Editorial

Nach mehr als einem Jahr ist es uns gelungen, eine weitere Internationale Revue in deutscher Sprache herauszugeben. Die meisten Artikel sind schon seit längerem auf dem Web veröffentlicht. Unter den heutigen historischen Bedingungen geben wir der Veröffentlichung der Texte auf dem Netz Vorrang. Trotzdem ist es wichtig, dass regelmäßig eine gedruckte Presse erscheint. Gerade auch um eine Kontinuität zu erhalten, die für die Presse der Arbeiterklasse immer wichtig war.

Der erste Artikel in dieser Internationalen Revue, Die Trump-Wahl und das Zerbröckeln der kapitalistischen Weltordnung, ist ein Artikel, der kurz nach der Wahl von Trump in den USA geschrieben wurde. Er ist eine Umsetzung auf die konkrete Wirklichkeit der USA, vom thesenartig längeren Artikel Über das Problem des Populismus abgeleitet, der auf mehrere Aspekte des aufkeimenden Populismus in verschiedenen Ländern eingeht. Wer diese Artikel aufmerksam liest, wird feststellen, dass viele der gemachten Einschätzungen sich schon bewahrheitet haben, andere mögen einer Bestätigung harren und zu Widerspruch anregen. Notwendig war es, das Phänomen des Populismus aufzuarbeiten und seine Ursachen zu analysieren. Infolge der linken Regierungen an der Macht in den 90-er-Jahren (13 von 15 Regierungen der damaligen EU waren linke Regierungen), danach durch die Teilnahme an den Koalitionsregierungen haben die klassischen linken Parteien ihre traditionelle Oppositionsrolle im bürgerlichen Parlament weitgehend aufgegeben und verloren. Dies und der Verschleiß der traditionellen Mitteparteien haben eine Erstarkung der populistischen Tendenzen mit sich gebracht, da alle Parteien die Angriffe auf die Arbeiterklasse und das Kleinbürgertum mit sog. neoliberalen Konzepten vorangetrieben haben. Quantitativ ins Gewicht fallende Teile von allen bedeutenden Gesellschaftsklassen - Bourgeoisie, Proletariat und Kleinbürgertum - suchen als Reaktion auf ihre verschlechterten Lebensbedingungen ihr Heil in den populistischen Strömungen. Es ist ein Problem für die „verantwortungsvolleren“ Teile der Bourgeoisie, sie ringt nach Strategien, um die Zerfallserscheinungen ihres Systems zu bekämpfen.

Aufgrund einer weiteren Schwächung der Arbeiterklasse müssen wir uns darauf besinnen, was beim jetzigen Kräfteverhältnis zwischen der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse fraktionsartige Arbeit einer revolutionären Organisation bedeutet. Um den fortschreitenden Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft zu bekämpfen, braucht es den Aufschwung des Klassenkampfes. Die revolutionäre Organisation hat zur Stunde die wichtige Aufgabe, die Prinzipien und Verhaltensweisen, die von den Vorgängerorganisationen erarbeitet wurden, für eine zukünftige Generation von Revolutionären aufrechtzuerhalten und weiterzugeben, die sog. Brückenfunktion. Dies ist auch ein Grund für den Schwerpunkt dieser Internationalen Revue, die eine vierteilige Serie einer Polemik von Internationalisme aus dem Jahre 1948 veröffentlicht (Kritik an Pannekoeks Buch Lenin als Philosoph).

Der andere Grund dieses Schwerpunktes ist, dass die bisher weitreichendste Erfahrung einer proletarischen Revolution ihren 100-sten Geburtstag hat – die Russische Revolution.

Der Artikel Russland 1917 und das revolutionäre Gedächtnis ist eine Übersicht über die Artikel, die wir noch über die Russische Revolution veröffentlichen, da es das wichtigste Ereignis für die Arbeiterklasse und die Perspektive der Menschheit darstellt. Das erste Mal in der Menschheitsgeschichte ist es einer unterdrückten Klasse gelungen, mit einem kommunistischen Programm als Leitlinie, die Macht zu erobern. Dieses fast unglaubliche Ereignis, veranlasst die herrschenden Klassen einen Wust an deformierten Darstellungen auf den verschiedenen Medienkanälen zu veröffentlichen, denen wir mit unseren geringen Kräften versuchen entgegenzusteuern, damit das revolutionäre Gedächtnis nicht vollends verloren geht. Ein Hauptangriffspunkt der Bourgeoisie sind die Bolschewiki und vor allem Lenin, der eine Fülle von politischen Orientierungen für die Weltarbeiterklasse auf den Punkt bringen konnte.

Aus diesem Grunde haben wir die Serie Pannekoeks „Lenin als Philosoph“ – Eine Kritik von Internationalisme (1948) ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht. Die Reduzierung Lenins auf seine angeblich rückständige Philosophie seitens eines Anton Pannekoek, wird in diesen Artikeln ins richtige Licht gerückt. In dieser Serie wird an verschiedenen Orten darauf hingewiesen, dass die revolutionäre Organisation zum Hauptberuf die politische Arbeit hat. Das Scheitern der Russischen Revolution auf die philosophische Rückständigkeit der Bolschewiki und insbesondere Lenins zurückzuführen, ist eine völlige Missachtung der bahnbrechenden politischen Errungenschaften der Bolschewiki und Lenins, die im Feuer der Revolution politische Orientierungen entwickeln mussten, die nicht immer richtig waren, aber insgesamt die erste revolutionäre Machtergreifung des Proletariats ermöglichten. Die vier Artikel und das Vorwort vermitteln uns, was die Prioritäten einer revolutionären Organisation sind, sowohl in politischer Hinsicht wie für ihre philosophische Arbeit, die Erarbeitung einer revolutionären Theorie. Die Artikel der Serie sind ein Zeugnis der Zusammenführung von Politik und Theorie, die Pannekoek nicht gelungen war, der vielmehr selber in einen mechanistischen, bürgerlichen Materialismus verfiel, den er Lenin vorwarf. Die Gleichung rückständiger Kapitalismus = rückständige Philosophie war ein Rückfall in Kautskys Kritik an der Russischen Revolution, der behauptete dass die Russische Revolution keine Orientierung sein kann für die westliche Arbeiterklasse, da Russland ökonomisch zu rückständig sei. Somit vergisst er, dass die Bolschewiki am linken Flügel der internationalen, insbesondere dem linken Flügel der dazumal noch halbwegs marxistischen Sozialdemokratie mitkämpften. Wie Engels schon festgehalten hatte, gibt es nicht nur eine dialektische Entwicklung der materiellen Basis sondern auch des Überbaus. Die Serie ist selber eine hervorragende Synthetisierung der besten Beiträge der Arbeiterklasse und ihrer Theoretiker, wie Anton Pannekoek und Lenin. In dem unten zitierten Abschnitt wird die Hauptaufgabe des Proletariat hervorgehoben und die Wechselwirkung zwischen den theoretischen Erarbeitungen und der politischen Intervention:

„Die Arbeiterbewegung ist also durch ihre eigene revolutionäre gesellschaftliche Existenz spezialisiert, durch die Tatsache, dass sie innerhalb des Kapitalismus, gegen die Bourgeoisie und in der rein politischen Sphäre kämpft, die – bis zum Aufstand – den Schwerpunkt im Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat bildet.

Dies gewährleistet, dass – abhängig von dem Fortschritt, den die wirkliche Befreiung des Proletariats macht – die Entwicklung des Wissens innerhalb der Arbeiterbewegung einen dualistischen Aspekt beinhaltet. Auf der einen Seite ist sie politisch, beeinflusst von unmittelbaren und dringenden Fragen. Auf der anderen Seite ist sie theoretisch und wissenschaftlich, entwickelt sich langsamer und (bis jetzt) meist in den Perioden des Rückflusses der Arbeiterbewegung. Dieser Aspekt behandelt Fragen, die gleichermaßen wichtig wie die politischen Probleme sind und sicherlich in einer Wechselbeziehung zu ihnen stehen, aber weniger direkt und drängend sind.“ (siehe diese Internationale Revue: Politik und Philosophie von Lenin bis Harper [Pannekoek] 2. Teil, S. 23)

Wie das obige Zitat vermittelt, ist in Phasen des Rückflusses des Klassenkampfs – und in einer solchen Phase befinden wir uns unbestreitbar – die theoretische und wissenschaftliche Seite der politischen Arbeit im Zentrum. Dass dies im Moment nicht von vielen politisierten Menschen und Proletariern verstanden wird, können wir unmittelbar nicht ändern. Die fraktionsähnliche Arbeit verpflichtet uns aber, genau diese Lehren wachzuhalten und weiterzugeben, auch wenn es im Moment nur wenige politisierte Menschen erreicht. Es wird die Aufgabe der Genossen der zukünftigen revolutionären Organisation sein, dieses Erbe weiterzutragen und mit neuen Erkenntnissen zu bereichern. Wenn eine Phase kommt, in welcher der Klassenkampf ansteigt, sind diese Erkenntnisse unabdingbar, um den Klassenkampf voranzubringen und letzlich den Kapitalismus revolutionär zu überwinden.

Juni 2017, IKS