat mittlerweile selbst
in eine einzige, zentralisierende, ausbeutende Organisation verwandelt, die
direkt mit dem Proletariat, dem Objekt der Ausbeutung, konfrontiert ist. Auf
dieselbe Weise wie Marktpreise vom Staat bestimmt werden, weist Letzterer den
Arbeitern die Rationen zu, die erforderlich sind, um die Arbeitskraft zu
erhalten. In völliger Übereinstimmung mit den militärischen Behörden, deren
Bedeutung und Macht stetig wachsen, erfüllt eine hierarchisch angeordnete
Bürokratie die organisatorischen Funktionen. Die Volkswirtschaft wird vom Staat
absorbiert, der auf militärische Weise konstruiert ist und eine enorme,
disziplinierte Armee und Marine zur Verfügung hat. In ihrem Kampf werden die
Arbeiter mit der Allmacht dieses monströsen Apparates konfrontiert, denn jeder
Fortschritt ihrerseits richtet sich direkt gegen den Staat: Der wirtschaftliche
und politische Kampf wird nicht mehr in zwei Kategorien zerfallen, und der
Aufstand gegen die Ausbeutung wird eine direkte Revolte gegen die staatliche
Organisation der Bourgeoisie bedeuten.“

Der totalitäre Staatskapitalismus
und die Kriegswirtschaft waren zweifellos wichtige Kennzeichen des folgenden
Jahrhunderts. Angesichts der Omnipräsenz dieses kapitalistischen Monsters zog
Bucharin richtigerweise die Schlussfolgerung, dass jeder bedeutsame
Arbeiterkampf seitdem keine andere Wahl hat, als mit dem Staat
zusammenzustoßen, und dass der einzige Weg vorwärts für das Proletariat darin
besteht, diesen gesamten Apparat „in die Luft zu jagen“ – den bürgerlichen
Staat zu zerstören und ihn durch die eigenen Machtorgane zu ersetzen. Dies
bedeutete die endgültige Abkehr von allen Spekulationen über eine friedliche
Eroberung des existierenden Staates, die Marx und Engels selbst nach der
Erfahrung mit der Pariser Kommune nicht völlig in Abrede gestellt hatten und
die in wachsendem Maße zur orthodoxen Position der Zweiten Internationale
geworden war. Pannekoek hatte 1912 zunächst diese Position aufgegriffen; als
Bucharin sie wiederholte, beschuldigte Lenin ihn zunächst, in den Anarchismus
abzugleiten; doch noch während er an seiner Antwort arbeitete und angetrieben
von der Notwendigkeit, die sich entfaltende Situation in Russland zu begreifen,
wurde Lenin erneut von der sich weiterentwickelnden Dialektik ergriffen und kam
zu der Schlussfolgerung, dass Pannekoek und Bucharin Recht hatten – eine
Schlussfolgerung, die in Staat
und Revolution
, verfasst am Vorabend des Oktober-Aufstandes,
formuliert wurde.

In Bucharins Imperialismus und
Weltwirtschaft
(1917) gibt es auch den Versuch, den Drang zur
imperialistischen Expansion aus den ökonomischen Widersprüchen zu erklären, die
Marx hervorgehoben hat, als er auf den Druck hinwies, der durch den Fall der
Profitrate ausgeübt wird, aber auch auf die Notwendigkeit einer konstanten
Ausweitung des Marktes. Wie bei Luxemburg und Lenin ist es Bucharins Absicht
nachzuweisen, dass, eben weil der Prozess der imperialistischen
„Globalisierung“ eine vereinte Weltwirtschaft geschaffen hat, der Kapitalismus
seine historische Mission erfüllt hatte und von nun an in den Niedergang
abglitt. Dies stand völlig in Einklang mit der von Marx umrissenen Perspektive,
als er schrieb, dass „Die eigentliche Aufgabe der bürgerlichen Gesellschaft ist
die Herstellung des Weltmarktes, wenigstens seinen Umrissen nach, und einer auf
seiner Basis ruhenden Produktion.“[6]

So bekräftigten wahrhaftige
Marxisten - im Gegensatz zu den Sozialchauvinisten und den Zentristen, die auf
den status quo
ante bellum
zurückgehen wollten und den Marxismus verfälschten, um
die Unterstützung für das eine oder andere kriegführende Lager zu rechtfertigen
- einmütig, dass es keinen progressiven Kapitalismus mehr gab und daher sein
revolutionärer Sturz auf der historischen Tagesordnung stand.

Die Epoche der proletarischen Revolution

Die gleiche grundlegende Frage
der historischen Periode stellte sich auch in Russland 1917, Schauplatz des
Höhepunkts einer ansteigenden internationalen Welle des proletarischen
Widerstands gegen den Krieg. Als die in den Sowjets organisierte russische
Arbeiterklasse immer mehr dahinter kam, dass den Zaren loszuwerden keines ihrer
wesentlichen Probleme gelöst hatte, agitierten die rechten und zentristische
Fraktionen mit all ihrer Kraft gegen die Bolschewiki, die die proletarische
Revolution und die sowjetische Gegenmacht forderten, um nicht nur mit den
zaristischen Elementen, sondern auch mit der gesamten russischen Bourgeoisie
abzurechnen, die den Februar als ihre legitime Revolution für sich
beanspruchten. Sie wurden auf theoretischem Gebiet von den Menschewiki
unterstützt, die Marx‘ Schriften ausquetschten, um aufzuzeigen, dass der
Sozialismus nur auf der Basis eines vollständig entwickelten kapitalistischen
Systems errichtet werden könne: Russland sei viel zu rückständig, es könne ganz
offensichtlich nicht über das Stadium einer demokratischen, bürgerlichen
Revolution hinausgehen, und die Bolschewiki seien nichts anderes als eine Bande
von Abenteurern, die danach trachteten, einen historischen Bocksprung zu
vollziehen. Die Antwort, die Lenin in den Aprilthesen gab, stand ebenfalls in
Einklang mit seiner Lektüre Hegels, der stets die Notwendigkeit betont hatte,
die geschichtliche Bewegung in ihrer Ganzheit zu betrachten; gleichzeitig
reflektierten die Aprilthesen
Lenins tiefes Bekenntnis zum Internationalismus. Es ist sicherlich richtig,
dass die Bedingungen für die Revolution historisch heranreifen müssen, doch die
Ankunft einer neuen historischen Epoche kann nicht auf der Grundlage der
Untersuchung eines einzelnen Landes beurteilt werden. Der Kapitalismus war, wie
die Imperialismus-Theorie zeigte, ein globales System, und daher reiften sein
Niedergang und die Notwendigkeit seines Sturzes ebenfalls auf globaler Ebene
heran: Der Ausbruch des imperialistischen Weltkriegs war ein hinreichender
Beweis dafür. Es gab keine Russische Revolution in Isolation. Eine
proletarische Erhebung in Russland konnte lediglich der erste Schritt zu einer
internationalen Revolution sein, oder wie Lenin es bei seinem Paukenschlag in
der Rede an die ArbeiterInnen und Soldaten, die zu seiner Begrüßung auf den
Finnländischen Bahnhof in Petrograd nach seiner Rückkehr aus dem Exil gekommen
waren, formulierte: „Liebe Genossen, Soldaten, Matrosen und Arbeiter! Ich bin
glücklich, in eurer Person die siegreiche russische Revolution zu begrüßen,
euch als die Avantgarde der proletarischen Weltarmee zu begrüßen… Die Stunde
ist nicht fern, wo auf den Ruf unseres Genossen Karl Liebknecht die Völker die
Waffen gegen ihre Ausbeuter, die Kapitalisten richten werden… Die russische
Revolution, von euch vollbracht, hat eine neue Epoche eingeleitet. Es lebe die
sozialistische Weltrevolution!“ [7]

Die Erkenntnis, dass der
Kapitalismus die notwendigen historischen Bedingungen für die Ankunft des
Sozialismus erfüllt hatte und gleichzeitig in eine historische Senilitätskrise
eingetreten war, wurde – da beide Zustände lediglich zwei Seiten derselben
Münze sind – in dem wohlbekannten  Satz
aus der Plattform der Kommunistischen Internationale, auf ihrem Ersten Kongress
im März 1919 entworfen, zusammengefasst: „Die neue Epoche ist geboren! Die
Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung, die Epoche
der kommunistischen Revolution des Proletariats.“

Als die revolutionäre,
internationalistische Linke auf dem Ersten Kongress der KI zusammenkam, befand
sich der revolutionäre Aufruhr, ausgelöst durch den Roten Oktober, auf seinem
Höhepunkt. Als der „Spartakus“-Aufstand im Januar in Berlin niedergeschlagen
und Luxemburg sowie Liebknecht grausam ermordet wurden, reifte die Ungarische
Revolution gerade erst heran; Europa und Teile der USA und Südamerikas wurden
von Massenstreiks erfasst. Die revolutionäre Begeisterung damals fand ihren
Ausdruck in den vom Kongress verabschiedeten Grundsatztexten. In Einklang mit
Rosas Rede zum Gründungskongress der KPD wurde die Morgenröte der neuen Epoche
in dem Sinn gedeutet, dass die alte Aufteilung zwischen Minimal- und
Maximalprogramm nicht mehr gültig war; folglich hatte die Arbeit der
Organisierung innerhalb des Kapitalismus durch Gewerkschaftsaktivitäten und
durch die Teilnahme am Parlament, um für wesentliche Reformen zu kämpfen, ihren
grundlegenden Daseinsgrund verloren. Die historische Krise des kapitalistischen
Weltsystems, die sich nicht nur im imperialistischen Krieg ausdrückt, sondern
auch durch das ökonomische und soziale Chaos, das sie in ihrem Kielwasser
hinterlässt, bedeutete, dass der direkte Kampf um die Macht, organisiert in
Sowjets, nun realistisch war und in der Tat dringend auf der Tagesordnung
stand. Und dieses Aktionsprogramm war in allen Ländern gültig, einschließlich
der Kolonien und Halb-Kolonien. Ferner konnte die Annahme dieses neuen
Maximalprogramms nur auf dem Wege eines vollständigen Bruchs mit den
Organisationen zustande kommen, die die Arbeiterklasse in der vorherigen Epoche
„repräsentiert“, aber deren Interessen verraten hatten, sobald ihnen die
historische Prüfung auferlegt wurde – die Nagelprobe des Krieges und der
Revolution 1914-17. Die sozialdemokratischen Reformisten, die
Gewerkschaftsbürokratie wurden nun als Diener des Kapitals definiert, nicht
bloß als rechter Flügel der Arbeiterbewegung. Die Debatten auf dem Ersten
Kongress zeigen, dass die frühe Kommunistische Internationale offen gegenüber
den gewagtesten Schlussfolgerungen war, die aus der direkten Erfahrung der
revolutionären Schlacht gewonnen wurden. Obwohl die Erfahrungen in Russland
einen in gewisser Weise anderen Weg folgten, hörten die Bolschewiki aufmerksam
den Berichten von Delegierten aus Deutschland, der Schweiz, Finnland, den USA,
Großbritannien und anderswo zu, die argumentierten, dass die Gewerkschaften
nicht mehr nur nutzlos waren, sondern zu einem direkten und
konterrevolutionären Hindernis geworden waren – Zahnräder im Staatsapparat –
und dass die ArbeiterInnen sich zunehmend außerhalb und gegen sie
organisierten, in Gestalt von Räteorganisationen in den Fabriken und auf den
Straßen. Und da sich der Klassenkampf eben genau auf die Arbeitsplätze und die
Straßen fokussierte, erschienen diese lebendigen Zentren des Klassenkampfes und
des Klassenbewusstseins in den offiziellen Dokumenten der KI in auffälligem
Gegensatz zur leeren Hülle des Parlaments, einem Instrument, das nicht nur
einfach irrelevant für die proletarische Revolution geworden war, sondern auch
eine direkte Waffe der herrschenden Klasse sowohl in Russland 1917 als auch in
Deutschland 1918 darstellte. Auch kam das Manifest der KI Luxemburgs Ansicht
sehr nahe, dass nationale Kämpfe sich überlebt hatten und neu entstehende
Nationen zu bloßen Spielfiguren der widerstreitenden imperialistischen
Interessen wurden. An diesem Punkt schienen diese „extremen“ revolutionären
Schlussfolgerungen der Mehrheit eine logische Folge der anbrechenden neuen
Epoche zu sein.[8]

Die Debatten auf dem Dritten Kongress

Wenn sich die Geschichte
beschleunigt, wie dies 1914 der Fall war, können in ein, zwei Jahren
dramatische Veränderungen eintreten. Als die KI auf ihrem Dritten Kongress im
Juni/Juli 1921 zusammenkam, hatte die Hoffnung auf eine unmittelbare Ausweitung
der Revolution, die auf dem Ersten Kongress so groß war, die schlimmsten
Rückschläge erlitten. Russland hatte drei Jahre eines erschöpfenden
Bürgerkriegs durchlitten, und obgleich die roten Streitkräfte die Weißen
militärisch besiegt hatten, war der politische Preis verheerend: die Dezimierung
großer Teile der klassenbewusstesten Arbeiter, wachsende Bürokratisierung des
„revolutionären“ Staates, die so weit ging, dass die Sowjets die tatsächliche
Kontrolle über ihn verloren. Die Härten des „Kriegskommunismus“ und die
zerstörerischen Exzesse des Roten Terrors hatten letztlich eine offene Revolte
der Arbeiterklasse provoziert: Im März brachen in Petrograd Massenstreiks aus,
denen der bewaffnete Aufstand der Matrosen und Arbeiter von Kronstadt folgte,
die zur Wiedergeburt der Sowjets und zu einem Ende der Militarisierung der
Arbeit und der repressiven Handlungen der Tscheka aufriefen. Doch die
bolschewistische Führung, verkörpert durch den Staat, sah in diesen Bewegungen
lediglich Ausdrücke der weißen Konterrevolution und unterdrückte sie erbarmungslos
und blutig. All dies war ein Ausdruck der wachsenden Isolation der russischen
Bastion. Niederlage folgte auf Niederlage: die ungarischen und bayrischen
Räterepubliken, das Rote Clydeside, die italienischen Fabrikbesetzungen, der
Aufstand an der Ruhr in Deutschland und viele andere Klassenbewegungen.

Im Bewusstsein ihrer wachsenden
Isolation begannen die an der Macht in Russland festhaltende Partei und andere
Parteien außerhalb, Zuflucht in verzweifelten Maßnahmen zu suchen, um die
Revolution zu verbreiten, wie der Vorstoß der Roten Armee nach Polen und die
Märzaktion im März 1921 in Deutschland – beides gescheiterte Versuche, das
Tempo der Revolution ohne massenhafte Entwicklung des Klassenbewusstseins und
der Organisation, die für eine wirkliche Ergreifung der Arbeitermacht benötigt
wurden, zu forcieren. Mittlerweile gelang es dem kapitalistischen System, auch
wenn es durch den Krieg ausgeblutet war und noch immer die Symptome einer
tiefen Wirtschaftskrise aufwies, sich ökonomisch und gesellschaftlich zu
stabilisieren, was zum Teil das Resultat der neuen Rolle war, die die USA als
industrielles Kraftwerk und Gläubiger der Welt spielten.

Innerhalb der Kommunistischen
Internationale hatte bereits der Zweite Kongress 1920 den Einfluss dieser
vorherigen Niederlagen widergespiegelt. Dies wurde durch die Veröffentlichung
von Lenins Text Der
Linksradikalismus - eine Kinderkrankheit des Kommunismus

symbolisiert, der auf dem Kongress verteilt wurde.[9]
Statt sich der lebendigen Erfahrung des Weltproletariats zu öffnen, wurden die
bolschewistischen Erfahrungen – bzw. eine besondere Version dessen – nun als
ein Universalmodell präsentiert. Die Bolschewiki waren nach 1905 in der Duma in
gewissen Maßen erfolgreich gewesen, folglich war die Taktik des „revolutionären
Parlamentarismus“ überall gültig; die Gewerkschaften in Russland waren erst
kürzlich gegründet worden und hatten noch nicht alle proletarischen
Lebenszeichen verloren – folglich sollten die Kommunisten in allen Ländern
alles Notwendige tun, um in den reaktionären Gewerkschaften zu bleiben und
darum zu kämpfen, sie den korrupten Bürokraten zu entreißen. Zusammen mit der
Festschreibung dieser Gewerkschafts- und Parlamentarismus-Taktiken, die in
offenem Gegensatz zu den linkskommunistischen Strömungen vorgebracht wurden,
die sie ablehnten, wurde dazu aufgerufen, die Kommunistischen Parteien zu
Massenparteien auszubauen, größtenteils durch die Einverleibung solcher
Institutionen wie die USPD in Deutschland und die Sozialistische Partei in
Italien (PSI).

Das Jahr 1921 erlebte einen
weiteren Beweis für das Abgleiten in den Opportunismus, für die Opferung von
Prinzipien und langfristigen Zielen zugunsten kurzfristiger Erfolge und
numerischen Wachstums. Statt mit einer Anprangerung der sozialdemokratischen
Parteien als Agenten der Bourgeoisie haben wir es nun mit dem Trugschluss des
an diese Parteien gerichteten „Offenen Briefes“ zu tun, dessen Zweck es war,
„die Führer zum Kampf zu zwingen“ oder, nachdem dies gescheitert wäre, sie vor
den Augen der Arbeiter unter ihren Mitgliedern zu entlarven. Kurz, die Annahme
einer Politik der Manöver, mit der den Massen irgendwie ein Klassenbewusstsein
untergejubelt werden sollte. Diesen Taktiken folgte kurz darauf die Verkündung
der „Einheitsfront“ und des noch prinzipienloseren Slogans der
„Arbeiterregierung“, eine Art parlamentarische Koalition zwischen
Sozialdemokraten und Kommunisten. Hinter all dieser Suche nach Einfluss um
jeden Preis steckte das Bedürfnis des „Sowjet“-Staates, in einer feindlichen
kapitalistischen Welt auszuharren, einen Modus vivendi mit dem Weltkapitalismus
zu finden, auch wenn dies bedeutete, zur Praxis der Geheimdiplomatie
zurückzukehren, die von der Sowjetmacht 1917 noch einhellig verurteilt worden
war (1922 unterzeichnete der „Sowjet“-Staat ein Geheimabkommen mit Deutschland
und versorgte es gar mit Waffen, die ein Jahr später benutzt wurden, um
kommunistische Arbeiter niederzuschießen). All dies deutete eine beschleunigte
Abkehr vom revolutionären Kampf und eine Hinwendung zur Einverleibung des
kapitalistischen Status quo an – noch nicht endgültig, aber den Weg in die
Degeneration anzeigend, die im Sieg der stalinistischen Konterrevolution ihren
Höhepunkt finden sollte.

Dies bedeutete nicht, dass
sämtliche Klarheit und sämtliche ernsthaften Diskussionen ein Ende gefunden
hatten. Im Gegenteil, die Reaktion der „Linkskommunisten“ auf diesen
opportunistischen Kurs bestand darin, ihre Argumente noch fester auf der
Auffassung zu gründen, dass der Kapitalismus in eine neue Epoche eingetreten
sei: So beginnt das KAPD-Programm von 1920 mit der Proklamation, dass der
Kapitalismus seine historische Krise erlebe, was das Proletariat mit der Wahl
zwischen Sozialismus oder Barbarei konfrontiere.[10]
Im gleichen Jahr ergriff die italienische Linke das Wort; ihre Argumente gegen
den Parlamentarismus gingen von der Prämisse aus, dass der Anbruch der
revolutionären Epoche die alte Praxis des Parlamentarismus aufgehoben habe,
eine Praxis, die noch in der vorherigen Epoche gültig gewesen war. Doch auch
unter den „offiziellen“ Stimmen in der KI gab es echte Versuche, die Zeichen
und Konsequenzen der neuen Epoche zu verstehen.

Der Bericht und die Thesen über
die Weltlage, die von Trotzki auf dem Dritten Kongress im Juni/Juli 1921
abgeliefert wurden, boten eine sehr klare Analyse der Mechanismen, zu denen der
marode Kapitalismus Zuflucht suchte, um sein Überleben in der neuen Epoche zu
sichern – nicht zuletzt die Flucht in den Kredit und in fiktives Kapital.
Nachdem er die ersten Anzeichen einer Nachkriegserholung analysiert hatte, stellte
Trotzkis „Bericht zur Weltwirtschaftskrise und zu den Neuen Aufgaben der
Kommunistischen Internationale“ folgende Frage:

„Wie lassen sich diese Tatsachen
und der Boom erklären? An erster Stelle durch die wirtschaftlichen Ursachen:
Nach dem Krieg wurden die internationalen Verbindungen wiederaufgenommen, wenn
auch in einer äußerst verkürzten Form, und es gab eine universelle Nachfrage
nach allen Arten von Gütern. Zweitens durch politisch-finanzielle Ursachen: Die
europäischen Regierungen hatten eine tödliche Angst vor der Krise, die nach dem
Krieg zu folgen drohte, und sie suchten Zuflucht in allen möglichen Maßnahmen,
um den künstlichen, durch den Krieg geschaffenen Boom während der Zeit der
Demobilisierung aufrechtzuerhalten. Die Regierungen fuhren fort, große Mengen
an Papiergeld in den Kreislauf zu pumpen, emittierten neue Anleihen,
regulierten Profite, Löhne und Brotpreise und subventionierten so den Verdienst
der demobilisierten Arbeiter, indem sie aus den wichtigsten nationalen Mitteln
schöpften und somit eine künstliche wirtschaftliche Wiederbelebung im Land
schufen. So breitete sich in diesem Zeitraum das fiktive Kapital aus, besonders
in jenen Ländern, in denen die Industrie weiterhin rückläufig war.“

Das ganze Leben des Kapitalismus
seitdem hat diese Diagnose, dass das System sich nur über Wasser halten kann,
indem es seine eigenen ökonomischen Gesetze vergewaltigt, nur bestätigt. Diese
Texte strebten auch danach, das Verständnis zu vertiefen, dass der Kapitalismus
ohne eine proletarische Revolution weitere und noch zerstörerischere Kriege
auszulösen droht (selbst wenn ihre Schlussfolgerungen bezüglich eines drohenden
Zusammenstoßes zwischen der alten Macht Großbritannien und der aufstrebenden
Macht USA zwar nicht ohne Grundlage waren, letztlich aber völlig danebenlagen).
Doch die wichtigste Klärung, die in den Thesen und anderen Dokumenten enthalten
war, war die Schlussfolgerung, dass der Anbruch der neuen Epoche nicht bedeutete,
dass Niedergang, offene Wirtschaftskrise und Revolution allesamt gleichzeitig
stattfinden, eine Mehrdeutigkeit, die in der ursprünglichen Formulierung von
1919: „eine neue Epoche ist geboren“ ersichtlich ist, da sie in dem Sinne
interpretiert werde konnte, dass der Kapitalismus gleichzeitig in eine „finale“
Wirtschaftskrise und in eine ununterbrochene Phase revolutionärer Konflikte
eingetreten sei. Dieser Fortschritt im Verständnis wird vielleicht am klarsten
in Trotzkis Text „Die Hauptlehren des Dritten Kongresses“, im Juni 1921
verfasst, ausgedrückt. Er begann wie folgt:

„Klassen sind in der Produktion
verwurzelt. Klassen bleiben überlebensfähig, solange sie eine notwendige Rolle
im Prozess der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit ausfüllen. Klassen
verlieren den Boden unter ihren Füßen, wenn die für ihre Existenz notwendigen
Bedingungen in Widerspruch zum Wachstum der Produktivkräfte treten, d.h. zur
Weiterentwicklung der Wirtschaft. So ist die Lage, in der sich die Bourgeoisie
derzeit befindet.

Aber dies bedeutet überhaupt
nicht, dass eine Klasse, die ihre lebensspendenden Wurzeln verloren hat und
parasitär geworden ist, exakt dadurch zum sofortigen Tod verurteilt ist.
Während die Ökonomie die Grundlage für die Klassenherrschaft bildet, halten
sich die entsprechenden Klassen durch die Mittel des Staates an der Macht – durch
den Staatsapparat und seine Organe, nämlich Armee, Polizei, Parteien, Gerichte,
Presse, etc. etc. Mit Hilfe dieser Organe, die im Verhältnis zum ökonomischen
Fundament den ‚Überbau‘ darstellen, kann sich die herrschende Klasse noch Jahre
und Jahrzehnte, nachdem sie zu einer direkten Bremse für die gesellschaftliche
Weiterentwicklung geworden ist, an der Macht halten. Wenn solch eine Situation
zu lange anhält, kann eine überlebte Klasse jene Länder und Völker, über die
sie herrscht, mit sich herunterziehen…

Eine rein mechanische Konzeption
der proletarischen Revolution – wonach sich Letztere aus der Tatsache ergibt,
dass der Kapitalismus weiter verfällt – hatte gewissen Gruppen von Genossen
dazu verleitet, Theorien herzuleiten, die ganz und gar falsch sind: die falsche
Theorie einer initiierenden Minderheit, die durch ihren Heroismus ‚die Mauern
der allgegenwärtigen Passivität‘ des Proletariats erschüttert. Die falsche
Theorie der ununterbrochenen Offensiven, angeführt von der proletarischen
Avantgarde, als ‚neue Methode‘ des Kampfes; die falsche Theorie der Teilkämpfe,
die unter der Anwendung von Methoden der bewaffneten Erhebung geführt werden.
Und so weiter und so fort. Der deutlichste Exponent dieser Tendenz ist die
Wiener Zeitung Kommunismus.
Es ist völlig selbstverständlich, dass taktische Theorien dieser Art nichts mit
Marxismus zu tun haben.“

Somit schloss der Beginn des
Niedergangs nicht wirtschaftliche Aufschwünge oder Rückzüge des Proletariats
aus. Natürlich konnte niemand ermessen, wie entscheidend die Niederlagen von
1919-21 bereits gewesen waren, doch gab es ein brennendes Bedürfnis nach
Klärung der Frage, was angesichts einer Epoche, nicht eines unmittelbaren Moments der
Revolution zu tun ist. Ein anderer Text, die „Thesen über die Taktik“, die vom
Kongress verabschiedet wurden, brachte völlig zu Recht die Notwendigkeit für
die kommunistischen Parteien vor, an den Verteidigungskämpfen teilzunehmen, um
das Selbstvertrauen und die Selbstbewusstwerdung der Arbeiterklasse zu stärken.
Und dies war zusammen mit der Erkenntnis, dass Niedergang und Revolution
keinesfalls synonym waren, eine notwendige Widerlegung der „Theorie der
Offensive“, die zu einem erheblichen Teil als Rechtfertigung der
halb-putschistischen Herangehensweise der März-Aktion gedient hatte. Diese
Theorie – dass nämlich angesichts der Reife der objektiven Bedingungen die
kommunistische Partei eine mehr oder weniger permanente, aufständische
Offensive führen müsse, um die Massen zu Aktionen zu treiben – wurde
hauptsächlich von der Linken innerhalb der KPD, von Bela Kun und anderen
geteilt – und nicht, wie oft fälschlicherweise behauptet, von der eigentlichen
Kommunistischen Linken, selbst wenn die KAPD und ihr Umfeld nicht immer klar in
diesem Punkt waren.[11]

In diesem Zusammenhang waren die
Interventionen der KAPD-Delegation auf dem Dritten Kongress äußerst
konstruktiv. Der Etikettierung des „Sektierertums“ in den Thesen über die
Taktik Lügen strafend, war das Verhalten der KAPD auf dem Kongress ein
Musterbeispiel dafür, wie sich eine verantwortungsbewusste Minderheit in einer
proletarischen Organisation verhalten sollte. Trotz der frustrierenden
Redezeitbeschränkungen, trotz der Unterbrechungen und sarkastischen
Zwischenrufe betrachtete sich die KAPD als integralen Bestandteil der Sitzungen,
und ihre Delegierten erkannten bereitwillig Punkte der Übereinstimmung an, wo
es welche gab; sie waren überhaupt nicht daran interessiert, Differenzen um der
eigenen Sache willen hervorzuheben, was das Wesen eines sektiererischen
Verhaltens ausmacht.[12] Beispielsweise stimmte eine
Anzahl von KAPD-Delegierten in der Diskussion über die Weltlage in vielen
Punkten mit Trotzkis Analyse überein, besonders mit der Bemerkung, dass der
Kapitalismus sich mittlerweile ökonomisch wiederhergestellt und die Kontrolle
auf gesellschaftlicher Ebene wiedererlang habe: So betonte Seeman die Fähigkeit
der internationalen Bourgeoisie, ihre interimperialistischen Rivalitäten
zeitweise hintanzustellen, um mit der proletarischen Gefahr besonders in
Deutschland fertig zu werden.

Die Konsequenz daraus – besonders
angesichts dessen, dass Trotzkis Bericht und die Thesen über die Weltlage zu
einem großen Umfang als eine Widerrede gegen die Anhänger der „Theorie der
Offensive“ verstanden wurde – war die, dass die KAPD weder eine Wiederstabilisierung
des Kapitals ausschloss, noch behauptete, dass der Kampf jederzeit offensiv
sein müsse. Und in der Tat fand diese Ansicht explizit ihren Ausdruck in einer
Reihe von Interventionen.

Sachs formulierte es in seiner
Antwort auf Trotzkis Präsentation über die weltwirtschaftliche Lage so: „Nun
haben wir zwar gestern ausführlich gehört, wie Genosse Trotzki – und ich
glaube, wir alle sind da mit ihm einig – sich den Zusammenhang der momentanen
kleinen zyklischen Krisen und Aufschwungperioden mit diesen Problemen des
Aufschwungs und Niedergangs des Kapitalismus, in großen Zeiträumen gerechnet,
vorstellt. Gewiss werden wir wohl alle einverstanden sein, dass die große Kurve
aufwärts gegangen ist und nunmehr unaufhaltsam abwärts geht und dass innerhalb
dieser großen Kurve sowohl beim Aufwärtsgehen, als auch jetzt beim Abwärtsgehen
Schwankungen vorhanden sind.“

Welche Zweideutigkeiten auch
immer in ihrer Auffassung über die „Todeskrise“ geherrscht haben mögen, so hat
die KAPD nicht behauptet, dass der Beginn der Dekadenz einen plötzlichen und
endgültigen Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftslebens bedeute.

Gleichermaßen deutlich wies
Hempel in seiner Intervention zu den Taktiken der Internationale den Vorwurf
zurück, dass die „sektiererische“ KAPD defensive Kämpfe ablehne und die
jederzeitige Offensive fordere: „Sodann wird die Frage der Teilaktionen
behandelt. Wir sagen, wir lehnen keine Teilaktionen ab. Wir sagen, jegliche
Aktion, jeglicher Kampf, denn das ist eine Aktion, muss ausgearbeitet werden,
muss weitergetrieben werden. Man kann nicht sagen, wir lehnen jenen Kampf ab,
und wir lehnen diesen Kampf ab. Der Kampf, der sich aus den wirtschaftlichen
Nöten der Arbeiterschaft entspinnt, dieser Kampf muss mit allen Mitteln
vorangetrieben werden. Und gerade in einem solchen Lande wie in Deutschland,
ja, wie in England und all den Ländern der bürgerlichen Demokratie, die eine
vierzig- bis fünfzigjährige bürgerliche Demokratie und ihre Wirkungen verspürt
haben, muss die Arbeiterschaft erst an die Kämpfe gewöhnt werden. Die Parolen
müssen diesen Teilaktionen entsprechen. Nehmen wir ein Beispiel: in einem
Betriebe, in verschiedenen Betrieben bricht ein sogenannter Generalstreik aus,
umfasst ein kleines Gebiet. Dort kann die Parole nicht lauten: Kampf um die
Diktatur des Proletariats. Das wäre ein Unsinn. Die Parolen passen sich den
Verhältnissen an, sie passen sich dem an, was man dort erreichen kann.“

Doch hinter vielen dieser
Interventionen steckte das Beharren der KAPD, dass die KI nicht tief genug in
ihrem Verständnis ging, dass eine neue Periode im Leben des Kapitalismus und
somit im Klassenkampf eröffnet worden sei. Sachs zum Beispiel, der mit Trotzki
in der Möglichkeit temporärer Aufschwünge übereinstimmte, argumentierte, „was
in diesen Thesen nicht zum Ausdruck gekommen ist, was in ihnen keine plastische
Formulierung gefunden hat, das ist eben der grundverschiedene Charakter dieser
Niedergangsepoche gegenüber jener vergangenen Aufschwungsepoche des
Kapitalismus im ganzen genommen“; und dass dies Konsequenzen für die Art und
Weise haben werde, wie der Kapitalismus fortan überleben werde: „Das Kapital
baut seine Gewalt durch den Abbau der Wirtschaft auf“,[13]
eine kühne Vorwegnahme, wie der Kapitalismus als System im folgenden
Jahrhundert überleben sollte. Hempel umriss in der Diskussion über die Taktiken
die Folgen der neuen Epoche in Hinsicht auf die politischen Positionen, die
Kommunisten vorlegen mussten, besonders in den taktischen gewerkschaftlichen
und parlamentarischen Fragen. Im Gegensatz zu den Anarchisten, mit denen die
KAPD oft in einen Topf geschmissen wurde, bestand Hempel darauf, dass der
Gebrauch des Parlaments und der Gewerkschaften in der vorherigen Epoche richtig
gewesen sei: „Das wird am deutlichsten ans Licht treten, wenn man sich vergegenwärtigt,
welche Aufgaben die alte Arbeiterbewegung hatte, sagen wir besser, die
Arbeiterbewegung vor dem Zeitalter dieses Ausbruches der direkten Revolution.
Sie hatte als Aufgaben: einerseits vermittels der politischen Organisationen
der Arbeiterschaft, der Parteien, Delegierte in die Parlamente und
Institutionen zu entsenden, die vom Bürgertum, von der Bürokratie zur
Vertretung der Arbeiterschaft offen gelassen sind. Das war die eine Aufgabe.
Das wurde ausgenutzt. Und es war zu der Zeit richtig. Die wirtschaftlichen
Organisationen der Arbeiterschaft nun hatten die Aufgabe, für die
Besserstellung der Arbeiterschaft im Kapitalismus zu sorgen, zum Kampf zu
streben, und wenn das Kämpfen nicht mehr ging, zu verhandeln. (…) Das waren die
Aufgaben der Arbeiterorganisationen vor dem Kriege. Als aber nun die Revolution
kam, zeigten sich andere Aufgaben. Die Arbeiterorganisationen konnten sich
nicht mehr darauf einstellen, für Lohnerhöhungen zu kämpfen und sich damit zu
begnügen, sie konnten sich nicht mehr darauf als auf ihr Hauptziel einstellen,
nur in den Parlamenten vertreten zu sein und Besserung für die Arbeiterschaft
herauszuschinden“[14]; und weiter: „Wir erleben
ständig immer wieder, dass alle diese Arbeiterorganisationen, die diesen Weg
gehen, trotz aller revolutionären Reden in den entscheidenden Kämpfen
versagen“.[15] Daher müsse die
Arbeiterklasse neue Organisationen schaffen, die in der Lage seien, die
Notwendigkeit der proletarischen Selbstorganisation und der direkten
Konfrontation mit Staat und Kapital zum Ausdruck zu bringen; dies traf sowohl
auf die Verteidigungskämpfe als auch auf die breiteren Massenkämpfe zu. An
anderer Stelle definierte Bergmann die Gewerkschaften als Bestandteil des
Staates, daher sei es illusorisch zu versuchen, sie zu erobern: „Wir stehen
grundsätzlich auf dem Standpunkt, die alten konterrevolutionären Gewerkschaften
aus dem Weg zu räumen. Nicht darum, weil wir Lust am Zerstören hätten, sondern
weil wir sehen, dass diese Organe wirkliche Organe des kapitalistischen Staates
zur Niederhaltung der Revolution im schlimmsten Sinne geworden sind.“[16] Auf dieselbe Art und Weise
kritisierte Sachs sowohl den Rückschritt, der in der Vorstellung der
Massenpartei bestand, als auch die Taktik des Offenen Briefes an die
sozialdemokratischen Parteien – dies seien Rückentwicklungen entweder in
Richtung überholter sozialdemokratischer Praktiken und Organisationsformen
oder, schlimmer noch, in Richtung der sozialdemokratischen Parteien, die zum
Feind übergelaufen waren.

***

Im Allgemeinen wird die Geschichte
von den Siegern oder zumindest von jenen geschrieben, die als die Sieger
erscheinen. In den Jahren nach dem Dritten Kongress blieben die offiziellen
Kommunistischen Parteien große Organisationen, die sich auf die Loyalität von
Millionen von Arbeitern verlassen konnten; die KAPD zersplitterte schnell in
eine Reihe von Komponenten, von denen einige wenige die Klarheit
aufrechterhielten, die von ihren Repräsentanten in Moskau 1921 zum Ausdruck
gebracht worden war. Nun rückten lupenreine sektiererische Irrtümer in den
Vordergrund, insbesondere die hastige Entscheidung der Essener Tendenz der KAPD
um Gorter, die eine „Vierte Internationale“ (die KAI, Kommunistische
Arbeiterinternationale) in die Welt setzte, als in einer Phase des Rückzugs der
Revolution die Entwicklung einer internationalen Fraktion nötig war, um gegen
die Degeneration der Dritten Internationale anzukämpfen. Dieses übereilte
Abschreiben der Kommunistischen Internationale wurde konsequenterweise von
einer Kehrtwende in der Frage des proletarischen Charakters der
Oktoberrevolution begleitet, die zunehmend als bürgerlich abgelehnt wurde.
Gleichermaßen sektiererisch war die Auffassung der Schröder-Strömung in der
KAI, dass Lohnkämpfe in der Epoche der „Todeskrise“ opportunistisch seien;
andere Strömungen begannen die Möglichkeit einer proletarischen Partei in Frage
zu stellen, was zu dem führte, was später unter dem „Rätekommunismus“ bekannt
wurde. Doch diese Manifestationen einer breiten Schwächung und Fragmentierung
der revolutionären Avantgarde waren das Produkt der aufziehenden Niederlage und
Konterrevolution; gleichzeitig war die Aufrechterhaltung der einflussreichen
Massenorganisationen der KPs in diesem Zeitraum ebenfalls ein Produkt der
bürgerlichen Konterrevolution, jedoch mit der fürchterlichen Eigentümlichkeit,
dass diese Parteien neben den faschistischen und demokratischen Schlächtern die
Vorhut dieser Konterrevolution bildeten. Auf der anderen Seite verschwanden die
klaren Positionen der KAPD und der Italienischen Linken, Produkte der höchsten
Momente der Revolution und fest verankert in der Theorie des kapitalistischen
Niedergangs, nicht von der Bildfläche, größtenteils dank der geduldigen Arbeit
kleiner und oftmals schrecklich isolierter Gruppen von Revolutionären. Als sich
der Nebel der Konterrevolution lichtete und eine neue Generation von
Revolutionären auf den Plan trat, gewannen diese Positionen wieder neues Leben
und blieben so als fundamentale Errungenschaften erhalten, auf deren Grundlagen
die nächste Partei der Revolutionäre gebildet werden muss.

Gerrard


[1] Brief
an Konstantin Zetkin, Ende 1914, zitiert bei Peter Nettle, Rosa
Luxemburg
, OUP, 1969.

[2] Es
wäre von Interesse zu erfahren, ob es möglicherweise zeitgenössische Versuche
innerhalb der anarchistischen Bewegung gab, die historische Bedeutung des Krieges
zu analysieren.

[3]Lenin’s Encounter with Hegel after Eighty Years: A
Critical Assessment
”:
http://thecommune.wordpress.com/ideas-encounter-with
hegel-after-eighty-years-a-critical-assessment/

[4] Lenin,
Sozialismus
und Krieg
, 1915; http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1915/krieg/

[5]Nashe
Slovo
, 4. Februar 1916.

[6] Lenin,
Der
Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus
, VI, „Aufteilung
der Welt unter die Großmächten“, Gesammelte Werke, Band 22.

[7] „Zu
einer Theorie des imperialistischen Staates“, 1915.

[8] Marx
an Engels, 8. Oktober 1858,
MEW Band 29 S. 360

[9] Zitat
aus Trotzkis Geschichte der Russischen Revolution, Band
1, Kap. 15, „Die Bolschewiki und Lenin“.

[10] Weitere
Einzelheiten dieser Diskussionen auf dem Ersten Kongress siehe den Artikel in
der Internationalen Revue Nr. 39, „Die Theorie
der Dekadenz im Zentrum des historischen Materialismus“, Teil 5
(http://de.internationalism.org/deka/39).

[11] Wir
sollten anmerken, dass dieser Text nicht ohne Antworten bzw. Kritiken blieb,
besonders von Gorter in seinem Offenen Brief an den Genossen
Lenin
.

[12] „Die
aus dem Weltkriege geborene Weltwirtschaftskrise mit ihren ungeheuerlichen
ökonomischen und sozialen Auswirkungen, deren Gesamtbild den
niederschmetternden Eindruck eines einzigen Trümmerfeldes von kolossalem Ausmaß
ergibt, besagt nichts anderes, als daß die Götterdämmerung der bürgerlich -
kapitalistischen Weltordnung angebrochen ist. Nicht um eine der in periodischem
Ablauf eintretenden, der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlichen
Wirtschaftskrisen handelt es sich heute, es ist die Krise des Kapitalismus
selbst, was unter krampfhaften Erschütterungen des gesamten sozialen
Organismus, was unter dem furchtbarsten Zusammenprall der Klassengegensätze von
noch nicht dagewesener Schärfe, was als Massenelend innerhalb der breitesten
Volksschichten als das Menetekel der bürgerlichen Gesellschaft sich ankündigt.
Immer deutlicher zeigt sich, daß der sich von Tag zu Tag noch verschärfende
Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, daß der auch den bisher
indifferenten Schichten des Proletariats immer klarer bewußt werdende
Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit innerhalb des kapitalistischen
Wirtschaftssystems nicht gelöst werden kann. Der Kapitalismus hat sein
vollständiges Fiasko erlebt, er hat im imperialistischen Raubkriege sich selbst
historisch widerlegt, er hat ein Chaos geschaffen, dessen unerträgliche
Fortdauer das internationale Proletariat vor die welthistorische Alternative
stellt: Rückfall in die Barbarei oder Aufbau einer sozialistischen Welt.“

[13] Ein
Beispiel: Der einleitende Abschnitt des KAPD-Programms, in der letzten Fußnote
zitiert, könnte leicht als die Schilderung einer finalen und endgültigen Krise
des Kapitalismus interpretiert werden; und hinsichtlich der Gefahr des
Putschismus fallen sicherlich einige KAPD-Aktivitäten während der März-Aktion
in diese Kategorie, wie zum Beispiel ihre unkritische Allianz mit der VKPD, der
Gebrauch ihrer arbeitslosen Mitglieder, um zu versuchen, Arbeiter buchstäblich
zum Generalstreik zu knüppeln und ihr zweideutiges Verhältnis zu den
„unabhängigen“, von Max Hoelz angeführten bewaffneten Kräften und andere. Siehe
auch die Intervention von Hempel auf dem Dritten Kongress (La
Gauche Allemande
, S. 41), der erkannte, dass die März-Aktion den
Kapitalismus nicht stürzen konnte, aber auch darauf bestand, dass es notwendig
gewesen sei, den Schlachtruf, die Regierung zu stürzen, anzustimmen – eine
Position, der es an Konsequenz zu mangeln scheint, da es für die KAPD nicht
darum ging, in Ermangelung einer proletarischen Diktatur eine Art hybride
„Arbeiterregierung“ zu befürworten.

[14] Hempels
Haltung gegenüber den Anarchisten und Syndikalisten war ebenfalls frei von
sektiererischem Geist; er unterstrich das Erfordernis, mit den wahrhaft
revolutionären Ausdrücken dieser Strömung zusammenzuarbeiten (s. La
Gauche Allemande
, S. 44 f.).

[15]Protokoll des III. Kongresses der
Kommunistischen Internationale, Verlag der Kommunistischen Internationale,
1921, S. 97 f.

[16] Ebenda,
S. 493

Erbe der kommunistischen Linke: