Die Attentate vom 7. Juli in London und der wilde Streik der Beschäftigten auf dem Londoner Flughafen am 11. August 05

Welche Zukunft für die Menschheit? Imperialistischer Krieg oder Klassensolidarität?

1867 stellte Marx im Vorwort der ersten Ausgabe des berühmten „Kapital“ fest, dass die
wirtschaftlichen Verhältnisse in Grossbritannien, der fortgeschrittensten
Industrienation, das Vorbild für die Entwicklung des Kapitalismus in allen
anderen Ländern darstellte. Grossbritannien war das „führende Land“ bezüglich
der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Ab dieser Zeit beherrschte das
aufstrebende kapitalistische System zunehmend die ganze Welt. Hundert Jahre
später, 1967, befand sich Grossbritannien erneut in einer bedeutenden
symbolischen und wegweisenden Situation, und zwar mit der Entwertung des
Sterlings – doch diesmal während des Niedergangs der kapitalistischen
Produktionsweise und angesichts ihres zunehmenden Scheiterns. Die Ereignisse
vom Sommer 2005 in London haben gezeigt, dass Grossbritannien erneut ein
Indikator für die Lage des Weltkapitalismus darstellt. Dieser Sommer in London
war einerseits geprägt von den imperialistischen Spannungen, konkret einem
tödlichen Konflikt zwischen den verschiedenen Nationalstaaten, und andererseits
vom internationalen Klassenkampf, konkret vom Konflikt zwischen den zwei
entscheidenden Klassen der Gesellschaft: der Bourgeoisie und dem Proletariat.

Die Anschläge vom 7. Juli in London wurden von Al Kaida als Rache
für die Beteiligung britischer Truppen an der Besetzung des Iraks in Anspruch
genommen. An diesem Dienstagmorgen, als die Explosionen zu einer Stosszeit des
öffentlichen Verkehrs erfolgten, erinnerte dies die Arbeiterklasse erneut
brutal daran, dass sie diejenige ist, welche im Kapitalismus den Kopf hinhalten
muss. Nicht nur durch Lohnarbeit und die sich ausbreitende Armut, sondern auch
mit ihrem Fleisch und Blut. Die vier Bomben in der Londoner U-Bahn und in einem
Bus haben 52

[1]


Arbeiter, meist junge, getötet und Dutzende verstümmelt und traumatisiert. Doch
diese Attentate haben eine viel weiterreichende Auswirkung gehabt. Sie
vermittelten Millionen von Arbeitern die Botschaft, dass ihre nächste Fahrt zur
Arbeit, oder diejenige ihrer Freunde und Angehörigen, möglicherweise die letzte
in ihren Leben ist. All die Sympathieparolen der Regierung Blair, des Londoner
Bürgermeisters Ken Livingstone (Repräsentant des linken Flügels der Labour
Party), der Medien und Chefetagen waren kaum zu übertreffen. Doch mit den
Schlagworten „Wir beugen uns nicht vor den Terroristen“ und „London bleibt
einig“ versuchte die herrschende Klasse lediglich zu vermitteln, dass das
Business weiterlaufen solle, als wäre nichts gewesen. Die Arbeiter müssten eben
das Risiko weiterer Explosionen in den Verkehrsmitteln in Kauf nehmen, wenn sie
weiterhin von ihrem „bisherigen Lebensstandard“ profitieren wollen.

Der Imperialismus erschüttert das Herz des
Kapitalismus

Diese Anschläge waren die blutigsten gegen die Zivilbevölkerung
Londons seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein Vergleich mit der imperialistischen
Schlächterei von 1939–45 ist mehr als gerechtfertigt. Die Anschläge von London,
welche auf den 11. September in New York und den März 2004 in Madrid folgten,
zeigen, dass der Imperialismus „zurückschlägt“, und zwar in seine wichtigsten
Metropolen.

Es dauerte jedoch nicht wirklich 60 Jahre, bis erneut
militärische Anschläge gegen die Bewohner Londons erfolgten. Die Stadt war ab
1972 während beinahe 20 Jahren Ziel von Bomben der „Provisionals“ der IRA.

