Deutsche Revolution XII (Teil 1)

1923: Die Bourgeoisie will der Arbeiterklasse eine entscheidende
Niederlage beifügen

Wir haben in den
vorherigen Artikeln gesehen, wie nach dem Erreichen des Höhepunktes der
revolutionären Welle 1919  das
Proletariat in Russland isoliert blieb. Während die Komintern gegenüber dem
Rückflussß der
Welle durch eine opportunistische Kehrtwende zu reagieren versuchte, dadurch
ihre Degenerierung einleitete, verselbständigte sich der russische Staat zunehmend
gegenüber der Klassenbewegung und versuchte, die Komintern verstärkt in seinen
Dienst zu stellen.

Gleichzeitig spürte die Bourgeoisie, nachdem sie den Bürgerkrieg
gegen Russland beendet hatte, dass nicht mehr die gleiche Gefahr von der
Arbeiterklasse in Russland ausging und dass international die Welle von Kämpfen
rückläufig war. Sie hatte bemerkt, dass die Komintern nicht mehr mit aller
Kraft die Sozialdemokratie bekämpfte, ja, statt dessen sich gar mit ihr durch
Einheitsfronten zu verbünden suchte. Instinktiv erkannte die bürgerliche
Klasse, dass der russische Staat nicht mehr nach Ausdehnung der Revolution
strebte, sondern zu einer Kraft geworden war, die nach einem eigenständigen
Platz als Staat suchte, wie es die Konferenz von Rapallo hatte deutlich werden
lassen. Die Bourgeoisie spürte, dass sie gegen die Arbeiterklasse eine
internationale Offensive einleiten konnte, deren Schwerpunkt in Deutschland
liegen sollte.

Neben Russland 1917 war die Arbeiterklasse in Deutschland und
Italien am weitesten gegangen. Trotz der Niederlagen im Frühjahr 1920 nach der
Abwehr des Kapp-Putsches und selbst nach den Märzkämpfen 1921 zeigte sich die
Arbeiterklasse in Deutschland immer noch kämpferisch, aber international war
sie relativ isoliert. Während  die
Arbeiter in Österreich, Ungarn und Italien bereits besiegt waren und sich
massiven Angriffen ausgesetzt sahen, und 
das Proletariat Deutschlands, Polens und Bulgariens zu verzweifelten
Reaktionen getrieben wurde,  blieb die
Lage in Frankreich und Großbritannien vergleichsweise  stabil.

Bei ihrem Vorhaben, der Arbeiterklasse in Deutschland eine
entscheidende Niederlage beizufügen und somit die ganze internationale
Arbeiterklasse zu schwächen, konnte die Bourgeoisie mit der internationalen
Unterstützung der gesamten Kapitalistenklasse rechnen. Zudem hatte sie sich
gleichzeitig durch die Integration der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften
in den Staatsapparat beträchtlich verstärken können.

1923
versuchte die Bourgeoisie, die Arbeiterklasse in eine nationalistische Falle zu
locken, in der Hoffnung, sie so von ihrem Kampf gegen den Kapitalismus
abzulenken.

Die verheerende Politik der KPD: Schutz der Demokratie und Einheitsfront

Wir haben in früheren Artikeln aufgezeigt, wie die KPD sich durch
den Ausschluss der ‘Linksradikalen’, die später die KAPD gründeten, selbst
schwächte und dadurch die Tür zum Opportunismus weit öffnete.

Während die KAPD vor den Gefahren des Opportunismus und der
Degenerierung der Komintern sowie vor dem Staatskapitalismus in Russland warnte,
reagierte die KPD opportunistisch. Sie war es, die 1921 in einem „Offenen
Brief an die Arbeiterparteien“
als erste Partei zu einer Einheitsfront
aufrief.

„Der Kampf um die Einheitsfront führt zur Eroberung der alten
proletarischen Klassenorganisationen (Gewerkschaften, Genossenschaften usw.).
Er verwandelt die durch die Taktik der Reformisten zu Werkzeugen der
Bourgeoisie gewordenen Organe der Arbeiterschaft wieder in Organe des
proletarischen Klassenkampfes.“

Und das, obwohl die Gewerkschaften selbst mit Stolz bekannt
hatten: „Aber die Tatsache, dass die Gewerkschaften der einzige, feste Damm
sind, der Deutschland bisher vor der bolschewistischen Flut geschützt hat,
bleibt bestehen!“ (
Korrespondenzblatt der Gewerkschaften, Juni 1921)  Der KPD-Gründungsparteitag hatte sich nicht
getäuscht, als er mit der Stimme Rosa Luxemburgs erklärte: „Die offiziellen
Gewerkschaften haben sich im Verlaufe des Krieges und in der Revolution bis zum
heutigen Tage als eine Organisation des bürgerlichen Staates und der kapitalistischen
Klassenherrschaft gezeigt.“
Nun jedoch trat man für die
Rückverwandlung der zum Klassenfeind übergelaufenen Organe in Arbeiterorgane
ein.

Gleichzeitig plädierte die KPD-Führung unter Brandler für eine
Einheitsfront von Oben, also mit der SPD-Führung. Dieser Ausrichtung stellte
sich der Flügel um Fischer und Maslow mit der Losung der ‚Arbeiterregierung‘
innerhalb der KPD entgegen. Er meinte, die Losung der ‘Arbeiterregierung’
ebenso wie „die Unterstützung der sozialdemokratischen Minderheitsregierung
(bedeutet) (...) nicht ein Weitertreiben der Zersetzung der SPD“,
sie
fördere „die Illusionen der Massen, als ob das sozialdemokratische Kabinett
eine Machtposition der Arbeiterklasse wäre“; „es heiße die KPD zu liquidieren,
wolle man der SPD als Partei zugestehen, dass sie revolutionär kämpfen könne“.

Aber vor allem die gerade entstandenen Strömungen der
Kommunistischen Linken in Deutschland und in Italien wandten sich gegen diese
Politik der Einheitsfront.

„Was
die Arbeiterregierung angeht, fragen wir: Warum will man sich mit den
Sozialdemokraten verbünden? Um nur das zu machen, was sie zu machen verstehen,
was sie können und wollen, oder um sie zu aufzufordern, das zu machen, was sie
nicht vermögen, nicht können und nicht wollen? Erwartet man von uns, dass wir
den Sozialdemokraten sagen, wir seien bereit, mit ihnen zusammenzuarbeiten, gar
im Parlament und gar in dieser Regierung, die man als ‘Arbeiterregierung’
bezeichnet? In diesem Fall, d.h. wenn man von uns verlangt, dass wir im Namen
der Kommunistischen Partei ein Projekt der Arbeiterregierung erarbeiten, an dem
sich die Kommunisten und Sozialdemokraten beteiligen sollten, und diese
Regierung den Massen als eine ’anti-bürgerliche Regierung’ präsentieren,
entgegnen wir: Wir übernehmen die volle Verantwortung für unser Handeln, denn
solch eine Haltung steht im völligen Gegensatz zu den Grundprinzipien des
Kommunismus.“
(Il Comunista, 26.3.1922)

Auf dem 4. Kongress „akzeptierte die KP Italiens
somit nicht, sich an gemeinsamen Organen mit verschiedenen politischen
Organisationen zu beteiligen (...) Sie vermied es auch, gemeinsame Erklärungen
mit politischen Parteien zu verabschieden, wenn diese Erklärungen im
Widerspruch zu ihrem Programm standen und der Arbeiterklasse als das Ergebnis
von Verhandlungen dargestellt wurden, die darauf abzielten, eine gemeinsame
Linie zu finden (...) Von Arbeiterregierung zu sprechen (....) heißt, in der
Praxis das politische Programm des Kommunismus zu verwerfen, d.h. die
Notwendigkeit, die Massen auf den Kampf für die Diktatur des Proletariats
vorzubereiten
.“ (Bericht der KPI auf dem 4. Kongress der Kommunistischen
Internationale, Nov. 1922)

Ungeachtet
dieser Kritik der Linkskommunisten bot schon im November 1922 die KPD entgegen
dem Votum der Komintern der SPD in Sachsen eine Koalition an.

Die gleiche KPD, die es auf ihrer Gründungskonferenz Anfang 1919
noch abgelehnt hatte, „mit den Handlangern der Bourgeoisie, mit den
Scheidemann-Ebert die Regierungsgewalt zu teilen, weil er
(der
Spartakusbund) in einer solchen Zusammenwirkung einen Verrat an den
Grundsätzen des Sozialismus, eine Stärkung der Gegenrevolution und eine Lähmung
der Revolution erblickt“
, trat nun für das exakte Gegenteil ein.

Zudem ließ die KPD sich von den in den Parlamentswahlen errungenen
Stimmenanteil   blenden, als sie
glaubte,  diese Stimmen würden das
tatsächliche Kräfteverhältnis oder gar einen entsprechenden Einfluss der Partei
zum Ausdruck bringen.

Die ersten faschistischen Gruppierungen rekrutierten sich bereits
aus Mittelstand und der Kleinbourgeoisie, etliche rechtsradikale Wehrgruppen
fingen,  meist mit Kenntnis des Staates,
an, Militärübungen abzuhalten. Der Großteil dieser Gruppen war direkt aus den
Freikorps hervorgegangen, die die SPD-geführte Regierung 1918-1919 als Antwort
auf die revolutionären Kämpfe der Arbeiter aufgestellt hatte. Schon am 31.
August 1921 hatte die Rote Fahne erklärt, dass „die Arbeiterschaft
das Recht und die Pflicht hat,
den Schutz der Republik vor der Reaktion
zu übernehmen...“
. Ein Jahr später, im November 1922, unterzeichnete die
KPD ein Abkommen mit den Gewerkschaften und der SPD (‘Berliner Abkommen’), das
die „Demokratisierung der Republik“ (Republikschutzgesetz, Entfernung
der Reaktionäre aus Verwaltung, Justiz und Armee) anstrebte. Damit verstärkte
die KPD die Illusionen der Arbeiter über die bürgerliche Demokratie und stellte
sich in direkten Gegensatz zu den Positionen der Italienischen Linken um
Bordiga, die auf dem 4. Weltkongress im November 1922 in ihrer Analyse des
Faschismus  betonte, dass die
bürgerliche Demokratie nur die Maske der Diktatur der Bourgeoisie sei.

In einem früheren Artikel haben wir bereits hervorgehoben, dass
die Komintern insbesondere in der Person Radeks ihre Kritik an der Politik der
KPD nicht den Statuten entsprechend vortrug und der KPD-Führung oft dadurch in
den Rücken fiel, indem sie parallel zu ihr fungierte. Zudem drangen immer mehr
kleinbürgerliche Umgangsformen in die 
Partei ein. Eine Stimmung des Misstrauens  und der Verdächtigungen machte sich breit, anstatt durch
brüderliche Kritik, wo notwendig, eine Stärkung der Organisation herbeizuführen

[1]

.

 

Die herrschende Klasse spürte, dass die KPD dabei war, Verwirrung
in der Arbeiterklasse zu stiften, statt durch Klarheit und Entschlossenheit
eine echte Führungsrolle zu übernehmen. Die herrschende Klasse ahnte, dass sie
die opportunistische Haltung der KPD noch gegen die Arbeiterklasse einsetzen
konnte.

Mit dem Abebben der revolutionären Welle eine Zuspitzung der
imperialistischen Konflikte 

Die Veränderung im Kräfteverhältnis zwischen Bourgeoisie und
Proletariat nach dem Abebben der revolutionären Welle nach 1920 wurde auch
anhand der interimperialistischen Beziehungen sichtbar. Kaum war die
unmittelbare Bedrohung durch die Arbeiterklasse zurückgegangen und die
revolutionäre Flamme der russischen Arbeiterklasse erloschen, begannen die
imperialistische Spannungen wieder an Schärfe zuzunehmen.

Deutschland selbst strebte mit allen Tricks danach, seine durch
den Ausgang des Weltkriegs und die Unterzeichnung des Versailler Vertrages
eingetretene Schwächung rückgängig zu machen. Gegenüber den ‘Siegerländern’ im
Westen bestand seine Taktik darin zu versuchen, Großbritannien und Frankreich
gegeneinander auszuspielen, da an eine offene militärische Konfrontation mit
ihnen nicht zu denken war. Gleichzeitig versuchte Deutschland, die traditionell
engen Beziehungen zu seinen Nachbarn im Osten wieder zu erneuern. Wir haben in
einem früheren Artikel beschrieben, wie zielstrebig die deutsche Bourgeoisie in
Anbetracht der imperialistischen Spannungen im Westen geheime Waffenlieferungen
und militärische Zusammenarbeit mit dem neuen russischen Staat beschlossen
hatte.

So erkannte einer der großen Militärchefs in Deutschland: „Seit
dem Friedensabschluss sind die Beziehungen zu Russland die erste und bislang
nahezu einzige Verstärkung, die wir durchsetzen konnten. Dass sich die
Grundlagen dieser Beziehung in der Wirtschaft befinden, liegt in der Natur der
Sache; aber die Stärke liegt darin begründet, dass diese wirtschaftliche
Annäherung die Möglichkeit einer politischen und damit auch militärischen
Verbindung eröffnet.“
(Seeckt, zitiert von Carr, S. 434)

Gleichzeitig hatte der russische Staat in Gestalt Bucharins
verlauten lassen: „Ich behaupte, dass wir schon mächtig genug sind, ein
Bündnis mit einer ausländischen Bourgeoisie einzugehen, damit wir mittels
dieses bürgerlichen Staates eine andere Bourgeoisie besiegen (...) Falls ein
Militärbündnis mit einem bürgerlichen Staat geschlossen wird, besteht die
Aufgabe der Genossen in jedem Land darin, zum Sieg der beiden Verbündeten
beizutragen
.“ (Bucharin, zitiert von Carr, ebenda)

„Wir sagen diesen Herren der deutschen Bourgeoisie (...) wenn Sie
wirklich gegen die Besatzung, wirklich gegen die Beleidigungen durch die
Entente ankämpfen wollen, haben Sie keine andere Wahl als eine Annäherung mit
dem ersten proletarischen Land zu suchen, das unbedingt diese Länder
unterstützen muss, die jetzt in einer erbärmlichen Abhängigkeit gegenüber dem
internationalen Imperialismus stecken.“
(Sinowjew, 12. Parteikongress, April 1923)

In nationalistischer Manier sprach das  deutsche Kapital von der ‘Schmach und der Unterjochung’ durch das
Auslandskapital, insbesondere durch Frankreich. So gaben  deutsche Militärführer sowie prominente
Vertreter der deutschen Bourgeoisie 
wiederholt öffentliche Erklärungen von sich, denen zufolge die einzige
Rettung für die deutsche Nation gegen die Knechtschaft von Versailles in einem
Militärbündnis mit der Sowjetunion und einem „revolutionären Volkskrieg“ gegen
den französischen Imperialismus lag.

Innerhalb des russischen Staates, wo sich mittlerweile eine neue
Schicht von staatskapitalistischen Verwaltern herausgebildet hatte, stieß diese
Politik auf ein großes Echo.

Auch die proletarischen Internationalisten innerhalb der Komintern
und der russischen Partei, die noch am Ziel der Ausdehnung der Weltrevolution
festhielten, ließen sich durch diese Lockrufe des deutschen Kapitals blenden.
Während es für das deutsche Kapital nie in Frage gekommen wäre, ein wirkliches
Bündnis mit Russland gegen den Westen einzugehen, erschien den damaligen russischen
Staatsführern und der Komintern-Spitze dieses Angebot als echt, sie ließen sich
täuschen und liefen in die Falle. So trugen sie aktiv dazu bei, dass die
Arbeiterklasse in die gleiche Falle getrieben wurde.

Mit Rückendeckung der gesamten Kapitalistenklasse heckte die
deutsche Bourgeoisie folgenden Plan gegen die Arbeiterklasse aus. Einerseits
wollte das deutsche Kapital dem Druck des Versailler Vertrages ausweichen,
indem man insbesondere gegenüber Frankreich die Reparationsleistungen
verschleppte und einzustellen drohte, andererseits sollte die Arbeiterklasse in
Deutschland in eine nationalistische Falle gelockt werden. Dazu war jedoch die
`Mithilfe‘ des russischen Staates und der Komintern erforderlich.

So fasste die deutsche Bourgeoisie den bewussten Entschluss, das
französische Kapital durch Zahlungsverweigerung der Reparationsschulden zu
provozieren. Frankreich reagierte darauf am 11. Januar 1923 mit der Besetzung
des Ruhrgebietes.

Gleichzeitig ergänzte das deutsche Kapital seine Taktik durch den
Entschluss, an der durch die Krise hervorgerufenen Inflationsspirale bewusst zu
drehen. Das deutsche Kapital setzte die Inflation als eine Waffe ein, um die
Reparationskosten abzuschwächen und um die Last der Kriegsanleihen zu
erleichtern. Außerdem sollte somit die Modernisierung seiner Produktionsanlagen
finanziert werden.

Die Bourgeoisie war sich dessen bewusst, dass die Inflation der
Stachel im Fleisch der Arbeiterklasse sein würde, der sie in den Kampf treiben
würde. Und der herrschenden Klasse kam es darauf an, diesen einkalkulierten
Abwehrkampf der Arbeiterklasse auf ein nationalistisches Terrain zu locken. Der
ausgelegte Köder war die in Kauf genommene Ruhrgebietsbesetzung durch
französisches Militär. Es war daher kreuzwichtig für die Arbeiterklasse und
ihre Revolutionäre, diese Falle der sich im Überlebenskampf befindlichen
deutschen Bourgeoisie zu erkennen und zu entblößen. Andernfalls drohte die
Gefahr, dass die deutsche Bourgeoisie der Arbeiterklasse eine entscheidende
Niederlage beifügte. So war die deutsche Bourgeoisie also bereit, erneut die
Arbeiterklasse herauszufordern, da sie spürte, dass das internationale
Kräfteverhältnis gekippt war und Teile des russischen Staates zu dieser Politik
verführt werden konnten, ja, gar die Komintern in diese Falle gelockt werden
konnte.

Die Provokation der Ruhrgebietsbesetzung: Welche Aufgabe der
Arbeiterklasse?

Frankreich hoffte, durch die Einverleibung des Ruhrgebiets zum
größten Stahl- und Kohleproduzenten in Europa aufzusteigen, denn das Ruhrgebiet
lieferte für Deutschland 72% der Kohleproduktion, 50% der
Eisen-Stahl-Produktion, 25% der gesamten deutschen Industrieproduktion. Es lag
auf der Hand, dass, sobald diese Produktion für Deutschland ausfiel, der starke
Produktionsrückgang zu Güterknappheit und schwerwiegenden wirtschaftlichen
Zerrüttungen führen musste. Die deutsche Bourgeoisie war also zu einem großen
Opfer bereit, weil für sie viel auf dem Spiel stand. Das Kapital setzte alles
daran, die Arbeiter zu Streiks und Arbeitsniederlegungen mit nationalistischem
Hintergrund anzustacheln. Unternehmer und die Regierung in Berlin beschlossen
die Aussperrung, und wer unter den französischen Besatzungstruppen arbeitete,
wurde mit Entlassung bedroht. Am 4. März kündigte SPD-Reichspräsident Ebert schwere
Strafen für die Arbeiter an, die in den Gruben oder bei der Eisenbahn für
Frankreich arbeiteten. Am 24. Januar 1923 appellierten Unternehmer und der
Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund gemeinsam, „sofort Geldmittel“ im
Kampf gegen Frankreich zur Verfügung zu stellen. Die Folge: Immer mehr Firmen
im Ruhrgebiet schmissen ihre Beschäftigten auf die Straße. Und das vor dem
Hintergrund einer galoppierenden Inflation: 
Während der Dollar noch im April 1922 1.000 Mark kostete, betrug sein
Preis im November 1922 schon 6.000, nach der Ruhrgebietsbesetzung im Februar
1923 20.000 Mark. Im Laufe des Jahres stieg er dann  auf 100.000 Mark (Juni), auf 1 Mio. Mark Ende Juli auf 10 Mio.
Mark Ende August, 100 Mio. Mark Mitte September und schließlich im November auf
4.200.000.000.000 Mark.

Diese Entwicklung traf die Kohlebarone im Ruhrgebiet nicht so
hart, da sie in der Zwischenzeit eine Bezahlung in Gold bzw. in Sachwerten
eingeführt hatten. Für die Arbeiterklasse dagegen bedeutete dies, am Hungertuch
zu nagen. Häufig marschierten Arbeitslose und Beschäftigte zu den Rathäusern,
um ihre Forderungen vorzulegen. Immer wieder kam es zu Zusammenstößen mit den
französischen Truppen.

Die Komintern treibt die Arbeiter in die Falle des Nationalismus

Den
Sirenengesängen des deutschen Kapitals über einen gemeinsamen Kampf zwischen
den ‘unterdrückten Nationen’ Deutschland und Russland erlegen, verbreitete die
Komintern selbst die Idee, in Deutschland sei eine starke Regierung
erforderlich, die der französischen Besatzerregierung entschlossen und
ungestört von jeglichem Klassenkampf die Stirn biete. Damit opferte die
Komintern den  proletarischen
Internationalismus zugunsten der Interessen des russischen Staates.

[2]


Diese Politik wurde im Namen des ‘Nationalbolschewismus’
vollzogen. Während die Komintern sich im Herbst 1920 noch energisch und
entschlossen ‘national-bolschewistischen Tendenzen’ entgegengestellt und in den
Verhandlungen mit der KAPD den Ausschluss der Nationalbolschewisten Laufenberg
und Wolffheim aus ihren Reihen gefordert hatte, plädierte sie nun selbst für
diese Linie.

Diese Kehrtwende der Komintern läßt sich nicht nur mit den
Konfusionen und dem Opportunismus innerhalb des EKKI erklären. Jene  ‘unsichtbare Hand’ der Kräfte, die nicht an
der Revolution, sondern an der Stärkung des Staates interessiert waren, spielte
dabei auch eine Rolle. Der Köder des Nationalbolschewismus konnte erst
ausgelegt werden, als die Komintern schon in der Entartung begriffen, in die
Fangarme des russischen Staates geraten und von diesem einverleibt worden war.
Radek argumentierte: „Die Sowjetunion ist in Gefahr, alle Aufgaben müssen
der Verteidigung der Sowjetunion untergeordnet werden, auf Grund dieser Analyse
würde eine revolutionäre Bewegung in Deutschland gefährlich sein und den
Interessen der Sowjetunion zuwiderlaufen (.....) Die deutsche kommunistische
Bewegung ist nicht fähig, den deutschen Kapitalismus zu stürzen, sie hat als
Stütze der russischen Außenpolitik zu dienen. Ein unter Führung der
bolschewistischen Partei organisiertes Europa, das die militärische
Leistungsfähigkeit der deutschen Armee gegen den Westen einsetzt, das ist die
Perspektive, der einzige Ausweg.“

Die Rote Fahne schrieb im Januar 1923:  „Die deutsche Nation wird in den Abgrund
gestoßen, wenn das Proletariat sie nicht rettet. Die Nation wird von den
deutschen Kapitalisten verkauft und vernichtet, wenn sich die Arbeiterklasse
nicht dazwischen wirft. Entweder verhungert und zerfällt die deutsche Nation
unter der Diktatur der französischen Bajonette oder sie wird durch die Diktatur
des Proletariats gerettet.“

„Heute bedeutet jedoch der Nationalbolschewismus, dass alles von
dem Gefühl durchdrungen ist, dass die Rettung nur bei den Kommunisten vorhanden
ist. Wir sind heute der einzige Ausweg. Die starke Betonung der Nation in
Deutschland ist ein revolutionärer Akt, wie die Betonung der Nation in den
Kolonien“
(Rote
Fahne,
21.06.1923). „Die Nation zerfällt. Das Erbe des deutschen
Proletariats (...) ist bedroht. Nur die Arbeiterschaft kann die Nation retten.“

(1.4.1923, Rote Fahne)

Rakosi, Delegierter der Komintern, lobte die KPD für diese Linie: „...
eine kommunistische Partei muss an die nationale Frage ihres Landes
herantreten. Die deutsche Partei hat diese Frage mit glücklicher Hand
angeschnitten. Sie ist dabei, den deutschen Faschisten die nationalistische
Waffe aus den Händen zu schlagen.“
(Schüddelkopf, S. 177)

In einem Manifest an Sowjetrussland meinte die KPD: „Der
Parteitag dankt Sowjetrussland für die mit Strömen von Blut und unermesslichen
Opfern unverwischbar in die Geschichte geschriebene große Lehre, dass die Sache
der Nation heute die Sache der Arbeiterklasse ist.“

Thalheimer sprach am 18. April sogar davon, „der proletarischen
Revolution sei es vorbehalten, nicht allein Deutschland zu befreien, sondern
das Werk Bismarcks mit dem Anschluss Österreichs zu vollenden. Diese Aufgabe
muss das Proletariat an der Seite des Kleinbürgertums erfüllen.“
(Die
Internationale
, V 8, 18.4.23, S. 242-247)

Welche
Perversion der Grundsatzpositionen der Kommunisten in der nationalen Frage!
Welche Abkehr von der internationalistischen Position der Revolutionäre im 1.
Weltkrieg, an deren Spitze Lenin und Rosa Luxemburg gestanden hatten, die für
die Abschaffung aller Nationen eingetreten waren!

Im Rheinland und in Bayern war die separatistische Bewegung nach
dem Krieg im Aufschwung begriffen. Die Gunst der Stunde witternd und mit
französischer Unterstützung wollten diese Kräfte eine Loslösung des Rheinlands
vom Reich durchsetzen.  Mit Stolz
berichtete die KPD-Presse, wie man der Cuno-Regierung unter die Arme griff, um
gegen die Separatisten zu kämpfen. „Aus dem Ruhrgebiet wurden kleine
bewaffnete Stoßtrupps nach Düsseldorf gezogen, die den Auftrag erhielten, die
Ausrufung der ‘Rheinischen Republik’ unmöglich zu machen. Als mittags gegen
14.00 Uhr die Separatisten auf den Rheinwiesen versammelt waren und die
Kundgebung beginnen sollte, griffen einige Stoßtrupps mit Handgranaten die
Separatisten an. Einige wenige Handgranaten genügten, und die ganze
Separatistenbande versuchte in völliger Auflösung und Panik, die Rheinwiesen zu
räumen (...) Von einer Kundgebung oder Ausrufung der ‘Rheinischen Republik’
konnte keine Rede mehr sein.“
(W. Ulbricht, S. 132, Bd. I)

„Wir verraten kein Geheimnis, wenn wir aussprechen, dass die
kommunistischen Stoßtrupps, die in der Pfalz, in der Eifel und am Düsseldorfer
Totensonntag mit Revolvern und Handgranaten die Separatisten
auseinandergetrieben haben, unter der Führung von nationalgesinnten preußischen
Offizieren standen.“
(Vorwärts,
4.9.1930/Flugblatt der Gruppe)

Diese nationalistische Orientierung war aber nicht allein das Werk
der KPD, sondern die Ausgeburt der Politik des russischen Staates und
bestimmter Teile der Komintern.

Nach Absprache mit dem EKKI sollte der Zentrale zufolge der Kampf
in erster Linie gegen Frankreich und erst in zweiter Linie gegen die deutsche
Bourgeoisie geführt werden. Deshalb behauptete die Zentrale: „Die Niederlage
des französischen Imperialismus im Weltkrieg war kein kommunistisches Ziel,
seine Niederlage im Ruhrgebiet ist ein kommunistisches Ziel.“

Die KPD und die Hoffnung auf ein ‘nationales Bündnis’

Folglich wandte sich die KPD-Zentrale gegen die Auslösung von
Streiks.

Schon
auf dem Leipziger Parteitag Ende Januar, kurze Zeit nach Beginn der
Ruhrgebietsbesetzung, hatte die Zentrale mit Unterstützung der Komintern eine
Diskussion über ihre Orientierung blockiert, da sie befürchtete, es würde zu
einer Ablehnung ihrer Orientierung kommen, weil der Großteil der Partei sich
ihr widersetzte. 

Als die Ruhrgebiets-Verbände der KPD am 23. März einen
Bezirksparteitag abhielten, um über Kampfmaßnahmen zu entscheiden, wandte sich
die Zentrale gegen die Ausrichtung der Ortsgruppen der KPD im Ruhrgebiet. Die
Zentrale der KPD behauptete, „eine starke Regierung allein kann Deutschland
retten, eine Regierung, die getragen ist von der lebendigen Kräften der Nation“

(Rote Fahne, 1. April 23).

Dennoch traten die meisten Delegierten der KPD-Konferenz im
Ruhrgebiet ein für:

-         

die
Niederlegung der Arbeit in allen militärisch besetzten Gebieten, 

-         

die
Übernahme der Betriebe unter Ausnutzung des deutsch-französischen Konfliktes
und, wenn möglich, die lokale Machtergreifung.

Innerhalb der KPD prallten somit zwei inhaltlich unterschiedliche
Orientierungen aufeinander: eine proletarisch- internationalistische
Ausrichtung, die für die Konfrontation mit der Cuno-Regierung und eine
Radikalisierung der Bewegung im Ruhrgebiet eintrat

[3]

;
dagegen stand die Position der KPD-Zentrale, die sich energisch und mit
Unterstützung der Komintern gegen Streiks aussprach und die Arbeiterklasse auf
ein nationalistisches Terrain drängte.

Das Kapital war sich der Sabotage der Arbeiterkämpfe so sicher,
dass der Staatssekretär von Malzahn nach einem Gespräch mit Radek am 26. Mai in
einer streng geheimen Denkschrift an Ebert und die wichtigsten Minister
berichtete: „Er (Radek) könne mir versichern, dass russische Sympathien
schon aus eigenen Interesse im Ruhrkampf auf Seiten der deutschen Regierung
ständen(...) Er habe in den letzten acht Tagen mit allen Kräften auf die
kommunistischen Parteiführer eingewirkt, um ihnen die Dummheit ihres jetzigen
Vorgehens gegen die deutsche Regierung vorzuhalten. Wir würden ja sehen, dass
in einigen Tagen die Kommunistenputsche in der Ruhr abnehmen würden.“

(Archive des Auswärtigen Amtes, Bonn, Deutschland 637.442ff; in Dupeux, S.
181).

Nach dem Angebot der Einheitsfront an die konterrevolutionäre SPD
und die Parteien der 2. Internationalen nun die Stillhaltepolitik gegenüber der
kapitalistischen deutschen Regierung.

Wie weit die KPD-Führung sich darüber im Klaren war, dass sie der
Regierung „nicht in den Rücken fallen durfte“, beweist eine Stellungnahme der Roten
Fahne:
„Die Regierung weiß, dass die KPD aus Rücksicht auf die Gefahr
seitens des französischen Kapitalismus über vieles geschwiegen hat, was diese
Regierung (...) unmöglich machen würde für jede internationale Verhandlung.
Solange die sozialdemokratischen Arbeiter nicht zusammen mit uns für die
Arbeiterregierung kämpfen, hat die Kommunistische Partei kein Interesse daran,
dass an die Stelle dieser kopflosen Regierung eine andere bürgerliche tritt
(...) Entweder lässt die Regierung die Mordhetze gegen die KP verstummen, oder
wir werden das Schweigen brechen
.“ (27.5.1923, Rote Fahne, Dupeux,
S. 181)

Nationalistische Lockrufe an die patriotische Kleinbourgeoisie

Da die Inflation auch die Kleinbourgeoisie und den Mittelstand
praktisch enteignet hatte, erblickte die KPD die Möglichkeit, diesen Schichten
ein Bündnis vorzuschlagen. Statt auf den eigenständigen Kampf der
Arbeiterklasse zu pochen, der in dem Maße, wie er an Stärke und Ausstrahlung
zunimmt, andere nicht-ausbeutende Schichten mit einbeziehen kann, wurden diese
Schichten mit der Aussicht geködert, ein Bündnis mit der Arbeiterklasse
einzugehen. „Wir müssen vor die leidenden, verwirrten, aufgebrachten Massen
des proletarischen Kleinbürgertums treten und ihnen sagen, dass sie sich selbst
und die Zukunft Deutschlands nur dann verteidigen können, wenn sie sich mit dem
Proletariat zum Kampf gegen die wahre Bourgeoisie verbunden haben.“
(Carr,
Interregnum, S. 176)

„Aufgabe der KPD ist es, den breiten kleinbürgerlichen und
intellektuellen nationalistischen Massen die Augen darüber zu öffnen, dass nur
die Arbeiterklasse, nachdem sie gesiegt hat, imstande sein wird, den deutschen
Boden, die Schätze der deutschen Kultur und die Zukunft der deutschen Nation zu
verteidigen.“
(Rote
Fahne
vom 13. Mai 1923)

Auch diese Politik - Sammlung auf nationaler Grundlage - war nicht
das Produkt der KPD allein, sondern wurde von der Komintern selbst mitgetragen.
Die Rede, die Radek am 20. Juni 1923 vor dem EKKI hielt, legt Zeugnis davon ab.
In dieser Rede lobte er Schlageter, Mitglied rechtsradikaler separatistischer
Kreise, der am 26. Mai bei Sabotageaktionenen gegen Eisenbahnbrücken bei
Düsseldorf von den französischen Militärs gefasst und erschossen worden war. Es
war der gleiche Radek, der in den Reihen der Komintern 1919 und 1920 mit darauf
gedrängt hatte, die Hamburger Nationalbolschewisten aus den Reihen der KPD und
KAPD zu werfen. „Aber wir glauben, dass die große Mehrheit der national
empfindenden Massen nicht in das Lager des Kapitals, sondern in das Lager der Arbeit
gehört. Wir wollen und wir werden zu diesen Massen den Weg suchen und den Weg
finden. Wir werden alles tun, dass Männer, wie Schlageter, die bereit waren,
für eine allgemeine Sache in den Tod zu gehen, nicht Wanderer ins Nichts,
sondern Wanderer in eine bessere Zukunft der gesamten Menschheit werden.“
(Radek,
20.06.23)

„Es ist klar, die deutsche Arbeiterklasse wird nie zur Macht
kommen, wenn sie nicht imstande ist, den breiten Massen des deutschen Volkes
das Vertrauen zu geben, dass sie für die Abschaffung des Joches des fremden
Kapitals mit allen Kräften kämpfen wird.“
(Dupeux, S. 190)

Diese Idee, dass das „Proletariat als Vorhut, das
nationalistische Kleinbürgertum als Nachhut“
, kurzum: das Volk für die
Revolution eintreten könnte, dass man die Nationalisten auf die Seite der
Arbeiter ziehen müsse, wurde  später vom
5. Kongress der Komintern 1924 vorbehaltlos bestätigt.

Während die KPD-Opposition sich gegen diese Orientierung auf die
‘Stillhaltepolitik’ wandte, die von der KPD-Zentrale bis September 1923
praktizierte wurde, schützte es sie nicht davor, die Arbeiterklasse selbst in
Sackgassen zu lenken und nationalistischen Verlockungen anheim zu fallen. So
betrieb Ruth Fischer eifrig anti-semitische Propaganda. „Wer gegen das
Juden-Kapital aufruft, (...) ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht
weiß (...) Tretet die Juden-Kapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne,
zertrampelt sie (...) Der französische Imperialismus ist jetzt die größte
Gefahr der Welt, Frankreich ist das Land der Reaktion (...) Nur im Bunde mit
Russland (...) kann das deutsche Volk den französischen Kapitalismus aus dem
Ruhrgebiet herausjagen...“
(Flechtheim S. 178)

Die Arbeiterklasse wehrt sich auf ihrem Klassenterrain

Während
es der Bourgeoisie also darum ging, die Arbeiterklasse in Deutschland auf
nationalistisches Terrain zu locken, sie damit von der Verteidigung ihrer
eigenständigen Klasseninteressen abzubringen, während das EKKI und die
KPD-Führung dabei tatkräftig mithalfen, ließ sich der Großteil der
Arbeiterklasse im Ruhrgebiet und in den anderen Städten nicht auf dieses
Terrain ziehen. Es gab fast keinen Betrieb, wo die Arbeiter nicht in den Streik
traten.

Immer wieder und zunehmend landesweit kam es zu kleineren Streik-
und Protestwellen. So am 9. März in Oberschlesien, wo 40‘000 Bergarbeiter
streikten, am 17. März in Dortmund, wo ebenfalls Bergarbeiter in den Ausstand
traten. Immer häufiger kam es zu Zusammenschlüssen zwischen demonstrierenden
Arbeitslosen, Beschäftigten und Notstandsarbeitern, wie am 2. April in Mühlheim
/Ruhr.

Obwohl sich Teile der KPD-Führung durch die nationalistischen
Umwerbungsversuche verführen und täuschen ließen, war für die deutsche
Bourgeoisie, sobald die Streiks im Ruhrgebiet ausgebrochen waren, klar, dass
sie die Hilfe der anderen kapitalistischen Staaten einfordern musste. In
Mühlheim/Ruhr hatten am 12. April 
Arbeiter mehrere Betriebe besetzt. Nahezu die ganze Stadt wurde
bestreikt, das Rathaus besetzt. Da aufgrund der Besetzung durch französische
Truppen die Reichswehr im Ruhrgebiet zur Niederschlagung der Streiks nicht
intervenieren durfte, wurde die Polizei gerufen, deren Kräfte jedoch nicht
ausreichten, um die Arbeiter vernichtend zu schlagen. Deshalb appellierte der
Bürgermeister von Düsseldorf in einem Brief an den Oberbefehlshaber der
französischen Besatzungstruppen um Unterstützung: „Ich muss sie daran
erinnern, dass während des Kommune-Aufstandes das deutsche Oberkommando den
französischen Truppen in jeder Beziehung entgegenkam, um den Aufstand gemeinsam
zu unterdrücken. Ich bitte Sie, uns die gleiche Unterstützung zu erweisen, wenn
Sie nicht wollen, dass künftig eine gefährliche Situation entsteht.“
(Dr.
Lutherbeck, Brief an  General de Goutte)

So wurde wiederholt die Reichswehr zu Niederschlagungsaktionen in
verschiedene Städte geschickt - unter anderem nach Gelsenkirchen und Bochum.
Während die deutsche Regierung ihre angebliche Feindschaft gegenüber Frankreich
zur Schau trug, zögerte sie nie, ihr Militär gegen die Arbeiter zu schicken,
die dem Nationalismus widerstanden hatten.

Die
rasante Beschleunigung der Wirtschaftskrise, vor allem die Inflation, heizten
die Kampfbereitschaft der Arbeiter wieder an. Löhne und Gehälter der Arbeiter
verloren stündlich an Wert. Im Vergleich zur Vorkriegszeit war die Kaufkraft um
drei Viertel gesunken. Immer mehr Arbeiter wurden arbeitslos. Im Sommer zählte
man ca. 60% Arbeitslose. Selbst Beamte erhielten vom Staat nur Spottlöhne.
Unternehmen wollten ihre eigene Währungen drucken, Gemeindeverwaltungen führten
‘Notwährungen’ zur Bezahlung ihrer Beamten ein. Da der Verkauf von
Lebensmitteln für die Bauern nicht mehr Gewinn bringend war, hielten sie ihre
Produkte zurück und horteten sie. Die Nahrungsmittelversorgung kam teilweise
zum Erliegen. Arbeiter und Arbeitslose demonstrierten immer öfter gemeinsam.
Überall kam es zu Hungerrevolten und Plünderungen. Oft konnte die Polizei den
Hungerrevolten nur noch ohnmächtig zusehen. 

Ende Mai traten im Ruhrgebiet ca. 400‘000 Arbeiter in den Streik,
im Juni wiederum ca.  100‘000 Berg- und
Hüttenarbeiter in Schlesien sowie 150‘000 Metaller in Berlin. Im Juli brach
eine weitere Streikwelle aus, die auch von gewalttätigen Zusammenstößen
gekennzeichnet war.

In diesen Kämpfen trat erneut ein Merkmal auf, das die
Radikalisierung aller Arbeiterkämpfe in der Dekadenz auszeichnet: eine große
Welle von Gewerkschaftsaustritten. Die Arbeiter kamen in den Betrieben zu
Vollversammlungen zusammen und versammelten sich immer häufiger auch auf den
Straßen. Man verbrachte mehr Zeit auf der Straße, in Diskussionen und Demonstrationen,
als auf der Arbeit. Die Gewerkschaften stemmten sich mit aller Kraft gegen
diese Entwicklung. Die Arbeiter strebten spontan danach, sich in
Vollversammlungen, Fabrikkomitees und Fabrikausschüssen vor Ort
zusammenzuschließen. Die Bewegung gewann weiter an Auftrieb. Sie scharte sich
dabei nicht um nationalistische Forderungen, sondern suchte nach einer
Klassenorientierung.

Was machten die revolutionären Kräfte an ihrer Seite?

Die KAPD, die mittlerweile durch das Fiasko der Spaltung in die
Essener und Berliner Richtung und durch die Gründung der Kommunistischen
Arbeiter-Internationale (KAI) zahlenmäßig stark geschrumpft und organisatorisch
erheblich geschwächt war, konnte als solche in dieser Situation keine Präsenz
zeigen, obwohl sie laut ihre Ablehnung der nationalbolschewistichen Falle
äußerte.

Auch die KPD, die immer mehr Zulauf erhielt, hatte sich einen
Strick um den Hals gelegt. Sie konnte keine klare Orientierung bieten - im
Gegenteil. Was schlug sie vor?

[4]


Sie weigerte sich, auf den Sturz der Regierung hin zu arbeiten. Sie KPD und die
Komintern stifteten mit ihrer Politik große Verwirrung und trugen zur
Schwächung der Arbeiterklasse bei.

Einerseits wetteiferte die KPD mit den Faschisten auf
nationalistischem Terrain. So hielt am 10. August z.B. (am gleichen Tag, als in
Berlin eine Streikwelle ausbrach) in Stuttgart Thalheimer im Namen der KPD noch
gemeinsame Versammlungen mit Nationalsozialisten ab. Andererseits rief sie
gleichzeitig zum Kampf gegen die faschistische Gefahr auf. Während die Berliner
Regierung jegliche Demonstrationen verboten hatte und die KPD-Zentrale sich dem
Verbot beugen wollte, pochte die Parteilinke auf der unbedingten Durchführung
einer Demonstration am 29. Juni, die zu einer großen Einheitsfrontdemonstration
gegen die Faschisten werden sollte.

In ihrer Unfähigkeit, eine klare Entscheidung zu treffen, ließ die
KPD am Tag der Demo 250‘000 Teilnehmer auf den Straßen und vor den Parteibüros
vergeblich auf ihre Anweisungen warten.

Die KPD gegen die Intensivierung der August-Kämpfe

Im August setzte eine erneute Streikwelle ein.  Nahezu täglich demonstrierten Arbeiter
-  beschäftigte wie arbeitslose. In den
Betrieben brodelte es, an vielen Orten entstanden Fabrikkomitees. Der Einfluß
der KPD erreichte seinen Höhepunkt.

Am 10. August traten die Drucker der Notenbankpresse in den
Ausstand. In einer Wirtschaft, in der der Staat stündlich immer mehr Geld
drucken musste, sollte der Streik der Notenscheindrucker eine besonders
lähmende Wirkung auf die Wirtschaft haben. Die Papiergeldreserve war innerhalb
weniger Stunden verbraucht. Die Löhne konnten nicht mehr ausgezahlt werden. Der
Drucker-Streik, der in Berlin einsetzte, griff wie ein Lauffeuer auf andere
Teile der Klasse über. Von Berlin aus pflanzte er sich fort über die
Wasserkante, das Rheinland, Württemberg, Oberschlesien, Thüringen bis nach
Ostpreussen. Immer mehr Teile der Arbeiterklasse schlossen sich der Bewegung
an. Am 11. und 12. August kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen in mehreren
Städten; über 35 Arbeiter wurden dabei erschossen. Wie schon in allen
vorangegangenen Bewegungen der Arbeiterklasse seit 1914 zeichneten sich auch
diese Kämpfe dadurch aus, dass sie sich außerhalb und gegen den Willen der
Gewerkschaften entwickelten.

Die Gewerkschaften erkannten den Ernst der Lage. Einige von ihnen
wollten vortäuschen, den Streik zu unterstützen, um ihn besser von Innen her
sabotieren zu können. Andere stellten sich ihm offen entgegen. Die KPD selbst
bezog nach der Ausdehnung der Berliner Streiks Stellung: „Für eine
Verschärfung der ökonomischen Streiks, nicht aber für das Aufstellen von politischen
Forderungen“.

Und sobald die Gewerkschaftsführung verkündet hatte, dass sie den
Streik nicht unterstützte, rief die KPD-Zentrale zum Abbruch des Streiks auf.
Man wolle nicht außerhalb der Gewerkschaften streiken.

Während Brandler darauf bestand, den Streik abzubrechen, da der
ADGB offiziell nicht mitmachte, wollten örtliche Parteiorganisationen dagegen
die zahlreichen lokalen Streiks ausdehnen und zu einer einzigen Bewegung gegen
die Cuno-Regierung  zusammenfassen. So
wurde die „übrige Arbeiterschaft (aufgerufen), ihre Bewegung mit der
mächtigen Bewegung des Berliner Proletariats zu vereinen und den Generalstreik
über ganz Deutschland auszudehnen“
.

Die Partei hatte sich selbst in eine Sackgasse manövriert. Denn
die Parteileitung wandte sich gegen die Fortsetzung und Ausdehnung der Streiks,
da andernfalls die Ablehnung des nationalistischen Sumpfes, in den das Kapital
die Arbeiter zerren wollte, notwendig geworden wäre. Gleichzeitig wäre damit
auch die Einheitsfront mit SPD und Gewerkschaften gefährdet gewesen. Noch am
18.August schrieb die Rote Fahne: „Sogar mit Leuten, die Liebknecht
und Rosa Luxemburg ermordet haben, werden wir zusammengehen, wenn sie in unsere
Reihen treten wollen“
(18.08.1923).

Die Ausrichtung auf die Einheitsfront, die Verpflichtung, in den
Gewerkschaften zu arbeiten, unter dem Vorwand, dort die Arbeiter zu ‘erobern’,
bedeutete in Wirklichkeit, sich der gewerkschaftlichen Ausrichtung und Struktur
zu unterwerfen, dazu beizutragen, dass die Arbeiter ihren Kampf nicht in die eigenen
Hände nehmen können. All das brachte die KPD in einen schrecklichen Konflikt:
entweder die Dynamik des Arbeiterkampfes anerkennen, die nationalistische
Orientierung und die gewerkschaftliche Sabotage zu verwerfen, oder sich gegen
die Streiks wenden, in den gewerkschaftlichen Apparat aufgesogen, letztendlich
zu einer Schutzmauer des Staates zu werden und als Hindernis der Interessen der
Arbeiter zu wirken. Zum ersten Mal war damit die KPD wegen ihrer
gewerkschaftlichen Ausrichtung in eine offene Konfrontation mit der
kämpfenden  Arbeiterklasse geraten, denn
die Dynamik des Kampfes selbst zwang die Arbeiter dazu, den gewerkschaftlichen
Rahmen zu sprengen. Die Konfrontation mit den Gewerkschaften war
unausweichlich. Statt dessen diskutierte die KPD-Zentrale, wie sie die
Unterstützung der Gewerkschaftsführer für den Streik gewinnen kann!

Unter dem Druck dieser Streikwelle trat am  12. August die Cuno-Regierung zurück. Am 13.
August gab die Zentrale der KPD einen Aufruf zur Beendigung des Streiks heraus.
Dieser Aufruf der Zentrale stieß auf den Widerstand der Betriebsräte in Berlin,
die sich mittlerweile radikalisiert hatten, wie auch der örtlichen
Parteileitungen, die für eine Fortführung der Bewegung eintraten. Die örtlichen
Parteileitungen warteten auf Anordnungen der Zentrale. Sie wollten isolierte
Zusammenstöße mit der Reichswehr vermeiden, bis die Waffen, die das
Zentralkomitee angeblich zur Verfügung hatte, verteilt sein würden.

Während
die KPD Opfer ihrer eigenen nationalbolschewistischen Politik und der
Einheitsfronttaktik geworden war, die Arbeiterklasse damit wie benommen dastand
und nicht wusste, was zu tun war, war die Bourgeoisie bereit, die Initiative zu
ergreifen.

Wie auch in früheren Situationen aufsteigender Kampfkraft der
Arbeiterklasse sollte die SPD die besondere Rolle übernehmen, der Bewegung die
Spitze zu brechen. An die Stelle des der Zentrumspartei nahestehenden Cuno trat
eine ‘große’ Koalition, an deren Spitze der Zentrumspolitiker Gustav Stresemann
stand, der aber von vier SPD-Ministern unterstützt wurde (mit Hilferding als
Finanzminister). Dieser Eintritt der SPD in die Regierung war nicht Ausdruck
einer lähmenden Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit des Kapitals, wie die
KPD fälschlicherweise vermutete, sondern ein bewusster Schachzug der
Bourgeoisie zur Eindämmung der Bewegung. Die SPD war keineswegs dabei
auseinander zu brechen, wie die KPD-Führung später behauptete, noch war die
Bourgeoisie gespalten oder unfähig, eine neue Regierungsclique aufzustellen.

Am 14. August kündigte Stresemann die Einführung einer neuen
Währung und  wertbeständiger Löhne an.
Die Bourgeoisie hatte die  Zügel in der
Hand behalten und beschloss bewusst die Beendigung der Inflationsspirale -
genauso wie sie sich ein Jahr zuvor dazu entschlossen hatte, diese bewusst
auszulösen.

Gleichzeitig rief die Regierung zum Abbuch des ‘passiven
Widerstandes’ gegen Frankreich im Ruhrgebiet auf und erklärte nach dem
Kokettieren mit Russland nun den ‘Kampf gegen den Bolschewismus’  zu einem der  obersten Ziele der deutschen Politik.

Durch das Versprechen, die Inflation zu beenden, konnte die
Bourgeoisie eine Wende im Kräfteverhältnis herbeiführen - denn auch wenn nach
dem Abbruch der Bewegung in Berlin am 20. August im Rheinland und Ruhrgebiet
erneut eine Streikwelle aufloderte, flachte die Bewegung insgesamt schnell ab.

Auch wenn die Arbeiterklasse sich nicht auf das nationalistische
Terrain hatte ziehen lassen, konnte sie ihre Bewegung nicht weiter
vorantreiben. Einer der Gründe: Die KPD selbst war zum Gefangenen ihrer
nationalbolschewistischen Politik geworden. So war die Bourgeoisie ihrem Ziel,
der Arbeiterklasse eine entscheidende Niederlage beizufügen, einen Schritt
näher gekommen.

Die Arbeiterklasse ging desorientiert aus diesen Kämpfen hervor,
mit dem Gefühl, gegenüber der Krise hilflos zu sein. 

Die linken Fraktionen in der Komintern, die sich nach der
Aufkündigung des erhofften Bündnisses zwischen dem ‘unterdrückten Deutschland’
und Russland noch isolierter fühlten, versuchten nach dem Fiasko des
Nationalbolschewismus nun, das Blatt durch einen verzweifelten Aufstandsversuch
zu wenden. Dies werden wir im nächsten Artikel behandeln.   

Dv



[1]

Der Parteivorsitzende
des Jahres 1922, Ernst Meyer, beschimpfte in seiner Privatkorrespondenz die
Zentrale und einzelne Parteiführer. So schickte Meyer Charakterisierungen
anderer Parteiführer an seine Frau. Er bat seine Frau, sie solle ihm über die
Stimmung in der Partei unterrichten, während er in Moskau weilte. So gab es
Privatkorrespondenzen von Mitgliedern der KPD-Zentrale mit der Komintern, und
jeder der verschiedenen Flügel innerhalb der Komintern pflegte seine besondere
Beziehungen zum entsprechenden ‘Flügel’ innerhalb der KPD. Das Netz
‘informeller Kanäle’ war weit verzweigt. Darüber hinaus war die Atmosphäre in
weiten Teilen der Partei vergiftet. Auf dem 5. Kongress der Komintern  berichtete Ruth Fischer, die selbst
entscheidend zu dieser Entwicklung beigetragen hatte: „Auf dem Leipziger
Parteitag (im Jan. 1923) kam es vor, dass Arbeiter verschiedener Bezirke an
einem Tische saßen. Dann fragten sie zum Schluss: Woher kommst du? Und dann
sagte der brave Arbeiter: Ich komme aus Berlin. Dann standen die anderen vom
Tisch auf und ließen ihn sitzen. So war die Lage in unserer Partei
.
(R. Fischer auf dem 5. Kongreß der Komintern, S. 201)

[2]


Innerhalb der tschechischen KP erhob sich dagegen
Widerstand. So griff Neurath Thalheimers Position als einen Ausdruck der
Zersetzung durch patriotische Gefühle an. Auch ein anderer tschechischer
Kommunist, Sommer, verlangte in der Roten Fahne die Ablehnung dieser
Orientierung. „Es kann keine Verständigung mit dem inneren Feind geben“
(Carr, Interregnum, S. 168).

[3]

Gleichzeitig wollte man selbständige
Wirtschaftseinheiten aufzubauen, was zum Teil auf starke syndikalistische
Strömungen zurückzuführen ist. Die Vorstellung der KPD-Opposition war, eine im
Rhein-Ruhr-Gebiet errichtete Arbeiterrepublik sollte eine Armee nach
Mitteldeutschland schicken, um dort zur Machtergreifung beizutragen. Diese von
R. Fischer eingebrachte Resolution wurde mehrheitlich mit 68 zu 55 Stimmen
abgelehnt.

[4]

Viele Arbeiter, die ohne Erfahrung, ohne größere theoretische und
politische Bildung waren, fühlten sich zur Partei hingezogen. Die Partei
öffnete sich für Masseneintritte. Jeder war willkommen. Bereits im April 1922
hatte die KPD verkündet: „In der gegenwärtigen politischen Situation [hat
die KPD] die Pflicht, jeden Werktätigen, der zu ihr will, in ihre Reihen
aufzunehmen.“
Im Sommer 1923 gingen viele lokale Parteibezirke in die Hände
junger, radikaler Elemente über. Damit strömten noch mehr ungeduldige und
unerfahrene Elemente in die Partei. Innerhalb von sechs Monaten verzeichnete
sie einen Mitgliederzuwachs von 225.000 auf 295.000, von September 1922 bis
September 1923 stieg die Zahl der Ortsgruppen von 2481 auf 3321. Damals
verfügte die KPD über einen eigenen Pressedienst und 34 Tageszeitungen sowie
zahlreiche Zeitschriften. Gleichzeitig hatten viele dubiose Kräfte die Partei
infiltriert, um sie zu unterwandern.

Theorie und Praxis: 

Geschichte der Arbeiterbewegung: 

Theoretische Fragen: 

Erbe der kommunistischen Linke: