Spanien, Katalonien: Die Arbeiter und Arbeiterinnen haben kein Vaterland

Katalonien und insbesondere Barcelona ist einer der Orte, die dem spanischen und weltweiten Proletariat in Erinnerung bleiben. Die Kämpfe, die Siege und Niederlagen der Arbeiterklasse in dieser Region haben ihre Spuren in der Geschichte unserer Klasse hinterlassen. Deshalb will die IKS in der gegenwärtigen Situation durch diesen Artikel und andere, die in unserer territorialen Presse erschienen sind, auf die Gefahr aufmerksam machen, dass das Proletariat in das sich entfaltende nationalistische Gezänk hineingezogen wird, was ihm nur schaden kann.

Aus der Hoffnung, die die Indignados-Bewegung im Jahr 2011 geweckt hat ...

Am selben Ort, nur wenige Jahre auseinander, zwei soziale Szenarien, die nicht nur unterschiedlich, sondern völlig gegensätzlich sind.

Barcelona, wenige Tage nach dem 15. Mai 2011: Während der Bewegung der Indignados ist der Platz von Katalonien (Plaza de Cataluña) ein Knotenpunkt von Treffen und Versammlungen. Mehr als 40 verschiedene Kommissionen befassen sich mit Fragen von der Umweltkatastrophe bis zur Solidarität mit den Kämpfen in Griechenland gegen die Kürzungen der Sozialleistungen. Es gibt keine Fahnen, aber dafür gibt es improvisierte Bibliotheken, die von anonymen Teilnehmern eingerichtet und allen zugänglich sind mit dem Ziel, den Horizont der Bewegung zu erweitern, die im Wesentlichen Ausdruck der Empörung über die Verwüstungen der kapitalistischen Krise ist, der Sorge um die düstere Zukunft, die das Überleben dieses Systems für die gesamte Menschheit bedeutet. Orte wie dieser in Barcelona oder anderswo in Spanien, in einer Bewegung, die an der Puerta del Sol in Madrid begonnen hat, sehen Menschen aller Altersgruppen, aller Sprachen, verschiedener Bedingungen, die sich zusammenfinden und mit Respekt und dem Wunsch, sich gegenseitig zuzuhören, debattieren. Tag für Tag münden Arbeiterdemonstrationen, Demonstrationen gegen die Kürzungen bei den Gesundheitsleistungen, Delegationen aus Nachbarschaften, die Solidarität im Kampf gegen Häuserräumungen suchen, und so weiter in den Versammlungen auf den Plätzen. Die Versammlungen fungieren als kollektives Gehirn, das versucht, die verschiedenen Ausdrucksformen des Kampfes zu einer gemeinsamen, vereinheitlichenden Sache zu verknüpfen. „Wir sind gegen das System, weil das System unmenschlich ist", wird stolz verkündet. Die Bewegung wird rücksichtslos unterdrückt[1] - aber gleichzeitig gibt sie die Parole aus: "Gewalt ist auch, bloß 600 Euro im Monat zu verdienen"[2].

... zum Rückschritt in den Nationalismus im Jahr 2017

Und heute demonstrieren in denselben Straßen Hunderttausende von Menschen "für die Unabhängigkeit Kataloniens", aber in diesem Sinne können sie nur manipuliert werden, sie können nur als Manövriermasse agieren, sie können nur Aktionen folgen, zu denen oft schleierhafte Kräfte aufgerufen haben, Aktionen, die einem von anderen geschriebenen Drehbuch folgen. Das geschah denjenigen, die bei der Verteidigung der Wahlurnen während des Referendums am 1. Oktober Polizeiknüppel kassierten, denjenigen, die sahen, wie die Organisationen, die hinter dem Referendum standen, in den Tagen nach dem Referendum seine Bedeutung relativierten und es auf einen rein symbolischen Akt reduzierten. Das geschah denjenigen, die nach der Pantomime der Proklamation der katalanischen Republik am 27. Oktober in der Euphorie über "Wir sind bereits eine Republik" taumelten. Wie die Unabhängigkeitsführer später betonten, handelte es sich um eine virtuelle, "symbolische" Aktion. Ganz im Gegensatz zur Bewegung der Indignados im Jahr 2011 kann in den gegenwärtigen nationalistischen Aktionen der geringste kritische Geist nur ein Hindernis sein. Das Einzige, was sie tun müssen, ist, das „nationale Narrativ" auswendig zu lernen. Das gilt für jeden Nationalismus, aber im Falle Kataloniens und anderer Länder, die keinen eigenen Staat haben, ist diese Erzählung eine Sauce, in der alles vermischt wird und keine kritischen Stimmen zu hören sind.

So gibt es Forderungen nach der Wiederauferstehung eines untergegangenen Arkadiens, nach einem katalanischen Vaterland, das nie existierte. In diesem Prozess wird ein Feind gebraucht, und das kann nur der Zentralstaat mit seinen "faschistischen" Überresten sein. Und ein Sündenbock: das "Spanische" im Allgemeinen und alles, was dazu gehört, werden als Ursache für das Leid dieser Gesellschaft dargestellt. Und dann sind sie bereit, auf die Aufrufe der sozialen Medien zu reagieren und zu marschieren, Kopf nach unten, Augen zu, neben katalanischen Ausbeutern, korrupten katalanischen Politikern, der katalanischen Polizei, den katalanischen "Ultras", die darauf aus sind, mit dem Finger auf denjenigen zu zeigen und ihn einzuschüchtern, der in seinen antispanischen Gefühlen nicht genügend glüht. Und es ist dasselbe niederträchtige Schema, das wir ein paar Tage später bei den Demonstrationen in denselben Straßen sehen, wenn andere "gegen die Unabhängigkeit Kataloniens" marschieren. Diesmal ist das verlorene Paradies das "friedliche Zusammenlebens aller Spanier". Diesmal sind die Sündenböcke für die Armut oder die Ungewissheit über die Zukunft diejenigen, welche sich "dem Gesetz widersetzen" oder "diejenigen, die Spanien zerschlagen wollen". Und wieder marschieren sie Schulter an Schulter mit korrupten und repressiven Ausbeutern und anderen Ultras, die den gleichen Weg der mehr oder weniger offenen Gewalt und Einschüchterung gehen[3].

Zwei diametral entgegengesetzte Optionen für die Zukunft der Gesellschaft

Zwischen der Indignados-Bewegung im Jahr 2011 und den jüngsten Orgien des katalanischen oder spanischen Patriotismus gibt es eine Klassengrenze, eine Kluft in den Perspektiven. Die erste, trotz der unbestreitbaren Schwierigkeiten, die diese Bewegung hatte, war der Ausdruck einer Klasse - des Proletariats -, die die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung auf dem Planeten Erde in sich trägt, einer Klasse, die eine schlüssige Erklärung für alle wesentlichen Probleme der Welt finden muss, einer Klasse, deren Kampf die Grundlage für eine wirkliche Vereinigung der Menschheit bildet, indem sie die Spaltung der Menschen in Klassen, Rassen, Kulturen usw. aufhebt. Eine Bewegung, die auf der Suche nach einer revolutionären Lösung für die Menschheit gründet, nach einer Zukunft, die frei von den Ketten der Ausbeutung ist. Diese patriotischen Orgien dagegen spielen sich auf der Grundlage einer atavistischen Sehnsucht nach einer mythischen Vergangenheit ab. Nicht nur das: Das Marschieren unter nationalistischen Flaggen rechtfertigt und vertieft die Trennung zwischen Klassenbrüdern und -schwestern. Ihre Perspektive ist kein revolutionärer Schritt nach vorn, sondern ein reaktionärer Schritt zurück in eine Vergangenheit voller Angst und Misstrauen. Sie wird nicht durch die Suche nach einer neuen sozialen Ordnung angetrieben, die auf die Befriedigung der Bedürfnisse aller ausgerichtet ist, sondern durch die Fäulnis der alten Gesellschaftsordnung und deren Motto: "Rette sich, wer kann“.

Wie ist es dazu gekommen?

Die einen wie die anderen führen irgendwelche Erklärungen ins Feld. Nach Ansicht der katalanischen Nationalisten erleben wir das Wiederaufleben der franquistischen Überreste, die nach dem Übergang zur Demokratie in Spanien verblieben sind. Nach Ansicht der spanischen Nationalisten ist die Unabhängigkeitsbewegung eine Möglichkeit, die Aufmerksamkeit von den korrupten Praktiken abzulenken, die die katalanischen Verwaltungen seit Jahrzehnten kennzeichnen. Dass beide Seiten Nebelpetarden zünden, wird schnell klar, wenn man sich das Verhalten der Protagonisten selbst in diesem Theater vergegenwärtigt. Die wichtigste Partei der Generalitat (der autonomen katalanischen Verwaltung), die früher CiU hieß und heute PDECat[4], hat ihre Hegemonie jahrzehntelang auf ein System von Günstlingswirtschaft  und Korruption abgestützt. Aber das hinderte die sich in der gleichen Zeit abfolgenden spanischen Rechts- und Linksregierungen nicht daran, dieser Partei saftige Subventionen aus den Kassen des Zentralstaates auszuhändigen. Und die katalanischen Nationalisten haben ihrerseits nie Bedenken gehabt, mit den "Überresten des Franquismus" im spanischen Staat, über den sie so viel reden, zusammen zu arbeiten, indem sie  nacheinander Abkommen geschlossen haben mit der Volkspartei (Partido Popular) auf der rechten Seite[5] und dann mit dem sozialistischen Zapatero[6] auf der linken Seite (die Dreiparteien-Regierungen von ERC und Iniciativa[7], die jetzt zu den Anhängern des Bürgermeisters von Barcelona gehören). Als die PDECat 2010 in die Generalitat zurückkehrte, zögerte Artur Mas[8] - der von Pujol selbst gesalbte Nachfolger - nicht, auf die PP zu zählen, um ein Programm der unerbittlichen Sparsamkeit gegen den Lebensstandard durchzuführen, das später Mariano Rajoy[9] selbst inspirieren sollte.

Die historischen Ursachen

Deshalb können wir sagen, dass die Erklärung für den separatistischen Antrieb in Katalonien nicht in der spezifischen historischen Entwicklung Kataloniens oder Spaniens zu finden ist, sondern in den weltgeschichtlichen Bedingungen, in der Tatsache, dass der Weltkapitalismus als Ganzes in seine Endphase, in seine Phase der sozialen Zersetzung eingetreten ist.

Der Marxismus hat nie die Existenz bestimmter Faktoren in der Entwicklung des Kapitalismus in jedem Land geleugnet. Insbesondere im Falle der verschiedenen separatistischen Bewegungen in Spanien, die als zusätzliches und reaktionäres Hindernis für die Fähigkeit des Proletariats fungieren, sich selbst als unteilbare Klasse anzuerkennen, anerkennt er das Gewicht der ungleichmäßigen Entwicklung zwischen den für Handel und Industrie offeneren Zonen und anderen, die isolierter und nicht in der Lage sind, zum Rest aufzuholen[10]. Aber der Marxismus erklärt auch, wie die Entwicklung dieser lokalen Konflikte und Widersprüche durch die Geschichte des Kapitalismus auf Weltebene bedingt ist. Besonders deutlich wird dies im Falle des Nationalismus. Während im 18. und 19. Jahrhundert die Bildung bestimmter neuer Nationalstaaten einen entscheidenden Fortschritt bei der Zerstörung feudaler Strukturen und der Entwicklung der Produktivkräfte darstellte, wurde die "nationale Befreiung", nachdem der Kapitalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Ende seiner aufsteigenden Phase erreicht hatte, zu einem eindeutig reaktionären Mythos, der die Bevölkerung und insbesondere die revolutionäre Klasse in und für den imperialistischen Krieg mobilisierte[11]. Deshalb haben die wirklichen Revolutionäre immer den antiproletarischen Charakter des Separatismus jeder Art in Spanien gebrandmarkt[12]. Die Separatisten waren und sind Ausbeuter und erklärte Feinde der Arbeiterklasse, wie das Proletariat in Katalonien, eines der ältesten in der Arbeiterbewegung der Welt, mehrfach schmerzlich erfahren musste.

Die Geschichte des Proletariats in Katalonien und der Griff des Nationalismus

Es ist kein Zufall, dass Barcelona 1855 der Schauplatz des ersten Generalstreiks auf spanischem Territorium war, oder dass diese Stadt der Sitz des Kongresses der Arbeiter der spanischen Region war, der 1870 die Grundlage für die Erste Internationale in Spanien bildete[13]. Es war auch kein Zufall, dass die katalanische Bourgeoisie sich 1920-22 angesichts der fortschrittlichsten Ausdrucksformen des Klassenkampfes, wie z.B. des Streiks "La Canadiense" in Barcelona 1919, der im Solde der Bosse stehenden "Pistolero"-Banden bediente, die brutal gegen Streiks und die Kämpfer anarcho-syndikalistischer Organisationen vorgingen. Es ist kein Zufall, dass der katalanische Nationalismus (Cambó) zusammen mit den rückständigsten Sektoren der spanischen Armee die wichtigsten Unterstützer der Primo-de-Rivera-Diktatur von 1923-30 waren. Und es war wieder kein Zufall, dass die katalanische Generalitat (Companys, unterstützt von den Stalinisten und mit der Komplizenschaft des anarcho-syndikalistischen CNT selbst) zur Bastion des republikanischen Staates wurde, der die Arbeiter - sowohl durch Ideologie als auch durch Waffengewalt - von ihrem Klassenterrain, vom Kampf gegen die Ausbeutung, auf die militärischen Fronten und in den Konflikt zwischen den faschistischen und demokratischen Lagern ablenkte, die beide gleich bürgerlich sind und die Konstellation der beiden Lager des bevorstehenden Zweiten Weltkriegs vorwegnahmen. Es war kein Zufall, dass niemand anderes als die katalanische Generalitat mit der kriminellen Mission beauftragt wurde, den Aufstand des Proletariats von Barcelona im Mai 1937 niederzuschießen, den letzten Versuch des Proletariats, auf eigenem Terrain gegen die Ausbeuter aller Lager und aller Vaterländer zu kämpfen[14].

Es war auch kein Zufall, dass es die Arbeiter Kataloniens waren, die oft aus den rückständigsten Regionen des Landes kamen, deren Kämpfe in der 1970er Jahren (Bajo Llobregat 1973, SEAT 1975) zum Vorbild der Kämpfe der gesamten Arbeiterklasse in Spanien wurden. Die Arbeiterklasse in Katalonien ist durch ihre eigene Entwicklung und ihre gesammelte Erfahrung ein zentraler Bestandteil des assoziierten Charakters der Produktion von gesellschaftlichem Reichtum, eines Prozesses, der im internationalen Proletariat verkörpert ist und mit der privaten, nationalen Aneignung dieses Reichtums kollidiert. In der Region Barcelona kommen Arbeitskräfte aus mehr als 60 Nationen zusammen, von angehenden amerikanischen Ingenieuren bis hin zu eingewanderten Arbeitskräften aus Schwarzafrika. Sie alle sind integraler und fundamentaler Bestandteil derselben Weltarbeiterklasse, auch wenn die kapitalistische Ideologie, insbesondere mit der Unterstützung der Linksextremen, ständig bestrebt ist, dem Proletariat eine "nationale" Identität zu verleihen, die nur dazu dienen kann, seine Klasseneinheit zu untergraben.[15]

Was steht für das Proletariat Kataloniens und für das Proletariat der Welt auf dem Spiel?

Heute ist es das gesamte Potenzial, das sich über Jahrzehnte von Arbeiterkämpfen angesammelt hat – und nun durch den Vormarsch des gesellschaftlichen Zerfalls im Kapitalismus bedroht ist. Wir befinden uns nicht in einer gesellschaftlichen Lage, in der die Arbeiter bereit wären, sich als Kanonenfutter den Konflikten zwischen den verschiedenen Fraktionen der Ausbeuteklasse zu unterwerfen. Eine solche Situation würde den vollständigen Sieg der bürgerlichen Alternative in der historischen Krise des Kapitalismus bedeuten. Ein Indiz dafür ist die aktuelle Situation in Katalonien, die Tatsache, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter den Forderungen nach einem Generalstreik für die "Unabhängigkeit" nicht mit großer Begeisterung folgen. Aber es bedeutet umgekehrt nicht, dass die Arbeiter sich bewusst wären, dass sie eine Alternative für die Zukunft der Menschheit darstellen, eine Zukunft, die den Krieg eines jeden gegen jeden für immer verbannen könnte.

Besonders gefährlich für das Bewusstsein der Arbeiterklasse sind die Alternativen, deren Vertreter behaupten, es gebe eine "rationale" Lösung für diese Spannungen innerhalb der Ausbeuterklasse, während der kapitalistische Zerfall zunehmend irrationale "populistische" Antworten hervorbringt, wie z.B. die Aufforderung, die Europäische Union zu verlassen (wie z.B. von der CUP oder Teilen von Podemos[16] vorgeschlagen), oder die totale Akzeptanz des spanischen Staates, wie sie von der "konstitutionellen" Seite verteidigt wird. Nationalismus und Gewalt gehen schließlich immer zusammen. Die Illusion einer "Revolution des Lächelns", wie sie der katalanischen Separatismus zu inszenieren versucht, oder der Traum einer "Rückkehr zur Normalität" der Anhänger der spanischen Einheit sind je Fiktionen des gleichen Verblendungszusammenhangs. Wie wir bereits in unserem Artikel von 1990 (International Review 62 – engl./frz./span. Ausgabe), Der Osten: nationalistische Barbarei, betont haben, "führen alle Ausdrucksformen des Nationalismus, ob groß oder klein, notwendigerweise und tödlich in den Marsch der Aggression, des Krieges, des Jeder-gegen-Jeden, des Ausschlusses und der Diskriminierung".

Die Alternative des Weltproletariats ist eine völlig andere Perspektive für die Menschheit. Wie wir in diesem Artikel über nationalistische Barbarei unterstreichen: Der Kampf des Proletariats enthält den Samen für die Überwindung der nationalen, ethnischen, religiösen und sprachlichen Spaltungen, mit denen der Kapitalismus die Menschheit foltert und die Arbeit der Unterdrücker der früheren Produktionsweisen fortsetzt. In der gemeinsamen Organisierung des vereinten Kampfes für Klasseninteressen werden diese Spaltungen natürlich und logisch überwunden. Die gemeinsamen Grundlagen sind die Bedingungen der Ausbeutung, die sich mit der Weltkrise überall verschärfen werden, das gemeinsame Interesse ist die Bestätigung unserer Bedürfnisse als Menschen gegen die unmenschlichen, je länger je despotischeren Sachzwänge der Warenlogik und des nationalen Interesses.

Was in der gegenwärtigen Lage des Weltproletariats in Katalonien auf dem Spiel steht, ist die Notwendigkeit für die revolutionäre Klasse, die Interessen der gesamten Menschheit voranzustellen, die internationale Klassensolidarität gegen den sozialen Zerfall zu verteidigen, den der dekadente Kapitalismus mit sich bringt. Angesichts der Suche nach einer Zuflucht in falschen lokalen Identitäten, der Vorstellung von "jeder für sich selbst" zum Nachteil aller anderen, des wachsenden Pessimismus in der Gesellschaft und der nationalen Spaltungen muss das Proletariat Vertrauen in seine eigenen Formen der Assoziation haben. Es muss verstehen, dass die Barbarei der heutigen Welt das Ergebnis der Unterwerfung des Planeten unter die kapitalistischen Gesetze des Profits und des Konkurrenz ist.  Und vor allem ist es die Pflicht derjenigen Gruppen, die an vorderster Front des Klassenkampfes stehen wollen, alle Fallen zu verurteilen, die unsere Klasse spalten, und vor allem die Leute zu entlarven, die versuchen, ihre Unterstützung für die eine oder andere Fraktion der herrschenden Klasse zu rechtfertigen, indem sie behaupten, diese oder jene sei "weniger repressiv" oder für die Interessen des proletarischen Kampfes vorteilhafter. Wenn die weltweite revolutionäre Alternative des Proletariats scheitert, kann die Perspektive nur ein Krieg eines jeden gegen alle sein, in dem es schwierig sein wird zu sagen, welche Fraktion die grausamste oder unmenschlichste ist, um ihr Überleben auf Kosten des Restes der Menschheit zu sichern.

Als die Polizei versuchte, die Lager der 15M-Bewegung in Barcelona 2011 niederzureißen, ertönte im ganzen Land der Ruf: "Wir alle sind Barcelona". Er wurde auf allen Plätzen und bei allen Demonstrationen erhoben, und nirgendwo war er lauter als auf der Puerta del Sol in Madrid. Der Aufschwung des Nationalismus in Katalonien ist ein Schlag auf den Kopf nicht nur für das Proletariat von Barcelona, sondern für das Proletariat in ganz Spanien, da im ganzen Land Proletarier_innen in Mobilisierungen für oder gegen die Einheit des spanischen Staates hineingezogen wurden. Dieses Gift hat sich auch auf die vielen Migrant_innen aus Spanien ausgewirkt, die jetzt in anderen europäischen Ländern arbeiten, wo es kleine, aber bedeutende Demonstrationen zum gleichen Thema gab. Und ein Schlag gegen das Proletariat Spaniens, gerade wegen der Tiefe seiner revolutionären Traditionen, ist ein Schlag gegen das gesamte Weltproletariat. Wie immer kann die Solidarität mit den Arbeiter_innen Spaniens nur in der Entwicklung des internationalen Klassenkampfes liegen.

Valerio, 5. Dezember 2017

[1] Am 27. Mai 2011 griff die katalanische Polizei auf Befehl der katalanischen nationalistischen Regierung die Protestierenden brutal an, wobei sie eng mit dem spanischen Innenminister zusammenarbeitete und darauf abzielte, die Plaza de Cataluña zu "räumen". Dabei verletzte sie mehr als 100 Menschen.

[2] Für eine Analyse der Indignados-Bewegung und der Kämpfe von 2011 siehe unsere Artikel Solidarität mit den “Empörten” in Spanien – Die Zukunft gehört der Arbeiterklasse! (http://de.internationalism.org/spanienproteste05);  Spanien: Bürgerbewegung Echte Demokratie jetzt! - staatliche Diktatur gegen Massenversammlungen (http://de.internationalism.org/spanienbuergerbewegung06) und weitere Artikel auf unserer Webseite.

[3] Dieses Klima der Suche nach der Quelle aller Übel der Gesellschaft in der anderen Hälfte der Bevölkerung wurde auch durch die Demonstrationen gegen die Terroranschläge vom 17. August gefördert. Siehe Acción Proletaria: Atentados terroristas en Cataluña: la barbarie imperialista del capitalismo en descomposición” (http://es.internationalism.org/accion-proletaria/201709/4229/atentados-terroristas-en-cataluna-la-barbarie-imperialista-del-capital).

[4] Convergencia i Uniò (CiU) war die Koalition der katalanischen Rechten, die die autonome Region Katalonien seit dem "demokratischen Übergang" (1978) regierte, mit einigen Unterbrüchen einer linken Regierung. Sie hatte zwei Komponenten: eine nationalistische und eine autonome, aber beide waren für den Pakt mit der Zentralmacht und vor allem innig verbunden in ihrer Günstlingswirtschaft, welche die CiU zu einer der korruptesten Parteien Spaniens werden ließ. Die Koalition zerfiel, und die extremsten Nationalisten, die heutigen Separatisten, gründeten die Europäische Demokratische Partei Kataloniens (PDECat) mit Puigdemont als Kandidat.

[5] Die PP ist die Partei von Rajoy, die heute Spanien regiert. Sie ist ebenfalls Champion auf dem Gebiet der Korruption.

[6] Zapatero war von 2004 bis 2011 Chef der spanischen sozialistischen Regierung. Nachdem er die Wirtschaftskrise von 2008 abgefedert hatte, begann er mit arbeiterfeindlichen Maßnahmen, die den Weg zu ihrer brutalen Intensivierung durch die Regierung Rajoy ebneten.

[7] Die katalanische Regierung von 2003-2010, gebildet von der "Linken": SP, ERC (Republikanische Linke Kataloniens) und einer Koalition, Iniciativa, bestehend u.a. aus der stalinistischen KP und den Grünen.

[8] A. Mas war von 2010 bis 2016 Präsident der Generalitat. Nachdem er den rechten Flügel in Richtung einer Politik der Unabhängigkeitsbewegung gelenkt hatte, organisierte er das Referendum für die Unabhängigkeit. Sein Nachfolger wurde Carles Puigdemont.

[9] Rajoy ist der Kopf der Rechten und der spanischen Regierung. Er setzte Artikel 155 der Verfassung in Kraft, um die katalanische Generalitat direkt der Zentralregierung zu unterstellen, indem er ihre Minister entließ und einige von ihnen ins Gefängnis steckte. Präsident Puigdemont floh nach Belgien.

[10] Dies wiederum war, wie Marx bemerkte, das Ergebnis der außergewöhnlichen Bedingungen für die Entwicklung des Kapitalismus in Spanien, das jahrhundertelang über eine ganze Welt verfügte, in der es ihm möglich war, sein Kapital zu investieren, ohne eine generelle Änderung seiner feudalen Strukturen vornehmen und das "Mutterland" industrialisieren zu müssen. Wir haben diese Analyse des Separatismus in Spanien in einem kürzlich erschienenen Online-Artikel zusammengefasst: „El embrollo catalán muestra la agravación de la descomposición capitalista” (Der katalanische Sumpf zeigt den zunehmenden Zerfall des Kapitalismus - http://es.internationalism.org/accion-proletaria/201709/4234/el-embrollo...).

[11] Siehe unsere Broschüre Nation oder Klasse, aber auch unsere Artikel, die den reaktionären Charakter der Forderung nach "dem Recht der Völker auf Selbstbestimmung" in der International Review 34, 37 und 42 (engl./frz./span. Ausgabe) anprangern.

[12] So sagt beispielsweise ein Artikel in der Publikation Bilan der Italienischen Kommunistischen Linken: „Solche Grundtatsachen [das oben erwähnte Ungleichgewicht in der Industrialisierung] erklären, warum die Industrieregionen Schauplätze separatistischer Bewegungen ohne Ausweg und diese gezwungen sind, eine reaktionäre Bedeutung zu erlangen, weil die Klasse an der Macht schlicht und einfach kapitalistisch ist, die auf dem gesamten Territorium die Herrschaft der Banken ausbreitet, in denen sich – um die Magnaten herum – die Produkte des Mehrwertes der Arbeiter und der Mehrarbeit der Bauern konzentrieren.“ Aus dem Artikel: „El aplastamiento del proletariado español” (Die Niederschlagung des spanischen Proletariats), Bilan vom Oktober 1934

[13] Der Name des dem Kongress zugewiesenen Territoriums ("die spanische Region" und keineswegs "die katalanische Nation") ist ein Hinweis auf das internationalistische Klima, das während dieser ersten Schritte der Arbeiterbewegung herrschte, die jedes Territorium als eine Region betrachtete, die von einer Gemeinde der weltweit befreiten Menschen bewohnt wird.

[14] Siehe dazu die Texte der Italienischen Kommunistischen Linken zu dieser Frage, wiederveröffentlicht in International Review (engl./frz./span. Ausgabe) 4, 6 und 7.

[15] Die gegenwärtige Kampagne, die von der extremen Linken des Kapitals wie der CUP und Podemos geführt wird und versucht, soziale Interessen mit nationalen Interessen zu identifizieren, beerbt - wenn auch in anderen Tonarten - die von den Stalinisten geführten Kampagne der 70er und 80er Jahre, die darauf abzielte, den Klassenkampf den Forderungen nach "demokratischen Freiheiten" oder "Autonomiestatus für Katalonien“ unterzuordnen.

[16] Podemos ist eine nationale spanische Partei mit regional zugeschnittenem Outfit. Ihre Vertreter in Katalonien zusammen mit ihren Verbündeten wie der Bürgermeisterin von Barcelona sind sich nicht sicher, in welchem nationalen Gewand sie tanzen sollen. Sie haben sich für ein mit der Zentralregierung zu vereinbarendes Referendum ausgesprochen.

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