Interne Debatte der IKS: Marxismus und Ethik (Teil I/a)

Warum ein Text über Ethik heute?

Mehr als zwei Jahre lang dauerte die Debatte in der IKS über die Frage der Moral und der proletarischen Ethik. Diese Debatte fand auf der Grundlage eines Orientierungstextes statt, dessen Inhalt wir hier in großen Auszügen veröffentlichen wollen. Wenn wir eine solche theoretische Debatte eröffneten, so taten wir dies, weil unsere Organisation zurzeit ihrer Krise 2001 intern mit einem besonders zerstörerischen Verhalten konfrontiert war, das jener Klasse völlig fremd ist, die den Kommunismus errichten soll. Dieses Verhalten hat sich in brutalen Methoden kristallisiert, die von einigen Elementen angewendet wurden, welche der „internen Fraktion“ der IKS (IFIKS) zum Leben verholfen hatten[1]: Diebstahl, Erpressung, Lügen, Verleumdungskampagnen, Spitzeltum, Rufmord und Todesdrohungen gegen unsere Genossen. Die Notwendigkeit, die Organisation in der Frage der proletarischen Moral zu wappnen – eine Frage, die die Arbeiterbewegung seit ihren Ursprüngen beschäftigt hat –, entspringt also einem konkreten Problem, das auch das politische Milieu des Proletariats gefährdet. Wir haben stets bekräftigt (besonders in unseren Statuten), dass die Frage des militanten Verhaltens eine ganz und gar politische Frage ist. Doch bis jetzt war die IKS nicht in der Lage gewesen, tiefer über diese Frage nachzudenken und sie mit der Frage der proletarischen Ethik und Moral zu verknüpfen. Um die ursprünglichen Absichten und Merkmale der Ethik der Arbeiterklasse zu begreifen, hat sich die IKS auf die Entwicklung der Moral in der Geschichte der Menschheit berufen und sich die theoretischen Errungenschaften des Marxismus angeeignet, die von den Fortschritten der menschlichen Zivilisation insbesondere auf dem Gebiet der Wissenschaften und der Philosophie gestützt wurden. Dieser Orientierungstext verfolgt nicht das Ziel, ein endgültiges theoretisches Elaborat zu liefern, sondern mehrere Denkanstöße zu verfolgen, um der Organisation die Vertiefung einer Reihe von fundamentalen Fragen zu ermöglichen (Ursprung und Charakter der Moral in der menschlichen Geschichte, der Unterschied zwischen bürgerlicher Moral und proletarischer Moral, der Verfall der Werte und der Ethik des Kapitalismus in der Epoche seines Zerfalls, etc.). Angesichts der Tatsache, dass diese interne Debatte noch nicht beendet ist, werden wir hier nur Auszüge des Orientierungstextes veröffentlichen, die uns am verständlichsten für den Leser erscheinen. Weil es sich hier um einen internen Text handelt, erscheinen die Ideen äußerst kondensiert und beziehen sich auf komplexe theoretische Konzepte; wir sind uns im Klaren, dass gewisse Passagen sich als schwierig erweisen könnten. Dennoch sind gewisse Aspekte unserer Debatte soweit herangereift, dass wir es für nützlich erachten, Auszüge aus diesem Orientierungstext nach außen zu tragen, damit die Arbeiterklasse und das politische Milieu des Proletariats sich am von der IKS angestoßenen Denkprozess beteiligen können.
Von Anfang an spielte die Frage des politischen Verhaltens und somit der proletarischen Moral eine zentrale Rolle im Leben der IKS. Unsere Auffassung zu dieser Frage findet ihren lebendigen Ausdruck in unseren Statuten (1982 verabschiedet).[2]

Wir haben stets darauf bestanden, dass die Statuten nicht eine Kollektion von Regeln sind, die festlegen, was erlaubt ist und was nicht, sondern eine Orientierung für unser Verhalten und unsere Haltung, die ein in sich zusammenhängendes Ganzes von moralischen Werten (besonders bezüglich des Verhältnisses unter den Mitgliedern und gegenüber der Organisation) zusammenfasst. Daher verlangen wir von jedem, der Mitglied der Organisation werden will, eine tiefgehende Übereinstimmung mit diesen Werten.

Doch die Statuten als integraler Bestandteil unserer Plattform regeln nicht allein, wer unter welchen Umständen Mitglied der IKS werden kann. Sie bedingen auch den Rahmen und den Geist des militanten Lebens der Organisation und jedes ihrer Mitglieder.

Die Bedeutung, die die IKS stets diesen Verhaltensprinzipien zugemessen hat, wird von der Tatsache veranschaulicht, dass sie nie zögerte, diese Prinzipien zu verteidigen, selbst wenn sie dabei eine Organisationskrise riskierte. Indem sie so verfährt, stellt sich die IKS bewusst und unerschütterlich in die Tradition des Kampfes von Marx und Engels in der Ersten Internationale, des Bolschewismus und der Italienischen Fraktion des Kommunistischen Linken. Indem sie so verfuhr, war sie in der Lage, eine Reihe von Krisen zu überstehen und fundamentale Verhaltensprinzipien der Klasse aufrechtzuerhalten.

Jedoch wurde das Konzept der proletarischen Moral mehr implizit denn explizit hochgehalten, es wurde eher in empirischer Manier als theoretisch verallgemeinert in die Praxis umgesetzt. Angesichts massiver Vorbehalte der neuen Generation von Revolutionären nach 1968 gegenüber jeglichen Moralkonzepten, welche im Allgemeinen als notwendigerweise reaktionär betrachtet wurden, hielt es die Organisation für wichtiger, die Verhaltensweisen der Arbeiterklasse zu berücksichtigen, statt diese sehr allgemeine Debatte zu einer Zeit zu eröffnen, die noch nicht reif genug dafür war.

Fragen der Moral waren nicht das einzige Gebiet, wo die IKS auf diese Weise verfuhr. In den frühen Tagen der Organisation existierten ähnliche Vorbehalte gegenüber der Notwendigkeit der Zentralisierung oder der Intervention der Revolutionäre, der führenden Rolle der Organisation bei der Entwicklung von Klassenbewusstsein, der Notwendigkeit des Kampfes gegen die demokratische Ideologie oder der Anerkennung der Aktualität der Auseinandersetzung mit dem Opportunismus und Zentrismus.

Und in der Tat zeigte der Verlauf unserer wichtigsten Debatten, dass die Organisation stets in der Lage war, nicht nur ihr theoretisches Niveau anzuheben, sondern auch jene Fragen zu klären, die zu Beginn unklar geblieben waren. Gerade in den Organisationsfragen ist es der IKS immer wieder gelungen, auf Herausforderungen zu reagieren, indem sie ihr theoretisches Verständnis der gestellten Fragen vertiefte und erweiterte.

Die IKS hat bereits ihre jüngste Krise so wie auch die ihr zugrundeliegende Tendenz des Verlustes der Errungenschaften der Arbeiterbewegung als Manifestationen des Eintritts des Kapitalismus in eine neue und letzte Phase, die seines Zerfalls, analysiert. Die Klärung einer solch wichtigen Frage ist eine Notwendigkeit der historischen Periode als solche und betrifft die gesamte Arbeiterklasse.

„... die Sittlichkeit ist ein Erfolg der geschichtlichen Entwicklung, ein Kulturprodukt. Sie beruht auf dem sozialen Triebe des Menschengeschlechts, auf der materiellen Notwendigkeit des gesellschaftlichen Lebens. Weil die Tendenz der Sozialdemokratie vornehmlich auf ein soziales, auf ein gesellschaftliches Leben in höherem Grade gerichtet ist, darum kann sie nicht anders, als ganz wahrhaftig eine moralische Tendenz sein.“ [3]

Der Zerfall des Kapitalismus untergräbt das Vertrauen in das Proletariat und in die Menschheit

Aufgrund der Unfähigkeit der beiden Hauptgesellschaftsklassen, Bourgeoisie und Proletariat, ihre Lösung der Krise durchzusetzen, hat der Kapitalismus seine ultimative Phase des Zerfalls betreten, die sich durch die allmähliche Auflösung nicht nur der gesellschaftlichen Werte, sondern auch der Gesellschaft selbst auszeichnet.

Heute, angesichts des „Jeder-für-sich“ des kapitalistischen Zerfalls und der Aushöhlung aller moralischen Werte, wird es für revolutionäre Organisationen – und, allgemeiner noch, für die aufkommende neue Generation von Militanten – unmöglich sein, sich zu behaupten, ohne sich Klarheit über moralische und ethische Themen verschafft zu haben. Nicht nur die bewusste Entwicklung der Arbeiterkämpfe, sondern auch eine spezifische theoretische Auseinandersetzung mit diesen Fragen und die Wiederaneignung des Werkes der marxistischen Bewegung sind zu einer Überlebensfrage geworden. Dieser Kampf ist unverzichtbar nicht nur für den proletarischen Widerstand gegen den Zerfall und die aus diesem resultierende amoralische Haltung, sondern auch, um das proletarische Vertrauen in eine Zukunft der Menschheit mithilfe des eigenen historischen Projekts wiederzugewinnen.

Die besondere Form, die die Konterrevolution in der UdSSR annahm – der Stalinismus, der sich selbst als Vollendung statt als Totengräber der Oktoberrevolution darstellte –, hatte bereits das Vertrauen in das Proletariat und in seine kommunistische Alternative erschüttert. Nach dem Ende der Konterrevolution 1968 hat der Zusammenbruch der stalinistischen Regimes 1989 – die historische Epoche des Zerfalls einleitend – noch einmal das Vertrauen des Proletariats in sich selbst als Vermittler der Befreiung der gesamten Menschheit erschüttert.

Die Schwächung des Selbstvertrauens, der Klassenidentität und der Vision einer proletarischen Alternative zum Kapitalismus haben mit den ersten Schockwellen des Zerfalls die Bedingungen verändert, unter denen sich die Frage der Ethik stellt. In der Tat haben die Rückschläge der Arbeiterklasse ihr Vertrauen nicht nur in eine kommunistische Perspektive, sondern auch in die Gesellschaft insgesamt beschädigt.

Die Behauptung, dass der grundsätzlich „schlechte“ Charakter der Menschen die Probleme der zeitgenössischen Gesellschaft bedingt, erntete bei klassenbewussten Arbeitern in der Epoche des kapitalistischen Aufstiegs und noch mehr in der ersten revolutionären Welle nur Hohn und Spott. Dagegen scheint heute die Behauptung von der Unmöglichkeit fundamentaler gesellschaftlicher Verbesserungen und der Entwicklung höherer Formen der menschlichen Solidarität zu einer gegebenen Tatsache der historischen Lage geworden zu sein. Heutzutage suchen die tiefen Zweifel an den moralischen Qualitäten unserer Spezies nicht nur die herrschende Klassen und die Zwischenschichten heim, sondern bedrohen auch das Proletariat einschließlich seiner revolutionären Minderheiten. Dieser Mangel an Vertrauen in die Möglichkeit eines kollektiveren und verantwortlicheren Umgangs mit der menschlichen Gemeinschaft ist nicht nur das Resultat der Propaganda der herrschenden Klasse. Die historische Entwicklung selbst hat zu diesem Verlust an Vertrauen in die Zukunft der Menschheit geführt.

Wir leben in einer Zeit, die gekennzeichnet ist von:

– einem extremen Pessimismus gegenüber der „menschlichen Natur“;

– Skeptizismus und gar Zynismus gegenüber der Notwendigkeit oder gar der Möglichkeit von moralischen Werten;

– einer Unterschätzung oder gar Leugnung der Wichtigkeit ethischer Fragen.

Die öffentliche Meinung glaubt das Urteil des englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588–1679) bestätigen zu können, dass der Mensch unter seinesgleichen wie ein Wolf unter Wölfen ist. Der Mensch wird im Grunde als destruktiv, räuberisch, egoistisch, heillos irrational und in seinem Sozialverhalten als unter vielen Tierarten stehend betrachtet. Der kleinbürgerliche Umweltschutz zum Beispiel betrachtet die kulturelle Entwicklung als einen „Fehler“ oder als „Sackgasse“. Die Menschheit selbst wird als Krebsgeschwür der Geschichte gesehen, an dem die Natur „Rache“ nehmen wird – ja, sogar soll.

Natürlich hat der kapitalistische Zerfall diese Probleme nicht geschaffen, aber er hat die bereits herrschenden Probleme unerträglich verschärft.

In den letzten Jahrhunderten hat die Verallgemeinerung der kapitalistischen Warenwirtschaft die Bande der Solidarität als Gesellschaftsgrundlage fortschreitend aufgelöst, so dass selbst die Erinnerung an sie aus dem kollektiven Bewusstsein zu verschwinden droht.

Die Niedergangsphase von Gesellschaftsformationen war stets von der Auflösung etablierter moralischer Werte und – solange sich eine historische Alternative noch nicht durchzusetzen begann – von einem Vertrauensverlust in die Zukunft geprägt.

Doch die Barbarei und Unmenschlichkeit der kapitalistischen Dekadenz ist einmalig. Es ist nicht leicht, nach Auschwitz und Hiroshima und angesichts permanenter, allgemeiner Zerstörung das Vertrauen in die Möglichkeit eines moralischen Fortschritts aufrecht zu halten.

Der Kapitalismus hat auch das frühere, rudimentäre Gleichgewicht zwischen dem Menschen und dem Rest der Natur zerstört und somit die langfristigen Grundlagen der Gesellschaft untergraben.

Zu diesen Merkmalen der historischen Entwicklung des Kapitalismus müssen wir noch die sich häufenden Auswirkungen eines allgemeineren Phänomens beim Aufstieg der Menschheit im Rahmen von Klassengesellschaften hinzufügen. Dies ist die Ungleichmäßigkeit bei der Entwicklung der verschiedenen Kapazitäten der Menschheit; im Besonderen die Kluft zwischen der moralischen und der gesellschaftlichen sowie technologischen Entwicklung. 

„Die Naturwissenschaften werden richtigerweise als das Gebiet betrachtet, auf dem das menschliche Denken seine logischen Formen in einer kontinuierlichen Serie von Triumphen am mächtigsten entwickelt hat (...) Umgekehrt steht als Gegenbeweis auf der anderen Seite das große Gebiet der menschlichen Handlungsweisen und Beziehungen, in denen der Gebrauch von Werkzeugen keine unmittelbare Rolle spielt und die nur undeutlich und als zutiefst unbekannte und unsichtbare Phänomene wirken. Dort sind Gedanke und Tat meistens von Leidenschaft und Trieben bestimmt, von Willkür und Verschwendung, von Tradition und Glaube; dort führt keine methodische Logik zu der Gewissheit von Wissen (...) Der Gegensatz, der hier zwischen der Perfektion einerseits und der Unvollkommenheit andererseits auftritt, bedeutet, dass der Mensch die Naturkräfte beherrscht oder dabei ist, dies mit noch größeren Maßnahmen zu erreichen, jedoch nicht in der Lage ist, die Kräfte des Willens und der Leidenschaften, die in ihm sind, zu kontrollieren. Wo er auf der Stelle tritt, vielleicht sogar zurückgefallen ist, das ist der offensichtliche Mangel an Kontrolle über seine eigene ‚Natur‘ (Tilney). Daher hinkt offensichtlich die Gesellschaft so weit hinter den Wissenschaften hinterher. Der Mensch hat das Potenzial, die Natur zu beherrschen. Doch er besitzt keine Herrschaft über seine eigene Natur.“ [4]

 

Warum die Idee von der „proletarischen Moral“ nach 1968 so verdächtig erschien

Nach 1968 war die Elementarkraft des Arbeiterkampfes ein mächtiges Gegengewicht zum wachsenden Skeptizismus der kapitalistischen Gesellschaft. Gleichzeitig führte eine unzureichende Assimilierung des Marxismus zu der allgemeinen Behauptung innerhalb der neuen Generation von Revolutionären, dass es innerhalb der sozialistischen Gesellschaft keinen Platz für Moral oder ethische Fragen gibt.

Diese Haltung war an erster Stelle das Produkt des Bruchs in der organischen Kontinuität, der von der Konterrevolution verursacht wurde, welche der revolutionären Welle von 1917–23 gefolgt war. Bis dahin wurden die ethischen Werte der Arbeiterbewegung stets von einer Generation zur nächsten weitergereicht. Die Assimilierung dieser Werte war also von der Tatsache begünstigt, dass sie Teil einer lebendigen, kollektiven, organisierten Praxis war. Die Konterrevolution löschte zu einem großen Teil die Kenntnis von diesen Errungenschaften aus, so wie sie die revolutionären Minderheiten fast vollständig eliminierte, die diese verkörperten.

Darüber hinaus pervertierte der Stalinismus als politisches Produkt der Konterrevolution in Reinkultur diese Lehren, indem er das Vokabular der Arbeiterbewegung beibehielt und gleichzeitig den Auffassungen eine neue, bürgerliche Bedeutung verlieh. So wie er den Begriff Kommunismus diskreditierte, indem er diesen Titel der staatskapitalistischen Konterrevolution in den UdSSR verlieh, so erklärte er die Besetzung der Tschechoslowakei 1968 zu einem Ausdruck des „proletarischen Internationalismus“, so stellte er die schändliche Praxis der Einschüchterung, Denunzierung und Terrorisierung von Proletariern – die staatliche „Ethik“ des dekadenten kapitalistischen Totalitarismus – als das A und O der „proletarischen Moral“ dar.

Dies verstärkte umgekehrt den Eindruck, dass Moral an sich eine reaktionäre, der herrschenden, ausbeutenden Klasse innewohnende Angelegenheit ist. Und natürlich ist es richtig, dass in der gesamten Geschichte der Klassengesellschaften die herrschende Moral stets die Moral der herrschenden Klasse gewesen war. Dies ist insoweit richtig, als die Moral und der Staat, aber auch Moral und Religion stets synonym in der öffentlichen Meinung waren. Die moralischen Gefühle der Gesellschaft im Ganzen sind stets von den Ausbeutern, durch Staat und Religion, benutzt worden, um den herrschenden Zustand heilig zu sprechen und für ewig zu erklären. Und in der Realität bestand die Hauptrolle, die die Moral in dieser Geschichtsepoche gespielt hat, faktisch darin, den Status quo zu erhalten, die ausgebeuteten Klassen dazu zu bringen, sich in ihrer Unterdrückung zu ergeben.

Die Attitüde des Moralisierens, mit der die herrschende Klasse stets danach getrachtet hat, den Widerstand der arbeitenden Klassen durch die Einflößung eines Schuldbewusstseins zu brechen, ist eine der großen Geißeln der Menschheit. Sie ist auch eine der subtilsten und effektivsten Waffen zur Absicherung der Klassenherrschaft.

Der Marxismus hat immer die Moral der herrschenden Klassen bekämpft, so wie er das philisterhafte Moralisieren des Kleinbürgertums bekämpft hat. Entgegen der Heuchelei der Moralapostel des Kapitalismus hat der Marxismus immer und besonders darauf bestanden, dass die Kritik der politischen Ökonomie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, nicht auf einem ethischen Urteil beruhen müsse.

Ungeachtet all dessen ist seine Pervertierung durch die Hände des Stalinismus kein Grund, das Konzept der proletarischen Moral beiseitezulegen, so wie sie denn auch keine Rechtfertigung dafür ist, dem Konzept des Kommunismus den Rücken zuzukehren. Der Marxismus hat gezeigt, dass die moralische Geschichte der Menschheit nicht nur die Geschichte der Moral der herrschenden Klasse ist. Er hat vorgeführt, dass ausgebeutete Klassen eigene ethische Werte besitzen und dass diese Werte eine revolutionäre Rolle im Fortschreiten der Menschheit spielten. Er hat bewiesen, dass Moral weder mit der Funktion der Ausbeutung noch mit dem Staat oder mit der Religion identisch ist und dass die Zukunft – wenn es denn eine Zukunft geben sollte – einer Moral jenseits von Ausbeutung, Staat und Religion gehört.

„... Menschen (werden) sich nach und nach gewöhnen (...), die elementaren, von alters her bekannten und seit Jahrtausenden in allen Vorschriften gepredigten Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens einzuhalten, sie ohne Gewalt, ohne Zwang, ohne Unterordnung, ohne den besonderen Zwangsapparat, der sich Staat nennt, einzuhalten“[5].

Der Marxismus hat enthüllt, dass das Proletariat genau dazu berufen ist, die Moral und somit die Menschheit von der Geißel des Schuldbewusstseins und dem Durst nach Rache und Bestrafung zu befreien zu helfen.

Darüber hinaus war der Marxismus durch die Verbannung des kleinbürgerlichen Moralisierens aus der Kritik der politischen Ökonomie in der Lage, die Rolle der moralischen Faktoren im proletarischen Klassenkampf wissenschaftlich aufzuzeigen. So deckte er beispielsweise auf, dass die Bestimmung des Wertes der Arbeitskraft – im Gegensatz zu jeder anderen Ware – ein moralisches Element enthält: den Mut, die Entschlossenheit, Solidarität und Selbstachtung der Arbeiter.

Der Widerstand gegen das Konzept der proletarischen Moral drückt auch das Gewicht der kleinbürgerlichen und demokratischen Ideologie aus – die Abscheu vor Verhaltensregeln, vor jederlei Prinzip, vor so vielen Fesseln der individuellen „Freiheit“. Diese Schwäche betonte die Unreife dieser Generation gerade in den Fragen des menschlichen und organisatorischen Verhaltens und ihr Scheitern, von neuem eine starke Tradition der proletarischen Solidarität zu entwickeln.

Das Wesen der Moral

Die Moral ist ein unverzichtbarer Verhaltensführer in der Welt der menschlichen Kultur. Sie identifiziert die Prinzipien und Regeln, die das Zusammenleben der Gesellschaftsmitglieder moderieren. Solidarität, Sensibilität, Großzügigkeit, Unterstützung der Bedürftigen, Ehrlichkeit, Freundlichkeit und Höflichkeit, Bescheidenheit, Solidarität zwischen den Generationen – all dies sind Schätze, die zum Erbe der Menschheit gehören. Sie sind Qualitäten, ohne die eine Gesellschaft unmöglich ist. Daher haben die Menschen stets Werte anerkannt, so wie umgekehrt Gleichgültigkeit gegenüber den anderen, Brutalität, Gier, Neid, Arroganz und Eitelkeit, Unehrlichkeit und Untreue stets Ablehnung und Abscheu provoziert haben.

Als solche erfüllt die Moral die Funktion, im Interesse der Aufrechterhaltung der Gemeinschaft die sozialen gegenüber den antisozialen Impulsen zu begünstigen. Sie kanalisiert die psychische Energie im Interesse der Gesamtheit. Die Art und Weise, wie diese Energie kanalisiert wird, variiert entsprechend der Produktionsweise, der gesellschaftlichen Konstellationen, etc. Die Tatsache der Einspannung dieser Kräfte ist so alt wie die Gesellschaft selbst.

Innerhalb der Gesellschaft kristallisieren sich infolge einer ständigen Wiederholung von charakteristischen Situationen auf der Grundlage der lebendigen Erfahrung Verhaltensnormen und -maßstäbe, die der gegebenen Lebensweise entsprechen. Dieser Prozess ist Teil dessen, was Marx im Kapital die relative Emanzipation von Willkür und bloßem Schicksal durch die Etablierung einer Ordnung nannte.

Die Moral hat einen imperativen Charakter. Sie ist eine Aneignung der sozialen Welt durch eine Einteilung in „gut“ und „böse“, in akzeptabel und nicht-akzeptabel. Diese Form, sich der Realität anzunähern, instrumentalisiert bestimmte psychische Mechanismen, wie das Gewissen und das Verantwortungsgefühl. Diese Mechanismen beeinflussen Entscheidungen und allgemeines Verhalten, ja bestimmen sie häufig. Die moralischen Forderungen enthalten eine Kenntnisnahme der Gesellschaft – eine Kenntnis, die auf emotionaler Ebene absorbiert und assimiliert worden war. Wie alle Mittel der Aneignung und Umwandlung der Realität hat sie einen kollektiven Charakter. Via Einbildung, Intuition und Beurteilung erlaubt sie dem Subjekt, die geistige und emotionale Welt anderer Menschen zu betreten. Sie ist also eine Quelle menschlicher Solidarität und ein Mittel gegenseitiger spiritueller Bereicherung und Entwicklung. Sie kann sich nicht ohne soziale Interaktion entfalten, ohne die Weiterreichung der Errungenschaften und Erfahrungen unter den Mitgliedern der Gesellschaft, von der Gesellschaft zum Einzelnen und von einer Generation zur nächsten.

Eine Besonderheit der Moral besteht darin, dass sie die Realität an dem misst, wie sie sein sollte. Ihr Vorgehen ist eher teleologisch denn kausal. Der Zusammenstoß zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte,  ist kennzeichnend für die moralische Handlungsweise und macht sie zu einem aktiven und wichtigen Faktor.

Der Marxismus hat nie die Notwendigkeit oder die Bedeutung des Beitrags nicht-theoretischer und nicht-wissenschaftlicher Faktoren beim Aufstieg der Menschheit geleugnet. Im Gegenteil, er hat immer ihre Notwendigkeit und gar ihre relative Unabhängigkeit begriffen. Daher war er in der Lage, ihre gegenseitigen Verbindungen in der Geschichte zu untersuchen und ihre gegenseitige Ergänzung zu erkennen.

In Urgesellschaften, aber auch unter dem Klassenrecht entwickelt sich die Moral auf spontane Weise. Verhaltensweisen und ihre Einschätzung existierten schon lange vor der Entwicklung der Fähigkeit, moralische Werte zu kodifizieren oder über sie nachzudenken. Jede Gesellschaft, jede Klasse oder gesellschaftliche Gruppe (selbst jeder Beruf, wie Engels betonte) und jedes Individuum besitzt ein eigenes Verhaltensmuster. Wie Hegel anmerkte, ist eine Reihe von Handlungen durch ein Subjekt das Subjekt selbst.

Die Moral ist mehr als eine Summe von Verhaltensregeln und Gebräuchen. Sie ist ein wesentlicher Teil der Färbung der menschlichen Beziehungen in einer gegebenen Gesellschaft. Sie reflektiert, wie die Menschen sich selbst sehen und wie sie zu einem Verständnis untereinander gelangen, und ist gleichzeitig treibender Faktor in diesem Prozess.

Moralische Einschätzungen sind nicht nur als Antwort auf tägliche Probleme notwendig, sondern auch als Bestandteil einer planvollen Handlungsweise, die sich bewusst auf ein Ziel richtet. Sie leiten nicht nur individuelle Entscheidungen, sondern auch die Orientierung eines ganzen Lebens oder einer ganzen historischen Epoche.

Obgleich das Intuitive, das Instinktive und das Unbewusste wesentliche Aspekte in der moralischen Welt sind, wächst mit dem Aufstieg der Menschheit auch die Rolle des Bewusstseins in dieser Sphäre. Moralische Fragen berührten die eigentlichen Tiefen der menschlichen Existenz. Eine moralische Ausrichtung ist das Produkt von gesellschaftlichen Bedürfnissen, aber auch der Denkweise einer gegebenen Gesellschaft oder Gruppe. Sie erfordert eine Beurteilung des Wertes des menschlichen Lebens, des Verhältnisses des Individuums zur Gesellschaft, eine Definition des eigenen Platzes in der Welt, der eigenen Verantwortlichkeiten und Ideale. Doch hier findet die Beurteilung nicht so sehr in wechselseitiger Weise statt, sondern in der Form von Verhaltensfragen. Die ethische Ausrichtung leistet somit ihren spezifischen – praktischen, einschätzbaren, imperativen – Beitrag, dem menschlichen Leben eine Bedeutung zu verleihen. Die Ausbreitung des Universums ist ein Prozess, der sich fern und unabhängig von jeglichen Zielen und objektiven „Bedeutungen“ abspielt. Doch die Menschheit ist jener Teil der Natur, der sich selbst Ziele setzt und für ihre Verwirklichung kämpft.

In seinem Werk Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates legt Engels die Wurzeln der Moral in den sozioökonomischen Verhältnissen und den Klasseninteressen bloß. Doch er weist auch auf ihre regulierende Rolle nicht nur bei der Reproduktion der existierenden gesellschaftlichen Strukturen, sondern auch beim Aufkommen neuer Verhältnisse hin. Die Moral kann den historischen Fortschritt entweder behindern oder beschleunigen. Sie reflektiert häufig früher als die Philosophie oder die Wissenschaft verborgene Veränderungen unter der Oberfläche der Gesellschaft.

Der Klassencharakter einer gegebenen Moral sollte uns nicht blind gegenüber der Tatsache machen, dass jedes Moralsystem allgemeine menschliche Elemente enthält, die zum Schutz der Gesellschaft  auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung beitragen. Wie Engels im Antidühring hervorhebt, enthält die proletarische Moral weitaus mehr Elemente der allgemeinen menschlichen Werte, da sie die Zukunft gegen die Moral der Bourgeoisie repräsentiert. Engels beharrt auf der Existenz eines moralischen Fortschritts in der Geschichte. Durch die Bemühungen, Generation für Generation die menschliche Existenz besser zu meistern, und durch die Kämpfe der historischen Klassen ist der Reichtum der moralischen Erfahrungen der Gesellschaft stetig angewachsen. Obwohl der ethische Fortschritt des Menschen alles andere als linear verläuft, kann er an der Notwendigkeit und Möglichkeit abgelesen werden, immer komplexere menschliche Probleme zu lösen. Dies enthüllt das Potenzial für eine wachsende Bereicherung der inneren und gesellschaftlichen Welt der Persönlichkeit, die, wie Trotzki betonte, einer der wichtigsten Maßstäbe für den Fortschritt ist.

