Die Gewerkschaften gegen die Arbeiterklasse

Die Gewerkschaftsfrage gehört heute für die Arbeiterklasse, sobald sie sich für die Verteidigung ihrer Lebensbedingungen einsetzt, zu den Bedeutendsten. Sind die Gewerkschaften tatsächlich noch die Vertreter der Arbeiter, wie sie vorgeben? Sind sie, wenn auch schlechte, aber immerhin originäre Verteidiger der Ausgebeuteten, wie eine ganze Reihe von Organisationen, die sich als revolutionär bezeichnen (allen voran die Trotzkisten), behaupten? Oder sind sie vielleicht nicht doch Feinde der Arbeiterklasse?

 

 

Die Gewerkschaften gegen die Arbeiterklasse

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

1) Die Gewerkschaften gegen die Arbeiterklasse Einleitung (April 2000)

 

 

 

2) Einleitung (Zur Ausgabe von 1985)

 

 

 

3) Die Gewerkschaften gegen die Arbeiterklasse

 

 

Der Arbeiterkampf im aufsteigenden Kapitalismus

 

- Koalitionen und Gewerkschaften im 19. Jahrhundert Der Kampf um Reformen-

 

 

- Der revolutionäre Kampf

 

- Der Reformismus und die Zersetzung der Gewerkschaften

 

 

- Die Gewerkschaften im dekadenten Kapitalismus

 

- Die Dekadenz des Kapitalismus

 

 

- Die Integration der Gewerkschaften in den kapitalistischen Staat Die Unmöglichkeit von Reformen

 

- Die Entwicklung des staatlichen Totalitarismus

 

 

- Die Gewerkschaften: Staatspolizei in den Betrieben Der revolutionäre Syndikalismus

 

- Die Linke und die Gewerkschaften

 

 

- Haben die Gewerkschaften eine "Doppelfunktion"?

 

- Die Bürokratisierung der Gewerkschaften und die Illusionen über ihrer "Wiedereroberung"

 

 

- Inhalt und Form des Arbeiterkampfes im dekadenten Kapitalismus

 

- Der Inhalt

 

 

- Die Organisationsformen

 

- Während des Kampfes

 

 

- Außerhalb der Kampfperiode

 

- Warum all diese Misserfolge?

 

 

- Die Intervention der Revolutionäre

 

 

 

4) Der Kampf des Proletariats im aufsteigenden und im dekadenten Kapitalismus

 

Die Rolle der revolutionären Organisationen

 

 

 

 

 

 

Die Gewerkschaften gegen die Arbeiterklasse

 

 

EINLEITUNG (April 2000)

 

Die Gewerkschaftsfrage gehört heute für die Arbeiterklasse, sobald sie sich für die Verteidigung ihrer Lebensbedingungen einsetzt, zu den Bedeutendsten. Sind die Gewerkschaften tatsächlich noch die Vertreter der Arbeiter, wie sie vorgeben? Sind sie, wenn auch schlechte, aber immerhin originäre Verteidiger der Ausgebeuteten, wie eine ganze Reihe von Organisationen, die sich als revolutionär bezeichnen (allen voran die Trotzkisten), behaupten? Oder sind sie vielleicht nicht doch Feinde der Arbeiterklasse?

 

 

Der Titel unserer Broschüre bringt unsere Position zur Frage der Gewerkschaften unmissverständlich zum Ausdruck. Wir werden in dieser Einführung nicht alle Argumente anführen, die in den folgenden Texten umfassend erläutert werden. Obwohl diese Broschüre bereits 1974 erstmals veröffentlicht wurde, so bleiben die darin enthaltenen Analysen und Argumente auch heute absolut gültig. Wir beschränken uns hier auf ein Zitat aus unserer Plattform (Punkt 7) zur Gewerkschaftsfrage:

 

"Im 19. Jahrhundert, dem Zeitraum der größten Blüte des Kapitalismus, baute die Arbeiterklasse oft nur mittels erbitterter und permanenter Kämpfe ihre Berufsorganisationen auf, deren Rolle darin bestand, ihre ökonomischen Interessen zu verteidigen. Dies war die Aufgabe der Gewerkschaften. Diese Organisationen haben eine Hauptrolle im Kampf um Reformen und um die grundlegenden Verbesserungen der Lebensbedingungen der Arbeiter gespielt; diese Verbesserungen konnten damals vom System zugestanden werden. Die Gewerkschaften wurden ebenso zu einem Zentrum des Zusammenschlusses der Klasse, wo diese ihre Solidarität und ihr Bewusstsein entwickeln konnte. Deshalb konnten die Revolutionäre innerhalb der Gewerkschaften intervenieren, um aus ihnen die Schulen des Kommunismus' zu machen. Obgleich die Existenz dieser Organe auf eine untrennbare Weise mit der Lohnarbeit verbunden war, und obgleich damals schon stark bürokratisiert, waren die Gewerkschaften dennoch wirkliche Organe der Klasse, weil die Abschaffung der Lohnarbeit noch nicht auf der Tagesordnung der Geschichte stand.

 

 

Als der Kapitalismus in seine dekadente Phase eintrat, war er unfähig geworden, der Arbeiterklasse dauerhafte Reformen und Verbesserungen ihres Lebensstandards zuzugestehen. Nachdem sie nicht mehr in der Lage waren, ihre ursprüngliche Rolle der Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse zu erfüllen, und nachdem sie mit einer historischen Lage konfrontiert sind, in der nur die Abschaffung der Lohnarbeit und damit das Verschwinden der Gewerkschaften auf der Tagesordnung steht, sind die Gewerkschaften zu wirklichen Verteidigern des Kapitalismus, zu Vertretern des bürgerlichen Staats innerhalb der Arbeiterklasse geworden. Das wurde für sie zur einzigen Überlebenschance in diesem neuen Zeitraum der Dekadenz. Diese Entwicklung wurde begünstigt durch die Bürokratisierung der Gewerkschaften vor der Dekadenz und durch die unerbittliche Tendenz des Staats, alle Strukturen des sozialen Lebens in sich aufzusaugen."

 

Bezüglich der Argumente besonders von Seiten der bürgerlichen Linken, die noch heute an der "proletarischen" Natur der Gewerkschaften festhalten, und der Tatsache, dass Letztere im 19. Jahrhundert wichtige Errungenschaften des proletarischen Klassenkampfes waren, haben wir dieser wieder aufgelegten Broschüre den 1980 in der Internationalen Revue (Nummer 8 deutsche Ausgabe) erschienenen Artikel "Der Kampf des Proletariats im dekadenten Kapitalismus" beigefügt. Er erlaubt es, das zentrale Element unserer Argumentation zu vertiefen. Dieser Text stellt die Aussagen der 1974er Broschüre keineswegs in Frage. Die in der Broschüre zur Erläuterung unserer Position erwähnten Beispiele entsprachen sämtlich unserem damaligen Kenntnisstand. Wir könnten aber auch heute Dutzende von derlei Beispielen finden, die genauso überzeugend sind. Unter Berücksichtigung der Arbeit, die für eine Neuverfassung unserer Broschüre einschließlich der Aktualisierung der Beispiele sowie der Übersetzung des neuen Textes notwendig wäre, und in Anbetracht der Notwendigkeit, unsere Kräfte zu rationalisieren, denken wir, dass eine Wiederauflage jener Version, die wir vor 25 Jahren veröffentlicht hatten, richtig ist. Auch wenn Etliches in Vergessenheit geraten ist, so erlauben die aufgeführten Ereignisse und Beispiele dennoch, die feindliche Haltung, welche die Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten permanent gegenüber der Arbeiterklasse eingenommen haben, und ihre Methoden zur Aufrechterhaltung der bürgerlichen Ordnung deutlich zu machen. An einzelnen Stellen haben wir Beispiele, die im Originaltext von 1974 aufgeführt werden, mit kurzen Fußnoten ergänzt, da sie heute kaum noch präsent sind. Dem Text von 1974 geht überdies eine lange Einleitung voraus, die 1985 veröffentlicht wurde. Darin wird die Gültigkeit unserer Analyse auch nach den elf Jahren, die zwischen der Veröffentlichung beider Texte liegen, unterstrichen.

 

 

Es ist heute notwendig, die beiden Texte mit einigen kurzen Ergänzungen über die Entwicklung der Klassenkämpfe seit 1985 zu bereichern. Diese Ergänzungen betreffen einerseits die seither in verschiedenen Ländern aufgetauchte Erscheinung einer relativ neuen Gewerkschaftsform, der "Koordinationen", und andererseits den Rückschlag, den die Arbeiterklasse weltweit nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Regimes 1989 erleiden musste, die jahrzehntelang von der gesamten Bourgeoisie als "sozialistisch" dargestellt worden waren.

 

 

 

Die "Koordinationen" - eine neue Form von Basisgewerkschaften

 

 

 

Die vom Phänomen der Koordinationen am meisten betroffenen Länder waren Frankreich und Italien. Dies lässt sich mit der Diskreditierung der herkömmlichen Gewerkschaften in den Augen der Arbeiter beider Länder erklären (1). In Italien hatte sich dieser Gesichtsverlust bereits während der großen Streiks von 1969 (im sog. "heißen Herbst") klar abgezeichnet. In der darauf folgenden Zeit - die Kämpfe des italienischen Proletariats gehörten weltweit zu den wichtigsten der Arbeiterklasse - rief der intensive Einsatz der Gewerkschaften als Sabotagemittel durch die Bourgeoisie ein starkes Misstrauen in den Reihen der Arbeiter hervor. In Frankreich wurde das Misstrauen gegenüber den herkömmlichen Gewerkschaften durch die Beteiligung der Linken an der Regierung in den Jahren 1981-86 geweckt. Die Linke wurde von den Gewerkschaften unterstützt und zeichnete sich durch harte Angriffe gegen die Arbeiterklasse (vor allem durch massive Angriffe gegen die Stahl-, Automobil- und Werftarbeiter) aus. In Frankreich erreichte die Entwicklung der Koordinationen anläßlich des großen Eisenbahnerstreiks 1986 und der Streiks in den Krankenhäusern 1988 ihren Höhepunkt. In Italien entstanden diese Organe 1987 hauptsächlich im Transportbereich. Alle diese Organe waren inmitten von Klassenkämpfen entstanden und stützten sich auf die Vollversammlungen der streikenden Arbeiter, die sie angeblich "koordinierten". Sie wiesen aber dennoch typische Charakterzüge der klassischen Gewerkschaften auf: ihren permanenten Charakter und ihre berufsspezifische Einschränkung. Ein Aspekt in der arbeiterfeindlichen Arbeit der Koordinationen (die im Wesentlichen durch linke Gruppen und waschechte Gewerkschafter, die sich im passenden Moment ein neues Gewand anzogen, ins Leben gerufen wurden) bestand darin, den Arbeitern einzureden, dass die herkömmlichen Gewerkschaften nur deshalb nicht ihr Interesse vertreten, weil sie ganze Industriebranchen zusammenfassen. Mit der Bildung von Organen, die ihren Wirkungskreis auf den einzelnen Beruf beschränkten (z.B. gesonderte Gewerkschaften für Lokomotivführer, für Kontrolleure, für Krankenschwestern usw.) wurde den Arbeitern das Gefühl vermittelt, diese Organe besser kontrollieren zu können, und die Möglichkeit versprochen, ihre spezifischen Forderungen ohne Gefahr, dass diese in den Anliegen der anderen Berufe untergehen, einbringen zu können. Überdies war die feindselige Haltung, welche die Zentralen der klassischen Gewerkschaften gegenüber den Koordinationen einnahmen, ein vorzügliches Mittel, um sich selbst als eine "andere" Art von Organisation darzustellen, die die Interessen der Arbeiter wirklich vertritt. Tatsächlich waren die Koordinationen nichts anderes als eine besondere Form von Basisgewerkschaften, die wir bereits 1974 in unserer Broschüre (und besonders in der Einleitung von 1985) kritisiert hatten, mithin eine Variante der typischen Gewerkschaft, die bei der Sabotage der Arbeiterkämpfe die Stellung der klassischen Gewerkschaften einnahm, weil Letztere von der Kampfkraft der Arbeiter überrascht worden waren.

 

Seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre sind solche Koordinationen aufgrund des Rückgangs des proletarischen Klassenkampfes wieder verschwunden; eines Rückgangs, auf den wir später noch zu sprechen kommen. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass sie in den zukünftigen Kämpfen des Proletariats wieder auftauchen. Es ist daher wichtig für die Arbeiter, sich der Erfahrungen aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre bewusst zu werden, um nicht erneut in diese Falle zu tappen. Diese Erfahrungen sind Ende 1988 in einem Artikel unserer Internationalen Revue zusammengefasst worden: "Die Notwendigkeit zur Vereinigung der Kämpfe, die in steigendem Masse von den Arbeitern verspürt wird, stößt mit einer Vielzahl von Manövern zusammen, welche auf einer Arbeitsteilung zwischen allen Kräften der Bourgeoisie beruht. Vor allem die Linken, Gewerkschaften und linke Organisationen zielen auf eine Spaltung der Arbeiterklasse und die Zersplitterung ihres Kampfes ab. Die vergangenen Ereignisse in Frankreich bestätigen, dass die ,Koordinationen` eine der gefährlichsten Waffen sind, die von der Bourgeoisie im Rahmen dieser Politik ins Feld geführt werden. Sie werden immer häufiger eingesetzt, wenn der Gesichtsverlust der Gewerkschaften zunimmt und gleichzeitig auch der Wille der Arbeiter, die Kämpfe in die eigenen Hände zu nehmen, ansteigt.

 

 

Angesichts der Manöver der Bourgeoisie, die Kämpfe in die Hände ihrer wunderbaren ,Koordinationen` zu lenken, ist es für die Arbeiter wichtig zu verstehen, dass ihre wirkliche Kraft nicht in den angeblichen Organen zur ,Zentralisierung` liegt, sondern vor allem in ihren Basisvollversammlungen. Die Zentralisierung des Klassenkampfes ist ein wichtiges Element seiner Kraft, doch eine übereilte Zentralisierung, wenn an der Basis kein genügendes Niveau der Selbstkontrolle der gesamten Arbeiter über ihre Kämpfe existiert und wenn keine deutlichen Zeichen der Ausbreitung vorhanden sind, kann nur zur Kontrolle der gesamten Bewegung durch die Bourgeoisie (vor allem durch die Linken und zu ihrer Isolierung, also zu zwei Elementen der Niederlage führen. Die geschichtliche Erfahrung hat gezeigt, dass die linken Kräfte der Bourgeoisie ein umso leichteres Spiel haben, ihre Kontrolle auszudehnen und ihre Manöver zu entfalten, je stärker sich eine Pyramide von Organen erhebt, die von der Klasse zur Zentralisierung ihres Kampfe geschaffen wurde, je mehr man sich von der Ebene entfernt, auf der sich die Gesamtheit der Arbeiter ausdrücken kann. Dies konnte man selbst in revolutionären Perioden feststellen. In Russland stand im Jahre 1917 während der meisten Zeit das Exekutivkomitee der Räte unter der Kontrolle der Menschewiki und Sozialrevolutionäre. Deshalb bestanden dis Bolschewiki während dieser Periode darauf, dass sich die lokalen Räte nicht durch die Politik binden ließen, die durch dieses Organ der Zentralisierung bestimmt wurde. In Deutschland fiel im November 1911 dem Rätekongress nichts Besseres ein, als die Macht der sozialdemokratischen Bourgeoisie zurückzugeben, was nichts anderes als den Tod dieser Räte bedeutete. Die herrschende Klasse hat diese Tatsachen genau begriffen. Deshalb wird sie systematisch das Entstehen von Organen zur ,Zentralisierung` anzetteln, die sie bei fehlender Erfahrung und  ungenügender Reife der Arbeiterklasse leicht kontrollieren kann. Und um sicher zu gehen, wird sie so schnell als möglich und vor allem durch den Einsatz ihrer linken Kräfte solche Organe im Voraus auf die Beine stellen, die sich daraufhin durch fingierte Basisversammlungen ,legitimieren' werden, um damit zu verhindern, dass diese selbst zu den wirklichen Organen der Zentralisation werden; Streikkomitees, die in den Betrieben gewählt und wieder abgesetzt werden können, zentrale Streikkomitees auf der Basis der Städte, Regionen, etc."

 

("Frankreich: die Koordinationen als Speerspitze der Sabotage der Kämpfe", International Review Nr. 56, 1. Quartal 1989, franz./engl./span. Ausgabe)

 

 

 

Der Rückgang des Klassenkampfes seit 1989

 

 

 

Jahrzehntelang haben sämtliche politischen Kräfte der Bourgeoisie, von den Rechtsextremen bis hin zu den Linksextremen sowie den Trotzkisten, das Regime der UdSSR und Osteuropas als "sozialistisch", als "Arbeiterstaat" dargestellt. Diese Regimes hatten keinen proletarischen Charakter, was angesichts der schrecklichen Repression der "Roten Armee" gegen den Arbeiteraufstand in Ungarn 1956, der Intervention des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei 1968, der Arbeiterstreiks in Polen 1970/71 und vor allem 1980, die in der Repression von 1981 endeten, immer mehr Arbeiter auch zu begreifen begannen. Dennoch hat der Zusammenbruch der angeblich "sozialistischen" Regimes Ende 1989 der Bourgeoisie ermöglicht, die vermutlich größte Lüge, die sie der Arbeiterklasse je aufgetischt hat, weltweit wieder aufzuwärmen. Sie hat enorme Kampagnen über den "Tod des Kommunismus", über das "Scheitern" einer jeglichen Gesellschaft, dis auf einer proletarischen Revolution fußt, und über das "Ende des Klassenkampfes" entfesselt, was in den Reihen der Arbeiter einen starken Rückgang im Bewusstsein und in der Kampfbereitschaft ausgelöst hat. Zugleich hat der Verlust jeglicher Hoffnung auf eine Alternative zum Kapitalismus ein Wiederaufleben reformistischer Illusionen erzeugt, von denen in erster Linie auch die herkömmlichen Gewerkschafter profitierten.

 

 

Seit Oktober 1989, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer, war sich die IKS der Perspektive, die sich durch den Zusammenbruch der stalinistischen Regimes auftat, bewusst: "Die Ereignisse, welche heute die so genannten ,sozialistischen` Länder erschüttern, die tatsächliche Auflösung des russischen Blocks, das offensichtliche und endgültige Scheitern des Stalinismus auf wirtschaftlicher, politischer und ideologischer Ebene stellen neben dem Wiedererstarken des internationalen Proletariats Ende der 60er Jahre das bedeutendste geschichtliche Ereignis seit dem 2. Weltkrieg dar. Ein Ereignis von solcher Bedeutung wird unvermeidbar Auswirkungen auf das Bewusstsein der Arbeiter haben; dies ist jetzt schon der Fall.

 

 

 

Dies trifft insbesondere deshalb zu, weil es sich um eine Ideologie und ein politisches System handelt, das mehr als ein halbes Jahrhundert lang von allen Teilen der Bourgeoisie als ,sozialistisch` und den ,Interessen der Arbeiter' entsprechend dargestellt wurde. Mit dem Untergang des Stalinismus verschwindet das Symbol und die Speerspitze der schlimmsten Konterrevolution der Geschichte. Aber das heißt nicht, dass die Bewusstseinsentwicklung der Arbeiterklasse dadurch erleichtert würde, im Gegenteil. Selbst bei seinem Tod erweist der Stalinismus der kapitalistischen Herrschaft noch einen letzten Dienst: Bei seinem Zerfall verpestet sein Leichnam weiterhin die Luft, die das Proletariat atmen muss. Für die herrschende Bourgeoisie bietet der Zusammenbruch der stalinistischen Ideologie, die `demokratische', 'liberale' und nationalistische Bewegung, die zurzeit die osteuropäischen Länder erschüttert, eine tolle Gelegenheit, um ihre Vernebelungskampagnen noch zu verstärken. Die systematische Gleichstellung des Kommunismus mit Stalinismus, die 1000mal wiederholte und auch heute noch verbreitete Lüge, der zufolge die proletarische Revolution nur scheitern kann, wird mit dem Zusammenbruch des Stalinismus noch eine zeitlang eine Wirkung in den Reihen der Arbeiterklasse haben. Deshalb kann man mit einem vorübergehenden Rückgang des Bewusstseins der Arbeiterklasse rechnen. (...) Insbesondere die reformistische Ideologie wird noch sehr stark auf den Kämpfen der nächsten Zeit lasten, wodurch die Aktionen der Gewerkschaften begünstigt werden. (...) Aufgrund der geschichtlichen Bedeutung der genannten Faktoren wird der gegenwärtige Rückfluss des Klassenkampfes - ungeachtet der Tatsache, dass er den historischen Kurs, die allgemeine Perspektive breiterer Zusammenstösse zwischen den Klassen, nicht infragestellt - weitreichender sein als der Rückfluss, der die Niederlage in Polen 1981 begleitet hatte."

 

 

 

Zehn Jahre danach hat sich diese Perspektive vollauf bestätigt. Im Besonderen konnte man in dieser Periode eine Verstärkung des Einflusses der Gewerkschaften beobachten. Angesichts dessen scheinen verschiedene Passagen dieser Broschüre, vor allem aber in der Einleitung von 1985, die das wachsende Misstrauen gegenüber den Gewerkschaften betreffen, nicht mit der gegenwärtigen Situation übereinzustimmen. Unser Text von 1989 fährt fort: "Man kann aber heute noch nicht sein eigentliches Ausmaß (des Rückflusses) und seine Dauer voraussehen. Insbesondere wird der Rhythmus des Zusammenbruchs des westlichen Kapitalismus (...) ein entscheidender Faktor sein, der das Proletariat erneut zu einer Weiterentwicklung seines revolutionären Bewusstseins drängt. Indem die Illusionen über die `Gesundung' der Weltwirtschaft weggefegt, die Lügen über den `liberalen' Kapitalismus als eine Lösung für den so genannten `Sozialismus' bloßgestellt werden, dass historische Scheitern der gesamten kapitalistischen Produktionsweise aufgedeckt wird, und nicht nur das des Stalinismus, wird die Zuspitzung der kapitalistischen Krise das Proletariat langfristig dazu drängen, sich erneut der Perspektive einer anderen Gesellschaft zuzuwenden. Dann wird die Arbeiterklasse verstärkt ihre Kämpfe in dieser Perspektive durchführen. Wie die IKS es schon nach der Niederlage in Polen 1981 geschrieben hatte, bleibt die kapitalistische Krise der Hauptverbündete der Arbeiterklasse."

 

("Thesen zur ökonomischen und politischen Krise in der SU und den osteuropäischen Ländern", Internationale Revue Nr. 12, deutsche Ausgabe)

 

 

Diese Perspektive besitzt auch heute noch absolute Gültigkeit!

 

(1)  Diese Beispiele sind in der Internationalen Revue oder auch in unserer territorialen Presse zu finden. Wir rufen die Leser dieses Textes dazu auf, auch jene Texte mit einzubeziehen.

 

 

Es sollte erwähnt werden, dass die starke Diskreditierung der offiziellen Gewerkschaftsorganisationen in Italien nicht nur zur Entstehung von Koordinationen geführt hat. Es ist vielmehr eine ganze Palette von Organen entstanden, die den Platz der offiziellen Gewerkschaften einnehmen sollten. Dazu gehören auch die Cobas (Basiskomitees), die in der großen Bewegung von 1987 im Erziehungssektor als authentischer Ausdruck des Arbeiterkampfes entstanden waren. Nach Ende der Bewegung verwandelten sie sich jedoch in eine zusätzliche Waffe zur Sabotierung der Arbeiterkämpfe.

 

 

 

April 2000

 

 

 

 

EINLEITUNG (ZUR AUSGABE VON 1985)

 

 

 

Vor einem Jahrhundert mussten die Arbeiter auf der Straße kämpfen, um der herrschenden Klasse das Recht auf eigene, gewerkschaftliche Organisationen abzuringen. Heute dagegen kämpfen die Regierungen der herrschenden Klasse darum, dass die kämpfenden Arbeiter die gewerkschaftlichen Apparate nicht verlassen.

 

 

Sind die Gewerkschaften auch heute noch Organisationen, die die Interessen der Arbeiterklasse verteidigen? Sind die Gewerkschaften auch heute noch imstande, die ständigen Angriffe gegen die Lebensbedingungen der Arbeiter zu verhindern oder auch nur einzuschränken? Wie sieht die Zukunft der Arbeiterkämpfe aus? Wie soll man kämpfen?

 

Auf diese Fragen versucht die Broschüre, die 1974 zum ersten Mal veröffentlicht worden war, einzugehen. Die Antworten, die sie bietet, können folgendermaßen zusammengefasst werden.

 

 

Mit dem I. Weltkrieg sind die Gewerkschaften zu Stützpfeilern des kapitalistischen Staatsapparates geworden. Die gewerkschaftliche Organisationsform hatte der Zeit des blühenden Kapitalismus entsprochen, der sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in seiner aufsteigenden Phase befand. Damals war der Kapitalismus in der Lage gewesen, wirkliche, dauerhafte Reformen zu gewähren. Das Proletariat seinerseits konnte sich im Kampf um Reformen (Parlamentarismus, Gewerkschaften) vereinigen. Im dekadenten Kapitalismus dagegen, d.h. im Kapitalismus der letzten 70 Jahre, in denen 30 Jahre lang Wirtschaftskrisen und zehn Jahre lang globale Kriege (ohne die ständig stattfindenden lokalen Kriege mit zu berücksichtigen) herrschten, treibt das Kapital die Ausbeutung, das Elend, die Barbarei, die Entfremdung bis ans Äußerste. Der Kapitalismus ist nicht mehr reformierbar.

 

Um trotz seiner Unfähigkeit, ökonomische Lösungen anzubieten, zu überleben, muss der Kapitalismus der Gesellschaft seine immer totalitärere Herrschaft aufzwingen. Der Staat ist zu einem gewaltigen Monster geworden, das jedes Element des gesellschaftlichen Lebens vereinnahmt und kontrolliert. Ob in seiner "demokratischen" Form, wie in den westlichen Industrieländern, in seiner "bürokratischen" Form, wie dies in den Ostblockländern der Fall ist, oder in seiner "militärischen" Form, wie in den meisten unterentwickelten Ländern - der dekadente Kapitalismus ist im Wesentlichen staatskapitalistisch.

 

 

Unter diesen Umständen hängt der Erfolg eines Arbeiterkampfes unmittelbar von seiner Fähigkeit ab, ein günstiges Kräfteverhältnis gegenüber dem kapitalistischen Staat herzustellen, den politischen Inhalt des Kampfes aufzugreifen und unnachgiebig die eigenen Interessen gegen die Logik der kapitalistischen Profitwirtschaft zu verteidigen.

 

Aus diesem Grunde bezieht ein Erfolg versprechender Arbeiterkampf seine Hauptdynamik aus seiner Ausdehnung. Nur die Ausweitung und die Einheit der proletarischen Kräfte kann, auch wenn nur vorübergehend, ein Kräfteverhältnis schaffen, das den Staat zum Rückzug zwingen und die barbarische Logik des krisengeschüttelten Kapitalismus in Frage stellen kann.

 

 

Der typische Gewerkschaftskampf, der das Ökonomische vom Politischen trennt, der dazu da ist, den Kampf der Arbeiter an die ökonomische Logik des Kapitalismus zu fesseln, der die Arbeiter nach Branchen, Sparten und Nationen organisiert, entspricht nicht mehr den Interessen des Proletariats, sondern ist im Gegenteil von katastrophaler Auswirkung. Die Gewerkschaften stärken die Arbeiterklasse nicht mehr, sondern schwächen sie und führen sie in die Sackgasse.

 

Die Perspektive des Arbeiterkampfes besteht darin, mehr und mehr einen wirklich antikapitalistischen Charakter anzunehmen, den Klassencharakter zu betonen, um alle korporatistischen, branchenspezifischen, rassischen und nationalen Barrieren der Gewerkschaften aus dem Weg zu räumen.

 

 

Dabei dürfen die Arbeiter den gewerkschaftlichen Organisationen, auch wenn sie eine noch so "radikale" Sprache benutzen, kein Vertrauen schenken. Die Gesamtheit der kämpfenden Arbeiter muss ihren Kampf selbst organisieren und führen.

 

Unnachgiebige Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse, Ausdehnung der Kämpfe, Selbstorganisation - dies sind die wichtigsten Waffen eines jeden konsequenten Arbeiterkampfes im dekadenten Kapitalismus.

 

 

Die Zukunft der Arbeiterkämpfe besteht in der Zunahme von weltweiten, allgemeinen Zusammenstößen mit allen Verteidigern der herrschenden Ordnung. Im Zuge dieser Zusammenstöße wird das Proletariat immer deutlicher vor die grundsätzliche Alternative gestellt: kapitalistische Barbarei oder proletarische Revolution.

 

Dies ist die Hauptaussage des Inhalts dieser Broschüre. Doch sind die Aussagen in den Jahren nach 1974, als diese Broschüre zum ersten Mal erschien, gültig geblieben? Oder ist diese Analyse Ende der 70er Jahre, Anfang der 80er Jahre widerlegt worden?

 

 

Tatsächlich haben diese Jahre, insbesondere die 80er Jahre, die "Jahre der Wahrheit", die tief greifenden Widersprüche, welche im Innern der kapitalistischen Gesellschaft seit mehr als einem halben Jahrhundert der Dekadenz des kapitalistischen Gesellschaftssystems wirken, noch deutlicher zum Vorschein gebracht. Die Verschärfung und Generalisierung der kapitalistischen Wirtschaftskrise haben die Gegensätze zwischen den beiden Hauptklassen der Gesellschaft, dem Proletariat und der Bourgeoisie, noch weiter vertieft. Die allgemeine Krise lässt die absolute Unvereinbarkeit zwischen der Logik der kapitalistischen Produktionsweise und der Bedürfnisse der Arbeitermassen und der gesamten Menschheit immer deutlicher werden. Alle realen Erscheinungen, alle Haupttendenzen des dekadenten Kapitalismus, die in dieser Broschüre aufgeführt werden, sind vollauf bestätigt worden. In den 80er Jahren wird jedem, der die Wirklichkeit nicht ignoriert, immer klarer, dass:

 

- es unmöglich ist, den Kapitalismus zugunsten der Arbeiterklasse zu  reformieren,

 

 

- eine radikale, politische und massive Reaktion der Arbeiterklasse notwendig ist,

 

- die Gewerkschaften in den kapitalistischen Staat integriert sind,  eine gewerkschaftliche Arbeit unmöglich ist,

 

 

- die historische Verantwortung der Arbeiterklasse gegenüber der Zukunft der Menschheit noch größer geworden ist.

 

 

 

Gehen wir näher auf jeden dieser Punkte ein und untersuchen sie im Lichte der praktischen Erfahrungen aus den letzten Jahren.

 

 

 

Die Unmöglichkeit den Kapitalismus zugunsten der Arbeiterklasse zu reformieren

 

Die 80er Jahre müssen im Zusammenhang mit dem historisch überholten, dekadenten Wirtschaftssystem des Kapitalismus gesehen werden. In der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts hat sich die Wirtschaftskrise verschärft, die bereits seit dem Ende der 60er Jahre andauert, d.h. seit dem Ende der Wiederaufbauphase nach dem II. Weltkrieg.

 

 

Um zu überleben, greift der Kapitalismus seit über einem halben Jahrhundert auf eine Vielzahl von monetären und finanziellen Manipulationen zurück. Dadurch sind wichtige Stützpfeiler des Systems zerstört worden, wie die Stabilität des internationalen Währungssystems oder das Gleichgewicht der öffentlichen Finanzen der einzelnen Staaten. Der Kapitalismus trat die Flucht nach vorn an, indem er eine Politik der Verschuldung einleitete, die die Probleme zunächst aufschieben konnte, um sie langfristig noch gravierender zu gestalten. So steht der Kapitalismus Mitte der 80er Jahre vor der schlimmsten, tiefgreifendsten Wirtschaftskrise seiner Geschichte.

 

 

 

Die absolute Verarmung

 

 

 

Heute ist es für die Arbeiterklasse nicht nur unmöglich, dauerhafte Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen durchzusetzen. Darüber hinaus ist sie zur Zielscheibe eines gewaltsamen, systematischen, allgemeinen Angriffs des Kapitals geworden. Das gesellschaftliche notwendige Mindesteinkommen zum Überleben wird in Frage gestellt. Das Proletariat sieht sich nicht nur mit einer massiven Verschärfung seiner Ausbeutung konfrontiert, sondern ist auch dem Verlust von sicher geglaubten Errungenschaften ausgesetzt. Die Arbeiterklasse wird von der absoluten Verelendung bedroht. Die kapitalistische Maschinerie ist ins Stocken geraten. Sie schafft es nicht mehr, mit dem Wachstum der Weltbevölkerung Schritt zu halten, was schon seit Jahrzehnten in der Dritte Welt deutlich ist.

 

Sie wirft ständig wachsende Arbeitermassen auf die Straße und stürzt sie so ins Elend, weil sie nicht mehr in der Lage ist, aus der Mehrarbeit dieser Massen Profit zu pressen. Dies trifft sowohl auf die unterentwickelten Länder wie auch auf die Industriemetropolen zu.

 

 

Die Arbeitslosigkeit breitet sich mittlerweile auch in den entwickelten Ländern aus. Im größten industriellen Ballungsgebiet der Erde, in Westeuropa, stieg die offizielle Zahl der Arbeitslosen zwischen 1970 und 1980 von fünf auf elf Millionen an; sie verdoppelte sich also binnen zehn Jahren. Doch schon in den nächsten fünf Jahren zwischen 1980 und 1984 verdoppelte sie sich erneut, so dass jetzt, Ende 1984, ca. 2 Millionen Menschen arbeitslos sind. In allen Industrieländern des U Blocks zusammengenommen, überschritten die Arbeitslosenzahlen erst kürzlich die 32-Millionen-Grenze. Und noch hat das Kapital längst nicht aufgehört, täglich neue Entlassungen anzukündigen.

 

Während der Wiederaufbaujahre und z. T. auch in den 70er Jahren erhielten die Arbeitslosen der hochindustrialisierten Länder Westeuropas Unterstützungszahlungen. Doch in den 80er Jahren sehen sich die bankrotten Staaten immer weniger in der Lage, jenen Arbeitern zu helfen, die das Kapital auf die Straße wirft oder erst gar nicht in den Produktionsprozess zu integrieren vermag. Millionen von Proletariern sind zur absoluten Verelendung verurteilt. In Paris und anderswo halten Armenküchen wieder Einzug.

 

 

Aber die Arbeitslosigkeit triff nicht nur die Arbeitslosen selbst: Diejenigen, die noch das "Glück" haben, einen Arbeitsplatz zu besitzen, werden erpresst. Die Löhne befinden sich im stetigen Sinkflug. Hinzu kommt die Tatsache, dass immer mehr Arbeiterfamilien einen Arbeitslosen in ihren Reihen haben (Ehemann, Ehefrau, Kinder), den sie unterstützen, was zu einer weiteren Senkung des Einkommens führt. Auch der sog. Soziallohn, d.h. jener Teil, den der Staat in Form von Dienstleistungen, Krankenversorgung, Erziehung/Bildung, Kindergeld usw. gewährt, wird stark gekürzt. Die Medien nennen dies zynisch das "Ende des Wohlfahrtsstaates".

 

 

 

Die Barbarei

 

 

 

Wenn man die gegenwärtige Verschärfung der historischen Dekadenz des Kapitalismus in zwei Zahlen zusammenfassen wollte, dann sind dies die folgenden: In den 80er Jahren sterben jährlich mehr als 30 Millionen Menschen an Hunger (mehr als während der Jahre des 1. Weltkrieges), während gleichzeitig die globalen Rüstungsausgaben weit mehr als eine Million US-Dollar pro Minute betragen. Diese Summe würde es nicht nur ermöglichen, das Problem des Hungers zu entschärfen, sondern es ganz aus der Welt zu schaffen. In derselben Zeit ist die Produktion von Subsistenzmitteln in allen Ländern aufgrund der Überproduktion zurückgegangen.

 

Angesichts dessen liegt es auf der Hand, dass die Aussage dieser Broschüre, derzufolge es nicht möglich ist, den Kapitalismus zu reformieren, ihm dauerhafte Reformen zugunsten der Ausgebeuteten zu entreißen, in den letzten zehn Jahren bekräftigt wurde. Die totale Unvereinbarkeit, die zwischen der Logik der kapitalistischen Wirtschaftsgesetze (die aus dem 16. Jahrhundert stammen) und den elementarsten Interessen der Arbeiterklasse besteht, wird immer deutlicher. Der Überlebenskampf des Kapitalismus erzeugt zunehmend eine absolute Verelendung der Proletarier. Der Überlebenskampf der Arbeiterklasse ihrerseits macht es immer erforderlicher, ihren Kampf auf einer höheren, d.h. vereinigten und globalen Ebene zu führen. Allein die Perspektive eines massiven, politischen Kampfes weist dem Proletariat den Weg.

 

 

 

Die Notwendigkeit eines radikalen, politischen und massiven Zurückschlagens der Arbeiterklasse

 

 

 

Hat die Erfahrung aus den Klassenkämpfen der letzten zehn Jahre die Notwendigkeit und Möglichkeit eines solchen Zurückschlagens der Arbeiterklasse bestätigt oder verneint? Letztendlich versetzt nur eine voll-ständige gesellschaftliche Revolution das Proletariat in die Lage, wirklich unwiderruflich jene Maschinerie zu zerstören, von der es täglich aufs Neue unterdrückt wird. Das heißt, der einzige Ausweg aus dem ganzen Elend des Kapitalismus besteht in der Zerschlagung der kapitalistischen Ausbeutungsmaschinerie selbst und in der Etablierung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse, die auf eine Produktionsweise fußen, welche sich nicht mehr nach dem Profit, der Akkumulation des Kapitals richtet, sondern sich ausschließlich nach den menschlichen Bedürfnissen orientiert.

 

 

Soll das heißen, dass bis dahin das Proletariat die fortwährende Zerstörung seiner Existenz passiv hinzunehmen hat, dass es auf die "Erlösung" zu warten hat? Solch eine Schlussfolgerung, die typisch ist für jene Pseudorevolutionäre mit den "radikalen" und modernistischen Parolen (denen zufolge Marx überholt sei), spiegelt sowohl eine Sinnentstellung der Revolution wider als auch eine grenzenlose Verachtung für die wirkliche Bewegung des proletarischen Kampfes.

 

Zunächst: Wie soll eine Klasse, die nicht zu kämpfen gelernt hat, die weder die Kraft noch den Willen hat, sich zu verteidigen, wenn sie angegriffen wird, eines schönen Tages eben jene Kraft und jenen Willen aufbringen, sich in den Hexenkessel einer Revolution zu stürzen und sie erfolgreich zu Ende zu führen? Die künftige Revolution "ersetzt" nicht den tagtäglichen Widerstand der ausgebeuteten Klasse: Sie ist nur seine logische Krönung. Der tagtägliche Kampf der Klasse ist die einzige Möglichkeit, über die das Proletariat verfügt, um sich für die künftige Revolution zu schulen.

 

 

Auch wenn es dem Kapitalismus unmöglich ist, zu neuer Blüte zu gelangen, auch wenn alle Macht in den Händen des Staates konzentriert ist und damit die Repression schier unüberwindlich geworden ist, so bedeutet dies nicht, dass jeder Widerstand der Arbeiter von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Richtig dagegen ist die Schlussfolgerung, dass jeder Arbeiterkampf, wenn er erfolgreich sein will, zu den entsprechenden Mitteln greifen muss, welche der heutigen Zeit und den gegenwärtigen Bedingungen angemessen sind.

 

Wie kann die Arbeiterklasse die Offensive der Bourgeoisie zumindest vorübergehend eingrenzen oder zurückdrängen?

 

 

Die herrschende Klasse weicht nur zurück, wenn das Kräfteverhältnis sie dazu zwingt! Die Erfahrungen aus den letzten zehn Jahren zeigen, dass mehr als je zuvor die einzig mögliche Sprache zwischen den beiden antagonistischen Klassen der Gesellschaft die der Stärke, der Klassengewalt, ist. Das Proletariat kann das Kräfteverhältnis zu seinen Gunsten beeinflussen, indem es:

 

- seine Resignation aufgibt,

 

 

- die Mittel entwickelt, um seine Macht über alle beruflichen,  rassischen und nationalen Barrieren hinweg zusammenfasst

 

- seinen Kampf direkt gegen das Zentrum der Macht der herrschenden  Klasse, den Staat und seine Regierung richtet,

 

 

- seinen Kampf als eine Klassenauseinandersetzung auffasst, wobei die Arbeiterklasse die Verteidigung ihrer eigenen Interessen gegen die Logik des kapitalistischen Systems in die Hand nimmt.

 

 

 

Die Erfahrungen aus den Arbeiterkämpfen in den letzten zehn Jahren bestätigen diese Tatsachen vollauf. Meistens scheiterten die Kämpfe, weil es den Arbeitern nicht gelang, ihren Kampf auszudehnen oder zu radikalisieren. Dagegen waren jene Kämpfe erfolgreich, die sich ausweiteten, den Rahmen für eine vereinigte, koordinierte, zentralisierte und gegenüber den Gewerkschaften unabhängige Organisation schufen und sich als Arbeiterkämpfe behaupteten, indem Forderungen aufgestellt wurden, mit denen die Bewegung unter einem Hut gebracht werden konnte (wie in Polen im Sommer 1980).

 

Zehn Jahre Kämpfe

 

 

 

Seit der ersten Veröffentlichung dieser Broschüre hat der internationale Klassenkampf verschiedene Phasen in seinem weiteren Verlauf durchschritten. Erst erschütterte eine Welle von Arbeiterkämpfen, beginnend mit den Streiks in Frankreich 1968, zunächst im Herbst 1969 Italien und 1970 Polen, dann alle anderen Industriestaaten wie auch die unterentwickelten Länder (1974-75). Daraufhin kehrte, mit Ausnahme Spaniens (1976/77), eine mehrjährige Ruhe an der Klassenfront ein, bevor zwischen 1978 und 1985 in zwei Wellen von Arbeiterkämpfen eine noch stärkere Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse auf globaler Ebene demonstriert wurde. Die erste Welle begann 1978 (Bergarbeiterstreik in den USA) und erlangte eine besondere Bedeutung durch die Kämpfe sowohl in der Dritten Welt (Erdölarbeiterstreik im Iran, Streiks in Tunesien, der Stahlarbeiter in Brasilien usw.) als auch im Herzen des industriellen Europas: Kämpfe der Krankenhausbeschäftigten in Italien, der Stahlkocher in Frankreich (Anfang 1979 in Denain und Longwy), der Hafenarbeiter in Rotterdam (Herbst 1979), der LKW-Fahrer, des öffentlichen Dienstes und vor allem der Stahlarbeiter in Großbritannien. Diese Welle gipfelte im großartigen Massenstreik der polnischen Arbeiter, der im August 1980 ausbrach.

 

 

Eine zweite Welle von Kämpfen wurde mit den Streiks im öffentlichen Dienst in Belgien im Herbst 1983 eröffnet. Seitdem hat sich die Zahl von Streiks und Klassenbewegungen in der gesamten Welt vervielfacht, von den USA bis Indien, von Peru bis Südafrika. Untersucht man den Zeitraum zwischen Herbst 1983 und Ende 1984 und berücksichtigt man lediglich die bedeutendsten Bewegungen gegen Entlassungen und Lohnraub in Westeuropa, so waren Belgien (Streiks im öffentlichen Dienst und in den Bergwerken), Holland (öffentlicher Dienst, die Häfen in Rotterdam), die BRD (Streiks in den Werften sowie in der Druck- und Metallindustrie), Großbritannien (Streiks in den Bergwerken, den Häfen und der Automobilindustrie), in Frankreich (Streiks in der Automobil- und Stahlindustrie trotz der "Linken an der Regierung") und Spanien (Stahlindustrie, Werften) davon erfasst. Diese Streiks, die von einer Reihe anderer Ausdrücke der Kampfbereitschaft der Klassen in diesen Ländern begleitet wurden, haben bis heute kein Ende genommen. Sie stellen nur den Anfang einer neuen Welle von Arbeiterkämpfen dar, deren Haupteigenschaft ihre internationale Gleichzeitigkeit ist.

 

 

 

Die Möglichkeit der Ausdehnung

 

 

 

Von all diesen Beispielen des proletarischen Kampfes war der Kampf der polnischen Arbeiter die klarste Manifestation der Idee, dass heute nur eine radikale, politische und massive Reaktion der Arbeiterklasse der herrschenden Klasse und ihrem Staat Paroli bieten kann.

 

Ein radikaler Kampf in dem Sinn, dass das Problem an den Wurzeln gepackt wird. Der Kampf der polnischen Arbeiter stand von Anfang an in diametralem Gegensatz zu den Erfordernissen der nationalen "Volkswirtschaft". Die Arbeiter traten der Regierung, die im Namen eben jener nationalen "Volkswirtschaft" massive Preiserhöhungen durchsetzen wollte, mit ihrer eigenen Sprache der Praxis entgegen:

 

 

"Die ökonomische Logik, welche die Akkumulation von Profit, die gigantische Rüstungsproduktion und die Aufrechterhaltung von Privilegien der Bürokratie der herrschenden Klasse begünstigt, ist nicht unsere Logik. Wir fordern die Verwirklichung all unserer Forderungen." Durch ihre Standhaftigkeit, ihre Unnachgiebigkeit und Entschlossenheit bei der Verteidigung ihrer Interessen haben die polnischen Arbeiter in der Tat die allerheiligsten Gesetze der "Volkswirtschaft" in Frage gestellt. Dies war ihr erster Pluspunkt.

 

Ein politischer Massenstreik: Doch die Arbeiterklasse ist nur dann in der Lage, sich außerhalb und gegen die Logik der kapitalistischen Produktionsweise zu stellen sowie der Regierung entgegenzutreten und zu zwingen, die brutalen Angriffe gegen die ausgebeuteten Massen zurückzunehmen, wenn sie sich vereinigt und ihre Hauptstärke, ihre bloße Masse, ausspielt. Die polnischen Arbeiter haben ihre Kämpfe

 

 

außerordentlich schnell und wirksam zu einem Massenstreik gebündelt und vereinigt. Innerhalb weniger Tage ist es den Arbeiter entlang der gesamten polnischen Ostseeküste gelungen, sich selbst, d.h. ohne Gewerkschaften, in Versammlungen zu organisieren und ihren Kampf durch gewählte und jederzeit abwählbare Delegiertenkomitees zu koordinieren und zu zentralisieren. Binnen kürzester Zeit haben sie ihren Kampf auf die gesamte Arbeiterklasse des Landes ausgeweitet. Millionen von vereinigten Proletariern haben so ein Kräfteverhältnis geschaffen, das die Regierung zum Nachgeben zwang.

 

Unabhängig von den Schwierigkeiten, mit denen das polnische Proletariat später konfrontiert wurde (Schwierigkeiten, die hauptsächlich auf seine internationale Isolierung und auf die Sabotagearbeit der Solidarnosc zurückzuführen sind), bleiben die positiven Lehren dieses Höhepunktes der internationalen Welle von Arbeiterkämpfen 1978-81 vollauf gültig: Nur radikaler, politischer und massiver Widerstand kann die Machthabenden des krisengeschüttelten Kapitalismus in die Schranken weisen.

 

 

 

Die Notwendigkeit der Ausdehnung

 

 

 

Die Aufgabe der Selbstorganisation zugunsten der neu entstandenen Gewerkschaft Solidarnosc (das Überbetriebliche Streikkomitee MKS wurde in die Solidarnosc eingegliedert) bedeutete eine Schwächung des polnischen Proletariats, was schließlich den militärischen Gegenschlag der Jaruzelski-Regierung vom 13. Dezember 1981 ermöglichte. Diese Schwächung sowie das (teilweise) Scheitern der Arbeiterkämpfe in den westlichen Ländern, denen es nicht gelang, sich massiv auszudehnen und als politische Kraft gegenüber dem Staat aufzutreten, verdeutlichen auf andere Art die Richtigkeit dieser Lehren. Trotz einer beispiellosen Kampfbereitschaft und Ausdauer, trotz der großen Beteiligung der Bergarbeiter an dem Streik, war der Streik der britischen Kumpels 1984/85 langsam erstickt worden, weil dieser Kampf nicht auf andere Bereiche der Klasse ausgeweitet wurde - obgleich die aktiven Solidaritätsbekundungen zahlreich waren (Hafenarbeiterstreik, Teilnahme von Arbeitslosen an den Kämpfen).

 

 

Ein Kampf, der sich nicht ausdehnt, ist zum Scheitern verurteilt. In der International Review Nr. 38 (3. Quartal 1984, engl./frz./span. Ausgabe) schrieben wir über die Kämpfe in Westeuropa: "Bis jetzt hat es das Proletariat nicht geschafft, seinen Kampf auszudehnen, zu koordinieren und zu generalisieren. Solange es die Arbeiter nicht schaffen, den Gewerkschaften die Kontrolle des Kampfes zu entreißen, solange sie es nicht schaffen, den Kampf in die eigenen Hände zu nehmen, solange sie nicht den Gewerkschaften hinsichtlich der Ziele und der Kontrolle der Kämpfe entgegentreten, können sie die Ausdehnung nicht organisieren. Deshalb ist die Selbstorganisierung als erster Schritt heute so wichtig (...) Es ist die Aufgabe der Vollversammlungen, die Ausdehnung und die Koordinierung der Kämpfe zu entscheiden und zu organisieren. Sie müssen von einem zum anderen Ort ziehen können, massive Delegationen oder Delegierte zu anderen Fabriken schicken, damit diese zum Streik in den anderen Fabriken aufrufen. Auch ist es ihre Aufgabe, zu jeder Zeit die Delegierten zu wählen oder abzuwählen. Nun hat die Bourgeoisie es bislang geschafft, die bis jetzt organisierten Vollversammlungen ihres Inhalts zu entleeren.

 

Ohne Selbstorganisation, ohne Vollversammlungen kann es keine wirkliche Ausdehnung geben und noch weniger eine internationale Generalisierung des Klassenkampfes. Aber ohne diese Ausdehnung verlieren die wenigen Beispiele der Selbstorganisation (Vollversammlungen in Belgien, Frankreich, Spanien) ihre Funktion und ihren proletarischen Inhalt und ermöglichen so, dass die Bourgeoisie und ihre Gewerkschaften wieder alles an sich reißen. Die Arbeiter haben angefangen zu verstehen, dass die Organisierung der Ausdehnung nur durch einen Kampf gegen die Gewerkschaften möglich ist." ("Gleichzeitigkeit der Arbeiterkämpfe: welche Perspektive?")

 

 

Die erste Bedingung für eine tatsächliche Ausdehnung der Kämpfe besteht darin, dass die Arbeiter und ihre Vollversammlungen diese Ausdehnung kontrollieren und führen. Zwei weitere wichtige Bedingungen müssen an dieser Stelle ebenfalls erwähnt werden: die Vorrangigkeit des "horizontalen", d.h. in die Breite gehenden Charakters der Ausdehnung sowie die Wichtigkeit der Einbeziehung der Arbeitslosen in den Kampf um die Ausweitung.

 

Wenn die Arbeiter einer Fabrik in den Streik treten, mag es als "natürlich" erscheinen, dass sie sich bei ihrem Versuch, ihren Kampf auszuweiten, zunächst an die Kollegen anderer Fabriken desselben Unternehmens oder an die Arbeiter derselben Branche wenden ("vertikale oder branchenweite Ausdehnung). Die Erfahrung zeigt jedoch, dass eine solche Orientierung im Allgemeinen zu einer Isolierung des Kampfes auf korporatistischer Ebene führt, was den Kampf entscheidend schwächt. Der Versuch der "horizontalen" Ausdehnung, d.h. eine Ausweitung auf die nächstliegenden Produktionszentren, bedeutet dagegen eine unmittelbare Verstärkung des Kampfes und stellt eine viel größere Bedrohung für die herrschende Klasse dar. Indem sie die Lebensbedingungen aller Arbeiter massiv verschlechtert, schafft die Generalisierung der Wirtschaftskrise die Bedingungen für diese Form der Ausdehnung.

 

 

Vor allem hat die Wirtschaftskrise die Massenarbeitslosigkeit forciert. Die Arbeitslosigkeit stellt mittlerweile eine Bedrohung für diejenigen dar, die noch eine Arbeit haben und somit potenzielle Arbeitslose sind. Der Versuch, den Kampf auszuweiten, ist daher vor allem ein Versuch, eine Vereinigung zwischen den noch beschäftigten und den bereits arbeitslosen Arbeitern herbeizuführen. Der Kampf der Arbeitslosen wird im weiteren Verlauf zu einem wichtigen Faktor bei der Beschleunigung der Einheit der Arbeiterklasse. Weil sie sich keinem Unternehmen besonders verbunden fühlen, sind die kämpfenden Arbeitslosen ein aktiver Faktor gegen die korporatistischen Spaltungen und stellen eine treibende Kraft bei der Vereinheitlichung des Klassenkampfes dar. Da ihr Überleben direkt von der staatlichen Hilfe abhängig ist, sind die Arbeitslosen dazu gezwungen, den Kampf sofort auf die politische Ebene zu führen. Aufgrund der Bedrohung ihrer Existenz und des Mangels an Perspektiven innerhalb des in seiner Agonie befindlichen Kapitalismus stoßen sie notgedrungen schnell auf die Wurzeln des kapitalistischen Übels. Der Kampf der Arbeitslosen wird eine Radikalisierung, eine weitere Ausdehnung und eine große Dynamik des Klassenkampfes bewirken. Vorausgesetzt, es gelingt den Gewerkschaften nicht, den Kampf der Arbeitslosen durch ihre Kontrolle in Gestalt typisch gewerkschaftlicher Organisationen, wie die "Arbeitslosen-Gewerkschaft" oder die "Vereinigung der Habenichtse",   unschädlich zu machen.

 

Zum einen haben die letzten zehn Jahre die Notwendigkeit und Möglichkeit aufgezeigt, den Arbeiterkampf auf eine den historischen Bedingungen entsprechenden Ebene der Ausdehnung und Vereinigung zu heben, zum anderen haben sie gezeigt, dass die Gewerkschaften ein integrierter Bestandteil des kapitalistischen Staates sind und es keinen konsequenten Arbeiterkampf ohne frontalen Zusammenstoß mit den Gewerkschaften geben kann.

 

 

 

Die Integration der Gewerkschaften in den kapitalistischen Staat

 

 

 

Seit dem Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung dieser Broschüre hat  sich mittlerweile in allen Industrieländern des Westens ein Phänomen breit gemacht: Die Arbeiter verlassen die gewerkschaftlichen Organisationen.

 

 

Wie kommt es, dass die Arbeiter diese Organisationen, von denen sie angeblich verteidigt werden sollen, just zu dem Zeitpunkt verlassen, wo sie den bislang schlimmsten Angriffen ausgesetzt sind? Immer weniger Arbeiter beteiligen sich an gewerkschaftlichen Aktionen, die sie bislang immer in die Sackgasse geführt haben. "Aktionstage", "Warnstreiks", "Petitionen" und andere symbolische Aktionen stoßen auf ein immer geringeres Echo unter den Arbeitern. Im Gegenteil, das Misstrauen der Arbeiter gegenüber ihren "offiziellen Repräsentanten" wächst zunehmend. In den letzten zehn Jahren sind die Gewerkschaften immer unverhohlener als staatliche Institutionen aufgetreten. Nicht nur ihre Unfähigkeit und Machtlosigkeit gegenüber der kapitalistischen Krise wird immer deutlicher, auch ihre Rolle, die sie bei der Verteidigung der Sparpolitik und Rationalisierungen spielt, welche die Lebensbedingungen der ausgebeuteten Klasse direkt und massiv verschlechtern.

 

 

 

Die Teilnahme am kapitalistischen Krisenmanagement

 

 

 

Während der letzten zehn Jahre haben sich die Gewerkschaften an der Verwaltung des krisengeschüttelten Kapitalismus beteiligt, so wie sie es schon während der Wiederaufbauperiode nach dem II. Weltkrieg und in den beiden Weltkriegen getan hatten, als sie bei den Aufrufen zur Verteidigung des "Vaterlandes" und zu noch größeren Opfern am weitesten den Mund aufgerissen hatten. Wenn die Bourgeoisie zur Aufrechterhaltung ihrer Profitraten den Arbeiter "Opfer" abverlangt, entgegnen die Gewerkschafter üblicherweise zuerst: "Wir wollen keine Opfer bringen!", um sogleich hinzuzufügen: "Es sei denn, sie werden gleichmäßig auf die gesamte Bevölkerung verteilt " Dies führt dann naturgemäß dazu, dass die folgenden Verhandlungen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften nicht die Frage behandeln, ob überhaupt Opfer gebracht werden sollen, sondern sich nur darum drehen, wie die Durchführung dieser Krisenmaßnahmen organisiert wird. Am Ende dieses nun mittlerweile allseits bekannten zynischen Schauspiels steht immer das gleiche Ergebnis: neue Opfer der Arbeiter zugunsten des Profits des nationalen Kapitals. Die Gewerkschaften sprechen ihrerseits natürlich von einem Sieg, denn es hätte ja schlimmer kommen können, wenn sie nicht da gewesen wären.

 

Die Gewerkschaften handeln gemäß den Gesetzen der kapitalistischen Wirtschaft. Sie richten ihr Handeln vollständig nach der Logik des kapitalistischen Wirtschaftssystems aus. Wenn diese Logik mehr Opfer von der Arbeiterklasse erfordert, haben die Gewerkschaften die Aufgabe, sie den Arbeitern als "unumstößliche Realität" darzustellen. Dieser "Realismus" stellt die Wirtschaftskrise als eine Art "natürliche" Krise dar, als eine Art ökonomisches Erdbeben. Der Kapitalismus erscheint dabei als ewig existierender Bestandteil der Natur. In den "demokratischen" Ländern sind die Gewerkschaften immer als Vertreter dieses "Realismus" aufgetreten und haben direkt oder indirekt an der Planung und Durchführung der politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen gegen die Arbeiterklasse mitgewirkt. Im Namen dieses "Realismus" haben die französischen Gewerkschaften, zunächst mit der Rechtsregierung und dann mit, der Linksregierung, die systematische Kürzung der Arbeitslosengelder und ihrer Anspruchsteller beschlossen. Mit Zustimmung des DGB hat die Bundesregierung in der BRD Kindergeldkürzungen vorgenommen; mit Zustimmung der spanischen Gewerkschaften hat die sozialistische Regierung eine Senkung der Rentenzahlungen veranlasst; mit Hilfe der "Experten" des britischen Gewerkschaftsverbandes hat die konservative Regierung eine halbe Million Entlassungen im öffentlichen Dienst eingeleitet; mit Zustimmung der italienischen Gewerkschaften hat die dortige Mitte-Links-Regierung die Abschaffung der gleitenden Lohnskala geplant, und in Belgien hat die Regierung mit Zustimmung des FGTB (sozialistische Gewerkschaft Belgiens) eine 10%ige Kürzung der Arbeitslosengelder vorgenommen.

 

 

Doch die Arbeiter verlassen die Gewerkschaften nicht nur, weil diese immer deutlicher als staatliche Hilfstruppe auftreten.

 

 

 

Die Sabotage der Kämpfe

 

 

 

Im offenen Kampf erkennen immer mehr Arbeiter, was für ein Geschäft die Gewerkschaften betreiben: die Sabotage des Kampfes. Es ist unmöglich, die endlos lange Liste der Manöver aufzuzählen, mit deren Hilfe die alten europäischen Gewerkschaften während der letzten zehn Jahre Streiks sabotiert und nationalistisches Gift verspritzt haben. All das geschah mit dem Ziel, den proletarischen Widerstand in die Sackgasse zu führen. Die Kämpfe in nationalistische Bahnen zu lenken, sie so weit wie möglich voneinander zu isolieren, jede sich anbahnende Vereinigung der Arbeiter zu verhindern, die Kampfbereitschaft in wirkungslosen und demoralisierenden Aktionen verpuffen zu lassen, die Klassensolidarität auf den Kopf zu stellen - dies ist das Arsenal, auf das die europäischen Gewerkschaften zurückgreifen konnten, um das gewaltige Pulverfass des proletarischen Widerstandes in Europa systematisch an der Explosion zu hindern. An konkreten Beispielen fehlt es nicht.

 

1979 haben die Gewerkschaften die Kampfbereitschaft der französischen Stahlarbeiter unter der Parole "Produisons français" auf die nationalistische Schiene gelenkt. In Polen hat die Gewerkschaft Solidarnosc mit ihrem Mediengockel Walesa an der Spitze und mit Hilfe aller "demokratischen" Gewerkschaften des westlichen Blocks die Arbeiter mit dem Gift des Nationalismus gelähmt, was diese hilflos gegenüber der ökonomischen Logik des Staates gemacht und von den westlichen Arbeitern isoliert hat. Letzteren ist gar unterstellt worden, sie seien gegenüber den Arbeitern in Osteuropa privilegiert, weil sie schließlich über "demokratische" Gewerkschaften verfügten. Der Streik der britischen Bergarbeiter ist isoliert geblieben, weil er als branchenspezifische Angelegenheit dargestellt wurde. Die britische Bergarbeitergewerkschaft NUM hat lediglich ihre Sprache radikalisiert, um das Bild einer "arbeiterfreundlichen" Organisation wieder aufzumöbeln und so alle aufkommenden Zweifel zu zerstreuen, die durch ihren Widerstand gegen eine Unterstützung des Bergarbeiterstreiks durch andere Gewerkschaften ausgelöst worden waren. 1984 haben die Gewerkschaften die Stahlarbeiter Lothringens isoliert, indem sie überall auf den Straßen Barrikaden errichten ließen, die die Stahlarbeiter nicht nur von Arbeitern anderer Gegenden, sondern auch untereinander trennten. In der BRD haben die Gewerkschaften eine gewaltige Kampagne um die 35-Stunden-Woche organisiert, um die steigende Kampfbereitschaft der Arbeiter in Luft aufzulösen. Dieser Streik ist von den Gewerkschaften lückenlos kontrolliert und geleitet worden, wobei die bestreikten Betriebe hermetisch voneinander getrennt wurden und eine Verbindung zwischen den Arbeitern der verschiedenen Städte und Betriebe unmöglich gemacht wurde. In Italien haben die Gewerkschaften die Wut der Arbeiter in ebenso spektakulären wie sinnlosen Aktion verpuffen lassen, wie z.B. bei der Blockade von Eisenbahnzügen irgendwo mitten auf dem Land oder beim "Marsch auf Rom" im März 1984. Bei dieser Demonstration kamen ungefähr eine Million Arbeiter zusammen, nur um in den Straßen Roms spazieren zu gehen.

 

 

Die Gewerkschaften haben die Solidarität der Arbeiter entstellt und Geldsammlungen sowie Solidaritätsveranstaltungen mit sympathisierenden Künstlern und anderen Showstars als Ersatz für die aktive Klassensolidarität feilgeboten. Klassische Beispiele hierfür sind der Kampf der polnischen Arbeiter und der Bergarbeiterstreik in England. In allen Fällen war das Ergebnis das gleiche: die Sabotage der Bemühungen des Proletariats, sich zu vereinigen. Da sie in den letzten zehn Jahren immer deutlicher als Sachwalter der kapitalistischen Krise und treibende Kraft der arbeiterfeindlichen Politik fungiert haben, fällt es den Gewerkschaften immer schwerer, ihre Zugehörigkeit zur herrschenden Klasse und ihre Integration in den bürgerlichen Staat zu verbergen. Aus diesen Gründen treten immer mehr Arbeiter aus den Gewerkschaften aus und lehnen ihre sinnlosen Aktionen und Mobilisierungen ab.

 

 

 

Die Unmöglichkeit "guter" Gewerkschaften

 

 

 

Doch die politischen und gewerkschaftlichen Kräfte der Bourgeoisie besonders in den Industrieländern sind nicht auf den Kopf gefallen. Ihre Erfahrungen sind umfangreich. Angesichts des Misstrauens gegen den Gewerkschaftsapparat, das unter den Arbeitern stetig zunimmt, ist man bemüht, dieses Misstrauen auf die Führung, auf die Vorstände der großen Gewerkschaftszentralen zu beschränken. So wird die Illusion aufrechterhalten, dass, wie immer noch viele Arbeiter glauben, "gute Gewerkschaftsarbeit" möglich sei. Ende der 70er Jahre fand in bestimmten Gewerkschaften eine Radikalisierung ihrer Sprache statt, tauchten in ihren Reihen "kritische" Tendenzen auf, die vorgaben, der Gewerkschaftsführung feindlich gesinnt zu sein. Gleichzeitig traten mal "führungsfeindliche", mal "gewerkschaftsfeindliche" Formen gewerkschaftlicher Arbeit auf. Sie sind die hinterhältigste Form der Verteidigungsstrategie der Gewerkschaften.

 

 

 

Der Verbalradikalismus der Gewerkschaften und ihrer Basisorgane

 

 

 

Während der 70er Jahre bestand die allgemeine Tendenz in den diversen Politikschauspielen der Bourgeoisie darin, linke Regierungen (Labour Party in Großbritannien, Demokraten in den USA, SPD in der BRD) zu bilden oder die Politik der linken Parteien zumindest auf die Regierungsbeteiligung auszurichten (Historischer Kompromiss der KP Italiens, Programme Commun der SP Frankreichs). Dies waren noch die Jahre der Illusionen. Die offiziellen "Vertreter" der Arbeiterklasse tollten sich an der Regierung beteiligen, um mit dem Versprechen einer besseren Zukunft - wobei ihre Regierungsbeteiligung als Garantie dafür dienen sollte - den Arbeiter "vorübergehende" Opfer abzuverlangen. Aber mittlerweile ist einige Zeit verstrichen. Die Wirtschaftskrise und die Angriffe gegen die Arbeiter sind nicht schwächer geworden, sondern haben sich im Gegenteil verstärkt. Die Welle der Arbeiterkämpfe von 1978 bis 1980 zeigte der Bourgeoisie nicht nur, dass die Fortsetzung der Regierungs(mit)beteiligung linker Parteien, die Unterstützung durch die Gewerkschaften eingeschlossen, sie außerstande setzt, die Arbeiterkämpfe zu verhindern, sondern auch, dass es diesen Kräften zunehmend erschwert wird, ihre Gendarmenrolle in der Arbeiterklasse wahrzunehmen, da sie immer offener als Verantwortliche für die Verschlechterung der Lage der Arbeiter in Erscheinung traten. Zu Beginn der 80er Jahre schlug die Bourgeoisie daher eine neue Richtung in den großen Industriestaaten ein. Die "Arbeiterparteien" kehrten in die Opposition zurück und verliehen ihrer Stimme prompt wieder einen "radikalen", ja, "revolutionären" Klang, um sich so bei der Ausübung ihrer Funktion, die Sabotage der Arbeiterkämpfe, um die Rückerlangung ihrer notwendigen Glaubwürdigkeit unter den Arbeitern zu bemühen. In Frankreich hat das Proletariat erst spät seine Erfahrungen mit der Linken in der Regierung sammeln können. Aber auch hier dauerte es nicht lange, bis der gleiche Effekt eintrat: nach dreijähriger Regierungsbeteiligung der KPF war die Glaubwürdigkeit der CGT verschlissen, und die KPF war gezwungen, die Regierung zu verlassen und wieder in die Opposition zurückzukehren, weil sie sonst jegliche Kontrolle über die Kämpfe verloren hätte.

 

An dieser Stelle sei erwähnt, dass nicht alle Gewerkschaften ihre Sprache radikalisierten. Die Gewerkschaftsapparate in den Industrieländern sind durchaus in der Lage, verschiedene Rollen gleichzeitig zu spielen. Da gibt es einerseits Gewerkschaften, die sich "radikalisieren", und andererseits Gewerkschaften, die auf dem "Boden der Tatsachen" bleiben. Selbst innerhalb einer jeden Gewerkschaft existieren "kämpferische" und "vorsichtige" Tendenzen einträchtig nebeneinander. Beide Elemente ergänzen sich gegenseitig und sind Teil derselben gewerkschaftlichen Vorgehensweise. So gebärdeten sich im britischen Bergarbeiterstreik die Bergarbeitergewerkschaft und ihr Führer Scargill äußerst radikal, während sich der britische Gewerkschaftsdachverband "realistisch" gab. Auch während der Streiks in der BRD 1984 trat die IGM kämpferisch, der DGB jedoch "mäßigend" auf. Das gleiche bei den Streiks der Arbeiter von Talbot Anfang 1984: hier die "radikale" CFDT, dort die "konziliante" CGT. Auch in Belgien Anfang 1984 spielte sich dasselbe Schauspiel ab, diesmal mit der "entschlossenen" FGTB und der "versöhnlich" gestimmten christlichen Gewerkschaft CSC als Protagonisten.

 

 

Neben der Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Gewerkschaften gibt es noch die Rollenverteilung innerhalb der Gewerkschaftszentralen selbst und last but not least die gewerkschaftlichen Tendenzen außerhalb der etablierten Gewerkschaften. Diese Tendenzen haben, je nachdem in welchem Land man sich befindet, verschiedene Namen: Basisgewerkschaften, kämpferische Gewerkschaften, autonome Gewerkschaften oder gar Vollversammlungsgewerkschaften. Immer wenn das Proletariat dazu neigt, den Rahmen des von den etablierten Gewerkschaften organisierten Kampfes zu verlassen, stößt es auf diese Tendenzen. Je besser es den Arbeitern in ihrem Kampf gelingt, die direkte Kontrolle der offiziellen Gewerkschaftszentralen abzuschütteln, desto stärker werden sie mit diesen gewerkschaftlichen Tendenzen konfrontiert werden, die sich durch eine radikale Sprache und spektakuläre  Aktionen auszeichnen und deren Funktion darin besteht, den Ruf der Gewerkschaften wieder aufzubessern und die historische Antiquiertheit dieser Kampfform sowie die Macht- und Hilflosigkeit dieser Organisationsform zu übertünchen. Die Basisgewerkschafter reden trotz ihrer Kritik immer noch von der Möglichkeit, die Gewerkschaften wieder zu erobern und zu erneuern. Das heißt, sie kritisieren die offiziellen Gewerkschaften nur, um der "reinen" und "wahren" Gewerkschaftsarbeit das Wort zu reden.

 

Auf diese Arbeit haben sich vor allem die Organisationen der Linksextremen trotzkistischer, maoistischer, "autonomer" und anarchistischer Ausrichtung kapriziert. In Zeiten relativer Ruhe stellen sie die Aktivisten der gewerkschaftlichen Aktionen, während der Kämpfe selbst fungieren sie jedoch als hinterhältige und clevere Saboteure. Das Wirken der "Shop Stewards" (Vertrauensleute) in Großbritannien, der "Fabrikräte" in Italien, der "Asambleistas" in Spanien, der STL (Gewerkschaft der kämpferischen Arbeiter), der Gewerkschaft der Bankangestellten, der Bewegung in Longwy 1979-84 in Frankreich oder der "kämpferischen Tendenz" in der Solidarnosc ist in Wirklichkeit ein unabdingbarer Bestandteil, eine Ergänzung zu den offiziellen Gewerkschaften. Heutzutage gibt es keine "positive" Gewerkschaftsarbeit mehr. Die Gewerkschaften sind nicht unwirksam und eine Barriere für den Arbeiterkampf, weil die großen Gewerkschaften korrupt und schwerfällig sind. Ein wirksamer gewerkschaftlicher Kampf um Reformen für die Arbeiterklasse ist bei gleichzeitiger Respektierung der wirtschaftlichen Gesetze des im Verfall befindlichen Kapitalismus unmöglich. Er ist ein Anachronismus im dekadenten Kapitalismus, weil die Gewerkschaften sowohl die kleinen als auch die großen, zu staatlichen, gesellschaftserhaltenden Institutionen geworden sind.

 

 

All diese Tendenzen, welche die Möglichkeit einer "positiven" Gewerkschaftsarbeit propagieren, sind, unabhängig von ihrer ursprünglichen Motivation, ein einziges Hindernis für den Arbeiterkampf. Sie behindern den Massenstreik, der radikal, politisch und selbst organisiert sein muss. Somit sind sie die letzte Hürde, welche die Arbeiterklasse ihrem Befreiungskampf gegen die gewerkschaftlichen Fesseln aus dem Weg räumen muss.

 

 

 

Die Bedeutung der Basisgewerkschaften

 

 

 

Auch wenn es den Gewerkschaften mit ihren scheinradikalen Manövern bisher gelungen ist, den kämpferischen Bestrebungen der Arbeiter Zügel anzulegen, zeigen diese Phänomene gleichzeitig auch eine der Hauptschwächen der herrschenden Klasse auf. Die heutige Situation hat nichts mehr mit der Lage in den 30er Jahren zu tun, als die großen Gewerkschaften unangefochten an der Spitze der Arbeiterkämpfe standen, um sie auf nationalistische Abwege und später in den Krieg zu führen. Wenn jetzt, in den 80er Jahren, die großen Gewerkschaften es zulassen, dass sich "kämpferische", "führungsfeindliche", "aufrührerische" Tendenzen in ihren Reihen entwickeln, wenn die Gewerkschaftszentralen eine ihnen "feindlich" gesinnte Ideologie dulden, dann geschieht dies deshalb, weil sie sich angesichts der Tatsache, dass unter den Arbeitern ein noch nicht sichtbarer Prozess der Bewusstwerdung über das kapitalistische Wesen heutiger Gewerkschaften und ihrer Ideologie heranreift, um ihre Glaubwürdigkeit sorgen.

 

 

 

Die historische Verantwortung der Arbeiterklasse für die Zukunft der Menschheit

 

 

 

Das Schlimmste der Krise steht uns noch bevor. Die kapitalistische Maschinerie ist nicht darauf programmiert, an erster Stelle die Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen, sondern darauf, Profit zu erwirtschaften und Kapital zu akkumulieren. Wenn sie dazu nicht mehr fähig ist, wie das immer mehr , besteht ihre einzige Zuflucht in der Zerstörung von Kapital, gesellschaftlichen Reichtum, Menschen. Der Lebensrhythmus der Gesellschaft im dekadenten Kapitalismus wird vom Krieg (inkl. Kriegsvorbereitungen) und vom sich anschließenden Wiederaufbau bestimmt. Auch heute hat das Kapital nur eine "Antwort" auf seine Wirtschaftskrise: einen neuen, dritten Weltkrieg. Einen Krieg, der aller Voraussicht nach die gesamte Menschheit vernichten würde.

 

Doch die kapitalistische Produktionsweise ist ebenso wenig eine Naturerscheinung, wie dies seinerzeit die Sklavengesellschaft in der Antike oder der Feudalismus waren. Wie alle Ausbeutungssysteme ist auch der Kapitalismus eine Kreation der Menschheit, die Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse, die den Menschen aufgrund des Entwicklungsstands ihrer Produktivkräfte aufgezwungen wird. Sein Überleben hängt heute vom Ausgang des historischen Waffengangs zwischen Kapital und Arbeit, dem proletarischen Klassenkampf ab. Denn der Kampf des Proletariats im dekadenten Kapitalismus führt direkt zur Infragestellung der kapitalistischen Gesetze. Die Arbeiterkämpfe der letzten beiden Jahrhunderte haben mehr als einmal bewiesen, dass der Kampf des Weltproletariats nicht einfach aus der Summe zahlloser defensiver, zerstreuter, voneinander isolierter, losgelöster Zusammenstöße besteht. Der Kampf der Arbeiter in den 80er Jahren steht in direkter Kontinuität zu den Aufständen der Arbeiter von Lyon 1834, der Arbeiter der Pariser Kommune von 1871, zur Russischen Revolution von 1905 und 1917 und zum Aufstand der deutschen Arbeiter 1919. Der heutige Kampf hat eine historische Wurzel und eine eigene Logik - an seinem Ende kann nur eine vollständige soziale Revolution stehen, die eine neue Gesellschaft einleitet, welche die Produktivkräfte zum Nutzen der gesamten Menschheit einsetzt: der Kommunismus. Hinter jedem Streik erhebt sich das Gespenst der Revolution, sagte Lenin. Und gemäß den Worten Marx', dass man hinter dem Elend nicht nur das Elend sehen dürfe, stellen wir fest, dass die gegenwärtigen Kämpfe der Arbeiter der gesamten Welt und insbesondere Westeuropas eine Bewegung zur Sammlung, zum Wiederaufbau und zur bewussten Vereinigung der internationalen, revolutionären Kraft des Proletariats darstellen.

 

 

Trotz der gewerkschaftlichen Sabotage, trotz der gewaltigen ideologischen Kampagnen, trotz der Repression durch die Polizei, trotz der Bedrohung durch die Arbeitslosigkeit, die auf jedem Arbeiter lastet, trotz der Einheitsfront der internationalen Bourgeoisie gegen die proletarische Gefahr zeigen alle bedeutenden Kämpfe der letzten Jahre eine ungebrochene und wachsende Kampfbereitschaft des Proletariats. Der Kampf der polnischen Arbeiter 1980 war der wichtigste Ausdruck des proletarischen Widerstandes seit der internationalen revolutionären Welle Ende des I. Weltkriegs. Die Streiks im öffentlichen Dienst in Belgien und den Niederlanden 1983 waren die wichtigsten in der Geschichte dieser Länder; der Angriff der französischen Stahlarbeiter gegen Büros der Sozialistischen Partei in Longwy 1984 war ein Novum. Die Besetzung der Werften in der BRD waren die ersten größeren Betriebsbesetzungen seit den 20er Jahren, das gleiche gilt für die Mobilisierung für die 35-Stunden-Woche. Der Streik der britischen Bergarbeiter 1984/85 war der größte in diesem Land seit dem Generalstreik von 1926.

 

Doch was diese - nach 1968 - dritte internationale Welle von Klassenkämpfen, die 1983 begann, besonders auszeichnet, ist die Gleichzeitigkeit der Kämpfe auf internationaler Ebene. Der Kampf der Arbeiter kann erst dann in die Offensive übergehen, wenn der internationale Charakter dieser Kämpfe durch die Vereinigung über die Landesgrenzen der Nationalstaaten hinweg bewusst verwirklicht wird. Das Bewusstsein der Klasse, das für diese Vereinigung notwendig ist, wächst in den aktuellen Kämpfen langsam heran. Die Gleichzeitigkeit der gegenwärtigen Kämpfe auf globaler Ebene stellt den objektiven Rahmen dar, in dem sich schließlich die Vereinigung der Klasse vollzieht. In der konsequenten Weiterentwicklung der gegenwärtigen Kämpfe wächst die einzige Kraft heran, die die apokalyptische Logik des dekadenten Kapitalismus durchbrechen und der Menschheit eine neue Perspektive bieten kann.

 

 

Durch die heutigen Widerstandskämpfe bereitet sich das Weltproletariat auf die Übernahme seiner historischen Verantwortung vor. Doch das Proletariat kann sich nur emanzipieren und selbst seine unmittelbarsten Interessen nur verteidigen, wenn es eine größtmögliche Einheit und Klarheit entwickelt. Die Gewerkschaften entwaffnen und schwächen die Klasse, weil sie spalten und blenden. Die Arbeiterklasse kann ihre Stärken nur entwickeln, wenn sie sich außerhalb der und gegen die Gewerkschaften stellt. Diese Kernaussage der Broschüre ist richtiger denn je zuvor.

 

 

 

Januar 1985

 

 

 

 

 

 

Die Gewerkschaften gegen die Arbeiterklasse (1974)

 

 

 

Im letzten Jahrhundert war die Eroberung der Koalitionsfreiheit - des Rechts, sich in Gewerkschaften und anderen Organisationen zusammenzuschließen - eines der Hauptziele des Arbeiterkampfes.

 

Kaum war in Frankreich die Bourgeoisie an die Macht gekommen, aberkannte sie der Arbeiterklasse das gerade erst nach der Revolution von 1789 erlangte Koalitionsrecht Per Dekret vom 14. Juni 1791 wurde jeder Versuch der Arbeiter, sich zur Verteidigung ihrer gemeinsamen Interessen zusammenzuschließen, als "Anschlag auf die Freiheit und die Deklaration der Menschenrechte" gebrandmarkt. Ja, derlei Versuche waren strafbar und wurden mit 500 Pfund Strafgeld und dem Verlust der Bürgerrechte für die Dauer eines Jahres geahndet. Mehr als 50 Jahre mussten vergehen, bevor einige Verbesserungen durchgesetzt wurden, welche das Koalitionsrecht zwar "tolerierten", aber gleichzeitig die "Angriffe gegen die freie Ausübung der Gewerbe und gegen die Freiheit der Arbeit" weiterhin unter Strafe stellten. In England wurden die Anti-Koalitions-Gesetze nur langsam unter dem Druck des Proletariats abgeschafft. Nach den Reformen von 1825 und 1859 dauerte es noch bis zum Juni 1871, ehe es zur gesetzlichen Anerkennung der trade unions kam - bei gleichzeitiger Aufstellung neuer, die Tragweite dieser Anerkennung einschränkender Regeln. Ob gesetzlich sanktioniert oder nicht, die Gewerkschaften hätten nicht überleben können, ja, wären nicht einmal entstanden, wenn die Arbeiter nicht ständig dafür gekämpft hätten.

 

 

Heute sind die Beziehungen zwischen der Arbeiterklasse, den Gewerkschaften und dem Staat fundamental andere geworden. Zusammenstöße zwischen Gewerkschaften und Arbeitern sind zu einem wesentlichen Merkmal jedes konsequenten proletarischen Kampfes geworden. Seit 1919, als die Gewerkschaften an der blutigen Niederschlagung des Berliner Arbeiteraufstandes teilgenommen hatten, ist die Geschichte der wichtigsten Arbeiterkämpfe durch gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen dem Proletariat und den gewerkschaftlichen Organisationen gekennzeichnet. Seit dem Wiederaufflammen des Klassenkampfes 1968 hat sich dieses Phänomen in allen Ländern nur noch weiter verstärkt. Der große Streik im Mai 1968 in Frankreich begann ohne die Gewerkschaften; in Italien warfen die Arbeiter während des "heißen Sommers" 1969 die Gewerkschaftsdelegierten aus den Vollversammlungen heraus; in England waren die meisten Streiks, deren Anzahl seit Anfang der 60er Jahre und besonders zwischen 1968 und 1972 sprunghaft in die Höhe geschnellt war, so genannte "wilde Streiks", d.h. gegen die Gewerkschaften gerichtet; in Belgien kam es nach 1970 immer häufiger zu antigewerkschaftlichen Streiks, die 1973 mit dem Sturm der streikenden Hafenarbeiter Antwerpens auf das Gewerkschaftshaus ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. In Venezuela nahmen die Arbeiter des größten Industriezentrums des Landes Gewerkschaftsdelegierte als Geisel und stellten sich der Armee entgegen, die diese befreien wollte; in Polen stießen 1970 die Werftarbeiter mit der "Arbeiterpartei" und den Gewerkschaften in aufstandsartigen Kämpfen zusammen, die mehrere Hundert Tote forderten.

 

Umgekehrt sind die Beziehungen zwischen dem bürgerlichen Staat und den "Arbeitergewerkschaften" umso enger geworden: In den (so genannten "kommunistischen") staatskapitalistischen Ländern sind die Gewerkschaften offiziell in den Staatsapparat integriert, so wie die Polizei oder die Armee. Ihre Rolle ist ganz klar definiert: Handlanger des Staates. Ihre Funktion ist es, die Arbeiter in den Betrieben an sich zu binden, zu kontrollieren, sie polizeilich zu überwachen ("Respektierung der Arbeitsdisziplin") und dazu zu veranlassen, sich den Imperativen der kapitalistischen Produktion (Produktivitätssteigerung, Lohnsenkungen) zu unterwerfen. Das Exekutivkomitee der chinesischen Gewerkschaftszentrale forderte auf seiner Sitzung vom 10. Juli 1953 beispielsweise, dass man "auf allen gewerkschaftlichen Ebenen die Steigerung der Arbeitsdisziplin als die wesentlichste permanente Aufgabe betrachtet". Es empfahl ferner, "die störenden Elemente, die dauernd gegen die Arbeitsdisziplin verstoßen, entsprechend zu bestrafen"! Und der X. Kongress der sowjetischen Gewerkschaften definierte die Ziele der Gewerkschaften folgendermaßen: "den sozialistischen Wettbewerb zu organisieren, um die Erfüllung und die Überschreitung der Produktionspläne, die Steigerung der Produktivität, die Senkung der Herstellungskosten zu erreichen" (aus "Le syndicalisme dann le monde", G. Lefranc, Verlag Que sais-je?)

 

 

 

In den Ländern, in denen sich der Staat so genannter "demokratischer' Regierungsmechanismen bedient, ist die Zusammenarbeit zwischen Staat und Gewerkschaften nicht so offenkundig, nicht so offiziell, aber genauso real. Sie tritt etwas klarer in jenen Ländern hervor, wo die Gewerkschaften an Parteien gebunden sind, die bereits an einer Regierung beteiligt waren. Skandinavien, Großbritannien, der BRD, Belgien etc. In Belgien z.B. nehmen die Gewerkschaften seit 1918 an der "konzertierten Aktion" teil, die vom Staat für die Beziehungen zwischen Unternehmern und Gewerkschaften organisiert wird; sie sind in den Arbeitsgerichten vertreten, die über Konflikte zwischen Arbeitern und Unternehmern entscheiden. Im "Zentralen Wirtschaftsrat" sowie in der Nationalbank Belgiens besitzen sie ein Mitspracherecht. Sie werden vom Staat subventioniert, um sich um die Verwaltung des Arbeitslosengeldes für die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zu kümmern. Sie sind von Staats wegen eng an der Verwaltung der nationalen Wirtschaft, d.h. der Lohnsklaverei, beteiligt.

 

 

In jenen Ländern, wo die Gewerkschaften an oppositionelle Parteien gebunden sind, erscheint ihre Mitarbeit im Staat nicht so selbstverständlich. Dies war lange bei den Gewerkschaften in Frankreich und Italien der Fall. Ihre Integration in den Staatsapparat - selbst in institutionalisierter Form -  hat das nicht verhindert. So werden die "repräsentativen" Gewerkschaften in Frankreich beispielsweise vom Staat finanziell unterstützt, sie nehmen am Planungsrat sowie am Wirtschafts- und Sozialbeirat teil, an betrieblichen Schlichtungskommissionen, werden in allen wichtigen sozialen Belangen vom Staat befragt etc.

 

In allen Fällen sind die großen Gewerkschaften zu sehr honorigen und offiziellen "Arbeitervertretern" im bürgerlichen Staat und somit zu einem Bestandteil dieses Staates geworden.

 

 

So wünscht sich heute der Präsident des französischen Unternehmerverbandes etwas, was seine Vorfahren 1789, die revolutionäre Bourgeoisie, noch so energisch bekämpft hatten - eine "starke Gewerkschaftsbewegung": "Als Gegengewicht zur Freiheit der Unternehmer ist es wünschenswert, dass sich die Arbeitergewerkschaften behaupten können. Je mehr ich persönlicher Verfechter der Freiheit bin, desto mehr wünsche ich mir eine starke Arbeitergewerkschaftsbewegung. Und dies macht wahrhaftig die Konzeption einer kohärenten Gesellschaft aus." (F. Ceyrac, Präsident des französischen Unternehmerverbandes CNPF, von der französischen Wochenzeitschrift L'Express veröffentlicht)

 

Heute vertieft sich die ökonomische Krise des Weltkapitalismus und führt so ein Wiederaufflammen der Arbeiterkämpfe herbei, deren gleichzeitig weltweite Ausbreitung ohne Beispiel in der Geschichte ist. Angesichts dessen muss das Proletariat die Konsequenzen aus seinen Niederlagen und dem Sieg der Konterrevolution in den letzten 50 Jahren ziehen. Es muss zu seinem Bewusstsein zurückfinden, um eine klare Antwort auf die Frage zu geben, die ihm die raue Wirklichkeit der Geschichte gestellt hat. Sind diese "wilden", antigewerkschaftlichen Kämpfe, die in den letzten E Jahren immer wieder sporadisch aufgeflammt waren und die sich heute überall auf der Welt entfalten, Ausnahmen und Randerscheinungen? Oder sind sie der klare Ausdruck der einzigen Form, die der Kampf des Proletariats der gegenwärtigen historischen Periode annehmen kann?

 

 

Ist die Integration der Gewerkschaften in den Staatsapparat ein reales Phänomen, endgültig und unwiderruflich, oder ist sie eine vorübergehende Erscheinung? Drücken die Gewerkschaften noch die Interessen der Arbeiter aus, können sie von den Arbeitermassen wieder gewonnen werden und, wenn nicht, kann man neue Formen der gewerkschaftlichen Organisation schaffen? Ganz allgemein: Kann die Form der Arbeiterkämpfe im dekadenten Kapitalismus von heute dieselbe bleiben wie im aufsteigenden  Kapitalismus des 19. Jahrhunderts?

 

Das Proletariat kann nur aus seiner eigenen historischen Erfahrung Lehren für seinen Kampf ziehen. Die Möglichkeit, sich als revolutionäre Klasse zu entwickeln, hängt von seiner Fähigkeit ab, diese Erfahrungen in sich aufzunehmen. Um diese wichtigen Fragen beantworten zu können, müssen wir die Entwicklung der Gewerkschaften und die allgemeinen Formen der Arbeiterkämpfe im 19. Jahrhundert untersuchen.

 

 

 

Der Arbeiterkampf im aufsteigenden Kapitalismus

 

 

KOALITIONEN UND GEWERKSCHAFTEN IM 19. JAHRHUNDERT

 

 

 

Marx fasste das Wesentliche im Prozess der Bildung der ersten Arbeiterorganisationen folgendermaßen zusammen: "Die ersten Versuche der Arbeiter, sich untereinander zu assoziieren, nehmen stets die Form von Koalitionen an. Die Großindustrie bringt eine Menge einander unbekannter Leute an einem Ort zusammen. Die Konkurrenz spaltet sie in ihren Interessen; aber die Aufrechterhaltung des Lohnes, dieses gemeinsame Interesse gegenüber ihrem Meister, vereinigt sie in einem gemeinsamen Gedanken des Widerstandes - KOALITION. So hat die Koalition stets einen doppelten Zweck, den, die Konkurrenz der Arbeiter unter sich aufzuheben, um dem Kapitalismus eine allgemeine Konkurrenz machen zu können. Wenn der erste Zweck des Widerstandes nur die Aufrechterhaltung der Löhne war, so formieren sich die anfangs isolierten Koalitionen in dem Maß, wie die Kapitalisten ihrerseits sich behufs der Repression vereinigen zu Gruppen, und gegenüber dem stets vereinigten Kapital wird die Aufrechterhaltung der Assoziation notwendiger für sie als die des Lohnes. Das ist so wahr, dass die englischen Ökonomen ganz erstaunt waren zu sehen, wie die Arbeiter einen großen Teil ihres Lohnes zugunsten von Assoziationen opfern, die in den Augen der Ökonomen nur zugunsten des Lohnes errichtet wurden. (...) In England hat man sich nicht auf partielle Koalitionen beschränkt, die keinen anderen Zweck hatten als einen augenblicklichen Strike und mit demselben wieder verschwanden. Man hat dauernde Koalitionen geschaffen, TRADE UNIONS, die den Arbeitern in ihren Kämpfen mit den Unternehmern als Schutzwehr dienen." (Marx in Elend der Philosophie, MEW Bd. 4, S. 180).

 

Die Gewerkschaften (trade unions) kommen also als permanente Organisationen der Klasse zur Welt, deren Ziel der organisierte Widerstand der Arbeiter gegen das Kapital ist. Als Produkt bestimmter ökonomischer Bedingungen und als Instrumente in einem Konflikt, dessen Grundlage ökonomisch ist, können sie im Gegensatz zu dem, was die Anarchosyndikalisten und Reformisten behaupten, nur politisch sein.

 

 

 

Denn alles, was mit den Staatsgeschäften zu tun hat, ist politischer Natur. Indem der bürgerliche Staat als Mittler zwischen Kapital und Arbeit auftritt und damit die Herrschaft der Lohnarbeit sanktioniert, ist jeder Widerstand gegen Letztere notwendigerweise auch ein Kampf gegen den Staat und somit ein politischer Kampf.

 

 

In diesem Sinne äußerte sich auch Marx: "In diesem Kampf - ein veritabler Bürgerkrieg - vereinigen und entwickeln sich alle Elemente für eine kommende Schlacht. Einmal auf diesem Punkte angelangt, nimmt die Koalition einen politischen Charakter an. Die ökonomischen Verhältnisse haben zuerst die Masse der Bevölkerung in Arbeiter verwandelt. Die Herrschaft des Kapitals hat für diese Masse eine gemeinsame Situation, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese Masse bereits eine Klasse gegenüber dem Kapital, aber noch nicht für sich selbst. In dem Kampf, den wir nur in einigen Phasen gekennzeichnet haben, findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sie sich als Klasse für sich selbst. Die Interessen, welche sie verteidigt, werden Klasseninteressen. Aber der Kampf von Klasse zu Klasse ist ein politischer Kampf. (...) Man sage nicht, dass die gesellschaftliche Bewegung die politische ausschließt. Es gibt keine politische Bewegung, die nicht gleichzeitig auch eine gesellschaftliche wäre." (ebenda, S. 180 ff.)

 

 

 

Wenn es aber klar ist, dass der Klassenkampf des Proletariats unvermeidlich politisch ist, da er es unmittelbar mit der Regierung des Staates zu tun bekommt, muss man auch untersuchen, welche Form diese Kämpfe annehmen.

 

Im 19. Jahrhundert gab die historische Realität des aufsteigenden Kapitalismus dem politischen Kampf des Proletariats in der Tat die Möglichkeit, sich auf zwei Ebenen auszudrücken: einerseits durch den Kampf auf der Ebene des bürgerlichen Staates, mit dem Ziel der Erlangung politischer und ökonomischer Reformen, und andererseits durch die Vorbereitung des revolutionären Kampfes für die Zerstörung des bürgerlichen Staates und jener Gesellschaft, die ihn hat entstehen lassen.

 

 

 

DER KAMPF UM REFORMEN

 

 

 

Im 19. Jahrhundert erreichte der Kapitalismus den Höhepunkt seiner historisch aufsteigenden Phase. Die größten Wirtschaftsmächte dehnten die Herrschaft des Kapitalismus aus, so dass er die Welt nach seinem Bilde transformieren konnte. Die englischen, amerikanischen, französischen und deutschen Kapitalisten fanden für ihre expansive Produktion in der ganzen Welt Absatzmärkte, die unersättlich schienen. Das war die große Zeit der imperialistischen Entwicklung und der industriellen Revolutionen.

 

 

Unter diesen historischen Umständen war die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse nicht nur eine objektiv bestehende Möglichkeit; sie hatte auch in einigen Fällen eine stimulierende Wirkung auf die Entwicklung des Kapitalismus. So bedeutete beispielsweise die Einführung des Zehnstundentages für die englische Arbeiterklasse im Jahre 1848 nicht nur eine wirkliche Errungenschaft (in dem Sinne, dass sie nicht sofort wieder durch den Zwang, Überstunden zu leisten, aufgehoben wurde), sondern sie drückte sich auch positiv in der englischen Wirtschaft aus. So kommentierte Marx, als er die Notwendigkeit und die Möglichkeit ökonomischer Reformen erläuterte, dieses

 

 

 

Ereignis in Lohn, Preis und Profit wie folgt: "(die offiziellen Ökonomen) drohten mit Abnahme der Akkumulation, Steigerung der Preise, Verlust der Märkte, Schrumpfung der Produktion, daher entspringendem Rückschlag auf die Löhne und schließlichem Ruin (im Falle des Zehnstundentages) (...) Schön, was war das Resultat? Steigerung des Geldlohns der Fabrikarbeiter trotz der Verkürzung des Arbeitstages, große Zunahme der Zahl der beschäftigten Fabrikarbeiter, anhaltendes Fallen der Preise ihrer Produkte, wunderbare Entwicklung der Produktivität ihrer Arbeit, unerhört fortschreitende Ausdehnung der Märkte für ihre Waren." (Marx in Lohn, Preis und Profit, MEW Bd. 16, S. 110)

 

Unter solchen Voraussetzungen war der Kampf um demokratische Rechte eine Notwendigkeit für das Proletariat. Die Eroberung des all-gemeinen Wahlrechts, des Koalitionsrechtes und schließlich der parlamentarische Kampf waren der politische Ausdruck, die untrennbare Folge des Kampfes der gewerkschaftlichen Organisationen. Der Kampf um Reformen und die Möglichkeit, diese auch durchzusetzen führten zur Entstehung der Gewerkschaftsbewegung und des Parlamentarismus als spezifische Formen des proletarischen Kampfes im aufsteigenden

 

 

 

Kapitalismus. Die Bourgeoisie gewährte jedoch solche Reformen nie freiwillig. Jede Konzession an das Proletariat war unmittelbar ein Nachteil für den Profit der Einzelkapitale. Erst auf einer allgemeinen Ebene und nach einiger Zeit setzten sich solche Zugeständnisse als positive Anregung für das kapitalistische Wachstum durch. So waren alle Reformen, die die Arbeiterklasse den Herrschenden abtrotzte, das Resultat eines harten Kampfes und genau hierin bestand der Sinn des von ihr im 19. Jahrhundert geführten Kampfes.

 

 

Im Übrigen regierte die Bourgeoisie in dieser Periode des Freien Handels durch ihr Parlament. Innerhalb dieser Institution kämpften die verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie wirklich gegeneinander und entschieden die Regierungspolitik. Das allgemeine Wahlrecht stellte für die Arbeiterklasse tatsächlich ein Mittel der Einflussnahme auf die Politik des bürgerlichen Staates dar, da sie auf dieser Ebene vertreten sein konnte. Das heißt nicht, dass die bürgerlichen Parlamente mit den Vertretern der Arbeiterorganisationen gemeinsame Sachen machten; auf der Ebene des bürgerlichen Staates kann es kein Gleichgewicht der Macht von Bourgeoisie und Proletariat geben, deshalb wird sich hier der Klassenantagonismus immer für die bürgerliche Klasse zum Vorteil auswirken. Aber die Bourgeoisie dieser Zeit war noch in reaktionäre und fortschrittliche Fraktionen aufgeteilt. Die moderne Bourgeoisie kämpfte noch gegen die Vertreter des alten Regimes, deren ökonomische Macht noch bedeutend war, sowie gegen die rückständigsten Fraktionen ihrer eigenen Klasse. Also wie das Manifest es sagt: "Die Organisierung der Proletarier zur Klasse ... erzwingt die Anerkennung einzelner Interessen der Arbeiter in Gesetzesform, indem sie die Spaltungen der Bourgeoisie unter sich benutzt." (MEW, Bd. 4, S. 471)

 

 

 

DER REVOLUTIONÄRE KAMPF

 

 

 

Der Kampf um Reformen war nur ein Aspekt im proletarischen Kampf des 19. Jahrhunderts. Die Arbeiterklasse ist eine ausgebeutete Klasse, und keine Reform, welcher Art auch immer, kann ihre Befreiung herbeiführen. Der tiefe Sinn des proletarischen Kampfes besteht nicht im Ringen um die Verbesserung der Bedingungen, unter denen die Arbeiterklasse ausgebeutet wird, sondern im Kampf für die Aufhebung der Ausbeutung selbst, was in seinem Verlauf immer deutlicher zu Tage tritt.

 

"Eine unterdrückte Klasse ist die Lebensbedingung jeder auf den Klassengegensatz begründeten Gesellschaft. Die Befreiung der unterdrückten Klasse schließt also notwendigerweise die Schaffung einer neuen Gesellschaft ein." (Marx in Elend der Philosophie, S. 181)

 

 

Daher betrachten die proletarischen Revolutionäre den Kampf um Reformen weder als eine wirkliche Perspektive der Arbeiterklasse noch als eine wichtige Leitidee ihres Handelns. In seinen eigenen Grenzen eingeschlossen, konnte der Kampf um Reformen schließlich nur zu einer Bewahrung der Ausbeutung führen; er stellte für sich genommen kein Schritt auf dem Weg zur vollkommenen Befreiung der ausgebeuteten Klasse dar, sondern eine zusätzliche Kette, die das Proletariat an den Kapitalismus schmiedet. So nachdrücklich Marx die Notwendigkeit des Ringens um Reformen verteidigte, so heftig denunzierte er auch diejenigen reformistischen Tendenzen, welche die Arbeiterklasse dazu verleiten wollten, sich mit Reformen zu begnügen, und die im Lohnkampf nichts anderes erblickten als einen - Lohnkampf, statt diesen als Schule des Klassenkampfes zu betrachten, in der die Arbeiter die Waffen für ihre endgültige Befreiung schmieden. Er bezeichnete jene Tendenz, die sich Illusionen über die Möglichkeiten des parlamentarischen Kampfes machte und ein Übermaß an Energie darin investierte, als "parlamentarischen Kretinismus".

 

Hinsichtlich des Kampfes um Reformen sagte das Kommunistische Manifest: "Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter." Und in Lohn, Preis und Profit: "Gleichzeitig, und ganz unabhängig von der allgemeinen Fron, die das Lohnsystem einschließt, sollte die Arbeiterklasse die endgültige Wirksamkeit dieser tagtäglichen Kämpfe nicht überschätzen. Sie sollte nicht vergessen, dass sie gegen Wirkungen kämpft, nicht aber gegen die Ursachen dieser Wirkungen; dass sie zwar die Abwärtsbewegung verlangsamt, nicht aber ihre Richtung ändert; dass sie Palliativmittel anwendet, die das Übel nicht kurieren. Sie sollte daher nicht ausschließlich in diesem unvermeidlichen Kleinkrieg aufgehen, der aus den nie enden wollenden Gewalttaten des Kapitals oder aus den Marktschwankungen unaufhörlich hervorgeht.

 

 

 

Sie sollte begreifen, dass das gegenwärtige System bei all dem Elend, das es über sie verhängt, zugleich schwanger geht mit den MATERIELLEN BEDINGUNGEN und den gesellschaftlichen Formen, die für eine ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft notwendig sind. Statt des KONSERVATIVEN Mottos: `Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!' sollte sie auf ihr Banner die REVOLUTIONÄRE Losung schreiben: `Nieder mit dem Lohnsystem!'"

 

 

Gleichfalls stand in der Resolution der Ersten Internationale über die Gewerkschaften: "Das unmittelbare Ziel der Gewerksgenossenschaften beschränkte sich daher auf die Erfordernisse des Tages, auf Mittel zur Abwehr der ständigen Übergriffe des Kapitals, mit einem Wort, auf Fragen des Lohns und der Arbeitszeit. Diese Tätigkeit der Gewerksgenossenschaften ist nicht nur rechtmäßig, sie ist notwendig." Aber: "Die Gewerksgenossenschaften haben sich bisher zu ausschließlich mit dem lokalen und unmittelbaren Kampf gegen das Kapital beschäftigt und haben noch nicht völlig begriffen, welche Kraft sie im Kampf gegen das System der Lohnsklaverei selbst darstellen. Sie haben sich deshalb zu fern von allgemeinen sozialen und politischen Bewegungen gehalten (...). Abgesehen von ihren ursprünglichen Zwecken müssen sie jetzt lernen, bewusst als organisierende Zentren der Arbeiterklasse zu handeln, im großen Interesse ihrer vollständigen Emanzipation. Sie müssen jede soziale und politische Bewegung unterstützen, die diese Richtung einschlägt." (Marx in Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrates zu den einzelnen Fragen, MEW Bd. 16, S. 196 ff.)

 

Für die Revolutionäre des 19.. Jahrhunderts standen der Kampf um die Verbesserung der Existenzbedingungen und die Eindämmung der Ausbeutung einerseits sowie andererseits das Verständnis dieses Kampfes als ein Moment der revolutionären Bewegung über den Tageskampf hinaus in einem engen Zusammenhang. Die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts parallel zu den aufstrebenden Gewerkschaften entwickelnden marxistischen Arbeiterparteien wollten in diesem Sinne nicht nur die parlamentarischen Vertreter der Arbeiterklasse stellen, sondern auch als treibende Kraft hinter den Gewerkschaften wirken, als Organisationen, die über allen lokalen Auseinandersetzungen und Teilkämpfe stets die gemeinsamen Interessen des gesamten Proletariats als weltweite und, im Sinne der Geschichte, revolutionäre Klasse stellen.

 

 

Die anfangs wenig dauerhaften Koalitionen waren in Gestalt der Gewerkschaften zu permanenten Organisationen geworden, die in enger Zusammenarbeit mit den parlamentarischen Massenparteien und auf der Grundlage des systematischen, immer weiter voranschreitenden Kampfes um Reformen den Rahmen bildeten, in dem das Proletariat seine Einheit herstellte und sein Klassenbewusstsein entwickelte.

 

 

 

DER REFORMISMUS UND DIE ZERSETZUNG DER GEWERKSCHAFTEN

 

 

 

Die Tatsache, dass der Kapitalismus sich in seiner aufstrebenden Phase befand und den Höhepunkt seiner Entwicklung noch nicht überschritten hatte, beinhaltete jedoch, dass seine Zerstörung durch die kommunistische Revolution noch nicht unmittelbar auf der Tagesordnung der Geschichte stand. Angesichts der Entwicklung der Produktivkräfte unter den kapitalistischen Produktionsverhältnissen sowie der Erfolge des parlamentarischen und gewerkschaftlichen Kampfes um wirkliche Reformen zugunsten der Arbeiterklasse erschien die Idee der kommunistischen Revolution als fernes, unerreichbares Ziel. Die von Marx bereits angeprangerten Illusionen über Reformismus und Parlamentarismus entwickelten sich fort. Unter der Devise: "Das Endziel ist mir nichts, die Bewegung alles" machte sich allmählich der Reformismus in der Arbeiterbewegung breit. Die Vertreter der Arbeiterklasse gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft wurden nach und nach zu Vertretern Letzterer gegenüber der Arbeiterklasse. Immer mehr beherrschte die gewerkschaftliche und parlamentarische Bürokratie die proletarischen Organisationen.

 

Diese Entwicklung fand einen ihrer wesentlichen Ausdrücke in dem Bestreben, den politischen und wirtschaftlichen Kampf voneinander zu trennen. Die Partei wurde als ausschließlich parlamentarischer Apparat begriffen, und die Gewerkschaften wurden zu rein ökonomischen Organisationen gemacht. Die Teilung des proletarischen Kampfes in einen politischen und einen ökonomischen Kampf hatte in Wirklichkeit die Integration beider Organisationen in das Räderwerk des kapitalistischen Staates zur Folge.

 

 

Die revolutionäre Linke der II. Internationale führte einen ständigen Kampf gegen diese allgemeine Degenerierung. So schrieb Rosa Luxemburg: "Es gibt nicht zwei verschiedene Klassenkämpfe der Arbeiterklasse, einen ökonomischen und einen politischen, sondern es gibt nur EINEN Klassenkampf, der gleichzeitig auf die Einschränkung der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und auf die Abschaffung der Ausbeutung mitsamt der bürgerlichen Gesellschaft gerichtet ist." (Rosa Luxemburg in Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, Ges. Werke Bd. 2, S. 155)

 

Es gelang der Linken jedoch nicht, diese Entwicklung aufzuhalten. Mit dem Eintritt des Kapitalismus in seine Niedergangsphase wechselten die Gewerkschaften und parlamentarischen Parteien ohne viel Federlesens in das bürgerliche Lager.

 

 

 

Die Gewerkschaften im dekadenten Kapitalismus

 

 

DIE DEKADENZ DES KAPITALISMUS

 

 

 

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die Bedingungen obsolet zu werden, die die außerordentliche Entwicklung des Kapitalismus ermöglicht hatten. Die Bildung des Weltmarktes war abgeschlossen. Die Auseinandersetzungen zwischen den imperialistischen Mächten um die Beherrschung der Märkte nahmen immer schärfere Formen an, da ihre Bedürfnisse nach Absatzmärkten für ihre Produkte die Aufnahmekapazität des Weltmarktes immer wieder überforderten. Die Entwicklung des Kapitalismus selbst führte zu wachsenden Schwierigkeiten bei seiner Expansion. Es gab "zu viel" Kapitalisten für die bestehenden Absatzmärkte. Die Nationalstaaten, die zuletzt auf dem Weltmarkt erschienen (insbesondere Russland, Italien und Deutschland), konnten sich nur auf Kosten der bereits etablierten Großmächte entfalten. Seit Beginn dieses Jahrhunderts häuften sich die Zusammenstöße zwischen den imperialistischen Mächten.

 

Infolgedessen wurde das wirtschaftliche und soziale Leben aller Nationen immer stärker durchgeschüttelt. Denn um im Konkurrenzkampf mithalten zu können, welcher sich auf ökonomischer als auch militärischer Ebene entwickelt, muss jede nationale Wirtschaft all ihre Anstrengungen auf die Senkung der Produktionskosten richten, um sich die notwendigen Mittel zur Entwicklung von Waffensystemen und zur Aufstellung von Armeen zu verschaffen, die dem Stand der modernen Technik entsprechen. Der Spielraum des nationalen Kapitals, der es bisher dem Proletariat ermöglicht hatte, dem Kapitalismus Reformen abzutrotzen, verringerte sich immer mehr. Der Krieg, den die kapitalistischen Nationen gegeneinander führten, schlug sich im Innern in einem Kampf des Kapitals gegen jede Verbesserung der Lebensbedingungen der produzierenden Klasse nieder. Die ökonomische und militärische Stärke eines jeden Kapitals hing mehr denn je von seiner Fähigkeit ab, ein Höchstmaß an Mehrwert aus den Ausgebeuteten zu pressen. Kein nationales Kapital konnte seinem Proletariat Zugeständnisse machen, ohne auf internationaler Ebene an Boden zu verlieren.

 

 

Die objektiven ökonomischen Grundlagen, die das Proletariat dazu geführt hatten, seine Aktivität als Klasse auf den systematischen Kampf um die Erlangung von Reformen zu orientieren, zerbröckelten endgültig und enthüllten die sich deshalb verschärfenden grundsätzlichen Widersprüche zwischen den Klassen. Auf politischem Gebiet setzten sich die mächtigsten Fraktionen jeder nationalen Bourgeoisie gegenüber dem Rest ihrer Klasse durch und konzentrierten in zunehmendem Maße die ganze Macht in den Händen der ausführenden Gewalt des Staates. Das Parlament wurde so zu einer Kammer, die nur noch Entscheidungen zur Kenntnis nahm und als solche nur für den politischen Betrug und als Spektakel aufrechterhalten wurde. Die Blütezeit des Kapitalismus ging zu Ende und die Phase seines historischen Verfalls begann.

 

Diese bedeutende Umwälzung führte nun aber zur vollständigen Veränderung der Voraussetzungen des proletarischen Kampfes. Nun waren die Zeiten vorbei, in denen das Proletariat über Verbesserungen seines Lebens verhandeln konnte, in der es die Differenzen zwischen Fraktionen der Bourgeoisie zu seinen Gunsten ausnutzen konnte, vorüber auch jene Zeiten, in denen die Verbesserung seiner Existenzbedingungen auch die kapitalistische Entwicklung vorantreiben konnte, vorüber auch jene Epoche, in der es sich die Verwirklichung eines "Minimal-Programms zum Ziel setzen konnte. Seitdem steht vor ihm ein immer mehr zentralisierter, mächtiger und allgegenwärtiger Staat, der ihm nichts weiter als eine immer gnadenlosere Ausbeutung und die Rolle als Kanonenfutter in den imperialistischen Kriegen anzubieten hat. Die Methoden des indirekten politischen Kampfes - Druck auf den kapitalistischen Staat durch parlamentarische Parteien und Gewerkschaften auszuüben - waren angesichts der Notwendigkeit des Überlebens jedes kapitalistischen Staates zum Scheitern verurteilt. Jedes Reformprogramm wurde zu einer unrealisierbaren Utopie und alle Kampfmethoden mit dieser Perspektive wurden zu Hindernissen für die Durchsetzung der proletarischen Interessen.

 

 

Der Erste Weltkrieg kennzeichnete den Eintritt des Kapitalismus in seine Dekadenzphase. Er stellte gewaltsam das Proletariat und seine Organisationen vor die Alternative: "Krieg oder Revolution", "Sozialismus oder Barbarei". Entweder begann das Proletariat den revolutionären direkten Massenkampf, wobei es seine jetzt ungeeigneten Kampf- und Organisationsformen aufgeben musste, oder es unterwarf sich der kapitalistischen Barbarei.

 

 

 

Der alte gewerkschaftliche und parlamentarische Apparat der II. Internationale, bis auf die Knochen vom Reformismus zerfressen, zögerte nicht lange. Er ging mit Sack und Pack ins bürgerliche Lager über und begann sofort, diesem als Werber für das imperialistische Schlachten zu dienen.

 

Im Verlauf der revolutionären Aufstände, die Europa am Ende des Krieges erschütterten, schufen die Arbeiter Kampf- und Organisationsformen, die schon 1905 in den Kämpfen des jungen russischen Proletariats entstanden waren: in Räten organisierte Massenkämpfe. Schon da standen die Arbeiter den Gewerkschaften und den parlamentarischen Parteien gegenüber, die alle auf Seiten der Bourgeoisie Stellung bezogen hatten.

 

 

 

DIE INTEGRATION DER GEWERKSCHAFTEN IN DEN KAPITALISTISCHEN STAAT

 

 

 

Seit dem I. Weltkrieg hat die Dekadenz des Kapitalismus die Menschheit in einen barbarischen Zyklus gestürzt: Krise - Krieg - Wiederaufbau - Krise usw. Dadurch sind historische Bedingungen geschaffen worden, die eine Verteidigung der proletarischen Interessen durch den Kampf um Reformen verunmöglicht und jede Organisation, die auf

 

 

 

dieser Ebene kämpft, dazu zwingt, sich als bürgerliche Kraft in das Räderwerk des Staates zu integrieren. Diese Bedingungen bestehen in der Unmöglichkeit, Reformen zu erlangen, sowie in der Entwicklung des staatlichen Totalitarismus.

 

 

 

DIE UNMÖGLICHKEIT VON REFORMEN

 

 

 

Um im bis zum Äußersten verschärften Konkurrenzkampf zu bestehen, muss die Bourgeoisie die unproduktiven Ausgaben decken, die proportional mit der Vertiefung der systemimmanenten Widersprüche wachsen, nämlich unter anderem:

 

 

- Die Aufrechterhaltung eines immer monströseren staatlichen Polizei-   und Verwaltungsapparates,

 

- eine gigantische Rüstungsproduktion, die in Ländern wie den USA oder der UdSSR bis zu 50 Prozent des Staatshaushaltes ausmacht,

 

 

- die Subventionierung von immer mehr Industriebereichen, die ein chronisches Defizit aufweisen,

 

- die Ausgaben für Marketing, Werbung, im Allgemeinen für den tertiären Sektor.

 

 

Unter diesen Bedingungen kann die Bourgeoisie selbst unter dem Druck starker Arbeiterkämpfe keine wirklichen Reformen mehr zugestehen.

 

Die Feststellung, dass seit mehr als einem halben Jahrhundert all die Lohnkämpfe zu keinem greifbaren Resultat geführt haben, ist daher eine Banalität. Im Grunde dienen Lohnerhöhungen heute nur noch dem Bestreben, den ständigen Preiserhöhungen nachzulaufen. Die im Juni 1936 dem französischen Kapital entrissenen Lohnerhöhungen (die Verträge von Matignon mit 12%-igen Lohnerhöhungen) wurden binnen sechs Monate de facto wieder rückgängig gemacht: Allein vom September 1936 bis zum Januar 1937 stiegen die Preise durchschnittlich um 11 Prozent. Außerdem wissen wir, was von den 1968 in den Verträgen von Grenelle erlangten Lohnerhöhungen nach einem Jahr übrig geblieben ist.

 

 

Auf dem Gebiet der Arbeitsbedingungen stoßen wir auf dasselbe Phänomen. Während der Kapitalismus in seiner aufsteigenden Phase unter dem Druck der Arbeiterklasse tatsächlich die Arbeitszeit reduzierte (zwischen 1850 und 1900 sank die Arbeitszeit in Frankreich von 72 auf 64,5 Wochenstunden und in den USA von 63 auf 55,3 Wochenstunden), stagniert sie im dekadenten Kapitalismus oder steigt gar wieder an (ganz zu schweigen von den immer längeren Fahrzeiten zur Arbeit). Im Mai/Juni 1968 hat die französische Arbeiterklasse die 1936 scheinbar durchgesetzte Forderung wieder aufgreifen müssen: Die 1936 eingeführte 40-Stunden-Woche wurde 1949 auf 44,3 und 1962 auf 45,7 Stunden verlängert! (1)

 

 

 

Die Wiederaufbauperiode, die sich 1945 nach den Nöten der Krise und der Katastrophe des Krieges eröffnete, konnte den Eindruck erwecken, dass eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen möglich ist. Die relative Prosperität in den Wiederaufbaujahren hatte zu einem gewissen Rückgang der Arbeitslosigkeit geführt und damit für eine gewisse Sicherheit der Arbeitsplätze gesorgt. Die Protagonisten des Systems sprachen von einer "Aufsehen erregenden" Erhöhung des Lebensstandards in den Industrieländern. Was aber verbarg sich hinter dieser "Verbesserung", die manchen sogar dazu verleitete, vom Verschwinden des Proletariats zu sprechen, das sich in der so genannten "Konsumgesellschaft" aufgelöst hätte?

 

 

 

Eine verstärkte Ausbeutung

 

 

 

Es sind vor allem die Dauer der Arbeitszeit und das Ausmaß der Ausbeutungsintensität, die die Arbeitsbedingungen bestimmen. In dieser Hinsicht ist den Arbeitern im dekadenten Kapitalismus kein wesentliches Zugeständnis gemacht worden. Zwar ging die Arbeitszeit offiziell zurück, doch mit dem Zwang zur Überstundenarbeit und mit den längeren Fahrzeiten wird die offizielle Reduzierung wieder aufgehoben.

 

"In rein ökonomischer Hinsicht ist die Lage der Arbeiterklasse niemals schlechter gewesen. In vielen Ländern ist die Weigerung, Überstunden zu leisten, ein Grund für fristlose Entlassung und überall zwingt die Einführung des so genannten `Basislohns' - mit voller Absicht in sehr geringer Höhe festgesetzt - begleitet vom Prämien- und Akkordsystem, die Arbeiter dazu, ,freiwillig` Arbeitstage von 10-12 Stunden zu akzeptieren. (...)

 

 

Was die allerwesentlichste Seite der Ausbeutung angeht, die der Produktivität pro Kopf und Stunde, befindet sich das Proletariat in einer schrecklichen Lage. Die jeden Tag aus ihm herausgepresste Produktion wächst ungeheuer schnell. Zunächst hindern die technischen Erneuerungen den Arbeiter an der Entwicklung schöpferischer Fähigkeiten bei seiner Arbeit, werden all seine Bewegungen mit Sekundengenauigkeit gemessen und verwandeln ihn in eine Art `lebendigen Roboter', der dem gleichen Rhythmus wie die Maschinen unterliegt. Dazu zwingt die Zeitmessung, diese grauenvolle und widerwärtige Falle, die Arbeiter dazu, ununterbrochen mit den gleichen Werkzeugen und während der gleichen Zeit zu arbeiten. Drittens wacht die Arbeitsdisziplin überall auf die geringste Unterbrechung der Arbeit, und sei es nur, um sich eine Zigarette anzuzünden oder aufs Klosett zu gehen. Die so aus jedem Arbeiter herausgepresste Produktion ist ungeheuer groß, und ebenso ungeheuer groß ist auch die physische und psychische Erschöpfung." (Munis, Unions against Revolution, Detroit/Chicago 1975, S. 14-15)

 

 

 

Die Steigerung der Kaufkraft

 

 

 

Diese von den Verfechtern des Kapitalismus so sehr gepriesene Steigerung ist nichts weiter als reine Hochstapelei. Sie besteht beispielsweise dann, die Arbeiter in die Lage zu versetzen, einen Fernseher, ein Auto und den "Komfort" der Haushaltsgeräte erwerben zu können. Dabei handelt es sich hier nur um ein unter den modernen Lebensbedingungen notwendiges Minimum zur Aufrechterhaltung der Arbeitskraft und der Ausbeutung. Das beste Beispiel hierfür bietet das Fernsehen, das für den Arbeiter ein armseliges Mittel darstellt, während der drei bis vier Stunden Freizeit, die ihm nach seinem Arbeitstag verbleiben, seine Erschöpfung zu vergessen, und das zudem ein ideologisches Werkzeug

 

 

 

darstellt, dessen Wirksamkeit von niemandem mehr verkannt wird. Wenn sich die Arbeiter einen Fernseher nicht mehr leisten könnten, würde das Kapital ihn kostenlos zur Verfügung stellen. Das Auto und die elektrischen Haushaltsgeräte sind samt und sonders Mittel zur Rentabilisierung der "Freizeit" des Arbeiters, damit dieser die Reproduktion seiner Ware Arbeitskraft dem vom Kapital diktierten immer rasenderen Lebensrhythmus anpassen kann. Der moderne Proletarier benötigt sie ebenso dringend wie den bezahlten Urlaub, um sich von einem Jahr unmenschlicher Arbeit zu erholen. All dieser "Luxus" ist in Wahrheit nichts weiter als das strikte Minimum in der heutigen Zeit.

 

Die leeren Reden der Kapitalismus-Verteidiger können die Realität nicht verdecken, die die Arbeiter seit Jahrzehnten täglich erleben: Der Kapitalismus verschlechtert unwiderruflich ihre Lebensbedingungen. Angesichts dieser Tatsache und angesichts der systematischen Niederlagen im Kampf um wirkliche Reformen bleibt für die Gewerkschaften kein Platz mehr übrig. Würden sie diese Tatsache anerkennen, hätten sie keinen Existenzgrund mehr.

 

 

Daher sind sie gezwungen, in die Rolle des "Seelsorgers" der Arbeiterklasse zu schlüpfen, so wie es die Kirche jahrhundertelang den Leibeigenen gegenüber getan hatte. Sie versprechen zwar nicht das Glück im Himmel, erfinden aber dafür "Siege", wo die Arbeiterklasse schlicht eine Niederlage erlitten hat. Sie sprechen von Errungenschaften der Arbeiter, wo in Wahrheit die Ausbeutung verschärft wird, und machen aus den Arbeiterkämpfen schlaffe Prozessionen. Wie die Kirche im Mittelalter bilden sie eine Waffe der herrschenden Klasse gegen die ausgebeutete Klasse.

 

 

 

DIE ENTWICKLUNG DES STAATLICHEN TOTALITARISMUS

 

 

 

Aufgrund der ihr eigenen Mechanismen neigt die dekadente kapitalistische Gesellschaft dazu, sich an allen Ecken und Enden aufzulösen. Die Konflikte zwischen den Kapitalisten innerhalb einer Nation verschärfen sich, es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Fraktionen des Weltkapitals sowie zwischen den antagonistischen Klassen. Allgemein spitzt sich der Hauptwiderspruch zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und dem für sie zu eng gewordenen Rahmen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu.

 

Während das 19. Jahrhundert infolge der damals bestehenden Prosperität unter den Vorzeichen des Freihandels und der staatlichen Nichteinmischung in wirtschaftliche Belange gestanden hatte, hat sich der Kapitalismus in seiner Niedergangsphase einen starken Staat geschaffen, der alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens koordiniert und kontrolliert - vor allem die Beziehungen zwischen den Klassen.

 

 

Seit dem I. Weltkrieg haben sich parallel zur wachsenden Bedeutung des Staates in der Wirtschaft die Gesetze vervielfacht, die die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit regeln und damit einen engen Rahmen schaffen, der den proletarischen Widerstand aufs Minimum beschränken und ihn all seiner Kräfte berauben soll. Diese Bestimmungen nehmen brutale, diktatorische Formen an, soweit es sich um stalinistische oder faschistische Regimes handelt. Im Fall der so genannten "demokratischen" Regimes sind sie zwar geschickter ausgestaltet, jedoch mindestens genauso wirksam. In jedem Fall bilden sie ein regelrechtes System zur Einschränkung des Handlungsspielraums der Arbeiterklasse.

 

Unter derartigen Bedingungen ist jede gewerkschaftliche Organisation, die schon aufgrund ihrer Aufgabenstellung nach Legalität strebt und die bürgerlichen Gesetze respektiert, einem ständigen Druck ausgesetzt, der sie unweigerlich zum Transmissionsriemen des Staates macht, mit dem auch die Arbeiter dazu gebracht werden sollen, das Bürgerliche Gesetzbuch zu akzeptieren. Das Räderwerk des Staates besitzt im totalitären, dekadenten Kapitalismus eine Integrationsfähigkeit, deren Macht allein durch die direkt gegen den Staat gerichtete revolutionäre Aktion bekämpft werden kann. Die Gewerkschaften, die naturgemäß zu solch einer Tat nicht fähig sind, besitzen nicht die Kraft, dem Staat zu widerstehen.

 

 

Häufig nimmt die Integration der Gewerkschaften in den Staat deutliche, urverhohlene Formen an. So sind einzelne Gewerkschaften offiziell zu festen Bestandteilen des Staatsapparates geworden. In vielen Fällen sind die Arbeiter sogar gesetzlich dazu verpflichtet, einer Gewerkschaft anzugehören. Dies ist in den meisten der aus "nationalen Befreiungskämpfen" hervorgegangenen, rückständigen Ländern des verfaulenden Kapitalismus so wie in den faschistischen oder den so genannten "sozialistischen" Regimes der Fall.

 

In den "demokratischen" Ländern - vor allem dort, wo die Gewerkschaften an Oppositionsparteien gebunden sind, und in den Regimes, in denen sie sich in der Illegalität befinden - nimmt ihre Integration häufig weniger offensichtliche Formen an. Indem sie aber den Rahmen der staatlichen Rechtsprechung gutheißen (oder ihre eigene Legalisierung anstreben, wie z.B. in Spanien vor dem Tod Francos), sind sie de facto im Staatsapparat aufgegangen. Die zwischen den Fraktionen des politischen Apparates der Bourgeoisie existierenden Gegensätze dienen nur dazu, den Gewerkschaften einen Anschein von - zumindest verbaler- Radikalität zu verleihen, der es ihnen erleichtert, sich als "Arbeiterorganisationen" darzustellen.

 

 

Ob dies nun nach der "Holzhammermethode" geschieht oder in Gestalt des politischen Komödienspiels der bürgerlichen Klasse - die Einverleibung der Gewerkschaften durch den Staat ist im niedergehenden Kapitalismus des 20. Jahrhunderts so oder so unvermeidlich geworden. Denn in dem Augenblick, als die Gewerkschaften aufhörten, Arbeiterorganisationen zu sein, weil die Wahrnehmung ihrer ureigenen Aufgaben un-möglich geworden war, entstand im dekadenten Kapitalismus die Notwendigkeit, die Gewerkschaften mit einer Reihe von Funktionen innerhalb des Staates zu bekleiden, für die sie sich sehr gut eigneten (Einpferchung von Arbeitern in Gewerkschaften, Regulierung und Entschärfung der Konflikte zwischen Kapital und Arbeit, etc.) Hier wird deutlich, warum der Staat selbst so eifrig dabei ist, Gewerkschaften zu gründen, zu verteidigen und finanziell zu unterstützen (wie dies im ersten Teil dieser Broschüre geschildert wurde). In einer Welt, in der die Wahrnehmung ihrer ursprünglichen Aufgaben unmöglich geworden ist, bleibt den Gewerkschaften keine andere Überlebensmöglichkeit, als Teil des kapitalistischen Systems zu sein und sich an der Verwaltung der kapitalistischen Ausbeutung zu beteiligen.

 

 

 

DIE GEWERKSCHAFTEN: STAATSPOLIZEI IN DEN BETRIEBEN

 

 

 

Der Staat ist sich der Notwendigkeit der Gewerkschaften für den Fall plötzlicher Ausbrüche von Arbeiterkämpfen sehr wohl bewusst. Da sie sich selbst innerhalb der revolutionären Klasse bewegen, sind sie noch am besten dazu in der Lage, revolutionäre Tendenzen innerhalb der Klasse zu entschärfen, zu demoralisieren und zu spalten. In den Ländern mit langer gewerkschaftlicher Tradition sind sie auf diesem Gebiet zu ausgesprochenen Experten geworden.

 

Die größte Schwäche jeder ausgebeuteten Klasse ist ihr Mangel an Selbstvertrauen. In der Klassengesellschaft ist alles darauf ausgerichtet, den Ausgebeuteten die Unvermeidlichkeit ihres Schicksals und ihre Ohnmacht gegenüber den bestehenden Verhältnissen einzuhämmern. Indem die Gewerkschaften der Arbeiterklasse keine andere Perspektive als irgendwelche illusorischen Verbesserungen ihrer Lage als Ausgebeutete anzubieten haben, den Kampf ständig als von "furchtbaren Opfern für die Arbeiter" begleitet darstellen, die Verhandlungen am grünen Tisch zum einzigen Zweck des Kampfes machen und Loblieder auf den "strebsamen, pflichtbewussten Arbeiter" singen, sind sie die wirksamsten Propagandisten der herrschenden Ideologie. Sie fördern eine von Entmutigung und Selbstverleugnung gekennzeichnete Haltung - das exakte Gegenteil vom Kampfgeist einer revolutionären Klasse.

 

 

 

Die Gewerkschaften verstehen es glänzend, Kämpfe der Arbeiter-klasse zu spalten, indem sie sie auf vollkommen unwirksame Formen festnageln (zeitlich begrenzte Streiks, Abteilungsstreiks, Rund-um-Streiks, Warnstreiks usw.) und in den Grenzen der Abteilung, des Betriebes oder der Branche gefangen halten und isolieren. Die besondere Kunst der Gewerkschaften besteht darin, die Vereinheitlichung der Kämpfe und ihre Ausdehnung zu verhindern.

 

 

Wenn nun aber revolutionäre Elemente im Betrieb auftauchen, die die Gewerkschaften und ihr Handeln in Frage stellen, versteht es die Gewerkschaftsbürokratie, in die Rolle des Gendarmen zu schlüpfen, indem sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Verleumdungstaktik (revolutionäre Elemente werden als "Provokateure der Regierung", "CIA-Agenten" usw. bezeichnet) zurückgreift oder zu nackter Gewalt greift. In all diesen Fällen erweisen sie sich als treue Kettenhunde des Systems. Über die diversen Methoden der Sabotierung der Kämpfe durch die Gewerkschaften könnte man Bücher schreiben. Die Streiks der letzten Jahrzehnte bieten genug Anschauungsmaterial, doch dies ist hier nicht unsere Absicht. Es geht vielmehr darum zu verstehen, warum dies so ist, wie man gegen die arbeiterfeindlichen Methoden der Gewerkschaften vorgehen kann und wie man ihre Fallen umgeht.

 

 

 

DER REVOLUTIONÄRE SYNDIKALISMUS

 

 

 

Geht man davon aus, dass die Unfähigkeit der etablierten Gewerkschaften, über den Kampf um Reformen hinauszugehen, ihre Integration in den bürgerlichen Staat herbeigeführt hat, ist dann nicht auch ein Syndikalismus vorstellbar, der sich durch seine revolutionäre Zielsetzung der Integration in den Staat entzieht? Genau dies ist seit Anfang dieses Jahrhunderts von den Anarchosyndikalisten mit ihrem "revolutionären Syndikalismus" versucht worden.

 

Der revolutionäre Syndikalismus ist eine Reaktion auf die parlamentarische und reformistische Degeneration der traditionellen Arbeiterbewegung. Daher war er zunächst, wenigstens teilweise, Ausdruck einer innerhalb der Arbeiterklasse existierenden, reellen Strömung. Leider nahm der revolutionäre Syndikalismus in seiner Auseinandersetzung mit dem Parlamentarismus die alte, von Marx heftig bekämpfte Idee wieder auf, die die Ablehnung des politischen Kampfes fordert, der als Quelle der reformistischen Degeneration betrachtet wurde. So fand er mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Politik wieder zu seinen reformistischen Gegnern zurück, die sich, wie wir gesehen haben, ebenfalls für "unpolitische" Gewerkschaften stark machten, wenn auch aus anderen Beweggründen.

 

 

Gewerkschaftsbewegung und Parlamentarismus stehen in enger Verbindung zu einer Kampfform, die einer bestimmten historischen Epoche angehört. Die Ablehnung der Gewerkschaften bei gleichzeitiger Beibehaltung des Parlamentarismus und umgekehrt heißt sich inkonsequent verhalten und führt geradewegs in die Sackgasse.

 

Im dekadenten Kapitalismus kann der revolutionäre Kampf nicht gewerkschaftliche Formen annehmen. Der revolutionäre Kampf als direkter, generalisierter Massenkampf passt nicht in den Rahmen einer Organisation für den permanenten, systematischen Kampf um Reformen - und dies schon gar nicht, wenn Reformen unmöglich geworden sind.

 

 

 

Der revolutionäre Syndikalismus musste sich entweder für eine der gewerkschaftlichen Form entsprechende Politik entscheiden, was ihn im dekadenten Kapitalismus zum Wechsel ins bürgerliche Lager zwingt, oder andernfalls von der Bühne verschwinden. So geschah es mit dem IWW (Industrial Workers of the World) in den USA. In Frankreich und Spanien endete trotz teilweise heftigen Widerstands das anarcho-syndikalistische Experiment im ersten Fall mit der Beteiligung am imperialistischen Krieg und im zweiten Fall mit der Teilnahme an der bürgerlichen Republik während des Spanischen Bürgerkrieges (2)

 

 

In allen Fällen haben die Erfahrungen des revolutionären Syndikalismus nur eins bewiesen: die Unmöglichkeit der Bildung revolutionärer Gewerkschaften, d.h. originärer Arbeitergewerkschaften, in der Periode des kapitalistischen Niedergangs.

 

 

 

 

 

 

 

Die Linke und die Gewerkschaften

 

 

Innerhalb der Gewerkschaften existiert eine "kritische" Richtung - die Linksextremen. Sie verteidigen die Hauptfehler der 111. Internationale und gründen ihre eigene Taktik auf der Verteidigung der Gewerkschaften, deren "Fehler" sie unaufhörlich kritisieren, um aber gleichzeitig in ihnen mitzuarbeiten. Die Linksextremen betrachten die Gewerkschaften als Arbeiterorganisationen und stellen sich zur Aufgabe, sie durch die Eroberung der Führungspositionen zu ,,entbürokratisieren':

 

 

 

HABEN DIE GEWERKSCHAFTEN EINE "DOPPELFUNKTION"?

 

 

 

Um ihre "kritische" Unterstützung der Gewerkschaften zu rechtfertigen, sprechen einige linke Richtungen von einer "Doppelfunktion" der Gewerkschaften: In "ruhigen" Zeiten, wenn es nicht zu bedeutenden Kämpfen kommt, verteidigten die Gewerkschaften die Arbeiterklasse gegen die Unternehmer, in Perioden sozialer Gärung treten sie jedoch auf die Seite der Unternehmer und ergriffen gegen die Arbeiterklasse Partei. Die Gewerkschaften seien zwar gegen die Revolution, aber nicht gegen die Arbeiterklasse. Diese Argumentation verteidigt in indirekter Form die Gewerkschaften und vermittelt gleichzeitig den Anschein, sie abzulehnen. Dies war im Mai 1968 beispielsweise die Position der französischen Gruppe Pouvoir Ouvrier (Arbeitermacht), deren Plattform die folgenden Ausführungen enthält: "In der gegenwärtigen Etappe haben die Gewerkschaften in den meisten kapitalistischen Ländern objektiv eine Doppelfunktion: - die Verteidigung der unmittelbaren Interessen der Lohnabhängigen gegen die Unternehmer; - die Verteidigung der kapitalistischen Gesellschaft, deren Grundlage sie akzeptieren gegen jede Aktion der Arbeiter, die für diese eine Bedrohung darstellen würde." (Pouvoir Ouvrier, Nr. 90, Mai `68)

 

Dieser Gedanke bringt nicht mehr Scharfsinn zum Ausdruck als jener, wonach die Polizei einerseits den Interessen der Arbeiter dient, wenn sie diese davor bewahrt, im Meer zu ertrinken, und andererseits, wenn sie streikende Arbeiter niederknüppelt, dem Kapitalismus dient.

 

 

Der Klassencharakter einer Organisation kann nicht anhand ihres Verhaltens in Perioden des "sozialen Friedens" bestimmt werden, wenn sich das Proletariat sowohl in ideologischer als auch in ökonomischer Hinsicht widerstandslos der Macht der Bourgeoisie unterordnet. Nur in Zeiten offener Klassenkonfrontationen lässt sich der Charakter einer Organisation eindeutig bestimmen.

 

Die Rolle der Gewerkschaften wird deutlich, wenn man sich anschaut, wie sie anlässlich jeder sich ausweitenden Streikbewegung die Kontaktaufnahme unter den Arbeitern verschiedener Betriebe verhindern, wie sie deren Forderungen verfälschen, wie sie vortäuschen, dass anderswo die Arbeit wieder aufgenommen worden sei, um Streikende zum Streikabbruch zu bewegen. Kurzum, wenn sie ihre Streikbrecherfunktion wahrnehmen, zeigen sie ihr wahres Gesicht und ihr Klassencharakter tritt klar hervor. Sowohl die von ihnen in ruhigen Perioden ständig vorgeführte Komödie der Tarifverhandlungen, in der sie sich als Anwalt der Arbeiterklasse aufspielen, als auch die Gewissenhaftigkeit, mit der sie das Arbeitsrecht anwenden (jenes Recht, das die Modalitäten der Ausbeutung des Proletariats festlegt) - all dies macht deutlich, dass die Gewerkschaften nicht Vertreter der Arbeiterklasse gegenüber dem Kapital sind, sondern Funktionäre des Kapitals, die ihr Unwesen in der Arbeiterklasse treiben. Sie sind dazu da, den normalen und "ordnungsgemäßen" Ablauf des Ausbeutungsprozesses aufrechtzuerhalten. Die angesichts der allerschlimmsten Willkürakte des Kapitals von den Gewerkschaften vergossenen Krokodilstränen, die ihren Mythos als Interessenvertreter der Arbeiter begründen (eine Idee, die von den Links-extremen auf "kritische" Weise geteilt wird), sind nichts weiter als eine notwendige Voraussetzung für die Effektivität ihrer arbeiterfeindlichen Politik im Falle realer Konflikte.

 

 

So, wie die Polizisten Ertrinkende retten oder den Straßenverkehr regeln, um ihre eigentliche Funktion als Repressionsorgan gegen kämpferische Arbeiter zu rechtfertigen, so nehmen die Gewerkschaften ihre Funktion der "Sozialfürsorge" für die Arbeiter und ihre Rolle als Sicherheitsventil zum Zweck der Ableitung von "Überdruck" wahr, um in Konfliktzeiten im Namen der "Arbeiterinteressen` ihre wahre Rolle auszuüben - die Eindämmung und Unterdrückung von Arbeiterkämpfen.

 

Die Sabotage der Arbeiterkämpfe und die scheinheilige Wahrung der Arbeiterinteressen innerhalb des Rahmens der kapitalistischen Ausbeutung stellen in der Epoche des dekadenten Kapitalismus keine gegensätzlichen und widersprüchlichen Funktionen der Gewerkschaften dar. Sie sind nur zwei Aspekte derselben gegen das Proletariat gerichteten Funktion der Gewerkschaften.

 

 

 

DIE BÜROKRATISIERUNG DER GEWERKSCHAFTEN UND DIE ILLUSIONEN ÜBER IHRE "WIEDEREROBERUNG"

 

 

 

Ein anderes von den Linksextremen ständig verbreitetes Argument zur Rechtfertigung ihrer "kritischen" Unterstützung der Gewerkschaften und ihrer Mitarbeit in diesen Organisationen besteht darin, die Gewerkschaften als Organisationen darzustellen, die an sich ganz brauchbar für den Kampf der Arbeiter seien, aber durch ihre Bürokratisierung und die Anwesenheit "schlechter" Führer nicht mehr ihre eigentliche Funktion wahrnehmen könnten. Daher käme es darauf an, die Gewerkschaften wieder zu Organisationen des Klassenkampfes zu machen, sie "wieder zu erobern", indem man sie demokratisiert (Forderungen nach dem Recht auf Bildung von Tendenzen innerhalb der Gewerkschaften) und die "verräterische" Führung durch wirkliche Arbeitervertreter ersetzt.

 

 

Statt zu erkennen, dass die Bürokratie und die Gewerkschaftsbonzen die unvermeidliche Konsequenz des kapitalistischen Charakters der Gewerkschaften sind, versucht man, sie als Ursache der "Fehler" und des "Verrats" der Gewerkschaften darzustellen.

 

Die Bürokratisierung einer Organisation lässt sich nicht auf die Ausweitung der Entscheidungsbefugnisse ihrer zentralen Gremien zurückführen. Im Gegensatz zum Glaubensbekenntnis der Anarchisten ist Zentralisierung nicht gleich Bürokratisierung. Im Gegenteil, für eine Organisation, die lebendiger Ausdruck des bewussten und begeisterten Handelns jedes ihrer Mitglieder ist, stellt die Zentralisierung eines der wirksamsten Mittel dar, um die Teilnahme jedes ihrer Mitglieder am Leben der Organisation anzuregen. Die Bürokratisierung einer Organisation zeigt sich darin, dass ihr Leben nicht mehr von der Gesamtheit ihrer Mitglieder gestaltet wird, sondern auf künstliche, formelle Weise einzig und allein von ihrem "Politbüro", ihrem zentralen Organ, bestimmt wird.

 

 

Wenn dieses Phänomen im verfaulenden Kapitalismus allen Gewerkschaften gemein ist, so ist dies kein Ausdruck des "schlechten Willens" der Gewerkschaftsführer und auch kein unerklärliches Phänomen. Wenn die Bürokratie die Gewerkschaften infiltriert hat, dann geschah dies deshalb, weil die Arbeiter diesen Organisationen, die ohnehin nicht mehr die Ihren sind, kein Leben mehr einflößen können und nicht einmal Interesse für sie aufbringen.

 

Die Gleichgültigkeit der Arbeiter gegenüber dem gewerkschaftlichen Leben ist kein Zeichen für einen Mangel an Klassenbewusstsein, wie die Linksextremen denken. Sie ist im Gegenteil der Beweis dafür, dass das Proletariat sich instinktiv der Unwirksamkeit der Gewerkschaften für die Verteidigung seiner Klasseninteressen, ja, gar deren Zugehörigkeit zur feindlichen Klassen bewusst ist.

 

 

Die Beziehung zwischen den Arbeitern und den Gewerkschaften sind nicht gleichzusetzen mit den Beziehungen, die zwischen der Arbeiter-klasse und ihrem Kampfinstrument existieren. Innerhalb des gewerkschaftlichen Rahmens bleiben diese Beziehungen meist individueller Natur, sind Ausdruck persönlicher Probleme, die von einem "Sozialfürsorger" geregelt werden.

 

Die Bürokratie existiert, weil es kein proletarisches Leben in den Gewerkschaften geben kann. Die in den Gewerkschaften tätigen Linksextremen haben u.a. die Absicht, den Gewerkschaften neues Leben einzuhauchen. Sie kommen damit nicht weiter als der junge Gewerkschafter, der anfangs glaubt, dass man in den Gewerkschaften etwas "ausrichten" könne, bevor er eines Besseren belehrt wird, aus ihr austritt oder selbst zum Bonzen aufsteigt. Alles, was sie erreichen, ist die Verlangsamung des Bewusstseins im Proletariat über den kapitalistischen Charakter dieser Organisationen. Die prinzipielle Aussage der Linksextremen, die Gewerkschaften seien schlechte Arbeiterorganisationen, aber trotzdem Arbeiterorganisationen, stellt schließlich den besten Schutz dieser Organisationen gegen das wachsende Misstrauen ihnen gegenüber dar. Tatsächlich finden die Gewerkschaftsbürokraten in den "Hitzköpfen", die aus ihrer "konstruktiven Kritik" einen Beruf gemacht haben, ihre engsten Verbündeten, um die Arbeiter, die in den "antigewerkschaftlichen Sumpf" geraten sind, wieder zurückzutreiben.

 

 

Was die Taktik der Wiedereroberung der Gewerkschaften, ihrer Umwandlung in echte Klassenorganisationen betrifft, so ist dies ein Ausdruck der gleichen Kurzsichtigkeit, wenn sie nicht gar schlicht und einfach die vulgärsten bürokratischen Absichten verdeckt. Das antiproletarische Verhalten der Gewerkschaften lässt sich nicht auf das Problem einer guten oder schlechten Führung reduzieren. Es ist kein Zufall, dass die Gewerkschaften seit 50 Jahren stets "schlechte" Führer gehabt haben. Die Gewerkschaften eignen sich nicht für die Organisierung von wirklichen Arbeiterkämpfen, doch die Ursache liegt nicht in den "schlechten Führern" begründet. Im Gegenteil, da die Gewerkschaften dem Kampf des Proletariats nicht mehr dienen können, müssen ihre Führer unweigerlich "schlecht" sein. Wie Anton Pannekoek anmerkte "Was Marx und Lenin für den Staat hervorhoben: dass es seine Organisation trotz der formellen Demokratie unmöglich macht, ihn zu einem Instrument der proletarischen Revolution zu machen, muss daher auch für die Gewerkschaftsorganisation gelten. Ihre konterrevolutionäre Macht kann nicht durch einen Personenwechsel, durch die Ersetzung reaktionärer durch radikale oder "revolutionäre" Führer vernichtet oder geschwächt werden. Die Organisationsform ist es, die die Massen so gut wie machtlos macht und sie daran hindert, die Gewerkschaft zum Organ ihres Willens zu machen. Die Revolution kann nur siegen, indem sie diese Organisation vernichtet, d.h. die Organisationsform so völlig umwälzt, dass sie zu etwas ganz anderem wird." (A. Pannekoek, Weltrevolution und kommunistische Taktik, Wien 1920)

 

 

 

Inhalt und Formen des Arbeiterkampfes im dekadenten Kapitalismus

 

DER INHALT

 

 

 

Da die arbeiterfeindliche Rolle der Gewerkschaften immer offener zu Tage tritt, häufen sich allerorten die "wilden`, antigewerkschaftlichen Streiks. Sie bringen praktisch den Widerspruch zwischen Proletariat und Gewerkschaften zum Ausdruck und weisen darauf hin, dass den Arbeitern das kapitalistische Wesen dieser Organisationen immer bewusster wird. Doch worin besteht der Inhalt der Arbeiterkämpfe im dekadenten Kapitalismus?

 

 

Da das Kapital nicht in der Lage ist, wirkliche Verbesserungen der Bedingungen, unter denen die Arbeiter ausgebeutet werden, zuzugestehen, sind die Kämpfe des Proletariats reine Abwehrkämpfe gegen die ständigen Angriffe des Kapitals.

 

Wir haben am Beispiel der Ereignisse in Frankreich von 1936 und 1968 gezeigt, warum das Kapital gezwungen ist, jede einmal zugestandene Verbesserung, die infolge generalisierter Kämpfe erzielt wurde, sofort wieder zurückzunehmen. Die damaligen Erfolge, die umgehend durch massive Preissteigerungen wieder annulliert wurden, waren ohnehin Ausnahmen, die auf besonders mächtige Streikbewegungen 1936 wie auch 1968 zurückzuführen waren. Normalerweise verhält es sich im heutigen Kapitalismus nicht so, dass die Preise den Lohnerhöhungen hinterherlaufen, das genaue Gegenteil ist der Fall. Nicht das Kapital versucht ständig, zurückzuerobern, was die Arbeiter ihm entrissen haben - es sind die Arbeiter, die mit ihren Kämpfen auf die stetige Intensivierung der Ausbeutung antworten.

 

 

Was jedoch den Inhalt der Arbeiterkämpfe im dekadenten Kapitalismus auszeichnet, ist nicht die Tatsache als solche, dass sie Widerstandskämpfe sind. Dies gilt für alle proletarischen Kämpfe, seitdem die Arbeiter gegen die Ausbeutung kämpfen. Es ist vielmehr:

 

- die Tatsache, dass der heutige Widerstand der Arbeiter ohne Hoffnung auf reelle Verbesserungen, wie sie im 19. Jahrhundert eintraten, verbleibt,

 

 

- die Tatsache, dass die heutigen Widerstandskämpfe der Arbeiter zur unmittelbaren Infragestellung des kapitalistischen Ausbeutungssystems neigen und somit ein revolutionäres Potenzial besitzen.

 

Im dekadenten Kapitalismus steht der Widerstand der Arbeiter vor folgender Alternative:

 

 

Entweder beschränkt er sich unter dem Druck aller systembewahrenden Kräfte auf den rein wirtschaftlichen Kampf, wodurch er in eine Sackgasse gerät, weil das Kapital auf diesem Gebiet keine Zugeständnisse mehr leisten kann. Ein derart auswegloser Kampf würde es der Bourgeoisie sehr erleichtern, weiterhin mit den Waffen des Ökonomismus, des borniertesten Lokalismus, den man sich vorstellen kann, der Illusion über die Arbeiterselbstverwaltung usw. in den Reihen der Arbeiterklasse zu wüten.

 

Oder er behauptet sich, indem er über die rein ökonomische Ebene hinausgeht, seinen politischen Charakter durch die Praktizierung von Klassensolidarität herausstellt und die unmittelbaren Grundlagen der bürgerlichen Legalität angreift, wobei er mit ihren Repräsentanten in den Betrieben, den Gewerkschaften, beginnen muss.

 

 

Es kann keine Versöhnung zwischen Kapital und Arbeit geben. Mit dem Niedergang des Kapitalismus wird der ihm seit Anfang an innewohnende Antagonismus auf die äußerste Spitze getrieben. Daher nimmt jeder wirkliche Arbeiterkampf sofort und unweigerlich einen politischen und revolutionären Charakter an.

 

 

 

Aus diesem Grunde tritt der revolutionäre Inhalt mal schwächer, mal stärker in den Vordergrund, je nachdem, ob:

 

- der Kampf im Zusammenhang mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Krise steht,

 

 

- die politischen Bedingungen, gegen die die Arbeiter kämpfen, mehr oder weniger wirksame "Puffer" aufweisen (Gewerkschaften, "Arbeiterparteien`, politischer Liberalismus usw.). In jenen Ländern, in denen solche Puffer fehlen oder zu unnachgiebig sind, um ihre Funktion zu erfüllen, nehmen die Arbeiterkämpfe trotz ihrer Seltenheit viel schneller eine offen politische Gestalt an.

 

Aus diesem Grund haben Streikbewegungen in Ländern wie Spanien unter Franco oder in den Ostblockstaaten häufig die Form von Aufständen angenommen, die ganze Städte ergriffen, sich in generalisierte Zusammenstöße mit der Staatsgewalt verwandelten (Vigo, Pamplona und Vittoria in Spanien, Gdansk, Stettin in Polen 1970, um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen).

 

 

Ganz gleich, wie die Umstände auch sein mögen, für jeden Widerstand von Arbeitern gilt in der heutigen Epoche, dass er sich nicht behaupten kann, wenn er nicht offen revolutionäre Züge annimmt.

 

Dieses damals noch neue Merkmal des Arbeiterkampfes hat die Revolutionäre zur Zeit des I. Weltkrieges dazu veranlasst, die alte sozial-demokratische Trennung zwischen einem "Minimalprogramm" (die Gesamtheit der im Kapitalismus erreichten Reformen) und dem "Maximalprogramm" (der kommunistischen Revolution) als überholt zu bezeichnen. Seither drückt allein das Maximalprogramm die Interessen der Arbeiterklasse aus. Wenn die Möglichkeit von Reformen innerhalb des Kapitalismus zur schieren Utopie wird, dann ist nur noch die Revolution proletarisch. Nur was zur Revolution führt, ist wirklich proletarisch.

 

 

Heißt dies nun, dass die Arbeiterklasse aufhören soll, wirtschaftliche Kämpfe zu führen, wie es ihr seit Proudhon noch von vielen anderen geraten wurde, die, angeblich im Namen der "totalen Revolution", ökonomischen Widerstand als kleinkrämerisch, als der Existenz und Aufrechterhaltung des Kapitalismus untergeordnet betrachteten?

 

Dies ist vom Standpunkt der revolutionären Klasse aus barer Unsinn. Das Proletariat ist eine Klasse, d.h. eine anhand ihrer Stellung in den Produktionsverhältnissen definierte Gruppe von Menschen. Der Vorschlag, es solle seine wirtschaftlichen Kämpfe aufgeben, läuft daher konkret auf Folgendes hinaus: entweder zu fordern, dass die Klasse den Kampf überhaupt aufgibt, um ihre Ausbeutung passiv zu erdulden, oder ihr vorzuschlagen, sich in nicht-proletarischen Kämpfen zu verirren (Kooperativen, Feminismus, Ökologie, Regionalismus, Antirassismus, etc.), d.h. sich in einer bunt zusammengewürfelten und prinzipienlosen Masse von "wohlgesinnten` und nach "humanitärer Gerechtigkeit" dürstenden Menschen aufzulösen. In beiden Fällen deckt sich dies mit der von der Bourgeoisie ausgegebenen Parole, den Klassenkampf aufzugeben. Nur wer nicht begriffen hat, warum und unter welchen Umständen das Proletariat die einzige revolutionäre Kraft in dieser Gesellschaft ist, kommt zu derartigen Schlussfolgerungen. Die Arbeiterklasse ist nicht die einzige zur Planung und Errichtung der kommunistischen Gesellschaft fähige Klasse, weil sie eine besondere Vorliebe für hochherzige Bestrebungen und Ideale hat! So wie alle früheren revolutionären Klassen in der Geschichte der Menschheit tendiert das Proletariat nur deshalb zur Zerstörung des kapitalistischen Systems, weil es durch die Verteidigung seiner unmittelbaren Interessen objektiv dazu gezwungen wird. Wie das bei gesellschaftlichen Klassen so üblich ist, haben auch die Interessen des Proletariats eine ökonomische Grundlage. Die einzige Möglichkeit für das Proletariat, der ständigen Verschlechterung seiner Existenzbedingungen ein Ende zu setzen, besteht in der Zerstörung des kapitalistischen Systems. Die heutigen Einzelkämpfe der Arbeiterklasse, die auf die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage abzielen, werden einst in einem einzigen Kampf zusammenfließen müssen, der auf die Zerschmetterung dieses Systems abzielt.

 

 

Der revolutionäre Kampf des Proletariats bedeutet also nicht die Leugnung der wirtschaftlichen Triebfeder seiner Kämpfe, sondern stellt die Frucht eines umfassenden Verständnisses für die Realität dieser Kämpfe dar. Indem es sich des politischen Charakters seiner wirtschaftlichen Tageskämpfe bewusst wird und diese bis zur endgültigen Zerstörung des kapitalistischen Staates und zur Entwicklung der kommunistischen Gesellschaft weiterentwickelt, gibt das Proletariat nicht die Verteidigung seiner ökonomischen Interessen auf, sondern trägt ihrer Realität und den daraus folgenden Konsequenzen Rechnung. Solange das Proletariat existiert, d.h. solange es Klassen gibt (und selbst nach einer erfolgreichen Machtübernahme wird dies noch für einige Zeit der Fall sein), wird der Kampf der Arbeiter immer eine ökonomische Grundlage haben. Die ökonomischen Beweggründe für das geschichtliche Handeln der Menschheit werden erst mit der Entfaltung der kommunistischen Gesellschaft, erst mit der Auflösung der Klassen und folglich des Proletariats wegfallen. In der Zwischenzeit wird die Arbeiterklasse nicht umhin können, die Waffen ihres revolutionären Kampfes im unmittelbaren, tagtäglichen Widerstand gegen die Ausbeutung zu schmieden. Der Widerstand erlaubt ihr und zwingt sie, sich als Klasse für sich zu vereinigen. Diese Kämpfe ermöglichen der Arbeiterklasse das Bewusstsein von der Notwendigkeit und Möglichkeit der kommunistischen Revolution zu entwickeln.

 

Was das Proletariat aufgeben muss, ist nicht der wirtschaftliche Charakter seines Kampfes, was ihm ohnehin nicht möglich ist, solange es als Klasse kämpft, sondern jenen Glauben an die Möglichkeit, die Verteidigung seiner unmittelbaren Interessen gewährleisten zu können, ohne den streng ökonomischen Rahmen zu verlassen und sich des allgemein politischen und revolutionären Charakters seines Kampfes bewusst zu werden.

 

 

Aus dem unvermeidlichen Scheitern seiner ökonomischen Kämpfe im niedergehenden Kapitalismus darf die Arbeiterklasse keineswegs die Schlussfolgerung ziehen, dass diese Kämpfe nutzlos seien. Stattdessen muss sie ihre Kämpfe bewusst in der Absicht organisieren, um sie als Vorbereitung kommender, generalisierter Kämpfe zu benutzen. Sie wird ihre Kämpfe besser organisieren und die Unvermeidbarkeit einer entscheidenden Konfrontation mit dem Ausbeutungssystem begreifen müssen. In der Epoche des dekadenten Kapitalismus, in der die kommunistische Revolution auf der Tagesordnung steht, kann die Wirksamkeit der unmittelbaren Kämpfe der Arbeiterklasse nicht an ihren unmittelbaren Ergebnissen gemessen werden. Allein die historische Perspektive der kommunistischen Weltrevolution kann hierfür der Maßstab sein.

 

 

 

DIE ORGANISATIONSFORMEN

 

 

 

Mit dem Verlust der Gewerkschaften steht die Arbeiterklasse vor dem Problem, eine neue Organisationsform zu schaffen. Aber dies ist im dekadenten Kapitalismus nicht so einfach.

 

Die große Macht der Gewerkschaften heute beruht auf ihrer Fähigkeit, sich als einzig mögliche "Kampf"organisation darzustellen. So akzeptieren Unternehmer und Regierungen keinen anderen "Verhandlungspartner" als die Gewerkschaften. Täglich wird den Proletariern durch Presse, Radio, Fernsehen und Flugblättern eingetrichtert, dass die Gewerkschaften ihre Organisationen seien. Es wird alles in Bewegung gesetzt, was die Mystifikation der Gewerkschaften stärkt.

 

 

Dieses Vorgehen hat nicht immer den gewünschten Erfolg gebracht. In einem Land wie Frankreich, wo unaufhörlich die Werbetrommel für die "repräsentativen Gewerkschaften" gerührt wird, erachtet es nur jeder fünfte Arbeiter für notwendig, einer Gewerkschaft beizutreten. Um die Glaubwürdigkeit dieser Herrschaftsapparate des Kapitals unter den Arbeitern aufrechtzuerhalten, wird immer häufiger die Unterstützung der Linksextremen notwendig.

 

Da sie pausenlos solchen Verschleierungsmanövern ausgesetzt sind, haben die Arbeiter jener Länder, in denen die "Koalitionsfreiheit" eine große Rolle spielt, die allergrößten Schwierigkeiten, sich die Organisierung in Bewegungen außerhalb der traditionellen Gewerkschaften überhaupt vorzustellen. Erst wenn sie sich in einer besonders misslichen Lage befinden, finden sie die nötige Kraft, um sich offen der gewaltigen Staatsmaschinerie mit ihren Gewerkschaften und Parteien entgegenzustellen. Denn es ist exakt diese Tatsache, die den Kampf des Proletariats im dekadenten Kapitalismus charakterisiert und dermaßen erschwert: Wenn sie sich den Gewerkschaften entgegenstellt, stößt die Arbeiterklasse nicht nur mit einer Handvoll Gewerkschaftsbonzen zusammen, sie greift den gesamten Staat an. Gleichzeitig aber verleiht diese Schwierigkeit jedem Auftreten der Arbeiterklasse außerhalb der Gewerkschaften auch eine ganz enorme Bedeutung. Desgleichen unterstreicht sie die Wichtigkeit der Frage der außergewerkschaftlichen Organisationsformen.

 

 

Die Frage der Organisationsformen des Arbeiterkampfes kann nicht unabhängig oder getrennt von der Frage des Inhalts dieses Kampfes erörtert werden. Zwischen dem revolutionären Inhalt, den die proletarischen Kämpfe im dekadenten Kapitalismus unmittelbar anstreben, und den Organisationsformen, die sich die Klasse gibt, besteht ein enger Zusammenhang.

 

 

 

WÄHREND DES KAMPFES

 

 

 

Im Verlauf seiner größten revolutionären Kämpfe in diesem Jahr-hundert hat das Proletariat eine neue Organisationsform geschaffen, welche auf seine revolutionäre Mission zugeschnitten ist: die Arbeiterräte sowie die Delegiertenversammlungen, die ihr Mandat von den Vollversammlungen der Arbeiter erhalten. Diese Organe der Zentralisierung und Vereinigung der Klasse sind der Ort, in dem in der Hitze des Kampfes die materiellen und theoretischen Waffen für den Angriff gegen den Staat geschmiedet werden. Schon ihre Form an sich stellt eine Besonderheit dar. Da sie, die Delegiertenversammlungen, das Ergebnis zahlloser, fast ständig tagender Vollversammlungen sind, hängt ihre Existenz völlig von der Anwesenheit einer breiten, generalisierten Bewegung ab. Sofern sich die Klasse nicht in allen Betrieben im Kampf befindet, sofern es in diesen Arbeiterkämpfen nicht zu Vollversammlungen kommt, fehlt für die Existenz der Arbeiterräte jegliche Grundlage.

 

Ihre Existenz kann nur dann eine permanente Form annehmen, wenn der offene und allgemeine Kampf selbst permanent geworden ist, d.h. im Verlaufe des revolutionären Prozesses: Die Arbeiterräte sind die spezifischen Machtorgane des Proletariats.

 

 

Doch wie organisiert sich die Arbeiterklasse in jenem Stadium ihrer Kämpfe, wo sie zwar schon mit dem Staat und seinen gewerkschaftlichen Anhängsel in Konflikt gerät, aber noch nicht so weit ist, den all-gemeinen Aufstand zu entfesseln?

 

Ausgehend von der Erfahrung unzähliger "wilder" Streikbewegungen in den letzten 50 Jahren, kann diese Frage eindeutig beantwortet werden. Gleich, in welchem Weltteil, unter welchen historischen und geographischen Bedingungen - die antigewerkschaftlichen Streiks nehmen spontan stets eine besonders einfache Organisationsform an: die der Vollversammlungen der Streikenden, die von gewählten Delegierten koordiniert werden, welche ihrerseits ständig gegenüber den Vollversammlungen verantwortlich sind. Wir stoßen hier auf die gleichen Grundlagen wie bei den revolutionären Arbeiterräten. Form und Inhalt stehen in einem Zusammenhang: So wie die konsequenten Klassenbewegungen im dekadenten Kapitalismus bereits den Keim künftiger revolutionärer Kämpfe enthalten, so bringen auch ihre Organisationsformen bereits die Organe der Revolution ansatzweise zum Vorschein.

 

 

 

AUSSERHALB DER KAMPFPERIODE

 

 

 

Angesichts der Unbrauchbarkeit der gewerkschaftlichen Kampfformen musste die Arbeiterklasse die Frage der Organisation, die sie für ihren Kampf braucht, mithilfe ihrer praktischen Erfahrungen neu beantworten. Die Gewerkschaften des 19. Jahrhunderts stellten nicht nur im offenen Kampf die Organisation. Als permanent existierende Organisationen stellten sie auch außerhalb der Konfliktperioden eine Organisationsform für die Arbeiter dar. Zusammen mit der sozialdemokratischen Massenpartei bildeten sie regelrechte Umgruppierungspole in der Arbeiterklasse.

 

 

Nachdem sich jedoch mittlerweile die Gewerkschaften nicht mehr als proletarische Waffe eignen, steht die Arbeiterklasse vor der Frage, ob und wie sie sich außerhalb der Kampfperiode als Klasse organisieren soll.

 

Mit dem Ende eines "wilden" Streiks lösen sich Streikkomitee und Vollversammlung naturgemäß auf. Die Arbeiter neigen aufs Neue dazu, die Haltung von vereinzelten und besiegten Individuen anzunehmen, und akzeptieren wieder mehr oder weniger bereitwillig die "Vertretung" ihrer Interessen durch die Gewerkschaften. Die Rückkehr zur Passivität kann sich in kürzerer oder längerer Zeit vollziehen, aber wenn kein neuer offener Kampf aufflammt, ist dies letztendlich unvermeidlich. Um dies zu vermeiden, kommt es nach der Beendigung von Streiks häufig vor, dass die militantesten Arbeiter versuchen, den im Kampf erlebten Zusammenhalt am Leben zu erhalten und eine ständige Organisation aufzubauen.

 

 

Dieser Versuch, eine ständige Kampforganisation aufzubauen, hat in allen Fällen stets zum Misserfolg geführt.

 

- Entweder löst sich eine derartige Organisation infolge der eintretenden Demoralisierung kurze Zeit nach ihrer Gründung wieder auf. Die Demoralisierung macht sich oft breit, weil sich diese Organisationen als unfähig erweisen, die gesamte Klasse zu vereinen. Dies war z.B. der Fall bei den Allgemeinen Arbeiterunionen (AAU) in Deutschland nach den Kämpfen von 1919-23 oder bei der Mehrzahl der Aktionskomitees, die nach den Ereignissen vom Mai 68 weiterzubestehen versuchten.  (3)

 

 

- Oder sie hält ihre Existenz aufrecht und verwandelt sich in eine neue Gewerkschaft. Dies geschieht oft mit dem fadenscheinigen Argument, die neu gebildete Gewerkschaft sei radikaler, demokratischer und weniger bürokratisch als die großen Gewerkschaftsapparate! Dies geschah beispielsweise nach dem Streik bei Renault 1947, als die Trotzkisten versuchten, das Streikkomitee weiterhin am Leben zu erhalten. Auch die spanischen Comisiones Obreras (Arbeiterkommissionen) entwickelten sich seit dem Ende der 60er Jahre zu einer regelrechten Gewerkschaft, zu einem Instrument der bürgerlichen Parteien in der "Demokratischen Opposition" Spaniens.

 

 

 

Aufgrund des Verschleißes der gewerkschaftlichen Mystifikationen vollzieht sich diese Rückkehr zur gewerkschaftlichen Praxis immer häufiger unter dem Deckmantel zweideutiger, verwirrender Formen, die einen Schwall von "antigewerkschaftlichen" Redensarten von sich geben.

 

Im Verlaufe offener Kämpfe, vor allem derjenigen, die zum Zusammenstoß mit den Gewerkschaftsapparaten führen, zeigt sich die Unmöglichkeit der Trennung des unmittelbar ökonomischen vom historisch-revolutionären Kampf am deutlichsten. Unmittelbar nach derartigen Kämpfen geistert häufig die Idee durch die Köpfe einiger Arbeiter, eine neue Form der permanenten Organisation zu "erfinden", die - wie die Vollversammlung der Streikenden - weder ausschließlich ökonomisch noch ausschließlich politisch sein soll. Der "Wille" allein reicht jedoch nicht aus, um ein derartiges Ziel tatsächlich zu verwirklichen. Der Versuch, die beiden Haupteigenschaften der Gewerkschaften zu bewahren, nämlich die Vereinigung der gesamten Arbeiterklasse (d.h. die Fähigkeit zu solch einer Vereinigung) und die permanente Existenz der Organisation (auch außerhalb des Kampfes) muss über kurz oder lang mit einem Misserfolg enden, da er die Form des gewerkschaftlichen Kretinismus annimmt. Angesichts des Rückgangs der während des Kampfes aufgekommenen Begeisterung befassen sich derartige Organisationen in ihrer Hilflosigkeit mehr und mehr mit dem Verfassen von "konkreten", "realistischen" Forderungen, um die "Massen zu mobilisieren". So enden all diese Versuche darin, einfach die Forderungen der Gewerkschaftszentralen zu überbieten (36 statt 40-Stunden-Woche, 200 statt 100 Mark Lohnerhöhung, "qualitative" statt quantitative Forderungen usw.) und erliegen dem Mythos des "sofortigen Erfolges". Die all-gemeinen revolutionären Ideen werden zunehmend als zu "abstrakt" für die Arbeiter in den Hintergrund gerückt.

 

 

In politischer Hinsicht sind diese Organisationen ausschließlich damit beschäftigt, Mittel und Wege zu finden, um sich von den traditionellen Gewerkschaftsorganisationen und Parteien abzuheben. Dies drückt sich besonders in einer Redeweise aus, die sich "links" und "radikal" gibt und mit einigen politischen Ködern versehen ist, wie z.B. die Formulierung von "nicht im Kapitalismus realisierbaren Forderungen" oder dem faulen Witz der "Arbeiterselbstverwaltung".

 

So wird binnen kurzer Zeit aus einer Organisation, die weder Gewerkschaft noch politische Organisation sein wollte, lediglich eine sich politisch gebärdende - Gewerkschaft, eine linksextreme Gewerkschaft, die in der Regel äußerst minoritär und mehr als konfus ist, deren einzige Besonderheit darin besteht, sich selbst nicht als das anzuerkennen, was sie in Wirklichkeit ist: eine Gewerkschaft. Einige linke Strömungen sind zu wahren Fachleuten auf diesem Gebiet geworden: Autonomia Operaia in Italien und Plataformas anticapitalistas in Spanien stellen sicherlich die besten Beispiele dieser rein gewerkschaftlichen Praxis dar.

 

 

 

WARUM ALL DIESE MISSERFOLGE ?

 

 

 

Ob man nun die Unionen in Deutschland von 1919-23, die französischen Aktionskomitees von 1968-69, die italienischen CUB (Basiseinheitskomitees) oder die Arbeiterkommissionen in Spanien betrachtet, sie alle sind ursprünglich aus Zirkeln hervorgegangen, die von militanten Arbeitern gegründet worden waren. All diese Zirkel sind Ausdruck der in der Arbeiterklasse latent vorhandenen, allgemeinen Tendenz zur Selbstorganisierung. Entgegen der Auffassung der Linksextremen, die ständig auf der Suche nach "neuen" Organisationsformen der Arbeiter-klasse sind (von den französischen Cahiers de Mai bis zu den italienischen Autonomen Versammlungen), gibt es nicht beliebig viele unter-schiedliche Organisationsformen für das Proletariat. Die Form einer Organisation muss zwangsläufig dem von ihr angestrebten Ziel entsprechen. Und die Arbeiterklasse hat sich nicht beliebig viele Ziele gesetzt, sie bekämpft ihre Ausbeutung, d.h. sowohl ihre Auswirkungen als auch ihre Ursachen.

 

 

- Das Proletariat verfügt in diesem Kampf nur über zwei Waffen: sein Klassenbewusstsein und seine Einheit.

 

Dementsprechend können die Arbeiter im offenen Kampf nur zwei prinzipielle Ziele anstreben:

 

 

- zur Vertiefung und Ausweitung des revolutionären Bewusstseins der Arbeiterklasse beizutragen und

 

- ihre Vereinigung als Klasse voranzutreiben.

 

 

Die Organisationsformen der Arbeiterklasse sind also von den Notwendigkeiten beider Aufgaben bestimmt. An dieser Stelle taucht jedoch ein Problem auf: Beide Aufgaben sind Aspekte ein- und derselben allgemeinen Aufgabe, zwei Beiträge zum gleichen Kampf. Nichtsdestotrotz bergen sie auch einen Widerspruch in sich.

 

Um die Arbeiterklasse zu vereinigen, bedarf es einer Organisation, die für jeden Arbeiter offen ist, unabhängig von seinen politischen Auffassungen, allein aufgrund seiner Klassenzugehörigkeit. Um aber das Bewusstsein der gesamten Arbeiterklasse zu vertiefen, dürfen die fortgeschrittensten Elemente nicht untätig darauf warten, dass sich dies von allein vollzieht. Sie sind dazu verpflichtet, ihre Überzeugungen zu verbreiten, Propaganda zu betreiben, auf der Grundlage ihrer politischen Positionen in der Klasse zu intervenieren. Solange die Arbeiterklasse eine ausgebeutete Klasse ist, wird es in ihren Reihen gewaltige Unterschiede im Bewusstsein und in der revolutionären Willenskraft geben. Zwar streben alle Proletarier aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess zur Erlangung eines revolutionären Bewusstseins, doch entwickeln sie sich nicht im gleichen Rhythmus. Den entschlossenen Individuen und Fraktionen der Arbeiterklasse, die sich der Notwendigkeit und der Mittel der revolutionären Aktion bewusst sind, werden noch lange diejenigen gegenüberstehen, die ängstlich, zögerlich, kurzum: weitaus stärker der Ideologie der herrschenden Klasse unterworfen sind. Im Laufe dieses langen Prozesses kommt es allmählich zur Verallgemeinerung des revolutionären Bewussteins. Die Intervention der fortgeschrittensten Elemente wird dann zum entscheidenden Faktor in diesem Prozess.

 

 

Eine solche Arbeit erfordert jedoch eine weitgehende politische Übereinstimmung in den Reihen letzterer. Und diese kann nur in organisierter Weise erreicht werden. Hinzu kommt, dass eine solche Organisation nur von Individuen gebildet werden kann, die mit ihrer politischen Plattform einverstanden sind. Wenn diese Organisation sämtliche innerhalb der Klasse vorhandenen Auffassungen akzeptieren würde, d.h. wenn sie es ablehnen würde, sich jene politische Plattform zu geben, die die Zusammenfassung der in zwei Jahrhunderten gewonnenen Erfahrungen des proletarischen Kampfes sein sollte, wäre sie nicht in der Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen. Ohne strenge politische Kriterien, die den Eintritt von Militanten in die revolutionäre Organisation regeln, wäre sie dazu verdammt, zu einem Faktor der Konfusion zu werden.

 

Ihre Vereinigung als Klasse einerseits und die Erweiterung ihres politischen Bewusstseins andererseits - das sind die beiden Aufgaben, denen die Arbeiterklasse organisiert nachkommen muss. Sie kann beides aber nur mit jeweils einer einzigen Organisation erreichen. Aus diesem Grunde hat die Arbeiterbewegung grundsätzlich nur zwei Organisationsformen hervorgebracht:

 

 

die Einheitsorganisationen, die zur Aufgabe haben, alle Arbeiter, unabhängig von ihren politischen Überzeugungen, zusammenzufassen. Dies waren zur Zeit des aufstrebenden Kapitalismus die Gewerkschaften, an deren Stelle seit Beginn der kapitalistischen Dekadenz die Arbeiterräte und -vollversammlungen getreten sind.

 

die politischen Organisationen, die sich auf einer einheitlichen Plattform gründen und keine sozialen, sondern allein politische Kriterien für den Eintritt von Militanten in ihre Organisation besitzen (Parteien oder politische Gruppierungen).

 

 

In ihrer großen Mehrheit zeichnen sich die Versuche, Einheitsorganisationen der Arbeiterklasse außerhalb von Perioden des offenen Klassenkampfes zu gründen, dadurch aus, dass sie mehr oder weniger ausdrücklich das Ziel verfolgen, eine Organisation zu bilden, die gleichermaßen die Arbeiterklasse zusammenfasst und eine politische Organisation ist, d.h. eine Organisation, die einerseits sämtlichen Arbeitern mit all ihren verschiedenen Überzeugungen offen steht und andererseits die Absicht verfolgt, spezifische Positionen in der Klasse zu vertreten - auch und besonders hinsichtlich der Gewerkschaften.

 

Hier wird die wichtigste Ursache der ständigen Misserfolge solcher Versuche sichtbar. Wir haben bereits erklärt, warum eine politische Organisation nicht allen offen stehen kann (im Gegensatz zur Einheitsorganisation), ohne ein Faktor der Konfusion zu werden. Die Gründe für diese Misserfolge gehen vor allem auf die Tatsache zurück, mit welcher die Arbeiterklasse im dekadenten Kapitalismus ständig konfrontiert ist: Außerhalb der Perioden offenen Kampfes gibt es keine Existenzgrundlage für die Einheitsorganisation.

 

 

Im 19. Jahrhundert konnten die Gewerkschaften noch permanent Massenorganisationen der Arbeiterklasse sein, weil sie ihre wesentliche Funktion, den ständigen, systematischen Kampf um Reformen, noch erfüllen konnten. Zudem konnten sich die Arbeiter in ihnen für den Klassenkampf schulen und ihr Klassenbewusstsein schärfen, da die gewerkschaftliche Praxis damals noch zu greifbaren Ergebnissen führte. Heute dagegen, wo der Kampf um Reformen unmöglich geworden ist, wo sich der Widerstand der Arbeiter nur in der offenen Auflehnung ausdrücken kann, ist dieser Pol der Umgruppierung der gesamten Arbeiterklasse verloren gegangen. Die Massen können sich nicht für lange Zeit für Kämpfe ohne unmittelbare Resultate organisieren.

 

Die einzige Tätigkeit, die - außerhalb des offenen Kampfes - die Grundlage einer permanenten Klassenorganisation schafft, reduziert sich naturgemäß nicht auf kurzfristige, unmittelbare Ziele, sondern muss vom historischen und globalen Charakter der Klasse und ihres Kampfes ausgehen. Sie ist nichts anderes als die Praxis der politischen Organisation des Proletariats, die die Lehren aus den historischen Erfahrungen der Arbeiterklasse zieht, sich das Programm des Kommunismus wieder aneignet und ihre Interventionen systematisch durchführt. Dies ist die Aufgabe einer Minderheit, die in keinem Fall eine reelle Grundlage für die Vereinigung der Arbeiterklasse bieten kann.

 

 

Da sie weder Einheitsorganisationen der Arbeiterklasse noch wirklich politische Organisationen sind, sind die Versuche, permanente Einheitsorganisationen der Klasse zu schaffen, zum Scheitern verurteilt. Entweder lösen sie sich auf, oder sie versuchen, sich künstlich am Leben zu erhalten, indem sie sich die einzige Praxis zu eigen machen, die ihnen eine illusorische Rechtfertigung ihrer Existenz verschafft: die der Gewerkschaften.

 

Arbeitergruppen, die außerhalb oder im Anschluss an Perioden des offenen Kampfes entstehen, können im günstigsten Fall zu provisorischen Zirkeln werden, in denen die beteiligten Arbeiter mit der Vertiefung ihres Klassenbewusstseins beginnen. Alle Versuche, sie entgegen ihrer Natur in permanente Organisationen zu verwandeln, können nur in der beschriebenen Sackgasse enden (4).

 

 

 

DIE INTERVENTION DER REVOLUTIONÄRE

 

 

 

Die Gewerkschaften werden in den kommenden Jahren eine wichtige politische Rolle im Klassenkampf spielen. Sie sind der wichtigste Schutzwall, hinter den sich die Bourgeoisie flüchten kann, wenn der Zeitpunkt des proletarischen Ansturms naht. Für das Proletariat stellen sie den ersten Feind dar, den es zu schlagen gilt, das erste Hindernis, das sich in seinen Weg stellt. Aus diesem Grunde besteht eine der dringlichsten Aufgaben der Revolutionäre in der Denunzierung der Gewerkschaften. Die Kommunisten müssen den Arbeitern immer wieder aufs Neue klar machen, dass diejenigen, die heute an der Spitze der gewerkschaftlichen Demonstrationszüge marschieren und keine Scheu davor haben, diese mit Ordnern in roten Armbinden zu umzingeln, dieselben sind, die morgen den Arbeitern mit Waffen entgegentreten werden. Mit der gleichen Hartnäckigkeit müssen die Revolutionäre auch diejenigen denunzieren, die unter Vorwänden wie der "Doppelfunktion der Gewerkschaften", der "Arbeitereinheitsfront" und der "kritischen Unterstützung" sich darum bemühen, die Organisationen des Kapitals als Arbeiterorganisationen erscheinen zu lassen: die "Linksextremen", die Verfechter der "Selbstverwaltung" usw.

 

 

Im Gegensatz zu denjenigen, die in der Intervention mit "Übergangsforderungen" oder "radikalen", unrealisierbaren Forderungen ein (Lock-)Mittel sehen, mit dessen Hilfe das Proletariat dazu ermutigt werden soll, vom "ökonomischen" zum "politischen" Kampf überzugehen, vertreten die Kommunisten keine Teilforderungen. Sie unterstützen sämtliche Forderungen der Arbeiterklasse, wenn sie den Widerstand des Proletariats gegen die sich verschärfende Ausbeutung ausdrücken. Ihre Aufgabe ist es zu zeigen, dass es im dekadenten Kapitalismus keinerlei dauerhafte Erfüllung von Forderungen geben kann, die die Lebensbedingungen der Arbeiter tatsächlich verbessern, dass es keinen Kampf gegen die Auswirkungen der Ausbeutung mehr geben kann, welcher sich nicht gleichzeitig gegen ihre Ursachen richtet, und dass es keinen anderen Nutzen aus den Teilkämpfen gibt, als sich die Mittel anzueignen, welche die endgültige Zerstörung des Systems ermöglichen.

 

Die Denunzierung der Gewerkschaften auf der einen entspricht notwendigerweise der Verteidigung all jener Organisationsformen auf der anderen Seite, die im proletarischen Kampf innerhalb des dekadenten Kapitalismus entstanden sind: Arbeiterräte, Fabrikkomitees, Vollversammlungen.

 

 

Diese Organisationsformen der Klasse sind jedoch als solche keinesfalls eine ausreichende Garantie für die tatsächliche Autonomie der Arbeiterklasse. Die Bourgeoisie versteht es ausgezeichnet, sich der Organisationen, die sich das Proletariat in seinem Kampf schafft, zu bemächtigen und sie anschließend für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen. Indem sie aus der Frage der Organisationsform ein Problem an sich macht und die Aufmerksamkeit der Arbeiter ausschließlich darauf lenkt, gelingt es ihr, die Frage des Inhalts des Kampfes unter den Tisch zu kehren und so den revolutionären Prozess in einem noch unterentwickelten Stadium erstarren zu lassen und zu blockieren. Die Organisationsformen sind eine notwendige Voraussetzung für die weitere Entwicklung dieses Prozesses, doch erstens ist ihr Entstehen ein spontanes Produkt der Massenaktion, und zweitens vollzieht sich die Weiterentwicklung des revolutionären Prozesses, wenn diese Formen erst einmal bestehen, nicht mehr auf dieser Ebene, sondern auf derjenigen des Inhalts der Kämpfe. Gerade auf diesem Gebiet ist das Eingreifen der Revolutionäre absolut notwendig.

 

Jedes Mal, wenn das Proletariat eine weitere Kampfetappe hinter sich gelassen hat, ist es die Pflicht der Revolutionäre, diejenigen zu denunzieren, die diese Zwischenetappe als endgültigen Sieg bezeichnen und damit die Weiterentwicklung des revolutionären Prozesses zu behindern suchen.

 

 

In jeder Etappe müssen die Kommunisten auf die historischen Perspektiven und die globale Natur des proletarischen Kampfes hinweisen. Die Zerstörung der Gewerkschaften ist nur ein Teilaspekt der umfassenden Zerstörung des kapitalistischen Staates.

 

Die Arbeiterklasse kann ihren Kampf nur dann vorantreiben, wenn sie sich seines tatsächlichen Gesamtinhalts bewusst wird und ihn in diesem Sinn konsequent austrägt: den Kampf für die kommunistische Revolution.

 

 

 

 

 

 

 

 

(1)     Die Stagnation in den Arbeitszeiten geht auch aus den Zahlen über die gesetzliche Mindestarbeitszeit in der Industrie anderer europäischer Länder hervor, die Überstunden nicht mitgerechnet: in der Schweiz 43-46 Stunden, in Frankreich 40 Stunden, in Italien und Holland 48 Stunden, in Belgien 40-45 Stunden, in der BRD 48 Stunden.

 

(2)  Die CNT in Spanien, einziges Beispiel einer syndikalistischen Organisation, die mehrmals ihr Maximalprogramm umzusetzen versuchte (siehe die "soziale Revolution" 1933/34), tat dies erst, nachdem die Anarchisten der FAI einen harten Kampf innerhalb dieser Organisation geführt hatten. Während der Diktatur von Primo de Ribera stand die CNT, deren Merkmal ihr Mangel an "revolutionärer Politisiertheit" war, in Kontakt mit allerlei Verschwörern (Maciä, die Republikanische Allianz und andere militanten Oppositionellen).

 

 

Im Juli 1927 wurde die FAI gegründet. Ihr Ziel war es, die CNT zu erobern, um die soziale Revolution zu ermöglichen, wobei sie jeden taktischen Kompromiss ablehnte. In ihr versammelten sich all diejenigen, die die reformistische Orientierung des Anarcho-Syndikalismus ablehnten.

 

Auf dem nationalen Kongress von 1930 stießen beide Tendenzen zusammen. Die CNT Führung bestand vor allem auf der syndikalistischen Seite der CNT und schlug vor, sich mit anderen Gruppen und Fraktionen zusammenzutun, um die Bildung der Republik zu ermöglichen. Die "Puristen" der FAI bestanden auf der anarchistischen Seite der CNT und lehnte jeden Kompromiss ab. Letztendlich errangen sie die Oberhand. Die alten Führer traten daraufhin zusammen mit ihren Anhängern aus der CNT aus (die Trentisten organisierten schließlich ihre eigene Gewerkschaft). Die CNT verfehlte es 1930 also nur knapp, an diesem Versuch einer Einheitsfront teilzunehmen.

 

 

Auf Anregung der FAI - auch sie war "apolitisch" - rückte die CNT von ihrer bisherigen Taktik der Generalstreiks ab und versuchte sich in der Anzettelung von Aufständen. Die Folge: Sie wurde von der Repression stark dezimiert und durch ihre Niederlagen entmutigt. Die CNT hatte selbst die Unmöglichkeit des revolutionären Syndikalismus teuer bezahlt.

 

Auf dem Kongress von 1935 kehrten die Trentisten, die in der Zwischenzeit zahlreiche Allianzen mit der Bourgeoisie geschlossen hatten, in die CNT zurück. Der Putschversuch am 18. Juli 1936 und der Aufstand des Proletariats am darauf folgenden Tag bedeuteten das Ende der Organisation. Die "Arbeiterparteien" eroberten, unterstützt von der CNT und der FAI, die Macht. In Katalonien nahm die CNT an dem Komitee der antifaschistischen Milizen teil und trat dem "Gobierno de la Generalidad" bei, wodurch diese die erhoffte Unterstützung durch die Arbeiter erhielt.

 

 

Die syndikalistische Enthaltsamkeit gegenüber der Politik wurde fallengelassen. Sogar die "Puristen" wurden kurz darauf selbst Minister der einst bekämpften Republik. Die Antiautoritären, jene Verfechter einer "apolitischen, sozialen Revolution", die im Namen heiliger, moralischer Prinzipien zu handeln vermeinten, haben nie begriffen, dass die Zerstörung des Staatsapparates ein Aspekt im politischen Kampf des Proletariats gegen seinen Klassenfeind, die Bourgeoisie, war. Sie verteidigten im Namen einer puristischen Ideologie revolutionäre Prinzipien (Anti-Einheitsfront, Antiparlamentarismus), die sie unter dem Druck der Ereignisse sogleich wieder aufgaben. Doch war dies nicht von so großer Bedeutung für sie, da wenigstens die Ideologie "rein" geblieben war. So verbündeten sie sich mit den bürgerlichen Parteien, nahmen an der Regierung der bürgerlichen Republik teil und unternahmen nichts gegen die Niederschlagung des Proletariats in den Maitagen von Barcelona 1937, um die "Einheit" nicht zu gefährden. Mit anderen Worten: An ihrem Beispiel wird deutlich, dass die politische Abstinenz, die Ignorierung prinzipieller Klassengrenzen eine Waffe der Bourgeoisie ist. Ab 1936 übernahm die CNT aufgrund ihrer Politik der antifaschistischen Einheitsfront jene Rolle, die alle reformistischen Gewerkschaften spielen: die Kontrolle der Arbeiterklasse zum Nutzen des Kapitals. Trotz der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit ihrer Mitglieder wechselte die "apolitische" Organisation der CNT ins bürgerliche Lager über. Das traurige Schicksal des revolutionären Syndikalismus bestand darin, viele revolutionäre Militante zu opfern, nur, um in der Regierung der Republik vertreten zu sein.

 

In Zusammenarbeit mit denjenigen, die stets auf die revolutionären Arbeiter, manchmal dabei auf ihre eigenen Mitglieder, geschossen haben, warf die CNT den Anarcho-Syndikalismus in den Mülleimer der Geschichte, wo er nun neben den parlamentarischen Parteien, den reformistischen Gewerkschaften, den Trotzkisten und den Stalinisten ruht.

 

 

Die IKS hat mehrere Texte der Gruppe Bilan über die Ereignisse in Spanien in der Internationalen Revue veröffentlicht. Eine ausführliche Textsammlung dieser Gruppe ist auf Französisch in Buchform erhältlich: BILAN, Contrerevolution en Espagne 1936/1939, Paris, 1979.

 

 

 

(3) Die Frage der Unionen (z.B. AAU) wird in unserer Broschüre Die deutsch-holländische Linke (Kapitel 4) behandelt.

 

Zur Frage der Arbeitergruppen haben wir in der Internationalen Revue Nr. 21 (franz., engl., span.) Stellung bezogen "Die Organisierung des Proletariats außerhalb der Kampfperioden (Gruppen, Kerne, Zirkel)". Auch in der Weltrevolution Nr. 11 "Die Fabrikgruppen der CWO - ein Bluff" wurde diese Frage aufgegriffen und in einer Artikelserie zur "Intervention der Revolutionäre" gegenüber diesen Gruppen.

 

 

 

(4)  Wenn der Arbeiterkampf in eine längere Rückflussphase eintritt oder, wie in den 70er Jahren, noch nicht weit genug gediehen ist, verlieren etliche Militante die Hoffnung auf jegliche Lösung und stürzen sich in einen wilden Aktionismus, der oft in der Theoretisierung und Praktizierung individueller Aktionen endet: Sabotage, Terrorismus und sogar Illusionen auf dem Gebiet der sofortigen und lokal begrenzten Umwandlung des Alltagslebens. Italien, das 1969 die bedeutendste Generalisierung antigewerkschaftlicher Kämpfe erlebt hat, war besonders reich an solchen typischen Manifestationen dieses Zerfallsprozesses. Zur Frage des Terrorismus einerseits und der Klassengewalt des Proletariats andererseits vgl. unsere Internationale Revue Nr. 3, "Terror, Terrorismus und Klassengewalt".

 

 

 

 

 

Der Kampf des Proletariats im aufsteigenden und im dekadenten Kapitalismus (1982)

 

 

 

  "Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm..." (K. Marx, Der 18te Brumaire des Louis Napoleon, MEW Bd. 8, S. 115).

 

 

 

  Heute, in einer Zeit des historischen Wiedererstarkens der proletarischen Kämpfe, ist die Arbeiterklasse nicht nur vom Gewicht jener Ideologie belastet, welche die bürgerliche Klasse direkt und absichtsvoll erzeugt, sondern auch vom Ballast der eigenen Traditionen. Um sich zu emanzipieren, muss die Arbeiterklasse ihre Erfahrungen unbedingt verarbeiten; nur so kann sie die Waffen für die entscheidende Schlacht schmieden, die dem Kapitalismus ein Ende bereiten wird. Doch es besteht auch die Gefahr, dass sie die Erfahrungen aus der Vergangenheit mit toten Traditionen verwechselt, dass es ihr nicht gelingt, zwischen den Methoden vergangener Kämpfe, die stets gültig und lebendig bleiben, und jenen Aspekten zu unterscheiden, die endgültig der Vergangenheit angehören, weil sie von den damaligen Verhältnissen abhängig waren.

 

  Wie Marx oft betonte, blieb der Arbeiterklasse auch zu seinen Lebzeiten im 19. Jahrhundert diese Gefahr nicht erspart. Trotz einer sich rasant entwickelnden Gesellschaft schleppte das Proletariat noch den ganzen Ballast seiner Traditionen aus der Zeit seines Ursprungs mit sich: Überreste aus den alten Gesellenverbänden und aus der Zeit Babeufs, Rudimente aus ihren pro-bürgerlichen Kämpfen gegen den Feudaladel. So waren in der 1864 gegründeten Ersten Internationalen die sektiererischen, verschwörerischen und republikanischen Traditionen aus der Zeit vor 1848 weiterhin als belastendes Gewicht zu spüren. Die gesamte Periode jener gewaltigen Veränderungen war Teil der Epoche des aufstrebenden Kapitalismus und beinhaltete spezifische Bedingungen für die Kämpfe der Arbeiterklasse. Angesichts des blühenden Kapitalismus bestand die Möglichkeit, wirkliche und dauerhafte Verbesserungen in den Lebensbedingungen der Arbeiter zu erringen. Eine Zerstörung des Kapitalismus in seiner Blütezeit stand nicht zur Debatte.

 

 

  Dieser Rahmen verlieh den verschiedenen Etappen in der Entwicklung der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts einen permanenten Charakter. Nach und nach wurden Methoden und Mittel des Klassenkampfes, die gewerkschaftliche Organisierung, herausgearbeitet und stetig verbessert. Trotz aller Unterschiede überwogen die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Etappen. Unter diesen Umständen stellte das Gewicht der Traditionen keine große Last für die damaligen Arbeitergenerationen dar. Im Gegenteil, die Vergangenheit wies weitgehend den Weg.

 

  Mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts änderte sich diese Situation radikal. Die meisten Instrumente, welche die Klasse über Jahrzehnte hinweg entwickelt hatte, verloren nun ihren Nutzen. Schlimmer noch: sie wendeten sich gegen das Proletariat und wurden zu tödlichen Waffen des Kapitals. Dies trifft auf die Gewerkschaften, auf die Teilnahme an den Wahlen und am Parlamentarismus zu. Dies geschah, weil der Kapitalismus in eine völlig neue Phase seiner Entwicklung getreten war: in die Periode seiner Dekadenz. Dadurch wurde der Rahmen des proletarischen Kampfes in seinen Grundfesten erschüttert. Von nun an verlor der Kampf um ständige und dauerhafte Verbesserungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft seine überragende Bedeutung.

 

 

  Der Kapitalismus konnte nicht nur keine Zugeständnisse mehr leisten, seine Krise stellte zudem zahlreiche proletarische Errungenschaften aus der Vergangenheit in Frage. Angesichts eines todkranken Systems kann der einzig wirkliche Fortschritt für das Proletariat nur in der Zerstörung des Kapitalismus bestehen. Der Erste Weltkrieg verkörperte den Bruch zwischen den beiden Lebensphasen des Kapitalismus. Die Revolutionäre begriffen, dass das System in seine Niedergangsphase eingetreten war. 1919 proklamierte die Kommunistische Internationale in ihrer Plattform: "Die neue Epoche ist geboren! Die Epoche der Auflösung des Kapitalismus, seiner inneren Zersetzung ist da. Die Epoche der kommunistischen Revolution des Proletariats ist angebrochen." Jedoch blieben die Revolutionäre mehrheitlich von den Traditionen der Vergangenheit beeinflusst. Trotz ihrer großartigen Arbeit war die III. Internationale nicht imstande, die Schlussfolgerungen ihrer Analyse konsequent auszuformulieren. Trotz des Verrats durch die Gewerkschaften schlug sie nicht vor, sie zu zerstören, sondern neu aufzubauen Sie stellte fest, dass "die parlamentarischen Reformen für die werktätigen Massen jede praktische Bedeutung verlieren (...) Der Schwerpunkt des politischen Lebens hat sich vollkommen aus dem Parlament verschoben, und zwar endgültig" (Leitsätze über den Parlamentarismus angenommen auf dem 2. Kongress der Komintern, 1920), um nichtsdestotrotz unbeirrt für die Teilnahme an diesen Institutionen zu plädieren

 

  Die Feststellung, die Marx 1852 gemacht hatte, wurde so am Ende nachdrücklich bestätigt. Die tragische Konsequenz daraus war, dass das Gewicht der Traditionen das Proletariat mit dem Ausbruch des imperialistischen Krieges 1914 nicht nur in große Verwirrung stürzte, sondern auch für das Scheitern der 1917 begonnenen revolutionären Welle und für die furchtbare Konterrevolution verantwortlich war, die nach der Zerschlagung der revolutionären Welle ein halbes Jahrhundert lang herrschte. Waren sie schon ein Hindernis für die vergangenen Kämpfe, so sind die überlieferten, toten Traditionen ein noch viel schlimmerer Feind der gegenwärtigen Kämpfe. Um erfolgreich zu sein, muss das Proletariat die alten Kleider von sich streifen, um sich für die Notwendigkeiten, welche die neue Epoche des Kapitalismus seinem Kampf aufzwingt, zu wappnen. Es muss die Unterschiede begreifen, die sich sowohl im Leben des Kapitalismus als auch in den Methoden und Zielen seines Kampfes zwischen der aufsteigenden und der dekadenter Phase der kapitalistischen Gesellschaft auftun. Der folgende Text möchte einen Beitrag zu diesem Verständnis leisten. Seine etwas ungewöhnliche Aufmachung scheint uns am geeignetsten, um sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die beachtlichen Unterschiede zwischen beiden Perioden auszudrücken.

 

 

 

 

 

DIE NATION

 

 

 

In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus

 

  Eines der typischen Merkmale des 19. Jahrhunderts war die Bildung neuer Nationen (Deutschland, Italien usw.) bzw. ein zäher Kampf um die Bildung derselben (Polen, Ungarn, etc.). Dies ist absolut kein Zufall, sondern entsprach den Notwendigkeiten des entstehenden Kapitalismus, der in der Nation den geeigneten Rahmen für seine Wirtschaft fand. Damals erfüllte die nationale Unabhängigkeit noch einen Sinn: Sie entsprach der kapitalistischen Entwicklung der Produktivkräfte und der Zerstörung der feudalen Imperien (Russland, Österreich-Ungarn), den Bastionen der Reaktion.

 

 

 

 In der dekadenten Phase des Kapitalismus

 

 

 

Im 20. Jahrhundert ist der nationale Rahmen zu eng für die Produktivkräfte geworden. So wie die kapitalistischen Produktionsverhältnisse selbst ist auch die Nation zu einem Hindernis für die Produktivkräfte geworden. Außerdem wird die nationale Unabhängigkeit zu einer Schimäre, sobald sich das nationale Kapital in seinem eigenen, wohlverstanden Interesse in einen der beiden großen imperialistischen Blöcke integriert und damit auf seine Unabhängigkeit verzichtet. Die angeblichen "nationalen Unabhängigkeitsbewegungen" des 20. Jahrhunderts laufen alle darauf hinaus, dass die betroffenen Länder von einer Einflusszone in die andere überwechseln.

 

 

 

 

DIE ENTWICKLUNG NEUER KAPITALISTISCHER EINHEITEN

 

 

 

In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus

 

 

 

  Ein anderes typisches Merkmal der aufsteigenden Phase war die ungleiche Entwicklung des Kapitals in den verschiedenen Ländern. Die höchst entwickelten Länder wiesen den anderen Ländern den Weg. Die Rückständigkeit Letzterer war durchaus nicht hoffnungslos. Es bestand für sie sogar die Möglichkeit, die Ersteren einzuholen und gar zu überholen. Dies war fast allgemeingültige Regel: "Im Rahmen des gigantischen Aufstieges war der Umfang der Steigerung in den einzelnen Ländern außerordentlich verschieden. Diejenigen europäischen Industriestaaten, die 1860 am stärksten entwickelt waren, zeigten in dieser Epoche eine geringere Aufwärtsentwicklung. Die englische Produktion verdreifachte sich ,nur', die französische vervierfachte sich ,nur', während die deutsche sich mehr als versiebenfachte, die amerikanische sich mehr als verzwölffachte.

 

 

Das verschiedene Tempo der Steigerung hatte zur Folge, dass die Rangordnung der entscheidenden Industrieländer von 1860 bis 1913 sich grundlegend wandelte.

 

Um 1880 verlor England den führenden Platz in der Weltproduktion an die Vereinigten Staaten. Gleichzeitig wurde Frankreich von Deutschland überholt. Um 1900 wurde England von Deutschland überholt und kam an die dritte Stelle." (E. Sternberg, Kapitalismus und Sozialismus vor dem Weltgericht, 1951)

 

 

Zur gleichen Zeit erklomm ein anderes Land die Stufe zur modernen Industrienation: Japan. Auch Russland durchlief einen sehr schnellen Prozess der Industrialisierung, der aber durch den Eintritt des Kapitalismus in seine Dekadenzphase abgewürgt wurde. Die Möglichkeit für die weniger entwickelten Länder, ihre Rückständigkeit zu überwinden, erklärt sich aus folgenden Gründen:

 

1. Ihre Binnenmärkte boten Absatzmöglichkeiten und spornten so die Entwicklung des industriellen Kapitals an. Die Existenz breiter und relativ wohlhabender Bereiche vor-industrieller Produktion (handwerklicher und vor allem landwirtschaftlicher Art) bildete den notwendigen Nährboden für die kapitalistische Akkumulation.

 

 

2.  Die Politik des Protektionismus erlaubte es ihnen eine Zeit lang, ihren Markt vor den billigeren Waren der entwickelteren Länder abzuschirmen und eine eigene nationale Produktion zu entwickeln.

 

3. Angesichts der frisch eroberten kolonialen Territorien existierte weltweit ein riesiger außerkapitalistischer Markt. Dieser Markt nahm die überschüssige Produktion der Industrieländer auf.

 

 

4. Das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage wirkte sich günstig auf die Möglichkeit einer Entwicklung der weniger entwickelten Länder aus. Da die Nachfrage, global gesehen, das Angebot überstieg, wurde der Preis der Waren von den höheren Produktionskosten in den weniger entwickelten Länder bestimmt. Diese erlaubte dem Kapital dieser Länder, eine Profitrate zu erzielen, die eine wirkliche Akkumulation ermöglichte, während die entwickelteren Länder Extraprofite kassierten.

 

5 Die Rüstungsausgaben waren relativ niedrig und konnten von den Industrieländern leicht kompensiert, ja, sogar in Form von kolonialen Eroberungen rentabilisiert werden.

 

 

6. Im 19. Jahrhundert erforderte das technologische Niveau noch nicht die erheblichen Kapitalmassen wie im 20. Jahrhundert, auch wenn es gegenüber der vorausgegangenen Epoche einen riesigen Fortschritt darstellte.

 

 

 

 

 

 

 

 

In der dekadenten Phase des Kapitalismus

 

 

 

 

 

Die Periode der kapitalistischen Dekadenz zeichnet sich dadurch aus, dass die Entstehung neuer Industrienationen unmöglich geworden ist. Jene Länder, die ihren industriellen Rückstand vor dem Ersten Weltkrieg nicht wettmachen konnten, waren dazu verdammt, in totaler Unterentwicklung zu stagnieren oder in eine chronische Abhängigkeit gegenüber den hochindustrialisierten Ländern zu geraten. So verhält es sich mit Nationen wie China oder Indien, denen es trotz angeblicher "nationaler Unabhängigkeit" oder gar "Revolution" (d.h. die Einführung eines drakonischen Staatskapitalismus) nicht gelang, Unterentwicklung und Armut abzustreifen. Auch die UdSSR kann sich dieser Realität nicht entziehen. Die fürchterlichen Opfer, die der Bauernschaft und vor allem der Arbeiterklasse dieses Landes abverlangt worden waren, die immense Ausbeutung in den Arbeitslagern, die Planwirtschaft und das staatliche Monopol im Außenhandel (von den Trotzkisten als "große Errungenschaften" der Arbeiter gepriesen), die systematische Ausplünderung der osteuropäischen Länder - all dies reichte nicht, um der UdSSR zum Anschluss an die Hochindustrieländer zu verhelfen, um die hartnäckigen Spuren der Unterentwicklung und Rückständigkeit auszumerzen (s. dazu diverse Artikel in der Internationalen Revue).

 

Dass es unmöglich geworden ist, neue, große kapitalistische Einheiten zur Entstehung zur verhelfen, drückt sich unter anderem in der Tatsache aus, dass die sechs größten Industrieländer (USA, Japan, Russland, BRD, Frankreich, England) bereits am Vorabend des Ersten Weltkrieges die führenden Wirtschaftsmächte, wenn auch in einer anderen Reihenfolge, gestellt hatten.

 

 

Die Unfähigkeit der unterentwickelten Länder, das Niveau der hochentwickelten Mächte zu erreichen, lässt sich durch folgende Tatsachen erklären:

 

1. Die Märkte, die einst die außerkapitalistischen Sektoren für die Industrieländer verkörperten, sind durch die Kapitalisierung der Landwirtschaft und den fast vollständigen Niedergang des Handwerks gänzlich ausgeschöpft.

 

 

2. Die protektionistische Politik hat im 20. Jahrhundert völlig ausgedient. Sie bietet der Wirtschaft in den unterentwickelten Ländern keine Gelegenheit zum Luftholen mehr, sondern führt im Gegenteil zu ihrer Strangulierung.

 

3. Die außerkapitalistischen Territorien dieser Welt sind nahezu voll-ständig vom kapitalistischen Weltmarkt einverleibt worden. Trotz der ungeheuren Armut und der immensen Nachholbedürfnisse, trotz der völligen Unterentwicklung ihrer Wirtschaft stellen die Drittweltländer keinen zahlungsfähigen Markt dar, weil sie schlicht und einfach pleite sind.

 

 

4. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage behindert jegliche Entstehung neuer kapitalistischer Nationen. In einer Welt der gesättigten Märkte übertrifft das Angebot die Nachfrage bei weitem; die Preise werden durch die niedrigsten Produktionskosten bestimmt. Dadurch sind jene Länder mit den höchsten Produktionskosten gezwungen, ihre Waren für wenig Profit, wenn nicht gar mit Verlust zu veräußern. Dies drückt ihre Akkumulationsrate auf ein niedriges Niveau. Selbst mit ihren billigen Arbeitskräften gelingt es ihnen nicht, die notwendigen Investitionen zur Anschaffung moderner Technologien zu tätigen. Das Ergebnis ist die ständige Vergrößerung des Abstandes zwischen ihnen und den Industrieländern.

 

5. Die Militärausgaben in einer Welt des permanenten Krieges stellen auch für die entwickelten Länder eine große Belastung dar. Für die unterentwickelten Länder führen sie hingegen in den vollständigen Bankrott.

 

 

6. Die moderne Produktion von heute erfordert eine im Vergleich zum 19. Jahrhundert weitaus höher entwickelte Technologie und somit enorme Investitionen, die lediglich die Industriemächte zur Verfügung haben. So wirken sich auch rein technische Faktoren negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung aus.

 

 

 

 

 

 

DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN STAAT UND GESELLSCHAFT

 

 

 

 

In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus

 

 

 

In diesem Lebensabschnitt des Kapitalismus gab es eine sehr deutliche Trennung zwischen der Politik, dem Bereich der staatlichen Verwaltungsspezialisten und der Wirtschaft, dem Bereich der Privatkapitalisten.

 

 

  In jener Zeit war der Staat, der auch damals durchaus nach der Herrschaft über die Gesellschaft trachtete, stark von Interessengruppen und Fraktionen des Kapitals beherrscht, was sich zum großen Teil in der Legislative bemerkbar machte. Noch dominierte die Legislative die Exekutive; das parlamentarische System und die repräsentative Demokratie waren Realität, waren das Terrain, auf dem die Konfrontationen zwischen den verschiedenen Interessengruppen stattfanden. Aufgabe des Staates war, die soziale Ordnung zu Gunsten des kapitalistischen Systems in seiner Gesamtheit zu bewahren. Aus diesem Interesse heraus gewährte der Staat den Arbeitern diverse Reformen gegen die barbarischen Exzesse der Ausbeutung, deren Ursache im unmittelbaren und unersättlichen Hunger der Privatkapitalisten nach Profit lag (z.B. die 10-Stunden-Bill in Großbritannien, die Gesetze zur Einschränkung der Kinderarbeit usw.)

 

 

 

 

 In der dekadenten Phase des Kapitalismus

 

 

 

Dieser Lebensabschnitt des Kapitalismus zeichnet sich durch die Absorbierung der Gesellschaft durch den Staat aus. So hat die Legislative, die ursprünglich die gesellschaftlichen Interessen vertreten hatte, jegliches Gewicht zu Gunsten der Exekutive verloren, die nunmehr Spitze der staatlichen Hierarchie verkörpert. In dieser Periode verschmilzt die Politik mit der Ökonomie zu einem Ganzen, da der Staat die Hauptrolle in der nationalen Wirtschaft und ihre tatsächliche Führung übernommen hat.

 

 

   Ob dies durch die schrittweise Integration, wie in der "Marktwirtschaft" westlicher Ausrichtung, oder durch eine plötzliche Umwälzung, wie in der verstaatlichten Wirtschaft, geschieht, der Staat ist in keinem Fall mehr das bloße ausführende Organ der Privatkapitalisten und Interessengruppen, sondern der kollektive Kapitalist, dem sich alle besonderen Interessen zu beugen haben.

 

   In seiner Eigenschaft als reelle Einheit des nationalen Kapitals verteidigt der Staat dessen Interessen sowohl nach innen als auch nach außen. Ebenso übernimmt er die Aufgabe, die Ausbeutung und Unterwerfung der Arbeiterklasse sicherzustellen.

 

 

 

 

DER KRIEG

 

 

 

In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus

 

 

 

  Im 19. Jahrhundert hatte der Krieg im Allgemeinen die Funktion, jeder kapitalistischen Nation die zu ihrer Entwicklung notwendige territoriale Einheit und Ausdehnung zu sichern. In diesem Sinne und trotz des damit verbundenen Elends war der Krieg ein Aspekt des fortschrittlichen Wesens des Kapitals.

 

 

  So waren die Kriege damals üblicherweise auf zwei oder drei meist benachbarte Länder begrenzt und zeichneten sich durch folgende Merkmale aus:

 

- Sie waren von kurzer Dauer.

 

 

- Sie verursachten wenig Zerstörung.

 

- Sie ermöglichten sowohl den Siegern als auch den Besiegten einen neuen Aufschwung (so z.B. der deutsch-französische, der österreichisch-italienische, der österreichisch-preußische und der Krimkrieg).

 

 

 

Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 war ein typisches Beispiel für diese Art von Krieg:

 

 

- Er stellte eine entscheidende Etappe bei der Bildung des deutschen Nationalstaates dar, d.h. bei der Schaffung einer Grundlage für die gewaltige Entwicklung der Produktivkräfte und bei der Bildung des wichtigsten Teils des industriellen Proletariats Europas, ja, der Welt, wenn man eine politische Rolle berücksichtigt.

 

* Gleichzeitig dauerte dieser Krieg nicht einmal ein ganzes Jahr. Auch fielen ihm nicht allzu viele Menschen zum Opfer. Selbst für das besiegte Frankreich stellte er keinen wirklichen Rückschlag dar: Nach 1871 setzte Frankreich seine industrielle Entwicklung fort, die im "Zweiten Reich" begonnen hatte, und erbeutete zudem den Löwenanteil seines Kolonialreiches.

 

 

 

Was die Kolonialkriege angeht, so verfolgten sie das Ziel, neue Märkte und Rohstoffressourcen zu erobern. Sie waren das Ergebnis eines Wettrennens der kapitalistischen Länder, die in ihrem Drang, ihre Bedürfnisse nach Ausdehnung zu befriedigen, die Welt unter sich aufteilten. Die Kolonialkriege standen also in direktem Zusammenhang mit der Ausdehnung des Kapitalismus und der Entwicklung der globalen Produktivkräfte.

 

 

 

In der dekadenten Phase des Kapitalismus

 

 

 

In einer Periode, in der die Bildung lebensfähiger nationaler Einheiten nicht mehr möglich und die formale Unabhängigkeit neuer Länder im Wesentlichen das Resultat der Rivalitäten zwischen den großen imperialistischen Mächten ist, werden die Kriege nicht mehr durch wirtschaftliche Notwendigkeit, die Produktivkräfte weiterzuentwickeln, bestimmt, sondern sind auf politische Ursachen zurückzuführen. Sie werden bestimmt vom Kräfteverhältnis zwischen den Blöcken und haben aufgehört, ein Moment der Ausdehnung der kapitalistischen Produktionsweise zu sein. Die Kriege von heute sind im Gegenteil Ausdruck der Unmöglichkeit einer solchen Ausdehnung. Sie führen nicht zur Aufteilung der Welt, sondern zu ihrer Neuaufteilung. Da eine Weiterentwicklung definitiv nicht mehr möglich ist, kann der eine Block von Ländern seine Kapitalverwertung nur auf Kosten des feindlichen Blocks aufrechterhalten. Im Endeffekt läuft dieser Zustand auf Schwächung des Weltkapitals in seiner Gesamtheit hinaus.

 

 

 

  Heute verbreiten sich die Kriege in alle Himmelsrichtungen und verursachen ungeheure Zerstörungen in der Weltwirtschaft; sie führen letztendlich zur allgemeinen Barbarei.

 

 

  Wie im deutsch-französischen Krieg 1870/71 standen sich auch 1914 und 1939 Deutschland und Frankreich feindlich gegenüber. Doch die Unterschiede zwischen dem erstgenannten Krieg und den beiden Weltkriegen sind frappierend. Im 20. Jahrhundert:

 

- zog der Krieg ganz Europa in Mitleidenschaft und dehnte sich zudem auf die gesamte Welt aus;

 

 

- war der Krieg ein totaler Krieg, der jahrelang die gesamte Bevölkerung und sämtliche wirtschaftlichen Ressourcen mobilisierte, der

 

   binnen kurzer Zeit Jahrzehnte menschlicher Arbeit zunichte machte,

 

 

   Millionen von Proletariern massakrierte und Hunderte von Millionen von Menschen in die Hungersnot trieb.

 

 

 

Die Kriege des 20. Jahrhunderts sind keineswegs "Erneuerungskuren" (wie manche behaupten), sondern nichts anderes als ein Ausdruck des dahinsiechenden Kapitalismus.

 

 

 

DIE KRISEN

 

 

 

In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus

 

 

 

  In einer auf ungleichen Entwicklungen und Binnenmärkten basierenden Welt waren auch die Krisen durch die ungleiche Entfaltung der Produktivkräfte in den verschiedenen Ländern und Branchen gekennzeichnet. Sie zeigten an, dass der Binnenmarkt gesättigt und eine weitere Ausdehnung erforderlich war. Sie traten periodisch im Abstand von sieben bis zehn Jahren auf, also entsprechend der Tilgungsfrist des fixen Kapitals, und lösten sich infolge der Eröffnung neuer Märkte schnell auf. Sie trugen daher folgende Merkmale:

 

1. Sie brachen plötzlich aus, meistens nach einem Börsenkrach.

 

 

2. Sie waren von kurzer Dauer; die längsten Krisen dauerten ein bis drei Jahre.

 

3. Sie betrafen nicht alle Industrieländer. Beispielsweise:

 

 

- traf die Krise von 1825 vor allem Großbritannien, Frankreich und  Deutschland blieben von ihr verschont;

 

- traf die Krise von 1830 vor allem Nordamerika, während Frankreich  und Deutschland ihr aus dem Wege gehen konnten;

 

 

- verschonte die Krise von 1847 die USA und hatte schwache Auswirkungen in Deutschland;

 

- zeigte die Krise von 1866 wenig Wirkung in Deutschland und

 

 

- - verschonte die Krise von 1973 Frankreich.

 

 

 

Nach und nach neigte der beschriebene Zyklus zwischen Börsenkrach und Boom dazu, sich auf alle entwickelten Länder gleichzeitig auszuwirken. Doch noch 1900 und 1903 waren die USA von der damaligen Rezession unbetroffen, und auch Frankreich blieb von der Rezession von 1907 verschont. Erst die Krise von 1913, die in den Ersten Weltkrieg mündete, erschütterte praktisch alle Länder gleichzeitig.

 

4. Sie wirkten sich nicht auf alle Industriebranchen aus. So:

 

 

- litt hauptsächlich die Baumwollindustrie unter den Krisen von 1825 und 1836;

 

- wurde in der Krise von 1873 die Metallindustrie in Mitleidenschaft gezogen. So kam es nicht selten vor, dass bestimmte Branchen sich

 

 

   noch im Aufschwung befanden, während andere von der Rezession erfasst waren.

 

5. Sie mündeten in einen neuen industriellen Aufschwung (die o.g. Wachstumszahlen von Sternberg sind in dieser Hinsicht bedeutsam).

 

 

6. Sie schufen nicht die Bedingungen für eine politische Krise des Systems und noch weniger für den Ausbruch einer proletarischen Revolution. Hier muss man die Fehleinschätzung von Marx erwähnen, der kurz nach den Ereignissen von 1847/48 geschrieben hatte, dass eine neue Revolution nur im Anschluss an eine neuen Krise möglich sei, aber ebenso sicher sei wie Letztere. Sein Irrtum bestand nicht in der Erkenntnis darüber, dass zur Ermöglichung der Revolution die Krise des Kapitalismus notwendig ist. Ebenso wenig täuschte er sich, als er eine neue Krise angekündigt hatte (die Krise von 1857 sollte sich als noch stärker erweisen als die von 1847). Er ging vielmehr fehl in der Annahme, dass die Krisen zu seiner Zeit bereits die Todeskrisen des Kapitalismus darstellten. Diesen Irrtum hat Marx später natürlich korrigiert. Gerade weil er sich über die objektiven Bedingungen der Revolution im Klaren war, stieß er später in der IAA mit den Anarchisten zusammen, welche die noch bevorstehenden Etappen auf dem Weg zur proletarischen Revolution einfach überspringen wollten. So warnte er am 9. September die Pariser Arbeiter: "Jeder Versuch, die neue Regierung zu stürzen, (...) wäre eine verzweifelte Torheit." (Marx, Zweite Adresse über den deutsch-französischen Krieg, MEW Bd. 17, S. 277) Heute muss man schon Anarchist oder Bordigist sein, um sich einzubilden, dass die Revolution jederzeit" möglich sei bzw. dass ihre materiellen Bedingungen bereits 1848 oder 1871 existiert hätten.

 

 

 

 

 

 

 

In der dekadenten Phase des Kapitalismus

 

 

 

 

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Bildung des kapitalistischen Weltmarktes abgeschlossen. Die Binnenmärkte haben an Bedeutung verloren (u.a. wegen des Verschwindens außerkapitalistischer Bereiche). Unter diesen Umständen sind die Krisen kein Ausdruck lediglich zeitweise verstopfter Märkte, sondern Zeugnis von der Unmöglichkeit einer weiteren Ausdehnung der Märkte. Aus diesem Grund handelt es sich bei den heutigen Rezessionen um allgemeine und permanente Krisen.

 

 

  Die Konjunktur ist nicht das Resultat des Verhältnisses zwischen der Produktionsauslastung und der Größe des jeweils bestehenden Marktes. Sie sind vielmehr im Wesentlichen das Ergebnis politischer Faktoren, die vom Zyklus "Krise-Krieg-Wiederaufbau" beeinflusst sind. So bestimmen nicht mehr die Probleme der Kapitaltilgung die Dauer der konjunkturellen Phasen, sondern vielmehr der Umfang der Zerstörungen des vorausgegangenen Krieges. Nur so kann man verstehen, warum die Dauer der Wiederaufbau- und Expansionsphase nach dem Zweiten Weltkrieg doppelt so lang war (17 Jahre) wie nach dem Ersten Weltkrieg (sieben Jahre).

 

  Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert, das von der Politik des "Laisser-faire" charakterisiert war, wird im 20. Jahrhundert das Ausmaß der Krisen mit Hilfe staatlicher Eingriffe eingeschränkt. So verhält es sich mit den lokalen Kriegen, mit der Entwicklung der Rüstungsindustrie, der Kriegswirtschaft, mit dem systematischen Einsatz der inflationären Politik (das Drucken von Banknoten), mit dem Verkauf auf Kredit, der all-gemeinen Verschuldung und mit vielen anderen politischen Maßnahmen, die vielfach mit den ökonomischen Gesetzen des Kapitalismus brechen.

 

 

  So gesehen, haben die Krisen des 20. Jahrhunderts folgende Merkmale:

 

1. Sie brechen nicht plötzlich aus, sondern entwickeln sich schrittweise und über einen längeren Zeitraum. Zwar wies die Krise von 1929 mit ihrem plötzlichen Ausbruch durchaus noch ein Merkmal der Krisen des 19. Jahrhunderts auf. Doch lässt sich dies nicht dadurch erklären, dass sie unter ähnlichen wirtschaftlichen Bedingungen stattfand, sondern allein durch die Tatsache, dass die politischen Institutionen des Kapitals gegenüber den veränderten Bedingungen völlig unvorbereitet waren. Später ermöglichten es die massiven staatlichen Eingriffe (New Deal in den USA, Rüstungsproduktion in Deutschland), die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise über ein Jahrzehnt lang hinauszuzögern.

 

 

2. Einmal ausgebrochen, dauern Krisen im 20. Jahrhundert stets sehr lange. Während das Verhältnis zwischen Rezession und Aufschwung im 19. Jahrhundert 1 : 4 betrug, änderte es sich im 20. Jahr-hundert auf 2 : 1. Denn zwischen 1914 und 1980 zählte man genau zehn Jahre Weltkrieg (ohne die permanenten lokalen Kriege mit zu berücksichtigen), 32 Jahre der Krisen und Rezessionen (1918-22, 1929-39, 1945-50, 1967-...), insgesamt also 42 Jahre Kriege und Krisen, dagegen nur 24 Jahre Wiederaufbau (1922-29 und 1950-67). Und die derzeitige Krise ist noch lange nicht an ihrem Ende angelangt.

 

3. Während die Wirtschaftsmaschine im 19. Jahrhundert am Ende einer jeden Krise sich aus eigener Kraft wieder angekurbelt hat, kennen die Krisen des 20. Jahrhunderts, vom kapitalistischen Standpunkt aus gesehen, keine andere Lösung als einen neuen Weltkrieg. Krisen sind in diesem todkranken System unvermeidbar. Für das Proletariat hingegen bringen sie die Notwendigkeit und Möglichkeit der kommunistischen Revolution zum Vorschein. Das 20. Jahrhundert ist in der Tat die Ära von Krieg und Revolution, wie es die Komintern auf ihrem Gründungskongress ausgedrückt hatte.

 

 

 

 

 

DER KLASSENKAMPF

 

 

 

 

In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus

 

 

 

 

 

  Die Formen des Klassenkampfes im 19. Jahrhundert waren gleichermaßen durch die Besonderheiten des Kapitals wie durch die Arbeiterklasse selbst bestimmt:

 

1. Das Gesamtkapital im 19. Jahrhundert war noch in zahllose, kleine Einzelkapitale zersplittert. Selten hatten die Fabriken mehr als 100 Arbeiter beschäftigt, oftmals waren die Unternehmen noch halbe Handwerksbetriebe. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich mit dem Bau der Eisenbahnen, der massenhaften Maschinisierung, der Vervielfachung der Bergwerke die Vorherrschaft der großen Industriebranchen, so wie man sie heute kennt.

 

 

2. Die Zahl der konkurrierenden Kapitalisten war somit sehr hoch.

 

3. Zudem war die angewandte Technologie noch ziemlich unterentwickelt. Die erste Generation von Fabrikarbeitern kam vom Land und war mehrheitlich unqualifiziert. Qualifizierte Arbeiter kamen vorwiegend aus dem Handwerk.

 

 

4. Die Ausbeutung basierte auf dem Auspressen des absoluten Mehrwerts: langer Arbeitstag, sehr niedriger Arbeitslohn.

 

5. Jeder Fabrikherr stieß direkt und auf sich allein gestellt mit den Arbeitern zusammen, die von ihm ausgebeutet wurden. Es gab noch keine organisierte Einheit der Unternehmer: Erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bildeten sich die ersten Unternehmerverbände. In diesen isolierten Konflikten kam es nicht selten vor, dass die Konkurrenz sich die Hände rieb und mit einem Auge auf die Abnehmer der betroffenen Fabrik schielte.

 

 

6. Der Staat hielt sich in der Regel aus solchen Konflikten heraus. Er intervenierte erst dann, wenn der Konflikt die "öffentliche Ordnung" zu stören drohte.

 

 

 

Auf Seiten der Arbeiterklasse sind folgende Charakteristiken festzuhalten:

 

1. So wie das Kapital war auch die Arbeiterklasse sehr zersplittert. Sie war eine in der Entstehung befindliche Klasse. Ihre kämpferischsten Angehörigen waren noch sehr stark mit dem Handwerk verbunden und daher stark vom Korporatismus geprägt.

 

 

2. Auf dem Arbeitsmarkt herrschte noch uneingeschränkt und direkt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Nur in Zeiten der Hochkonjunktur, der schnellen Ausweitung der Produktion, in der Mangel an Arbeitskräften vorherrschte, waren die Arbeiter in der Lage, wirksamen Widerstand gegen die Angriffe des Kapitals zu leisten und sogar wichtige Verbesserungen in den Löhnen und Arbeitsbedingungen zu erzielen. In Zeiten der Wirtschaftskrise verloren sie dagegen ihre Kraft und ließen sich wehrlos einen Teil der eben errungenen Verbesserungen wieder abjagen. Als Ausdruck dieses Phänomens fand die Gründung der Ersten sowie der Zweiten Internationalen jeweils in einer Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs statt (1864, also drei Jahre vor dem Ausbruch der Krise von 1867, wurde die Internationale Arbeiterassoziation, kurz: IAA, gegründet, die II. Internationale 1889, am Vorabend der Krise von 1890-93) und spiegelte die verstärkte Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse wider.

 

3. Im 19. Jahrhundert bedeutete die Emigration eine Lösung für die Arbeitslosigkeit und die furchtbare Not, die in regelmäßigen Abständen die Arbeiterklasse während der zyklischen Krisen heimsuchten. Als die Lebensbedingungen in den kapitalistischen Metropolen unerträglich wurden, war die Möglichkeit für große Teile des Proletariats, in die "Neue Welt" zu emigrieren, ein Element zur Vermeidung explosiver Situationen wie jener des Jahres 1848. So war die Ausdehnungsfähigkeit des Kapitalismus und die Möglichkeit der Emigration eine Garantie für die Stabilität des Systems im 19. Jahrhundert.

 

 

4. Die besonderen Bedingungen des aufstrebenden Kapitalismus zwangen die Arbeiter dazu, Organisationen zur Vertretung ihrer ökonomischen Interessen zu schaffen: die Gewerkschaften, lokale, berufsgebundene Interessenorganisationen, die auf eine Minderheit von Arbeitern beschränkt blieben. Der Streik, die Hauptform des damaligen Kampfes, wurde gründlich vorbereitet, die bestreikten Fabriken stets vorher ausgewählt. Im Allgemeinen brachen die Kämpfe verstärkt in Phasen der Hochkonjunktur aus und richteten sich gegen eine bestimmte Industriebranche oder einzelne Fabriken. Trotz all dieser Beschränkungen waren die Gewerkschaften reelle Organe der Arbeiterklasse, die nicht nur im ökonomischen Kampf gegen die Kapitalisten, sondern auch als Lebenszentrum der Klasse, als Schule der Solidarität, unabdingbar waren. In diesen Schulen konnten die Arbeiter lernen, dass sie eine gemeinsame Sache, ein gemeinsames Ziel verfolgen, denn es handelte sich hierbei um "Schulen des Kommunismus", wie Marx sie bezeichnete, die für die revolutionäre Propaganda offen waren.

 

5. Im 19. Jahrhundert waren die Streiks im Allgemeinen von relativ langer Dauer. Darin bestand einer der Bedingungen für ihre Wirksamkeit: Sie zwangen die Arbeiter, das eigene Verhungern zu riskieren und sich daher mit der Notwendigkeit zu befassen, Unterstützungsfonds, "Widerstandskassen" zu organisieren und die materielle Solidarität der anderen Arbeiter in Anspruch zu nehmen. Daher bildete die Tatsache, dass Letztere weiter arbeiteten und sich nicht dem Streik anschlossen, durchaus ein positives Element für die Wirksamkeit des Kampfes. Denn wenn in den Konkurrenzfabriken weitergearbeitet wurde, konnte dies einen zusätzlichen Druck auf den bestreikten Fabrikherrn ausüben.

 

 

6. Unter diesen Umständen erhielt die Frage der materiellen, finanziellen Vorbereitung und Organisierung des Proletariats eine zentrale Bedeutung bei der Durchführung der Kämpfe. Oft hatte sie Vorrang vor dem Inhalt, vor den tatsächlichen Errungenschaften der Kämpfe. Sie wurde zum Ziel an sich, wie Marx feststellte, als er auf die Aussagen der Bourgeoisie einging, die nicht verstand, warum die Arbeiter mehr Geld für ihre Gewerkschaften ausgaben, als diese dem Kapital für sie entreißen konnten.

 

 

 

In der dekadenten Phase des Kapitalismus

 

 

 

 

Der Klassenkampf im dekadenten Kapitalismus wird aus der Sicht des Kapitals durch folgende Merkmale bestimmt:

 

 

1. Das Kapital hat ein hohes Niveau der Konzentration und Zentralisierung erreicht.

 

2. Quantitativ, also von der bloßen Anzahl der konkurrierenden Unternehmer ausgehend, ist die Konkurrenz schwächer geworden, qualitativ hat sie sich dagegen enorm zugespitzt.

 

 

3. Die Technologie ist hoch entwickelt. Die Arbeitskräfte sind immer qualifizierter, da die einfachen Arbeiten zunehmend von Maschinen ausgeführt werden. Ein Großteil der heutigen Lohnabhängigen steht schon in der vierten oder fünften Arbeitergeneration. Nur eine ganz geringe Anzahl von Arbeitern wird aus der Landwirtschaft rekrutiert.

 

4. Die dominierende Grundlage der Ausbeutung ist das Auspressen des relativen Mehrwerts (Beschleunigung des Arbeitsrhythmus und Zunahme der Produktivität).

 

 

5. Im Vergleich zu früher herrscht heute eine viel größere Einheit und Solidarität unter den Kapitalisten gegenüber der Arbeiterklasse. Erstere haben spezielle Organe gegründet, um der Arbeiterklasse nicht mehr einzeln gegenüberzutreten.

 

6. Der Staat greift direkt in die sozialen Konflikte ein, entweder in seiner Eigenschaft als Kapitalist bzw. als "Vermittler", d.h. als Kontrollorgan auf der politischen und ökonomischen Ebene der Konfrontation, um diese auf Sparflamme zu halten, oder aber einfach als Organisator und Ausführender der Repression.

 

 

Auf der Seite der Arbeiterklasse sind folgende Merkmale zu nennen:

 

1. Die Arbeiterklasse ist auf globaler Ebene vereinigt und auf intellektueller Ebene hoch qualifiziert. Sie hat nur noch sehr entfernte Verbindungen zum Handwerk. Zentrale Stätten ihrer Kampfbereitschaft sind die großen, modernen Betriebe. Die Kämpfe verlassen immer mehr den Boden des Korporatismus.

 

 

2. Im Gegensatz zur aufsteigenden Periode kommt es heute zum Ausbruch von Kämpfen, wenn die Gesellschaft in eine Krise gerät: Die Revolutionen von 1905 und 1917 in Russland entstanden infolge der4 akuten Krise (denn Kriege sind nichts anderes als Krisen). Die große internationale Welle von revolutionären Kämpfen zwischen 1917 und 1923 fand während einer Zeit der Kriege und der sich anschließenden wirtschaftlichen Erschütterungen statt und endeten mit dem Aufschwung, den der Wiederaufbau mit sich brachte. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern wurde die Dritte Internationale 1919, auf einem Tiefpunkt der gesellschaftlichen Krise und auf dem gleichzeitigen Höhepunkt der proletarischen Kampfbereitschaft, gegründet.

 

3. Das Phänomen der wirtschaftlich bedingten Emigration im 20. Jahr-hundert, besonders nach dem II. Weltkrieg, ist sowohl von seinem Ursprung her als auch hinsichtlich seiner Konsequenzen keineswegs vergleichbar mit den großen Auswanderungsströmungen des 19. Jahrhunderts. Es drückt nicht die historische Expansion des Kapitals nach neuen Territorien aus, sondern im Gegenteil die Unmöglichkeit der ökonomischen Entfaltung der ehemaligen Kolonien. Die Arbeiter und Bauern flüchten aus den verelendeten ländlichen Regionen in die Metropolen, welche die emigrierenden Arbeiter des 19. Jahrhunderts ihrerseits verlassen hatten. Die Auswanderung wirkt also nicht mehr als Sicherheitsventil in der akuten Krise des Systems. Nach dem Ende der Wiederaufbauperiode hörte die Emigration auf, ein Mittel zu sein, um die Arbeitslosigkeit zu überwinden, die sich in den Industrieländern ausbreitet, nachdem sie bereits vorher die unterentwickelten Länder heimgesucht hat. Die Krise treibt die Arbeiterklasse in die Enge, ohne ihr den geringsten Ausweg innerhalb dieses Systems zu lassen.

 

 

4. Die Unmöglichkeit von dauerhaften Verbesserungen für die Arbeiter-klasse bedeutet auch die Unmöglichkeit der Bildung spezifischer, permanenter, die Vertretung ihrer ökonomischen Interessen übernehmender Organisationen. Die Gewerkschaften verlieren ihre ursprüngliche Funktion: Da sie keine Klassenorgane, geschweige denn "Schulen des Kommunismus" sind, werden sie vom Kapital vereinnahmt und in den Staat integriert, ein Prozess, der durch die Tendenz des Staates, sich die gesamte Gesellschaft einzuverleiben, noch verstärkt wird.

 

5. Der proletarische Kampf sprengt zunehmend den ökonomischen Rahmen und wird zum gesellschaftlichen Kampf. Die Arbeiter stoßen direkt mit den staatlichen Organen zusammen und werden auf diesem Wege politisiert. Desgleichen erfordern diese Kämpfe die massive Beteiligung der gesamten Klasse. Rosa Luxemburg deckte dies in ihrer Schrift "Massenstreik, Partei und Gewerkschaften" vor dem Hintergrund der ersten russischen Revolution von 1906 auf. Den gleichen Gedanken findet man auch bei Lenin: "Hinter jedem Streik erhebt sich das Gespenst der Revolution."

 

 

6. Die Kämpfe in der dekadenten Phase können nicht von langer Hand organisatorisch vorbereitet werden. Sie brechen spontan aus und streben danach, sich auszuweiten. Sie finden eher auf lokaler oder territorialer Ebene statt als auf beruflicher. Ihre Ausweitung verläuft eher horizontal als vertikal. Diese Merkmale sind Vorboten des revolutionären Sturms, in dem die Arbeiter nicht nach Berufen oder Branchen getrennt oder als Arbeiter der einen oder anderen Fabrik auftreten, sondern als vereinigte Klasse, die sich auf einer geopolitischen Ebene (Provinzen, Länder) zusammengeschlossen hat. Auch ist der Arbeiterklasse unmöglich, sich im Vorfeld eines Kampfes mit materiellen Hilfsmitteln zu versorgen. Angesichts der Art und Weise, wie das Kapital sich organisiert, wie die gesamte Kapitalistenklasse sich im Falle von Kämpfen gegenseitig hilft, wird ein Streik auf längere Zeit zu einer stumpfen Waffe. In diesem Sinn hängt der Erfolg eines Streiks nicht von finanziellen Mitteln ab, sondern im Wesentlichen von der Fähigkeit der Arbeiter, den Kampf auszudehnen, da nur dies eine reelle Bedrohung des gesamten nationalen Kapitals darstellt. Heutzutage besteht die Solidarität der Arbeiter nicht mehr in der finanziellen Unterstützung kämpfender Arbeiter (dabei handelt es sich nur um eine Scheinsolidarität, welche die Gewerkschaften anbieten, um die Arbeiter von einer wirklichen Unterstützung abzuhalten), sondern in der eigenen Aufnahme des Kampfes.

 

7. So wie die Organisation des Kampfes dem Kampf selbst nicht vorausgeht, sondern sich erst im Verlauf des Kampfes herausschält, so kann die Selbstverteidigung und Bewaffnung des Proletariats nicht im Voraus vorbereitet werden, indem man ein paar Gewehre bunkert (so wie sich dies einige Gruppen wie die GCI vorstellen).

 

 

 All dies sind Etappen in einem Prozess, den man nicht beenden kann,   ohne alle Etappen durchlaufen zu haben.

 

 

 

 

DIE ROLLE DER REVOLUTIONÄREN ORGANISATION

 

 

 

In der aufsteigenden Phase des Kapitalismus

 

 

 

  Die Organisation der Revolutionäre, Produkt der Klasse und ihres Kampfes, ist eine auf der Grundlage eines Programms gebildete Minderheitsorganisation. Ihre Funktion besteht in:

 

 

1.    der theoretischen Aufarbeitung der Kritik des Kapitalismus,

 

2. der Aufarbeitung des Programms des historischen Ziels des Klassenkampfes,

 

 

3. der Verbreitung dieses Programms in der Klasse,

 

4. der aktiven Teilnahme an allen Momenten des unmittelbaren Kampfes der Klasse und ihrer Verteidigung gegen die kapitalistische Ausbeutung.

 

 

 

So übernahmen die revolutionären Organisationen im 19. Jahrhundert die Aufgabe, ab einem bestimmten Entwicklungsstadium die ökonomischen Kämpfe der Klasse auf der Grundlage einer bereits im Keim bestehenden und in früheren Kämpfen erzeugten Organisation aktiv zu initiieren und zu organisieren.

 

 

   Durch ihre eigene Funktion wie auch durch die Erfolge in dieser Zeit verleitet, als Reformen noch möglich waren und reformistische Illusionen in der Klasse vorherrschten, wurden auch die Organisationen der Revolutionäre (die Parteien der II. Internationalen) vom Bazillus eines Reformismus befallen, der letztendlich das revolutionäre Endziel zu Gunsten der unmittelbaren Reformen aufgab. Sie ließen sich dazu verleiten, die Entwicklung und den Erhalt der ökonomischen Organisationen (Gewerkschaften) zu ihrer einzigen praktischen Aufgabe zu machen (Entwicklung des Ökonomismus).

 

   Nur eine Minderheit innerhalb der revolutionären Organisationen widerstand dieser Entwicklung und verteidigte die Integrität des historischen Programms der sozialistischen Revolution. Ein Teil dieser Minderheit wiederum neigte jedoch dazu, als Reaktion auf die reformistische Degeneration sich die dem Proletariat fremde Auffassung anzueignen, dass die Partei die einzige Quelle des Bewusstseins, die alleinige Inhaberin eines vollendeten Programms sei, deren Funktion mithin darin bestünde, ähnlich wie die Parteien der Bourgeoisie die Arbeiterklasse zu "vertreten", und die folglich das Recht habe, das Entscheidungsorgan der Klasse zu stellen, mit anderen Worten: im Namen der Arbeiterklasse die Macht zu übernehmen. Diese Auffassung, die wir Substitutionismus nennen, prägte eine Mehrheit der revolutionären Linken in der II. Internationalen, insbesondere ihren wichtigsten Theoretiker Lenin (s. Was tun?, Ein Schritt vorwärts,  zwei Schritte zurück).

 

 

 

 

 

In der dekadenten Phase des Kapitalismus

 

 

 

 

In dieser Phase behält die Organisation der Revolutionäre die allgemeinen Merkmale der vorherigen Periode bei. Hinzu kommt aber, dass die Verteidigung der unmittelbaren Interessen nicht mehr vom Endziel getrennt werden kann, welches auf der Tagesordnung der Geschichte steht. Dagegen verliert sie aufgrund dieser Tatsache die Funktion, die Klasse zu organisieren. Dies kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein, die in ihrem Kampf zu einer sowohl in ökonomischer als auch in politischer Hinsicht neuartigen Organisation findet: den Arbeiterräten.

 

  Indem sie sich die alte Parole der Arbeiterbewegung wieder zu Eigen macht, dass "die Befreiung der Arbeiter das Werk der Arbeiter selbst" ist, muss die Organisation jegliche substitutionistischen Tendenzen als bürgerliche Auffassung bekämpfen. Als revolutionäre Minderheit hat sie nicht die Aufgabe, a priori eine Plattform für die unmittelbaren Forderungen zu bilden, um die Klasse zu mobilisieren. Sie muss sich jedoch entschlossen an allen Kämpfen beteiligen und ihnen eine allgemeine Orientierung verleihen, wobei sie die Agenten und Ideologen der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterklasse denunzieren muss. Im Kampf selbst muss sie die Notwendigkeit der Generalisierung als einzigen Weg zum Endziel, der Revolution, betonen. Sie ist weder unbeteiligter Zuschauer noch devoter Diener der Arbeiterklasse.

 

 

  Die Organisation der Revolutionäre verfolgt das Ziel, die Entstehung von Arbeiter-Diskussionsgruppen oder Arbeitergruppen zu fördern und in ihnen mitzuarbeiten. Dabei muss sie diese als vorübergehende, unfertige Produkte eines tatsächlich in der Klasse bestehenden Bedürfnisses nach Umgruppierung und Diskussion betrachten, das angesichts der Unmöglichkeit, neue Gewerkschaften zu schaffen, allerdings erst dann völlig befriedigt werden kann, wenn die wirklichen Einheitsorgane de Arbeiterklasse, die Arbeiterräte, gebildet werden.

 

  Entsprechend dem Wesen der Krise muss die Organisation der Revolutionäre jeden Versuch, solche Gruppen künstlich zu erzeugen, jeder Anspruch, sie zu Transmissionsriemen irgendwelcher Parteien oder gar zum Kern der künftigen Räte oder anderer politisch-ökonomischer Organe zu machen, ablehnen. Denn dies kann die Entwicklung des Reifungsprozesses im Bewusstsein und in den Einheitsorganen der Klasse nur lähmen. Solange sie es vermeiden, sich zum Selbstzweck zu machen, unausgegorene Plattformen zu verabschieden, solange sie ein Treffpunkt bleiben, der für alle Arbeiter offen ist, die sich mit den Problemen ihrer Klasse auseinandersetzen wollen, können solche Diskussionszirkel nur wertvoll sein und vorübergehend wichtige Aufgaben erfüllen.

 

 

  In Anbetracht der Tatsache, dass nach einer Zeit lang andauernder und erdrückender Konterrevolution die Revolutionäre in alle Winde zerstreut sind, hat die revolutionäre Organisation die Aufgabe, die Entwicklung eines politischen Milieus auf internationaler Ebene zu fördern. Das bedeutet, Debatten und Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen über politische Positionen zu fördern, was schließlich den Prozess der Bildung der internationalen politischen Klassenpartei in Gang setzt.

 

 

 

 

Die Rolle der Revolutionären Organisation

 

 

 

  Die schlimmste Konterrevolution in der Geschichte der Arbeiterbewegung war auch für die Organisation der Revolutionäre eine furchtbare Prüfung. Die einzigen Strömungen, die überlebten, waren diejenigen, die bei Wind und Wetter die wichtigsten Prinzipien des kommunistischen Programms hochgehalten hatten. Allerdings hat eine solch misstrauische Haltung gegenüber "neuen Konzepten", die unter dem Druck der triumphierenden bürgerlichen Ideologie im Allgemeinen zur Aufgabe von Klassenpositionen drängen - eine Haltung, die an sich völlig gerechtfertigt ist -, die Revolutionäre oft daran gehindert, die im Kapitalismus und in den Arbeiterkämpfen eingetretenen Veränderungen in ihrem vollen Umfang zu begreifen. Eine besonders karikaturistische Form dieses Phänomens findet sich in jener Auffassung wieder, welche die Klassenpositionen als "invariant" bezeichnet und meint, das kommunistische Programm sei 1848 ein für allemal formuliert worden und müsse nicht im Geringsten modifiziert werden.

 

  Während sie sich einerseits gegenüber der modernistischen Ideologie abschirmen muss, die oft nur alte Hüte in neuer Verpackung anbietet, muss die Organisation der Revolutionäre, falls sie die Aufgaben erfüllen soll, derentwegen sie von der Klasse geschaffen worden war, andererseits auch in der Lage sein, diese Veränderung im gesellschaftlichen Leben sowie ihre Folgen auf die Aktivität der Klasse und ihrer kommunistischen Avantgarde zu begreifen.

 

 

  Angesichts des offensichtlich reaktionären Charakters sämtlicher Nationen muss sie jegliche Unterstützung der so genannten nationalen Befreiungsbewegungen verweigern. Angesichts des imperialistischen Charakters aller Kriege muss sie jede angestrebte Beteiligung an ihnen, gleich, unter welchem Vorwand, demaskieren. Angesichts der Vereinnahmung der Gesellschaft durch den Staat und der Unmöglichkeit von Reformen muss sie jede Teilnahme am parlamentarischen Wahlzirkus bekämpfen. Angesichts der heutigen ökonomischen, sozialen und politischen Bedingungen des Klassenkampfes muss die Organisation der Revolutionäre jegliche Illusion in der Klasse über die Möglichkeit der Wiederbelebung von Organisationen wie die Gewerkschaften zerstören, da diese ihren Kampf nur behindern. Ebenso muss sie die Methoden und

 

die Organisationsweisen, welche die Arbeiterklasse in der ersten revolutionären Welle dieses Jahrhunderts geschaffen hatte, in den Vordergrund stellen: den Massenstreik, die Vollversammlungen, die Einheit zwischen ökonomischem und politischem Kampf, die Arbeiterräte.

 

 

  Um ihre Rolle in den Kämpfen wahrzunehmen, um sie zu unterstützen und auf eine revolutionäre Lösung zu orientieren, muss die Organisation der Kommunisten letztlich jene Rolle aufgeben, die sie im 19. Jahrhundert innehatte. Es ist nicht mehr ihre Aufgabe, die Klasse zu organisieren und zu vertreten.

 

  Revolutionäre, die behaupten, dass sich seit dem letzten Jahrhundert nichts geändert habe, halten das Proletariat wohl für Babin, jener Figur aus einem Märchen Tolstois. Jedes Mal, wenn Babin einen Fremden traf, gab er ihm die Antwort, die eigentlich der letzten von ihm angetroffenen Person gegolten hatte. So widerfuhr es ihm, dass er häufig Prügel bezog. Denn gegenüber Kirchgängern benutzte er Worte, wie er sie besser im vorherigen Dialog mit dem Teufel angewendet hätte. Mit einem Bär sprach er, als sei dieser jener Einsiedler, mit dem er zuvor geredet hatte. Am Ende büßte der arme Babin für seine Dummheiten mit seinem Leben...

 

 

  Die Neubewertung der Position und Rolle der Revolutionäre, die wir in diesem Text behandelt haben, stellt keineswegs eine Aufgabe oder "Revision" des Marxismus dar. Im Gegenteil, sie gibt das Wesentliche des Marxismus getreu wieder. Die Fähigkeit, die neuen Kampfbedingungen und ihre Auswirkungen auf das kommunistische Programm zu begreifen, ermöglichte es Lenin und den Bolschewiki, eine aktive und entscheidende Rolle in der Oktoberrevolution von 1917 zu spielen.

 

  Rosa Luxemburg verteidigte den gleichen revolutionären Standpunkt, als sie 1906 gegen die "orthodoxen" Elemente ihrer Partei schrieb: "Wenn also die Russische Revolution eine gründliche Revision des alten Standpunktes des Marxismus zum Massenstreik erforderlich macht, so ist es wieder nur der Marxismus, dessen allgemeine Methoden und Gesichtspunkte dabei in neuer Gestalt den Sieg davontragen." (R. Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, Ges. Werke, Bd. 2, S. 97)

 

 

(erschienen in Internationale Revue Nr. 8, 1982)