Heinrich Heine: Die Revolution und die Partei der Nachtigallen

Anlässlich seines hundertfünfzigsten Todestages wurde im Verlauf des Jahres 2006 Heinrich Heine als großer Dichter der deutschen Romantik gefeiert. Heine: Ist das nicht der Schöpfer des Loreleyliedes, das so volkstümlich klingt, dass auch die Nationalsozialisten nicht darauf verzichten wollten? Die Romantik: War das nicht eine Flucht vor der Realität in die Vergangenheit, in die Religion bzw. in die Welt der Märchen und Mythen? Und wenn ja, was hat eine revolutionäre marxistische Zeitschrift von heute mit Heine zu schaffen?Ja, Heine schrieb das Loreleylied. Die Nazis sangen es. Sie setzten darunter: Autor unbekannt.

Ja, Heine war der große Dichter der deutschen Romantik. Ja, die Stimmung dieser Zeit war reaktionär und rückwärtsgewandt. Das Mittelalter, der Adel und die katholische Kirche wurden verherrlicht. Am Rhein und anderswo wurden Burgruinen wiederaufgebaut und brachliegende gotische Kathedralen wie in Köln vollendet. Alte Mythen und Volksmärchen wurden wiederentdeckt. Aber Heine war ein Revolutionär. Er war es zum Teil in der Politik. Er war es in seiner Kunst ganz und gar. So sehr, dass das revolutionäre Proletariat Heine einiges zu verdanken hat, und von ihm heute noch viel lernen kann. Wie passt das zusammen?

Heine und die französische Revolution

Es ist kein Fehler, die Romantik, zumal in Deutschland, als feudale Reaktion auf die große bürgerliche Revolution in Frankreich und auf die von England ausgehende industrielle Revolution zu betrachten. Die Romanik blühte besonders auf, nachdem die revolutionären Armeen Napoleons durch eine mit englischem Geld ausgestattete europaweite adlige Koalition niedergerungen wurden. Aber nicht nur die feudale Welt war erschrocken angesichts des Einbruchs der kapitalistischen Moderne. Viele der aufrichtigsten mitfühlenden Menschen und tiefsten Denker der Epoche waren besorgt und empört – nicht wegen des wirtschaftlichen Fortschritts, sondern angesichts der sich abzeichnenden Verrohung der Gesellschaft. Sie waren nicht gegen die französische Revolution, sondern enttäuscht über deren Ergebnisse. So kam es, dass viele der damaligen Künstler, obschon durch den vorherrschenden Zeitgeist mitgeprägt, eine revolutionäre Seite der romantischen Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus zu entwickeln begannen. Wie kaum ein anderer Dichter dieser Zeit verkörperte Heine diese revolutionäre Seite der Romantik.

In Düsseldorf geboren, war er ein typischer Vertreter des damaligen Rheinlandes. Hier lag der Teil Deutschlands, wo die Leibeigenschaft und das ganze mittelalterliche Gerümpel am radikalsten durch die französische Revolution abgeschafft und entsorgt wurden. So sehr, dass der deutsche Adel auch dann nicht wagte, sie wiedereinzuführen, als das Rheinland nach der Niederlage Napoleons an Preußen fiel. Das hatte zur Folge, dass Heine sein Leben lang ein erbitterter Feind des Feudalismus und ein glühender Verehrer Napoleons blieb. Aufgrund dessen wurde er in Deutschland unerbittlich verfolgt und ins Exil vertrieben. Die Reaktion verbot nicht nur seine sämtlichen Werke, sondern vorauseilend auch alle, die er künftig noch schreiben würde! Heine war als Jude besonders empfänglich für die Auswirkungen der französischen Revolution im Rheinland. Denn es war die Revolution, welche die Gleichstellung der Juden mit sich brachte, während die feudale Reaktion nach der Niederlage Napoleons alles tat, um diese Fortschritte wieder rückgängig bzw. sozial unwirksam zu machen.

