Deutsche Revolution, Teil IX

Die März-Aktion 1921: Die Gefahr kleinbürgerlicher Ungeduld

Im vorigen Artikel zum Kapp-Putsch 1920 haben wir
herausgestellt, dass die Arbeiterklasse nach den Niederlagen von 1919 wieder
auf dem Vormarsch war. Aber weltweit war die revolutionäre Welle, auch wenn die
Kampfkraft der Arbeiterklasse noch nicht erloschen war, doch absteigend.

Die Beendigung des Krieges hatte in vielen Ländern den
revolutionären Elan gebrochen und es vor allem der Bourgeoisie ermöglicht, die
Spaltung der Arbeiterklasse in Arbeiter der „Siegermächte“ und der besiegten
Staaten auszunutzen. Zudem schaffte es das Kapital, die revolutionäre Bewegung
in Russland immer weiter zu isolieren. Die Siege der Roten Armee über die
Weißen Truppen, die von den westlichen bürgerlichen Demokratien mächtig
unterstützt wurden, hinderte die herrschende Klasse nicht daran, ihre
Konteroffensive international fortzusetzen.

In Russland selber forderten die Isolierung der Revolution
und die wachsende Integration der Bolschewistischen Partei in den russischen
Staat ihren Preis. Im März 1921 erhoben sich in Kronstadt revoltierende
Arbeiter und Matrosen.

Auf diesem Hintergrund sollte in Deutschland die
Arbeiterklasse noch immer eine stärkere Kampfbereitschaft zeigen als in den
anderen Staaten. Überall standen die Revolutionäre vor der Frage: nachdem der
Höhepunkt der internationalen Welle revolutionärer Kämpfe überschritten war und
die Bourgeoisie weiter in der Offensive blieb, wie auf diese Situation
reagieren?

Innerhalb der Komintern setzte sich eine politische
Kehrtwende durch. Die auf dem 2. Kongress im Sommer 1920 verabschiedeten 21
Aufnahmebedingungen verdeutlichten dies klar. Hierin wurde die Arbeit in den
Gewerkschaften wie die Beteiligung an den Parlamentswahlen bindend vorgeschrieben.
Damit hatte die Komintern einen Rückschritt zu den alten Methoden aus der Zeit
des aufsteigenden Kapitalismus gemacht, in der Hoffnung, dass man damit größere
Kreise von Arbeitern erreichen würde.

Diese opportunistische Kehrtwende äußerte sich in
Deutschland darin, dass die Kommunistische Partei im Januar 1921 einen „Offenen
Brief“ an die Gewerkschaften und SPD wie auch an die Freie Arbeiterunion
(Syndikalisten), USPD und KAPD richtete, in dem „sämtlichen sozialistischen
Parteien und

Gewerkschaftsorganisationen vorgeschlagen (wurde),
gemeinsame Aktionen zur Durchsetzung der dringendsten wirtschaftlichen und
politischen Forderungen der Arbeiter zu führen“. Durch diesen Aufruf
insbesondere an die Gewerkschaften und SPD sollte die „Einheitsfront der
Arbeiter in den Betrieben“ hergestellt werden. Die VKPD betonte, „sie wollte
zurückstellen die Erinnerung an die Blutschuld der
mehrheitssozialdemokratischen Führer. Sie wollte für den Augenblick
zurückstellen die Erinnerungen an die Dienste, die die Gewerkschaftsbürokratie
den Kapitalisten im Krieg und in der Revolution geleistet hat.“ (aus „Offener
Brief“, Rote Fahne, 8.1.1921). Während man mit opportunistischen Schmeicheleien
Teile der Sozialdemokratie auf die Seite der Kommunisten ziehen wollte, wurde
gleichzeitig in den Reihen der Partei zum ersten Mal die Notwendigkeit einer
proletarischen Offensive theoretisiert. Und „sollten die Parteien und
Gewerkschaften, an die wir uns wenden, nicht gewillt sein, den Kampf
aufzunehmen, so würde die VKPD sich verpflichtet erachten, diesen Kampf allein
zu führen, und sie ist überzeugt, dass ihr die Arbeitermassen folgen werden“.
(ebenda).

Gleichzeitig hatte der im Dezember 1920 vollzogene
Zusammenschluss zwischen KPD und USPD, der zur Gründung der VKPD führte, in der
Partei die Auffassungen einer Massenpartei erstarken lassen. Dies wurde dadurch
verstärkt, dass die Partei jetzt über 500000 Mitglieder verfügte. So ließ sich
die VKPD selbst blenden durch den Stimmenanteil bei den Wahlen zum Preußischen
Landtag, wo sie im Februar nahezu 30% aller Stimmen erzielte.

[i]

Die Idee machte sich breit, man könne die Lage in
Deutschland „aufheizen“. Vielen schwebte die Idee eines Rechtsputsches vor, der
wie ein Jahr zuvor im Kapp-Putsch eine mächtige Reaktion der gesamten Arbeiterklasse
mit Aussichten auf die Machtergreifung auslösen würde. Diese irrigen
Auffassungen sind im wesentlichen auf den verstärkten Einfluss des
Kleinbürgertums in der Partei seit dem Zusammenschluss zwischen KPD und USPD
zurückzuführen. Die USPD war wie jede zentristische Richtung in der
Arbeiterbewegung stark von den Auffassungen und Verhaltensweisen des
Kleinbürgertums beeinflusst. Das zahlenmäßige Wachstum der Partei neigte
zugleich dazu, das Gewicht des Opportunismus, Immediatismus und der kleinbürgerlichen
Ungeduld zu vergrößern.

Auf diesem Hintergrund – Rückgang der revolutionären Welle
international, tiefgreifende Verwirrung innerhalb der revolutionären Bewegung
in Deutschland – leitete die Bourgeoisie im März 1921 eine neue Offensive gegen
das Proletariat ein. Hauptzielscheibe ihres Angriffs sollten die Arbeiter in
Mitteldeutschland sein. Im Krieg war dort im Industriegebiet um Leuna,
Bitterfeld und das Mansfelder Becken eine große Konzentration von Proletariern
entstanden, die überwiegend relativ jung und kämpferisch waren, aber über keine
große Organisationserfahrung verfügten. So zählte die VKPD dort allein über
66000 Mitglieder, die KAPD brachte es auf 3200 Mitglieder. In den Leuna-Werken
gehörten von 20000 Beschäftigten ca. 2000 den Arbeiterunionen an.

Da nach den Auseinandersetzungen von 1919 und nach dem
Kapp-Putsch viele Arbeiter bewaffnet geblieben waren, wollte die Bourgeoisie
den Arbeitern weiter an den Kragen.

