Jahresfeiern zum II. Weltkrieg: Kapitalistische Barbarei und ideologische Manipulationen

Der Frühjahr dieses Jahres stand, besonders in Deutschland, ganz im
Zeichen der Feierlichkeiten anlässlich des 60. Jahrestages der sog. Befreiung
vom Hitlerfaschismus. Alle bürgerlichen Medien berichteten ausgiebig über die
Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Fernsehsender übertrafen sich einander
mit altem Filmmaterial über die einstigen Nazigrößen oder über den „Kampf um
Berlin“. Spielfilme wie „Der Untergang“ u.a. schilderten plastisch die letzten
Tage des Nationalsozialismus. Und in den Printmedien stritten sich bürgerliche
Historiker über die Frage, wie es einem Parvenü wie Hitler gelingen konnte, ein
ganzes Volk zu verführen.

Was uns angeht, so haben wir hier nicht die
Absicht, in diesen vielstimmigen Chor der Antifaschisten mit einzustimmen –
einem Chor, dessen hysterischer Refrain uns weismachen will, dass das „Dritte
Reich“ sozusagen außerhalb der Geschichte stünde, dass es allein das Werk
pathologischer Dämonen vom Schlage eines Hitlers, Goebbels oder Himmlers
gewesen sei. Ganz im Gegenteil: wir wollen hier und heute unsere Meinung
kundtun, dass das Hitlerregime und der angeblich von ihm allein angezettelte 2.
Weltkrieg ganz in der Logik eines Gesellschaftssystems steht, das weltweit –
und nicht nur in Deutschland – die Menschheit in die schlimmsten Formen der
Barbarei geführt hat. Wir wollen hier und heute deutlich machen, dass der II.
Weltkrieg keinesfalls außerhalb der blutigen Tradition des dekadenten Kapitalismus
steht, die im I. Weltkrieg ihren Anfang genommen hat und noch heute, 60 Jahre
nach dem Sieg der Alliierten über den deutschen Imperialismus, die Menschheit
von einem Massaker ins nächste stürzt. Und wir wollen vor allem eins deutlich
machen: Entgegen der Propaganda der bürgerlichen Demokraten wie auch der
Stalinisten und Trotzkisten war der Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland
kein Triumph der Humanität über die Bestialität eines quasi außerhalb der
Geschichte stehenden Regimes. Vielmehr steht der 8. Mai 1945 für das (nur
vorläufige) Ende eines imperialistischen Bandenkrieges, in dem beide Seiten, ob
das verbrecherische Naziregime oder die unheilvolle Allianz zwischen Stalin,
Roosevelt und Churchill, bedenkenlos Millionen von Menschen auf dem Altar ihrer
imperialistischen Interessen opferten. Der II. Weltkrieg war, um es in einem
Satz zu sagen, eine weitere Eskalation im Überlebenskampf des internationalen
Kapitals, dessen historische Legitimation spätestens mit dem Ausbruch des I.
Weltkrieges verwirkt war.

Ermöglicht wurde der II. Weltkrieg erst durch
die blutige Niederschlagung des Proletariats, dem es durch seine revolutionäre
Erhebung 1917/18 gelungen war, dem I. Weltkrieg ein Ende zu bereiten. Erst
durch die Massakrierung des revolutionären Proletariats in Russland und
Deutschland und durch die Enthauptung seiner revolutionären Elite wurde der Weg
frei gemacht für die lange Nacht der Konterrevolution, deren schlimmster
Alptraum der Triumph des Stalinismus in Russland und des Nationalsozialismus in
Deutschland war und die erst mit dem Wiedererwachen der internationalen
Arbeiterklasse Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Ende fand.

Uns geht es in dieser Veranstaltung nicht
vornehmlich darum, die zweifellos barbarischen Untaten des Naziregimes zu
thematisieren. Dies ist zu weiten Teilen und teilweise bis zum Erbrechen von
den bürgerlichen Historikern getan worden. Und schon gar nicht wollen wir das
Ausmaß des nationalsozialistischen Horrors verharmlosen oder gar negieren. Nur
die ewiggestrigen Neonazis können so dummdreist sein, den Holocaust an den
Juden durch die nazistische Vernichtungsmaschinerie zu leugnen. Uns geht es
stattdessen darum:

·        

dass bei allem Entsetzen über die Verbrechen der
Nazis nicht der Blick darüber verloren geht, dass der Zynismus solcher
Massenmörder wie Roosevelt, Churchill oder Stalin der Barbarei eines Hitlers,
Himmlers oder Eichmanns in nichts nachstehen,

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dass Erstere nicht nur Brüder im Geiste der Nazis,
sondern auch faktisch deren Komplizen und Wegbereiter waren und

·        

dass die einzig angemessene proletarische Reaktion
darauf nicht die Parteinahme für die eine oder andere imperialistische Seite
sein kann, sondern allein der bedingungslose internationalistische Kampf des
Weltproletariats gegen alle imperialistischen Lager.

Ehe wir uns jedoch diesen Fragen zuwenden,
ist es wichtig, festzuhalten, dass – wie wir bereits angedeutet haben – der II.

imperialistische Weltkrieg eine weitere blutige Etappe des Kapitalismus in
seine historische Sackgasse war. Ebenso wenig wie sein historischer Vorläufer,
der Krieg 1914-18 zwischen dem imperialistischen Deutschen Reich unter Kaiser
Wilhelm einerseits und den nicht minder imperialistischen Demokratien
Großbritanniens, Frankreichs und der USA andererseits, lässt sich auch der
Krieg des „Dritten Reichs“ gegen den Rest der Welt auf die simplen Kategorien
von Angriffs- bzw. Verteidigungskriegen reduzieren. Bereits Franz Mehring
stellte in seinem Artikel „Eine Schraube ohne Ende“ in der
sozialdemokratischen Zeitschrift Die Neue Zeit sieben Jahre vor Ausbruch
des I. Weltkrieges fest: „Das historische Wesen des Krieges hat (die
Arbeiterklasse) aber erst in unvollkommener Weise begriffen, solange sie
zwischen Angriffs- und Verteidigungskriegen unterscheidet und diesen
Unterschied in irgendwelcher Weise zur Richtschnur ihrer praktischen Politik
macht. Der Krieg ist nach dem bekannten Worte von Clausewitz die Fortsetzung
der Politik mit gewaltsamen Mitteln; er ist die ultima ratio, der letzte
Vernunftgrad, die unzertrennliche Begleiterscheinung der kapitalistischen wie
jeder Klassengesellschaft; er ist die Entladung historischer Gegensätze, die
sich dermaßen zugespitzt haben, dass es kein anderes Mittel mehr gibt, sie
auszugleichen. Damit ist im Grunde schon gesagt, dass der Krieg mit Moral oder
Recht überhaupt nichts zu schaffen hat (...) deshalb haben moralische oder
rechtliche Gesichtspunkte, wie sie mit der Unterscheidung zwischen Angriffs-
und Verteidigungskriegen hervorgehoben werden, mit dem Kriege nichts zu tun.
Jeder Krieg ist ein Angriffs- und ein Verteidigungskrieg, nicht etwa so, dass
der eine der beiden Gegner angreift und der andere sich verteidigt, sondern so,
dass jeder der beiden Gegner sowohl angreift als auch sich verteidigt.“

Was schon für die Kriege im aufsteigenden Kapitalismus
galt, trifft auch und noch viel mehr auf die weltweiten Gemetzel im dekadenten
Kapitalismus zu. Die Eröffnung des II. Weltkrieges durch Deutschland war nicht
die Ausgeburt eines kranken Hirns, sondern schlicht eine Frage des Überlebens
für den deutschen Imperialismus und die direkte Folge des I. Weltkrieges.
Stranguliert durch die Auflagen des sog. Versailler Friedensvertrages, den die
Siegermächte nach Ende des I. Weltkrieges ihm aufzwangen, und isoliert vom
Weltmarkt, fristete er lange Zeit ein Pariadasein. Der einzige Ausweg für ihn
bestand allein in einem neuerlichen Versuch, die Welt mit kriegerischen Mitteln
neu aufzuteilen und neuen Lebensraum für sich selbst zu schaffen.

Dabei konnte sich der Nationalsozialismus als
entschlossenster Vertreter des Kurses zum Krieg nicht nur der Unterstützung der
deutschen Bourgeoisie sicher sein. Der Siegeszug der NSDAP, der 1933
schließlich zu ihrer Machtergreifung in Deutschland führte, wurde vom
britischen Imperialismus – um es vorsichtig auszudrücken – mit Wohlwollen
betrachtet. Ging es doch Großbritannien, dessen Machtpolitik stets darin
bestand, die Großmächte auf dem europäischen Festland gegenseitig auszuspielen,
darum, eine Gegenmacht zum aufstrebenden russischen Imperialismus unter Stalin
zu etablieren. Und Letztgenannter scherte sich einen Teufel um die
ideologischen Differenzen mit dem Hitlerfaschismus, als er in Gestalt des
Hitler-Stalin-Paktes 1939 gemeinsame Sache mit dem deutschen Imperialismus bei
der Aufteilung Polens machte.

Selbst in den USA, der Hauptkontrahent
Deutschlands, gab es nicht unerhebliche Kreise in der Bourgeoisie, die offen
ihre Sympathie für das nazistische Regime in Deutschland bekundeten.

Es war Rosa Luxemburg, die mehr als zwei
Jahrzehnte vor Ausbruch des II. Weltkrieges feststellte, dass ein entfesselter
Imperialismus zum „Untergang jeglicher Kultur, wie im alten Rom, (zu) Verödung,
Degeneration“
, ja zu einem „großen Friedhof“ führt. Nun, ihre Worte
erwiesen sich angesichts der rund 60 Millionen Toten des II. Weltkriegs als
geradezu prophetisch. Beschränkte sich im I. Weltkrieg der Blutzoll auf die
Arbeiter in Uniform, also auf die Frontsoldaten, die zu Hunderttausenden dem
Stellungskrieg in Verdun und an der Maas zum Opfer fielen, so erlaubte die sich
rasant weiterentwickelnde Militärtechnologie dem Imperialismus, nun auch die
Zivilbevölkerung millionenfach zu massakrieren. Dabei waren der Holocaust an
den Juden und die Einäscherung Rotterdams und Coventrys durch Nazischergen und
durch die deutsche Militärmaschinerie nur die eine Seite der Medaille. Wie wir
bereits in unserem Artikel zum „60. Jahrestag der Befreiung der KZs, der
Bombardierung Dresdens, Hiroshimas und der Kapitulation Deutschlands“ in der
letzten Ausgabe der Weltrevolution geschildert haben, zeigten sich die Alliierten
der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion in ihrer Menschenverachtung den
nazistischen Massenmördern als durchaus ebenbürtig.

Selbst als die japanischen und deutschen
Kriegsgegner militärisch schon am Boden lagen, ließen sie nicht davon ab, eine
deutsche Stadt nach der anderen in wahre Feuerhöllen sowie Hiroshima und
Nagasaki in radioaktive Wüsten zu verwandeln. Noch heute wollen sie uns
weismachen, dass der Bombardierung Dresdens und dem Abwurf der beiden
Atombomben auf Japan militärstrategische Erwägungen zu Grunde lagen. Dies ist
eine glatte Lüge! Die Gründe für das von den Alliierten angerichtete Inferno
unter der Zivilbevölkerung und den Flüchtlingsströmen liegen woanders. So
galten die Bombenangriffe auf Dresden, Hamburg, Köln usw. keinesfalls dem
Zweck, die deutsche Bevölkerung gegen das Hitlerregime aufzuwiegeln, wie die
hanebüchene Begründung der Alliierten lautete. Wenn Bomber-Harris und andere
Epigonen des Luftkriegs es vorzogen, die Arbeiterviertel in den deutschen
Städten dem Erdboden gleichzumachen, dann geschah dies nicht nur, um die
Bevölkerung zu zermürben, sondern auch aus Furcht vor einer Wiederauflage der
Novemberrevolution von 1918. Und wenn Roosevelt sich veranlasst sah, Hiroshima
und Nagasaki zum Ziel für seine Atombomben auszuwählen, so nicht, weil er etwa
das Leben seiner Soldaten schonen wollte, die er zuvor skrupellos seinem
imperialistischen Kalkül geopfert hat (siehe z.B. Pearl Harbor). Vielmehr ging
es dem US-Imperialismus nach der Niederringung seiner alten Rivalen,
Deutschland und Japan, um eine Demonstration der Stärke und einen
Einschüchterungsversuch gegenüber seinem neuen Rivalen, der stalinistischen
Sowjetunion.

Alles in allem zeigt sich, dass der II.
Weltkriegs trotz seiner Exzesse in keiner Weise außerhalb des blutigen Reigens
imperialistischer Konflikte vor und nach ihm steht, wie uns besonders die
Linksextremisten vorgaukeln, angefangen bei den Trotzkisten bis hin zu den
Antideutschen, einer besonders frenetischen Form des Antifaschismus. Wir
wissen, dass wir mit dieser Position und all ihren Konsequenzen noch ziemlich
allein auf weiter Flur stehen. Doch nicht nur, dass in den letzten Jahren immer
mehr suchende Elemente der Arbeiterklasse bereit sind, sich von den
Scheuklappen des Antifaschismus zu befreien; wir wissen uns darüber hinaus in
der Tradition der Internationalisten der 30er und 40er Jahre, die selbst
inmitten des imperialistischen Orkans nie den Kopf verloren und beharrlich die
Fahne des internationalen Proletariats hochhielten. In diesem Sinne stimmen wir
dem „Manifest der Kommunistischen Linken an die Proletarier Europas“ zu,
das im Juni 1944 erstmals veröffentlicht und von der IKS (in Deutschland in der
Weltrevolution Nr. 13) wiederveröffentlicht wurde und das mit folgenden
Worten beginnt:

„Seit fast fünf Jahren wütet der imperialistische Krieg in Europa mit
all seinen Erscheinungen von Elend, Massakern und Zerstörung. An der
russischen, französischen und italienischen Front sind Abermillionen Arbeiter
und Bauern dabei, sich gegenseitig für die ausschließlichen Interessen eines
schmutzigen und blutigen Kapitalismus abzuschlachten, der nur seinen Gesetzen
des Profits und der Akkumulation gehorcht. Während der fünf Kriegsjahre, vor
allem während des letzten, dem Jahr der Befreiung aller Völker, wie es Euch
gesagt wurde, sind die Täuschungsprogramme und viele Illusionen verschwunden
und brachten die Maske zu Fall, hinter der sich das widerwärtige Gesicht des
internationalen Kapitalismus versteckte. In jedem Land hat man Euch für
verschiedene Ideologien mobilisiert, aber mit dem gleichen Ziel und mit dem
gleichen Ergebnis: Euch in ein Blutbad zu stürzen, die die einen gegen die
anderen, Leidensgenossen gegen Leidensgenossen, Arbeiter gegen Arbeiter.

Der Faschismus und Nationalsozialismus fordern Lebensraum für ihre
ausgebeuteten Massen, aber damit machen sie nichts anderes, als ihren
fanatischen Willen zu verstecken, sich selbst der tiefgreifenden Krise zu
entwinden, die sie von Grund auf untergräbt.

Der britisch-russisch-amerikanische Block will Euch angeblich vom
Faschismus erlösen, um Euch Eure Freiheiten und Rechte wiederzugeben. Aber
diese Versprechungen sind nur die Köder, um Euch zur Teilnahme am Krieg zu
bewegen, um den großen imperialistischen Konkurrenten, nachdem man ihn erzeugt
hatte, den Faschismus, zu vernichten, als nicht mehr zeitgemäße Herrschafts-
und Existenzform des Kapitalismus.“

 

                                        IKS im
Juni 2005

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