EINLEITUNG

Wer
könnte irgendwelche Zweifel daran haben?

Freiwillig
wird die Kapitalistenklasse ihre Macht nie abge­ben.

Mit
aller Kraft wird sie sich daran festklammern; und natür­lich wird sie auch vor
einem blutigen, zerstörerischen Bür­gerkrieg gegen die Arbeiterklasse nicht
zurückschrecken, der mehr Tote und Trümmerfelder als erwartet zurücklassen
wird.

Wenn
die Arbeiterklasse aus diesem Bürgerkrieg jemals siegreich hervorgehen sollte
und die Kapitalistenklasse ver­jagen und selbst die Macht erobern kann, welche
Maßnah­men muß sie dann ergreifen? Vor welcher Lage wird sie dann stehen? Was
werden die Ausgangsbedingungen sein? Was muß ihre politische Orientierung sein?

Denn
nach dieser Phase des Bürgerkriegs wird die Kapitali­stenklasse zwar
entmachtet, der Kapitalismus selber aber damit noch nicht überwunden worden
sein. Dieser lässt sich nämlich nicht von heute auf morgen aus der Welt
schaffen. Der Grund: der Mangel kann nicht in Windeseile überwun­den und eine
Gesellschaft des Überflusses nicht in einem Atemzug errichtet werden.

Während
im Bereich der Wirtschaft aufgrund des noch nicht überwundenen Mangels sich die
kapitalistischen Verhältnisse noch weiter festzubeißen versuchen, muß die
Arbeiterklasse dennoch schon gleich nach der Machtergreifung anfangen, erste
Maßnahmen zu ergreifen, um die dringendsten materi­ellen Bedürfnisse der
Arbeiterklasse und anderer ausgebeu­teter Schichten zu befriedigen: Stichwort
Beschlagnahme von Wohnungen, Lebensmittelverteilung an die Hungernden und
andere wichtige Lieferungen an die Arbeiter und Bauern in andere Gebiete der
Erde, lebenswichtige medizinische Hilfen, erste Eingrenzung von Ökoschäden usw.

Aber
von welchen Kriterien muß sie sich bei all diesen Maßnahmen leiten lassen? Und
hiermit stehen wir schon vor einem Berg von Fragen...

-
wie soll der Mangel bis zu dessen Verschwinden verwaltet werden?

-
um welche Art Staat, der nach der Machtübernahme weiter vorhanden sein wird,
handelt es sich eigentlich?

-
wie diesen Staat in Schach halten?

-
was zeigt die Erfahrung aus der Geschichte, insbesondere Rußland?

-
wie mit den anderen ausgebeuteten Schichten umgehen?

-
wie deren Unterstützung gewinnen, ohne sich ihnen zu unterwerfen?

-
auf welche Organisationen muß sich die Arbeiterklasse da­bei stützen?

-
welche Maßnahmen führen in Richtung Kommunismus und welche nicht? usw.

-
Die IKS hat sich sowohl bevor sie als internationale Organi­sation 1975 als
solche gegründet wurde als auch seither in­tensiv mit diesen Fragen befaßt. In
Debatten haben sich un­sere Mitglieder mit zahlreichen Texten mitunter sehr kon­trovers
zu diesen Problemen geäußert. Wir veröffentlichen hier einige Texte, von denen
wir hoffen, daß sie einen Einstieg in die Vertiefung dieser Frage ermög­lichen.
Wir sind uns bewußt, daß die Debatte außerordentlich kom­plex, vielschichtig
und umfangreich ist. Auch wissen wir, daß die Texte nicht einfach zu
"verdauen" sind. Und wir wissen, daß die Texte vor allem dann eine
wirkli­che Klärung ermöglichen und "verständlicher" werden, wenn man
sie diskutiert, sie gemeinsam anpackt. Dazu möchten wir euch hiermit
auffordern.

Diese
Texte stammen aus unserer Broschüre zu diesem Thema, in dem die Debatten der
IKS zu dieser Frage aufge­rollt werden. Sie gehört zu einer der meist
diskutierten Fragen. Im Verlauf der Debatte gab es verschiedene Positio­nen
(Mehrheits- und Minderheitspositionen), die im einzel­nen in der Broschüre
näher dargestellt werden.

Wie
haben die Revolutionäre in der Vergangenheit auf diese Fragen geantwortet, denn
die IKS hat das Problem des Ver­hältnisses zwischen dem Staat und der Diktatur
der Arbei­terklasse in der Übergangsperiode nicht erfunden? Während und nach
der russischen Revolution haben die Revolutionäre versucht, die Lehren aus
dieser Erfahrung zu ziehen. Die Genossen der Kommunistischen Linken haben sich
am aktiv­sten mit dieser Frage befaßt: in Rußland selber (siehe unsere
Broschüre "Die Kommunistische Linke in Rußland"), in Deutschland und
Holland die Genossen der KAPD (siehe die Schrift "Grundprinzipien
kommunistischer Produktion und Verteilung"), die Italienische Linke im
Exil (siehe die ver­schiedenen Schriften in BILAN). Aber diese Schriften blei­ben
trotzdem sehr wenig bekannt.

Die
Diskussion in der IKS selber setzte ein mit der Diskus­sion um den Text von
Internationalisme (1945-52): "Thesen zum Wesen des Staates und der
Übergangsperiode" (1946 von der Kommunistischen Linken Frankreichs
verabschie­det). Dieser Text stammt direkt aus der Tradition der
"italienischen" Linken und vertritt bei bestimmten Fragen Positionen,
die die IKS nicht unterstützt. Der Text spricht von der Machtübernahme durch
die Partei und betrachtet die Gewerkschaften als proletarische Organe, sowohl
im Rah­men des Kapitalismus als auch in der Phase nach dem Auf­stand. Im Laufe
der späteren politischen Entwicklung hat die Kommunistische Linke Frankreichs
ihre Position geändert, so daß sie später für die Übernahme der Macht durch die
Arbeiterräte eintrat. Auch schätzten sie später die Gewerk­schaften als
kapitalistische Staatsorgane in der kapitalisti­schen Dekadenz ein. Aber diese
Punkte schmälern keines­wegs den Wert der "Thesen" ein, die die
Notwendigkeit hervorheben, daß die Arbeiterklasse sich gegen den Staat in der
Übergangsperiode schützt, sei es durch Streiks oder durch andere Aktionen der
Klasse, wenn dies notwendig ist.

Der
Artikel "Probleme der Übergangsperiode" wurde auf der Internationalen
Konferenz im Jahre 1975 vorgetragen (auf dieser Konferenz wurde die IKS
offiziell als vereinigte internationale kommunistische Organisation gegründet).
Er umreißt den allgemeinen Rahmen. Der Text "Staat und Diktatur des
Proletariats", der auf dem 2. Kongreß der Sek­tion der IKS in Frankreich
diskutiert wurde, liefert eine Zu­sammenfassung der Auffassungen der
Arbeiterbewegung zu dieser Frage und vertritt die Position, die später von der
Or­ganisation insgesamt übernommen wurde.

Der
Text "Staat in der Übergangsperiode" beleuchtet die Rolle des Staates
in der Geschichte und in der Übergangspe­riode im Besonderen. Die ebenfalls
vorliegende Resolution des 3. Kongresses der IKS zum "Staat in der
Übergangsperi­ode" faßt die Position der IKS zu dieser Frage noch einmal
zu­sammen.

Veröffentlicht
Sommer 1992