Die Bourgeoisie
versucht die Arbeiter zu provozieren

Am 19. März 1921 zogen starke Polizeitruppen in Mansfeld
ein, um die Arbeiter zu entwaffnen.

Der Befehl ging nicht vom „rechten“ Flügel der Herrschenden
(innerhalb der Militärs oder der rechten Parteien) aus, sondern von der
demokratisch gewählten Regierung. Es war die bürgerliche Demokratie, die die
Henkersrolle der Arbeiterklasse spielte und darauf abzielte, diese mit allen
Mitteln zu Boden zu werfen.

Es ging der Bourgeoisie darum, durch die Entwaffnung und
Niederlage eines sehr kämpferischen, relativ jungen Teils des deutschen
Proletariats die Arbeiterklasse insgesamt zu schwächen und zu demoralisieren.
Vor allem aber verfolgte die Bourgeoisie das Ziel, der Vorhut der
Arbeiterklasse, den revolutionären Organisationen einen fürchterlichen Schlag
zu versetzen. Das Aufzwingen eines vorzeitigen Entscheidungskampfes in
Mitteldeutschland sollte dem Staat vor allem die Gelegenheit geben, die
Kommunisten gegenüber der gesamten Klasse zu isolieren, um diese Parteien dann
in Verruf zu bringen und der Repression auszusetzen. Es ging darum, der frisch
gegründeten VKPD die Möglichkeit zu rauben, sich zu konsolidieren, sowie die
sich anbahnende Annäherung zwischen KAPD und VKPD zunichte zu machen.
Schließlich wollte das deutsche Kapital stellvertretend für die Weltbourgeoisie
die Russische Revolution und die Kommunistische Internationale weltweit weiter
isolieren.

Die Komintern hatte gleichzeitig jedoch verzweifelt nach
Möglichkeiten einer Hilfe von Außen für die Revolution in Russland gesucht. Man
hatte gewissermaßen auf die Offensive der Bourgeoisie gewartet, damit die
Arbeiter weiter in Zugzwang gerieten und endlich losschlagen würden. Anschläge
wie der gegen die Siegessäule in Berlin am 13. März, der von der KAPD initiiert
wurde, hatten dazu dienen sollen, die Kampfbereitschaft weiter anzustacheln.

Levi berichtete von einer Sitzung der Zentrale, wo der
Moskauer Gesandte Rakosi meinte: „Russland befinde sich in einer
außerordentlich schwierigen Situation. Es sei unbedingt erforderlich, dass
Russland durch Bewegungen im Westen entlastet würde, und aus diesem Grunde
müsse die deutsche Partei sofort in Aktion treten. Die VKPD zähle jetzt 500000
Mitglieder, mit diesen könne man 1500000 Proletarier auf die Beine bringen, was
genügt, um die Regierung zu stürzen. Er sei also für sofortigen Beginn des
Kampfes mit der Parole: Sturz der Regierung“. (P. Levi, „Brief an Lenin“,
27.03.1921)

„Am 17. März fand die Zentralausschusssitzung der KPD statt,
in der die Anregungen oder Weisungen des aus Moskau gesandten Genossen zur
Richtlinie gemacht wurden.

Am 18. März stellte sich die Rote Fahne auf diesen neuen
Beschluss um und forderte zum bewaffneten Kampf auf, ohne zunächst zu sagen,
für welche Ziele, und hielt diesen Ton einige Tage fest.“ (Levi, ebenda)

Die erwartete Offensive der Regierung im März 1921 war mit
dem Vorrücken der Polizeitruppen nach Mitteldeutschland eingetreten.

Die Revolution
forcieren?

Die vom sozialdemokratischen Polizeiminister Hörsing am 19.
März nach Mitteldeutschland beorderten Polizeikräfte sollten Hausdurchsuchungen
vornehmen und die Arbeiter um jeden Preis entwaffnen. Die Erfahrung aus dem
Kapp-Putsch vor Augen, hatte die Regierung davor zurückgeschreckt, Soldaten der
Reichswehr einzusetzen.

In derselben Nacht wurde vor Ort der Entschluss zum
Generalstreik ab dem 21. März gefasst. Am 23. März kam es zu ersten Kämpfen
zwischen Truppen der Sicherheits-Polizei und Arbeitern. Am gleichen Tag
erklärten die Arbeiter der Leuna-Werke bei Merseburg den Generalstreik. Am 24.
März riefen die VKPD und KAPD gemeinsam zum Generalstreik in ganz Deutschland
auf. Nach diesem Aufruf kam es sporadisch in mehren Städten des Reichs zu
Demonstrationen und Schießereien zwischen Streikenden und Polizei. Etwa 300000
Arbeiter beteiligten sich landesweit an den Streiks.

Der Hauptkampfplatz blieb jedoch das mitteldeutsche
Industriegebiet, wo sich ca. 40000 Arbeiter und 17000 Mann Polizei- und
Reichswehrtruppen gegenüberstanden. In den Leuna-Werken waren insgesamt 17
bewaffnete proletarische Hundertschaften aufgestellt worden. Die Polizeitruppen
setzten alles daran, die Leuna-Werke zu stürmen. Erst nach mehreren Tagen
gelang es ihnen, die Fabrik zu erobern. Dazu schickte die Regierung kurzerhand
Flugzeuge und bombardierte die Leuna-Werke. Gegen die Arbeiterklasse waren ihr
alle Mittel recht.

Auf Initiative der KAPD und VKPD wurden Dynamit-Attentate in
Dresden, Freiberg, Leipzig, Plauen und anderswo verübt. Die besonders
hetzerisch gegen die Arbeiter vorgehende Hallische – und Saale-Zeitung sollten
am 26. März mit Sprengstoff zum Schweigen gebracht werden.

Während die Repression in Mitteldeutschland spontan die
Arbeiter zu bewaffnetem Widerstand trieb, gelang es diesen jedoch wiederum
nicht, den Häschern der Regierung einen koordinierten Widerstand
entgegenzusetzen. Die von der VKPD aufgestellten Kampforganisationen, die von
Hugo Eberlein geleitet wurden, waren militärisch und organisatorisch völlig
unzureichend vorbereitet. Max Hoelz, der eine ca. 2500 starke
Arbeiter-Kampftruppe aufgestellt und es geschafft hatte, bis einige Kilometer
vor die von Regierungstruppen belagerten Leuna-Werke zu gelangen, versuchte vor
Ort eine Zentralisierung aufzubauen. Aber seine Truppen wurden ebenso am 1.
April aufgerieben, nachdem die Leuna-Werke zwei Tage zuvor schon erstürmt
worden waren.

Obwohl in anderen Städten die Kampfbereitschaft nicht im
Ansteigen begriffen war, hatten VKPD und KAPD zu einem sofortigen militärischen
Zurückschlagen gegen die eingerückten Polizeikräfte aufgerufen.

„Die Arbeiterschaft wird aufgefordert, den aktiven Kampf
aufzunehmen mit folgenden Zielen:

1. Sturz der Regierung...

2. Entwaffnung der Konterrevolution und Bewaffnung der
Arbeiter“

(Aufruf vom 17. März).

In einem weiteren Aufruf der Zentrale der VKPD schrieb sie
am 24. März:

„Denkt daran, dass ihr im Vorjahr in fünf Tagen mit
Generalstreik und bewaffnetem Aufstand die Weißgardisten und Baltikumstrolche
besiegt habt. Kämpft mit uns wie im Vorjahr Schulter an Schulter die
Gegenrevolution nieder!

Tretet überall in den Generalstreik! Brecht mit Gewalt die
Gewalt der Konterrevolution, Entwaffnung der Konterrevolution, Bewaffnung,
Bildung von Ortswehren aus den Kreisen der organisierten Arbeiter, Angestellten
und Beamten!

Bildet sofort proletarische Ortswehren! Sichert Euch die
Macht in den Betrieben! Organisiert die Produktion durch Betriebsräte und
Gewerkschaften! Schafft Arbeit für die Arbeitslosen!“

Vor Ort jedoch waren die Kampforganisationen der VKPD und
die spontan bewaffneten Arbeiter nicht nur schlecht organisatorisch und
militärisch gerüstet; die örtlichen Parteileitungen selber hatten keinen
Kontakt zu ihren Parteizentralen. Verschiedene Truppenverbände (die von Max
Hoelz und Karl Plättner waren die bekanntesten) kämpften an mehreren Orten im
Aufstandsgebiet unabhängig voneinander. Nirgendwo gab es Arbeiterräte, die ihre
Aktionen hätten koordinieren können. Dagegen standen die Repressionstruppen der
Bürgerlichen natürlich im engsten Kontakt mit ihrem Generalstab und
koordinierten ihre Taktik!

Nachdem die Leuna-Werke gefallen waren, zog die VKPD am 31.
März 1921 den Aufruf zum Generalstreik zurück. Am 1. April lösten sich die
letzten bewaffneten Arbeitertruppen in Mitteldeutschland auf.

Wieder herrschten Ruhe und Ordnung! Wieder schlug die
Repression zu. Wieder wurden viele Arbeiter ermordet und misshandelt. Hunderte
waren erschossen worden, über 6000 wurden verhaftet.

Die Hoffnung großer Teile der VKPD und KAPD, ein
provokatives Vorgehen des staatlichen Repressionsapparates würde eine Spirale
des Widerstandes in den Reihen der Arbeiter auslösen, war enttäuscht worden.
Die Arbeiter in Mitteldeutschland waren relativ isoliert geblieben.

In dieser Situation hatten die VKPD und die KAPD derart auf
ein Losschlagen gebrannt, ohne die Gesamtlage im Auge zu behalten, dass sie
sich durch die Devise „Wer nicht für uns ist, der ist wider uns“ (Editorial der
Roten Fahne, 20. März), von den unentschlossenen und nicht-kampfbereiten
Arbeitern völlig isolierten und einen Graben der Spaltung innerhalb der
Arbeiterklasse aushoben.

Anstatt zu erkennen, dass die Lage nicht günstig war,
schrieb die Rote Fahne am 30. März: „Nicht nur auf das Haupt eurer Führer, auf
das Haupt jedes einzelnen von euch kommt die Blutschuld, wenn ihr
stillschweigend oder auch nur unter lahmen Protesten duldet, dass die Ebert,
Severing, Hörsing den weißen Schrecken und die weiße Justiz gegen die Arbeiter
loslassen (...)

Schmach und Schande über den Arbeiter, der jetzt noch
beiseite steht, Schmach und Schaden über den Arbeiter, der jetzt noch nicht
weiß, wo sein Platz ist.“

Um die Kampfbereitschaft weiter anzustacheln, hatte man die
Arbeitslosen als Speerspitze einsetzen wollen.

„Die Arbeitslosen wurden als Sturmkolonnen vorangeschickt.
Sie besetzten die Tore der Fabriken. Sie drangen in die Betriebe ein, löschten
hier und da die Feuer und versuchten, die Arbeiter aus den Betrieben
herauszuprügeln... Es war ein entsetzlicher Anblick, wie die Arbeitslosen, laut
weinend über die Prügel, die sie empfangen, aus den Betrieben hinausgeworfen
wurden, und wie sie denen fluchten, die sie dahin gesandt.“

Dass die VKPD-Zentrale vor dem Beginn der Kämpfe das
Kräfteverhältnis falsch eingeschätzt hatte und nach Auslösung der Kämpfe ihre
Einschätzung nicht revidierte, war schon tragisch genug. Es kam noch schlimmer,
denn statt dessen verbreitete sie die Parole: „Leben oder Tod“. Nach dem
falschen Motto: „Kommunisten weichen nie zurück“!

„Unter keinen Umständen darf ein Kommunist, auch wenn er in
Minderheit ist, zur Arbeit schreiten. Die Kommunisten gingen hinaus aus den
Betrieben. In Trupps von 200, 300 Mann, oft mehr, oft weniger, gingen sie aus den
Betrieben: der Betrieb ging weiter. Sie sind heute arbeitslos, die Unternehmer
haben die Gelegenheit benutzt, die Betriebe ‘kommunistenrein’ zu machen in
einem Falle, in dem sie selbst ein groß Teil der Arbeiter auf ihrer Seite
hatten.“ (Die Rote Fahne)

Welche Bilanz aus den
März-Kämpfen?

Während dieser Kampf der Arbeiterklasse von der Bourgeoisie
aufgezwungen wurde und sie ihm nicht ausweichen konnte, hatte die VKPD den
Fehler begangen, dass sie „den defensiven Charakter des Kampfes nicht klar
genug hervorhob, sondern durch den Ruf von der Offensive den gewissenlosen
Feinden des Proletariats, der Bourgeoisie, der SPD und der USPD Anlass gab, die
VKPD als Anzettlerin von Putschen dem Proletariat zu denunzieren. Dieser Fehler
wurde von einer Anzahl von Parteigenossen gesteigert, indem sie die Offensive
als die hauptsächlichste Methode des Kampfes der VKPD in der jetzigen Situation
darstellten“ („Thesen und Resolutionen des 3. Weltkongresses der
Kommunistischen Internationale“, S. 52/53, Juni 1921).

Dass die Kommunisten weiter für eine Verstärkung der
Kampfbereitschaft eintraten, war ihre erste Pflicht. Aber Kommunisten sind
nicht einfach Aufpeitscher der Kampfbereitschaft. Die „Kommunisten sind (...)
praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien
aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die
Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der
proletarischen Bewegungen voraus.“ (Kommunistisches Manifest) Deshalb müssen
sie sich gegenüber der Klasse insgesamt durch ihre Fähigkeit auszeichnen, das
Kräfteverhältnis richtig einzuschätzen, die Strategie des Klassengegners zu
durchschauen, denn eine für entscheidende Kämpfe noch zu schwache
Arbeiterklasse in eine sichere Niederlage zu führen, oder sie in die von der
Bourgeoisie gestellten Fallen zu treiben, ist das Unverantwortlichste, was
Revolutionäre tun können. Insbesondere erfordert dies vor allem auch die
Fähigkeit zu entwickeln, den jeweiligen Bewusstseinsstand und die Kampfbereitschaft
innerhalb der Arbeiterklasse einschätzen zu können, und die Vorgehensweise der
Herrschenden zu durchschauen. Nur so können revolutionäre Organisationen ihre
wirkliche Führungsrolle in der Klasse übernehmen.

Sofort nach dem Ende der März-Aktion kam es zu heftigen
Debatten innerhalb der VKPD und der KAPD.

Falsche
Organisationsauffassungen — eine Fessel für die Fähigkeit der Partei zur
Selbstkritik

In einem Leitartikel vom 4.–6. April verkündete die Rote
Fahne, dass die „VKPD eine revolutionäre Offensive eingeleitet“ habe und die
März-Aktion „der Beginn, der erste Abschnitt der entscheidenden Kämpfe um die
Macht“ sei.

Am 7./8. April tagte der Zentralausschuss der VKPD. Anstatt
eine kritische Einschätzung der Intervention zu liefern, versuchte Heinrich
Brandler vor allem die Politik der VKPD-Zentrale zu rechtfertigen. Er
begründete die Hauptschwäche in einer mangelnden Disziplin der VKPD-Mitglieder
vor Ort und im Versagen der sogenannten Militärorganisation. Brandler meinte
gar, „Wir haben keine Niederlage erlitten, wir hatten eine Offensive“.

Gegenüber dieser Einschätzung sollte Paul Levi innerhalb der
VKPD zum heftigsten Kritiker der Vorgehensweise der Partei in der März-Aktion
werden.

Nachdem er neben Clara Zetkin im Februar 1921 schon aus dem
Zentralausschuss ausgeschieden war, weil es unter anderem zu Divergenzen um die
Gründung der KP in Italien gekommen war, sollte er sich erneut als unfähig
erweisen, die Organisation durch Kritik nach vorne zu treiben. Das Tragische
war, dass er „mit seiner Kritik an der März-Aktion 1921 in Deutschland in
vielem dem Wesen der Sache nach recht“ hatte (Lenin, „Brief an die deutschen
Kommunisten“, Werke Bd. 32, S. 541). Aber anstatt seine Kritik innerhalb des
Rahmens der Organisation den Regeln und Prinzipien derselben folgend
vorzubringen, verfasste er am 3./4. April eine Broschüre, die am 12. April
veröffentlicht wurde, ohne dass die Partei ihren Inhalt kannte.

[ii]

In dieser Broschüre brach er nicht nur die
Organisationsdisziplin, sondern er veröffentliche Details aus dem internen
Leben der Partei. Somit brach er ein proletarisches Prinzip, gefährdete gar die
Organisation, indem er in aller Öffentlichkeit die Funktionsweise der
Organisation preisgab. Dafür wurde er am 15. April aus der Partei wegen
parteischädigenden Verhaltens ausgeschlossen.

[iii]

Levi, der wie wir in einem früheren Artikel zum
Oktoberparteitag der KPD 1919 festgestellt haben, dazu neigte, jede Kritik als
Angriff auf die Organisation, als Infragestellung einer ganzen Linie und somit
als Bedrohung der Organisation, aber auch seiner Person aufzufassen, sabotierte
jeden Versuch einer kollektiven Funktionsweise. Seine Einstellung offenbart
dies: „Ist die März-Aktion richtig, dann gehöre ich hinausgeworfen (aus der
Partei). Oder ist die März-Aktion ein Fehler, dann ist meine Broschüre
gerechtfertigt“ (Levi, „Brief an die Zentrale der VKPD“). Diese
organisationsschädigende Haltung war von Lenin wiederholt kritisiert worden.
Nach Bekanntwerden seines Austritts aus der Zentrale der VKPD im Februar
schrieb Lenin dazu: „Aber Austritt aus der Zentrale!!?? Das jedenfalls der
größte Fehler! Wenn wir solche Gepflogenheiten dulden werden, dass
verantwortliche Mitglieder der Zentrale austreten, wenn sie in der Minderheit
geblieben sind, dann wird die Entwicklung und Gesundung der kommunistischen
Parteien niemals glatt gehen. Statt auszutreten – die strittige Frage mehrere
Male besser mit der Exekutive ventilieren (...). Alles mögliche und etwas
unmögliches dazu zu tun – aber, es koste was es wolle, Austritt vermeiden und Gegensätze
nicht verschärfen.“ (Lenin an Clara Zetkin und Paul Levi, 16.4.1921).

Levis zum Teil maßlose und überspitzte Beschuldigungen (dass
er die Verantwortung der Bourgeoisie für die Kämpfe im März in den Hintergrund
geraten ließ und der VKPD praktisch die Alleinschuld aufbürdete) verzerrten die
Wirklichkeit.

Nachdem er aus der Partei ausgeschlossen war, gab er eine
kurze Zeit die Zeitschrift Sowjet heraus, die zum Sprachrohr der Gegner dieses
Kurses der VKPD wurden. Levi wollte seine Kritik an der Taktik der VKPD dem
Zentralausschuss vortragen, wurde aber zur Tagung nicht mehr zugelassen. Statt
dessen trug Clara Zetkin eine Reihe seiner Kritiken vor. „Die Kommunisten haben
nicht die Möglichkeit (...) die Aktion an Stelle des Proletariats, ohne das Proletariat,
am Ende gar gegen das Proletariat zu machen“ (Levi). Zetkin schlug eine
Gegenresolution zur Stellungnahme der Partei vor. Mehrheitlich verwarf die
Sitzung des Zentralausschusses jedoch die Kritik und hob hervor, dass ein
„Ausweichen vor der Aktion (...) unmöglich für eine revolutionäre Partei, (...)
ein glatter Verzicht auf ihren Beruf, die Revolution zu führen“ gewesen wäre.
Die VKPD „muss, wenn sie ihre geschichtliche Aufgabe erfüllen will, festhalten
an der Linie der revolutionären Offensive, die der März-Aktion zugrunde liegt,
und sie muss entschlossen und sicher auf diesem Wege fortschreiten“ („Leitsätze
über die März-Aktion“, Die Internationale Nr. 4, April 1921).

Die Zentrale bestand auf der Fortsetzung der eingeschlagenen
Offensivtaktik und verwarf alle Kritiken. In einem vom 6. April 1921
gezeichneten Aufruf hatte das EKKI (Erweitertes Exekutivkomitee der
Kommunistischen Internationalen) noch die Haltung der VKPD gebilligt und
aufgerufen, „Ihr habt richtig gehandelt (...) Rüstet zu weiteren Kämpfen“ (Rote
Fahne, 14.4.1921).

So war auf dem 3. Weltkongress der Komintern weder das EKKI
noch der Kongress selber einig über die Einschätzung der deutschen Ereignisse.
Vor allem die Gruppe um Clara Zetkin in der KPD wurde in dem ersten Teil der
Diskussion erbittert angegriffen. Erst das Eingreifen und die Autorität Lenins
und Trotzkis in der Debatte brachte die Wende in der Auseinandersetzung, indem
die Hitzköpfe zur Abkühlung gebracht wurden.

Lenin, der sowohl durch die Ereignisse in Kronstadt wie auch
durch die Staatsführung so beschäftigt war, dass er die Ereignisse und die
Debatten um die Bilanz nicht hatte näher verfolgen können, fing an, sich
eingehend mit der Bilanz der März-Aktion zu befassen. Während er den
Disziplinbruch Levis auf das schärfste verwarf, trat er dafür ein, dass die
März-Aktion wegen ihrer „großen internationalen Bedeutung dem 3. Weltkongress
der Komintern unterbreitet werden solle“. Breitestmögliche, ungehinderte
Diskussion innerhalb der Partei, hieß seine Devise.

W. Koenen, der Vertreter der VKPD beim EKKI, wurde im April
vom EKKI mit dem Auftrag nach Deutschland geschickt, dass der Zentralausschuss
keine endgültigen Beschlüsse gegen die Opposition fassen sollte. In der
Parteipresse kamen dann auch wieder die Kritiker der März-Aktion zu Wort. Die
Diskussion über die Taktik wurde fortgesetzt.

Dennoch vertrat die Mehrheit der Zentrale weiterhin ihre im
März eingenommene Haltung. Arkady Maslow verlangte die neuerliche Billigung der
März-Aktion. Guralski, ein Gesandter des EKKI forderte gar: „keine
Beschäftigung mit der Vergangenheit. Die beste Antwort auf Angriffe der
Richtung Levi sind die weiteren politischen Kämpfe der Partei“. Auf der Sitzung
des Zentralausschusses vom 3.-5. Mai trat Thalheimer dafür ein, die
Aktionseinheit der Arbeiter wieder aufzunehmen. Fritz Heckert plädierte für
verstärkte Arbeit in den Gewerkschaften.

Am 13. Mai veröffentlichte die Rote Fahne Leitsätze, die auf
eine künstliche Beschleunigung der revolutionären Entwicklung abzielten. Als
Beispiel wurde dafür die März-Aktion hingestellt. Die Kommunisten „müssen in
zugespitzten Situationen, wo wichtige Interessen des Proletariats bedroht sind,
den Massen einen Schritt vorausgehen und versuchen, sie durch ihre Initiative
in den Kampf zu führen, auch auf die Gefahr hin, nur Teile der Arbeiterschaft
mit sich zu reißen“. Wilhelm Pieck, der sich in der Januar-Woche 1919 schon mit
Karl Liebknecht entgegen den Parteibeschluss am Aufstand beteiligt hatte,
meinte: Auseinandersetzungen unter den Arbeitern „werden wir noch häufiger
erleben. Die Kommunisten müssen sich gegen die Arbeiter wenden, wenn diese
nicht unseren Aufrufen folgen“.

Die Reaktion der KAPD

Während VKPD und KAPD einen Schritt vorwärts gemacht hatten
und zum ersten Mal gemeinsam losschlagen wollten, lag das Drama darin, dass
diese Aktionen selbst unter ungünstigen Bedingungen stattgefunden hatten. Auch
war der gemeinsame Nenner der VKPD und KAPD bei der März-Aktion gewesen, der
Arbeiterklasse in Russland zu Hilfe zu eilen. Im Gegensatz zu den späteren
Rätekommunisten verteidigte die KAPD damals noch die Revolution in Russland.

Gegenüber der Bilanz der März-Aktion waren die Haltung und
Intervention der KAPD jedoch widersprüchlich. Einerseits rief sie gemeinsam mit
der VKPD zum Generalstreik auf, schickte F. Jung und F. Rasch als Vertreter der
Zentrale nach Mitteldeutschland zur Unterstützung der Koordinierung der
Kampfhandlungen. Andererseits hielten die örtlichen Führer der KAPD, Utzelman
und Prenzlow, aufgrund ihrer Kenntnis der Lage im mitteldeutschen
Industriegebiet einen Aufstandsversuch für unsinnig und wollten nicht über den
Generalstreik hinausgehen. Deshalb waren sie gegenüber den Leuna-Arbeitern
dafür eingetreten, im Werksbereich zu verbleiben und sich auf einen
Defensivkampf einzustellen. Die KAPD-Leitung reagierte ohne Abstimmung mit der
Partei vor Ort.

Im Anschluss an die Bewegung lieferte die KAPD Ansätze zu
einer kritischen Einschätzung ihrer eigenen Intervention. Sie reagierte sehr
widersprüchlich. In einer Antwort auf die Broschüre Levis griff sie jedoch die
grundsätzliche Problematik auf, die hinter der Vorgehensweise der VKPD-Zentrale
stand. So schrieb Herman Gorter: „Die VKPD hatte durch die parlamentarische
Aktion – die unter dem bankerotten Kapitalismus keine andere Bedeutung mehr hat,
als die Irreführung der Massen – das Proletariat vom revolutionären Handeln
abgelenkt. Sie hatte Hunderttausende von nichtkommunistischen Mitgliedern
gesammelt, war also zu einer ‘Massenpartei’ geworden. Die VKPD hatte durch die
Zellentaktik die Gewerkschaften unterstützt (...) als die deutsche Revolution
immer machtloser zurückwich, als ihre besten Elemente dadurch unzufrieden,
stets mehr auf die Aktion drängten – da beschloss sie auf einmal eine große
Aktion zur Eroberung der politischen Gewalt. D.h. vor der Herausforderung
Hörsings und der Sipo hat sie zu einer künstlichen Aktion von oben, ohne
spontanen Drang großer Massen, d.h. zur Putschtaktik, den Beschluss gefasst.

Das Exekutiv-Komitee und seine Repräsentanten in Deutschland
hatten schon lange darauf gedrängt, die VKPD solle losschlagen. Sie sollte sich
als eine richtige revolutionäre Partei erweisen. Als ob in dem Losschlagen
allein schon das Wesen einer revolutionären Taktik besteht! Wenn eine Partei,
die statt die revolutionäre Kraft des Proletariats aufzubauen, Parlament und
Gewerkschaften unterstützt und dadurch das Proletariat schwächt und seine
revolutionäre Kraft unterminiert, dann (nach diesen Vorbereitungen!!) auf
einmal losschlägt und eine große, angreifende Aktion beschließt, für dies selbe,
von ihr selbst geschwächte Proletariat, so ist das im Grunde ein Putsch. Das
heißt eine von oben beschlossene, nicht aus den Massen selbst hervorkommende,
von vornherein zum Scheitern verdammte Tat. Und diese Putschtaktik ist nicht
revolutionär, sondern genau so opportunistisch, wie der Parlamentarismus und
die Zellentaktik selbst. Ja, diese Putschtaktik ist die notwendige Gegenseite
des Parlamentarismus und der Zellentaktik, der Sammlung nichtkommunistischer
Elemente, der Führer – statt Massen- oder besser Klassenpolitik. Diese
schwache, innerlich faule Taktik muss notwendig zu Putschen führen.“ („Lehren
der März-Aktion“, Nachschrift zum „Offenen Brief an den Genossen Lenin“ von
Herman Gorter, in Der Proletarier, 5/1921)

Damit legte dieser KAPD-Text richtigerweise den Finger auf
den Widerspruch zwischen der Taktik der Einheitsfront, die die Illusionen der
Arbeiter über Gewerkschaften und Sozialdemokratie verstärkt hatte, und dem
plötzlichen gleichzeitigen Aufruf zum Sturmangriff gegen den Staat. Gleichzeitig
finden sich in diesem Text jedoch Widersprüche, denn während die KAPD
einerseits von einer Verteidigungshandlung der Arbeiter sprach, schätzte sie
die März-Aktion gleichzeitig als „ersten bewussten Angriff der revolutionären
Arbeiter Deutschlands gegen die bürgerliche Staatsmacht“ ein (S. 21). Dabei
hatte die KAPD selbst festgestellt, dass „selbst die großen Arbeitermassen
neutral, wenn nicht feindlich gegenüber der kämpferischen Avantgarde
eingestellt blieb“ (S. 24). Auch auf dem außerordentlichen Parteitag der KAPD
im September 1921 wurden die Lehren aus der März-Aktion nicht weiter
aufgegriffen.

Auf diesem Hintergrund heftiger Debatten innerhalb der VKPD
und widersprüchlicher Reaktionen der KAPD begann Ende Juni der 3. Weltkongress
der Komintern.

Die Haltung der
Komintern zur März-Aktion

Innerhalb der Komintern war der Prozess der Bildung
verschiedener Flügel in Gang gekommen. Das EKKI selber hatte gegenüber den
Ereignissen in Deutschland weder eine einheitliche Meinung, noch sprach es mit
einer Stimme. Bei der Einschätzung der Lage in Deutschland war das EKKI lange
Zeit gespalten.

Radek hatte zahlreiche Kritiken an den Positionen und dem
Verhalten des Vorsitzenden der KPD, Levi, entwickelt, die von anderen
Mitgliedern der Zentrale aufgegriffen wurden.

Innerhalb der KPD wurden diese Kritiken jedoch nicht offen
und auf einem Parteitag oder in anderen Parteiinstanzen in entsprechender Form
formuliert.

Anstatt offen über die Einschätzung der Lage zu debattieren,
war von Radek eine Funktionsweise gefördert worden, die der Partei zutiefst
schädlich sein sollte. Kritiken wurden häufig nicht brüderlich in aller
Deutlichkeit vorgetragen, sondern in verdeckter Form. Im Mittelpunkt stand oft
nicht die jeweilige Fehleinschätzung durch ein Zentralorgan, sondern die Suche
nach Schuldigen. Der Trend setzte sich durch, Positionen jeweils mit Personen
zu verbinden. Anstatt die Einheit als Organisation um eine Position und
Vorgehensweise herzustellen, anstatt für und als ein kollektiv funktionierender
Körper zu kämpfen, untergrub man das Organisationsgewebe auf eine völlig
unverantwortliche Weise.

Darüber hinaus waren die Kommunisten in Deutschland selber
ebenfalls zutiefst gespalten. Zum einen gehörten zum damaligen Zeitpunkt der
Komintern die VKPD und die KAPD an, die allerdings aufs heftigste wegen der
Orientierung der Organisation aufeinander prallten.

Gegenüber der Komintern waren vor der März-Aktion von Teilen
der VKPD sowohl Informationen über die Einschätzung der Lage verschwiegen wie
auch die unterschiedlichen Positionen und Einschätzungen der Komintern nicht
umfassend mitgeteilt worden.

In der Komintern selber gab es keine wirklich gemeinsame
Reaktion und kein einheitliches Vorgehen gegenüber der Entwicklung. Der
Kronstädter Aufstand hatte die ganze Aufmerksamkeit der Führung der
Bolschewistischen Partei auf sich gezogen und sie daran gehindert, die Lage in
Deutschland näher zu verfolgen. Zudem war es oft nicht klar, wie Entscheidungen
innerhalb des Exekutivkomitees zustande gekommen waren und wie Mandate erteilt
wurden. Gerade gegenüber Deutschland scheinen die Mandate von Radek und anderen
Delegierten des EKKI nicht immer klar genug festgelegt worden zu sein.

[iv]

So hatten in dieser Situation der zunehmenden Spaltung
innerhalb der VKPD Mitglieder des EKKI, unter Radeks Federführung,
inoffiziellen Kontakt mit Flügeln in beiden Parteien – VKPD und KAPD –
aufgenommen, um unter Umgehung der Zentralorgane der beiden Organisationen
Vorbereitungen für putschistische Maßnahmen zu treffen. Anstatt also auf eine
Klärung und Mobilisierung der Organisationen zu drängen, begünstigte man eine
Spaltung der Parteien und förderte Schritte, die Entscheidungen außerhalb der
verantwortlichen Organe zu treffen. Diese Haltung, die im Namen des EKKI
eingenommen wurde, leistete somit dem organisationsschädlichen Verhalten
innerhalb VKPD und KAPD Vorschub.

Paul Levi kritisierte: „Der Fall war schon häufiger, dass
Abgesandte des EKKI über ihre Vollmacht hinausgingen, d.h. dass sich
nachträglich ergab, die Abgesandten hätten zu dem oder jenem keine Vollmachten
gehabt.“ („Unser Weg, Wider den Putschismus“, S. 63, 3. April 1921).

Von den Statuten festgelegte Entscheidungsstrukturen in der
Komintern wie auch innerhalb der VKPD und KAPD wurden umgangen. Tatsache war,
dass in der März-Aktion dann von beiden Organisationen zum Generalstreik
aufgerufen wurde, ohne dass die ganze Organisation an der Einschätzung der Lage
und den Entscheidungen beteiligt war. In Wirklichkeit hatten Genossen des EKKI
mit den Elementen und den Flügeln innerhalb der beiden Organisationen Kontakt
aufgenommen, die nach Aktionen drängten. Die Partei als solche wurde
„umgangen“!

So konnte es nie zu einer einheitlichen Vorgehensweise der
einzelnen Parteien und noch weniger zu einem gemeinsamen Vorgehen der beiden
Parteien kommen.

Aktivismus und Putschismus hatten in diesen Organisationen
teilweise die Oberhand gewonnen – mit einem sehr zerstörerischen Verhalten für
die Partei und die Klasse insgesamt. Jeder Flügel fing an, seine eigene Politik
zu betreiben und seine eigenen informellen, parallelen Kanäle aufzubauen. Die
Sorge um die Einheit der Partei, eine statutengemäße Funktionsweise war einem
Großteil der Partei abhanden gekommen.

Obwohl die Komintern durch die Identifikation der
Bolschewistischen Partei mit den Interessen des russischen Staates und durch
die opportunistische Kehrtwendung hin zur Einheitsfront geschwächt war, sollte
der 3. Weltkongress dennoch ein Moment der kollektiven, proletarischen Kritik
an der März-Aktion werden.

Für den Kongress hatte das EKKI aus richtiger politischer
Sorge auf Anregung Lenins auch die Entsendung von Vertretern der Opposition
innerhalb der VKPD durchgesetzt. Während die Delegation der VKPD-Zentrale
weiter jegliche Kritik an der Haltung der VKPD zur März-Aktion unterbinden wollte,
beschloss das Politbüro der KPR(B) auf Vorschlag Lenins: „Als Grundlage der
Resolution ist der Gedanke zu nehmen, dass man vielmals detaillierter die
konkreten Fehler der VKPD in der März-Aktion aufzeigen und vielmals energischer
vor der Wiederholung dieser Fehler warnen muss.“

Wie Haltung
einnehmen?

In der Eingangsdiskussion über „Die wirtschaftliche Krise
und die neuen Aufgaben der Kommunistischen Internationale“ hatte Trotzki
hervorgehoben: „Erst jetzt sehen und fühlen wir, dass wir nicht so unmittelbar
nahe dem Endziel, der Eroberung der Macht, der Weltrevolution stehen. Wir haben
damals im Jahre 1919 uns gesagt: es ist die Frage von Monaten, und jetzt sagen
wir, es ist die Frage vielleicht von Jahren (...) Der Kampf wird vielleicht
langwierig sein, wird nicht so fieberhaft, wie es wünschenswert wäre,
voranschreiten, der Kampf wird höchst schwierig und opferreich sein (...)“
(„Protokoll des 3. Kongresses“, S. 90).

Lenin: „Deshalb musste der Kongress gründlich mit den linken
Illusionen aufräumen, dass die Weltrevolution ununterbrochen in ihrem
stürmischen Anfangstempo weiterrase, dass wir von einer zweiten revolutionären
Welle getragen würden, und dass es einzig und allein vom Willen der Partei und
ihrer Aktion abhänge, den Sieg an unsere Fahne zu fesseln (...)“ (Zetkin,
„Erinnerungen an Lenin“)

Für den Kongress hatte die VKPD-Zentrale unter der
Federführung A. Thalheimers und Bela Kuns einen Thesenentwurf zur Taktik
geschickt, der forderte, dass die Komintern jetzt zu einer neuen Periode der
Aktionen übergehen müsse. In einem Brief vom 10. Juni an Sinowjew hatte Lenin
den Thesenentwurf als „politisch grundfalsch, als linksradikale Spielerei“
eingeschätzt und gefordert, ihn gänzlich abzulehnen. „Die Mehrheit der
Arbeiterklasse haben die kommunistischen Parteien noch nirgends erobert. Nicht
für die organisatorische Führung, aber auch nicht für die Prinzipien des
Kommunismus (...) Deshalb muss die Taktik darauf gerichtet werden, unentwegt
und systematisch um die Mehrheit der Arbeiterklasse, in erster Linie innerhalb
der alten Gewerkschaften zu ringen.“ (10. Juni, 1921, Lenin, Briefe, Bd. 7, S.
269). Gegenüber dem Delegierten Heckert meinte Lenin: „Die Provokation lag doch
glatt auf der Hand. Statt von der Verteidigung aus die Arbeitermassen gegen die
Angriffe der Bourgeoisie zu mobilisieren und so den Massen zu zeigen, dass das
Recht auf eurer Seite ist, habt ihr die sinnlose ‘Offensivtheorie’ erfunden,
die allen Polizeikerls und den reaktionären Regierungen die Möglichkeit gibt,
euch als die Angreifer darzustellen, vor denen man das Volk schützen muss.“
(Erinnerungen, F. Heckert, „Meine Begegnungen mit Lenin“)

Während Radek selbst vorher die März-Aktion unterstützt
hatte, sprach er in seinem Referat im Namen des EKKI vom widersprüchlichen
Charakter der März-Aktion, lobte den Heldenmut der kämpfenden Arbeiter und
kritisierte andererseits die falsche Politik der Zentrale der VKPD. Trotzki
charakterisierte die März-Aktion als ganz unglücklichen Versuch, der, „wenn er
wiederholt werden sollte, diese gute Partei wirklich zugrunde richten könnte“.
Er unterstrich, „wir sind verpflichtet, der deutschen Arbeiterschaft klipp und
klar zu sagen, dass wir diese Offensivphilosophie als die größte Gefahr und in
der praktischen Anwendung als das größte Verbrechen auffassen“. („Protokoll des
3. Kongresses“, S. 644-646).

Die Delegation der VKPD und die gesondert eingeladenen
Delegierten der VKPD-Opposition prallten auf dem Kongress aufeinander.

Der Kongress war sich der Gefahren für die Einheit der
Partei bewusst. Deshalb drängte man auf eine Einigung zwischen VKPD-Führung und
Opposition. Eine Übereinkunft mit folgendem Inhalt wurde erzielt: „Der Kongress
erachtet jede weitere Zerbröckelung der Kräfte innerhalb der VKPD, jede
Sonderbündelei – von Spaltung gar nicht zu sprechen – als die größte Gefahr für
die ganze Bewegung“. Gleichzeitig wurde vor einer revanchistischen Haltung
gewarnt: „Der Kongress erwartet von der Zentrale und der Mehrheit der VKPD die
tolerante Behandlung der früheren Opposition, falls diese die vom 3. Kongress
gefassten Beschlüsse loyal durchführt“ („Resolution zur März-Aktion und über
die Lage in der VKPD“, 21. Sitzung des 3. Weltkongresses, 9.7.1921).

In den Debatten auf dem 3. Kongress äußerte sich die
KAPD-Delegation kaum selbstkritisch zur März-Aktion. Sie schien sich mehr auf
die Prinzipienfrage der Arbeit in den Gewerkschaften und den Parlamentarismus
zu konzentrieren.

Während der 3. Kongress so selbstkritisch vor den
putschistischen Gefahren, die in der März-Aktion sichtbar geworden war, gewarnt
hatte und diesem „blinden Aktionismus“ eine Abfuhr erteilt hatte, schlug der
Kongress selber tragischerweise den unheilvollen Kurs der „Einheitsfront von
Unten“ ein. Zwar hatte er die putschistische Gefahr abgewandt, aber die
opportunistische Kehrtwende, die durch die Verabschiedung der 21 Thesen
eingeleitet worden war, wurde bestätigt und beschleunigt. Die wirklichen
Fehler, die in der Grundsatzkritik der KAPD von Gorter aufgeworfen worden
waren, nämlich die Rückkehr zur gewerkschaftlichen und parlamentarischen
Ausrichtung, wurden nicht korrigiert.

Ermuntert durch die Ergebnisse des 3. Kongresses schlug die
VKPD dann ab Herbst 1921 den Kurs der Einheitsfront ein.

Gleichzeitig hatte der 3. Kongress der KAPD ein Ultimatum
gestellt: entweder Beitritt zur VKPD oder Ausschluss aus der Komintern.

Im September 1921 trat die KAPD dann aus der Komintern aus –
Teile von ihr stürzten sich anschließend in das Abenteuer der Bildung einer
Kommunistischen Arbeiterinternationale. Nur wenige Monate vergingen bis zur
Spaltung der KAPD.

Für die KPD (die im August 1921 wieder ihren Namen von VKPD
zu KPD geändert hatte) war die Tür zu einer opportunistischen Entwicklung
weiter aufgestoßen.

Die Bourgeoisie ihrerseits hatte ihr Ziel erreicht: Erneut
hatte sie mit der März-Aktion ihre Offensive fortsetzen können. Sie hatte die
Arbeiterklasse weiter geschwächt.

Aber noch verheerender als die Konsequenzen dieser
putschistischen Haltung für die Arbeiterklasse insgesamt waren die Folgen für
die Kommunisten selber: erneut wurden sie Opfer der Repression. Die Jagd auf
Kommunisten wurde wieder verschärft. Bei der KPD kam es zu einer großen
Austrittswelle aus der Partei. Viele Mitglieder zeigten sich zutiefst
enttäuscht über die gescheiterte Erhebung. Anfang des Jahres zählte die VKPD
ca. 35000-400000 Mitglieder. Ende August 1921 gehörten ihr nur noch ca. 160000
an, im November sogar nur noch 135000-150000 zahlende Mitglieder.

Zum wiederholten Male hatte die Arbeiterklasse in
Deutschland gekämpft, ohne eine starke, schlagkräftige Partei an ihrer Seite zu
haben.                        

Dv.


[i]

Bei den
Wahlen zum Preußischen Landtag im Februar 1921 entfielen auf die VKPD 1.1 Mio.,
die USPD 1.1 Mio. und die SPD 4.2 Mio. Stimmen. In Berlin übertrafen VKPD und
USPD die SPD-Stimmenanteile.

[ii]

Clara
Zetkin, die mit der inhaltlichen Kritik Paul Levis übereinstimmte, hatte in
mehreren Briefen aufgefordert, sich nicht organisationsschädlich zu verhalten.
So schrieb sie am 11. April an Levi: „(...) dem Vorwort sollten Sie die
persönliche Note nehmen. Ebenso scheint mir politisch wirksam, dass Sie über
die Zentrale und ihre Mitglieder kein ‘persönliches Urteil’ fällen, sie reif
für die Kaltwasserheilanstalt erklärten und ihre Entfernung fordern etc. (...)
Es ist klüger, dass Sie sich bloß an die Politik der Zentrale halten, die Leute
außer Spiel lassen, die ihre Träger sind (...) Nur die persönlichen Wallungen
sollten gestrichen werden.“ Levi ließ sich nicht belehren. Stolz und
Rechthaberei, sowie sein monolithisches Organisationsverständnis sollten fatale
Folgen haben.

[iii]

„Paul Levi
hat der Parteileitung von seiner Absicht, eine solche Broschüre zu
veröffentlichen, weder Kenntnis gegeben noch ihr Mitteilung von den in der
Broschüre aufgestellten Behauptungen gemacht (...)

Paul Levi hat seine Broschüre in Druck gegeben am 3.
April, zu einer Zeit, wo der Kampf noch in vielen Teilen des Reiches im Gange
war und in der Tausende von Kämpfern vor den Sondergerichten stehen, die Paul
Levi durch die Veröffentlichung seiner Broschüre zu den Bluturteilen gerade
anreizt (...)

Die Zentrale anerkennt in vollem Umfange das Recht der
Parteikritik vor und nach Aktionen, die von der Partei geführt werden. Kritik
auf dem Boden des Kampfes und dem der vollen Kampfsolidarität ist eine
Lebensnotwendigkeit für die Partei und revolutionäre Pflicht. Paul Levis
Haltung (...) läuft nicht auf die Stärkung, sondern auf die Zerrüttung und
Zerstörung der Partei hinaus“. (Zentrale der VKPD, 16.4.1921)

[iv]

Der
Delegation des EKKI gehörten Bela Kun, Pogany und Guralski an. Karl Radek
wirkte insbesondere seit der Gründung der KPD als „Verbindungsmann“ zwischen
der KPD und der Komintern. Ohne immer über ein klares Mandat zu verfügen,
praktizierte vor allem er die Politik der „informellen“ und parallelen Kanäle.

Theorie und Praxis: 

Geschichte der Arbeiterbewegung: