Demokratie und Stalinismus

Angesichts des
inneren Zerfalls der polizeili­chen Terrorregime des Ostens tritt heute der un­glaubliche
Hass der Bevölkerung Osteuropas gegen den Stalinismus offen zutage. In dieser
Situa
­tion verkauft sich die westliche
bürgerliche De
­mokratie zum
wiederholten Mal als der eigentli
­che
Todesfeind des Stalinismus. Welch großen Er
­folg sie damit hat, zeigen die Massendemonstra­tionen in Leipzig, Prag oder Sofia, wo überall
parlamentarische Demokratie nach westlichem Mu
­ster gefordert wird. Viele Millionen Menschen im
Osten, aber auch immer noch viel zu viele im We­sten, scheinen daran zu
glauben, dass die westli­che Scheindemokratie die eigentliche geschicht­liche
Alternative zum Stalinismus und zum Tota­litarismus schlechthin darstellt. Aber
ein Blick auf die Geschichte lehrt uns eines besseren: Sowohl die westliche
Demokratie als auch das freie Unternehmertum waren immer wieder bereit, mit dem
Stalinismus gegen die Arbeiterklasse zu­sammenzuarbeiten. Während die
bürgerliche Propa
­ganda das Scheitern des
Stalinismus mit dem Scheitern des Kommunismus gleichstellt und die
kapitalistische Scheindemokratie als einzige Perspektive aufstellen möchte, ist
der revolu
­tionäre Marxismus heute
genauso wie in den 30er Jahren der wirkliche Todesfeind des Stalinismus.
Während Stalin und seine Nachfolger immer wieder Bündnisse mit dem
"demokratischen Westen" eingingen und wieder auflösten, waren sie
wirk­lich konsequent nur bei der Bekämpfung der revo­lutionären Marxisten
sowohl innerhalb als auch außerhalb der Sowjetunion, wie die Schauprozesse und
die "Säuberungen" insbesondere der 30er Jahre beweisen. Das
gegenwärtige Heucheln und "Entrüsten" der westlichen Demokratien über
die "Schandtaten" und Grausamkeiten des Stalinismus soll dabei in
Wirklichkeit nur überdecken, dass die westlichen Demokratien seit jeher mit dem
Stalinismus Hand in Hand gegen die Arbeiter­klasse und die Revolutionäre
gewirkt haben.

DIE WESTLICHEN DEMOKRATIEN ALS VERBÜNDETE
STALINS BEI DER AUSROTTUNG DER KÄMPFER DER OK­TOBERREVOLUTION

In der Zeit nach
dem 1. Weltkrieg waren die westlichen Demokratien einschließlich die junge
Weimarer Republik in Deutschland die erbitter
­sten Gegner der Arbeitermacht in Russland. Sie
waren führend bei der Aufstellung sog. weißer Armeen, die mit der Unterstützung
von über 20 bürgerlichen Staaten die bewaffnete Intervention zum Sturz der
Arbeiterräte in Russland organi
­sierten.
Aber der Hauptverdienst der Demokratie bei der Zerschlagung der Gefahr einer
interna
­tionalen Arbeiterrevolution war die
Niederschla
­gung aller Versuche, die
Arbeiterrevolution auf andere Länder Westeuropas auszudehnen. In Deutschland
z.B. wurden zehntausende revolutio­näre Arbeiter niedergeschossen, hingerichtet
oder eingekerkert im Namen dieser sog. Demokra­tie und unter Leitung der SPD
und den ach so freien Gewerkschaften. Da aber die kommunisti­sche Revolution
nur auf Weltebene siegen kann, führte diese Konterrevolution in den westlichen
Demokratien unweigerlich zu einem inneren Zer
­fall und Niedergang in Russland selbst. Schon 1925
erkannten diese westlichen Henker in Stalin einen der ihren und unterstützten
ihn zunehmend bei seinem Kampf gegen die alte revolutionäre Garde innerhalb der
bolschewistischen Partei. Zusammen mit der stalinistischen Geheimpolizei
organisierten sie die Jagd auf revolutionäre In­ternationalisten in der ganzen
Welt. Während ei­nerseits die westlichen Demokratien Feinde des Stalinismus an
den Sowjetstaat auslieferten (z.B. den sowjetischen Botschafter in Paris, Ra­kowski)
spielten die Stalinisten andererseits die Namen von Oppositionellen gegen die
stalini­stische Konterrevolution in die Hände der west­lichen Polizei. Auf
diese Weise fielen Kämpfer der sog. deutschen Linksopposition (KAPD), An­hänger
Trotzkis oder der italienischen Linken im Exil (sog. Bordigisten) der
gemeinsamen stalini­stisch-demokratischen Konterrevolution zum Op­fer. Wie
zehntausende andere Marxisten seiner Zeit wurde Trotzki, der große Kämpfer des
roten Oktobers, der damals berühmteste Gegner des "So
­zialismus in einem Land" (und der die
Arbeiter­klasse noch nicht durch seine Unterstützung der SU im 2.
imperialistischen Weltkrieg verraten hatte) über den ganzen Erdball von
GPU-Agenten gejagt, während eine Demokratie nach der anderen ihm das Aufenthaltsrecht
verweigerte.

