Der Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft

Der Kapitalismus steckt in einer Sackgasse. Jeden Tag erleben wir aufs Neue das Bild einer Gesellschaft, die auf ihre eigene Zerstörung zurast. Seit dem Holocaust des 2. Weltkriegs hat es ununterbrochen Kriege und Massaker in der kapitalistischen Peripherie gegeben. Die Barbarei dieses kapitalistischen Systems, dessen fortgesetzter Todeskampf nur eine Welle von Zerstörun­gen hervorrufen kann, wird jeden Tag offensichtlicher. Die jüngste Serie von "natürlichen" Katastrophen und Unfällen, die Zunahme des Bandenunwesens, des Terroris­mus, des Drogenkonsums und -handels sind alles Ausdrücke dieses allgemeinen Geschwürs, das sich welt­weit immer tiefer in den Körper des Kapitalismus frißt.
Obgleich der Eintritt des Kapitalismus in den Zeitraum seiner Dekadenz die Vorbedingung für seine Zerstörung durch die proletarische Revolution ist, ist die Fortdauer dieser Dekadenz nicht ohne Gefahr für die Arbeiterklasse. Die Ausbreitung der Fäulniserscheinungen des Kapitalismus auf alle  Gesellschaftsschichten droht auch die einzige Klasse zu kontaminieren, die in sich die Zukunft der Menschheit trägt. Da der Kapitalismus am lebendigen Leib verfault, obliegt es nicht den Revolutionären, die Arbeiterklasse in ihrem Elend und Leid zu trösten, indem sie den Schrecken dieser im Zerfall befindlichen Gesellschaft verbergen; im Ge­genteil, sie müssen sein ganzes Ausmaß hervorkehren und die Arbeiter vor dieser täglichen Gefahr der Kontamination warnen.
Die Nachricht von Katastrophen, hervorgerufen durch "Naturphänomene" oder durch Unfälle, die eine Vielzahl von Menschen töten oder verstümmeln, ist Alltag geworden. In den letzten Mona­ten ist kaum eine Woche vergangen, in der nicht die Medien apokalyptische Bilder von Katastrophen veröf­fentlichten, die an einem Tag die unterentwickelten Länder und am nächsten die großen Industrieme­tropolen der westlichen Welt treffen. Solche Ereignisse sind mittlerweile banal geworden; sie betreffen den ganzen Erdball. Nicht nur verschlimmern sie die allgemeine Unsicherheit der Ar­beiterklasse und der Bevölkerung insgesamt; sie werden immer mehr als eine Gefahr empfunden, die die ganze Welt auf ziemlich die gleiche Weise wie ein Nuklearkrieg zu verschlingen droht.


Der Sturz in die Dekadenz: noch mehr Zerstörung durch den Kapitalismus

Sintflutartige Regenfälle in Bangladesch, die im September 1988 mehr als 30 Millionen Menschen in Mitleidenschaft zogen; Dürrekatastrophen im Sahel, die in den letzten Jahren bislang nie ge­kannte Hungersnöte verursacht haben; Hurrikane in der Karibik oder auf der Insel La Reunion, die die Häuser der örtlichen Bevölkerung platt walzten; Erdbeben in Armenien, wo ganze Städte innerhalb weniger Minuten in Schutt und Asche fielen und Zehntausende von Menschen in den Ruinen lebendig begraben wurden - all diese gigantischen Katastrophen, die in den letzten Monaten unterentwickelte Länder verwüstet haben, beschränkten sich je­doch nicht auf die Dritte Welt oder auf den Ostblock.
Sie tendieren dazu, sich auf die höchst industrialisier­ten Regionen der Welt auszudehnen, wie uns die entsetzliche Serie von Zug- und Flugzeugunfällen zeigt, die Hunderte von Opfern im Zentrum der großen städti­schen Zusammenballungen in Westeuropa gefordert ha­ben.
Im Gegensatz zu dem, was die Bourgeoisie uns glauben machen möchte, ist keine dieser Zerstörungen, keiner dieser Verluste an Menschenleben Schicksal, auf irgendein "Gesetz der Serie" oder auf die "unkontrollierbaren Kräfte der Natur" zurückzuführen. Das einzige Ziel dieser "Erklärungen", die der herrschenden Klasse so gut in den Kram passen, ist, ihr System von jeglicher Verantwortung freizusprechen, seine ganze Fäulnis und Barbarei zu verbergen. Denn die wirkliche Ursache hinter all diesen Tragödien, diesem unbeschreiblichen menschli­chen Leid ist der Kapitalismus selbst, und diese entsetzliche Serie von "natürlichen" oder "zufälli­gen" Katastrophen ist nur der spektakulärste Ausdruck einer todgeweihten Gesellschaft, die sich selbst in alle Einzelteile zerlegt.
Diese Tragödien enthüllen vor aller Augen den totalen Zusammen­bruch der kapitalistischen Produktionsweise, die seit dem 1. Weltkrieg in ihre Dekadenz eingetreten ist. Diese Dekadenz bedeutet, daß nach einer Epoche der Prosperität, in der das Kapital in der Lage war, die Produktivkräfte und den gesellschaftlichen Reichtum bis zu einem enormen Ausmaß zu entwickeln, indem der Weltmarkt geschaffen und vereinigt wurde, indem es seine Produktionsweise über den ganzen Planeten ausdehnte, Anfang des 20. Jahrhundert der Kapitalismus seine eigenen historischen Grenzen erreicht hat. Dieser Niedergang des Kapitalismus äußert sich heute da­rin, daß er von nun an immer mehr Zerstörungen und Barbarei, Hungersnöte und Massaker auf der ganzen Welt erzeugt.
Diese Dekadenz erklärt insbesondere, warum die Länder der "Dritten Welt" sich nicht haben entwickeln können: sie sind zu spät auf einem Weltmarkt angekommen, der schon gebildet, aufgeteilt und gesättigt war (siehe unsere Broschüre "Die Dekadenz des Kapita­lismus") . Sie verdammt diese Länder, trotz allen heuchlerischen Geredes über ihre "Entwicklung", dazu, die ersten Opfer der äußersten Barbarei eines sterbenden Kapitalismus zu sein. Sie sind gewissermaßen zum Schauplatz des absoluten Horrors geworden.
Je länger sein Todeskampf dauert, desto schrecklicher treten die hervorstechendsten Merkmale des Kapitalismus in Erscheinung, weil die unlösbaren, inneren Wi­dersprüche des Systems offen zutage treten.
Sicher kann man dem Kapitalismus nicht vorwerfen, für Erdbeben, Hurrikanes oder Dürre verantwortlich zu sein. Er ist jedoch verantwortlich für die Tatsache, daß solche natürlichen Phänomene zu einer gewaltigen gesellschaftlichen Katastrophe, zu einer gigantischen menschlichen Tragödie werden.
Der Kapitalismus besitzt die technischen Fähigkeiten, Menschen auf den Mond zu schicken, monströse Waffen zu entwickeln, die den Planeten mehrfach vernichten können; gleichzeitig ist er nicht in der Lage, die Bevölkerung vor Naturkatastrophen zu schützen, indem Deiche gegen die Auswirkungen von Hurrikanen, erdbebensichere Häuser gebaut oder Wasserläufe geändert werden.
Schlimmer noch, nicht nur kann der Kapitalismus nichts unternehmen, um diese Katastrophen zu verhindern, er ist auch unfähig, ihre verheerenden Auswirkungen abzuschwächen. Was die herrschende Klasse "internatio­nale Hilfe" für die betroffenen Bevölkerungen nennt, ist eine widerwärtige Lüge. Jeder Staat und jede Regie­rung der herrschenden Klasse ist direkt verantwortlich für das Leid von Hunderten von Millionen von Men­schen, die jeden Tag wie die Fliegen sterben, sei es als Opfer von Cholera, Ruhr oder Hunger.
Während Millionen Kinder vom Hungertod bedroht sind, werden in den großen Industriezentren des Kapitalismus alljährlich Millionen Tonnen von Milch vernichtet, um den Zusammenbruch der Marktpreise zu verhindern. In den von Monsunen oder Hurrikanen betroffenen Ländern ist die Bevölkerung dazu verurteilt, um magere Getreiderationen zu kämpfen, wäh­rend die Regierungen der EG-Länder planen, 20 Prozent des nutzbaren Bodens brachzulegen, um die Überpro­duktion zu bekämpfen!
Die entsetzliche Barbarei des dekadenten Kapi­talismus drückt sich nicht nur in seiner Unfähigkeit aus, das Leid der Opfer dieser Naturkatastrophen gegenüber diesen Phänomenen zu lindern. Die permanente, un­lösbare Krise dieses Systems ist selbst eine ge­waltige Katastrophe für die ganze Menschheit, wie wir an der wachsenden Verarmung von Millionen von Menschen sehen können, die auf den Zustand des verzweifelten Elends herabgedrückt werden. Die Unfähigkeit des Kapitalismus, die gewaltigen Massen der Arbeitslosen in den Produktionsprozeß einzugliedern, beschränkt sich nicht nur auf die Länder der "Dritten Welt". Im Zentrum der höchstindustrialisierten Nationen enthüllt die Verarmung, in die Millionen von Proletarier gestürzt werden, die ganze Fäulnis dieses Systems. Das wird nicht nur an der Entwicklung der Massenarbeitslosigkeit deutlich, die keine "Wirtschaftspolitik" überwinden kann, sondern auch an der Ausbreitung der Verarmung, die immer mehr Arbeiter trifft, die noch eine Arbeit haben. Im reichsten Land der Welt, den USA, werden Millionen Arbeiter, die zumeist noch eine Vollzeitbeschäftigung haben (und die 15 Prozent der Bevölkerung repräsentieren), zu Obdachlosen gemacht und gezwungen, auf den Bürgersteigen, in Pornokinos (die als einzige Kinos die ganze Nacht aufbleiben) oder in Autos zu schlafen, weil sie sich keine Wohnung leisten können.
Je mehr der Kapitalismus an seiner allgemeinen Überproduktionskrise erstickt, desto weniger ist er der Lage, seinen Ausgebeuteten das Lebensnotwendige sicherzustellen oder den Hunger zu überwinden, der heute in Ländern wie Äthiopien oder im Sudan die Form eines  Völkermordes annimmt. Je weiter er in der Beherrschung von Technik voranschreitet, desto weniger benutzt er sie im Dienste der Sicherheit der Bevölkerung.