Ein anderes fundamentales Kennzeichen auf dem moralischen Gebiet ist, dass ihre Existenz, auch wenn sie das Bedürfnis der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit ausdrückt, nicht vom eigentlichen persönlichen und intimen Leben des Individuums, von der inneren Welt des Gewissens und der Persönlichkeit zu trennen ist. Jedes Vorgehen, das den subjektiven Faktor unterschätzt, bleibt notgedrungen abstrakt und passiv. Es ist die intime und tiefe Identifizierung der Persönlichkeit mit moralischen Werten, die nebst anderen den Menschen vom Tier unterscheidet und ihm eine gesellschaftliche, wandlungsfähige Macht verleiht. Hier wird das, was gesellschaftlich notwendig ist, zur inneren Stimme des Gewissens und verbindet die Gefühle mit dem Strom des gesellschaftlichen Fortschritts. Seine moralische Reifung rüstet das Subjekt gegen Vorurteile und Fanatismus, steigert seine Fähigkeiten, bewusst und kreativ gegenüber ethischen Konflikten zu reagieren und moralische Verantwortung zu übernehmen.

Es ist ebenfalls notwendig zu unterstreichen, dass, obwohl die Moral ihre biologische Grundlage in den sozialen Instinkten hat, ihre Entwicklung nicht von der menschlichen Kultur zu trennen ist. Der Aufstieg der Menschheit hängt nicht nur von der Entwicklung des Denkens ab, sondern auch von der Erziehung und der Veredelung der Gefühle. Tolstoi hatte also Recht, als er die Rolle der Kunst beim menschlichen Fortschritt im breitesten Sinne in eine Reihe mit den Wissenschaften stellte.

„So wie dank der menschlichen Fähigkeit, durch Worte ausgedrückte Gedanken zu verstehen, jeder Mensch all das erfahren kann, was auf dem Gebiet des Denkens die gesamte Menschheit für ihn geleistet hat (...) ganz genauso wird ihm dank der menschlichen Fähigkeit, vermittels der Kunst mit den Gefühlen anderer Menschen angesteckt zu werden, auf dem Gebiet des Gefühls all das zugänglich, was die Menschheit vor ihm erlebt hat, werden ihm die Gefühle zugänglich, die seine Zeitgenossen empfinden, die andere Menschen vor Jahrtausenden empfunden haben, und wird es ihm möglich, seine eigenen Gefühle anderen mitzuteilen. Besäßen die Menschen nicht die Fähigkeit, alle durch Worte übermittelten Gedanken aufzunehmen, die von früher lebenden Menschen gedacht worden sind, und anderen ihre eigenen Gedanken mitzuteilen, die Menschen glichen wilden Tieren oder einem Kaspar Hauser. Gäbe es nicht die andere menschliche Fähigkeit, sich mit der Kunst anstecken zu lassen, die Menschen wären gewiss in noch größerem Maße Wilde und vor allem noch weit mehr voneinander geschieden und einander feindlich.“ [6]

 


[1] Um eine Ahnung von dem Verhalten der IFIKS-Elemente zu bekommen, siehe unsere Artikel „Morddrohungen gegen IKS-Mitglieder“, „Informanten aus den öffentlichen Veranstaltungen der IKS verbannt“, „Die Polizeimethoden der IFIKS“ (Révolution Internationale Nr. 354, 338 und 330) sowie „Außerordentliche Konferenz der IKS: Der Kampf für die Verteidigung organisatorischer Prinzipien“ in International Review Nr. 110 (franz., engl. und span. Ausgabe) und „Bilanz des 16. Kongresses der IKS: Sich auf den Klassenkampf und das Auftauchen neuer kommunistischer Kräfte vorbereiten“ in Internationale Revue Nr. 36 (deutschsprachige Ausgabe).

 

[2] Diese Sichtweise wird in dem Text „Die Frage des organisatorischen Funktionierens in der IKS“ entwickelt, der in der Internationalen Revue Nr. 30 veröffentlicht wurde.

 

[3] Josef Dietzgen: Die Religion der Sozialdemokratie – Kanzelreden, 1870.

[4] Anton Pannekoek, Anthropogenesis: A study of the origin of man, 1953, S. 101, 103 (eigene Übersetzung aus dem Englischen).

[5] Lenin, Staat und Revolution, 1917.

[6] Tolstoi, Was ist Kunst?, 1897, Kap. 5. In einem Artikel, der über dieses Essay in der Neuen Zeit veröffentlicht wurde, erklärte Rosa Luxemburg, dass Tolstoi bei der Formulierung dieses Standpunktes sich viel mehr als Sozialist und historischer Materialist erwiesen habe als das meiste, was in der Parteipresse darüber erschienen sei.