1914: Wie der deutsche Sozialismus dazu kam, die ArbeiterInnen zu verraten

Von allen Parteien, die in der 2. Internationalen vereint waren, war die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) die weitaus mächtigste. 1914 hatte die SPD mehr als eine Million Mitglieder und mehr als vier Millionen Stimmen in den Reichstagswahlen 1912 errungen;[1] sie war in der Tat die einzige Massenpartei in Deutschland und stellte die größte Fraktion im Reichstag – obwohl sie unter dem autokratischen, imperialen Regime von Kaiser Wilhelm II. faktisch keine Chance hatte, die Regierung zu bilden.

Für die anderen Parteien der 2. Internationalen war die SPD der Nabel der Welt. Karl Kautsky,[2] der Herausgeber des theoretischen Organs der Partei, die Neue Zeit, war der allseits anerkannte „Papst des Marxismus“, der führende Theoretiker der Internationalen. Auf dem Kongress der Internationalen von 1900 hatte Kautsky die Resolution verfasst, die die Beteiligung des französischen Sozialisten Millerand an einer bürgerlichen Regierung verurteilte. Der Dresdner Parteitag der SPD im Jahr 1903 hatte unter der Leitung ihres Vorsitzenden August Bebel[3] die revisionistischen Theorien von Eduard Bernstein in Bausch und Bogen verurteilt und die revolutionären Ziele der SPD bekräftigt. Lenin hatte den „Parteigeist“ der SPD und ihre Immunität gegen die kleinbürgerlichen Animositäten gepriesen, die die Menschewiki dazu verleitet hatten, die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (RSDAP) nach deren Parteitag von 1903 zu spalten.[4] Zu alledem wurde die theoretische und organisatorische Überlegenheit der SPD offensichtlich von ihrem Erfolg vor Ort gekrönt: Keine andere Partei der Internationalen konnte für sich beanspruchen, was dem Wahlerfolg der SPD auch nur nahe kam, und was die Gewerkschaften anging, so konnten allein die britischen mit den deutschen Gewerkschaften an Zahl und Disziplin ihrer Mitglieder mithalten.

„In  der Zweiten Internationale spielte der deutsche ‚Gewalthaufen‘ die ausschlaggebende Rolle. Auf den Kongressen, in den Sitzungen des Internationalen Sozialistischen Büros wartete alles auf die deutsche Meinung. Ja, gerade in den Fragen des Kampfes gegen den Militarismus und den Krieg trat die deutsche Sozialdemokratie stets entscheidend auf. ‚Für uns Deutsche ist dies unannehmbar‘, genügte regelmäßig, um die Orientierung der Internationale zu bestimmen. Mit blindem Vertrauen ergab sie sich der Führung der bewunderten, mächtigen deutschen Sozialdemokratie: Diese war der Stolz jedes Sozialisten und der Schrecken der herrschenden Klassen in allen Ländern.“[5]

Es lag daher auf der Hand, dass, als sich die Sturmwolken des Krieges im Juli 1914 zusammenzubrauen begannen, das Verhalten der deutschen Sozialdemokratie für den Ausgang der Geschehnisse Ausschlag gebend war. Die deutschen ArbeiterInnen – die großen Massen, die in der Partei und in den Gewerkschaften organisiert waren, für deren Aufbau sie so hart gekämpft hatten – befanden sich in einer Position, die sie zum alleinigen Zünglein an der Waage machte: entweder hin zum Widerstand, zu Verteidigung  des proletarischen Internationalismus oder  hin zur Klassenkollaboration und zum Verrat, zu Jahren des blutigsten Gemetzels, das die Menschheit jemals erlebt hat.

„Und was erlebten wir in Deutschland, als die große historische Probe kam? Den tiefsten Fall, den gewaltigsten Zusammenbruch. Nirgends ist die Organisation des Proletariats so gänzlich in den Dienst des Imperialismus gespannt, nirgends wird der Belagerungszustand so widerstandslos ertragen, nirgends die Presse so geknebelt, die öffentliche Meinung so erwürgt, der wirtschaftliche und politische Klassenkampf der Arbeiterklasse so gänzlich preisgegeben wie in Deutschland.“[6]

Der Verrat der deutschen Sozialdemokratie kam für die Revolutionären als ein solcher Schock daher, dass Lenin, als er im Vorwärts[7] las, dass die SPD-Parlamentsfraktion zugunsten der Kriegskredite gestimmt hatte, diese Ausgabe für eine Fälschung, für schwarze Propaganda hielt, die von der Reichsregierung lanciert wurde. Wie war eine solche Katastrophe möglich? Wie konnte innerhalb weniger Tage die stolze und mächtige SPD ihr feierlichstes Versprechen brechen und über Nacht sich von einem Juwel in der Krone der Internationalen der ArbeiterInnen in die mächtigste Waffe im Arsenal der kriegslüsternen herrschenden Klasse verwandeln?

Wenn wir in diesem Artikel diese Frage zu beantworten versuchen, mag es paradox erscheinen, sich zum großen Teil auf die Schriften und Handlungen einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Individuen zu konzentrieren: die SPD und die Gewerkschaften waren immerhin Massenorganisationen, die in der Lage waren, Hunderttausende von ArbeiterInnen zu mobilisieren. Es ist jedoch gerechtfertigt, weil Individuen wie Karl Kautsky oder Rosa Luxemburg bestimmte Tendenzen innerhalb der Partei repräsentierten; in diesem Sinn verliehen ihre Schriften politischen Tendenzen eine Stimme, mit denen sich Massen von Mitgliedern  und ArbeiterInnen – die in der Geschichte anonym bleiben -  identifizierten. Es ist gleichfalls notwendig, die politischen Biografien dieser führenden Figuren mit zu berücksichtigen, wenn wir das Gewicht begreifen wollen, das sie in der Partei hatten. August Bebel, Vorsitzender der SPD von 1892 bis zu seinem Tod 1913, war einer der Parteigründer und zusammen mit seinem Freund, dem Reichstag-Abgeordneten Wilhelm Liebknecht, wegen ihrer Weigerung, den Krieg Preußens gegen Frankreich 1870 zu unterstützen, eingekerkert worden. Kautsky und Bernstein wurden beide durch Bismarcks Sozialistengesetze ins Exil nach London gezwungen, wo sie unter Engels Leitung tätig waren. Das Prestige und die moralische Autorität, die dies ihnen in der Partei verlieh, waren beträchtlich. Selbst Georg von Vollmar, einer der Führer des süddeutschen Reformismus, erlangte zunächst Prominenz als Angehöriger des linken Flügels und als eifriger und talentierter Untergrund-Organisator,  der dafür mit wiederholten Gefängnisstrafen büßen musste.

Und schließlich war dies eine Generation, die durch die Jahre des deutsch-französischen Krieges und der Pariser Kommune, durch die Jahre der klandestinen Propaganda und Agitation trotz Bismarcks Sozialistengesetze (1878-1890) politisiert worden war. Aus einem ganz anderen Holz geschnitzt waren Männer wie Gustav Noske, Friedrich Ebert oder Philipp Scheidemann, alles Mitglieder des rechten Flügels in der Parlamentsfraktion der SPD, die 1914 für die Kriegskredite stimmten und eine Schlüsselrolle bei der Unterdrückung der Deutschen Revolution von 1919 – sowie bei der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch die Freikorps - spielten. Ähnlich wie Stalin waren sie Apparatschiks, die hinter den Kulissen ihre Strippen zogen, statt sich aktiv an den öffentlichen Debatten zu beteiligen; sie waren Repräsentanten einer Partei, die mit ihrem Wachstum immer mehr dazu neigte, sich dem deutschen Staat, dessen Sturz noch immer ihr offizielles Ziel war, anzugleichen und mit ihm zu identifizieren.

Die revolutionäre Linke wandte sich gegen die wachsende Tendenz innerhalb der Partei, Zugeständnisse gegenüber der „praktischen Politik“ zu machen, und war auffälligerweise in weiten Teilen sowohl aus dem Ausland gekommen als auch jung (eine namhafte Ausnahme war der alte Franz Mehring). Abgesehen vom Holländer Anton Pannekoek und Wilhelm Liebknechts Sohn Karl kamen Männer wie Parvus, Radek, Jogiches und Marchlewski allesamt aus dem Russischen Reich, wo sie unter den harten Bedingungen der zaristischen Unterdrückung zu Militanten geschmiedet worden waren. Und natürlich war die herausragende Figur auf der Linken Rosa Luxemburg, eine Außenseiterin in der deutschen Partei auf jede erdenkliche Weise: jung, weiblich, polnisch, jüdisch und – womöglich das Schlimmste vom Standpunkt einiger Leute aus der deutschen  Führung – intellektuell und theoretisch turmhoch über den Rest der Partei stehend.

Die Gründung der SPD

Die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), die spätere SPD, wurde 1875 in Gotha durch die Verschmelzung von zwei sozialistischen Parteien gegründet: die Sozialdemokratische Arbeiterpartei  (SDAP),[8] angeführt von Wilhelm Liebknecht und August Bebel, und der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV), der ursprünglich von Ferdinand Lassalle 1863 gegründet worden war.

Die neue Organisation entsprang also zwei unterschiedlichen Quellen. Die SDAP hatte nur sechs Jahre lang existiert; durch ihre langjährige Beziehung zu Liebknecht – obgleich Liebknecht kein Theoretiker war, spielte er eine wichtige Rolle bei der Einführung von Männern wie Bebel und Kautsky in die Ideen von Marx – hatten Marx und Engels eine wichtige Rolle in der Entwicklung der SDAP gespielt. 1870 verfolgte die SDAP entschlossen eine internationalistische Linie gegen den Aggressionskrieg Preußens gegen Frankreich: In Chemnitz nahm ein Delegiertentreffen, das 50.000 sächsische Arbeiter repräsentierte, aus diesem Anlass einmütig eine Resolution an: „Im Namen der deutschen Demokratie und namentlich der Arbeiter der sozialdemokratischen Partei erklären wir den gegenwärtigen Krieg für einen ausschließlich dynastischen (…) Mit Freuden ergreifen wir die uns von den französischen Arbeitern gebotene Bruderhand (...) Eingedenk der Losung der Internationalen Arbeiterassoziation: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘ werden wir nie vergessen, dass die Arbeiter aller Länder unsre Freunde und die Despoten aller Länder unsere Feinde sind.“[9]

Im Gegensatz dazu war der ADAV dem Widerstand seines Gründers Lassalle gegen die Streikaktion und seinem Glauben treu geblieben, dass die Sache der Arbeiter durch ein Bündnis mit dem Bismarckschen Staat und, allgemeiner, durch die Rezepte des „Staatssozialismus“ vorangebracht werden könnte.[10] Während des deutsch-französischen Kriegs blieb der ADAV pro-deutsch, sein damaliger Präsident, Mende, drängte gar auf französische Reparationen, die benutzt werden sollten, um staatliche Werkstätten für deutsche ArbeiterInnen zu errichten.[11]

Marx und Engels standen der Verschmelzung zutiefst kritisch gegenüber, obwohl Marx‘ Randnotizen über das Programm erst sehr viel später öffentlich gemacht wurden.[12] Marx war der Ansicht: “Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“[13] Auch wenn sie es unterließen, die neue Partei offen zu kritisieren, machten sie ihre Ansicht den führenden Mitgliedern dieser Partei deutlich, und in seinem Schreiben an Bebel hob Engels zwei Schwächen hervor, die die Saat für den Verrat von 1914 bilden sollten:

 

  •  „Zweitens wird das Prinzip der Internationalität der Arbeiterbewegung praktisch für die Gegenwart vollständig verleugnet, und das von den Leuten, die fünf Jahre lang und unter den schwierigsten Umständen dies Prinzip auf die ruhmvollste Weise hochgehalten. Die Stellung der deutschen Arbeiter an der Spitze der europäischen Bewegung beruht wesentlich auf ihrer echt internationalen Haltung während des Kriegs, kein anderes Proletariat hätte sich so gut benommen. Und jetzt soll dies Prinzip von ihnen verleugnet werden im Moment, wo überall im Ausland die Arbeiter es in demselben Maß betonen, in dem die Regierungen jeden Versuch seiner Betätigung in einer Organisation zu überdrücken streben!(…)
  • „…Viertens stellt das Programm als einzige soziale Forderung auf – die Lassallesche Staatshilfe in ihrer nacktesten Gestalt, wie Lassalle sie von Buchez gestohlen hatte. Und das, nachdem Bracke diese Forderung sehr gut in ihrer ganzen Nichtigkeit aufgewiesen; nachdem fast alle, wo nicht alle Redner unserer Parteiim Kampf mit den Lassalleanern genötigt gewesen sind, gegen diese ‚Staatshilfe‘ aufzutreten. Tiefer konnte unsere Bewegung sich nicht demütigen. Der Internationalismus heruntergekommen auf Amand Goegg, der Sozialismus auf den Bourgeoisrepublikaner Buchez, der diese Forderung gegen den Sozialisten stellte, um sie auszustechen.[14]

Diese Verwerfungslinien in der praktischen Politik waren wenig überraschend angesichts der eklektizistischen theoretischen Untermauerung der neuen Partei. Als Kautsky 1883 die Neue Zeit gründete, hatte er eine Zeitschrift im Sinn, die, „als ein marxistisches Organ publiziert, sich selbst die Aufgabe stellt, das niedrige theoretische Niveau in der deutschen Sozialdemokratie anzuheben, den eklektischen Sozialismus zu zerstören und den Sieg des marxistischen Programms durchzusetzen.“ Er schrieb an Engels: „Ich könnte bei meinen Bemühungen erfolgreich sein, die Neue Zeit zum Sammelbecken der marxistischen Schule zu machen. Ich gewinne viele marxistische Kräfte für eine Mitarbeit, wie ich den Eklektizismus und Rodbertusianismus loswerde.“ (von der IKS übersetzt).[15]

Von Anbeginn, einschließlich der Zeit ihrer Untergrund-Existenz, war die SAP also ein Schlachtfeld von kollidierenden theoretischen Tendenzen – völlig normal in einer gesunden proletarischen Organisation. Doch wie Lenin einst bemerkte: „Ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis“, und diese unterschiedlichen Tendenzen oder Visionen von Organisation und Gesellschaft sollten ganz praktische Konsequenzen haben.

Mitte der 1870er Jahre hatte die SAP um die 32.000 Mitglieder in mehr als 250 Bezirken, und 1878 setzte Kanzler Bismarck ein „anti-sozialistisches“ Gesetz durch, um die Parteiaktivitäten zu lähmen. Eine Menge Zeitungen, Treffen und Organisationen wurden verboten, und Tausende von Militanten wanderten ins Gefängnis oder wurden mit Geldbußen belegt. Doch die Entschlossenheit der Sozialisten blieb von dem Sozialistengesetz ungebrochen. Ja, die Aktivitäten der SAP blühten unter den Bedingungen der Semi-Illegalität geradezu auf. Die Illegalität zwang die Partei und ihre Mitglieder dazu, sich außerhalb des Fahrwassers der bürgerlichen Demokratie -  selbst der limitierten Demokratie des Bismarckschen Deutschland - zu organisieren und eine starke Solidarität gegen Polizeirepression und permanente staatliche Überwachung zu entwickeln. Trotz ständiger Belästigung durch die Polizei gelang es der Partei, ihre Presse aufrechtzuerhalten und ihre Verbreitung soweit zu vergrößern, dass beispielsweise die satirische Zeitung  Der wahre Jacob (1884 gegründet) allein 100.000 Abonnenten hatte.

Trotz der Sozialistengesetze verblieb der SAP eine öffentliche Aktivität: Es war den SAP-Kandidaten immer noch möglich, an den Reichstagswahlen  als konfessionslose Unabhängige teilzunehmen. Daher konzentrierte sich ein großer Teil der Parteipropaganda auf die Wahlkampagnen auf nationaler und lokaler Ebene, und dies mag der Grund gewesen sein sowohl für das Prinzip, dass die Parlamentsfraktion strikt dem Parteitag und dem Zentralorgan der Partei (der Vorstand)[16] untergeordnet blieb, als auch, angesichts ihrer wachsenden Wahlerfolge, für das wachsende Gewicht der Parlamentsfraktion innerhalb der Partei.

Bismarcks Politik war eine klassische Politik von „Zuckerbrot und Peitsche“. Während die ArbeiterInnen daran gehindert wurden, sich selbst zu organisieren, versuchte der imperiale Staat, den Sozialisten den Boden unter den Füßen wegzuziehen, indem er ab 1883 Sozialversicherungszahlungen im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Ruhestand einführte – volle zwanzig Jahre vor dem französischen Gesetz über Arbeiter- und Bauernpensionen (1910) und dem britischen Sozialversicherungsgesetz (1911). Ende der 1880er Jahre bezogen um die 4,7 Millionen ArbeiterInnen Geld aus der Sozialversicherung.

Weder das Sozialistengesetz noch die Einführung der Sozialversicherung erreichte den erwünschten Effekt, die Unterstützung für die Sozialdemokratie zu stutzen. Im Gegenteil, zwischen 1881 und 1890 stiegen die Wahlergebnisse der SAP von 312.000 auf 1.427.000 Stimmen, was die SAP zur größten Partei in Deutschland machte. Bis 1890 wuchsen ihre Mitgliederzahlen auf 75.000, und ungefähr 300.000 ArbeiterInnen traten Gewerkschaften bei. 1890 wurde Bismarck vom neuen Kaiser Wilhelm II. abgesetzt, und das Sozialistengesetz wurde außer Kraft gesetzt.

Nachdem sie aus der Klandestinität herausgetreten war, wurde die SAP auf ihrem Erfurter Parteitag 1891 als legale Organisation, als Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) neu gegründet. Der Parteitag nahm ein neues Programm an, und obwohl Engels das Erfurter Programm als Verbesserung seines Gothaer Vorgängers betrachte, hielt er es dennoch für notwendig, die Neigung zum Opportunismus zu kritisieren: „Wie nötig das ist, beweist gerade jetzt der in einem großen Teil der sozialdemokratischen Presse einreißende Opportunismus. Aus Furcht vor einer Erneuerung des Sozialistengesetzes, aus der Erinnerung an allerlei unter der Herrschaft jenes Gesetzes gefallenen voreiligen Äußerungen soll jetzt auf einmal der gegenwärtige gesetzliche Zustand in Deutschland der Partei genügen können, alle ihre Forderungen auf friedlichem Weg durchzuführen. Man redet sich und der Partei vor, ‚die heutige Gesellschaft wachse in den Sozialismus hinein‘ (…) Dies Vergessen der großen Hauptgesichtspunkte über den augenblicklichen Interessen des Tages, dies Ringen und Trachten nach dem Augenblickserfolg ohne Rücksicht auf die späteren Folgen, dies Preisgeben der Zukunft der Bewegung um der Gegenwart der Bewegung willen mag ‚ehrlich‘ gemeint sein, aber Opportunismus ist und bleibt es, und der ‚ehrliche‘ Opportunismus ist vielleicht der gefährlichste von allen.“[17] Engels war hier bemerkenswert vorausschauend: Öffentliche Deklarationen von revolutionären Absichten sollten sich ohne einen konkreten Aktionsplan, der ihnen Nachdruck verlieh, als machtlos erweisen. 1914 fand sich die Partei tatsächlich als „plötzlich hilflos“ wieder.

Dennoch blieb es beim offiziellen Schlachtruf der SPD: „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen“, und ihre Reichstagsabgeordneten verweigerten systematisch jegliche Unterstützung für Regierungsetats, besonders für Militärausgaben. Solch eine prinzipientreue Opposition  gegen jeglichen Klassenkompromiss war im parlamentarischen System möglich, weil der Reichstag keine wirkliche Macht besaß. Die Regierung des Wilhelminischen Deutschen Reichs war autokratisch, dem zaristischen Russland nicht unähnlich,[18] und die systematische Opposition der SPD hatte daher keine praktischen Konsequenzen.

In Süddeutschland lagen die Dinge anders. Hier behauptete die lokale SPD unter der Führung von Männern wie Vollmar, dass „besondere Umstände“ herrschten und dass die SPD zur Machtlosigkeit und Irrelevanz verdammt sei, wenn sie nicht in der Lage sei, verantwortungsvoll in den Legislativen der Länder abzustimmen, wenn sie  keine Agrarpolitik habe, die imstande sei, die Kleinbauern anzusprechen. Diese Tendenz tauchte auf, sobald die Partei legalisiert war, auf dem Erfurter Parteitag 1891, und bereits 1891 stimmten SPD-Abgeordnete in den Länderparlamenten von Württemberg, Bayern und Baden zugunsten der Regierungsetats.[19]

Die Reaktion der Partei auf diese direkte Attacke gegen ihre Politik sollte, wie in wiederholten Parteitagsresolutionen zum Ausdruck gekommen, darin bestehen, sie unter den Teppich zu kehren. Ein Versuch von Vollmar, ein besonderes Agrarprogramm vorzubringen, wurde vom Frankfurter Parteitag 1894 niedergestimmt, doch derselbe Parteitag lehnte auch eine Resolution ab, in der gefordert wurde, jegliches Votum eines jeglichen SPD-Abgeordneten für jeglichen Regierungsetat zu verbieten. So lange reformistische Politik auf die süddeutsche „Einzigartigkeit“ beschränkt blieb, konnte sie toleriert werden.[20]

Die Legalität untergräbt den Kampfgeist der SPD

Durch das Gift der Demokratie verblassten bald schon die Erfahrungen der Arbeiterklasse aus einem Dutzend Jahre der Semi-Illegalität. Die bürgerliche Demokratie und der Individualismus, die Hand in Hand gehen, untergraben durch ihr eigentliches Wesen jeglichen Versuch durch das Proletariat, eine Vision von sich selbst als eine historische Klasse mit eigener Perspektive zu entwickeln, die unvereinbar mit der kapitalistischen Gesellschaft ist. Die demokratische Ideologie treibt ständig einen Keil in die Arbeitersolidarität, weil sie die Arbeiterklasse in eine bloße Masse von atomisierten StaatsbürgerInnen aufspaltet. Gleichzeitig wuchsen die Wahlerfolge der Partei sowohl in puncto Stimmen als auch in Form von Parlamentssitzen, während immer mehr ArbeiterInnen sich in den Gewerkschaften organisierten und in der Lage waren, ihren Lebensstandard zu verbessern. Die wachsende politische Stärke der SPD und die industrielle Stärke der organisierten Arbeiterklasse brachten eine neue politische Strömung hervor, die den Gedanken zu theoretisieren begann, dass es möglich sei, den Sozialismus innerhalb des Kapitalismus zu errichten und sich für einen allmählichen Übergang  zu engagieren, ohne die Notwendigkeit, den Kapitalismus durch eine Revolution zu stürzen, dass aber die SPD eine spezifisch deutsche expansionistische Außenpolitik haben solle: Die Strömung kristallisierte sich 1897 um die Sozialistische(n) Monatshefte herum, eine Zeitschrift außerhalb der Kontrolle der SPD, mit Artikeln von Max Schippel, Wolfgang Heine und Heinrich Peus.[21]

Dieser unbequeme, aber erträgliche Zustand explodierte 1898 mit der Veröffentlichung von Eduard Bernsteins Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Bernsteins Broschüre erklärte offen, was er und andere seit einiger Zeit behaupteten: “Praktisch gesprochen sind wir nicht mehr als eine radikale Partei; wir haben nichts anderes gemacht als das, was bürgerliche Radikale tun, mit dem Unterschied, dass wir es unter einer Sprache verstecken, die in keinem Verhältnis steht zu unseren Taten und unseren Fähigkeiten“.[22] Bernsteins theoretische Position griff die eigentlichen Fundamente des Marxismus insofern an, als er die Unvermeidlichkeit des Niedergangs und finalen Zusammenbruchs des Kapitalismus verneinte. Sich auf den boomenden Wohlstand der 1890er Jahre stützend, argumentierte Bernstein, dass der Kapitalismus seine Tendenz zur selbstzerstörerischen Krise überwunden habe. Unter diesen Umständen sei das Ziel nichts, die Bewegung alles; die Quantität sollte höher stehen als die Qualität, der Antagonismus zwischen dem Staat und der Arbeiterklasse konnte angeblich überwunden werden.[23] Bernstein verkündete offen, dass der elementare Grundsatz des Kommunistischen Manifests, demzufolge die ArbeiterInnen kein Vaterland haben, „obsolet“ sei. Er rief die deutschen ArbeiterInnen auf, die Kolonialpolitik des Kaisers in Afrika und Asien zu unterstützen.[24]

In Wirklichkeit neigte sich eine ganze Epoche, jene der Expansion und des Aufstiegs des kapitalistischen Systems, ihrem Ende zu. Für Revolutionäre stellen solche Perioden einer tiefen historischen Transformation eine große Herausforderung dar, da sie die Charakteristiken der neuen Epoche analysieren, einen theoretischen Rahmen zum Verständnis der wesentlichen Veränderungen, die stattgefunden haben, entwickeln und ihr Programm, falls notwendig, anpassen müssen, wobei sie die ganze Zeit dasselbe revolutionäre Ziel vertreten.

Die rasche Expansion des Kapitalismus um den Globus, seine massive industrielle Entwicklung, der neue Stolz der herrschenden Klasse und ihre imperiale Pose – all dies veranlasste die revisionistische Strömung zu glauben, dass der Kapitalismus für immer existieren werde, dass der Sozialismus innerhalb des Kapitalismus eingeführt werden könne und dass der kapitalistische Staat im Interesse der Arbeiterklasse benutzt werden könne. Die Illusion eines friedlichen Übergangs zeigte, dass die Revisionisten tatsächlich Gefangene der Vergangenheit geworden waren, die nicht in der Lage waren zu erkennen, dass sich eine neue historische Epoche am Horizont ankündigte: die Epoche der Dekadenz des Kapitalismus und der gewaltsamen Explosion seiner Widersprüche. Ihre Unfähigkeit, die neue historische Lage zu analysieren, und ihre Theoretisierung der „Ewigkeit“ der Bedingungen des Kapitalismus Ende des 19. Jahrhunderts bedeuteten auch, dass die Revisionisten außerstande waren zu erkennen, dass die alten Waffen des Kampfes, Parlamentarismus und Gewerkschaftskampf, nicht mehr funktionierten. Die Fixierung auf die parlamentarische Arbeit als die Achse ihre Aktivitäten, die Orientierung  auf den Kampf für Reformen innerhalb des Systems, die Illusion eines „krisenfreien Kapitalismus“ und die Möglichkeit, den Sozialismus friedlich innerhalb des Systems einzuführen, bedeutete, dass faktisch große Teile der SPD-Führung sich mit dem System arrangiert hatten. Die offen opportunistische Strömung in der Partei war der Ausdruck des Vertrauensverlustes des Proletariats in seinen historischen Kampf. Nach Jahren des Verteidigungskampfes für das „Minimalprogramm“ hatte die bürgerliche Ideologie die Arbeiterbewegung penetriert. Dies hieß, dass die Existenz und die Kennzeichen von Gesellschaftsklassen in Frage gestellt wurden und eine individualistische Sichtweise die Klassen zu dominieren und im „Volk“ aufzulösen drohte. Der Opportunismus warf die marxistische Methode der Gesellschaftsanalyse im Rahmen des Klassenkampfes und der Klassenwidersprüche über Bord; tatsächlich bedeutete der Opportunismus die Ermangelung jeglicher Methode, jeglicher Prinzipien welcher Art auch immer und den Mangel jeglicher Theorie.

Die Linke schlägt zurück

Die Reaktion der Parteiführung auf Bernsteins Text bestand darin, seine Bedeutung herunterzuspielen (der Vorwärts begrüßte ihn als einen „anregenden Beitrag für die Debatte“  und erklärte, dass alle Strömungen in der Partei die Freiheit besitzen sollten, ihre Auffassungen zum Ausdruck zu bringen), während sie hinter vorgehaltener Hand bedauerte, dass solche Gedanken so offen geäußert wurden. Ignaz Bauer, der Parteisekretär, schrieb an Bernstein: „Mein lieber Ede, das, was Du verlangst, so etwas beschließt man nicht, so etwas sagt man nicht, so etwas tut man.[25]

Innerhalb der SPD widersetzten sich jene am entschlossensten Bernstein, die die lange Periode nach dem Ende der Sozialistengesetze nicht erlebt hatten. Es ist kein Zufall, dass die klarsten und unverblümtesten Opponenten von Bernsteins Strömung Militante ausländischer Herkunft und besonders russischer Herkunft waren. Der in Russland geborene Parvus, der in den 1890er Jahren nach Deutschland gezogen war und 1898 als Herausgeber der SPD-Presse in Dresden, die Sächsische Arbeiterzeitung, arbeitete,[26] ritt eine glühende Attacke gegen Bernsteins Gedanken und wurde dabei von der jungen Revolutionärin Rosa Luxemburg unterstützt, die im Mai 1898 nach Deutschland gezogen war und die die Repression in Polin miterlebt hatte. Sobald sie nach Deutschland übergesiedelt war, begann sie mit ihrem Text Reform oder Revolution, zwischen 1898 und 1899 verfasst (in dem sie Bernsteins Methode enthüllte, die Idee einer Etablierung des Sozialismus durch Sozialreformen zurückwies und Theorie und Praxis des Opportunismus entlarvte), den Kampf gegen die Revisionisten anzuführen. In ihrer Antwort auf Bernstein unterstrich sie, dass der reformistische Trend seit der Aufhebung der Sozialistengesetze und der Möglichkeit, legal zu arbeiten, voll in Schwung gekommen sei. Vollmars Staatssozialismus, die Haushaltsbestätigung in Bayern, der süddeutsche Agrarsozialismus, Heines Kompensationsvorschläge, Schippels Position zu Zöllen – all dies waren Elemente einer um sich greifenden opportunistischen Praxis. Sie unterstrich den gemeinsamen Nenner dieser Strömung: die feindselige Abneigung gegenüber der Theorie.

Was kennzeichnet sie vor allem äußerlich? Die Feindseligkeit gegen ‚die Theorie‘. Und dies ist ganz selbstverständlich, denn unsere ‚Theorie‘, d.h. die Grundsätze des wissenschaftlichen Sozialismus, setzen der praktischen Tätigkeit ebenso in bezug auf die angestrebten Ziele wie auf die anzuwendenden Kampfmittel wie endlich selbst auf die Kampfesweise sehr feste Schranken. Daher zeigt sich bei denjenigen, die nur den praktischen Erfolgen nachjagen wollen, das natürliche Bestreben, sich die Hände frei zu machen, d.h. unsere Praxis von der ‚Theorie‘ zu retten, von ihr unabhängig zu machen.“[27]

Die erste Aufgabe von Revolutionären war es, das Endziel zu verteidigen. “Die Bewegung als solche ohne Beziehung auf das Endziel, die Bewegung als Selbstzweck ist mir nichts, das Endziel ist uns alles.”[28]

In Stagnation und Fortschritt des Marxismus (1903) untersuchte Luxemburg die theoretische Unzulänglichkeit der Sozialdemokratie folgendermaßen: „Haben doch schon Marx und Engels die Verantwortlichkeit für die Geistesoffenbarungen eines jeden ‚Marxisten‘ abgelehnt, und die peinliche Angst, um beim Denken ja ‚auf dem Boden des Marxismus‘ zu bleiben mag in einzelnen Fällen für die Gedankenarbeit ebenso verhängnisvoll gewesen sein wie das andere Extrem – die peinliche Bemühung, gerade durch die vollkommene Abstreifung der Marxschen Denkweise um jeden Preis die „Selbständigkeit des eigenen Denkens“ zu beweisen.“   (Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd ½, S. 364)

Luxemburg griff Bernstein an, aber forderte auch, dass das zentrale Presseorgan der SPD die Positionen zu vertreten habe, die auf dem Parteitag beschlossen worden waren. Worauf im März 1899 der Vorwärts (in einem Artikel mit dem Titel „Eitle Hoffnungen“) entgegnete, dass Luxemburgs Kritik an Bernsteins Position ungerechtfertigt sei. Luxemburg konterte: „Der Vorwärts (…) ist eben in der glücklichen Lage, nie Gefahr laufen zu müssen, eine falsche Meinung zu haben oder seine Meinung zu wechseln – eine Sünde, der er bei anderen nachspürt – aus einem höchst einfachen Grund: weil er nie eine Meinung hat.[29]

Sie fuhr in derselben Manier fort: „Es gibt nämlich zweierlei organische Lebewesen: solche, die ein Rückgrat haben und deshalb auch gehen, zuweilen sogar laufen können. Es gibt andere, die keines haben, deshalb nur kriechen und – kleben.“ (ebenda, S. 565) Jenen, die die Partei dazu bringen wollten, jegliche programmatische Position und jegliches politisches Kriterium fallenzulassen, entgegnete sie auf der Parteikonferenz 1899 in Hannover: „ Wenn Sie aber darunter verstehen sollen, dass die Partei im Namen der Freiheit der Kritik kein Recht haben sollte, zu gewissen Meinungen und Kritiken der letzten Zeit Stellung zu nehmen und durch Majoritätsbeschluss zu erklären: wir stehen nicht auf diesem Standpunkte, so muss ich dagegen protestieren, denn wir sind nicht ein Diskutierclub, sondern eine politische Kampfpartei, die bestimmte Grundanschauungen haben muss.“[30]

Der Sumpf schwankt

Zwischen dem entschlossenen linken Flügel um Luxemburg und der Rechten, die Bernsteins Ideen und seinen Revisionismus prinzipiell vertrat, befand sich ein „Sumpf“, den Bebel mit den folgenden Worten auf dem Dresdner Parteitag 1903 schilderte: „Es ist immer und ewig der alte Kampf, hier links, dort rechts, und dazwischen der Sumpf. Das sind die Elemente, die nie wissen, was sie wollen, oder besser gesagt, die nie sagen, was sie wollen. Das sind die ‚Schlaumeier‘, die immer erst horchen: Wie steht’s da, wie steht’s hier? Die immer spüren, wo die Majorität ist, und dorthin gehen sie dann. Diese Sorte haben wir auch in unsrer Partei (…) Der Mann, der wenigstens offen seinen Standpunkt vertritt, bei dem weiß ich, woran ich bin, mit dem kann ich kämpfen, entweder er siegt oder ich, aber die faulen Elemente, die sich immer drücken und jeder klaren Entscheidung aus dem Weg gehen, die immer wieder sagen: Wir sind ja alle einig, sind ja alle Brüder, das sind die allerschlimmsten! Die bekämpfe ich am allermeisten.“[31]

Dieser Sumpf, der unfähig ist, eine klare Position zu beziehen, schwankt zwischen den unverblümten Revisionisten, der Rechten und der revolutionären Linken. Der Zentrismus ist eines der Gesichter des Opportunismus. Indem er sich stets zwischen den antagonistischen Kräften positioniert, zwischen den reaktionären und den revolutionären Strömungen, versucht der Zentrismus beide zu miteinander zu versöhnen. Er vermeidet die offene Auseinandersetzung von Ideen, rennt vor den Debatten weg, behauptet, dass „die eine Seite nicht völlig recht hat, aber die andere auch nicht“, betrachtet politische Debatten mit klaren Argumenten und polemischem Tonfall als „übertrieben“, „extremistisch“, „wichtigtuerisch“, gar „gewaltsam“. Er denkt, dass der einzige Weg, die Einheit aufrechtzuerhalten, die Organisation intakt zu halten, darin besteht, die Koexistenz aller politischen Tendenzen zu erlauben, selbst einschließlich jener, deren Ziele in direktem Gegensatz zu jenen der Organisation stehen. Er schreckt vor der Verantwortung und der eigenen Positionierung zurück. Der Zentrismus in der SPD neigt dazu, sich widerwillig mit der Linken zu verbünden und gleichzeitig den „Extremismus“ und die „Gewalttätigkeit“ der Linken zu bedauern sowie erfolgreich harte Maßnahmen – wie den Ausschluss der Revisionisten aus der Partei – zur Bewahrung des revolutionären Charakters der Partei zu verhindern.

Luxemburg behauptete dagegen, dass der einzige Weg, die Einheit der Partei als eine revolutionäre Organisation zu verteidigen, darin bestünde, auf die uneingeschränkte Offenlegung und öffentliche Diskussion von gegensätzlichen Auffassungen zu bestehen: „Durch die Vertuschung der Gegensätze, durch künstliche “Vereinigung”  unvereinbarer Ansichten last man die Gegensätze nur zur vollen Reife gedeihen, bis sie früher oder später in einer Spaltung sich gewaltsam Luft verschaffen. (…) Wer die Spaltung in den Ansichten hervorkehrt und bekämpft, arbeitet für die Einigkeit der Partei. Wer die Spaltung der Ansichten vertuscht, arbeitet auf eine Spaltung der Partei hin.“[32]

Der Inbegriff der zentristischen Strömung und ihr prestigeträchtigster Repräsentant war Karl Kautsky.

Als Bernstein begann, seine revisionistischen Ansichten zu entwickeln, blieb Kautsky zunächst schweigsam und zog es vor, seinem alten Freund nicht öffentlich zu widersprechen. Er versagte auch völlig darin, das Ausmaß zu würdigen, in dem Bernsteins revisionistische Theorien die revolutionären Fundamente untergruben, auf denen die Partei errichtet worden war. Wie Luxemburg betonte, wenn man einmal akzeptiert, dass der Kapitalismus für immer existieren kann, dass er nicht dazu verdammt ist, als Konsequenz aus seinen eigenen inneren Widersprüchen  zusammenzubrechen, dann wird man unweigerlich dazu verleitet, dem revolutionären Ziel den Rücken zu kehren.[33] Kautskys Versagen hier – ein Versagen, das er mit dem größten Teil der Parteipresse gemeinsam hat – war ein deutliches Zeichen für den Verfall des Kampfgeistes in der Organisation: Die politische Debatte war nicht mehr eine Überlebensfrage für den Klassenkampf, sie war zu einer akademischen Angelegenheit von intellektuellen Spezialisten geworden.

Rosa Luxemburgs Ankunft in Berlin 1898 (aus Zürich kommend, wo sie gerade ihre Untersuchungen der polnischen Wirtschaftsentwicklung mit Auszeichnung und ihre Antwort auf Bernsteins Theorien abgeschlossen hatte) sollte eine wichtige Rolle für Kautskys Verhalten spielen.

Als Luxemburg Bebels und Kautskys Zögern und Unwillen, Bernsteins Ansichten zu bekämpfen, klar wurde, kritisierte sie dieses Verhalten in einem Brief an Bebel.[34] Sie fragte, warum sie nicht auf eine energische Antwort auf Bernstein gedrängt hatten, und im März 1899, nach dem Beginn einer Artikelserie, die später als Broschüre mit dem Titel Reform oder Revolution bekannt wurde, berichtete sie Jogiches: „Was Bebel betrifft, über den ich herzog (im Gespräch mit Karl Kautsky), dass er nicht auftritt, erklärte mir K. K., dass Bebel die Lust verloren hat, kein Selbstvertrauen und kein Feuer hat. Als ich wieder über hin herzog,: „Warum geben Sie ihm nicht Mut und Ansporn und Energie“? Dann hieß es erneut: „Tun Sie’s (das bin also ich), gehen Sie zu ihm, reden Sie mit ihm.“ Von Luxemburg befragt, warum Kautsky nicht reagiere: „Ach was, jetzt anfangen mit den Versammlungen, wo ich mitten im parlamentarischen Kampf stecke, da wird es ja Krach geben, ja wohin würde das führen, wo hat man Zeit und Kopf dazu etc.?“[35]

1899 sprach sich Kautsky in Bernstein und das sozialdemokratische Programm. Eine Antikritik zumindest gegen Bernsteins Ideen über die marxistische Philosophie und die politische Ökonomie und gegen seine Ansichten über die Entwicklung des Kapitalismus aus. Dennoch begrüßte er Bernsteins Buch als wertvollen Beitrag für die Bewegung, wandte sich gegen einen Antrag, ihn aus der Partei auszuschließen, und vermied es zu sagen, dass Bernstein das marxistische Programm verriet. Kurz, wie Luxemburg schloss, Kautsky wollte jegliche Störung der ziemlich bequemen Routine des Parteilebens und die Notwendigkeit, seinen alten Freund öffentlich zu kritisieren, vermeiden. Wie Kautsky im Vertrauen Bernstein gegenüber zugab: „dass sie [Parvus und Luxemburg] Deinen Gegensatz zu unseren programmatischen Aussagen schon erkannten, wo ich mich mit  diesem Gedanken nicht befreunden konnte und mich an den Gedanken eines Missverständnisses anklammert.“ (26.6.1899), „Mein Fehler war, dass ich damals nicht so weit sah wie Parvus und Luxemburg, die damals schon den Gedankengang Deiner Broschüre witterten.“[36] Tatsächlich minimierte und trivialisierte Kautsky im Vorwärts die Attacke gegen Bernsteins neuer revisionistischer Theorie, als er sagte, dass der „Umfall Bernsteins als eine  „lächerliche“ Einbildung von freisinnigen Biedermännern erklärt wurde.“[37]

Freunde oder Klasse?

In seiner Loyalität zu seinem alten Freund meinte Kautsky, er hätte sich bei Bernstein privat zu entschuldigen, als er schrieb: „Es wäre Feigheit gewesen zu schweigen. Ich glaube nicht, dass es zu Deinem Nachteil war, dass ich sprach. Hätte ich nicht August (Bebel) gesagt, ich würde auf Deine Erklärung antworten, hätte er es selbst getan. Wie seine Antwort ausgefallen wäre, kannst Du Dir bei seinem Temperament und seiner Rücksichtslosigkeit vorstellen.“[38] Dies bedeutete, er zog es vor, stumm und blind gegenüber seinem alten Freund zu sein. Er reagierte unwillig und erst, nachdem er von der Linken gezwungen wurde. Später gestand er ein, dass es eine „Sünde“ gewesen sei, seiner Freundschaft mit Bernstein zu erlauben, seine politische Urteilskraft zu dominieren.  „Ich habe in meinem Leben nur einmal aus Kameradschaft gesündigt, und diese Sünde bereue ich heute noch aufs tiefste. Hätte ich Bernstein gegenüber nicht so lange gezögert und wäre ich ihm von vornherein mit der nötigen Schärfe entgegengetreten, ich hätte der Partei manches Unangenehmes erspart.“[39] Jedoch ist ein solches Bekenntnis wertlos, es sei denn, es geht bis an die Wurzeln des Problems. Trotz seines „Sündenbekenntnisses“ gab Kautsky nie eine profunde politische Erklärung ab, warum solch ein Verhalten, das sich auf persönliche Affinitäten statt auf politische Prinzipien stützt, eine Gefahr für eine politische Organisation ist. In Wirklichkeit führte ihn sein Verhalten dazu, den Revisionisten eine unbegrenzte „Meinungsfreiheit“ in der Partei zuzugestehen. Wie Kautsky am Vorabend des Parteitags in Hannover sagte: „Man muss es in der Regel jedem Parteimitglied selbst überlassen, zu entscheiden, ob er noch auf dem Boden der Partei steht oder nicht. Mit dem Ausschluss geht man bloß gegen Elemente vor, welche die Partei schädigen, wegen rein sachliche Kritik ist noch nie jemand aus der Sozialdemokratie ausgeschlossen worden, die stets auf die Freiheit der Diskussion den höchsten Wert gelegt hat. Selbst wenn Bernstein nicht so große Verdienste um unsere Sache sich erworben hätte und wenn er nicht wegen seiner Parteitätigkeit im Exil säße, würde seine Ausschließung nicht in Betracht kommen.“[40]

Luxemburgs Antwort war eindeutig. “Sosehr wir die Freiheit der Selbstkritik brauchen und ihr die weitesten Schranken lassen, so muss es doch ein gewisses Mindestmaß von Grundsätzen geben, die unser Wesen, unsere Existenz selbst ausmachen und die den Boden unseres Zusammenwirkens als Mitglieder einer Partei bilden. Auf diese wenigen allgemeinsten Grundsätze können wir nicht innerhalb unserer Reihen das Prinzip der „Freiheit der Kritik“ anwenden, denn sie sind ja die Voraussetzung aller Tätigkeit, also auch der Kritik über diese Tätigkeit in unseren Reihen. Wir brauchen unsere Ohren vor einer von außen kommenden Kritik auch in bezug auf diese Grundsätze nicht zu verschließen. Wir müssen aber, solange wir sie als den Boden unserer Existenz als Partei betrachten, an diesen Grundsätzen festhalten und sie auch nicht von unseren Mitgliedern erschüttern lassen. Hier können wir nur eine Freiheit gewähren: die Freiheit der Zugehörigkeit oder der Nichtzugehörigkeit zu unserer Partei. Wir zwingen niemanden, mit uns in Reih und Glied zu marschieren, tut es aber jemand freiwillig, so müssen wir bei ihm die Zustimmung zu unseren Prinzipien voraussetzen.“  [41]

Die logische Schlussfolgerung aus Kautskys „mangelndem Standpunkt“ war, dass jeder in der Partei  sein und vertreten konnte, was er wollte, dass das Programm verwässert wird, dass die Partei zu einem „Schmelztiegel“ verschiedener Auffassungen wird, nicht zu einer Speerspitze für einen entschlossenen Kampf. Kautskys Haltung zeigte, dass er die Loyalität zu einem Freund der Verteidigung von Klassenpositionen vorzieht. Gleichzeitig wollte er die Pose eines theoretischen „Experten“ einnehmen. Es trifft zu, dass er einige sehr wichtige und wertvolle Büchergeschrieben hat (siehe unten) und dass er die Wertschätzung von Engels genoss. Doch wie Luxemburg in einem Brief an Jogiches bemerkte: „Karl Kautsky beschränkt sich auf die Theorie (..)“[42]Indem er es vorzog, jegliche Beteiligung am Kampf zur Verteidigung der Organisation und ihres Programms zu unterlassen, verlor Kautsky allmählich jegliche kämpferische Haltung, und dies hieß, dass  er das, was er als seine Verpflichtungen gegenüber seinen Freunden ansah, über jegliche moralischen Verpflichtungen gegenüber seiner Organisation und ihren Prinzipien stellte. Dies führte zu einer Abtrennung der Theorie von der praktischen, konkreten Tat: Zum Beispiel war Kautskys wertvolles Buch über die Ethik, einschließlich insbesondere eines Kapitels über den Internationalismus, nicht eingebunden in einer unerschütterlichen Verteidigung des Internationalismus.

Es gibt einen auffälligen Gegensatz zwischen Kautskys Verhalten gegenüber Bernstein und Rosa Luxemburgs Verhalten gegenüber Kautsky. Nach ihrer Ankunft in Berlin unterhielt sie enge Beziehungen zu Kautsky und seiner Familie. Doch schnell spürte sie, dass die große Aufmerksamkeit, die die Familie Kautsky ihr gegenüber zeigte, zu einer Bürde wurde. Schon 1899 hatte sie sich bei Jogiches darüber beklagt: „Ich fange an vor den Schmeicheleien (der Kautskys) zu fliehen“ , denn   „Kautskys betrachten mich als zur Familie gehörig“,  (12.11.1899):  „All diese Liebesbeweise (er ist mir gegenüber wirklich ehrlich wohlwollend, ich sehe das jedesmal) bedrücken mich wie eine Last, statt mich zu freuen. Tatsächlich, jede im Erwachsenenalter eingegangene Freundschaft, und dazu noch so eine halb ‚parteiliche‘ ist eine Last: sie erlegt Pflichten auf, behindert etc. Und gerade diese Seite der Freundschaft behindert mich. Nach jedem Artikel muss ich denken: Nun jetzt wird er enttäuscht sein, und die ‚Freundschaft‘ wird abkühlen.“[43] Sie war sich über die Gefahren eines auf Affinitäten gestützten Verhaltens im Klaren, wo die Rücksichtnahme auf persönliche Verpflichtungen, auf Freundschaften oder gemeinsame Geschmäcker die politische Urteilskraft des Militanten, aber auch das überschattet, was wir seine moralische Urteilskraft hinsichtlich der Frage, ob eine Aktion in Übereinstimmung mit den Organisationsprinzipien steht, nennen könnten. (44)[44] Luxemburg wagte es dennoch, ihn offen zu konfrontieren: „Mit Kautsky hatte ich vorher ein großes grundsätzliches Streitgespräch über unsere ganze Art, die Dinge zu sehen, wobei er mir als Fazit sagte, dass ich in zwanzig Jahren ebenso denken werde wie er, worauf ich entgegnete, dass ich in diesem Falle in zwanzig Jahren eine Schlafmütze sein werde.“ [45]

Auf dem Lübecker Parteitag 1901 wurde Luxemburg beschuldigt, die Positionen anderer Genossen zu verzerren, eine Beschuldigung, die sie als skandalös betrachtete; sie forderte, dass sie öffentlich geklärt wird. Dies im Auge, reichte sie eine Stellungnahme zur Veröffentlichung beim Vorwärts ein.[46] Doch im Namen der Neue(n) Zeit veranlasste Kautsky sie, ihre Forderung nach Veröffentlichung ihrer Stellungnahme zurückzuziehen. Sie antwortete Kautsky: Sie haben erreicht, was Sie wollten, ich entbinde Sie in diesem Falle Ihrer Verpflichtung mir gegenüber. Aber Sie begehen allem Anschein nach dabei noch den Irrtum, dass Sie in allem Ernst glauben, in diesem Falle nur aus Freundschaft und meinem Interesse so gehandelt zu haben. Gestatten Sie mir, Ihnen diese Selbsttäuschung zu zerstören. Als Freund hätten Sie mir ungefähr folgendes sagend müssen: ‚Ich rate Ihnen, unbedingt und um jeden Preis zum Schutze Ihrer schriftstellerischen Ehre aufzutreten, denn größere Schriftsteller und Männer von durch Jahrzehnte begründetem Ruf, wie Marx und Engels, schreiben ganze Broschüren, führten einigen ganzen Federkrieg, wenn ihnen irgend jemand die kleinste ‚Fälschung‘ vorzuwerfen wagte. Um so mehr müssen Sie in solchem Falle peinlich ins Gericht gehen, weil Sie eine junge und sehr angefeindete Schriftstellerin sind‘. So hätten Sie sich als Freund sagen müssen. (…)Der Freund ließ sich aber ganz vom Redakteur der „Neuen Zeit“ beherrschen, und dieser will seit dem Parteitag überhaupt nur eins: Er will seine Ruhe haben, er will zeigen, dass die „Neue Zeit“ nach den erhaltenen Prügeln artig geworden ist und Mault hält.“[47]Und deshalb mag auch ein gutes Recht des Mitarbeiters der „Neuen Zeit“ auf die Wahrung seiner wichtigsten Interessen, sein Recht auf die Verteidigung gegen öffentliche Verleumdungen, geopfert werden. Mag auch jemand, der für die ‚Neue Zeit‘ – nicht am wenigsten und nicht am schlechtesten – arbeitet, die öffentliche Anschuldigung der Fälschung verschlucken, damit nur in allen Wipfeln Ruh‘ herrscht.

So liegt die Sache, mein Freund! Und nun mit herzlichem Gruß Ihre Rosa.“[48]

 

Hier sehen wir eine junge, entschlossene Revolutionärin und dazu  eine Frau, die darauf bestand, dass die „alte“, „orthodoxe“, erfahrene Autorität persönliche Verantwortung übernehmen soll. Kautsky antwortete auf Luxemburg: „Sehen Sie, man muss die Leute in der Fraktion nicht reizen, man muss nicht den Schein erwecken, als belehre man sie; wenn man ihnen was vorzuschlagen hat, so schreibe man ihnen einen Privatbrief, das wird viel mehr wirken“[49] Doch Rosa Luxemburg versuchte den Kampfgeist in ihm „wiederzubeleben“. „(…) Aber du musst es mit Lust und Freude tun, nicht wie ein lästiges Intermezzo, denn das Publikum fühlt die Stimmung der Kämpfenden immer heraus, und die Freude am Fecht gibt der Polemik einen hellen Klang und eine moralische Überlegenheit“.[50] Diese Haltung, den normalen Betrieb des Parteilebens nicht stören zu wollen, keine Stellung in der Debatte zu beziehen, nicht auf der Klärung von Divergenzen zu drängen, vor der Debatte wegzulaufen und die Revisionisten zu tolerieren, befremdete Luxemburg immer mehr, und es wurde immer offenkundiger, wie sehr der Verlust des Kampfgeistes, der Verlust der Moral, der Verlust der Überzeugung, der Entschlossenheit zum vorrangigen Charakterzug in Kautskys Verhalten geworden war. „Ich habe jetzt seinen [Artikel] ‚Nationalismus und Internationalismus‘ lesen müssen, und es war mir eine Qual, ein Ekel. Ich werde bald nichts von Karl Kautsky mehr lesen können. Mir ist, als lege sich ein ekliges Spinngewebe um mein Hirn.[51]Kautsky wird mir immer ungenießbarer. Er verschrumpft und vertrocknet innerlich immer mehr, nichts und niemand außer seiner Familie geht ihn menschlich an. Ich fühle mich unbehaglich mit ihnen.“[52]

Dem Verhalten Kautskys diametral entgegengesetzt war die Haltung Luxemburgs und Jogiches‘. Nach ihrer Trennung von Leo Jogiches 1906 (die ihr immense Schmerzen bereitete, wie auch die große Enttäuschung über ihn als Partner) blieben die beiden engste Genossen bis zum Tag ihrer Ermordung. Trotz tiefen persönlichen Grolls, Enttäuschung und Eifersüchteleien – diese tiefen Gefühle wegen ihrer Trennung hinderten sie nie daran, Seite an Seite im politischen Kampf zu stehen.

Man mag einwenden, dass im Falle Kautskys dies den Mangel an Persönlichkeit und Charakter Kautskys widerspiegelte, doch es wäre zutreffender zu sagen, dass er die moralische Verwesung in der Sozialdemokratie in ihrer Gesamtheit versinnbildlichte.

Luxemburg stieß schon früh auf den Widerstand der „alten Garde“. Als sie die revisionistische Politik auf dem Stuttgarter Parteitag 1898 kritisierte, „Vollmar hat es mir zum bitteren Vorwurf gemacht, dass ich als junger Rekrut in der Bewegung die alten Veteranen belehren will (…) Wenn aber Vollmar gegen meine sachlichen Ausführungen ins Feld führt: Du Gelbschnabel, ich könnte ja dein Großvater sein, so ist das für mich ein Beweis, dass er mit seinen logischen Gründen auf dem letzten Loch pfeift“.[53] Was den schwächelnden Kampfgeist der eher zentristischen Veteranen anging, erklärte sie in einem Artikel, den sie nach dem Parteitag 1898 schrieb. “Wir hätten nämlich viel lieber gesehen, dass die Veteranen der Partei gleich am Anfang der Debatte ins Gefecht getreten wären. (…) Wenn die Debatte trotzdem eingeleitet wurde, so geschah es eben nicht dank, sondern trotz dem Verhalten der Parteiführer. (…) Die Debatte zunächst ihrem eigenen Schicksal überlassen, ruhig zwei Tage zusehen, „wie der Hase läuft“, und dann erst eingreifen, als die Wortführer des Opportunismus zur klaren Sprache gezwungen worden waren, dabei noch über die ‚zu scharfe Tonart‘ derjenigen sich abfällig ausdrücken, deren Standpunkt man dann vollkommen aufrechterhält, das ist eine Taktik, die den Parteiführern in einer so wichtigen Frage schlecht steht. Auch die Erklärung Kautskys, wonach er bis jetzt seiner Meinung über die Bernsteinsche Theorie keinen Ausdruck gab, weil er sich vorbehalten hatte, das Schlusswort in der eventuellen Debatte zu sagen, scheint uns wenig entschuldigend zu sein. Im Februar druckt er die Artikel von Bernstein ohne die geringste redaktionelle Note in der ‚Neuen Zeit‘ ab, schweigt dann 4 Monate; im Juni eröffnet er die Diskussion mit einigen Komplimenten an die ‚neuen‘ Standpunkte Bernsteins, diesen neuen Abklatsch des alten Kathedersozialismus, schweigt dann wieder 4 Monate, lässt den Parteitag heranrücken und erklärt endlich im Laufe der Debatte, dass er das ‚Schlusswort‘ sagen wollte. Wir wünschten, dass unser Theoretiker ex officio immer das Wort und nicht das Schlusswort in wichtigen Dingen sagt und dass er nicht den falschen und verwirrenden Eindruck erweckt, als hätte er längere Zeit selbst nicht gewusst, was er sagen sollte.“[54]

So wurden viele aus der alten Garde, die unter den Bedingungen der Sozialistengesetze gekämpft hatten, vom Gewicht des Demokratismus und Reformismus entwaffnet. Sie waren unfähig geworden, die neue Zeit zu verstehen, und begannen stattdessen den Verzicht auf das sozialistische Ziel zu theoretisieren. Statt die Lehren aus dem Kampf unter den Bedingungen der Sozialistengesetze an die neue Generation weiterzureichen, hatten sie ihren Kampfgeist verloren. Und die zentristische Strömung, die sich versteckte und die Auseinandersetzung vermied, indem sie vor einer offenen Feldschlacht gegen die Opportunisten wegrannte, ebnete den Weg für den Aufstieg der Rechten.

Während die Zentristen den Kampf vermieden, zeigte der linke Flügel um Luxemburg seinen Kampfgeist und war bereit, Verantwortung zu übernehmen. Sie erkannte, dass in Wirklichkeit: „Dass Bebel selbst schon senil geworden ist und die Zügel aus der Hand gleiten lässt,  er ist froh, wenn andere kämpfen, aber er hat selbst weder die Energie noch das Feuer für eine Initiative. K.K. (Karl Kautsky) beschränkt sich auf die Theorie (…) Niemand leitet, niemand fühlt sich verantwortlich“[55]. Der linke Flügel bemühte sich um mehr Einfluss und war von der Notwendigkeit überzeugt, als Speerspitze zu handeln. Luxemburg schrieb an Jogiches: „Nur noch ein Jahr ausdauernder positiver Arbeit, und meine Stellung ist glänzend. Einstweilen kann ich die Schärfe meines Auftretens nicht dämpfen, denn es gilt, den extremsten Standpunkt zu vertreten.“[56] Dieser Einfluss wurde jedoch nicht erlangt, und der Preis war eine Verwässerung von Positionen.

Überzeugt von der Notwendigkeit einer entschlossenen Führung und in Erkenntnis, dass sie auf den Widerstand der Zögerlichen stoßen würde, wollte sie die Partei antreiben.

Ein Mensch, der nicht zur Sippschaft gehört, der niemandes Protektion hat, sondern  nur die eigenen Ellbogen, ein Mensch, den für die Zukunft nicht nur die Gegner fürchten (Auer & Co.), sondern im Grunde ihres Herzens auch die Bundesgenossen – Bebel, Karl Kautsky, Singer etc., ein Mensch, von dem sie spüren, dass es besser ist, ihn so weit wie möglich wegzuschieben, da er ihnen schnell über den Kopf wachsen könnte. Dabei habe ich gar nicht die Absicht, mich auf die Kritik zu beschränken, im Gegenteil, ich habe die Absicht und Lust positiv zu schieben, nicht Personen, sondern die Bewegung in ihrer Gesamtheit, unsere ganze positive Arbeit zu revidieren, die Agitation, die Praxis, neue Wege aufzuzeigen (sofern sich welche finden lassen, woran ich nicht zweifle) den Schlendrian zu bekämpfen, etc. mit einem Wort, ein ständige Antrieb der Bewegung zu sein (…) Und dann die mündliche und schriftliche Agitation überhaupt, die in alten Formen versteinert ist und fast auf niemanden mehr wirkt, auf eine neue Bahn zu bringen, überhaupt neues Leben in die Presse, die Versammlungen und die Broschüren hineinzubringen. (…) „stets sich selbst zu sein, ganz ohne Ansehen der Umgebung und der anderen…“[57] Im Oktober 1905 bot sich Luxemburg die Gelegenheit, sich an der Redaktionsleitung des Vorwärts zu beteiligen. Sie war kompromisslos in der Frage einer möglichen Zensur ihrer Positionen. „…sollte es wegen meiner Artikel mit der Redaktion oder mit dem Vorstand zu einem Krach kommen, dass man nicht allein, sondern unsere ganze Linke solidarisch aus dem ‚Vorwärts‘ austritt, und dann ist die Redaktion gesprengt.” (Rosa Luxemburg, Gesammelte Briefe, Bd. 2, S. 183, Brief an Leo Jogiches, 6.10.1905). Für eine kurze Weile hatte die Linke einigen Einfluss erlangt.

Der Niedergang des proletarischen Lebens in der SPD

Der Degenerationsprozess der Partei zeichnete sich nicht allein durch die offenen Versuche, auf ihre programmatischen Positionen zu verzichten, und durch den Mangel an Kampfgeist in breiten Bereichen der Partei aus. Unterhalb der Oberfläche befand sich eine ständige Unter-Strömung der kleingeistigen und persönlichen Verunglimpfungen, die sich gegen jene richteten, die die Prinzipien der Organisation am kompromisslosesten vertraten und die Fassade der Einheit störten. Kautskys Verhalten gegenüber der Kritik Luxemburgs an Bernstein war zum Beispiel ambivalent. Trotz seiner freundlichen Beziehungen zu Luxemburg konnte er dennoch Bernstein unverhohlen schreiben: „Der Luxemburg, dem widerlichen Ding, passt der Waffenstillstand bis zum Erscheinen deiner Broschüre nicht, sie bringt jeden Tag einen Nadelstrich ‚zur Taktik‘.“[58] Bisweilen sollte, wie wir sehen werden, diese Unter-Strömung mit verleumderischen Anschuldigungen und persönlichen Angriffen durch die Oberfläche brechen.

Es war vor allem die Rechte, die mit Personalisierungen und der Suche nach Sündenböcken innerhalb der Partei reagierte. Als es einer Klärung der tiefen Divergenzen durch eine offene Konfrontation bedurfte, wich die Rechte zurück und begann stattdessen die prominentesten Mitglieder der Linken zu verleumden.

Ein klares Minderwertigkeitsgefühl auf der theoretischen Ebene an den Tag legend, verbreiteten sie verleumderische Anspielungen besonders über Luxemburg, indem sie sexistische Kommentare und Andeutungen über ihr „unglückliches“ Gefühlsleben und ihre sozialen Beziehungen machten (ihre Beziehung zu Leo Jogiches war der Partei nicht bekannt): „Diese gescheite Giftnudel wird auch nach Hannover kommen. Ich habe Respekt vor ihr und schätze sie viel höher als wie Parvus. Sie aber hasst mich aus tiefstem Herzensgrund.“[59]

Der rechte Parteisekretär Ignaz Auer räumte gegenüber Bernstein ein: „Sind wir auch theoretisch den Gegnern nicht gewachsen, nicht jeder hat das Zeug zum Kirchenvater, so stehen wir gegenüber der Phrase und dem ungezogenen TamTam unseren Mann. Wenn es aber zur ‚reinlichen‘ Scheidung kommen sollte – woran übrigens kein Mensch im Ernste denkt – dann stünden Clara und Rosa allein. Nicht einmal ihre (Liebhaber?) gingen mit ihnen, weder ihre früheren noch die jetzigen.“[60]

Derselbe Auer zögerte nicht, fremdenfeindliche Töne von sich zu geben, als er sagte, dass „diejenigen, welche die Hauptangriffe gegen Bernstein und dessen Anhänger und gegen Schippel geschleudertnicht deutsche Genossen, nicht aus der deutschen Bewegung hervorgegangen seien. Das Vorgehen einzelner derselben, namentlich der Frau Rosa Luxemburg sei illoyal, sei ‚unter Kameraden‘ nicht schön“[61]Diese Art von fremdenfeindlichen Tönen – besonders gegen Luxemburg, die jüdischer Herkunft war – wurde ein permanentes Muster in der Kampagne der Rechten, die in den Jahren vor dem I. Weltkrieg zunehmend bösartig wurde.[62]

Der rechte Flügel der Partei verfasste sogar satirische Kommentare oder Texte über Luxemburg.[63] Luxemburg und andere Figuren auf der Linken waren bereits in Polen auf besonders niederträchtige Weise zur Zielscheibe geworden. Paul Frölich berichtet in seiner Luxemburg-Biographie, dass viele Verleumdungen sich gegen Leute wie Warski und Luxemburg richteten. Luxemburg wurde beschuldigt, vom Warschauer Polizeioffizier Markgrafski bezahlt worden zu sein, als sie einen Artikel über die Frage der nationalen Autonomie veröffentlichte; sie wurde ebenfalls beschuldigt, eine bezahlte Agentin der Ochrana, der russischen Geheimpolizei, zu sein.[64]

Rosa Luxemburg begann der Atmosphäre in der Partei überdrüssig zu werden. „Jede Annäherung an die Parteibande hinterlässt in mir ein derartiges Unbehagen, dass ich mir jedesmal danach vornehme: drei Seemeilen weit vom tiefsten Stand der Ebbe! (...) Nach dem Zusammensein mit ihnen wittere ich soviel Schmutz, sehe soviel Charakterschwäche, Erbärmlichkeit etc., dass ich zurückeile in mein Mauseloch.“[65]

Dies war im Jahr 1899, doch auch zehn Jahre später  hatte sich ihre Meinung über das Verhalten einiger der führenden Parteifiguren nicht verbessert. „Trotz alledem aber bleibe möglichst ruhig und vergiss nicht, dass es außer Parteivorstand und Kanaillen von der Art der Zietz und Co. Im Leben noch viel Schönes und Reines gibt. Mir ist er außer der unmittelbaren Unmenschlichkeit noch ein schmerzliches Symptom der allgemeinen Misere, in die unsere ‚Führerschaft‘ hinabgesunken ist, ein Symptom erschreckenden geistigen Tiefstands. (…) Andere Zeiten werden diesen stinkenden Tang hoffentlich mit einer schäumenden Welle hinwegfegen.“[66] Und sie drückte des Öfteren ihre Empörung über die erstickende bürokratische Atmosphäre in der Partei aus: „Ach, mir ist manchmal hier schrecklich zumute, und ich möchte am liebsten fort aus Deutschland. In irgendeinem sibirischen Dorf spürt man mehr Menschentum als in der deutschen Sozialdemokratie.“[67] Diese Haltung, nach Sündenböcken zu suchen und die Reputation der Linken zu zerstören, legte die Saat für ihre spätere Ermordung durch die Freikorps, die Luxemburg im Januar 1919 auf Befehl der SPD töteten. Der Tonfall, der gegen sie in der Partei herrschte, bereitete die Pogromatmosphäre gegen Revolutionäre in der revolutionären Welle von 1918–23 vor. Der Rufmord, der allmählich in die Partei sickerte, und der Mangel an Empörung darüber, insbesondere im Zentrum, trug zur moralischen Entwaffnung der Partei bei.

Die Opposition: Zensiert und zum Schweigen gebracht

Zusätzlich zur Sündenbock-Suche, Personalisierung und zu den fremdenfeindlichen Attacken begannen die verschiedenen Instanzen der Partei unter dem Einfluss der Rechten die Artikel der Linken und insbesondere von Luxemburg zu zensieren. Vor allem nach 1905, als die Frage der Massenaktion auf der Tagesordnung stand (s.u.), versuchte die Partei zunehmend, sie mundtot zu machen und die Veröffentlichung ihrer Artikel über die Frage der Massenstreiks und über die russischen Erfahrungen zu verhindern. Zwar waren einige Städte Hochburgen der Linken,[68] jedoch versuchte der gesamte rechte Flügel des Parteiapparates, sie daran zu hindern, ihre Positionen im Zentralorgan der Partei, dem Vorwärts, zu verbreiten: „Leider kann ich Ihre beiden Artikel nicht aufnehmen, da nach einer Vereinbarung zwischen Parteivorstand, geschäftsführendem Ausschuss der preußischen Landeskommission und Redaktion zunächst die Frage des Massenstreiks nicht im ‚Vorwärts‘ erörtert werden soll.“[69]

Wie wir sehen werden, sollten die Konsequenzen des moralischen Niedergangs und des Niedergangs der Solidarität verderbliche Auswirkungen haben, als die imperialistischen Spannungen sich verschärften und die Linke auf der Notwendigkeit bestand, mit Massenaktionen zu antworten.

Franz Mehring, eine wohl bekannte und respektierte Figur der Linken, wurden ebenfalls des Öfteren angegriffen. Doch anders als Rosa Luxemburg war er leicht zu kränken und neigte dazu, sich vom Kampf zurückzuziehen, als er sich ungerechtfertigt angegriffen fühlte. Zum Beispiel kritisierte Mehring vor dem Parteitag in Dresden 1903 die Publizierung von sozialdemokratischen Schriften in der bürgerlichen Presse als unvereinbar mit der Parteimitgliedschaft. Die Opportunisten eröffneten eine Verleumdungskampagne gegen ihn. Mehring bat um ein Parteigericht, das zusammenkam und ein „mildes Urteil“ gegen die Opportunisten verhängte. Doch als er unter den wachsenden Druck der Rechten geriet, neigte Mehring immer mehr dazu, sich aus der Parteipresse zurückzuziehen. Luxemburg pochte darauf, dass er dem Druck der Rechten und ihren Verleumdern Paroli bieten soll: „Jeder anständige Mensch in der Partei, der nicht geistiger Knecht des Parteivorstands ist, wird auf Ihrer Seite stehen. (…) Sie werden sich auch das Gefühl haben, dass wir immer mehr Zeiten entgegengehen, wo die Masse der Partei einer energischen, rücksichtslosen und großzügigen Führung bedarf, und dass unsere führenden Instanzen: Parteivorstand, Zentralorgan, Fraktion – und das ‚wissenschaftliche Organ‘ ohne Sie genau in demselben Verhältnis immer kleinlicher, feiger und parlamentarisch-kretinhafter werden. Wir müssen also offen dieser schönen Zukunft ins Auge blicken, alle Posten besetzen und festhalten, die es ermöglichen, der offiziellen ‚Führerschaft‘ zum Trotz das Recht auf Kritik wahrzunehmen (…) Auf ständige Kämpfe und Reibungen müssen wir ja gefasst sein, namentlichen, wenn man das Allerheiligste: den parlamentarischen Kretinismus so derb schüttelt, wie Sie das getan haben. Aber trotz alledem – keinen Fußbreit nachgeben scheint mir die beste Parole. Die ‚Neue Zeit‘ darf nicht der Senilität und dem Offiziösentum ganz ausgeliefert werden.“[70]

Der Wendepunkt von 1905

Mit Beginn des neuen Jahrhunderts begann das Fundament, auf dem Revisionisten und Reformisten gleichermaßen ihre Theorie und Praxis errichtet hatten, zu zerbröckeln.

Oberflächlich und trotz gelegentlicher Rückschläge schien sich die kapitalistische Wirtschaft in robuster Gesundheit zu befinden und setzte ihre unaufhaltsame Expansion in den letzten Regionen fort, die noch nicht von den imperialistischen Mächten okkupiert worden waren, besonders in Afrika und China. Die Expansion des Kapitalismus über den Globus hatte eine Stufe erreicht, wo die imperialistischen Mächte ihren Einfluss nur noch auf Kosten ihrer Rivalen ausdehnen konnten. Alle Großmächte wurden zunehmend in ei n beispielloses Wettrüsten verwickelt, wobei sich insbesondere Deutschland in einem massiven Programm zur Expansion der Flotte engagierte. Auch wenn es damals nur von Wenigen realisiert worden war, markierte das Jahr 1905 einen Wendepunkt: Eine Auseinandersetzung zwischen zwei Großmächten führte zu einem Großkrieg, und der Krieg führte seinerseits zur ersten massiven revolutionären Welle der Arbeiterklasse.

Bei dem Krieg zwischen Russland und Japan, der 1904 begonnen hatte, ging es um die Kontrolle über koreanische Halbinsel. Russland erlitt eine schmachvolle Niederlage, und die Streiks im Januar 1905 waren eine direkte Reaktion gegen die Auswirkungen des Krieges. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein ganzes Land von einer gigantischen Welle von Massenstreiks geschüttelt. Das Phänomen beschränkte sich nicht allein auf Russland. Wenngleich nicht so massiv und vor einem anderen Hintergrund und anderen Forderungen, brachen ähnliche Streikbewegungen in einer Reihe anderer europäischer Länder aus: 1902 in Belgien, 1903 in den Niederlanden, 1905 im Ruhrgebiet in Deutschland. Auch in den Vereinigten Staaten fand zwischen 1900 und 1906 (besonders in den Kohlebergwerken Pennsylvanias) eine Anzahl von massiven, wilden Streiks statt. In Deutschland hatte Rosa Luxemburg sowohl als revolutionäre Agitatorin als auch als Journalistin für die deutsche Partei und Mitglied des Zentralkomitees der SDKPiL[71] die Kämpfe in Russland und Polen aufmerksam verfolgt.[72] Im Dezember 1905 meinte sie, dass sie nicht mehr als bloße Beobachterin in Deutschland bleiben könne, und brach nach Polen auf, um sich direkt an der Bewegung zu beteiligen. Eng in den laufenden Prozess des Klassenkampfes und der revolutionären Agitation eingebunden, erlebte sie die sich neu entfaltende Dynamik der Massenstrikes aus erster Hand.[73] Zusammen mit anderen revolutionären Kräften begann sie die Lehren daraus zu ziehen. Zur gleichen Zeit, als Trotzki sein berühmtes Buch über 1905 schrieb, in dem er die Rolle der Arbeiterräte hervorhob, betonte Luxemburg in ihrem Text Massenstreik, Partei und Gewerkschaften[74] die historische Bedeutung der „Geburt des Massenstreiks“ und ihre Konsequenzen für die internationale Arbeiterklasse. Ihr Text über den Massenstreik war ein erster programmatischer Text der linken Strömungen in der 2. Internationalen, der beabsichtigte, die breiteren Lehren zu ziehen und die Bedeutung autonomer Massenaktionen der Arbeiterklasse zu betonen.[75]

Luxemburgs Theorie des Massenstreiks richtete sich komplett gegen die Vision des Klassenkampfes, so wie sie allgemein in Partei und Gewerkschaften akzeptiert war. Für Letztere war der Klassenkampf fast wie ein Kriegszug, in dem die Konfrontation nur gesucht wurde, sobald die Armee eine überwältigende Stärke aufgebaut hat, während die Partei- und Gewerkschaftsführung als ein Generalstab agieren sollte, auf dessen Befehl die Arbeitermassen manövrieren. Dies war weit weg von Luxemburgs Insistieren auf die kreative Selbstaktivität der Massen; jegliche Vorstellung, dass die ArbeiterInnen unabhängig von der Führung handeln könnten, war ein Gräuel für die Gewerkschaftsbosse, die 1905 sich zum ersten Mal mit der Aussicht konfrontiert sahen, von genau solch einer massiven Welle von autonomen Kämpfen überrannt zu werden. Die Reaktion des rechten Flügels der SPD und der Gewerkschaftsführung war einfach, jegliche Diskussion über dieses Thema zu unterbinden. Auf dem Gewerkschaftskongress in Köln im Mai 1905 lehnten sie jegliche Diskussion über den Massenstreik als „verwerflich“[76] ab und fuhren fort: „Der Kölner Gewerkschaftskongress hatte ja im Jahre 1905 die „Propagierung des Massenstreiks“ in Deutschland untersagt.“. Dies kündigte die Kooperation zwischen der herrschenden Klasse auf der einen und der SPD sowie der Gewerkschaften auf der anderen Seite im Kampf gegen die Revolution an.

Die deutsche Bourgeoisie hatte ebenfalls die Bewegung aufmerksam verfolgt und wollte vor allem die deutschen ArbeiterInnen daran hindern, „das russische Beispiel zu kopieren“. Wegen ihrer Rede über den Massenstreik auf dem SPD-Parteitag in Jena 1905 wurde Rosa Luxemburg der „Aufreizung zur Gewalttätigkeit“ beschuldigt und zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. In der Zwischenzeit versuchte Kautsky die Bedeutung der Massenstreiks  herunterzuspielen, indem er darauf bestand, dass sie vor allen Dingen ein Produkt primitiver Bedingungen in Russland seien, die nicht auf ein fortentwickeltes Land wie Deutschland angewandt werden könnten. Er „gebraucht die Bezeichnung russische Methode“ als Inbegriff der Unorganisiertheit, der Primitivität, des Chaotischen und Wildem im Vorgehen.“[77] In seinem Buch Der Weg zur Macht behauptete Kautsky, dass „Massenaktionen eine überholte Strategie des Umsturzes“ seien  und setzte ihr seine „Ermattungsstrategie“ entgegen.[78]

Die Massenpartei gegen den Massenstreik

Kautsky weigerte sich, den Massenstreik als eine Perspektive für die Arbeiterklasse überall auf der Welt anzuerkennen und griff Luxemburgs Position dergestalt an, als sei sie bloß eine persönliche Laune. Kautsky schrieb an Luxemburg: „Ich habe nicht die Zeit, Dir die Gründe, die Marx und Engels, Bebel und Liebknecht als stichhaltig anerkannten, auseinanderzusetzen. Genug, was du willst, ist eine völlig neue Agitation, die bisher stets abgelehnt worden war. Diese neue Agitation ist aber der Art, dass es nicht gut angeht, sie öffentlich zu diskutieren. Du würdest mit Deinem Artikel auf eigene Faust, als einzelne Person, eine völlig neue Agitation und Aktion proklamieren, die die Partei stets verworfen hat. In dieser Weise können und dürfen wir nicht vorgehen. Eine einzelne Persönlichkeit, wie hoch sie stehen mag, darf nicht auf eigene Faust ein Fait accompli schaffen, das für die Partei unabsehbare Folgen haben kann.“[79]

Luxemburg lehnte den Versuch ab, die Analyse und Bedeutung des Massenstreiks als eine „persönliche Politik“ darzustellen.[80]

Selbst wenn Revolutionäre die Existenz unterschiedlicher Bedingungen in verschiedenen Ländern zur Kenntnis nehmen müssen, müssen sie vor allem die globale Dynamik wechselnder Bedingungen des Klassenkampfes begreifen, insbesondere jene Tendenzen, die Vorboten der Zukunft sind. Kautsky widersetzte sich den „russischen Erfahrungen“, seien sie doch ein Ausdruck der Rückständigkeit Russlands, verweigerte damit indirekt die internationale Solidarität und verbreitete einen Standpunkt, der durchtränkt war mit nationalen Vorurteilen, die vorgeben, dass die ArbeiterInnen in Deutschland mit ihren mächtigen Gewerkschaften fortgeschrittener und ihre Methoden „überlegen“ seien… d.h. zu einer Zeit, als die Gewerkschaftsführung  bereits den Massenstreik und die autonome Aktion blockierte! Und als Luxemburg wegen ihrer Propagierung des Massenstreiks ins Gefängnis gesteckt wurde, zeigten Kautsky und seine Anhänger kein Anzeichen von Entrüstung und protestierten nicht.

Luxemburg, die durch solche Zensurversuche nicht mundtot gemacht werden konnte, warf der Parteiführung vor, ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Wahlvorbereitungen zu richten.

„[Will] der  ‚Vorwärts‘ mit einem Delirium der Freude über unsre jetzigen und künftigen Reichstagswahlsiege betäuben? Glaubt der ‚Vorwärts‘ im Ernst, dass der geistigen Vertiefung der breiten Parteikreise mit dieser ewigen Hurrastimmung über Reichstagswahlsiege schon ein, vielleicht anderthalb Jahre vor den Reichstagswahlen sowie durch Erstickung aller Selbstkritik in der Partei ein Dienst erwiesen wird?[81]

Neben Rosa Luxemburg war Anton Pannekoek der vernehmbarste Kritiker von Kautskys „Ermattungsstrategie“. In seinem Buch „Taktische Differenzen in der Arbeiterbewegung“[82] unternahm Pannekoek eine systematische und fundamentale Kritik an den „alten Werkzeugen“ des Parlamentarismus und des Gewerkschaftskampfes. Pannekoek sollte ebenfalls Opfer der Zensur und Repression innerhalb der Sozialdemokratie und des Gewerkschaftsapparates werden und verlor infolgedessen seinen Job als Parteilehrer. Sowohl Luxemburgs als auch Pannekoeks Artikel wurden zunehmend von der Parteipresse zensiert. Im November 1911 weigerte sich Kautsky zum ersten Mal, einen Artikel von Pannekoek in Neue Zeit zu veröffentlichen.[83]

So zwangen die Massenstreiks von 1905 die SPD-Führung, ihr wahres Gesicht zu zeigen und sich jeglicher Mobilisierung der Arbeiter zu widersetzen, die die „russischen Erfahrungen“ aufzugreifen versuchten. Schon Jahre vor der Entfesselung des Krieges war die Gewerkschaftsführung zu einem Bollwerk für den Kapitalismus geworden. Unter dem Vorwand, die unterschiedlichen Bedingungen des Klassenkampfes zu berücksichtigen, wurden diese in Wahrheit dazu benutzt, internationale Solidarität abzulehnen, wobei die rechten Kräfte in der Sozialdemokratie versuchten, Ängste und selbst nationale Ressentiments gegen den „russischen Radikalismus“ zu schüren. Dies wurde zu einer wichtigen ideologischen Waffe in dem Krieg, der einige Jahre später begann. So wurde nach 1905 das Zentrum, das bisher hin und her geschwankt hatte, allmählich immer mehr zur Rechten gezogen. Die Unfähigkeit und der Unwille des Zentrums, den Kampf der Linken in der Partei zu unterstützen, bedeuteten, dass die Linke immer isolierter innerhalb der Partei wurde. Wie Luxemburg hervorhob: Der wirkliche Effekt des Auftretens des Genossen Kautsky ist also nur der, dass er eine theoretische Schirmwand für die Elemente in der Partei und in den Gewerkschaften geliefert hat, die sich bei der weiteren rücksichtslosen Entfaltung der Massenbewegung unbehaglich fühlen, sie im Zaume halten und sich am liebsten so schnell wie möglich auf die alten bequemen Bahnen des parlamentarischen und gewerkschaftlichen Alltags zurückziehen möchten. Indem Genosse Kautsky unter Berufung auf Engels und den Marxismus diesen Elementen für ihr Vorgehen eine Gewissensberuhigung gebracht hat, hat er zugleich ein Mittel geliefert, um derselben Demonstrationsbewegung wieder für die nächste Zeit das Genick zu brechen, die er immer machtvoller gestalten möchte.”[84]

Die Kriegsgefahr und die Internationale

Der Stuttgarter Kongress  der Internationalen im Jahr 1907 versuchte, die Lehren aus dem Russisch-japanischen Krieg zu ziehen und das Gewicht der organisierten Arbeiterklasse gegen die wachsende Kriegsgefahr in die Waagschale zu werfen. Etwa 60.000 Menschen nahmen an einer Demonstration teil – mit Rednern aus mehr als einem Dutzend Länder, die vor der Kriegsgefahr warnten. August Bebel schlug eine Resolution gegen die Kriegsgefahr vor, die die Frage des Militarismus als integralen Bestandteil des Kapitalismus umging und mit keinem Wort den Kampf der ArbeiterInnen in Russland gegen den Krieg erwähnte. Die deutsche Partei beabsichtigte, sich nicht an irgendwelchen Rezepte bezüglich ihres Tuns im Falle eines Krieges zu binden, vor allem nicht in Form eines Generalstreiks. Lenin, Luxemburg und Martow schlugen gemeinsam einen robusteren Änderungsantrag zur Resolution vor: „Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind in den beteiligten Ländern die Arbeiter und ihre parlamentarischen Vertreter verpflichtet, alles aufzubieten, um den Ausbruch des Krieges durch Anwendung entsprechender Mittel zu verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der allgemeinen politischen Situation naturgemäß ändern und steigern. Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, sind sie verpflichtet, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, um die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufrüttelung der Volksschichten und zur Beschleunigung des Sturzes der kapitalistischen Klassenherrschaft auszunutzen.“[85] Der Stuttgarter Kongress stimmte einstimmig für diese Resolution, doch anschließend versagte die Mehrheit der 2. Internationalen darin, ihren Widerstand gegen die wachsenden Kriegsvorbereitungen zu stärken. Der Stuttgarter Kongress ging in die Geschichte ein als ein  Beispiel verbaler Deklarationen ohne Taten der meisten der anwesenden Parteien.[86] Doch er war ein wichtiger Moment der Kooperation unter den linken Strömungen, die trotz ihrer Differenzen in vielen anderen Fragen in der Frage des Krieges gemeinsam Stellung bezogen.

Im Februar 1907 veröffentlichte Karl Liebknecht sein Buch Militarismus und Anti-Militarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung, in dem er insbesondere die Rolle des deutschen Militarismus anprangerte. Im Oktober 1907 wurde er zu 18 Monaten Gefängnis wegen Hochverrats verurteilt. Noch im gleichen Jahr erklärte eine führende Figur der Rechten in der SPD, Noske, in einer Rede vor dem Reichstag, dass im Falle eines „Verteidigungskrieges“ die Sozialdemokratie die Regierung unterstützen würde und „Unsere Stellung zum Militärwesen ist gegeben durch unsere Auffassung des Nationalitätenprinzips. Wir fordern die Unabhängigkeit jeder Nation. Aber das bedingt, dass wir auch Wert darauf legen, dass die Unabhängigkeit des deutschen Volkes gewahrt wird. Wir sind selbstverständlich der Meinung, dass es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist, dafür zu sorgen, dass das deutsche Volk nicht etwa von irgendeinem anderen Volk an die Wand gedrückt wird.“[87] Es war derselbe Noske, der 1918 zum Bluthund der von der SPD geleiteten Repression gegen die ArbeiterInnen werden sollte.

Den Internationalismus um des Wahlerfolgs willen verschleudern

1911 provozierte die Entsendung des deutschen Zerstörers Panther nach Agadir die zweite Marokko-Krise mit Frankreich. Die SPD-Führung schwor jeglicher antimilitaristischen Aktion ab, um ihren Erfolg bei den anstehenden Wahlen von 1912 nicht zu gefährden. Als Luxemburg dieses Verhalten anprangerte, beschuldigte die SPD-Führung sie, Parteigeheimnisse verraten zu haben. Im August 1911, nach langem Zögern und Versuchen, die Frage zu vermeiden, verteilte die Parteiführung ein Flugblatt, was ein Protest gegen die Marokko-Politik des deutschen Imperialismus sein sollte. Der Inhalt des Flugblatts wurde von Luxemburg in ihrem Artikel „Unser Flugblatt über Marokko“ scharf kritisiert,[88] wobei sie sich nicht bewusst darüber war, dass der Autor des Flugblatts Kautsky war. Kautsky antwortete mit einer personalisierten Attacke. Luxemburg schlug zurück: Kautsky, sagte sie, habe ihre Kritik dargestellt als „hämischer, hinterhältiger Angriff auf seine (Kautskys) Person (…) Den Mut, um jemand nicht offen, Auge in Auge zu kritisieren oder zu bekämpfen, wird mir Genosse Kautsky schwerlich bestreiten. Ich habe noch nie einen Menschen aus dem Hinterhalt angegriffen und weise die Vermutung des Genossen Kautsky, als hätte ich um ihn als den Verfasser gewusst und ihn, ohne ihn zu nennen, treffen wollen, mit den gebührenden Gefühlen zurück. (…) Aber ich hätte mich wohl gehütet, ohne dringende Not mich in eine Polemik mit einem Genossen zu stürzen, der mit dieser Reizbarkeit, mit dieser Flut persönlicher Heftigkeiten, Bitterkeiten und Verdächtigungen auf eine streng sachliche, wenn noch so scharfe Kritik antwortet, der hinter jedem Wort eine persönliche gehässige Absicht wittert.[89] Auf dem Jenaer Parteitag im September 1911 ließ die Parteiführung eine besondere Broschüre gegen Rosa Luxemburg zirkulieren, die voller Angriffe gegen sie war und die Beschuldigung, die Indiskretion  gebrochen und das Internationale Sozialistische Büro der 2. Internationalen über die interne SPD-Korrespondenz informiert zu haben.

Kautskys Desertion vom Kampf gegen den Krieg

Obgleich Kautsky in seinem Buch Der Weg zur Macht (1909) davor warnte, dass Der Weltkrieg wird nun in bedrohlichste Nähe gerückt;, sagte er 1911 voraus, dass, wäre der Krieg einmal ausgebrochen,  „jeder wird zu einem Patrioten werden“.  Und dass, wenn die Sozialdemokratie sich dazu entschließe, gegen die Strömung zu schwimmen, sie vom rasenden Mob zerrissen werden würde. Er setzte seine Friedenshoffnungen in die „Länder, die die europäische Zivilisation repräsentieren“ und die Vereinigten Staaten von Europa bilden könnten. Gleichzeitig begann er seine Theorie des „Super-Imperialismus“ zu entwickeln; die Idee zugrunde lag die Vorstellung, dass der imperialistische Konflikt keine unvermeidliche Konsequenz der kapitalistischen Expansion sei, sondern lediglich eine „Politik“, die aufgeklärte kapitalistische Staaten wählen oder ablehnen können. Kautsky dachte bereits, dass der Krieg die Klassenwidersprüche in den Hintergrund drängen würde und die Massenaktion des Proletariats zum Scheitern verurteilt sei, dass – wie er sagte, als der Krieg ausgebrochen war – die Internationale lediglich gut für Friedenszeiten sei. Dieses Verhalten – sich der Kriegsgefahr voll bewusst zu sein, aber sich dem vorherrschenden nationalistischen Druck zu beugen und vor einem entschlossenen Kampf zurückzuscheuen – entwaffnete die Arbeiterklasse und ebnete den Weg für den Verrat an den Interessen des Proletariats. So verharmloste Kautsky einerseits in seiner Theorie des „Super-Imperialismus“ die wirkliche Explosivität der imperialistischen Spannungen herab und scheiterte somit völlig, die Entschlossenheit der herrschenden Klasse, sich auf einen Krieg vorzubereiten, wahrzunehmen, während er andererseits aus Angst um den Wahlerfolg der SPD der nationalistischen Ideologie der Regierung (und in wachsender Weise des rechten Flügels in der SPD) nachgab, statt sie zu konfrontieren. Sein Rückgrat, sein Kampfgeist hatten ihn verlassen.

Als eine entschlossene Anprangerung der Kriegsvorbereitungen vonnöten war und während der linke Flügel sein Bestes gab, um Antikriegstreffen zu organisieren, die Tausende anzogen, mobilisierte die SPD-Führung bis an die Grenzen des Möglichen für die anstehenden Parlamentswahlen 1912. Luxemburg prangerte das selbst aufgezwungene Schweigen über die Kriegsgefahr als einen opportunistischen Versuch an, mehr Parlamentssitze zu erzielen, den Internationalismus zu opfern, um mehr Stimmen zu erringen.

1912 veranlasste die Bedrohung des Friedens, die vom zweiten Balkankrieg ausging, den ISB dazu, einen außerordentlichen Internationalen Kongress zu organisieren, der in Basel, Schweiz, mit dem besonderen Ziel abgehalten wurde, die internationale Arbeiterklasse gegen die akute Kriegsgefahr zu mobilisieren. Luxemburg kritisierte die Tatsache, dass die deutsche Partei den Gewerkschaften, die ein paar zurückhaltende Proteste organisierten und ansonsten argumentierten, dass die Partei als politisches Organ nicht mehr zu tun habe, als Lippenbekenntnisse zur Anprangerung des Krieges abzulegen, lediglich hinterherlief. Während einige Parteien in anderen Ländern energischer reagiert hatten, hatte sich die SPD, die größte Arbeiterpartei in der Welt, im Wesentlichen aus der Agitation zurückgezogen und auf die Mobilisierung weiterer Proteste verzichtet. Der Baseler Kongress, der einmal mehr mit einer Großdemonstration und Friedensappellen endete, übertünchte eigentlich die Fäulnis und den bevorstehenden Verrat durch viele ihrer Mitgliedsparteien.

Am 3. Juni 1913 stimmte die SPD-Reichstagsfraktion für eine militärische Sondersteuer: 37 SPD-Abgeordnete, die sich diesem Votum widersetzt hatten, wurden mit dem Mittel  der Fraktionsdisziplin zum Schweigen gebracht. Der offene Bruch mit dem vorherigen Motto: diesem System keinen Mann und keinen Groschen“ bereitete das Votum der Reichstagsfraktion für die Kriegskredite im August 1914 vor.[90] Der moralische Niedergang der Partei wurde auch durch Bebels Reaktion offenbart. 1870/71 hatte sich August Bebel – zusammen mit Wilhelm Liebknecht (Karl Liebknechts Vater) – durch seine entschlossene Opposition gegen den Deutsch-Französischen Krieg ausgezeichnet. Nun, vier Jahrzehnte später, versagte Bebel darin, resoluten Widerstand gegen die Kriegsgefahr zu leisten.[91]

Es wurde zunehmend deutlicher, dass nicht nur die Rechte sich anschickte, offenen Verrat zu begehen, sondern auch dass die schwankenden Zentristen all ihren Kampfgeist verloren hatten und es ihnen nicht gelingen sollte, den Kriegsvorbereitungen auf entschlossene Weise entgegenzutreten. Das Verhalten des berühmtesten Repräsentanten des „Zentrums“, Kautsky, dem zufolge die Partei ihre Position in der Kriegsfrage entsprechend den Reaktionen der Bevölkerung (passive Unterordnung, wenn die Mehrheit des Landes  dem Nationalismus zuneigt, oder ein entschlossener Widerstand, wenn es eine wachsende Opposition gegen den Krieg gibt) anpassen soll, wurde mit der Gefahr „der eigenen Isolation gegenüber der Hauptmasse der Partei“ gerechtfertigt. Als nach 1910 die Strömung um Kautsky behauptete, das „marxistische Zentrum“ im Gegensatz zur (extremistischen, radikalen, unmarxistischen) Linken zu sein, bezeichnete Luxemburg dieses „Zentrum“ als Repräsentant der Feigheit, der Vorsichtigkeit und des Konservatismus.

Ihre Desertion vom Kampf, ihre Unfähigkeit, der Rechten entgegenzutreten und der Linken in ihrem entschlossenen Kampf zu folgen, half mit bei der Entwaffnung der ArbeiterInnen. So war der Verrat vom August 1914 durch Parteiführung keine Überraschung; er wurde Stück für Stück vorbereitet. Die Unterstützung des deutschen Imperialismus wurde in etlichen Abstimmungen im Parlament zur Unterstützung der Kriegskredite, in den Bemühungen, jeglichen Protest gegen den Krieg zu zügeln, in der ganzen Parteinahme für den deutschen Imperialismus und in der Ankettung der Arbeiterklasse an Nationalismus und Patriotismus greifbar. Die Linke mundtot zu machen war ausschlaggebend bei der Preisgabe des Internationalismus und bereitete die Repression gegen die Revolutionäre 1919 vor.

Geblendet von Zahlen

Während die SPD-Führung ihre Aktivitäten auf Parlamentswahlen konzentriert hatte, war die Partei selbst am Wahlerfolg gebunden und verlor das Endziel der Arbeiterbewegung aus den Augen. Die Partei bejubelte den scheinbar ununterbrochenen Zuwachs an Wählerstimmen, an Abgeordneten und an Lesern der Parteipresse. Der Zugewinn war in der Tat beeindruckend: 1907 hatte die SPD 530.000 Mitglieder; um 1913 hatte sich die Zahl auf 1.1 Millionen fast verdoppelt. Eigentlich war die SPD die einzige Massenpartei der 2. Internationalen und die größte einzelne Partei in Europa. Dieses numerische Wachstum erzeugte die Illusion einer großen Stärke. Selbst Lenin war bemerkenswert unkritisch gegenüber den „beeindruckenden Zahlen“ von Mitgliedern, Wählern und dem Einfluss der Partei.[92]

Obwohl es unmöglich ist, eine schematische Beziehung zwischen politischer Unnachgiebigkeit und Wahlergebnissen herzustellen, führten die Wahlen von 1907, als die SPD die barbarische Repression des deutschen Imperialismus gegen den Herero-Aufstand in Südwestafrika noch verurteilt hatte, zu einem „Rückschlag“, als die SPD 38 Parlamentssitze verlor und „nur“ noch 43 Sitze übrigblieben. Trotz der Tatsache, dass der Anteil der SPD an den Gesamtstimmen faktisch gestiegen war, bedeutete dieser Rückschlag in den Augen der Parteiführung, dass die Partei vom Wähler und vor allem von den Wählern aus dem Kleinbürgertum wegen der Anprangerung des deutschen Imperialismus abgestraft worden sei. Die Schlussfolgerung, die sie zogen, lautete: Die SPD müsse vermeiden, sich zu schroff gegen Imperialismus und Nationalismus zu wenden, da dies Wählerstimmen koste. Stattdessen sollte die Partei alle ihre Kräfte auf die Kampagne für die nächsten Wahlen konzentrieren, selbst wenn dies bedeutete, ihre Diskussionen zu zensieren und alles zu vermeiden, was ihrem Wahlergebnis schaden könnte. Bei den Wahlen 1912 erzielte die Partei 4,2 Millionen Stimmen (38,5% aller abgegebenen Stimmen) und gewann 110 Sitze. Sie war zur größten einzelnen parlamentarischen Gruppierung geworden, jedoch nur indem der Internationalismus und die Prinzipien der Arbeiterklasse begraben wurden. In den lokalen Parlamenten hatte sie mehr als 11.000 Abgeordnete. Die SPD konnte 91 Zeitungen und 1,5 Millionen Abonnenten vorweisen. Bei den Wahlen von 1912 ging die Integration der SPD in das Spiel der parlamentarischen Politik noch einen Schritt weiter, als sie zum Vorteil der Freiheitlichen Volkspartei Abgeordnete aus etlichen Wahlbezirken zurückzog, obwohl diese Partei bedingungslos die Politik des deutschen Imperialismus unterstützte. Mittlerweile unterstützten die Sozialistischen Monatshefte (im Prinzip keine Parteipublikation, doch im Endeffekt das theoretische Organ der Revisionisten) offen die Kolonialpolitik Deutschlands und die Ansprüche des deutschen Imperialismus auf eine Neuaufteilung der Kolonien.

Allmähliche Integration in den Staat

Tatsächlich ging die volle Mobilisierung der Partei für die Parlamentswahlen Hand in Hand mit ihrer allmählichen Integration in den Staatsapparat. Die indirekte Zustimmung zum Etat im Juli 1910,[93] die wachsende Kooperation mit bürgerlichen Parteien (die bis dahin ein kein Thema gewesen war), wie der Verzicht auf die Nominierung eigener Kandidaten, um die Wahl von Abgeordneten der bürgerlichen Freiheitlichen Volkspartei zu ermöglichen, die Nominierung eines Kandidaten für die Bürgermeisterwahlen in Stuttgart – dies waren einige der Schritte der SPD auf dem Weg zur direkten Beteiligung an der Leitung der staatlichen Administration.

Dieser ganze Trend in Richtung einer zunehmenden Vernetzung der Parlamentsaktivitäten der SPD und ihre Identifizierung mit dem Staat wurde von der Linken gegeißelt, insbesondere von Anton Pannekoek und Luxemburg. Pannekoek widmete ein ganzes Buch den Taktischen Differenzen in der Arbeiterbewegung. Luxemburg, die äußerst alarmiert war wegen der erstickenden Effekte des Parlamentarismus, drängte auf die Initiative und Aktion der Basis: Aber der ideale Parteivorstand wird nichts ausrichten können, wird unwillkürlich im bürokratischen Schlendrian  versinken, wenn die natürliche Quelle seiner Tatkraft, der Wille der Partei, sich nicht bemerkbar macht, wenn der kritische Gedanke, die eigene Initiative der Parteimasse schläft. Ja noch mehr. Ist die eigne Energie, das selbständige geistige Leben der Parteimasse nicht rege genug, dann haben ihre Zentralbehörden den ganz natürlich Hang dazu, nicht bloß bürokratisch zu verrosten, sondern auch eine völlig verkehrte Vorstellung von der eignen amtlichen Autorität und Machtstellung gegenüber der Partei zu bekommen. Als frischer Beweis kann der jüngste sogenannte ‚Geheimerlass‘ unsres Parteivorstandes an die Parteiredaktionen dienen, ein Versuch der Bevormundung der Parteipresse, der nicht scharf genug zurückgewiesen werden kann. Aber auch hier gilt es sich wieder klarzumachen: Gegen Schlendrian wie gegenüber übermäßige Machtillusionen der Zentralbehörden der Arbeiterbewegung gibt es kein andres Mittel als die eigene Initiative, eigne Gedankenarbeit, eignes frisch pulsierendes politisches Leben der großen Parteimasse.“[94] In der Tat beharrte Luxemburg ständig auf die Notwendigkeit, dass die Masse der Parteimitglieder „aufwacht“ und ihre Verantwortung gegen die degenerierende Parteiführung wahrnimmt. Die großen Massen müssen sich in einer ihnen eignen Weise betätigen, ihre Massenenergie, ihre Tatkraft entfalten können, sie müssen sich selbst als Masse rühren, handeln, Leidenschaft, Mut und Entschlossenheit entwickeln.[95]

Jeder Schritt vorwärts im Emanzipationskampfe der Arbeiterklasse muss zugleich eine wachsende geistige Verselbständigung ihrer Masse, ihre wachsende Selbstbestätigung, Selbstbestimmung und Initiative bedeuten (…) Die Hauptsache für eine normale Entwicklung des politischen Lebens in der Partei, die Lebensfrage der Sozialdemokratie beruht somit darauf, dass der politische Gedanke und der Wille der Masse der Partei stets wach und tätig bleiben, dass sie sie in steigendem Maße zur Aktivität befähigen(…)

Wir haben freilich den jährlichen Parteitag als oberste Instanz, die den Willen der Gesamtpartei periodisch fixiert. Aber es ist klar, dass die Parteitage nur große allgemeine Richtlinien der Taktik für den Kampf der Sozialdemokratie geben können. Die Anwendung dieser Richtlinien in der Praxis erfordert eine ständige, unermüdliche Gedankenarbeit, Schlagfertigkeit und Initiative. (…) Diese ganze Aufgabe der täglichen politischen Wachsamkeit und Initiative einem Parteivorstand zuschieben zu wollen, auf dessen Kommando die bald millionenköpfige Parteiorganisation passiv wartet, ist das Verkehrteste, was es gibt, vom Standpunkt des proletarischen Klassenkampfes. Das ist zweifellos jener verwerfliche ‚Kadavergehorsam‘, den unsere Opportunisten durchaus in der selbstverständlichen Unterordnung aller unter die Beschlüsse der Gesamtpartei suchen wollen.“.[96]

Fraktionsdisziplin erdrosselt individuelle Verantwortung

Am 4. August 1914 stimmte die parlamentarische Fraktion der SPD einmütig für die Kriegskredite. Die Parteiführung und die Parlamentsfraktion hatten „Fraktionsdisziplin“ eingefordert. Die Zensur (staatliche Zensur oder Selbstzensur?) und eine falsche Einheit der Partei folgten ihrer eigenen Logik, dem genauen Gegenteil von persönlicher Verantwortung. Der Degenerationsprozess bedeutete, dass die Fähigkeit zum kritischen Denken und Widerstand gegen die falsche Parteieinheit aufgezehrt war. Die moralischen Werte der Partei wurden auf dem Altar des Kapitals geopfert. Im Namen der Parteidisziplin forderte die Partei die Aufgabe des proletarischen Internationalismus. Karl Liebknecht, dessen Vater es gewagt hatte, eine Unterstützung der Kriegskredite im Jahr 1870 abzulehnen, beugte sich nun dem Druck durch die Partei. Erst einige Wochen später, im Anschluss an eine erste Neugruppierung von Genossen, die dem Internationalismus treu geblieben waren, wagte er es, offen seine Ablehnung der Kriegsmobilisierung durch die SPD-Führung zum Ausdruck zu geben. Doch das Votum der SPD für die Kriegskredite hatte eine Lawine von Demutsgesten gegenüber dem Nationalismus in anderen europäischen Ländern ausgelöst. Mit dem Verrat der SPD unterzeichnete die 2. Internationale ihren eigenen Hinrichtungsbefehl und löste sich auf.

Der Aufstieg der opportunistischen und revisionistischen Strömung, die am deutlichsten in den größten Parteien der 2. Internationalen auftauchte und die das Ziel des Sturzes der kapitalistischen Gesellschaft preisgab, bedeutete, dass das proletarische Leben, der Kampfgeist und die moralische Empörung aus der SPD oder zumindest aus den Reihen ihrer Führung und ihrer Bürokratie gewichen waren. Gleichzeitig war dieser Prozess untrennbar verknüpft mit der programmatischen Degeneration der SPD, was in ihrer Weigerung, die neuen Waffen des Klassenkampfes, den Massenstreik und die Selbstorganisation der ArbeiterInnen, anzuwenden, und in der allmählichen Preisgabe des Internationalismus sichtbar wurde. Der Degenerationsprozess der deutschen Sozialdemokratie, der kein isoliertes Phänomen in der 2. Internationalen war, führte 1914 zu ihrem Verrat. Zum ersten Mal hatte eine politische Organisation der ArbeiterInnen nicht nur die Interessen der Arbeiterklasse verraten, sie wurde darüber hinaus zu einer der wirksamsten Waffen in den Händen der kapitalistischen Klasse, um den Krieg zu entfesseln und die Arbeiterrevolte gegen den Krieg zu zerschmettern. Die Lehren aus der Degeneration der Sozialdemokratie bleiben somit kreuzwichtig für die heutigen Revolutionäre.

Heinrich/Jens

 

 

 

[1] Mit 38,5% der Stimmen errang die SPD 110 Sitze im Reichstag.

[2] Karl Kautsky wurde 1854 in Prag geboren; sein Vater war ein Bühnenbildner und seine Mutter eine Schauspielerin und Schriftstellerin. Die Familie zog nach Wien, als Kautsky sieben Jahre alt war. Er studierte an der Wiener Universität und schloss sich 1875 der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) an. 1880 hielt er sich in Zürich auf und leistete Hilfsdienste beim Schmuggel sozialistischer Literatur nach Deutschland.

[3] August Bebel wurde 1840 in einem heutigen Außenbezirk von Köln geboren. Mit 13 Vollwaise geworden, ging er bei einem Zimmermann in die Lehre und reiste als junger Mann ausgiebig durch Deutschland. Er traf 1865 Wilhelm Liebknecht und war sofort beeindruckt über Liebknechts internationale Erfahrung; in seiner Autobiographie erinnert sich Bebel: „Donnerwetter, von dem kann man was lernen“ (Bebel, Aus meinem Leben, Berlin 1946, zitiert in: James Joll, The Second International). Gemeinsam mit Liebknecht wurde Bebel einer der herausragenden Führer in den frühen Jahren der deutschen Sozialdemokratie.

[4] Dies wird deutlich sichtbar in Lenins Ein  Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, wo er sich mit der Krise in der RSDAP 1903 befasste. Auf die Zukunft der Menschewiki angesprochen, schreibt er: “Die Mentalität des Zirkelwesens und einer erstaunlichen Unreife in Parteidingen, die außerstande ist, den frischen Wind in aller Öffentlichkeit geführter Diskussionen zu ertragen, offenbarte sich hier anschaulich (…) Man stelle sich bloß vor, dass in der deutschen Partei solch ein Unsinn, ein solches Gezänk möglich wäre wie die Beschwerde über eine „falsche Beschuldigung des Opportunismus“! Proletarische Organisation und Disziplin haben dort längst mit der intelligenzlerischen Waschlappigkeit Schluss gemacht (…) Nur das verknöchertste Zirkelwesen mit seiner Logik: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag‘ ich dir den Schädel ein, konnte wegen einer gegen die Mehrheit der Gruppe “Befreiung der Arbeit“ erhobenen „falschen Beschuldigung des Opportunismus“ zu Hysterie, Gezänk und Parteispaltung führen.“ (Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, j) Die unschuldigen Opfer der falschen Beschuldigung des Opportunismus)

[5] Rosa Luxemburg, Die Krise der deutschen Sozialdemokratie (besser bekannt als Junius-Broschüre), Kapitel 1, in Gesammelte Werke, Band 4, S. 55.  Luxemburgs Broschüre ist eine wichtige Lektüre für jeden, der die grundlegenden Ursachen des Ersten Weltkriegs zu begreifen versucht.

[6] Ebenda, S. 55

[7] Das Zentralorgan der SPD.

[8] Auch bekannt als die Eisenacher Partei, benannt nach der Stadt ihrer Gründung.

[9] 9) Marx, Erste Adresse des Generalrats der IAA über den Bürgerkrieg in Frankreich, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1870/07/23-adrs1.htm

[10] Eine ähnliche Tendenz überlebte im französischen Sozialismus aus Nostalgie für das Programm der „Nationalwerkstätten“, die der revolutionären Bewegung 1848 gefolgt war.

[11] Vgl. Toni Offermann in Between reform and revolution: German socialism and communism from 1840 to 1990, Berghahn Books, 1998, S. 96.

[12] Es ist heute bekannt unter dem Titel: Kritik des Gothaer Programms.

[13] Marx an Bracke, 5. Mai 1875, MEW 34, S. 137

[14] Engels an Bebel, März 1875, MEW 34, S. 126 ff.

[15] Zitiert in: Georges Haupt, Aspects of international socialism 1871-1914, Cambridge University Press&Editions de la Maison des Sciences de l’Homme.

[16] Die parlamentarische Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 geschah somit in klarer Vergewaltigung der Statuten und Parteitagsbeschlüsse der SPD, wie Rosa Luxemburg betonte.

 

[17] Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs, Marx-Engels-Werke, Bd. 22, Berlin 1963, S. 233–235.

[18] Jedoch sollte nicht vergessen werden, dass die russische Autokratie extremer war: Der russische Pendant zum Reichstag, die Staatsduma, wurde erst unter dem Druck der revolutionären Bewegung von 1905 einberufen.

[19] Vgl. JP Nettls bemerkenswerte Biographie über Rosa Luxemburg, S. 81 (Schocken Paperback edition der Kurzfassung der Oxford University Press 1969, mit einem einleitenden Essay von Hannah Arendt). In diesem Artikel haben wir sowohl aus der gekürzten als auch aus der ungekürzten Fassung zitiert.

[20] Es ist bedeutsam, dass, während die Partei den rechten Reformismus tolerierte, die „Jungen“, die vehement die Gewichtsverlagerung zum Parlamentarismus kritisierten, auf dem Erfurter Parteitag aus der Partei ausgeschlossen wurden. Es ist richtig, dass diese Gruppe im Wesentlichen eine intellektuelle und literarische Opposition mit anarchistischen Tendenzen (eine Reihe ihrer Mitglieder schlitterte nach dem Verlassen der SPD in den Anarchismus) war. Es ist dennoch kennzeichnend, dass die Partei viel schroffer auf eine Kritik durch die Linke reagierte als auf die durch und durch opportunistische Praxis der Rechten.

[21] Vgl. Jacques Droz, Histoire générale du socialisme, S. 41, Editions Quadrige/PUF, 1974.

[22] Brief an Kautsky, 1896, zitiert bei Droz, ob. zit., S. 42, Übersetzung IKS.

[23] Bernsteins revisionistische Strömung war keinesfalls eine isolierte Ausnahme. In Frankreich trat der Sozialist Millerand gemeinsam mit General Gallifet, dem Henker der Pariser Kommune, der Regierung von Waldeck-Rousseau bei; eine ähnliche Tendenz existierte in Belgien; die britische Labour-Bewegung wurde völlig dominiert vom Reformismus und von einem engstirnigen nationalistischen Gewerkschaftstum.

[24] Aber die Kolonialfrage ist viel mehr als bloß eine Menschlichkeitsfrage. Sie ist eine Menschheitsfrage und eine Kulturfrage ersten Ranges. Sie ist die Frage der Ausbreitung der Kultur und, solange es große Kulturunterschiede gibt, der Ausbreitung oder, je nachdem, Behauptung der höheren Kultur. Denn früher oder später tritt es unvermeidlich ein, dass höhere und niedere Kultur auf einander stoßen, und in Hinblick auf diesen Zusammenstoß, diesen Kampf ums Dasein der Kulturen ist die Kolonialpolitik der Kulturvölker als geschichtlicher Vorgang zu werten. Dass sie meist aus anderen Motiven und mit Mitteln, sowie in Formen betrieben wird, die wir Sozialdemokraten verurteilen, wird in den konkreten Fällen uns zu ihrer Ablehnung und Bekämpfung bewegen, kann aber kein Grund sein, unser Urteil über die geschichtliche Notwendigkeit des Kolonisierens zu ändern.“ Eduard Bernstein, Die Kolonialfrage und der Klassenkampf, (November 1907) Quelle: Sozialistische Monatshefte. Sozialistische Monatshefte. - 11 = 13 (November 1907), S. 988–996.

 

[25] Vgl. Nettl, ob. zit., S. 101.

[26] Parvus, ebenfalls als Alexander Helphand bekannt, war eine merkwürdige und kontroverse Figur in der revolutionären Bewegung. Nach einigen Jahren auf der Linken in der Sozialdemokratie in Deutschland, dann in Russland in der Revolution von 1905, zog er in die Türkei, wo er eine Firma aufbaute, die mit Waffen handelte, und verdiente sich an den Erlösen aus den Balkan-Kriegen reich. Gleichzeitig profilierte er sich als finanzieller und politischer Berater der nationalistischen Bewegung der Jungtürken und gab die nationalistische Publikation Turk Yurdu heraus. Während des Krieges wurde Parvus ein offener Anhänger des deutschen Imperialismus, sehr zum Leid Trotzkis, dessen Ideen zur „permanenten Revolution“ er stark beeinflusst hatte (vgl. Deutscher, Trotzki, „Der Krieg und die Internationale“).

[27] Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution, Gesammelte Werke, Bd. 1/1, S. 441.

[28] „Parteitag der Sozialdemokratie“, Oktober 1898 in Stuttgart, Rosa Luxemburg, Ges. Werke, Bd. 1/1, S. 241.

[29] Rosa Luxemburg, Parteifragen im „Vorwärts“, 29.9.1899, Gesammelte Werke, Bd. 1/1, S. 565, 1899.

[30] Rosa Luxemburg, ebenda, S. 578.

 

[31] August Bebel,  Dresden, 13-20.1903, zitiert bei Luxemburg, „Nach dem Jenaer Parteitag“, Ges. Werke, Bd. 1/1, S. 351.

[32] „Unser leitendes Zentralorgan“, Leipziger Volkszeitung, 22.9.1899, Rosa Luxemburg in: Ges. Werke, Bd. 1/1, S. 558.

[33] Darüber hinaus hat “Bernstein (…) seine Revision des sozialdemokratischen Programms mit dem Aufgeben der Theorie des kapitalistischen Zusammenbruchs angefangen. Da aber der Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft ein Eckstein des wissenschaftlichen Sozialismus ist, so musste die Entfernung dieses Ecksteins logisch zum Zusammenbruche der ganzen sozialistischen Auffassung bei Bernstein führen.“ (Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution, Zusammenbruch; Gesammelte Werke Bd. 1/1, S. 436).

[34]Ich bin Ihnen sehr dankbar für die Mitteilungen, die mich über die Lage der Dinge orientieren. Dass Bernstein in seinen bisherigen Ausführungen nicht mehr auf dem Boden unseres Programms steht, war mir natürlich klar, dass man aber auch ganz die Hoffnung auf ihn aufgeben muss, ist sehr schmerzlich. Es wundert mich allerdings, dass Sie und Genosse Kautsky, falls Sie die Sachlage in dieser Weise auffassten, nicht die günstige Stimmung, die durch den Parteitag geschaffen war, zu einer sofortigen energischen Debatte benutzen wollten, sondern erst Bernstein zu einer Broschüre veranlassten, die die Diskussion verschleppen wird“ (Rosa Luxemburg, Ges. Briefe, Bd. 1, Brief an Bebel, 31.10.1898).

[35] Rosa Luxemburg, Ges. Briefe, Bd. 1, S. 289, Brief an Leo Jogiches, 11. März 1899.

[36] Kautsky an Bernstein, 29.7.1899, IISG-Kautsky-Nachlass, C. 227, C. 230, zitiert in: Till Schelz-Brandenburg, Eduard Bernstein und Karl Kautsky, Entstehung und Wandlung des sozialdemokratischen Parteimarxismus im Spiegel ihrer Korrespondenz 1879 bis 1932, Köln, 1992.

[37] Rosa Luxemburg, „Parteifragen im Vorwärts“, Gesammelte Werke, Bd. 1/1, S. 564, 29.9.1899.

[38] Laschitza, Im Lebensrausch, Trotz alledem, S. 104, 27.10.1898, Kautsky-Nachlass C209: Kautsky an Bernstein.

[39] Karl Kautsky an Victor Adler, 20.7.1905, in: Victor Adler, Briefwechsel, a.a.O. S. 463, Zitiert von Till Schelz-Brandenburg, S. 338.

 

[40] Rosa Luxemburg, Ges. Werke, Bd. 1/1, S. 528, zitierend „Kautsky zum Parteitag in Hannover“. Neue Zeit 18, Stuttgart 1899-1900, 1. Bd., S. 12.

[41] Rosa Luxemburg, Zum kommenden Parteitag (1899), Freiheit der Kritik und der Wissenschaft, Gesammelte Werke, Bd. 1/1, S. 527.

[42] Rosa Luxemburg, Gesammelte Briefe, Bd. 1, S. 279, Brief an Leo Jogiches, 3.3.1899.

[43] Ebenda, Bd. 1, S. 426, Brief an Leo Jogiches, 21.12.1899.

[44] Luxemburg machte es zu einer Frage der Ehre, selbst jenen Parteimitgliedern volle Unterstützung als Agitatorin zu gewähren (sie war sehr gefragt als öffentliche Rednerin), die sie am schärfsten kritisierte, zum Beispiel in der Wahlkampagne des  Revisionisten Max Schippel.

[45] Rosa Luxemburg, Gesammelte Briefe, Bd. 1, S. 491, Brief an Leo Jogiches, 7.7.1890.

[46] Rosa Luxemburg, „Erklärung“, Ges. Werke, Bd. ½, S. 146, 1.10.1901.

[47] Auf dem Lübecker Parteitag wurden die Neue Zeit und Kautsky als ihr Herausgeber von den Opportunisten wegen der Kontroverse über den Revisionismus scharf angegriffen.

[48] JP Nettl, Rosa Luxemburg, Bd. 1, S. 192 (das Zitat hier ist der ungekürzten Fassung entnommen), R. Luxemburg, Brief an Kautsky, 3.10.1901.

[49] Rosa Luxemburg, Gesammelte Briefe, Bd. 1, S. 565, Brief an Jogiches, 12.1.1902.

[50] Zitiert von Nettl, ob. zit., S. 127.

[51] Rosa Luxemburg, Gesammelte Briefe, Bd. 3, Brief an Kostja Zetkin, 27.6.1908.

[52] Ebenda, Bd. 3, S. 57, Brief an Kostja Zetkin, 1.8.1909.

 

[53] Rosa Luxemburg, Ges. Werke, Bd. 1/1, S. 239, 245; „Parteitag der Sozialdemokratie in Stuttgart, Oktober 1898“.

[54] Ebenda, S. 255, „Nachbetrachtungen zum Parteitag 12.-14.Oktober“.

[55] Rosa Luxemburg, Gesammelte Briefe, Bd. 1, S. 279, Brief an Jogiches, 3.3.1899.

[56] Ebenda, S. 384, Brief an Jogiches, 24.9.1899.

[57] Ebenda, S. 322, Brief an Jogiches, 1.5.1899.

[58] Kautsky an Bernstein, 29.10.1898, IISG, Amsterdam, Kautsky-Nicolas, C210.

[59] Laschitza, ebenda, S. 129 (Ignaz Bauer in einem Brief an Bernstein). In seiner Histoire générale du socialisme beschreibt Jacques Droz Auer wie folgt: „Er war ein ‚Praktiker‘, ein ‚Reformist‘ in der Praxis, der es genoss, nichts über Theorie zu wissen, aber so nationalistisch war, dass er vor sozialistischen Zuhörern die Annexion Elsass-Lothringens pries und sich der Wiederherstellung Polens widersetzte, so zynisch, dass er die Autorität der Internationale ablehnte; in Wahrheit unterstützte er die Linie der  Sozialistischen Monatshefte und ermutigte aktiv die Entwicklung des Reformismus.“ (S. 41)

[60] Laschitza, ebenda, S. 130.

[61] Laschitza, ebenda, S. 136, in: Sächsische Arbeiterzeitung, 29.11.1899.

[62] Rosa Luxemburg war sich über die Feindschaft ihr gegenüber schon sehr früh im Klaren. Auf dem Hannoveraner Parteitag 1899 wollte die Führung sie nicht über die Frage der Zölle sprechen lassen. Sie beschrieb deren Verhalten in einem Brief an Jogiches: „Wir wollen das doch lieber in der Partei abmachen, d.h. in der Sippschaft) So ist es bei ihnen immer: Brennt die Bude, her der Jude, ist der Brand aus, Jude hinaus“ (R. Luxemburg, Gesammelte Briefe, Bd. 1, S. 317) Victor Adler schrieb 1910 an Bebel „Ich habe ja Gemeinheit genug in mir um einige Schadenfreude daran zu haben, was Karl jetzt an seiner Freundin erlebt – aber es ist wirklich arg – das giftige Luder wird noch sehr viel Schaden anrichten, um so größeren, weil sie blitzgescheit ist, während ihr jedes Gefühl für Verantwortung vollständig fehlt und ihr einziges Motiv eine geradezu perverse Rechthaberei ist.“ (Nettl, 1, S. 432, ungekürzte Fassung, Victor Adler an August Bebel, 5.8.1910)

[63] 63)Die satirische Wochenzeitung Simplicissimus publizierte ein scheußliches Gedicht, das sich gegen Luxemburg richtete:

Nur eines gibt es, was ich wirklich hasse:
Das ist der Volksversammlungsrednerin.
Der Zielbewussten, tintenfrohen Klasse.
Ich bin der Ansicht, dass sie alle spinnen.
Sie taugen nichts im Hause, nichts im Bette.
Mag Fräulein Luxemburg die Nase rümpfen,
Auch sie hat sicherlich – was gilt die Wette? –
Mehr als ein Loch in ihren woll’nen Strümpfen
.”

(Laschitza, S. 136, Simplicissimus, 4. Jahrgang, Nr. 33, 1899/1900, S. 263).

[64] Frölich, Paul, „Gedanke und Tat“, Rosa Luxemburg, Dietz-Verlag Berlin, 1990, S. 62.

[65] R. Luxemburg, Gesammelte Briefe, Bd. 1, S. 316, Brief an Jogiches, 27. April 1899.

[66] ebenda, Bd. 3, S. 89, Brief an Clara Zetkin, 29.9. 1909.

[67] ebenda, Bd. 3, S. 268, Brief an Kostja Zetkin, 30. 11. 1910. Diese Zeilen wurden von der spießbürgerlichen Reaktion in der Parteiführung  auf einen Artikel provoziert, den sie über Tolstoi verfasst hatte und der sowohl als irrelevant (künstlerische Artikel waren nicht wichtig) als auch als unerwünscht betrachtet wurde, da er einen Künstler pries, der sowohl Russe als auch Mystiker war.

 

[68] Da die Partei eine große Zahl an Zeitungen besaß, von denen die meisten nicht unter ihrer direkten Kontrolle standen, hing es oft von der Haltung der lokalen Redaktionen ab, ob Artikel der linken Strömung veröffentlicht wurden. Der linke Flügel hatte seine größte Leserschaft in Leipzig, Stuttgart, Bremen und Dortmund.

[69] Nettl 1, S. 421 (ungekürzte Fassung).

[70] Ebenda, S. 464 (ungekürzte Fassung).

[71] Sozialdemokratie des Königreichs von Polen und Litauen (Socjaldemokracja Królestwa Polskiego i Litwy – SDKPiL). Die Partei wurde 1893 als Sozialdemokratie des Königreichs Polen (SDKP) gegründet, ihre bekanntesten Mitglieder waren Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, Julian Marchlewski und Adolf Warszawski. Sie wurde zur SDKPiL im Anschluss an der Verschmelzung mit der Arbeiterunion in Litauen, die unter anderem von Feliks Dzierżyński angeführt wurde. Eines der wichtigsten charakteristischen Kennzeichen der SDKPiL war ihr unerschütterlicher Internationalismus und ihre Überzeugung gewesen, dass die nationale Unabhängigkeit Polens nicht im Interesse der ArbeiterInnen war und dass die polnische Arbeiterbewegung sich im Gegenteil eng mit der russischen Sozialdemokratie und besonders mit den Bolschewiki verbünden sollte. Dies versetzte sie in einen permanenten Widerspruch zur polnischen Sozialistischen Partei (Polska Partia Socialistyczna – PPS), die unter der Führung von Josef Pilsudski, der später (ähnlich wie Mussolini) zum Diktator Polens werden sollte, eine immer nationalistischere Orientierung einschlug.

[72] Es sollte daran erinnert werden, dass Polen nicht als eigenständiges Land existierte. Der Hauptteil des historischen Polens war Bestandteil des Zarenreiches, während andere Teile von Deutschland und Österreich-Ungarn geschluckt worden waren.

[73] Sie wurde im März 1906 zusammen mit Leo Jogiches, der ebenfalls nach Polen zurückgekehrt war, inhaftiert. Es gab ernsthafte Sorgen um ihre Sicherheit, wobei die SDKPiL kundtat, dass sie physische Repressalien gegen Regierungsbeamten anwenden würde, falls Luxemburg irgendetwas zustoßen sollte. In einer Mischung aus List  und Hilfe von ihrer Familie gelang es, sie aus den zaristischen  Klauen zu befreien, aus denen sie nach Deutschland zurückkehrte. Jogiches wurde zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt, doch auch ihm gelang es, aus dem Gefängnis zu fliehen.

[74] Den vollständigen Text gibt es auf: marxists.org.

[75] Siehe die Artikelreihe über 1905 (4) in der Internationalen Revue, Nr. 48,49,50.

[76] Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 344.

[77] Rosa Luxemburg, „Das Offiziösentum der Theorie“, Ges. Werke, Bd. 3, S. 306, erstmals veröffentlicht in Neue Zeit, 1912.

[78] Die Debatte zwischen Kautsky, Luxemburg und Pannekoek wurde auf Französisch unter dem Titel Socialisme, la voie occidentale, Presses Universitaires de France, veröffentlicht.

[79] Rosa Luxemburg, „Theorie und Praxis“, Ges. Werke, Bd. 2, S. 380, erstmals veröffentlicht in Neue Zeit, 28. Jahrgang, 1909/10, als Antwort auf Kautskys Artikel „Was nun?“

[80] Ebenda, S. 398.

[81] R. Luxemburg, „Die totgeschwiegene Wahlrechtsdebatte“ in: Ges. Werke, Bd. 3, S. 441, 17.8.1910.

[82] Auf Englisch veröffentlicht unter dem Titel Marxist theory and revolutionary tactics (5)

[83] Damals schrieb eine andere wichtige Gestalt der holländischen Linken, Herman Gorter, an Kautsky: Taktische Differenzen bringen oft auch zwischen Freunden Entfremdung. Bei mir war das nicht der Fall, wie du bemerkt hast. Trotzdem dass du Pannekoek und Rosa, mit denen ich im Allgemeinen übereinstimme, oft scharf kritisiertest (also auch mich), blieb ich dir gegenüber derselbe der ich immer war.“ (Gorter, Brief an Kautsky, Dezember 1914, Kautsky-Archiv IISG, DXI 283, zitiert in: Herman Gorter, Herman de Liagre Böhl, Nijmwegen, 1973, S. 105) Und „Aus alter Liebe und Verehrung unterließen wir es in der ‚Tribune‘ immer so viel wie möglich dich zu bekämpfen“.(ebenda)

[84] 84) Rosa Luxemburg, Ermattung oder Kampf, Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 374.

[85] Nettl, I, S. 401 (ungekürzte Fassung).

[86] Eine Hauptschwäche der militanteren Deklarationen war die Idee simultaner Aktionen. So verabschiedete die sozialistische Jugend Belgiens eine Resolution, in der stand: “Es ist die Pflicht der sozialistischen Parteien und der Gewerkschaften aller Länder, sich dem Krieg entgegenzustellen. Die wirksamsten Mittel dieses Widerstands sind Generalstreik und Erhebung gegen die Kriegsmobilisierung.“ (The danger of war and the Second International, Die Kriegsgefahr und die Zweite Internationale J. Jemnitz, p. 17).Doch diese Mittel wären nur von Nutzen gewesen, wenn sie simultan in allen Ländern angewandt worden wären, mit anderen Worten: kompromissloser Internationalismus und antimilitaristische Aktion waren für jedermann Bedingung, der dieselbe Position teilte.

[87] Dieter Fricke, Handbuch zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 1869-1917, Dietz-Verlag, Berlin, 1987, S. 120.

[88] R. Luxemburg, Ges. Werke, Bd. 3, S. 34; erstmals veröffentlicht in: Leipziger Volkszeitung, 30.8.1911.

[89] Ebenda, S. 43.

[90] Ebenda, S. 11.

[91] „Ich bin in einer vollkommen absurden Lage – Ich muss mich verantwortlich verhalten und mich somit zum Schweigen verurteilen, obwohl, wenn ich meinen eigenen Wünschen folgte, ich mich auch gegen die Führung stellen würde.” (J.Jemnitz, S. 73, Brief von Bebel an Kautsky). Bebel starb am 13. August in einem Schweizer Sanatorium an Herzversagen.

[92] In einem Artikel „Partei und breite Schicht“ schrieb er: “In Deutschland gibt es jetzt etwa eine Million Parteimitglieder. Für die Sozialdemokratie werden dort etwa viereinviertel Millionen Stimmen abgegeben, während es etwa 15 Millionen Proletarier gibt. (…)Eine Million gehört der Parteiorganisation an. Viereinviertel Millionen – das ist die „breite Schicht“. Er betonte, dass „In Deutschland beispielsweise ist annähernd einfünfzehntel der Klasse in der Partei organisiert; in Frankreich etwa 1/140. In Deutschland kommen auf ein Parteimitglied 4-5 Sozialdemokraten der „breiten Schicht, in Frankreich 14“.  Lenin fügte hinzu: Die Partei – das ist die bewusste, fortgeschrittenste Schicht der Klasse, ihre Vorhut. Die Kraft dieser Vorhut übersteigt ihre Zahl um das Zehn-, das Hundertfache und mehr. (…) Organisation verzehnfacht die Kräfte“ (Lenin, Wie W. Sassulitsch das Liquidatorentum erledigt, September 1913, Gesammelte Werke, Band 19, S. 396).

[93] Rosa Luxemburg, Ges. Werke, Bd. 2, S. 378.

[94] R. Luxemburg, „Wieder Masse und Führer“, Ges. Werke, Bd. 3, S. 40, 29.8.1911)erstmals veröffentlicht in: Leipziger Volkszeitung.

[95] R. Luxemburg, Ges. Werke, Bd. 3, S. 253, „Taktische Fragen“, Juni 1913.

[96] „Wieder Masse und Führer“, ebenda, S. 39.