[2]


Die Bevölkerung hatte damit schon einen Vorgeschmack des imperialistischen
Terrors erhalten. Doch die Grausamkeiten vom 7. Juli 2005 sind keine simple
Wiederholung dieser Erfahrungen: Sie wiederspiegeln eine verschärfte Bedrohung
und sind Ausdruck der aktuellen, mörderischen Phase des imperialistischen
Krieges.

Selbstverständlich waren die terroristischen Attentate der IRA
ein Vorläufer der Barbarei der Anschläge von Al Kaida. Sie waren schon ein
Zeichen für die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstärkende
Tendenz, den Terror gegen die Zivilbevölkerung immer mehr zur bevorzugten
Methode des imperialistischen Krieges werden zu lassen.

Dennoch, während der meisten Zeit der IRA-Attentate war die Welt
noch in zwei imperialistische Blöcke unter der jeweiligen Kontrolle der USA und
Russlands aufgeteilt. Diese Blöcke steuerten mehrheitlich die zweitrangigen,
isolierten imperialistischen Konflikte zwischen einzelnen Staaten im selben
Lager, wie denjenigen zwischen Irland und Grossbritannien im amerikanischen
Block. Der amerikanische Block konnte und durfte nicht zulassen, dass ein
solcher Konflikt ein Ausmass annahm, welches die militärische Hauptfront
gegenüber dem Rivalen Russland und seinen Satelliten schwächen würde. In
Wahrheit waren (und blieben) die Kampagnen der IRA mit dem Ziel, Grossbritannien
aus Nordirland zu verjagen, von der finanziellen Unterstützung der USA an die
IRA abhängig. Die terroristischen Anschläge der IRA in London stellten zur
damaligen Zeit in den Metropolen der hochentwickelten Länder eine Ausnahme dar.
Hauptbühne der imperialistischen Auseinandersetzung zwischen den zwei Blöcken
durch ihre stellvertretenden Nationen war vielmehr die Peripherie: Vietnam,
Afghanistan, Naher Osten.

Die Opfer der IRA waren ebenfalls wehrlose Zivilisten, doch
folgten die Ziele dieser Bomben – ausserhalb Irlands – im Allgemeinen einer
eher klassischen imperialistischen Logik. Es waren militärische Anlagen wie die
Chelsea Barracks 1981 oder der Hyde Park 1982,

[3]


welche ausgewählt wurden, oder Symbole der wirtschaftlichen Macht wie
Bishopsgates in der Londoner City

[4]


und Canary Wharf 1996.

[5]

Im
Gegensatz dazu sind die Anschläge der Al Kaida auf öffentliche Transportmittel
symptomatisch für eine gefährlichere imperialistische Situation auf Weltebene
und typisch für die neue internationale Tendenz. Diese ist ein Resultat der
Situation, dass es keine imperialistischen Blöcke mehr gibt, welche eine
gewisse Ordnung über den kapitalistischen Militarismus bewahren. „Jeder für
sich“ ist das Leitmotiv des Imperialismus geworden, gewalttätig und unerbittlich
angeführt von den USA in ihrem Bestreben, die Kontrolle über den Globus
aufrecht zu erhalten. Die selbstherrliche Strategie Washingtons, vor allem bei
der Invasion und Besetzung des Iraks, hat dieses militärische Chaos lediglich
zugespitzt. Der ansteigende weltweite Einfluss von Al Kaida und anderen
Kriegsherren des Imperialismus im Nahen Osten ist das Produkt dieser alltäglich
gewordenen imperialistischen Querelen, über welche die führenden Staaten die
Kontrolle verlieren, weil sie alle gegeneinander arbeiten. Die Grossmächte,
inklusive Grossbritannien, haben selber aktiv an der Entfaltung des Terrorismus
mitgewirkt, in dem sie ihn selber benutzten und manipulierten, um Profit daraus
zu schlagen.