Das Erlebnis der Einführung des gesellschaftlichen Fortschritts aus dem Ausland machte aus Heine einen Internationalisten. So soll er als Erster den Begriff der Weltrevolution geprägt haben. Wie andere Geistesgrößen Deutschlands vor ihm auch, wurde er durch die französische Revolution ebenso wie durch das Studium der Geistesgeschichte des Auslandes gelehrt, dass der gesellschaftliche Fortschritt grenzübergreifend ist. So trat er an gegen die „schäbige, plumpe, ungewaschene Opposition gegen eine Gesinnung, die eben das Herrlichste und Heiligste ist, was Deutschland hervorgebracht hat, nämlich gegen jene Humanität, gegen jene allgemeine Menschenverbrüderung, gegen jenen Kosmopolitismus, dem unsere großen Geister, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, Jean Paul, dem alle Gebildeten in Deutschland immer gehuldigt haben.1

Heine hatte verstanden, dass der Fortschritt der Menschheit zum bedeutenden Teil von der Fähigkeit abhängen würde, eine höhere Synthese der besten Errungenschaften der Kulturen aller Völker zu erstellen. Er selbst – der als politischer Flüchtling in Paris Zuflucht fand - sah eine seiner wichtigsten Lebensaufgaben darin, an einer solchen Synthese des Denkens und Schöpfens zwischen Deutschland und Frankreich mitzuarbeiten. Diese Leistung Heines machte ihn nicht nur damals bei den herrschenden Klassen in Deutschland in zweifacher Hinsicht besonders verhasst. Zum einem, weil Frankreich während eines weiteren Jahrhunderts Erzfeind der deutschen Bourgeoisie bleiben sollte (heute fällt es natürlich einfacher, Heine zu „ehren“, da die deutsche Bourgeoisie ein Bündnis sucht). Zum anderen, weil er damit einen Faden aufnahm, der zum Marxismus führte. Wie beispielsweise Lenin in einem am Vorabend des Ersten Weltkrieges geschriebenen Artikel später darlegte, waren die wichtigsten vorproletarischen „Quellen“ des Marxismus auch schon international. „Die Geschichte der Philosophie und die Geschichte der Sozialwissenschaft zeigen mit aller Deutlichkeit, dass der Marxismus nichts enthält, was einem ‚Sektierertum‘ im Sinne irgendeiner abgekapselten, verknöcherten Lehre ähnlich wäre, die abseits von der Heerstraße der Entwicklung der Weltzivilisation entstanden ist. Im Gegenteil: Die ganze Genialität Marx´ besteht darin, dass er auf die Fragen Antwort gegeben hat, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte. Seine Lehre entstand als direkte und unmittelbare Fortsetzung der Lehren der größten Vertreter der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus“.2

Heine, die Volkskunst und die moderne Zerrissenheit

Auch Heines Interesse an den Märchen und Sagen der Völker entsprang keineswegs dem Wunsch, die Geschichte aufzuhalten oder gar zurückzudrehen. Vielmehr ließ er sich von diesen Quellen inspirieren, um einen neuen, damals unerhört lyrischen Rhythmus und eine neue Sprache zu entwickeln. Heine war als großer Dichter nicht nur ungemein sensibel gegenüber den geistigen Strömungen seiner Zeit. Als philosophisch gebildeter, an der Dialektik Hegels geschulter Künstler wusste er sehr genau, in welcher geschichtlichen Epoche er lebte. So erkannte er, wie die bürgerliche Epoche immer mehr die Künstler von der Gesellschaft isoliert und wie die Kunst für das Volk immer unverständlicher wird. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist einerseits die Entstehung einer kapitalistischen Massenkultur als Ausdruck der Barbarei und der Verdummung der Arbeiterklasse. Andererseits werden die Kunst und die Kultur wie selbstverständlich nur noch als das Produkt von Spezialisten betrachtet, an dem die arbeitende Bevölkerung keinen Anteil mehr hat.

Es wäre falsch, die Beschäftigung mit der Volkskunst in der Zeit der Romantik ausschließlich als Ausdruck einer reaktionären Nostalgie zu betrachten. Wie später Tolstoi oder der englische Marxist William Morris war Heine davon überzeugt, dass zum schöpferischen Erbe der Menschheit nicht nur die Werke der großen Baumeister, Maler oder Schriftsteller gehörten, sondern ebenfalls das Volkslied, das populäre Märchen und die Sagen oder etwa die Fachwerkhäuser und Schnitzereien der mittelalterlichen Handwerker. Das Zeitalter der Romantik war eine der letzten Epochen, wo die bedeutendsten Künstler sich noch von der lebendigen Kunst der arbeitenden Bevölkerung inspirieren lassen konnten. So haben die Gebrüder Grimm die Volksmärchen Deutschlands für die Menschheit aufgeschrieben und gerettet; Beethoven, Dvorak und Liszt die Melodien, Tänze und Rhythmen der Volksmusik aufgegriffen und weiterentwickelt usw.

Tatsächlich schöpft das ganze Werk Heines von dieser Tradition. Nicht nur seine Gedichte und Erzählungen, selbst die philosophischen, geschichtlichen und kunsthistorischen Stücke haben etwas Ursprüngliches, Überraschendes und auch Märchenhaftes an sich. Wir haben bereits gesehen, wie die „traditionelle“ Bourgeoisie, auch wenn sie neuerdings vorgibt, Heine zu huldigen, sie allein schon wegen seines Internationalismus unüberwindliche Probleme mit Heines Werk hat. Dies gilt nicht minder für die stalinistische Bourgeoisie, auch wenn diese als angebliche Marxisten – wohl wissend, dass Marx Heine und seine Dichtung liebte – diesen Dichter immer offiziell „gefeiert“ hat. Jedoch passte Heine nie zum offiziellen Kanon des Stalinismus, demzufolge nur die „realistische“ Kunst auch „progressiv“ ist. Der „Materialismus“ der Stalinisten ist artverwandt mit dem bürgerlichen Materialismus Englands nach Bacon, von dem Engels und Marx in der Heiligen Familie“ schreiben „Die Sinnlichkeit verliert ihre Blume“ und „Der Materialismus wird menschenfeindlich.“ 3

Da das Wesen des Stalinismus aus einer Lebenslüge bestand, den nationalen, staatlich totalitären Kapitalismus als Sozialismus auszugeben, kann er unmöglich der fantastische, aber wahrheitsgetreue Realismus Heines begreifen. Dieser Realismus bohrte tiefer, als der bürgerliche Vulgärmaterialismus jemals zu bohren gewagt hätte. Heine war einer der Ersten, der die psychologischen Wahrheiten des Unterbewusstseins an der Oberfläche beförderte. Dabei schöpfte er von der Weisheit der alten Erzählungen. Damit schlug er einen Weg bei der Erforschung der menschlichen Psyche ein, der nach ihm von den großen realistischen Schriftstellern wie George Eliot in England, Dostojewski und Tolstoi in Russland, aber auch der „dekadente“ Kafka weiter geführt wurde. Und Freud erkannte in Heine einer der Wegbereiter der Psychoanalyse. Somit war Heine nicht nur Dichter der Romantik, sondern zugleich deren Überwinder. Bekannt sind die vielen Stellen, wo er die romantische Pose ironisiert, z.B.:

Das Fräulein stand am Meere

Und seufzte lang und bang,

Es rührte so sehre

Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! Sein Sie munter,

Das ist ein altes Stück;

Hier vorne geht sie unter

Und kehrt von hinten zurück.“

Heine setzte aber die lyrische Romantik ebenso wie seinen schneidenden Humor vor allem als eine Waffe ein, um uns zu entwaffnen, wenn er uns unerwartet mit der Wahrheit überfällt. Heine war einer dieser in der bisherige Geschichte seltenen Geister, welche möglichst ohne Illusionen leben wollen. Bereits vor Marx bewies Heine Mut zur historischen Wahrheit. Beispielhaft, wie er das tragische Schicksal Münzers schildert, der während der Reformation die irdische Gleichheit der Menschen zu einem Zeitpunkt einforderte, wo sie noch nicht realisierbar war. „Ein solcher Vorschlag war freilich damals noch unzeitgemäß, und Meister Himmling, der dir dein Kopf abschlug, armer Thomas Münzer, er war in gewisser Hinsicht wohl berechtigt zu solchem Verfahren: denn er hatte das Schwert in Händen, und sein Arm war stark!“ 4 

Heine fühlte nicht nur in sich die wachsende Zerrissenheit und das Leiden des Künstlers in der bürgerliche Gesellschaft – er erkannte es auch analytisch.„Ach, teuerer Leser, wenn du über jene Zerrissenheit klagen willst, so klage lieber, dass die Welt selbst mitten entzweigerissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so musste es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen werden. Wer von seinem Herzen rühmt, es sei ganz geblieben, der gesteht nur, dass er ein prosaisches, weitabgelegenes Winkelherz hat.“5 

Dieser Zerrissenheit macht den Künstler oft unberechenbar und schwer verständlich. Während die aufkeimende marxistische Arbeiterbewegung dann auch im Umgang mit Heine Schwierigkeiten hatte – Wilhelm Liebknecht und sogar der junge Engels hielten anfangs nicht viel von Heine, bis Marx sie vom Gegenteil überzeugte –, verstand Marx dieses Problem sehr gut. Später sollte die Marx-Tochter Eleanor in der „Neuen Zeit“ dazu schreiben: „Marx war ein großer Verehrer Heines. Er liebte den Dichter ebenso sehr wie seine Werke und urteilte auf das Nachsichtigste über seine politischen Schwächen. Dichter, erklärte er, seien sonderbare Käuze, die man ihrer Wege wandeln lassen müsse. Man dürfte sie nicht mit dem Maßstab gewöhnlicher...Menschen messen.“

Heine und die künftige Gesellschaft

Eine von Heines bedeutendsten Leistungen war sein Beitrag zur Klärung der Natur einer künftigen sozialistischen Gesellschaft.

Nicht, dass Heine ein Marxist gewesen wäre. Er gehörte eigentlich noch der Generation vor Marx an, welche, enttäuscht durch die Ergebnisse und Schrecknisse der französischen bürgerlichen Revolution, sich vom Klassenkampf abwendete. Er war glühender Anhänger des utopischen Sozialismus von Saint-Simon. Die Überwindung der Klassengesellschaft erhoffte er sich von einem aufgeklärten Philanthropen, einem guten König oder einem der Rothschilds, nicht durch einer Massenerhebung. Die letzten Jahren seines Lebens, von der Welt weitgehend abgeschnitten, die Qualen einer furchtbaren Erkrankung in seiner „Matratzengruft“ erleidend, gelang es ihm trotz seiner tiefen Freundschaft zu Marx nicht mehr, die moderne Arbeiterbewegung und den wissenschaftlichen Sozialismus zu begreifen.

Den Auftritt der Massen in der Geschichte – die er selbst eher in der Gestalt des antisemitischen Mob kennengelernt hatte – fürchtete er eigentlich eher, als dass er ihn herbeisehnte. Dennoch antwortete er auf die reale Bewegung des Proletariats, wenn es in Erscheinung trat. So gegenüber dem Aufstand der Weber in Schlesien 1844.

Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:

Deutschland, wir weben dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch –

Wir weben, wir weben!

 

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten

In Winterskälte und Hungernöten;

Wir haben vergebens gehofft und geharrt,

Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt

Wir weben, wir weben!

 

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,

Den unser Elend nicht konnte erweichen,

Der den letzten Groschen von uns erpresst

Und uns wie Hunde erschießen lässt –

Wir weben, wir weben!

 

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,

Wo nur gedeihen Schmach und Schande,

Wo jede Blume früh geknickt,

Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –

Wir weben, wir weben!

 

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,

Wir weben emsig Tag und Nacht –

Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch,

Wir weben, wir weben!

Was das Ziel der klassenlose Gesellschaft betrifft, war der Sozialismus vor Marx im Wesentlichen ein utopischer Sozialismus. Als solches bildete das Christentum eine wesentliche Quelle des vormarxistischen Sozialismus. Dieser Sozialismus verstand noch nicht, dass erst der Kapitalismus durch die gewaltige Entwicklung der Produktivkräfte die Voraussetzungen für eine klassenlose Gesellschaft geschaffen hat. Der vormarxistische Sozialismus eines Babeufs oder Weitlings war somit im Wesentlichen kaum weniger sinnenfeindlich als die damaligen christlichen Sekten. Dieser konnte sich eine klassenlose Gesellschaft nur in der Form einer klosterartigen Nivellierung der Armut vorstellen, wo Kunst und Schönheit, Spiel und Freude, Liebe und Genuss als „bürgerlicher Luxus“ kaum noch Platz haben sollten – kurzum, eine Gesellschaft, welche die Proletarisierung und die Leiden des Proletariats idealisiert, anstatt sie zu überwinden.

Man möchte meinen, dass die damalige Auseinandersetzungen um diese Frage heute höchstens noch von geschichtlichen Interessen wären. Wenn nicht der Umstand wäre, dass heutzutage wieder dieses Bild des Sozialismus vorherrschend geworden ist – nicht mehr als Ideal, sondern als abschreckendes Beispiel! Mit dem Unterschied, dass heute dieser bürgerliche Kloster- oder genauer: Kasernensozialismus nicht mehr wie damals Ausdruck der Unreife der Bewegung ist, sondern das Ergebnis einer von Stalinismus geprägten Konterrevolution. Infolgedessen erscheint uns der Beitrag Heines in dieser Frage aktueller den je!

Heine setzte sich für eine Welt ein, wo Mensch und Natur, wo Wissenschaft und Kunst, das Geistige und das Sinnliche in Harmonie leben, wo die Beziehungen der Individuen zur eigenen inneren Welt und zur Außenwelt zu einer wirklichen Einheit zusammengefügt werden. So schrieb er in sein Gedicht „Deutschland: Ein Wintermärchen“:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,

O Freunde, will ich euch dichten!

Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten.

 

Wir wollen auf Erden glücklich sein

Und wollen nicht mehr darben;

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,

Was fleißige Hände erwarben.

 

Es wächst hienieden Brot genug

Für alle Menschenkinder,

Auch Rosen und Myrthen, Schönheit und Lust,

Und Zuckererbsen nicht minder.

 

Ja, Zuckererbsen für jedermann,

sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen

Den Engeln und den Spatzen.

 

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,

So wollen wir euch besuchen

Dort oben, und wir, wir essen mit euch

Die seligsten Torten und Kuchen.“

Mit feinem Gespür und einer an Hegel erprobten, den Marxismus vorwegnehmenden historischen Methode erkannte Heine, dass die Religion einen Teil ihrer Anziehungskraft aus der imaginäre Erfüllung einer Art von Sozialismus schöpft, aber gerade darum ein Fessel des historischen Fortschritts geworden ist. „Die bisherige spiritualistische Religion war heilsam und notwendig, solange der größte Teil der Menschheit in Elend lebte und sich mit der himmlischen Religion vertrösten musste. Seit aber durch die Fortschritte der Industrie und der Ökonomie es möglich geworden, die Menschen aus ihrem materiellen Elend herauszuziehen und auf Erden zu beseligen, seitdem – Sie verstehen mich. Und die Leute werden uns schon verstehen, wenn wir ihnen sagen, dass sie in der Folge alle Tage Rindfleisch statt Kartoffeln essen sollen, und weniger arbeiten und mehr tanzen werden.“ Für Heine erforderte die Kritik des asketischen Sozialismus somit die Kritik des Christentums. „Unsere Nachkommen werden schauern, wenn sie einst lesen, welch ein gespenstisches Dasein wir geführt, wie der Mensch in uns gespalten war und nur die eine Hälfte ein eigentliches Leben geführt. Unsere Zeit – und sie beginnt am Kreuze Christi – wird als eine große Krankheitsperiode der Menschheit betrachtet werden.“ 6 Heine führt diese Spaltung auf die Sinnenfeindlichkeit des Christentums zurück. „Hatten aber die Juden den Leib nur mit Geringschätzung betrachtet, so sind die Christen auf dieser Bahn noch weiter gegangen und betrachteten ihn als etwas verwerfliches, als etwas schlechtes, als das Übel selbst.“7 Ganz ähnlich wiesen in ihrer Schrift „Heilige Familie“ Marx und Engels darauf hin, wie die Strafe der Blendung einst diesen Wesenszug des Christentums, „die Trennung des Menschen von der sinnlichen Außenwelt“, 8 zum Ausdruck brachte.

Der Marxismus, der auch andere, tiefere Ursachen dieser Spaltung aufdeckt, wie etwa den Gegensatz zwischen Kopf- und Handarbeit, bestätigt dennoch diesen ausgeprägten Charakter des Christentums. „Indem also das Christentum das allgemein verbreitete Gefühl, dass die Menschen am allgemeinen Verderben selbst schuld seien, als Sündenbewusstsein jedes Einzelnen zum klaren Ausdruck brachte (...) bewährte es wieder seine Fähigkeit, Weltreligion zu werden.9 Heine spürt auch den Zusammenhang zwischen dem aufkommenden Geist-Körper-Zwist und der Entfremdung gegenüber der Natur auf. „Die Nachtigall sogar wurde

verleumdet, und man schlug ein Kreuz, wenn sie sang. Der wahre Christ spazierte mit ängstlich verschlossenen Sinnen, wie ein abstraktes Gespenst, in der blühenden Natur umher.“ Somit werden die Konturen der künftigen Revolution klarer. Er forderte „das Wohlsein der Materie, das materielle Glück der Völker, nicht weil wir gleich den Materialisten den Geist missachten, sondern weil wir wissen, dass die Göttlichkeit des Menschen sich auch in seiner leiblichen Erscheinung kundgibt..“ 10 Auch das Verhältnis zur Natur müsse von Grund auf umgewandelt werden.

In dem heutigen Deutschland haben sich die Umstände geändert, und die Partei der Blumen und der Nachtigallen ist eng verbunden mit der Revolution.“ (Ebenda).Oder wie Friedrich Engels trefflich formulierte:„Und so werden wir auf Schritt und Tritt daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und dass unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können. (...)Je mehr dies aber geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen, sondern auch wissen, und je unmöglicher wird jene widersinnige und widernatürliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem Verfall des klassischen Altertums in Europa aufgekommen und im Christentum ihre höchste Ausbildung erhalten hat.11

Heine und der Kommunismus

Der Dichter Heine fürchtete sich vor dem Kommunismus als Massenbewegung, weil er sie sich nicht anders vorstellen konnte als die Aufstände der marodierende Bauern und Handwerker der Reformationszeit, die die Kunstwerke zerschlugen. Dafür wurde er in einem Artikel in „Der Spiegel“ vom ehemaligen DDR-Dissidenten Wolf Biermann als Kronzeuge gegen den Kommunismus angeführt. So lohnt es sich, auf das Vorwort zur französischen Ausgabe der „Lutetia“ zu verweisen, welche Heine kurz vor seinen Tod in 1856 schrieb, worin er die „zwei Sätze“ aufführt, welche den Sieg des Kommunismus in seinen Augen rechtfertigen. Der erste Satz lautet, dass alle Menschen das Recht haben zu essen. „Werde sie zertrümmert, diese alte Welt, wo die Unschuld umkam, die Selbstsucht gedieh, wo der Mensch ausgehungert wurde durch den Menschen! Mögen sie von Grund bis zum Gipfel zerstört werden, diese übertünchten Gräber, in denen die Lüge und die Ungerechtigkeit hausten.“Der zweite Satz ist der Internationalismus. „Aus Hass gegen die Partisanen des Nationalismus könnte ich die Kommunisten fast lieben. Wenigstens sind es keine Heuchler, die nur das Christentum und die Religion auf den Lippen führen; die Kommunisten haben zwar keine Religion (kein Mensch ist vollkommen), die Kommunisten sind selbst Atheisten (was gewiss eine große Sünde ist), aber als Hauptdogma bekennen sie den absolutesten Kosmopolitismus, eine allgemeine Liebe für alle Völker, eine brüderliche Gütergemeinschaft zwischen allen Menschen, freien Bürgern dieses Erdballs.“

 

Elemer. Oktober 2006.

 

 

 

1 Heine: Die romantische Schule. Erstes Buch. Zitiert aus der Sammlung: Heinrich Heine: Beiträge zur deutschen Ideologie, S. 134.

2 Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus. Werke Bd. 19. S. 3.

3 MEW Band 2, S. 136. Heilige Familie (Kritische Schlacht gegen den französische Materialismus).

4 Heine: Ludwig Börne. Zweites Buch. Ebenda S. 293.

5 Heine: Reisebilder Lucca. Werke in 10 Bänden, Bd 3, S. 286.

6 Heine: Aus dem Memoiren des Herren von Schnabelewopski (Reclam S. 56/57).

7 Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Ebenda S. 51.

8 Marx-Engels-Werke Bd. 2, S. 189.

9 Engels: Bruno Bauer und das Urchristentum. MEW Bd. 19. S. 305.

10 Ebenda. Wo Heine hier „Materialisten“ schreibt, würden wir „mechanistische-„ oder „Vulgärmaterialisten“ schreiben.

11 Engels: Dialektik der Natur. MEW Bd. 20. S. 453.