Der Anarchismus und der imperialistische Krieg: Nationalismus oder Internationalismus?

"Aber die deutsche Sozialdemokratie war nicht bloß der stärkste Vortrupp, sie war das denkende Hirn der Internationale. Deshalb muss in ihr und an ihrem Fall die Analyse, der Selbstbesinnungsprozess ansetzen. Sie hat die Ehrenpflicht, mit der Rettung des internationalen Sozialismus, das heißt mit schonungsloser Selbstkritik voranzugehen. Keine andere Partei, keine andere Klasse der bürgerlichen Gesellschaft darf die eigenen Fehler, die eigenen Schwächen im klaren Spiegel der Kritik vor aller Welt zeigen, denn der Spiegel wirft ihr zugleich die vor ihr stehende geschichtliche Schranke und das hinter ihr stehende geschichtliche Verhängnis zurück. Die Arbeiterklasse darf stets ungescheut der Wahrheit, auch der bittersten Selbstbezichtigung ins Antlitz blicken, denn ihre Schwäche ist nur eine Verirrung, und das strenge Gesetz der Geschichte gibt ihr die Kraft zurück, verbürgt ihren endlichen Sieg.

Die schonungslose Selbstkritik ist nicht bloß das Daseinsrecht, sie ist auch die oberste Pflicht der Arbeiterklasse."

Das schrieb Rosa Luxemburg 1915 in Die Krise der deutschen Sozialdemokratie, besser bekannt als Junius-Broschüre, in ihrer Untersuchung über den Verrat, den die Mehrheit in der deutschen SPD und anderen sozialistischen Parteien gegenüber der wichtigsten Prüfung, dem imperialistischen Weltkrieg, begangen hatten. In dieser Passage brachte sie klar ein zentrales Element der marxistischen Methode zur Sprache: das Prinzip der permanenten „schonungslosen Selbstkritik“, weil sie sowohl notwendig als auch möglich für den Marxismus ist, weil es das theoretische Produkt der ersten Klasse in der Weltgeschichte ist, die „der Wahrheit stets ungescheut ins Antlitz blicken darf“. Während und nach dem Ersten Weltkrieg war die Absicht, zu den Wurzeln des Zusammenbruchs der Zweiten Internationale zu gehen, eine abgrenzende Eigenschaft der linken Strömungen, die aus den sozialdemokratischen Parteien hervorgegangen waren, die jetzt aber darauf hin arbeiteten, eine neue, ausdrücklich kommunistische Internationale zu gründen. Als ihrerseits die Dritte Internationale nach dem Rückgang der revolutionären Welle, die nach dem Krieg entstanden war, in den Opportunismus hineinschlitterte – ein Rückschritt, der sich symbolisch am stärksten in der Politik der Einheitsfront mit den sozialdemokratischen Verrätern ausdrückte – wurde die gleiche Arbeit der Kritik von den linkskommunistischen Fraktionen innerhalb der Dritten Internationalen geleistet, insbesondere von der deutschen, italienischen und russischen Linken.

1914 geriet auch die anarchistische Bewegung in eine Krise – nach dem Entscheid des viel verehrten Peter Kropotkin und einer Gruppe um ihn, den „Entente-Imperialismus“ gegen den anderen Block, der von Deutschland angeführt wurde, zu unterstützen, und nach der Übernahme der gleichen Politik durch die französische anarchosyndikalistische Gewerkschaft CGT.[1] Innerhalb der anarchistischen Bewegung gab es viele, die dem Internationalismus treu blieben, die auch das Verhalten von Kropotkin und anderen „Schützengraben-Anarchisten“ mutig bekämpften. Vermutlich war es eine Mehrheit der Anarchisten, die sich dem imperialistischen Krieg entgegenstellte. Aber im Unterschied zur marxistischen Linken gab es wenige Anstrengungen von Seiten bedeutender Teile der anarchistischen Bewegung, die Kapitulation von 1914 auf der Grundlage einer theoretischen Analyse zu untersuchen und zu verstehen. Während die marxistische Linke fähig war, die grundlegenden Methoden und Praktiken der sozialdemokratischen Parteien vor der ganzen Periode des Ersten Weltkriegs in Frage zu stellen, hat sich die Fähigkeit, der „schonungslosen Selbstkritik“ bei den Anarchisten nicht entwickelt. Sie wenden nicht die Methode des historischen Materialismus an, sondern stützen sich auf mehr oder weniger zeitlose abstrakte Prinzipien, die durchtränkt sind von der Auffassung, dass man eine Art Familie sei, die vereint für Freiheit und gegen den Autoritarismus kämpfe. Es kann Ausnahmen geben, ernsthafte Versuche, tiefer in die Problematik einzudringen; im Allgemeinen geschieht dies aber bei Anarchisten, die fähig gewesen sind, sich gewisse Elemente der theoretischen Methode des Marxismus anzueignen.

Diese Unfähigkeit, sich wirklich selbst in Frage zu stellen, ist in der Klassennatur des Anarchismus selbst begründet, der durch den Widerstand des Kleinbürgertums entstanden war, insbesondere durch die unabhängigen Handwerker, die sich der Proletarisierung entgegenstellten, die durch die Auflösung der Klassenstrukturen der Feudalgesellschaft im 19. Jahrhundert stattfand. Der französische Anarchist Pierre-Joseph Proudhon war die deutlichste Verkörperung dieser Strömung mit seiner Rückweisung des Kommunismus zu Gunsten einer Gesellschaft von unabhängigen Produzenten, die durch einen Äquivalententausch verbunden waren. Es ist sicher wahr, dass die Proudhonisten auch eine Bewegung darstellten, die sich mit dem Eintritt in die Erste Internationale zum Proletariat hin bewegte. Aber selbst in den ausdrücklichsten proletarischen anarchistischen Strömungen wie bei den Anarchosyndikalisten, die Ende des 19. Jahrhunderts auftauchten, wurde die inkonsequente, idealistische und ahistorische politische Auffassung, die typisch für die kleinbürgerliche Weltanschauung ist, nie ganz überwunden.

Der Preis für dieses Scheitern, keine wahren Lehren aus 1914 gezogen zu haben, wurde in voller Höhe in der neuen Krise bezahlt, die die anarchistische Bewegung infolge der Ereignisse in Spanien von 1936–37 erschütterte. Wichtige Teile der anarchistischen Bewegung, die 1914 nicht verraten hatten – insbesondere die spanische CNT – stürzten sich jetzt in die Unterstützung des imperialistischen Kriegs, in einen Konflikt zwischen zwei kapitalistischen Fraktionen, den Republikanern, die von der bürgerlichen Linken dominiert waren, und den rechten Kräften, die von Franco angeführt wurden. Diese Frontstellung war Teil einer weitaus breiteren imperialistischen Schlacht, am offensten zwischen den faschistischen Staaten Deutschland und Italien und dem neuen aufsteigenden russischen Imperialismus. Unter dem antifaschistischen Einheits-Banner integrierte sich die CNT schnell auf allen Ebenen in den republikanischen Staat, bis hin zur Teilnahme an der katalanischen und der madrilenischen Regierung. Das Wichtigste, die zentrale Rolle der CNT war, die ursprünglich authentische proletarische Antwort auf den frankistischen Staatsstreich, eine Antwort, die die Methode des proletarischen Klassenkampfes anwendete – den Generalstreik, die Verbrüderung der Truppen, Betriebsbesetzungen und die Bewaffnung der Arbeiter – in eine militärische Verteidigung der kapitalistischen Republik umzuwandeln. Angesichts der Stärke der ersten proletarischen Reaktion waren nicht nur die Anarchisten, sondern auch zahlreiche marxistische Strömungen außerhalb des Stalinismus in der einen oder anderen Weise in der Unterstützung der antifaschistischen Front beteiligt. Dies schloss nicht allein die opportunistischsten Tendenzen rund um Trotzki ein, sondern auch Teile der kommunistischen Linken, einschließlich eine Minderheit der Fraktion der Italienischen [kommunistischen] Linken. Andererseits gab es bei den Anarchisten auch gewisse Klassenreaktionen auf den Verrat der CNT, wie die der Freunde Durrutis und der Gruppe um Berneri „Guerra di Classe“. Aber eine wirkliche Klarheit über den Charakter des Kriegs verkörperte allein eine kleine Minderheit der marxistischen Linken, insbesondere die Italienische Fraktion, die die Zeitschrift Bilan herausgab. Letztere waren die Einzigen, welche die Behauptung zurückwiesen, dass der Krieg in Spanien in irgendeiner Weise den Interessen des Proletariats diene: Im Gegenteil war er eine Art Generalprobe für das bevorstehende imperialistische Weltgemetzel. Für Bilan war Spanien ein neues 1914, insbesondere für die anarchistische Bewegung.[2] Und 1939, mit dem neuen Weltkrieg konfrontiert, den Bilan vorausgesagt hatte, ließ sich eine Mehrheit der Anarchisten, die vom Antifaschismus vergiftet waren, in die Kriegsanstrengungen der Alliierten einbinden. Einerseits als Teil der „Resistance“ oder andererseits direkt als offizielle Verbündete der alliierten Armeen: An der Spitze der „Freiheits“-Parade in Paris 1944 fuhr ein Panzerwagen, mit den Fahnen der CNT geschmückt, die mit der freien französischen Armee Division unter General Leclerc gekämpft hatte. Noch einmal, es gab anarchistische Gruppen und einzelne Individuen, die während 1939–45 den internationalistischen Prinzipien treu blieben, aber einmal mehr gibt es wenig Hinweise auf eine systematische Untersuchung über den Verrat einer Mehrheit der Bewegung, zu der man immer noch gehören wollte. Das Resultat war wie nach dem Verrat von 1914, dass man es versäumte, eine Klassengrenze zwischen den Internationalisten und den Anarcho-Patrioten zu ziehen: In vielen Fällen wurden letztere einfach wieder in ihre „Gruppe von Freunden“ integriert, welche die anarchistische Bewegung im Grunde ist, wenn sich die Dinge nach dem Krieg wieder „normalisieren“. Hinter dieser Unfähigkeit, Klassenprinzipien in einer unnachgiebigen Art zu verteidigen, ist nicht nur eine intellektuelle Schwäche, sondern auch eine Schwäche, sich moralisch zu empören: Alles wird verziehen, wenn du innerhalb der Familie bleibst.

Heute steht die Frage des Krieges wieder vor dem Weltproletariat. Kein Weltkrieg zwischen bestehenden Blöcken, sondern ein allgemeinerer, chaotischerer Abstieg in die militärische Barbarei auf dem ganzen Planeten, wie die Kriege in Afrika, im Nahen Osten und in der Ukraine es veranschaulichen. Diese Kriege sind erneut imperialistische Kriege, in denen die größeren kapitalistischen Staaten mittels verschiedener lokaler oder nationaler Gruppierungen gegen ihre Konkurrenten kämpfen, und sie sind alle Ausdrucksformen des zunehmenden Abstiegs in die Selbstzerstörung. Und wieder einmal beteiligt sich ein Teil der anarchistischen Bewegung offen an diesen imperialistischen Konflikten:

·          In Russland und der Ukraine gibt es eine gesteigerte Aktivität von anarchistisch-nationalistischen oder 'ethno-anarchistischen' Gruppen, die offen als 'libertärer' Flügel der Kriegstreiberei im jeweiligen Land funktionieren. Aber auch eine 'respektablere' anarchistische Gruppe, wie die Autonomous Workers‘ Union (Autonome Arbeitergewerkschaft), die Texte auf libcom veröffentlicht und auf der jährlichen anarchistischen Buchmesse (in GB) dieses Jahr ein Treffen abhielt, hat ihre tiefe Unklarheit über den aktuellen Krieg offenbart: In einigen offiziellen Erklärungen scheint sie eine Gegenposition zur ukrainischen Regierung wie auch zu den pro-russischen Separatisten, der NATO und der russischen Föderation einzunehmen, aber Erklärungen einiger führender Mitglieder dieser Gruppierung auf Facebook erzählen eine andere Geschichte, offenbar verteidigen sie die Kiewer Regierung und ihren Krieg gegen die russische Intervention und rufen sogar die NATO zur Unterstützung auf[3].

·          In Rojava oder dem syrischen Kurdistan unterstützen das Kurdish Anarchist Forum (kurdisch-anarchistisches Forum) und die türkische DAF (Devrimci Anarşist Faaliyet - revolutionäre anarchistische Aktivisten) die sogenannte 'Rojava-Revolution', beteiligen sich an ihr und machen Propaganda für sie; sie behaupten, dass sich die lokale Bevölkerung in unabhängigen Kommunen in ihrem Kampf gegen die syrische Regierung und vor allem gegen die brutalen Dschihadisten des Islamischen Staates organisiere. Die DAF bietet ihre Dienste denjenigen an, die sich an den Kämpfen um die belagerte Stadt Kobane, nahe der türkischen Grenze, beteiligen wollen. In Wirklichkeit werden diese Kommunen von der kurdisch-nationalistischen PKK, die sich in den letzten Jahren vom Maoismus distanziert und Richtung "liberalen Kommunalismus" (à la Murray Bookchin)[4] orientiert hat, streng kontrolliert.

·          Anarchistische Leute im Westen werden ebenfalls in die Kampagne zur 'Solidarität mit Kobane' einbezogen, die effektiv eine Kampagne zur Solidarität mit der PKK ist. Der anarchistische Promi, David Graeber, hat für The Guardian einen Artikel geschrieben mit dem Titel: "Warum ignoriert die Welt die revolutionären Kurden in Syrien?"[5], in dem er die PKK-Übungen in 'direkter Demokratie' als eine 'soziale Revolution' beschreibt und sie mit den anarchistischen Kollektiven in Spanien 1936 vergleicht und verlangt, dass die "internationalen Linke" eine Wiederholung der gleichen tragischen Niederlage verhindere. Eine ähnliche Perspektive wird von einem Schreiber verteidigt, der auf libcom als Ocelot zeichnet, auch wenn seine Argumente für den Antifaschismus und für die "revolutionären Kurden" eine verfeinerte Version der gleichen Sache bieten, denn er weiß von dem, was er die "bordigistische Position" zur Frage des Faschismus nennt, und ist vehement dagegen[6]. Vielleicht noch wichtiger ist die Reaktion der etablierten anarchistischen Organisationen. In Frankreich z. B. beteiligt sich die CNT-AIT[7] an Demonstrationen zur 'Solidarität mit Kobane' hinter dem Transparent mit der Parole: "Waffen für den kurdischen Widerstand, Rojava ist die Hoffnung, solidarische Anarchisten" (siehe Foto). Die Fahnen der Französischen Fédération Anarchiste sind hinter dem gleichen Transparent zu sehen, während die Internationale der Anarchistischen Föderationen, in der die französische FA und die Anarchist Federation in Großbritannien zusammen geschlossen sind und welche die DAF und KAF als befreundete Organisationen auflistet, die meisten Artikel der DAF über die Lage in Kobane kommentarlos publiziert.

Natürlich gibt es Leute innerhalb des Anarchismus, die sehr konsequent in ihrer Ablehnung der Unterstützung des Nationalismus gewesen sind. Wir haben bereits die internationalistische Stellungnahme von KRAS, der russischen Sektion der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiterassoziation gegen den Krieg zwischen Russland und Ukraine veröffentlicht[8], und wir haben darauf hingewiesen, dass ein Mitglied von KRAS, das als foristaruso auftritt, auf libcom einige sehr harte Kritiken an den Positionen der AWU gepostet hat (siehe Fußnote 3). Auf einem der Hauptdiskussionsstränge auf libcom zur Situation im Nahen Osten haben einzelne Genossen nachdrücklich gegen die pro-PKK-Linie argumentiert, insbesondere ein Mitglied der britischen Sektion der IAA (Solidarity Federation), das als AES auftritt. Das Kollektiv, das die libcom-Webseite betreibt, hat zwei Artikel zur PKK und Rojava verlinkt, die aus einer linkskommunistischen Perspektive geschrieben sind: die 'Warnung' der IKS vor dem neuen libertären Facelifting der PKK (siehe Fußnote 4) und der Artikel "Das Blutbad in Syrien: Klassenkrieg oder ethnischer Krieg"[9], geschrieben von Devrim und zuerst auf der Webseite von Internationalistische Kommunistische Tendenz veröffentlicht. In den darauffolgenden Kommentaren finden sich wütende und verleumderische Antworten von Schreibern, die wahrscheinlich Mitglieder oder Anhänger der türkischen DAF sind.

Zum Zeitpunkt des Verfassens des vorliegenden Artikels hat die AF in Großbritannien eine Stellungnahme veröffentlicht, die keine Illusionen über den linksbürgerlichen, nationalistischen Charakter der PKK hat und zeigt, dass die Ausrichtung auf den Bookchinismus und die "föderale Demokratie" von oben durch ihren großen Führer Öcalan initiiert wurde, der schon ähnliche Avancen gegenüber dem Assad-Regime, dem türkischen Staat und gegenüber dem Islam vorgetragen hat[10]. Die AF hat den Mut zuzugeben, dass die von ihr eingenommene Position angesichts der großen Anzahl von Anarchisten, die sich für die Unterstützung der ‚Rojava-Revolution’ mobilisieren lassen, nicht gut ankommen werde. Aber wir sehen hier noch einmal eine totale Inkohärenz innerhalb derselben 'internationalen' Tendenz. Die Stellungnahme der AF enthält keine Kritiken weder an der DAF noch an der IAF, und in ihrer Liste konkret vorgeschlagener Maßnahmen am Ende der Stellungnahme findet sich ein Aufruf zur "humanitären Hilfe zugunsten von Rojava via IFA, die einen direkten Kontakt zur DAF hat". Dies ist ein Zugeständnis an die Logik: "wir müssen jetzt etwas tun", die im anarchistischen Milieu stark verbreitet ist – „etwas zu tun“, auch wenn die Hilfe (ob militärisch oder humanitär), die von einer kleinen Gruppe in der Türkei organisiert wird, zwangsläufig in die Hände von größeren Organisationen wie der PKK spielen wird. Und dies ist denn auch das, was die DAF vorschlägt, indem sie Freiwillige angeboten hat, die in den unter der Kontrolle der PKK stehenden "Volksschutzeinheiten" oder YPG kämpfen wollen. Die AF schreibt auch, dass sie darauf abzielt, "jede unabhängige Aktion der Arbeiter und Bauern in der Rojava-Region zu fördern und zu unterstützen. Gegen jede nationalistische Agitation und für die Vereinigung von kurdischen, arabischen, muslimischen, christlichen und yezidischen Arbeitern und Bauern einzutreten. Solche unabhängigen Initiativen müssen sich von der Kontrolle der PKK/PYD befreien und ebenfalls von der Hilfe der westlichen Alliierten, von deren Klienten wie der Freien Syrischen Armee, von Barzanis Demokratischer Partei Kurdistans und vom türkischen Staat". Aber diese Ziele sind nicht zu erreichen, wenn nicht auch gegen die Unterstützung der PKK durch die DAF selber argumentiert wird.

Es ist kein Zufall, dass die konsequentesten Antworten auf die Situation in Rojava in der Tradition der kommunistischen Linken geschrieben worden sind. Was die Antwort der Anarchisten im Allgemeinen auszeichnet, ist ihre völlig fehlende Kohärenz. Wenn man die Webseiten der IWA, der CNT-AIT oder der Solidarity Federation anschaut, so stellt man ihre enge Sicht auf unmittelbare und lokale Arbeiterkämpfe fest, in die sie selber einbezogen sind[11] - ziemlich im Stile der ökonomistischen Strömungen, die Lenin vor etwa 100 Jahren kritisiert hat. Die großen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Ereignisse auf der Welt werden kaum erwähnt, und es gibt kein Anzeichen von Debatten über grundsätzliche Fragen zum Internationalismus und zum imperialistischen Krieg, auch wenn es darüber offensichtlich ernsthafte Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Strömung - vom Internationalismus bis zum Nationalismus - gibt. Dieser Mangel an Debatten, diese Vermeidung der Konfrontation der sich widersprechenden Positionen - die wir auch in der IAF beobachten - ist weit gefährlicher als die Krise, die die anarchistischen Bewegung 1914 und 1936 getroffen hat, als es noch eine viel heftigere Reaktion auf den Verrat der Prinzipien in den Reihen der Bewegung gab. Der Anarchismus bleibt eine Familie, die bürgerliche und proletarische Positionen leicht unter einen Hut bringen kann und in diesem Sinne noch die Unbestimmtheit, die Schwankungen der gesellschaftlichen Schichten, die zwischen den beiden Hauptklassen der Gesellschaft gefangen sind, wiederspiegelt. Diese Atmosphäre ist ein Hindernis für die Klärung und hält selbst die klarsten und entschlossen internationalischen Individuen oder Gruppierungen davon ab, zu den Wurzeln des jüngsten Problems der anarchistischen Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie vorzustoßen. Ihre Positionen bis zu ihren logischen Schlussfolgerungen weiter zu treiben, würde eine gründliche Untersuchung früherer Krisen im anarchistischen Milieu verlangen, vor allem derjenigen von 1936, die nach der Argumentation in den letzten Artikeln unserer Internationalen Revue die fatalen Schwächen des Anarchismus schonungslos enthüllten. In letzter Instanz würde eine solche Untersuchung eine grundsätzliche Kritik des Anarchismus und eine echte Aneignung der marxistischen Methode verlangen.

Amos, 3.12.2014

[1] Siehe in der Serie über die CGT folgende Artikel (auf Englisch, Spanisch oder Französisch):

http://en.internationalism.org/ir/120_cgt.html. Der Link zur ganzen Serie: http://en.internationalism.org/series/271

Ein anderer Artikel, aber zum gleichen Thema auf Deutsch: http://de.internationalism.org/welt156_anarchistenkrieg

[2] Siehe insbesondere: http://en.internationalism.org/ir/2008/132/spain_1934; http://en.internationalism.org/ir/133/spain_cnt_1936; http://en.internationalism.org/internationalreview/201409/10367/war-spain-exposes-anarchism-s-fatal-flaws. Die Fortsetzung des letzten Artikels über dissidente Anarchisten in Spanien und anderwo wird bald erscheinen.

[3] Vgl. die Threads auf libcom, die foristaruso begonnen hat, ein Mitglied der russischen anarchosyndikalitischen Gruppe KRAS, Sektion der IAA: http://libcom.org/news/about-declaration-awu-confrontation-ukraine-23062014; http://libcom.org/news/when-patriotic-anarchists-tell-verity-02072014; http://libcom.org/forums/news/ukrainian-crisis-left-necessary-clarification-28092014

[6] http://www.libcom.org/forums/news/isis-17062014

[7] AIT steht für Association International des Travailleurs (Internationale Arbeiterassoziation IAA).

[8] http://en.internationalism.org/worldrevolution/201403/9565/internationalist-declaration-russia

[9] https://libcom.org/blog/bloodbath-syria-class-war-or-ethnic-war-03112014

[10] http://www.libcom.org/news/anarchist-federation-statement-rojava-december-2014-02122014

[11] Die Foto mit dem CNT-AIT-Transparent ist typisch für den Stil dieser Artikel aus dem anarchosyndikalistischen Milieu, die wenn immer möglich zeigen, welche wesentliche Rolle IAA-Leute bei diesem oder jenem Kampf spielten – folgerichtig mit Blick auf ihr Verständnis, dass sie die Rolle hätten, die Klasse in revolutionären Gewerkschaften zu organisieren.