Die Debattenkultur: Eine Waffe des Klassenkampfes

Die „Debattenkultur" ist weder für die Arbeiter­bewegung noch für die IKS eine neue Frage. Den­noch hat der Verlauf der Geschichte unsere Or­ganisation - seit Anfang des neuen Jahrtausends - gezwungen, zu dieser Frage zurückzukehren und sie noch gründlicher zu untersuchen. Es gab zwei wichtige Entwicklungen, die uns veranlasst haben, dies zu tun: erstens das Auftreten einer neuen Generation von Revolutionären und zweitens die interne Krise, die wir zu Beginn dieses Jahrhun­derts erlitten hatten

 

Der politische Dialog und die neue Generation

Es war in der ersten Linie der Kontakt mit ei­ner neuen Generation von Revolutionären, der die IKS dazu veranlasste, ihre Offenheit nach außen und ihre Fähigkeit zum politischen Dia­log bewusster zu pflegen.

Jede Generation bildet ein Glied in der Kette der Menschheitsgeschichte. Jede von ihnen wird mit drei fundamentalen Aufgaben kon­frontiert: damit, das kollektive Erbe von der vorherigen Generation zu übernehmen; dieses Erbe auf der Grundlage ihrer eigenen Erfah­rung zu bereichern und es schließlich weiterzu­reichen, so dass die nächste Generation mehr erreichen kann, als eigentlich in ihrem Vermö­gen steht.Diese Aufgaben sind alles andere als leicht und stellen eine besondere Herausforderung dar. Dies trifft auch auf die Arbeiterbewegung zu. Die ältere Generation hat ihre Erfahrungen an­zubieten. Doch sie trägt auch an den Wunden und Traumata ihrer Kämpfe, musste lernen, Niederlagen, Enttäuschungen und der Tatsache ins Gesicht zu schauen, dass die Erringung von dauernden Errungenschaften des kollektiven Kampfes oftmals mehr als eine Lebensspanne erfordert.[1] Es benötigt die Energie und den Elan der folgenden Generation, aber auch ihre neuen Fragen und ihre Fähigkeit, die Welt mit ande­ren Augen zu betrachten.

Doch so sehr sich die Generationen gegenseitig benötigen, ist ihre Fähigkeit, die nötige Einheit zu schmieden, nicht automatisch gegeben. Je mehr sich die Gesellschaft von der Naturalwirt­schaft entfernte, je unablässiger und schneller der Kapitalismus die Produktivkräfte und die gesamte Gesellschaft „revolutioniert", desto mehr unterscheiden sich die Erfahrungen der einen Generation von der nächsten. Der Kapi­talismus, das Konkurrenzsystem schlechthin, spielt die Generationen im Kampf einer gegen alle gegenseitig aus.

Dies im Hinterkopf begann unsere Organisa­tion, sich auf die Aufgabe einzustellen, diese Verbindung zu knüpfen. Doch mehr noch als diese Vorbereitung war es die aktuelle Erfah­rung, auf diese neue Generation zu stoßen, die der Frage der Debattenkultur eine - in unseren Augen - zusätzliche Bedeutung verlieh. Wir trafen auf eine Generation, die dieser Frage eine weitaus größere Bedeutung beimisst als die 68er Generation. Das erste wichtige Anzei­chen für diesen Wandel in der Arbeiterklasse insgesamt war die Massenbewegung der Stu­denten und Schüler im Frühjahr 2006 in Frank­reich gegen die „Prekarisierung" der Beschäf­tigung. Hier fiel die Betonung der freiesten und breitesten Debatte insbesondere in den allge­meinen Versammlungen besonders stark ins Auge. Im Gegensatz dazu war die Studenten­bewegung, die sich in den späten 60er Jahren entwickelt hatte, häufig von ihrer Unfähigkeit zum politischen Dialog gekennzeichnet. Dieser Unterschied ist in erster Linie ein Ausdruck der Tatsache, dass das Studentenmilieu heute weit­aus stärker proletarisiert ist, als dies vor vierzig Jahren der Fall gewesen war. Die intensive, breite Debatte war stets ein wichtiger Eckpfei­ler proletarischer Massenbewegungen gewesen und charakterisierte auch die Arbeiterver­sammlungen 1968 in Frankreich oder 1969 in Italien. Doch 2006 gab es eine Offenheit der kämpfenden Jugend gegenüber den älteren Ge­nerationen, eine Neugier, um von ihren Erfah­rungen zu lernen. Dies unterschied sich deut­lich vom Verhalten der Studentenbewegung in Deutschland Ende der 60er Jahre (was viel­leicht die Stimmung zu jener Zeit am meisten karikierte). Einer ihrer Slogans war: alle über 30 ab ins Konzentrationslager! Hand in Hand mit dieser Ansicht ging die Praxis einher, jeden Anderen niederzubrüllen, „rivalisierende" Tref­fen gewaltsam zu sprengen etc. Hier liegt auf psychologischer Ebene eine der Wurzeln für die Entwicklung des Terrorismus als eine Pro­testform nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien. Der Bruch in der Kontinuität zwischen den Generationen der Arbeiterklasse war eine der Wurzeln dieses Problems, sind doch die Beziehungen zwischen den Generati­onen seit altersher ein bevorzugter Bereich, um eine Dialogbereitschaft zu schaffen. Die Mili­tanten von 1968 unterstellten der Generation ihrer Eltern, sich an den Kapitalismus „ver­kauft" zu haben, oder betrachteten sie (wie in Deutschland oder Italien) als eine Generation von Faschisten und Kriegsverbrechern. Für die ArbeiterInnen, die die schreckliche Ausbeu­tung der Nachkriegsphase nach 1945 in der Hoffnung ertragen hatten, dass es ihren Kinder einst besser ergehen würde als ihnen, war es eine bittere Enttäuschung zu hören, wie ihre Kinder sie beschuldigten, „Parasiten" zu sein, die von der „Ausbeutung der Dritten Welt" lebten. Jedoch gibt es auch keinen Zweifel, dass die Elterngeneration jener Zeit weitestge­hend die Dialogbereitschaft verloren hatte oder zumindest nicht gelernt hatte. Diese Generation trug durch den II. Weltkrieg und den Kalten Krieg, durch die faschistische, stalinistische und sozialdemokratische Konterrevolution schlimme Narben davon.

Im Gegensatz dazu kündigte sich 2006 in Frankreich etwas Neues und außerordentlich Fruchtbares an.[2] Bereits einige Jahre zuvor hatte sich das Anliegen der neuen Generation in Gestalt der revolutionären Minderheiten der Arbeiterklasse angekündigt. Diese Minderhei­ten waren von dem Moment an, wo sie die Ebene des politischen Lebens betraten, mit ih­rer eigenen Kritik am Sektierertum und an der Verweigerung der Debatte gewappnet. Eine der ersten Forderungen, die sie erhoben, war, dass die Debatte nicht als ein Luxus betrachtet wer­den dürfe, sondern als eine dringende Notwen­digkeit; dass jene, die sich an ihr beteiligen, den Anderen ernstnehmen und lernen sollten, sich einander zuzuhören; dass Argumente die Waffen dieser Auseinandersetzung sind, und nicht die brutale Gewalt oder der Appell an moralische bzw. theoretische „Autoritäten". In Bezug auf das internationalistische proletari­sche Lager kritisierten diese Genossen im All­gemeinen (und völlig richtig) den Mangel an solidarischer Debatte zwischen den existieren­den Gruppen. Sie verwarfen ohne Umschweife den Gedanken, dass der Marxismus ein Dogma sei, welches die neue Generation unkritisch adoptieren müsse.[3]

Was uns anging, so waren wir von der Reak­tion dieser neuen Generation gegenüber der IKS überrascht. Die neuen Genossen, die auf unseren öffentlichen Treffen erschienen, die Kontakte überall auf der Welt, die mit uns zu korrespondieren begannen, die verschiedenen politischen Gruppierungen und Zirkel, mit de­nen wir debattierten - sie alle sagten uns wie­derholt, dass sie den proletarischen Charakter der IKS nicht nur wegen unserer programmati­schen Positionen, sondern auch wegen unserer Haltung - insbesondere die Art, wie wir debat­tierten - anerkannten.

Woher kommt dieses tiefe Anliegen der neuen Generation in dieser Frage? Wir denken, es re­sultiert aus dem Ausmaß der historischen Krise des Kapitalismus, die heute weitaus schwer­wiegender und gefährlicher ist als nach 1968. Dies erfordert die radikalste Kritik am Kapita­lismus, die bis in die tiefsten Wurzeln der Probleme reichen muss. Eine der ruinösesten Auswirkungen des bürgerlichen Individualis­mus ist die Art und Weise, wie er die Fähigkeit zerstört, zu diskutieren und insbesondere ein­ander zuzuhören und voneinander zu lernen. Der Dialog wird von der Rhetorik ersetzt; Sie­ger ist jener, der den meisten Krach macht (wie in bürgerlichen Wahlen). Die Debattenkultur ist dank der menschlichen Sprache der Haupt­weg, das Bewusstsein als erstrangige Waffe für jene Klasse zu entwickeln, die die Zukunft der Menschheit in sich trägt. Für das Proletariat ist sie das einzige Mittel zur Überwindung seiner Isolation und Ungeduld und dafür, in Richtung einer Vereinigung seiner Kämpfe zu gehen.

Ein anderer Aspekt dieses Anliegens heute ist der Kampf, um den Albtraum des Stalinismus zu überwinden. Viele der Mitstreiter, die heute internationalistischen Positionen zustreben, kommen direkt aus dem linksextremistischen Milieu und sind von Letzterem beeinflusst. Dieses Milieu stellt eine Karikatur der deka­denten bürgerlichen Ideologie und Haltung in einem sozialistischen Gewand dar. Diese Mili­tanten wurden politisch dazu gebracht zu glau­ben, dass der Austausch von Argumenten mit dem „bürgerlichen Liberalismus" identisch sei, dass ein „guter Kommunist" jemand sei, der seinen Mund hält sowie seinen Kopf und seine Gefühle ausschaltet. Die Genossen, die heute entschlossen sind, diese Auswirkungen dieses todgeweihten Produkts der Konterrevolution abzuschütteln, verstehen in wachsendem Maße, dass dies die Ablehnung nicht nur ihrer Positi­onen, sondern auch ihrer Mentalität erfordert. Indem sie so verfahren, tragen sie zur Re-Etab­lierung einer Tradition der Arbeiterbewegung bei, die vom Aussterben bedroht war, als die Konterrevolution einen Bruch in ihrer organi­schen Kontinuität verursachte.[4]

Organisationskrisen und die Tendenz zum Monolithismus

Der zweite bedeutende Impuls für die IKS, zur Frage der Diskussionskultur zurückzukommen, war unsere eigene interne Krise zu Beginn des neuen Jahrtausends, die von einem bösartigen Verhalten gekennzeichnet war, wie wir es in unseren Reihen noch nie erlebt hatten. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte musste die IKS nicht einen, sondern mehrere ihrer Mitglieder ausschließen.[5] Am Anfang dieser Krise standen Schwierigkeiten und Meinungsverschieden­heiten in der Frage der Zentralisierung in unse­rer französischen Sektion. Eigentlich gibt es keinen Grund, warum Divergenzen dieser Art die Ursache einer Organisationskrise sein sol­len. Und sie waren auch nicht die Ursache. Was die Krise verursachte, war die Weigerung, zu diskutieren, und besonders der Versuch, zu isolieren und zu verunglimpfen; d.h. jene per­sönlich anzugreifen, mit denen man nicht über­einstimmte.

Im Anschluss an diese Krise verpflichtete sich die Organisation, bis an die tiefsten Wurzeln der Krisen und Abspaltungen in unserer Ge­schichte zu gehen. Wir haben bereits Beiträge zu einigen dieser Aspekte veröffentlicht.[6] Eine der Schlussfolgerungen, zu denen wir gelang­ten, war, dass in all den Abspaltungen, die wir erlitten, die Tendenz zum Monolithismus eine wichtige Rolle spielte. Sobald Divergenzen auftraten, begannen gewisse Mitglieder zu be­haupten, dass sie nicht länger mit den anderen zusammenarbeiten könnten, dass die IKS zu einer stalinistischen Organisation geworden sei oder sich im Prozess der Degenerierung be­finde. Diese Krisen brachen anlässlich von Di­vergenzen aus, die in einer nicht-monolithi­schen Organisation größtenteils problemlos eingedämmt und in jedem Fall diskutiert und geklärt worden wären, ehe auch nur der Ge­danke an eine Trennung aufgekommen wäre.

Das wiederholte Auftreten von monolithischen Herangehensweisen ist durchaus überraschend in einer Organisation, die sich gerade auf die Traditionen der Italienischen Fraktion beruft, welche stets den Standpunkt vertrat, dass, wann immer es Divergenzen über fundamen­tale Prinzipien gibt, gründliche und kollektive Klärung jeder organisatorischen Trennung vo­rausgehen müsse.

Die IKS ist die einzige Strömung der Kommu­nistischen Linken heute, die sich ausdrücklich in die organisatorische Tradition der Italieni­schen Fraktion (Bilan) und der Französischen Kommunistischen Linken (GCF) stellt. Im Ge­gensatz zu den Gruppen, die aus dem PCInt stammen, welcher Ende des II. Weltkrieges in Italien gegründet worden war, erkannte die Ita­lienische Fraktion den überaus proletarischen Charakter der anderen internationalen Strö­mungen der Kommunistischen Linken an, die in Reaktion auf die stalinistische Konterrevo­lution entstanden waren, insbesondere die Deutsche und die Holländische Linke. Weit davon entfernt, diese Strömungen als „anarcho-spontaneistisch" oder „syndikalistisch" abzu­tun, lernte sie von ihnen, was zu lernen war. Tatsächlich betraf ihre Hauptkritik an dem, was später zur „rätekommunistischen" Strömung wurde, deren Sektierertum, das sich durch ihre Ablehnung der Beiträge der Zweiten Internati­onale und insbesondere des Bolschewismus ausgedrückt hat.[7] Auf diese Weise hielt die Ita­lienische Fraktion selbst in der fürchterlichen Konterrevolution das marxistische Verständnis aufrecht, dass sich Klassenbewusstsein kollek­tiv entwickelt und dass keine Partei oder Tra­dition ein Monopol darauf erheben kann. Dar­aus folgerte sie, dass das Bewusstsein nicht ohne solidarische, öffentliche, internationale Debatte entwickelt werden kann.[8]

Doch dieses fundamentale Verständnis, ob­gleich Teil des grundlegenden Erbes der IKS, ist nicht leicht in die Praxis umzusetzen. Die Debattenkultur kann nur gegen den Strom der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt werden. Da die spontane Tendenz innerhalb des Kapi­talismus nicht die Klärung von Ideen ist, son­dern die Gewalt, Manipulation und das Errin­gen von Mehrheiten (am beispielhaftesten im Wahlzirkus der bürgerlichen Demokratie), ent­hält die Infiltration dieses Einflusses in proleta­rischen Organisationen die Keime der Krise und Degeneration. Die Geschichte der bol­schewistischen Partei veranschaulicht dies per­fekt. So lange wie die Partei die Speerspitze der Revolution war, war die lebendigste, oft kontroverse Debatte eines ihrer Hauptmerk­male. Im Gegensatz dazu war die Verbannung realer Fraktionen (nach dem Massaker von Kronstadt von 1921) ein unübersehbares An­zeichen und aktiver Faktor ihrer Degenerie­rung. Desgleichen kann die Praxis der „friedli­chen Koexistenz" (d.h. die Nicht-Debatte) von einander widersprechenden Positionen, die be­reits den Gründungsprozess des Partio Comu­nista Internazionalista auszeichnete, oder die Theoretisierung der Tugenden des Mono­lithismus durch Bordiga und seine Anhänger nur im Zusammenhang mit der historischen Niederlage in der Mitte des 20. Jahrhunderts verstanden werden.

