1) PROBLEME DER ÜBERGANGSPERIODE (1975)

Revolutionäre haben immer mit größter Be­hutsamkeit die Frage der Über­gangsperiode aufgeworfen. Die Menge, die Komplexi­tät und vor allem das Neue an den Proble­men, denen sich das Pro­letariat stellen muß, verhindern jegliche Er­arbeitung von detail­lierten Plänen für die zukünftige Gesell­schaft; jeder Ver­such, so zu verfahren, ris­kiert, sich in eine Zwangsjacke zu ver­wandeln, die die revo­lutionären Aktivitäten der Klasse er­sticken würde. Marx zum Bei­spiel hat sich immer geweigert, "Rezepte für die Probleme der Zu­kunft" zu geben. Rosa Luxemburg hob die Tatsache hervor, daß wir hinsicht­lich der Übergangsge­sellschaft "nur we­nige große Wegweiser (besitzen), die die Richtung anzei­gen, in der die Maß­nahmen gesucht werden müssen, dazu vorwie­gend negativen Cha­rakters."(Zur Russi­schen Revolution) (Ges. Werke, Bd. 4, S. 359).

Wenn die unterschied­lichen revolutio­nären Erfahrungen der Klasse (die Pari­ser Kommune, 1905, 1917-20) und auch die Erfahrungen der Konterrevolution eine gewisse Anzahl von Problemen klä­ren, die in der Über­gangsperiode auf­treten, dann handelt es sich hierbei um die Be­trachtung des allgemei­nen Rah­mens und nicht um ihre detaillierte Lö­sung. Es ist dieser Rahmen, den wir in diesem Text ans Licht zu bringen versu­chen.

DAS WESEN DER ÜBER­GANGSPERIODE

Die menschliche Ge­schichte setzt sich aus unterschiedlichen, sta­bilen Gesell­schaften zu­sammen, die mit der entspre­chenden Pro­duktionsweise und da­her mit stabilen sozia­len Verhältnissen ver­knüpft sind. Diese Ge­sellschaften basie­ren auf den vorherrschen­den ökonomi­schen Ge­setzen, die ihnen inne­wohnen. Sie beste­hen aus festen sozialen Klassen und fußen auf einem geeigneten Über­bau. Die wesentli­chen, stabilen Gesellschafts­formen in der geschriebe­nen Ge­schichte sind die Skla­vengesellschaft, die asiati­sche Ge­schichte, die Feudalgesellschaft und die kapitalistische Gesellschaft.

Was die Übergangspe­rioden von Zeiträumen unterscheidet, in denen die Gesellschaft stabil ist, ist die Auflösung der alten sozialen Strukturen und die Bil­dung neuer Strukturen. Beide sind mit der Entwicklung der Pro­duktivkräfte verknüpft und werden von dem Auftre­ten und der Ent­wicklung neuer Klassen als auch von der Ent­wicklung von Ideen und Institutionen be­gleitet, die diesen Klas­sen entspre­chen.

Die Übergangsperiode stellt keine ei­gene Pro­duktionsweise dar, sondern ist das Binde­glied zwischen zwei Produktions­weisen, der alten und der neuen. In die­ser Periode entwic­keln sich auf Kosten der alten allmählich die Keime der neuen Pro­duktionsweise, bis sie soweit sind, die alte Produktions­weise zu verdrängen und eine neue, vorherrschende Produkti­onsweise zu bilden.

Zwischen zwei stabilen Gesellschaften ist (und dies trifft für die Periode zwi­schen Ka­pitalismus und Kom­munismus genauso zu wie für die Vergangen­heit) die Übergangspe­riode eine absolute Notwendigkeit. Dies ist auf die Tatsa­che zu­rückzuführen, daß sich aus der Austrocknung der Existenzbasis der al­ten Gesellschaft nicht automatisch die Heran­reifung der Bedingun­gen für die neue ergibt. Mit anderen Worten, der Zerfall der alten Gesellschaft bedeutet nicht unweigerlich die Reifung einer neuen, sondern ist lediglich die Bedin­gung dafür.

Die Dekadenz und die Übergangsperi­ode sind zwei sehr unterschiedli­che Phäno­mene. Jede Übergangsperiode setzt die Auflösung der alten Gesell­schaft voraus, deren Produktionsweise und -verhält­nisse die äußerste Grenze ihrer Möglich­keiten erreicht haben. Je­doch bedeutet nicht jede Periode der Dekadenz not­wendigerweise eine Über­gangsperiode, denn diese stellte eine Überwindung, einen Schritt hin zu einer neuen Produk­tionsweise dar.

