Manifest zur Oktoberrevolution in Russland 1917: Die Weltrevolution als Schritt hin zum Kommunismus ist die einzige Zukunft für die Menschheit

Im Oktober 1917, nach drei Jahren unbeschreiblichen Gemetzels auf den Schlachtfeldern, ein Fanal der Hoffnung im Pulverdampf des Krieges: die russischen Arbeiter_innen, die im Februar den Zaren gestürzt hatten, enthoben nun die bürgerliche Provisorische Regierung ihres Amtes, die ihn ersetzt, aber darauf bestanden hatte, den Krieg "bis zum Siege" fortzusetzen. Die Sowjets (Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte) riefen mit der bolschewistischen Partei vorneweg zu einem sofortigen Ende des Krieges auf und appellierten an die Arbeiter_innen der Welt, ihrem revolutionären Beispiel zu folgen. Dies war kein leerer Traum, weil es in allen feindlichen Ländern angesichts der Unzufriedenheit bereits gärte – so gab es Streiks in den Kriegsindustrien, sowie Meutereien und Verbrüderungen an der Front. Im November 1918 nötigte der Ausbruch der deutschen Revolution die herrschende Klasse dazu, das Ende der Kriegshandlungen auszurufen, weil sie befürchten musste, dass ein jeglicher Versuch, sie zu verlängern, die Flammen der Revolution weiter anfachen würde. Für einen kurzen Zeitraum suchte das Gespenst des "Bolschewismus" ­– der damals für die Arbeiter_innensolidarität über alle Grenzen hinweg und für die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterräte stand – den Globus heim. Für die herrschende Klasse konnte er nur Chaos, Anarchie und den Zusammenbruch der Zivilisation bedeuten. Doch für die Arbeiter_innen und Revolutionär_innen, die ihn unterstützten, enthielt der Oktoberaufstand das Versprechen einer neuen Welt.

2017 bleibt die Russische Revolution ein Schlüsselereignis in der Weltgeschichte, und ihr hundertster Jahrestag bringt unbequeme Erinnerungen für jene Kräfte zurück, die die Welt beherrschen. In Russland selbst fällt es dem Putin-Regime schwer, den richtigen Ton für ihr Gedenken zu finden; immerhin behauptete Stalins mächtige UdSSR, von deren Restauration Putin (ausgebildet vom KGB) träumt, ebenfalls, Erbe der Oktoberrevolution zu sein. Doch neben (oder vielmehr diametral entgegengesetzt zu) dieser nationalistischen Lesart gibt es die internationalistische Sichtweise Lenins und der Bolschewiki, die Idee, dass die Loyalität der russischen Arbeiterklasse nicht Mutter Russland gelten sollte, sondern den Arbeiter_innen der Welt. In den "demokratischen" Ländern des Westens wird es ebenfalls eine krude Mischung von Analysen und Deutungen geben, doch über eins können wir uns sicher sein: Wenn sie von den politischen, medialen und akademischen Sprachrohren des Kapitalismus kommen, dann dienen sie dazu, die Bedeutung der Russischen Revolution zu entstellen.

Was sind die Hauptstoßrichtungen dieser ideologischen Angriffe, dieses Versuchs, die Erinnerung der Arbeiterklasse entweder zu begraben oder zu pervertieren?

Ist der Klassenkrieg vorbei?

Erste Angriffslinie: Dies seien alles alte Kamellen, von geringer Relevanz für die moderne Welt. Wir lebten nicht mehr in den Zeiten, die in den ruckeligen Schwarzweiß-Filmen damals porträtiert worden seien, wo Kavallerieangriffe noch ein Bestandteil der Kriegsführung gewesen seien und die Bauern das Land noch mit pferdebespannten Pflügen bestellt hätten (falls sie zu den Glücklichen zählten, die ein Pferd besaßen). Selbst die großen Fabriken wie die Putilow-Werke in Petrograd (heute: St. Petersburg), wo Zehntausende von Arbeitern täglich bis an die Grenzen des Möglichen ausgebeutet worden, seien größtenteils verschwunden, jedenfalls in den meisten westlichen Ländern. In der Tat gibt es nicht nur viel weniger Kleinbauern, sondern manche fragen sich, ob es überhaupt noch so etwas wie eine Arbeiterklasse gibt, und wenn ja, ob sie immer noch eine ausgebeutete Klasse ist, wenn man Wohlfahrt von einem mildtätigen Staat beanspruchen und es sich leisten kann, allerlei Gegenstände zu erwerben (wenn auch auf Kredit), die für die russischen Arbeiter_innen 1917 völlig unerreichbar waren. Sind supermoderne Konzerne wie Uber nicht viel mehr auf der Höhe der Zeit, wenn sie ihre Arbeitskräfte als freiberufliche Individuen einstufen statt als eine Art Kollektivkraft, die in der Lage ist, im eigenen Interesse zusammen zu handeln? Sollten wir alle, welchen Job wir auch immer ausüben, nicht besser als Bürger einer breiten demokratischen Ordnung definiert werden?

Und doch: Tag für Tag wird uns erzählt, dass der Kapitalismus (hauptsächlich in seiner gegenwärtigen, "neoliberalen" Form) den Planeten so beherrscht wie nie zuvor - er ist wahrhaftig ein Weltsystem, eine globale Produktionsweise, die jedes Land der Welt dominiert, einschließlich Kuba und China, die sich selbst immer noch "sozialistisch" nennen. Doch es bleibt Fakt, dass, wo Kapital ist, es auch eine Klasse gibt, die es produziert, die arbeitet und die ausgebeutet wird, weil das Kapital laut Definition auf unbezahlter Arbeit basiert, die jenen entzogen wird, die für Lohn arbeiten - ob sie in Fabriken, Büros, Schulen, Kaufhäusern, Krankenhäusern, im Transport oder zuhause tätig sind. Kurz, wie Marx es in einer Broschüre formulierte, die exakt den Titel Lohnarbeit und Kapital trägt: "Kapital und Lohnarbeit sind zwei Seiten eines und desselben Verhältnisses. Die eine bedingt die andre...". Wo es Kapital gibt, gibt es auch eine Arbeiterklasse.

Selbstverständlich hat sich die Gestalt der Arbeiterklasse seit 1917 erheblich verändert. Ganze Industriekomplexe wechselten nach China oder Lateinamerika oder in andere Teile dessen, was einst die "Dritte Welt" genannt wurde. In großen Teilen der Wirtschaft in den "Industrieländern" Westeuropas stellen Arbeiter_innen nicht mehr materielle Güter in Werkhallen her, sondern arbeiten stattdessen vor Computer-Bildschirmen in der "Wissensökonomie" oder im Finanzsektor, häufig an viel kleineren Arbeitsplätzen; und mit der Dezimierung der traditionellen Industriesektoren wie Bergbau, Stahl und Schiffbau lösten sich auch die entsprechenden Arbeiterwohnbezirke auf. All dies hat mit dazu beigetragen, die Art und Weise zu untergraben, in der die Arbeiterklasse sich selbst als eine Klasse mit einer gesonderten Existenz und mit eigenen Interessen in dieser Gesellschaft identifiziert. Es hat das historische Gedächtnis der Arbeiterklasse zwar geschwächt, doch es hat die Arbeiterklasse nicht verschwinden lassen.

Es ist richtig, dass die objektive Existenz der Arbeiterklasse nicht automatisch bedeutet, dass es innerhalb eines erheblichen Teils dieser Klasse noch immer ein politisches Projekt gibt, eine Idee, dass der Kapitalismus gestürzt und von einer höheren Gesellschaftsform ersetzt werden muss und kann. In der Tat ist es 2017 berechtigt zu fragen: Wo ist das heutige Pendant zu den marxistischen Organisationen, wie die Bolschewiki in Russland oder die Spartakisten in Deutschland, die in der Lage waren, eine Präsenz unter den Industriearbeiter_innen zu entwickeln, und einen großen Einfluss hatten, als sie sich in Massenbewegungen, in Streiks und Aufständen engagierten? In den wenigen Jahrzehnten vom "Zusammenbruch des Kommunismus" bis zum Auftauchen des Populismus schien es oft, dass jene, die noch immer von der proletarischen Revolution reden, als unerhebliche Kuriositäten betrachtet wurden, als seltene Tiere kurz vor ihrer Auslöschung, und dass sie nicht nur von den feindlichen kapitalistischen Medien so gesehen wurden. Für die weite Mehrheit der Arbeiterklasse ist 1917, die Russische Revolution, die Kommunistische Internationale - ist all dies vergessen worden, vielleicht in irgendeiner tiefen, unbewussten Nische weggeschlossen, aber nicht mehr Teil irgendeiner lebendigen Tradition. Wir haben heute solch einen Tiefpunkt in der Fähigkeit der Arbeiterbewegung erreicht, sich an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern, dass die rechtspopulistischen Parteien sich selbst als Parteien der Arbeiterklasse präsentieren können - und von ihren liberalen Opponenten als solche präsentiert werden -, als die wahren Erben des Kampfes gegen die Eliten, die die Welt anführen.

Dieser Prozess des Vergessens und des Vergessen-Machens ist nicht zufällig. Der Kapitalismus heute hängt mehr denn je vom Kult des Neuen ab, von der "ständigen Revolutionierung" nicht nur der Produktionsmittel, sondern auch der Konsumobjekte, so dass das, was einst neu war, wie das aktuellste Smartphone, binnen weniger Jahre veraltet ist und ersetzt werden muss. Diese Abwertung von Dingen, die out of date sind, von authentischen Erfahrungen ist für die Klasse der Ausbeuter von Nutzen, da sie dazu dient, eine Art von Amnesie unter den Ausgebeuteten zu erzeugen. Die Arbeiterklasse droht ihre eigenen revolutionären Traditionen zu vergessen; und sie verlernt zu ihrem eigenen großen Schaden die wahren Lehren der Geschichte, die sie in ihren künftigen Kämpfen benötigt. Die Bourgeoisie will als reaktionäre Klasse uns dazu bringen, die Vergangenheit zu vergessen, oder (wie die Populisten und Dschihadisten) uns das Wunder einer falschen, idealisierten Vergangenheit offerieren. Das Proletariat ist im Gegensatz dazu eine Klasse mit einer Zukunft und genau aus diesem Grund in der Lage, das Beste aus der Vergangenheit der Menschheit in den Kampf für den Kommunismus zu integrieren.

Der Kapitalismus hat sich überlebt

Das Proletariat bedarf der Lehren aus seiner historischen Vergangenheit, weil das Kapital ein gesellschaftliches System ist, das durch seine eigenen inneren Widersprüche dem Tode geweiht ist; und die Widersprüche, die die Welt 1914 in die Schrecken des Ersten Weltkrieges gestürzt hatten, sind dieselben, die heute die Welt mit einem beschleunigten Fall in die Barbarei bedrohen. Der Widerspruch zwischen dem Bedürfnis nach einer den Planeten überspannenden Planung von Produktion und Verteilung sowie der Spaltung der Welt in konkurrierende Nationalstaaten steckt hinter den großen imperialistischen Kriegen und Konflikten des 20. Jahrhunderts. Er steckt auch hinter den chaotischen, militärischen Konfrontationen, die ganze Regionen in Nahost, Afrika und darüber hinaus ruinieren; Derselbe Widerspruch - der nur den Zusammenstoß zwischen vergesellschafteter Produktion und ihrer privaten Aneignung zum Ausdruck bringt - ist untrennnbar verknüpft sowohl mit den ökonomischen Erschütterungen, die den Kapitalismus von 1929 bis 1973 und 2008 geschüttelt haben, als auch mit der sich beschleunigenden ökologischen Zerstörung, die die eigentliche Grundlage für das Leben auf der Erde bedroht.

1919 verkündeten die Revolutionäre, die in Moskau zusammenkamen, um die Dritte, die Kommunistische Internationale zu gründen, dass der imperialistische Krieg von 1914-18 den Eintritt des Weltkapitalismus in die Epoche seiner Vergreisung und seines Niedergangs signalisiert habe, in eine Epoche, in der die Menschheit die Wahl zwischen Sozialismus und Barbarei hat. Sie sahen voraus, dass, falls der Kapitalismus nicht durch die proletarische Weltrevolution gestürzt wird, es Kriege geben würde, die noch verheerender sein werden als jener von 1914-18, sowie Formen der kapitalistischen Herrschaft, die monströser sein würden als alle bisherigen. Und mit der Niederlage der internationalen revolutionären Welle, mit den Konsequenzen der Isolation und Degeneration der Revolution in Russland erwiesen sich diese Vorhersagen als nur zu richtig: die Schrecken des Nazismus, des Stalinismus und des Zweiten Weltkrieges waren in der Tat schlimmer als alles, was ihnen vorausgegangen war.

Es trifft zu, dass der Kapitalismus die Revolutionäre wiederholt mit seiner Widerstandsfähigkeit, mit seiner Fähigkeit überrascht hat, neue Wege des Überlebens und gar des Wohlstands zu finden. Dem Zweiten Weltkrieg folgten mehr als zwei Jahrzehnte des Wirtschaftsbooms in den zentralen kapitalistischen Ländern, auch wenn er von der Gefahr der nuklearen Auslöschung durch die beiden, die Welt beherrschenden imperialistischen Blöcke begleitet wurde. Nachdem dieser Boom einer neuerlichen und sich länger hinziehenden Wirtschaftskrise Ende der 1960er Jahre gewichen war, wartete der Kapitalismus Ende der 80er Jahre mit einer neuen Formel auf, die es ihm nicht nur ermöglichte, weiter zu überleben, sondern ihm gar erlaubte, in Gebiete zu expandieren, die zuvor "unterentwickelt" waren, Gebiete wie Indien und China. Doch genau diese Entwicklung, die zu einem großen Teil von massiven Kreditspritzen angetrieben wurde, häufte enorme ökonomische Probleme für die Zukunft auf (für die bereits der Finanzcrash von 2008 als Warnung steht). Gleichzeitig hat das Wachstum der letzten wenigen Jahrzehnte einen fürchterlichen Tribut von der natürlichen Umwelt eingefordert und keineswegs die Gefahr militärischer Konflikte vermindert. Die Drohung eines Weltkrieges zwischen zwei gigantischen Blöcken mag zurückgegangen sein, aber heute sind mehr Länder denn je mit Nuklearwaffen ausgestattet, und die Stellvertreterkriege zwischen den Großmächten, die einst mehr oder weniger auf die weniger entwickelten Regionen beschränkt waren, haben nun, durch die Häufung terroristischer Gewalttaten in Europa und Amerika und die Wellen verzweifelter Flüchtlinge auf der Flucht vor den albtraumhaften Kriegen im Mittleren Osten und in Afrika, direkte Auswirkungen auf die zentralen Länder selbst. Das Überleben des Kapitalismus ist mehr denn je unvereinbar mit dem Überleben der Menschheit.

Kurz und gut, die Revolution ist heute noch notwendiger als 1917; sie ist die letzte Hoffnung der Menschheit angesichts eines im kompletten Zerfall befindlichen Gesellschaftssystems. Es kann nur eine globale Revolution sein, die das kapitalistische System vom Planeten fegen und durch eine weltweite menschliche Gemeinschaft ersetzen kann, welche die Erde zu einem "gemeinsamen Schatz" macht und die Produktion sowie die Verteilung von den unmenschlichen Forderungen des Marktes und des Profits befreit. Das war schon das Geheimnis der Revolution 1917, die nicht bloß eine "russische" war, sondern von ihren Protagonisten lediglich als der erste Schlag der Weltrevolution begriffen wurde; Sie war in der Tat ein unerlässlicher, aktiver Faktor in den Massenstreiks und Erhebungen, die sich in einer großen Welle zwischen 1917 und 1923 über die Welt verbreiteten.

Macht die Revolution alles schlimmer?

Das Problem bleibt: Wenn eine neue Gesellschaft notwendig ist, ist sie denn überhaupt möglich? Und in der Tat besteht eine zweite Angriffslinie gegen das Andenken des Oktobers 1917 in der Behauptung, dass die Revolution alles nur noch schlimmer macht.

Als Beweis dafür soll dienen, dass die Russische Revolution im stalinistischen Gulag endete: in Massenterror, Schauprozessen, Geschichtsfälschung, Unterdrückung Andersdenkender; dass sie Volkswirtschaften schuf, die zwar militärische Güter am Fließband produzieren konnten, die aber unfähig waren, angemessene Konsumgüter zu liefern; dass sie eine "Diktatur des Proletariats" errichtete, die Panzer einsetzte, um proletarische Revolten zu zerschmettern, wie 1953 in Ostdeutschland, 1956 in Ungarn oder 1981 in Polen.

All dies kam nicht aus heiterem Himmel nach dem Tod Lenins und mit Stalins Aufstieg an die Macht. Schon zu Lenins Lebzeiten wurden Arbeiterstreiks und Rebellionen mit bewaffneten Kräften und der unkontrollierten Gewalt der Tscheka begegnet, die viele Opfer in der Arbeiterklasse und unter den Bauern forderte. Schon zu Lenins Lebzeiten haben die Sowjets (die Arbeiterräte) zunehmend aufgehört, irgendeine reale Kontrolle über den Staat auszuüben; die Diktatur des Proletariats war größtenteils durch die Diktatur der bolschewistischen Partei ersetzt worden.

Jene, die es ernst meinen mit der Möglichkeit der Revolution, haben kein Interesse daran, die Wahrheit zu verheimlichen oder die Unermesslichkeit der Aufgabe zu minimieren, der sich eine Arbeiterklasse gegenübersieht, die die Kühnheit besitzt, das kapitalistische System zu konfrontieren und umzustürzen. Eine Revolution zu machen heißt, den Unrat von Jahrhunderten abzuschütteln - all die Wahnvorstellungen und schlechten Gewohnheiten, die wir nicht nur von der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Ideologie, sondern von Jahrtausenden der Klassenherrschaft geerbt haben. Sie erfordert eine gewaltige physische, moralische und intellektuelle Anstrengung, die nicht nur darauf abzielt, das alte Regime, seinen Staat und seine Ökonomie aufzulösen, sondern auch neue Gesellschaftsverhältnisse zu erschaffen, die nicht mehr auf Konkurrenz und Ausschluss basieren, sondern auf Solidarität und Kooperation, und all dies auf dem gesamten Planeten. Das bloße Ausmaß des Projekts, seine scheinbare Unmöglichkeit ist zu einem weiteren Faktor in den aktuellen Schwierigkeiten der Arbeiterklasse beim Prozess ihrer Bewusstwerdung geworden. Es ist weitaus leichter, sich in die Passivität zurückzuziehen oder - für jene, die weiterhin davon überzeugt sind, dass das gegenwärtige System zutiefst geschädigt ist - nach "leichteren" Alternativen Ausschau zu halten, die von populistischen Kraftmeiern, vom nihilistischen Terrorismus, der als "Dschihad" posiert, oder von den "linken" Parteien geboten werden, die behaupten, dass der existierende Staat eine sozialistische Gesellschaft einleiten könne.

Wir weichen der Realität der Russischen Revolution, ihren fürchterlichen Schwierigkeiten und ihren tragischen Irrtümern nicht aus. Wir werden zu gegebener Zeit auf einige dieser Irrtümer zurückkommen. Doch bevor wir zur Schlussfolgerung gelangen, die von der konventionellen Geschichtsschreibung angeboten wird - dass sich der Bolschewismus von Anbeginn nicht vom Stalinismus unterschieden habe, dass jeglicher Versuch, den existierenden Zustand zu kippen, unvermeidlich in Massenterror und Repression ende oder dass die menschliche Natur so konstituiert sei, dass die heutige, kapitalistische Gesellschaft die beste sei, auf die wir hoffen können -, möchten wir daran erinnern, dass 1917 die herrschende Klasse nicht der Einfachheit halber auf die Selbstsucht der menschlichen Natur setzte und solange wartete, bis alles schief ging, um dann zu spotten: 'Ich hab's ja gesagt'. 1917 und in den folgenden Jahren nahm die herrschende Klasse der gesamten Welt die Gefahr einer Revolution in der Tat sehr ernst und tat alles, um sie zu unterdrücken. Angesichts des Ausbruchs der deutschen Revolution 1918 beeilte sie sich, den Krieg zu beenden, um eine der Hauptantriebskräfte hinter den Massenstreiks und Meutereien zu entfernen; zusätzlich eilten die Alliierten ihrem früheren Feind - der herrschenden Klasse des Deutschen Reichs - bei seinen Bemühungen zu Hilfe, die revolutionären Arbeiter_innen, Matrosen und Soldaten niederzuschlagen, die versucht hatten, dem Beispiel des Oktoberaufstandes nachzueifern. Im Angesicht der Sowjetmacht in Russland intervenierten beide Seiten des imperialistischen Krieges mit dem Ziel, die bolschewistische Gefahr mitsamt ihren Wurzeln auszurotten. Jene, die die Sowjetmacht im von den konterrevolutionären Kräften angezettelten Bürgerkrieg  in Russland verteidigten, mussten nicht nur die heimischen "Weißen" Armeen bekämpfen, sondern auch die von den Briten, den Amerikanern, den Japanern, den Deutschen und von anderen entsandten Expeditionsheere, die die Weißen zudem mit Waffen und Beratern versorgten.  Der Bürgerkrieg, der von einer Wirtschaftsblockade noch verschärft wurde, die von den westlichen Alliierten erzwungen wurde, als die Sowjetrepublik sich aus dem Krieg zurückgezogen hatte, brachte die russische Volkswirtschaft - bereits von drei Kriegsjahren ausgezehrt - an den Rand des Ruins und mündete in schlimmen Engpässen und ausgesprochenen Hungersnöten. Die Bürgerkriegsbedingungen schwächten auch die Hochburgen der Industriearbeiterklasse, die die aktivste Kraft hinter der Revolution waren, da viele ihrer entschlossensten Mitstreiter freiwillig an die Front gingen und unzählige von ihnen ihr Leben ließen, während viele andere Arbeiter_innen kaum eine andere Wahl hatten, als vor dem Verhungern aus den Städten zu fliehen und auf dem Lande nach Lebensmittel zu suchen. Inner- wie außerhalb Russlands richtete sich ein ständiger Propagandastrom gegen die Bolschewiki, die als Kindesmörder und Frauenvergewaltiger dargestellt wurden, wobei häufig auf antisemitische Themen zurückgegriffen wurde, die beinhalteten, dass die Bolschewiki nichts anderes als das Werkzeug einer jüdischen Weltverschwörung seien.

Tatsächlich betrachteten viele Politiker der "demokratischen" Mächte - einschließlich Winston Churchill in Großbritannien - das faschistische Regime in Italien (und später in Deutschland) als ein notwendiges Übel, solange man sich darauf verlassen konnte, dass es sich gegen die bolschewistische Flut stemmt. Auch als die UdSSR unter Stalin danach trachtete, sich dem "Konzert der Nationen" anzuschließen, war eine Reihe von bürgerlichen Politikern und Staaten in der Lage, in Stalin jemand zu sehen, 'mit dem man ins Geschäft kommen kann', und zu verstehen, dass seine Politik des "Sozialismus in einem Land" bedeutete, dass er nicht mehr an der Weltrevolution interessiert - und faktisch dagegen war. Diese Akzeptanz der UdSSR im imperialistischen Konzert wurde durch ihre Beteiligung am Zweiten Weltkrieg auf alliierter Seite untermauert.

Dies war die aufschlussreichste Demonstration, dass der Stalinismus nicht die Fortsetzung des Bolschewismus war, sondern sein Totengräber.

1914-18 stand der Bolschewismus für die revolutionäre Opposition zum imperialistischen Krieg sowie für den Klassenkampf gegen alle kriegführenden Staaten. 1941 hielt die stalinistische UdSSR - nach einem vorübergehenden Pakt mit Nazi-Deutschland - die Fahne des "Großen Vaterländischen Krieges" hoch und nahm nach seiner Beendigung an der imperialistischen Aufteilung des Globus teil.

Die große Lüge: "Stalinismus gleich Kommunismus"

Der Stalinismus war folglich nicht das Produkt der Revolution, sondern das Resultat ihrer Isolation und Niederlage. Um 1923 war der internationale revolutionäre Flächenbrand, der von der Oktobererhebung entfacht worden war, erloschen, was der bürokratischen Schicht, die in der bolschewistischen Partei an Stärke gewonnen hatte, die notwendige Munition verschaffte, um zu argumentieren, dass nicht mehr die Weltrevolution, sondern der Aufbau des Sozialismus in der UdSSR oberste Priorität sei. Doch dies bedeutete, der marxistischen Vorstellung, dass der Sozialismus nur auf Weltebene errichtet werden kann und dass isolierte Vorposten des Sozialismus eine Unmöglichkeit sind, den Rücken zu kehren. Und so handelte es sich bei dem, was von den gnadenlosen Fünfjahresplänen aufgebaut wurde, nicht um Sozialismus, sondern um eine Form des Kapitalismus, in dem Privatkapitalisten von einem einzigen Staatsboss abgelöst waren. Diese Tendenz zum Staatskapitalismus war keineswegs auf die UdSSR beschränkt: Er war die allgegenwärtige Antwort des Kapitalismus auf Krieg und Wirtschaftskrisen und nahm diverse Formen an: Faschismus in Italien und Deutschland, New Deal in den USA, keynesianischer Wohlfahrtsstaat nach dem Zweiten Weltkrieg, Militärdiktaturen in vielen der schwächeren Länder. Das Besondere an der UdSSR war, dass hier das Streben zum Staatskapitalismus seine konzentrierteste, extremste Form annahm, ein Resultat aus der praktischen Eliminierung (entweder durch Flucht oder durch Enteignung) der Privatkapitalisten in der Revolution; und dass das stalinistische Regime - da die Konterrevolution innerhalb des Staates heranwuchs, der aus der Revolution entstanden war, der aber die bolschewistische Partei sich einverleibte und sie nahezu ununterscheidbar vom Staat machte - für den Rest seiner Tage in der Lage war zu behaupten, in Kontinuität zu jener Oktoberrevolution zu stehen, die es unter Stapeln von Leichen begraben hatte.

Diese falsche Gleichsetzung von Staat und Partei verlieh den stalinistischen Parteien außerhalb Russlands einen radikalen Anstrich, mit dem auch sie ihre totale Hingabe für den Kapitalismus und für die nationalen Interessen ihrer jeweiligen Länder mit Referenzen zum Roten Oktober kaschieren konnten. Doch vor allem verschaffte sie den wichtigsten Fraktionen der herrschenden Klasse im Westen einen Freibrief, um die größte Lüge in der Geschichte zu verbreiten: dass das stalinistische Regime das Gleiche sei wie "Kommunismus".

Die Grenzenlosigkeit dieser Lüge kann ermessen werden, wenn man das stalinistische Regime mit dem Verständnis dessen vergleicht, was Kommunismus wirklich bedeutet und was zumindest seit den Tagen von Marx und Engels innerhalb der Arbeiterbewegung vertreten worden war. Für sie wie für jene, die in ihrem Sog folgten, bedeutete Kommunismus die Überwindung von Jahrtausenden der menschlichen Entfremdung, von jeglicher Gesellschaftsordnung, in der die eigenen Schöpfungen zu feindlichen Kräften gegen die Menschheit geworden sind, die ihr Leben beherrschen. Auf der politischen Ebene bedeutet Kommunismus eine Gesellschaft ohne Staat, da der Staat eben der Ausdruck der Herrschaft der einen Klasse über eine andere und somit eines politischen Apparates ist, über den die breite Mehrheit keine Kontrolle besitzt. Dabei war das stalinistische Regime der Inbegriff der totalen Herrschaft des Staates über das Individuum, über die Gesellschaft und vor allen Dingen über die Arbeiterklasse. Auf ökonomischer Ebene bedeutet Kommunismus, dass die Menschheit nicht mehr das Subjekt unmenschlicher, ökonomischer Gesetzmäßigkeiten, der gnadenlosen Anforderungen des Profits und des Marktes ist. Und dies heißt, dass es im Kommunismus keinen Platz für Geld, für den Markt oder für Lohnarbeit gibt. Dagegen wurde die totalitäre Gewalt des stalinistischen Staates, des gesamten, von der Rüstungsproduktion beherrschten wirtschaftlichen Gebäudes auf dem Mehrwert errichtet, der der Klasse der Lohnarbeiter_innen entzogen wurde. Das Kapital ist in seinem Kern ein gesellschaftliches Verhältnis, nicht bloß eine Form des legalen Eigentums. Für den/die Lohnarbeiter_in macht es keinen Unterschied, ob seine oder ihre Arbeitskraft an einen Privatunternehmer oder an einem Staatsbürokraten verkauft wird: Die Grundlagen der kapitalistischen Ausbeutung bleiben bestehen. Und während der Kommunismus das Ende der Spaltung der Menschheit in unterschiedliche Nationen, die Abschaffung der Grenzen bedeutet, waren die stalinistischen Regimes die fanatischsten Lieferanten von nationalistischen Ideologien und der Verteidigung ihrer nationalen Grenzen und somit der imperialistischen Interessen auf der Weltbühne völlig ergeben.

Doch wenn die Behauptung, welche Stalinismus mit Kommunismus gleichsetzt, solch eine große Lüge war, wie konnte sie so lange aufrechterhalten werden? Zunächst einmal war es im Interesse beider Garnituren von Herrschern, im Osten wie im Westen, sie am Laufen zu halten. Bei all ihren Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Arbeiterklasse insbesondere hing die Herrschaft der stalinistische Staatsbourgeoisie von der Proklamierung ihrer "Kontinuität" mit der Oktoberrevolution ab. Der Gedanke, dass sie "sozialistische" Staaten im Übergang zum Kommunismus gewesen seien, verschaffte diesen Regimes ihre ideologische Rechtfertigung. Hierin wurden die Stalinisten von "links" durch die Trotzkisten bejubelt, die unbeirrt argumentierten, dass diese Regimes zwar degeneriert oder deformiert, aber immer noch Arbeiterstaaten seien, die die Arbeiter_innen verteidigen sollten. Umgekehrt blieb für viele Arbeiter_innen im Westen, für jene, die keinesfalls von den Sozialleistungen des Kapitalismus in seiner "demokratischen" Form überzeugt waren, die Idee, dass es irgendwo auf diesem Planeten eine aktuelle Alternative zum Kapitalismus gibt, eine wichtige Quelle der Zuversicht. Die stalinistischen Regimes waren in der Tat kapitalistisch, doch gerade weil sie solch eine entstellte Form des Kapitalismus waren, erschienen sie vielen als Repräsentanten einer anderen Gesellschaftsform.

Für den weitaus größeren Teil der Bevölkerung im Westen jedoch - und faktisch für die Mehrheit der Arbeiterklasse innerhalb der stalinistischen Regimes selbst - war die Idee, dass die UdSSR und ihre Satelliten sozialistisch oder kommunistisch seien, der ultimative Beweis, dass die westliche Variante des Kapitalismus das einzig mögliche System war, das sich zu verteidigen oder anzustreben lohnte. Mit anderen Worten, das Elend, die Kriegswirtschaft und Repression, die die stalinistischen Regimes kennzeichneten, demonstrierten, dass es unmöglich sei, den Kapitalismus durch eine höhere Gesellschaftsform abzulösen. Die kapitalistische Konkurrenz, das Verlangen, grenzenlosen Reichtum anzuhäufen, wurde als Kern der menschlichen Natur gerechtfertigt. Daher war die herrschende Klasse im Westen so teilnahmsvoll bei ihrer Beschreibung ihres Gegners im Osten als sozialistisch oder kommunistisch, und als die östlichen Regimes Ende der 80er Jahre kollabierten, wurde die Lüge, dass dies der endgültige Beweis für das Scheitern des Marxismus und Kommunismus sei, in ohrenbetäubenden Kampagnen in der ganzen Welt verstärkt, deren Echo noch längst nicht verhallt ist. Diese Kampagnen haben eine beträchtliche Konfusion und Unordnung in den Reihen der Arbeiterklasse erzeugt, die bereits in den 80er Jahren äußerste Schwierigkeiten hatte, eine Perspektive zu entwickeln, ein historisches Projekt, das ihre unmittelbaren Kämpfe auf ein höheres und einheitlicheres Niveau hätte heben können. Der weit verbreitete Gedanke, dass es nichts über die gegenwärtige Gesellschaft Hinausgehendes gibt, hat der Kapazität der Arbeiterklasse, ihre Kämpfe zu politisieren und das kapitalistische System insgesamt zu konfrontieren, einen sehr schweren Schlag versetzt.

Zur Verteidigung des Roten Oktobers

Eine Schlüsselkomponente in der Verunglimpfung der Russischen Revolution ist die Idee, dass die Oktobererhebung nichts anderes als ein Staatsstreich durch die machthungrige, bolschewistische Partei gewesen sei, die sich schnell ans Werk gemacht habe, einen totalitären Staat, den Vorläufer des stalinistischen Regimes, zu etablieren. Natürlich mag in dieser Geschichtsversion große Sympathie und viel Verständnis für die Arbeiter_innen gezeigt werden, die im Februar 1917 sich in spontanen Massenstreiks engagiert und die "demokratischen" Sowjets gegründet hatten. Diese Bewegung jagte die zaristische Autokratie davon und hätte in den Augen von angesehenen Historikern wie Orlando Figes den Boden für die Entstehung eines echten demokratischen Staates bereiten können, was seinerseits Russland Jahrzehnte des Leids und Terrors erspart hätte. Doch die hinterhältigen Bolschewiki hätten diese glänzenden Aussichten mit ihrem Dogma der "Diktatur des Proletariats" sabotiert und die Massen mit ihren demagogischen Schlachtrufen getäuscht.

Was aber geschah wirklich zwischen Februar und Oktober 1917?

Zunächst einmal gab es ein tiefgreifendes politisches Erwachen der Arbeiterklasse und aller unterdrückten Schichten - ein Prozess, der sehr gut von John Reed in seinem Buch Zehn Tage, die die Welt erschütterten festgehalten wurde:

"Ganz Rußland lernte lesen. Und es las - Politik, Ökonomie, Geschichte. Das Volk wollte Wissen (...) Der Drang nach Wissen, solange unterdrückt, brach sich in der Revolution mit Ungestüm Bahn. Allein aus dem Smolny-Institut gingen in den ersten Monaten täglich Tonnen, Wagenladungen Literatur ins Land. Rußland saugte den Lesestoff auf, unersättlich, wie heißer Sand das Wasser (...) Und dann das gesprochene Wort, neben dem Carlyles 'Flut der französischen Rede' wie ein armseliger Rinnsal anmutet: Vorlesungen, Debatten, Reden; in Theatern, Zirkussen, Schulen Klubs, in den Sitzungen der Sowjets, der Gewerkschaften, in den Kasernen... Versammlungen in den Schützengräben an der Front, auf den Dorfplätzen, in den Fabriken... Was für ein Anblick, die Arbeiter der Putilow-Werke, vierzigtausend Mann stark, herausströmen sehen, um die Sozialdemokraten zu hören, die Sozialrevolutionäre, die Anarchisten - wer immer was zu sagen hatte, so lange er reden wollte. Monate hindurch war in Petrograd, in ganz Rußland jede Straßenecke eine öffentliche Tribüne. In den Eisenbahnen, in den Straßenbahnwagen, überall improvisierte Debatten, überall (...) In den Versammlungen wurde jeder Versuch, die Redezeit einzuschränken, abgelehnt. Jedermann hatte vollkommene Freiheit, auszusprechen, was er auf dem Herzen hatte..." (Kap. 1, "Hintergrund")

Genau das ist mit der Politisierung des Klassenkampfes gemeint. Arbeiter_innen, die von furchtbaren wirtschaftlichen Zwängen vorwärtsgepeitscht werden, sind gezwungen, die Frage zu stellen, wie die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit verwaltet wird. Und nicht durch die Fake-Demokratie des parlamentarischen Systems, die die Arbeiter_innen alle paar Jahre dazu "ermächtigt", sich Experten und Berufspolitikern auszuliefern, die "in ihrem Auftrag" regieren, sondern durch die proletarischen Methoden der Assoziation, der Debatte und Selbstorganisation - in Gestalt eines ganzen Netzwerkes von Versammlungen an den Arbeitsplätzen, in den Nachbarschaften, in den Regimentern, in den Dörfern, Versammlungen, die mandatierte und jederzeit abwählbare Delegierte in die zentralen Räte, die Sowjets entsenden. 1917 hatte solch ein Netzwerk, das innerhalb nicht einmal eines Jahres überall in Russland aus dem Boden geschossen war, zur Bildung ähnlicher Organe überall auf der Welt angeregt. In diesen Versammlungen und Räten fand ein tiefgehender Reifungsprozess statt, eine Konfrontation zwischen jenen, die weiterhin den Parteien und Ideologien des alten Systems anhingen (einschließlich vieler, die sich noch immer Sozialisten nannten), und jenen, die dafür standen, die Revolution bis zu ihrem logischen Schluss zu führen: keine Auslieferung an ein Parlament, das von bürgerlichen Parteien beherrscht wird, sondern die Auflösung einer in sich selbst instabilen Situation der "Doppelherrschaft" durch die alleinige Übernahme der politischen Macht durch die Sowjets. Die Schlachtrufe der Bolschewiki - vor allem die Notwendigkeit, den Krieg zu beenden, der eine fürchterliche Not in der Arbeiterklasse und unter den Kleinbauern verursachte - stimmten mit dem wachsenden Bewusstsein der Mehrheit überein, dass die bürgerlichen Politiker und Parteien nicht mit der Politik der "nationalen Verteidigung" brechen würden und konnten; und dass angesichts der Gefahr von unten diese Fraktionen eine offene Diktatur der Bourgeoisie vorziehen würden, selbst wenn dies die Unterdrückung der Sowjets bedeutete. Die Mittäterschaft der "Demokraten" beim Putschversuch von Kornilow im August 1917 und die fortgesetzten Versuche der Provisorischen Regierung, die "Ordnung wiederherzustellen", überzeugten viele davon, dass die einzige Wahl die Wahl zwischen der Diktatur der Bourgeoisie und der Diktatur des Proletariats war.

Der Oktoberaufstand war in der Tat der Höhepunkt dieses ganzen Politisierungsprozesses. Er entsprach einem wachsenden Einfluss der Bolschewiki und anderer revolutionärer Gruppen in den Sowjets in ganz Russland, einer wachsenden Forderung, dass die Provisorische Regierung gestürzt und von der Sowjetmacht ersetzt werden sollte. Doch sie spiegelte auch eine reale Entwicklung der Selbstorganisation und Zentralisierung wider. Die Tatsache, dass der Aufstand eine geplante, koordinierte Aktion war, die namentlich in Petrograd mit einem Minimum an Gewalt vonstatten ging und zum größten Teil von gut organisierten Kommandos von Arbeitern und Matrosen ausgeführt wurde, die Tatsache, dass er unter dem allgegenwärtigen Kommando eines Organs des Petrograder Sowjets - dem Revolutionären Militärkomitee - geschah, und die Tatsache, dass er schnell dem All-Russischen Kongress der Sowjets ermöglichte, sich selbst zur obersten Macht im Land zu erklären, all dies demonstrierte, dass der Aufstand kein Putsch war, dass im Gegenteil die russische Arbeiterklasse die praktische Wahrheit der Worte Marx' gelernt hatte, wonach "der Aufstand eine Kunst ist".

"Demonstrationen, Straßenkämpfe, Barrikaden, alles, was in den gewohnten Begriff des Aufstandes fällt, gab es fast nicht: die Revolution hatte nicht nötig, die bereits gelöste Aufgabe zu lösen. Die Eroberung des Regierungsapparates ließ sich planmäßig durchführen, mit Hilfe verhältnismäßig weniger, von einem Zentrum aus geleiteter bewaffneter Abteilungen (...) Die Ruhe in den Oktoberstraßen, das Fehlen von Massen und Kämpfen gaben den Gegnern Anlaß, von Verschwörung einer verschwindenden Minderheit, vom Abenteuer eines Häufleins Bolschewiki zu sprechen (...) In Wirklichkeit konnten die Bolschewiki im letzten Moment den Kampf um die Macht auf eine 'Verschwörung' beschränken, nicht weil sie eine kleine Minderheit waren, sondern im Gegenteil, weil sie in den Arbeitervierteln und eine erdrückende, geschlossene, organisierte und disziplinierte Mehrheit hinter sich hatten." (Trotzki, Die Geschichte der Russischen Revolution, Kap. 23, "Der Oktoberaufstand")

Als sie die Regierung der Bourgeoisie in Russland stürzte, profitierte die Arbeiterklasse von einer ziemlich schwachen, gespaltenen und unerfahrenen kapitalistischen Klasse. Die deutsche Bourgeoisie zeigte sehr schnell, dass sie ein weitaus beeindruckenderer Gegner war; und es trifft sicherlich zu, dass in einer jeglichen zukünftigen Revolution die Arbeiterklasse es mit einer noch raffinierteren herrschenden Klasse zu tun haben wird, der ein durchorganisierter staatlicher und ideologischer Apparat zur Verfügung steht. Dennoch ist der Oktoberaufstand bis heute der höchste Punkt, der im proletarischen Klassenkampf je erreicht wurde - ein Ausdruck der Fähigkeit der Arbeiter_innen, sich massenhaft zu organisieren, sich ihrer Ziele bewusst zu sein, das Selbstvertrauen zu haben, um die Zügel des gesellschaftlichen Lebens in die Hand zu nehmen. Er war die Antizipation dessen, was Marx "das Ende der Vorgeschichte" nannte, aller Bedingungen, unter denen die Menschheit auf Gedeih und Verderb unbewussten gesellschaftlichen Kräften ausgeliefert ist; die Antizipation einer Zukunft, in der zum ersten Mal die Menschheit entsprechend ihrer eigenen Bedürfnisse und Zwecke ihre eigene Geschichte machen wird.

Die Notwendigkeit einer Klassenpartei

In den Debatten innerhalb der bolschewistischen Partei in der Zeit unmittelbar vor der Erhebung wies Lenin, zunehmend ungeduldig angesichts des Hin und Hers innerhalb der Sowjets (und auch in der Partei), auf die Möglichkeit hin, dass der Aufstand im Namen der bolschewistischen Partei ausgeführt werden könne, die mittlerweile eine effektive Mehrheit in den führenden Sowjets gewonnen hatte. Doch Trotzki widersprach und beharrte darauf, dass der Aufstand das Werk eines Organs sein sollte, das den Sowjets , das heißt, den Organisationen der Arbeiterklasse insgesamt gegenüber rechenschaftspflichtig ist. In dieser Debatte lag der Beginn der Erkenntnis, dass die Machtübernahme nicht die Aufgabe der Partei ist. Wir werden später darauf zurückkommen. Doch was die stürmische Entwicklung des Klassenbewusstseins zwischen Februar und Oktober mit Sicherheit bewies, war, dass eine proletarische Revolution ohne die entschlossene Intervention und die politische Führung, die eine kommunistische Partei bietet, nicht erfolgreich sein kann.

Das Klassenbewusstsein einer ausgebeuteten Klasse kann in der bürgerlichen Gesellschaft nie homogen sein. Es wird stets jene geben, die kämpferischer, widerstandsfähiger gegenüber der Penetration der dominanten Ideologie und bewusster über den historischen Klassenkampf und seine Lehren sind. Es ist die spezifische Aufgabe einer kommunistischen Organisation, die klarsichtigsten Elemente der Klasse um ein stichhaltiges Programm herum zu sammeln, dieses Programm zu vertreten, welcher Bewusstseinsgrad in der Klasse insgesamt auch immer herrschen mag. Dies bedeutet nicht, dass die kommunistische Organisation im Besitz einer unfehlbaren Wahrheit ist: Das kommunistische Programm stützt sich auf die theoretische Ausarbeitung der realen Lehren der Geschichte und wird ständig durch neue Erfahrungen und Debatten innerhalb der Arbeiterbewegung bereichert. Es kann durchaus Phasen geben - wie während der Russischen Revolution, als Lenin selbst anmerkte, dass sich die fortgeschrittenen Arbeiter_innen der Parteilinken anschlossen -, in denen die Partei neuen Fortschritten im Klassenbewusstsein hinterherhinkt. Doch dies heißt nur, dass der Kampf gegen die Ideologie der herrschenden Klasse innerhalb der kommunistischen Organisation so wie innerhalb der gesamten Klasse stattfinden muss: In der Tat kann gesagt werden, dass es eben solche Momente sind, in denen die kommunistische Organisation ihre Rolle als lebenswichtiges Labor für die Entfaltung von Klassenbewusstsein enthüllt.

Solch ein Moment fand in der bolschewistischen Partei im Anschluss an die Februarrevolution statt. Eine Mehrheit der "alten Bolschewiki" innerhalb Russlands nahm, fortgerissen von der demokratischen Euphorie, die der Abdankung des Zaren folgte, eine offen opportunistische Position ein, als sie die Provisorische Regierung kritisch unterstützte, und setzte die Kriegsbeteiligung fort, die nun als defensiv und nicht mehr imperialistisch auf Seiten Russlands bezeichnet wurde. Diese Position stellte drei Jahre der entschlossenen, internationalistischen Opposition gegen den Krieg in Frage, die die Bolschewiki an die Spitze der internationalistischen, sozialistischen Bewegung katapultiert hatte. Doch das proletarische Leben der Partei war, wenn auch bedroht, noch längst nicht ausgehaucht. Nach seiner Rückkehr nach Russland im April ließ Lenin - dabei auf die Radikalisierung der militantesten Sektoren der Klasse setzend - die Partei bis in ihre Fundamente erzittern, als er die "Aprilthesen" vorstellte, die jegliche Unterstützung der bürgerlichen Provisorischen Regierung und jegliche Beteiligung am imperialistischen Krieg ablehnte sowie die Arbeiter_innen und armen Bauern dazu aufrief, sich auf den unvermeidlichen, nächsten Schritt im revolutionären Prozess vorzubereiten: den Transfer der Macht an die Sowjets und die Klasse in ihrer Gesamtheit, was ein Signal für die Weltrevolution gegen das globale imperialistische System wäre. Für diese Position, begriff Lenin, müsste innerhalb der Partei, und durch die Partei innerhalb der Sowjets insgesamt, nicht durch abenteuerliche Aktionen, sondern durch geduldige Aufklärung, durch eine politische Auseinandersetzung um Klarheit gekämpft werden.

„Solange wir in der Minderheit sind, besteht unsere Arbeit in der Kritik und Klarstellung der Fehler, wobei wir gleichzeitig die Notwendigkeit des Übergangs der gesamten Staatsmacht an die Sowjets der Arbeiterdeputierten propagieren, damit die Massen sich durch die Erfahrung von ihren Irrtümern befreien.“ (These 4)

Durch die Ausführung dieser Arbeit der "geduldigen Aufklärung" war die bolschewistische Partei (sobald sie gegenüber Lenins Position eingelenkt hatte) im Zuge der heranreifenden Krise in Russland und der wachsenden Desillusionierung der Arbeiter_innen und Bauern über die falschen Versprechungen der Provisorischen Regierung in der Lage, die Entwicklung des Klassenbewusstseins entscheidend zu beschleunigen. Die Geduld der Partei erwies sich besonders in den Juli-Tagen als bedeutsam, als eine Minderheit von Arbeiter_innen und Matrosen in Petrograd der Gefahr anheimfiel, auf die bürgerlichen Provokationen hereinzufallen und zu einem Zeitpunkt auf eine Machtergreifung zu drängen, als ihr die Mehrheit der Klasse in Russland noch nicht gefolgt wäre. Dies wäre in einem völlig demoralisierenden Massaker an den forgeschrittensten Arbeiter_innen gemündet - eine Falle, die weniger als zwei Jahre später die Berliner Arbeiter_innen und Spartakisten nicht in der Lage waren, zu umgehen. In diesem Augenblick versteckten sich die Bolschewiki nicht, sondern nahmen an Arbeiterdemonstrationen teil und erklärten, warum die Zeit noch nicht reif sei für die Machtergreifung, eine Position, die überhaupt nicht populär war. In den unmittelbaren Nachwirkungen dieser Ereignisse war die Partei Opfer einer nachhaltigen Verleumdungskampagne. Sie wurde beschuldigt, bezahlter Agent des deutschen Imperialismus zu sein, und war der direkten Repression durch die Regierung ausgesetzt. Aber die Partei überlebte nicht nur diesen zeitweiligen Rückschlag: Sie war auch imstande, ihren Einfluss in der Klasse durch ihre führende Rolle im Kampf gegen den Putschversuch durch General Kornilow im August wiederzuerlangen und ihre Präsenz in den Sowjets im ganzen Land auszubauen. Weit entfernt davon, die Klasse zurück zu halten, bereitete sie so den Boden für den Augenblick vor,  in dem es notwendig war, zugunsten einer entschlossenen Tat herauszukommen: für den Oktoberaufstand.

Diese Fähigkeit, eine kohärente Analyse zu vertreten und an Klassenprinzipien auch in Zeiten der Anfeindungen festzuhalten - so wie sie es während des Krieges getan hatten, als viele Arbeiter_innen dem Fieber des Patriotismus nicht standgehalten hatten -, überführt die weitverbreitete Verleumdung der Lüge, die Bolschewiki seien nichts anderes als ein Haufen machiavellistischer Intriganten gewesen, deren einzige Sorge dem eigenen Machtgewinn gegolten habe.

Die Degeneration der Revolution und die Irrtümer der bolschewistischen Partei

Im Anschluss an die Niederlage der Revolution begannen einige der revolutionären politischen Strömungen, die anfangs die Bolschewiki und die Oktoberrevolution unterstützt hatten - Teile der deutschen kommunistischen Linken, internationalistische Anarchisten - und die früh Anzeichen der Degeneration der Revolution erblickt hatten, dieser Idee des Oktobers als einen reinen Staatsstreich durch machthungrige Bolschewiki Glauben zu schenken. Der Gedanke kam auf in ihren Reihen auf, dass die Bolschewiki bestenfalls "bürgerliche Revolutionäre" seien und nichts zu tun hätten mit der proletarischen Bewegung. Doch auf diese Weise entledigten sie sich des wahren Problems, mit dem Revolutionäre konfrontiert waren, wenn sie sich mit dem auseinandersetzten, was in Russland geschehen war: die Notwendigkeit zu verstehen, dass proletarische Organisationen unter dem enormen Druck der existierenden Ordnung und ihrer Ideologie degenerieren, ja sogar Verrat begehen können.

Was uns angeht, so lieferte die Spartakistin Rosa Luxemburg, die in ihrer 1918 verfassten Broschüre über die Russische Revolution ihre völlige Solidarität mit den Bolschewiki gegen die blutrünstige Propaganda der herrschenden Klasse zum Ausdruck brachte, den besten Ansatz zu einem Verständnis der Höhen und Tiefen der Russischen Revolution. Für sie hatten die Bolschewiki, indem sie entscheidende Schritte zugunsten der proletarischen Revolution und gegen den imperialistischen Krieg eingeleitet hatten, die Ehre des internationalen Sozialismus wiederhergestellt, der vom Verrat des opportunistischen Flügels der Sozialdemokratie zutiefst beschmutzt worden war, welcher sich zugunsten des Krieges 1914 geoutet hatte und sich nun der Revolution mit all seiner Kraft entgegenstemmte. Die Zukunft, schrieb sie, gehörte dem Bolschewismus, weil der Bolschewismus, wie die herrschende Klasse schnell verstand, für die Weltrevolution stand. Diese Haltung hinderte Luxemburg keineswegs daran, mit großer Schärfe und Einsicht die sehr ernsten Fehler zu kritisieren, die sie in der bolschewistischen Politik nach der Machtübernahme erblickte: die Tendenz, die freie Debatte und die politische Organisation in den Sowjets und anderen Körperschaften einzuschränken und gar zu unterdrücken; der Rückgriff auf den "Roten Terror" angesichts konterrevolutionärer Komplotte; die Zugeständnisse an den Nationalismus in der Politik der "nationalen Selbstbestimmung" für die betroffenen Völker im früheren russischen Reich und so weiter. Doch verlor sie dabei nie die Tatsache aus den Augen, dass diese Fehler im Kontext der Isolation der Russischen Revolution betrachtet werden müssen, ein Kontext, in dem die kapitalistische Blockade und Invasion das Leben in Sowjet-Russland sehr schnell auf die Bedingungen einer belagerten Bastion reduziert hatten. Die Überwindung dieser Lage lag ausschließlich in den Händen der internationalen Arbeiterklasse, namentlich der Arbeiterklasse Westeuropas, die allein die Belagerung schwächen konnte, indem sie für den revolutionären Sturz des Kapitalismus außerhalb Russlands kämpfte. Später waren andere Strömungen, vor allem die italienische kommunistische Linke, ausgehend von Luxemburgs Vorgehen der kritischen Unterstützung in der Lage, Luxemburgs treffendste Kritiken weiterzutragen, während sie jene Kritik von Luxemburg, die selbst falsch war (wie ihre Verteidigung der Konstituierenden Versammlung in Russland), ablehnten. Insbesondere beharrte die italienische Linke darauf, dass es die Aufgabe der Revolutionäre nach der Niederlage war, eine Einsicht in alle Lehren zu entwickeln, die nur echte, lebendige Erfahrungen generieren konnten: Die Bolschewiki wie auch ihre Zeitgenoss_innen in der restlichen revolutionären Bewegung konnten nicht a priori zu einem Verständnis von Fragen gelangen, die noch nicht von der Wirklichkeit geprüft worden waren, wie die Frage des Verhältnisses zwischen der Partei und dem Übergangsstaat.

Die Erfahrung des Scheiterns der Russischen Revolution gehört der Arbeiterklasse, und es liegt an unserer Klasse und ihren politischen Organisationen, die Hauptlehren daraus zu ziehen, so dass in einer künftigen revolutionären Bewegung nicht dieselben Fehler wiederholt werden. Wir haben sehr ausführlich über diese Lehren geschrieben (siehe die Lektüreliste am Ende), doch wollen wir hier ein Schlaglicht auf die bedeutendsten werfen:

  1. Nicht nur, dass eine sozialistische Gesellschaft in einem einzelnen Land unmöglich ist; auch eine politische Macht des Proletariats kann angesichts einer feindlichen kapitalistischen Umwelt nicht lange im Alleingang überleben. Wenn das Proletariat die Macht in einem Land übernimmt, muss seine ganze (Wirtschafts-)Politik der imperativen Notwendigkeit untergeordnet werden, die Revolution über den ganzen Globus zu verbreiten. Wenn sie sich auf ein Land oder eine Region beschränkt, wird die Revolution zwangsläufig entweder den Angriffen von außen oder einer inneren Degeneration erliegen.
  2. Es ist nicht die Rolle der proletarischen Partei, die Macht im Namen der Arbeiterklasse auszuüben. Dies ist die Aufgabe der Arbeiterräte und anderer Massenorganisationen. Die Rätemethode der jederzeit (ab)wählbaren Delegierten ist unvereinbar mit der Methode des bürgerlichen Parlamentarismus, wo die Regierungsmacht für einige Jahre von Parteien ausgeübt wird, die die Mehrheit in der nationalen Abstimmung erlangt haben. Darüber hinaus opfert eine proletarische Partei mit der Machtübernahme unverzüglich ihre Hauptfunktion, die radikalste, kritischste Stimme in den Massenorganisationen der Klasse zu sein. Der Versuch der Bolschewiki,  nach 1917 um jeden Preis an der Macht festzuhalten, endete nicht nur darin, dass sie die Sowjets ersetzten, sondern auch in dem Niedergang und der schließlichen Zerstörung der Partei selbst, die sich allmählich in eine bürokratische Staatsmaschinerie umwandelte.
  3. Die proletarische Revolution setzt gegen die frühere herrschende Klasse, die bis zum letzten Blutstropfen kämpfen wird, um ihre Privilegien zu bewahren, zwangsläufig Gewalt ein. Doch die Klassengewalt des Proletariats kann nicht Methoden wie den Staatsterror der herrschenden Klasse benutzen. Sie zielt vor allem auf ein gesellschaftliches Verhältnis ab und nicht auf Personen; sie verabscheut den Rachegeist; sie muss zu jeder Zeit der allgegenwärtigen Kontrolle der Arbeiterräte untergeordnet werden; und sie muss geleitet werden vom grundlegenden Prinzip der proletarischen Moralität - dass die Mittel, die man benutzt, mit dem Zweck vereinbar sind, nämlich die Schaffung einer Gesellschaft, die auf menschlicher Solidarität beruht, im Gegensatz zur bürgerlichen Auffassung, dass "der Zweck jedes Mittel heiligt". In diesem Sinn lag Rosa Luxemburg mit ihrer Ablehnung des Begriffs des Roten Terrors absolut richtig. Zwar war es notwendig, entschlossen auf konterrevolutionären Pläne der alten herrschenden Klasse zu antworten und eine spezielle Organisation, die Tscheka,  zu schaffen, die ihre Unterdrückung zum Ziel hatte, doch entglitt diese Organisation sehr schnell der Kontrolle durch die Sowjets und neigte dazu, von der moralischen und materiellen Korruption der alten Gesellschaftsordnung befallen zu werden. Vor allem aber entwickelte sich ihre Gewalt sehr schnell zu einem Mittel, das nicht allein gegen die herrschende Klasse gerichtet wurde, sondern auch gegen andersdenkende Teile der Arbeiterklasse - Arbeiter_innen im Streik gegen das reale Wirtschaftselend im Bürgerkrieg, politische Organisationen des Proletariats wie die Anarchisten, die der bolschewistischen Politik kritisch gegenüberstanden. Der Höhepunkt dieses Prozesses war die Niederschlagung der Kronstädter Arbeiter_innen und Matrosen 1921, die als Konterrevolutionäre denunziert wurden, obwohl sie das Banner der Weltrevolution und der Regeneration der Sowjets hoch gehalten hatten. Dies war ein echter Ausdruck dafür, dass "die Revolution ihre eigenen Kinder frisst", ein Schlüsselmoment in der inneren Zerstörung der Sowjetmacht. Seine zutiefst demoralisierenden Auswirkungen auf die Arbeiterklasse in Russland unterstrichen eindringlich, dass Gewaltverhältnisse innerhalb der Arbeiterklasse zu jeder Zeit strikt abgelehnt werden müssen.
  4. Die Kritik an der Idee des Roten Terrors ist mit dem Problem des Staates in der Übergangsperiode verbunden. Die Russische Revolution führte nicht nur zu Organen wie den Arbeiterräten, sondern auch zu einem ganzen Netzwerk von Sowjets, die andere Klassen und Schichten um sich sammelten, wie auch zu Organisationen wie die Tscheka und die Rote Armee, die für den Bürgerkrieg gebildet wurden. Dieser allgemeine Staatsapparat neigte unter den fürchterlichen Bedingungen, auf die die Revolution stieß dazu,  sich selbst zu Lasten der spezifisch proletarischen Organisationen - Räte, Fabrikkomitees, Arbeitermilizen - neu zu verstärken sowie die bolschewistische Partei zu absorbieren und überflüssig zu machen. Wie Lenin 1922 bitter bemerkte, war dieser Staat wie ein Vehikel, das der Kontrolle des Fahrers entglitten war. Zwar ist der Übergangsstaat, solange noch Klasse existieren,  ein unvermeidliches Übel, doch hat die Russische Revolution uns gelehrt, dass staatliche Institutionen einen zwangsläufig konservativen Charakter haben und von den direkten Organen der revolutionären Klasse permanent überwacht und kontrolliert werden müssen. Das Proletariat wird mit seinen Arbeiterräten seine Diktatur über den Übergangsstaat ausüben müssen.
  5. Wenn der Kommunismus eine Bewegung zur Abschaffung des Staates und der auf Lohnarbeit und Warenproduktion basierenden kapitalistischen Ökonomie ist, dann ist es ein Fehler, ihn als das Erzeugnis einer Stufe zu betrachten, auf der entweder der Staat oder ein Netzwerk von Arbeiterräten kapitalistische Verhältnisse aufrechterhalten und stärken. Mit anderen Worten, weder der Staatskapitalismus noch die "Selbstverwaltung" der Arbeiter_innen (die in Russland von Anarchosyndikalisten befürwortet wurde) sind Etappen auf dem Weg zum Kommunismus; sie sind vielmehr Methoden zur Erhaltung des Kapitals. Dies bedeutet nicht, dass echter Kommunismus über Nacht eingeführt werden kann, vor allem solange die Revolution nicht den gesamten Globus erobert hat; doch dies heißt, dass er das Produkt eines bewussten und organisierten Kampfes gegen die kapitalistischen Verhältnisse ist; dass allein ein selbstorganisiertes und politisch dominantes Proletariat diesen Kampf anführen kann und dass die ökonomischen Sofortmaßnahmen, die von der proletarischen Macht ergriffen werden,  soweit wie möglich mit dem Ziel des Kommunismus vereinbar sein sollten. Doch in Russland war die Mehrheit der bolschewistischen Partei unfähig, mit der Vorstellung zu brechen, dass der Staatskapitalismus eine notwendige Stufe auf dem Weg zum Kommunismus sei. Und dies bedeutete in der Praxis und noch vor dem Triumph des Stalinismus, dass die wachsende Ausbeutung und Verelendung der Arbeiterklasse mit der "Weiterentwicklung der Produktivkräfte" auf dem Weg zu einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft gerechtfertigt wurde. Die Idee, dass die Diktatur des Proletariats solange existierte, wie die bolschewistische Partei sich an die Macht klammerte, hatte dieselben tragischen und katastrophalen Konsequenzen wie die Identifizierung des Staatskapitalismus mit dem Sozialismus oder als einen Schritt hin zu ihm: Die reale Niederlage der Revolution, der Triumph der kapitalistischen Konterrevolution in "Sowjet-Russland" ging von innen aus, getarnt als Fortsetzung des Oktobers; und wie wir gesehen haben, hatte dies die schädlichsten Konfusionen innerhalb der Arbeiterklasse weltweit zur Folge. Es war die objektive Grundlage für die große Lüge, dass Stalinismus das Gleiche wie Kommunismus ist.

1968–2011: das Gespenst der Revolution peinigt noch immer das kapitalistische System

Es ist eine Sache, die Lehren aus der Niederlage der Revolution zu ziehen. Doch eine andere Sache ist, ob es eine neue Revolution geben wird, in der sie angewendet werden können. Erneut möchten wir auf die unlösbaren Wirtschaftskrisen, auf die Kriegsgefahr und Selbstzerstörung, auf die Verwüstung der natürlichen Umwelt, auf das ungezügelte Wachstum von Kriminalität und moralischer Zersetzung in den gesellschaftlichen Verhältnissen hinweisen und eindringlich wiederholen, dass der Kommunismus mehr denn je eine objektive Notwendigkeit ist. Ferner möchten wir auf die zunehmend globale Existenz der Arbeiterklasse, auf die wachsende Interdependenz der Weltwirtschaft, auf die Jahrzehnte einer schwindelerregenden Entwicklung der Kommunikationsmittel verweisen und auf die objektiven Möglichkeiten für die Vereinigung des Weltproletariats zur Verteidigung seiner gemeinsamen Interessen gegen die kapitalistische Ausbeutung beharren. Doch die proletarische Revolution ist die erste Revolution in der Geschichte, die vor allem auf die subjektive Fähigkeit einer ausgebeuteten Klasse setzt, die Ursprünge ihrer Ausbeutung zu begreifen und sich nicht nur zu verteidigen, sondern auch ein Projekt, ein Programm zur Abschaffung aller Ausbeutung zu entwickeln. Und obwohl vieles sich ungesehen, unter der Oberfläche, in kleinen Minderheiten entwickelt, kann diese subjektive Dimension nicht aufrechterhalten, gepflegt und ausgeweitet werden ohne die Entwicklung von Massenbewegungen des Proletariats.

Solche Bewegungen sind tatsächlich in den letzten 50 Jahren auf Weltebene aufgetaucht. Dem enormen Gipfel, der von der revolutionären Welle 1917-23 erreicht worden war, folgten viele Jahrzehnte der Konterrevolution, die ihr brutalstes Antlitz in jenen Ländern zeigte, in denen die revolutionäre Welle am höchsten stieg: in Italien und Deutschland mit dem Anbruch des Faschismus und in Russland mit Beginn des Stalinismus. Die tödliche Dreifaltigkeit wurde durch den Aufstieg der Volksfronten und des demokratischen Antifaschismus vervollständigt. Der Kombination dieser Kräfte gelang es, die letzten Ausbrüche des proletarischen Widerstandes (wie in Spanien 1936-37) zu ersticken und das Proletariat dazu zu bringen, in den Schlund des zweiten imperialistischen Weltkrieges zu marschieren; In den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Krieg wurde der Klassenkonflikt durch den Wirtschaftsboom und das Sicherheitsnetz des Wohlfahrtsstaates sowie durch die falsche Wahl zwischen westlicher "Demokratie" und östlichem "Sozialismus" in Schach gehalten.

Doch gegen Ende der 1960er Jahre, als der Nachkriegsboom nachließ, als der Alltag im Kapitalismus sowohl im Westen als auch im Osten seine reale Armut und Heuchelei enthüllte, als die Stellvertreterkriege zwischen den beiden imperialistischen Blöcken in Vietnam und Afrika fortgesetzt wüteten, begann eine neue Generation von Proletariern, die nicht die Niederlagen und die Traumata ihrer Eltern durchmachen musste, die Normalität der kapitalistischen Gesellschaft anzuzweifeln. Dieses Infragestellen, das auch andere Gesellschaftsschichten erfasste, sollte mit dem riesigen Generalstreik im Mai-Juni 1968 offen ans Tageslicht treten, mit einer Bewegung, die das Ende der Konterrevolution markierte und das Signal zu einer internationalen Welle von Arbeiterkämpfen auf allen Kontinenten gab. Auf ihrem Höhepunkt erlebte die Bewegung im Mai 1968 in Frankreich vergleichbar intensive politische Debatten an Straßenecken, in Schulen, Universitäten und am Arbeitsplatz, die John Reed in Russland vor dem Oktober 1917 beobachtet hatte. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wurde die Idee, den Kapitalismus durch eine neue Gesellschaft zu ersetzen, ernsthaft unter bedeutenden Minderheiten von Arbeiter_innen und Student_innen diskutiert, und eine der wichtigsten Früchte dieses Gärungsprozesses war eine neue Generation revolutionärer politischer Organisationen.

Die Bewegung in Frankreich konnte die Frage der Revolution nur auf theoretischer Ebene stellen. Der Kapitalismus befand sich gerade am Beginn seiner offenen Krise, und die herrschende Klasse hatte in den nächsten Jahren noch viele politische Tricks in ihrer Hinterhand, nicht zuletzt den Gebrauch ihrer linken Parteien und Gewerkschaften als eine falsche "Opposition" zum System. Doch die Welle der Kämpfe, die 1969 begannen, setzte sich in den beiden nächsten Jahrzehnten fort. Ihr Höhepunkt war sicherlich die Bewegung in Polen 1980, ein echter Massenstreik, der zu Organisationsformen - die werkübergreifenden Streikkomitees - führte, die an die Arbeiterräte der revolutionären Jahre erinnerten. Doch trotz dieses sehr fortgeschrittenen Organisationsgrades haben die polnischen Arbeiter_innen nie die Möglichkeit eines Sturzes des kapitalistischen Systems erwogen. Im Gegenteil, sie wurden niedergedrückt durch die Illusion, dass sie bereits in einem kommunistischen System lebten und dass ihre letzte Hoffnung in den demokratischen Formen des kapitalistischen Westens lag, mit ihren Parlamenten und "freien" Gewerkschaften. Die Arbeiter_innen im Westen haben eine größere Erfahrung mit der Leere dieser Formen, doch das fundamentale Problem, dem sie gegenüberstanden, unterschied sich nicht von dem ihrer Klassenbrüder und -schwestern im Ostblock: die Schwierigkeit, den Kampf von der Ebene der ökonomischen Verteidigung auf die Ebene einer politischen Offensive gegen den Kapitalismus anzuheben.

Die Bewegungen der Arbeiterklasse in den 70er und 80er Jahren hatten jedoch einen sehr bedeutenden Einfluss auf die Evolution der kapitalistischen Gesellschaft gehabt. In den 1930er Jahren, als der Ausbruch einer offenen Wirtschaftskrise auf eine Arbeiterklasse traf, die sich mitten in einer tiefen historischen Niederlage befand, gab es kein Hindernis auf dem Weg des Kapitalismus in den Krieg. Im Gegensatz dazu bedeutete die Weigerung der Arbeiterklasse in den 70er und 80er Jahren trotz des starken Drucks in Richtung Weltkrieg, sich für die Interessen der nationalen Wirtschaft zu opfern, auch, dass sie nicht gewillt war, sich in einen neuen Krieg ziehen zu lassen. Uns wird von Experten der Bourgeoisie erzählt, dass ein Dritter Weltkrieg nie stattgefunden habe, weil der Kapitalismus die Lehren aus früheren Kriegen gelernt und internationale Organismen wie die EU oder die UN geschaffen habe, um nationale Rivalitäten einzudämmen. Oder dass die schlichte Existenz von Atomwaffen die sicherste "Abschreckung" gegen einen Weltkrieg gewesen sei. Der Gedanke, dass der Kampf der Arbeiterklasse möglicherweise die wahre Abschreckung war, lag völlig außerhalb des Tellerrandes des bürgerlichen politischen Denkens.

Doch die Barriere, die das Proletariat gegen den Krieg errichtet hatte, war selten in bewusster Manier errichtet worden. Die Unfähigkeit der Bourgeoisie, die Klasse für den Krieg zu mobilisieren, war Eines, doch die Arbeiterklasse war gleichermaßen unfähig, ihre eigene politische Alternative, die Weltrevolution, zur Entfaltung zu bringen. Infolgedessen haben wir seit dem Ende der 80er Jahre eine Art Pattsituation in der Entwicklung der Gesellschaft erlebt, die außer Stande ist, sich in Richtung des einen oder des anderen Ausgangs zu entwickeln. Vor dem Hintergrund einer schleppenden, unauflösbaren Wirtschaftskrise ist der Kapitalismus dazu verurteilt, stehenden Fußes zu verrotten. Mit dem Zusammenbruch der beiden imperialistischen Blöcke sind die Aussichten auf einen Weltkrieg nun zwar scheinbar in weite Ferne gerückt, aber der kapitalistische Kriegsdrang setzt sich fort und beschleunigt sich auf chaotischere, aber nicht minder gefährliche Weise.

Diese letzte Phase im langen Niedergang des kapitalistischen Systems, die Phase des Zerfalls des Kapitalismus, hat der Arbeiterklasse zusätzliche Schwierigkeiten bereitet. Die Kampagnen über den "Tod des Kommunismus" waren einer der offensichtlichsten Ausdrücke für die Fähigkeit der herrschenden Klasse, den Zerfall ihres eigenen Systems gegen das Bewusstsein der ausgebeuteten Klasse zu wenden. Ihr zentrales Thema - der Triumph der "Demokratie" über den Totalitarismus - bewies einmal mehr, dass die Vorstellung, wir lebten unter der Herrschaft der "Demokratie", eine der wirkmächtigsten Mystifikationen ist, die die kapitalistische Gesellschaft jemals hervorgebracht hat und die von der herrschenden Klasse hartnäckig aufrechterhalten wird. Dasselbe Thema hat durch die aktuelleren Kampagnen rund um die Auseinandersetzung zwischen Populismus und Anti-Populismus, in der beide Lager sich als Ausdruck des "wahren Volkswillen" verkaufen,  eine Auffrischung erfahren.

Mittlerweile fahren die eigentlichen gesellschaftlichen Prozesse, die in dieser Zerfallsphase im Gang sind, fort, in heimtückischer Manier zu wirken: die Tendenz der kapitalistischen Gesellschaft, sich auf allen Ebenen in Cliquen und Banden zu fragmentieren, der Aufstieg aller Arten von irrationalen Ängsten und Fanatismen, die sich verbreitende Suche nach Sündenböcken...

Diese Tendenzen sind für die Entwicklung der internationalen Arbeitersolidarität und für die Art von globalem, historischem Denken, das erforderlich ist, um die wahren Prozesse der kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen, zutiefst abträglich. Und doch: trotz des allgegenwärtigen Rückzugs des Klassenkampfes seit dem Ende der 80er Jahre erleben wir auch weiterhin wichtige Aufwallungen des Proletariats, auch wenn die Teilnehmer_innen in solchen Bewegungen sich häufig nicht als Proletarier begreifen. 2006 entglitt die Studentenbewegung in Frankreich der Kontrolle der offiziellen Gewerkschaften; und weil sie drohte, sich auf die Beschäftigten auszubreiten, war die Bourgeoisie gezwungen, das CPE zurückzuziehen, jenes Gesetz, das darauf abzielte, die Unsicherheit in den Beschäftigungsverhältnissen rapide zu erhöhen. 2011, im Anschluss an die Revolten in Nordafrika, Israel und Griechenland, belebte die Bewegung der "Indignados" in Spanien, wie die französischen Studenten 2006, die Erinnerung von '68 wieder, indem sie zu Massendebatten über den Charakter der kapitalistischen Gesellschaft und ihren völligen Mangel an Perspektiven animierte. Dies war eine Bewegung, die sich über ihren internationalen Charakter sehr klar war und in der der Schlachtruf der "Weltrevolution" unter einigen kleinen Minderheiten immer relevanter wurde. Und ebenfalls wie die Bewegung von 2006 war die Organisationsform, die von der Bewegung der "Indignados" angenommen wurde, die Vollversammlung auf den Straßen und in den Stadtteilen, außerhalb der offiziellen Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft. Mit anderen Worten, ein schwaches, aber eindeutiges Echo der Sowjetform der Organisation. Natürlich waren diese Bewegungen kurzlebig und litten unter zahllosen Schwächen und Konfusionen, nicht zuletzt unter der Ideologie der (wahren) Demokratie und der Bürgerrechte, was von den linksextremistischen Parteien wie Syriza und Podemos mit ihrem Refrain: "Versammlungen - ja, aber lasst sie uns nutzen, um unser demokratisches Leben zu regenerieren, die Teilnahme am Parlament und an Wahlen zu steigern..." geschickt ausgenutzt wurde. Sanders und Corbyn verkaufen denselben Schwindel. Doch das Wesentliche an diesen Bewegungen ist, dass sie demonstrieren, dass das Proletariat nicht tot ist und immer noch in der Lage ist, sein Haupt zu erheben, und dass, wenn es dies tut, es unwiderstehlich zu den revolutionären Traditionen seiner eigenen Vergangenheit gezogen wird.

Das Proletariat hat noch nicht sein letztes Wort gesprochen. Die Veränderungen in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse birgt, trotz ihrer negativen Auswirkungen bis jetzt, auch Elemente in sich, die weitaus günstiger sind für die Perspektive der Revolution. Die jungen proletarischen Generationen, die in einer Lage leben, die unsichere Beschäftigungsverhältnisse mit chronischer Arbeitslosigkeit kombiniert, können im Laufe der Zeit sich selbst als Teil einer Klasse erkennen, die die Armut mit den Sklaven teilt. Doch wie Engels' Schrift "Grundsätze des Kommunismus" feststellt: Der einzelne Sklave, Eigentum eines Herrn, hat schon durch das Interesse dieses Herrn eine gesicherte Existenz, so elend sie sein mag; der einzelne Proletarier, Eigentum sozusagen der ganzen Bourgeoisklasse, dem seine Arbeit nur dann abgekauft wird, wenn jemand ihrer bedarf, hat keine gesicherte Existenz.Folglich: „Die Proletarier haben nichts in ihr [der kommunistischen Revolution] zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen" (Kommunistisches Manifest). Die aktuelle und zukünftige Situation des Weltproletariats enthüllt immer mehr, was Marx als die Fundamente seines revolutionären Charakters, seiner Fähigkeit, den Kapitalismus zu zerstören und den Kommunismus zu schaffen, identifizierte:

  • eine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, die der bürgerlichen Gesellschaft fremd ist;
  • eine Klasse, deren radikale Ketten und universellen Leiden sie zu einer radikalen und universellen Revolution drängen;
  • eine Klasse, die in sich all die Leiden der anderen Gesellschaftsschichten konzentriert, ohne von irgendeinem ihrer Vorteile zu profitieren, und die sich nur befreien kann, wenn sie die gesamte Menschheit befreit;
  • eine assoziierte Klasse, die die Gesellschaft nach dem Prinzip der Assoziation organisieren kann, welches der kapitalistischen Herrschaft der universellen Kommerzialisierung zuwiderläuft;
  • eine Klasse, die die menschliche Moralität aus ihrem kapitalistischen Gefängnis befreien kann, indem sie den menschlichen Körper davon befreit, Diener der Waren und der Lohnarbeit zu sein.

Lang lebe der Oktober!

Die Erinnerung an die Oktoberrevolution kann niemals wirklich ausgelöscht werden, genau so wenig, wie man den Kapitalismus ohne Klassenkampf haben kann. 1917 war die Menschheit mit der Wahl zwischen Sozialismus oder Barbarei konfrontiert: entweder die proletarische Weltrevolution oder die Zerstörung der Zivilisation, vielleicht die Zerstörung der Menschheit an sich. 2017 werden wir mit demselben Dilemma und derselben Tragweite konfrontiert. Der Kapitalismus kann nicht reformiert, grün gewendet oder mit einem menschlichen Antlitz versehen werden. Sein Sturz ist lange überfällig, und keine  künftige Revolution wird Erfolg haben können, ohne all die Lehren aus der gigantischen Erfahrung zu ziehen, die unsere Klasse in Russland wie auch in Deutschland, Ungarn, Italien und im Rest der Welt hundert Jahre zuvor durchlebt hatte. Es ist die Aufgabe und Verantwortung der Minderheit von Revolutionären, der politischen Organisationen des Proletariats, diese Lehren so gründlich und weitgehend wie möglich zu studieren, auszuarbeiten und zu verbreiten.

Internationale Kommunistische Strömung, September 2017

 

 

Unvollständige Lektüreliste von IKS-Artikeln über die Russische Revolution und die internationale revolutionäre Welle

All diese Texte und viele andere können auf unsere Website internationalism.org gefunden werden. Gehe zu den Überschriften "Theorie und Praxis" und "IKS-Presse: Internationale Revue".

 

Quellen zur internationalen revolutionären Welle