Der britische Imperialismus war gezwungen, sich an der amerikanischen
Invasion im Irak zu beteiligen. Er erhoffte sich, seine eigenen Interessen in
der Region verteidigen und sein Ansehen als gewichtige militärische Macht
aufrechterhalten zu können. Indem zur Rechtfertigung einer Beteiligung an der
amerikanischen „Koalition“ mit dem berühmten Dossier über die angeblichen
Massenvernichtungswaffen der Weg geebnet wurde, spielte der britische
Imperialismus seine eigene Rolle, um den Irak in das blutige Chaos zu stürzen.
Der britische Staat hat auch die terroristische Kampagne der Al Kaida gegen den
westlichen Imperialismus genährt. Sicherlich hat dieser terroristische Feldzug
schon vor der Invasion des Irak begonnen, und es sind die Grossmächte, welche
ihn zum Leben erweckt hatten. Konkret hat Grossbritannien, genau wie die USA,
in den 80er Jahren die Guerilla von Bin Laden geschult und bewaffnet, um die
russische Besatzung Afghanistans zu bekämpfen.

Nach dem 7. Juli haben die wichtigsten „Verbündeten“
Grossbritanniens (in Wirklichkeit seine Rivalen) sich nicht gescheut, die
Kapitale des Landes als „Londonistan“ zu bezeichnen – ein Refugium für
verschiedene radikale islamistische Gruppen, die in Verbindung mit den
Terrororganisationen des Nahen Ostens stünden. Der britische Staat hatte sie
auf seinem Boden toleriert und gewisse Figuren beschützt in der Hoffnung, sie
im Nahen Osten für seine eigenen Zwecke gegen die anderen „verbündeten“
Grossmächte einsetzen zu können. So hat Grossbritannien zum Beispiel 10 Jahre
lang den Antrag Frankreichs auf Auslieferung Rachid Ramdas abgeschlagen, der im
Zusammenhang mit den Bombenanschlägen auf die Pariser Metro verdächtigt wird!
Die Zentralbehörde des französischen Nachrichtendienstes (laut International Herald Tribune vom
9.8.2005) unterliess es im Gegenzug, ihren britischen Kollegen den Rapport
ihres Geheimdienstes vom Juni zukommen zu lassen, in dem über ein geplantes
Bombenattentat pakistanischer Al-Kaida-Sympathisanten in London berichtet
wurde.

Die imperialistische Politik Grossbritanniens hat mit ihren
„Prinzipien“ – „Lasst sie auf die Anderen los, bevor sie uns an den Kragen
gehen“ – lediglich die terroristischen Attentate auf eigenem Boden geschürt.

In der gegenwärtigen Phase ist der Terrorismus keine Ausnahme
mehr im Krieg zwischen Staaten, sondern zur bevorzugten Methode geworden. Die
Ausbreitung des Terrorismus geht grösstenteils einher mit dem Verschwinden
stabiler Bündnisse zwischen den imperialistischen Mächten und ist
charakteristisch für eine Zeit, in welcher jeder Staat versucht, den Einfluss
der anderen zu untergraben und zu sabotieren.

In diesem Zusammenhang ist die Rolle der Geheimdienstaktionen und
des psychologischen Krieges durch die mächtigsten imperialistischen Staaten
nicht zu unterschätzen, wenn es darum geht, die Rivalen eines bestimmten
Staates vor dessen Bevölkerung zu diskreditieren und damit die militärischen
Operationen vorzubereiten. Auch wenn keine offiziellen Beweise vorliegen – die
wohl auch kaum jemals auftauchen werden – gibt es starke Vermutungen, dass das
Attentat auf die Twin Towers und dasjenige gegen die Wohnblöcke in Moskau, die
beide jeweils für die USA und Russland die Türe für ein militärisches Abenteuer
geöffnet haben, unter Mitwirkung der eigenen Geheimdienste zustande kamen. Auch
der britische Imperialismus ist keineswegs ein Unschuldslamm. Sein verdecktes
Engagement auf beiden Seiten des terroristischen Konfliktes in Nordirland ist
wohlbekannt, so auch die Präsenz seiner Agenten innerhalb der „Real IRA“, der
Organisation, die sich zum Attentat von Omagh bekannte.

[6]


Kürzlich, im September 2005, wurden zwei Mitglieder der SAS (der britischen
Sondereinheiten) in Basra von der irakischen Polizei festgenommen, weil sie,
laut einigen Journalisten, ein terroristisches Attentat ausführen wollten.

[7]


Diese Geheimagenten wurden später durch einen Überfall britischer Truppen auf
das Gefängnis, in dem sie inhaftiert waren, befreit. Betrachtet man solche
Ereignisse, so liegt der Gedanke auf der Hand, dass der britische Imperialismus
selber in die tagtägliche Schlächterei im Irak involviert ist: mit der Absicht,
seine eigene „stabilisierende“ Präsenz als Besatzungsmacht zu rechtfertigen. Es
ist der britische Imperialismus selber, welcher als erster unter den alten
Kolonialmächten das Prinzip des „Teile und Herrsche“ einführte, das man im Irak
erneut hinter seiner Taktik des Terrors erkennen kann.

Die sich zuspitzende Tendenz zum Einsatz des Terrorismus
innerhalb imperialistischer Konflikte trägt alle Zeichen der letzten Phase des
niedergehenden Kapitalismus, der Phase des sozialen Zerfalls und der mangelnden
langfristigen Perspektive.

Bezeichnend für diese Situation ist, dass die Attentate vom 7.
Juli von Kamikazes britischer Herkunft ausgeführt wurden, die in
Grossbritannien geboren und aufgewachsen waren. Diese Attentate offenbaren eine
selbstzerstörerische Irrationalität, die zunehmend auch im „Herzen“ des
Kapitalismus vor allem unter jungen Leuten ihre Früchte treibt. Ob der
britische Staat selbst auch in die Attentate verwickelt war, kann zum jetzigen
Zeitpunkt noch nicht gesagt werden.

Die willkürliche Grausamkeit des imperialistischen Krieges
schlägt somit zurück in die kapitalistischen Kernländer, in Sektoren mit der
höchsten Konzentration der Arbeiterklasse. New York, Washington, Madrid,
London: Zielscheiben sind nicht mehr ausschliesslich Drittweltländer, sondern
zunehmend Industriemetropolen. Und die Ziele sind nicht mehr ausdrücklich
wirtschaftlicher oder militärischer Natur. Vielmehr geht es um die
grösstmögliche Zahl an Zivilopfern.

Schon in den 90er Jahren zeigte sich in Ex-Jugoslawien dieser
tendenzielle Rückschlag des imperialistischen Krieges in die kapitalistischen
Kernländer. Dann traf es Spanien und jetzt Grossbritannien. 

Der Terror des bürgerlichen Staates

Im Juli 2005 wurde die Londoner Bevölkerung von der tödlichen
Bedrohung durch terroristische Attentate getroffen. Dabei ist es aber nicht
geblieben. Am 22. Juli wurde an der U-Bahnstation Stockwell ein junger
brasilianischer Elektriker, Jean Charles de Menezes, auf dem Weg zu seiner
Arbeit von der britischen Polizei mit acht Schüssen hingerichtet. Nach
offizieller Erklärung hatte ihn die Polizei für einen Selbstmordattentäter
gehalten. All dies geschah in einem Land, indem die Polizei ihr integres Bild
von Scottland Yard als Garanten für die demokratische Gemeinschaft, für den
Frieden und als Hüter der Bürgerrechte pflegt. Dazu passte der nette „Bobby“
von nebenan, der alten Damen über die Strasse hilft. Aber in Wirklichkeit – und
dies wurde durch diese jüngsten Ereignisse offensichtlich – unterscheidet sich
die britische Polizei nicht grundsätzlich von derjenigen irgendwelcher
Diktaturen der so genannten Dritten Welt, wo „Todesschwadronen“ ohne Umschweife
für Staatsinteressen eingesetzt werden. In offiziellen Erklärungen wurde die
Ermordung von Jean Charles als tragischer Irrtum bezeichnet. Tatsächlich aber
erhielten die bewaffneten Einheiten der U-Bahnpolizei seit dem 7. Juli die
Anweisung, auf jeden Kamikazeverdächtigen zu „schiessen um zu töten“. Und sogar
nach der Ermordung von Jean Charles wurde diese Politik weiterhin energisch verteidigt.
Da es aber nahezu unmöglich ist, einen Kamikaze vor der Sprengstoffzündung zu
identifizieren oder sich ihm anzunähern, ist die Polizei durch eine derartige
Anweisung ermächtigt, auf irgendwelche Personen zu schiessen, und zwar
eigentlich ohne Warnung. Unbestreitbar erlaubten die höchsten Etagen der
britischen Polizei solche „tragischen Fehler“, in ihrem Verständnis
unvermeidbare Nebenwirkungen auf dem Weg zu einer stärkeren Staatsmacht.

Die Ermordung von Jean Charles ist daher kaum als tragischer Unfall
zu verstehen. Sie muss im Zusammenhang mit der Funktion des Staates und seiner
Repressionsorgane betrachtet werden: Diese Funktion besteht nicht wie
vorgegeben im Schutz der Bevölkerung, und der Staat steht auch nicht vor der
angeblich schwierigen Wahl zwischen der Verteidigung seiner Bürger und dem
Schutz seiner Rechte. In Wahrheit ist die Hauptfunktion des Staates eine
andere: die Verteidigung der herrschenden Ordnung für die Interessen der
Herrschenden. Das heisst vor allem, dass der Staat sein Monopol der bewaffneten
Macht erhalten und zum Ausdruck bringen will. Besonders wichtig ist dies in
Kriegszeiten aufgrund der Notwendigkeit, die Staatsmacht zur Schau zu stellen
und Repressionsakte durchzuführen. Die Antwort des britischen Staates auf
Attentate wie jene vom 7. Juli ist daher vor allem eine Machtdemonstration. Die
angebliche Aufgabe, die Verteidigung der Bevölkerung, ist sowieso nur für eine
kleine Minderheit hoher Funktionäre realisierbar. Die Demonstration des
staatlichen Gewaltmonopols ist ein absolutes Muss, soll die Unterwerfung der
eigenen Bevölkerung gesichert und den anderen Staaten Respekt eingeflösst
werden. Unter solchen Umständen ist die Verhaftung der wirklichen Täter und
Kriminellen nebensächlich oder hat sogar mit dem Hauptanliegen des Staates
nichts zu tun.

An dieser Stelle ist ein Vergleich mit Attentaten der IRA 1974
hilfreich. Infolge dieser Attentate gegen Pubs in Birmingham und Guildford

[8]


hatte die Polizei zehn verdächtige Iren festgenommen. Die Verhafteten wurden zu
falschen Geständnissen gezwungen, willkürliches Material wurde in Beweisstücke
gegen sie verwandelt und schliesslich wurden sie zu langen Gefängnisstrafen
verurteilt. Erst fünfzehn Jahre später gestand die Regierung einen „tragischen
Justizirrtum“ ein. Solche Beispiele lassen darauf schliessen, dass diese
Massnahmen doch eher Repressalien gegen die „fremde“ und „feindliche“
Bevölkerung sind.

Der 22. Juli hat gezeigt, welche Realität sich hinter der
demokratischen und humanitären Fassade des Staates verbirgt – einer Fassade,
die in Grossbritannien sehr gut bestückt ist. In seiner Hauptrolle als
Zwangsapparat kann der Staat nicht für die Mehrheit der Bevölkerung oder an
ihrer Stelle handeln, sondern nur gegen sie.

Das eben Gesagte findet seine Bestätigung in einer ganzen Reihe
„antiterroristischer“ Massnahmen, welche von der Regierung Blair im Zuge der
Attentatsserie beantragt wurden. Derartige Massnahmen sind gegenüber dem
islamischen Terrorismus chancenlos, sie dienen einzig der verschärften
Staatskontrolle über die Bevölkerung als Ganzes: die Einführung der
Identitätskarte; eine zeitlich unbegrenzte Politik des „Schiessens um zu
töten“; Kontrollweisungen, die zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit der
Bevölkerung führen; die offizielle Anerkennung der Überwachung von
Telefongesprächen und Internet; eine dreimonatige Inhaftierung von Verdächtigen
ohne Anklage; Spezialgerichte, wo Zeugenaussagen hinter verschlossenen Türen
und ohne Geschworene erzwungen werden.

Die terroristischen Attentate vom letzten Sommer wurden also vom
britischen Staat als Vorwand benutzt, um – wie schon oftmals zuvor – seinen
Repressionsapparat zu verstärken. Dieser Ausbau dient der Vorbereitung eines
viel allgemeineren und wichtigeren Angriffs gegen einen viel gefährlicheren
Staatsfeind: das wieder erstarkende Proletariat.

Die Antwort der Arbeiter

Anders als am 7. Juli blieben am 21. Juli offiziell nur die
U-Bahnlinien Victoria und Metropolitan geschlossen. Tatsächlich aber waren
wegen Arbeiterprotesten auch die Linien Bakerloo und Northern geschlossen. Die
Fahrer hatten sich wegen der unsicheren Lage und mangelnden
Sicherheitsgarantien geweigert, ihre Arbeit fortzusetzen. Dieser Protest war
immerhin ein punktueller Ausdruck einer längerfristige Perspektive zur Lösung
dieser unerträglichen Situation: Die Arbeiter müssen ihre Sache in die eigenen
Hände nehmen. Aber die Gewerkschaften reagierten auf dieses Aufflammen der
Klasseneigenständigkeit ebenso schnell wie die Notdienste auf die Attentate.
Unter gewerkschaftlicher Führung mussten die Fahrer ihre Arbeit wieder
aufnehmen, bis dass die Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Leitung zu
einer Vereinbarung kommen würden. Die Gewerkschaftsseite versicherte zwar, dass
jeder Fahrer in seiner Arbeitsverweigerung unterstützt würde – das hiess jedoch
nichts anderes, als dass er seinem eigenen Schicksal überlassen wurde.

In den ersten Augustwochen nahm der Widerstand der Arbeiter
grössere Ausmasse an: Auf dem Londoner Flughafen Heathrow begann ein wilder
Streik, ausgelöst von den Angestellten des Catering-Unternehmens Gate Gourmet,
das die Mahlzeiten für British Airways zubereitet. Schnell griff der Streik auf
andere Beschäftigte über und löste bei den Gepäckarbeitern von British Airways
eine spontane Solidaritätsaktion aus. Etwa 1.000 Arbeiter beteiligten sich
insgesamt an dieser Aktion. British Airways musste zusehen, wie ihre Flugzeuge
während mehreren Tagen am Boden stehen blieben. Weltweit wurden Bilder von
massenhaft gestrandeten und blockierten Passagieren ausgestrahlt.

Der Ungehorsam der Arbeiter und ihre Anknüpfung an die Taktik des
Solidaritätsstreiks wurden von den britischen Medien scharf verurteilt. Die
Arbeiter hätten angeblich wissen müssen, dass derartige Solidaritätsaktionen
„veraltet“ sind, dass nach einstimmiger Meinung der „Experten“ (Juristen und
andere Spezialisten der Arbeitswelt) solche Aktionen gänzlich den
Geschichtsbüchern angehören und daher auch als illegal erklärt wurden.

[9]


Indem die Medien die schädlichen Folgen für die Passagiere hervorhoben,
versuchten sie den beispielhaften Mut dieser Arbeiter herabzusetzen.

Im Übrigen war von den Medien auch ein etwas versöhnlicherer Ton
zu vernehmen, jedoch nicht minder feindlich gegenüber der Sache der Arbeiter.
Dabei wurde der Flughafenstreik als ein Resultat der rücksichtslosen Taktik der
amerikanischen Eigentümer von Gate Gourmet dargestellt. Diese hatten per
Lautsprecher den Arbeitern mit massiven Kündigungen gedroht. Der Streik sei
also Ausdruck eines Irrtums gewesen. Er sei die Antwort auf ein unfähiges
Management gewesen; die Streikaktionen seien demzufolge eine
Ausnahmeerscheinung im Gange der regulären und zivilisierten
Industrieverhältnisse und der Beziehungen zwischen Gewerkschaften und
Geschäftsführung, die im Normalfall solche Solidaritätsaktionen überflüssig
werden liessen. Tatsächlich aber liegt die Hauptursache des Streiks nicht in
der Arroganz des kleinen Arbeitgebers. An der brutalen Taktik von Gate Gourmet
ist nichts Aussergewöhnliches. Nennen wir nur ein Beispiel unter vielen: Auch
Tesco, die grösste und rentabelste Supermarktkette in Grossbritannien hat erst
kürzlich angekündigt, dass Absenztage aus Krankheitsgründen zukünftig unbezahlt
bleiben. Ebenso sind massive Entlassungen keineswegs ein typisches Zeichen
fehlender gewerkschaftlicher Aktivität. Die Zeilen der International Herald Tribune
vom 19.8.2005 enthalten folgende Meinung von Sophie Greenyer, Mediensprecherin
von British Airways. „Sie sagte, dass es
dem Unternehmen im Laufe der Vergangenheit dank der Zusammenarbeit mit den
Gewerkschaften gelungen ist, sowohl die Anzahl Arbeitsplätze als auch Kosten zu
senken. British Airways hat in den letzten drei Jahren 13.000 Stellen
gestrichen und seine Kosten um 850 Millionen Sterling vermindert. ‚Wir haben es
geschafft, in vernünftiger Weise mit den Gewerkschaften zusammenzuarbeiten, um
diese Ersparnisse zu erreichen’, meinte sie.“

Das Ziel, die Betriebskosten zu senken, hatte British Airways
dazu veranlasst, die Gehälter und Lebensbedingungen der Angestellten zu
verschlechtern. Gate Gourmet seinerseits wollte es mit bedachten Provokationen
möglich machen, gegenwärtige Angestellte durch Arbeitskräfte aus dem
osteuropäischen Raum zu ersetzen, welche zu noch tieferen Löhnen und
schlechteren Bedingungen arbeiten.

Die von British Airways angestrebten Kostensenkungen sind nichts
Aussergewöhnliches. Im Gegenteil: Sei es in der Luftfahrt oder in einem anderen
Sektor, die verschärfte Konkurrenz aufgrund zunehmender Marktsättigung ist die
normale Antwort des Kapitalismus auf eine sich zuspitzende Wirtschaftskrise.

Der Streik in Heathrow war also kein Zufall, sondern ein Beispiel
des Verteidigungskampfes der Arbeiter gegen die zunehmenden Angriffe der
Bourgeoisie insgesamt. Der Kampfeswille der Arbeiter ist aber nicht der einzige
Aspekt von Belang in diesem Streik. Noch wichtiger sind die illegalen
Solidaritätsaktionen anderer Teile der Flughafenbeschäftigten. Diese Arbeiter
setzten nämlich ihre eigene Existenzgrundlage aufs Spiel, indem sie den Kampf
ausdehnten.

Diese Solidaritätsbekundung war zwar von kurzer Dauer und blieb
embryonal. Aber angesichts der von der Bourgeoisie als Antwort auf die
Attentate erzeugten Atmosphäre der nationalen Unterordnung war dieser
Solidaritätsausdruck dennoch ein kontrastreicher Lichtblick. Zumindest wurde
bestätigt, dass sich die Londoner Bevölkerung nicht mehr nur demütig den
Interessen des imperialistischen Krieges unterordnet. Zeiten wie 1940, als die
nächtlichen „Blitz“-Bombardierungen der deutschen Luftwaffe passiv erduldet
wurden, sind vorbei.

Der Streik von Heathrow ist vielmehr Teil einer ganzen Reihe von
Arbeitskämpfen seit 2003, die in verschiedenen Erdteilen aufflackerten, so z.B.
die Solidaritätsaktion der Arbeiter von Opel in Deutschland oder der
Angestellten von Honda in Indien.

[10]


Nach einer langen, von Desorientierung geprägten Phase seit dem Zusammenbruch
des Ostblocks 1989 findet die weltweite Arbeiterklasse nun ganz langsam und
fast unmerklich ihre Kraft wieder. Allmählich tastet sich das Proletariat zu
einer deutlicheren Klassenperspektive vor.

Die Schwierigkeiten, welche mit der Entwicklung dieser
Perspektive verbunden sind, zeigten sich schnell durch die Sabotage der
Gewerkschaften an der Solidaritätsaktion in Heathrow. Die Transport and General
Worker’s Union setzte dem Streik der Gepäckarbeiter ein schnelles Ende und die
von Gate Gourmet entlassenen Arbeiter sahen sich schliesslich gezwungen, den
Ausgang der verlängerten Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und
Unternehmensführung abzuwarten.

Trotzdem bleibt dieses Zeichen vom mühevollen Wiedererstarken des
Klassenkampfes in Grossbritannien von grosser Bedeutung. Denn die englische
Arbeiterklasse hat eine längere Zeit der Kampfesschwäche hinter sich. Nach der
Konjunktur der Klassenkämpfe des englischen Proletariats 1979 mit dem massiven
Streik im öffentlichen Sektor und 1984/85 mit dem Streik der Bergarbeiter
folgte eine längere Zeit der Kampfesschwäche. Die englische Arbeiterklasse litt
stark unter der Niederlage der oben genannten Streiks von 1984/85, und diese
Situation wurde von der Regierung Thatcher bis aufs Äusserste ausgenutzt, indem
unter anderem Solidaritätsstreiks als illegal erklärt wurden. Daher ist das
Wiederaufkommen von solchen Streiks in Grossbritannien mehr als erfreulich.

Grossbritannien war nicht nur das erste kapitalistische Land. In
Grossbritannien zeigten sich auch die ersten Ausdrücke einer weltweiten
Arbeiterklasse und ihre ersten politischen Organisationen in Form der
Chartisten; in Grossbritannien befand sich auch der Sitz des Generalrats der
Internationalen Arbeiterassoziation. Heute ist Grossbritannien nicht mehr die
Drehachse der Weltwirtschaft, spielt aber noch immer eine Schlüsselrolle in der
Weltindustrie. Der Flughafen Heathrow ist der grösste Flughafen der Welt. Die
britische Arbeiterklasse hat weiterhin ein bedeutendes Gewicht im weltweiten
Klassenkampf.

In Grossbritannien wurde im vergangenen Sommer die politische
Situation auf Weltebene aufgedeckt: auf der einen Seite die Tendenz des
Kapitalismus zu immer schärferer Barbarei und Chaos, wo es keinen Platz für
gesellschaftliche Werte gibt; auf der anderen Seite hat der Flughafenstreik in
London zumindest für eine kurze Zeit gezeigt, dass andere gesellschaftliche
Prinzipien durchaus existieren, Prinzipien, die auf der unbeschränkten
Solidarität der Produzenten gründen – Prinzipien des Kommunismus.

 

                                               Como



[1]

Ohne die
vier Kamikaze-Attentäter, die sich in die Luft gejagt haben.

[2]

Die
„IRA-Provisionals“ nannten sich so, um sich von der sogenannten „offiziellen
IRA“ zu unterscheiden, von der sie sich getrennt hatten. Die „offizielle IRA“
spielte im Bürgerkrieg in Nordirland ab den 70er Jahren keine wesentliche
Rolle.

[3]

Chelsea
Barracks ist eine Kaserne mitten in London, in welcher damals das Regiment der
Irish Guards stationiert war. Das Attentat im Hyde Park richtete sich gegen
eine Militärparade der königlichen Garde.  

[4]

Die
Londoner City ist das Finanzzentrum, mit einer Fläche von ca. einem
Quadratkilometer in Central London, einem Teil von Gross-London. Canary Wharf
ist ein Wolkenkratzer, Symbol für das neue Geschäftsquartier, das in den alten
Londoner Hafenanlagen errichtet wurde.   

[5]

Eines
der mörderischsten Attentate der IRA – gegen das Arndale-Handelszentrum im
Zentrum von Manchester 1996 – in einer Zeit, in der die IRA vor allem als
Instrument der amerikanischen Bourgeoisie diente, um die britischen Versuche
nach einer selbständigeren imperialistischen Politik einzudämmen – gehört schon
in die Epoche des Chaos, in der auch die Al Kaida gross geworden ist. 

[6]

Die
„Real IRA“ ist eine Abspaltung der IRA, die sich auf die Fortführung des
Kampfes gegen die Briten beruft. Die Gruppe war verantwortlich für einen
Bombenanschlag in der Stadt Omagh in Nordirland, bei dem am 15. August 1998 29
Zivilisten getötet wurden.  

[8]

Die
Begründung für diese Attentate lautete, dass die betroffenen Pubs vor allem von
Militärangehörigen besucht worden seien.

[9]

In
Grossbritannien sind Solidaritätsstreiks tatsächlich illegal. Ein
entsprechendes Gesetz wurde unter der Regierung Thatcher in den 80er Jahren
eingeführt und findet seine Fortsetzung unter der Labour-Regierung Blair.

[10]

s. den
Artikel auf unserer Website veröffentlicht von der indischen Sektion der IKS:
welt/132_indien

Entwicklung des proletarischen <br>Bewusstseins und der Organisation: 

Theoretische Fragen: 

Erbe der kommunistischen Linke: