Späte Antwort an eine revolutionäre Anarchistin: Emma Goldman und die Russische Revolution

Wir veröffentlichen hier eine Antwort auf die Analyse welche Emma Goldman (1869-1940) in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution 1917 erarbeitete. Nach ihrer Deportation aus den USA im Januar 1920, verbrachte sie zwei Jahre in Russland und veröffentlichte danach drei Bücher[1].

Ich war der Meinung und bin es heute noch, dass das russische Problem viel zu kompliziert ist, als dass man darüber mit einigen leichtfertigen Worten hinweggehen könnte“, schrieb sie in der Einleitung zu ihrem ersten Buch.

Wir antworten auf Emma Goldman weil sie eine zentrale Figur der revolutionären Arbeiterbewegung in den  USA zur Zeit des Ersten Weltkrieges war. Wegen ihrer Entschlossenheit eine klare internationalistische Position gegen den Krieg zu erheben, wurde sie von der amerikanischen herrschenden Klasse als „Rote Emma - die gefährlichste Frau Amerikas“ bezeichnet. Es gibt aber noch zwei andere Gründe Goldmans Positionen näher zu betrachten. Einerseits wegen ihres großen Einflusses im anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Milieu bis heute – die „Rosa Luxemburg der Anarchisten“, und andererseits weil ihre früh formulierte Analyse zur Entwicklung und den aufgetauchten Problemen in der Russischen Revolution von großer Ehrlichkeit und Verantwortung zeugen. Goldmans Anstrengungen sind noch heute ein wertvoller Beitrag die Degeneration der Russischen Revolution zu verstehen, auch wenn man einige ihrer Positionen nicht teilen kann.

Goldman, Anarchistin mit familiären Wurzeln in Russland, lehnte sich an die Theorien der einflussreichen anarchistischen Autorität Peter Kropotkin an, repräsentierte jedoch in ihren Aktivitäten eine anarcho-syndikalistsiche Haltung. Den Marxismus als politische und theoretische Orientierung verwarf sie klar. Was Goldman von Kropotkin unterschied, war ihre Entschlossenheit mit anderen wie Malatesta und Berkman im Februar 1915 eine entschiedene Stellung gegen das sogenannte Manifest der 16 zu beziehen, mit dem sich Kropotkin und andere Anarchisten zur beschämenden Zustimmung für den Ersten Weltkrieg heruntergelassen hatten. Goldman vertrat eine klar internationalistische Position die jegliche Beteiligung, Unterstützung oder auch nur Duldung des Krieges verurteilte, und sie wurde damit zu einem internationalistischen Orientierungspunkt in den USA.

Es ist unser Anliegen, in diesem Artikel den politischen Ausgangspunkt Goldmans gegenüber der Russischen Revolution, ihre Erfahrungen, sowie ihre Schlussfolgerungen zu betrachten. Um es vorwegzunehmen: Ihre Beobachtungen, getragen von einem tiefen proletarischen Instinkt, eine ausgeprägte Errungenschaft Goldmans, müssen von einigen ihrer zentralen politischen Schlussfolgerungen getrennt werden. Um einen ausreichenden Einblick in die Position Goldmans zu erlauben, kommt man nicht umhin auch längere Zitate einzufügen. Da es nicht möglich ist auf alle Aspekte ihrer Analyse einzugehen, sind wir gezwungen eine Auswahl zu treffen und zu einer direkten Lektüre ihrer Schriften zur Russischen Revolution sowie ihrer Autobiografie aufzurufen.

Zwei Fragen beschäftigten Goldman stetig: Die Verschmelzung der Bolschewiki mit dem Staatsapparat und deren Konsequenzen, und ihre eigene schmerzhafte Zerrissenheit über den Zeitpunkt der es erlaubt oder gar erfordert, ihre Kritik gegenüber den Bolschewiki offen darzulegen - etwas das sie nach monatelangem schmerzhaften Zögern auch tat. Andere politische Sorgen Goldmans können wir hier nicht aufgreifen, wie den „Roten Terror“, die Tscheka, Brest-Litowsk, die Machno-Bewegung in der Ukraine, die Raswjorstka (die unnachgiebige Eintreibung von Lebensmitteln bei der Bauernschaft, was somit auch das Verhältnis zwischen der Arbeiterklasse und den Bauern beinhaltet), die katastrophale Situation des Kindes[2] oder ihre Position zu den Arbeiterräten. Ihre Erfahrungen und Analysen zum Aufstand vom März 1921 in Kronstadt sind jedoch wichtig, da dies Goldmans Bruch mit den Bolschewiki bedeutete.

„Die Wahrheit über die Bolschewiki“

Der Ausbruch der Oktoberrevolution erfüllte sie mit großem Enthusiasmus: „Zwischen November 1917 und Februar 1918, auf Kaution aus der Haft wegen meiner Haltung gegen den Krieg freigelassen, reiste ich durch Amerika um die Bolschewiki zu verteidigen. Ich veröffentlichte eine Broschüre zur Aufklärung über die Russische Revolution und zur Rechtfertigung der Bolschewiki. Ich verteidigte sie trotz ihrer marxistischen Theorie als praktische Verkörperung des Geistes der Revolution.“ [3]

In der anarchistischen Zeitschrift MOTHER EARTH veröffentlichte sie 1918 einen Artikel mit dem Titel Die Wahrheit über die Bolschewiki: „Die Russische Revolution bedeutet nichts, außer sie vernichtet die Landgebühr und setzt dem entthronten Zaren seinen kapitalistischen Partner, den entthronten Großgrundbesitzer, zur Seite. Dies erklärt den historischen Hintergrund der Bolschewiki und ihre soziale und ökonomische Rechtfertigung. Sie sind mächtig weil sie das Volk verkörpern. Im Moment wo sie aufhören dies zu tun müssen sie gehen, so wie die Provisorische Regierung Kerenskis. Denn niemals wird das russische Volk zufrieden sein, oder der Bolschewismus hört auf, bis das Land und die Lebensmittel zum Erbe der Kinder Russlands werden. Sie haben zum ersten Mal seit Jahrhunderten bestimmt dass sie gehört werden sollen, und dass ihre Stimmen das Herz nicht der herrschenden Klassen erreichen werden – denn sie wissen, dass diese kein Herz haben - aber die Herzen der Völker der Welt, einschließlich der Leute der Vereinigten Staaten. Darin liegt die tiefe Bedeutung der Russischen Revolution, wie sie von den Bolschewiki symbolisiert wird. (...) Die Bolschewiki sind gekommen, um die Welt herauszufordern. Sie kann nie mehr ruhen in ihrer alten schmutzigen Bequemlichkeit. sie muss die Herausforderung annehmen. Sie hat es bereits in Deutschland, in Österreich und Rumänien, in Frankreich und Italien, ja sogar in Amerika akzeptiert. Wie plötzliches Sonnenlicht breitet sich der Bolschewismus über die ganze Welt aus, erleuchtet die große Vision und erwärmt sie ins Sein - das neue Leben der menschlichen Brüderlichkeit und des sozialen Wohlergehens.“ [4]

Goldmans Standpunkt gegenüber den Bolschewiki war 1918 alles andere als ablehnend. Ganz im Gegenteil, ihre Verteidigung der Russischen Revolution und der Bolschewiki war eine höchst verantwortungsvolle Reaktion gegenüber der Lügenkampagne der Amerikanischen Bourgeoisie und deren Rolle innerhalb des international koordinierten, brutalen Feldzugs gegen das revolutionäre Russland. Ihre radikale Kritik nach zwei Jahren in Russland war immer von der Absicht getragen, die Oktoberrevolution gegen die äußeren Feinde, als auch gegen die innere Degeneration zu verteidigen. Das war die Hauptsorge ihrer Aktivitäten und Schriften.

Enthusiasmus und Enttäuschung

Der Wechsel in Goldmans Einschätzung  über die Entwicklungen in Russland kann in eindrücklicher Weise durch zwei kurze Zitate aufgezeigt werden. Ihre Ankunft im Januar 1920 in Petrograd beschreibt sie mit überschwänglichsten Worten: „Sowjetrussland! Geheiligter Boden, magisches Volk! Nun bist  du zum Symbol der Hoffnungen der Menschheit geworden, du allein bist dazu bestimmt die Welt zu erlösen. Ich bin hier um dir zu dienen, geliebte Matuschka. Nimm mich an deine Brust, lass mich in dir aufgehen, mein Blut mit deinem mischen, meinen Platz in deinem heroischen Kampf finden und mich das Äußerste für dich geben!“ [5]

Doch dann, zwei Jahre später, als letzte Beschreibung ihres Aufenthalts in Russland  finden wir folgendes: „Im Zug, 1. Dezember 1921! Meine Träume zerstört, mein Glaube gebrochen, mein Herz ein Stein. „Matuschka Rossija“ blutend aus tausend Wunden. Ihre Erde bedeckt mit Toten. Ich klammerte mich an den Griff der vereisten Fensterscheibe, biss die Zähne zusammen und unterdrückte mein Schluchzen.“ [6] “Es waren nun beinahe ein Jahr und elf Monate vergangen seit ich meinen Fuß auf das gesetzt hatte, das mir das gelobte Land zu sein schien. Die russische Tragödie lastete schwer auf meinem Herzen. Nur noch ein Gedanke beschäftigte mich: Ich muss meine Stimme gegen die Verbrechen im Namen der Revolution erheben. Ich muss gehört werden, unabhängig ob von Freund oder Feind.“ [7] Was war also zwischen ihrer Ankunft 1920 und der Abreise zwei Jahre später geschehen? War ihre Enttäuschung  lediglich Ergebnis einer naiven Erwartung die nun von der Realität eingeholt worden war? Wir werden am Ende des Artikels nochmal auf die zweite Frage  eingehen.

Die Isolation der Russischen Revolution

Goldman maß der internationalen Isolierung der Russischen Revolution eine große Bedeutung zu, welche ihrer Meinung nach in den ersten Jahren der Sowjetmacht eine entscheidende Rolle spielte. Wie wir aber später sehen werden, findet man in ihren Schriften kaum eine Beschreibung der politischen Isolierung und weshalb die Arbeiterklasse in den anderen Ländern die Macht nicht ergreifen konnten. Nur eine Ausdehnung der Revolution hätte die Fehler der Bolschewiki korrigieren können.

In Ihrem Buch Der Niedergang der Russischen Revolution von 1922, unterstreicht Goldman zu Beginn, wie die Isolation Russlands der Revolution allen Atem nahm und dass die Situation eines Weltkrieges die schlechtesten Bedingungen für eine Revolution schuf: „Der Kreuzzug gegen Russland begann. Die Eindringlinge mordeten Millionen von Russen, durch die Blockade verhungerten Hunderttausende von Frauen und Kindern, und Russland verwandelte sich in eine ungeheure Einöde, wo die Agonie und die Verzweiflung ihre Heimstätte aufgeschlagen hatte. Die Russische Revolution wurde zu Boden geschlagen, und das Regime der Bolschewiki verstärkte sich ins Unermessliche. Dies ist das Endergebnis der vierjährigen Verschwörung der Imperialisten gegen Russland.“ [8]

Der international koordinierte Krieg gegen Russland bedeutete eine brutale  Strangulation. Diese tragische Situation außer Acht zu lassen wäre für jede Analyse über die Degeneration und das Scheitern der Russischen Revolution  eine komplett falsche Grundlage, und Goldman erwähnt dies auch immer wieder in ihren persönlichen Erfahrungen. So beschreibt sie zum Beispiel die schreckliche Situation die 1920/21 für Millionen von Kindern durch die erbarmungslose Aushungerung Russlands entstand, welche durch die selbstbereichernden Machenschaften vieler Staatsbürokraten aufs Schlimmste verschärft wurde. In dieser Frage verteidigt Goldman trotz all ihrer harschen Kritik an den Bolschewiki deren Anstrengungen zur Verbesserung der Situation der Kinder: „Es ist wahr, dass die Bolschewiki in Bezug auf das Kind und die Erziehung ihr Möglichstes getan haben. Es ist auch wahr, dass, wenn es ihnen nicht gelungen ist, den Nöten der Kinder in Russland Einhalt zu gebieten, dieses mehr die Schuld der Feinde der Russischen Revolution als ihre eigene Schuld gewesen ist. Die furchtbaren Folgen der Intervention und Blockade fielen am schwersten auf die schwachen Schultern der Kinder und Kranken. Aber sogar unter günstigeren Bedingungen würde das bürokratische Monstrum des bolschewistischen Staates die besten Absichten und die gewaltigsten Anstrengungen, welche die Kommunisten zugunsten des Kindes und der Erziehung bekundeten, gelähmt und vereitelt haben. (…) Mehr und mehr musste ich erkennen, dass die Bolschewiki tatsächlich versuchten, alles was in ihrer Kraft stand für das Kind zu tun, dass aber all ihre Bemühungen von der schmarotzenden Bürokratie zunichte gemacht wurden, die ihr Staat selbst ins Leben gerufen hatte.“ [9]

Konkret beschreibt sie die so genannten „Toten Seelen“ [10] : fiktive Kinder, selbst-kreierte oder schon verstorbene, die in den Lebensmittel-Bezugslisten der unteren Bürokratie geführt wurden. Die Bürokraten verbrauchten diese erschwindelten Lebensmittel selbst oder verkauften sie. All dies auf Kosten von hunderttausenden hungernder Kinder, den hilflosesten Opfer der Ausblutung durch die internationale Blockade!

Goldman kann nicht vorgeworfen werden ihre Analyse über den Niedergang der Russischen Revolution außerhalb der alles bestimmenden und tödlichen Situation der Isolation Russland gestellt zu haben. Sie versuchte darüber hinaus, wie in den Zitaten ersichtlich, eine Unterscheidung zu machen zwischen den Bolschewiki und der Staatsbürokratie, worauf wir später eingehen.

Ihre Schwäche liegt vielmehr im Fehlen einer klaren Analyse darüber, dass der Krieg und die Blockade gegen Russland nur möglich waren, weil die Arbeiterklasse gerade in Westeuropa Schritt für Schritt geschlagen wurde, allem voran in Deutschland. Die Arbeiterklasse in Westeuropa und auch in den USA war mit einer viel erfahreneren Bourgeoisie und ausgefeilteren Staatsapparaten konfrontiert als in Russland. Es war aber nicht nur die Niederlage der internationalen revolutionären Welle welche die ausweglose Situation Russlands produzierte, sondern auch die Verspätung der internationalen Arbeiterklasse im Vergleich zu Russland.

In Deutschland begann der Revolutionsversuch erst mehr als ein Jahr nach dem Oktober 1917, was der Strategie der Isolation Russlands lange Zeit freie Hand gab, wie dies die Monate nach den Verhandlungen von Brest-Litowsk zeigten. Eine Machtübernahme des Proletariats in den zentralen Staaten Westeuropas wäre der einzige Weg gewesen, die Ausblutung der Russischen Revolution zu durchbrechen und die Interventionsarmeen zu stoppen. Die Wurzeln der Niederlage der Russischen Revolution zu verstehen, ist nur bei einem genauen Betrachten des internationalen Kräfteverhältnisses zwischen dem Proletariat und der Bourgeoise möglich. Ein Aspekt der in Goldmans Schriften zwar punktuell auftaucht, jedoch kaum entwickelt ist und den Eindruck hinterlässt als hätte sich das Schicksal der Revolution vor allem auf russischem Boden entschieden.

Die Isolierung und Ausblutung Russlands nach dem Oktober 1917 erklärt niemals alle Aspekte der inneren Degeneration, welche schlussendlich die erschütterndste Erfahrung für die Arbeiterklasse war, noch weniger soll sie als Rechtfertigung der Degeneration von innen dienen. Es ist entscheidend zu verstehen, dass der katastrophale Fehler der Bolschewiki sich mit dem Staatsapparat zu identifizieren  nur durch den Einfluss einer erfolgreichen revolutionären Arbeiterklasse in anderen Ländern hätte korrigiert werden können, was tragischerweise nicht der Fall war.[11]

Bei genauer Betrachtung springt ein Widerspruch in den zentralen Thesen Goldmans über das Verhältnis zwischen der internationalen Situation und den Ursachen der Degeneration der Russischen Revolution ins Auge. Einerseits schreibt sie: „Meine Beobachtungen und Studien von zwei Jahren haben mir bis zur Gewissheit klar gemacht, dass das russische Volk, wäre es nicht die ganze Zeit von außen bedroht gewesen, die große Gefahr, die ihm von innen drohte, sehr bald wahrgenommen und abgewendet haben würde, (…).“ Andererseits jedoch: “Wenn jemals ein Zweifel darüber bestand, ob die größte Gefahr  für die Revolution in den Angriffen von außen her oder an der Ausschaltung des Volkes an den Ereignissen und der Lähmung seiner Interessen für die Revolution von innen her zu suchen sei, so hat die Russische Revolution jeden Zweifel darüber in dieser Frage ein für allemal behoben. Die Gegenrevolution, unterstützt von den Alliierten durch Geld versagte vollständig.“ [12]

Wie schon erwähnt, die Isolierung Russlands darf in keiner Weise Ausrede für Fehler sein. Doch Goldman macht eine kuriose Schlussfolgerung in der sie ihren „Beobachtungen und Studien“, wie zuerst zitiert, widerspricht: Die Rettung der Revolution sei im Wesentlichen von den Kräften der Arbeiterklasse im Innern Russlands abhängig gewesen, wobei die internationale Situation viel mehr ein zweitrangiger Faktor gewesen sei. Goldman entwickelt hier eine Logik welche an diejenige Volins[13] erinnert, auch wenn sie nicht soweit geht wie dieser. Sie   behauptet, dass aufgrund der eintretenden Niederlage der Alliierten, die Intervention der überwindbare Teil der Konterrevolution gewesen sei, da die  Alliierten schlussendlich ja zurückgeschlagen werden konnten

Was in dieser simplen Logik untergeht, ist die Auswirkung der komplett demoralisierenden und das Leben zehntausender von entschlossensten Revolutionären fordernden Schlächterei[14], welche Goldman ja selbst treffend beschrieben hat. Diese gefallenen, bewussten Revolutionäre welche sich zu tausenden freiwillig an die Front stellten, hätten der inneren Konterrevolution wohl am ehesten etwas entgegensetzen können.

Die beiden Faktoren, die Strangulation und die Fehler der Bolschewiki, verstärkten sich gegenseitig. Der wesentliche Unterschied bestand darin, dass der Krieg gegen Russland für alle ersichtlich war, während die Degeneration im Inneren viel verdeckter begann und schlussendlich für die internationale Arbeiterklasse zum Trauma des Jahrhunderts wurde. Goldmans Schlussfolgerungen sind im wesentlichen Ausdruck des großen Problems die Konterrevolution von außen und deren Auswirkungen auf die konterrevolutionäre Degeneration von innen zu verstehen, eine Schwierigkeit mit der alle Revolutionäre in den 1920er Jahren konfrontiert waren.

Der Krieg schafft schlechte Bedingungen für die Revolution

Ein zu anerkennender Beitrag Goldmans die Niederlage der Russischen Revolution zu verstehen ist ihr Standpunkt über die Bedingungen für die Revolution während und nach einem Krieg, auch wenn wir ihre Schlussfolgerung nicht teilen: „Vielleicht war das Schicksal der russischen Revolution bereits bei ihrer Geburt entschieden. Die Revolution folgte einem vierjährigen Kriege direkt auf den Fersen, einem Kriege, der Russland seiner besten Manneskraft beraubt, sein Blut in Strömen vergossen und das ganze Land verwüstet hatte. Unter solchen Umständen wäre es begreiflich gewesen, wenn die Revolution nicht die nötige Kraft hätte aufbringen können, um dem wütenden Anprall der ganzen übrigen Welt zu widerstehen.“ [15]

Hier unterstreicht sie richtigerweise das direkte Ergebnis des Krieges und gibt eine Antwort auf falsche, schematische Auffassungen nach denen die Krise automatisch den Krieg, der Krieg automatisch das Klassenbewusstsein vertieft und dann die Revolution ermöglicht. Goldman streicht hier die Erschöpfung in Russland selbst durch den Krieg hervor, die unbestreitbar nur zu Ungunsten der Arbeiterklasse war. Aber der Gedanke, das Schicksal der Revolution sei womöglich „bereits bei ihrer Geburt entschieden„ ist eine eigenartig fatalistische Herangehensweise.

Es gab einen gewichtigen Faktor der sich nicht in Russland selbst ausdrückte. Der Erste Weltkrieg endete im November 1918, also ein Jahr nach dem Oktober 1917. Wie schon unterstrichen, war die alleinige Hoffnung des Oktobers das schnellstmögliche Übergreifen der Revolution auf andere Länder, und vor allem eine schnell folgende revolutionäre Welle in Westeuropa. Dies war eine Perspektive welche historische möglich gewesen ist und die Arbeiterklasse hatte keine andere Wahl als ihren Kampf in diese Richtung voranzutreiben.

Der Krieg endete mit Gewinner- und Verliererländern. Wenn die Niederlage der Verliererstaaten deren Regierungen schockte, sie schwächte und eine revolutionäre Dynamik stärkten, so war dies in den gestärkten Siegerstaaten nicht der Fall. In den Siegerstaaten, in denen die Arbeiterklasse vier Jahre lang von der herrschenden Klasse schmerzhaft durch die Kriegsschlächterei getrieben worden war, untergrub der Wunsch nach Friede und Stabilität die revolutionären Anstrengungen des Proletariats enorm, so in Ländern wie Frankreich, England, Belgien, Holland und Italien. Es war nicht nur das Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen Staaten welches nach dem Krieg anders aussah, sondern auch der unterschiedliche Geist in den Massen der auf den Schultern der Arbeiterklasse lastete und sie in Sieger und Verlierer spaltet. Goldman wirft das Problem der schlechten Bedingungen eines Krieges für die Revolution auf, sie reduziert es aber  alleine auf die Auswirkungen dieser Situation Russland selbst.

Welche Möglichkeiten nach einer Revolution?

Was war in Russland an Veränderungen überhaupt möglich, in einer Zeit der kompletten Einkreisung und Aushungerung? Im Lager der Anarchisten gab es darüber sehr unterschiedliche Auffassungen. Bezeichnend aber war die große Erwartung an sofortige Verbesserungen, gerade auf der Ebene von wirtschaftlichen Maßnahmen und dem Umkrempeln der Produktion, und damit Verbesserungen im täglichen Leben das verzweifelt nach einer Veränderung schrie. Was waren die Erwartungen Goldmans in einer Zeit, kaum zwei Jahre nach dem Oktober 1917? Erwartete sie bei ihrer Ankunft im Januar 1920 mit Ungeduld eine in Russland schon existierende Gesellschaft anzutreffen welche den Bedürfnissen der Menschen gerecht wird? In ihrer ersten Begegnung mit Maxim Gorki, in einem Zug nach Moskau, erklärte sie ihm: „Du glaubst mir hoffentlich auch, wenn ich sage, dass obwohl ich Anarchistin bin, nicht so naiv bin zu meinen, dass sich der Anarchismus über Nacht aus den Trümmern der alten Russland erhebt.“ [16]

Aus Gesprächen mit Alexander Berkman, ihrem über Jahrzehnte hinweg engsten politischen und persönlichem Gefährten, berichtet sie folgendermaßen: “Er wies die Anschuldigungen (gegen die Bolschewiki) als unverantwortliches Geschwätz unfähiger ewig nörgelnder Leute zurück. Die Anarchisten in Petrograd wären wie so viele in unseren Reihen in Amerika, die nichts täten und nur kritisieren, sagte er. Vielleicht wären sie so naiv gewesen und hätten erwartet, dass der Anarchismus über Nacht aus den Ruinen der Autokratie, aus dem Krieg und den Fehlern der provisorischen Regierung hervorgehen würde.“ [17] Goldman maß die Russische Revolution nicht mit einer blauäugigen, lediglich auf sofortige Verbesserungen der Lebensbedingungen und der Wirtschaft ausgerichteten Elle.[18]

Bei der Frage der sofortigen Möglichkeiten zur Umwälzung der Gesellschaft im Interesse der Arbeiterklasse und anderen unterdrückten Schichten, wie in Russland das Millionen zählende  Bauerntum, stellt Goldman ihre Ansichten wieder in einen Rahmen der die internationale Situation nicht außer Acht lässt. Sie war auch nicht zu scheu, Anstrengungen der Bolschewiki (wie wir es bei der Frage der Situation der Kinder gesehen haben, welche sofortige und drastische Maßnahmen forderten) zu verteidigen und Positionen anderer Anarchisten scharf zu kritisieren. Goldman verfiel nicht in Allianzen des gegenseitigen unkritischen Schweigens mit anderen Anarchisten. Wir wissen nicht wie sie gegenüber ungeduldigen Anarchisten welche nur das sofortige Umwälzen der Gesellschaft erwarteten argumentierte. Doch diese Auseinandersetzungen in den Reihen der Anarchisten zeigen auf, dass es im Russland der Revolution keineswegs einen homogenen Anarchismus gab.

Die Frage von möglichen Sofortmaßnahmen zur schnellen Linderung des Leidens stellte sich für die Arbeiterklasse und das Bauerntum in ihrer Gesamtheit in höchstem Maße und war nicht lediglich Thema ungeduldigster Teile des Anarchismus, bei denen diese Frage  oft einzig und allein über ihr Verhältnis gegenüber den Bolschewiki entschied. Für die Arbeiterklasse ist die Revolution keine abstrakte historische Folgerichtigkeit. Geknüppelt durch jahrzehntelange brutale Ausbeutung und leidend unter der Schlächterei des Weltkrieges von 1914-1918 waren größte Hoffnungen auf eine Sonne am Horizont des Lebens mehr als angebracht und verständlich. Sie stellten eine bedeutende Triebkraft zur revolutionären Überzeugung und zur Kampfbereitschaft dar die den Oktober ermöglichte. Angesichts der unmittelbaren Realität einer Strangulation des revolutionären Russlands, des Hungers und des Krieges gegen die Weißen Armeen, erhob sich die erwartete Sonne am Horizont nicht. Ausblutung und Demoralisierung lasteten schwer auf der Arbeiterklasse. In dieser fast ausweglosen Situation nahm Goldman eine verantwortungsvolle Haltung der Geduld und des Durchhaltens ein, welche aber in der schrittweisen Niederschlagung der weltrevolutionären Welle nach dem Krieg für alle Revolutionäre nur mit enormem Willen und politischer Klarheit aufrecht erhalten werden konnte. 

Die Bolschewiki und der Staatsapparat: Schiffbruch des Marxismus?

In ihrer Analyse zur Frage der Dynamik des anwachsenden Staatsapparates nach dem Oktober wurde Goldman ihrem Anspruch gerecht, dass das russische Problem viel zu kompliziert sei, als dass man darüber mit einigen leichtfertigen Worten hinweggehen könnte. Sie widmet dieser Frage große Aufmerksamkeit und zeichnet sich durch präzise Beobachtungen und Reflexionen aus. Dennoch sind viele ihrer Schlussfolgerungen nicht zu teilen! Ihre Schriften beinhalten Widersprüche zur Frage des Verhältnisses zwischen den Bolschewiki und dem aufkommenden Staatsapparat.

1922 war sie noch nicht fähig eine tiefe Analyse mit Distanz zu machen, so wie es Ende der 20er und anfangs der 30er Jahre möglich war, als sich die Italienische Kommunistische Linke dieser Aufgabe stellte. Sehr dominierend bei ihrer Analyse und ihren Schlussfolgerungen sind zweifellos einige anarchistische Prinzipien zur Frage des Staates.

Es ist notwendig, zuerst Goldmans Gedanken dazu in ausgedehnter Form zu betrachten: „Die ersten sieben Monate meines Aufenthalts in Russland hatten mich nahezu vernichtet. Ich war angekommen mit so viel Begeisterung im Herzen, ganz und gar beseelt von dem leidenschaftlichen Verlangen, mich in die Arbeit stürzen zu können und mitzuhelfen, die heilige Sache der Revolution zu verteidigen. Aber was ich in Russland fand, überwältigte mich geradezu. Ich war nicht fähig, irgend etwas zu tun. Das Rad der sozialistischen Staatsmaschine ging über mich hinweg und lähmte meine Energie. Das furchtbare Elend und die Bedrängnis des Volkes, die kaltherzige Ignorierung seiner Wünsche und Bedürfnisse, die Verfolgungen und Unterdrückungen lagen mir wie ein Berg auf der Seele und machten mir das Leben unerträglich. War es die Revolution, die Idealisten in wilde Bestien verwandelt hatte? Wenn dies der Fall war, so waren die Bolschewiki bloß Schachfiguren in der Hand eines unvermeidlichen Schicksals. Oder war es der kalte, unpersönliche Charakter des Staates, dem es gelungen war, durch verwerfliche und unehrliche Mittel die Revolution in sein Joch zu spannen, um sie nun auf Wege zu peitschen, die ihm unentbehrlich waren? Ich fand keine Antwort auf diese Fragen - wenigstens nicht im Juli 1920.“ [19]

„In Russland jedoch vertreten die Gewerkschaften weder im konservativen und noch weniger im revolutionären Sinne die Bedürfnisse der Arbeiter. Sie sind dort nicht mehr wie das untergeordnete und militaristisch ausgebildete Werkzeug des bolschewistischen Staates. Die "Schule des Kommunismus", wie Lenins These über die Aufgabe der Gewerkschaften lautet. Aber sie sind sogar das nicht. Eine Schule setzt den freien Meinungsausdruck und die Initiative des Schülers voraus, während die Gewerkschaften in Russland bloß militärische Kasernen für mobilisierte Arbeiterarmeen sind, denen jeder auf Kommando des Staates beizutreten gezwungen ist.“ [20]

„Ich bin überzeugt, dass weder Lunatscharski noch Gorki davon (die Inhaftierung von Kindern durch die Tscheka) eine Ahnung hatten. Aber darin liegt ja gerade der Fluch des ganzen verhängnisvollen Systems. Es nimmt denen, die an der Spitze stehen, die Möglichkeit, zu wissen, was der Schwarm ihrer Untergebenen tut. (…) Sind Lunatscharski solche Fälle bekannt? Wissen andere führende Kommunisten davon? Manche zweifellos. Aber sie sind so sehr mit "wichtigen Staatsangelegenheiten" beschäftigt. Außerdem sind sie gegen solche "Kleinigkeiten" unempfindlich geworden. Und dazu sind sie selbst in denselben verhängnisvollen Kreis hinein gebannt, ist doch jeder von ihnen nur ein Teil des großen bolschewistischen Beamtenapparates. Sie wissen, daß die Zugehörigkeit zur Partei eine Menge Sünden zudeckt.“ [21]

Und bezüglich des Verhältnisses  zwischen dem Staatsapparat und seinen Bürokraten: „In der Kleinstadt in dem er (Kropotkin) lebte, im kleinen Dimitrov, gab es mehr bolschewistische Beamte als es je unter dem Regime der Romanovs gegeben hatte. Sie lebten alle abseits der Massen. Sie waren Parasiten am Körper der Gesellschaft, und Dimitrov war nur ein kleines Beispiel von dem was sich überall in Russland abspielte. Es war nicht der Fehler irgendwelcher bestimmter Individuen: es war vielmehr der Staat der sie kreiert hatte, es diskreditierte jegliches revolutionäres Ideal, erstickte jegliche Initiative und setzte auf Inkompetenz und Verschwendung.“ [22]

Goldmans Beobachtungen zur konkreten Wirklichkeit des Staates beschreiben sehr genau wie der Staat sich mehr und mehr ausbreitet und unaufhaltsam alles einzuverleiben beginnt. Es ist ihre Stärke, detaillierte Eindrücke über das „tägliche Leben“ des bürokratischen Apparates und seine tiefen Konflikte mit den Interessen der Arbeiterklasse und den anderen ausgebeuteten Schichten zu schildern. Ihre Schilderungen waren 1922 nur berechtigt, gegen all die Glorifizierungen die in der internationalen Arbeiterbewegung über die Situation in Russland die Runde machten und der Blindheit gegenüber den großen Problemen die sich in Russland stellten. Zweifellos war Goldmans Stoßrichtung, vor der Gefahr des Staates wie er sich in Russland entwickelte zu warnen in dieser Zeit kostbar, auch wenn ihre Analyse noch vielmehr Bestandsaufnahme und ein erster Anlauf war.

Welche Schlussfolgerungen zieht sie jedoch daraus?  „Es wäre ein Fehler zu  glauben, dass das Scheitern der Revolution ausschließlich dem Charakter der Bolschewiki zuzuschreiben ist. Grundsätzlich ist es Resultat der Prinzipien und Methoden des Bolschewismus. Es sind der autoritäre Geist und die Prinzipien des Staates welche die libertären und befreienden  Aspirationen ersticken. Auch wenn irgendeine andere politische Partei die Kontrolle über die Regierung in Russland hätte, das Resultat wäre grundsätzlich dasselbe. Es sind nicht so sehr die Bolschewiki welche die Russische Revolution erwürgten, sondern vielmehr die bolschewistischen Ideen. Es war der Marxismus, jedoch ein modifizierter, kurzum fanatische Staatsmentalität. (…) Ich habe weiter aufgezeigt, dass nicht nur der Bolschewismus versagte, sondern der Marxismus selbst. Es ist die STAATSIDEE, das autoritäre Prinzip welche durch die russische Erfahrung den Bankrott erlitt. Wenn ich meine ganze Argumentation in einem Satz zusammenfassen will: Die inhärente Tendenz des Staates ist es zu konzentrieren, zu verengen, und alle sozialen Aktivitäten zu monopolisieren; die Natur der Revolution ist, im Gegenteil, zu wachsen, zu erweitern, und sich weiter auszubreiten. Mit anderen Worten, der Staat ist institutionell und statisch, die Revolution fließend und dynamisch. Diese zwei Tendenzen sind unvereinbar und zerstören sich gegenseitig. Die Staatsidee ermordete die Russische Revolution, und sie wird in allen anderen Revolutionen denselben Ausgang nehmen, es sei denn die libertäre Idee überwiegt. (…) Der Hauptgrund der Niederlage der Russischen Revolution liegt tiefer. Er befindet sich im ganzen sozialistischen Revolutionskonzept selbst.“ [23]                 

„Und während die Arbeiter und Bauern Russlands so heroisch ihr Leben einsetzten, wuchs der innere Feind immer mächtiger heran. Langsam aber sicher errichteten die Bolschewiki einen zentralistischen Staat, der die Sowjets zerstörte und die Revolution niederschlug, einen Staat, der sich, was Bürokratie und Despotismus anbelangt, heute mit jedem Großstaat der Welt vergleichen kann.“ [24]

„Es war die marxistische Staatskunst der Bolschewiki, die Taktik, die man zuerst als für den Erfolg der Revolution unumgänglich notwendig gepriesen hatte, um sie später, nachdem sie überall Elend, Misstrauen und Antagonismus verbreitet hatte, als schädlich beiseite zu werfen, welche langsam den Glauben des Volkes an die Revolution untergrub.“ [25]

Goldmans These ist demnach folgende: Der Marxismus an sich erweist sich aufgrund der Politik der Bolschewiki gegenüber dem Staat nach der Revolution als unbrauchbar. Im Gegensatz zu eingefleischt organisationsfeindlichen Teilen des Anarchismus stand Goldman nie auf der Position, dass die Probleme der Bolschewiki lediglich daher rühren dass sie als organisatorischer Körper, eine feste Partei seien. Vielmehr wies sie deren   konkrete Politik zurück. In zwei Punkten liegt sie absolut richtig, wenn sie sagt, dass der Staat in seinem Charakter „institutionell und statisch“ ist. Sie bezieht sich offenbar auf die Erfahrung mit dem bürgerlichen Staat und dessen Charakter vor der Revolution. Goldmans Position ist nicht lediglich emotional, so wie es ihre gewisse Anarchisten damals immer vorgeworfen hatten, sondern sie stützt sich auf der geschichtlichen Erfahrung ab. Der Staat im Feudalismus und im Kapitalismus ist in seinem Wesen durch und durch statisch, und überdies durch die bedingungslose Verteidigung der Interessen und Macht der herrschenden Klasse offen reaktionär. Zweitens teilen wir die Sichtweise, dass das Problem nicht bei einzelnen Persönlichkeiten in den Reihen der Bolschewiki lag, sondern ihren enormen Konfusionen gegenüber dem Staat nach einer Revolution.  

Selbst nach einer weltweiten Proletarischen Revolution (was zur Zeit der Russischen Revolution nie der Fall war da sie weitgehend auf Russland beschränkt blieb) bleibt ein notwendiger, aber auf ein Minimum  beschränkter, durch die Arbeiterräte kontrollierter und absterbender „Halb-Staat“ in seinem Wesen immer konservativ und statisch, und ist keineswegs Treibkraft zur Verwirklichung einer kommunistischen Gesellschaft oder gar ein Organ der Arbeiterklasse. Wie es die Italienische Kommunistische Linke beschrieb: „Der Staat, auch wenn er oft als „proletarisch“ bezeichnet wird, bleibt ein Organ des Zwangs, er bleibt ein akuter und permanenter Gegenspieler der Verwirklichung des kommunistischen Programms; er ist in gewissem Maße die Offenbarung der Beharrlichkeit der kapitalistischen Gefahr während all der Phasen und Entwicklungen in der Übergangsperiode.“[26] Deshalb ist es absolut falsch von einem „proletarischen Staat“ als Organ der Revolution zu sprechen, so wie es die Trotzkisten bezüglich Russland behaupten, aber auch die bordigistische Strömung auf einer theoretischen Ebene bezüglich der Übergangsperiode. Eine solche Idee ist komplett blind gegenüber der lauernden Gefahr einer Vermischung zwischen den Arbeiterräten und der politischen Partei mit dem Staatsapparat – so wie es sich in Russland tragischerweise entwickelte.

Um falsche Diskussionen zu vermeiden ist eine Bemerkung notwendig: Goldman spricht oft von einem „zentralisierten Staat“ welcher von den Bolschewiki aufgebaut wurde. Dies aber nicht weil sie Fürsprecherin eines föderalistischen Konzepts war, so wie Rudolf Rocker der die politische Losung eines enorm föderalistischen Klassenkampfes vertrat.[27] Goldmans Bezeichnung „zentralistisch“ war vielmehr Beschreibung des undurchschaubaren, trägen, korrupten und hierarchischen Staatsapparates in Russland, der auch noch so kleine Maßnahmen zugunsten der Arbeiterklasse und den anderen unterdrückten Schichten der Gesellschaft wie dem Bauerntum sabotierte.

Doch erlitt der Marxismus durch die Prüfung der Revolution kompletten Schiffbruch wie Goldman behauptet? Und wurde im Gegensatz der Anarchismus durch die Russische Revolution bestätigt? Wenn wir die Russische Revolution verstehen wollen, so ist eine solche, bezüglich zweier historischer politischer Strömungen Schiedsrichter-artige Herangehensweise welche dem „Spielfeld der Revolution“ einen Gewinner und einen Verlierer zuspricht, nicht hilfreich.

Wir können in dieser Antwort nicht auf alle Aspekte der tragischen Degeneration der Bolschewiki und der Russischen Revolution eingehen, dies haben wir schon in zahlreichen Texten der IKS getan. Doch auf den sogenannten Schiffbruch des Marxismus als Ganzes müssen wir Goldman antworten. Die Bolschewiki degenerierten, was sich durch ihre Verschmelzung mit den Staatsapparat deutlich ausdrückte, dies ist ein Faktum – doch der Marxismus  scheiterte nicht „in corpore“.

Wie erklärt sich Goldman mit ihrer Methode die Tatsache, dass angesichts der Kriegsfrage und des Internationalismus exakt innerhalb der marxistischen Arbeiterbewegung und auf der Basis ihres historischem Erbes die klarsten und beharrlichsten internationalistischen Positionen entstanden, wie sie durch die Konferenz in Kienthal 1916 verkörpert wurden? Und all dies mit einer marxistischen Organisation, den Bolschewiki, als Speerspitze gegen den Reformismus der gegenüber der Kriegsfrage in die Knie ging.

Wie erklärt sie sich mit dieser Methode die Tatsache, dass wie zu Beginn dieses Artikels erwähnt und von Goldman richtigerweise denunziert, innerhalb des Anarchismus und sogar rund um seine wohl zentralste Person der damaligen Zeit, Kropotkin, eine Tendenz entstand, welche die internationalistischen Prinzipien  verließ und sie in einem Manifest offen formulierte - ein Abgleiten das innerhalb der anarchistischen Reihen eine große Unsicherheit, Spannungen und einen Widerstand hervorrief? Goldmans Methode folgend hätte der Anarchismus hier Schiffbruch erlitten, da gerade von einflussreichsten Vertretern wie Kropotkin der Internationalismus über Bord geworfen wurde. Ähnlich wie innerhalb der marxistischen Arbeiterbewegung entstand in der Prüfung des Krieges eine scharfe Auseinandersetzung, und ein entschlossener internationalistischer Teil zu dem auch Goldman zählte, bekämpfte jegliche Zustimmung für das eine oder andere Kriegslager.

Es wäre absolut falsch zu behaupten, dass der Anarchismus als Ganzes 1914 Schiffbruch erlitten hätte. Im Gegenteil, gerade weil innerhalb des Anarchismus und innerhalb der marxistischen Arbeiterbewegung eine harte Scheidung stattfand, war es möglich, dass im Kampf gegen den Krieg und im Oktober 1917 die revolutionären internationalistischen Anarchisten mit dem revolutionären Marxismus Schulter an Schulter kämpfen konnten. Wenn das „Spielfeld des Krieges und der Revolution“  tatsächlich ein Resultat hervorbrachte, dann die sich sowohl bei den Marxisten und den Anarchisten herausschälende Entschlossenheit, welche konsequent den Internationalismus und  die Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse verkörperte.   

Weiter noch. Wie erklärt sich Goldman mit ihrer Herangehensweise und der These eines schiffbrüchigen Marxismus die Tatsache, dass die Bolschewiki, eine Organisation der marxistischen Tradition, fähig waren, 1917 mit den Aprilthesen, formuliert durch ihre entschlossensten Vertreter, Klarheit gegen die in der Arbeiterklasse Russlands noch existierenden demokratischen Konfusionen zu bringen?

Es ist eine Tatsache, dass die Mehrheit der Bolschewiki sich Schritt für Schritt vom Geist der Oktoberrevolution entfernte, ihr den Rücken zukehrte und durch ihre Vermischung mit dem Staatsapparat sowie durch Repressionsmaßnahmen gegen Kritiken unter dem Vorwand, damit die Revolution retten zu können, zur Verkörperung der Konterrevolution von Innen wurde. Aber es war nicht die Gesamtheit, welche diesen Weg einschlug, denn es entstanden verschiedene organisierte Reaktionen innerhalb der Partei auf diese Anzeichen der Degeneration.

Goldman beschreibt ihre große Sympathie und Nähe zu einer dieser   Oppositionsgruppen innerhalb der Bolschewistischen Partei, die „Arbeiteropposition“ rund um Kollontai und Schljapnikov. Offenbar war der Marxismus fähig, eine kämpferische revolutionäre Opposition hervorzubringen, welche Goldman ausdrücklich begrüßte. Auf der anderen Seite beschreibt sie (und noch ausführlicher ihr politischer Weggefährte Alexander Berkman) organisierte Tendenzen innerhalb des Anarchismus in Russland, die so genannten „Sowjet-Anarchisten“, welche offen die Politik der Bolschewiki unterstützten, und dies sogar noch 1920 als der Terror der Tscheka[28] schon um sich griff. Sie schreibt in ihrer ehrlichen Art auch folgendes: „Leider, und es war unter diesen Umständen nicht zu vermeiden, fanden fremde Ideen auch Eintritt in die Reihen der Anarchisten. Trümmer die von der revolutionären Flut an Land gespült wurden. (…) Macht ist korrumpierend, und Anarchisten sind nicht davor gefeit“ [29]. Scheiterte also, wenn wir Goldmans Methode folgen, der Anarchismus aufgrund solcher Tatsachen ebenfalls in seiner Gesamtheit? Eine solche Schlussfolgerung wäre unseres Erachtens falsch. Ihre Herangehensweise und Schlussfolgerung lässt alle Auseinandersetzungen nach dem Oktober 1917 innerhalb des sog. „gescheiterten Marxismus“ außer Acht.

Die Frage des Staates nach der Revolution war zur damaligen Zeit innerhalb der Arbeiterbewegung nicht geklärt. Das trifft auch für die Anarchisten zu. Ein wesentlicher Grund dafür war das Fehlen einer konkreten historischen Erfahrung wie sie sich nach 1917 in Russland stellte. Die unüberwindbare Isolation der Russischen Revolution und der entstandene Zwang das Territorium zu verteidigen förderten auf brutale Art und Weise die Ausblutung der Revolution und ihre Degenerierung. Der Staat und die bolschewistische Partei „fusionierten“ dabei zu einem aktiven Faktor dieser Dynamik.

Auch Goldmans politische Orientierung „Vater Kropotkin“, wie ihn sein politisches Umfeld nannte,  war in seinem Buch  Der Staat – seine historische Rolle nicht in der Lage die Rolle und Funktion des Staates nach einer Revolution zu beantworten. Das radikale Verwerfen des Staates auf der Basis eines instinktiven Misstrauens wie es von der absoluten Mehrzahl der Anarchisten vertreten wurde, war auf der Erfahrung der  brutalen Konfrontation mit den Staat unter dem Feudalismus und dem kapitalistischen Staatsapparat entstanden und forderte richtigerweise die Zerstörung des bürgerlichen Staates durch eine proletarische Revolution, so wie dies auch im Buch Lenins Staat und Revolution verteidigt wird. Auch wenn der anarchistischen Bewegung dieser Verdienst zukommt, so dominierte in ihren Reihen ein tückisches Konzept: Das Organisieren der Gesellschaft unmittelbar nach der Revolution durch die Arbeiterräte, Gewerkschaften und Genossenschaften. Ein solches Szenario treibt die politischen und dynamischen Organe der Arbeiterklasse, die Arbeiterräte, bedingungslos in die Vermischung mit dem „organisierenden Körper“ (den wir  einen reduzierten und kontrollierten Übergangsstaat nennen[30]), oder sie werden selbst zur Bürokratie und verlieren damit ihre politische Unabhängigkeit als Organ der Arbeiterklasse. Diese Position finden wir auch bei Goldman, auch wenn nur in einer angedeuteten und nicht entwickelten Form.

Zurück zur Frage des angeblichen Schiffbruchs des Marxismus. Ein Großteil der Anarchisten kritisierte die tragischen Entwicklungen in Russland. Doch der Anarchismus wurde dadurch in der Russischen Revolution nicht „in corpore“ bestätigt, sowenig wie der Marxismus keineswegs als Ganzes scheiterte. Zweifellos gab es bei den Bolschewiki eine falsche Auffassung über das Verhältnis zwischen den Arbeiterräten, dem Staat und der politischen Partei. Zur Zeit der Russischen Revolution dominierte das Konzept einer Einheit zwischen Partei und Staatsapparat, der Partei also welche neben den Arbeiterräten an der Macht beteiligt sein müsse. Die Partei – eine Minderheit innerhalb der Arbeiterklasse - sei berechtigt, im Namen der Arbeiterklasse und aufgrund deren Vertrauens in die Partei, die Macht zu übernehmen. Diese Sicht drückte immer noch deutlich die existierende Unreife über die Frage des Staates nach der Revolution aus.

Durch ihre Auffassungen über den nach-revolutionären Staat und ihr Verhältnis ihm gegenüber, gerieten die Bolschewiki als Akteur der Realität in eine tragische Spirale, welche sich in der Situation der kompletten Isolierung der Revolution von einer falschen Konzeption in eine Tragödie verwandelte. Auch wenn die Bolschewiki nie offen das Prinzip der Machtübernahme durch die Arbeiterräte verwarfen, war eines der ersten Anzeichen der Degeneration die schrittweise Entmachtung der Räte bei der die Bolschewiki eine entscheidende Rolle spielten.

Es ist keine fatalistische Feststellung, sondern eine historische Tatsache zu sagen, dass erst die tragische Erfahrung der Russische Revolution in all diese Fragen Klarheit gebracht hat. Die einzige Rettung wäre die internationale Ausdehnung der Revolution auf der Basis der Lebendigkeit der Räte gewesen. Dies hätte auch jeglichen retrospektiven Determinismus, dass das Schicksal der Russischen Revolution bereits bei ihrer Geburt entschieden war Lügen gestraft. Die Rettung der Revolution mit der Waffe eines „starken Staates“, was die Bolschewiki zu propagieren begannen, war eine schlichte Unmöglichkeit.

Eine Schwäche in Goldmans Methode bezüglich der stetig anwachsenden Dominanz des Staatsapparats nach dem Oktober und dem Degenerationsprozess ist ihre statische Schlussfolgerung. Sie lässt die Dynamik der Dominanz des Staates, den Kampf dagegen innerhalb der marxistischen Reihen und die enormen Schwierigkeiten der Anarchisten dieser Situation gegenüber außer Acht, auch wenn sie all dies ausführlich in ihren Beobachtungen schildert. Diese Schwäche paart sich mit ihrer Auffassung, dass die Bolschewiki – als Teil des Marxismus, und gerade deswegen – von Beginn weg aufgrund ihres angeblich alleinigen Ziels die Macht zu ergreifen zum Scheitern verurteilt waren. Es scheint, dass Goldman zufolge schon die reine Existenz marxistischer Positionen über das Schicksal der Revolution entschieden habe. Auch negiert sie in ihrer Schlussfolgerung zur Frage des Staates exakt die Tatsache, dass es sich aufgrund der internationalen Situation (auf die sie an anderen Stellen selber immer wieder hingewiesen hatte) um einen Prozess der Degeneration handelte, und keinesfalls um eine von Beginn weg entschiedene Sache. Mit ihrer Deklaration des „Scheiterns des Marxismus“ in der Erfahrung der Russischen Revolution macht sie es sich etwas allzu leicht, was sie schlussendlich zu einer weiteren These führt.

„Der Zweck heiligt die Mittel“, und Kronstadt als Bruch mit den Bolschewiki

Eine der wohl am weitest gehenden Thesen Goldmans ist folgende: „Die Bolschewisten bilden den Jesuitenorden in der marxistischen Kirche. Nicht daß sie als Menschen unehrlich oder von schlechten Absichten beseelt sind.  Es ist ihr Marxismus, der ihre Politik und ihre Methoden bestimmt hat. Dieselben Mittel, die sie zur Anwendung brachten, haben die Verwirklichung ihrer ursprünglichen Ziele verhindert Kommunismus, Sozialismus, Gleichheit, Freiheit - alles, wofür die russischen Massen sich den größten Leiden unterzogen hatten, ist durch die bolschewistische Taktik, durch ihren jesuitischen Grundsatz, dass der Zweck alle Mittel heilige, diskreditiert und in den Kot gezogen worden (...) Doch Lenin ist ein schlauer und listiger Jesuit, und so machte er den allgemeinen Schrei des Volkes: "Alle Macht den Räten!" zu seinem eigenen Motto. Erst als er und seine jesuitischen Gefolgsleute sich fest im Sattel fühlten, begann die Abtragung der Sowjets. Heute sind sie, wie alle anderen Dinge in Russland, nur noch ein Schattengebilde, dessen körperliche Substanz entschwunden ist. (…) Kein Zweifel, Lenin gibt oft seiner Reue Ausdruck. Von jeder allrussischen Konklave der Kommunisten tönt uns ein Mea Culpa, "Ich habe gesündigt!" entgegen. Ein junger Kommunist sagte mir einst: "Ich würde nicht überrascht sein, wenn Lenin eines Tages die Oktober-Revolution für einen Irrtum erklären würde.“  [31]

Ja, die Ziele der Bolschewiki, der Kommunismus, Sozialismus, Gleichheit, Freiheit, die Goldman den Bolschewiki hier als ihr eigentliches Ziel nicht streitig macht, konnten nicht verwirklicht werden. Sie beschreibt an anderen Stellen ihrer Schriften über Russland, wie sie von vielen führenden Bolschewik immer wieder mit der hoffnungsvollen Frage konfrontiert war: „Kommt die Revolution in Deutschland und den USA bald?“. So auch von Lenin in einem Treffen mit Goldman. Die Bolschewiki mit denen sie darüber sprach erhofften angespannt eine positive Antwort von ihr zu erhalten, da sich ja in den USA gut auskannte. Es war nach ihren Beschreibungen offensichtlich, dass die Bolschewiki in einer permanenten Angst lebten immer mehr isoliert zu werden, und mit Verzweiflung auf kleinste Anzeichen revolutionärer Entwicklungen in anderen Ländern hofften. Sie selbst gibt den Beweis, wie auch zur Zeit der immer unübersehbarer werdenden Degeneration der bolschewistischen Partei - welche alles andere als homogen war - in deren Reihen die Hoffnung auf eine weltweite Revolution weiterlebte. Also nicht die angebliche Gier nach der Macht in Russland, wie sie sich in ihren Ideen zum „Jesuitismus“ der Bolschewiki versteigt.

Die Sorge Goldmans drehte sich um den Widerspruch zwischen den ursprünglichen Zielen der Bolschewiki und ihrer konkreten Politik und Methoden. Dies führte sie zu einem definitiven Bruch, nachdem bei der blutigen Niederschlagung des Aufstandes in Kronstadt im März 1921 unter dem Banner die Revolution zu retten eine brutale Anwendung von Gewalt innerhalb der Arbeiterklasse stattfand, was in einem schreienden Widerspruch zu kommunistischen Prinzipien steht. Bei ihrem Bruch mit den Bolschewiki spielte ihre  Erfahrung mit der Tscheka ebenfalls eine entscheidende Rolle.

Die Methode dass der Zweck die Mittel heiligt ist durch die Arbeiterklasse vehement zu bekämpfen. Es ist Goldmans Ehrlichkeit, ihre eigenen Schwankungen darüber nicht im Verborgenen zu lassen. Doch gerade ihre Schilderungen widerlegen die These, dass die Bolschewiki in ihrem Denken die „Jesuiten des Marxismus“ seien, welche bei der Verfolgung ihres Ziels keine Rücksicht kennen, und hier ein grundlegender Unterschied zwischen den Bolschewiki und dem Anarchismus bestünde.

Wie stellte sich diese Frage in den Reihen der Anarchisten? Sie beschreibt ihre Diskussionen mit Berkman zur Frage der erlaubten Mittel zur Verteidigung der Revolution: „Es wäre absurd, die Bolschewiken für die drastischen Maßnahmen, die sie anwandten, verantwortlich zu machen, sagte Sascha nachdrücklich. Wie sollen sie sonst Russland vom Würgegriff der Konterrevolution und Sabotage befreien? Was das betraf, so glaubte er, dass keine Maßnahme dagegen zu hart wäre. Die Anforderung der Revolution rechtfertigt jedes Mittel, wie sehr auch immer es unseren Gefühlen widersprechen mochte. Solange die Revolution in Gefahr wäre, müssten diejenigen, die sie unterwandern wollten, dafür büßen. Mein alter Freund war so aufrichtig und umsichtig wie immer. Ich war seiner Meinung, aber dennoch, die grässlichen Schilderungen meiner Genossen beunruhigten mich weiterhin.“ [32]

Diese Auseinandersetzung mit Berkman ging in schärfster Art und Weise weiter: „Stundenlang warf er mir meine Ungeduld, mein mangelndes Urteilsvermögen in Bezug auf langfristige Ziele vor, sprach davon, dass ich die Revolution mit Samthandschuhen anpacken wollte. Schon immer hätte ich den ökonomischen Faktor als die Hauptursache des kapitalistischen Übels zu wenig beachtet, behauptete er. Könnte ich jetzt nicht sehen, dass gerade diese ökonomische Notwendigkeit die treibende Kraft der Leute am sowjetischen Ruder war? Die ständige Gefahr von außen, die natürliche Trägheit der russischen Arbeiter, die es nicht geschafft hatten, die Produktion zu steigern, der Mangel an den notwendigen landwirtschaftlichen Geräten und die Weigerung der Bauern die Städte zu versorgen, hätten die Bolschewiki zu diesen verzweifelten Maßnahmen gezwungen. Natürlich hielt er solche Methoden für konterrevolutionär, die notwendig ihren Sinn verfehlen mussten. Doch es wäre lächerlich, Männer wie Lenin und Trotzki eines vorsätzlichen Verrats an der Revolution zu bezichtigen. Hatten sie doch ihr Leben der Sache gewidmet, waren verfolgt, verleumdet, für ihre Ideale ins Gefängnis und ins Exil geschickt worden! Sie konnten sich nicht so weit von ihnen entfernt haben!“ [33]

Für die Arbeiterklasse dürfen die angewendeten Mittel nicht in einem Widerspruch zu ihren grundlegenden Zielen stehen.[34] Wir weisen aber die Behauptung zurück, dass ausschließlich der Marxismus, und hier vor allem die Bolschewiki, mit der Gefahr in solche Methoden abzugleiten, also mit dem Eindringen der Ideologie der herrschenden Klasse in sein Denken, konfrontiert ist und dagegen kämpfen muss. Die von Goldman beschrieben Diskussionen sind kennzeichnend dafür, dass der Anarchismus diesbezüglich immer enorme Schwierigkeiten hatte. Ein Beispiel der Anwendung von Mitteln, welche dem Ziel vieler Anarchisten widersprechen, ist das Attentat von Fanny Kaplan am 30. August 1918 auf Lenin, mit der Rechtfertigung Lenin habe die Revolution verraten. Aufgrund einer langen Tradition von Attentaten auf verhasste Exponenten des zaristischen Regimes, welches die Anarchisten einer brutalen Repression unterwarf, griff ein Teil des russischen Anarchismus mit der sog. „Propaganda der Tat“ immer wieder auf Mittel zurück, welche durch den Zweck geheiligt würden. Und wie das Attentat auf Lenin zeigt, nun auch innerhalb der Arbeiterklasse!

Es geht nicht darum den verhassten Figuren des Zarismus Tränen nachzuweinen. Die Methoden eines Teils des russischen Anarchismus drückten vielmehr auch das reduzierte Verständnis aus, den  Feudalismus an Personen festzumachen. Dieser fußte aber nicht, wie es Berkman richtig gegenüber Goldman vertrat, auf der Böswilligkeit einzelner, sondern auf sozialen und ökonomischen Grundlagen die in einem Widerspruch zu den Bedürfnissen der ausgebeuteten Schichten stand. Die „Propaganda der Tat“, die individuelle Gewalt gegen verhasste Exponenten des Feudalismus, verstanden als „Zündfunke zum Denken“, drückte aber auch eine falsche Auffassung über die Entwicklung des Klassenbewusstseins aus, da diese Methoden keinesfalls die Notwendigkeit eines solidarischen Kampfes als gesamte Klasse gegen die Grundlagen der Ausbeutung aufzeigen.

Es ist nachvollziehbar, weshalb sich Goldman für Kaplan als Gefangene engagierte, da diese von der Tscheka gefoltert wurde. Sie rief selbst nicht zu solchen Methoden auf, zu denen Kaplan gegriffen hatte. Weshalb jedoch wagte sie sich in dieser Situation nicht einen Schritt weiter zu gehen und eine Kritik an „jesuitischen“ Methoden in den Reihen des Anarchismus zu machen, es stattdessen aber auf die Bolschewiki zu reduzieren?

Goldman litt schwer unter den Hinrichtungen befreundeter Anarchisten wie Fanya Baron durch die Tscheka im September 1921, auf Billigung Lenins. Auch wenn Lenin eine der entschlossensten und klarsten Persönlichkeiten in der Oktoberrevolution war, sind solche Schritte unannehmbar. Goldman formulierte eine immer stärkere Antipathie vor allem gegenüber Trotzki und Lenin, den sie als schlauen und listigen Jesuiten bezeichnete. [35]

Die unkontrollierbar gewordene Tscheka begann mit Erschießungen zur Einschüchterung, Geiselnahmen zur Erpressung und mit Folter. Dies oft auch gegenüber politischen Oppositionsgruppen aus den Reihen der Bolschewiki selbst, gegen Anarchisten, aber auch gegen Arbeiter, die sich an Streiks beteiligten. Goldmans Kritik gegen Todesstrafen an Gefangenen - also wehrlosen Individuen - seien es auch Mitglieder bürgerlicher konterrevolutionärer Organisationen, Kriminelle oder inhaftierte Mitglieder der Weißen Armeen, ist absolut berechtigt, da solche Schritte nicht nur sinnlose Gewaltakte darstellten, sondern vielmehr auch Ausdruck einer Haltung, dass Menschen ihre Auffassungen, Verhaltensweisen und politischen Positionen nicht ändern können und deshalb kurzum liquidiert werden müssten.[36]

Innerhalb der Bolschewiki entbrannte schon 1918 ein Kampf gegen die Unterdrückung oppositioneller Stimmen in der Partei und der Arbeiterklasse. Obwohl Goldman selbst Zeugin unterschiedlicher Positionen und Auseinandersetzungen in den Reihen der Bolschewiki wurde, so zeichnet sie zu deren Verurteilung als „Jesuiten des Marxismus“ ein allzu simples Bild, als wären diese wie aus einem Stück Eisen und Feuer geschmiedet, was nie der Realität entsprach. Das zentrale Problem war ein Abgleiten in eine militaristische Herangehensweise an politische Probleme, welche das Leben innerhalb der Arbeiterklasse überging, welcher die Mehrheit der Bolschewiki erlag, im falschen Glauben, damit die bedrängte Revolution zu retten. Es war keine in ihren Wurzeln angelegte marxistische Gier nach der Macht.

Der Marxismus stand nie auf dem Prinzip, dass der Zweck die Mittel heiligt, und es war auch keinesfalls ein Prinzip oder eine Praxis der Bolschewiki vor und in der Oktoberrevolution. Kronstadt jedoch, tragischer Höhepunkt der zunehmenden Repression, zeigte, wie weit die Degeneration schon fortgeschritten war und welche Formen und welche Logik sie annahm. Deren politische Rechtfertigung beinhaltete tatsächlich die Idee des Zwecks (den „eisernen Zusammenhalt“ Russlands gegenüber den internationalen Angriffen), der die Mittel (eine blutige Niederschlagung) rechtfertige.

Goldmans persönliche und absolut demoralisierende Erfahrungen in Kronstadt führte zum Bruch mit den Bolschewiki und stellte einem Wendepunkt dar. Sie war in den letzten Tagen vor der Niederschlagung der Kronstädter Matrosen, Soldaten und Arbeiter Mitglied einer Delegation (Perkus, Pertrowski, Berkman, Goldman) welche versuchte  zwischen den Kronstädtern und der Roten Armee, zu verhandeln. „Kronstadt zerschnitt den letzten Faden der mich noch mit den Bolschewiki verband. Die mutwillige Schlächterei die sie durchgeführt hatten sprach deutlicher gegen sie als alles je zuvor. Was immer auch für Täuschungen schon in der Vergangenheit gemacht worden waren, die Bolschewiki stellten sich jetzt als die verderblichsten Feinde der Revolution heraus. Ich konnte mit ihnen nichts mehr zu tun haben.“ [37]

Kronstadt war eine furchtbare Tragödie, viel mehr als lediglich ein „Fehler“.

Die Niederschlagung Kronstadts mit mehreren Tausend toten Proletariern (auf beiden Seiten!), gründete auf einer absolut falschen Einschätzung der führenden Bolschewiki über den Charakter dieses Aufstandes. Dies vor allem, weil die internationale Bourgeoisie perfide den Moment ergriff und sich heuchlerisch mit den Aufständischen „solidarisch“ erklärte, aber auch in Angst und Panik, Kronstadt würde ins Lager der Konterrevolution überlaufen oder sei bereits Ausdruck der Konterrevolution. Goldman antwortet richtig auf diese zwei Aspekte. Die wichtigste Lehre aus der Kronstädter Tragödie jedoch konnte sie in ihrer Autobiografie von 1931 nicht ziehen, gleich wie die Marxistische Linke, welche   zur Zeit des Aufstandes dessen Niederschlagung im Wesentlichen unterstützte, mit Ausnahme von Miasnikov welcher sich von Beginn weg dagegen gewehrt hatte. Selbst mit zeitlichem Abstand gelang es Goldman nicht, im Unterschied zu einigen Teilen der Kommunistischen Linken, zu formulieren, dass die Gewalt gerade innerhalb der Arbeiterklasse unnachgiebig zu verwerfen ist und ein Prinzip darstellen muss. [38]

Wie schon bei der Frage des Staates macht Goldman es sich auch bei der Frage des angeblichen „Jesuitismus von Beginn weg“ der Bolschewiki etwas allzu leicht. Sie deklariert die Bolschewiki als Jesuiten, was absolut nicht mit deren Geschichte übereinstimmt. Die Dynamik der Mehrheit der Bolschewiki, die 1921 in Kronstadt nicht vor der Anwendung der Gewalt als angeblich auserwähltes Mittel im Klassenkampfe zurückschreckte, war mitnichten „ihre Tradition“, sondern vielmehr Ausdruck ihres fortschreitenden Degenerationsprozesses.

Statt sich ganz grundsätzlich mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Mittel überhaupt im Klassenkampf und in der Revolution angewendet werden dürfen, vor der ausnahmslos alle Revolutionäre standen, war Goldmans leichtfertige Jesuiten-Etikette, welche sie den Bolschewiki anhängte, vielmehr eine Barriere davor, die Degenerierung der Revolution als einen schrittweisen Prozess zu verstehen.

Schweigen oder Kritik?

Eine Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Goldmans Schriften über Russland: Wann ist es berechtigt, eine offene Kritik gegenüber den Bolschewiki zu formulieren? Mit großer Empörung beschreibt sie ein Treffen mit Anarchisten in Petrograd: „Diese Beschuldigungen und Denunziationen trafen mich wie ein Schlag mit dem Hammer, und ich war wie betäubt. Angespannt lauschte ich mit jeder Faser und ich war kaum in der Lage zu begreifen, was ich hörte. Das konnte nicht wahr sein – diese ungeheuerlichen Anschuldigungen! (…) Die Männer in jenem düsteren Saal mussten verrückt sein, dachte ich. Unmögliche, lächerliche Geschichten, böswillige Verurteilungen der Kommunisten, sie mussten doch wissen, dass die konterrevolutionären Bande, die Blockade und die Weißen Generäle, die die Revolution angriffen, dafür verantwortlich waren. Ich sagte, was ich dachte, doch meinen Stimme ging in Hohn und Spottgelächter unter.“ [39]

Wie schon bei der Frage der unmittelbar nach der Revolution zu erwartenden Veränderungen, zeigt Goldmans Konsternation über die Positionen anderer Anarchisten auf, dass es alles andere als einen einheitlichen Anarchismus, gerade bezüglich der Loyalität gegenüber den Bolschewiki, gab. Der Anarchismus in Russland hatte sich erneut in verschiedene Lager gespalten.[40] Die folgenden Passagen aus den Schriften Goldmans zeugen erneut von ihrer verantwortungsvollen Haltung, eigene Unsicherheiten nicht zu verschweigen, sie zeigen aber auch die Entwicklung ihrer Haltung gegenüber den Bolschewiki.

„Ich verstand die Haltung meiner ukrainischen Freunde sehr gut. Sie hatten während des letzten Jahres enorm gelitten, sie sahen die großen Erwartungen an die Revolution zerschellen und Russland unter der Ferse des bolschewistischen Staates zerbrechen. Dennoch konnte ich ihren Wünschen nicht folgen. Ich glaubte noch an die Bolschewiki und an deren revolutionäre Ehrlichkeit und Integrität. Dazu war ich überzeugt, dass ich, solange Russland von außen bedroht war, Kritik aussprechen dürfe. Ich wollte kein Öl ins Feuer der Konterrevolution gießen. Deshalb musste ich Schweigen und an der Seite der Bolschewiki, den organisierten Verteidigern der Revolution, stehen. Doch meine russischen Freunde gähnten über diese Sichtweise. Sie meinten ich würde die Kommunistische Partei mit der Revolution verwechseln, doch dies sei nicht dasselbe, sondern im Gegenteil einander entgegengestellt, ja sogar antagonistisch.“ [41]

„Bei den ersten Nachrichten vom Krieg mit Polen hatte ich meine kritische Haltung zurückgestellt und meine Dienste als Frontschwester angeboten. (…) Er (Sorin) versprach, die zuständigen Behörden über mein Angebot zu unterrichten. Aber nichts geschah. Das hatte selbstverständlich keinen Einfluss auf meinen Entschluss, dem Land zu helfen, in welcher Eigenschaft auch immer. Nichts war wichtiger in diesem Augenblick. (…) Weder bestritt ich Machnos Verdienste an der Revolution im Kampf gegen die Truppen der Weißen noch die Tatsache, dass seine Armee eine spontane Massenbewegung der Bauern war. Ich glaubte allerdings nicht, dass der Anarchismus sich irgendetwas von militärischen Aktivitäten versprechen konnte oder dass unsere Propaganda von militärischen und politischen Siegeszügen abhängen sollte. Das war jedoch nebensächlich. Ich konnte mich weder ihnen noch weiterhin den Bolschewisten anschließen. Ich war bereit, offen zuzugeben, dass ich mich schwer geirrt hatte, als ich Lenin und seine Partei als die wahren Verfechter der Revolution verteidigt hatte. Aber ich wollte nicht in offene Opposition zu ihnen treten, solange  Russland von den äußeren Feinden angegriffen wurde.“ [42]

„Die große Schuld die ich gegenüber den Arbeitern in Europa und Amerika hatte bedrückte mich: Ich musste ihnen die Wahrheit über Russland mitteilen. Doch konnte ich dies tun, solange das Land an verschiedenen Fronten belagert war? Ich würde damit in die Hände von Polen und Wrangel arbeiten. Zum ersten Mal in meinem Leben hielt ich mich zurück, große soziale Übel aufzudecken. Ich hatte das Gefühl, das Vertrauen der Massen zu verraten, vor allem der amerikanischen Arbeiter, deren Glauben ich sehr liebte.“ [43]

„Ich hielt es für notwendig, solange zu schweigen, wie die vereinten Mächte des Imperialismus Russland an der Gurgel hielten. (…) Nun aber ist die Zeit des Schweigens vorüber. Ich werde daher offen aussprechen, was ausgesprochen werden muss. Dabei bin ich mir der Schwierigkeiten bewusst. Ich weiß, dass die Reaktionäre, die Feinde der Russischen Revolution, meinen Worten eine falsche Deutung geben werden, ich weiß auch, dass ihre sogenannten Freunde, welche die Kommunistische Partei Russlands mit der Russischen Revolution verwechseln, über mich den Stab brechen werden. Es ist daher notwendig, meine Stellung zu beiden klarzulegen.“ [44]

Es gab andere Revolutionäre wie Rosa Luxemburg, welche schon sehr früh eine Kritik an den Bolschewiki formuliert hatte, auch wenn sie ihnen ihre ganze Solidarität zusprach und ihre entscheidende Rolle in der Russischen Revolution verteidigte. Sie schrieb 1918 ihre Broschüre Zur Russischen Revolution, zur gleichen Zeit als Goldman in MOTHER EARTH mit überschwänglichem Enthusiasmus den Artikel Die Wahrheit über die Bolschewiki veröffentlichte. Gerade das Beispiel Rosa Luxemburgs zeigt auf, wie schwierig es war den Entscheid zur Veröffentlichung einer Kritik im richtigen Moment zu fällen, immer mit dem Zweifel der Revolution den Rücken zu fallen. Luxemburg legte in ihrem Text, im Gefängnis von Moabit geschrieben, eine entschiedene Kritik an den Bolschewiki dar, mit dem Ziel, durch einen Klärung der in Russland gestellten Probleme, eine solidarische Unterstützung zu leisten: „Lenin-Trotzki entscheiden sich umgekehrt für die Diktatur im Gegensatz zur Demokratie und damit für die Diktatur einer Handvoll Personen, d.h. für Diktatur nach bürgerlichem Muster. (…) Aber diese Diktatur muss das Werk der KLASSE, und nicht einer kleinen, führenden Minderheit im Namen der Klasse sein, d.h. sie muss auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teilnahme der Massen hervorgehen, unter ihrer unmittelbaren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten Öffentlichkeit unterstehen, aus der wachsenden politischen Schulung der Volksmassen hervorgehen. Genauso würden auch bisher die Bolschewiki vorgehen, wenn sie nicht unter dem furchtbaren Zwang des Weltkriegs, der deutschen Okkupation und aller damit verbundenen abnormen Schwierigkeiten litten, die jede von den besten Absichten und den schönsten Grundsätzen erfüllte sozialistische Politik verzerren müssen. (...) Das Gefährliche beginnt dort, wo sie aus der Not die Tugend machen, ihre von diesen fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik nunmehr theoretisch in allen Stücken fixieren und dem internationalen Proletariat als das Muster der sozialistischen Taktik zur Nachahmung empfehlen wollen.“

Luxemburg hielt sich nicht zurück. Weshalb folgte Goldman dem Beispiel Rosa Luxemburgs nicht, obwohl sie in ihren Schriften mehrmals ihre Trauer über die Ermordung Luxemburgs im Januar 1919 ausgedrückt hatte und deren Positionen kannte? Weshalb nahm sie in ihrer Broschüre Der Niedergang der Russischen Revolution nie Bezug zur Kritik Luxemburgs, obwohl diese schon drei Jahre zuvor niedergeschrieben worden war? Der Grund dafür ist einfach. Luxemburgs Text wurde Opfer der enormen Angst mit einer Kritik der Revolution ein Messer in den Rücken zu stoßen und der Bourgeoise einen Dienst zu erweisen. Die Veröffentlichung von Luxemburgs Kritik an den Bolschewiki, welche sie sofort nach der Niederschrift publizieren wollte, wurde von ihren nächsten politischen Gefährten bewusst verhindert und erst vier Jahre später, 1922, veröffentlicht. [45]

Leider hatte Goldman nicht Gelegenheit von Luxemburgs Kritik an den Bolschewiki inspiriert zu werden. Ihre Überschwänglichkeit bei der Ankunft in Russland ist angesichts des Horrors mit dem der Weltkrieg die Menschheit in eine Dunkelheit geworfen hatte verständlich. Goldmans „Sowjetrussland! Geheiligter Boden“ und ihre spätere totale Desillusionierung sind aber auch ein Beispiel dafür, dass eine Euphorie meist dazu verdammt ist in großer Enttäuschung zu enden. Es ist nicht verwunderlich, dass sie ihre anfängliche Verteidigung der Bolschewiki 13 Jahre später sogar als „naiv“ bezeichnete.

Luxemburg hatte nie den Hang zur politischen Überschwänglichkeit und machte ihre Kritik auf der Basis erster Erfahrungen in den Monaten nach dem Oktober 1917. Sie schloss mit den berühmten Worten, dass die Zukunft dem Bolschewismus gehört. Goldman schrieb ihre Kritik drei Jahre danach, auf der Basis ihrer eigenen Erfahrung im Russland einer späteren Phase der Revolution - nach der Entmachtung der Arbeiterräte, in einer Zeit der entfesselten Gewalt der Tscheka und dem nicht mehr aufzuhaltenden Verschmelzen der Bolschewistischen Partei mit dem Staatsapparat. Dennoch hegte sie größte Hoffnungen: „Lenin und seine Gefolgsleute fühlen die Gefahr. Ihre Angriffe auf die Arbeiteropposition und die Verfolgungen der Anarchosyndikalisten nehmen fortgesetzt zu an Schärfe und Heftigkeit. Wird der Stern des Anarcho-Syndikalismus im Osten aufgehen? Wer weiß - Russland ist das Land der Wunder.“ [46] Was die Analyse Luxemburgs zu Ende 1921 gewesen wäre, nach dem Einzug einer unübersehbaren Degeneration und nach Kronstadt, bleibt traurigerweise eine Hypothese.

Goldman schwankte zwischen Schweigen und ihrem „Ich muss meine Stimme gegen die Verbrechen im Namen der Revolution erheben“. Doch wie sollte Letzteres geschehen? Sie wurde schon während ihrer Zeit in Russland mehrmals von der bürgerlichen New Yorker Zeitung WORLD angefragt Artikel über Russland zu veröffentlichten. Goldman lehnte erst ab, nach harten Auseinandersetzungen mit Berkman der strickte gegen solche Schritte war, mit dem Argument alles in der bürgerlichen Presse Veröffentlichte würde lediglich der Konterrevolution in die Hände arbeiten, und vorschlug eigene Flugschriften zur Verteilung an die Arbeiter herzustellen. Einige Wochen nachdem Goldman Russland Ende 1921 verlassen hatte, erlaubte sie WORLD ihre Texte zu publizieren. „Ich schrieb, dass ich es eigentlich vorzöge, meine Meinung in der liberalen Arbeiterpresse der Vereinigten Staaten kundzutun und eher geneigt wäre, denen meine Artikel sogar gratis zu überlassen, als sie der New Yorker WORLD oder ähnlichen Publikationen zu überlassen. (…) Nun da ich die Wahrheit wusste, sollte ich sie unterdrücken und schweigen? Nein, ich musste protestieren, ich musste hinausschreien, welch ungeheurer Betrug sich als Recht und Wahrheit ausgab, und wenn es in der bürgerlichen Presse sein müsste.“ [47]     

Auch wenn Goldman in Russland monatelang vor öffentlicher Kritik zurückschreckte, da sie der Revolution nicht in den Rücken fallen wollte, so wurde mit diesem unüberlegten Entscheid tatsächlich der Stab über sie gebrochen. „Nicht nur meine kommunistischen Ankläger schrien: „Kreuzigt sie!“ Es gab auch einige anarchistische Stimmen im Chor. Es waren genau die Leute, die mich auf Ellis Island, auf der „Budford“ und während des ersten Jahres in Russland bekämpft hatten, weil ich mich geweigert hatte, die Bolschewiki zu verdammen, bevor ich nicht die Möglichkeit gehabt hatte, ihr Konzept zu überprüfen. Täglich bestätigten die Nachrichten aus Russland über die dauerhafte politische Verfolgung jede Tatsache, die ich in meinen Artikeln und meinem Buch beschrieben hatte. Es war verständlich, dass Kommunisten ihre  Augen vor der Realität verschlossen, doch auf Seiten derer, die sich Anarchisten nannten, war es verachtenswert, besonders nach der Behandlung die Mollie Steimer in Russland erhalten hatte, nachdem sie in Amerika so tapfer für das Sowjetregime eingetreten war.“ [48]

Der Vorwurf von Teilen der amerikanischen Arbeiterklasse, als Verräterin aufzutreten, raubte ihrer Analyse und ihren Reflexionen viel Anerkennung und Beachtung. In einer Welt in der sich zwei Klassen absolut antagonistisch gegenüberstehen, ist es eine enorme Illusion, ja und höchst gefährlich, dass irgendein Instrument der Bourgeoisie, auch wenn nur punktuell, als Sprachrohr für die Arbeiterklasse nutzen zu wollen. Schade dass eine so standfeste Militante in diese Falle tappte!

Das Gemeinsame an Goldman und Rosa Luxemburg ist zweifellos der gewaltige Wille die Probleme der Russischen Revolution zu verstehen, den revolutionären Charakter des Oktobers 1917 zu verteidigen und die dramatische Situation nicht unkritisch zu übergehen. Goldman akzeptierte nie eine taktische Methode die Bolschewiki lediglich als das „geringere Übel“ zu betrachten und sie nur deshalb, solange der Krieg gegen die Weißen Truppen andauerte, zu unterstützen. Eine Position die in Russland vom Anarchisten Machajaski  in der Zeitschrift THE WORKERS REVOLUTION offen vertreten wurde.

Eine Kritik an der Politik der Bolschewiki offen zu vertreten war außerhalb Russlands weniger riskant als in Russland selbst. Doch die Zweifel Goldmans rührten nicht von einer Angst oder Repressionsmaßnahmen gegen ihre Person. Aufgrund ihres Status als bekannte Revolutionärin aus den USA genoss sie einen viel größeren Schutz als andere revolutionäre Immigranten. Sie direkt der Repression zu unterwerfen hätte den Ruf der Bolschewiki innerhalb der amerikanischen Arbeiterklasse stark gefährdet. Auch wenn sie ihre Sympathie mit der Arbeiteropposition nicht verbarg und sich für inhaftierte Anarchisten engagierte (z.B. als Sprecherin an der Beisetzung Kropotkins), wurde sie von der Tscheka lediglich mit dem Ziel einer „sanften“ Abschreckung überwacht.

Hätte eine Kritik das leuchtende Beispiel der Oktoberrevolution innerhalb der internationalen Arbeiterklasse zerstört? Sicher nicht. Die Alternative war nicht Mund halten oder Anprangern der  Bolschewiki. Im Gegenteil, eine reife politische Kritik an der Politik der Bolschewiki war damals eine politische Unterstützung für die gesamte internationale revolutionäre Welle. Die Arbeiterklasse ist die Klasse des Bewusstseins, nicht der unüberlegten Aktion. Deshalb ist die Kritik am eigenen Vorgehen und den gemachten Fehler ein Erbe der Arbeiterbewegung, welches gerade auch in solch dramatischen Zeiten aufrechterhalten werden musste. Es entspricht nicht dem Charakter der Arbeiterklasse ihre Probleme zu verheimlichen, so wie es die Bourgeoisie in ihrem innersten Wesen repräsentiert. Wie der Text Luxemburgs aufzeigt, sollte eine Kritik an den Bolschewiki nicht lediglich auf Empörung beschränkt sein. Und sie sollte zur Unterstützung des Kampfs gegen die Degeneration der Revolution eine Reife ausdrücken. Dies war später ein Kriterium für die Italienische Kommunistische Linke, keine hastige Analyse und Kritik zu äußern, welche es nicht ermöglicht, Lehren zu ziehen.

Goldmans Analyse der Russischen Revolution war keineswegs auf Empörung beschränkt. Doch sie zeigt an verschiedenen Stellen eine Gefahr auf: Mit ihren Beschreibungen Lenins und Trotzkis als „listige Jesuiten“ manifestiert sie das Abgleiten in eine Methode der Kritik, die sich auf Personen fixiert, auch wenn diese einen großen Einfluss auf die Politik der Bolschewiki ausübten und ein Charisma besaßen. Lenin ist nicht die Entmachtung der Räte und die Verschmelzung mit dem Staat, Trotzki nicht die Niederschlagung Kronstadts.

Gegenüber Trotzki vertrat Goldman später die Position, dass er aufgrund seiner Taten – v.a. Kronstadt – ein Wegbereiter des Stalinismus gewesen sei.[49] Die angewendete Gewalt als Kommandant der Roten Armee in Kronstadt basierte nicht auf persönlichen Neigungen, sondern auf der Entscheidung der gesamten bolschewistischen Macht und - erinnern wir uns daran - im damaligen Moment von der ganzen Marxistischen Linken vertreten wurde. Die Tragödie von Kronstadt war eine Illustration einerseits der Unreife der Arbeiterbewegung bezüglich der Frage der Gewalt (Gewalt innerhalb der Arbeiterklasse), und andererseits der Degeneration der Russischen Revolution, welche später in die offen konterrevolutionäre Politik des „Sozialismus in einem Land“ und das Auftauchen Stalins als Führer der weltweiten Konterrevolution führte. Was auch immer die Unzulänglichkeiten in Trotzkis politischer Denunzierung Stalins, seines organisierten Repressionsapparates und der physischen und politischen Niederschlagung der Arbeiterklasse waren, sie stellte dennoch eine proletarische  Reaktion dar.      

Der Wert von Goldmans Analyse besteht darin, die zentralen Fragen vor der die Russische Revolution stand aufgeworfen zu haben. Die Widersprüche in ihrer Analyse und diejenigen Schlussfolgerungen welche wir absolut nicht teilen sind nicht Grund ihre Anstrengungen in Bausch und Bogen zu verwerfen oder sie zu ignorieren. Sie sind im Gegenteil Ausdruck der enormen Schwierigkeit schon 1922 eine gradlinige Analyse des Russischen Problems zu erstellen. Damit stand sie nicht alleine. Es kommt ihr aber das Verdienst zu, die Verschmelzung mit dem Staatsapparat, die Machtergreifung durch die Partei oder die Niederschlagung Kronstadts verworfen zu haben.

In diesem Sinne leistete sie einen wichtigen Beitrag für die Arbeiterklasse, der begrüßt, aber auch kritisiert werden muss. Goldman behauptete nie, dass der Oktober 1917 die Geburt des späteren Stalinismus gewesen sei, wie es die verlogenen Kampagnen der herrschenden Klasse bis heute tun, sondern sie verteidigte aufs hartnäckigste die Oktoberrevolution.

7.1.2018         Mario


[1] Der Niedergang der Russischen Revolution (1922), ihre erste und kompakteste Analyse. My disillusionment in Russia (1923/24), Gelebtes Leben (1931) v.a. Kapitel 52 über Russland.

[2] Diese Frage beschäftigte sie enorm, was angesichts der katastrophalen Situation der Kinder mehr als verständlich ist. In dieser Situation der Misere waren die Kinder, welche oft eines oder gar beide Eltern durch den Krieg verloren hatten, die Hilflosesten. Dies vor allem auch gegenüber den herzlosen kleinen Bürokraten, welche weder Skrupel noch Moral besaßen. Sie war dem gegenüber sicher besonders sensibel, da sie als Krankenschwester die Möglichkeit hatte „Vorzeigeinstitutionen“ zu besuchen.

[3] My disillusionment in Russia, Vorwort (dieses Buch existiert nicht in deutscher Sprache. Die Übersetzungen sind von uns)

[4] Die Wahrheit über die Bolschewiki

[5]Gelebtes Leben, Kapitel 52

[6]ebenda

[7]My disillusionment in Russia, Kapitel The socialist republic resorts to deportation

[8]Der Niedergang der Russischen Revolution, Vorwort

[9]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Lage des Kindes in Russland

[10]Ein Ausdruck in Anlehnung an das berühmte Buch von Nikolaj Gogol aus dem Jahr 1842. Die Methoden und das Schmarotzertum der Staatsbürokratie waren eine tragische Wiederholung gewisser Techniken der Selbstbereicherung unter dem Feudalismus.

[11]Dazu unser Artikel Der Niedergang der Russischen Revolution  http://de.internationalism.org/rusrev06

[12]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Kräfte die die Revolution niederschlugen

[13]Volin (W.M. Eichenbaum) Die unbekannte Revolution, Kapitel Die Konterrevolution. Volin geht sogar soweit zu behaupten, dass die internationale Intervention gegen Russland meist übertrieben dargestellt sei und zu einer Legende gemacht wurde, welche durch die Bolschewiki in die Welt gesetzt worden sei.

[14]Siehe dazu unseren Artikel  Die internationale Bourgeoisie gegen die Oktoberrevolution in der Internationalen Revue Nr. 160, engl., franz., span. Ausgabe

[15]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Kräfte die die Revolution niederschlugen

[16]Gelebtes Leben, Kapitel 52

[17]ebenda

[18]Die Übergangsperiode eröffnet sich nach der Machtübernahme der Arbeiterräte bis zur Abschaffung des Staates. Während dieser Periode muss eine Reihe von Massnahmen getroffen werden, wie die Abschaffung der geldliche Form des Lohns und die Sozialisierung des Konsums und der öffentlichen Güter (Transport, Wohnungen, Erholung, ect.). Dazu empfehlen wir unsere Artikel Der Staat in der Übergangsperiode in der Internationalen Revue Nr. 7 in Deutsch und Probleme der Übergansperiode in Nr. 1 (engl., franz., span. Ausgabe der Revue). Selbst wenn die sofort eingeführten Maßnahmen beschränkt sind, müssen einige sofort und mit größter Entschlossenheit durchgesetzt werden. So zum Beispiel der kostenlose Transport, die Unterbringung von Obdachlosen in öffentlichen Wohnhäusern oder solchen von Reichen. Überdies das Verbot von Kinderarbeit und jeglicher Form von Zwangsarbeit und von Prostitution.

[19]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Mein Besuch bei Peter Kropotkin

[20]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Gewerkschaften in Russland

[21]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Lage des Kindes in Russland

[22]My disillusionment in Russia, Kapitel Another visit to Peter Kropotkin

[23]My disillusionment in Russia, Nachwort

[24]Der Niedergang der Russischen Revolution, Einführung

[25]ebenda, Kapitel Die Kräfte welche die Revolution Niederschlugen

[26]OCTOBRE Nr. 2, März 1938, Die Frage des Staates

[27]Rudolf Rocker, Über das Wesen des Föderalismus im Gegensatz zum Zentralismus, 1922

[28]Goldman beschreibt die Tscheka sehr treffend mit folgenden Worten: „Anfangs wurde die Tscheka durch das Kommissariat des Innern, die Sowjets und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei kontrolliert. Nach und nach aber entwickelte sie sich als die mächtigste Organisation in ganz Russland. Die Tscheka ist heute nicht mehr ein Staat im Staate, sondern ein Staat über dem Staate. Ganz Russland, bis zu den entlegensten Dörfern, ist mit einem Netze von Tschekas bedeckt.“ Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Tscheka  

[29]My disillusionment in Russia, Kapitel Die Verfolgung der Anarchisten

[30]Siehe unsere Broschüre The period of transition from capitalism to socialism - The withering away of the state in the marxist theory 

[31]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Kräfte die die Revolution niederschlugen und Die Sowiets. Der Jesuiten-Orden wird meist als Symbol einer machtbesessenen, rücksichtslosen Politik verwendet, welche dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ folgt.

[32]Gelebtes Leben, Kapitel 52

[33]ebenda

[34]Siehe dazu auch unseren Artikel Terror, Terrorismus und Klassengewalt

[35]Volin ging sogar soweit, Lenin und Trotzki als brutale Reformisten die nie Revolutionäre gewesen waren und bürgerliche Methoden anwenden zu bezeichnen. Die unbekannte Revolution Kapitel Der bolschewistische Staat. Die Konterrevolution   

[36]Diese Frage wird ausführlich im Buch „Das sittliche Antlitz der Revolution“ (1923) behandelt. Geschrieben vom Volkskommissar für Justiz bis März 1918, Isaak Steinberg.

[37]My disillusionment in Russia, Kapitel Kronstadt

[38]Siehe dazu: Kronstadt verstehen. Internationale Revue Nr. 28

[39]Gelebtes Leben, Kapitel 52

[40]Im Frühling 1918 (historisch schon gespalten in Pan-Anarchisten, Individualistische Anarchisten, Anarcho-Syndikalisten und Anarcho-Kommunisten, deren Abgrenzungen schwer zu definieren sind) polarisierte die Frage des Verhältnisses gegenüber den Bolschewiki aufs Stärkste. Die Frage der Gewalt oder der Einschätzung des Charakters der Oktoberrevolution spielten eine zweitrangige Rolle. Von offener Unterstützung der Bolschewiki (die sog. Sowjet-Anarchisten) bis hin zur Sichtweise, dass die Bolschewiki die Revolution verraten hätten und mit Gewalt anzugreifen seien fand man alles vor. Siehe dazu Paul Avrich: The Russian Anarchists, 1967, Kapitel The Anarchists and the Bolshevik regime      

[41]My disillusionment in Russia, Kapitel In Charkov

[42]Gelebtes Leben, Kapitel 52

[43]My disillusionment in Russia, Kapitel Back in Petrograd

[44]Der Niedergang der Russischen Revolution, Vorwort

[45]Paul Frölich, einer ihrer politischen Gefährten, beschreibt, in seiner Luxemburg-Biografie Gedanke und Tat von 1939 diesen legendenumwobenen Hergang: Paul Levi publizierte Zur Russischen Revolution im Laufe des Jahres 1922 (also nach Goldmans Broschüre), nachdem er mit der KPD gebrochen hatte. Levi behauptete, Leo Jogiches (der sich gegen die Veröffentlichung gewandt hatte, mit dem Argument Luxemburg hätte in der Zwischenzeit ihre Meinung geändert) habe das Manuskript vernichtet. J.P. Nettl legt in glaubwürdiger Weise dar, dass es Levi selbst war, der starken Druck auf Luxemburg ausgeübt hatte, den Text zurückzuhalten, mit dem Argument, die Bourgeoise werde ihn gegen die Bolschewiki missbrauchen. Klar ist, dass Luxemburgs Text nicht zufällig in den Wirren der Revolution in Deutschland unterging, sondern im Gegenteil in den „Wirren der Konfusionen“ über die Notwendigkeit einer offenen Kritik verhindert wurde!              

[46]Der Niedergang der Russischen Revolution, Kapitel Die Gewerkschaften in Russland

[47]Gelebtes Leben, Kapitel 53

[48]ebenda, Kapitel 54

[49]Trotzki protestiert zu viel, Juli 1938