Z.B. hat die Stagnation der asiatischen Produk­tionsweise nicht die Tür aufge­stoßen zu ei­ner neuen Produkti­onsweise. Ebenso gab es im antiken Grie­chenland nicht die Vor­aussetzungen für die Über­windung des Skla­ventums. Das gleiche trifft auf das alte Ägypten zu.

Dekadenz bedeutet die Erschöpfung der alten sozialen Produktions­weise; Über­gang be­deutet das Aufkommen neuer Kräfte und Be­dingungen, die eine Auflö­sung und die Überwindung der alten Widersprüche erlauben.

DER UNTERSCHIED ZWISCHEN DER KOMMUNISTISCHEN UND ANDEREN GESELLSCHAFTEN

Um die Natur der Übergangsperiode zwi­schen Kapitalismus und Kommunis­mus zu skiz­zieren und hervorzuhe­ben, was diese Periode von allen anderen vor­hergehenden Perioden unterscheidet, darf man einen grundlegenden Gedan­ken nicht verges­sen. Jede Übergangspe­riode geht aus dem We­sen der neuen Gesell­schaft hervor, die im Entstehen begriffen ist. Daher müssen die grund­legenden Unter­schiede, die die kom­munistische Gesell­schaft gegenüber all den anderen Gesell­schaftsformen aus­zeichnen, deut­lich ge­macht werden:

a) Alle früheren Gesell­schaften (mit Aus­nahme des Urkommu­nismus, der der Vorge­schichte angehört) wa­ren Gesell­schaften ge­wesen, die in Klassen ge­spalten waren.

Der Kommunismus ist eine klassenlose Gesell­schaft.

b) Alle anderen Gesell­schaften fußten auf Ei­gentum und Ausbeu­tung des Men­schen durch den Menschen.

Der Kommunismus kennt keine Art von in­dividuellem oder kol­lektivem Eigen­tum; er ist die vereinigte und harmoni­sche menschli­che Gesellschaft.

c) Die anderen Gesell­schaften in der Ge­schichte basierten auf einer ungenügen­den Entwicklung der Pro­duktivkräfte im Ver­hältnis zu den Bedürf­nissen der Men­schen. Sie waren Gesellschaf­ten des Mangels. Aus diesem Grund wurden sie von blinden, öko­nomischen, sozialen und natürlichen Kräften beherrscht. Die Menschheit hat sich der Natur und, als ein Er­gebnis davon, den sozialen Kräf­ten, die sie selbst erzeugt hat, entfrem­det.

Der Kommunismus ist die völlige Ent­wicklung der Produktivkräfte, eine Fülle an Produk­tion, die die menschli­chen Be­dürfnisse zu be­friedigen im­stande ist. Er ist die Befreiung der Menschheit von der Vorherrschaft der Na­tur und der Öko­nomie. Er ist die be­wußte Mei­sterung der Lebensbe­dingungen durch die Menschheit. Er ist die Welt des Friedens und nicht mehr die Welt der Notwendig­keit, die die vergangene Geschichte der Menschheit ge­kennzeichnet hat.

d) Alle vergangenen Gesellschaften überlie­ferten anachronistische Über­bleibsel vergange­ner Wirtschaftssy­steme, sozialer Beziehungen, Ideen und Vorurteile. Dies ist der Tatsache zuzu­schreiben, daß all diese Gesellschaften auf Privateigentum und der Ausbeutung der Arbeit anderer beruhten. Aus die­sem Grunde konnte und mußte eine neue Klassengesellschaft, wenn sie erst einmal triumphiert hatte, mit den Über­resten der al­ten besiegten Gesell­schaft, der ehemals herrschenden Klassen fort­fahren und sie an­passen. Die neue Klassenge­sellschaft konnte sogar Ele­mente der al­ten herrschenden Klasse in die Macht eingliedern. Auf diese Weise konnten Sklave­rei- und Feudalverhält­nisse inner­halb des Ka­pitalismus weiter exi­stieren, und lange Zeit teilte die Bourgeoisie die Macht mit dem Adel.

Die Situation in einer kommunistischen Ge­sellschaft ist völlig an­ders. Der Kommunis­mus behält keine ökonomi­schen oder so­zialen Überbleibsel der Ge­sellschaft bei. So­lange solche Überre­ste weiter existieren, kann man nicht von einer kommunistischen Ge­sellschaft sprechen: was für einen Platz könnte es in einer solchen Ge­sellschaft z.B. für Kleinproduzenten oder Sklavenverhält­nisse ge­ben? Dies macht die Über­gangsperiode zwi­schen Kapitalismus und Kommunismus derart lang. Ge­nauso wie das hebräische Volk 40 Jahre lang in der Wüste ausharren mußte, um sich von der in der Sklaverei geformten Mentalität zu befreien, wird die Menschheit mehrere Generationen benötigen, um sich von den letzten Spu­ren der alten Welt freizuma­chen.

e) Genauso wie sie sich auf eine Teilung in Klassen stützten, so be­ruhten alle vorherge­henden Gesellschaften auf re­gionalpolitischen oder nationalstaatli­chen Spaltungen. Dies geht primär auf die Gesetze der ungleichen Ent­wicklung zurück, die vorschreiben, daß die Ent­wicklung der Ge­sellschaft - obwohl überall eine ähnliche Orientierung ver­folgt wird - relativ unabhän­gig und sepa­rat in den verschiedenen Berei­chen statt­findet, mit zeitlichen Abständen von zum Teil mehreren Jahrhunderten. Die un­gleiche Entwicklung selbst wird durch die schwache Entwicklung der Produk­tivkräfte verursacht: es gibt einen direk­ten Zusam­menhang zwischen dem Ent­wicklungsgrad und der Ebene, auf der diese Entwicklung er­scheint. Erst die Pro­duktivkräfte, die durch den Kapita­lismus auf seinem Gipfel entwic­kelt wurden, erlauben zum ersten Mal in der Geschichte eine wirkli­che Interdepen­denz zwischen den verschie­denen Teilen der Welt.

Die Etablierung einer kommunistischen Ge­sellschaft hat sofort die gesamte Welt zu ihrer Arena. Um den Kom­munismus zu etablie­ren, ist die gleiche Entwick­lung in dersel­ben Zeit in allen Län­dern erforderlich. Er ist völlig universell oder es ist nicht.

f) Auf der Basis von Privateigentum, Aus­beutung, der Teilung in Klassen und in ver­schiedene geographi­sche Zonen neigte die Produktion in den vorherge­henden Gesell­schaften notgedrungen zur Warenproduktion, mit all dem, was der Konkurrenz und der Anarchie in der Ver­teilung und im Ver­brauch folgte, die allein durch das Wertgesetz, durch den Markt und durch das Geld regu­liert wer­den.

Der Kommunismus kennt keine dieser Spaltungen und bedarf keines Staates. Dar­überhinaus kann er kei­nen Organis­mus zum Regieren der Menschen in sich dulden. Im Kommunismus gibt es nur noch Platz für die Verwaltung von Din­gen.

CHARAKTERISTIKEN VON ÜBER­GANGSPERIODEN

Die Übergangsperiode zum Kommunis­mus ist ständig durch die Ge­sellschaft beeinträch­tigt, aus der sie ent­stand (die Vorge­schichte der Mensch­heit), zugleich aber auch beeinflußt von der Gesell­schaft, zu der sie hinstrebt (die völlig neue Geschichte der menschlichen Ge­sellschaft). Dies unter­scheidet sie von all den früheren Übergangspe­rioden.

FRÜHERE ÜBER­GANGSPERIODEN

Bisherigen Über­gangsperioden ist die Tatsache gemeinsam, daß sie sich inner­halb der alten Gesellschaft entfalteten. Die end­gültige Durchbruch der neuen Gesellschaft - vollzogen durch eine Re­volution - kommt zum Ende des Über­gangsprozesses selbst. Diese Situation ist das Resultat zweier we­sentlicher Gründe:

1. Vergangene Gesell­schaften hatten alle die­selbe soziale, wirt­schaftliche Grund­lage - die Spaltung in Klassen und die Ausbeutung, was die Übergangsperi­ode auf einen einfachen Wechsel oder Trans­fer der Privilegien, nicht deren Unter­drückung, reduzierte.

2. All diese Gesell­schaften ordneten sich, und dies bildete ihren Wesenszug, blind dem Imperativ von Gesetzen un­ter, die auf der schwachen Entwicklung der Produktivkräfte (die Herrschaft der Notwendigkeit) beru­hen. Die Über­gangsperiode zwischen solchen Gesell­schaften ist daher durch eine blinde öko­nomische Entwicklung gekenn­zeichnet.

DIE ÜBER­GANGSPERIODE ZUM KOMMUNIS­MUS

Da der Kommunismus einen totalen Bruch mit der ganzen Ausbeutung und all den Klassen­spaltungen darstellt, er­fordert der Übergang zu dieser Gesell­schaft einen radikalen Bruch mit der al­ten Gesell­schaft. Auch kann der Kom­munismus sich nur außerhalb der alten Ge­sellschaft entfalten.

Der Kommunismus ist nicht eine Pro­duktionsweise, die Ge­genstand blinder öko­nomischer, gegen die Menschen ge­richteter Gesetze ist, sondern be­ruht auf einer bewußten Organisation der Pro­duktion, die eine Viel­falt von Produk­tivkräften ermöglicht, wie sie von der alten kapitalistischen Gesell­schaft selbst nicht er­reicht werden konnte.

WAS UNTER­SCHEIDET DIE ÜBERGANGSPERIODE ZUM KOMMU­NISMUS VON DEN ANDE­REN?

1. Die Übergangsperi­ode zum Kommu­nismus kann nur außerhalb des Kapita­lismus beginnen. Die Reifung der Be­dingungen für den So­zialismus erfordert als Vorbedingung die Zer­störung der politischen, wirtschaftlichen und sozia­len Vorherrschaft des Kapitalismus in der Gesellschaft.

2. Die Übergangsperi­ode zum Kommu­nismus kann nur auf Weltebene begon­nen werden.

3. Anders als in den früheren Über­gangsperioden können in jener zum Kommu­nismus die wesentli­chen Institu­tionen des Kapitalismus - Staat, Polizei, diplomatischer Korps - nicht vom Pro­letariat benutzt werden. Sie müssen da­her voll­ständig zerstört wer­den.

4. Folglich ist die Er­öffnung der Über­gangsperiode wesent­lich durch die poli­tische Niederlage des Kapitalismus und durch den Sieg der politischen Vorherr­schaft des Pro­letariats gekennzeich­net.

"Um die gesellschaftli­che Produktion in ein umfassendes und har­monisches Sy­stem freier Kooperativarbeit zu verwan­deln, bedarf es allgemeiner gesellschaft­licher Ver­änderungen, Verände­rungen der allgemeinen Bedingungen der Ge­sellschaft, die nur ver­wirklicht werden kön­nen durch den Über­gang der organi­sierten Gewalt der Gesell­schaft, d.h. der Staats­macht, aus den Händen der Kapi­talisten und Grundbesitzer in die Hände der Produzenten selbst" (Instruktionen für die Delegierten des Zentralrates, Karl Marx, MEW 16, S. 193, Aug. 1866).

"Die Eroberung der politischen Macht wird zur ersten Aufgabe der Arbeiter­klasse" (Marx)

DIE PROBLEME DER ÜBER­GANGSPERIODE

Die weltweite Generali­sierung der Re­volution ist die erste Bedingung für die Eröffnung der Übergangsperiode. Die Frage der ökonomi­schen und sozialen Maßnahmen, die be­sonders zum Schutz isolierter "Vergesellschaftungen" in ei­nem Land, einer Region, einer Fabrik oder in einer Gruppe von Menschen notwen­dig sind, ist der welt­weiten Gene­ralisierung der Revolution untergeord­net. Selbst nach einem ersten Sieg des Proletariats setzt der Kapita­lismus seinen Widerstand in Form ei­nes Bürgerkrieges fort. In dieser Periode muß alles der Zerstörung der Macht des Kapitalismus untergeordnet werden. Dieses erste Ziel ist die Bedingung für jede weitere Ent­wicklung.

Einzig und allein eine Klasse ist am Kommu­nismus interessiert: das Proleta­riat. Andere produktive und ausgebeu­tete Klassen können in den Kampf gezo­gen werden, den das Proletariat gegen den Kapitalismus führt, aber sie können als Klasse niemals zu Trä­gern des Kom­munismus werden. Daher ist es notwen­dig, eine we­sentliche Aufgabe zu beto­nen: die Notwen­digkeit für das Proleta­riat, sich nicht durch andere Klassen verwir­ren zu lassen oder sich in ihnen aufzulösen. In der Übergangsperiode kann das Proletariat als einzige revolu­tionäre Klasse, die sich die Aufgabe der Schaffung einer klassenlosen Gesell­schaft aufbürdet, die Erfüllung dieser Aufgabe nur sicher­stellen, wenn es sich als autonome und politisch herrschende Klasse in der Gesellschaft bestä­tigt. Das Proletariat allein hat ein kommunisti­sches Pro­gramm, das es auszu­führen versucht, und als solches muß es alle politischen und bewaff­neten Kräfte in seinen Händen behalten: Es besitzt ein Monopol an Waffen. Um seine Auf­gabe zu vollbringen, schafft sich das Proleta­riat organisatorische Strukturen: die Ar­beiterräte mit den Fa­briken als Basis und die revolutionäre Partei.

Die Diktatur des Pro­letariats kann in fol­genden Worten zusam­mengefaßt wer­den:

- das Programm (das Proletariat weiß, wo lang es geht);

- seine allgemeine Or­ganisation als Klasse;

- die bewaffnete Kraft.

Die Beziehungen zwi­schen dem Proleta­riat und den anderen Klas­sen sind wie folgt:

1. Gegenüber der ka­pitalistischen Klasse und den alten Herr­schern der kapitalisti­schen Gesellschaft (Abgeordnete, hohe Funktionäre, die Armee und die Kir­che): totale Unterdrückung aller Bürger­rechte und Aus­schluß aus dem politi­schen Le­ben.

2. Hinsichtlich der Bauern und Hand­werker, d.h. unabhän­gige und nicht-aus­beutende Produzenten, die den Hauptteil der Gesellschaft bilden: das Proletariat kann sie nicht völlig aus dem politischen Leben und am Anfang auch nicht aus dem Wirtschaftsle­ben elimi­nieren. Das Proletariat wird notge­drungen veranlaßt sein, einen Modus vivendi mit diesen Klassen zu finden, wobei es gleichzeitig eine Politik ver­folgen sollte, die auf die Auflösung und In­tegration dieser Klas­sen in die Arbei­terklasse abzielt.

3. Wenn die Arbeiter­klasse diesen ande­ren Klassen im Wirtschafts- und Ver­waltungsleben schon Rechnung tragen muß, so darf sie ihnen dennoch nicht die Möglichkeit zur Bil­dung autonomer Or­ganisationen (Presse, Parteien etc.) ein­räumen. Diese zahlrei­chen Klassen und Schichten werden in ein auf territo­rialen Räten basierendes Verwal­tungssystem integriert. Sie werden als Bürger, nicht als eine Klasse in die Ge­sellschaft einge­gliedert werden.

4. Im Hinblick auf jene sozialen Schichten, die im gegenwärtigen Kapita­lismus einen be­sonderen Platz in der Wirtschaft besitzen, wie jene der akade­mischen Berufe, Inge­nieure, Techno­kraten, Intellektuelle (die als die "neue Mittel­schicht" bezeichnet werden), muß das Ver­halten des Proletariats auf fol­genden Gesichts­punkten beruhen:

- diese Klassen sind nicht homogen. Ihre höchsten Schichten sind grundle­gend in die ka­pitalistische Funktion und Menta­lität einge­bunden, während ihre unter­sten Schichten die­selbe Funktion und In­teressen wie die Arbei­terklasse haben.

- das Proletariat muß also dahingehend han­deln, daß es diese be­reits existieren­den Un­terschiede noch ver­schärft.

Die Übergangsgesell­schaft ist immer noch eine in Klassen gespal­tene Gesell­schaft, und so wird sich in ihr notwendi­gerweise jene Institution erhe­ben, die allen in Klassen ge­spaltenen Gesell­schaften eigen ist: der STAAT. Trotz aller Beschränkungen und Vorsichts­maßnahmen, die man dieser Institu­tion auferlegen wird (Beamte werden dele­giert und können jeder­zeit wieder abge­wählt werden; ihre Bezah­lung wird die gleiche eines Arbeiters sein; die gesetz­gebenden und -ausfüh­renden Funktio­nen werden vereinheit­licht, etc), und die die­sen Staat in einen "Halb-Staat" verwan­deln werden, dür­fen wir niemals die hi­storisch anti-sozialisti­sche und daher anti-proletari­sche und im wesentlichen konserva­tive Natur aus dem Blick verlie­ren. Der Staat bleibt der Wäch­ter des Status Quo.

Wir erkennen die Un­vermeidbarkeit die­ser Institution an, die das Proletariat als ein not­wendiges Übel benut­zen muß, um den Wi­derstand der dahin­schwindenden kapitali­stischen Klasse zu bre­chen und den einheitli­chen admini­strativen und politischen Rah­men in die­ser Periode zu wahren, in der die Ge­sellschaft immer noch von unüberbrück­baren Interessen zerris­sen ist.

Aber wir lehnen kate­gorisch den Gedan­ken ab, diesen Staat als einen Faktor der Ent­wicklung und gar als ein Symbol des Kom­munismus zu betrach­ten. Durch sein eigenes Wesen ("bürgerlicher Na­tur in seinem We­sen" - Marx) ist er in sei­nem Kern ein Organ zur Erhaltung des Sta­tus quo und ein Hemm­nis für den Kommu­nismus. So kann der Staat weder mit dem Kommunismus noch mit dem Proletariat, dem Träger des Kommunis­mus, identifiziert werden. Das Proleta­riat ist per Definition die dyna­mischste Klasse in der Geschichte, da es die Auf­hebung aller Klas­sen einschließlich sich selbst herbeiführt. Des­halb drückt das Proleta­riat, während es den Staat be­nutzt, seine Diktatur nicht durch den Staat, sondern ÜBER ihn aus. Deshalb auch kann das Proleta­riat dieser Institu­tion (dem Staat) unter kei­nen Umstän­den erlau­ben, mit Gewalt inner­halb der Klasse zu in­tervenieren oder gar den Schiedsrichter in den Diskussionen und Aktivitäten der Klas­senorgane zu stellen - den Räten und der re­volutionären Par­tei.

Auf der ökonomischen Ebene besteht die Übergangsperiode aus einer Wirtschafts­politik (und nicht mehr aus der politi­schen Ökonomie) des Proleta­riats, mit Blick auf die Beschleu­nigung des Pro­zesses der allgegenwärtigen Vergesell­schaftung von Produktion und Vertei­lung.

Aber die Verwirkli­chung dieses Pro­gramms eines auf allen Ebenen inte­grierten Kommunismus wird als das von der Arbeiter­klasse bejahte und ver­folgte Ziel in der Über­gangsperiode noch lange Gegenstand un­mittelbarer, gemeinsa­mer Maßnahmen aller Art sein, was nur der pure utopische Volun­tarismus ignorieren kann. Das Proleta­riat wird umgehend versu­chen, soweit wie mög­lich seinem Ziel zuzu­streben, wobei es die unver­meidlichen Zuge­ständnisse anerkennen muß, die es zu tolerie­ren gezwungen ist. Zwei Gefah­ren bedro­hen eine solche Politik:

- die Idealisierung die­ser Politik, die als kommunistisch darge­stellt wird, obwohl sie nichts dergleichen ist;

- das Leugnen der Notwendigkeit einer solchen Politik im Na­men eines idealisti­schen Voluntarismus.

EINIGE MASSNAH­MEN IN DER ÜBERGANGSPERIODE

Ohne vorgeben zu wollen, einen Ent­wurf für diese Maßnahmen zu schaffen, können wir zumindest allge­meine Ge­danken dazu beisteuern:

1. Sofortige Vergesell­schaftung der großen kapitalistischen Kon­zentrationen und der führenden Zentren pro­duktiver Aktivität.

2. Planung der Pro­duktion und Vertei­lung - der Maßstab der Pro­duktion muß die maxi­male Befriedigung der Bedürf­nisse und nicht länger die Akkumula­tion sein.

3. Massive Arbeitszeit­verkürzung.

4. Beträchtlicher An­stieg des Lebens­standards.

5. Der Versuch, die auf Löhne und ihrer Geld­form basierende Ver­gütung abzu­schaffen.

6. Sozialisierung des Verbrauchs und der Be­friedigung der Bedürf­nisse (Transport, Frei­zeit, Ernährung etc.).

7. Die Beziehung zwi­schen dem kollek­tivierten Bereich und den Produktionsbe­reichen, die noch in pri­vater Hand sind - besonders auf dem Land - muß zu ei­nem organisierten, kollekti­ven Aus­tausch durch Kooperati­ven streben, um so den Markt und den individuellen Tauschhandel aufzuhe­ben.

M.C. Révolution Inter­nationale / Frankreich, erschienen in The Interna­tional Review, Nr. 1 (April 1975)