Syndikalismus in Deutschland, Teil 3: Die syndikalistische FVDG im Ersten Weltkrieg

In den vorhergehenden
zwei Artikeln haben wir aufgezeigt, wie sich ab den 1880er Jahren in den
deutschen Gewerkschaften eine proletarische Oppositionsbewegung formierte.
Anfänglich wandte sie sich gegen die Reduzierung des Arbeiterkampfes auf
ökonomische Fragen, welche von den gewerkschaftlichen Zentralverbänden
vorgegeben worden war. Später richtete sie sich ebenfalls gegen Illusionen in
den Parlamentarismus und gegen die wachsende Staatsgläubigkeit der SPD. Doch
erst ab 1908, nach dem Bruch mit der SPD, bewegte sich die Freie Vereinigung
deutscher Gewerkschaften FVDG offen in Richtung Syndikalismus. Der Ausbruch des
Ersten Weltkrieges 1914 stellte die Syndikalisten in Deutschland vor die
Feuerprobe: entweder Unterstützung der nationalistischen Politik der
herrschenden Klasse oder Verteidigung des proletarischen Internationalismus. Neben
den internationalistischen Minderheiten um Liebknecht und Luxemburg waren die
revolutionären Syndikalisten der FVDG in Deutschland eine Strömung, die dem
Kriegstaumel trotzte – aber leider allzu oft vergessen geht.

Die Prüfung der Stunde: Burgfrieden oder
Internationalismus?

Hand in Hand mit der Sozialdemokratie, welche
am 4. August 1914 offen für die Kriegskredite stimmte, hatten auch die Führungen
der großen sozialdemokratischen Gewerkschaften ihr Haupt vor den Kriegsplänen
der herrschenden Klasse gebeugt. An der Vorständekonferenz der
sozialdemokratischen Gewerkschaften vom 2. August 1914, auf der beschlossen
wurde, alle Lohnkämpfe und Streiks zugunsten des Burgfriedens und für eine
ungestörte Kriegsmobilisierung einzustellen, hatte Rudolf Wissell die
chauvinistische Haltung, die in den sozialdemokratischen Gewerkschaften
überhand nahm, auf den Punkt gebracht: „Wird Deutschland in dem gegenwärtigen
Kampfe besiegt, was wir alle nicht hoffen, so sind auch nach Beendigung des
Krieges alle gewerkschaftlichen Kämpfe aussichtslos und zwecklos. Siegt Deutschland,
so kommt auch eine aufsteigende Konjunktur, und es brauchen dann die Mittel der
Organisation nicht so sehr in die Waagschale geworfen zu werden.“[1] Die
schreckliche Logik der Gewerkschaften bestand darin, das Schicksal der Arbeiterklasse
direkt an den Ausgang des Krieges zu knüpfen: Wenn es der „eigenen Nation“ und
ihren Herrschenden durch Kriegsgewinn gut gehe, dann auch den Arbeitern, weil
innenpolitische Zugeständnisse an die Arbeiterschaft zu erwarten seien. Deshalb
müsse man alle Mittel zur Herbeiführung eines militärischen Sieges Deutschlands
unterstützen.

Die Unfähigkeit der
sozialdemokratischen Gewerkschaften und der SPD, angesichts des Krieges eine
internationalistische Haltung zu vertreten, erstaunt nicht. Wenn man die Verteidigung
der Interessen der Arbeiterklasse an den nationalen Rahmen fesselt, den
bürgerlichen Parlamentarismus als Allerweltsmittel vergöttert, statt den
internationalen Antagonismus zwischen Arbeiterklasse und Kapitalismus als
Orientierung zu nehmen, führt dies unweigerlich ins Lager des Kapitals.

Tatsächlich war der
Krieg für die herrschende Klasse in Deutschland erst mit dem offenen
Einschwenken der SPD und ihren Gewerkschaften durchführbar geworden! Die
sozialdemokratischen Gewerkschaften nahmen mitnichten nur eine Rolle als Mitläufer
ein. Nein, sie entwickelten eine wahre Kriegspolitik mit chauvinistischer
Propaganda und waren ein entscheidender Faktor bei der Errichtung einer
intensiven Kriegsproduktion. Der „sozialistische Reformismus“ hatte sich in
einen „sozialistischen Imperialismus“ verwandelt, wie es Trotzki 1914
formulierte.      

Unter den Arbeitern,
die in den Wochen und Monaten des Kriegsausbruchs in Deutschland versuchten,
gegen den Strom zu schwimmen, befanden sich auch viele, die vom Syndikalismus
beeinflusst waren. Beispielhaft für den Zusammenprall kämpferischer Teile der
Arbeiterklasse mit den vom Burgfrieden besessenen Führungen der
sozialdemokratischen Zentralgewerkschaften war im Mai–Juni 1914, kurz vor
Kriegsbeginn, der Streik auf dem deutschen Passagierdampfer „Vaterland“. Das
damals weltweit größte Passagierschiff war ein protziges Aushängeschild des
deutschen Imperialismus. Teile der Mannschaft waren während der Jungfernfahrt
von Hamburg nach New York unter der starken Präsenz von Arbeitern des
syndikalistischen Industrieverbandes in den Streik getreten. Der
sozialdemokratische Deutsche Transportarbeiter Verband wandte sich aggressiv gegen
diesen Streik: „Deshalb haben alle diejenigen, die an diesen Versammlungen der
Syndikalisten sich beteiligt haben, ein Verbrechen an den Seeleuten begangen.
(…) Wilde Streiks verwerfen wir grundsätzlich“. (…) „Und in der gegenwärtigen
ernsten Zeit, wo es darauf ankommt, alle Kräfte der Arbeiter zusammenzufassen,
da treiben die Syndikalisten ihre Zersplitterungsversuche in die Reihen der
Arbeiter und berufen sich noch obendrein auf die Worte von Karl Marx, dass die
Befreiung der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann.“[2] Die
Appelle der sozialdemokratischen Gewerkschaften für eine Einheit der
Arbeiterbewegung waren nur noch Phrasen zur Kontrolle über die Regungen in der
Arbeiterklasse, die im August 1914 von der SPD zugunsten der „Einheit für den
Krieg“ verraten wurde.

Man kann der
syndikalistischen Strömung in Deutschland in den Wochen vor dem Kriegsausbruch
beileibe nicht den Vorwurf machen, den Klassenkampf beiseite gelegt zu haben.
Im Gegenteil bildeten sie für kurze Zeit noch ein Sammelbecken kämpferischer
Proletarier: „Da kamen Arbeiter, die das Wort Syndikalismus das erste Mal
vernahmen und hier von heute auf morgen für ihre revolutionären Wünsche Befriedigung
erhofften.“[3] Doch es
stand vor allen Organisationen der Arbeiterklasse, auch der syndikalistischen
Strömung, eine weitere Aufgabe. Nebst der Aufrechterhaltung des Klassenkampfes
war es unabdingbar, den imperialistischen Charakter des sich abzeichnenden
Krieges zu entlarven!

Was war die Haltung
der syndikalistischen FVDG gegenüber dem Krieg? Am 1. August 1914 wandte sie
sich in ihrem Hauptorgan Die Einigkeit klar gegen den aufkommenden
Krieg, nicht als naive Pazifisten, sondern als Arbeiter, welche die Solidarität
mit Arbeitern in anderen Ländern suchten: „Wer will den Krieg? Nicht das
arbeitende Volk, sondern eine nichtsnutzige Militärkamarilla, die in allen
europäischen Staaten nach kriegerischem Ruhm geizt. Wir Arbeiter wollen keinen
Krieg! Wir verabscheuen ihn, er mordet die Kultur, schändet die Menschheit und
vermehrt die Zahl der durch den bestehenden wirtschaftlichen Krieg
Verkrüppelten ins Ungeheuerliche. Wir Arbeiter wollen den Frieden, den ganzen
Frieden! Wir kennen keine Österreicher, Serben, Russen, Italiener, Franzosen
usw. Arbeitsbruder ist unser Name! Den Arbeitern aller Länder reichen wir die
Hände, um eine Untat zu verhindern, die einen Strom von Tränen aus den Augen
der Mütter und Kinder erzeugen müsste. Barbaren und jeder Zivilisation
feindliche Menschen mögen im Kriege eine hehre und heilige Äußerung erblicken.
– Menschen mit einem fühlenden Herzen, Sozialisten, getragen von er
Weltanschauung der Gerechtigkeit, Humanität und Menschenliebe, verachten den
Krieg! Deshalb, Arbeiter und Genossen! Erhebt überall eure Stimme zum Protest
gegen ein im Anzug befindliches Verbrechen an der Menschheit. Es kostet den
Armen Gut und Blut, den Reichen aber bringt es Gewinn und den Vertretern des
Militarismus Ruhm und Ehre. Nieder mit dem Krieg!“

Am 6. August erfolgte
der Angriff deutscher Truppen auf Belgien. Franz Jung, ein revolutionärer
syndikalistischer Sympathisant der FVDG und späteres Mitglied der KAPD,
schildert seine ergreifenden Erlebnisse im kriegstaumelnden Berlin dieser Tage:
„Zum mindesten stürzte eine Welt zusammen über die paar Dutzend
Friedensdemonstranten, in die ich hineingeraten war. Soviel ich mich erinnere,
war diese Demonstration von den Syndikalisten um Kater und Rocker aufgezogen
worden. Ein Transparent, über zwei Stangen gespannt, wurde hochgehoben, eine
rote Fahne entfaltet, und die Demonstration: „Nieder mit dem Krieg!“ begann
sich in Reihen zu ordnen. Wir sind nicht weit gekommen.“[4]

Lassen wir eine
andere revolutionäre Stimme der damaligen Zeit, die internationalistische
Anarchistin Emma Goldman sprechen: „In Deutschland blieben Gustav Landauer,
Erich Mühsam, Fritz Oerter, Fritz Kater, und viele andere Genossen bei Verstand.
Selbstverständlich waren wir bloß eine Handvoll verglichen mit den
kriegsberauschten Millionen, doch es gelang uns ein Manifest unseres
Internationalen Büros in der ganzen Welt zu verbreiten und wir enthüllten nun zu
Hause die wahre Natur des Militarismus mit gesteigerter Energie.“[5] Oerter und
Kater waren erfahrene Hauptexponenten der FVDG. Die FVDG blieb während des
ganzen Krieges standfest in ihrer Haltung gegen den Krieg. Diese ist
unumstritten wohl die herausragendste Stärke der FVDG – aber kurioserweise das
am wenigsten dokumentierte Kapitel ihrer Geschichte.

Die FVGD wurde bei
Kriegsbeginn sofort verboten. Viele ihrer Mitglieder – sie zählte 1914 noch
rund 6000 – wurden in Schutzhaft genommen oder zwangsrekrutiert und an die
Front geschickt. In der Zeitschrift Der Pionier, einem zweiten Organ der
FVDG, schrieb sie am 5. August 1914 im Leitartikel „Das internationale
Proletariat und der drohende Weltkrieg“: „Jeder weiß es, der Krieg zwischen
Serbien und Österreich ist nur der sichtbare Ausdruck für das chronische
Kriegsfieber…“. Die FVDG beschrieb, wie es den Regierungen in Serbien,
Österreich und Deutschland gelungen war, die Arbeiterklasse für „die
Kriegsfurie“ zu gewinnen, und denunzierte dabei die SPD und die Lüge des
angeblichen Verteidigungskrieges: „Deutschland wird nie der „angreifende“ Teil
sein, diese Auffassung werden die Herren in der Regierung uns schon beibringen,
und aus diesem Grunde werden die deutschen Sozialdemokraten, wie das ihre
Presse und Redner schon in sichere Aussicht gestellt haben, wie ein Mann in den
deutschen Heeren zu finden sein.“. Die Einigkeit Nr. 32 vom 8. August
war die letzte Ausgabe, welche die Mitglieder noch erreichte.

Ein
internationalistischer Antimilitarismus

Wir haben im
einführenden Teil dieser Artikelserie über die syndikalistische Bewegung eine
Unterscheidung zwischen Antimilitarismus und Internationalismus gemacht: „Der
Internationalismus beruht auf dem Verständnis, dass der Kapitalismus, obwohl er
ein Weltsystem ist, dennoch unfähig bleibt, über den nationalen Rahmen und die
zunehmend frenetische Konkurrenz zwischen den Nationen hinauszugehen. Insofern
erzeugt er eine Bewegung, die auf den internationalen Sturz der
kapitalistischen Gesellschaft durch eine Arbeiterklasse abzielt, die ebenfalls
international vereint ist. (…) Der Antimilitarismus dagegen ist nicht
notwendigerweise internationalistisch, da er dazu neigt, nicht den Kapitalismus
als solchen zum Feind zu erklären, sondern nur einen Aspekt des Kapitalismus.“[6] In welches
Lager fügte sich die FVDG ein?

In der Presse der
FVDG dieser Zeit stößt man wenig auf tiefschürfende oder ausgedehnte politische
Analysen über die Hintergründe des Krieges oder über das Verhältnis zwischen
den verschiedenen imperialistischen Mächten. Dieses Manko ergab sich aus dem
gewerkschaftlichen Verständnis der FVDG. Sie verstand sich zu diesem Zeitpunkt
vor allem als eine auf ökonomischem Gebiet kämpfende Organisation, obwohl sie
in der Realität vielmehr ein Zusammenschluss von Gruppen war, die syndikalistische
Ideen verteidigte, und keine Gewerkschaft. Die harten Auseinandersetzungen mit
der SPD, die 1908 mit ihrem Ausschluss geendet hatten, erzeugten in ihren
Reihen eine übertrieben pauschale Abneigung gegenüber der „Politik“ und damit
den Verlust eines Erbes, das ihre Organisation in der Vergangenheit immer gegen
die Trennung von Politik und Ökonomie verteidigte, welche von den großen
sozialdemokratischen Gewerkschaften portiert wurde. Das Verständnis über die
Dynamik der imperialistischen Spannungen war in den Reihen der FVDG nicht
wirklich auf der Höhe der Zeit, sie wurde aber durch den Krieg unweigerlich
gezwungen, zu einer höchst politischen Frage Stellung zu beziehen. 

Die Geschichte des
Syndikalismus in Deutschland zeigt am Beispiel der FVDG auf, dass zu einer
wirklich internationalistischen Haltung nicht alleine theoretische Analysen
über den Imperialismus genügen. Auch ein gesunder proletarischer Instinkt, ein
tiefes Solidaritätsgefühl mit der internationalen Arbeiterklasse, ist dazu
unabdingbar – und genau dies bildete das Rückgrat der FVDG im Jahre 1914.

Die FVDG bezeichnete
sich in ihren Schriften meist als „antimilitaristisch“, das Wort
Internationalismus ist kaum zu finden. Doch um den Syndikalisten der FVDG
gerecht zu werden, ist es absolut notwendig das wahre Wesen ihrer Oppositionsarbeit
gegen den Krieg zu betrachten. Die Sichtweise der FVDG gegenüber dem Krieg war
keine, die an den Landesgrenzen Halt machte oder wie der damals verbreitete
Pazifismus Illusionen in die Möglichkeit eines friedlichen Kapitalismus hegte.
Anders als die große Mehrheit der Pazifisten, welche sich mehrheitlich nach
Kriegsausbruch flugs in den Reihen der Verteidigung der Nation gegen den
angeblich noch grausameren ausländischen Militarismus befanden, warnte die FVDG
am 8. August 1914 die Arbeiterklasse klar vor jeglicher Kooperation mit der
nationalen Bourgeoisie: “Die Arbeiter dürfen daher auch jetzt nicht vertrauensselig
auf die augenblickliche Humanität der Kapitalisten und Unternehmer bauen. Der
augenblickliche Kriegsfuror darf das Bewusstsein der bestehenden
Klassengegensätze zwischen Kapital und Arbeit nicht verwischen.“[7] 

Für die Genossen der
FVDG ging es nicht darum, nur einen Aspekt des Kapitalismus, den Militarismus,
zu bekämpfen, sondern sie stellten den Kampf gegen den Krieg in den allgemeinen
Kampf der Arbeiterklasse zur weltweiten Überwindung des Kapitalismus, so wie es
Karl Liebknecht schon 1906 in der Schrift Militarismus und Antimilitarismus formuliert
hatte. Liebknecht hatte 1915 im Artikel Antimilitarismus!
berechtigterweise heroisch und radikal scheinende Formen des Antimilitarismus
wie die Desertion kritisiert, da sie durch die Ausscheidung gerade der
tüchtigsten Antimilitaristen aus den Armeen dieselben noch mehr in die Hände
der Militaristen liefere und daher „alle bloß individuell geübten und
individuell wirkenden Methoden grundsätzlich zu verwerfen sind“. In der
internationalen syndikalistischen Bewegung gab es verschiedenste Auffassungen
über den antimilitaristischen Kampf. Domela Nieuwenhuis, ein historischer
Repräsentant der Generalstreiks–Idee, hatte 1901 in seiner Broschüre Der
Militarismus
Mittel vorgeschlagen, die eine eigenartige Mischung von
Reformen und individueller Verweigerung waren. Anders die FVDG, sie teilte die
Sorge Liebknechts, dass der gemeinsame Klassenkampf aller Arbeiter, und nicht
die individuelle Aktion das alleinige Mittel gegen den Krieg ist.

Die Presse der FVDG
wurde vor allem von der Geschäftskommission in Berlin, bestehend aus fünf
Genossen um Fritz Kater, getragen und drückte, aufgrund des losen
organisatorischen Zusammenhaltes der FVDG, stark deren eigene politische
Positionen aus. Die internationalistische Haltung beschränkte sich innerhalb
der FVDG aber nicht wie in der syndikalistischen CGT in Frankreich auf eine
Minderheit der Organisation. Es kam angesichts der Kriegsfrage nicht zu Spaltungen.
Es war vielmehr die Zerschlagung der Organisation und der Zwangseinzug an die
Front, welche dazu führten, dass nur eine Minderheit noch permanente
Aktivitäten aufrechterhalten konnte. Hauptsächlich in Berlin und in ca. 18 anderen
Ortsgruppen waren syndikalistische Gruppen noch aktiv. Sie standen nach dem
Verbot der Einigkeit im August 1914 durch das Mitteilungsblatt in
Verbindung und ab dessen Unterdrückung im Juni 1915 durch das Organ Rundschreiben,
welches im Mai 1917 ebenfalls verboten wurde. Durch die starke Repression gegen
die internationalistischen Syndikalisten in Deutschland trugen ihre Publikationen
ab Kriegsbeginn vielmehr den Charakter interner Bulletins, und nicht
öffentlicher Zeitschriften: „Die Vorstände, resp. Vertrauensleute haben die
benötigte Anzahl der Exemplare für ihre vorhandenen Mitglieder umgehend
auszugeben, und das Blatt nur diesen zuzustellen.[8]

Die Genossen der FVDG
hatten auch den Mut, sich dem Einschwenken der Mehrheit der syndikalistischen
CGT in Frankreich zur Beteiligung am Krieg entgegenzustellen: „All diese
Kriegstreiberei internationaler Sozialisten, Syndikalisten und Antimilitaristen
kann nicht im entferntesten dazu beitragen, unsere Prinzipien zu erschüttern.“[9], schrieben
sie zur Kapitulation der CGT–Mehrheit. Die Kriegsfrage war innerhalb der
internationalen syndikalistischen Bewegung ein Prüfstein geworden. Sich der großen
syndikalistischen Schwester, der CGT, entgegenzustellen, erforderte eine
entschlossene Treue zur Arbeiterklasse, waren die CGT und ihre Theorien doch
über Jahre wichtiger Orientierungspunkt bei der Hinwendung der FVDG zum
Syndikalismus gewesen. Die Genossen der FVDG unterstützen während des Krieges
die internationalistische Minderheit um Pierre Monatte, welche aus der CGT hervorging.

Weshalb
blieb die FVDG internationalistisch?

Alle Gewerkschaften in Deutschland erlagen
1914 dem nationalistischen Kriegsfieber. Weshalb war die FVDG eine Ausnahme?
Diese Frage lässt sich nicht alleine mit dem „Glück“, eine standhafte und
internationalistische Geschäftskommission besessen zu haben, beantworten –
obwohl dem so war. Genauso wenig lässt sich die Kapitulation der sozialdemokratischen
Gewerkschaften gegenüber der Kriegsfrage mit dem „Pech“ einer verräterischen
Gewerkschaftsführung erklären.

Die FVDG hatte sich
auch kaum deshalb ein internationalistisches Rückgrat erworben, weil sie sich
ab 1908 klar zum Syndikalismus hinbewegte. Das Beispiel der französischen CGT
zeigt, dass der Syndikalismus in der damaligen Zeit an und für sich keine
Garantie für den Internationalismus darstellte. Man kann generell sagen: Weder
ein Bekenntnis zum  Marxismus noch eines
zum Anarchismus oder zum Syndikalismus stellten an sich eine Garantie dar,
internationalistisch zu sein.

Die FVDG verwarf die
patriotische Lüge der herrschenden Klasse, eingeschlossen der Sozialdemokratie,
eines reinen „Verteidigungskrieges“ (eine Falle in die Kropotkin tragischer
Weise gestolpert war). Sie denunzierte in ihrer Presse die Logik, dass sich jede
Nation als die Angegriffene darstellt, Deutschland gegen den dunklen russischen
Zarismus, Frankreich gegen den preußischen Militarismus, usw.[10] Diese
Klarheit konnte nur auf der Einsicht gedeihen, dass der Kapitalismus nicht mehr
in fortschrittlichere oder rückständigere Nationen aufgeteilt werden konnte,
sondern als Gesamtes zerstörerisch geworden war für die Menschheit. Eine
internationalistische Haltung zeichnete sich zur Zeit des Ersten Weltkrieges
vor allem durch die politische Denunziation des „Verteidigungskrieges“ aus.
Nicht zufällig widmete Trotzki dieser Frage im Herbst 1914 eine ganze Broschüre.[11]

Die FVDG
argumentierte oft auch mit menschlichen Prinzipien: „Der Sozialismus stellt
menschliche über nationale Prinzipien“ (…) „Es ist (…) schwer jetzt auf der
Seite der trauernden Menschheit zu stehen, doch wenn wir Sozialisten sein
wollen, dann ist dies unser Platz.“[12] Die Frage der Solidarität
und der menschlichen Verbindung mit anderen Arbeitern auf der ganzen Welt war
damals eine Basis für eine internationalistisch Haltung. Der proletarisch
formulierte Internationalismus der FVDG im Jahre 1914 aber, war damals ein
Zeichen der Stärke der syndikalistischen Bewegung in Deutschland gegenüber der
Gretchenfrage des Krieges.

Die fundamentalen
Wurzeln des Internationalismus der FVDG liegen aber vor allem in ihrer
Geschichte als langjährige Opposition gegen den schleichenden Reformismus
innerhalb der SPD und der sozialdemokratischen Gewerkschaften. Ihre Abneigung
gegen das Allerweltsmittel des Parlamentarismus der SPD spielte eine
wesentliche Rolle. Sie verhinderte, gerade im Gegensatz zu den
sozialdemokratischen Gewerkschaften, eine ideologische Einbindung in den
kapitalistischen Staat.

Die Zerrissenheit der
FVDG in der Zeit kurz vor dem Ausbruch des Krieges zwischen einem
gewerkschaftlichen Verständnis, einer Abneigung gegen „die Politik“ (der SPD)
und einer Realität als Propagandagruppen (welche wie schon oben beschrieben
klare Analysen über den Imperialismus bremste) hatte offenbar nicht nur
Schwächen zur Folge. Angesichts der unverblümten chauvinistischen Kriegspolitik
der SPD und der anderen Gewerkschaften wurde in den Reihen der FVDG deutlich
der alte Reflex ihres Widerstandes gegen die Entpolitisierung der
Arbeiterkämpfe, den sie bis in die Massenstreikdebatte von 1904 hinein prägte,
geweckt.

Auch wenn, wie im
vorangegangenen Artikel beschrieben, der Widerstand der FVDG gegen den
Reformismus eigenartige Schwächen in sich trug wie eine Abneigung gegen „die
Politik“ – was 1914 zählte, war die Haltung gegenüber dem Krieg. Viel
gewichtiger als ihre Schwächen war für die Arbeiterklasse in diesem Moment der
internationalistische Beitrag der FVDG.

Entscheidend für eine
internationalistische Standhaftigkeit war zudem die gesunde Reaktion, sich
trotz schwierigster Bedingungen nicht in Deutschland zu verschanzen. Die FVDG
suchte den Kontakt nicht nur mit Monattes internationalistischer
CGT–Minderheit, sondern auch mit anderen Syndikalisten in Dänemark, Schweden,
Spanien, Holland (Nationaal Arbeids Secretariaat) und Italien (Unione Sindacale
Italiana), welche versuchten, sich dem Krieg entgegenzusetzen.

Ungenügende
Zusammenarbeit mit anderen Internationalisten in Deutschland

Wie laut war die internationalistische Stimme
der FVDG während des Kriegens innerhalb der Arbeiterklasse zu hören? Sie
verwarf offen die perfiden Institutionen zur Integration in den Burgfrieden.
Wie in ihrem internen Organ Rundschreiben formuliert, wandte sie sich
konsequent gegen die Beteiligung an den Kriegsausschüssen[13]: „Gewiss nicht! Solche
Funktionen sind nichts für die unserer Mitglieder oder Funktionäre (…) niemand
kann das von ihnen verlangen“[14]. Doch
dies richtete sich in den Jahren 1914–1917 fast ausschließlich an die eigenen
Reihen. Mit einer realistischen Einschätzung über die augenblickliche Machtlosigkeit
und die Unmöglichkeit, dem Krieg wirklich noch im Wege stehen zu können, aber
vor allem mit einer berechtigten Angst vor der Zerschlagung der Organisation,
wandte sich Fritz Kater im Namen der Geschäftskommission im Mitteilungsblatt
vom 15. August 1914 an die Genossen der FVDG: „Unsere Ansichten über
Militarismus und Krieg, wie wir sie seit Jahrzehnten vertreten und propagiert
haben, für die wir bis ans Lebensende einstehen, passen nicht in eine Zeit
überschwänglicher Kriegsbegeisterung, man verurteilt uns zum Schweigen. Das war
vorauszusehen und daher war das Verbot für uns durchaus keine Überraschung. Wir
haben uns damit in Ruhe abzufinden, ebenso auch alle übrigen
Gewerkschaftsgenossen.“

Kater drückte
einerseits die Hoffnung aus, die Aktivitäten wie vor dem Krieg aufrecht
erhalten zu können (was aber durch die Repression unmöglich war), andererseits
das minimale Ziel, die Organisation zu retten: „Die Geschäftskommission ist
aber der Ansicht, pflichtvergessen zu handeln, wenn sie mit dem Verbot der
Zeitungen nun auch die anderweitigen Aktivitäten einstellte. Das wird sie nicht
tun. (…) Sie wird die Verbindung mit den einzelnen Organisationen aufrecht
erhalten, und alles tun was nötig ist, um deren Zerfall zu verhindern.“

Die FVDG hat den
Krieg tatsächlich überlebt. Dies aber nicht aufgrund einer besonders
geschickten Überlebensstrategie oder eindringlichen Appellen, die Organisation
nicht zu verlassen. Es war eindeutig ihre internationalistische Haltung, welche
durch die Kriegszeit hindurch Anziehungspol für ihre Mitglieder blieb.

Als im September 1915
mit dem Zimmerwalder Manifest ein internationaler Aufruf mit großem Echo gegen
den Krieg ertönte, wurde dies von der FVDG solidarisch begrüßt. Dies vor allem
auch wegen ihrer Nähe zur internationalistischen Minderheit der CGT, welche in
Zimmerwald präsent war. Doch die FVDG hegte gegen einen Großteil der
Gruppierungen der Zimmerwalder Konferenz ein Misstrauen, weil diese noch allzu
sehr mit der Tradition des Parlamentarismus verknüpft waren. Dieses Misstrauen
war keinesfalls unberechtigt, denn sechs Anwesende in Zimmerwald, darunter
Lenin, hatten dazu erklärt: „Das von der Konferenz angenommene Manifest stellt
uns nicht ganz zufrieden. (…) Das Manifest enthält keine klare Charakteristik
der Mittel für den Kampf gegen den Krieg.“[15]. Die FVDG verfügte auch
nicht über die von Lenin angesprochene Klarheit über die Mittel für den Kampf
gegen den Krieg. Ihr Misstrauen drückte vielmehr eine mangelnde Offenheit
gegenüber anderen Internationalisten aus. Ihr Verhältnis gegenüber den anderen
Internationalisten in Deutschland zeigt dies deutlich.

Weshalb gab es in
Deutschland selbst keine Zusammenarbeit zwischen der internationalistischen
Opposition des Spartakusbundes und den Syndikalisten der FVDG? Während einer
langen Zeit hatten tiefe Gräben bestanden, die nicht überwunden werden konnten.
Karl Liebknecht hatte 10 Jahre zuvor in der Massenstreikdebatte von 1904 die
FVDG hart über den Leist der individualistischen Schwächen eines ihrer
damaligen temporären Wortführers, Rafael Friedebergs, geschlagen. Soweit wir wissen,
haben auch die Revolutionäre um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht den Kontakt
zur FVDG während der ersten Kriegsjahre nicht gesucht, sicher aus einer
Unterschätzung der internationalistischen Fähigkeiten der Syndikalisten.

Die FVDG selbst hatte
gegenüber Karl Liebknecht, der Symbolfigur der Bewegung gegen den Krieg in
Deutschland war, eine sehr schwankende Haltung, welche ein Zusammenrücken
verhinderte. Die FVDG konnte Liebknecht einerseits seine Zustimmung zu den
Kriegskrediten im August 1914, die dieser nicht aus Überzeugung, sondern lediglich
aus falscher Fraktionsdisziplin (wie er danach selber kritisierte) erteilte,
nie verzeihen. Andererseits verteidigte ihn die FVDG aber immer wieder in ihrer
Presse, wenn Liebknecht Opfer der Repression wurde. Eigenartigerweise traute
die FVDG es der revolutionären Opposition in der SPD nicht zu, sich vom
Parlamentarismus zu lösen, einen Schritt, den sie selber auch erst durch die
Trennung von der SPD 1908 vollständig gemacht hatte. Es existierte ein tiefes
Misstrauen. Erst als dann Ende 1918 die revolutionäre Bewegung Deutschland voll
erfasste, rief die FVDG ihre Mitglieder zeitweilig dazu auf, in Doppelmitgliedschaft
auch dem Spartakusbund beizutreten.

Rückblickend suchten
weder die FVDG noch der Spartakusbund in genügendem Maße den Kontakt auf der
Basis ihrer gemeinsamen internationalistischen Haltung während des Krieges. Es
war vielmehr die Bourgeoisie, welche die internationalistische Gemeinsamkeit
der FVDG und der Spartakisten besser erkannte als diese beiden Organisationen
selber: Die von der SPD–Führung kontrollierte Presse versuchte die Spartakisten
oft als der „Kater–Tendenz“ nahe stehend zu verunglimpfen[16].

Wenn wir anhand der
Geschichte der FVDG während des Ersten Weltkrieges für heute und für die
Zukunft eine Lehre ziehen können, dann folgende: die Notwendigkeit, den Kontakt
mit anderen Internationalisten zu suchen, auch wenn zu anderen Fragen
Differenzen bestehen. Dies hat absolut nichts mit einer aus der Geschichte der
geschlagenen Arbeiterbewegung der 20er und 30er Jahre bekannten „Einheitsfront“
zu tun (bei der aus einer Schwäche heraus sogar die Zusammenarbeit mit
Organisationen des bürgerlichen Lagers gesucht wird) sondern damit, die
wichtigste proletarische Gemeinsamkeit zu erkennen.

Mario 5.8.2011


[1]H.J.
Bieber:
Gewerkschaften in Krieg und
Revolution
, S. 88

[2]Siehe:
Folkert Mohrhof,
Der syndikalistische Streik auf
der „Vaterland“ 1914

[3]Die
Einigkeit
, Hauptorgan der FVDG, 27.6.1914, Karl
Roche: „Ein Gewerkschaftsführer als Gehilfe der Staatsanwaltschaft“

[4]Franz
Jung,
Der Weg nach unten, Nautilus,
S.89

[5]Emma
Goldman,
Gelebtes Leben.
Emma Goldman hatte sich in Februar 1915 mit anderen internationalistischen
Anarchisten wie Berkman und Malatesta offen gegen die Befürwortung des Krieges
durch die anarchistische Autoritätsfigur Kropotkin und anderer gewandt. Die
FVDG begrüßte im
Mitteilungsblatt
vom 20. Februar 1915 diese Verteidigung des Internationalismus gegenüber
Kropotkin durch revolutionäre Anarchisten.

[6]„Was
ist revolutionärer Syndikalismus?“,
Internationale Revue Nr.
46

[7]Die
Einigkeit
Nr. 32, 8. August 1914

[8]Mitteilungsblatt,
15. August 1914

[9]Mitteilungsblatt,
10. Oktober 1914, zitiert nach Wayne Thorpe,
Keeping
the faith: The German Syndicalists in the First World War
.
Diese Arbeit ist neben den Originaldokumenten der FVDG die einzige (und sehr
wertvolle) Untersuchung über den deutschen Syndikalismus im Ersten Weltkrieg.

[10]Siehe
u.a.
Mitteilungsblatt November
1914 und
Rundschreiben
August 1916.

[11]Der
Krieg und die Internationale

[12]Mitteilungsblatt,
21. November 1914

[13]Kriegsausschüsse
wurden ab Februar 1915 zuerst in der metallverarbeitenden Industrie im Raum
Berlin gegründet. Sie umfassten Vertreter von Unternehmerverbänden im
Metallbereich und Vertreter der großen Gewerkschaften. Ihr Ziel war es, den
zunehmenden Arbeitsplatzwechsel der Arbeiter in Fabriken, die höheren Gehälter
boten, zu stoppen. Diese „unkontrollierte“ Fluktuation war in den Augen der
Regierung und der Gewerkschaften schädlich für eine effiziente
Kriegsproduktion. Aufgrund der langsam beginnenden Ausblutung der Gesellschaft
durch die Massaker des Krieges war ein Arbeitskräftemangel entstanden. Diese
Kriegsauschüsse basierten auf einem früheren Vorstoß zur Bildung von
Kriegsarbeitsgemeinschaften, der schon im August 1914 vom sozialdemokratischen
Gewerkschaftsführer Theodor Leipart ins Leben gerufen worden war, unter der
heuchlerisch  arbeiterfreundlich
scheinenden Begründung, „die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen“ – es
ging aber in Wirklichkeit darum, die Gesellschaft besser auf die
Kriegsproduktion auszurichten.

[14]Zitiert nach Thorpe: Keeping the faith, a.a.O.

[15]Erklärung
von Lenin, Sinowjew, Radek, Nerman, Höglund, Winter auf der Konferenz von
Zimmerwald.

[16]z.B.
Vorwärts, 9. Januar 1917