Wenn revolutionäre Organisationen ihre fun­damentale Rolle bei der Entwicklung und Aus­breitung von Klassenbewusstsein erfüllen wollen, ist die Kultivierung einer kollektiven, internationalen, solidarischen und öffentlichen Diskussion absolut notwendig. Es ist wahr, dass dies einen hohen Grad an politischer Reife (und auch allgemeiner, an menschlicher Reife) erfordert. Die Geschichte der IKS ist eine Il­lustrierung der Tatsache, dass dies nicht über Nacht erreicht werden kann, sondern das Pro­dukt einer historischen Entwicklung ist. Heute hat die neue Generation eine wichtige Rolle in diesem Reifungsprozess zu spielen.

Die Debattenkultur in der Geschichte

Die Fähigkeit, zu debattieren, war ein Haupt­kennzeichen in der Arbeiterbewegung gewe­sen. Doch die Debattenkultur war keine Erfin­dung der Arbeiterbewegung. Wie in anderen wichti­gen Bereichen war auch hier der Kampf für den Sozialismus in der Lage, die großen Errungen­schaften der Menschheit zu assimilieren, indem er sie auf seine eigenen Bedürfnisse anwen­dete. Dadurch wandelte er diese Qualitäten um und hob sie auf eine höhere Ebene.

Grundsätzlich ist die Debattenkultur ein Aus­druck des eminent sozialen Charakters der Menschheit. Sie ist insbesondere eine Auswir­kung des spezifisch menschlichen Gebrauchs der Sprache. Der Gebrauch der Sprache als ein Mittel zum Informationsaustausch ist etwas, was die Menschheit mit vielen Tieren teilt. Was die Menschheit jedoch vom Rest der Na­tur unterscheidet, ist die Fähigkeit, Argumen­tationen (die mit der Entwicklung der Logik und der Wissenschaften verknüpft sind) zu pflegen, auszutauschen und die anderen ken­nenzulernen (die Kultivierung des Mitgefühls, das unter anderem mit der Entwicklung der Kunst verknüpft ist).

Folglich ist diese Qualität nicht neu. In der Tat ging sie der Klassengesellschaft voraus und spielte mit Sicherheit eine tragende Rolle beim Aufstieg der Menschheit. Engels beispiels­weise nahm auf die Rolle der allgemeinen Ver­sammlungen der Griechen in der homerischen Epoche, der frühen deutschen Stämme oder der Irokesen in Nordamerika Bezug und pries be­sonders die Debattenkultur Letztgenannter.[9] Leider sind wir, trotz des Pionierwerks solcher Menschen wie Lewis Henry Morgan im 19. Jahrhundert und seiner Nachfolger, nur unzu­reichend über die frühen und mit ziemlicher Sicherheit entscheidenden Entwicklungen auf diesem Gebiet informiert.

Doch was wir wissen, ist, dass die Philosophie und die Anfänge des wissenschaftlichen Den­kens in der Geschichte zu blühen begannen, als die Mythologie und der naive Realismus - die­ses antike, widersprüchliche und doch unzer­trennliche Paar - in Frage gestellt wurden. Beide sind Gefangene der Unfähigkeit, die un­mittelbaren Erfahrungen besser zu verstehen. Die Gedanken, die sich der frühe Mensch über seine praktische Erfahrung machte, waren reli­giöser Natur. „Seit der frühen Zeit, wo die Menschen, noch in gänzlicher Unwissenheit über ihren eigenen Körperbau und angeregt durch Traumerscheinungen, auf die Vorstel­lung kamen, ihr Denken und Empfinden sei nicht eine Tätigkeit ihres Körpers, sondern ei­ner besonderen, in diesem Körper wohnenden und ihn mit beim Tode verlassenden Seele - seit dieser Zeit mussten sie über das Verhältnis dieser Seele zur äußern Welt sich Gedanken machen. Wenn sie im Tod sich vom Körper trennte, fortlebte, so lag kein Anlass vor, ihr noch einen besondren Tod anzudichten; so ent­stand die Vorstellung von ihrer Unsterblich­keit, die auf jener Entwicklungsstufe keines­wegs als ein Trost erscheint, sondern als ein Schicksal, wogegen man nicht ankann, und oft genug, wie bei den Griechen, als ein positives Unglück." (Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philoso­phie, MEW 21, S. 274)

Die ersten Schritte in der langsamen Entwick­lung der Kultur und der Produktivkräfte fanden im Rahmen des naiven Realismus statt. Das magische Denken hatte, auch wenn es bis zu einem gewissen Grad psychologische Weis­heiten enthielt, vor allem die Aufgabe, das Un­erklärliche zu erklären, um so die Furcht zu begrenzen. Beides, Mythologie und naiver Re­alismus, leistete wichtige Beiträge zum Fort­schritt der Menschheit. Die Behauptung, dass der reale Realismus eine besondere Affinität zur materialistischen Philosophie habe oder dass Letzterer sich direkt aus ihm entwickelt habe, entbehren jedoch jeglicher Grundlage.

„Es ist ein alter Satz der in das Volksbewusst­sein übergegangenen Dialektik, dass die Ex­treme sich berühren. Wir werden uns demnach schwerlich irren, wenn wir die äußersten Grade der Phantasterei, Leichtgläubigkeit und Aberglauben suchen nicht etwa bei derjenigen naturwissenschaftlichen Richtung, die, wie die deutsche Naturphilosophie, die objektive Welt in den Rahmen ihres subjektiven Denkens ein­zuzwängen suchte, sondern vielmehr bei der entgegengesetzten Richtung, die, auf die bloße Erfahrung pochend, das Denken mit souverä­ner Verachtung behandelt und es wirklich in der Gedankenlosigkeit auch am weitesten ge­bracht hat. Diese Schule herrscht in England." (Engels: Dialektik der Natur, MEW 20, S. 337)

Die Religion entstand, wie Engels aufzeigt, nicht nur aus einer magischen Weltanschauung, sondern auch aus dem naiven Realismus. Ihren ersten, oft kühnen Verallgemeinerungen über die Welt war notwendigerweise ein autoritati­ver Charakter verliehen.

Die ersten Bauerngemeinden begriffen bei­spielsweise schnell ihre Abhängigkeit vom Re­gen, doch waren sie noch weit entfernt davon, die Bedingungen zu begreifen, von denen der Regen abhängt. Die Erfindung eines Regen­gottes ist ein schöpferischer, sich selbst versi­chernder Akt, der den Eindruck erweckt, dass es möglich ist, den Verlauf der Natur durch Zuwendungen und Hingabe zu beeinflussen. Der Homo sapiens ist eine Spezies, die sich auf die Entwicklung des Bewusstseins zur Absi­cherung ihres Überlebens verlässt. Als solche ist sie mit einem bis dahin nie gekannten Problem konfrontiert: mit der oft lähmenden Furcht vor dem Unbekannten. Die Erklärungen des Unbekannten müssen also über alle Zweifel erhaben sein. Aus diesen Bedürfnissen heraus entstanden als ihr höchstentwickelter Ausdruck die Religionen der Offenbarung. Die ganze emotionale Grundlage dieser Weltsicht ist der Glaube, nicht das Wissen.

Der naive Realismus ist nichts anderes als die andere Seite derselben Münze, einer Art ele­mentare geistige „Arbeitsteilung". Was auch immer wir nicht in einem unmittelbaren, prak­tischen Sinne erklären können, betritt die Welt der Magie. Mehr noch, das praktische Ver­ständnis ist selbst in einer religiösen Vision eingebettet, ursprünglich in jener des Animis­mus. Hier wird die ganze Welt zum Fetisch. Selbst die Prozesse, die das menschliche We­sen bewusst produzieren und reproduzieren kann, finden allem Anschein nach unter Zuhil­fenahme personalisierter Kräfte statt, die unab­hängig von unserem Willen existieren.

Es ist klar, dass es in dieser Welt wenig Platz für die Debatte im modernen Sinne des Begrif­fes gab. Ungefähr vor zweieinhalb Tausend Jahren begann sich eine neue Qualität stärker Geltung zu verschaffen, die das Zwillingspaar von Religion und „gesundem Menschenvers­tand" direkt konfrontierte. Sie entwickelte sich aus den alten traditionellen Denkmustern in dem Sinne, dass sich Letztere in ihr Gegenteil verkehrten. So wandelte sich das frühe dialek­tische Denken, das der Klassengesellschaft vo­rausging - ausgedrückt z.B. in China durch die Idee der Polarität zwischen Yin und Yang, zwi­schen dem männlichen und weiblichen Prinzip -, in ein kritisches Denken um, das auf den we­sentlichen Komponenten der Wissenschaft, der Philosophie und des Materialismus beruhte. Doch wäre all dies undenkbar gewesen ohne das, was wir Debattenkultur nennen.

Was verhalf dieser neuen Vorgehensweise zu ihrem Aufstieg? Ganz allgemein gesprochen, war es die Vergrößerung der Welt der gesell­schaftlichen Beziehungen und des sozialen Wissens. Wie Engels zu sagen beliebte, ist der gesunde Menschenverstand ein starker und ge­sunder Bursche, solange er sich zuhause in sei­nen vier Wänden aufhält, doch erlebt er alle Arten von Unfällen, sobald er sich in die große, weite Welt hinauswagt. Doch auch die Grenzen der Religion bei der Eindämmung der Furcht wurden enthüllt. In der Tat hatte sie die Furcht nicht genommen, sondern bloß nach außen verlagert. Durch diesen Mechanismus hatte die Menschheit versucht, mit einem Schrecken fertig zu werden, der sie andernfalls zu einer Zeit, als sie noch keine anderen Selbstverteidi­gungsmittel hatte, zerschmettert hätte. Doch dadurch machte sie ihre eigene Furcht zu einer weiteren Kraft, die über sie herrschte.

Zu „erklären", was noch unerklärlich ist, be­deutet, auf ihre wirkliche Untersuchung zu ver­zichten. So kommt es zum Kampf zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Glauben und Wissen oder, wie Spinoza es formulierte, zwischen Unterwerfung und Untersuchung. Die griechische Philosophie entstand ur­sprünglich in Opposition zur Religion. Schon Thales, der erste uns bekannte Philosoph, brach aus der mystischen Weltsicht aus. Anaximan­der, der ihm folgte, forderte, dass die Natur aus sich selbst erklärt werden müsse.

Doch das griechische Denken war auch eine Kriegserklärung an den naiven Realismus. He­raklitus erklärte, dass das Wesen der Dinge nicht auf ihrer Stirn geschrieben steht. „Die Natur liebt es sich zu verbergen", erklärte er. Oder wie Marx sagte: „Und alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammen­fielen." (Marx: Kapital, Bd. 1, S. 825)

Die neue Herangehensweise forderte neben dem Glauben auch das Vorurteil und die Tradition heraus, die das Credo des Alltagslebens ist (in der deutschen Sprache haben Glaube und Aberglaube eine gemeinsame Wurzel). Dage­gen standen Theorie und Dialektik. „Man mag noch so viel Geringschätzung hegen für alles theoretische Denken, so kann man doch nicht zwei Naturtatsachen in Zusammenhang brin­gen oder ihren bestehenden Zusammenhang einsehen ohne theoretisches Denken." (Engels: Dialektik der Natur, MEW 20, S. 346)

Der wachsende gesellschaftliche Umgang war natürlich mit der Entwicklung der Produktiv­kräfte verknüpft. So erschienen zusammen mit den Problemen - die Ungenügendheit der herr­schenden Denkweise - auch die Mittel zu ihrer Lösung. In erster Linie ein gesteigertes Selbst­vertrauen insbesondere in die Kraft des menschlichen Gedankens. Die Wissenschaft kann nur entstehen, wenn es eine Fähigkeit und Bereitschaft gibt, die Existenz von Zweifeln und Unsicherheiten zu akzeptieren. Im Gegen­satz zur Autorität der Religion und der Tradi­tion ist die Wahrheit der Wissenschaft nicht absolut, sondern relativ. So ergibt sich nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Not­wendigkeit des Meinungsaustausches.

Es liegt auf der Hand, dass das Bekenntnis zur Herrschaft des Wissens nur gemacht werden kann, wo die Produktivkräfte (im breitesten kulturellen Sinne) einen bestimmten Reifegrad erreicht haben. Es ist unvorstellbar ohne eine entsprechende Entwicklung der Künste, der Bildung, der Literatur, der Naturbeobachtung, der Sprache. Und es geht auf einer bestimmten Stufe in der Geschichte Hand in Hand mit dem Aufkommen einer Klassengesellschaft und ei­ner herrschenden Schicht, die von der Bürde der materiellen Produktion befreit ist. Doch diese Entwicklungen verhalfen der neuen, un­abhängigen Herangehensweise nicht automa­tisch zu ihrem Aufstieg. Weder die Ägypter noch die Babylonier, trotz ihrer wissenschaftli­chen Fortschritte, noch die Phönizier, die als erste ein modernes Alphabet entwickelten, gin­gen so weit in diese Richtung wie die Grie­chen.

In Griechenland war es die Entwicklung der Sklaverei, die das Auftauchen einer Klasse von freien Bürgern neben den Priestern ermög­lichte. Diese lieferte die materielle Grundlage für die Untergrabung der Religion. (Wir kön­nen so die Formulierung von Engels im Anti-Dühring besser verstehen: ohne die Sklaverei in der Antike kein moderner Sozialismus.) In Indien, wo ungefähr zur gleichen Zeit eine Entwicklung von Philosophie, Materialismus (die so genannte Lokayata) und des Studiums der Natur stattfand, fiel dies mit der Bildung und Stärkung eines Kriegsadels zusammen, der sich der Brahmanischen Theokratie wider­setzte, eines Adels, der teilweise auf landwirt­schaftlicher Sklaverei basierte. Wie in Grie­chenland, wo der Kampf von Heraklitus gegen Religion, Unmoral und die Verurteilung kör­perlicher Freuden sich direkt gegen die Vorur­teile sowohl der herrschenden Tyrannen als auch der unterdrückten Bevölkerung richtete, ging die neue militante Vorgehensweise in In­dien von der Aristokratie aus. Buddhismus und Jainismus, die ungefähr zur selben Zeit er­schienen, waren weitaus tiefer in der geplagten Bevölkerung verankert, aber sie blieben im re­ligiösen Rahmen - mit ihrer Auffassung von der Re-Inkarnation der Seele, die typisch für eine Kastengesellschaft war, der sie sich wider­setzten (auch in Ägypten zu finden).

Im Gegensatz dazu wurde dies in China, wo es eine Entwicklung der Wissenschaft und einer Art von rudimentärem Materialismus (zum Beispiel in der Logik von Mo'-Ti‘) gab, durch das Fehlen einer Kaste von herrschenden Priestern, gegen die man aufbegehren konnte, eingeschränkt. Das Land wurde von einer Mi­litärbürokratie beherrscht, die im Kampf gegen die benachbarten „Barbaren" gebildet worden war.[10]

In Griechenland gab es einen zusätzlichen und in vielerlei Hinsicht entscheidenden Faktor, der auch in Indien eine wichtige Rolle spielte: eine fortgeschrittene Entwicklung der Warenpro­duktion. Die griechische Philosophie nahm ih­ren Anfang nicht im griechischen Kernland, sondern in den Hafenkolonien in Kleinasien. Warenproduktion beinhaltet nicht nur den Austausch von Gütern, sondern auch den der Erfahrung, der sich aus ihrer Produktion ergibt. Sie beschleunigte die Geschichte; sie begüns­tigte die höheren Ausdrücke des dialektischen Denkens. Sie ermöglichte einen Grad der Indi­vidualisierung, ohne den ein Gedankenaus­tausch auf solch hohem Niveau schwierig ge­wesen wäre. Und sie begann der Isolation ein Ende zu bereiten, in der die soziale Evolution zuvor stattgefunden hatte. Die ökonomische Grundeinheit aller Bauerngesellschaften, die auf der Naturalwirtschaft beruhten, ist das Dorf oder allenfalls die regionale Autarkie. Doch die ersten ausbeutenden Gesellschaften, die auf ei­ner größeren Kooperation, oft im Interesse der künstlichen Bewässerung, basierten, waren noch immer agrarwirtschaftlich in ihrem Kern. Im Gegensatz dazu öffnete der Handel und die Seefahrt der griechischen Gesellschaft die Welt. Sie reproduzierte, aber auf einem höhe­ren Niveau, die Haltung der Eroberung und Entdeckung der Welt, die nomadische Gesell­schaften auszeichnet. Die Geschichte zeigt, dass von einer bestimmten Stufe ihrer Ent­wicklung an das Auftauchen des Phänomens der öffentlichen Debatte untrennbar mit einer internationalen Entwicklung (selbst wenn sie sich auf ein Gebiet konzentrierte) verbunden war und in einem gewissen Sinne „inter-natio­nalistisch" in ihrem Wesen war. Diogenes und die Zyniker waren gegen die Unterscheidung zwischen Hellenen und Barbaren und erklärten sich selbst zu Weltbürger. Democritus wurde vor Gericht gestellt, weil er angeblich eine Erb­schaft verschwendet hatte, die er nutzte, um seine Bildungsreisen nach Ägypten, Babylo­nien, Persien und Indien zu finanzieren. Er verteidigte sich selbst und las aus Auszügen seiner Schriften, Früchte seiner Reisen, vor - und wurde freigesprochen.

Die Debatte entstand als Antwort auf eine praktische Notwendigkeit. In Griechenland entwickelte sie sich durch den Vergleich ver­schiedener Wissensquellen. Verschiedene Denkweisen, Untersuchungsmethoden und de­ren Ergebnisse, Produktionsmethoden, Sitten und Traditionen wurden miteinander vergli­chen. Sie waren dazu geschaffen, einander zu widersprechen, zu bestätigen oder zu ergänzen. Sie traten gegeneinander in den Kampf oder unterstützten einander oder beides. Abso­lute Wahrheiten relativierten sich durch den Vergleich.

Diese Debatten waren öffentlich. Sie fanden in den Häfen, auf den Marktplätzen (den Foren), in Schulen und Akademien statt. In schriftli­cher Form füllten sie die Bibliotheken und ver­breiteten sich überall in der bekannten Welt.

Socrates - jener Philosoph, der seine Zeit auf dem Marktplatz verbrachte - verkörperte die Essenz dieser Entwicklung. Seine Hauptbe­schäftigung - zu einem wahrhaftigen Wissen über die Moral zu gelangen - ist bereits eine Attacke gegen Religion und Vorurteil, die be­haupten, dass diese Fragen bereits beantwortet seien. Er erklärte, dass das Wissen die Haupt­bedingung für die richtige Ethik und die Igno­ranz ihr Hauptfeind sei. So ist es die Erlangung von Bewusstsein und nicht die Bestrafung, die den moralischen Fortschritt ermöglicht, da die meisten Menschen nicht lange gegen die Stimme ihres eigenen Gewissens ankämpfen könnten.

Doch Sokrates ging noch weiter und legte das theoretische Fundament aller Wissenschaft und aller kollektiven Klärung: die Erkenntnis, dass der Ausgangspunkt des Wissens das Beiseite­schieben von Vorurteilen ist. Dies machte den Weg frei für das Wesentliche: Suche (Untersu­chung). Er war ein erbitterter Gegner vorge­fasster Schlussfolgerungen, unkritischer selbst­befriedigender Auffassungen, der Arroganz und der Prahlerei. Woran er glaubte, war die „Bescheidenheit des Nicht-Wissens" und die Leidenschaft, die aus einem wahrhaftigen Wis­sen herrühren, das auf tiefer Einsicht und Überzeugung beruht. Dies ist der Ausgangs­punkt der Sokrates-Dialoge. Wahrheit ist das Resultat einer kollektiven Suche, die aus dem Dialog aller Schüler besteht, wo jedermann Lehrer und Schüler zur gleichen Zeit ist. Der Philosoph ist nicht mehr ein Prophet, der Of­fenbarungen verkündet, sondern zusammen mit anderen ein Wahrheitssuchender. Dies bringt ein neues Führungskonzept mit sich: am ent­schlossensten auf eine Klärung drängen, ohne jemals das endgültige Ziel aus den Augen zu verlieren. Die Parallele zur Definition der Rolle der Kommunisten im Klassenkampf im Kom­munistischen Manifest ist auffällig.

Sokrates verstand es meisterhaft, Diskussionen anzuregen und zu lenken. Er hob die öffentli­che Debatte in die Sphären einer Kunst bzw. Wissenschaft. Sein Schüler, Plato, entwickelte den Dialog in einem Umfang weiter, wie er seither kaum mehr erreicht worden war.

In der Einleitung zur Dialektik der Natur spricht Engels von drei großen geschichtlichen Perioden der Naturwissenschaft bis dato, den „genialen naturwissenschaftlichen Intuitio­nen" der antiken Griechen und den „höchst bedeutenden, aber sporadischen Entdeckun­gen" der Araber als Vorläufer der modernen Wissenschaft, die mit der Renaissance begann. Was an der „arabisch-muslimischen Kultur­epoche" auffällt, war die bemerkenswerte Fä­higkeit, eine Synthese der Errungenschaften der verschiedenen antiken Kulturen zu machen und sie zu absorbieren, sowie ihre Offenheit gegenüber der Diskussion. August Bebel zi­tierte einen Augenzeugen der Kultur des öf­fentlichen Streits in Bagdad. „Stellt Euch vor, bei der ersten Versammlung waren nicht bloß Mohammedaner von allen Sekten anwesend, Orthodoxe und Heterodoxe, sondern auch Feueranbeter (Parsen), Materialisten, Atheis­ten, Juden und Christen, kurzum Ungläubige jeder Art. Jede dieser Sekten hatte ihren Spre­cher, der ihre Ansichten verteidigen musste. Trat einer dieser Parteihäuptlinge in den Saal, so erhoben sich alle ehrerbietig und niemand setzte sich, ehe er Platz genommen hatte. Als der Saal nahezu angefüllt war, nahm einer der Ungläubigen das Wort und sprach: ‚Wir haben uns versammelt, um zu disputieren; Ihr kennt die Vorbedingungen; Ihr Mohammedaner dürft uns nicht mit Beweisgründen bekämpfen, die aus Eurer Schrift geschöpft sind, oder auf die Reden Eures Propheten sich stützen; denn wir glauben weder an dieses Buch noch an Euren Propheten. Jeder der Anwesenden darf sich nur auf Gründe berufen, die aus der menschli­chen Vernunft entnommen sind'. Diese Worte wurden allgemein bejubelt." (Bebel: Die Mo­hammedanisch-Arabische Kulturperiode, Stutt­gart 1889, S. 143f)

Bebel erklärt: „Der Unterschied zwischen Mo­hammedanismus und Christentum war der: Die Araber sammelten bei ihren Eroberungen sorgfältig alle Werke, die ihnen zum Studium und zur Belehrung über die besiegten Völker und Länder dienen und Nutzen stiften konnten; die Christen zerstörten bei der Ausbreitung ih­rer Lehre alle dergleichen Kulturdenkmäler als Werke des Satans und heidnische Gräuel, die ein guter Christ so rasch als möglich vernich­ten müsse." (ebendort, S. 137) „Die moham­medanisch-arabische Kulturperiode ist das Verbindungsglied zwischen der untergegange­nen griechisch-römischen und der alten Kultur überhaupt und der seit dem Renaissancezeit­alter aufgeblühten europäischen Kultur. Die letztere hätte ohne dieses Bindeglied schwer­lich so bald ihre heutige Höhe erreicht. Das Christentum stand dieser ganzen Kultur-Ent­wicklung feindlich gegenüber." (ebendort, S. 169)

Einer der Gründe für den blinden Fanatismus und das Sektierertum des Christentums wurde bereits von Heinrich Heine ausgemacht und später von der Arbeiterbewegung bestätigt: Je mehr Opfer und Verzicht eine Kultur erfordert, desto unerträglicher wird allein der Gedanke, dass ihre Prinzipien in Frage gestellt werden.

Was die Renaissance und Reformation anbe­trifft, die er „die größte progressive Umwäl­zung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte" nannte, betonte Engels nicht nur die Rolle der Entwicklung des Denkens, sondern auch die der Gefühle, der Personalität, des menschlichen Potenzials und der Kampfbereit­schaft. Es war „eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Lei­denschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit. [...] Die Heroen jener Zeit wa­ren eben noch nicht unter die Teilung der Ar­beit geknechtet, deren beschränkende, einseitig machende Wirkungen wir so oft bei ihren Nachfolgern spüren. Was ihnen aber besonders eigen, das ist, dass sie fast alle mitten in der Zeitbewegung, im praktischen Kampf leben und weben, Partei ergreifen, mitkämpfen, der mit Wort und Schrift, der mit dem Degen, man­che mit beiden." (Engels: Dialektik der Natur, MEW 20, S. 312)

Die Debatte und die Arbeiterbewegung

Die drei „heroischen" Zeitalter des menschli­chen Geistes Revue passieren lassend, die laut Engels die Entwicklung der modernen Wissen­schaft vorbereiteten, ist es bemerkenswert, wie begrenzt sie zeitlich und räumlich waren. An­gefangen damit, dass sie erst sehr spät in der Geschichte der gesamten Menschheit auf­tauchten. Selbst wenn wir die indischen und chinesischen Kapitel miteinbeziehen, waren diese Phasen geographisch beschränkt. Sie dauerten auch nicht lange (die Renaissance in Italien oder die Reformation in Deutschland nur ein paar Jahrzehnte). Und der Teil der oh­nehin äußerst minoritären ausbeutenden Klas­sen, der aktiv involviert war, war winzig.

In diesem Zusammenhang scheinen zwei Dinge doch überraschend zu sein. Erstens, dass diese Momente des Aufschwungs der Wissen­schaft und der öffentlichen Debatte überhaupt stattfanden und dass ihre Auswirkung so wich­tig und nachhaltig war - trotz aller Brüche und Sackgassen. Zweitens das Ausmaß, in welchem das Proletariat - trotz des Bruchs in der organi­schen Kontinuität seiner Bewegung Mitte des 20. Jahrhunderts, trotz der Unmöglichkeit per­manenter Massenorganisationen in der kapita­listischen Dekadenz - in der Lage war, den Rahmen einer organisierten Debatte zu erhalten und gelegentlich beträchtlich zu vergrößern. Die Arbeiterbewegung hat diese Tradition, trotz Unterbrechungen, zwei Jahrhunderte lang am Leben gehalten. Und es hat Momente gege­ben - wie während der revolutionären Bewe­gungen in Frankreich, Deutschland oder Russ­land -, in denen dieser Prozess Millionen von Menschen umfasste. Hier wurde Quantität zu einer neuen Qualität.

Diese Qualität ist jedoch nicht nur das Produkt der Tatsache, dass das Proletariat zumindest in den industrialisierten Ländern die Mehrheit der Bevölkerung stellt. Wir haben bereits gesehen, wie die moderne Wissenschaft und Theorie nach ihrem ruhmreichen Beginn in der Renais­sance von der bürgerlichen Arbeitsteilung in ihrer Weiterentwicklung beeinträchtig und be­hindert wurden. Kern dieses Problems ist die Trennung der Wissenschaft von den Produ­zenten, und das in einem Ausmaß, wie es in der arabischen Epoche der Renaissance noch nicht möglich gewesen wäre. Dieser Bruch „vollen­det sich in der großen Industrie, welche die Wissenschaft als selbständige Produktionspo­tenz von der Arbeit trennt und in den Dienst des Kapitals presst." (Marx: Kapital, Bd. 1, S. 382)

Die Schlussfolgerung aus diesem Prozess be­schrieb Marx im ersten Entwurf seiner Antwort an Vera Sassulitsch: „Diese Gesellschaft führt Krieg gegen Wissenschaft, Volksmassen und gegen die Produktivkräfte, die sie hervor­bringt." (eigene Übersetzung)

Der Kapitalismus ist das erste Wirtschaftssys­tem, das ohne die systematische Anwendung der Wissenschaft in der Produktion nicht exis­tieren kann. Es muss die Bildung des Proletari­ats begrenzen, um seine Klassenherrschaft auf­rechtzuerhalten. Es muss die Bildung des Pro­letariats vorwärtsdrängen, um seine wirt­schaftliche Stellung zu behaupten. Heute wird die Bourgeoisie immer mehr zu einer unkulti­vierten und primitiven Klasse, während Wis­senschaft und Kultur sich entweder in den Händen von Proletariern oder in denen bezahl­ter Repräsentanten der Bourgeoisie befinden, deren ökonomische und soziale Lage zuneh­mend jener der Arbeiterklasse ähnelt.

Die Abschaffung der Klassen „hat also zur Voraussetzung einen Höhegrad der Entwick­lung der Produktion, auf dem Aneignung der Produktionsmittel und Produkte, und damit der politischen Herrschaft, des Monopols der Bil­dung und der geistigen Leitung durch eine be­sondre Gesellschaftsklasse nicht nur überflüs­sig, sondern auch ökonomisch, politisch und intellektuell ein Hindernis der Entwicklung geworden ist. Dieser Punkt ist jetzt erreicht." (Engels: Anti-Dühring, MEW 20, S. 263)

Das Proletariat ist der Erbe der wissenschaftli­chen Traditionen der Menschheit. Mehr als in der Vergangenheit wird künftig jeder proletari­sche Kampf notwendigerweise zu einem nie gekannten Aufblühen der öffentlichen Debatte und zum Startschuss im Streben nach Wieder­herstellung der Einheit von Wissenschaft und Arbeit, der Erlangung eines globalen Verständ­nisses, das den Anforderungen des heutigen Zeitalters eher genügt.

Die Fähigkeit des Proletariats, neue Höhen zu erklimmen, wurde bereits mit der Entwicklung des Marxismus bewiesen, der ersten wissen­schaftlichen Annäherung in Fragen der menschlichen Gesellschaft und ihrer Ge­schichte. Allein das Proletariat war im Stande, die größte Errungenschaft des bürgerlichen philosophischen Denkens zu assimilieren - die Philosophie von Hegel. Die beiden Formen der Dialektik, die der Antike bekannt waren, waren die Dialektik des Wandels (Heraclitus) und die Dialektik der Interaktion (Plato, Aristoteles). Hegel kombinierte lediglich diese beiden For­men und schuf so die Grundlage für eine wirk­lich historische Dialektik.

Hegel fügte dem ganzen Konzept der Debatte eine neue Dimension hinzu, indem er, viel weitgehender als jeder andere vor ihm, die ri­gide metaphysische Gegenüberstellung von Falsch und Richtig attackierte. In der Einlei­tung zu seiner Phänomenologie des Geistes zeigte er auf, wie die unterschiedlichen und widersprüchlichen Phasen eines Entwicklungs­prozesses - wie die Geschichte der Philosophie - eine organische Einheit bilden, gleich der Blüte und der Frucht. Hegel erklärte, dass das Unvermögen, dies anzuerkennen, mit der Ten­denz verknüpft war, sich auf den Gegensatz zu konzentrieren und die Entwicklung aus den Augen zu verlieren. Indem er diese Dialektik auf ihre Füße stellte, war der Marxismus in der Lage, die fortschrittlichste Seite von Hegel aufzunehmen, nämlich das Verständnis eines zukunftsorientierten Prozesses.

Das Proletariat ist die erste Klasse, die gleich­zeitig revolutionär und ausgebeutet ist. Im Ge­gensatz zu früheren revolutionären Klassen, die ausbeuterisch waren, beschränkt sich seine Su­che nicht auf irgendwelche Interessen des Selbst-Schutzes als Klasse. Im Gegensatz zu früheren ausgebeuteten Klassen, die nur über­leben konnten, indem sie sich mit (insbeson­dere religiösen) Illusionen trösteten, erfordert sein Klasseninteresse den Verlust der Illusio­nen. Das Proletariat als solches ist die erste Klasse, deren natürliche Neigung, sobald sie nachdenkt, sich organisiert und auf dem eige­nen Terrain kämpft, in Richtung Klärung geht.

Dieses einmalige Wesen wurde vom Bordigis­mus übersehen, als er sein Konzept der Invari­anz (Unveränderlichkeit) erfand. Sein Aus­gangspunkt ist korrekt: das Bedürfnis, den Grundprinzipien des Marxismus angesichts der bürgerlichen Ideologie treu zu bleiben. Doch die Schlussfolgerung, dass es notwendig sei, die Diskussion einzuschränken oder gar abzu­schaffen, um Klassenpositionen aufrechtzu­halten, ist ein Produkt der Konterrevolution. Die Bourgeoisie hat viel besser begriffen, dass es, um die Arbeiterklasse auf das Terrain des Kapitals zu ziehen, vor allem notwendig ist, ihre Debatten zu unterdrücken und zu ersti­cken. Anfangs hat sie dies vor allem mit grau­samer Repression versucht; später hat sie noch wirksamere Waffen, wie die Demokratie und die Sabotagearbeit der bürgerlichen Linken, entwickelt. Auch der Opportunismus hat dies schon lange begriffen. Da sein wesentlicher Charakterzug seine Inkohärenz ist, muss er sich verstecken, vor der offenen Debatte fliehen. Der Kampf gegen den Opportunismus und die Notwendigkeit einer Diskussionskultur sind nicht nur nicht widersprüchlich; das eine ist auch undenkbar ohne das andere.

Solch eine Kultur schließt überhaupt nicht harte Zusammenstöße von politischen Positio­nen aus - im Gegenteil. Doch dies bedeutet nicht, dass die politische Diskussion notwendi­gerweise traumatisierend ist und zu Spaltungen führt. Das erbaulichste Beispiel für die „Kunst" oder „Wissenschaft" der Debatte in der Ge­schichte ist jenes der bolschewistischen Partei zwischen Februar und Oktober 1917. Selbst unter dem Druck massiver Eingriffe durch fremde Ideologien waren diese Diskussionen leidenschaftlich, aber äußerst brüderlich und anregend für alle Beteiligten. Vor allem er­möglichten sie, was Trotzki die „Wiederbe­waffnung" der Partei nannte, die Re-Justierung ihrer Politik auf die veränderten Erfordernisse des revolutionären Prozesses, eine der Vorbe­dingungen für den Sieg.

Der „bolschewistische Dialog" erfordert das Verständnis, dass nicht alle Debatten dieselbe Bedeutung haben. Die Polemik von Marx ge­gen Proudhon war vernichtend, weil es ihre Aufgabe war, in den Mülleimer der Geschichte zu schmeißen, was zu einer Fessel der gesam­ten Arbeiterbewegung geworden ist. Im Ge­gensatz dazu verlor der junge Marx, auch wenn er sich in titanischen Auseinandersetzungen mit Hegel und gegen den utopischen Sozialis­mus engagierte, nie seinen enormen Respekt vor Hegel, Fourier, Saint-Simon oder Owen, denen er half, für immer in unser gemeinsames Erbe einzugehen. Und Engels sollte später schreiben, dass es ohne Hegel kein Marxismus gegeben hätte und ohne die Utopisten keinen wissenschaftlichen Sozialismus, wie wir ihn kennen.

Die schwersten Krisen in den Arbeiterorgani­sationen, einschließlich der IKS, wurden zum größten Teil nicht durch die Existenz von Di­vergenzen schlechthin, wie fundamental auch immer, verursacht, sondern durch die Umge­hung, ja offene Sabotage des Klärungsprozes­ses. Der Opportunismus nutzt jedes mögliche Mittel für diesen Zweck. Diese beinhalten nicht nur das Runterspielen wichtiger Divergenzen, sondern gleichermaßen die Übertreibung zweit­rangiger Divergenzen oder die Erfindung von nicht-existenten Divergenzen. Sie beinhalten auch die Personalisierung und sogar die Ver­unglimpfung.

Das auf dem Rücken der Arbeiterbewegung lastende tote Gewicht des üblichen „gesunden Menschenverstandes" einerseits, das unkriti­sche, fast religiöse Festhalten an Gebräuche und Traditionen andererseits wurde von Lenin zu dem verbunden, was er den Zirkelgeist nannte. Er hatte völlig recht hinsichtlich der Unterwerfung des Prozesses des Organisati­onsaufbaus und ihres politischen Lebens unter der „Spontaneität" des gesunden Menschen­verstandes und der Konsequenzen. „Warum aber, wird der Leser fragen, führt die spontane Bewegung, die Bewegung in der Richtung des geringsten Widerstands gerade zur Herrschaft der bürgerlichen Ideologie? Aus dem einfachen Grunde, weil die bürgerliche Ideologie ihrer Herkunft nach viel älter ist als die sozialisti­sche, weil sie vielseitiger entwickelt ist, weil sie über unvergleichlich mehr Mittel der Verbreitung verfügt." (Lenin: Was tun, LW, Bd. 5, S. 397)

Kennzeichnend für die Zirkelmentalität ist die Personalisierung der Diskussion, die Reaktion auf politische Argumente, indem darauf ge­schaut wird, wer was sagt, und nicht, was ge­sagt wird. Überflüssig zu sagen, dass diese Per­sonalisierung ein enormes Hindernis auf dem Weg zu einer fruchtbaren, kollektiven Diskus­sion ist.

Bereits der Sokrates-Dialog verstand, dass die Entwicklung der Debatte nicht nur eine Frage des Denkvermögens ist; sie ist darüber hinaus eine ethische Frage. Heute dient das Streben nach Klärung den Interessen des Proletariats, während die Sabotage der Klärung sie bedroht. In diesem Sinn konnte die Arbeiterklasse das Motto des deutschen Aufklärers Lessing über­nehmen, der sagte, dass es eine Sache gab, die er noch mehr als die Wahrheit liebte - die Su­che nach der Wahrheit.

Der Kampf gegen Sektierertum und Ungeduld

Die eindruckvollsten Beispiele einer Debatten­kultur als ein wichtiges Mittel der proletari­schen Massenbewegungen verschaffte uns die Russische Revolution.[11] Die Klassenpartei war, weit entfernt davon, sich ihr zu widerset­zen, die Avantgarde dieser Dynamik. Die Dis­kussionen innerhalb der Partei in Russland 1917 betrafen Fragen wie die des Klassencha­rakters der Revolution, gingen darum, ob man die Fortsetzung des imperialistischen Krieges unterstützen sollte oder nicht, wann und wie man die Macht ergreifen sollte. Noch war durchgehend die Einheit der Partei gewahrt, trotz politischer Krisen, in denen das Schicksal der Weltrevolution und damit jenes der Menschheit auf dem Spiel stand.

Und doch lehrt uns die Geschichte des proleta­rischen Klassenkampfes und insbesondere die Geschichte der organisierten Arbeiterbewe­gung, dass solch eine Ebene der Debattenkultur nicht immer erreicht wurde. Wir haben bereits das wiederholte Eindringen von monolithi­schen Herangehensweisen in die IKS erwähnt. Es ist nicht überraschend, dass diese Störungen häufig zu Abspaltungen von der Organisation führten. Im Rahmen des Monolithismus kann es bei Divergenzen keine andere Lösung geben als die Trennung. Jedoch wird das Problem nicht durch die Abspaltung jener Elemente ge­löst, die diese Vorgehensweise in karikatur­hafter Weise verkörpern. Die Tatsache, dass solche nicht-proletarischen Vorgehensweisen immer wiederkehren, weist auf die Existenz weitaus größerer Schwächen in dieser Frage innerhalb der Organisation hin. Diese bestehen in häufig kleinen, kaum wahrnehmbaren Ver­wirrungen und Fehlauffassungen im täglichen Leben und in Diskussionen, die jedoch unter bestimmten Umständen den Weg für ernstere Schwierigkeiten ebnen können. Eine von ihnen ist die Tendenz, jede Debatte in den Rahmen einer Auseinandersetzung zwischen Marxismus und Opportunismus, des direkten Kampfes ge­gen die bürgerliche Ideologie zu stellen. Eine der Konsequenzen daraus ist, die Debatte zu hemmen, indem den Genossen das Gefühl vermittelt wird, dass sie nicht mehr das Recht haben, falsch zu liegen oder Konfusionen zum Ausdruck zu bringen. Eine andere Konsequenz ist die „Banalisierung" des Opportunismus. Wenn wir ihn überall wittern (und bei der lei­sesten Meinungsverschiedenheit „Feuer" ru­fen), werden wir ihn wahrscheinlich nicht er­kennen, wenn er wirklich auftritt. Ein anderes Problem ist die Ungeduld in den Debatten, die in der Unfähigkeit mündet, den anderen Argu­menten zuzuhören, und in der Neigung, die „Gegner" zu zermalmen, die anderen „mit allen Mitteln" zu überzeugen.[12]

Was all diese Vorgehensweisen gemeinsam haben, ist das Gewicht der kleinbürgerlichen Ungeduld, der Mangel an Vertrauen in der le­bendigen Praxis der kollektiven Klärung im Proletariat. Sie drücken Schwierigkeiten aus, zu akzeptieren, dass Diskussion und Klärung ein Prozess ist. Wie alle fundamentalen Pro­zesse im gesellschaftlichen Leben hat er einen inneren Rhythmus und ein eigenes Bewe­gungsgesetz. Seine Entfaltung entspricht der Bewegung weg von der Konfusion hin zu mehr Klarheit und enthält Fehler und falsche Wen­dungen sowie deren Korrektur. Solche Pro­zesse erfordern Zeit, wenn sie wirklich gründ­lich sein sollen. Sie können beschleunigt, aber nicht verkürzt werden. Je breiter die Teilnahme in diesem Prozess ist, je mehr die Beteiligung seitens der gesamten Klasse ermutigt und be­grüßt wird, desto reichhaltiger wird sie werden.

In ihrer Polemik gegen Bernstein[13] wies Rosa Luxemburg auf den fundamentalen Wider­spruch des Arbeiterkampfes hin, der einerseits eine Bewegung innerhalb des Kapitalismus ist, andererseits aber ein Ziel anstrebt, das außer­halb des Letzteren ist. Aus diesem wider­sprüchlichen Charakter ergeben sich zwei große Gefahren für diese Bewegung. Die erste ist der Opportunismus, d.h. die Offenheit ge­genüber dem fatalen Einfluss des Klassenfein­des. Das Motto dieser Verirrung vom Weg des Klassenkampfes heißt: „Die Bewegung ist al­les, das Endziel nichts." Die zweite Gefahr ist das Sektierertum, d.h. der Mangel an Offenheit gegenüber dem Einfluss des Lebens der eige­nen Klasse, das Proletariat. Das Motto dieser Verirrung ist: „Das Ziel ist alles, aber die Be­wegung ist nichts."

Im Kielwasser der fürchterlichen Konterrevo­lution, die der Niederlage der Weltrevolution am Ende des I. Weltkrieges folgte, wurde in­nerhalb dessen, was vom revolutionären Lager übriggeblieben war, die fatale Fehlkonzeption entwickelt, dass es möglich sei, den Opportu­nismus mit den Mitteln des Sektierertums zu bekämpfen. Diese Vorgehensweise, die ledig­lich zur Sterilität und Fossilierung führt, über­sieht, dass Opportunismus und Sektierertum zwei Seiten derselben Münze sind, da beide Ziel und Bewegung voneinander trennen. Ohne die vollständige Teilnahme revolutionärer Minderheiten am realen Leben und an der Be­wegung ihrer Klasse kann das Ziel des Kom­munismus nicht erreicht werden.

 

 

 

 

[1] Selbst solch reife und theoretisch klare junge Revolutionäre wie Marx und Engels glaubten - zurzeit der Erschütterungen von 1848 -, dass die Verwirklichung des Kommunismus mehr oder minder auf der unmittelbaren Tagesordnung stünde.

 

[2] Siehe unsere Thesen über die Studentenbewegung in Frankreich.

[3] Im proletarischen Lager wurde dieser Begriff vom „Bordigismus" theoretisiert.

[4] Die Biographien und Erinnerungen vergangener Revolutionäre sind voller Beispiele für ihre Fähigkeit, zu diskutieren und besonders zuzuhören. Lenin war in diesem Zusammenhang geradezu legendär, aber er war nicht der einzige. Nur ein Beispiel sind die Memoiren von Fritz Sternberg über seine „Konversationen mit Trotzki" (1963 verfasst): „In seinen Konversationen mit mir war Trotzki ausgesprochen höflich. Er unterbrach mich praktisch nie, und wenn, dann um mich nach der Erläuterung eines Wortes oder Gedankens zu bitten."

[5] Dazu die Artikel „Ausserordentliche Konferenz der IKS: Der Kampf für die Verteidigung der organisatorischen Prinzipien", in der Internationalen Revue Nr. 30 und „Der 15. Kongress der IKS: „Die Verstärkung der Organisation angesichts der Herausforderungen der heutigen Zeit", in Internationale Revue Nr. 114 (engl., franz., span.).

[6] Siehe dazu „Vertrauen und Solidarität im Kampf der Arbeiterklasse" in Internationale Revue Nr. 31 und 32 und „Marxismus und Ethik" in Internationale Revue Nr. 39 und 40.

[7] Man schlage nach in unseren Büchern über die Italienische und Holländische Kommunistische Linke.

[8] Die GCF sollte später, nach der Auflösung der Italienischen Fraktion, dieses Verständnis aufrechterhalten. Siehe zum Beispiel ihre Kritik an dem Konzept des „brillanten Führers" die in der Internationalen Revue Nr. 33 (engl., franz., span.) wieder veröffentlicht wurde, und an der Idee, dass Disziplin bedeutet, dass Mitglieder der Organisation blosse Befehlsempfänger sind, die nicht die politischen Orientierungen der Organisation zu diskutieren haben, wieder veröffentlicht in der Internationalen Revue Nr. 34 (engl., franz., span.).

[9] Engels, Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates

[10] Über die Entwicklung in Asien um 500 v.Chr. siehe die Vorlesungen von August Thalheimer, die er an der Sun-Yat-Sen-Universität von Moskau 1927 abgehalten hatte: Einführungen in den Dialektischen Materialismus: www.marxists.org/archive/thalheimer/works/diamant/index.htm.

[11] Siehe zum Beispiel Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, oder John Reed, Zehn Tage, die die Welt erschütterten

[12] Der Bericht über die Arbeit des 17. Kongresses der IKS in der Internationalen Revue Nr. 40 entwickelt diese Fragen weiter.

[13] Rosa Luxemburg, Sozial-Reform oder Revolution?