Als der
stalinistische Terror 1936 eine neue Stufe erreichte (Millionen Verhaftungen,
Schau­prozesse), mit dem Ziel, alle noch lebenden re­volutionären Bolschewiki
zu eliminieren (Sino­wjew, Kamenew, Radek, Bucharin sowie unzählige Namenlose),
wurde dieser Terror von den meisten braven westlichen Demokraten als
staatsmännische Tat gefeiert.

Während in
Frankreich die Volksfrontregierung unter einer sozial-demokratischen-stalinisti
­schen Führung die GPU hierbei direkt unter­stützte, leitete die stalinistische Beteiligung an
der republikanischen Regierung Spaniens im Bürgerkrieg (1936-39) einen
schrecklichen Terror gegen jeglichen Widerstand der Arbeiter in Spa
­nien ein. Während Linkskommunisten, Anarchisten
und andere kämpferische Arbeiter von stalinisti
­schen Agenten verschleppt, eingekerkert oder er­mordet
wurden, während die Führung der POUM (1) in Schauprozessen abgeurteilt und
während der Generalstreik vom Mai 1937 in Barcelona durch die stalinistischen
Henker niedergeschlagen wurde, applaudierten die westlichen Demokratien und
ihre intellektuellen Anhängsel (die Heming­ways, Orwell usw.).

Bereits im
spanischen Bürgerkrieg hatte die westliche Demokratie natürlich nicht
"Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit" im Auge, sondern den sich
damals schon abzeichnenden 2. Weltkrieg um die neue imperialistische
Weltaufteilung. Hit­ler-Deutschland und der "freiheitliche Westen"
wetteiferten um die Unterstützung Stalins für dieses Unternehmen. Bereits 1934
bejubelte Eng
­lands Churchill den
Eintritt der Sowjetunion in den Völkerbund, den er als Öffnung der UdSSR hin
zur demokratischen Welt wertete. Dieses demokra­tische Techtelmechtel mit
Stalin scheiterte nur deshalb, weil Hitler das bessere Angebot an Mos­kau
machte. Aber als mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 der Pakt
der Demokraten mit Stalin Wirklichkeit wurde, jubelte die frei­heitliche Presse
des Westens ununterbrochen bis zum Kriegsende über den großen Beitrag Stalins
im Kampf für Demokratie und Freiheit und schwieg zynisch über den ihnen
bekannten millionenfachen Mord- und KZ-Terror der stalinistischen Schurken
gegenüber der eigenen Bevölkerung. Diese Zusam
­menarbeit erstreckte sich auf ein Kapitalisten­bündnis gegen die Arbeiterklasse sogar über den
Friedensschluss hinaus.

Z.B. traten die
KP Frankreichs und Italiens je­weils den ersten Nachkriegsregierungen dieser
Länder bei und bekämpften entschlossen die dortigen Streikbewegungen (z.B.
Renault 1947 in Paris).

Die
Zusammenarbeit zwischen der SU und den Alli­ierten in Europa bei Kriegsende war
eine der wichtigsten Karten der Bourgeoisie gegenüber der Gefahr von
Arbeiterexplosionen. Da die Stalini
­sten in den Augen vieler Arbeiter irrtümlicher­weise mit der Oktoberrevolution identifiziert
wurden, schöpften diese voll die Gelegenheit aus, um das Vertrauen der Arbeiter
zu missbrau­chen. Die Stalinisten mobilisierten zunächst Wi­derstandsgruppen
gegen Hitler in Europa, die strengstens dem sowjetischen, bzw. dem engli­schen
Imperialismus untergeordnet waren. Nach dem Krieg stifteten sie die
unglaublichsten Ver­wirrungen, indem sie sich zur Wehr setzende Ar­beiter,
nicht zuletzt in Deutschland, und insbe­sondere in der Sowjetischen
Besatzungszone als faschistische Agenten abstempelten.

Dass dieser
angeblich unversöhnliche Gegensatz zwischen Stalinismus und bürgerlicher
Demokratie erlogen und erstunken ist, beweist nicht zuletzt die Bereitschaft
dieser westlichen "Demokra­tien", die Beute des 2. imperialistischen
Welt­kriegs mit Stalin im besten Räuberstil zu tei­len. Diese imperialistischen
"Verteidiger der Freiheit" waren es, die die Bevölkerung Polens,
Rumäniens, Bulgariens, der Tschechoslowakei, Un­garns, Albaniens und der
späteren DDR Stalin zum Fraß vorwarfen und dem Terror der GPU ausliefer­ten. In
der Zeit danach dachte der Westen nie­mals daran, die verzweifelten Aufstände
der Ar
­beiterklasse z.B. 1953 in der DDR oder
1956 in Ungarn irgendwie zu unterstützen. Im Gegenteil: sie erkannten das Recht
des Stalinismus an, in seinem Machtbereich die Arbeiter blutig zur Ord
­nung zu bringen. Wenn trotzdem während der Nach­kriegszeit die westliche Polemik gegen den Sta­linismus
ständig an Schärfe gewann, dann nur, weil zu diesem Zeitpunkt der
Ost-West-Konflikt zur Scheidewand des Ost-West-Kampfes um die Weltherrschaft
wurde.

DER STALINISMUS ERWEIST DER BOURGEOISIE EINEN LETZTEN DIENST

Nachdem er
jahrzehntelang dazu diente, die Ideen des Marxismus, Sozialismus und des
Klassen­kampfes unglaubwürdig zu machen und mit Dreck zu besudeln, erweist der
Stalinismus in seinem To
­deskampf
dem Kapital einen letzten wertvollen Dienst. Die westlichen Demokratien
bedienen sich seiner, um eine gigantische ideologische Offen­sive über das
angebliche "Scheitern des Kommu
­nismus" und die Überlegenheit des "demokrati­schen Kapitalismus" einzutrichtern zu
versuchen. Indem diese Lüge weiter verbreitet wird, die stalinistische Kon­terrevolution
als die Fortsetzung der proletari­schen Oktoberrevolution von 1917 dargestellt
wird, zielt diese widerwärtige Propaganda darauf ab, der Arbeiterklasse den
Blick auf die eigene geschichtliche Perspektive zu versperren. Diese besteht
nämlich weiterhin in dem einzigen Ausweg für die Menschheit: dem Kommunismus.

Auf der Grundlage
eines Artikels aus Revolution Internationale, Nr. 185, Zeitung der IKS in
Frankreich.

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