Was nützen da vor dem Hintergrund dieser entsetzlichen Wirklichkeit all die "humanitären" Kampagnen für die "Hilfe der Opfer und/oder Hungernden", die von den großen westlichen "Demokratien" inszeniert werden, all die "Solidaritätsappelle" von "Berühmtheiten" aller Art? Wie "wirksam" sind all diese karitativen Unternehmen, die in den fortgeschrittenen Ländern Suppenküchen oder Notunterkünfte für die Obdachlosen betreiben? Welche Bedeutung haben all die jämmerlichen "Unterstützungen", die einige Staaten jenen zukommen lassen, die mittellos sind? Bestenfalls sind all diese Hilfen zusammen genommen nur ein Tropfen auf den heißen Stein von Armut und Hunger. In der Dritten Welt verzögern sie allenfalls die tragischen Konsequenzen für die betroffen Bevölkerungen um einige Wochen. Und wenn sie in die fortgeschrittenen Länder gehen, reichen sie gerade aus, um zu verhindern, daß diese Länder allzu sehr den unterentwickelten gleichen. Tatsächlich sind diese "Hilfen", diese "Solidaritätskampagnen" nichts anderes als ausgemachte Maskeraden, ein schmutzig und zynisches Geschäft, dessen tatsächliche "Wirksamkeit" darin besteht, sich ein "gutes Gewissen" zu erkaufen, die Absurdität und Barbarei der heutigen Welt vergessen zu machen.
Das gute Gefühl und der bürgerliche Humanismus haben jedoch ihre Grenzen. Trotz der Krokodilstränen der Pfaffen und anderer Wohltätigkeitsapostel, trotz der "Hilfsbereitschaft" der Regierungen werden diese Grenzen von der Tatsache diktiert, daß die Bourgeoisie nicht den Gesetzen ihres  Systems entkommen kann. Und dies ist heute um so offensichtlicher, wo doch nach mehr als 70 Jahren Dekadenz diese Gesetze ihrer Kontrolle vollständig entgleiten, wie heute eine Reihe von katastrophalen Unfällen in den Industrieländer beweist.
In den letzten Monaten hat die Häufung von Zugunglücken, insbesondere in den städtischen Ballungsgebieten der höchstentwickelten Länder wie Frankreich oder Großbritannien gezeigt, daß diese Unsicherheit nicht nur die Bevölkerung der unterentwickelten Länder bedroht, sondern überall auf der Welt, in jedem Aspekt des Alltagslebens droht. Und im Gegensatz zu den niederträchtigen Lügen der Bourgeoisie war nicht das Versagen dieses oder jenes Lokführers für die Eisenbahnunglücke wie im Gare de Lyon von Paris im Juni 1988 oder in Clapham Junction in London im Dezember 1988 verantwortlich. Der heruntergekommene Zustand der Produktions- und Verkehrsmittel, durch den täglich Hunderte von Menschen in den höchstentwickelten Ländern getötet oder verstümmelt werden, ist nicht auf schlechtes Wirtschaftsmanagement zurückzuführen.
Diese Kaskade von Unfällen ist nichts anderes als das verheerende Ergebnis der Politik eines jeden Staats, die Produktion zu "rationalisieren".  Bei ihrem uner­sättlichen Streben nach Profit und Konkurrenzfähigkeit angesichts einer sich zuspitzenden Weltwirtschaftskrise kann keine Einsparung, die auf Kosten der Sicherheit der Arbeiter und der Bevölkerung im allgemeinen vorgenommen wird, zu klein sein, um lohnenswert zu sein, was immer es auch an Menschenleben kosten mag. Diese "Rationali­sierung", die im Namen der Produktivität eine immer größere Zerstörung der Produktivkräfte bewirkt, ist tatsächlich vollkommen irrational. Arbeitskraft wird zerstört, nicht nur durch Arbeitslosigkeit, sondern auch durch den Tod und die Verletzungen, die durch die Katastrophen und Arbeitsunfälle verursacht werden, die alle durch dieselbe "Rationalisierung" hervorgerufen werden. Technische Ressourcen werden durch das Schließen von Fabriken zerstört, aber auch durch den materiellen Schaden, der durch all diese "Unfälle" entsteht.
So sind die Zerstörungen, die die Ökologiebewegung auf den "technischen Fortschritt" zurückführt - die zu­nehmende Verpestung von Luft und Wasser, "Unfälle" in Chemiefabriken wie in Seveso (Italien) oder Bophal (Indien), mit mehr als 2.500 Tote im letztegenannten, Ato­munfälle wie in Three Miles Island oder Tschernobyl, die Ölteppiche, die regelmäßig die Flora und Fauna der Küstengebiete zerstören und damit die ozanische Nahrungskette über Jahrzehnte hinaus bedrohen (wie man kürzlich in der Antarktis sehen konnte), die Zerstörung der Ozon­schicht, die jegliches Lebewesen vor der ultravioletten Strahlung schützt, durch FCKW, der Raub­bau am Regenwald des Amazonas, der Hauptsauerstof­fquelle für die Erde - all dies sind Ausdrücke der ir­rationalen, selbstmörderischen Logik des dekadenten Kapitalismus, seiner vollkommenen Unfähigkeit, die Produktivkräfte zu beherrschen, die er in Bewegung gesetzt hat und die jetzt drohen, in den kommenden Jahrhunderten, wenn nicht für immer das ökologische Gleichgewicht auf der Erde umzukippen, das für das Überleben der menschlichen Gattung erforderlich ist.
Und diese selbstmörderische Logik, diese tödliche Ma­schinerie des Kapitalismus, nimmt mit der Massenproduktion von immer ausgeklügelteren Tötungsmaschinen noch verheerendere Ausmaße an. Die fortschrittlichste Technologie ist heute auf die Rüstungsproduktion orientiert, mit der Perspektive noch größerer, umfassenderer Mas­saker als jene, die heute schon - in "Friedenszeiten" - in den sog. unterentwickelten Ländern stattfinden. Es gibt keine Grenzen für den Horror dieses blutigen Monsters, das der dekadente Kapitalismus ist.
Aber all die Zerstörungen, die dieses dahinsiechende System hervorbringt, sind nur die Spitze des Eisbergs. Sie sind nur die grotesken Ausdrücke ei­nes allgemeineren Phänomens, das auf alle Aspekte der ka­pitalistischen Gesellschaft einwirkt. Sie spiegeln nichts anderes wider als die Realität einer auseinanderbrechenden Welt.

Der ideologische Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft

Dieser Zerfall beschränkt sich nicht nur auf die Tat­sache, daß der Kapitalismus ungeachtet all der technologischen Ent­wicklungen immer noch den Gesetzen der Natur unterworfen ist, daß er unfähig ist, die Mittel zu kontrollieren, die er selbst für seine eigene Entwicklung in Bewegung gesetzt hat. Der Zerfall betrifft nicht nur die wirtschaftlichen Grundlagen des Sy­stems. Er schlägt sich auch in all den Aspekten des ge­sellschaftlichen Lebens nieder, und zwar in Form eines ideologischen Zerfalls der Werte der herrschenden Klasse, die bei ihrem Kollaps alle Werte mit sich reißt, welche ein Leben in der Gesellschaft erst möglich machen, und insbesondere durch eine wachsende Atomisierung des Individuums.
Dieser Zerfall der bürgerlichen Werte ist kein neues Phänomen. Er trat schon Ende der 60er Jahre mit dem Auftauchen von Randerscheinungen auf, die damals noch die Illusion verbreiten konnten, daß es möglich sei, kleine Oasen einer anderen Gesellschaft, die auf anderen gesellschaftlichen Verhält­nissen beruht, inmitten des Kapitalismus zu bilden.
Dieser Zerfall der Werte der herrschenden Klasse äußerte sich im Aufkommen von Ideologien wie die der "Kommune" - das Ergebnis der Revolte der kleinbürgerlichen Schichten, die von der Krise und insbesondere vom Zerfall der Gesellschaft betroffen waren - und der Hippiebewegung in den 60er und frühen 70er Jahren, sowie durch eine ganze Reihe von Strömungen, die "eine Rückkehr zur Natur", zum "Leben in der Natur" usw. propagierten. Ihre Existenz auf eine angeblich "radikale" Kritik", eine Infragestellung der Lohnarbeit, der Warenwirtschaft, des Geldes, des Privateigentums, der Familie, der "Konsumgesellschaft" usw. gründend, stellten sich all diese Gemeinschaften als "alternative" oder "revolutionäre" Lösung angesichts des Zusammenbruchs der bürgerlichen Werte und der Atomisierung des Einzelnen dar. Alle rechtfertigten sich mit der Begründung, daß eine bessere Welt geschaffen werden könne, indem man einfach "die Geisteshaltung ändert" und die Gemeinschaftsexperimente verbreitet. Jedoch gingen diese Minderheitsideologien - die auf Sand gebaut waren, da sie von gesellschaftlichen Schichten in die Welt gesetzt wurden, die, anders als das Proletariat, keine historische Zukunft haben - nicht nur damit hausieren, was sich seither angesichts des anschließenden Zusammenbruchs als bloße Illusion erwiesen hat. Ihre Projekte waren in Wirklichkeit nur eine groteske Parodie des primitiven Kommunismus. Diese Nostalgie, diese Sehnsucht nach einer Rückkehr zu einem archaischen und seit Jahrtausen­den überholten Gesellschaftstyp spiegelte nichts an­deres als eine vollkommen reaktionäre Ideologie wi­der, deren im Kern religiöser Charakter zudem durch die Tatsache deut­lich geworden ist, daß all diese "Reinigungsmotive" fast wortgetreu von mystischen Sekten wie die Moon-Sekte, Hare Krishna , den "Kindern Gottes" u.ä. aufgegriffen wor­den, die seither aus den Ruinen dieser Gemeinschaften aufgestiegen sind.
Heute sind die Gemeinschaften der 60er und 70er Jahre entwe­der durch religiöse Sekten (von denen die meisten durch den kapitalistischen Staat und die Geheimdienste der Großmächte ausgenutzt, wenn nicht gar direkt manipuliert werden) oder durch viel kurzlebigere Phänomene abgelöst worden, wie die riesigen Versammlungen auf Rockkonzerten, die von bürgerlichen Institutionen wie "SOS Racisme" in Frankreich, "Band Aid" oder Amnesty International im Namen der großen humanitären Fragen - dem Hunger in der Welt oder dem Kampf gegen die Apartheid - organisiert werden und die den neuen Generationen nur ein Surrogat der Gemeinschaft und der menschlichen Solidarität anbieten können.
Doch seit einigen Jahren hat sich in den großen Industrieländern der ideologische Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft  in der Entwicklung nihilistischer Ideologien wie die Abart der "Punks" widergespiegelt, die die Leere zum Ausdruck bringen, in welche die Gesellschaft zunehmend gestoßen wird.
Heute erzeugt die wirtschaftliche Sackgasse, in die das kapitalistische System geraten ist, solch ein Elend, solch eine Barbarei, so daß sich einem der Eindruck einer Welt ohne Zukunft, am Rande des Zusammenbruchs aufdrängt; ein Eindruck, der sich in der ganzen Gesellschaft durchzusetzen scheint. Seitdem es seit Anfang der 80er Jahre offensichtlich geworden ist, daß die Menschheit in einer Sackgasse steckt, haben sich all die "alternativen Lösungen" des letz­ten Jahrzehnts in Luft aufgelöst. Der Utopie des "Peace and Love" der Hippie-Gemeinschaften folgte das "No Future" der Punks, der "Hooligans" und der Skinheadbanden, die in den Zentren der Großstädte die Bevölkerung terrorisieren. Nicht mehr die Liebe, der Pazifismus und die verzückte Gewaltlosigkeit der Aussteiger-Ideologien der damaligen Zeit, sondern der Haß, die Gewalt, die Lust, alles kaputtzumachen, treibt nun diese Randgruppen der Jugend an, die einer Welt ohne Hoffnung ausgeliefert sind, einer Welt, die ihnen nichts anderes anzubieten hat als die Perspektive der Arbeitslosigkeit, des Elends und einer wachsenden Barbarei.
Das gesamte gesellschaftliche Leben erstickt heute am widerlichen Verwesungsgeruch dieses Zerfalls herrschender Werte. Die Herrschaft der Gewalt, der "individuellen Cleverness", des "Jeder für sich" hat die gesamte Gesellschaft und besonders die ärmsten Schich­ten mit ihrem Alltagslos der Hoffnungslosigkeit und der Zerstörung befallen: Arbeitslose, die Selbstmord begehen, um dem Elend zu entkommen; Kinder, die vergewaltigt und getötet werden; Rentner, die wegen Kleingeld gefol­tert und umgebracht werden... Die Unsicherheit, die ständige Angst, das Gesetz des Dschungels, der Terrorismus, die sich in den großen industriellen Konzentrationen ausbreiten, sind eine himmelschreiende Manifestation des fortgeschrittenen Stadiums des Zerfalls dieser Gesellschaft.
Was die Medien angeht, so reflektieren und propagieren sie diesen Zerfall. Im Fernsehen, im Kino, die Gewalt ist allgegenwärtig, Blut und Schrecken beflecken tagtäglich die Bildschirme, selbst in den Filmen, die für Kinder bestimmt sind. Auf systematische, obsessive Weise beteiligt sich die gesamte Medienwelt an dem gigantischen Unterfangen der Volksverdummung und besonders der Verdummung der Arbeiter. Dabei sind alle Mittel recht: von der allgemeinen Inbesitznahme des Fernsehbildschirms durch sportliche Spektakel, wo sich mit Anabolika vollgepumpte "Helden" miteinander messen, bis hin zur Aufforderung, an allen möglichen Lotterien und anderen Glücksspielen teilzunehmen, mit Hilfe derer man im Austausch für die Illusion auf ein besseres Leben jenen Menschen Woche für Woche oder gar Tag für Tag Geld aus der Tasche zieht, die vom Elend erdrückt werden. Im Grunde bringt die gesamte "Kulturproduktion" heute die Fäulnis der Gesellschaft zum Ausdruck. Nicht nur das Fernsehen und das Kino, sondern auch die Literatur, die Musik, die Malerei und die Architektur wissen heute nicht weiter, als die Angst, die Verzweiflung, die Zersplitterung des Denkens, die Leere zum Ausdruck zu bringen und zu generieren.
Eine der offenkundigsten Manifestationen dieses Zerfalls heute ist die immer massenhaftere Verbreitung von Drogen. Ihr Konsum hat heute eine ganz neue Dimension angenommen, drückt er doch nicht mehr die Flucht in irgendwelche Hirngespinste aus, wie das in den 60er und 70er Jahren der Fall war, sondern eine wilde Flucht in den Wahnsinn oder in den Selbstmord. Es geht nicht mehr darum, kollektiv den Marihuana-"Joint" kreisen zu lassen und in höheren Regionen zu schweben, wenn dieser Teil der Jugend bei den härteren Drogen hängebleibt, sondern darum, sich prima zu "amüsieren", "sich einen reinzuziehen".
Und jetzt ist die ganze Gesellschaft von diesem Krebs erfaßt, nicht nur die Drogenkonsumenten. Insbe­sondere die Staatsapparate selbst sind heute von innen her von diesem Geschwür zerfressen. Nicht nur die Staaten der "Dritten Welt" wie Bolivien, Kolumbien, Peru, wo der Drogen­export heute zum wichtigsten Wirtschaftszweig geworden ist, sondern auch in den USA, die heute einer der Hauptproduzenten von Cannabis sind, mit einer Ausbeute, die nach Mais und Soja die ihrem Wert nach die drittgrößte Ernteeinnahmen generiert.
Hier erneut stößt der Kapitalismus auf einen unüber­windbaren Widerspruch. Einerseits kann das System den massenhaften Konsum von Drogen nicht tolerieren (allein der Verbrauch in den USA beträgt ca. 250 Mrd. Dollar, d.h. das Äquivalent des US-Verteidigungsetats), da er, Kriminalität, Geisteskrankheiten und Epidemien wie Aids begünstigend, vom strikt ökonomischen Standpunkt aus eine wahre Katastrophe ist. Andererseits ist der Handel mit dieser Ware eine der Hauptstützen des Staats nicht nur in den unterentwickelten Ländern wie Paraguay oder Surinam, sondern gleichermaßen des mächtigsten "demokratischen" Staates der Welt, den USA.
So werden die amerikanischen Geheimdienste zu einem beträchtlichen Teil aus den Cannabis-Exporten finanziert, was soweit geht, daß George Bush, der heute "den Kampf gegen den Drogenmißbrauch" anführt, als ehemaliger CIA-Chef direkt darin verwickelt war. Und diese Korruption, die mit dem Drogengeschäft verknüpft ist, diese Fäulnis, von der heute der kapitalistische Staat mittels der Gangstermethoden seiner Führer lebt, ist keine Besonderheit der drogenproduzierenden Länder. Alle Staaten sind heute direkt damit kontaminiert, wie erst jüngst der Skandal der Geldwäsche der "Narco-Dollars" gezeigt hat, in dem der Ehemann der Ex-Justizministerin eines so "sauberen" Landes wie der Schweiz verwickelt war.
Die Korruption des politischen Apparates der Bourgeoisie entwickelt sich übrigens nicht nur rund um die Drogen: der Fäulnisprozeß schreitet in allen Bereichen voran. Heute vergeht überall auf der Welt kein Tag, keine Woche, kein Monat, an dem nicht ein neuer "Skandal" unter Beteiligung höchster Würdenträger des Staates aufge­deckt wird (und wie üblich enthüllen diese Skandale nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit). Beispielsweise haben wir zur Zeit in Japan eine Situation, in der praktisch alle Regierungsmitglieder, der Pre­mierminister eingeschlossen, in einer riesigen Bestechungsaffäre verwickelt sind. Die Fäulnis ist dergestalt, daß die Bourgeoisie größte Mühe hat, "repräsentable" Politiker zu finden, um die zurückgetretenen Minister zu ersetzen, und wenn sie glaubt, solch "seltenen Vogel" gefunden zu haben, einen "wirklich Unbestechlichen", dann nur, um kurze Zeit später festzustellen, daß er zu den ersten gehörte, die sich großzügig "schmieren" ließen.
Und natürlich ist Japan nicht das einzige hochentwickelte Land, das solche Ereignisse produziert. In einem Land wie Frankreich steht die Sozialistische Partei, deren Wahlkampfthemen traditionell die "großen Geldgeber" angreifen, im Mittelpunkt eines "Insidergeschäfts" (Verwendung geheimer Informationen aus der Umge­bung der Minister, um sich innerhalb weniger Stunden zu bereichern), und es ist ein enger, durch seine Kritik an den "Bestechungsgeldern" bekannt gewordener Freund des Präsi­denten, der zu denen gehört, die am meisten Geld gescheffelt haben. Übrigens ist die Börsenspekulation, die als Mittel für diese Bereicherung dient, selbst ein treibender Faktor im Fäulnisprozeß der kapitalistischen Gesellschaft, steckt doch die Bour­geoisie einen Großteil ihres Kapitals nicht in produk­tive Investitionen, sondern in "Glücksspiele", die dazu gedacht sind, eine schnelle und reiche Rendite abzuwerfen. Immer mehr gleichen die Börsen den Spielhallen von Las Vegas.
Nachdem der Kapitalismus bislang die extremsten Aus­wirkungen seiner eigenen Dekadenz auf die Länder der Peripherie (die unterentwickelten Län­der) abwälzen konnte, schlägt dieser Zerfall jetzt wie ein Bumerang in das Herz des Kapitalismus ein. Und dieser Zerfall, der heute in den großen Industrie­zentren seinen Einzug hält, spart keine gesellschaft­liche Klasse aus, keine Altersgruppe, nicht einmal die Kinder.
Bislang kannte man die Kriminalität und die Kinderkriminalität aus den "Drittwelt"-Ländern, in denen die chronische Wirtschaftsflaute seit Jahrzehnten die Be­völkerung in eine grauenhafte Verarmung und ein allgemeines Chaos stürzt. Heute sind die Kinderprostitution auf den Straßen von Manila oder die Bandenbräuche der Kinder von Bogota keine entfernten und exotischen Geißeln mehr. Selbst im Herzen der er­sten Weltmacht, im höchst entwickelten Bundesstaat der USA, in Kalifornien, tritt vor den Toren von Silicon Valley, einer Region, wo sich die fortgeschrittenste Technologie der Welt sich konzentriert, dieses Phänomen in Erscheinung. Kein anderes Bild kann die unlösbaren Widersprüche des dekadenten Kapitalismus besser verdeutlichen. Einer­seits eine gigantische Anhäufung von Reichtümern, an­dererseits eine furchtbare Verarmung, durch die heute Kinderbanden in ein selbstmörderischen Lebenswandel getrieben werden: junge Mädchen, die gerade erst die Pubertät hinter sich haben, flüchten sich in die Prostitution, wenn sie nicht auf der Suche nach einem Lebensinhalt Mütter werden, Flucht in den Drogenhandel und -konsum, wo acht- bis zehnjährige Kinder in diesen Teu­felskreis des Bandenwesens, des organisierten Tötens getrieben werden (allein in Los Angeles sind nicht weniger als 100.000 Kin­der - Bandenmitglieder, die allein im Jahr 1987 für 387 Morde verantwortlich sind - am Drogenkleinhandel beteiligt).
Aber nicht nur in den USA verbreitet der verwesende Kapitalismus jeden Tag mehr Verzweiflung und den Tod unter der jun­gen Generation. In den großen Industriezentren Westeuropas konnte man in der letzten zehn Jahren neben dem un­geheuren Anwachsen der Jugendkriminalität und der Drogenabhängigkeit bei Jugendlichen ein An­steigen der Selbstmordrate unter Jugendlichen feststellen, die katastrophale Ausmaße anhenommen hat. So ist Frankreich neben Belgien und der BRD eines der Länder, wo die Selbstmordrate bei Jugendlichen zwischen 15-24 Jahren am höchsten ist. Mit einen offiziellen Durchschnitt von 1.000 Selbstmorden pro Jahr, was 13 Prozent der Todesursachen in dieser Altersgruppe entspricht (während sie in der Gesamtbevölkerung nur 2.5 Prozent ausmachen), haben sich diese Zahlen zwischen 1960 und 1985 verdreifacht. Ohne dabei die fehlgeschlagenen Selbst­mordversuche zu zählen, die in dieser Altersgruppe 10 mal höher sind.
All diese Manifestationen des Zerfalls dieser Gesellschaft, die zuschaut, wie ihre Kinder getötet werden, spiegeln so das atembraubende Bild einer Welt wider, die in ihr eigenes Verderben versinkt. Der Kapitalismus ähnelt einem Organismus, der völlig am Ende ist und dessen künstliche Aufrechterhaltung nur über die Fäulnis seiner Organe möglich ist.

Nur das Proletariat kann die Gesellschaft aus dieser Sackgasse führen

Der allgemeine Zerfall der Gesellschaft ist kein neues Phänomen. Alle dekadenten Gesellschaften der Vergan­genheit haben dieses Phänomen gekannt. Aber verglichen mit den früheren Produktionsweisen nehmen die Fäulnismanifestationen dieser Gesellschaft das Ausmaß einer in der Geschichte der Menschheit noch nie dagewesenen Barbarei an. Zudem ist der Kapitalismus im Gegensatz zu den früheren Gesellschaften, in denen mehrere Produktionsweisen gleichzeitig in den verschiedensten Teilen der Welt bestehen konn­ten, ein weltweit bestehendes System geworden, das die ganze Welt seinen eigenen Gesetzen unterworfen hat. Daher verbreiten sich Katastrophen, die den einen oder anderen Teil des Planeten erfassen, unweigerlich auch auf die übrigen Teile, wie zum Beispiel die Ausbreitung von Krankheiten wie AIDS auf allen Kontinenten bezeugt. So droht zum ersten Mal in der Ge­schichte die gesamte Menschheit durch die Manifestierung dieses Zerfallsphänomen verschlungen zu werden. Darüber hinaus ist diese Bar­barei mit der Tatsache verbunden, daß es innerhalb des Kapitalismus keine Möglichkeit für die Entstehung der Fundamente einer neuen Gesellschaft gibt. Während in der Vergangenheit die Gesellschaftsverhältnisse wie auch die Produktionsverhältnisse einer in der Entstehung begriffenen, neuen Gesellschaft sich schon innerhalb der alten, zusammenbrechenden Gesellschaft entfalten konnten (wie dies beim Kapitalismus selbst der Fall war, der sich innerhalb der zerfallenden feudalen Gesellschaft einrichten konnte), ist dies heute nicht möglich. Die einzig mögliche Alternative ist heute der Bau einer neuen Gesellschaft - den Kommunismus - AUF DEN RUINEN DER ALTEN GESELLSCHAFT. Nur der Kommunismus kann die Be­dürfnisse der Menschheit vollkommen befriedigen, und dies dank der Reifung und Beherrschung dieser Produktivkräfte, die durch die Ge­setze des Kapitalismus unmöglich geworden sind. Und die erste Etappe dieser Erneuerung des gesell­schaftlichen Lebens kann nur der Sturz der Macht der Bourgeoisie durch die einzige Klasse sein, die heute der Menschheit eine Zukunft anbieten kann, nämlich das Weltproletariat:
"Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Le­bensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingun­gen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlich­sten Spitze zusammengefaßt sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Bewußtsein dieses Verlustes gewonnen hat, sondern auch unmittelbar durch die nicht mehr abzuwei­sende, nicht mehr zu beschönigende, absolut gebieteri­sche Not - den praktischen Ausdruck der Notwendigkeit - zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen ist, darum kann und muß das Proletariat sich selbst befreien. Es kann sich aber nicht selbst befreien, ohne seine eigenen Lebensbedingungen aufzuheben. Es kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heuti­gen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusam­menfassen, aufzuheben." (K.Marx, „Die heilige Familie“, IV. Kapitel, MEW Bd. S. 389)
Was Marx schon im vorigen Jahrhundert schrieb, in einer Epoche, als der Kapitalismus noch ein blühendes System war, trifft heute umso mehr zu. Angesichts dieses Zerfalls, der das Überleben des Menschen bedroht, kann nur das Proletariat aufgrund seiner Stellung in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen die Menschheit aus ihrer Vorge­schichte herausführen und eine wahrhaft menschliche Ge­meinschaft aufbauen.
Bislang waren die Kämpfe der Klasse, die sich seit den letzten 20 Jahren auf allen Kontinenten entwickelt hatten, in der Lage gewesen, den dekadenten Kapitalismus daran zu hindern, seine Antwort auf die Sackgasse seiner Wirtschaft durch­zusetzen: die Entfesselung der ultimativen Form seiner Barbarei, einen neuen Weltkrieg. Dennoch ist die Arbei­terklasse noch nicht in der Lage, durch revolutionäre Kämpfe ihre eigene Perspektive durchzusetzen und dem Rest der Menschheit diese Zu­kunft zu verdeutlichen, die sie in sich trägt.
Gerade diese gegenwärtige Pattsituation, in der im Augen­blick weder die bürgerliche noch die proletarische Al­ternative sich offen durchsetzen kann, liegt an der Wurzel dieses Phänomens einer kapitalistischen Gesellschaft, die stehenden Fußes verfault, und erklärt das besondere Ausmaß der Barbarei der Dekadenz dieses Systems. Und diese Fäulnis wird sich mit der unerbittlichen Verschärfung der Wirtschaftskrise weiter verschärfen.
Je stärker der Kapitalismus in seiner eigenen Dekadenz versinkt, desto heftiger wird sein Todeskampf, desto weniger wird die Arbeiterklasse der zentra­len Länder des Kapitalismus von all den zerstöreri­schen Auswirkungen der Verwesung dieses Systems verschont werden.
Insbesondere die neuen Arbeitergenerationen sind heute direkt von der Gefahr der Kontamination bedroht, die alle Schichten der Gesellschaft befällt. Die bis zum Selbstmord führende Verzweiflung, die Atomisierung und das "Jeder-für-­sich", die Drogen, die Kriminalität und alle ande­ren Erscheinungsweisen der Marginalisierung - wie die Verlumpung junger Arbeiter, die nie in den Produk­tionsprozeß integriert wurden - sind ebenfalls Geißeln, die einen Druck auf das Proletariat bis hin zur seiner Auflösung, seinem Zerfall ausüben und folglich seine Fähigkeit beeinträchtigen, wenn nicht gar in Frage stellen können, seiner historischen Aufgabe, der Sturz des Kapitalismus, gerecht zu werden.
Der ganze Zerfall, der immer mehr die jungen Genera­tionen infiziert, kann also zum tödlichen Schlag gegen die einzige Kraft werden, die die Zukunft für die Menschheit in ihren Händen hält. Auf dieselbe Weise wie die Entfesselung des ersten imperialistischen Weltkriegs im Herzen der "zivilisierten" Welt "die Frucht jahrzehntelanger Opfer und Mühen von Generationen (...) in wenigen Wochen vernichtet(e), die Kerntruppen des internationalen Proletariats (...) an der Lebenswurzel ergriff" (R. Luxemburg, Junius-Broschüre, 1915, Ges. Werke, Bd. 4, S. 163), kann der verfaulende Kapitalismus in den nächsten Jahren die "junge Blume" des Proletariats, die unsere einzige Stärke, unsere einzige Hoffnung darstellt, niedermähen.
In Anbetracht der Tragweite der Einsätze, die in dieser Lage eines Kapitalismus, der am lebendigen Leib verfault, auf dem Spiel stehen, müssen die Revolutionäre heute das Proletariat  vor der Gefahr der Erschöpfung warnen, von der es bedroht ist. Sie müssen in ihrer Intervention die Arbeiterklasse dazu aufrufen, daß sie in all diesem Zerfall, den sie tagtäglich neben all den ökonomischen Angriffen gegen ihre Lebensbe­dingungen erleidet, einen zusätzlichen Antrieb, eine noch größere Entschlossenheit findet, ihre Kämpfe zu entwickeln und die Einheit ihrer Klasse zu schmieden. Sie muß ebenfalls begreifen, daß ihre Kämpfe gegen das Elend und die Ausbeutung die Wurzel für die Abschaffung der kriegerischen Barbarei in sich tragen, und muß sich bewußt werden, daß die Weiterentwicklung, die Vereinigung ihrer Kämpfe der einzige Weg ist, um die Menschheit aus der kapitalistischen Hölle zu befreien, aus diesem kollektiven Selbstmord, in den der Zerfall dieser al­ten Welt die ganze Gesellschaft zerrt.
Die gegenwärtigen Kämpfe des Weltproletariats um seine Einheit und Klassensolidarität, insbesondere in den großen Industriekonzentrationen Westeuropas, sind der einzige Hoffnungsschimmer inmitten dieser ver­wesenden Welt. Sie allein sind in der Lage, in gewisser Weise eine Ahnung von der menschlichen Gemeinschaft zu verschaffen. Es ist die internationale Generalisierung dieser Kämpfe, die letzendlich die Keime einer neuen Welt zum Erblühen, neue gesellschaftliche Werte zur Geltung bringen kann. Und diese Werte werden sich erst dann auf die ganze Menschheit ausbreiten, wenn die Arbeiterklasse eine Welt geschaffen hat, die sich der Krisen, Kriege, Ausbeutung und all der Zer­fallserscheinungen entledigt hat. Die verzweifelte Lage, der all die nicht-ausbeutenden Teile der Gesellschaft anheimgefallen sind, kann nur dann überwunden werden, wenn die Arbeiterklasse BEWUßT für diese Per­spektive kämpft.
Und das konzentrierteste, erfahrenste Proletariat - das Proletariat Westeuropas - trägt die historische Verantwortung dafür, die Vorreiterrolle in der Weltarbeiterklasse auf ihrem Weg zu diesem Ziel zu übernehmen. Nur der Funke, der aus diesen Kämpfen hervorgehen wird, kann die Flamme der proletarischen Revolution entzünden.

Avril, 22.2.89
 
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